"Wache auf, der du schläfst und stehe auf aus den Toten,

 und CHRISTUS wird dir leuchten!" (Eph. 5:15)

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Januar – Juni 1999

Meine 4. Peru-Reise

Ende Januar fuhren wir als Familie wieder für einen Monat nach Peru, da es im Winter ohnehin nicht genug Arbeit gibt für Malerbetriebe. Diesmal aber nahmen wir meinen Vater mit, damit auch er mal dieses Land kennenlernen konnte, wovon wir ihm so oft schon berichtet hatten. Nach all der Hilfe, die er uns schon gegeben hatte, waren wir es ihm schuldig, dass wir uns mal bei ihm revangieren konnten. Da auch mein Vater in seiner Jugend bei den Pfadfindern war und so wie ich ein Abenteurer war, dem Armut und Entbehrungen nichts ausgemacht hatten, war ich mir sicher, dass er trotz seiner 57 Jahre keine Probleme haben würde mit den Widrigkeiten einer solchen Reise. Doch da hatte ich mich geirrt. Besonders als wir die alten Schwestern in Collique (im Norden Limas) besuchten, war mein Vater entsetzt über die Armut dort und sagte: „Simon, wie konntest Du mich nur in dieses fürchterliche Land bringen!? Das hält doch kein Mensch auf Dauer aus! Schrecklich, wie diese Leute hier Leben müssen! Da kriege ich wirklich die Krise!“ Aber schon zwei Tage später, als wir zu meinem Schwager Israel nach Ica-Parcona reisten, war mein Vater plötzlich ganz anderer Meinung und sagte: „Das ist ja wirklich phantastisch hier, Simon! Wir sollten hierher auswandern. Ich sollte hier ein Haus kaufen, wo wir alle drin wohnen könnten. Besser geht’s nicht!“ Und so ging das in den Tagen danach immer wieder auf und ab. Mein Vater war hin- und hergerissen in seinen Gefühlen, und mir wurde klar, dass sein Nervenkostüm nicht mehr so belastbar war wie früher.

Am Sonntagnachmittag fuhren wir mit der ganzen Gemeinde in Parcona zur Lagune von Huacachina, einer Oase mitten in der Wüste, wo wir gemeinsam aßen und Fußball spielten. Einige Wochen zuvor hatte sich eine achtköpfige Familie bekehrt und taufen lassen. Seit diese Familie Peña regelmäßig zum Gottesdienst ging, war die kleine Gemeinde fast auf das Doppelte angewachsen. Der Vater hatte jahrelang Bodybuilding praktiziert und konnte beim Posieren mit seinen übertrieben dicken Muskeln seine Brust durch Anspannung in Bewegung versetzen. Doch hatte er möglicherweise durch Anabolika dermaßen seine Leber ruiniert, dass er schon bald darauf starb mit gerade einmal nur 49 Jahren. Da die Familie nun keinen Ernährer mehr hatte, schenkte Israel ihr später sein Haus in Parcona, nachdem sein neues Haus in Ica im Jahr 2000 bezugsfertig wurde. Anschließend fuhren wir gemeinsam zur Baustelle und waren überrascht, wie viel Quadratmeter schon allein die Grundfläche betragen sollte (nämlich über 200 m²), inmitten eines 1.200 m² großen Gartens, der umzäunt war von Bäumen und dichtem Unterholz, sowie teilweise auch von einer drei Meter hohen Mauer.

Nach unserem Besuch in Ica reisten wir weiter nach Cuzco, der alten Inca-Hauptstadt im Gebirge, von wo aus wir ein weiteres Mal nach Machu Picchu fahren wollten, damit auch mein Vater mal diese Ruinenstadt sehen konnte, von der man bis heute nicht zuverlässig sagen kann, wann und wie sie erbaut wurde. Denn neuere Forschungen ziehen die bisher geltende Theorie in Zweifel, dass die Stadt erst im 15.Jh durch die Inkas erbaut wurde, da diese noch gar nicht in der Lage waren, die z.T. tonnenschweren Felsen so präzise zu schneiden und passgenau auf einander zu legen, so dass noch nicht einmal ein Blatt Papier dazwischen passt. Sogar nichtreligiöse Forscher vermuten heute, dass die Ruinen in Peru – genauso wie die Pyramiden in Ägypten – von übernatürlichen, hochintelligenten Wese der menschlichen Frühgeschichte errichtet wurden, nämlich den „Nephilim“ (d.h. „Gefallene“ vergl. 1.Mo.6:1-4). Leider war die Bahnstrecke nach Machu Picchu jedoch wegen anhaltender Regenfälle durch Schlamm und herabfallendes Geröll unpassierbar geworden, so dass wir diesmal auf einen Besuch verzichten mussten. Stattdessen unternahmen wir Wanderungen zu den Ruinen von Písac, Urubamba und Ollantaytambo, wo wir eine Berglandschaft ähnlich wie in der Schweiz sahen mit gigantischen Schluchten und Tälern unter strahlend blauem Himmel.

Das letztes Ziel unserer Reise war Huaraz, eine Stadt in der „weißen Bergkette“ („Cordillera Blanca) etwa 450 km nördlich von Lima, wo Berge von über 6.000 m Höhe liegen. Besonders der Gletschersee von Llanganuco hatte auf uns alle einen so starken Eindruck hinterlassen, dass wir ernsthaft überlegten, uns bei unserer nächsten Reise in Huaraz ein Haus zu kaufen, zumal der Ort damals touristisch noch kaum „entdeckt“ war.

Als wir wieder zurück nach Lima kamen, fand ich dort Briefe von Eduard und Hans-Jochen Bohm, aber auch von Tobias Schaum. Eduard hatte mir schon im Dezember geschrieben und auf meinen „Demas-Brief“ reagiert, den auch er bekommen hatte, indem er mir vorwarf, „der Schlange auf den Leim gegangen“ zu sein, die mir das Angebot machte, so zu „sein wie Gott“. Dass er es nur gut mit mir meinte und sich um mein Seelenheil sorgte, erkannte ich damals nicht, sondern unterstellte ihm Selbstgerechtigkeit und Eigenliebe. Ich hatte ihm schon vor meiner Abreise noch geantwortet, indem ich ihm in spöttischer Weise Überheblichkeit und Arroganz vorwarf. Hier mal ein Ausschnitt aus meinem Brief vom 28.12.98:

Ausgerechnet Du nennst mich einen „Pharisäer“! Wer ist es denn von uns beiden, der sich für gerechter hält (vergl. Luk.18:11)? Und wer von uns beiden verachtet den anderen, indem er ihm zu verstehen gibt: ‚Du bist doch ganz in Sünden geboren, und Du willst uns belehren?!‘ (Joh.9:34). Würdest Du die Füße Jesu mit Tränen benetzen und mit Deinen Haaren abtrocknen? …

Du lebst doch in einer paranoiden Scheinwelt, in der es einen Gott gibt, der so ist wie Du, der Dir das Gefühl gibt: ‚Eduard, fürchte dich nicht, daß alle anderen Christen abgefallen sind und nur du und deine Familie übriggeblieben ist. Mir kommt es ja nicht auf die Menge an, sondern auf Qualität – und wenn ich auch unter den 5.000.000.000 Menschen nur euch 5 habe als meine Getreuen, so hat sich der Aufwand doch für mich gelohnt. Mach nur schön weiter so mein braves Kind – ich fang in der Zwischenzeit schon mal an, das Höllenfeuer anzuzünden, um die übrigen 4.999.999.995 Menschen zu rösten! Fällt Dir eigentlich gar nicht auf, wie dumm und primitiv ein solches Weltbild ist? Hältst Du solch ein Gottesbild nicht auch für eine Beleidigung Gottes?

Doch mach Dir nichts draus, denn ich habe ja selber auch jahrelang in diesem Märchenschloß gelebt und weiß, wie schwer es ist, von diesen Hirngespinsten frei zu werden… Während der Glaube für mich eher notwendige Seelenmassage war, half er Dir vor allem, Deine Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, um von Deinem „Gott“ das Lob und die Anerkennung zu empfangen, die Dir als Kind versagt blieben… Deine selbstgewählte Isolierung führt zu einem besorgniserregenden Realitäts-verlust. Du verdrängst Deine Not, indem Du die Probleme immer bei den anderen suchst. Deine Schuldgefühle projizierst Du auf andere, weil Du es ihnen nicht zugestehst, frei und unbekümmert zu sein. Dein ganzer Brief an mich ist im Grunde nur ein Selbstgespräch mit Deiner kranken Seele.

Spiel Dich also nicht länger als Seelsorger auf, lieber Eduard, solange Du selber Hilfe brauchst. Was Dir fehlt ist Wärme und Mitgefühl, damit Dein kaltes und starres Herz auftaut und Du keine Angst mehr hast, mit anderen über Deine Probleme zu reden, anstatt diese durch Gegenattacken zu verbergen …Wenn Du schonungslos Deine innere Not vor anderen bekennst, dann wirst Du frei davon. Das habe auch ich selbst erlebt. Als ich absolut unten war und es nichts mehr zu verbergen gab vor anderen, da erst gewann ich meine Selbstachtung wieder, und ich konnte allen feigen Brüdern zurufen: ‚Was wollt Ihr eigentlich von mir? Ich habe mich vor Euch ausgezogen bis auf’s letzte Hemd, - und jetzt seid ihr an der Reihe!“ Wer so radikal mit seiner Heuchelei gebrochen hat, der schämt sich auch nicht mehr, zu dem zu stehen, was er tut…“

Eduard schrieb mir nun deutlich demütiger und bemühte sich aufrichtig, auf meine unverschämten Unterstellungen einzugehen. Auch sein Bruder Hans Jochen Bohm versuchte, die von mir genannten Widersprüche, die ich in der Bibel sah und in meiner Demas-Schrift aufgezählt hatte, Punkt für Punkt aufzulösen. Allerdings unterstellte er mir, dass ich nie wirklich widergeboren sei, was er angeblich daran erkannt habe, dass ich in meinen Artikeln aus dem Monatsblatt „Die Bruderliebe“ Bibelstellen angeblich „stets aus dem Zusammenhang gerissen“ habe. Vielleicht war dies der Grund, dass ich sehr gereizt reagiert hatte, indem ich ihm Unaufrichtigkeit und Willkür vorwarf. Da Hans-Jochen ein hoch intelligenter und studierter Akademiker war, gab ich mir besonders Mühe, seine biblisch begründeten Argumente mit menschlicher Logik zu widerlegen:

Eine Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Glauben hängt nicht nur von der Glaubwürdigkeit des ‚Glaubens-Objektes‘ ab, sondern auch davon, ob ich die Entscheidung ohne Androhung von Repressalien treffen kann. Wenn in den diktatorischen Ländern wie China oder der DDR ‚Wahlen‘ stattfanden, dann waren diese meist eine Farce, denn obwohl sie dem Anschein nach ‚frei‘ waren, wurden doch alle, die nicht für das diktatorische Regime stimmten, politisch verfolgt, d.h. verhaftet, gefoltert und ermordet. Der in der Bibel erdichtete ’Gott‘ erpreßt die Menschen, indem Er ihnen mit der Höllenstrafe droht, wenn sie Seinen Propheten nicht glauben. Er läßt ihnen faktisch keine Wahl, weil es offensichtlich ist, daß niemand in die Hölle kommen möchte. Jesus schüchtert die Menschen also ein, anstatt durch glaubwürdige Argumente zu überzeugen; folglich ist es keine Frohbotschaft, sondern eine Drohbotschaft (‚Friß oder stirb!‘). Die Christen glauben also nicht aus Liebe zu Jesus, sondern aus Angst vor Jesus. Ihre ‚Liebe zu Jesus‘ ist die Liebe von Geiseln zu ihrem Geiselnehmer.“

Tobias Schaum nahm meinen Demas-Brief indes zum Anlass, in einem „offenen Brief“ nicht nur vor mir sondern auch vor dem Lesen des Demas-Briefes an sich zu warnen. Nach seinen Worten sollten Christen, die „noch nicht ausreichend genug gefestigt sind im Glauben“, besser gar nicht erst den Demas-Brief in die Hand nehmen, da sie durch diesen möglicherweise zutiefst erschüttert würden in ihrem Glauben. Erneut machte er mir schwere Vorwürfe und kündigte an, dass ich nun auf jeden Fall nicht mehr errettet werden könne, sondern für ewig verloren sei, da nach Hebräer 6:4-6 ein vom Glauben Abgefallener „nicht mehr zur Buße erneuert werden könne“. Seine Verdammungsurteile ließen mich jedoch unbeeindruckt, sondern gaben mir eher eine Bestätigung von dem „Wahnsinn“, von dem ich heilfroh war, dass ich ihm nun ein für alle Mal entflohen war.

Mein erster Geselle

Als wir nach knapp zwei Monaten Ende Februar 1999 wieder zurück waren in Deutschland, musste ich zunächst mal wieder ordentlich Werbeflyer verteilen, um neue Aufträge zu bekommen. Und es dauerte nicht lang, da riefen mich jede Menge Kunden an, so dass unsere Auftragslage für die nächsten zwei Monate erst mal gesichert war. Unter anderem meldete sich auch der Eigentümer eines Mehrfamilienhauses in Wunstorf, der mir den Auftrag erteilte, dieses Gebäude von vorne und hinten zu dämmen. Spätestens hier wurde mir klar, dass ich und Marco dies alles nicht mehr alleine bewerkstelligen konnten, sondern dass ich noch andere erfahrene Gesellen bräuchte. So machte ich ein Stellenangebot beim Arbeitsamt und erhielt sogleich mehrere Bewerbungen, u.a. von einem Altgesellen namens Wolfgang Kanz (47), den ich daraufhin zu mir einlud. Es war mein erstes Vorstellungsgespräch überhaupt, weshalb ich ziemlich nervös war und Marco bat, mit dabei zu sein.

Als es dann am Nachmittag zum vereinbarten Termin bei uns klingelte und ich die Tür öffnete, stand ein dicklicher Mann vor mir mit ungepflegten langen Haaren und einem Vollbart, dessen Kleidung stark nach Zigaretten roch. Als wir uns gesetzt hatten und ich Wolfgang nach seinem bisherigen Werdegang fragte, erzählte er mir, dass er schon viele Jahre arbeitslos sei, da er häufig krank war und immer wieder seine Arbeit verlor. Ich hakte nach, und er berichtete mir dann ausführlich von seinen ganzen Krankheiten und gesundheitlichen Beeinträchtigungen, so dass ich mich fragte, warum er sich denn überhaupt bei mir bewarb. Innerlich hatte ich ihn schon abgeschrieben, aber ich blieb höflich, bot ihm das „Du“ an und erzählte ihm von mir und meinem Bruder, was wir bisher erlebt hatten. Dabei haben wir einige Male gemeinsam gelacht, und ich konnte es mir nicht verkneifen, dem Wolfgang meinen Eindruck mitzuteilen: „Seien wir ehrlich, Wolfgang: Du hast eigentlich gar kein Interesse, bei mir zu arbeiten, weil Du schon seit Jahren durch Schwarzarbeit genug nebenbei verdienst und gar keine Zeit findest, um auch noch offiziell in einer Firma beschäftigt zu sein. Erzähl´ mir nichts, ich weiß doch, wie das läuft, denn welcher Arbeitssuchende erzählt beim Vorstellungsgespräch erst mal von seinen ganzen Krankheiten!“ Wolfgang grinste und sagte: „Na ja, wenn Du das sagst…“

Doch dann wurde er wieder ernst und erklärte mir, dass er uns beide ganz sympathisch und „cool“ fände und er eigentlich doch auch bereit wäre, bei uns zu arbeiten, zumal er auch endlich mal wieder etwas für seine Rente tun müsse. Ich war aber inzwischen skeptisch, ob das gut gehen würde, zumal Wolfgang ja auch schon 17 Jahre älter war als ich und damit auch nicht mehr so leistungsfähig war. Und wenn er dann auch noch ständig krank wäre und ich ihm noch nicht mal mehr kündigen kann. Aber wie konnte ich ihm das sagen, ohne dass er gekränkt wäre? Doch als ob er meine Gedanken lesen könnte, fügte Wolfgang hinzu: „Du bekommst übrigens vom Amt einen Zuschuss, wenn Du mich einstellen würdest, denn ich bin ein Langzeitarbeitsloser. Die würden Dir die Hälfte meines Lohnes erstatten, damit ich wieder in den Arbeitsmarkt integriert werde.“ – „Das hört sich ja nicht schlecht an!“ sagte ich. „Ja, genau. Und dadurch gehst Du auch kein finanzielles Risiko ein.“ Ich überlegte und sagte schließlich: „Wenn das wirklich so ist, dann würde ich Dich gerne nehmen!“ Wir gaben uns die Hand, und Wolfgang fing schon bald darauf bei mir an.

Zu meiner Überraschung stellte sich schon bald heraus, dass Wolfgang ziemlich flott und pfiffig war. Alles machte er mit großer Routine und Gelassenheit, so dass ich ihn schon bald ganz alleine arbeiten lassen konnte. Das war vielleicht ein Gefühl: Zum ersten Mal verdiente ich Geld ohne dass ich dafür selber etwas tun musste! Ich gab dem Wolfgang einfach morgens das das Material und das Angebot in die Hand und konnte dann einfach zu einer weiteren Baustelle fahren zum arbeiten. Damit er nicht neidisch werden würde, wenn er sieht, was ich für seine Arbeit vom Kunden an Geld bekommen würde, schummelte ich heimlich, indem ich die Preise zuvor um 10 – 20 % niedriger machte auf seinem Zettel. Als ich einmal zu Feierabend auf seine Baustelle fuhr, sah ich ihn, wie er gemütlich die Fassade strich und ganz beiläufig zu mir sagte: „Für die Fassade hast Du aber ganz schön wenig genommen! Ich musste mich richtig beeilen, damit Du keinen Verlust machst.“ Ich schmunzelte innerlich und sagte: „Ja, das weiß ich. Das liegt eben an der vielen Konkurrenz!“ In der Tat musste ich meine Angebote ohnehin schon sehr scharf kalkulieren, da ich ja erst mal bekannt werden musste. Um die Fassadenaufträge zu kriegen, bot ich den Kunden die Fassaden ohne Gerüstkosten an, indem wir sie einfach von der Schiebeleiter strichen. Marco und ich hatten hierfür schon bald eine Technik gefunden, dass wir schon bald sogar 10 m hohe Häuser problemlos von der Leiter streichen konnten, was eigentlich gar nicht erlaubt war. Auch Wolfgang machte dabei mit, so dass unsere Kunden in den Jahren danach viel Geld einsparen konnten.

Da ich noch keine Ahnung hatte, dass es bei Fassadenfarben die unterschiedlichsten Qualitäten gibt, kaufte ich in der Anfangszeit die Farbe einfach beim Baumarkt, wo sie deutlich billiger war als im Fachhandel. OBI hatte damals ein Produkt, wo der Liter bei nur knapp 4,- DM lag (statt normal 10,- DM). Daher kaufte ich diese Farbe regelmäßig in größeren Mengen und machte einfach immer das Etikett ab, damit der Kunde nicht erfährt, wie viel ich für den Eimer wirklich zahle. Einmal kam ich nachmittags auf die Baustelle und fragte Wolfgang, ob alles gut laufe. „Ja, alles gut, keine Sorge. Vorhin kam allerdings der Kunde zu mir und hat gefragt, warum an den Farbeimern überhaupt kein Etikett dran sei.“ Ich erschrak und fragte aufgeregt: „Und was hast Du ihm geantwortet??!“ Wolfgang reagierte gelassen und sagte: „Och, ich hab ihm einfach erklärt, dass Du die Eimer immer direkt beim Hersteller beziehen würdest, wenn die gerade abgefüllt werden, so dass da noch kein Etikett raufgekommen ist, und das hat er mir geglaubt.“ Ich lobte ihn und dachte: „Was für ein Teufelskerl!

Da mein Keller als Lagerraum inzwischen zu klein war, mietete ich eine alte Garage mit Holztor, wo wir unsere ganzen Materialien lagern konnten. Doch allmählich war der Müll an leeren Eimern und Abdeckmaterial stark angewachsen, und ich wusste nicht, wohin damit. Für den Hausmüll war es viel zu viel, und eine Deponie gab es nicht in der Nähe. Also lud ich nachts mein Auto voll, fuhr zum nächsten Supermarkt und warf meinen Müll einfach in die Container hinein. Ein schlechtes Gewissen plagte mich dabei nicht, aber ich hatte ein ungutes Gefühl im Bauch, dass dies doch keine Dauerlösung sein könne. Tatsächlich musste ich aber noch die nächsten zwei Jahre mein Müllproblem auf diese Weise lösen, bis mir endlich die Idee kam, alle vier Monate einen 20 m³-Container zu bestellen, den wir dann mit bis zu einer Tonne Restmüll befüllten. Das kostete mich zwar jedes Mal 400,- DM, aber dafür hatte ich nicht mehr diesen Stress und Herzklopfen.

Immer mehr Kunden riefen mich an und beauftragten mich, so dass ich Mitte April schon einen weiteren Gesellen einstellen musste. Auch Heiko war ein Langzeitarbeitsloser, für den ich die Hälfte seines Lohnes vom Arbeitsamt erstattet bekam. Mit seiner Hilfe konnten wir im Mai dann auch den Großauftrag mit der Wärmedämmung eines Mehrfamilienhauses erfolgreich erledigen. Mein Auftragsbuch war mittlerweile so voll, dass ich immer zwei Monate im Voraus ausgebucht war. Da ich so billig war, wurde aus 90 % aller Kostenvoranschläge auch ein Auftrag. Zum ersten Mal hatte ich keine Geldsorgen mehr, sondern kaufte einen Firmenwagen und mehrere Schiebeleitern. Ich überlegte auch, dass wir endlich auch mal etwas für unsere Altersvorsorge tun sollten und dachte zunächst an Aktienfonds. Doch dann sagte ich mir, dass ich bisher mit meinen wenigen Aktien eine viel höhere Rendite erzielt hatte als die meisten Aktienfonds und kam zu dem Schluss: Was die können, kann ich viel besser…


Mein Einstieg ins Aktiengeschäft

Im März 1999 war der damalige SPD-Chef und Finanzminister Oscar Lafontaine ganz überraschend von allen Ämtern zurückgetreten, da er die Bevormundung seines Parteikollegen Gerhard Schröder leid war. Der Bundeskanzler hatte von Beginn der Amtszeit den Schulterschluss mit den Konzernchefs gesucht, um die Konjunktur wieder zum Laufen zu bringen und war dabei immer weiter von den sozialdemokratischen Prinzipien abgerückt. Lafontaine wollte diesen Verrat nicht länger mitmachen und schrieb daher ein Buch mit dem Titel: „Das Herz schlägt links“. Nun hatte Schröder endlich freie Hand, um den z.T. neoliberalen Wünschen der Wirtschaft entgegenzukommen, was später dann zur Agenda 2010, der Riesterrente und den Hartz-IV-Gesetzen führte. Weltweit brach nun Jubel aus bei den Investoren, und die Aktienkurse schossen sprunghaft nach oben. Aufgrund der amerikanischen Niedrigzinspolitik hatte die Notenbank Federal Reserve den Markt jahrelang mit billigem Geld überschwemmt, so dass der Ankauf von Aktien die einzige Möglichkeit war, um noch eine Rendite zu erzielen. Der US-Leitindex Dow Jones war von 2500 Punkten im Jahr 1990 auf 5000 Punkte im Jahr 1995 geklettert und überschritt Ende März 1999 sogar die 10.000-Punkte-Marke. Grund dafür war die robuste US-Konjunktur, die vielen Firmenfusionen in den 90ern und die Globalisierung. Die Etablierung des Internets und des Handys hatten weltweit zu einer euphorischen Aufbruchstimmung im Bereich digitaler Technologie geführt. Daher kam es ab 1995 zu einer Vielzahl von Firmenneugründungen („Startups“) und durch das große Anlegerinteresse vermehrt zu Börsengängen. Während die einen eine sog. „Blase“ fürchteten wie 1929, sprachen die anderen von einem neuen Zeitalter der Aktienbewertung. Die Aktie der Suchmaschine Yahoo war z.B. von 20 US$ im Jahr 1995 auf 360 US$ im Jahr 1999 gestiegen. Oder der Internethändler Amazon war von anfangs 17,80 US$ im Jahr 1998 ein Jahr später auf über 80 US$ gestiegen. Nebenbei bemerkt: heute (20 Jahre später) liegt der Kurs von Amazon schon bei 1.575 US$). Der weltweite Aktienmarkt war allmählich zum Kasino geworden, in welchem Millionen von renditesüchtigen Zockern am schnellen Geld mitverdienen wollten. Die Gewinne der einen, sind aber immer auch die Verluste der anderen, und so hatte auch der Börsenboom viele Opfer zu beklagen. Ganze Volkswirtschaften in Asien und Südamerika sind durch die Spekulanten in die Zahlungsunfähigkeit getrieben worden.

Solche ethischen Bedenken hatte ich jedoch nicht, als ich mich im März 1999 entschied, 4000,- DM in Aktien anzulegen. Die Frage, warum ich eigentlich noch mehr Geld haben wollte, als Gott mir schon gegeben hatte, stellte ich mir auch nicht. Jetzt wo ich endlich mal mehr Geld hatte als nötig, wollte ich nicht länger zögern, es gewinnbringend anzulegen (Luk.12:17-21). Doch muss man bei Wertpapieren bekanntlich den richtigen Zeitpunkt ermitteln, damit man sie nicht überteuert kauft. Eine Börsenweisheit lautet: „Buy on bad news, sell on good news”. Man sollte also bei schlechten Nachrichten – wenn die Kurse fallen – kaufen, und erst dann verkaufen, wenn man bei guten Nachrichten und damit steigenden Kursen das Potenzial für ausgeschöpft hält. Diese Gelegenheit kam dann Ende 1999 mit dem Beginn des Kosovo-Krieges, als der Deutsche Aktienindex (DAX) innerhalb weniger Tage von 5000 auf 4700 Punkte fiel. Ob eine Aktie „billig“ ist, erkennt man am sog. „KGV“, d.h. Kurs-Gewinn-Verhältnis. Wenn der KGV einer AG unter 10 liegt, muss dies aber noch nicht bedeuten, dass sie auch großes Potential besitzt. Wer schnelle Gewinne erzielen will, muss auch die Entwicklung des Kurses, den sog. „Chartverlauf“ analysieren, um den richtigen Kaufzeitpunkt zu ermitteln. Zuletzt aber sollte man auch etwas über das Unternehmen wissen, was es eigentlich herstellt und in welch einer Verfassung es sich befindet. Ich hatte mir deshalb in den Tagen zuvor eine Einkaufsliste an Aktien zusammengestellt, die ich mir aus Empfehlungen von Fachzeitschriften ausgesucht hatte. Da der Onlinehandel Ende der 90er Jahre noch nicht so verbreitet war, kaufte auch ich meine ersten Aktien noch umständlich bei der Bank (vergl. Luk.19:23). Da diese für jeden Kauf und Verkauf eine Gebühr berechnete, musste ich mir gut überlegen, welche Aktien ich in meinem „Portfolio“ (Bestand) haben wollte, denn sie mussten ja mindestens die Kosten decken.

Tatsächlich hätte ich kaum einen besseren Zeitpunkt wählen können, denn schon nach wenigen Wochen hatte ich meinen Einsatz verdoppelt. Jeden Tag konnte ich auf einem kleinen „Skyper“ (auch „Pager“ genannt) beobachten, wie sich meine Aktien nach oben entwickelten. Dies erhöhte bei mir die Lust am Zocken. Um aber schneller reagieren zu können, brauchte ich endlich einen Internet-Anschluss, wie ihn schon mein Freund Joachim besaß. Das war gar nicht so einfach, wie es Tennisstar Boris Becker in seiner damaligen Werbung für AOL glauben machen sollte („Ich bin drin!“), denn das Einwählen über ein Modem dauerte jedes Mal sehr lange, und die Verbindung brach immer wieder ab. Schließlich aber funktionierte es endlich, und ich konnte jeden Tag nach der Arbeit online sehen, wie sich „meine Kinder“ entwickelt hatten. Häufig hatte ich an einem einzigen Tag mal eben 1.000,- DM an Gewinn erzielt, also mehr, als ich in der gleichen Zeit durch meine Firma verdienen konnte!


Juli - Dezember 1999

Sonnenfinsternis und finstere Mächte

Während ich mich über immer größere Gewinne freute, ging es meiner Ruth allmählich gesundheitlich immer schlechter. Sie hatte inzwischen ihr Studium abgebrochen, da sie keine Hoffnung mehr hatte, sich den Lehrstoff noch aneignen zu können. Sie wollte jetzt nur noch für unsere Tochter Rebekka da sein, die inzwischen vormittags schon in den Kindergarten ging. Doch musste sie inzwischen bis zu 4 Tabletten Tramal nehmen, um den Tag zu überstehen. Die Tabletten wirkten jedoch immer schlechter und brauchten manchmal bis zu einer Stunde, dass sie wirkten. Manchmal kam Rebekka morgens an Ruths Bett mit ihrem leeren Fläschchen und sagte „Teta!“ ( „Fläschchen!“). Ihre langen Haare waren vom Schlaf zerzaust und ihre Strumpfhose hing so lang an ihren Füßen, dass sie ständig drauf trat und stolperte. Ruth sagte dann: „Ja, mein Kindchen, ich mach Dir gleich dein Fläschchen. Aber Mama hat noch Aua, Mama kann noch nicht aufstehen!“ Rebekka bestand aber darauf: „Mama, Teta, Teta!!“ Dann sagte Ruth: „Rebekkita, Du musst mal für Mama beten, damit Gott der Mami das Aua wegmacht, ja, mein Kindchen?“ Rebekka kniete sich nun hin und betete: „Lieber Gott, bitte mach, dass Mama jetzt kein Aua mehr hat! Amen!“ und dann sprang sie auf und sagte: „Und jetzt Teta, Mama, Teta!“ Dann stand Ruth auf und machte ihr ein Fläschchen warm.

Doch die Schmerzen von Ruth wurden allmählich immer intensiver, so dass sie zeitweise nur noch im Bett liegen konnte. Ich erinnere mich, dass ich an manchen Tagen mittags fröhlich nach Hause kam, um Ruth über meine Erfolge zu berichten; und dann fand ich sie weinend im Schlafzimmer und sie sagte mir, dass sie schon seit zwei Stunden nur noch auf die Decke starre, weil sie sich nicht mehr ohne Schmerzen bewegen könne. Das brach mir das Herz und erstickte augenblicklich auch jede Freude in mir. Draußen waren 30 ˚C und Sonnenschein, und Ruth lag hier im Halbdunkel bei heruntergelassenem Rollo und konnte sich an nichts mehr freuen. Während ich siegreich immer höher über mich hinauswuchs, verwelkte und verkümmerte meine geliebte Frau an meiner Seite zu einem Häuflein Elend. Die Ärzte hatten sie ja längst aufgegeben, und ich konnte nur zusehen wie sie dahinvegetierte und nichts machen! Inzwischen konnte ich sie noch nicht einmal mehr massieren, weil ihr schon der geringste Druck weh tat. Ruth sagte damals immer wieder unter Tränen: „Gott erlaubt mir nicht, glücklich zu sein.“ Am liebsten hätte ich ihr gesagt, dass sie sich doch frei machen sollte von diesem Gottglauben, da dieser ihr doch nur noch mehr Unglück bereite; aber das traute ich mich damals noch nicht zu sagen (vergl. Hiob 2:9). Stattdessen fühlte ich mich wie die Freunde Hiobs, die eine Woche lang nur noch in Stille trauernd bei Hiob saßen und mit ihm sein Leid trugen (Hi.2:12-13).

In den Nachrichten wurde im Sommer 1999 eine sog. „Totale Sonnenfinsternis“ angekündigt. Das war schon etwas Besonderes, denn eine solche bekam man ja im Schnitt nur alle 375 Jahre zu sehen. Geistlich gesehen hatte sich aber auch auf meine Seele ein finsterer Schatten gelegt. Die „Sonne“ ist ja in der Bibel ein Bild auf Jesus (Ps.19:4-5, 84:11, Jes.60:19, Mal.4:2) und der Mond, der sich vor die Sonne stellt, steht für Satan, der die Nacht beherrscht (1.Mo.1:16). Wenn der „Gott dieser Welt“ einen Menschen verfinstert hat, kann er das Licht und die Herrlichkeit Christi nicht mehr sehen (2.Kor.4:4), so dass er vorübergehend glaubt, die „Sonne der Gerechtigkeit“ würde es gar nicht geben. Die Sonnenfinsternis von 1999 gab vielen Menschen in Europa die Gelegenheit, dass sie sich für einen Moment der Erhabenheit der Sonne einerseits und der Geringfügigkeit der Erde andererseits bewusst werden konnten. Der Dichter Adalbert Stifter, der 1842 selber mal eine Sonnenfinsternis miterlebte, schrieb darüber: „Es war der Moment, da Gott redete und die Menschen horchten“. Tatsächlich gab es an jenem 11.08.99 kaum jemanden in Deutschland, der während dieser 2 Minuten um die Mittagszeit nicht zum Himmel aufsah. So ähnlich wird man sich wohl auch bald das Kommen des HErrn Jesus Christus auf die Erde vorstellen können (Luk.21:28). „Siehe, Er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird Ihn sehen, auch die Ihn durchstochen haben, und wehklagen werden Seinetwegen alle Stämme des Landes. Ja, Amen“ (Offb.1:7).

Eines Nachts stand Ruth auf, weil sie vor Schmerzen nicht schlafen konnte. Verzweifelt ging sie in der Wohnung umher und sah, wie ich und Rebekka tief schliefen. Dann ging sie im Wohnzimmer auf die Knie und weinte über ihr Elend. Sie betete: „HErr, ich danke Dir für all das Gute, das ich von Dir geschenkt bekam. Aber ich verstehe nicht, warum Du mir auch diese Schmerzen gegeben hast, die ich einfach nicht mehr ertragen kann. Bitte, bitte, bitte, nimm mir doch diese furchtbaren Schmerzen weg! Denn wenn nicht, wozu soll ich dann noch weiter leben? Ich kann einfach nicht mehr.“ Dann legte sie sich weinend auf den Bauch und breitete ihre Arme aus in völliger Ergebenheit. So blieb sie eine lange Zeit liegen und weinte unentwegt. Doch dann kam ihr eine Erinnerung, die sie schon fast vergessen hatte. Sie erinnerte sich an ihre Freundin Naida aus Lima, die sich auch einmal wie sie so auf den Fußboden gelegen hatte und dann von einer furchtbaren Besessenheit befreit wurde:

Ruth hatte Naida durch einen Aushang im Foyer der Freikirche kennengelernt, als Ruth 19 Jahre alt war und eine Aushilfstätigkeit suchte. Naida war 15 Jahre älter, aber erst seit kurzem gläubig. Sie hatte eine Firma, die Puppenkleidung herstellte und suchte gläubige Aushilfskräfte. Die beiden Schwestern kamen miteinander ins Gespräch und freundeten sich an. Eines Nachmittags erzählte Naida der Ruth, dass sie sich von ihrem Mann habe scheiden lassen, weil dieser Freimaurer und sogar Satanist war. Sie hatte ein traumatisches Erlebnis gehabt, als sie eines Nachts aufwachte, sich nackt auf einem Tisch befand und von Männern in schwarzer Kutte umringt war. Erst dachte sie, es wäre ein Traum, doch dann wurde ihr klar, dass alles real war. Doch in den Tagen und Wochen nach der Scheidung erlebte sie ganz merkwürdige Dinge, - als würden ihr dämonische Wesen nach dem Leben trachten. Zudem litt sie unter ständiger Sexsucht. Sie konnte ihren Alltag kaum mehr bewerkstelligen, weil sie immer nur an Sex denken musste. Deshalb legte sie sich eines Abends auf den Fußboden und flehte Gott an, dass Er sie doch von diesen dämonischen Angriffen und der Sexsucht befreien möge. Sie hatte bis dahin gar keine Beziehung zu Gott gehabt, sondern war nur katholisch aufgewachsen. Doch auf einmal erlebte sie ganz deutlich die Nähe Gottes und tat unter Tränen Buße von all ihren Sünden. Von diesem Tag an war sie völlig geheilt und konnte wieder ein normales Leben führen.

Ruth fragte sich, ob nicht auch sie von dämonischen Mächten geplagt werde, die wegen irgendeiner nicht bekannten Sünde Zugriff auf ihr Leben hatten und sie vernichten wollten. Da erinnerte sich Ruth an verborgene Gräuelsünden aus ihrer Vergangenheit, die sie nie vor Gott bekannt hatte und bat dann ausdrücklich für diese um Vergebung. Auch beschlich sie der Verdacht, dass – ähnlich wie bei ihrer Freundin Naida – durch mich ein dämonischer Einfluss auf unsere Ehe gekommen sei, weil auch ich mit Freimaurern Kontakt hatte und finstere Musik hörte. Deshalb bat sie Gott, dass Seine Engel sie umschirmen mögen, damit sie den „feurigen Pfeilen des Bösen“ nicht länger schutzlos ausgeliefert sei (Eph.6:12-16).


Ruths vollständige Heilung

Am nächsten Morgen berichtete mir Ruth von ihrer verzweifelten Situation in der Nacht, und wir überlegten, was wir tun könnten. Ich machte Ruth den Vorschlag, doch noch einmal zu irgendeinem Arzt zu gehen, aber sie winkte sofort ab. „Ich war jetzt schon bei so vielen Ärzten, aber das hat mir überhaupt nichts gebracht, sondern es ist vielmehr immer schlimmer mit mir geworden! Ich will nur noch auf Gott vertrauen. Und wenn der HErr mich nicht heilen will, dann wird es ein Arzt erst recht nicht können!“ – „Aber Gott kann doch auch Ärzte gebrauchen…“ entgegnete ich. „Hat Er aber bisher nicht getan!“ Sie weinte wieder, und ich umarmte sie. „Lass uns doch noch einen allerletzten Versuch wagen“, sagte ich, „…ein allerletztes Mal; und wenn Dir auch diesmal nicht geholfen werden kann, dann brauchst Du auch nie mehr zum Arzt gehen!“ Ich suchte mir aus den gelben Seiten einen beliebigen Allgemeinmediziner, bei dem Ruth noch nicht war, und machte einen kurzfristigen Termin. Als wir dann ihm gegenüber saßen, berichtete Ruth ihm ausführlich von ihrem ganzen Martyrium und dass sie inzwischen völlig am Ende ihrer körperlichen und seelischen Kräfte sei. Dr. Hirsch erwies sich sofort als sehr einfühlsam und verständnisvoll, indem er ihr geduldig zuhörte und immer wieder mit Zwischenfragen nachhakte. Doch dann äußerte er einen überraschenden Verdacht: „Frau Poppe, möglicherweise ist die ursprüngliche, chronische Entzündung im Lumbosacral-Bereich gar nicht mehr die eigentliche Ursache für ihre Dauerschmerzen…“ Ruth reagierte sofort hysterisch: „Wollen Sie andeuten, dass meine Schmerzen nur psychisch bedingt sind?! Dass ich mir die Schmerzen etwa nur einbilde!?“ – „Nein, um Gottes willen!“ beruhigte sie der Mediziner „Ihre Schmerzen sind absolut real, aber sie haben ihre Ursache möglicherweise gar nicht mehr so sehr in dieser Verwachsung des Kreuzbeins mit dem Lendenwirbel, sondern durch ihrem unkontrollierten und viel zu lange andauernden Schmerzmittelkonsum.“ – „Sie wollen sagen, dass die Schmerzen durch das Schmerzmittel verursacht sind?!“ fragte ich ungläubig. „Richtig. Sie müssen wissen, dass Opiate wie Tramal süchtig machen und deshalb normalerweise nicht länger als eine Woche eingenommen werden dürfen. Der peruanische Orthopäde in Bremen, von dem Sie mir erzählt haben, hat es sicherlich gut mit ihnen gemeint, dass er ihnen dieses Medikament jetzt schon seit fünf Jahren regelmäßig verschreibt. Aber der Kollege hat ihnen damit einen Bärendienst erwiesen und im Grunde für Sie wie ein verantwortungsloser Drogendealer gehandelt. Es tut mir leid, dass ich das so deutlich sagen muss.“

Wir waren verstört und überrascht zugleich, denn so etwas hatten wir noch nie gehört. „Sie können die Wirkung solcher Opiate auch mit anderen Drogen vergleichen wie z.B. Alkohol: Wenn eine bestimmte Linie überschritten wird, kann das Medikament nicht mehr ohne weiteres abgesetzt werden, denn der Körper reagiert mit Entzugserscheinungen. Gleichzeitig fordert er aber, dass die Dosis immer weiter erhöht wird, weil die Wirkung mit der Zeit nachlässt. Das Schmerzmittel ist dann zum Selbstläufer geworden und produziert selber Schmerzen, als wolle es protestieren. Die einzige Chance, um aus diesem Teufelskreis herauszukommen, ist ein radikaler Entzug.“ Wir waren geschockt. „Sie meinen, dass ich überhaupt kein Tramal mehr nehmen soll?“ fragte Ruth Das halte ich aber keine sechs Stunden aus! Das überlebe ich nicht!“ – „Ganz verzichten sollen sie nicht auf Analgetika, aber ich werde Ihnen ein anderes verschreiben, nämlich Morphin. Trotzdem werden sie eine Woche lang erhebliche Entzugserscheinungen mit Übelkeit und Erbrechen haben, aber wenn sie diese Woche überstanden haben, dann werden sie frei sein, möglicherweise auch völlig frei von Schmerzen!“ Das hörte sich verlockend an, und wir willigten ein. Etwas anderes blieb uns ohnehin nicht übrig.

Und dann kam die Woche. Es war für Ruth ein Marsch durch die Hölle. Ich erinnere mich, wie sie schweißgebadet mitten in der Nacht in der Wohnung auf und ab ging und fast wahnsinnig war vor Schmerzen. Erst jetzt wurde uns klar, dass Tramal eine ähnliche Wirkung wie Heroin besaß. Ständig musste Ruth sich übergeben, aber die Aussicht auf Heilung ließ sie diese Tortur tapfer durchhalten. Dr. Hirsch hatte ihr versprochen, dass sie ihn in dieser Woche jederzeit anrufen könne, selbst mitten in der Nacht, wenn sie seine Hilfe benötige. Und tatsächlich ging er dann auch ans Telefon und kam vorbei, um Ruth eine Spritze zu geben, wenn sie es nicht mehr aushielt. Was für eine Menschenliebe! Dieser Arzt war wirklich wie ein Engel, den uns Gott gesandt hatte. Und als die Woche herum war, da spürte Ruth tatsächlich kaum noch Schmerzen. Sie konnte auf leichte Schmerzmittel umsteigen wie Diclophenac oder Ibuprophen und brauchte irgendwann gar keine Schmerzmittel mehr. Nach 5 Jahren Dauerschmerzen war Ruth nun endlich geheilt! Dem HErrn sei Dank! Ruth war überglücklich und lobte Gott für Seine Güte. Auch ich spürte tief in meinem Innern eine Dankbarkeit, verdrängt sie aber sofort wieder, da ich mir ein Handeln Gottes nicht rational erklären konnte.


Ein böser Streich

Inzwischen funktionierte auch endlich das Internet reibungslos, und ich begann, mich auf diesem neuen Terrain mal umzuschauen. Bei meinen ersten Surfexpeditionen entdeckte ich schon bald, dass auch mein früherer Freund und Glaubensbruder Tobias Schaum mit einer eigenen Internetseite präsent war. Durch eine Suchmaschine fand ich aber heraus, dass er auch in verschiedenen Diskussionsforen aktiv war, u.a. auf einer Seite, die sich „www.gegendenstrom.de“ nannte. Zu meiner Überraschung las ich dort, wie sich der liebe Tobias dort mit Atheisten nicht nur über christliche Themen, sondern auch über völlig weltliche Dinge austauschte, wie z.B. über Musikbands. Ich dachte: „Na sieh mal einer an! Er stellt sich hier also von seiner besten Seite dar, als Intellektueller, der überall mitreden kann. Aber wenn seine Gesprächspartner wüssten, dass er in Wirklichkeit ein religiöser Fanatiker ist, dann würden sie ihm sicherlich die Freundschaft kündigen und ihn mit Tomaten bewerfen.“ Aber auch auf seiner eigenen Internetseite plauderte er mit Atheisten und ließ sogar zu, dass Satanisten ihren Spott abließen ohne dass er sie blockierte. Auf einmal kam mir eine perfide Idee: Ich trug mich einfach mit seinem Namen ins Gästebuch ein (damals ging das noch) und schrieb einen Fake-Kommentar, den ich mit den Initialen von Tobias „T.J.S.“ unterschrieb. Der Text lautete: „Höret ihr Spötter! Ich habe langsam genug von Euren Lästerungen, mit denen Ihr meine Homepage beschmutzt… Ihr werdet Euch noch wundern, denn es wird nicht mehr lange dauern, dann kommt mein HERR wieder und wird mich und meine Familie in Seine Herrlichkeit entrücken… Die Sonne wird sich verfinstern und es wird Plagen geben auf der Erde, weil Ihr den Worten des HERRN nicht geglaubt habt. Deshalb warne ich Euch ein letztes Mal solange es noch Zeit ist: Tut Buße und bittet Gott um Vergebung wegen all Eurer Sünden, damit Ihr nicht für alle Zeiten in den Feuersee geworfen werdet! Gott sei Euch gnädig!“ Ich lachte mir eins ins Fäustchen bei der Vorstellung, wie jetzt alle über den Tobias schimpfen werden, ohne daß er je beweisen könnte, daß nicht er sondern ich es war, der diesen Kommentar geschrieben hatte. Ich kam mir vor, wie ein pubertierender Junge, der zum Spaß einen Chinaböller in den Briefkasten des bösen Nachbarn steckte.

Die Reaktion sollte nicht lange auf sich warten. Schon am Abend desselben Tages hatten mehrere Gästebuchteilnehmer überrascht reagiert auf die vermeintliche Einlassung von „TJS“. Mit Schadenfreude las ich ihren Spott und Empörung, wobei einige auch schon den Verdacht hegten, dass dieser Kommentar nicht von Tobias Schaum kommen könne, da der so gar nicht zu ihm passte. Und dann meldete sich Tobias selbst zu Wort und erklärte, dass jemand anderes dies unter seinem Namen geschrieben habe, er aber schon herausfinden würde, wer dies getan habe. Ich dachte: Wie wird er das herausfinden können? Aber es dauerte nur zwei Tage, da wusste Tobias, dass ich es gewesen war, und nannte mich gemäß Spr.26:18-19 einen „Wahnsinnigen“, weil ich mich ja damit zu entschuldigen suchte, dass ich doch nur einen Scherz gemacht habe. Sofort blockierte er mich und wollte auch keinerlei Diskussion mit mir führen, da ich in seinen Augen ohnehin „unwiederbringlich verloren“ sei, „ganz gleich, wie lange er noch auf dieser Erde zu ‚leben‘ hat“. Ein Dialog mit mir sei genauso sinnlos „wie ein hoffnungsloser Wiederbelebungsversuch“ an einem gefällten Baum. Stattdessen aber rechtfertigte er sein Verhalten den anderen gegenüber, indem er mich ausführlich über mehrere Seiten an den Pranger stellte. Dabei übertrieb er allerdings dermaßen, dass nun auch die Forumteilnehmer ihn zur Mäßigung aufriefen. Ich entschuldigte mich öffentlich bei Tobias. Aber einige waren so wütend über meinen boshaften Streich, dass sie mich als „Denunziantenschwein“ beschimpften und mir wünschten, dass man Fake-Kommentare mit meinen Namen auf einer Seite von radikalen Moslems verbreiten sollte, damit sie mir „den A… aufreißen“. Mir wurde auf einmal klar, dass solch ein Diskussionsforum nicht nur ein Spielplatz für Selbstdarsteller ist, sondern zugleich auch ein Gerichtstribunal und ein öffentlicher Hinrichtungsplatz, wo man verbal gesteinigt werden konnte. In der Anonymität hinter einem PC sind Menschen viel enthemmter, weil sie keine Rücksicht mehr nehmen brauchen, sondern hemmungslos alles herauslassen können, was in ihrem Herzen ist (Mt.15:19). Und jetzt war meine eigene Bosheit und Schlechtigkeit ungewollt ans Licht gekommen. Während ich mich drei Jahre zuvor noch über die Verdorbenheit von John Jairo erschrocken und ereifert hatte, weil er ohne Skrupel sich auf Kosten anderer lustig machte, wollte mir Gott nur zeigen, dass ich keinen Deut besser war (Röm.2:1-4).


Der große „Lottogewinn“

Inzwischen hatte ich mir bei der Commerzbank ein Online-Konto zugelegt, so dass ich Kauf- und Verkaufsorder für Aktien in Sekundenschnelle einfach vom Schreibtisch zuhause aus geben konnte. Mein Depot war mittlerweile auf etwa 10 – 12 Positionen durchschnittlich angewachsen, die jedoch von mir ständig ausgetauscht wurden und einen Gesamtwert von etwa 20.000,-DM hatten. Ich war inzwischen völlig der Spielsucht verfallen und versuchte ständig, mein Depot zu optimieren. Wenn ich von einem neuen aussichtsreichen Unternehmen las, dass von irgendwelchen Aktienprofis angepriesen wurde und auch schon gut gelaufen war, dann gab es für mich kein Halten mehr, sondern ich musste es unbedingt auch haben. Ab Mitte 1999 hatte sich innerhalb weniger Monate die Börsenbewertung zahlreicher Unternehmen vervielfacht. Man hielt die häufig prozentual zweistelligen Kurssteigerungen für übertrieben, wollte aber dennoch davon profitieren. Auch Investmentfonds verstärkten die Spekulationsblase, indem sie ihren Kunden immer höhere Gewinne in Aussicht stellten.

Wenn ein IT- und Biotech-Unternehmen neu an die Börse ging, dann schoss der Kurs meist schon am ersten Handelstag durch die Decke, so dass jeder, der sie gezeichnet (bestellt) hatte, schon gleich am ersten Tag einen Gewinn von 50 bis 100 % seines Einsatzes verbuchen konnte (manchmal sogar noch weit mehr!). Da solche „Neuemissionen“ daher immer 10- bis 30-fach überzeichnet waren, wurde die Zuteilung durch einen Zufallsgenerator vorgenommen, bei dem die Zuteilungschance jedoch deutlich höher war als ein gleichhoher Lottogewinn. Deshalb nahm auch ich damals an jeder beliebigen Neuemission teil, egal ob von der NASDAQ oder vom Neuen Markt oder irgend einer anderen europäischen Börse, denn man konnte ja im Prinzip nur gewinnen und nichts verlieren (außer seine Seele gemäß Luk.9:24-25). Voraussetzung war jedoch, dass man seine im Falle einer Zuteilung bei Neuemissionen seine Aktien gleich am nächsten Handelstag wieder verkauft, denn meist fielen sie gleich danach wieder.

An einem Tag rief ich spät am Nachmittag bei meiner Bank an und wollte eine Kauforder durchgeben, da erfuhr ich durch Zufall, dass ich bei der Neuemission eines italienischen Finanzdienstleisters zum Zuge kam, den ich bereits vor einer Woche geordert, aber schon ganz vergessen hatte. Ich erschrak und dachte erst: „O nein, der Kurs ist mit Sicherheit jetzt viel niedriger!“ Ich fragte die Dame: „Wie viel Aktien hatte ich denn noch mal bestellt?“ – „Sie hatten 300 Aktien zum Kurs von 9,93 DM gekauft.“ – „Und wo liegt der Kurs jetzt?“ – „Einen Moment, ich schaue mal eben nach… (10 Sekunden Pause) … Der aktuelle Kurs liegt derzeit in Mailand bei umgerechnet 97,62 DM“. Mein Herz klopfte. Ich rechnete schnell nach und stellte fest: Mein Einsatz hatte sich also verzehnfacht und demzufolge ein Gewinn von fast 27.000,-DM! „Dann will ich sofort verkaufen!“ – „Das geht nicht mehr, denn die Börse ist bereits geschlossen. Rufen Sie morgen noch mal an.“ Ich jubelte und berichtete es Ruth. Wir tanzten den Flur rauf und runter vor Freude. Die Zeit der Armut war nun endlich vorbei. Wenn das so weiterginge, würden wir uns bald ein eigenes Haus kaufen können.

Am nächsten Tag gab ich eine Verkaufsorder und hoffte, dass der Kurs nicht inzwischen wieder gefallen sei. Aber im Gegenteil war er sogar noch um weitere 50,-DM gestiegen, so dass ich am Ende sogar einen Erlös von 45.000,-DM hatte. Erst später erfuhr ich, dass der Kurs sogar noch viel weiter stieg. Ich hatte keine Ahnung, warum und weiß heute noch nicht einmal mehr den Namen des Unternehmens, weil es mich nicht interessierte. Auch dass diese Gewinne zwar legal aber nicht legitim waren, verdrängte ich, denn warum sollte ich nicht auch einmal der Nutznießer von einer verrückten Welt sein! Was ich damals nicht durchschaute, war, dass diese völlig übertriebene Kapitalisierung (d.h. spekulative Bepreisung) eigentlich nur dadurch möglich sein konnte, indem dieses Geld anderen – nämlich den Schwächsten in der Gesellschaft – zuvor entzogen wurde, d.h. den Menschen in der 3. Welt und der Natur. Denn Geld bekommt ja keine Kinder wie beispielsweise eine Kuh, sondern wandert immer nur von einer Tasche in die nächste, so daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Gott lässt diese Ungerechtigkeit nur deshalb zu, damit sie an einen Punkt erreicht, durch den sogar noch dem letzten die Augen aufgehen können, dass solch eine gewissenlose Haltung nicht ohne Konsequenzen bleiben kann und der Mensch zum Umdenken gelangt (Röm.2:4).

Von solchen Überlegungen war ich damals aber noch weit entfernt, sondern glaubte, dass ich nun einmal dazu auserkoren sei, auf der Sonnenseite des Lebens zu sein. Ich war in einem völligen Renditerausch und hatte mich inzwischen daran gewöhnt, dass meine Aktien innerhalb von nur einer Woche zuweilen um bis zu 30 % an Wert stiegen. Daher konnte ich auch Rückschläge ohne weiteres mit Gelassenheit entgegennehmen. Einmal investierte ich z.B. 4000,-DM in einen der sog. „Pennystocks“, also einer Aktie, die weniger als 1,-DM an Wert an. Aufgrund des geringen Handelsvolumens schlägt der Kurs schnell mal eben stark nach unten oder nach oben aus, so dass man entweder hohe Gewinne oder hohe Verluste riskiert. Einen Tag nach dem Kauf war die Firma schon nicht mehr an der Börse gelistet, weil sie inzwischen endgültig bankrott war und aus dem Handel genommen wurde; mit anderen Worten: ein Totalverlust für mich! Aber was soll’s! Was sind schon 4.000,- DM bei einem Depot von inzwischen über 50.000,- DM an „Spielgeld“! Man kann ja schließlich nicht immer nur Gewinn machen, sagte ich mir.

Das Jahr 1999 war auch jenes Jahr, in welchem der Seher Nostradamus den Weltuntergang vorhergesagt hatte. Tatsächlich machten sich viele IT-Experten auf der ganzen Welt Sorgen, dass durch den Jahrtausendsprung die Rechner auf der ganzen Welt in das Jahr 1900 zurückversetzt werden könnten. Man befürchtete ein Horrorszenario, dass um Punkt Mitternacht die Lichter ausgehen könnten. Flugzeuge würden vom Himmel stürzen, Kernkraftwerke durchschmelzen oder womöglich Interkontinentalraketen Amok fliegen und dadurch ein atomares Höllenfeuer entfachen. Computer-Experten aus Ost und West arbeiteten Monate im Voraus an einem Notfallplan, um auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Doch am Ende blieb das Chaos zum Jahrtausendwechsel aus, dem HErrn sei Dank! Wir waren als Familie extra in die Bremer Innenstadt gereist, um das Feuerwerksspektakel auf dem Bremer Marktplatz mit anzusehen. Unsere 4-jährige Rebekka schaute damals nur ängstlich auf uns hinauf und wollte auf den Arm genommen werden, weil ihr all der Krach nicht geheuer vorkam.


Januar - Juni 2000

"Demas" bekommt eine Antwort

Im Winter hatte ich endlich Zeit, das Internet mal richtig auszukundschaften. Eigentlich bestand es ja schon seit 10 Jahren, aber für mich war es eine ganz neue Welt. Facebook gab es damals noch nicht, aber es gab schon jede Menge Gesprächsforen, wo man Leute traf, die die gleichen Interessen mit einem teilten. Es war jetzt wesentlich einfacher, Freundschaften zu knüpfen und seine Meinung einer großen Bevölkerungsgruppe kundzutun. Auch die ersten Firmen hatten die ungeahnten Möglichkeiten entdeckt, ihre Firma auf einer eigenen Internetseite darzustellen und sogar ihre Waren über das Internet zu verkaufen. Viele verglichen das Internet bereits mit der Erfindung des Buchdrucks vor 500 Jahren, da durch die Verbreitung von Information die Welt auf einmal sehr viel kleiner geworden war.

Es dauerte nicht lange, da fand ich auch schon ein geeignetes Forum auf "Jesus.de", wo ich mich mit Christen über die Glaubwürdigkeit der Bibel austauschen konnte. Leider war ich in meinem vermeintlich aufklärerischen Eifer sehr unbesonnen und provozierte die Gläubigen allzu oft (z.B. mit einem Vergleich von Hitler mit dem Gott der Bibel), so dass ich erst eine gelbe und später eine rote Karte von den Administratoren bekam, was eine Sperre zur Folge hatte. Nachdem ich nach einer Auszeit mich neu einloggen konnte, versuchte ich, vorsichtiger zu agieren, indem ich die Jesus.de-Teilnehmer zu privaten Chats einlud, wo die Administratoren nicht mitlesen konnten. So erfuhr ich, dass es durchaus viele schwache Christen gab, die schon drauf und dran waren, den Glauben ganz aufzugeben, da sie keinen Sieg in ihrem Leben verspürten. Einer schrieb mir z.B. und sagte, dass er meine Auffassungen im Grunde alle teilen könne, aber dass er nicht den Mut habe, so wie ich den allerletzten Schritt zu gehen, um sich von Jesus ganz loszusagen, denn er sagte sich: "Was wäre, wenn ich mich nun irren würde und es doch eine Hölle gäbe? Dann gäbe es kein Zurück mehr, und ich wäre für ewig verloren. Dieses Risiko kann ich aber nicht eingehen, deshalb bleibe ich lieber vorsichtshalber noch Christ." Trotzdem lobte er mich für meinen "Mut".

Unter den Gesprächsteilnehmern war auch ein Pastor namens Helmut Schütz, der sich sehr für die Gründe meines Glaubensabfalls interessierte. Deshalb sandte ich ihm meinen Demas-Brief, in welchem ich ja ausführlich die Gründe benannte, warum ich kein Christ mehr sein konnte. Nachdem er diesen gelesen hatte, schrieb er mir, dass er den Brief sehr gut fand, weil dieser ihn zum Nachdenken über seinen eigenen Glauben angeregt habe. Pastor Schütz, mit dem ich mich fortan duzte, hatte nun die Idee, eine Replik zu schreiben, d.h. einen Antwortbrief an Demas, in welchem er zu all den genannten Argumenten Stellung beziehen wolle, und zwar aus der Perspektive eines bibelkritischen Theologen. Um den von mir erfundenen Stil eines fiktiven Briefes aus der Apostelzeit von Demas an Paulus zu wahren, hatte Helmut die Idee, den Evangelisten Markus einen Brief an Demas schreiben zu lassen, in welchem dieser dem Demas angeblich seinen Standpunkt aus Sicht eines historisch-kritischen Bibelverständnisses versuchte schmackhaft zu machen, um Demas (d.h. mich) für den christlichen Glauben zurückzugewinnen. Dieser Brief kam dann auch ein paar Wochen später, und Helmut war auf 17 Seiten Punkt für Punkt auf meine Zweifel eingegangen.

Zunächst äußerte Markus (alias Helmut Schütz) absolutes Verständnis für meine ablehnende Haltung gegenüber dem Bild von einem tyrannischen Gott, der die Menschen für alle Ewigkeit in der Hölle quälen will für seine Taten, die diese während eines relativ kurzen Erdenlebens aus mangelndem Glauben verübt haben. Allerdings betonte Markus zugleich, dass dieses Gottesbild auch nicht dem wahren Gott der Heiligen Schrift entsprechen würde, sondern eher dem Unverstand eines für ihn befremdlichen, fundamentalistischen Bibelverständnisses geschuldet sei. Er konnte gar nicht nachvollziehen, warum ich die Göttlichkeit und Inspiriertheit der Heiligen Schrift überhaupt davon abhängig gemacht hatte, dass sie auch fehlerlos und widerspruchslos sein müsse. Diese Bedingung beruhe auf einer tragischen Fehldeutung des eigentlichen Anliegens Gottes in der Bibel und behindere ein lebendiges Bibelverständnis trotz aller Unvollkommenheit. Sie habe letztlich zu einem toten Buchstabenglauben geführt, vor dem Paulus doch gewarnt habe. Man müsse vielmehr lernen, zwischen den Zeilen zu lesen, um die eigentliche Botschaft aus der scheinbaren Aussage herauszufiltern. Diese Herangehensweise überzeugte mich jedoch gar nicht, weil sie der Beliebigkeit und einem Wünsch-dir-was-Glauben Tür und Tor öffnete. Das war m.E. auch mitnichten die Absicht dieses Gottes bzw. der Bibelschreiber, dass jeder nach Belieben gerade das aus der Bibel herauslesen konnte, was nach seinem Gusto war. Jedoch teilte ich damals seine Auffassung in dem Sinne, dass die Bibel ein von Menschen mit guter Absicht geschriebener Erklärungsversuch war, um Gott und die Welt besser zu verstehen.

Helmut Schütz wollte nun meinen und seinen Brief hintereinander auf seiner Webseite www.bibelwelt.de veröffentlichen und bat mich um meine Erlaubnis. Ich bejahte dies zwar, wollte aber auch auf diesen Antwortbrief des Markus eine Entgegnung des Demas schreiben, wo ich begründen wollte, warum die historisch-kritische, entmystifizierende Theologie für mich keine annehmbare Alternative sei, sondern bestenfalls ein Rettungsversuch um die Daseinsberechtigung des Christentums noch zu rechtfertigen, angesichts ihrer De-facto-Irrationalität. Dennoch bewunderte ich den Helmut, dass er trotz seiner Unsicherheit und Zweifel sich inmitten des undurchdringlichen Dickichts an Möglichkeiten sich einen für ihn gangbaren Weg geschlagen hatte, an einen gütigen und barmherzigen Gott glauben zu können und aus diesem Glauben Glück und Zuversicht für sein Leben zu schöpfen. Auch gefiel mir sein Plädoyer, sich im Sinne der Botschaft Jesu für die Schwachen und Benachteiligten einzusetzen, um an ihnen die Barmherzigkeit zu üben, die auch wir von Gott für uns ersehnen. Nur entsprach es wohl eher dem heutigen, neomarxistischen Zeitgeist mit seiner sog. "Befreiungstheologie", dass Helmut seinen Markus aus dem "Wort vom Kreuz" eine Aufforderung zu politischem Handeln zugunsten einer gerechteren Welt ableiten ließ.

Zu einer Widerlegungsschrift ist es allerdings nicht mehr gekommen, denn unser Umzug stand kurz bevor. Wir hatten unsere Wohnung in Neustadt a.Rbge bereits zu Ende Februar gekündigt und eine Wohnung in Delmenhorst gefunden, in die wir zum 01.03.2000 einziehen konnten. Marco, Michal und ich erledigten noch schnell die letzten Aufträge in Neustadt - u.a. die Renovierung sämtlicher Klassenräume einer Schule in Poggenburg, und meine Frau Ruth versuchte noch schnell, die nötigen Fahrstunden zu absolvieren, um gerade noch rechtzeitig ihren Führerschein zu schaffen. Die praktische Prüfung sollte dann am 22.02. stattfinden, ausgerechnet an jenem Tag, an welchem eigentlich unser Umzug nach Delmenhorst geplant war. Der Lkw war schon gemietet und die Umzugshelfer bestellt, deshalb wäre es fatal, wenn Ruth die Prüfung nicht bestehen würde. Allerdings bezweifelte ich, dass Ruth die Fahrprüfung gleich auf Anhieb bestehen würde, da ich selbst es ja auch nicht gleich geschafft hatte und ich mich selbst insgeheim für klüger hielt als meine Frau. Ich traute es ihr einfach nicht zu. Umso überraschter und beschämter war ich dann, als Ruth dann plötzlich während des Möbelverladens freudestrahlend nach Hause kam mit dem Führerschein in der Hand. Da hatte ich meine liebe Frau tatsächlich völlig unterschätzt (und das nach inzwischen sieben Jahren Ehe!).

Als wir dann am frühen Abend mit dem Möbelwagen in die Einfahrt der Thüringerstr.24 in Delmenhorst hineinfuhren, erlebten wir eine große Überraschung und zugleich herbe Enttäuschung. Denn als der Vormieter die Wohnungstür öffnete und unseres Ansinnens gewahr wurde, sagte er: "Herr Poppe, Sie wollen jetzt schon einziehen?! Wir sind aber doch noch gar nicht ausgezogen! Waren wir zuletzt nicht so verblieben, Sie würden erst Ende März einziehen?" - "Nein! Ich hatte gesagt, dass wir Ende Februar einziehen, weil Sie Mitte Februar ausziehen wollten!" - "Ja, ursprünglich wollten wir Mitte Februar ausziehen, aber dann erfuhren wir ja, dass unser neues Haus noch nicht ganz bezugsfertig ist und haben deshalb den Auszug um einen Monat verschoben. Aber hatten wir Ihnen das nicht mitgeteilt? Ich dachte, das wüssten Sie..." - "Nein, das haben Sie mir nicht gesagt, denn sonst hätte ich Ihnen ja mitgeteilt, dass das nicht ginge, da wir unsere Wohnung ja bereits gekündigt hatten!" - "Und was machen wir nun?" fragte der Vormieter. Ich überlegte und sagte dann: "Wir können unsere Möbel ja erst mal hier in den hinteren Garten stellen und mit Planen abdecken. Denn ich muss den Lkw morgen früh wieder zurückgeben. Wir können die nächsten Tage auch erst mal im Haus meiner Eltern übernachten. Wann könnten Sie denn frühestens ausziehen?" Er besprach sich mit seiner Frau und sagte dann: "Spätestens nächste Woche Freitag, den 03.03. sind wir hier raus, und ihr könnt dann am Samstag einziehen." - "So machen wir´s!" sagte ich.


Die Blase platzt

Am 01.03.2000 war mein Aktienbestand auf insgesamt 64.000,- DM angewachsen. Darin enthalten waren 11.000,-DM, die ich selbst investiert hatte und der Rest von 53.000,- DM war reiner Gewinn. Ich hatte plötzlich die dunkle Ahnung, dass ich jetzt alles verkaufen und mich mit diesem beachtlichen Gewinn zufrieden geben sollte. Während ich also gerade am Hauptbahnhof stand, rief ich spontan bei meiner Bank an und bat darum, alles zu verkaufen, egal zu welchem Preis. Ich wollte plötzlich nicht mehr. Es war so eine Anwandlung, wie eine innere Stimme, dass ich jetzt aufhören müsse. Doch in den Tagen danach wurde ich von Zweifeln geplagt, weil die Kurse einfach immer weiter stiegen. Warum hatte ich nur alles verkauft? Vor allem konnte ich jetzt nicht mehr weiterfiebern wie bisher und litt regelrecht unter Entzugserscheinungen. Nein, ich wollte es wieder tun, wollte dieses Gefühl des Gewinnens weiter haben (Spr.23:35). Wie ein wahnsinniger Spieler verteilte ich wieder all meine Chips auf dem "Roulettetisch" der Börse und freute mich, dass mein Einsatz sich zunächst auch scheinbar lohnte. Doch am 10.03. kippte die Stimmung plötzlich. Die Kurse brachen ein, zum ersten Mal nach Monaten. Sollte dies das von vielen angekündigte Platzen der Spekulationsblase sein? Ich wollte es nicht glauben, und auch die meisten anderen Privatanleger nicht. Sicherlich war dies nur eine kleine Konsolidierung und danach würde es fröhlich weitergehen nach oben, dachte ich.

Was ich jedoch nicht ahnen konnte, war, dass der absolute Gipfel inzwischen erreicht war. Von nun an sollte es nur noch nach unten gehen. Das tückische an dieser Baisse war jedoch, dass der Absturz nicht auf einmal kam innerhalb weniger Tage wie beim großen Börsencrash von 1929, sondern diese Talfahrt sollte insgesamt drei Jahre anhalten. Da aber niemand wissen konnte, dass es so kommen würde, wurde immer weiter spekuliert in der Hoffnung, dass es schon bald wieder bergauf gehen werde. Da es immer wieder Aktien gab, die dem Trend trotzten und an manchen Tagen über 50 % stiegen (z.B. Infineon) wurde die Hoffnung gehegt, dass man nur die richtigen Aktien kaufen müsse, um Gewinn zu machen. Aber mein Spielerglück hatte mich verlassen, und meine gerade erworbenen Aktien befanden sich Ende März schon alle im zweistelligen Minus. Wenn ich jetzt wieder alles verkaufen würde, dann hätte ich einen Verlust von fast 10.000,- DM, und das konnte ich doch unmöglich zulassen, dachte ich. Vielleicht würden die Kurse schon bald wieder steil nach oben schießen, und dann würde ich mich am Ende ärgern, dass ich so früh schon aus lauter Verzagtheit verkauft hätte. Hatte nicht der große Börsenexperte Kostolany gesagt, man solle erst Aktien kaufen und dann Schlaftabletten, weil man sich sonst ganz verrückt machen würde? Langfristig konnte man mit Aktien doch ohnehin immer nur gewinnen, also musste ich einfach nur Geduld haben. Manche Werte hatten sich inzwischen so sehr verbilligt, dass nun sicher viele wieder einsteigen würden und es nach oben ginge, glaubte ich.

Inzwischen hatte auch mein Freund Jochen das Anlegerfieber gepackt und ich erklärte ihm, wie das praktisch funktioniert mit den Aktien. Innerhalb kürzester Zeit hatte Jochen sich aber schon so sehr mit dem Thema befasst, dass er sogar mich belehren konnte. Er sagte: "Simon, Du solltest keine Aktien kaufen, sondern lieber Optionsscheine. Denn diese sind unabhängig von einem bestimmten Börsentrend, weil Du auch auf fallende Kurse wetten kannst. Und dann gibt es auch noch Derivate und Futures. Du kannst mit Optionen an der Börse spekulieren, ohne sie erst bezahlen zu müssen, indem Du sie verkaufst und erst nachträglich mit dem Gewinn bezahlst." Jochen hatte mir dies viele Male erklärt, aber ich begriff es einfach nicht, weil mein mathematisches Denken dafür eher unterentwickelt war. Jochen hingegen war Elektroingenieur, jedoch arm wie eine Kirchenmaus, so dass er kein Geld hatte zum realen Spekulieren. Deshalb begnügte er sich damit, auszurechnen, wie viel er theoretisch gewonnen hätte.

Im Sommer 2000 war mein investiertes Kapital um 18.000,- DM herunter geschmolzen, so dass ich jede Lust am weiteren Spekulieren verlor. Aber Verkaufen wollte ich auch nicht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass es noch immer weiter nach unten gehen sollte. Ich steckte einfach den Kopf in den Sand und wollte nichts mehr wissen von Aktien. Irgendwie war ich auch innerlich wie gelähmt und unfähig, noch eine Entscheidung zu treffen. Ich ärgerte mich nur noch, dass ich nicht bei der Entscheidung Anfang März geblieben war, sondern aus lauter Dummheit und Habgier immer weiter gemacht hatte. Jetzt ging es mir nur noch darum, mir und allen anderen zu beweisen, dass mich Geld nicht mehr interessiert, obwohl ich mich damit selbst belog. Denn insgeheim hoffte ich noch immer, dass die Talfahrt endlich aufhören würde und sich meine Geduld auszahlen könnte. Erst anderthalb Jahre später konnte ich mich endlich dazu durchringen, mein Portfolio aufzulösen, das zu diesem Zeitpunkt nur noch einen Restwert von 15.000,- DM hatte, d.h. ich hatte mittlerweile 50.000,- DM wieder verloren. Ich nahm es mit Gelassenheit und sagte mir, dass ich abzüglich meiner ursprünglichen Investition immerhin noch einen Gewinn von 4.000,- DM übrig habe.


Der Streit mit dem Ex-Vermieter

Die neue Wohnung in der Thüringer str. 24 in Demenhorst lag im Obergeschoß eines Zwei-Familien-Hauses. Unten wohnte die alte Mutter des Vermieters. Es gab einen schönen Garten, wo unsere Tochter spielen konnte und auch einen Kindergarten ganz in der Nähe, wo ich Rebekka anmeldete. Ruth fand schon bald einen Praktikumspatz bei einer Tierärztin in Ganderkesee und ich verteilte meine Handzettel, um nun auch in Delmenhorst Kunden zu werben. Es dauerte nicht lange, dass die ersten Neukunden Interesse bekundeten, so dass ich auch mein Versprechen einlösen konnte, den Michal Wollny fortan für zwei Jahre als Umschüler zu nehmen. Alles lief eigentlich bestens - doch dann entwickelte sich unerwartet allmählich ein furchtbarer Streit mit unserem Ex-Vermieter in Neustadt a.Rbge:

Bevor wir umgezogen waren, hatte Marco auf unserem Balkon etwas lackiert; doch als er das Material wieder verladen wollte, fiel ihm die Dose Lack auf den Fußboden und lief aus. Ich schimpfte mit ihm, aber er sagte, dass wir doch sowieso ausziehen würden und den Teppich dann entsorgen müssten, womit er Recht hatte. Damit aber niemand in den frischen Lackfleck treten konnte, nahm Marco kurzerhand sein Cutter-Messer und schnitt ein kreisrundes Stück aus dem Teppich heraus, auf dem der Fleck war. Dabei hatte Marco jedoch nicht beachtet, dass sich unter dem Teppich ein PVC-Boden befand, der dem Vermieter gehörte und der nun Schnittspuren aufwies. Als dann ein paar Wochen später der Umzug anstand, nahmen wir den alten Teppich hoch und entsorgten ihn. Die Schnittspuren hatten wir dabei gar nicht bemerkt. Als wir uns jedoch eine Woche später mit unserem Vermieter Herrn Werner trafen, bemerkte dieser die Schnitte im PVC und verlangte Ersatz von mir. Ich wies ihn darauf hin, dass man diese auch verkleben könne, und dass doch die offenen Nähte der PVC-Bahnen weitaus auffälliger waren. Er aber ließ nicht mit sich reden, sondern verlangte einen neuen PVC-Belag. Zudem konnte ich ihm auch nur drei von insgesamt vier Schlüsseln von der Wohnungstür zurückgeben, weil ich ein Jahr zuvor einen Schlüssel verloren hatte. Aber auch hier genügte ihm nicht ein neuer Schlüssel, sondern er verlangte einen Austausch der gesamten Schließanlage, da dieser Schlüssel zugleich auch für die Haustür passte. Ich hielt es indes für sehr unwahrscheinlich, dass ein potentieller Dieb selbst nach einem Jahr noch versuchen würde, ins Haus einzubrechen, aber mein Vermieter war da ganz anderer Meinung, so dass wir im Streit auseinander gingen.

Zu allem Pech kam noch hinzu, dass ich infolge der Renovierarbeiten in der neuen Wohnung und all den übrigen Verpflichtungen ganz vergessen hatte, den Dauerauftrag zu löschen, so dass Herr Werner eine weitere Miete in Höhe von 1300,-DM für den Monat März im Voraus erhielt, obwohl wir ja gar nicht mehr dort wohnten. Zusätzlich zu dem Deponat von 3.000,- DM schuldete mir Herr Werner also insgesamt 4.300,-DM, die ich aufgrund mangelnder Liquidität gut hätte gebrauchen können. In den Wochen nach unserem Auszug rief ich den Vermieter deshalb immer wieder an, auch um einen Termin zu vereinbaren, um einen neuen PVC zu verlegen. Erst einen Monat später erreichte ich ihn schließlich und wir vereinbarten einen Termin zum Verlegen. Als ich jedoch damit beginnen wollte, den neuen PVC auf den alten zu legen, protestierte der Vermieter und verlangte, dass wir zuerst den alten PVC herausreißen sollten und den gesamten Fußboden erst neu verspachteln müssten, um dann erst den neuen PVC zu verlegen. Ich erklärte ihm, dass es die fachlich korrekte Verfahrensweise sei, dass man den neuen auf den alten PVC verlege, zumal dies auch für die Langlebigkeit des PVCs viel besser sei, da der Untergrund etwas weicher sei. Aber Herr Werner glaubte mir nicht und weigerte sich schließlich, dass wir es auf unsere Weise tun sollten. Ich empfand sein Verhalten als reine Schikane und entschied mich deshalb, die Frage durch einen Sachverständigen klären zu lassen.

Ich rief also bei zwei Fußbodenlegern an und bat um eine fachliche Stellungnahme. Beide bestätigten mir, dass es völlig unsinnig sei, den alten PVC herauszureißen, da man durch diesen einen viel glatteren Untergrund hätte. Einer gab mir noch den Tipp, dass man die Schnitte problemlos mit einer sog. Kaltschweißpaste wieder abdichten könne, so dass man hinterher nichts mehr sehe. Von all diesen Argumenten wollte sich der Vermieter jedoch nicht überzeugen lassen, sondern behauptete, dass auch er inzwischen bei der Handwerkskammer Hannover angerufen habe und sich angeblich von einem Gutachter habe bestätigen lassen, dass der alte PVC zuvor entfernt werden müsse, da dies sonst "Pfusch" sei. Ich konnte mir solch eine abweichende Ansicht kaum vorstellen und überprüfte seine Angaben, indem ich mir die zuständige Tel.-Nr. des vereidigten Gutachters der Handwerkskammer geben ließ. Und siehe da: Herr Weber hatte mich angelogen, denn der Gutachter Huisnik hatte nie mit ihm gesprochen. Auf meine Frage, ob es denn Pfusch sei, was ich Herrn Werner angeboten hatte, antwortete er: "Nein, das ist totaler Quatsch. Wir haben gerade erst letzte Woche im Technologiezentrum Vahrenwald viele Tausend Quadratmeter PVC aufeinander geklebt."

Spätestens jetzt wurde mir bewusst, dass ich gute Chancen hätte, einen gerichtlichen Streit zur Not zu gewinnen. Ich schrieb dem Vermieter, dass ich ihm hiermit eine letzte Frist setze bis zum 18.05.00, um mir mein Deponat und die überzahlte Miete für März zurückzuerstatten, da ich ihn andernfalls auf Zahlung verklagen würde. Zugleich bot ich ihm jedoch an, dass ich selbstverständlich bereit sei, jederzeit vorbei zu kommen, um meinen PVC auf seinen zu verkleben, wenn er mir nur einen Termin nennen würde. Leider hatte ich damals den weisen Rat Salomons vergessen, der doch gesagt hatte: "Einen Rechtsstreit anfangen ist, als ob man Wasser entfesselt; darum lass ab vom Zank, ehe er heftig wird" (Spr.17:14). Und auch der HErr Jesus hatte empfohlen: "Erweise dich rechtzeitig entgegenkommend gegenüber deinem Streitgegner, während du mit ihm noch auf dem Wege bist (zum Gericht)" (Mt.5:25). Ich erklärte mich zwar Ende Mai zwar noch bereit, ihm auch noch neue Zylinder einzubauen, aber da war es schon zu spät, denn sein Anwalt teilte mir mit, dass sein Mandant bereits einen Fußbodenleger beauftragt habe und auch die Zentralschließanlage mit 10 Schlössern durch eine Fachfirma auswechseln lassen wolle. Die Kosten von 2.727,40 DM für den Fußboden und 996,50 DM für die Schließanlage würde man mir von meiner Forderung von 4.300,- DM abziehen, zzgl. 45,-DM für die Reinigung der oberen Türfalzen, da man bei einer erneuten Begutachtung festgestellt hatte, dass dort Kotspuren unseres Papageien waren.

Ich kochte vor Wut, wollte aber nicht noch einmal der Versuchung erlegen sein, wie beim letzten Streit mir eine Strafanzeige wegen Beleidung androhen zu lassen, sondern übergab den Fall diesmal gleich an meinen Anwalt. Es folgte nun ein Rechtsstreit, der sich über ein Jahr hinzog und erst am 14.01.2001 durch einen Vergleich entschieden wurde. Demnach sollte ich aus meiner Forderung von 4.300,-DM noch 1.926,-DM erhalten, wobei auch noch anteilige Anwaltskosten von 512,14 DM davon abzuziehen sind. Doch obwohl ich eigentlich hätte froh sein können, dass ich wenigstens knapp die Hälfte meiner Forderung endlich erstattet bekam, war ich sehr erbittert und wurde geplagt von Rachegefühlen, denn ich fühlte mich bestohlen. Da ich das Handeln Gottes in meinem Leben nicht mehr (an)erkannte, konnte ich auch nicht wie Hiob feststellen: "Der HErr hat gegeben, der HErr hat genommen; der Name des HErrn sei gelobt!" (Hiob 1:21), sondern ich verhielt mich eher wie Jona, der den Schatten des Wunderbaums wie eine Selbstverständlichkeit annahm, sich aber dann beklagte, als dieser am nächsten Tag aufgefressen wurde, obwohl er nichts dazu beigetragen hatte, dass er diesen Wunderbaum doch wenigstens für eine Weile genießen konnte (Jona 4:10).


Juli – Dezember 2000

Mein "kleiner" Bruder Patrick

Obwohl mein vier Jahre jüngerer Bruder Patrick mit seinen 1,97 Metern noch 3 cm größer ist als ich, war er für uns immer der kleine "Pelle", wie wir ihn seit seiner Kindheit liebevoll nannten. Dies änderte sich auch nicht, als er am 22.07.2000 seine Freundin Manuela heiratete. Sie hatten sich zwei Jahre zuvor kennengelernt über das Internet. Damals schrieb Patrick aus Langeweile eine Kontaktanzeige über ein Chatprogramm namens ICQ, bei der er sich aus Quatsch genau entgegen gesetzt beschrieb als wie er wirklich war: "Pummeliger und nicht gut aussehender Junge (26) sucht eine Partnerin". Damals war Patrick arbeitslos und fühlte sich trotz seiner pompösen Statur tatsächlich wie ein Versager. Manuela hingegen war eine Einser-Abiturientin und studierte gerade auf Lehramt Physik und Mathematik, als sie dies las während einer Israelreise und antwortete ihm aus Neugier. Da sie sich mit "Schalom" von ihm verabschiedete, nahm Patrick an, dass sie auch gläubig sein müsse. Sie schrieben sich eine ganze Weile hin und her und verabredeten sich dann im September´98 auf einem Stadtfest. Patrick verliebte sich auf Anhieb in diese selbstbewusste junge Frau, die ein wenig aussah wie Angela M. in ihrer Jugendzeit. Durch sie schaffte es Patrick schließlich auch, seine Ängste und Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden, die ihn von früher Jugend an plagten.

Weil er der jüngste von uns vier Kindern war, muss er sich wohl oft benachteiligt und "abgehängt" vorgekommen sein, war aber deshalb umso mehr "Mamas Liebling". In der Schule war er genauso wie ich immer sehr verträumt und mochte den Unterricht nicht, weshalb er manchmal einfach früher nach Hause ging. Als mein Bruder Marco ihn 1988 auf eine Evangelisation von Wilhelm Pahls mitnahm, bekehrte er sich und wechselte schon bald darauf in die Freie Evangelische Bekenntnisschule (FeB), die gerade neu in Bremen gegründet war. Da er der einzige Christ unter den Schülern war, ließ der gläubige Lehrer ihn oftmals vor der Klasse das Gebet sprechen, womit bis heute jeder Unterricht dort morgens beginnt. Durch die Liebe und den Zuspruch der Lehrer dort verbesserten sich allmählich auch seine Noten, so dass er von der Hauptschule auf die Realschule wechseln konnte und später sogar sein Fachabitur machte. Nachdem er 1992 seinen Zivildienst im Krankenhaus beendet hatte, wollte Patrick am liebsten nur noch zuhause sein oder sich mit Freunden treffen, von denen er viele hatte durch die christliche Gemeinde. Doch nach einem Jahr sah Patrick die Notwendigkeit, eine Lehre zu machen und bewarb sich in einer Tischlerei, die ihn auch nahm.

Leider war Patrick als Tischler nie besonders gut, so dass er zum Ende seiner Lehre entlassen wurde. Er bemühte sich dann bei einer anderen Firma, aber ging jeden Tag mit Angst zur Arbeit, weil er glaubte, jeden Moment gekündigt zu werden. Als er eines Tages allein in der Werkstatt ein Möbelstück an einer CNC-Maschine bearbeitete, kam es aufgrund einer falschen Einstellung zu einem lauten Knall, so dass das Werkstück kaputt ging. Daraufhin ging Patrick schnell nach Hause, legte sich ins Bett und verkroch sich unter der Bettdecke. Da er in der Folge schon wieder seine Arbeit verlor, beschloss Patrick, sich von nun an nur noch seinen Hobbies zu widmen, nämlich dem Computer und der Fotographie. Er merkte, dass er dies viel besser konnte als jeder andere und verdiente sein erstes Geld durch kleine Aufträge. Weil Patrick ziemlich attraktiv aussah (ähnlich wie der Schauspieler Matt Damon) und auch gut reden konnte, hatte er schon bald viele junge Frauen aus der Gemeinde, die sich von ihm professionell fotografieren ließen, vorzugsweise in Schwarz-weiß-Bildern, die er selber entwickelte in seiner Dunkelkammer zuhause. Er lebte mit meinem Bruder Marco mietfrei im Elternhaus und sah daher nicht die Notwendigkeit, wieder Arbeit zu suchen.

Das änderte sich aber dann, als er Manuela kennenlernte, die bis dahin immer nur auf der Überholspur durchs Leben fuhr. Sie animierte ihn, sich wieder als Tischler zu bewerben und machte ihm Hoffnung, dass sie auch ihr Leben mit ihm teilen würde. Sie trafen sich nun jedes Wochenende und machten zusammen Sport wie z.B. Rollerskaten. Als sie dann ein Jahr später ihr Studium beendet hatte und einen Referendariatsplatz in Stade bekam, fragte sie Patrick, ob er sich vorstellen könne, mit ihr zusammenzuziehen. "Nur wenn Du mich vorher heiratest!" sagte Patrick laut lachend. Sie wollte, aber machte ihm später den Vorwurf, dass sein Heiratsantrag so "schrecklich unromantisch" gewesen sei. Einen Tag vor ihrer Hochzeit wurde Patrick schon wieder gefeuert; doch als er traurig nach Hause kam, umarmte ihn Manuela und tröstete ihn. Später sagte er: "Das war das Schönste, was ich je erlebt hatte!"


Der Katastrophenlehrling

Inzwischen hatte ich wieder eine gute Auftragslage und mir deshalb auch einen neuen Gebrauchtwagen als Firmenwagen gekauft, einen weißen Opel Kadett Kombi, der ähnlich wie der vorige etwa 10 Jahre alt war und auch nur 3.000,- DM kostete. Um Rebekka eine Freude zu bereiten, kaufte ich auch einen kleinen Hundewelpen, einen Mischlingsrüden, den wir Bobby nannten. Die alte Nachbarin unten war über diese Idee gar nicht so begeistert, zumal Bobby auch häufig lange bellte, wenn wir aus dem Hause gingen. Deshalb beschloss ich, unseren Hund einfach mitzunehmen auf die Baustellen. Dort wo es sich um leere Häuser handelte, die wir tapezieren sollten, war dies ja auch kein Problem, zumal Bobby die meiste Zeit ohnehin schlief am Tage. Eines Tages sprach mich eine Kundin an und sagte: "Herr Poppe, Sie sind doch so ein guter Mensch! Vielleicht könnten Sie meiner Tochter einen Gefallen tun. Sie hat nämlich seit kurzem ihren ersten Freund und möchte ihm gerne helfen. Er ist ein ganz lieber Kerl von 19 Jahren, aber er sucht dringend einen Ausbildungsplatz und findet einfach keinen. Hätten Sie nicht Interesse, ihn als Lehrling zu nehmen?" Ich hatte nichts dagegen, und so vereinbarten wir, dass er einfach mal vorbei kommen solle.

Kurz darauf meldete sich Patrick Mücher bei mir und kam am Nachmittag mit seiner Bewerbung vorbei. Vor mir saß ein gut gestylter junger Mann mit modischer Kleidung und selbstbewusstem Auftreten. Er hatte ein einnehmendes Lächeln wie Stefan Raab, so dass ich seinem Charme kaum wiederstehen konnte. Ich dachte mir: "Wenn der so gut arbeitet, wie er reden kann, dann wird das bestimmt ein toller Lehrling werden!" Patrick erwies sich in der Tat als "toll", allerdings in der ursprünglichen, biblischen Bedeutung des Wortes, nämlich als TOLLkühn und geradezu psychopathisch! ich hatte später nie mehr solch einen verrückten und katastrophalen Lehrling wie Patrick gehabt, der mir fast den Verstand rauben sollte! Denn was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte, war, dass Patrick vor keiner noch so verwegenen Straftat zurückschreckte, sondern sich in fast kleptomanischer Besessenheit alles nahm, was er wollte. Ich wusste nicht, dass er zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Jugendstrafen verbüßt hatte wegen Einbruch, Diebstahl, Körperverletzung und Fahren im angetrunkenen Zustand. Da ich ihn sehr sympathisch fand, nahm ich ihn als Lehrling. Er sollte die nächsten fünf Jahre zu meinem Alptraum werden...

Einen Monat später stellte ich einen weiteren Lehrling ein namens Volkmar Priefer. Da Patrick und er etwa gleich alt waren, verstanden sie sich auf Anhieb und wurden gute Freunde. Wir lachten viel auf der Arbeit, aber manchmal erschrak ich über den derben Humor, den die beiden hatten. Doch eines Tages stellte ich zu Feierabend fest, dass mir 100,- DM im Portemonnaie fehlten. Da ich an jenem Tag nur mit Patrick allein auf der Baustelle gearbeitet hatte, konnte nur er sie mir gestohlen haben. Am nächsten Morgen stellte ich ihn zur Rede, aber er stritt es natürlich ab. Daraufhin filzte ich ihn und fand einen 50,-DM-Schein in seiner Latzhose. "Komm, Patrick, sag die Wahrheit! Erzähl mir doch nicht, dass das Dein Geld hier ist, denn Du hast doch sonst NIE Geld dabei!" - "Das Geld ist von meiner Freundin. Sie hat es mir heute Morgen geliehen, damit ich mir was zu essen kaufen kann." - "Ok," sagte ich, "dann werde ich Deine Freundin nachher mal anrufen und sie fragen, ob das stimmt." - "Ja, kannst sie ruhig fragen, sie wird es Dir bestätigen!" Dann musste ich noch mal kurz ins Haus, um etwas zu holen. Aber in der Zwischenzeit rief Patrick heimlich seine Freundin an auf dem Handy und flüsterte ihr zu: "Mein Chef wird Dich gleich anrufen und Dich fragen, ob Du mir heute Morgen Geld geliehen hast. Bitte sage ihm, Ja! mein Schatz. Ich erklär Dir alles später." Und tatsächlich bestätigte sie mir dann brav die Lüge von Patrick. Was er jedoch nicht ahnte, war, dass Loyalität immer nur so lange währt, wie eine Freundschaft; aber wenn eine solche zu Ende geht, dann wird manchmal auch schmutzige Wäsche gewaschen und Lügen kommen ans Licht...

Schon während der Probezeit erlebte ich es leider immer wieder, dass Patrick oder Volkmar sich morgens krank meldeten. Mir war klar, dass sie meistens nur zu spät ins Bett gegangen waren oder abends zu viel getrunken hatten. Als Patrick eines Morgens mal wieder mit verkaterter Stimme auf den AB sprach, dass er "krank" sei, rief ich ihn sofort zurück, aber er ging nicht mehr ans Handy. Daraufhin fuhr ich zu ihm nach Hause und klingelte an seiner Tür. Er machte auf und sah mich erschrocken aus seinen schlafverquollenen Augen an, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass ich es bin. Da er noch in Unterhose war, sagte ich im Befehlston: "LOS! ZIEH DICH AN UND KOMM MIT!" Sofort parierte er und saß im Nu mit mir im Auto. So "krank" war er also offensichtlich doch nicht. Aber auch Patrick war wahrscheinlich verwundert über meine rüden Erziehungsmethoden. Da ich jedoch im Auto auch noch Rammstein hörte, fiel es ihm schwer, in mir eine Respektperson zu sehen, sondern ich war für ihn wohl eher so etwas wie ein großer Bruder.

Die Probezeit war noch nicht abgelaufen, und trotzdem tanzte mir Patrick ständig auf der Nase herum. Als er eines Tages mit Volkmar alleine auf der Baustelle war und ihn dazu überredete, einfach schon eine Stunde eher Feierabend zu machen, da ist mir der Kragen geplatzt, als ich es erfuhr, und erteilte Patrick eine fristlose Kündigung. Ich dachte, dass ich diese Nervensäge nun endlich los sei, aber die Geschichte war damit noch lange nicht zu Ende. Drei Wochen nach der Kündigung rief mich Patrick an. Mit einer Engelszunge und übertriebener Freundlichkeit erklärte er mir, dass er gerade ein Regal baue für seine Mutter und zu diesem Zwecke etwas flexen müsse. Er fragte, ob er sich von mir den Winkelschleifer ausleihen dürfe und in meiner Werkstatt etwas damit schneiden dürfe. Ich sagte: "Ja, kein Problem." Eine halbe Stunde später kam Patrick mit einem anderen Burschen zu mir und ich schloss ihnen die Werkstatt auf. Dann ging ich wieder über die Gartentreppe rauf in unsere Wohnung. Da wir schon November hatten, war es schon um 17.00 Uhr sehr dunkel draußen. Ich hörte den dumpfen Krach aus der Werkstatt. Nach einer Weile ging ich wieder runter, um zu sehen, was Patrick da eigentlich macht. Doch als mich sein Kumpel sah, der rauchend vor der Tür stand, rief dieser leise aber hörbar durch den Türspalt: "Achtung, er kommt!"

Das machte mich misstrauisch. Patrick hörte sofort auf zu schneiden und machte die Tür auf, so dass eine große Staubwolke aus der Werkstatt kam. Ich sagte: "Warum machst Du denn die Tür zu beim Schneiden? Du staubst ja alles voll hier!" Patrick stellte sich demonstrativ in die Tür, damit ich nicht sehen konnte, was er da gerade gemacht hatte und sagte: "Nee, das ist ja nur, damit die Nachbarn sich nicht beschweren wegen dem Krach, denn es ist ja schon Abend." Ich wusste, dass er etwas zu verbergen hatte, ließ mir aber nichts anmerken und sagte so gleichgültig wie möglich: "Sag mir bescheid, wenn Ihr fertig seid, damit ich wieder zuschließe." Ich ging wieder die Treppe nach oben, aber behielt die beiden im Blick. Doch schon 2 Minuten später sprang unten der Wagen an und sie waren wieder weggefahren ohne Bescheid zu geben. Ich ging runter in den Schuppen, machte Licht an und sah, dass alles vollgestaubt war. Und dann bemerkte ich, dass in der Ecke auf dem Boden eine Metallplatte lag. Ich hob sie auf und betrachtete sie. Um ein Regal zu schneiden hätte ein 1 - 2 mm dickes Blech genügt, aber dies hier war fast eine 1 cm dicke Stahlplatte. Ich nahm sie mit nach oben und dachte: "Das sieht er aus, als hätten sie einen Tresor aufgeschnitten."

Ich nahm den Hörer und rief die Polizei an. "Ja, hier Polizeinotruf." - "Entschuldigen Sie, aber ich habe mal eine Frage: Wurde in letzter Zeit mal ein Tresor gestohlen in Delmenhorst?" - "Es wird öfter mal ein Tresor gestohlen; wieso? Was wissen Sie denn?" - "Ach, ich wollte nur mal fragen, weil ich den Eindruck habe, dass gerade eben in meiner Werkstatt ein Tresor aufgeschnitten wurde, denn ich halte hier ein ziemlich dickes Stück Stahl in der Hand." - "Können Sie mir dazu mal genauere Angaben machen?" - "Nein, ich möchte eigentlich lieber nichts weiter sagen, denn sonst würde ich einen jungen Mann belasten, der möglicherweise unschuldig ist." - "Wenn Sie jemanden decken, dann machen Sie sich aber ebenso strafbar. Wenn der Betreffende aber unschuldig ist, dann hat er doch nichts zu befürchten. Und selbst wenn er etwas ausgefressen hat, dann helfen Sie ihm nicht, wenn Sie ihn decken, sondern unterstützen ihn sogar indirekt, weil er es immer weiter machen wird. Also, wollen Sie jetzt reden?" - Ich überlegte und sagte dann: "Sie haben recht. Es handelt sich um einen ehemaligen Lehrling von mir. Er heißt Patrick Mücher und wohnt hier in Delmenhorst." Dann erzählte ich die Einzelheiten und gab die genaue Adresse bekannt.

Sofort fuhr ein Streifenwagen zu seiner Wohnung, wo sie aber nur die Mutter antrafen. Sie gab den Beamten die Adresse von seiner Freundin, wo er übernachtete. Dort angekommen, durchsuchten sie die Wohnung und fanden unterm Kopfkissen jede Menge Bündel mit Geldscheinen, sowie Briefmarken im Wert von rund 1000,-DM. Sie verhafteten Patrick und nahmen ihn mit auf die Wache. Patrick war geständig und gab zu, dass er in der Orthopädischen Klinik in Ganderkesee absichtlich ein Fenster im Erdgeschoss offen gelassen hatte, durch das er dann in der Nacht eingestiegen sei, um einen Tresor herauszutragen. Er tat ihn auf den Gepäckträger seines Fahrrads, deckte ihn zu und schob das Fahrrad dann in eine Nebenstraße, wo er einen Cousin anrief, um ihn abzuholen. Da Patrick bereits einschlägig vorbestraft war, drohte ihm nun eine Haftstrafe nach dem Jugendstrafrecht. Doch da keine Fluchtgefahr bestand, konnte er bis zum Beginn seines Prozesses noch in Freiheit verbringen.

Nach etwa drei Wochen rief mich die Kundin Preusse an, deren Tochter mit Patrick befreundet war. Sie bat darum, ob ich Patrick nicht noch mal eine Chance geben könnte, denn wenn er in einer Ausbildung sei, könnte die Strafkammer möglicherweise von einer Haftstrafe absehen. Ich erklärte ihr, dass ich Patrick für gefährlich halte, zumal er ja früher auch schon mal in psychiatrischer Behandlung war. Frau Preusse zeigte Verständnis und erklärte dies ihrer Tochter. Was ich jedoch nicht ahnte, war, dass diese nichts von Patricks Psychiatrie-Aufenthalt wusste. Da die Beziehung wohl ohnehin schon am seidenen Faden war, machte Bettina im Streit nun ganz mit ihm Schluss, rief mich an und verriet mir, dass Patrick mir damals tatsächlich die 100,-DM gestohlen hatte, sie aber nicht länger mit einem kriminellen Psychopathen zusammen leben wollte.

Als ich am nächsten Tag morgens mit Bobby in mein Auto steigen wollte, war die Heckscheibe zerschlagen. Ich rief sofort Patrick an und sagte ihm, dass er mir diesen Schaden ersetzen werde. "Gar nichts werd' ich tun, sondern ich werde Dir eins aufs Maul hau´n! Warum hast Du Bettinas Mutter erzählt, dass ich mal in der Psychiatrie war?!" - "Ich wusste nicht, dass sie es nicht wusste. Tut mir leid dafür. Aber Du hättest mit mir reden können und nicht einfach feige die Heckscheibe zerdeppern sollen! Ich will, dass Du heute zu Feierabend herkommst, und dann reden wir über alles!" - "Einen Sch... werd ich tun! Warum sollte ich?" - "Du wirst kommen, sonst komme ich zu Dir! Wir müssen reden!" Ich legte auf.

Als ich mit Volkmar zu Feierabend die Einfahrt hochfuhr, stand Patrick da mit geballten Fäusten und zornigem Blick. Ich musste fast darüber lachen, aber verkniff es mir. Wir stiegen aus und ich ging auf Patrick zu. "Lass uns mal zusammen in den hinteren Garten gehen zum reden", sagte ich und verabschiedete mich von Volkmar. Als wir durch die Pforte gingen, war mein erster Satz: "Weißt Du, Patrick, eigentlich mag ich Dich..." In diesem Moment merkte ich, wie eine tonnenschwere Last von Patrick abfiel und sich seine aufgestaute Wut in Staub auflöste. Er war fast den Tränen nahe, denn mit diesem Satz hatte er gar nicht gerechnet, und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, warum ich das sagte. Auf jeden Fall war die Stimmung auf einmal gelöst, und wir konnten völlig entspannt mit einander reden. Es ging sogar so weit, dass Patrick mir am Ende versicherte, dass er die Scheibe gerne ersetzen würde; aber ich sagte ihm, dass er das nicht mehr bräuchte. Ja, wie stark kann doch eine Versöhnung sein. Im Wort Gottes heißt es: "Eine gelinde Zunge zerbricht Knochen" (Spr. 25:15). Natürlich bedeutet das nicht, dass Patrick von dem Moment an moralisch geläutert war. Ganz im Gegenteil: Einen Monat später brach er nachts in einen Kiosk ein, der dem Freund seiner Mutter gehörte, und kam dafür ein Jahr ins Gefängnis. Aber damit war das Kapitel "Patrick" noch lange nicht beendet, denn es sollte noch 5 Jahre weiter gehen...

Mitte Dezember brach der Winter ein und wir hatten starken Schneefall, so dass es zum ersten Mal nach Jahren sog. „weiße Weihnachten“ geben sollte. Als ich bei Aldi ein Weihnachtsmann-Kostüm fand, wurde ich an meine Kindheit erinnert, wie mein Vater früher immer für uns den Weihnachtsmann spielte, ohne dass wir es bemerkten. Prompt nahm ich es mit, weil ich auch Rebekka diesen Spaß bereiten wollte.

Meine Mutter hatte damals immer behauptet, dass mein Vater leider Nachtdienst hätte und deshalb nicht dabei sein könne, wenn der Weihnachtsmann kommt. Als es dann abends im Hof klingelte, sagte sie: „Schaut mal, Kinder, ich hab‘ da draußen ´was gehört…“ Wir liefen alle zum Fenster und sahen im Dunkel den Weihnachtsmann, wie er mit einer kleinen Glocke bimmelte und in der anderen Hand einen Sack trug voller Geschenke. Er rief uns, und wir machten ihm schnell die Tür auf. Einmal, als er gerade die Geschenke verteilt hatte und wieder gehen wollte, sagte er: „Ich fliege jetzt wieder mit meinen Schlitten in den Himmel und möchte gerne einen von euch mitnehmen! Simon, was hältst du davon, wenn du mit mir fliegst?“ Mir schlug das Herz bis zum Hals, denn ich hatte panische Angst, dass ich vom Schlitten runterfallen könne. Wir gingen hinunter in den Keller, und plötzlich nahm mein Vater seine Maske ab und grinste uns an. Meine Schwester sagte sofort: „Ich wusste, dass Du das bist!“ Ich hingegen war wirklich total überrascht, aber auch sehr erleichtert und hüpfte den Flur rauf und runter, denn der Weihnachtsmann hatte mir schon immer etwas Angst gemacht.

Nach alter Tradition kaufte ich auch einen Weihnachtsbaum, was ich früher immer abgelehnt hatte, weil dieser heidnischen Ursprungs war. Aber Rebekka sollte mit ihren 5 Jahren nun auch mal erleben, wie man richtig Weihnachten feiert, dachte ich mir. Das Kostüm passte perfekt und ich spielte meine Rolle so glaubhaft wie nur irgend möglich. Doch schon nach ein paar Minuten fragte Rebekka: „Papa, dat bist Du, näch?“ – „Wie kommst Du denn darauf?“ fragte ich. „Weil das Deine Stiefel sind! Die kenne ich doch.“ Wir lachten alle, und ich dachte: „Was für eine clevere Tochter haben wir, dass die das so schnell gemerkt hat!


Januar - Juni 2001

Der Steuer-Betrug

Wie in jedem Winter war auch der Jahreswechsel diesmal wieder von einer mageren Auftragslage gekennzeichnet, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als mit meinem verbliebenen Lehrling Volkmar Handzettel an die Briefkästen zu verteilen. Gelegentlich halfen uns dabei auch meine beiden Umschüler Michał Wolny und mein Zwillingsbruder Marco. Dabei nahmen wir an, was wir kriegen konnten an Aufträgen, u.a. auch eine leere Wohnung in Celle, wo wir bis zur Fertigstellung auch übernachten konnten. Mein Kontostand war indes tief ins Minus gerutscht, was auch daran lag, dass mehrere Kunden, die mir insgesamt noch etwa 4.700,- DM schuldeten, noch nicht gezahlt hatten. Unter diesen war auch ein Herr Petersen aus Rastede, der mir seit einem halben Jahr 1.200,- DM für das Streichen seiner Firmenfassade noch immer nicht gezahlt hatte. Nach mehrfachen Anrufen und Mahnungen ließ er mir schließlich im Januar 600,- DM zukommen. Den Rest würde er mir zahlen, wenn ich auch noch die große Längsseite seines Firmengebäudes für 3.944,-DM gestrichen hätte. Daraus entwickelte sich im Sommer 2001 ein zweijähriger Gerichtsstreit - doch dazu später mehr.

In dieser finanziell angespannten Lage rief mich im Januar meine Steuerberaterin aus Neustadt a. Rbge. an, da sie nun die Steuererklärung für 1999 fertig habe. "Herr Poppe, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie!" sagte Frau Krauter. "Die gute Nachricht ist, dass Sie im Jahr 1999 einen beachtlichen Jahresgewinn erzielt haben von etwa 80.000,-DM bei einem Umsatz von gerade einmal nur rund 155.000,-DM. Das ist schon eine enorme Leistung dafür, dass dies Ihr erstes volles Geschäftsjahr war als Selbständiger!" - "Und was ist dann die schlechte Nachricht?" wollte ich wissen. "Nun ja", sagte sie, "Sie hatten ja bisher noch nie Einkommenssteuer zahlen müssen, da Sie ja erst gerade angefangen hatten. Aber das Finanzamt wird Ihnen natürlich jetzt die gesamten Steuern des Jahres 1999 in Rechnung stellen, und das sind abzüglich Ihres Freibetrages in etwa 12.500,-DM. Ich hoffe, dass Sie sich in der Zwischenzeit etwas angespart haben..." Ich war geschockt und geriet auch leicht in Panik. "Kann ich denen das nicht in Raten zahlen?" fragte ich. "Sie können die Einkommenssteuer stunden lassen, aber es kommen ja dann auch noch die Steuern für das Jahr 2000 und die Steuerabschläge für 2001 hinzu, das wissen Sie ja, nicht wahr? Oder hatten Sie für 2000 schon Steuerabschläge bezahlt?" Ich war ganz durcheinander und stotterte nur: "Nein, bis jetzt hat sich das Finanzamt noch nicht bei mir gemeldet und Ich habe auch noch keinen neuen Steuerberater, seit ich in Delmenhorst wohne. Wie viel müsste ich denn für das Jahr 2000 noch zahlen?" – „Ich weiß ja nicht, wie Ihre Umsätze und Kosten waren, aber wenn sie ungefähr so wie im Vorjahr lagen, dann wären das ja noch einmal 12.500,- DM, also insgesamt 25.000,-DM." Mir wurde schwindelig, und ich wollte das Gespräch so schnell wie möglich beenden.

Nachdem ich mich verabschiedet hatte, setzte ich mich erst mal in den Sessel und begann, meine Gedanken zu ordnen. "Hätte man mich nicht vorher warnen müssen? Aber ich hätte es mir doch eigentlich auch denen können. Wie konnte mir das nur passieren, dass ich keine Rücklagen gebildet hatte! Und jetzt bin ich schon so gut wie pleite! Ich ruf mal meinen Vater an, ob der mir noch mal Geld leihen kann!" Ich griff zum Hörer und wählte seine Nummer. Doch mein Vater war ziemlich schlecht gelaunt, als er davon erfuhr und sagte nur: "Verkaufe erst einmal Deine Aktien! Du hast doch mal gesagt, dass Du über 25.000,-DM an Aktien hast. Damit kannst Du das doch bezahlen." - "Das war einmal, Papa!" anwortete ich. "Inzwischen sind sie nur noch gerade einmal 15- bis 17.000,-DM wert! Das wird also nicht reichen..." - "Du solltest Dich dringend mal beraten lassen, denn das ist doch nicht normal, dass das Finanzamt einem so viel Steuern abverlangt! Das kann doch gar nicht angehen!" - "Ich hab' keine Ahnung. Kennst Du jemanden, den ich fragen könnte?" Mein Vater überlegte. "Sonst frag doch mal den Jürgen Abromeit aus der Bibelgemeinde. Der ist gerade in den Ruhestand gegangen, aber hat all die Jahre selber eine Firma gehabt. Der kann Dir bestimmt weiterhelfen!"

Ich rief also den Jürgen an und verabredete mich mit ihm. Nachdem er sich dann meine Einnahme-Überschuss-Konten angesehen hatte, sagte er: "Mir scheint, dass Du einfach viel zu wenig Kosten gehabt hast. Ein gewöhnlicher Betrieb hat normalerweise einen Gewinn von 5 % im Jahr, aber nicht von über 50 %! Ich nehme mal an, dass da möglicherweise auch nicht alle Kosten berücksichtigt wurden." - "Ich war immer sehr sparsam und hatte deshalb in der Tat nur sehr wenig Kosten. Ich dachte, dass ich dann mehr verdienen würde, aber wenn ich das gewusst hätte, dass all die Einsparungen am Ende nur dem Finanzamt zu Gute kommen!" - "Ja, das ist so. Man muss als Unternehmer auch mal investieren in die eigene Firma. Du hast auch kaum Personalkosten gehabt, wie ich sehe..." - "Ja, weil das Arbeitsamt mir immer Zuschüsse bezahlt hat". Jürgen blätterte weiter und überflog die Zahlen. "Deine Materialkostenquote liegt gerade mal bei 15 %. Das ist ja ein Witz!" - "Ich werde in Zukunft aufhören, so geizig zu sein! Aber was kann ich jetzt noch machen?" Jürgen überlegte. "Weißt Du, Simon, ich hätte da eine Idee, aber dafür müssten wir erst mal ein offenes Wort mit einander sprechen. Lass uns aber mal nach oben gehen, denn ich will nicht, dass meine Frau das mitkriegt." Ich dachte: "Nanu, was wird er mir jetzt sagen wollen?"

Wir gingen nach oben in sein Arbeitszimmer, setzten uns und er fing an, mir zu erklären: "Simon, ich glaube nicht, dass Deine Steuerberaterin irgendwas übersehen hat; das hat schon alles so seine Richtigkeit. Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist die, dass Du noch nachträglich ein oder zwei höhere Rechnungen nachreichst, die Deinen Gewinn entsprechend reduzieren. Denn Du hast die Steuerabrechnung ja auch noch nicht eingereicht. Ich habe meinen Betrieb zwar letztes Jahr geschlossen, aber ich habe immer noch das Briefpapier meiner Firma und könnte Dir nachträglich ein paar Rechnungen schreiben, so als ob wir für Dich gearbeitet hätten. Ich schreibe Dir dann zugleich Quittungen aus, dass Du mir das Geld immer bar bezahlt hättest. Wenn ich Dir Rechnungen schreibe in Höhe von insgesamt 40.000,-DM, dann bräuchtest Du nur noch knapp 6.000,-DM an Steuern bezahlen!" - "Aber das ist doch Betrug, und Du bist ein Christ. Wie kannst Du das mit Deinem Gewissen vereinbaren?" Jürgen lehnte sich zurück, faltete seine Hände hinter dem Kopf und sagte: "Ach Simon, der Staat betrügt uns doch auch regelmäßig. Kennst Du nicht die Jahresberichte vom Bund der Steuerzahler oder vom Bundesrechnungshof? Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie viel Steuergelder jedes Jahr verschwendet werden in völlig sinnlose oder überhöhte Projekte, wo wir gar nicht gefragt wurden. Wir holen uns durch Steuertricks nur jenen Teil wieder, den man uns vorher zu Unrecht abgenommen hat!"

Ein interessanter Gedanke. "Aber ich weiß nicht, Jürgen... wenn das jeder machen würde..." - "Es macht ja jeder! Was denkst Du denn?! Man hat mal ausgerechnet, wie hoch das Steueraufkommen wäre, wenn alle ehrlich wären, und hat festgestellt, dass es etwa das Doppelte wäre. Geh mal davon aus, dass über 95 % aller Selbständigen bei ihrer Steuererklärung tricksen und schummeln. Man hätte ja geradezu einen Wettbewerbsnachteil, wenn man da nicht mitmachen würde. Das weiß das Finanzamt auch." - "Und was mach ich, wenn die mich dabei erwischen? Das ist doch total unglaubwürdig, wenn ich der Steuerberaterin jetzt noch nachträglich Rechnungen mit solch hohen Summen nachreiche!" - "Du, das ist der völlig egal, glaub mir!" sagte Jürgen. "Solange die Buchhaltung in sich sauber ist, interessiert sie sich gar nicht für das, was Du machst. Die hat ja auch noch andere Mandanten und weiß wie das läuft. Darüber wird nicht geredet." - "Und wenn ich plötzlich eine Steuerprüfung kriege?" Jürgen lächelte. "Die Häufigkeit, in der ein Unternehmen Deiner Größe eine Steuerprüfung kriegt, ist in etwa alle 50 Jahre einmal. Wenn Du Glück hast, dann wirst Du bis zu Deiner Rente nie geprüft werden. Die haben dafür auch gar nicht das Personal." Eine Frage hatte ich noch zum Schluss: "Wie kannst Du das aber mit Deinem Glauben vereinbaren?" Er wippte mit dem Stuhl und überlegte. "Mir ist schon klar, dass die meisten Christen dafür kein Verständnis hätten. Jeder gibt sich nach außen hin wie ein Unschuldsengel und will sich nicht die Finger schmutzig machen. Aber glaub mir: Das ist echte Nächstenliebe, wenn man so einen jungen Burschen wie Dir hilft und dabei auch noch selbst ein Risiko eingeht! Jemanden nicht-in-Stich-lassen - darum geht‘s!"

Unwillkürlich wurde ich bei diesen Worten an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erinnert. "Der Priester und der Levit gingen einfach an dem Verwundeten vorbei", dachte ich, "aber ausgerechnet der von den Juden verhasste Samariter erwies ihm Barmherzigkeit und zahlte sogar auch später noch für seine Pflege! Echte Liebe besteht in Selbstverleugnung, indem man sich nicht scheut, sich die Finger schmutzig zu machen. Da wo andere die Nase rümpfen und sich ekeln. Jürgen half mir ja völlig uneigennützig, einfach nur, weil er meine Not sah!

"Sie sind gar kein Maler!"

Allmählich hatte sich meine Auftragslage wieder deutlich verbessert, so dass ich einen weiteren Gesellen einstellen konnte und musste, Steffen Koch aus Thüringen. Er war schon ein erstaunlicher Kerl, denn er war zwar auf der einen Seite sehr still und verschlossen, aber auf der anderen Seite machte er hervorragende Arbeit. Besonders gefiel mir, dass er nie jammerte, selbst wenn er Baustellen bekam, die einem Höchstleistungen abverlangten, wie z.B. das Streichen von Fassaden ohne Gerüst. Selbst schwierigste Aufgaben, vor denen ich selbst zurückschreckte, erledigte er mit einer geradezu stoischen Lässigkeit. Manchmal kam ich auf eine Baustelle, um mich um ein bestimmtes Problem selber zu kümmern, und da sah ich, das Steffen es schon selber gelöst hatte; ich fragte ihn: "Steffen, wie hast Du das denn da oben hingekriegt über dem Glasdach? Da kommt man ja gar nicht hin!" Er drehte sich zu mir und sagte mir mit seinem thüringischen Dialekt: "O jo, des wa gar keyn Problem, da hab isch onfoch dn Pinsel an de Teleskopstange befestischt, donn ging das scho." Steffen war wie ein Christ: demütig, bescheiden, aber auch gelassen und immer völlig entspannt. Das einzige, was uns immer an ihm störte, war sein extremer Achselgeruch, weil er selbst im Sommer immer lange Hemden trug. Ich traute mich jedoch nicht, ihm deshalb eine Rüge zu erteilen, sondern sagte einfach nur scherzhaft: "Au ha, hier ist ja wieder der Duft der weiten Prärie!"

An einem Tag erzählte mir Volkmar, dass einer seiner Mitschüler in der Berufsschule drauf und dran sei, die Lehre zu schmeißen, da er in seinem Ausbildungsbetrieb immer gemobbt werde. Deshalb habe ihm Volkmar erzählt, dass er einen "richtig coolen Chef habe", der ganz anders sei und seine Leute immer gut behandle. Mario Lieberenz (17) rief mich deshalb an und wir verabredeten uns zum Vorstellungsgespräch. Zu meiner Überraschung kam er mit seiner Mutter. Wir setzten uns, und seine Mutter redete die ganze Zeit, während Mario auf den Boden schaute und kein Wort sagte. Man merkte, dass seine Mutter ihm peinlich war. Ich nahm ihn, weil ich irgendwie ein gutes Gefühl hatte trotz seiner Schüchternheit. Doch Mario erwies sich im Laufe der nächsten Monate ebenso als Glücksgriff. Wie Volkmar kam auch Mario aus Mecklenburg-Vorpommern, war aber hochbegabt und sehr sympathisch. Als er gerade 18 wurde, teilte seine Freundin ihm mit, dass sie von ihm schwanger geworden sei. Danach verfiel Mario in Schwermut, wohl auch deshalb, weil er sich mit seiner Freundin nicht mehr gut verstand und sich auch schon bald von ihr trennte. Als junger Vater hatte er aber nun neben seiner Ausbildung eine Doppelbelastung und wusste, dass er die nächsten 20 Jahre auch für den Unterhalt seines Kindes aufkommen müsse.

Eines Tages, als ich gerade in einem Treppenhaus am Arbeiten war, trat eine der Wohnungs-Eigentümerinnen zu mir und sagte: "Herr Poppe, entschuldigen Sie, aber ich muss Ihnen mal etwas sagen, was ich Ihnen schon die ganze Zeit mal sagen wollte." Ich wandte mich zu ihr und sagte: "Ja, gerne." Und dann sagte sie unvermittelt: "Sie sind gar kein Maler!" Ich war überrascht und amüsiert zugleich. "Na sowas, wie kommen Sie darauf?" - "Weil Sie kein Maler sind!" bekräftigte sie. "Doch. ich bin Maler. Warum zweifeln Sie das an?"- "Weil ich Handwerker kenne, aber so einen wie Sie habe ich noch nie erlebt!" Jetzt wurde ich allmählich unruhig und fragte: "Was wollen Sie denn damit sagen?" Sie lächelte freundlich und klärte mich auf: "Schauen Sie: Ich finde Sie ausgesprochen nett und sympathisch, und ich habe auch zugehört, wie Sie mit ihren Mitarbeitern reden und umgehen. Das ist aber völlig außergewöhnlich, denn Sie behandeln sie wie ein Vater, aber nicht wie ein Chef. Sie sind einfühlsam und zutraulich, ganz das Gegenteil von einem normalen Handwerksmeister. Zudem merke ich auch, dass Sie intellektuell sind, denn wir haben uns ja schon öfter unterhalten, wenn Sie hier im Haus tätig waren." Ich lächelte verlegen und wusste nicht so recht, was ich dazu sagen sollte. Sie fuhr fort: "Wissen Sie, ich bin Schulleiterin, und zu mir kommen immer wieder junge Lehrkräfte, die sich um eine Anstellung bewerben. So einen wie Sie würde ich sofort nehmen! Sie haben den völlig falschen Beruf erwählt! Sie hätten Lehrer werden sollen!" Jetzt verstand ich. "Aber ich bilde doch auch Lehrlinge aus, also bin ich doch in gewisser Weise auch ein Lehrer" sagte ich. "Ja, aber ich halte Sie für sehr gebildet und deshalb auch völlig unterfordert in Ihrem Beruf. Sie können mir doch nicht erzählen, dass dies Ihr Traumberuf ist!"

Jetzt merkte ich, dass diese Frau mich durchschaut und ich ihr nichts vormachen konnte. Ich unterbrach meine Arbeit und erklärte ihr, dass ich tatsächlich nicht ganz freiwillig Maler geworden war, sondern als Jugendlicher in eine christliche Sekte geriet, die mich dazu überredeten, das Gymnasium nach der 11. Klasse abzubrechen, um einen einfachen Handwerksberuf zu erlernen. "Das habe ich mir schon gedacht!" sagte Sie, "aber Sie sollten diese Umstände nicht einfach als Ihr Schicksal hinnehmen, denn Sie sind noch jung und können immer noch auf Lehramt studieren, denn es werden ja in den nächsten Jahren viele Lehrer in den Ruhestand gehen, so dass dringend neue gesucht werden." - "Ich habe aber kein Abitur." - "Das brauchen Sie auch nicht, wenn Sie einen Meistertitel haben, denn der wird als gleichwertige Hochschulreife anerkannt, zumindest in Niedersachsen." - "Aber wann sollte ich denn studieren? Ich habe eine Firma und auch eine Familie zu ernähren!" - "Sie können sich Ihre Qualifizierung auch durch ein Fernstudium aneignen. In Hagen gibt es eine Fern-Uni, - das machen ganz viele, gerade Quereinsteiger!" - "Ich weiß nicht so recht. Als Lehrer stehe ich auch ständig unter Beobachtung und kann nicht machen, was ich will. Als Chef habe ich mehr Freiheit und kann mich auch mal zurückziehen, wenn mir gerade danach ist." - "Als Lehrer hätten Sie noch viel mehr Freiheit! Bedenken Sie, dass Sie nur halbtags arbeiten brauchen und dann auch in den Schulferien immer frei hätten! Vor allem haben Sie die Möglichkeit, Einfluss auf junge Menschen zu üben, und das ist doch wirklich eine gute Sache!" - "Ja, das stimmt, und ich mag auch gerne Dinge erklären, aber ich will mir nicht immer vorschreiben lassen, was ich anderen beibringen soll. Ich fürchte auch, dass ich schnell Ärger bekommen würde, wenn ich mich nicht an die Regeln halte. Nein, Sie meinen es gut - und ich danke Ihnen dafür - aber der Lehrerberuf wäre doch nichts für mich."

Meine Midlife-Crisis

Wenn man noch jung ist, freut man sich auf die viele Zeit, die einem noch bleibt, um das Leben zu genießen. Meistens sind die Erlebnisse in der Jugendzeit so schön, dass man glaubt, es würde nun immer so weiter gehen. Doch irgendwann wird einem bewusst, dass man sterben muss und die Zeit immer schneller voranschreitet. Die vielen Verpflichtungen des Alltags bringen einen dazu, dass man sich zwar ablenken kann, aber insgeheim den Eindruck gewinnt, dass das Leben längst nicht mehr so glücklich ist, wie es mal war. Man hat das Gefühl, dass einem all die Mühe nicht mehr in rechter Weise gelohnt wird. Zu dieser Einsicht kam wohl auch der König Salomo, als er das Predigerbuch (Kohelet) schrieb. "Alles ist eitel (nichtig) und ein Haschen nach Wind" war immer wieder sein Schlussresümee. Hinzu kommt, dass einem jeder Tag wie der nächste erscheint und man sich vorkommt wie in einem Hamsterrad, aus dem es kein Entkommen gibt. In stillen Stunden fragt man sich, wofür man sich täglich abmüht und ob es überhaupt der Mühe wert sei. Lebt man eigentlich ein gutes Leben oder wartet da draußen nicht irgendwo ein viel besseres Leben, das aber unerreichbar scheint, weil man nicht mehr die Kraft hat, seiner Wirklichkeit zu entkommen?

Normalerweise kommen einem solche Zweifel und Fragen erst in der Lebensmitte, also mit 40 oder 45 Jahren in der sog. Midlife-Crisis (Krise in der Lebensmitte). Aber ich hatte bereits mit 33 Jahren die Befürchtung, dass da nichts mehr kommt, auf dass ich mich noch freuen könnte. Mir war, als wäre mein Leben schon vorbei, und alles was jetzt noch kommt, wäre nur noch bloß ein Warten auf den Tod. Jeden Nachmittag ging ich mit unserem Hund Bobby um den großen See herum, wo wir wohnten, und fragte mich, welches überhaupt der Sinn im Leben sei. Als ich noch Christ war, war Jesus mein Lebensmittelpunkt. Ich lebte nur für Ihn und Er gab meinem Leben Halt und Sinn. Doch jetzt, wo ich nicht mehr glaubte, war dieser Platz leer. Schon seit 5 Jahren lebte ich sozusagen "führerlos" und irrte ohne Orientierung durchs Leben. Der Philosoph Nietzsche hat diesen Zustand mal sehr schön beschrieben in einer Gleichnisgeschichte, was eigentlich passiert, wenn ein Mensch plötzlich seinen Glauben verliert:

"Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: ‚Ich suche Gott! Ich suche Gott!‘ Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. ‚Ist er denn verlorengegangen?‘ sagte der eine. ‚Hat er sich verlaufen wie ein Kind?‘ sagte der andere. ‚Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert?‘ - so schrien und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ‚Wohin ist Gott?‘ rief er, ‚ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? ...

Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat - und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!‘ Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. ‚Ich komme zu früh‘, sagte er dann, ‚ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne - und doch haben sie dieselbe getan!‘ - Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: ‚Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?‘ ---

Ja, auch ich hatte durch meinen Unglauben Gott für tot erklärt und spürte jetzt diese Leere und Kälte in mir, und eine unendliche Traurigkeit. Nietzsche war ja auch mal gläubig gewesen in seiner Jugend. Er soll auch mal geschrieben haben: "Des Nachts trauert der Gottlose heimlich am Grabe seines toten Gottes". Genauso ging es auch mir. Ich trauerte über den Verlust meines Glaubens. Früher hatte ich ein schönes Leben gehabt in der Geborgenheit meiner Familie und in der Gemeinschaft mit Jesus Christus und Seiner Gemeinde. Aber jetzt war ich auf einmal völlig allein auf der Welt und niemand konnte mir sagen, wie es weitergehen solle. Ich schrieb damals in mein Tagebuch: "Wenn es kein höchstes Wesen mehr für mich gab, dann konnte von nun an ja nur noch der Mensch das ‚höchste Wesen‘ sein. Aber der Mensch ist kein vollkommener Gott, sondern ein scheiternder und lernender. Vielleicht haben sich Menschen deshalb immer in den Glauben an einen externen Gott geflüchtet, weil ihnen die Vorstellung, dass sonst sie selbst das ‚höchste Wesen‘ seien mit all ihrer Unzulänglichkeit unerträglich vorkam. Die Gläubigen wollen die Nichtexistenz Gottes nicht wahrhaben, deshalb freuen sie sich über jedes noch so kleine Zeichen seiner möglichen Existenz. Der Dichter Truman Capote schrieb ja einmal: ‚Es werden mehr Tränen vergossen über erhörte Gebete, als über nicht erhörte‘."


Der Fall Petersen (Teil 1)

Mitte April bewarb sich ein ehemaliger Klassenkamerad meines Bruders Patrick, Jörg Osterkamp (28), um eine Anstellung als Malergeselle, und da er Christ war und ich aufgrund der zwei Umschüler und der zwei Lehrlinge dringend noch einen Gesellen brauchte, nahm ich ihn. Und dann bewarb sich noch ein junger Russe namens Sergej Eliseev (20), um bei mir ein Jahrespraktikum zu machen. Wir machten täglich 2 bis 3 Baustellen gleichzeitig, indem jeder der beiden Gesellen und ich jeweils ein bis zwei Lehrlinge oder Umschüler nahmen. Als dann am 23.05.01 die 248 m²-große Fassade in Rastede anlag, fuhren wir alle 7 dort hin, um wegen der langen Fahrzeit dort nicht viele Male hinzumüssen. Es war ein warmer, sonniger Tag, und während die anderen das Rollgerüst aufbauten, verhandelte ich mit Herrn Petersen um den Preis. Für das zweimalige Streichen inkl. Abkleben und Grundieren nahm ich damals 17,00 DM/m², d.h. insgesamt würde die Fassade 4216,-DM netto kosten. Ich bot Herrn Petersen die Wand für pauschal 4000,-DM an, aber er wollte maximal nur 3.000,-DM bezahlen. Wir einigten uns schließlich bei 3.400,-DM netto, und ich gab meinen Mitarbeitern grünes Licht, dass sie anfangen können.

Am frühen Nachmittag desselben Tages hatten wir die Vorarbeiten und den ersten Anstrich erledigt, so dass die Wahrscheinlichkeit groß war, bis zum Abend auch noch den 2. Anstrich zu schaffen. So vereinbarte ich mit Herrn Petersen, dass ich ihn abends anrufen würde, sobald wir fertig sind, um dann gemeinsam die Abnahme zu machen. Als wir dann gegen 18.00 Uhr endlich fertig waren, rief ich Herrn Petersen an, aber er ging nicht ans Handy. Auch auf seiner Privatnummer war er nicht zu erreichen. Wir luden also alles ein und fuhren zurück nach Bremen. Aber auch in den Tagen danach, war Herr Petersen nicht zu erreichen, so dass mir schon Böses schwante. Ich schrieb ihm also die Rechnung in Höhe von insgesamt 5292,50 brutto inkl. der noch 696,-DM brutto aus dem Vorjahr, und nach einem Monat eine Mahnung, auf die er nicht reagierte. Ich rief wieder mehrere Male an und sprach schließlich mit seiner Sekretärin, die mir mitteilte, dass Herr Petersen im Urlaub sei. Als ich auch in den Monaten danach nichts mehr von ihm hörte, nahm ich mir einen Anwalt und verklagte Herrn Petersen auf Zahlung, wobei ich meine Mitarbeiter als Zeugen benannte.

Kurz darauf erhielten wir einen Brief von Petersens Anwalt, der uns überraschenderweise mitteilte, dass es Herr Petersen nicht "passivlegitimiert" sei und ich die Arbeiten gar nicht für ihn sondern für seine Firma Harrison GmbH ausgeführt hätte, was aus einer von mir unterschriebenen Bestätigung hervorginge, die er auf dem Briefpapier der Fa. Harrison notiert hatte. Von daher sei die Klage ohnehin abzuweisen. Zudem hätten die Streitparteien angeblich für die dreimal so große Längsseite des Gebäudes auch nur angeblich 1.200,- DM vereinbart wie für die Vorderseite. Der Anwalt zählte dann noch ein paar weitere Lügen auf, so dass mir klar wurde, dass hier schweres Geschütz aufgefahren wird. Mein früherer Chef, Herr Tönjes, hatte mir damals abgeraten, mich selbstständig zu machen, da ich angeblich zu weich und zu gutmütig sei für die Realwirtschaft, in der zuweilen mit harten Bandagen gekämpft werde. Doch ich wollte mir und allen anderen beweisen, dass ich diesen Kampf bis zum äußersten führen würde.

Das Gericht hatte uns alle für den 23.04.2002 nach Westerstede geladen. Da Herr Petersen u.a. Mängel an unserer Arbeit behauptet hatte, setzte mir der Anwalt von Herrn Petersen plötzlich perfiderweise am 19.04.02 eine Frist von einer Woche, um noch vorhandene Mängel am Objekt zu beseitigen. Er war sich sicher, dass wir diese Frist nicht einhalten könnten wegen der langen Anfahrt und der kurzen Fristsetzung mitten in der Hochsaison. Dies hatte er sich wohl als "Falle" überlegt, um hinterher sagen zu können: "Wir hatten der Fa. Poppe eine Gelegenheit zur Nachbesserung gegeben, aber sie waren nicht erschienen." Er hatte es jedoch versäumt, auch seinem Mandanten über seinen Plan in Kenntnis zu setzen, so dass dieser ziemlich überrascht war, als wir am 23.04.02 morgens plötzlich alle bei ihm auf der Matte standen und fragten, was denn auszubessern sei. Denn der Gerichtstermin sollte ja erst um 12:15 Uhr an jenem Tag beginnen, so dass ich den weiten Anfahrtsweg nutzen wollte, um 4 Stunden vor dem Termin noch gemeinsam die Nacharbeiten auszuführen. Herr Petersen reagierte darüber erbost und verbot uns, sein Grundstück zu betreten. Als ich meinen Anwalt darüber informierte, sagte er: "Phantastisch, Herr Poppe, jetzt können wir vor Gericht sagen, dass Herr Petersen sein Recht auf Nachbesserung verwirkt hat, da er innerhalb der von ihm selbst gesetzten Frist nicht dazu bereit war!" Auch das Gericht schloss sich dieser Einschätzung an und verurteilte später Herrn Petersen auf Zahlung der Gesamtforderung. Herr Petersen ging jedoch in Berufung, so dass sich der Streit noch ein weiteres Jahr hinzog und mit einer großen Überraschung enden sollte. (Fortsetzung folgt...)


Juli - Dezember 2001

Chaotische Zustände

Herr Petersen sollte jedoch nicht der einzige Kunde bleiben, der die Zahlung verweigerte. Im Laufe der nächsten Jahre häuften sich die Reklamationen und auch die darauf folgenden Rechtsstreitigkeiten mit Kunden. Wenn man immer nur mit Lehrlingen oder Billigarbeitern die Aufträge ausführt, dann ist es kein Wunder, dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann. Ich selbst war aber damals blind für diesen Zusammenhang, sondern hielt mich für besonders clever und kostenbewusst. Ich vertraute der Rechtsprechung und scheute deshalb keine noch so banale Auseinandersetzung. Dabei fehlte mir jedes Maß- und Taktgefühl. Während die Kunden sich zu recht über unsere schlechte Arbeit beklagten, konterte ich mit Paragraphen aus der VOB (Verdingungsordnung für Bauleistungen), weil sie z.B. Fristen versäumt hätten, um eine Minderung noch geltend machen zu können. Dem Vorsitzenden der Steuerberaterkammer von Bremen erdreistete ich mich sogar am Ende eines Briefes zu schreiben: "Wenn man bedenkt, wie kleinlich Sie bei der Begutachtung unserer Arbeit waren, wundert es mich, daß Sie in Ihrem kurzen Brief 13 Rechtschreibfehler gemacht haben". Mit anderen Worten: Ich hatte keine Ahnung von Kundenfreundlichkeit, sondern sah jeden kritischen Kunden als meinen potentiellen Feind an.

Doch während ich meinen Kunden mit Misstrauen und Unterstellungen begegnete, legte ich bei meinen eigenen Interessen einen viel großzügigeren Maßstab an. Als mir mein Lehrling Volkmar an einem Tag z.B. sagte, dass er die Schraubdübel für die Wärmedämmplatten nicht tief genug in die Wand bekam, weil der Zement zu hart sei, sagte ich ihm: "Dann kürze die Dübel einfach mit dem Cuttermesser und stecke sie nur so in die Styroporplatten, dass es wenigstens den Eindruck hat, die Platten seien verdübelt! Der Putzkleber hält die Platten auch schon von ganz alleine an der Wand." Was aber konnte ein Lehrling vom Chef lernen, wenn der Chef selbst ihm die Anweisung zum Pfuschen gibt? Eine ähnliche Anweisung dieser Art war übrigens: "Schleif das mal gründlich mit dem Handfeger!" was übersetzt heißt: "Du brauchst das gar nicht anschleifen, sondern nur einmal mit dem Handfeger rübergehen!"

Zuweilen geschahen Fehler aber auch einfach nur aus Flüchtigkeit, weil wir zu Feierabend schnell nach Hause wollten. Einmal fuhr ich mit den Lehrlingen von Bremen nach Delmenhorst zurück, als mir plötzlich auffiel, dass ich mein Handy nicht dabei hatte. Ich sagte einem der Lehrlinge, dass er mich mal anrufen möge, um zu hören, ob es irgendwo im Auto klingelt. Tatsächlich hörten wir ein leises Klingeln, aber es war nicht im Auto, sondern außerhalb. Ich hielt also an und fand mein Handy auf dem Autodach. Als ich aber dann losfuhr und im dichten Stadtverkehr bei der Ampel eine Vollbremsung machen musste, rutschte die große Schiebeleiter, die ich außerdem vergessen hatte, auf dem Dachgepäckträger zu befestigen, vorne über auf die Motorhaube und wäre beinahe ins Heck des vor mir haltenden Wagens gerutscht. Die Schiebeleitern zu befestigen hatten wir schon öfter mal in der Eile vergessen. Einmal fuhr ich auf die Autobahn rauf und beschleunigte, als ich plötzlich im Rückspiegel sah, wie meine große 3-teilige-Schiebeleiter im hohen Bogen in der Luft flog und mit großem Krach mitten auf die Autobahn fiel. Mir stockte der Atem, aber zum Glück war gerade in diesem Moment kein Fahrzeughinter mir. Aber man stelle sich mal vor, wenn diese 40 kg schwere Leiter in ein anderes Fahrzeug gekracht wäre! Welch eine Güte Gottes, dass das nicht passiert war! Erst jetzt im Nachherein sehe ich, wie oft der HErr Seine schützende Hand über mich hielt.

An einem Tag fuhr ich mit den Lehrlingen zu einem Auftrag in den 35 km entfernten Ort Leuchtenburg. Wir hatten auch diesmal wieder unseren Hund Bobby dabei. Am Nachmittag sagte ich zu dem Praktikanten Sergej, er möge doch mal eine Runde Gassi gehen mit Bobby, zumal sich der angrenzende Wald gut dafür eignete. Nach einer Stunde kam Sergej wieder und berichtete, dass er Bobby aus den Augen verloren habe, da er ihn nicht an der Leine führte. Wir suchten die gesamte Gegend mit dem Wagen ab, aber fanden ihn nirgends. Zu meinem Schreck waren an den Bäumen auch noch überall Hinweisschilder angebracht, dass man Rattengift ausgelegt hatte. Da es inzwischen dunkel geworden war, brachen wir die Suche nach einer Stunde ab und fuhren zurück nach Delmenhorst. Am frühen Morgen rief mich dann die Kundin an und sagte, dass Bobby seit 3.00 Uhr in der Frühe vor ihrer Haustür am Jaulen sei und ich ihn doch abholen möge. Wir waren heilfroh, dass die Geschichte so doch noch ein gutes Ende nahm.

Unsere Nachbarin, die alte Frau Heineke (82), die unter uns wohnte im EG, war auf Bobby überhaupt nicht gut zu sprechen. Sie fühlte sich durch ihn bedroht, schon allein wenn sie ihn von Ferne sah. Sie hatte aber auch ständig an uns etwas auszusetzen. Als wir z.B. im Haus eine Mäuseplage hatten, warf sie uns vor, dass wir heimlich Mäuse in ihr Haus gebracht hätten, um sie auf diese Weise loszuwerden. Als ich ihr versicherte, dass diese von ganz alleine gekommen seien, behauptete sie, die Mäuse wären von unserer Wohnung in ihre übergelaufen, weil wir angeblich unseren Müll in der Wohnung lagern würden. Ich machte ihr deutlich, dass wir ja in der 1. Etage wohnen und die Mäuse ja nicht vom Himmel kämen, sondern von ihrer Wohnung nach oben in unsere gelaufen seien. Aber sie glaubte uns nicht und verbreitete das Gerücht auch bei den Nachbarn.

Eines Tages kam Frau Heineke die Treppen zu uns rauf, nachdem sie gerade von einer Urlaubsreise zurückgekehrt war und rief mit lauter und tränenunterdrückter Stimme: "HERR POPPE, WAS HABEN SIE DENN MIT MEINER WOHNUNG ANGESTELLT!!! WAS HABE ICH IHNEN DENN GETAN, DASS SIE MEINE GANZE WOHNUNG UNTER WASSER GESETZT HABEN!" Ich wusste gar nicht, wovon sie redete und ging mit ihr nach unten ins Wohnzimmer. Tatsächlich war der ganze Teppich nass und die Tapeten hingen von der tropfnassen Decke herunter. Mir war sofort klar, dass hier wohl ein Rohr geplatzt sein musste und ich beruhigte sie liebevoll, dass dies kein von uns beabsichtigter Schaden sei, sondern nur ein Wasserrohrbruch. Ich rief ihre Gebäudeversicherung an und auch einen Klempner, damit er den Schaden behebe. Es stellte sich heraus, dass eine Dichtung des Waschmaschinen-Ablaufs in der Wand undicht geworden war. Der Schaden wurde behoben und sogar ihre Möbel größtenteils durch neue ersetzt. Doch nach zwei Monaten kam sie wieder hoch und sagte, dass auch in ihrem Flur sich die Tapeten etwas gelöst hätten, diese aber im Zuge der Renovierarbeiten nicht berücksichtigt wurden. Um mit ihr Frieden zu schließen, bot ich ihr an, ihr den Flur kostenlos neu zu tapezieren, wenn sie nur die Tapeten besorgen würde, womit sie einverstanden war. Nachdem sie nun mehrmals darauf drängte, dass ich mein Versprechen einlösen möge, fuhr ich mit ihr zum Baumarkt, damit sie sich neue Tapeten aussuchen könne. Als wir nun an der Kasse standen und an die Reihe kamen, sagte ich zu ihr: "Frau Heineke, wir sind dran! Sie müssen jetzt bezahlen." Daraufhin schaute sie mich entgeistert an und sagte: "Wieso muss ich die Tapeten bezahlen?! SIE haben mir doch den Schaden verursacht! Das sehe ich ja gar nicht ein!" Alle schauten mich an, und ich sah, dass ich jetzt keine Diskussion mit ihr führen konnte, zumal die Schlange an der Kasse lang war. Also bezahlte ich schnell. Aber auch als wir zum Auto zurückgingen, wollte sich Frau Heineke nicht mehr an unsere Abmachung erinnern, so dass ich schließlich aufgab und zähneknirschend auch die Kosten für die Tapeten übernahm.


Der 11. September

Jeder von uns erinnert sich noch an den Moment, als er zum ersten Mal von den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11.09.2001 erfuhr, denn es handelt sich ja hierbei wirklich um ein historisches Ereignis. Ich vermute, dass die meisten wohl erst nach Feierabend gegen 17.00 Uhr im Radio davon erfuhren und dann später in der Tagesschau um 20.00 Uhr die Bilder sahen. Meine Frau und ich hatten das Vorrecht, dass wir die Ereignisse damals live am Bildschirm verfolgen konnten, denn wir wollten eigentlich die Sendung der "Richterin Barbara Salesch" sehen, als wir den Fernseher anschalteten und den ersten der beiden Türme in Rauschschwaden sahen. Sofort vermuteten die Reporter, dass es sich wohl um einen tragischen Unfall handeln musste, dass vielleicht ein unerfahrener Pilot seine kleine Maschine versehentlich zum Absturz brachte und dann dummer Weise ins WTC flog. Ich dachte: "Wie werden die diesen Brand jetzt wohl löschen können?" Während ich noch so mit meiner Frau auf den Fernsehbildschirm schaute, sah ich auf einmal ein kleines Flugzeug anfliegen, dachte mir aber nichts dabei, bis ich 2 Sekunden später den gewaltigen Feuerball sah. Die Reporter waren zunächst selbst irritiert, doch dann erfuhren sie, was ich zuvor selbst mit eigenen Augen gesehen hatte, dass nämlich eine weitere Maschine in den anderen Turm geflogen war. Von da an war allen klar, dass dies kein Zufall mehr sein konnte, sondern ein geplanter Terrorangriff. Auf einmal stieg auch in uns ein Angstgefühl hoch, besonders als wir einige Zeit später erfuhren, dass es sich um entführte Passagierflugzeuge gehandelt hatte. Die Panik stieg noch weiter, als wir von weiteren Flugzeugentführungen erfuhren und eine Maschine sogar ins Pentagon geschossen war. Unsere Herzen schlugen stark und wir dachten: "Jetzt beginnt der totale Krieg!"

Besonders bedrückend war die Unsicherheit der Moderatoren, die selber nicht wussten, was als nächste geschehen würde. Nun erfuhren sie, dass eine weitere Maschine gekapert wurde und sich vermutlich auf das Weiße Haus zubewege. Die Passagiere hatten ihre Angehörigen von der Flugzeugentführung wohl per Handy informiert, so dass die Medien davon erfuhren. Wir waren total aufgeregt und konnten kaum mehr ruhig sitzen bleiben. Während dessen lief eine Stunde lang das Live-Standbild von den brennenden Türmen. Ich dachte mir insgeheim: "Wenn das Feuer nicht gelöscht werden kann, dann könnten die Stahlträger irgendwann nachgeben und das Gebäude zum Einsturz bringen..." Doch während die Moderatoren miteinander diskutierten, sah man plötzlich eine riesige Staubwolke über der Skyline von Manhattan und sie wandten sich um zum Bildschirm, wobei sie genauso erschrocken und ratlos waren wie wir, denn der eine Turm hatte den anderen verdeckt, so dass man den Einsturz gar nicht richtig erkennen konnte. Der eine von beiden sagte: "Möglicherweise handelt es sich hier um eine gewaltige Explosion, vielleicht auch um einen Giftgasangriff! Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen!" Doch dann erschienen nach einer Weile andere Bilder von Life-Schaltungen, die zeigten, dass einer der Türme tatsächlich eingestürzt war.

Kurz darauf stürzte dann auch der zweite Turm in sich zusammen. Wie man später erfuhr, konnten zwar etwa 87 % der ca. 17.000 Personen im WTC noch rechtzeitig evakuiert werden, aber über 3000 Personen fanden an jenem Tag den Tod - darunter über 300 Feuerwehrleute - und wurden durch die Wucht des Zusammensturzes nahezu pulverisiert. Erst gegen 17.00 Uhr stürzte dann auch noch ein dritter Turm, das WTC 7, mit nur 47 Etagen ganz von alleine in sich zusammen, weil er durch den vom Einsturz der anderen beiden Türme ausgelösten Brand in den untersten Etagen an Stabilität verlor. Da Präsident G.W. Bush jun. diesen Terrorakt einen Monat später zum Anlass nahm, Afghanistan anzugreifen, haben viele Buchautoren Monate später vermutet, dass der Anschlag von "9/11" ein sog. "Inside-Job" gewesen sei. D.h. man traute Bush zu, dass er unter strenger Geheimhaltung heimlich Bomben in die beiden Türme deponiert hätte, um durch eine stufenweise Sprengung der beiden Türme seinen "Krieg gegen den Terror" zu rechtfertigen. Also derjenige, der es nicht mal fertig brachte, nach seiner späteren Invasion im Irak zur Vertuschung seiner vorgeschobenen Angriffs-Begründung heimlich von seinen Soldaten „Giftgas-Beweise“ im irakischen Wüstensand zu deponieren, die dann von denselben zum Schein "gefunden" wurden, dem soll es angeblich gelungen sein, genügend skrupellose und zugleich diskrete Helfershelfer aufzutreiben, die eine so geschickte Sprengung auslösen, dass die Etagen beider Türme kerzengerade eine nach der anderen detonieren, damit es den Anschein hätte, als würden die Türme unter dem tonnenschweren Gewicht der oberen Etagen im Dominoeffekt zusammengebrochen sein, was angeblich unmöglich sei.

Diese spannende und zugleich abstruse Verschwörungstheorie wird in den USA und inzwischen sogar weltweit von vielen geglaubt und mit allerlei pseudowissenschaftlichen Argumenten belegt. Da wird z.B. behauptet, dass ein Flugzeug doch nicht einfach in ein so stabiles Beton-Gebäude hineingleiten könne, weil es doch nur aus Metall gebaut sei. Tatsächlich hatte das WTC aber nur eine sehr dünne Außenhülle aus 35 cm Pfeilern und einen stabilen Kern, der die Etagendecken zusammenhielt. Mit einem Gewicht von gerade einmal nur im Schnitt 136 kg/m³ waren die Zwillingstürme größtenteils hohl, weil man bewusst auf Stützpfeiler wie beim Empire State Building verzichtet hatte. Die beiden mit 37.000 Liter Kerosin vollgetankten Passagierflugzeuge rasten mit einer Geschwindigkeit von ca. 750 km/h in die Türme, wodurch eine enorme kinetische Energie entstand, der die dünnen Außenpfeiler nichts entgegensetzen konnten. Trotz der Hitze von etwa 1100 ˚C hielten die Gebäude aber immerhin eine Stunde stand. Bei 600 ˚C verliert Stahl aber bereits die Hälfte seiner Tragkraft und bei 900 ˚C Grad hat er nur noch rund 10 % an Tragkraft. Das gebündelte Gewicht der oberen Stockwerke drückte nun auf das jeweils darunter liegende, so dass die herabstürzende Masse sich immer weiter vergrößerte und den Zusammensturz beschleunigte. Hätte man die Gebäude einfach nur sprengen wollen, hätte es genügt, nur die unterste Etage zu sprengen. Und das flüssige Metall, das von oben herunterfiel, war auch nicht Stahl, der in der Tat erst bei einer Hitze von mindestens 1500 ˚C Hitze schmilzt (und die wiederum nur durch das Brandmittel Thermit erzeugt werden kann), sondern es handelte sich um das Aluminium des Flugzeugs, das bereits bei 475 ˚C Grad schmilzt.

Auch der Anschlag auf das Pentagon durch ein 3. Flugzeug ist inzwischen ebenso bis ins kleinste Detail untersucht und dokumentiert. Es gibt mehr als ein Dutzend Fotos der Wrackteile. Und dass das Einschlagsloch mit 27 m schmaler ist als die Spannbreite des Flugzeugs von 38 m liegt daran, dass durch die hohe Geschwindigkeit von 855 km/h das Flugzeug 30 m tief regelrecht trichterförmig in das Gebäude hineingedrückt wurde, wobei die relativ leichten Tragflächen gleich im Anfang abbrachen. Und dass es aus Sicht einiger Piloten angeblich sehr unwahrscheinlich sei, dass ein ungeübter Terrorist mit wenig Flugstundenerfahrung die Maschine in solch einem niedrigen Sinkflug in das mit Radar hoch bewachte Pentagon-Gebäude lenken konnte, sollte letztlich auch kein ausreichender Grund sein, die Ereignisse in Frage zu stellen, denn hinter all diesem perfiden Plan stand ja nicht zuletzt der Teufel selbst mit seinen Dämonen, der den Al Qaida-Terroristen das Gelingen gab. Dass man ihnen einen solchen Husarenstreich nicht zutrauen möchte, sondern ihn lieber einem äußerst gerissenen Verschwörerzirkel in der US-Regierung zuschreiben will, die doch über ein viel größeres Know-How an Strategie und Logistik verfügt als jene dilettantischen Islamisten aus Saudi-Arabien, mag wohl zum einen an einem gewissen Rassismus und einer Voreingenommenheit liegen und zum anderen dem allzu menschlichen Wunsch entsprechen, den dummen Mainstream-Massen überlegen zu sein durch ein besonderes Geheim-Wissen über verschworene Mächte. Insgeheim möchte wohl jeder gerne wie der Inspektor Colombo sein, der sich nicht mit dem bloßen Anschein zufriedengibt, sondern hinter jedem noch so kleinen Indiz einen ausgeklügelten Geheimplan wittert.


Der Hauskauf

Unterdessen nahm auch der "Terror" und die Schikanen durch alte Frau Heineken bei uns zuhause kein Ende. Immer fiel ihr irgendein neuer Vorwurf gegen uns ein, z.B. dass wir das Unkraut zwischen den Steinen der Auffahrt nicht entfernt hätten oder die Treppe immer zu laut hinuntergingen usw. Am Ende hatten wir nur noch den Wunsch, auszuziehen. Doch diesmal wollten wir keine neue Wohnung mehr mieten, sondern uns endlich ein eigenes Haus kaufen, vorzugsweise in Bremen, in der Nähe von der Evangelischen Bekenntnisschule (FeBB), damit Rebekka später nach ihrer Einschulung keinen langen Schulweg haben würde. Es dauerte nicht lange, da fanden wir ein Haus Bj. 1980 in der Fontanestraße im Stadtteil Habenhausen, das nur etwa 300 m von der Schule entfernt war. Wir besichtigten das Haus, das einer Witwe gehörte, aber in einem sehr heruntergekommenen Zustand war. Überall roch es penetrant (wohl wegen ihres Hundes) und der Garten war sehr verwildert. Aber die Lage war fantastisch, direkt am Werdersee und überall schöne Spazierwege mit viel Natur. Wir wollten das Haus unbedingt haben und erkundigten uns nach dem Preis. Der Sohn wollte ursprünglich 400.000,- DM haben, bot es jedoch dann für 380.000,- DM an, nachdem monatelang keiner so viel bezahlen wollte. Ich erklärte dem Sohn, dass das Haus sehr gut sei, wir uns aber nicht so viel leisten könnten und verabschiedeten uns von ihm mit großer Enttäuschung. Wir suchten weiter, aber fanden nirgendwo etwas vergleichbar Ideales.

Nach zwei Monaten rief uns nochmal der Sohn der Besitzerin an und erklärte, dass wir die einzigen waren von all den Besichtigungs-Touristen, die ein aufrichtiges Interesse an dem Haus hatten, und ob wir es uns nicht doch noch mal überlegen würden, wenn er uns mit dem Preis noch etwas entgegen käme. Da Ruth die Kunst des Feilschens besser beherrscht als ich, gab ich ihr den Hörer, und es gelang ihr, den Preis noch auf 350.000,- DM runterzuhandeln, was bei dem damaligen Umtauschkurs von 1,95583 einen Preis von 178.952,- € ergab. Da wir jedoch so gut wie keine Ersparnisse hatten, waren wir auf eine Vollfinanzierung ohne Eigenkapital angewiesen. Jedoch keine Bank war damals bereit, mir als jungen Selbständigen eine Baufinanzierung anzubieten, zumal mein bisheriges Einkommen als Alleinverdiener gerade einmal nur 28.827,- DM im Jahr 2000 betrug, also 14.739,- €, was einem Monatslohn von gerade einmal nur 1.228,25 € entsprach. Allein die monatliche Belastung für Tilgung und Zinsen lag aber schon bei rund 860,- €. Es war also ähnlich wie die Quadratur des Kreises: eine schier unlösbare Aufgabe. Selbst die Sparkasse in Bremen, die normalerweise für die riskantesten Finanzierungszusagen bekannt war, machte bei meinen Zahlen nicht mehr mit, so dass es fast schien, als müssten wir unseren Traum vom Eigenheim erst mal wieder auf Eis legen, bis ich höhere Einkünfte nachweisen konnte.

Doch dann gab uns die Besitzerin den Tipp, doch mal ihren Finanzberater anzurufen, der als freier Vermittler für verschiedene Banken arbeite und sicherlich eine Lösung fände. Ich rief also Herrn Wandschneider an und traf mich mit ihm, um die Problematik zu erörtern. Da er auch viele andere selbständige Handwerker betreute, wusste er, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis sich meine Jahresergebnisse deutlich verbessern würden. Trotzdem kämen wir aber nicht um eine ausreichende Eigenkapitalquote herum, zumal auch noch Notarkosten und Grundstückssteuer anfielen. Schließlich vermittelte er uns eine Finanzierung von 143.000 €, die über den gesamten Zeitraum von 30 Jahren nicht getilgt werden würde, sondern nur die Zinsen von 5,5 % p.a. bezahlt werden müssten, die wiederum in eine Lebensversicherung und einen Bausparvertrag eingezahlt werden, deren Gewinne an die Bank abgetreten werde bis bei Ablauf der 30 Jahre das Haus auf einen Schlag getilgt werden würde. Da uns keine andere Möglichkeit blieb, willigten wir in diese verhältnismäßig ungünstige Baufinanzierung ein, und waren froh, dass uns am Ende noch mal mein Vater half, um die restlichen rund 36.000,- € an Eigenkapital zzgl. Grundsteuer und Notarkosten auszulegen. Nach Abschluss der Formalitäten würden wir am 01.02.2002 in unser Haus einziehen können.

 

Januar bis Juni 2002

Das Ende vom Ende der Geschichte

Kurz nach dem Ende des Kalten Krieges stellte der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama mit seinem Buch "Das Ende der Geschichte" (1992) die These auf, dass nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sich nun überall in der Welt die Demokratie und die Freie Marktwirtschaft durchsetzen würden und dadurch keine neuen Entwicklungen und Herausforderungen mehr zu erwarten seien, sondern die gesamte Menschheit endlich ein für alle Mal zur Ruhe gekommen sei. Alle bisherigen Ideologien wären gescheitert, und die Demokratie habe sich als einzig mögliche Gesellschaftsform für alle Zeiten bewährt. Doch schon 10 Jahre nach dem Erscheinen seines Buches erwies sich diese Hoffnung als trügerisch, denn die Terroranschläge vom 11.09.2001 hatten ja gezeigt, dass längst nicht alle Menschen mit der Freiheit und Demokratie einverstanden sind, sondern noch immer an den Sieg ihrer Ideologie oder Religion glaubten und bereit waren, dafür zu kämpfen. Die sog. "westlichen Werte" mit ihrer Unmoral und Verwahrlosung wurden ja durch Hollywood in der ganzen Welt anschaulich gemacht und deshalb nicht als begehrenswertes Ideal angesehen. Vielmehr besannen sich z.B. viele in den islamischen Ländern wieder auf die alten Werte von Religion, Kultur, Volk, Familie und Vaterland zurück und sahen in dem Oktroyieren (d.h. Aufzwingen) des Liberalismus selbst eine Bevormundung, gegen die sie sich zur Wehr setzen wollten. Da die islamische Welt jedoch unter einander zu zerstritten war, um sich im Kampf gegen die USA zu vereinen, die inzwischen als einzige Weltmacht übrig blieb und zudem als "Weltpolizei" für Ordnung sorgte, kam für die Islamisten nur der Terror als Zeichen ihres Hasses auf die westliche Kultur in Frage. Auf einen Bus in Lima las ich mal den Spruch: "Hass ist die Rache der Feiglinge". Und Terror ist in der Tat etwas Feiges und Heimtückisches, aber auch ein Zeichen von Schwäche und Ohnmacht. Er ist aber auch nicht mit kriegerischen Mitteln besiegbar, wie Präsident Bush damals noch glaubte bei seinem Einmarsch in Afghanistan und später in den Irak. Neuer Wein lässt sich eben nicht in alte Schläuche füllen.

Die Hoffnung, dass nach dem Kalten Krieg nun ein ewiges Reich des Friedens und der Vernunft anbrechen würde, war also auf einmal verschwunden, und der "Wind of Change" war verflogen. Schon wieder machte sich ein Klima der Angst breit, das durch weitere perfide Terroranschläge noch angefacht wurde, wie z.B. dem Versandt von Briefen mit Milzbrand-Bakterien, die als Biowaffen gelten. Auf einmal konnte es jeden treffen, der sich gerade in U-Bahnen oder auf Flughäfen aufhielt, aber auch in Konzerten oder Gottesdiensten. Der gläubige ZDF-Moderator Peter Hahne schrieb damals das Buch "Schluss mit lustig", das zum Bestseller wurde und auf das Ende der "Spaßgesellschaft" anspielte. Tatsächlich gab in den Jahren zuvor immer neue Unterhaltungsformate in den Medien wie z.B. "Wer wird Millionär" oder "Big Brother", eine Anspielung auf George Orwells "Großen Bruder", der die Wohnstuben der Menschen beobachtet, um Systemkritiker zu bespitzeln. Wie tief muss eine Gesellschaft erst gesunken sein, wenn sie sich am Voyeurismus amüsieren kann oder an ehemaligen Prominenten, die im Dschungel irgendwelche sinnlosen Mutproben bestehen müssen! Ich selbst hatte mich von Anfang an verweigert, mir solch einen Schwachsinn anzusehen, erlag jedoch der Versuchung, mir stattdessen die WM 2002 anzuschauen, bei welcher die deutsche Mannschaft es sogar ins Endspiel schaffte, aber schließlich gegen Brasilien unterlag.

Ähnlich unerträglich empfand ich auch den Humor von Mario Barth oder Stefan Raab, die ich mir nicht länger als eine Minute angucken konnte, ohne schnell wieder umzuschalten. Da kann man ja fast schon Verständnis aufbringen für die Verachtung und den Hass der Islamisten auf die westliche Dekadenz. Zynismus und Schadenfreude sind die letzten Symptome einer sterbenden Kultur. Auch das Alte Rom ging ja durch "Brot und Spiele" unter, weil sie durch ihren Sittenverfall zu sehr geschwächt waren, um den angreifenden Horden der Völkerwanderung noch etwas entgegenzusetzen (genauso ist es übrigens auch heute!). Im Nachhinein betrachtet lässt sich feststellen, dass der Terrorismus positiv bewirkt hat, dass sich viele Menschen von der Dauerberieselung und dem Konsumdenken abwandten und unser heutiges Gesellschaftssystem in Frage stellten. Mit dem 11. September entstand gerade bei jungen Leuten wieder ein Interesse an Politik, das in den 20 Jahren zuvor stark zurückgegangen war. Die Kinder der Linken wurden zu Globalisierungskritikern (attac, Occupy) und die Kinder der Rechten zur "Identitären Bewegung" (Pegida, AfD, Reichsbürger). All dies sind gesunde Vorstufen eines Menschen auf seiner Suche nach Gott, von daher hatte der Schrecken des islamischen Terrors auch eine erzieherische Wirkung von Gott.

Zu Beginn des Jahres 2002 wurde auch endlich der Euro als Bargeld eingeführt. Die Deutschen konnten ihre DM nun zur Landesbank bringen und sich dafür den Gegenwert in Euro geben lassen. Die Mehrzahl der Deutschen war ja eigentlich gegen den Euro, aber als er dann da war, gewöhnte man sich schnell daran. Doch schon nach wenigen Monaten merkten die Leute, dass viele Händler im Zuge der Währungsreform einfach heimlich ihre Preise erhöht hatten, weil sie darauf spekulierten, dass die Leute infolge der Umrechnung durcheinander kamen und sich auch nicht mehr daran erinnern konnten, wie viel das Produkt noch zu DM-Zeiten gekostet hatte. Schnell wurde aus dem Euro also der "Teuro", wie die BILD-Zeitung diese "gefühlte Preissteigerung" nannte. Es machte sich ein allgemeines Unbehagen breit, weil jeder irgendwie den Eindruck hatte, dass die EU-Politiker ohnehin machen, was sie wollen und die Demokratie nur noch eine Seiferoper mit vielen Darstellern sei, um die Menschen zu unterhalten. Horst Seehofer hat ja mal im Fernsehen gesagt: "Die etwas zu entscheiden haben, wurden nicht gewählt, und die gewählt wurden, haben nichts zu entscheiden." Bei der Bundestagswahl hatte ich noch eine Anti-Euro-Partei gewählt, die sich "Pro-DM" nannte, aber die hatte natürlich keine Chance gegen die Großparteien.

Anfang März konnten wir dann endlich in unser Reihenend-Haus nach Bremen-Habenhausen umziehen, nachdem ich es zuvor mit meinen Lehrlingen renoviert hatte. Ich wollte nach dem Einzug eigentlich einen "Tag der offenen Tür" machen, um auch die Nachbarn alle kennenzulernen und mit ihnen Freundschaft zu schließen, denn dies war ja eine einmalige Gelegenheit (jemand hat mal gesagt: "Für den ersten Eindruck hat man keine zweite Chance"). Doch Ruth wollte nicht so viele Leute in unserem Haus, zumal vieles noch nicht richtig fertig war, sondern nur provisorisch. Für eine neue Küche fehlte uns das Geld, und unser Garten sah noch aus wie ein verwilderter Truppenübungsplatz. Vorrangig war uns jedoch erst mal das Bad, das noch hässliche, grüne Fliesen aus den 70er Jahren hatte. Von unserem letzten Geld kaufte ich kleine, weiß-bläuliche Wandfliesen und große blaue Bodenfliesen. Da wir uns jedoch keinen Fliesenleger leisten konnten, versuchte ich mich selbst daran. Zunächst funktionierte es auch ganz gut, aber als ich einmal ganz rum war und mit der 4. Wand auf die 1. Wand stieß, waren die Fugen schon um 2 cm versetzt. Aber was soll's! Wir waren froh, dass wir es nun endlich geschafft hatten, zur sog. "Mittelschicht" zu gehören, sodass wir uns sogar in diesem relativ wohlhabenden Stadtteil ein eigenes Haus leisten konnten, das zugleich eine Kapitalanlage fürs Rentenalter bedeuten würde.

Sehnsucht nach Gott

Eines Tages als ich abends von der Arbeit nach Hause fuhr, war ich voller Schwermut in meinem Innern. Ich hatte zwar alles erreicht und war dennoch todunglücklich. Ich fuhr die Baum-Allee entlang und hörte dabei meine melancholische Musik von CD. Doch dann schaltete ich aus und wollte mich ganz auf meine Gedanken konzentrieren. Aller materielle Besitz konnte nicht die Leere in meinem Herzen ersetzen. Irgendwas musste sich ändern, damit ich wieder glücklich werden konnte. Mir fiel auf, dass in den letzten 20 Jahren eigentlich alle 6 Jahre eine einschneidende Veränderung in meinem Leben geschehen war: 1984 hatte ich mich bekehrt, 1990 war meine Trennung von Edgard und Hedi und 1996 hatte ich mich vom christlichen Glauben abgekehrt. Jetzt waren aber schon wieder 6 Jahre vergangen, also musste in diesem Jahr wieder irgendein "Richtungswechsel" passieren. Vielleicht sollte ich wieder Christ werden? Emotional würde mir das sehr helfen, aber dann müsste ich meinem Denken Gewalt antun. Aber was hatte mir mein Unglaube gebracht? Ich fühlte mich irgendwie "krank" von oben bis unten und sehnte mich nach "Heilung". Mir kamen die Tränen, und ich sagte mir: "Ich möchte wieder HEIL werden!" Diesen Satz sagte ich immer wieder vor mich hin, bis ich zuhause ankam.

Ruth saß im Wohnzimmer und telefonierte mit ihrer Freundin Raquel. Als sie jedoch merkte, dass meine Augen rot waren vom Weinen, beendete sie schnell das Gespräch und fragte mich besorgt, was passiert sei. Ich konnte kaum reden, antwortete jedoch nur mit stockender Stimme, dass alles in Ordnung ist, ich nur etwas deprimiert sei. Doch dann brach ich wieder in Tränen aus und sagte schluchzend, dass ich wieder zu Gott zurückwollte. Ruth umarmte mich, aber ich wollte ihr mein Herz weiter ausschütten. Ich bekannte Ruth tränenüberströmend, dass ich heimlich gottlose Musik höre, aber dass ich jetzt einen Neuanfang in meinem Glauben machen wolle. Mir schien, dass Ruth mich gar nicht richtig ernst nahm, denn sobald sie sah, dass kein Unfall passiert sei, rief sie wieder ihre Freundin an, um das Gespräch fortzusetzen. Ich machte mich am Abend noch mal auf dem Weg, um Müll wegzubringen. Auf dem Rückweg war ich tief in Gedanken als ich auf einmal sah, dass die Ampel vor mir von Grün auf Gelb schaltete. Ich wollte es noch schaffen und beschleunigte, doch da sprang sie bereits auf Rot und ich verlangsamte etwas zögerlich, während ich weiter die Kreuzung überfuhr. Doch nach einer Sekunde hatte mich auch schon ein Wagen von der linken Seite gerammt.

Ich fuhr an die Seite, stieg aus und ging auf den jungen Mann zu. Da ich noch etwas unter Schock stand, reagierte ich wohl etwas unsicher auf den Mann, so dass er sofort die Polizei rufen lassen wollte. Alles Zureden half nichts, sondern bestärkte ihn sogar noch mehr. Die Polizei kam, nahm den Unfall auf und ich erhielt kurze Zeit später eine Aufforderung, dass ich meinen Führerschein für einen Monat abzugeben hätte. Das war natürlich ein herber Schlag. Denn als Selbständiger ist man ja völlig auf seinen Führerschein angewiesen. Warum aber war mir dies ausgerechnet jetzt widerfahren, wo ich doch gerade gehofft hatte, einen Neuanfang mit Gott zu wagen? Das passte für mich ganz und gar nicht zusammen. War alles doch nur eine Illusion? Nur eine kurze Gefühlsaufwallung? Ich fuhr traurig nach Hause und war über mich selbst völlig verwirrt. Um mich zu zerstreuen, ging ich am Abend noch mal mit dem Hund am Deich spazieren. Der Himmel hatte sich sehr dunkel gefärbt, fast schon lila-violett und es war diesig und leicht nebelig. Ich betete und bat Gott darum, dass Er mir doch ein Zeichen geben möge, dass Er wirklich existiere. Ich dachte: "Wenn ich Gott wäre, würde ich diese Gelegenheit jetzt nutzen, um mich wieder zum Glauben zu führen!" Es fing leicht an zu nieseln. Ich bat Gott: "HErr, wenn es Dich gibt, dann zeige Dich doch mir, indem es jetzt sofort aufhört zu regnen. Biiiiiittte, HErr, Biiiiitte, zeige Dich mir doch dadurch. Gib mir ein Zeichen, damit ich wieder glauben kann!" Es fing auf einmal stark an zu regnen, und ich begann zu weinen. Meine Tränen vermischten sich mit dem Regen, der auf mein Gesicht fiel, und ich war mir jetzt sicher: "Gott existiert überhaupt nicht."

Nachdem ich meinen Führerschein abgegeben hatte, schaffte ich es tatsächlich irgendwie, die ersten zwei Wochen mit Bus und Fahrrad zu überbrücken. Doch dann musste ich eine dringende Erledigung machen und dachte: "Ich fahr jetzt einfach ganz vorsichtig und unauffällig - die werden mich schon nicht kontrollieren." Und tatsächlich ging alles gut, obwohl ich viel Herzklopfen hatte. Am nächsten Tag hatte ich wieder die gleiche Situation, und ich wog noch einmal Chancen und Risiken gegeneinander ab und entschied mich wieder zu fahren. Und so verging ein Tag nach dem anderen, bis ich zuletzt wieder völlig routiniert war und die Angst verflog. Mein Vater hatte immer gesagt: "Man darf alles, man darf sich nur nicht dabei erwischen lassen!" Als der Monat schon fast herum war und nur noch zwei Tage fehlten, fuhr ich in Bremen-Walle auf der Nordstr. zu Feierabend nach Hause, ohne zu merken, dass ich statt 50 km/h schon eher 70 km/h fuhr, zumal auch die Autos vor mir in dieser kurvenreichen Straße ohne Ampeln alle gleich schnell fuhren. Auf einmal sah ich eine große Verkehrskontrolle und alle Fahrzeuge vor mir wurden von einem Polizisten in einen Hof gewiesen, weil wir alle viel zu schnell unterwegs waren. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, und ich dachte: "Jetzt bin ich geliefert! Warum musste ausgerechnet heute eine Polizeikontrolle sein!?" Als der Wagen vor mir gerade rechts reingebogen war in den Hof, gab mir der Polizist ein Handzeichen, dass ich stoppen sollte. Der Hof war schon voll mit Autos und kein Platz mehr für ein weiteres. Dann winkte er mir zu, dass ich einfach weiterfahren könne. Ich konnte mein Glück kaum fassen, denn ich war der Demütigung noch einmal um Haaresbreite entkommen! Dass Gott auch hier Seine schützende Hand über mich hielt, erkenne ich leider erst heute; damals war ich blind für Sein Reden.

Im Frühjahr 2002 schrieb mir Patrick Mücher, mein Ex-Lehrling, der zwei Jahre zuvor einen Tresor gestohlen hatte und danach wegen eines weiteren Einbruchs eine einjährige Haftstrafe absaß. Er schrieb mir aus der Haftanstalt und bat mich noch einmal ausdrücklich um Entschuldigung für den Ärger, den ich mit ihm hatte. Er bat mich, ob ich ihm denn nicht noch mal eine Chance geben könne, da es für einen Ex-Sträfling ja sehr schwierig sei, einen Ausbildungsplatz zu finden. Er tat mir wirklich leid, und da ich selber ja auch kein Unschuldsengel war, wollte ich ihm nochmal eine Chance geben. Aber wodurch hatte ich die Sicherheit, dass er inzwischen geläutert sei und keine weiteren Einbrüche mehr unternimmt? Da kam mir eine ungewöhnliche Idee: Ich schrieb dem Patrick: "Hallo Patrick, ich bin nur unter einer einzigen Bedingung bereit, Dir nochmal eine Chance zu geben. Und zwar möchte ich, dass Du Dich zum christlichen Glauben bekehrst. Ich bin zwar selber auch kein Christ mehr, aber ich weiß, dass Menschen sich zu einem gewissen Grad bessern können, wenn sie an Gott glauben. Ich meine das ernst! Es gibt in der Justizvollzugsanstalt Bremen-Oslebshausen einen gläubigen Seelsorger namens Seibold. Ich möchte, dass Du dich an ihn wendest und ihn bittest, dass er Dir das Evangelium erklären soll. Wenn er mir dann bestätigt hat, dass Du wirklich gläubig geworden bist, kannst Du Deine Lehre bei mir fortsetzen!" Eine Woche später schrieb mir Patrick und antwortete nur lapidar: "Simon, wenn Du mir nochmal eine Chance gäbest, dann würde ich Dir sogar auf den Koran schwören!"

Der Fall Bender

Herr und Frau Bender waren etwa in meinem Alter und das, was man unter „Öko-Idealisten“ versteht. Sie hatten sich in Bremen-Findorff ein altbremer Reihenhaus gekauft und es nach dem neuesten Stand der ökologischen Nachhaltigkeit modernisieren lassen. Die Wände waren aus Lehmputz und der Holzdielen-Fußboden mit ökologischem Naturöl versiegelt. Wir hatten für sie bereits das ganze Haus von oben bis unten renoviert zu ihrer vollsten Zufriedenheit, als sie zum Schluss noch den Wunsch äußerten, wir sollten doch auch noch ihre neuen Kassettentüren im Landhausstil mit einer weißpigmentierter Öko-Lasur von der Firma Leinos streichen, sowie die alte Holztreppe über zwei Etagen abschleifen und in dunkelrot lackieren. Während wir dies durchführten, war Familie Bender für eine Woche verreist und sie hatten uns den Schlüssel gegeben. Als sie am Wochenende wieder zurück waren, rief mich Frau Bender an und sagte, dass sie mit der Treppe sehr zufrieden seien, nicht aber mit den 12 Türen, da man überall Ansätze sehe und sie trotz des zweimaligen Anstrichs einen zu rustikalen Eindruck machten. Auch wirkten die Türen im Keller wegen der schlechteren Beleuchtung irgendwie grauer und ich solle doch noch einmal vorbei kommen. Obwohl ich selbst die Türen für gut befand, bot ich den Kunden an, die Türen alle noch ein 3. Mal auf eigene Kosten zu lasieren, damit sie etwas gleichmäßiger aussähen.

Dies geschah dann auch Anfang Mai, während Benders noch ein weiteres Mal für zwei Tage wegfuhren. Doch auch diesmal entsprach das Erscheinungsbild nicht ihren Vorstellungen, da die Türen "nicht alle einen gleichmäßigen Gesamteindruck" ergaben. Ich war nun mit meinem Latein am Ende. Stellenweise hatten die Türen tatsächlich hässliche Flecken, was an den Holzinhaltsstoffen lag, dem sog. "Lignin", das durch die wässrige Lasur angelöst wurde und durchschlug. Wir überlegten deshalb, einen Sachverständigen zu Rate zu ziehen, der doch mal ehrlich sagen solle, wie er die Türen beurteilen würde. Doch auch der Gutachter Stoiber tat sich schwer damit, einen Vorschlag zu machen, um beiden Seiten gerecht zu werden. Wir setzten uns also an den Küchentisch und beratschlagten, was zu tun sei. Am Ende einigten wir uns darauf, dass ich nochmal eine "Mustertür" ein weiteres Mal lasieren sollte mit einer anderen Öko-Lasur, und wenn diese zu aller Zufriedenheit ausfallen würde, dann könne ich auch alle übrigen Türen noch ein 4. Mal auf diese Weise lasieren. Sollte aber auch die Mustertür wieder missfallen, erklärte ich mich bereit, auf 50 % von meinem restlichen Werklohn von 1.559,20 € zu verzichten, also auf 779,60 €.

Nachdem ich die Mustertür gestrichen hatte, waren die Eheleute zwar endlich zufrieden mit dem Ergebnis, beklagten jedoch den strengen Geruch nach Zitronensäure, der doch die Atemwege ihrer Kinder reizen würde. Ich versprach ihnen, die restlichen Türen mit einer anderen Bio-Lasur zu streichen, die nicht so riechen würde, womit sie einverstanden waren. So machte ich mich daran, auch die anderen 11 Türen noch ein 4. Mal zu lasieren mit einem Produkt der Firma Sadolin. Die neue Lasur war etwas weißer als die anderen, aber das schien Frau Bender nicht zu stören, mit der ich mich während der Arbeit öfter unterhielt. Ich war froh, dass wir uns gut verstanden und der Fall endlich erledigt wäre. Doch nach einer Woche erhielt ich einen Brief von den Eheleuten Bender, dass sie immer noch nicht zufrieden seien, da die Türen zwar jetzt alle gleichmäßig wären, aber dafür viel zu stark gedeckt hätten, so dass man die ursprüngliche Maserung und die Astlöcher kaum mehr sehen könne. Zudem seien die anderen Türen viel weißer als die von ihnen gutgeheißene Referenztür. Da sie keine weitere Nachbesserung mehr von mir wollten, würden sie sich nun einen anderen Malermeister suchen, der die gesamten Türen noch einmal abbeizen und von Grund auf neu lasieren solle. Die Kosten hierfür würden sie mir in Rechnung stellen, da ich ja nicht in der Lage gewesen sei, die Türen zu ihrer Zufriedenheit herzustellen. Ich war entsetzt und überlegte, mir einen Anwalt zu nehmen. Inzwischen hatten die Benders noch einmal ihren Gutachter Stoiber herbeigerufen, der sich ihrer Auffassung anschloss und eine Neubearbeitung von Grund auf ebenso befürwortete.

Ich rief die Benders an, ob man sich nicht einigen könnte auf einen außergerichtlichen Vergleich bei der Schlichtungsstelle der Handwerkskammer, um einen Streit vor Gericht zu vermeiden. Sie waren damit einverstanden. Wir trafen uns also bald darauf im Zimmer des Justiziars der HWK und erörterten den Sachverhalt. Meine Karten standen schlecht, da ja Herr Stoiber auf ihrer Seite war. Benders boten mir an, auf eine Komplettüberarbeitung der Türen im Wert von rund 5.000,- € zu verzichten, wenn ich auf meinen Werklohn von 1.559,-€ verzichte und Ihnen darüber hinaus noch eine Entschädigung von 1.160,-€ zahle. Außerdem sollte ich ihnen auch noch die Kosten für den Gutachter in Höhe von 500,-€ erstatten. Ich bat um Bedenkzeit, doch der Justiziar schlug vor, ich solle den Einigungsvertrag doch erst mal unterschreiben, da ja eine Widerrufsklausel von einer Woche bestünde. Ich unterschrieb, aber in mir sträubte sich alles dagegen. „Was für ein Unrecht!“ dachte ich. Nach all der Mühe, die ich mir gemacht hatte, - sollte das jetzt der Dank sein?! Ich konnte drei Nächte lang kaum schlafen, weil ich immer nur daran denken musste. Schließlich schrieb ich einen Brief an die Handwerkskammer, dass ich den Vergleich fristgerecht widerrufe.

Einige Wochen später kam das Klageschreiben des gegnerischen Anwalts gegen mich, wo auch ein Kostenvoranschlag des anderen Malermeisters beigefügt war i.H.v. 5.834,64 €, aufgrund dessen mich nun die Kunden verklagen wollten, Vorschuss zu leisten, da ich angeblich ihre Türen verhunzt hätte. Ich hatte das mulmige Gefühl, dass ich diesmal unterlegen sein würde und nahm mir deshalb einen Anwalt. Heiko Lindemann, hörte mir geduldig zu und schrieb dann eine Klageerwiderung, in welcher er mit Hilfe meiner fachlichen Erklärungen begründete, dass mit einer Weißlasur nach so vielen Anstichen kein anderes Ergebnis zu erwarten gewesen sei und dies doch auf Veranlassung der Kunden selbst erfolgt sei. Die Gegenseite blieb jedoch bei ihrer Forderung auf Schadenersatz, da ich angeblich nicht in der Lage gewesen sei, die neuen Türen fachlich korrekt zu lasieren. Da sie den Gutachter auf ihrer Seite hatten, sah die Sache wirklich nicht gut für mich aus. "Was mache ich, wenn die den Prozess gewinnen?" dachte ich. "Schrecklich! - Wenn solche Forderungen noch öfter passieren, dann werde ich irgendwann noch pleite gehen. Und was können die machen, wenn ich zahlungsunfähig bin?" Plötzlich schoss es mir in den Sinn: "Die sind in der Lage, mir das Haus wegzunehmen!" Mir wurde ganz übel bei dieser Vorstellung. Doch dann kam mir eine Idee: "Ich werde das Haus einfach auf meine Frau übertragen, dann können die mir nichts mehr anhaben, denn meine Frau hat ja mit der Firma nichts zu tun." Ich veranlasste also notariell eine Übertragung des Hauses, damit es allein meiner Frau gehöre und für zukünftige Regressforderungen von Kunden unantastbar wäre.

Einige Monate später war dann der Prozess vor dem Amtsgericht Bremen. Mir schlotterten die Knie, als wir aufgerufen wurden, um einzutreten. Nachdem der Richter sich die Anträge der Parteien noch einmal bestätigen ließ, gab er mit ruhiger Stimme seine rechtliche Wertung des Falles bekannt: "Sie beide hatten zuletzt einen Vergleich bei der HWK geschlossen, den der Beklagte Poppe jedoch widerrufen hatte. Damit aber bleibt die ursprüngliche Einigung der Parteien vom 09.07.2002 weiterhin wirksam. Danach bestehe kein Nachbesserungsanspruch des Klägers, sondern nur ein geminderter Werklohnanspruch des Beklagten. Die Klage ist demzufolge abzuweisen, und der Kläger trägt die Kosten des Rechtsstreits." Noch ehe ich überhaupt begriffen hatte, was der Richter gerade erklärt hatte, geriet der Anwalt von Bender beinahe in einen Tobsuchtsanfall, wie der vorsitzende Richter sich angesichts der Faktenlage überhaupt zu solch einem Urteil hinreißen lassen könne, etc. Schließlich bestünde doch seit der Verwendung einer anderen Lasur von mir "gar keine Geschäftsgrundlage mehr", da ich mich ja selber nicht an die Vereinbarung gehalten hätte. Der Richter wies jedoch darauf hin, dass diese Behauptung perfide sei, da ja die Benders selber eine andere Lasur gewünscht hätten wegen der Geruchsbelästigung.

Ich hatte den Prozess also tatsächlich gewonnen und brauchte keine Entschädigung mehr an den Kunden zu zahlen. Stattdessen sollte ich sogar von Benders noch die Hälfte meiner restlichen Werklohnforderung bekommen in Höhe von 779,60 €. Zudem mussten sie auch noch meinen und ihren Anwalt bezahlen, sowie die Gerichtskosten. Verständlicherweise ließen sie diese Demütigung nicht auf sich sitzen, sondern gingen in Berufung. Doch auch vor dem Bremer Landgericht scheiterten sie schließlich, so dass Benders am Ende auch noch die Kosten des Berufungsverfahrens zu tragen hatten. Daraufhin rief mich der Sachverständige Stoiber an und beklagte sich bei mir, dass er nun bei seinen Auftraggebern in Ungnade gefallen sei und man ihm die ganze Schuld anlasten würde wegen seines unausgereiften Einigungsvertrages vom 09.07.02. Er bat mich, doch wenigstens aus Anstandsgründen seine Kosten als Gutachter zu übernehmen, da er dies sich nun kaum mehr getraue, den Benders in Rechnung zu stellen. Ich erklärte ihm, dass ich ihn ja nicht beauftragt habe und er ihnen ja auch falsche Hoffnungen gemacht hatte, den Prozess zu gewinnen. Daraufhin beschimpfte er mich als "Pfuscher" und prophezeite mir: "Ich gebe ihrer Firma noch maximal ein Jahr, und dann sind sie ohnehin pleite!" Dann knallte er den Hörer auf, ohne sich zu verabschieden.

Juli - Dezember 2002

Veränderungen

Die Vorwürfe von Herrn Stoiber wollte ich nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie waren zwar im Falle Bender unberechtigt, aber in vielen anderen Fällen wurde mir immer mehr bewusst, dass meine Firma eigentlich doch ein ziemlich chaotischer Haufen war. Mit meinem Bruder Marco hatte ich ständig Streit, weil er meine Anordnungen nicht befolgte und sich von mir nichts sagen ließ. Aber auch über die anderen Mitarbeiter hörte ich immer wieder Klagen von den Kunden, z.B.: "Sagen Sie bitte ihrem Lehrling, dass ich nicht möchte, dass er hier in meinen Garten pinkelt!" Besonders häufig beschwerten sich Kunden über Jörg, weil er z.B. aufgrund seiner Einfalt die schlechte Angewohnheit hatte, die Kunden immer einfach zu duzen. Jörg hatte zwar immer ein sonniges Gemüt und musste über jede Kleinigkeit jedes Mal laut lachen, aber im Umgang mit Kunden fehlte ihm leider häufig die nötige Bildung, so dass er mich oftmals bis auf die Knochen blamierte. Einmal hatte Jörg z.B. in der Villa eines Ärzte-Ehepaars gearbeitet, als mich abends der Mann anrief und sagte: "Herr Poppe, meine Frau hatte ja heute die Abnahme mit ihrem Mitarbeiter gemacht und ihm dabei noch ein paar Stellen gezeigt, wo er nachtupfen sollte. Während sie mit ihm von Raum zu Raum ging, sagte er aber plötzlich lächelnd zu ihr: 'Das macht Dir wohl Spaß, nicht wahr?' - Ich muss doch sehr bitten, Herr Poppe, aber meine Frau ist 30 Jahre älter als ihr Mitarbeiter und braucht sich solche Anzüglichkeiten doch nun wirklich nicht bieten lassen!" Ich entschuldigte mich für Jörg.

Aufgrund dieser Vorkommnisse entschied ich mich im Sommer 2002 schweren Herzens, nicht nur Jörg zu kündigen, sondern auch meinen Zwillingsbruder Marco. Er hatte ja ohnehin inzwischen ein Reisegewerbe angemeldet, so dass er auch weiterhin für mich als Subunternehmer arbeiten konnte. Wie sich später herausstellen sollte, war dies eine kluge Entscheidung gewesen, denn Marco und ich konnten seither viel besser zusammenarbeiten ohne größeren Streit - bis auf den heutigen Tag. Die Stelle von Jörg übernahm dann ein gewisser Paul Rauner (25), der ähnlich wie Jörg ein sehr fröhlicher Bursche war und die Angewohnheit hatte, auf der Arbeit immer zu singen. Er liebte die Deutsche Schlagermusik und hörte sie deshalb gerne auf den Baustellen, während er dazu mitsang. Auch die Kunden mochten Paul, weil er immer gute Laune verbreitete. Kurz darauf meldete sich auch Patrick Mücher (21), der inzwischen seine Haftstrafe abgesessen hatte, und bat mich noch mal, ihm doch eine Chance zu geben. Da er sich aber entgegen meiner Bedingung nicht zum christlichen Glauben bekehrt hatte, ließ ich ihn erst einmal nur als Praktikant arbeiten, um ihn zu testen. Da er sich jedoch vorbildlich verhielt, stellte ich ihn bald darauf wieder als Lehrling ein. Mario Lieberenz hatte inzwischen seine Ausbildung erfolgreich bestanden, wollte aber nicht übernommen werden, sondern verpflichtete sich stattdessen als Berufssoldat, "da man dort viel mehr verdiene". Volkmar Priefer hingegen war gar nicht erst zur Prüfung angetreten, da er sich nicht fit genug fühlte, und bat mich deshalb, dass ich ihn noch ein weiteres Jahr beschäftigen solle.

All diese Personalveränderungen täuschten mich jedoch nicht darüber hinweg, dass sich so bald nichts verbessern würde in meiner Firma, wenn sich nicht der Hauptschuldige an all meinen Problemen ändern würde, und das war ich selber. Die Fehler mit den kostspieligsten Folgen lagen nicht bei irgendeinem Mitarbeiter, sondern wurden von mir selbst verursacht. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich dringend mal um eine Fortbildung bemühen musste, um in Zukunft Probleme mit Kunden zu vermeiden. Also meldete ich mich bei der Akademie des Handwerks an, um ein einjähriges Studium zum „Betriebswirt des Handwerks“ zu absolvieren, das dreimal wöchentlich in Abendkursen stattfand. Diese Entscheidung erwies sich als Volltreffer, und die Lehrgangsgebühr von 1.100,- € hatte sich absolut gelohnt. Denn nun wurde ich zum ersten Mal mit Dingen wie Reklamations-Management, Marketing oder Personalführung vertraut gemacht, was ich alles nicht gelernt hatte in der Meisterschule. Die meisten Teilnehmer waren nur angestellte Handwerksmeister, die sich für eine spätere Betriebsübernahme vorbereiten wollten. Da ich jedoch schon etwas Erfahrung gesammelt hatte in der Selbständigkeit, bat mich die Dozentin, doch mal zu berichten, wie ich meine Mitarbeiter zu guten Leistungen motivieren würde. Ich erzählte vor der Klasse, dass ich mittags öfter mal nach Aldi fahre, um für die Lehrlinge Brötchen und Aufstrich zu kaufen, um gemeinsam zu essen; aber dass ich sie zuweilen auch von zu Hause aus dem Bett hole, wenn sie behauptet hätten, sie wären krank, um sie dann zur Arbeit zu zwingen. Der gelernten Psychologen standen die Haare zu Berge, und sie bezeichnete meine Firma als "Biotop", in dem ich einen reaktionären, patriarchalischen Führungsstil ausüben würde, der eher in das Mittelalter gehöre, als es noch Leibeigenschaft und Frondienste gab.

Nach den Sommerferien wurde unser Tochter Rebekka (6) eingeschult in die Evangelische Bekenntnisschule Bremen, zusammen mit ihrer besten Freundin Marlene, deren Eltern Olga und Carlos aus Paraguay kamen und mit Ruth und mir bis heute eng befreundet sind. Wir waren froh, dass ihre Klassenlehrerin Sabine Linz war, die in die Gemeinde meiner Mutter ging und eine sehr engagierte Christin war. Rebekka hatte ein halbes Jahr vorher regelmäßig „Sprech-Stunden“ bei einer Logopädin nehmen müssen, da sie aufgrund ihrer zweisprachigen Erziehung viele Worte im Deutschen nicht richtig aussprechen konnte. Ungefähr zur gleichen Zeit kam auch unsere Schwägerin Rita, die Frau von Ruths Bruder Walter, aus Lima zu Besuch nach Bremen und wohnte drei Monate bei uns. Sie wollte hier in Deutschland etwas Geld verdienen und anschließend auch noch mal nach Mailand zu ihrer Freundin Rosa fliegen. Da die Ehe zwischen Walter und Rita schon seit langem kriselte, war uns nicht ganz wohl bei der Sache, dass sie so lange von ihrem Mann getrennt sein würde. Später stellte sich heraus, dass unsere Sorge überaus berechtigt war, denn Rita kam nie wieder zurück nach Peru, sondern blieb in Mailand, wo sie als Altenpflegerin Arbeit fand, einen anderen Mann kennenlernte und sich von Walter scheiden ließ. Später zog auch ihre Tochter Gina nach Italien und ließ ihren pubertären Sohn Aldahir einfach in Lima zurück bei ihrem Vater Walter. Aldahir schloss sich später einer Verbrecherbande an, erschoss einen Taxifahrer und ist heute im Gefängnis. Vielleicht wäre das alles nie passiert, wenn wir Rita nicht erlaubt hätten, uns in Deutschland zu besuchen...

Allerdings entschlossen wir uns damals wegen der Rita, wieder regelmäßig in die spanisch-sprechende Gemeinde zu gehen, die inzwischen einen neuen Pastor hatte, Burkhard Amissen. Viele Geschwister der Gemeinde wollten sich damals jedoch auch noch zusätzlich zu Bibelstunden treffen und baten mich, doch mal in der Gemeinde meiner Mutter zu fragen, ob wir uns dort sonntagnachmittags versammeln könnten. Und so absurd das klingen mag, kam es dann tatsächlich dazu, dass ich dann einige Male eine Predigt hielt vor den südamerikanischen Geschwistern im Gottesdienstraum der „Christusgemeinde“, die damals noch im Hafengebiet war, bis der Pastor Marco van der Velde uns bat, dass wir uns auch an der Miete beteiligen sollten, wenn wir schon den Raum mitbenutzten. Die südamerikanischen Geschwister hielten dies jedoch nicht für nötig, so dass wir uns in der Folgezeit in den Räumen der „Kreuzgemeinde“ trafen. Keiner der Geschwister sollte damals erfahren, dass ich eigentlich gar kein Christ mehr war, und ich gab mir solch große Mühe, dies zu vertuschen, dass sogar meine Frau glaubte, ich wäre wieder gläubig geworden.

An einem Abend besuchte ich meinen Freund Günther Dudda (68), der immer unsere Autos reparierte. Er war immer sehr depressiv, weil er allein in einem großen Haus wohnte. Er bekannte mir, dass er auf meinen Vater eifersüchtig sei, weil dieser mit seiner Mieterin Gunda eine Beziehung begonnen hatte, obwohl auch er in sie verliebt sei. Doch an jenem Abend fühlte sich Günther sehr unwohl und hatte Schmerzen. Ich empfahl ihm, zum Arzt zu gehen, aber er wollte nicht, da er schon seit Jahren nicht mehr beim Arzt war. Wir verabschiedeten uns gegen 21.00 Uhr. Doch dann erfuhr ich am nächsten Tag, dass er in der Nacht zusammengebrochen war und den Notarzt rufen musste. Ich besuchte ihn im Krankenhaus, und er freute sich sehr, mich zu sehen. Seine Zunge war allerdings total dick geschwollen, so dass ich kaum verstehen konnte, was er mir sagte. Auch war er irgendwie ziemlich aufgedreht und hyperaktiv. Während die Krankenschwester seine Infusionsflasche einstellte, fragte ich ihn: "Und was denkst Du Günther, wie lange Du hier noch bleiben musst?" - "Och nicht mehr lange" winkte Günther ab. "Vielleicht noch 2 oder 3 Tage, maximal 'ne Woche". Doch während ich ihn anschaute, sah ich hinter ihm die Krankenschwester, die mir wortlos ein Zeichen gab, indem sie heimlich mit dem Kopf schüttelte. Ich dachte: "Was will sie mir damit wohl sagen? Dass er noch viele Wochen bleiben müsse?" Nach zwei Tagen stellte sich jedoch heraus, dass Günther recht behalten sollte. Denn er war plötzlich tot.

Im Herbst 2002 fand dann die Bundestagswahl statt. Kanzler Gerhard Schröder hatte ja versprochen, dass er die hohe Arbeitslosigkeit zu Beginn seiner Amtszeit deutlich senken wollte (Zitat: "An diesem Wahlversprechen werde ich mich messen lassen"). Schließlich war ihm dies aber nicht gelungen, sondern sie stieg sogar weiter auf 4 Millionen. Die rot-grüne Koalition war also in der Wählergunst stark gesunken; aber auch die CDU hatte sich noch nicht ganz von der Spendenaffäre um Kanzler Kohl erholt. Als aber dann im Sommer 2002 überall im Osten durch eine große Flut sämtliche Dämme brachen, war Schröder sofort zur Stelle und ließ sich in Gummistiefeln medienwirksam von den Helfern die Lage vor Ort erklären, wodurch er wieder an Ansehen gewann. Am Ende siegte die SPD vor der CDU mit einer hauchdünnen Mehrheit von wenigen Hundert Wählerstimmen, denn beide Parteien lagen bei 38,5 %. Dieses für damalige Verhältnisse "schlechte Wahlergebnis" hat die SPD seitdem nie wieder erreicht (derzeit liegt die SPD bei gerade einmal nur 16-18 % !). Durch die Fortsetzung der rot-grünen Regierungskoalition konnte Schröder jedoch die Hartz IV-Gesetze und die Agenda 2010 beschließen, wodurch er die deutsche Wirtschaft nachhaltig zu dem Erfolg führte, den wir heute haben. Leider konnte die SPD 2006 nicht mehr die Früchte ihrer Weichenstellung genießen, sondern sie wurden später vom Heer der enttäuschten Stammwähler abgewählt, die zu den Nichtwählern, den Linken oder zur AfD wechselten.

Der Fall Bley

Im Herbst 2002 bekam ich von einem Kunden aus Habenhausen den Auftrag, die Fassade seines Reihen-Endhauses zu sanieren, sowie die Fenster zu streichen. Um möglichst preisgünstig zu sein, bot ich - wie immer - auch den Eheleuten Bley den Auftrag ohne Gerüst an, für gerade einmal nur 1.600,- €, inkl. vollflächigem Spachteln und Gewebearmierung. Doch als ich dem Kunden nach einer Woche eine Abschlagsrechnung in Höhe von 1.000,- € gab, wollte dieser sie nicht bezahlen, da keine Abschlagszahlung vereinbart war. Zudem bemängelte er, dass die Fassade noch nicht glatt genug sei, obwohl wir ohnehin schon dreimal so viel gespachtelt hatten, als im Angebot vorgesehen. Inzwischen war es Oktober geworden und es regnete ständig, so dass sich die Fertigstellung hinzog. Der Kunde fing nun immer wieder an, zu nörgeln und schickte mir bald alle drei Tage ein Fax mitten in der Nacht, in welchem er mich aufforderte, die Arbeiten endlich fertig zu stellen, jedoch auch immer wieder neue Mängel rügte. Ich schrieb ihm, dass wir doch so gut wie fertig seien, aber das Wetter zu unsicher sei, um die gewünschten Ausbesserungen durchzuführen. Der Ton wurde allmählich immer gehässiger: "Wir fordern Sie hiermit auf, nachdem Sie inzwischen seit mehr als 2 Wochen an dieser `Baustelle` werkeln, diesem Treiben nunmehr kurzfristig ein Ende zu setzen, spätestens jedoch bis zum 26.Oktober".

Irgendwie fand ich dieses aggressive Verhalten des Kunden sehr seltsam. Ständig stellte er Forderungen, war aber noch nicht mal bereit, mir einen Abschlag zu bezahlen, obwohl wir doch schon 98 % der beauftragten Arbeiten erledigt hatten. Ich rief ihn an und bestand auf eine Anzahlung, da wir sonst nicht weiterarbeiten würden. "Ohne Benzin läuft der Wagen nicht!" Kurz darauf überwies er mir 600,-€. Nachdem wir dann an einem Tag die allerletzten Nacharbeiten erledigt hatten, warf ich ihm zu Feierabend die Rechnung in den Briefkasten. Um 23.30 Uhr kam dann ein Fax von ihm: "Sehr geehrter Herr Poppe, meine Frau und ich haben herzhaft gelacht, als wir heute ihre Rechnung erhielten..." - "Herzhaft gelacht über die Rechnung"? Was sollte das heißen? Will er mir etwa gar nichts mehr bezahlen? Ich hatte eine schlaflose Nacht. Am nächsten Tag rief ich ihn an, aber er ging nicht ran. Doch um Mitternacht schickte er mir wieder ein Fax voll mit Gehässigkeiten und Beleidigungen. Postwendend antwortete ich ihm handschriftlich, dass ich von seinen "nächtlichen Faxen allmählich die Faxen dicke habe" und dass ich nicht mehr bereit sei, mir noch länger seine Schikanen gefallen zu lassen. Mein letzter Satz lautete: "Sie sind nicht das Maß aller Dinge!"

Wie zu erwarten, reagierte er überhaupt nicht mehr, so dass ich im Frühjahr durch meinen Anwalt Klage erheben ließ auf Zahlung der Schlussrechnung in Höhe von 1.309,36 €. Monate später erhielten wir Post von seinem Anwalt, der die Klage als unbegründet zurückwies. Das Gericht gab uns daraufhin einen Termin zur Güteverhandlung für den 04.02.2004. Doch in den Tagen darauf bekam ich eines Nachmittags Besuch von einem Vertreter der Fa. CREDITREFORM, der mir seine Leistungen vorstellte, bei denen es um Forderungsbeitreibung (Inkasso) ging, aber auch um Prüfung der Kreditwürdigkeit von potenziellen Kunden. Er erklärte mir, dass sie einen umfangreichen Datenbestand hätten von sämtlichen gewerblichen und privaten Personen in ganz Deutschland. Ich fragte ihn, ob er mir mal zum Test eine Auskunft über einen gewissen Hans-Georg Bley geben könne, für den ich gerade arbeite. Er schaute in sein Notebook und sagte plötzlich: "Volltreffer!" Dann drehte er den Bildschirm zu mir und zeigte auf eine rote Ampel, die bei dem Kunden stand. "Und was heißt das?" fragte ich. "Dass der Kunde zahlungsunfähig ist, weil er einen Offenbarungseid geleistet hat." - "Waaas???" Jetzt wurde mir alles klar! Herr Bley hatte am 23.05.2001 eine Eidesstattliche Versicherung abgegeben! Er war also schon zum Zeitpunkt der Beauftragung zahlungsunfähig gewesen! Damit hatte er sich jedoch strafbar gemacht wegen eines Meineides.

Am Tage der Gerichtsverhandlung erschien Herr Bley nicht, war aber durch seinen Anwalt entschuldigt. Der Richter erörterte die Rechtslage und machte den Vorschlag, dass man sich doch auf einen Vergleich einigen solle, d.h. auf einen Kompromiss. Dieser sah wie folgt aus:

"1. Der Beklagte zahlt an den Kläger € 654,68 bis zum 28.02.04. Sollte der Beklagte den Betrag bis zu diesem Zeitpunkt nicht gezahlt haben, zahlt der Beklagte an den Kläger insgesamt € 1.000,- zzgl. Zinsen i.H.v. 5 % über dem Basiszinssatz ab dem 01.03.04.

2. Damit sind sämtliche wechselseitigen Ansprüche aus dem streitgegenständlichen Vertragsverhältnis erledigt.

3. Die Kosten des Rechtsstreits werden gegeneinander aufgehoben.

4. Dem Beklagten bleibt nachgelassen, diesen Vergleich bei diesem Gericht bis zum 18.02.04 einzureichenden Schriftsatz zu widerrufen."

Diese Details sind deshalb wichtig, weil Herr Bley überhaupt nicht einverstanden war mit dem Vergleich und ihn deshalb widerrufen wollte. Sein Anwalt übergab deshalb seiner Mitarbeiterin am 17.02.04 den schriftlichen Widerruf, um ihn in die Post zu geben, doch ging dieser erst am 19.02. bei Gericht ein, d.h. einen Tag zu spät, so dass der Widerruf für ungültig und das Verfahren damit für beendet erklärt wurde. Der Anwalt protestierte gegen diese Entscheidung und forderte eine "Einsetzung in den vorherigen Stand", dem aber nicht stattgegeben wurde. Inzwischen war aber auch die 2. Frist am 01.03. verstrichen, so dass Herr Bley mir nun 1000,- € schuldete. Doch auch nach 3 Monaten erhielt ich kein Geld, sondern stattdessen einen Einschreibebrief des gegnerischen Anwalts mit der Aufforderung, noch angeblich vorhandene Farbflecken zu beseitigen, obwohl ich durch die Erledigungsklausel des Vergleichs gar nicht mehr dazu verpflichtet war. Kurz darauf teilte der Anwalt jedoch mit, dass er inzwischen das Mandatsverhältnis niedergelegt habe, wohl deshalb, weil Herr Bley auch ihm kein Geld mehr zahlen wollte/konnte. Ein paar Monate später verstarb Herr Bley plötzlich aus mir nicht bekannten Gründen.

 

Januar bis Juli 2003

Grundformen der Angst

Im Januar fuhren Ruth, Rebekka und ich für eine Woche nach Barcelona in den Urlaub. Dort waren es trotz der Winterzeit +18˚C und Sonnenschein. Wir besuchten ein Tiefsee-Aquarium und einen Freizeitpark, wo wir unter freiem Himmel Schlittschuh laufen konnten. Beeindruckt war ich von der Kirche "La Sagrada Familia", an der schon seit 100 Jahren gebaut wird. Sie hat 18 Türme und ist im Stil der Neugotik und des Modernismus erbaut vom Architekten Antonio Gaudí (1885-1926). In Barcelona spricht man übrigens weniger spanisch, sondern hauptsächlich katalanisch, eine Mischung aus Spanisch und Französisch.

Als wir wieder zurück waren, musste ich mit meinen Lehrlingen wieder öfters Handzettel verteilen, da - wie jedes Jahr - im Winter die Auftragslage deutlich zurückging. Während des Verteilens hörte ich über meinen mobilen CD-Player meistens Hörbücher, die ich mir aus der Stadtbibliothek ausgeliehen hatte. Eines dieser Hörbücher hatte den Titel "Grundformen der Angst" vom Psychologen Fritz Riemann und war für mich äußerst erhellend, so dass ich es viele Male hören musste, um mir die Botschaft einzuprägen. Riemann weißt in seiner Untersuchung über Charaktertypologien nach, dass es im Prinzip vier Persönlichkeitsmodelle gibt, der sich alle Menschen zuordnen lassen. Im Gegensatz zur bekannten Temperamentenlehre des griechischen Arztes Galenos von Pergamon (Sanguiniker, Phlematiker, Choleriker und Melancholiker) unterteilte Riemann die Menschen nach vier Persönlichkeitsstrukturen, die sich aus ihren jeweiligen Grundängsten gebildet haben und die ich im Folgenden mal aus dem Gedächtnis wiedergebe:

1. Die depressive Persönlichkeit: Das sind Menschen, die von Kind auf Angst haben vor Ausgrenzung. Ihnen fiel es schwer, sich aus der elterlichen Geborgenheit zu lösen, weil ihnen der dominante Einfluss der Mutter oder des Vaters nicht ermöglicht hatte, eine eigene starke Persönlichkeit zu entfalten, sodass sie sich ihr Leben lang an andere Einzelpersonen oder Gruppen wie eine Klette anhängen, die ihnen dieses Gefühl von familiärer Geborgenheit ersetzen. Am liebsten möchten sie ihr eigenes Ich aufgeben und ganz im Anderen oder in der größeren Sache aufgehen (Partei, Verein, Gemeinde). Sich zu unterscheiden, anders zu denken und zu fühlen, mobilisiert bei ihnen Verlustängste, so dass sie bemüht sind, auf eigene Ideen zu verzichten und sich anzupassen. Da sie keinen Mut zur Eigeninitiative haben, entwickeln sie eine passive Erwartungshaltung. Sie mögen sich gerne für andere aufopfern und haben auch eine große Liebe und Empathie. Dies führt allzu oft zum Ausgebeutet-werden durch andere. Das Streben nach Wärme und Harmonie (Nuckelinstinkt) bringt solche Menschen oftmals dazu, dass sie schon früh anfangen mit Rauchen, Alkohol, Drogen oder anderen Süchten, die ihnen die Angst vor der Einsamkeit vorübergehend vergessen lassen. Wird dieses Bedürfnis nach Wärme und Nähe irgendwann nicht mehr ausreichend gestillt, kann dies bei ihnen zu einer echten Depression führen.

2. Die schizoide Persönlichkeit: Hierbei handelt es sich um Menschen, die das genaue Gegenteil von 1 sind, nämlich solchen, die eher Angst haben, von anderen Menschen vereinnahmt zu werden und sich deshalb gerne absondern. Leute mit einer schizoiden Persönlichkeitsstruktur haben in ihrer Kindheit eher die Erfahrung von Überforderung gemacht, weil ihre Eltern eine viel zu hohe Erwartung und einen Leistungsdruck auf das Kind ausgeübt haben, so dass es erst in der Stille und dem Alleinsein mit sich selbst Glück und Zufriedenheit erleben konnte. Ähnlich wie Autisten bevorzugen solche Menschen auch als Erwachsene lieber die Distanz zu anderen, meiden die Teilnahme an Veranstaltungen und fühlen sich erst am heimischen Computer oder beim Lesen eines Buches wohl. "Sein Streben wird vor allem dahin gehen, so unabhängig und autark wie möglich zu werden. Auf niemanden angewiesen zu sein, niemanden zu brauchen, niemandem verpflichtet zu sein, ist ihm entscheidend wichtig" (F. Riemann). Wird dieses Bedürfnis nach Privatsphäre dauerhaft nicht berücksichtigt, neigen solche Menschen zur paranoiden Schizophrenie.

3. Die neurotische Persönlichkeit: Darunter fallen jene Menschen, die eine permanente Angst vor Veränderung und vor der Vergänglichkeit haben. Deshalb entwickeln sie ein zwanghaftes Streben nach Stabilität und Gleichmäßigkeit, indem sie möglichst alles unterbinden, was sich ihrer Kontrolle entzieht. Solchen zwanghaften Persönlichkeiten wurde schon sehr früh der kindliche, lebendige Impuls nach Spontanität, Phantasie und Affektivität unterdrückt, indem ihr gesunder Wille durch übertriebene Regeln allzu sehr gedrosselt und gehemmt wurde. Ebenso können auch traumatische Schicksalsschläge in der Kindheit, die nicht verarbeitet wurden, dazu geführt haben, dass der Heranwachsende sich nach Ruhe und Frieden sehnt und erst durch das konsequente Einhalten von starren Regeln Halt und Orientierung erlebt. Solche Persönlichkeiten sind verständlicherweise äußerst treu und zuverlässig, sowohl in der Ehe als auch im Beruf. Sie reagieren jedoch zugleich eher gereizt auf Überraschungen oder Veränderungen, und da das Leben ständig im Fluss ist, haben sie immer irgendetwas zu nörgeln, vor allem an anderen, die weniger treu und zuverlässig sind wie sie. Neurotische Personen sind immer pünktlich, sparsam und verantwortungsbewusst und scheuen jedes Risiko. Sie geben Halt, vertreten Werte und bewahren Tradition. Ihre übertriebene Pedanterie kann bei erhöhter Belastung auch zu einer Zwangsneurose führen.

4. Die hysterische Persönlichkeit: Dies sind solche Menschen, die im Gegensatz zu Typ 3 sich eher vor der Verantwortung drücken, aber dafür sich mit Leidenschaft jeder neuen Herausforderung im Leben stellen und keine Angst haben vor Veränderung, sondern eher Angst haben vor der Erstarrung. Den hysterischen Persönlichkeiten ist ein großer Mut vor dem Unbekanntem zu eigen, mit dem sie zwar vieles erreichen, aber dabei auch oftmals über Leichen gehen, da sie wenig Rücksicht auf ihr Umfeld nehmen. Hysteriker sind bereit, jedes Risiko einzugehen, wenn es ihnen irgendeinen neuartigen Reiz verspricht; darin liegt aber auch ihre Verführbarkeit, da sie Versuchungen schwer widerstehen können. Sie scheuen das Notwendige und leugnen das Begrenzende, nicht zuletzt auch die Begrenztheit ihrer eigenen Möglichkeiten. Über die Konsequenzen eigenen Tuns mögen sie sich keine Klarheit verschaffen und neigen dazu, sich ihnen ideenreich zu entziehen. Pünktlichkeit und planvolles Handeln halten sie für kleinlich und überflüssig und sind auch für Kritik von außen eher immun. Ursachen für dieses Geltungsbedürfnis und diesen Drang nach Grenzerfahrung können neben der Verebung auch in der Wirkung von Vorbildern in der Kindheit, aber auch Rivalitäten in der Familie begründet sein. Kränkungen ihres Selbstwertgefühls werden oft mit heftigen Reaktionen der Rache beantwortet. Hysterikern gelingt es eher selten, sich aus der Identifikation mit ihren Vorbildern oder aus der Rebellion gegen sie lösen zu können. Dies hindert sie an der Entwicklung einer eigenständigen, unabhängigen Identität, so dass ihr Geltungsdrang im Extremfall narzißtische Züge annimmt.

Nachdem ich das Hörbuch zu Ende gehört hatte, war mir völlig klar, dass ich zur 4.Persönlichkeitsgruppe gehörte, denn alles traf zu 100 % auf mich zu. Jetzt wurde mir klar, warum es mir im Gegensatz zu anderen so schwer fiel, mich anzupassen oder unterzuordnen unter gesellschaftliche Konventionen, aber auch warum ich so einen Drang hatte, Neues auszuprobieren. War dies nicht auch die Ursache, warum ich mich im Christentum auf Dauer immer unwohler gefühlt habe? Vielleicht eignete ich mich charakterlich schon nicht für den Glauben, da ich mich nicht in eine Hierachie einzufügen vermag und auch nicht jahrelang die gleichen starren Regeln befolgen kann? Anderen gelingt dies schon deshalb viel besser, weil sie Angst haben vor Ausgrenzung haben ("Depressive") oder das Bedürfnis, das Vertraute zu bewahren, weil es ihren Wunsch nach Stabilität ("Neurotiker"). Aber auch "Schizoide" können ihren Wunsch nach Absonderung in bestimmten christlichen Sekten ausleben und ihre Not zur Tugend erklären, indem sie dies mit entsprechenden Bibelgeboten zur Absonderung rechtfertigen können. Aber für einen "Hysteriker" wie mich ist einfach kein Platz im Christentum, denn Individualität und der Drang nach Wandel widersprechen einfach den Anforderungen von Gehorsam und Treue. Ich erinnerte mich an die Vorwürfe der Brüder: "Simon kommt jede Woche mit irgendetwas Neuem!" Ich war für sie unberechenbar geworden, ein unzuverlässiger Eigenbrödler und eine Nervensäge. Auf Dauer wäre ich sicher immer nur ein Anstoß und Ärgernis für die Anderen geblieben, so dass es letztlich besser war, zu gehen.

Schwarzarbeit

Wenn man selber leichtfüßig, exzentrisch und risikofreudig ist, dann mag man auch Leute, die ebenso verrückt und chaotisch sind, wie man selber ist. Als im Frühjahr 2003 die Auftragslage wieder deutlich besser wurde, gab ich eine Stellenanzeige beim Arbeitsamt auf, dass ich einen gelernten Maler suchen würde. Es meldete sich u.a. ein junger Pole namens Piotr Hnidziuk (24), der reden konnte wie ein Wasserfall und irgendwie ziemlich komisch war. Er sagte, dass er zwar kein gelernter Maler sei, aber im Prinzip schon alles gemacht habe. Er brauche dringend Arbeit, habe aber keine Arbeitserlaubnis, da er Pole sei (Polen gehörte 2003 noch nicht zur EU). Ich entschied mich, ihn trotzdem zu nehmen. Erst zwei Wochen später, nachdem er bei mir angefangen hatte, bekannte mir Piotr, dass er noch nicht einmal eine gültige Aufenthaltserlaubnis in Deutschland hatte. Ich schimpfte mit ihm, dass er mir nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte, ließ ihn aber trotzdem für mich arbeiten, da ich das Risiko für überschaubar hielt.

Piotr war nicht der erste Schwarzarbeiter, dem ich vorübergehend Arbeit gab. Der erste war Walter Maul (ca. 35), ein Alkoholiker, dem vorne mehrere Zähne fehlten. Marco hatte ihn bei seinen Einsätzen als Streetworker für die Heilsarmee kennengelernt, und er half mir bei meinem Umzug. Allerdings war Walter infolge seines jahrelangen Alkoholkonsums etwas unterbelichtet, so dass ich mich schämte, ihn bei Kunden einzusetzen. Einmal schenkte ich ihm z.B. eine Deckenlampe, und Marco bot ihm netterweise an, diese in Walters Wohnung aufzuhängen. Dabei verursachte Marco jedoch einen Kurzschluss, den er nicht zu beheben wusste. Daraufhin bedrohte Walter den Marco (im halb angetrunkenen Zustand), dass er die Polizei rufen würde, wenn Marco ihm nicht den angerichteten Schaden wieder in Ordnung brächte.

Kurz darauf verlor Walter jedoch seine Wohnung und wohnte eine Zeit lang bei meinem Lehrling Sergej Eliseev. Eines Tages fuhr Walter stockbetrunken in der Straßenbahn und pöbelte die Ausländer mit rassistischen Sprüchen an. Als er dann plötzlich bei einer Fahrscheinkontrolle mal wieder als Schwarzfahrer erwischt wurde, verließ er frustriert die Bahn und torkelte zu Fuß zur Wohnung von Sergej. Dort angekommen schwadronierte er weiter mit Fäkalausdrücken über die Ausländer, so dass Sergej ihn zur Mäßigung aufrief, zumal auch er sich als Russe damit angesprochen fühlte. Daraufhin pöbelte Walter auch gegen die Russen und forderte ein ausländerfreies Deutschland. Das war für Sergej zu viel. Er stand auf, griff Walter am Arm und gab ihm zu verstehen, dass er ihn nicht länger in seiner Wohnung dulden würde und er sich woanders eine Unterkunft suchen solle. Walter griff daraufhin in seine Tasche und holte eine Dose Pfefferspray hervor, die er dem Sergej ins Gesicht sprühte. Als Walter kurz darauf hinausgeworfen wurde und im Treppenhaus landete, rief er sofort die Polizei. Zwei Polizisten kamen und ließen sich von Walter und Sergej nacheinander die Ursachen des Streits erklären. Daraufhin wurde Walter verhaftet, da der ungerechtfertigte Einsatz von Pfefferspray eine Körperverletzung darstelle.

Nicht alle Menschen haben die Gabe, ihre Anliegen durch simple Kommunikation zu vermitteln. Einer von diesen war mein Mitarbeiter Stefan Koch (33), der wegen seiner Schüchternheit so gut wie nie etwas sagte. Doch plötzlich erhielt ich einen Brief von einer Anwaltskanzlei. Man forderte mich darin auf, ihrem Mandanten Stefan Koch den noch ausstehenden restlichen Monatslohn vom Vormonat zu bezahlen. Ich ging daraufhin zu Stefan und sagte, dass es mir leid täte, dies vergessen zu haben, aber dass er doch deshalb nicht gleich einen Anwalt einschalten müsse. Er zuckte nur mit den Schultern, sagte aber nichts. Ich überwies ihm das Geld. Doch einen Monat später erhielt ich schon wieder Post von seinem Anwalt. Diesmal erinnerte man mich daran, dass ich das zusätzliche Weihnachtsgeld für Stefan auch noch nicht überwiesen hätte. Ich rief Stefan an, aber als ich ihn bat, er solle in Zukunft einfach direkt mit MIR reden und nicht jedes Mal gleich seinen Anwalt einschalten, legte er einfach auf. Dann fuhr ich zu seiner Baustelle, aber er war auf einmal abgehauen. Ich rief ihn noch einmal an und schimpfte mit ihm, dass er einfach ohne Erlaubnis die Baustelle verlassen habe. Daraufhin legte er wieder auf. Ich rief ihn wieder an und drohte ihm mit Kündigung, wenn er noch einmal auflege. Doch bevor ich ihm noch mehr sagen konnte, hatte er schon wieder aufgelegt und sein Handy dann ausgeschaltet. Stefan wollte offensichtlich, dass ich ihn kündigen sollte, und ich tat es.

Im Mai erhielten wir plötzlich Besuch von den Schwarzarbeitskontrolleuren, und zwar ausgerechnet auf der Baustelle, wo Piotr ganz alleine am Arbeiten war. Wahrscheinlich hatten Nachbarn einen Verdacht geschöpft und das Arbeitsamt alarmiert, weil Piotr nicht mit weißer Latzhose am Streichen der Fassade war, sondern nur einen sog. „Blaumann“ anhatte. Piotr sah die Beamten oben vom Gerüst aus, als sie aus dem Wagen stiegen und ging schnell auf die andere Gebäudeseite. Doch sie hatten ihn schon gesehen und liefen auf das Grundstück. Piotr kletterte hinter dem Haus schnell vom Gerüst herunter, sprang über die Hecke auf ein Nachbargrundstück und versteckte sich dort bis die Luft rein war. Er war um Haaresbreite einer Verhaftung entgangen.

Als Piotr mich dann anrief und mir erzählte, was passiert war, geriet ich in Panik; aber ich kam dennoch nicht auf die Idee, das „Arbeitsverhältnis“ mit Piotr unverzüglich zu beenden (zumal er ja auch mich „gerettet“ hatte und ich ihm zu Dank verpflichtet war), sondern ließ ihn fortan nur auf Baustellen im Innenbereich arbeiten. An die Fassade hingegen schickte ich am nächsten Tag meinen Mitarbeiter Paul Rauner, weil ich befürchtete, dass die wiederkommen könnten. Und tatsächlich berichtete mir Paul später, dass die Kontrolleure wiederkamen und seinen Sozialversicherungsausweis verlangten. Da er diesen nicht dabei hatte, nahmen sie ihn mit und fuhren mit ihm zu seiner Wohnung, wo er diesen zusammen mit seinen Lohnabrechnungen vorlegen musste. Dadurch hatte sich die Sache dann für die Kontrolleure erledigt.

Juli - Dezember 2003

Meine Diplomarbeit

Der Sommer 2003 war ungewöhnlich heiß. Ich erinnere mich, dass ich in Findorff im Auto fuhr und auf dem Thermometer 39˚C sah. Es waren wohl die ersten Anzeichen des Klimawandels, von dem damals noch niemand redete, da das Thema noch völlig unbekannt war. Einer der ersten, der schon 2006 damit an die Öffentlichkeit ging war der amerikanische Präsidentschaftskandidat Al Gore, der im Jahr 2000 gegen seinen Konkurrenten George Bush jr. bei den Wahlen knapp unterlegen war. Sein Buch hieß: „Die unbequeme Wahrheit“ und wurde später auch verfilmt.

Auch ich sollte im Sommer 2003 etwas schreiben, und zwar meine Diplomarbeit zum Abschluss meines Teizeitstudiums in Betriebswirtschaftslehre. Hierbei konnten wir uns aus allen BWL-Fächern ein beliebiges Thema wählen, über dass wir dann auf etwa 20 Seiten ein ausführliches Referat schreiben und später mündlich vortragen sollten. Da die BWL-Fächer z.T. ziemlich trocken und langweilig sind (z.B. Arbeitsorganisation oder Bilanzanalyse), wählte ich das Fach Marketing und schrieb eine Hausarbeit mit dem Titel „Privatkundenorientierte Werbung durch Handzettel“. Als ehemaliger Missionar lag mir das Thema „Werbung“ ja ohnehin am Herzen und ich hatte ja bisher selber gute Erfahrungen gemacht mit der Handzettelwerbung an die Briefkästen.

Es ging nur darum, zu begründen, warum Handzettel auch in der Zeit des Internets immer noch ein geeignetes Werbemittel waren und wie man Kunden besonders mit vorübergehenden Preisaktionen locken konnte. Ich selber begründete auf meinem Handzettel den Preisnachlass ja damit, dass ich mich gerade erst selbstständig gemacht hatte, so dass der Kunde schnell einsehen konnte, dass es mir bei der Preissenkung um Bekanntheit im Markt und Kundenbindung ging, so dass sie keinen Grund hatten zum Misstrauen. Dass ich die Preisnachlässe jedoch an Beispielen auf meinem Handzettel veranschaulichte, war schon eine ziemlich originelle Idee, die ich bisher noch auf keinem Werbeflyer von anderen Handwerkern gesehen hatte.

Ich schrieb damals:

Gute Ideen sind meistens gar nicht so verrückt, wie man meint. Sie sind für gewöhnlich simpel und naheliegend. Häufig kommen sie einfach schon bei der Beseitigung von Denkblockaden zustande. So war auch meine Idee nicht gerade weltbewegend, aber scheinbar doch recht erfolgreich:

Mir fiel auf, dass es scheinbar in allen Branchen eine gewisse Preistransparenz gibt, nur nicht gerade im Bauhandwerk. Reisebüros z.B. kleben ihre Schaufenster voll mit Billigflugangeboten. Auch Kaufhäuser und Baumärkte, ja überall wo man hinschaut findet man Preisaushänge, nur im Bauhandwerk herrscht noch immer eisernes Schweigen, nach dem Motto: „Über Geld reden wir nicht!“ Diese Gewohnheit stammt möglicherweise noch aus der Zeit der mittelalterlichen Zünfte, wo die einzelnen Bauhandwerker sich unter Todesandrohung zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet hatten. Ein anderer Grund könnte auch darin bestehen, dass viele Handwerksmeister nicht in der Lage sind, eine vernünftige Kalkulation zustande zu bringen, sondern stattdessen ihre Einheitswerte unreflektiert von ihren Vorgängern übernommen haben. Kein Wunder, dass es deshalb bei der Einholung von Vergleichsangeboten häufig geschieht, dass für eine und dieselbe Leistung Preisunterschiede von z.T. über 100 % resultieren können! Wenn dann mal ein junger Meister wirklich mit spitzem Bleistift daherkommt und den tatsächlichen Aufwand genau errechnet, dann folgt sogleich die bierselige Phrase: „Der macht ja unsere Preise kaputt!“

Meine Idee war also, dem Kunden gegenüber von vornherein mit offenen Karten zu spielen. Ich wollte ihn nicht in die peinliche Situation bringen, dass er sich mit völlig unrealistischen Preisvorstellungen an mich wenden muss, um zaghaft auszukundschaften, ob er sich einen Meisterbetrieb überhaupt leisten kann. Diese Offenheit hat zum anderen ja auch für mich den Vorteil, dass ich mir nicht mehr von geizigen Verbrauchern die Zeit stehlen lassen brauche, die „sich nur mal so informieren wollten“...

Mir war von Anfang an klar, dass ich unterdurchschnittliche Preise nur dann als taugliches Werbemittel verwenden kann, wenn sich durch diese zumindest noch meine variablen und meine Fixkosten decken ließen. Wie hoch der Fixkostenzuschlag insgesamt ausfällt, lässt sich natürlich erst nach einem Jahr exakt berechnen und kann bei Existenzgründern zunächst nur geschätzt werden. [...]

Ohne hier als ‚Nestbeschmutzer‘ angesehen zu werden, möchte ich an dieser Stelle nur einmal selbstkritisch feststellen, dass viele Malerbetriebe bei einigen Leistungen schon längst die Bodenhaftung verloren haben, indem sie diese völlig überteuert anbieten.

Besonders gravierend wird dies deutlich bei den Preisen für Fassadenanstriche: 1 m² Fassade zu streichen dauert eigentlich nur wenige Sekunden, doch man muss natürlich auch sämtliche andere damit verbundene Arbeiten und die Materialkosten auf den Quadratmeter-Preis umlegen, um zu einem realistischen Preis zu kommen. Das Preisberechnungsbuch des Malerhandwerks hat einen Aufwand von durchschnittlich 15 Minuten ermittelt für den gesamten Anstrich Aufbau – pro Quadratmeter. Bei einem Stundenverrechnungssatz von durchschnittlich 32,50 € pro Stunde für einen Malergesellen im Lande Bremen (Stand 2003!) und einer Materialkostenumlage von durchschnittlich 2,- €/ qm ergibt dies Preis/qm für Fassadenanstriche von ca. 10,- €. Tatsache ist jedoch, dass viele meiner Mitbewerber Preise von 15 € oder sogar mehr in Rechnung stellen. Und genau hier sah ich meine Chance!

Nachdem wir unsere ersten Fassaden gestrichen hatten, stellte ich erfreut fest, dass ich bei dem für mich selbst errechneten Angebotspreis von 7,50 € /qm immer noch ausgesprochen gut verdienen konnte und damit weit billiger war als meine Mitbewerber, die ich regelmäßig aus dem Rennen schicken konnte. Ein Beispiel: eine Fassade von zum Beispiel 200 m² konnte ich mit meinen beiden Lehrlingen an drei Tagen streichen für 1.500 € netto abzüglich der Materialkosten von circa 300 € blieb eine Wertschöpfung von 1.200 €, d.h. 400 € am Tag, abzüglich der geringfügigen Personalkosten (2 Lehrlinge) von maximal 100 € verblieb mir immer noch ein ansehnlicher Deckungsbeitrag von 300 € pro Tag. Nicht schlecht für den Anfang! Während ich dem Kunden also 1500 € zzgl. 16 % Mehrwertsteuer, also 1.740 € in Rechnung stellte, kamen meine Mitbewerber nicht selten auf Preise von 3000 € oder sogar 5.000 €. Diese Diskrepanz habe ich dann genutzt um sie in meinem Handzettel als Verkaufsargument zu nutzen: „Fassadenanstriche zum halben Preis!“ Die Reaktion der Kunden ließ nicht lange auf sich warten: ständig klingelte das Telefon, den ganzen Sommer über, wir hatten einen Auftrag nach dem anderen, auf einen Schlag war ich im Geschäft!

[...]  Ich habe zudem die Erfahrung gemacht, dass ich durch den Handzettel in gewissen Maße auch die „Spreu vom Weizen trennen“ kann. Die Kunden, die ich erreichen möchte, gehen nicht unbedingt ins Internet, wenn sie einen Maler suchen. Es sind meistens eben gerade Rentner, die überhaupt nichts mehr „suchen“ bzw. erreichen wollen, weil sie schon alles haben. Sie sitzen morgens um 9:00 Uhr am Frühstückstisch und studieren aufmerksam ihre Tageszeitung. Und weil sie so viel Zeit haben, schauen sie sich auch noch die Werbebeilagen an, um zu überprüfen, ob es irgendein interessantes Angebot gibt. Und dann finden sie plötzlich einen Zettel, wo ein junger Mann auf seine Betriebsgründung aufmerksam macht, und schon wird Ihnen ganz warm ums Herz. Sie erinnern sich an ihre große Zeit, als sie noch jung waren und noch kämpfen mussten um ihre kleine Familie. Oder Sie müssen an ihre Erwachsenen Kinder oder gar Enkelkinder denken, die sich vielleicht auch gerade selbstständig gemacht haben und deshalb auch die Erfahrung machen mussten, wie schwierig es ist in der heutigen Zeit. Wie viele ältere Kunden haben schon zu mir gesagt: „Sowas, was sie machen, das muss man ja wirklich unterstützen!“ .“

 Zu meiner großen Freude, erhielt ich für meine Hausarbeit die Note „gut“. In den anderen Fächern waren meine Noten nicht immer ganz so gut:

    • Betriebsorganisation                                                       befriedigend
    • Bilanzanalyse                                                                  befriedigend
    • Vertragsrecht                                                                   befriedigend
    • Volkswirtschaft                                                                gut
    • Marketing                                                                        sehr gut
    • Arbeitssicherheit                                                             gut
    • Arbeitsrecht                                                                     befriedigend
    • Arbeitsvorbereitung                                                         ausreichend
    • Kostenrechnung und Kalkulation                                    ausreichend
    • Mitarbeiterführung                                                           befriedigend
    • Steuern/ Sozialversicherungsfragen                               sehr gut
    • Zeitwirtschaft                                                                  ausreichend
    • Finanzierung                                                                  gut
    • Persönlichkeitsentwicklung                                            sehr gut
    • Verkaufstechnik                                                              befriedigend
    • Mitarbeiterauswahl befriedigend Steuerrecht                 befriedigend
    • Rechtliche Gestaltung des Betriebes                             befriedigend
    • Controlling                                                                      befriedigend
    • Betriebsplanung                                                             ausreichend
    • Materialwirtschaft                                                           gut
    • Rhetorik                                                                          sehr gut

Insgesamt hatte ich mit 78,5 Punkten eine befriedigende Note.

Im Sommer erhielt auch mein Lehrling Patrick Müncher die Ergebnisse seiner Zwischenprüfung:

Praktisch: 2                        Theorie: 4

Er hatte sich also ziemlich gut entwickelt und brachte auf den Baustellen eine anständige Leistung. Da ein Auszubildender deutlich weniger Kosten verursacht, entschied ich mich, noch einen weiteren Lehrling zu nehmen. Die Handwerkskammer nahm zwar meine Stellenanzeige an, forderte jedoch von mir, dass ich dann auch noch einen weiteren Gesellen einstellen müsste, da ich ja bereits 3 Lehrlinge hatte und nur einen Gesellen. Ich stellte also einen russlanddeutschen Gesellen namens Leonid Albrecht (23) ein. Und bekam dann von Arbeitsamt einen palästinensischen jungen Mann namens Fadi Shoushari (21) vermittelt der mit 10 Jahren nach Deutschland gekommen war und dem die Abschiebung nach Syrien drohte, wenn er nicht kurzfristig einen Ausbildungsplatz gefunden hätte. Fadi war ein sehr guter Lehrling und wurde später einer meiner besten Mitarbeiter.

Die Meistergründungsprämie

Im Spätsommer 2003 fand ich in der Beilage der Handwerkszeitung einen Flyer vom Bremer Senator für Wirtschaft und Häfen, der zu einem jährlich ausgeschriebenen Wettbewerb einlud, bei dem es eine sog. „Meistergründungsprämie“ in Höhe von 5.000,- € zu gewinnen gab. Handwerksmeister aus Bremen, die sich im Vorjahr selbstständig gemacht hatten, sollten ihr individuelles Unternehmenskonzept einreichen, mit dem sie am Markt erfolgreich gewesen sind. Eine Expertenjury würde die eingereichten Beiträge dann unter den Förderkriterien nach innovativen Ideen bewerten in den Bereichen Produktionsabläufe, Marketingkonzepte oder innerbetriebliche Strukturen. Ziel des Wettbewerbs war es, die Gründungspotenziale im Handwerk zu aktivieren, den Erwerb des Meistertitels als Qualitätsmerkmal herauszustellen und den Generationenwechsel voranzutreiben.

Grundvoraussetzung zur Teilnahme war, dass man sich mit seinem Meistertitel im Vorjahr selbständig gemacht haben musste. Ich dachte zuerst: „Schade! Wenn ich das eher gewusst hätte, dann hätte ich auf jeden Fall daran teilgenommen; aber ich bin ja jetzt schon seit 5 Jahren selbstständig und scheide deshalb von der Teilnahme aus.“ Doch dann fiel mir ein, dass ich ja im Lande Bremen tatsächlich erst seit einem Jahr selbstständig bin, und dass ich schon vorher mal in Niedersachsen selbstständig war, musste ja niemand wissen! Ich war wie elektrisiert, denn die 5.000,- € Gewinnerprämie konnte ich gut gebrauchen, um mir endlich mal einen neuen Firmenwagen zu leisten. Ich las mir noch mal die geforderten Inhalte des Unternehmenskonzeptes vor und überlegte, was ich schreiben könnte. Doch dann fiel es mir wie ein Geistesblitz ein: „Ich nehme einfach meine Diplomarbeit über den Handzettel als Werbe-Erfolgsgeheimnis und kürze den Text etwas, dann habe ich ja schon mein innovatives Erfolgsrezept!“ Ich freute mich über diesen genialen Einfall und kürzte meinen 20-Seiten-Text auf die 3 vorgeschriebenen Seiten und reichte ihn kurz vor Einsendeschluss ein.

Zwei Monate später erfuhr ich dann die sensationelle Nachricht per Post: ICH HATTE GEWONNEN! Genau genommen gehörte ich zu den 5 Gewinnern, die alle im Rahmen einer Festveranstaltung im September ihren Scheck über 5.000,- € erhalten sollten. Zu dem von der Sparkasse in Bremen veranstalteten traditionellen „Mahl des Handwerks“ waren viele Gäste aus Politik und Wirtschaft geladen, also Vertreter des Senats und der Handwerkskammer, sowie Professoren und Politiker, die zunächst einen Vortrag hielten zum Thema „Wird Deutschland die Wachstumsschwäche überwinden?“ Vor Beginn des großen Bufets überreichte dann der Bremer Bürgermeister und Wirtschaftssenator Hartmut Perschau (CDU) an uns die Urkunden mit den Schecks und gratulierte uns. Da wir selber auch eine kurze Rede halten sollten, bedankte ich mich für den Preis und wies darauf hin, dass die Lehrlinge im Handwerk mehr Geld bekommen sollten, um den Handwerksberuf attraktiver zu machen. Auch der Bremer Weser Kurier und andere Pressevertreter nahmen an der Veranstaltung teil, so dass ich zum ersten Mal auch in der Zeitung stand mit einem großen Foto. Von dem Geld kaufte ich mir einen gebrauchten Opel Combo (Kastenwagen) und ließ ihn mit meinen Firmendaten beschriften. Auch ließ ich mir Briefpapier mit meinem eigenen Logo anfertigen und Visitenkarten. Ich wollte endlich ein ernst zu nehmender Malereibetrieb in Bremen werden.

Der Fall Petersen (Teil 2)

Inzwischen war der Termin am Landgericht Westerstede gekommen, weil Herr Petersen ja Berufung eingelegt hatte gegen das Urteil, dass ihn zur vollständigen Zahlung meines Werklohns in Höhe von 2.673,75 € verurteilt. Ich wunderte mich, warum er überhaupt in Berufung gegangen war, denn der Fall war doch eigentlich so eindeutig. Doch als wir im Gerichtssaal Platz nahmen, sagte der vorsitzende Richter Kramarz schon vor Beginn der Verhandlung auf einmal: "Ach, Herr Petersen, so bald sieht man sich wieder!" Herr Petersen sagte: "Was soll das denn heißen!? Bin ich jetzt etwa vorverurteilt?" Dann wandte er sich an seinen Anwalt Zimmermann und fragte ihn, ob er den Richter vielleicht wegen Befangenheit ablehnen sollte. "Nun mal halblang, Herr Petersen!" sagte der Richter. "Ich habe doch lediglich festgestellt, dass wir uns doch vor Kurzem erst gesehen haben." Sein Anwalt flüsterte ihm dann etwas zu, was ich nicht verstand. Dann ging die Verhandlung los, indem unsere Namen verlesen und die Anträge der Streitparteien bestätigt wurden.

Doch dann kam plötzlich eine große Überraschung: Herr Petersen stand auf, holte aus seiner Hosentasche ein Bündel mit Geldscheinen hervor und sagte zu mir: "Herr Poppe, ich habe hier 500,- € in bar für Sie mitgebracht und mache Ihnen einen Vorschlag: Ich ziehe den Berufungsantrag zurück und gebe Ihnen das Geld hier, und dann ist der Fall erledigt. Was halten Sie davon?" Ich dachte, dass er mich wohl auf den Arm nehmen will und schaute zum Richter. Dieser lächelte mich an und sagte mit ruhiger Stimme: "Überlegen Sie sich das, Herr Poppe. Also ich hätte das Angebot ruhig angenommen." Jetzt war ich total verwirrt. Was wollte mir der Richter hier zu verstehen geben? Etwa dass ich den Prozess sonst verlieren würde? Aber das konnte doch gar nicht sein, denn der Fall war doch sonnenklar! Ich schaute zu meinem Anwalt und dieser sagte zum Richter: "Ich würde mich mal eben mit meinem Mandanten vor der Tür unterreden." - Wir gingen dann raus und Herr Peiler sagte: "Also, Herr Poppe, wenn Sie dieses Vergleichsangebot annehmen, dann haben Sie mit sauren Zitronen gehandelt! Stellen Sie sich nur mal vor, was auch noch alles an Kosten auf Sie zukommen wird, denn bei einem Vergleich müssen Sie ja die Hälfte aller Anwalts- und Gerichtskosten zusätzlich bezahlen!" - "Wie kommen Sie darauf, dass ich dem Vergleich zustimmen würde? Auf keinen Fall! Warum sollte ich!?" - Wir gingen wieder rein und gaben meine Entscheidung bekannt. Nach weiteren zähen Verhandlungen wurde Herr Petersen schließlich zur Zahlung des gesamten Betrages verurteilt.

Doch damit war der Fall leider noch längst nicht erledigt, denn Herr Petersen zahlte nichts. Als dann die Vollstreckung beantragt wurde, teilte mir mein Anwalt mit, dass Herr Petersen einen Offenbarungseid geleistet hatte. Jetzt wurde mir plötzlich klar, warum der Richter diese merkwürdige Andeutung gemacht hatte! Er wollte mich warnen, weil er schon wusste, dass Herr Petersen pleite war, mir es aber nicht sagen durfte! Ich rief meinen Anwalt an, um zu fragen, was ich jetzt noch machen könnte. "Nichts mehr, Herr Poppe. Es tut mir leid, aber diese Forderung müssen Sie jetzt wohl als uneinbringlich abschreiben. Das ist sicherlich sehr bedauerlich, aber da kann man leider nichts machen. Ihr Titel ist aber 30 Jahre gültig, und vielleicht können Sie den Betrag ja irgendwann in ein paar Jahren eintreiben." Ich dachte: "So eine Sauerei! Und jetzt ist er auch noch in Berufung gegangen und hat noch mehr Kosten produziert!" Ich fuhr mit bedrückter Stimmung nach Hause. Herr Peiler hatte mir alle Unterlagen mitgegeben, auch die vom Gerichtsvollzieher, weil der Fall ja jetzt erledigt war.

Ich blätterte in der Eidesstattlichen Erklärung und las die Fragen über die Vermögensverhältnisse, die Herr Petersen alle mit "Nein" angekreuzt hatte: "Verfügen Sie über einen Pkw?" - "Nein" - "Haben Sie innerhalb des letzen Jahres, vor dem ersten zur Abgabe der Eidesstattlichen Versicherung anberaumten Termin Gegenstände an eine der nachgenannten Personen entgeltlich veräußert?" Auch hier hatte Herr Petersen einfach mit "Nein" angekreuzt. "Aber das stimmt doch gar nicht!" dachte ich. "Wer soll das denn glauben, dass er als Firmenchef schon seit längerem keine Autos mehr besitzt! Da war doch ein ganzer Fuhrpark mit Firmenfahrzeugen. Hat er die etwa alle auf den Namen seiner Frau umgeschrieben? Außerdem wohnten da doch auch Mieter im hinteren Teil des Gebäudes. Also wird er doch Mieteinnahmen haben! Was soll das also?" Ich dachte, dass ich jetzt einfach mal Detektiv spielen müsse, um herauszufinden, ob er wirklich kein Einkommen mehr besitzt. "Aber selbst wenn er gelogen hat, dann würde er vielleicht eine Strafe bekommen, aber ich würde mein Geld trotzdem nie wiedersehen. Aber, was soll's! Der Typ darf nicht so ungeschoren davonkommen!"

Ich fuhr an einem Freitagnachmittag nach Feierabend noch einmal nach Rastede und fotografierte heimlich die Wagen mit ihren Autokennzeichen. Dann ging ich zum Hauseingang des Gebäudes und fotografierte die Klingelschilder. Dann rief ich bei den Mietern an und fragte sie, wer ihr Vermieter sei. Auch fragte ich bei der Polizei nach den Haltern der Fahrzeuge (man wollte mir jedoch keine Auskunft geben). Dann schrieb ich eine Strafanzeige gegen Herrn Petersen wegen einer falschen Eidesstattlichen Versicherung und wegen Kreditbetrug (denn er war ja schon pleite, bevor er mich beauftragt hatte). Ein paar Monate später erhielt ich Post vo Gericht. Die Staatsanwaltschaft hatte mich im Fall Petersen zum Zeugen geladen, denn man hatte inzwischen meine Angaben überprüft und festgestellt, dass Herr Petersen beim Ausfüllen der Eidesstattlichen Versicherung tatsächlich gelogen hatte.

Ich wartete zwei Stunden vor der Tür des Verhandlungssaals bis ich hereingerufen wurde. Die Richterin sagte mir: "Herr Poppe, Sie brauchen nicht mehr aussagen, denn wir haben inzwischen mit Herrn Petersen eine Vereinbarung getroffen. Wir hatten ihn vor die Wahl gestellt, ob er lieber verurteilt werden will zu einer Geldstrafe und dann als ‚vorbestraft‘ gelte, oder ob er lieber Ihnen den Betrag von 2.673,75 € in monatlichen Raten von 150,-€ bezahlen wolle, um einer Verurteilung zu entgehen. Er hat sich für das Zweite entschieden. Sie werden also von Herrn Petersen den Rechnungsbetrag in Raten bezahlt bekommen, und sobald er mit einer Zahlung in Verzug gerät, teilen Sie uns dies bitte mit. Denn sollte Herr Petersen irgendwann nicht mehr weiter zahlen, gilt diese Vereinbarung als nichtig und Herr Petersen würde am Ende doch verurteilt werden." - Ich war überglücklich. Wer hätte das gedacht, dass ich am Ende doch noch mein Geld erhalten sollte! Was für eine Demütigung für den arroganten Herrn Petersen, dass er jetzt vom Gericht zur Zahlung genötigt wurde!

Und tatsächlich erhielt ich dann in den folgenden zwei Jahren den offenen Rechnungsbetrag in Raten überwiesen, wenn auch unregelmäßig. Als ich irgendwann alles erhalten hatte, rief ich meinen alten Anwalt Herrn Peiler aus Delmenhorst an: "Hallo Herr Peiler, erinnern Sie sich noch an den Fall Petersen, wo Sie mir damals sagten, dass da nichts zu machen sei? Stellen Sie sich mal vor, dass ich jetzt doch mein ganzes Geld von ihm bekommen habe!" - "Tatsächlich? Wie haben Sie das denn angestellt?" fragte er. Und dann erzählte ich ihm die Geschichte, wie ich Detektiv gespielt hatte und am Ende von der Richterin meinen Lohn zugesprochen bekam. Da war er ziemlich verblüfft.