"Wache auf, der du schläfst und stehe auf aus den Toten,

 und CHRISTUS wird dir leuchten!" (Eph. 5:15)

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Januar bis Juni 2010

Magersucht

Bereits im Sommer 2009 hatten meine Tochter Rebekka (14) und ich uns vorgenommen, wegen der Massentierhaltung und der damit verbundenen Tierquälerei lieber ganz auf Fleisch zu verzichten. Damals kam ein Buch raus vom amerikanischen Schriftsteller Jonathan Safran Foer (*1977) mit dem Titel „Tiere essen“ (2009), in welchem er seine Erfahrungen beschrieb, und das sowohl mich als auch Rebekka sehr ansprach. Wir lasen auch jede Menge Artikel zum Thema Fleisch und waren am Ende absolut überzeugt, dass es mindestens 100 gute Gründe gibt, Vegetarier zu werden. Die Tierschutzorganisation Peta verbreitete immer mehr schockierende Videos und Fotos aus den Fabriken der Massentierhaltung, die sie heimlich bei Nacht aufgenommen hatten. Damals entstand richtig ein Hype in den Medien, und auch viele Intellektuelle und Schriftsteller entschieden sich, Vegetarier oder Veganer zu werden (z.B. Karen Duve „Anständig essen“ 2010). Ich hatte die Idee, schockierende Fotos aus der Massentierhaltung einfach heimlich in die Wurst- und Fleischtruhen der Supermärkte zu legen, damit den Leuten der Appetit vergehe. Doch letztlich war ich immer wieder inkonsequent, indem ich aus alter Gewohnheit mir mal eben schnell einen Döner zum Mittagessen kaufte, wenn ich vergessen hatte, mir für die Arbeit Butterbrote mitzunehmen. Rebekka hingegen war konsequent und aß überhaupt nichts mehr außer Gemüse und Tofu, wodurch sie auch einiges an Gewicht verlor.

Eines Tages rief mich mein jüngerer Bruder Patrick (37) an und bekannte mir, dass er sich Sorgen mache um seine Frau Manuela (36), da sie seit dem Tod ihrer Tante auf einmal immer weniger Essen würde. Ihre Tante war sehr dick gewesen, und es schien, als wolle Manuela sich nun durch übertriebenen Sport und einer eisernen Diät fit und schlank halten. Doch bestand sie allmählich nur noch aus Haut und Knochen, so dass Patrick sich Sorgen um ihre Gesundheit machte. Er hatte sich erkundigt, dass es sich um eine ernst zu nehmende psycho-somatische Erkrankung handele namens Anorexie nervosa (Magersucht), bei der die betroffenen Personen sich weigern, etwas zu essen, aus Angst, zuzunehmen. Dabei fühlen sich die Kranken insgeheim den Gesunden überlegen, weil es ihnen gelingt, fast völlig auf Nahrung zu verzichten, ohne dabei zu hungern. Ohne dass es ihnen bewusstwird, sehen sie bald aus wie ein Skelett und sterben schließlich infolge multiplen Organversagen den Hungertod. Patrick hatte bereits mit seinen Schwiegereltern gesprochen, aber sie nahmen das Problem gar nicht wahr, sondern wollten es einfach verdrängen. Patrick vermutete, dass genau in dem Verhalten der Eltern von Manuela auch der eigentliche Grund für ihre Magersucht lag: Es war im Grunde ein Hungerstreik, um sich an ihren biederen Eltern zu rächen, die ihr während der gesamten Kindheit und Jugend nie die nötige Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt hatten, die Manuela so dringend gesucht hatte. Stattdessen wurde bei ihr zuhause immer alles unter den Teppich gekehrt. Wenn Manuela mal mit ihrer Mutter über ihre inneren Nöte sprechen wollte, sagte sie z.B.: „Möchtest Du vielleicht noch ein Stück Kuchen, Manuela? Ich kann Dir auch noch eine Tasse heißen Tee einschenken?“ – so als ob man Probleme durch Kuchen und Tee lösen ließen! Manuela brachte in der Schule und Uni immer Höchstleistungen, aber es war immer ein Schrei nach Liebe und Beachtung, die ihr von den spießigen Eltern nicht gewährt wurde. Gab Manuela vielleicht sogar ihren Eltern Schuld am Tod ihrer geliebten Tante? Patrick bat mich, doch mal mit seinem Schwiegervater zu telefonieren, damit ihm der Ernst der Lage bewusstwerde, - was ich dann auch tat. Auch mir gegenüber gab dieser sich zunächst ahnungslos. Doch als ich ihm sagte: „Wilfried, Deine Tochter wird vielleicht noch in diesem Jahr sterben!“ Du wachte er endlich auf und rief besorgt seine Tochter an.

Doch alles zureden half nichts. Innerhalb weniger Monate verwandelte sich Manuela von einer jungen, sportlichen Frau in ein gruselig wirkendes Schreckgerippe mit dunklen, tiefliegenden Augen. Patrick sagte: „Ihre Arme sind inzwischen schon so dünn, dass ich sie mit meiner Hand komplett umfassen kann!“ Ich konnte das nicht verstehen und fragte ihn, warum er sie nicht drängen würde, mehr zu essen. Er sagte: „Ihr ist das ja inzwischen auch schon bewusst, aber sie kann nichts dagegen machen, weil sie keine Kontrolle mehr darüber hat. Das ist ungefähr so, als wenn sich jemand mit dem Kajak in einen Fluss begeben hat, um mit der Strömung hinab zu paddeln. Zunächst macht es noch Spaß, aber irgendwann wird der Strom so reißend, dass man es nicht mehr schafft, ans Ufer zu kommen.“

Doch während wir uns Sorgen machten, dass Manuela sterben würde, hatten Ruth und ich gar nicht bemerkt, dass unsere eigene Tochter Rebekka (14) auch immer schlanker geworden war. Sie wog mit ihren 1,63 m gerade einmal nur 42 kg! Das entsprach einem BMI (Body-Mass-Index) von 15,8 (normal wäre zwischen 20 -21! Als Ruth mit ihr im Januar 2010 zur Kinderärztin ging, schlug diese Alarm und führte mit Ruth und Rebekka ein ernstes Gespräch. Rebekka hatte zeitweise schon gar keine Regelblutung mehr, weil sie durch ihren radikalen Fleischverzicht zu wenig Fett und Eiweiß konsumiert hatte. Als Ruth nach Hause kam und mir dies erzählte, war ich geschockt. Ich schimpfte mit Ruth, weil auch sie daran eine Mitschuld trug; denn die beiden schauten sich damals immer regelmäßig eine sog. Casting-Show im Fernsehen an namens „Germanys Next Topmodel“. Deren Moderatorin Heidi Klum war ja selber jahrelang eines der bestbezahlten Models der Welt, und viele weibliche Teenager träumten damals davon, eine Model-Karriere wie sie zu machen. Auch Rebekka war ja inzwischen außerordentlich hübsch geraten, so dass sie gute Chancen gehabt hätte für eine Model- oder Schauspieler-Karriere. Aber jetzt war sie in Lebensgefahr, wenn sie nicht sofort aufhöre mit dem Schlankheitswahn. Ruth achtete von nun an genau darauf, dass Rebekka regelmäßig an den gemeinsamen Mahlzeiten teilnahm und ihre Teller aufaß. Wir waren aber damals naiv und ahnten nicht, dass Rebekka später heimlich auf Toilette ging, um ihr Essen wieder auszuwürgen…


Burhan - der nächste Katastrophenlehrling…

Im August 2009 hatte ich einen neuen Lehrling namens Burhan Akkuş (19). Doch schon gleich zu Anfang sorgte er für Irritation bei den Mitarbeitern, da er sich ihnen mit dem Namen Serkan vorgestellt hatte. Ich fragte ihn deshalb: „Wie heißt Du eigentlich richtig?“ Er sagte: „Nennen Sie mich einfach Matthias“. Ich sagte: „Ja, was denn nun: Zu den Mitarbeitern hast Du gesagt, Dein Name wäre Serkan, aber in Deiner Bewerbung steht Burhan, und jetzt willst Du, dass ich Dich Matthias nenne? Wie heißt Du denn nun richtig?“ – „Eigentlich heiße ich Burhan, aber ich mag meinen Vornamen nicht“ erwiderte er. „Ach, das ist doch albern!“ sagte ich, „Du solltest dazu stehen, denn Du bist nun einmal Türke, und dann wäre es eher lächerlich, wenn Du Dir einen deutschen Namen gibst. Sei einfach stolz auf Deinen Namen!“ Burhans Befürchtung, dass man ihn hänseln könnte wegen seines Namens, war tatsächlich unbegründet, und er war auch wirklich nicht der Typ, der sich unterbuttern ließe, sondern genau das Gegenteil. Er hatte eine starke Persönlichkeit, und nachdem ich ihm das Du anbot, hatte er auch keinerlei Hemmungen, mit mir wie zu einem guten Kumpel zu reden: „Ey, Simon, was hast Du denn da für ein bescheuertes Nokia-Handy. Das ist ja mega-out, Alda! Hier guck Dir mal mein iPhone an: Da brauchst Du nicht mehr auf Tasten tippen, sondern nur noch leicht auf das gläserne Display tippen und kannst so 10-mal schneller eine SMS schreiben!

Burhan war von Anfang an sehr ehrgeizig und machte seine Arbeit zügig, wenn auch nicht immer mit der nötigen Achtsamkeit, wenn es z.B. um das Abdecken von Fußböden ging. Er war schon bald genauso fleißig und schnell wie der polnische Lehrling Bartosz, hatte jedoch ein Mundwerk, als wäre er schon seit 10 Jahren in der Firma. Wenn er sich gelegentlich mit dem Gesellen Andrey stritt, dann lernte ich im Nu jede Menge neue Schimpfwörter. Aber statt einzuschreiten, fand ich es eher interessant und belustigend. Als Burhan sah, dass ich ihn wegen seiner Kraftausdrücke praktisch nie zurechtwies, sondern stattdessen lachte, sagte er einmal zu mir: „Du bist echt der coolste Chef, den ich mir vorstellen kann!“ Er bewunderte mich, wegen meines vielen Wissens und wollte eines Tages so sein wie ich. Umso ernster und betroffener war er, wenn ich ihn wegen irgendwelcher Unachtsamkeiten laut kritisieren musste und entschuldigte sich immer wieder. Mir war ja immer nur wichtig, dass die Baustellen gut liefen, da nahm ich den rüden Umgangston schon gerne in Kauf. Es dauerte nicht lange, da fühlte sich Burhan sauwohl in meiner Firma und protzte damit, dass er angeblich „der beste Lehrling von Bremen“ sei. Tatsächlich war er um ein Vielfaches besser als der Lehrling Bariş Akcay (24), dem man beim Gehen die Schuhe besohlen konnte. Aber Burhan, war auch um ein Vielfaches frecher als alle Lehrlinge, die ich bisher hatte. Mein Bruder Marco hielt es kaum eine halbe Stunde mit ihm aus, weil Burhan auf perfide Weise ihn zu demütigen wusste (z.B.: „Sag mal, Marco, hattest Du eigentlich schon mal Sex mit einem Mädchen?“).

Eines Tages rief mich der Klassenlehrer von Burhan an und sagte: „Herr Poppe, ich muss dringend mal mit ihnen sprechen. Wissen Sie eigentlich, dass Ihr Lehrling Burhan vor zwei Wochen aus der Klasse geworfen wurde? Und das ist jetzt schon das zweite Mal, denn auch im letzten Jahr hatte der Kollege ihn rauswerfen müssen, weil er es jedes Mal schafft, durch seine Großspurigkeit die ganze Klasse gegen den Lehrer aufzuhetzen! Dieser Lehrling ist wirklich ein Teufel, der keinen Respekt hat vor Erwachsenen. Ich bin nach zwei Wochen auch schon drauf und dran, ihn rauszuwerfen, aber wir wissen schon nicht mehr, wie wir ihn unterrichten können. Unter uns Kollegen im Lehrerzimmer rätseln wir schon, wie warum Sie ihn eigentlich immer noch beschäftigen können, denn der ist doch zu Ihnen und den anderen Mitarbeitern genauso frech, oder etwa nicht? Wie schaffen Sie das bloß, diesen Kerl zu ertragen?“ – Ich sagte, dass mir das auch schon aufgefallen sei, aber dass er zumindest zu mir recht höflich sei und ich über die gelegentlichen verbalen Entgleisungen geduldig hinwegsehen könne. Da der Klassenlehrer ansonsten gar nicht von mir wollte, wurde mir allmählich bewusst, dass dies ein Hilfeschrei war, und er mir scheinbar unausgesprochen nahelegen wollte, den Burhan zu kündigen, damit auch sie ihn endlich loswerden konnten. Aber vielleicht war dadurch erst recht mein Ehrgeiz geweckt, ihn erst recht nicht zu entlassen, zumal er mir auch irgendwie sympathisch war.

Ich redete mit Burhan über das Telefonat und rief ihn zur Mäßigung auf. „Weißt Du, Burhan, ich sehe das so, dass in Dir ganz viel Potenzial steckt, weil Du so ehrgeizig bist. Wenn Du Dich weiter so anstrengst, dann wirst Du die Gesellenprüfung locker schaffen, zumal Du ja auch sehr gute Noten hast, besonders in Mathe. Du hast auch Führungsqualitäten und könntest auch problemlos Meister werden. Aber Du musst wirklich noch an Deiner Ausdrucksweise arbeiten. Du kannst z.B. nicht zu einem Gesellen einfach ‚Arschgesicht‘ sagen.“ – „Ja, ich weiß, Simon,“ sagte Burhan reuevoll, „ich habe wirklich ein Problem mit Erwachsenen, das haben mir schon viele gesagt.“ Und dann erzählte er mir von seiner Kindheit im „Türkenghetto“ und von seiner Mutter, die „so `ne richtige Türkenmutti, so ´ne mit Kopftuch und langem Rock“, und die er wie eine Heilige verehren würde. Aber einmal, als er noch jünger war, habe er seinen noch relativ jungen Vater, dabei erwischt, wie er heimlich im Internet mit einer anderen Frau flirtete. Da habe er ihn zur Rede gestellt: „Papa, wie kannst Du der Mama das antun! Sie ist so eine Liebe und immer gut zu Dir gewesen! Ich bin echt voll enttäuscht von Dir!“ Aber dann bekannte mir Burhan, dass er selber auch seine deutsche Freundin mit einer anderen betrügen würde und sogar schon einmal in einem Bordell war mit seinen Kumpels. „Alle Frauen, die ich bisher hatte, waren alles Deutsche und alle 10 Jahre älter als ich. Die stehen auf mich, aber ich würde die nie heiraten, weil das alles Schlampen sind.“ – „Wie meinst Du das?“ fragte ich. „Ach, das ist schwer zu erklären. Weißt Du, - deutsche Frauen sind unrein. Sie sind ja keine Muslima, deshalb darf ich so eine gar nicht heiraten.“ – „Wieso nicht? Das kann Dir doch niemand verbieten.“ – „Du verstehst das nicht. Wenn man als Türke aufwächst, dann kann man sich nicht irgendeine Frau nehmen, sondern das muss immer eine Muslimin sein, weil sonst die ganze Verwandtschaft mich ausstoßen würde.“ – „Aber Du hurst doch auch mit deutschen Frauen…“ – „Ja, das schon; das wird im Islam noch toleriert. Aber man darf so eine Schlampe nicht heiraten, da sie ja keine Jungfrau mehr ist.“ – „Ach so, ihr Jungs dürft so viel rumvögeln wie ihr wollt, aber die Frauen dürfen das nicht!? Was ist das denn bitte für eine Doppelmoral?!“ – „Das ist nun einmal unsere Kultur. Die deutschen Frauen dürfen wir f…, weil das sowieso Schlampen sind. Aber dummerweise denken die Frauen immer gleich an eine feste Beziehung. Meine jetzige will mich unbedingt heiraten, deswegen versuche ich sie schon seit Wochen, wieder loszuwerden. Ich beschimpfe sie immer auf die übelste Weise, aber die hängt an mir wie ´ne Klette. Ich fühl mich selber schon scheiße, wie ich sie behandle, aber was soll ich machen? In zwei Jahren fahr ich mit meinen Eltern in die Türkei, wo sie eine Ehe für mich arrangieren, und spätestens bis dahin muss ich sie losgeworden sein. Wenn die wüsste, dass ich sie ohnehin nie heiraten werde… Aber ich bring das nicht übers Herz, ihr zu sagen.“ Ich dachte nur: Oh Mann, was für eine archaische Kultur!

Obwohl Burhan alles andere als ein frommer Muslim war, pflegte er doch ein paar abergläubische Regeln. Als ich ihm einmal mein Auto für private Zwecke auslieh, verlangte ich einen Wertgegenstand als Pfand. Ich dachte an sein Handy, aber er gab mir stattdessen seine Halskette, an der ein Koran hing in Miniformat. Er sagte: „Simon, das ist das Wertvollste, was ich besitze. Aber ich muss Dir dazu was erklären, und zwar musst Du den Koran immer oberhalb Deiner Taille hinlegen, weil der heilig ist.“ Ich nahm die Kette und sagte: „Ja, ist gut.“ Dann wollte ich ihm auf dem Handy etwas zeigen und legte die Kette kurz auf einem Stuhl ab. Da schimpfte Burhan sofort: „O nein, ich hab´ Dir doch gerade gesagt, dass der Koran nicht unterhalb der Taille abgelegt werden darf! Das ist nun mal so; ich kann Dir auch nicht erklären, warum.“ Wenn es jedoch um andere Regeln ging, z.B. um die Straßenverkehrsordnung, so setzte er sich oft problemlos darüber hinweg. Einmal fuhren wir zusammen in getrennten Wagen zum Kunden. Da ich voraus gefahren war, versuchte er, mit hoher Geschwindigkeit aufzuholen und raste grinsend an mir vorbei. Das weckte in mir den Spieltrieb, und ich versuchte, ihn einzuholen. Als mir das an einer Ampel dann gelang, lachte er und zeigte mir den Stinkefinger. Jeder andere Chef hätte sich wohl darüber echauffiert, aber ich musste darüber lachen. Zuweilen brachte Burhan aber auch mich an die Grenzen meiner Toleranz: Einmal malte ich für eine Ärztin ein Gemälde an ihre Fassade, als Burhan mich anrief, dass er mit seiner Baustelle fertig sei. Ich sagte ihm, er könne zu mir kommen und mir bis Feierabend noch helfen. Als er kam und das schöne Landschaftsbild sah, sagte er spontan: „Simon, Du bist zwar voll hässlich, aber malen kannst Du echt gut!“ Da fragte ich mich: Wer ist jetzt eigentlich der „kreativere“ von uns beiden? Wie kommt er jetzt darauf, dass ich hässlich sei?!

Eines Tages kam Burhan zu mir und erzählte, dass ein Mädchen ihn angezeigt habe, weil er sie angeblich vergewaltigt habe, aber dass er unschuldig sei, und ob ich ein gutes Wort für ihn einlegen könne. Tatsächlich wurde Burhan am nächsten Tag von der Kripo auf der Baustelle verhaftet. Wie die Sache am Ende ausging, bekam ich gar nicht mehr richtig mit, aber er wurde wohl freigesprochen.


Langfinger und Einfallspinsel

Doch dann riefen mich eines Abends Kunden an, die mir aufgeregt mitteilten, dass sie bestohlen wurden und meine Mitarbeiter verdächtigen würden. An jenem Tag hatte Burhan dort gearbeitet und ein neuer Lehrling namens Kevin Putins (18), den ich gerade erst eingestellt hatte. Kevin hatte einen Sprachfehler, war geistig etwas zurückgeblieben und konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Deshalb war mir klar, dass es nur Burhan gewesen sein konnte. Ich brüllte ihn an vor Wut, aber er schwor mir bei allem was ihm heilig war (viel war es ja nicht gerade), dass er es nicht war. Er sagte: „Simon, ich bin schon so lange in deiner Firma und war schon in Dutzenden Wohnungen deiner Kunden. Wenn ich wirklich ein Dieb wäre, dann wäre das doch schon längst bemerkt worden! Du kannst mir echt vertrauen!“ Doch kurz darauf meldete schon wieder ein Kunde einen Diebstahl und drohte mir mit einer Anzeige. Diesmal hatte aber nur der kleine Kevin dort gearbeitet. Konnte er es gewesen sein? Da er in einer Art Heim wohnte, rief ich seine Betreuer an, und wir machten einen Termin. Wir setzten uns an einen Tisch und sie brachten Kevin rein. Ich sagte: „Kevin, Du musst keine Angst haben: ich werde dich nicht kündigen, aber ich möchte, dass Du jetzt ganz ehrlich bist und zugibst, dass Du die Kunden bestohlen hattest. Es ist wirklich nicht schlimm, wenn Du es jetzt bereust und das Gestohlene wieder zurückgibst.“ Da fing Kevin an zu weinen. Sein Betreuer tröstete ihn: „Wenn Du das aber nicht warst, dann glauben wir Dir das, aber sag uns bitte die Wahrheit.“ Da fing er richtig an zu schluchzen und vergrub sein Gesicht in seine Arme, die auf dem Tisch gestützt waren. Mit tränenerstickter Stimme sagte er schließlich: „Ich war es nicht. Wirklich nicht…“

Für seine Betreuer war der Fall damit klar, - aber für mich nicht. Ich musste Gewissheit haben, dass Kevin nicht so eine diebische Elster ist in meiner Firma. Vielleicht „litt“ er unter Kleptomanie? Ich beschloss, ihm eine Falle zu stellen, indem ich bei einer Kundin heimlich Schmuck von meiner Frau in offenen Schatullen deponierte, um zu sehen, ob er diesen stehlen würde. Dabei verhielt ich mich jedoch viel naiver als Kevin, denn der wollte wohl kein weiteres Risiko mehr eingehen und ließ den Schmuck links liegen. Ich deutete dies dummerweise als Zeichen seiner Unschuld und ließ ihn noch drei weitere Jahre in meiner Firma, in denen er zwar nicht die Kunden, dafür aber mich beklaute, dass sich die Balken bogen. Da er - außer die Werkstatt aufzuräumen – nicht allzu talentiert war, ernannte ich ihn zum Werkstattwart, der alle drei Wochen die Werkstatt pikobello auf Vordermann brachte. Dadurch hatte ich jedoch „den Bock zum Gärtner“ gemacht, was ich erst irgendwann im 3. Lehrjahr bemerkte, als ich in seiner Arbeitstasche jede Menge neue Werkzeuge und Geräte entdeckt hatte. Ich hatte mich schon immer gewundert, wo all meine neuen Festo-Schleifmaschinen oder teuren Lackierpinsel abgeblieben waren! Doch ich beließ es bei einer Verwarnung, und Kevin machte fleißig weiter mit dem Stehlen. Sogar noch am letzten Tag, als ich mich nach bestandener Gesellenprüfung von ihm verabschiedete und er gehen wollte, sagte ich: „Stopp! Warte mal eben! Ich will noch mal einen Blick in deine Sporttasche werfen“. Ich machte den Reißverschluss auf, und sie war voll mit neuen Pinseln, Klebebändern, venezianischen Glättekellen, Abtönkonzentraten etc. Ich fragte Kevin: „Was soll das?! Willst Du mich auch noch am letzten Tag bestehlen? Was wolltest du mit all dem Zeug?“ Er sagte nur kleinlaut: „Für meine Schwarzaufträge“ – so als ob dies eine Entschuldigung sei.

Kevin war jedoch bestimmt nicht der einzige, der sich regelmäßig in meiner Werkstatt bediente. Wenn ich – rein theoretisch – einmal die Chance bekäme, all die Geräte, Farbeimer und Werkzeuge auf einen Haufen zu sehen, die mir in all den Jahren meiner Selbständigkeit durch Diebstahl oder Nachlässigkeit abhandenkamen, könnte man damit ein 30 qm-großes Wohnzimmer bis unter die Decke füllen. Besonders hochwertige Geräte oder Spezialwerkzeuge waren schon kurz nach der Anschaffung wieder verschwunden, so dass ich schon bald nur noch Billiggeräte durch Ebay kaufte, damit ich die Verluste verschmerzen konnte. In gewisser Weise konnte ich die gelegentliche Selbstbedienung ja auch noch tolerieren, indem ich mir sagte, dass sie der Preis für ein offenes und tolerantes Betriebsklima waren. Die Mitarbeiter sollten nicht den Eindruck haben, dass ich sie ständig kontrolliere, sondern ich hoffte, dass ich die durch mein blindes Vertrauen zur Ehrlichkeit animieren könnte. Deshalb hatte jeder seinen eigenen Werkstattschlüssel, so dass er eigenständig sein Material ein- und ausladen konnte. Und wenn sie sich hin- und wieder etwas nahmen, was sie brauchten – was soll´s! Dadurch hatten sie ein gutes Gefühl, sich einen Vorteil erschlichen zu haben, ohne dass ihnen bewusst war, dass ich sie ja selbst auch regelmäßig ausbeutete, indem sie einen deutlich niedrigeren Lohn empfingen als ich, besonders die Lehrlinge. Außerdem waren die häufigen Krankheitstage der Azubis im Prinzip für mich viel verlustreicher als der gelegentliche Werkzeugklau. Ärgerlich war eigentlich nur, dass ich fehlende Dinge ständig wieder rechtzeitig nachkaufen musste oder aber, dass es genau in dem Moment fehlte, wo man es gerade mal brauchte.

Irgendwann platzte mir der Kragen und ich ließ ein neues Schloss in die Werkstatt einbauen. Von den Schlüsseln bekamen jetzt nur noch Andre Bindemann und Peter Schönholz einen, weil ich ihnen vertraute. Außerdem stellte ich die Tische in der Werkstatt vorne zusammen wie eine Barriere, damit niemand mehr sich selbst bedienen konnte. Stattdessen wollte ich die Werkzeuge schon einen Tag vorher für jede Baustelle selbst zusammenstellen und mir den Empfang von jedem Gesellen per Unterschrift bestätigen lassen, um später zu kontrollieren, ob sie es mir vollständig zurückgegeben hatten. Auch kaufte ich mir eine Stempeluhr und gab jedem Mitarbeiter eine Stempelkarte, um zu kontrollieren, dass sie nicht vorzeitig Feierabend machen würden, aber voll aufschreiben würden. Die Mitarbeiter murrten und waren genervt von diesen Innovationen. Besonders das Abstempeln war ihnen lästig, da sie nicht mehr wie früher direkt von der Arbeit nach Hause fahren konnten. Ich versuchte, es ihnen schmackhaft zu machen mit dem Argument, dass sie jetzt keine Stundenzettel mehr ausfüllen müssten. Leider fanden sie schon bald Tricks, wie sie die Feierabendkontrolle umgehen konnten, indem Luciano, der in der Nähe der Werkstatt wohnte, mit den Karten aller anderen Gesellen (die schon längst Feierabend gemacht hatten), noch mal eben zur Werkstatt fuhr, um für alle anderen noch mal eben auszustempeln, was ich erst zwei Jahre später bemerkte. Auch der Werkzeug- und Materialschwund hörte nicht auf, denn ich vergaß immer wieder, die Rückgabe zu kontrollieren.

Doch nicht nur die Mitarbeiter bestahlen mich, sondern auch einige Kunden bereicherten sich öfter mal, wenn ein Mitarbeiter vergessen hatte, eine Baustelle abzuräumen. So kam es vor, dass ich manchmal ein Jahr nach einem Auftrag erneut zu diesem Kunden fuhr, weil er einen neuen Auftrag hatte und dieser mir am Ende ganz beiläufig sagte, dass ja noch immer die ganzen Materialien vom letzten Mal bei ihm im Keller stünden, und ob ich die nicht mal mitnehmen wolle. Die meisten Verluste erlitt ich jedoch durch unvollständige Angebote: Wenn ich z.B. versehentlich nur das Gerüst für die Vorderseite angeboten hatte, anstatt auch für den Giebel und die Rückseite, dies aber im Angebot nicht erkenntlich war, dann nutzten die Kunden solche Fehler, schamlos aus, indem ich auf den Kosten für die anderen Hausseiten sitzenblieb. Oftmals war auch nur ein oder mehrere Zeilen der Excel-Tabelle bei der Addition des Angebotspreises versehentlich nicht berücksichtigt worden, so dass die Kunden sich darauf berufen konnten, dass sie beim Angebot von einem Festpreis ausgingen. Richtig ins Schwitzen brachte mich eine ältere Dame eines Tages, als wir gerade die umfangreichen Arbeiten in ihrer Wohnung beendet hatten, denn ich wusste nicht, dass sie unter Alzheimer litt. Als ich mich verabschiedete, sagte ich nur beiläufig, dass ich ihr nächste Woche dann die Rechnung zuschicken würde. „Was denn für eine Rechnung?“ fragte sie. „Na, die Rechnung für unsere Malerarbeiten.“ – „Wieso? Was denn für Malerarbeiten?“ – „Aber Frau Schröder, wir haben doch jetzt die ganze Woche ihre zu vermietende Wohnung fertig gemacht, das wissen sie doch!“ – „N E I N,“ sagte sie, „was erzählen Sie denn da für einen Unfug! Sie haben doch bei mir noch gar nicht gearbeitet!“ Jetzt wurde ich auf einmal wirklich nervös und beteuerte: „Doch! Frau Schröder, wir haben doch alle Wände hier abgekratzt, gespachtelt, tapeziert und gestrichen! Schauen Sie hier!“ Ich zeigte auf die Wände, und sie ging mit prüfendem Blick überall herum und sagte: „Sagen Sie mir auch wirklich die Wahrheit? – Nein, Sie wollen mich betrügen! Schämen Sie sich! Die Wände sind doch noch völlig in Ordnung!“ – „Ja, weil wir sie gerade erst frisch renoviert haben!“ Allmählich glaubte sie mir und mir fiel ein Stein vom Herzen.

Viel schusseliger als diese alte Dame waren aber häufig meine Lehrlinge: Ich hatte Anfang November 2009 noch einen weiteren Lehrling eingestellt namens Luciano Fiorito (25), ein Italiener aus Sizilien. Er war ein ganz lieber Kerl, hatte aber absolut keine Persönlichkeit und war auch nicht unbedingt eine Intelligenzbestie. Um seine Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden, war er so häufig ins Fitness-Studio gegangen, dass er enorm dicke Biceps hatte. Seine unterwürfige und schüchterne Art passte aber irgendwie gar nicht dazu. Eines Morgens schickte ich ihn mit Kevin mit dem Firmenwagen nach Oberneuland, wo unsere Baustelle war. Als er nach zwei Stunden aber immer noch nicht dort angekommen war, rief ich ihn auf dem Handy an. „Luciano, warum bist Du denn immer noch nicht beim Kunden?“ – „Ich habe mich verfahren.“ – „Und warum rufst Du nicht mal an?! Wo bist Du denn gerade?“ – „Weiß ich auch nicht genau. Ich fahr hier gerade auf der Autobahn“. – „Häh? Du musst doch wissen, wo Du bist! Was steht denn auf der Beschilderung?“ – „Warte, ich guck mal eben… Da steht nächste Ausfahrt Loxstedt…“ – „Waas? Bist Du Richtung Bremerhaven gefahren? Du solltest doch nach Oberneuland fahren, das ist genau in der entgegengesetzten Richtung!“ – „Ja, aber ich weiß ja nicht, wo das ist.“ – „Und warum fragst Du mich dann nicht?“ – „Weil ich ja kein Guthaben mehr auf dem Handy hatte und Kevin auch nicht.“ – „Ach so, wenn ich also nicht angerufen hätte, dann wäret ihr die Autobahn jetzt immer weiter gefahren bis nach Flensburg – in der Hoffnung, dass irgendwann der Name Oberneuland auftaucht?

Arbeiten konnte Luciano aber ganz gut, besonders das Spachteln. Kurz darauf bewarb sich auch noch ein weiterer Italiener bei mir, Donato Vetta (44), ein Malergeselle aus Kalabrien. Er sprach nur sehr schlecht Deutsch, weshalb ich ihn immer mit Luciano arbeiten ließ. Normalerweise sind Italiener ja sehr fröhliche Menschen, aber Donato war das genaue Gegenteil. Er kam jeden Morgen immer mit einer so ernsten und depressiven Mine in die Werkstatt rein, so als wolle er uns signalisieren, dass er von niemanden angesprochen und mit uns nichts zu tun haben wolle. Meine Auftragslage war aber wieder sehr gut, und ich hatte inzwischen wieder 4 Gesellen und 4 Lehrlinge. Ich kaufte zwei weitere Firmenwagen, damit jeder meiner Gesellen sein eigenes Auto fährt. Da Fadi und Andrey häufig ihre Essensabfälle und Zigarettenstummel im Auto zurückließen, drohte ich ihnen, dass in Zukunft Burhan und Bartosz die Wagen fahren dürften, wenn sie nicht ihr Verhalten ändern würden. Denn auch wenn Burhan wie ein Chaot fuhr, so pflegte er die Firmenwagen gelegentlich, so als wenn sie ihm gehören würden. Dafür hatte Burhan immer die schlechte Angewohnheit, Farbwalzen eintrocknen zu lassen, so dass man sie danach wegwerfen konnte. Bartosz und Fadi vergaßen ständig, benutzte Glättekellen wieder sauberzumachen, so dass man den hart gewordenen Putzkleber am nächsten Tag nur noch mit der Schruppscheibe abbekam. Wenn ich aber fragte, wer das war, dann war es natürlich nie einer gewesen. Und obwohl inzwischen jeder Geselle seine eigene Grundausstattung an Werkzeug besaß, fehlte auf den Baustellen immer wieder das eine oder andere, so dass ich es mitten am Tag erst besorgen musste. Dann hieß es immer: „Ich hatte meine Acryl-Pistole letztens dem Andrey geliehen, aber er hat sie mir nicht wiedergegeben!“ – „Stimmt ja gar nicht! Ich hab‘ immer meine eigene!“ usw.

Diese sich ständig wiederholenden Probleme raubten mir den letzten Nerv. Hinzu kam auch noch die unvollständigen oder fehlerhaften Stundenzettel, die willkürliche und überzogene Pausenmacherei, Arzttermine oder angeblich notwendige Behördengänge der Lehrlinge während der Arbeitszeit, Reklamationen aufgrund von nachlässiger oder unterbliebener Schlusskontrolle und vor allem die ständige, unglaubwürdige Krankmacherei der jungen Lehrlinge, während die Altgesellen quasi nie krank waren. Einmal kam Andre Bindemann (44) zu mir und beschwerte sich darüber, dass er viel mehr leisten würde als die anderen Gesellen, aber trotzdem als Vorarbeiter nur einen Euro mehr pro Stunde bekäme. „Aber Andre, vergiss bitte nicht, dass Du der einzige bist, der noch zusätzlich eine betriebliche Rentenversicherung hat, in die ich jeden Monat einzahle!“ – „Ja, aber das würde ich auch in anderen Firmen bekommen. Du weißt genau, dass Du ohne mich schon viele Kunden verloren hättest, denn Du schickst mich ja immer wieder zu den reichsten und pingeligsten Kunden, weil Du genau weißt, dass die anderen solche Aufträge versauen würden. Eigentlich müsste ich schon fast ein Meistergehalt bekommen!“ – „Dann mache ich Dir einen Vorschlag, Andre: Mach Dich doch einfach selbstständig und arbeite für mich als Subunternehmer! Dann würdest Du deutlich mehr verdienen.“ Andre winkte ab: „Weißt Du, Simon, solange ich kleine Kinder habe und das Haus noch nicht abbezahlt ist, wäre mir das zu riskant; ich sehe ja, wie oft Du schon nahe an der Pleite warst.“ – „Aber wenn ich jetzt pleiteginge, dann wärest Du doch ebenso Deinen Job los. Als Selbstständiger hast Du aber die Möglichkeit, Dir noch zusätzliche Kunden zu suchen und wärest nicht so abhängig von mir.“ – „Nein, Simon, lass mal gut sein. Sei froh, dass ich mich nicht selbstständig mache, denn dann würden fast all Deine Kunden nur noch mir die Aufträge geben, denn schon jetzt wollen die Dich ja nur wegen mir!

Eigentlich ging es Andre gar nicht so sehr um mehr Geld, sondern vor allem um Anerkennung. Er war frustriert, weil er keine Aufstiegs-Chancen sah, sondern stattdessen das tägliche Einerlei, das ihm keine Möglichkeit gab, seinen Ehrgeiz zu entfalten. Mir wurde allmählich klar, dass ich die Motivation der Mitarbeiter nur durch finanzielle Anreize steigern konnte, also durch Extraprämien, damit der Schlendrian und die Ressourcenvergeudung endlich aufhören. Die Mitarbeiter sollten nicht länger nur auf die größtmögliche Bequemlichkeit fixiert sein, sondern merken, dass sich Leistung und Engagement für die Firma lohnen. So begann ich, alle paar Monate einen „Mitarbeiterbrief“ zu schreiben und an alle zu verteilen, in welchem ich neue Regeln aufstellte und ihnen ein Prämienangebot machte, bei dem ich ihnen genau vorrechnete, wie sie in Zukunft mehr Geld verdienen könnten, sei es durch Verzicht auf Krankheitstage oder durch vorzeitige Fertigstellung der Baustelle etc. Dies würde natürlich nur funktionieren, wenn es künftig eine viel präzisere Dokumentation gäbe, z.B. von allen Extraarbeiten, die sie für die Kunden erledigt hatten, aber oftmals gar nicht extra aufschrieben. Bisher interessierten sich die Mitarbeiter ja nur dafür, dass der Tag möglichst stressfrei vorübergehe und sie, wenn möglich, frühzeitig Feierabend machen konnten. Aber wenn die „Peitsche“ nicht wirkte, dann tat es vielleicht das „Zuckerbrot“, um sie zu mehr Eigenverantwortung zu bewegen.


Juli bis Dezember

Satanismus

Wenn ich nach einem anstrengenden Arbeitstag abends im Badezimmer in den Spiegel schaute, dann sagte ich mir: „Simon, Du bist sehr tapfer! Du hast es bis hierhin geschafft, sogar die Beinahe-Pleite von 2007 zu verhindern, und das ganz ohne Gottes Hilfe!“ (wie ich glaubte). Früher als Christ war ich ein Schwächling, aber jetzt hatte ich gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen ohne Angst zu spüren. Endlich suchte ich nicht mehr außerhalb von mir irgendeinen Sinn für mein Leben, sondern ich selbst war der Schöpfer meines Lebens geworden. Damals gab es ein Lied im Radio, „Geboren, um zu leben“, in welchem der Sänger (zu Gott?) sagt: „Ich sehe einen Sinn, seitdem Du nicht mehr bist, denn Du hast mir gezeigt, wie wertvoll mein Leben ist“. Ich machte mir darüber Gedanken: „Früher hatte ich nur für Gott und andere gelebt, aber heute lebe ich für mich selbst und muss mich dessen nicht mehr schämen. Niemand sollte mir mehr einreden können, dass es noch irgendeinen übergeordneten Sinn gäbe, als jenem Sinn, den ich selbst dem Leben gebe. Und niemand konnte mir mehr weismachen, es gäbe noch irgendeine andere Wahrheit außer jener, die ich selbst für wahr hielt! Es ist ja ohnehin alles vergänglich und damit auch sinnlos, aber sich dieses immer wieder einzugestehen, motiviert mich nicht, sondern lähmt mich eher im Vorankommen.“

Als ich an einem Samstag mittags in die Küche kam, hörte Ruth beim Kochen eine Predigtkassette, wo ein Prediger berichtete: „Damals, 1969, als die Rolling Stones ein Konzert gaben beim Woodstock Festival, sangen sie ein Lied mit dem bezeichnenden Titel „Sympathy for the devil“. Dabei gerieten die Menschenmassen so sehr in Aufruhr, dass sie vor der Bühne einen Schwarzen abschlachteten. So sehr hat das Lied ihren Geist in den Bann gezogen, dass sie einem Taumel von Mordlust verfielen.“ Diese Darstellung hatte mich ziemlich überrascht und neugierig gemacht. Ich ging in mein Zimmer und recherchierte im Internet über dieses Ereignis. Neben diversen Berichten fand sich sogar bei Youtube eine Videoaufzeichnung über den Vorfall. Dabei stellte sich jedoch heraus, dass dieser sich völlig anders zugetragen hatte: Erstens fand das Konzert nicht in Woodstock (New York) statt, sondern im kalifornischen Altamont. Zweitens geschah der Zwischenfall nicht während des Liedes „Sympathy for the devil“, sondern während eines anderen Liedes („Under my Thumb“), und Drittens handelte es sich nicht um den Lynchmord einer aufgebrachten Menge, sondern um die Notwehr eines Ordners, der beim Anblick der Pistole in der Hand des Schwarzen ein Attentat vermutete und dieses durch sein Eingreifen mit dem Messer zu verhindern suchte. Dass der Schwarze am Ende seinen Verletzungen erlag, wurde allgemein als tragischer Unfall gewertet und führte schließlich sogar zu einem Ende der friedliebenden Hippiebewegung. Aber was hat die echte Tatsachenfeststellung noch mit der völlig entstellten Darstellung dieses Predigers zu tun? Hier drängt sich die Frage auf, ob es nur bloße Unkenntnis der tatsächlichen Details war oder ganz bewusste Geschichtsverfälschung. Der Prediger hatte eine Idee im Kopf, und als er merkte, dass seine Idee nicht übereinstimmte mit den tatsächlichen Ereignissen, änderte er nicht etwa seine Idee, sondern stattdessen die Darstellung der Ereignisse!

Was nicht passt, wird einfach passend gemacht. So ist z.B. das „Woodstock Festival“ allgemein ein Begriff für den Gipfel der verwahrlosten, drogenkonsumierenden Jugend der Hippie-Ära. Den Altamont Speedway hingegen kennt niemand, also wird aus Altamont plötzlich Woodstock, denn es passt besser ins Bild. Und da die Stones auch das berüchtigte Lied „Sympathy for the devil“ gesungen haben, in welchem es weniger um „Sympathy“ als vielmehr um „Mitleid“ bzw. „Verständnis“ für den Teufel geht, musste der „Mord“ natürlich am besten bei diesem Lied geschehen. Und schließlich wurde aus einem – vom Publikum kaum wahrgenommenem – Handgemenge zwischen einem Ordner (der übrigens Mitglied im Motorradclub „Hells Angels“ war) ein angeblich vom gesamten Publikum inszeniertes „Abschlachten“ eines ach so unschuldigen Schwarzen, sozusagen als Opfergabe für den Teufel! Ich wurde den Verdacht nicht los, dass diese Art von „Stille-Post-Geschichtsverfälschung“ im Grunde genau die gleiche Art ist, wie auch die Bibel geschrieben wurde: Von Anfang an gab es da die großartige Idee von einem Schöpfungsmythos und einem Sündenfall, der erklären soll, warum die Dinge nicht so sind, wie sie eigentlich sein sollten. Dann folgt die Geschichte Israels mit einem glorreichen Beginn und einem tragischen Ende, den aber jeder nachvollziehen konnte. Und schließlich ist da eine Person, die von Gott als einziger Retter gesandt wurde, und der Glaube an diesen einen Retter solle die ganze Welt einen, bevor das Endgericht käme. Bis dahin sollten aber alle schön brav und gehorsam sein, denn sonst kommen sie für immer in eine brennende Hölle!

Die Christen taten mir im Grunde aufrichtig leid, weil sie ihre wertvolle Lebenszeit verschwendeten durch Pflichtbesuche und unterdrückte Lustbefriedigungen, ohne dass sie je etwas dafür bekommen würden. Im Grunde waren sie aber genauso egoistisch wie auch alle anderen Menschen, weil sie alles, was sie taten, ja nur für einen Lohn taten, den sie am Ende trotzdem nicht bekommen würden, da es ja reiner Wahn war. Wenn ein Atheist hingegen etwas Uneigennütziges für andere tut, dann hat es wirklich wert, weil es aus reiner Nächstenliebe geschieht. So hatte ich z.B. damals von einem Mann gehört, der aus Enttäuschung über bestimmte Beamtenentscheide eine Gesetzeslücke ausgenutzt hat, um sich durch die wahllose Adoption von Kindern aus 3.Welt-Ländern zu rächen. So hatte er schon bald 300 Kinder adoptiert, besonders aus Paraguay, die er dadurch zu deutschen Staatsbürgern machte und sie somit aus der Armut befreite. Auch wenn seine Motive fragwürdig waren und er selbst dadurch kein Opfer brachte (denn mehr als die Adoption konnte er aufgrund seiner kleinen Rente nicht für die Kinder tun), hatte er doch etwas Gutes getan, ähnlich dem Oscar Schindler. Ein richtiges Opfer hingegen brachte ein anderer Mann, der damals in eine Talkshow eingeladen wurde, weil er nur von einer DM pro Tag lebte, und das schon seit Jahren. Als die Moderatorin ihn fragte, warum er so geizig sei, wo er doch als Chirurg über 6000,- DM im Monat verdiene, erklärte er, dass er sich mit einem Freundeskreis von Gleichgesinnten zusammengeschlossen habe und sie all ihren überschüssigen Reichtum in Lebensmittel und Kleidung für die Bedürftigen im Irak spenden würde. Die Waren würden sie selber regelmäßig dorthin bringen und vor Ort verteilen. Dass sie selbst dafür so asketisch leben, sei deshalb, weil sie nicht besser leben wollen als jene Menschen in der 3. Welt, um sich mit ihnen zu solidarisieren in der Armut. Als er das sagte, war das Publikum sprachlos und keiner kritisierte ihn mehr. Und dabei war er noch nicht einmal religiös, sondern tat es aus reiner Menschenliebe!

Nun sind die wenigsten Menschen zu solchen heroischen Leistungen imstande, da sie schon genug damit zu tun haben, für sich und ihre Familie zu sorgen. Viele Menschen sind aber durch Krankheiten oder andere Schicksalsschläge dermaßen gebeutelt, dass sie sich noch nicht einmal allein um sich selbst kümmern können, sondern auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Dennoch aber kümmern sich auch die meisten Christen oder andere religiöse Menschen lieber nur um ihre eigenen Leute und sehen das Leid in der Welt als gottgewollt. Kein Wunder, denn nach ihrer Auffassung – so dachte ich damals – kümmert sich ja auch Gott nicht um sie, sondern lässt zu, dass sie ein glückloses, elendiges Dasein fristen und frühzeitig sterben, ja danach sogar noch in die Hölle kommen, weil ihnen niemand sagte, dass sie an Jesus glauben sollen! Wie kann man aber dann noch von einem „Gott der Liebe“ sprechen?! Für mich war diese Vorstellung nichts anderes als Faschismus, wenn nicht sogar Satanismus. War es nicht auch bei den Satanisten so, dass das Schwache verachtet wurde? Hatte nicht Aleister Crowley (1875-1947), der Gründer des modernen Satanismus, der sich selbst als „das Tier“ bezeichnete, mal sein Credo so formuliert: „Tu was du willst, sei das ganze Gesetz!“ Nach dieser Maxime handelten ja de facto mehr als 95 % aller Menschen, egal ob nun materialistisch oder religiös; nur dass die Religiösen ihren Egoismus fromm zu tarnen wussten. Für mich war Religion nichts als Heuchelei.

Da ich zu jener Zeit viele Hörbücher aus dem Netz hochlud und auf CD brannte, kam mir auf einmal die Idee, mal nach der berüchtigten „Bibel Satans“ von Antony LaVey zu suchen, um sie mir anzuhören. Vom Rocksänger Marilyn Manson hatte ich mal gehört, dass LaVey, der Gründer der kalifornischen Church of Satan, selbst gar nicht an die Existenz Satans glaubte, sondern den Satanismus nur als eine Art Philosophie sah, in der es darum ging, dass der Stärkere auch das Recht habe, seinen Nächsten zu beherrschen. Tatsächlich begründete LaVey diese Überzeugung denn auch mit den Gesetzen der Evolution, nach der nur der Stärkere überlebe. Für ihn waren die Schwachen nur „psychische Vampire“, die den Starken die Kraft raubten, die sie für ihren eigenen Erhalt brauchten. Verständlicherweise sei deshalb das Christentum mit seinem Gebot der Nächstenliebe und dem „Hinhalten der anderen Wange“ genau das Gegenteil und deshalb der Erzfeind aller Satanisten. Das Christentum sei verlogen und voller Scheinheiligkeit – das konnte ich ja bestätigen – und an dessen Stelle solle die vollkommene Lusterfüllung treten, die zwar egoistisch, aber dafür ehrlich sei. Die okkulten Rituale dienten nur dazu, dass der Satanist sich seines tierischen Wesens bewusstwerde und es willig bejahe, indem er durch den Genuss von Blut u.a. ekeligen Dingen seinen Willen stärke und rituell Kraft schöpfe. Satan sei letztlich nur ein Symbol, nämlich der Inbegriff des Rebellen, der sich gegen die moralische Bevormundung auflehnte und sich selbst zum Gott ernannte.

Der Sinn des Lebens solle also darin bestehen, dass der Mensch sich zurückbesinne auf seine tierische Herkunft? Wozu dann die Aufklärung und die zivilisatorischen Errungenschaften? Der Satanismus wäre im Grunde ja dann kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt in steinzeitlichen Kannibalismus oder in die Bronzezeit, als man noch den Dämonen Menschenopfer brachte! Nein, das war ganz und gar nichts für mir. Da ist ja sogar das Christentum mit seiner Sühneopfer- Lehre noch klüger und fortschrittlicher! Wenn es überhaupt eine bessere Alternative zur Religion gab, dann müsse diese in der Humanität und im aufgeklärten Denken liegen. Der Mensch muss befreit werden von seinem Aberglauben und seinen urkindlichen Ängsten vor einem strafenden Gott, der die Menschen in die ewige Verdammnis schickt. Aufgrund meines Wissens über das Christentum, sah ich meine Berufung darin, die Christen von der Absurdität ihres Glaubens zu überzeugen, und dann würde auch eine bessere Welt ohne Religion entstehen, in welcher alle Menschen eins werden, wie es John Lennon sang in seinem Lied „Imagine“.

So fing ich wieder an, mir durchs Internet Gesprächspartner aus der christlichen Szene zu suchen, die ich vermeintlich „aufklären“ wollte. Einer von diesen war ein gewisser Martin Borst vom mabo-verlag in Pforzheim. Ich erzählte ihm zunächst meine Geschichte und begründete dann meinen Abfall vom Glauben. Er schrieb: „Man darf die Fehler, die man bei Christen sieht, … nicht Gott oder der Bibel anlasten.“ Ich schrieb: „Da stimme ich natürlich mit Dir überein. Aber in meiner Kritik am Christentum ging es mir nie um das persönliche Versagen einzelner, sondern allein um die Glaubwürdigkeit der Bibel als solcher.“ Dann schrieb er mir von der Schöpfung: „Es gibt allerdings (und das müsstest du auch wissen) auch hochwissenschaftliche Bücher (Werner Gitt, Wilder-Smith, Wort und Wissen etc.), deren Inhalt keinen anderen Schluss zulassen als: Die Bibel hat recht!“ Darauf erwiderte ich: „Na, wenn das wahr wäre, dann würden sich ja auch alle anderen Wissenschaftler den Ausführungen der Schöpfungsgläubigen anschließen müssen. Tatsache ist jedoch, dass mehr als 95% aller Wissenschaftler nicht überzeugt sind von den Beweisen der Kreationisten. Das sollte einem doch zu denken geben. Ich bin zwar kein Biologe oder Evolutionsforscher, aber Ich habe keinerlei Grund, diesen Wissenschaftlern ihre Fachkompetenz abzusprechen, genauso wenig, wie ich dies bei meiner Friseuse oder meinem Kfz-Mechaniker tun würde. Dass es aber überhaupt so etwas wie Schöpfungsforschung gibt, ist für mich eine ziemlich offensichtliche und leicht durchschaubare Mogelpackung: Da wird doch nur krampfhaft versucht, den biblischen Schöpfungsbericht mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft in Einklang zu bringen, weil man partout an der Irrtumslosigkeit der Bibel festhalten will. Würde aber die Bibel die Evolutionslehre vertreten, dann würden selbst Werner Gitt und seine Leute keinerlei Zweifel aufkommen, weil sie gar keinen Anlass hätten, an der Evolution zu zweifeln. Und wenn im Gegensatz die ganze ungläubige Welt an eine Schöpfung in 7 Tagen glauben würde, dann hätten dieselben Forscher, die jetzt an der Evolution zweifeln, auf einmal ganz viele Beweise für die Evolution, nur weil sie in der Bibel gelehrt wird. Mit anderen Worten: die Schöpfungsforscher sind voreingenommen und deshalb schon allein unobjektiv und parteiisch.“

Martin hatte mich zunächst nur für einen abgeirrten Christen gehalten, der „mit Gott wieder ins Reine kommen“ müsse. Er hatte mein Bekenntnis zum Agnostizismus offensichtlich gar nicht richtig ernst genommen. Deshalb war er dann auch „etwas enttäuscht“ von meinen Ausführungen, weil ich trotz meiner früheren Ablehnung der Evolutionstheorie diese auf einmal blind für wahr hielt und keine Bereitschaft hatte, mich mit den begründeten Gegenargumenten zu befassen. „Chaos oder Zufall kann keine Intelligenz oder Ordnung entstehen lassen“. Das hatte ich aber auch gar nicht behauptet: „Der Zufall spielt bei der Evolution auch keine Rolle, sondern es gibt eine ganz zwangsläufige Entwicklung, die auf den Naturgesetzen beruht… Mit den Widersprüchen in der Bibel verhält es sich m.W. so wie mit der Evolutionsskepsis: Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Wer keine Widersprüche sehen will, der wird sie auch nicht sehen. Irgendwie findet sich doch immer irgendeine Erklärung für die Widersprüche, und wenn man sich nur ausreichend einnebeln lässt, dann verschwinden auf einmal die Konturen der Gegensätze, und alles wird hell und weiß vor Augen.“ Martin antwortete: „Deine Worte machen mich traurig. Ich nehme Dir das auch alles nicht ab. Entweder Du möchtest mich provozieren oder einfach mal testen oder aber Du wurdest von Christen zu sehr enttäuscht… Du weißt doch ganz genau, dass wir Gott keine Bedingungen stellen können, zumal jeder der Milliarden Menschen andere Vorstellungen und Wünsche hat. Aber bei Gott gibt es kein Wunschkonzert!!! Er ist es, der den Weg vorgibt, aber Er ist auch ein Gott, der uns liebt.“ – „Nein,“ entgegnete ich. „Gott selbst ist ein Wunschkonzert, bzw. eine Projektionsfläche für all unsere Wünsche und Vorstellungen von ihm. Aber ob es Gott überhaupt wirklich gibt, weiß nach wie vor keiner, geschweige denn wie er ist und was er von uns will. Das ist reine Spekulation. Und das sage ich nicht, um Dich zu verletzen oder aus Verbitterung. Ich bin von niemanden enttäuscht worden, sondern habe mich selbst ent-täuscht, indem ich mir jahrelang eingebildet habe, die Wahrheit zu besitzen, obwohl es nur Wunschdenken war.“


Ägypten

Ende 2010 wollten Ruth, Rebekka und ich eine Reise in den warmen Süden machen. Deshalb hatten wir eine Nilfahrt durch Oberägypten gebucht, also dem Süden von Ägypten, um die ganzen Tempel und Gräber der Pharaonen zu besichtigen. Bevor die eigentliche Nilfahrt losging, sollten wir die ersten zwei Tage in Luxor verbringen, dem alten Theben, die damals die Hauptstadt Ägyptens war. Vormittags besuchten wir den 260 m großen Tempel des Gottes Amun, den Thutmosis III. um 1.400 v.Chr. bauen ließ. Überall waren Säulengänge und riesige Statuen zu sehen und ein langer Gang mit widderköpfigen Spinxen, die furchterregend von oben herab auf die Besucher blickten. Weiter hinten war die beeindruckende Tempelanlage von Karnak, dem mit 30 ha größten Monumentalkomplex der Welt mit vielen Obelisken und einem Säulensaal von über 20 m hohen Säulen, die etwa 2 m dick waren und mit vielen Reliefs verziert waren. Vor den Toren des Tempels gab es zwei riesige Statuen von zwei sitzenden Männern, etwa 20 m hoch und viele Tonnen schwer, die sog. Memnonkolosse, die aber schon stark abgewittert waren. Was für ein unvorstellbarer Aufwand, den die Ägypter damals betrieben. Aber immerhin haben diese Bauwerke über 3000 Jahre überstanden.

Am Nachmittag hatten wir frei und fuhren mit einer Kutsche in die Innenstadt von Luxor. Da es sehr viele Straßenhändler und nur sehr wenige Touristen gab, buhlte man mit allen Mitteln um unsere Gunst. Ein ruhiger Straßenbummel war also kaum möglich, weil man sofort von den Händlern umzingelt wurde, die einem alles Mögliche anbieten wollten und uns kaum weitergehen ließen. Ruth reagierte meistens ziemlich harsch und unfreundlich, was mir nicht gefiel: „Du solltest nicht so hart sein mit den Ägyptern, denn sie sind sehr arm und leben ja vom Tourismus, deshalb sollten wir wenigstens höflich bleiben, wenn wir schon nichts kaufen.“ Doch am Abend geriet auch ich selbst bei Ruth in Ungnade wegen irgendeines nichtigen Anlasses, und ich versuchte mit vielen Worten ihre schlechte Laune abzumildern. Während wir am Straßenrand lang gingen und ich auf Ruth einredete, fragte ein Kutscher uns, ob er uns nicht mitnehmen dürfe. Ich hatte ihm jedes Mal höflich abgewiesen, aber er folgte uns auf Schritt und Tritt, indem er immer wieder beharrlich seine Dienste anbot. Da Ruth nicht auf mich hören wollte, wurde ich immer ungehaltener, so dass mich die Bettelei des Kutschers allmählich auf die Palme brachte. Als er dann irgendwann zum 25. Mal fragte, ob er uns nicht doch mitnehmen dürfe, wandte ich mich zu ihm und schrie aus Leibeskräften: „N E I N ! LASSEN SIE UNS ENDLICH IN RUHE !!!“. Da mussten Ruth und Rebekka plötzlich laut lachen, und auf einen Schlag war ihre schlechte Laune vorbei. Auch der Kutscher grinste, aber mir tat richtig die Kehle weh vom Schreien.

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Bus zur Abu-Haggag-Moschee, die auf den Ruinen des Götzen-Tempels von Amenophis III erbaut wurde. Wir mussten unsere Schuhe ausziehen und betraten die große Halle, die mit einem riesigen Gebetsteppich ausgelegt war, wo viele Muslime gerade ihr Gebet verrichteten. Der muslimische Touristenführer erklärte uns mit flüsternder Stimme auf Englisch die Besonderheiten der Moschee und auch die islamischen Traditionen. Anschließend konnten wir Fragen stellen. Ich meldete mich und fragte, warum die Nichtmuslime von Mohammed als „Götzendiener“ bezeichnet werden, wo doch Mohammed selber auch ein Götzendiener war. Daraufhin regte sich der Touristenführer sehr auf und behauptete, dass der Prophet nur Allah allein verehrt habe. Dem widersprach ich, weil ich gerade ein Buch über den Islam las, in welchem es hieß, dass Mohammed, trotz seines Glaubens den heidnischen Kult auf den Hügeln As-Safā und Al-Marwa praktizierte, wo den Götzen Isaf und Naila geopfert wurde, und dass Mohammed diesen Götzendienst sogar ausdrücklich noch den Muslimen erlaubte in Sure 2:158 und dieser Götzendienst auch Teil der Hadsch sei. Leider fiel mir in diesem Moment nicht die genaue Stelle im Qur´an ein, was insofern bedauerlich war, da mir der Touristenführer und auch andere Muslime lauthals widersprachen. „Aber ist denn nicht schon allein das Küssen der Ka´aba ein Götzendienst, denn wo ist denn da der Unterschied zu jedem anderen Götzendienst?“ fragte ich. „Weil der Gesandte Allahs (sallAllahu alayhi wa sallam) uns befohlen hat, ihn zu küssen, denn der Schwarze Stein kam direkt aus dem Paradies. Ursprünglich war er weiß, aber er ist durch die Sünden der Menschen schwarz geworden“. „Aber das ist doch Humbug („nonsens“),“ erwiderte ich. „Es ist doch viel naheliegender, dass Mohammed es sich nicht verscherzen wollte mit den Götzendienern und ihnen deshalb entgegenkam“.

Nun redeten mehrere Muslime gleichzeitig auf mich ein, so dass sich Ruth beunruhigte. Sie verstand zwar kein Englisch, aber sie sah, wie alle wütend gestikulierten, weshalb sie mich am Arm zog, um den Streit zu beenden. Ich wollte noch fragen, was es mit den sog. „Satanischen Versen“ auf sich habe (in welchen Mohammed in Sure 53:20-21 ursprünglich empfahl auch die heidnischen Göttinnen al-Lāt, al-Uzzā und Manāt um Fürsprache anzurufen, bis er dies später widerrief, indem er einräumte, dass Satan ihm diese Sätze diktiert habe), aber der Touristenführer brach die Debatte ab, da sie in einer Moschee nicht erlaubt sei und wir den Dialog gerne später im Bus weiterführen könnten. Ruth fragte mich, worüber ich mit ihm gesprochen hätte, und als ich es ihr bekannte sagte sie wutschnaubend: „¡Qué te ocurre! („Was fällt dir ein“, i.S.v. „Bist du noch zu retten!“, „Bist du von allen guten Geistern verlassen?“ oder „Hast Du noch alle Tassen im Schrank!“). Du kannst doch nicht in einer Moschee gegen den Islam debattieren! Die hätten Dich verhaften können, weil Du ihren Propheten beleidigt hast! Und was wäre dann aus UNS geworden?!“ – „Tut mir leid, daran habe ich nicht gedacht.“ – „Mir scheint, Du denkst überhaupt nicht, wenn Du erstmal angefangen hast mit Deinem Lieblingshobby, nämlich des Debattierens! Irgendwann wird es Dich noch mal richtig in Schwierigkeiten bringen!

Im Anschluss war nun eine Fahrt ins berühmte „Tal der Könige“ geplant. Dieses befand sich in den Bergen hinter Theben und sollte von Thutmosis I. eigentlich als Versteck vor Grabräubern in den damals kaum zugänglichen Schluchten angelegt werden. In den 1.700 Jahren zuvor war es ja bei den Pharaonen Tradition, sich während ihres Lebens eine Pyramide als Grabstätte bauen zu lassen. Doch trotz all der ausgeklügelten Gänge und Verstecke in den Pyramiden gelang es den Grabräubern immer wieder, die Schätze zu finden und zu plündern. Als Howard Carter 1922 im Tal der Könige grub, waren schon alle Gräber längst ausgeraubt, und es waren nur die z.T. tonnenschweren Sarkophage übriggeblieben. Doch obwohl er jahrelang nichts als Tonscherben fand, verlor er bis zuletzt nicht die Hoffnung. Im November 1922 stießen seine Arbeiter schließlich auf eine zugeschüttete Treppe, die in einen Schacht unter das Grab von Ramses IV. führte, und stießen auf eine Kammer voll mit Schätzen aus Gold, sowie Möbelstücken, Gegenstände und Spielsachen aus Holz, die trotz der 3.000 Jahre noch völlig unversehrt geblieben waren. Kurz darauf entdeckte man dann hinter einer Wand die eigentliche Grabesgruft mit vier Sarkophagen. Carter ließ sie öffnen und entdeckte hinter der Totenmaske aus reinem Gold die Gebeine von Tutenchamun, einem Pharao, der nur 19 Jahre alt wurde - Eine absolute Sensation. Über dem Grab stand in Hieroglyphen geschrieben, dass jeder verflucht sei, der es wagen würde, die Totenruhe des Pharaos zu stören, und tatsächlich starben in der Folgezeit sämtliche Beteiligte an der Expedition, wie z.B. Lord Carnarvon, der Geldgeber, und mehrere Arbeiter, die sich wahrscheinlich durch die Mikroben in der Lunge infiziert hatten. Auch Carter selbst wurde todkrank.

Was uns faszinierte, war die Frage, wie die Ägypter überhaupt all die Reliefs und Verzierungen an den Wänden tief unter der Erde herstellen konnten, denn es war ja stockdunkel, und der Rauch eines Feuers hätte sie am Atmen behindert. Ebenso faszinierend war auch der Grabestempel von Dêr-el-Bahàri, den die Königin Hatschepsut errichten ließ und aus einer riesigen Felswand gehauen wurde. An den Wänden sah man trotz der über 3000 Jahre immer noch die farbigen Abbildungen der Pharaonen mit ihren Dienern und Göttern. Es waren überall so zahlreiche Verzierungen, dass die Ägypten tausende an Stunden daran gearbeitet haben mussten. In späteren Jahrhunderten hatten dann fanatische Muslime viele der Gesichter der Reliefs zerkratzt, weil man sich nach ihrer Überzeugung ja auch kein Bild machen sollte, so wie es auch in der Bibel steht. Viele Bilder waren auch wirklich furchterregend, denn die dämonischen Wesen hatten verschiedene Tierköpfe wie der Gott Sobek (Krokodilkopf), Horus (Falkenkopf), Seth (Erdferkel?), Anubis (Schakalkopf), Thot (Ibiskopf) und Knuhm (Widderkopf). Und alle diese Gottheiten hatten das Ankh-Symbol in ihrer Hand, wie ein Schlüssel, von dem man bis heute nicht genau die Bedeutung weiß. Aber so beeindruckend all die Abbildungen auch waren – irgendwann wurde es uns auch langweilig, denn es wiederholte sich immer wieder. Auch die ganzen Namen und Legenden konnten wir uns nicht merken. Aus Überdruss machten Rebekka und ich uns lustig, z.B. über die Königin Hatschepsut, deren Name wie ein Niesen klang („Ha-a-a-tschepsut!“), oder der ständig wiederholte Name „Thutmosis“, bei dem Rebekka sich fragte: „Tut Mose es nun oder tut er‘s nicht?“

Aber die Reise sollte noch weiter gehen. Auf dem Programm stand noch der Horus-Tempel Edfu, der mit seinen 137 m Länge und seiner 80 m hohen Fassade zu einem der größten und best-erhaltensten zählt, und der Sobek-Tempel Kom-Ombo mit seinen tonnenschweren Säulen. Dann kamen wir zum berühmten Assuan-Staudamm, der in den 60er Jahren unter Präsident Nasser mit Hilfe der Russen gebaut wurde, um die starken Schwankungen des Nils zwischen Hochwasser und Niedrigwasser auszugleichen. Dazu mussten zahlreiche altägyptische Tempel verlegt werden, d.h. in Einzelteile zerlegt und dann an höherer Stelle wieder zusammengebaut werden, um sie vor der Überflutung zu schützen. Einer der größten unter diesen war Abu Simbel des Ramses II. mit seinen vier 30 m hohen sitzenden Pharaonen, die aus einer Felswand gemeißelt wurden. Für die Wiedererrichtung musste also auch der ganze Berg abgebaut werden – eine unvorstellbare Leistung. In Assuan sahen wir in einem Granitsteinbruch auch einen unvollendeten Obelisken, der waagerecht aus dem massiven Granit herausgemeißelt wurde, aber dann plötzlich Risse bekam, so dass sich die Fortsetzung der Arbeiten nicht mehr lohnte. Dieser Obelisk wäre mit seiner Höhe von 41,75 m und seiner Basis von 4,2 x 4,2 m, sowie seinem Gewicht von 1.168 Tonnen der größte Obelisk des Altertums geworden. Entlang des Obelisken hatten die ägyptischen Arbeiter auf beiden Seiten einen 60 cm breiten Graben in den Granit geschlagen. Da Granit aber viel härter ist als Beton oder Aluminium, hätte man damals selbst mit dem härtesten Stein, den es damals gab, Dolerit, Jahre gebraucht, um diesen Graben herauszufräsen. Selbst heutige Ingenieure würden mit modernen Diamantbohrern mit 1500 Umdrehungen/Minute gerade einmal nur wenige Millimeter vorankommen. Hier stellt sich einmal mehr die Frage, ob die Ägypter vor 3000 bis 4000 Jahren überhaupt dazu imstande waren. Beim Bau der Pyramiden wurden allein schon 2,3 Millionen Steine von 1 m³ Größe und einem Gewicht von 2,5 Tonnen/Stein verarbeitet. Selbst wenn man für die Errichtung der Cheops-Pyramide 100 Jahre verwendet hätte, müsste man jeden Stein innerhalb von 8,5 Minuten herstellen und an seine jeweilige Stelle hochtragen, nämlich fast 600.000 Tonnen bis zu einer Höhe von 146 Metern. Bis heute haben Bauingenieure keine Ahnung, wie sie das hinbekommen haben. Waren da vielleicht wieder die Nephelim aus 1.Mose 6:1-4 im Spiel?

Als wir nach 8 Tagen wieder zurück nach Deutschland flogen, war unterdessen ein Schnee-Chaos ausgebrochen. Es muss wohl die ganze Zeit über nur geschneit haben, denn weder Busse noch Straßenbahnen fuhren mehr, so dass wir am Flughafen Hannover festsaßen. Es war 23.00 Uhr, und selbst die Taxis waren rar, da sie sich um Hunderte von Passagieren kümmern mussten, um sie vom Flughafen nach Langenhagen bis zum Hbf. Hannover bringen mussten. Erst gegen Mitternacht kamen wir am Hauptbahnhof an, aber es fuhr kein Zug mehr, da Schneeverwehungen die Bahnstrecke nach Bremen unpassierbar gemacht hatten. Erst nach zwei Stunden hatten Räumfahrzeuge die Strecke so weit frei geschaufelt, dass uns ein Regionalzug schließlich nach Bremen fahren konnte, wo wir in den frühen Morgenstunden todmüde ankamen. Was für eine Reise!

 

Januar bis Juni 2011

Protest

Wir alle kennen den sprichwörtlichen Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt bzw. den Funken, der eine Explosion auslöst und in der Folge einen Flächenbrand entzünden kann. Das Jahr 2011 war in dieser Hinsicht eines der ereignisreichsten Jahre zu Beginn des 21. Jh., weil es gleich zwei politische Flächenbrände ausgelöst hat, nämlich zum einen den sog. Arabischen Frühling, in dessen Folge nicht nur sämtliche Diktaturen in den arabischen Ländern verschwanden (und dann größtenteils durch andere Diktatoren ersetzt wurden) und den ISIS-Staat ermöglichten; und zum anderen das Atom-Unglück in Fukushima (Japan), das europaweit die Energiewende entscheidend voranbrachte und damit auch den Klimaschutz, der heute in aller Munde ist. In einem bekannten Lied von Manfred Siebald heißt es ja: „Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich still und leise, und ist er doch so klein, er zieht doch weite Kreise… Ein Funke, kaum zu seh´n, entfacht doch helle Flammen…“. Der Tsunami am 11.03.2011 an der Küste vor Japan war zwar als solcher schon verheerend, aber die daraus resultierende Kernschmelze im Reaktor von Fukushima hatte noch weit größere Auswirkungen: nicht nur wurde die gesamte Region so sehr radioaktiv verstrahlt, dass sie für eine unabsehbar lange Zeit unbewohnbar sein wird, sondern er führte in Deutschland und vielen anderen Ländern zu einem schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie, die man bis dahin für sauber und unentbehrlich hielt.

Manchmal muss eine unerträgliche Lage sich erst noch weiter verschlimmern, damit sie wieder besser werden kann. Auch die Aufstände in der gesamten arabischen Welt wurden ja durch einen kleinen Funken ausgelöst, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: Als am 17.12.2010 der mobile Verkaufsstand eines tunesischen Gemüsehändlers namens Mohammed Bouazizi (26) von der Polizei konfisziert wurden, weil er keine Genehmigung hatte, übergoss er sich aus Protest mit Benzin und drohte mit einem Feuerzeug, sich selbst zu verbrennen, wenn man ihm den Gemüsestand nicht zurückgäbe. Versehentlich löste sich beim Klicken des Feuerzeugs ein Funke, der den jungen Tunesier sofort lichterloh in Brand setzte. Man konnte ihn zwar schon bald wieder löschen, doch am 04.01.2011 starb Mohammed aufgrund seiner schweren Verbrennungen. Dies löste landesweit Protest aus gegen die Regierung, so dass der korrupte Diktator Ben Ali schließlich gestürzt wurde und außer Landes floh. Im Februar 2011 regten sich dann auch in Ägypten und Libyen Proteste, so dass der ägyptische Präsident Mubarak nach 30-jähriger Herrschaft zurücktrat und verhaftet wurde und der libysche Revolutionsführer Gadaffi nach über 40-jähriger Herrschaft abgesetzt und umgebracht wurde. Im März 2011 griffen die Proteste dann auch auf Syrien über und lösten den syrischen Bürgerkrieg aus mit über 500.000 Toten, der 2014 auch noch zur Entstehung des Islamischen Staates in Syrien und Irak (ISIS) führte. In dessen Folge zogen dann fanatische Islamisten aus ganz Europa in den Dschihad und verbreiteten durch ihre martialischen Terrorakte gegen Christen und andere Zivilisten. Dies wiederum war dann die Ursache der großen Flüchtlingskrise seit 2015, die Europa spaltete und zum Erstarken der rechtspopulistischen Parteien und Bündnisse führte (AfD, Pegida, Identitäre- und Brexit-Bewegung).

Unruhen und Proteste gab es aber nicht nur in weiteren arabischen Ländern wie Jemen oder Bahrein, sondern überall auf der Welt protestierten die Menschen im Jahr 2011 gegen Arbeitslosigkeit, den Sozialabbau, die Banken, autoritäre Regime oder übertriebene Sparmaßnahmen: Portugal (12.03. mit 200.000 Menschen), Großbritannien (26. März mit 250.000 Menschen), Spanien (Mitte Mai mit 130.000 Menschen), Chile (09.08. mit 100.000 Studenten), Israel (03.09. mit 450.000 Menschen), USA (17.09. Occupy-Bewegung), Japan (19.09. mit 50.000 Menschen), Griechenland (19.10. mit 500.000 Menschen), China (15.12. mit 20.000 Menschen) und Russland (24.12. mit 60.000 Menschen). Diese Unzufriedenheit allerorten hält – wie wir wissen – bis heute an und erinnert mich an eine Comic-Szene aus meiner Jugendzeit in den 80er Jahren, als ein Junge mit einer Zeitmaschine in die Welt der Zukunft gereist war und überall auf den Straßen Demonstrationen sah; als er die Leute dann fragte, gegen was sie denn protestieren würden, sagte einer: „Gegen was wissen wir eigentlich auch nicht, sondern nur, dass es so nicht weiter gehen kann und sich alles zum Besseren ändern muss!“ Auch während ich diese Zeilen schreibe (November 2019) ist überall auf der Welt wieder von Protesten zu hören, ob in Chile, Bolivien, Ecuador, Spanien, Hongkong oder Frankreich. Man begnügt sich schon längst nicht mehr mit höheren Bildungsausgaben oder niedrigeren Benzinpreisen – man will immer sofort eine neue Regierung oder am besten gleich eine neue Verfassung. Und da die Probleme überall die gleichen sind, kann auch die Lösung für alle am Ende nur darin bestehen, dass es eine einheitliche Weltregierung geben wird, die alle Forderungen erfüllt, wenn auch zu einem hohen Preis: der Freiheit.

Als Thilo Sarrazin 2010 sein Buch vorstellte „Deutschland schafft sich ab“, wurde er von den Politikern und Medien allzu schnell als Provokateur und Hetzer gebrandmarkt, obwohl ein Großteil der Bevölkerung insgeheim dachte: „Eigentlich hat der Mann doch Recht mit seinen Analysen und Vorschlägen“. Man hatte das Gefühl, dass man von den links-geprägten Medien sofort totgeschrien wird, wenn man mal eine andere Meinung vertritt. Besonders das im Zuge der Euro- und Bankenrettung 2010 von Kanzlerin Merkel oft gebrauchte Wort „alternativlos“ förderte die ohnehin schon bestehende Politikverdrossenheit, da es sachlich unangemessen suggeriert, dass es bei einem notwendigen Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion oder Argumentation gebe. Aus der Empörung über diese politische Bevormundung entstand denn auch die von Prof. Bernd Lucke gegründete Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD), die infolge der Flüchtlingskrise 2015 immer weiter zu einer rechts-konservativen Partei wurde. Zeitgleich entstanden aber auch in vielen anderen Ländern rechtspopulistische Bewegungen und Parteien wie in die englische UKIP von Nigel Farage, die holländische Freiheispartei von Geert Wilders, der französische Front National von Marie Le Pen, die italienische Lega Nord, die polnische PiS von Jarosław Kaczyński oder die ungarische Fidesz-Partei unter Victor Orbán.

Wenn dem Protest auf Dauer kein Gehör geschenkt wird, kann er am Ende in Gewalt und Terror umschlagen. So war die zunehmende Einwanderung von islamisch geprägten Flüchtlingen nach Europa auch der Anlass, dass am 04.11.2011 eine der Polizei bis dahin unbekannte Terrororganisation namens NSU aufflog die in den Jahren 1999- 2011 insgesamt 10 Menschen ermordete, 43 Mordversuche, 3 Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle verübte. Und am 22.07.2011 richtete der norwegische Rechtsextremist Anders Breivik (32) auf der Insel Utøya ein Blutbad unter den größtenteils jugendlichen Teilnehmern eines sozialdemokratischen Sommercamps an, nachdem er zuvor im Osloer Regierungsviertel einen Sprengstoffanschlag verübte. Insgesamt kamen an jenem Tag 77 Menschen ums Leben, gut die Hälfte war unter 18 Jahre. Breivik hatte sich mit diesem Anschlag an der Einwanderungspolitik der Ministerpräsidentin Brundtland rächen wollen, die er eigentlich vor laufender Kamera köpfen wollte. Um möglichst hemmungslos aus nächster Nähe auf die wehrlosen Opfer schießen zu können, hatte er zuvor über einen längeren Zeitraum anabole Steroide und Ephedrin eingenommen. Eigentlich wollte er alle 520 Teilnehmer töten und das gesamte Regierungsviertel samt Politiker in die Luft jagen, um seine durch ein 1500 Seiten langes Manifest begründete Unabhängigkeitserklärung auszurufen. In seinem Wahn glaubte er, dass sich sofort alle nationalistischen Kräfte Europas zusammentun würden, um wie die alten Kreuzritter gegen die muslimischen Besatzer zu kämpfen und sie zu vertreiben.


Der Fall Schäfer

Während die ganze Welt 2011 in Aufruhr und Protest gegen die zunehmende Ungerechtigkeit der Reichen und Mächtigen versank, hatte ich in Bremen einen „Protest“ von weitaus geringerem Umfang (wenngleich für mich mit leidvollen Folgen) zu führen gegen einen reichen Kunden, der mir – wie so oft - meinen restlichen Werklohn nicht zahlen wollte. Bereits im Sommer 2010 erhielt ich eine Ausschreibung von einem Bauingenieur, der sich in Oberneuland ein Privathaus bauen ließ und nun auch die Malerarbeiten vergeben wollte. Das riesige, moderne Gebäude sollte von oben bis unten glatt gespachtelt und anschließend gestrichen werden. Ebenso sollte ich später auch noch die Fassade und die Tiefgarage machen. Da Donato gut spachteln konnte, überließ ich zunächst ihm für drei Wochen die Aufgabe, alle Decken und Wände Raum für Raum zweimal zu glätten. Doch er nicht so schnell vorankam wie ich hoffte, übernahmen dann Marco und ich die Baustelle, zusammen mit dem ein oder anderen Lehrling bzw. Praktikant. Der Bauherr und Hausbesitzer Herr Schäfer hatte einen Aufseher über die Arbeiten ernannt, einen Herrn Liebknecht, von dem ich regelmäßig Anweisungen erhielt.

Als die Arbeiten im Oktober fast fertig waren, machte ich schon mal mit Herrn Schäfer eine Abnahme. Er war zwar mit dem Ergebnis zufrieden, monierte jedoch, dass die Decken und Wände teilweise scheckig waren. Ich erklärte ihm, dass der schräge Lichteinfall auf dem bis zu 100 m² großen Decken dazu führe, dass man trotz der glatten Fläche jede noch so kleine Ungleichmäßigkeit sehen könnte. „Normalerweise hätten die Decken zuvor mit einem Glattvlies geklebt werden müssen, um eine gleichmäßige Saugfähigkeit des Untergrundes zu gewährleisten“ erklärte ich ihm, „aber das war in der Ausschreibung nun einmal nicht vorgesehen, sonst hätte ich es Ihnen ja angeboten.“ – „Was würde das denn kosten, wenn Sie das jetzt noch nachträglich machen würden?“ fragte er. Ich versprach, ihm „einen guten Preis“ zu machen, worauf er mir noch drei weitere Extrawünsche nannte. Das Problem war nun, dass all dies innerhalb der nächsten zwei Wochen fertig werden solle, da Anfang November schon die Möbel aufgebaut werden sollten. So machte ich schnell ein Nachtragsangebot und schickte es Herrn Schäfer. Dieser aber reagierte nicht, so dass ich drei Tage später in seinem Büro anrief. Seine Sekretärin teilte mir mit, dass er in Amsterdam sei und erst zum Wochenende zurückkäme. Aber auch Herr Liebesknecht war nicht erreichbar, um mir den neuen Auftrag zu unterschreiben, weshalb ich mich angesichts der Dringlichkeit der rechtzeigen Fertigstellung entschied, die Arbeiten auch ohne schriftliche Auftragserteilung mit vereinten Kräften auszuführen. Bis Ende Oktober erschien weder Herr Schäfer noch Herr Liebesknecht auf der Baustelle, bis ich auf einmal am Samstag ein Fax erhielt, dass man mir mit sofortiger Wirkung den Auftrag kündige und mich aufforderte, meine Sachen mitzunehmen. Ich war außer mir und rief sofort bei Herrn Liebesknecht an, was das solle, zumal wir doch ohnehin schon fast alles fertig hätten. Er sagte nur, dass wir angeblich zu viel gepfuscht hätten und Herr Schäfer nun den Malerbetrieb Hettenweiler beauftragt habe für die Restarbeiten.

Um zu beweisen, dass bereits fast alles erledigt sei, machte ich mit einem befreundeten Architekten eine Begehung im Haus und filmte auch alles. Als plötzlich Herr Liebesknecht auftauchte, verwies er uns des Grundstücks. Eine Schlussabnahme wollte er nicht mehr mit mir machen, obwohl wir uns eigentlich zu diesem Zweck verabredet hatten. Ich dachte: „Was soll das! Irgendwas stimmt hier nicht.“ Ich ahnte schon Böses, zumal Herr Schäfer mir noch rund 6.000, - € schuldete. Bevor ich wegfuhr, hatte ich eine Idee: Ich notierte mir die Namen und Telefonnummern der anderen Firmen, die am Bauzaun ihre Schilder angebracht hatten, um sie zu fragen, ob denn auch sie vom Bauherrn ihr ganzes Geld bekommen hätten. Tatsächlich berichteten mir mehrere Firmen, dass auch sie noch immer auf restliche Zahlungen warten würden und die auch z.T. angemahnt hätten. Der Elektriker war sogar schon drauf und dran, den Kunden zu verklagen, und tat es schließlich auch. Nun wusste ich, dass diese Auftragskündigung kurz vor Schluss von Anfang an geplant war, um sich die Restvergütung zu sparen.

Ich beauftragte meinen Anwalt, und er erhob sofort Klage beim Landgericht, da die ganze Sache nach Betrug roch. Darauf erhielten wir eine Abschrift der Klageerwiderung, in welcher der Anspruch komplett abgestritten wurde. Natürlich war die Begründung voll von Lügen und Verdrehungen. So hatte Herr Schäfer behauptet, dass es überhaupt keine Folgeaufträge gegeben hätte und dass wir Arbeiten ausgeführt hätten, die er angeblich gar nicht beauftragt hätte. Zudem hätte ich Arbeiten berechnet, die gar nicht von uns ausgeführt wurden, sondern von der Malereibetrieb Hettenweiler. Die Arbeiten seien zudem auch nicht „abnahmereif“ gewesen, da sie angeblich mängelbehaftet waren, dass aber diese Mängel inzwischen nicht mehr sichtbar seien, da sie von der Fa. Hettenweiler bereits nachgebessert wurde. Diese aber habe für die Nachbesserungen angeblich 6.118,06 € berechnet, die er mit meiner Forderung von 6.053,77 € verrechnet habe, nachdem er mich angeblich mehrere Male zur Nachbesserung aufgefordert und ich mich geweigert hätte (in Wirklichkeit hatte er bis dahin unsere Arbeit immer wieder gelobt und auch die Abschlagszahlungen immer pünktlich bezahlt, was man ja nicht tun würde, wenn man angeblich so unzufrieden wäre). Kurz gesagt: Herr Schäfer hatte von oben bis unten gelogen. Manche Lügen waren dermaßen absurd, z.B. dass wir teilweise ohne Auftrag bestimmte Dinge ausgeführt hätten, obwohl ich sogar Unterschriften von Herrn Liebesknecht bekam mit dem Hinweis „Auftrag erteilt!“, dass auch der gegnerische Anwalt im Verlauf der nächsten Monate immer wieder neu seine Argumente korrigieren musste.

Aber Lügen haben ja bekanntlich kurze Beine. So verhedderte sich Herr Schäfer in immer mehr Widersprüche: So habe er mich wegen angeblicher Mängel zweimal mündlich zur Nachbesserung aufgefordert, und zwar am 04.08. und am 20.10., obwohl wir nachweislich erst am 12. August 2010 überhaupt erst den Auftrag ERHALTEN und mit den Arbeiten begonnen hatten! Es soll also angeblich Mängel gegeben haben, bevor wir überhaupt je die Baustelle betraten! Und auch die angeblich zweite Aufforderung zur Mängelbeseitigung am 20.10. mit Fristsetzung bis zum 25.10. erwies sich schnell als Lüge, da Fa. Hettenweiler nachweislich bereits am 20.10. mit der angeblichen „Ersatzvornahme“ begonnen hatte. Zu diesen angeblichen Nacharbeiten soll auch eine von uns angeblich „stümperhaft aufgebrachte Holzimprägnierung an den Eingangspfeilern zählen, obwohl wir am gesamten Objekt nicht einen einzigen Tropfen Imprägnierung verwendet hatten, sondern die angeblich nicht beauftragten, gemauerten Eingangspfeiler auftragsgemäß verputzt und armiert hatten. Ferner soll unsere Deckentapezierung angeblich ein eigenwilliger „Nachbesserungsversuch“ gewesen, dann aber doch „beauftragt“ worden sein; später aber soll angeblich die Fa. Hettenweiler unsere Vliestapete an der Wohnzimmerdecke wieder entfernt und den Untergrund neu verspachtelt und gestrichen haben (wofür sie angeblich 3.058,61 € berechnet hätten, und schließlich behauptete Herr Schäfer, dass überhaupt keine Mängel von Firma Hettenweiler nachgebessert wurden, sondern alle Mängel noch sichtbar als Beweis vorhanden sein. Ja, was denn nun? Ich rief also diesen Malerbetrieb an und bat um Aufklärung. Vom Chef erfuhr ich dann, dass diese 6.118,06 € gar nicht für Arbeiten am Wohnhaus von Herrn Schäfer verwendet wurden, sondern für ein ganz anderes Haus, dass er sich zusätzlich im hinteren Teil des Grundstücks bauen ließ, und dass Fa. Hettenweiler auch noch einen vierstelligen Rechnungsbetrag von Herrn Schäfer nicht bekommen habe und ihm deshalb mit einer Klage drohe.

Jetzt wurde es mir zu bunt, und ich erstattete Strafanzeige gegen Herrn Schäfer wegen Prozessbetrug und gegen Herrn Liebesknecht wegen falscher eidesstattlicher Zeugenaussage. Doch die Staatsanwaltschaft Bremen wollte zunächst einmal den Ausgang des Prozesses vor dem Landgericht abwarten. Da jedoch schon vor Prozessbeginn der ganze Schwindel aufgeflogen war und der gegnerische Anwalt nun sah, dass die Argumentationsbasis allmählich immer dünner wurde, versuchte er, die anstehende Verhandlung schließlich noch durch einen Befreiungsschlag platzen zu lassen, und zwar durch die Behauptung einer angeblich „fehlenden Passivlegitimierung“. Denn da der Auftrag ursprünglich ja nicht an meine gerade erst gegründete „Unternehmergesellschaft“ ergangen war, sondern an das davor bestehende Einzelunternehmen Simon Poppe, habe die UG – so der Anwalt - gar kein Recht gehabt, seinen Mandanten zu verklagen. Diesem tatsächlichen Rechtsmangel konnte ich dann jedoch durch eine Abtretungserklärung an die UG beheben. Schließlich beschränkte sich der Anwalt von Herrn Schäfer nur noch auf das Argument einer angeblich fehlenden Abnahmereife, da der Auftrag angeblich zu viele Mängel aufweise. Ich ärgerte mich, dass die Richterin am Landgericht all die Lügen und Täuschungsversuche von Herrn Schäfer mit keiner Silbe rügte, geschweige denn, dass sie ihn schon allein wegen dieses einschlägig belegten Fehlverhaltens sofort zur Zahlung des gesamten Betrages aufforderte, sondern dass sie nun einen Beweisbeschluss fasste, nach welchem alle von Herrn Schäfer behaupteten Mängel nun durch einen Sachverständigen überprüft werden sollten.

Und wer wurde mal wieder für dieses Gerichtsgutachten bestellt? Natürlich wieder Herr Harmsen, mit dem ich ja in den letzten sieben Jahren schon mehrere Male zu tun hatte. Während er mir in den ersten Jahren ja noch wohlgesonnen war, hatte er mich besonders in den letzten drei Jahren nur noch in die Pfanne gehauen, so dass mein Vertrauen in ihn auf einen Nullpunkt gelangt war. Zu allem Ärger kam noch hinzu, dass ich als Kläger 2/3 der Kosten für das Beweissicherungsverfahren in Höhe von insgesamt 3.000, - € - also 2.000, -€ - im Voraus bezahlen sollte. Für eine zu erwartende unfaire und damit schlechte Begutachtung sollte ich also auch noch so viel Geld bezahlen müssen. Was für ein Albtraum! Und wie ich es befürchtet hatte, so kam es dann auch, dass jeder noch so winzige Riefe in der ansonsten super glatten Oberfläche der rund 3.000 m² umfassenden Wandflächen sorgsam protokolliert und fotografiert wurde. Die Frau von Herrn Schäfer hatte zuvor überall im Haus sog. Post-Its angeklebt, damit der Gutachter die bemängelten Stellen schneller finden könne. Eigentlich hätte Herr Harmsen darauf bestehen müssen, dass diese erst einmal alle wieder entfernt werden müssten, bevor er mit seiner Begutachtung beginnen könne, da sie ihn in unangemessener Weise beeinflussen würden in seinem Urteil; aber dies erfuhr ich erst später, so dass ich darauf nicht bestehen konnte. So sahen wir jede Menge Stellen markiert, die offensichtlich erst nach der Auftragskündigung von einem anderen Maler nachgestrichen wurden mit einer falschen Farbe, die wesentlich glänzender war, was im Streiflicht sehr auffiel. Und dann waren in vielen Räumen sog. Lagerfugenrisse, für die wir ebenfalls nichts konnten, da sie erst nach Fertigstellung unserer Arbeiten entstanden waren (später erfuhr ich, dass Herr Schäfer das ganze Grundstück aufwendig trockenpumpen musste, und dass die Risse erst dadurch entstanden waren). Diese und viele andere Tatsachen wurden uns aber im Gutachten angelastet, so dass Herr Harmsen am Ende auf einen Nacharbeitsaufwand von 7.563 € kam.

Dieses unerträglich oberflächliche „Gutachten“ (das eigentlich besser „Schlechtachten“ heißen sollte) wurde denn auch von mir und meinem Anwalt scharf kritisiert. Wir forderten eine Korrektur und eine präzisere Darlegung der Mängel sowie ihrer Kostenbewertung. Mein Anwalt schrieb dem Gericht: „Bei der Ortsbesichtigung mit dem Sachverständigen ließ sich das meiste aus dem Klageerwiderung nicht feststellen; stattdessen brachte der Beklagte eine Reihe von Beanstandungen gegen den Gebäudezustand vor, die nicht Gegenstand seines schriftsätzlichen Vorbringens sind. Verfahrensfehlerhaft ließ sich der Sachverständige nicht vom Inhalt des Beweisbeschlusses leiten, wodurch er zu einer verfälschten Beurteilung gekommen ist…“ Dann erklärte er, dass die unzähligen Risse im Haus nicht uns anzulasten waren, sondern erst später infolge der Grundwasserabsenkung entstanden waren, da das Haus dadurch abgesackt sei. Ebenso wenig könne man uns für das Nachstreichen von Stellen durch die Firma Hettenweiler mit falscher Farbe verantwortlich machen. Das einzige, was an Mängeln wirklich in unserer Verantwortungsbereich fiel, waren hier und da kleine Macken, die bei der hastigen Fertigstellung unter Termindruck übersehen wurden, nachzubessern. Hierbei rügte mein Anwalt die für eine Aufwandsermittlung willkürliche Verwendung von Einheitspreisen, so dass der Gutachter für die etwa max. 5 Minuten dauernde Nachspachtelung einer offenen Naht an der Wohnzimmerdecke aufgrund ihrer enormen Größe von 108,65 m² und dem Einheitspreis von 4,41 €/m² auf einen völlig realitätsfernen Zeitaufwand von 9,5 Stunden kam. Bei der Berechnung der geringfügigen Nachspachtelungen an den Wänden (ca. 1 Std maximal) kam er sogar auf die gänzlich realitätsferne Zeit von 55,8 Std. usw. Wir stellten einen neuen Fragenkatalog an den Gutachter, damit er endlich mal wirklich seinen Job mache. Und dann geschah…

…gar nichts. Es verging ein ganzes Jahr, in welchem absolut nichts mehr passierte. Ich legte Beschwerde ein beim Landgericht. Dieses forderte den Gutachter noch einmal auf, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen und die zusätzlichen Fragen zu beantworten. Herr Harmsen schrieb also ein neues Gutachten, wobei er dann auch einräumte, dass er „nicht beurteilen“ könne, „in welchem konkreten Umfang Fa. Hettenweiler Nacharbeiten ausgeführt“ habe. Statt jedoch den völlig übertriebenen Aufwand von 55,8 Stunden zu korrigieren, rechtfertigte er seine fehlerhafte Berechnung damit, dass darin auch das nachträgliche Grundieren der Flächen noch enthalten seien, obgleich ein Grundieren eigentlich gar nicht mehr erforderlich wäre, wenn man die Flächen anschließend nur noch mal überstreichen will. Während aber die von uns übersehenen Macken praktisch kaum auffallen, wäre das komplette Nachstreichen der Wände schon allein für die Rissüberbrückung und die durch das Nachstreichen mit falscher Farbe notwendige Überarbeitung erforderlich gewesen, so dass mir unfairer Weise etwas aufgebürdet wurde, was ich gar nicht verursacht hatte. Doch Herr Harmsen blieb dabei, dass zumindest die vielen Risse zwischen Decke und Wände auf unser Konto gingen, da wir die Trockenbaudecken vom Mauerwerk angeblich nicht ausreichend entkoppelt hätten vor dem Ausfugen, sondern einfach nur abgefugt hatten. Er reagierte regelrecht pikiert auf die massiven Vorwürfe meines Anwalts und versuchte, unsere Fehler schon allein aufgrund der „exquisiten Lage des Neubaus und der gehobenen Ausstattung“ künstlich aufzubauschen, indem hierfür entsprechend „spezifische Anforderungen an die Qualität“ erforderlich waren. Seine Unparteilichkeit gab er damit gänzlich auf, was aber schon bei der Ortsbesichtigung deutlich wurde, als er dem Millionär Schäfer ehrerbietig sagte: „Entschuldigen Sie, wenn ich mir mal einen Moment einen wohltuenden Blick erlaube auf Ihren beeindruckenden Fuhrpark in der Tiefgarage, denn eine solche Sammlung von gepflegten Oldtimern und Nobelautos sieht man ja wirklich nicht alle Tage!“ Wie kann ein staatlich vereidigter Gerichtsgutachter nur so unnüchtern und schwärmerisch auftreten bei einer so ernsten Angelegenheit!

Wie zu erwarten, ergriff der Gutachter Harmsen dann bei der Gerichtsverhandlung voll und ganz Partei für den Kunden und spielte die Bedeutung der nachträglichen Anstricharbeiten durch Fa. Hettenweiler herunter. Er räumte zwar ein, dass die Risse erst nach uns entstanden waren, stellte jedoch fest, dass dies keine Rolle spiele, da die Wände ohnehin alle nachgearbeitet werden müssten. Entsprechend folgte das Landgericht seiner Auffassung und urteilte schließlich, dass ich einen Großteil der Mängelbeseitigungskosten, nämlich 4.605,92 €, selbst zu tragen habe. Daraufhin gingen mein Anwalt und ich in Berufung vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht, da das Landgericht z.B. auch gar nicht den Umstand gewürdigt hatte, dass zum Zeitpunkt der Kündigung der Auftrag ja noch gar nicht abgeschlossen und mir dadurch die Möglichkeit einer letzten Revision unserer Arbeiten genommen wurde. Denn selbst wenn die Arbeiten in einzelnen Räumen in sich abgeschlossen sind, macht jeder Handwerker vor der endgültigen Abnahme ja noch mal in Ruhe eine eigene Bestandsaufnahme, ob auch wirklich nichts übersehen wurde. Innzwischen waren schon drei Jahre vergangen und Herr Schäfer hatte das Haus sogar schon wieder verkauft. Wir erhielten eine Ladung für den 10.09.2014, doch zu einer erneuten Verhandlung kam es nicht mehr, da ich den Antrag wieder zurückzog und das Urteil vom Landgericht akzeptieren wollte, um keine weiteren Risiken und Kosten zu erleiden.

Nach all der Ungerechtigkeit, die ich damals von Herrn Schäfer und anderen Kunden erfahren musste, kommt mir im Nachherein das Bibelwort in den Sinn: „Preiset, ihr Völker, unseren Gott, und lasset hören die Stimme Seines Lobes; der unsere Seele am Leben erhalten und nicht zugelassen hat, dass unsere Füße wankten! DU hast uns geprüft, o Gott, Du hast uns geläutert, wie man Silber läutert. Du hast uns ins Netz gebracht, hast eine drückende Last auf unsere Lenden gelegt. Du hast Menschen reiten lassen auf unserem Haupte; wir sind ins Feuer und ins Wasser gekommen, aber Du hast uns herausgeführt zu überströmender Erquickung“ (Ps.66:8-12).


Juli bis Dezember 2011

Islamische Agitation

Neben all dem Ärger, den ich hinter den Kulissen mit mir schleppen musste, war meine Auftragslage nach wie vor sehr gut, so dass ich neben den 5 Gesellen, 2 Teilzeitkräften und 2 Lehrlingen im Sommer 2011 noch einen weiteren Gesellen und einen Lehrling einstellte, und zwar Rossano Seay (25), ein Mestize, dessen Mutter Amerikanerin war, als Lehrling, und Pavel Hnidziuk (35), ein polnischer Elektriker, der schon ein paar Jahre zuvor bei mir gearbeitet hatte, als Gesellen. Außerdem bat mich meine Mutter, doch einen ihrer Schützlinge aus ihrer Gemeinde einzustellen, und zwar den Südkoreaner Kim Jung-Min (36), ein früherer Restaurantbesitzer, der aber dann aus Glaubensgründen eine Bibelschule besucht hatte und nun zweiter Prediger werden wollte in der Christusgemeinde. Kim bot sich aufgrund seiner betriebswirtschaftlichen Kenntnisse als Bürokraft an, der zukünftig zusammen mit meiner bisherigen Bürohilfe Ingrid Werner (51) beim Schreiben von Angeboten und Rechnungen helfen könnte. Den Büroraum in der Werkstatt, den wir bisher nie genutzt hatten, räumte sich Kim am ersten Arbeitstag zurecht, und ich erklärte ihm, wie die Abläufe im Malerberuf sind. Er war sehr verwundert, als er auf Anfrage von mir erfuhr, dass ich bisher kaum einen Preisvergleich bei den verschiedenen Lieferanten angestellt hätte und sagte: „Als ich noch meine beiden Restaurants hatte, da haben wir jedes Jahr bei allen Händlern regelmäßig die Preise verglichen und sie runtergehandelt“. Ich fragte Kim Jung-Min, ob er vielleicht mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-Un verwandt sei, da er ja einen sehr ähnlichen Namen wie dieser habe. Er sagte: „Das ist so, als würde ich Dich fragen, ob Du vielleicht mit Adolf Hitler verwandt seiest. Nein, solch ein Name ist in Nord- und Südkorea sehr häufig.“ Wir verstanden uns gut, aber nach drei Tagen sagte Kim zu mir: „Simon, ganz ehrlich, Du solltest mich lieber wieder kündigen, denn im Grunde kann ich Dir kaum effektiv helfen, sondern bin Dir nur eine Last. Es ist nett von Dir, dass Du mir helfen wolltest, aber eigentlich hast Du doch schon eine Bürokraft und brauchst mich gar nicht mehr.“ Er hatte recht, und ich tat es.

In den Sommerferien wollte unsere Tochter Rebekka mit Ruth nach Peru reisen, weil sie dort noch nie war – außer als Kleinkind. Ich war also drei Wochen allein zuhause und hatte die Idee, wieder mit dem Malen zu beginnen, was ich früher in meiner Jugend häufig tat. Damals hatte ich viele Malwettbewerbe gewonnen, weil ich Bilder malen konnte, die so echt waren wie Fotos. Ich hatte es aber jahrelang vernachlässigt, da der Arbeitsaufwand hoch und die Wahrscheinlichkeit gering war, ein Bild zu einem würdigen Preis von mindestens 300 Euro verkauft zu bekommen. Eines Morgens las ich im SPIEGEL vom dänischen Maler und Karikaturisten Kurt Westergaard (74), der bereits 2008 weltweit in die Schlagzeilen kam, weil er in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten eine Karikatur des Propheten Mohammed veröffentlichen liess, der in seinem Turban eine Bombe mit Zündschnur trug. Diese relativ harmlose Provokation nahmen dann weltweit Muslime zum Anlass, um gegen die westliche Welt im Allgemeinen und gegen Dänemark im Besonderen zu protestieren. Sie verhängten gegen den Zeichner eine Fatwa, so wie 1989 gegen den englischen Schriftsteller Salman Rushdie, d.h. eine Art „Kopfgeld“, indem jeder Muslim mit einer Garantie für das Paradies belohnt werde, der Rache übt an dem Urheber für diese Blasphemie. Tatsächlich ist dann 2010 ein junger Somalier in die Wohnung von Kurt Westergaard eingedrungen und hat versucht, ihn mit einer Axt zu töten. Der alte Mann konnte sich gerade noch rechtzeitig im Bad einschließen. Während der Täter dann versuchte, die Tür mit der Axt einzuschlagen, rief Westergaard die Polizei, die dann auch sofort kam, um den Somalier festzunehmen.

Bei den weltweiten Unruhen wurden dänische Konsulate in Brand gesteckt und viele liberale Muslime vom wilden Mob gelyncht. Insgesamt starben etwa 150 Personen. Man muss sich mal vorstellen, dass diese fanatischen Muslime sich beleidigt fühlten, weil man sie und ihren Propheten als Terroristen darstellte, und darauf mit Terrorismus reagierten, so als ob sie selbst den Beweis nachliefern wollten, dass der Vorwurf gegen sie tatsächlich gerechtfertigt war! Die ganze Welt sollte eingeschüchtert werden durch die irrationale Drohung: „Wer uns Muslime als Mörder beleidigt, wird von uns ermordet! Der Islam ist eine Religion des Friedens, und wer das nicht glaubt, dem erklären wir den Krieg!“ Der arabische Sender al-Dschasira strahlte eine Predigt des Hamas-Führers Khaled Mash´al in der großen Moschee von Damaskus aus, in der er die Europäer zu einer Entschuldigung aufforderte: „Unsere Nation wird nicht vergeben… Morgen schon werden wir auf dem Weltenthron sitzen… entschuldigt euch heute, bevor es zu spät ist …Bevor Israel stirbt, wird es erniedrigt werden…“ Die Besucher der Moschee antworteten: „Tod Israel, Tod Amerika!“ Was für ein hilfloser „Gott“, dachte ich, dass er es nötig hat, von solch einem Mob in seiner Ehre verteidigt zu werden! Oder ist es nicht eher so, dass sie ihre eigenen Zweifel in sich totschreien wollen, indem sie jede Ironie, Skepsis, Spott und Relativierung von außen zu unterbinden versuchen, durch solche Kränkungen fühlt man sich nicht nur persönlich herabgesetzt, sondern insgeheim auch versucht und angefochten.

Mir kam die Idee, dass ich den religiösen Fanatismus in Zukunft durch das Malen provokanter Bilder bekämpfen könnte. Denn geschrieben wurde schon genug, und das können andere viel besser, aber das Malen in der Öffentlichkeit, in der Fußgängerzone, das sollte von nun an meine Waffe gegen den religiösen Irrsinn sein! So kaufte ich mir Leinwände und Acrylfarben, dachte mir Motive aus und fing an, ein Bild nach dem anderen zu malen. Das Massaker auf der Insel Utøya am 22.07.2011 nahm ich dann zum Anlass, eine Kollage zu malen, auf welcher rechts im Bild Anders Breivik auf Jugendliche schießt und links im Bild die Zwillingstürme von New York explodierten. Im Vordergrund malte ich links einen blutgetränkten Halbmond und rechts ein bluttriefendes Kreuz (denn Breivik hatte sich ja als Tempelritter und Schützer des christlichen Abendlands verstanden). Darüber schrieb ich dann das bekannte Zitat von Immanuel Kant zur Frage, was die „Aufklärung“ sei: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Auf einem weiteren Bild malte ich Osama bin Laden zusammen mit Chalid Scheich Mohammed und dem Baphomet-Satan in der Hölle schmoren. Während ich dieses Bild in der Fußgängerzone malte, kamen zwei Muslime vorbei. Einer von ihnen beschimpfte und bedrohte mich. Als ich daraufhin seinen Propheten aufs übelste beleidigte, wollte er mich verprügeln, aber sein Begleiter hielt ihn fest und versuchte, auf ihn beruhigend einzureden. Auf einem weiteren Bild malte ich die Steinigung einer Frau durch eine aufgebrachte Menge und schließlich eine Gruppe muslimischer Kleinkinder in einem Laufstall die alle wutschnaubend auf den Betrachter schauten und hinter ihnen stehend Angela Merkel und Barak Obama, wie sie ratlos auf die Meute der wild gewordenen Kinder blicken und sich fragten, wie man diese wohl wieder beruhigen könne. Mir ging es bei allen Bildern letztlich nur um Provokation: auf einem Bild malte ich den G7 Gipfel 2011 in Paris, wo man auf einer Tribüne Merkel, Sarkozy, Obama, Erdogan und Berlusconi sah, sie alle splitternackt waren. Mein Anwalt sah das Bild und meinte, dass ich möglicherweise Ärger mit der amerikanischen Justiz bekommen könnte, sollte ein Foto dieses Bildes mal im Internet auftauchen. Schließlich malte ich auch noch den Papst Benedikt XVI. als unheimlichen Vampir, wie er aus einer finsteren Gruft den Menschen zuwinkt. All diese Bilder habe ich später verbrannt, als ich wieder gläubig wurde (https://www.youtube.com/watch?v=0wOhxqjiacM).

Ohne es zu merken, hatte ich mich auf einmal selber radikalisiert, indem ich einen unbändigen Hass entwickelt hatte auf all jene Islamversteher unter den Politikern, die nicht die Gefahr erkannten, die vom Islam ausgeht und alles relativierten und verharmlosten. Besonders die Grünenpolitikerin Claudia Roth („Nie wieder Deutschland“), aber auch Christian Wulff („Der Islam gehört zu Deutschland“) waren für mich Wegbereiter für eine schleichende Islamisierung, da sie die Gefahr nicht sahen von dieser totalitären und gewalttätigen Ideologie, die im Prinzip dem Faschismus ähnelt. Es ist ja auch kein Wunder, dass es in allen islamisch geprägten Ländern Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen gibt, vor allem keine freie Meinungsäußerung. Wenn wir aber erlauben, dass sich der Islam auch in Deutschland immer weiter ausbreiten kann, dann verhalten wir uns wie Biedermann und die Brandstifter, indem für dabei zuschauen, wie Islamisten nach und nach ihre Scharia bei uns durchsetzen. Ich machte also Aufkleber, auf denen ich schockierende Fotos mit Gewaltdarstellungen und eingefügten Koranzitaten einfügte und sie an mehreren Plätzen Bremens anklebte. Ich wollte mit diesen Zitaten beweisen, dass islamische Selbstmordattentäter eigentlich nur das tun, was ihnen im Koran ausdrücklich geboten wird: „Auf dem Weg Gottes sollen nur die kämpfen, die ihr Leben auf Erden für das Jenseits opfern. Wer auf dem Weg Gottes kämpft - ob er dabei fällt oder siegt - dem gönnen Wir im Jenseits einen überaus hohen Lohn.“ Sura 4,74

Ihr Gläubigen! Wenn ihr mit den vorrückenden Ungläubigen auf dem Schlachtfeld zusammentrefft, kehrt ihnen nicht den Rücken! Wer ihnen den Rücken kehrt … zieht sich Gottes Zorn zu und endet in der Hölle. Welch übles Ende!“ Sura 8,15-16

Für diejenigen, die Ihn verleugnen, werden im Jenseits Gewänder aus Feuer zugeschnitten, und über ihre Köpfe wird siedendes Wasser gegossen werden. Dadurch wird alles schmelzen, was sie im Leib haben und auch ihre Haut. Auch Stangen aus Eisen sind für sie da. Und immer, wenn sie vor Schmerz aus dem Feuer herauszukommen versuchen, werden sie wieder hineingebracht, und sie werden hören: "Kostet die qualvolle Brandstrafe aus!" Sura 22,19-22

Das Gleichnis des Paradieses, das den Gottesfürchtigen versprochen wurde, ist das eines Gartens mit Wasserläufen, deren Wasser frisch ist und nie verdirbt, mit Strömen von Milch, die sich niemals im Geschmack verändert, mit Strömen von Wein, köstlich für die Trinkenden, und mit Strömen von Honig, deren Honig fein gereinigt ist. Dort haben sie Früchte aller Art und Vergebung von ihrem Herrn. Sind die Bewohner des Paradiesgartens den Bewohnern der Hölle gleich, die dort ewig bleiben werden und wo sie siedendes Höllenwasser zu trinken bekommen, das ihre Eingeweide zerreißt?“ Sura 47,15

Aus meiner Sicht sollte der Koran verboten werden.


Weniger ist mehr

Bereits im Sommer 2010 bekannte der griechische Premierminister Papandreou, dass sein Land kurz vor dem Bankrott stünde, weil es über Jahrzehnte die Bilanzen gefälscht habe und sie inzwischen Schulden von 300 Milliarden Euro angehäuft hatten. Die Ratingagenturen stuften Griechenland daraufhin noch niedriger ein, als sie es ohnehin schon hatten, was die Zinsen für Staatsanleihen noch weiter erhöhte und die Zahlungsunfähigkeit noch weiter beschleunigte. Doch auch andere Länder wie Irland, Portugal, Spanien oder Italien hatten jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt und sich einen völlig übertriebenen Staatsapparat geleistet mit viel zu viel Beamten, Vergünstigungen und Frühpensionierung – eben die südländische Korruptionsmentalität. Am Schmu hatten aber auch die europäischen Banken alle gut mitverdient – ähnlich wie in der Finanzkrise von 2008. Jetzt aber drohte eine erneute Kettenreaktion, denn die Finanzwelt geriet in Panik, zumal viele Hedgefonds auf fallende Kurse setzten und dadurch die Krise noch beschleunigten. Ähnlich wie bei der Love-Parade 2010 in Duisburg hatte man nicht weitsichtig geplant, sondern gehofft, dass sich die Probleme von ganz allein lösen würden. Als dann die Massenpanik ausbrach, dachte jeder nur noch an sich, und die Schwächsten wurden einfach niedergetrampelt, in diesem Fall die sozial Schwachen in Griechenland, die für den Betrug der Mächtigen keine Verantwortung trugen. Der IWF legte den Griechen nun an die kurze Leine und zwang ihnen eine Konsolidierung des Staatshaushalts auf, der monatelang Massenproteste zur Folge hatte. Man hatte den Eindruck, als würden die Reichen und Mächtigen jahrelang an den getürkten Bilanzen Griechenlands mitverdient haben und sich jetzt ihres „nützlichen Idioten“ und Komplizen in diesem Betrugsgeschäft entledigt haben, indem sie ihn fallen ließen wie eine heiße Kartoffel. Um den Anschein von Unschuld zu erwecken, hoben die Banken nur die Verschwendung des aufgeblähten griechischen Staatshaushalts hervor, so als ob nur diese über ihre Verhältnisse gelebt hätten, und gaben sich selbst als einfältige und treuherzige Gläubiger aus.

Die allgegenwärtige Nervosität in der Wirtschaft ließ auch mich nicht gleichgültig. Die schlechten Erfahrungen mit zahlungsunwilligen Kunden hatten mich verunsichert, denn ich hatte keinerlei liquides Polster, um unvorhersehbare Belastungen abzufedern. Mir fehlte sogar das Geld, um eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung zu gründen (Gründungskapital 25.000, - €). Doch dann erfuhr ich von der Möglichkeit, dass man neuerdings auch ganz ohne Eigenkapital aus seinem Einzelunternehmen eine sog. Unternehmergesellschaft machen könne, also eine Art Mini-GmbH. Ich fand die Idee gut, meldete diese bei einem Notar an und änderte auch mein Briefpapier. Als jedoch mein Steuerberater davon erfuhr, geriet er außer sich: „Herr Poppe! Sie können doch nicht einfach eine Kapitalgesellschaft gründen, ohne sich zuvor mal mit mir abzusprechen! Ich bin schließlich ihr Steuerberater, und Sie bezahlen mich doch auch, damit ich Sie berate.“ – „Aber wieso – war das etwa keine gute Idee?“ – „Nein, überhaupt nicht! Ist Ihnen klar, dass Sie jetzt bilanzieren müssen? Warum haben Sie das bloß gemacht?!“ – „Ich wollte meine Firma schützen vor zukünftigen Regressforderungen.“ – „Dafür zahlen Sie jetzt aber einen hohen Preis. Denn als Kaptalgesellschaft müssen Sie neben der Gewerbesteuer jetzt auch Körperschaftssteuer zahlen, ganz zu schweigen von dem höheren Aufwand, den wir jetzt durch die Bilanzierung haben.“ – „Aber dafür brauch ich jetzt nicht mehr in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Dadurch spare ich ja letztlich auch Geld.“ – „Dafür bekommen Sie aber später nur eine Minirente“ – „Das ist mir egal, denn ich habe eine gute Lebensversicherung und Fondgebundene Rentenversicherung als Schutz vor Altersarmut.“

Aber was würden uns die Ersparnisse nützen, wenn es demnächst einen totalen Ausverkauf an den Aktienmärkten gäbe und eine noch viel gravierendere Weltwirtschaftskrise als bisher? Deutschland lebt vom Export, - wenn sich aber niemand mehr die deutschen Produkte leisten könne, dann gehen auch hier in Deutschland plötzlich die Lichter aus. Die Welt steuert ja gerade auf eine neue Industrie-Revolution zu, bei welcher das Internet und die Künstliche Intelligenz Millionen von Arbeitsplätzen überflüssig macht. Wenn zudem die Welt so weiter macht in diesem Konsumrausch, dann sind die Ressourcen der Welt schon in knapp 30 Jahren aufgebraucht und eine Hungersnot unvorstellbaren Ausmaßes würde Milliarden Menschen elendig krepieren lassen.

Damals las ich ein Buch von Bernd Senf „Die blinden Flecken der Ökonomie“ (2001), in welchem mit einfachen Worten erklärt wurde, dass in der Wirtschaft nichts einfach so „wachsen“ kann, sondern dass Wachstum immer nur auf Kosten von Ausbeutung generiert wird, entweder Ausbeutung von Menschen oder aber der Natur. Wenn aber irgendwann ein kritischer Punkt erreicht ist, an welchem es nichts mehr zum Ausbeuten gibt, dann wird man folglich zum Schrumpfen gezwungen werden. Würde man aber mit diesem Gesundschrumpfungsprozess schon heute beginnen, dann wäre die Zukunft kein Rasen auf einen Abgrund mehr, sondern eine behutsame Kurve. Die Wirtschaftspolitik hat jedoch die ökologischen Folgen des Wachstums bisher weitgehend ausgeklammert wie ein „blinder Fleck“, sondern hat stattdessen jahrzehntelang das Wachstumsdogma gepredigt: „Wohlstand für alle“ (Ludwig Erhard). Und obwohl die Industrieländer längst alles haben, heizt die Werbung nach wie vor die Leute an – besonders zu Weihnachten – um uns dazu zu bringen, von dem Geld (das wir eigentlich gar nicht haben), immer neue Dinge zu kaufen (die wir gar nicht wirklich brauchen), um bei Bekannten und Nachbarn (die uns eigentlich egal sind) Eindruck zu hinterlassen (der nicht von Dauer ist).

Diesen Wahnsinn konnte ich besonders bei Ruth und Rebekka beobachten, die ständig in die Stadt fuhren, um sich bei Billigdiscountern wie Primark, Zero oder Kik immer neue Klamotten zu kaufen, die sie immer nur für kurze Zeit trugen und dann wieder aussortierten für die Kleidersammlung, damit der Kleiderschrank nicht ständig aus allen Fugen quillt. Diese Wegwerfkleidung wird ja von ausgebeuteten Näherinnen in Indien oder Bangladesch hergestellt und ist daher so billig, dass sich eine Reparatur nicht lohnt. Würde man aber diese Sklavinnen besser bezahlen, dann würden die verwöhnten Konsumenten sie nicht mehr kaufen und die Ausgebeuteten würden ihre Arbeit verlieren. Deshalb kann die notwendige Umkehr vom Konsumwahnsinn erst mal nur in den Köpfen der Verbraucher beginnen. Anstatt weiter sein Leben mit Produkten vollzurümpeln und jedes Jahr zweimal in den Urlaub zu fliegen, müssen wir wieder zurückkehren zu den Lebensgewohnheiten unserer Großeltern: Dieses war geprägt durch Sesshaftigkeit, Verzicht auf industrielle Produktion und mehr Eigenleistung, gemeinschaftliche Nutzung von Gütern, sowie regionale Geldsysteme oder Tauschmärkte. Die Menschheit muss bereit werden für eine neue Genügsamkeit. Wieviel Potential könnten wir freisetzen, wenn die noch verbleibenden Ressourcen geschont würden durch ein Weniger an Material (Plastik), weniger an Energie und weniger an Dreck, und eine entsprechende Besteuerung der Ressourcen. Kleidung sollte so hochwertig hergestellt werden, dass man sie vererben kann und nicht so, dass man sie nach dreimaligem Tragen wegwerfen muss. Vor allem sollte Arbeit möglichst nicht mehr an billige Arbeitskräfte delegiert werden können, sondern am besten durch heimischen Tauschhandel ersetzt werden. Durch Tauschgeschäfte kann der Mensch frei werden von seiner Gier, immer mehr Geld ohne Sachgrund anzuhäufen. Dann würde auch die völlig sinnlose Buchhaltung aufhören, wo alles immer ganz genau auf Heller und Pfennig ausgerechnet wird. Der Mensch würde für seine Leistung nicht mehr ENT-lohnt sondern endlich mal wieder BE-lohnt.

Die gedankliche Beschäftigung mit diesen Utopien beflügelte mich, denn sie hatte ja beinahe schon etwas Christlich-Puritanisches. Es war immerhin ein Weg, um die Menschheit vor ihrem Untergang zu bewahren. Vor allem hatte dieser Verzichtsgedanke etwas unerhört Erfrischendes und irgendwie Rebellisches, weil er so ganz dem üblichen Streben nach mehr, größer, höher und weiter widersprach. Ja, er ähnelte tatsächlich ein wenig dem christlichen Fundamentalismus, wo es ja auch um Entsagung und Rechtschaffenheit geht. Schließlich stieß ich auf einmal bei meinem regelmäßigen Stöbern in Buchläden auf den Titel eines Taschenbuches, der genau das beschrieb, was mich interessierte: „Die Kunst des stilvollen Verarmens – Wie man ohne Geld reich wird“ von Alexander von Schönberg (2005). Der Autor kam ursprünglich aus einer alten Adelsfamilie, die aber in den letzten 500 Jahren immer weiter verarmte. Er hatte in den 90er Jahren zunächst in der Werbebranche gearbeitet, bis er infolge der platzenden Computerblase und dem Anschlag auf das WTC plötzlich seinen Job verlor und auch über einen längeren Zeitraum keinen neuen mehr fand. So versuchte er, seine Familie durchzubringen, indem er aus der Not eine Tugend machte: Er lernte nämlich, dass man das meiste, das man bisher für sein Leben für unverzichtbar hielt, eigentlich bei näherer Betrachtung doch überflüssig ist. Die Freiheit, etwas nicht haben zu müssen, setzt führte ihn in diesem unfreiwilligen Selbstversuch allmählich zu einer ganz neuen Wahrnehmung des Wesentlichen im Leben:

-         - Anstatt seine wertvollsten Jahre im Hamsterrad zu verbringen, lernte er den Wert eines stressfreien und unbeschwerten Lebens in der Genügsamkeit. Denn der Mensch lebt ja nicht von Brot allein, und viele schöne Dinge kann man sich ohnehin nicht mit Geld kaufen. Man denke an die Maus Frederick, der statt Vorräte zu sammeln wie die anderen lieber einen „Vorrat“ an Sonnenstrahlen, Farben und Wörter sammelte, die das Herz der anderen später erfüllen sollten.

-          - Anstatt sich die Wohnung mit vielen teuren Möbeln vollzustellen, hat die Schlichtheit und Übersichtlichkeit einer Wohnung eine ganz eigene Eleganz

-          - Statt immer wieder mit anderen in teuren Restaurants zu essen, ist es viel persönlicher und gemütlicher, mit Freunden gemeinsam zu kochen und zuhause zu essen.

-          - Statt sein Geld im Fitnessstudio zu vergeuden, könne man es genauso gut durch Fahrradfahren oder Jogging, wenn man irgendwo hin muss,

-          - Anstatt in ferne Länder zu reisen, sollten wir die schönen Orte unserer eigenen Heimat mal auskundschaften.

-          - Statt Markenkleidung sollte man stolz sein auf Kleidung, die schon der eigene Vater bzw. die eigene Mutter getragen hat.

-          - Anstatt die Kinder vor der Glotze zu horten, sollten sie durch einen völligen Verzicht auf den Medienrausch lieber durch Spielsachen in ihrer Kreativität gefördert werden.

-          - Beim Einkaufen sollte man sich darauf besinnen, nur das zu kaufen, was man wirklich nicht entbehren kann und den Blick auch nicht umherschweifen lassen auf der Suche nach irgendwelchen neuen Reizen.

Etwas nicht zu brauchen bzw. auf etwas Angenehmes freiwillig verzichten zu können, ist letztlich auch ein Zeichen von großer charakterlicher Stärke und damit auch ein stilles Glück. Denn was sollte schon besonders tugendhaft daran sein, dass man sich z.B. ein dickes Auto nur deshalb leistet, um anderen zu beweisen, dass man es sich leisten kann? Genau genommen offenbart ein solches Gehabe doch eigentlich nur, dass man seinen Selbstwert an materiellen Gütern bemisst, und dass man im Grunde auch keinerlei moralische Skrupel hat, sein Vermögen lieber in überflüssigen Tand zu vergeuden, anstatt ihn mit den Armen zu teilen.

Januar bis Juni 2006

Mehr Schein als Sein

Anfang Januar rief mich die Ausbildungsberaterin der Handwerkskammer, Frau Schierenbeck, an und fragte mich, ob ich Interesse an einer ehrenamtlichen Tätigkeit hätte als sog. „Ausbildungs-Mentor“, d.h. als Berater für Jugendliche, denen ich erklären könnte, auf was es bei der Bewerbung und beim Vorstellungsgespräch ankäme und auf was die Chefs besonders achten würden usw. Zu diesem Zweck wollte sie mit mir in verschiedene Schulen gehen, wo ich im Rahmen des Faches „Arbeitslehre“ an den jeweiligen Tagen 2 - 3 Stunden mit ihr eine Art Vortrag halten solle vor Schulklassen der 10. Real- oder Hauptschulklasse. Hintergrund war ja, dass ich 2004 eine Auszeichnung erhalten hatte, zum angeblich „besten Ausbilder Deutschlands“. Diesen Titel hatte ich mir ja bisher nicht wirklich verdient, deshalb dachte ich, dass ich es auf diesem Wege vielleicht nachholen könnte (oder es zumindest versuchen könnte) und willigte ein, unter der Voraussetzung, dass diese Schuleinsätze möglichst in den Wintermonaten stattfinden mögen, wenn bei uns Bauhandwerkern „Saure-Gurken-Zeit“ ist. So rief mich Frau Schierenbeck Anfang Januar an und gab mir gleich mehrere Termine für die Zeit von Januar bis März, die sie mit den Schulen vereinbart hatte.

 Doch schon bald merkte ich, dass Gabys Vorstellungen von Pädagogik noch aus den 60er Jahren stammten, denn die Tipps die Frau Schierenbeck den Jugendlichen gab, waren für mich zum Fremdschämen. So wiederholte sie z.B. bei jedem Einsatz die Stereotype, dass die Jugendlichen nicht mit Kaugummi im Mund und auch nicht mit Händen in der Hose zum Vorstellungsgespräch gehen mögen – als ob je ein Jugendlicher auf so eine Idee kommen würde! Man merkte, dass sie einfach keinerlei Ahnung von der Lebenswirklichkeit der heutigen Jugendlichen hatte. Da wir aber beide im Team auftraten, durfte ich ihr natürlich nicht widersprechen. Stattdessen beschränkte ich mich darauf, den Schülern zu erzählen, auf was ich selbst bei Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen achte und machte dabei öfter mal eine scherzhafte Bemerkung, um die Schüler zum Lachen zu bringen, damit sie nicht den Eindruck hätten, dass wir langweilige Spießer seien. Einmal sorgte ich dann bei den halb schläfrigen Jugendlichen für helles Aufsehen, indem ich ihnen etwas sagte, dass sie so schnell nicht wieder vergessen würden: Nachdem – wie üblich – jeder einzelne der etwa 30 Schüler sich vorgestellt hatte, wie er heiße und welchen Berufswunsch er habe, gab mir Frau Schierenbeck das Wort:

Liebe Schüler, ich weiß, wie langweilig die Schule für viele von Euch ist, denn es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich selbst noch die Schulbank gedrückt. Es hat auch bei mir erst sehr spät ‚Klick‘ gemacht, bis ich verstand, dass ich nicht für die Schule, sondern für mich selbst lernen sollte, und als ich das begriff, da habe ich mich auf einmal für alles interessiert, von dem ich mir einen Nutzen versprochen habe. Auf einmal entdeckte ich bei mir, dass ich mir viel besser etwas behalten kann, wenn ich es nicht aus Zwang, sondern aus eigenem Willen lernen will. Und das werde ich Euch jetzt mal demonstrieren: Ihr habt vorhin alle Eure Namen genannt, und ich werde Euch jetzt mal beweisen, dass ich mir die alle gemerkt habe…“ Und dann ging’s los, dass ich von all den 30 Schülern nacheinander die Namen wiederholte. Plötzlich waren alle hellwach und begeistert, nicht nur, weil das für sie sehr unterhaltsam war, sondern weil sie auf einmal das Gefühl hatten, dass jemand sich für sie interessiert hatte. Alle fieberten mit mir mit, während ich meine grauen Hirnzellen für die z.T. schwer auszusprechenden Namen bemühte: „Tunay ... Larissa … Oleg ... Aschmed – ach nee… Eschmad?“ Der Schüler korrigierte: „Esmatullah!“ Die Lehrerin und Frau Schierenbeck ließen mich gewähren, auch wenn diese kleine Showeinlage nichts mit Berufsberatung zu tun hatte, denn so aufmerksam waren sie schon lange nicht mehr.

Doch während ich nach außen den anständigen Malermeister und Saubermann vorgab, ließ ich im Frühjahr oftmals einige meiner Mitarbeiter schwarz arbeiten. Das ging so: Nach dem Rahmentarifvertrag durfte ich meine Mitarbeiter zum Winter hin ohne Kündigungsfrist entlassen aufgrund des „schlechteren Wetters“ („Schlechtwetterkündigung“), unter der Voraussetzung, dass ich sie nach dem Winter wieder einstelle, spätestens nach 3 Monaten. Oftmals fingen die Mitarbeiter aber schon in Februar oder März bei mir an, während ich sie erst im April wieder offiziell einstellte. Dadurch haben sie aber Jahr für Jahr immer ein oder zwei Monate bei mir schwarzgearbeitet, wobei ich ihnen Brutto für Netto auszahlte, so dass wir uns die eingesparten Sozialabgaben teilten. Was ich jedoch damals nicht durchblickte, war, dass ich durch diesen Abgabenbetrug mich auch selber massiv schädigte, und zwar auf zweierlei Weise: Zum einen flossen die eingesparten Kosten ja als Gewinne in meine Firma hinein, so dass ich viel höhere Einkommenssteuern zahlen musste ohne diese Personalkosten als Kosten geltend machen zu können. Und zum anderen litt meine Firma unter permanentem Liquiditätsmangel, denn ich musste ja ständig den Arbeitern das Geld bar auf die Hand geben; da ich aber auf der anderen Seite keine schwarzen Bareinnahmen hatte, musste ich die Gelder immer wieder vom Firmenkonto abbuchen, obwohl es für diese Barabhebungen aufgrund mangelnder Barbelege überhaupt keinen Sachgrund gab. Irgendwann sprach mich meine Buchhalterin Frau Sander darauf an und sagte: „Herr Poppe, Sie haben vom Vorjahr ein Minus von 16.000,- € in der Kasse! Was machen Sie mit soviel Geld zuhause? Horten Sie das etwa für schlechtere Zeiten?“ Ich verstand damals überhaupt nicht, was sie meinte und fragte nach. Sie erklärte mir, dass die Kasse zum Jahresende immer ausgeglichen sein müsse und ich nicht mehr aus der Kasse nehmen könne, als ich auch wieder hineintue durch Barbelege. „Herr Poppe, ich muss Sie warnen, denn wenn das Finanzamt ihre Steuererklärung in die Hand bekommt, dann sehen die sofort, was los ist, dass sie nämlich Schwarzarbeit machen! Wenn Sie dabei erwischt werden, dann können Sie ins Gefängnis kommen, und Sie haben eine Familie zu versorgen!

Für mich war diese Nachricht alarmierend. Aber anstatt völlig mit der Schwarzarbeit aufzuhören, beschloss ich, in Zukunft etwas vorsichtiger zu sein, indem ich mich bemühen wollte, meine illegalen Aktivitäten von nun an besser abzukoppeln von meinen legalen. Ich überlegte, mir ein zweites Konto einzurichten sowie ein neues Briefpapier mit der neuen Kontonummer, so dass ich einen Teil der Erlöse einfach abzweigen konnte, um meine Mitarbeiter für die Zeit ihrer Schwarzbeschäftigung mit Schwarzgeld bezahlen zu können. Doch am Ende fehlte mir dafür dann doch der Mut und die „kriminelle Energie“, zumal ich spätestens dann bei einem Erwischtwerden durch die Steuerfahndung mich nicht mehr damit rausreden könnte, dass es sich hier nur um ein Versehen handeln würde. Stattdessen machte ich weiter wie bisher, nur dass ich die Schwarzarbeit etwas reduzierte. Ganz aufgeben wollte ich sie nicht, da ich glaubte, ohne diese gar nicht mehr am Markt überleben zu können. Ich vertraute hingegen darauf, dass die Wahrscheinlichkeit einer Steuerprüfung doch sehr gering sei und die Behörden schon genug zu tun hätten mit all den Steuerflüchtlingen, die der damalige Finanzminister Peer Steinbrück von nun an „in Angst und Schrecken“ versetzen wollte. Dass es jedoch auch eine unsichtbare Welt gab, die meine Straftaten beobachtete und mich bereits längst vor Gott verklagt hatte, war mir damals gar nicht bewusst. Wenn Gott unsere Vergehen schon heute während unseres irdischen Lebens richtet und uns dafür bestraft, ist dies ein Zeichen Seiner Güte, denn viel schlimmer ergeht es jenen, die trotz ihrer schweren Sünden nur Wohlergehen auf Erden hatten, denn sie werden sogleich nach dem Tod höllische Qualen erleiden (Luk.16:19-31). Nach Gottes Gesetz bestraft Er uns immer mit genau dem gleichen Unrecht, das wir auch anderen angetan haben. So nahm es nicht wunder, dass schon bald darauf eine nicht enden zu scheinende Flut an Unrecht über mich hereinbrach in den Jahren 2006 - 2011, so dass mein Firmenschiff von nun an in stürmische See geriet und beinahe zu kentern drohte…

Der Fall Brenitzki

Bereits im Sommer 2005 hatte uns ein relativ junger Geschäftsmann namens Brenitzki (ca. 40) aus dem reichen Stadtteil Schwachhausen gebeten, seine altbremer Villa in der Benquestraße zu sanieren, sowie ebenso das Nachbarhaus. Da das alte Haus viele Risse aufwies, haben wir es nicht nur vollflächig gespachtelt, sondern auch mit einer Gewebearmierung tapeziert. Als wir nach ca. 4 Wochen fertig waren und das Gerüst abgebaut war, schrieb ich ihm die Schlussrechnung. Von den Gesamtkosten über 6.834,34 € hatte ich ihm einen Preisnachlass von 405,79 € gewährt, also rund 6 %. Da er mir bereits einen Abschlag von 2.320,- € überwiesen hatte, verblieb also ein Restbetrag von 3.946,48 €. Doch statt mir diesen dringend benötigten Betrag endlich zu überweisen, schrieb mir Herr Brenitzki eine Liste von 11 Punkten, die er bemängelte, 5 davon betrafen angebliche Mängel in der Arbeit und 6 bezogen sich auf die Rechnungspositionen, die er anzweifelte. Er kündigte an, dass er den von ihm eigenmächtig und unberechtigt gekürzten Rechnungsbetrag erst zahlen werde, sobald alle die von ihm genannten Mängel beseitigt seien. Der Gipfel der Unverschämtheit war, dass er auch noch Schadenersatz von mir verlangte, weil er für die von uns geleistete Wärmedämmung an seinem Giebel wider Erwarten keine staatliche Förderung erhalten hatte, da die erforderliche Dämmstärke von mindestens 12 cm nicht eingehalten wurde. Da sein Dachüberstand eine solche jedoch nicht zuließ, hatten wir nur 10 cm verwendet, es aber auch so in die Rechnung hineingeschrieben. Er hatte zwar noch gebeten, einfach 12 cm einzutragen, doch das hatte ich am Ende vergessen, zu tun.

Das Problem war nun, dass sich der Winter im Frühjahr 2006 weit in den März erstreckte und es einfach zu kalt war, um die geforderten Nachbesserungen auszuführen. Überall in Deutschland lag wochenlang eine bis zu 1 m dicke Schneeschicht und die Temperaturen waren weit unter dem Gefrierpunkt. Dadurch schoben sich vereinbarte Fassaden-Termine immer weiter nach hinten und mein Konto lag zwei Monate bei 5.000,-€ im Minus, so dass ich einen neuen Kontokurrentrahmen vereinbaren musste. Als ich dann die gewünschten Nachbesserungen im April endlich erledigen konnte, zahlte mir Herr Brenitzki dennoch nur 2.000,-€, da er der Meinung war, dass der etwa 1,80 m hohe Haussockel immer noch nicht so glatt sei wie die Fassade darüber. Außerdem zweifelte er die Quadratmeterzahl der von uns lackierten Fenster an, die ich mit 23,00 m² errechnet hatte, während er nur auf knapp 16,00 m² gekommen sei. Ich fuhr also nochmal hin und glättete den Sockel noch ein drittes Mal vollflächig, damit er endlich Ruhe gäbe, und bot ihm an, die Fenster noch einmal gemeinsam zu messen. Stattdessen kam Herr Brenitzki mit immer neuen Vorwürfen und behauptete wahrheitswidrig, dass bisher auch nie eine wirkliche Abnahme erfolgt sei, so dass schon allein deshalb noch gar kein Zahlungsanspruch bestünde. Wer selbst einen Handwerksbetrieb hat, kennt diese Spielchen und Tricks, durch welche Kunden einen Betrieb über viele Monate hinhalten können, bis dieser irgendwann entnervt auf die Restzahlung verzichtet, weil er weiß, dass er vor Gericht immer den Kürzeren ziehen würde.

Ich aber wollte mich nicht so schnell geschlagen geben. An einem Abend, als ich in der Badewanne lag, beschloss ich, für mein Recht bis aufs Letzte zu kämpfen – schon allein um herauszufinden, ob es zukünftig überhaupt Sinn macht, vor Gericht zu gehen. Auch wenn nur noch 1.378,42 € offen waren, sollte dieser neureiche Schnösel nicht so einfach damit durchkommen. So reichte mein Anwalt Lindemann schließlich Klage ein und es kam zum Prozess. Da mir klar war, dass das Gericht wahrscheinlich wieder Herrn Harmsen als Sachverständigen bestellen würde, versuchte ich schon vor dem Prozess, diesen Gutachter auf meine Seite zu ziehen, indem ich ihn eines Abends anrief und ihn bat, doch einfach mal bei Gelegenheit an der Fassade vorbeizufahren, um mir anschließend seinen Eindruck zu schildern, ob der Sockel denn inzwischen schon glatt genug sei. Herr Harmsen tat mir diesen Gefallen und rief mich kurz darauf abends an: „Herr Poppe, machen sie sich keine Sorgen: der Sockel sieht astrein aus, da ist nichts dran zu bemängeln.“ Ich freute mich und sah mich bereits als Sieger des Gerichtsstreits. Ich ahnte jedoch nicht, dass Herr Brenitzki weitaus listiger war als ich…

Als dann am 05.06.07 endlich der Prozesstag war, bestellte der Richter erwartungsgemäß den Sachverständigen Harmsen und beschloss eine Entscheidung erst nach dessen gutachterlicher Stellungnahme. Herr Brenitzki erdreistete sich sogar zu behaupten, wir hätten den Sockel überhaupt nicht gespachtelt und auch nur einmal übergestrichen, statt wie angeboten zweimal. Ich dachte: „Na, dieser Rotzlöffel wird noch sein blaues Wunder erleben!“ Als dann aber die Besichtigung vor Ort mit Herrn Harmsen erfolgte, erlebte ich mein blaues Wunder. Denn statt den 1,80 m hohen Haussockel zu beanstanden, zeigte Herr Brenitzki auf die etwa 4 m² große Treppenwand, die vom Haus abging, auf die er mich bisher nie hingewiesen hatte, und erklärte dem Sachverständigen, dass ihm diese Wand nicht glatt genug sei. Tatsächlich hatten wir an dieser ziemlich maroden Treppe nur stellenweise gespachtelt und Rissbänder gesetzt und nicht den gleichen Aufwand betrieben wie an der eigentlichen Fassadenwand. Auf meinen Protest hin, dass von dieser Treppenwand doch bisher nie die Rede war, entgegnete Herr Brenitzki: „Gehört dieses Wandstück etwa nicht auch im weiteren Sinn zum Sockel? Außerdem muss ich Sie als Fachmann doch nicht auf jede einzelne Sache immer hinweisen, denn Sie sollten doch selbst wissen, was ein Kunde heute von Ihnen erwarten kann! Schauen Sie z.B. nur mal hier diesen 10 cm breiten Streifen unter der Kellerfensterbank, der am Erdboden entlang geht! Dort haben Sie überhaupt nicht gespachtelt, sondern nur gestrichen, obwohl dieser Streifen doch auch zur Fassade gehört.“ – Ich platzte fast vor Empörung: „Können Sie mir mal verraten, wie ich diesen schmalen Streifen hätte spachteln können?! Außerdem sieht man den doch gar nicht, weil er von der Fensterbank fast vollständig überdeckt wird!“ – „ICH sehe das aber, und ich habe auch für diesen Streifen bezahlt, also kann ich auch erwarten, dass der mitgemacht wird!

Es war ein absolutes Fiasko. Und als ob dies nicht schon genug Demütigungen waren, zeigte er dem Harmsen auch noch kleine Fehlstellen am Geländer und eine winzige Roststelle an einem Fenstergitter, die dann später sorgfältig dokumentiert wurde vom Gutachter. Allerdings hatte ich wenigstens bei der Ermittlung der Fensterflächen Recht gehabt. Trotzdem war ich allerdings ziemlich frustriert, denn ich hatte ja auf einen Totalsieg gehofft. Herr Brenitzki versuchte nach der Urteilsverkündigung noch durchzusetzen, dass mir die gesamten Kosten des Streits auferlegt würden, unterlag jedoch mit dieser Forderung, so dass die Kosten am Ende zu gleichen Teilen aufgeteilt wurden.

Im April und Mai nahm meine Auftragslage dermaßen zu, dass ich dringend mehr Leute brauchte. Über den Winter hatte ich ja noch meinen Vorarbeiter André Bindemann und den ungelernten Russen Andrey Tschernyaschuk behalten, sowie die Lehrlinge Fadi Shoushari, Peter Schönholz und Patrick Mücher. Patrick ging mir mit seiner ständigen Krankmacherei inzwischen so dermaßen auf die Nerven, dass ich nur hoffte, ihn im Sommer nach bestandener Prüfung endlich loszuwerden. Über den Spanischkreis hatte ich einen Glaubensbruder namens David Czygan (32) kennengelernt, der zwar eigentlich Maurer war, aber auf mich einen kompetenten Eindruck machte. Da er jung verheiratet war und hoch verschuldet, wollte ich ihm helfen und stellte ihn ein. Er erzählte mir, dass noch ein weiterer Christ aus seiner Pfingstgemeinde arbeitsuchend sei, nämlich Edwin Sama Dingha (32) aus dem Kamerun. Ich dachte: „Da die beiden gläubig sind, werde ich mit ihnen keinen Ärger haben, denn Christen sind immer gute Mitarbeiter!“ Doch ein Jahr später sollte ich auf brutale Weise feststellen, dass ich mich auch in dieser Meinung geirrt hatte. Neben diesen beiden stellte ich im Mai und Juni auch noch den russlanddeutschen Alexander Weber (21) und einen Christian Duhm (20) ein, die beide gerade ausgelernt hatten und für die ich von der Arbeitsagentur eine Förderung bekam. Auch mein Lehrling Fadi Shoushari (24) sollte im Juni seine Gesellenprüfung machen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er sie nicht bestehen würde; denn er hatte bei der Zwischenprüfung zwar in der Fachpraxis eine 2 bekommen, aber in der Fachtheorie eine 5. Um so überraschter war ich, als er bei der Gesellenprüfung in Theorie auf einmal eine 1 bekam. Ich sagte: „Fadi, erzähl mir doch nicht, dass Du Dich innerhalb eines Jahres so sehr verbessert hast! Du musst irgendwie geschummelt haben, gib‘ es zu!“ Fadi grinste nur und sagte nichts.

Der Streitfall Patrick Mücher

Während Anfang Juni die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland begonnen hatte und Deutschland in einer fröhlichen Ausgelassenheit war, erhöhten sich zwischen Patrick und mir immer mehr die Spannungen, da er mit dem Herannahen seiner Gesellenprüfung immer häufiger krankmachte und sich teilweise noch nicht einmal die Mühe machte, sich einen „gelben Schein“ (Krankmeldung) zu holen, so dass er im Grunde unentschuldigt fehlte. Innerhalb von 6 Monaten hatte er von 110 Tagen insgesamt schon 41 Tage gefehlt, und zwar 26 Mal mit Krankmeldung und 15 Mal ohne Krankmeldung. Dies ließ ich mir jedoch nicht bieten, sondern kürzte ihm deshalb drastisch den Lohn. Da er aber wegen der bisherigen Lohnpfändungen (wegen des ausgebrannten Firmenwagens und wegen eines geliehenen Kredits von 180,-€) ohnehin schon eine entsprechend verminderte Ausbildungsvergütung erhielt, protestierte Patrick gegen die Lohnkürzungen und drohte mir, mich bei der Handwerkskammer und nötigenfalls beim Arbeitsgericht zu verklagen. Aus lauter Frust wollte Patrick bis zur Prüfung gar nicht mehr zur Arbeit kommen („Wenn Du mir so wenig Geld gibst, warum soll ich dann noch für dich arbeiten?!“). Ich nahm das gar nicht ernst, bis ich auf einmal mitten am Tag einen Anruf von der Handwerkskammer erhielt. Es war der Lehrlingswart Herr Bröker, der genauso wie Patrick in Bookholzberg wohnte und ihn deshalb vielleicht auch persönlich kannte.

Unvermittelt blaffte Herr Bröker mich an: „Herr Poppe, ihr Auszubildender Patrick Mücher sitzt gerade hier bei mir im Büro und hat mir gerade seine Lohnabrechnungen der letzten 10 Monate vorgelegt. Sie haben ihm ohne Erlaubnis jeden Monat bis zu 250,- € vom Lohn abgezogen. Das ist nicht nur illegal, sondern eine richtige Sauerei! Ich hab‘ das mal ausgerechnet, das sind insgesamt 2.477,32 €, und ich sage Ihnen eins: Das werden Sie ihm unverzüglich wieder zurücküberweisen, denn sonst sorge ich dafür, dass Sie richtig Ärger kriegen! Ich bin es langsam leid, dass ich immer wieder von allen Seiten Vorwürfe hören muss von Ihrer Firma! Sie stehen nicht über dem Gesetz und können nicht einfach machen, was Sie wollen! Andauernd höre ich nur Klagen über Ihre eigenwillige Personalführung! Wenn das so weitergeht, dann werde ich Ihnen die Ausbildungsberechtigung entziehen lassen!“ – „Entschuldigen Sie,“ unterbrach ich ihn, „darf ich vielleicht auch mal ´was dazu sagen. Die Abzüge geschahen ja gemäß einer Vereinbarung zwischen Patrick und mir und sind deshalb völlig rechtens…“ – „Haben Sie das schriftlich? Nein? Dann können Sie das vergessen, denn Patrick weiß nichts von irgendwelchen Vereinbarungen. Sie schreiben ja hier, dass es sich bei diesen Abzügen um ‚Pfändungen‘ handele, aber ohne einen gerichtlichen Pfändungsbeschluss haben Sie überhaupt nicht das Recht, ihn zu pfänden!“ – „Lassen Sie mich doch auch mal was sagen…“ ich schnappte nach Luft und fuhr fort: „Patrick wird Ihnen doch sicherlich erzählt haben, dass er meinen Firmenwagen letztes Jahr im Oktober in Brand gesetzt hat, nachdem er ihn ohne Erlaubnis am Wochenende mit nach Hause fuhr, obwohl er noch nicht einmal einen Führerschein hat!“ – „Ja, das hat er,“ sagte Herr Bröker, „aber er hat mir auch erzählt, dass Sie ihn immer wieder gezwungen haben, die Firmenwagen zu fahren, obwohl Sie genau wussten, dass er keinen Führerschein hatte. Das ist eine Straftat, Herr Poppe, wissen Sie das! Das ist Nötigung von Schutzbefohlenen! Aber wir brauchen jetzt auch gar nicht weiter diskutieren, denn all dies wird ohnehin demnächst bei einer gerichtlichen Anhörung zur Sprache kommen, und bis dahin können Sie sich ja noch was einfallen lassen, wie Sie sich rechtfertigen wollen!

Im Hintergrund hörte ich Patrick kichern und dachte: Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich nahm noch einen Anlauf: „Hören Sie bitte, Herr Bröker, Sie haben mir jetzt so viele Vorwürfe gemacht, aber mir kaum die Möglichkeit gegeben, dazu Stellung zu nehmen. Ich würde gerne erstmal ein persönliches Gespräch mit Ihnen führen, ohne dass Patrick dabei ist.“ – Herr Bröker antwortete: „Ja, das können Sie gerne tun, aber ich fahre nächste Woche für vier Wochen in den Urlaub, so dass wir uns erst in fünf Wochen treffen können. Die Anhörung im Ausschuss zur Beilegung von Lehrlingsstreitigkeiten wird aber schon am 11. Juli stattfinden wegen der Dringlichkeit der Sache. Sie bekommen dafür noch eine schriftliche Ladung. Und jetzt muss ich das Gespräch beenden, denn ich habe gleich noch einen Termin. Auf Wiederhören, Herr Poppe!“ Er legte auf und ich stand da wie perplex. Wie konnte er mich nur in Gegenwart von Patrick so herunterputzen und schulmeistern! Ich kam mir vor wie ein kleiner Junge, der sich gerade eine Moralpredigt anhören musste. Patrick würde jetzt wohl triumphierend nach Hause gehen und sich eins ins Fäustchen lachen, wie er’s mir gezeigt habe. Aber wie konnte man als Lehrlingswart nur so leichtgläubig und dilettantisch umgehen und sich von solchen Rotznasen so blenden lassen. Schließlich vertritt Bröker doch eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und kann sich dann doch nicht so naiv und parteiisch verhalten, weil er dadurch dem Ansehen der HWK schadet.

Ich schrieb ihm also einen Brief und beschwerte mich über sein mangelndes Fingerspitzengefühl. Auch verlangte ich von ihm konkrete Beispiele, was er damit meinen würde, wenn er behaupte, dass er „immer wieder“ oder „andauernd“ Vorwürfe über meine Firma vernehmen würde. Kurz darauf rief er mich an und entschuldigte sich bei mir, dass er so emotional reagiert und übersehen habe, dass Patrick beim Telefonat anwesend war. „Das war sicherlich pädagogisch nicht sehr klug und weise von mir, das tut mir aufrichtig leid!“ Dennoch konnte er keinen Einfluss mehr nehmen auf den Antrag von Patrick, den Streit vor dem juristischen Ausschuss der Handwerkskammer klären zu lassen. Bald darauf erhielt ich dann auch eine Aufforderung vom Justiziar der HWK, zu den Vorwürfen vorab schriftlich Stellung zu nehmen. So schrieb ich einen Brief an den Vorsitzenden Flathmann, in welchem ich den Fall noch einmal ausführlich darlegte und darauf hinwies, dass schon allein die Höhe der Rückzahlungsforderung falsch sei, da in den 2.477,30 € auch 1.585,00 € an regulären Vorschüssen (d.h. Barzahlungen an Patrick) enthalten sei, und somit der eigentliche Einbehalt sich nur auf 892,30 € belaufe. Auch habe ich nur deshalb auf einen Pfändungsbeschluss verzichtet, um die Sache möglichst unbürokratisch durchzuführen, da ich nicht damit gerechnet hatte, dass sich Patrick am Ende so undankbar und treulos verhalten würde.

Als dann der Ausschuss am 11.07.06 tagte, kam Patrick etwas verspätet in den Raum, und der Vorsitzende fragte ihn nach seinen Personalien (wie bei einer echten Gerichtsverhandlung). Als dann aber die Frage kam nach seinem derzeitigen Arbeitsverhältnis zu mir, teilte Patrick mit, dass er am Vortag die Gesellenprüfung bestanden habe und daher auch das Ausbildungsverhältnis beendet sei. Daraufhin erklärte Flathmann, dass unter dieser Voraussetzung die Zuständigkeit des Ausschusses für Lehrlingsstreitigkeiten gar nicht mehr gegeben sei und erklärte die Sitzung damit schon für beendet. „Wenn Herr Mücher weiter gegen den teilweisen Einbehalt der Ausbildungsvergütung klagen wolle, dann muss er dies jetzt vor dem Arbeitsgericht tun“. Wir gingen also schweigend aus dem Gebäude heraus. Danach hörte ich eine ganze Weile nichts mehr von Patrick. Doch dann bekam ich tatsächlich Post vom Gericht, allerdings nicht vom Arbeitsgericht, sondern vom Landgericht Oldenburg. Ich erhielt eine Ladung in der Strafsache Mücher wegen erneuten Fahrens ohne Führerschein im angetrunkenen Zustand, wodurch er auf der Autobahn einen schweren Unfall verursachte. Ich sollte als Zeuge vernommen werden in dieser mir völlig unbekannten Sache. Irritiert rief ich Patrick an, dass er mir mal erklären solle, was ich damit zu tun hätte. Er sagte, dass es ihm leidtäte, dass er mir mit einer Rückzahlung gedroht habe, dass er aber nun meine Hilfe bräuchte, da ihm eine hohe Haftstrafe drohe und er deshalb mich als Zeugen benannt hatte, um als sog. „Leumund“ ein gutes Wort für ihn einzulegen. Mir war schleierhaft, woher er die Zuversicht nahm, dass ich alles schon vergessen hätte.

Ich seufzte, aber dachte mir: Was soll’s – jeder braucht im Leben immer wieder eine neue Chance. Ich fuhr also zum Gerichtstermin und überlegte mir, was ich denn überhaupt noch Gutes von Patrick sagen konnte. Ich erinnerte mich, wie eine Kundin mich einmal abends anrief und sagte: „Herr Poppe, als ich heute Nachmittag von der Arbeit nach Hause kam, sah ich ihren Mitarbeiter auf dem Liegestuhl meiner Terrasse ein Nickerchen machen, anstatt zu arbeiten!“ … Oder ich erinnerte mich, wie ich einmal mit einer Kundin vom Keller nach oben ins Erdgeschoss die Treppe hochging, beladen mit mehreren Werkzeugen und Materialien unterm Arm, und wie wir an Patrick vorbeimussten, der gerade dort am Arbeiten war. Plötzlich habe ich versehentlich mit meinem farbgefüllten Pinsel Patricks Malerjacke gestreift, so dass ich darauf einen farbigen Strich hinterließ. Als Patrick das merkte, blaffte er mich in Gegenwart der Kundin laut an: „EY, SAG MAL: KANNST DU NICHT AUFPASSEN! JETZT IST MEINE JACKE EINGESAUT!“ Diese rotzfreche Kritik traf mich so unvorbereitet, dass ich, statt selbst laut zu werden, besonnen reagierte und mich bei ihm entschuldigte. Erst Sekunden später fiel mir ein, dass ich doch der Chef war und mich von meinem Lehrling nicht so anmotzen dürfe, erst recht nicht vor den Augen der Kundin. Diese verstand tatsächlich die Welt nicht mehr, dass ich mir das gefallen ließ.        Als ich dann beim Gericht ankam und vor der Tür des Saals mit anderen Zeugen wartete, wurden wir auf einmal alle hineingebeten, und es wurde uns mitgeteilt, dass die Sitzung vorzeitig beendet sei, da Herr Mücher unerwartet alles gestanden habe und zu einer zweijährigen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt wurde. Wir bekamen unser Zeugengeld und durften unverrichteter Dinge wieder nach Haus fahren. Patrick ist übrigens inzwischen Vater und macht derzeit eine Fortbildung zum Malermeister.


Juli bis Dezember 2006

Christliche Vetternwirtschaft

Inzwischen wurde ich auch von Geschwistern in unserer Gemeinde angesprochen, ob ich Malerarbeiten für sie ausführen könnte, da sie mir als „Christen“ ja vertrauten. Außer dem Prediger Peter Groll wusste ja keiner, dass ich in Wirklichkeit gar kein Christ mehr war. Eines Tages sprach mich auch der Architekt und Baugutachter Walter Koch (67) an, der in der Gemeinde immer eine Reihe hinter uns saß. Obwohl er immer sehr zurückhaltend und bescheiden wirkte, hatte er in Bremen-Arsten eine ganze Siedlung bauen lassen von Mehrfamilienhäusern, in welchen im Laufe der Jahre durch gezielte Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Christen von Bremen an die 100 gläubige Familien, Ehepaare oder Single-Christen eingezogen sind. Und sobald dort mal wieder eine Wohnung von Ungläubigen frei wurde, ist sie durch gezielte Absprache oft sofort mit einer gläubigen Person ersetzt worden, so dass meine Mutter diesen Straßenzug an der Kurt-Georg-Kiesinger-Allee immer scherzhaft das „fromme Ghetto“ nannte. Bruder Walter Koch erzählte mir, dass im Sommer das Lehrerzimmer der Ev. Bekenntnisschule, sowie ein Gebäudetrakt komplett renoviert werden solle, und dass er mir als seinem „Glaubensbruder“ für die anstehenden Malerarbeiten gerne den Auftrag erteilen wolle. Voraussetzung sei jedoch, dass ich bei der Ausschreibung etwas günstiger sei, als die anderen Bewerber, aber dabei würde er mir schon „helfen“. Wir trafen uns also kurz darauf in der Schule und ich gab ihm dann eine Woche später meinen Kostenvoranschlag. Einige Tage später nahm mich Walter Koch zur Seite und erklärte mir, dass mein Angebot zu hoch sei und dass ich es nochmal überarbeiten müsse, um den Zuschlag zu kriegen. Er verriet mir, wie viel der günstigste Bewerber verlangt und bat mich, meinen Kostenvoranschlag nochmal zu korrigieren, was ich dann auch tat. Wir vereinbarten, dass die Arbeiten dann gleich am ersten Sommerferientag losgehen sollten.

Doch kurz vor Beginn erhielt ich dann eines Abends auf einmal einen Anruf auf dem Handy, als ich gerade mit meiner Familie das Auto bestiegen hatte, um heimzufahren:

W. Koch: „Hallo Simon, sag mal, was machst Du bloß für Sachen! Ich habe gerade eben erfahren, dass Du gar kein Christ mehr bist. Stimmt das?

Ich: „Walter, das kann ich Dir jetzt nicht einfach zwischen Tür und Angel erklären. Lass uns doch…“

Walter: „Du brauchst mir das auch gar nicht mehr erklären, denn ich habe es hier schwarz auf weiß. Ein Bruder hat einen Text von Dir im Internet gefunden und mir ausgedruckt, in welchem Du über den Gott Hiobs aufs Übelste schreibst, dass er sich gegen Hiob versündigt habe und aus lauter Scham für seine Verbrechen seinen Sohn gesandt habe, um von seiner eigenen Schuld abzulenken. Simon, das ist Gotteslästerung! Du gehst seit anderthalb Jahren in unsere Gemeinde und tust so, als ob Du Christ bist, aber in Wirklichkeit schreibst Du solche abscheulichen Dinge über den Gott, an den wir glauben!

Ich: „Lieber Walter, ich kann jetzt nicht so gut sprechen, denn ich bin hier gerade im Auto mit Ruth…“

Walter: „Das Thema ist für mich ohnehin erledigt. Es tut mir leid Simon, aber unsere Schule wirst Du nicht mehr streichen. Das hat der Vorstand inzwischen einstimmig entschieden.“

Ich (herzkopfend): „Ja, das kann ich verstehen…“

Walter: „Um so besser. Dann sind wir uns ja einig geworden. Lebe wohl und auf Wiederhören!

Nachdem er aufgelegt hatte, fragte Ruth, was Walter denn gewollt habe. Doch ich war völlig durcheinander und konzentrierte mich, so gut ich konnte, mir gar nichts anmerken zu lassen. Stotternd tat ich so, als ob es nur eine Belanglosigkeit wäre, die etwas mit dem anstehenden Großauftrag zu tun habe. Ich konnte Ruth ja nicht die Wahrheit sagen, weil Rebekka mit im Auto saß.

Am nächsten Tag erhielt ich ein Einschreiben vom Dipl.-Ing. Architekt und Baugutachter Walter Koch:

Sehr geehrter Herr Poppe,

wie bereits telefonisch besprochen, storniere ich im Auftrag der Freien Ev. Bekenntnisschule den am 26.05.06 erteilten Auftrag für Malerarbeiten im Lehrerzimmer.

Grundlage der Freien Ev. Bekenntnisschule ist der christliche Glaube mit dem biblischen Menschenbild. Durch Ihre Veröffentlichungen im Internet leugnen Sie die Bibel als Wort Gottes. Wir haben Ihnen den Auftrag erteilt – obwohl günstigere Angebote vorlagen – weil wir glaubten, dass Sie die Belange der Schule mittragen. Da Sie sich seit kurzem von der Bibel distanzieren und den christlichen Glauben als Wunschvorstellungen infrage stellen, können wir mit Ihnen nicht mehr zusammenarbeiten.

Im gestrigen Telefonat zeigten Sie Verständnis für unsere Haltung und akzeptierten die Kündigung, so dass gegenseitig keine Forderungen mehr geltend gemacht werden.

Mit freundlichem Gruß

Nach einer Woche schrieb ich jedoch einen Widerspruch gegen diese Entscheidung:

Lieber Walter,

bevor ich zu Deinem Brief vom 26.06.06 Stellung nehme, möchte ich um Verständnis bitten, dass ich Dich vorerst weiterhin duze, da wir uns bisher immer geduzt haben. Wenn Du dies fortan nicht mehr wünschst, werde ich Dich natürlich dann ebenfalls siezen.

Dein Anruf vor einer Woche kam für mich völlig überraschend und unvermittelt. Da meine Frau neben mir war, fiel meine Reaktion entsprechend besonnen aus, aber innerlich hat mich Deine Mitteilung völlig aufgewühlt und aus der Bahn geworfen. Wenn ich gesagt hatte, dass ich ‚Verständnis‘ habe, dann meine ich damit, dass ich Eure Position aus Eurer Sicht in gewissem Maße emotional verstehen kann, wie etwa wenn man den Wutausbruch eines Amokläufers ‚versteht‘, aber selbstverständlich kann ich Eure Entscheidung keineswegs nachvollziehen, geschweige denn akzeptieren. Sie ist für mich in mehrfacher Hinsicht unerträglich, eine schlichtweg skandalöse Überreaktion!

Ich kann ‚verstehen‘, dass auch Du schockiert warst, als Du durch das Internet erfuhrst, dass ich gar nicht mehr gläubig bin. Aber verstehe doch auch Du meine Situation: ich bin nach wie vor mit einer gläubigen Frau verheiratet und habe eine kleine Tochter, die einen berechtigten Anspruch darauf hat, im christlichen Glauben aufzuwachsen. Deshalb spiele ich seit nunmehr 10 Jahren die Rolle eines gläubigen Familienoberhauptes und gehe sogar regelmäßig in eine christliche Gemeinde. Ich bringe also ein Höchstmaß an Toleranz auf, alles aus Liebe zu meiner Familie, damit sie nicht zerbricht.

Aber kann denn ich etwas dafür, dass ich nicht mehr glauben kann? Glaubst Du nicht selbst, dass der Glaube eine ‚Gabe Gottes‘ ist? Der Glaube ist etwas sehr Persönliches. Man kann den Glauben nicht einfordern und auch niemanden dafür bestrafen, wenn er nicht glauben kann. Aber genau darin besteht ja die Botschaft des Evangeliums: Wer nicht glaubt, soll bestraft werden (Mark.16:16). Kannst Du es mir wirklich verdenken, wenn ich an dieser biblischen Idee Zweifel hege?

Ich habe Euch nicht täuschen wollen, als ich Euch ein Angebot für die Malerarbeiten in der FeBB gemacht habe. Ihr habt mir die ‚Gretchenfrage‘ ja nie gestellt: ‚Wie hältst Du es mit der Religion?‘ und ich konnte auch unmöglich davon ausgehen, dass Ihr den christlichen Glauben zur Bedingung macht, um für Euch tätig zu werden. Davon war nie die Rede gewesen im Bauvertrag. Und was haben Malerarbeiten mit der Bibel zu tun? Glaubst Du etwa, dass es mit mir Scherereien geben könnte, weil ich mich nicht mehr zwangsläufig auf biblische Gebote verpflichten lasse? Wenn ich in der Schule Unterricht erteilen wollte, könnte ich es ja noch verstehen, aber wir werden doch bloß für 3 Wochen Malerarbeiten durchführen und dann sind wir wieder weg! Ist die Schule etwa ein heiliger Ort, der durch meine Anwesenheit entweiht werden könnte? Hat nicht selbst der heidnische Hiram-Abif als Baumeister den Auftrag erhalten, den Tempel Salomos zu bauen?

Du schreibst: ‚Wir haben Ihnen den Auftrag erteilt – obwohl günstigere Angebote vorlagen – weil wir glaubten, dass Sie die Belange der Schule mittragen‘. Dazu muss ich sagen:

  1. Du hast mir die Preise der Mitbewerber verraten und mich gebeten, mein Angebot zu überarbeiten, damit meine Preise denen der angeblich günstigeren Mitbewerber entsprechen. Du hättest mir – wie Du selbst gesagt hast – anders den Auftrag nie erteilt, wenn ich mich auf diese Bedingung nicht eingelassen hätte. Als Gutachter weißt Du aber ganz genau, dass eine solche Preisabsprache nach der VOB Teil A unzulässig und unmoralisch ist. Was soll also diese Heuchelei, von wegen: ‚Wir haben uns nicht für das günstigere Angebot entschieden, weil wir lieber einen christlichen Malerbetrieb wollten.‘ Das ist schlichtweg eine Lüge, und das weißt Du genau. Du hast mich um mehrere Tausend Euro runtergehandelt.

  2. Wenn ich die ‚Belange der Schule‘ nicht mittragen würde, dann würde ich doch wohl kaum jeden Monat 130,00 € an die Schule zahlen, nur damit meine Tochter dort unterrichtet wird.

  3. Wie könnt Ihr überhaupt über meine geistliche Einstellung urteilen, wenn ihr mich vorher nie gefragt habt (Das Einschreiben hattest Du ja VOR Deinem Anruf an mich gestern verschickt).

  4. Habt Ihr auch all die anderen Handwerksbetriebe daraufhin überprüft, ob sie ‚die Belange der Schule mittragen‘? Das wäre doch konsequent. Wenn nicht, warum fordert Ihr dann von mir, dass ich mich zur Bibel bekenne? […].

Zum Schluss bat ich Walter, sich diese Entscheidung doch noch einmal zu überlegen, denn dadurch würde mir ja nicht nur der Schaden entstehen, dass ich für die nächsten 3 Wochen keine Arbeit hätte für meine Leute, da der Auftrag ja fest eingeplant war, sondern er wirft auch ein sehr schlechtes Zeugnis auf einen Schulvorstand, der vorgibt, gläubig zu sein, wenn er Ungläubigen solche Schikanen zumutet.

Und tatsächlich gab der Schulvorstand nach und widerrief seine Stornierung wieder, so dass wir wie vereinbart die Arbeiten ausführen durften. Gott schenkte uns schließlich so viel Gnade in den Augen des Vorstands und der Lehrer, dass alle voll des Lobes waren über unsere Arbeit und wir in der Folgezeit jeden Sommer neue Aufträge für die Bekenntnisschule machen durften. Auch das Verhältnis zwischen mir und dem Architekten Walter Koch entwickelte sich von Mal zu Mal vertrauter, so dass er mir auch später beinahe väterlich mit Rat und Tat half, wenn ich mal ein Problem hatte, so dass am Ende wieder alles gut wurde.

Auf den Hund gekommen

Nachdem meine Frau Ruth inzwischen schon vier Jahre als Tierarzt-Assistentin bei ihrem Chef gearbeitet hatte, lief ihre Duldung durch die Tierärztekammer Bremen aus, und Ruth musste sich entscheiden, ob sie nun doch noch mal einen Anlauf unternimmt, um ihre Homologation (Gleichwertigkeit eines Bildungsabschlusses) an der Tierärztlichen Hochschule Hannover zu erlangen oder aber in Zukunft nicht mehr als Tierärztin zu arbeiten. Ruth entschied sich schließlich für eine Weiterbildung zur Tier-Physiotherapeutin für Hunde und Pferde und meldete sich dazu bei einer Schule in Kirchlengern an, in der Nähe von Bielefeld, etwa 2 Stunden von Bremen entfernt. Um dort hinzufahren, kauften wir für Ruth einen kleinen blauen Opel Agila, den sie liebevoll Tobi nannte. Der Unterricht fand einmal wöchentlich samstags statt. Um die zusätzliche Belastung zu verkraften, luden wir Ruths Mutter Lucila (73) wieder zu uns ein, die inzwischen schon das 3. Mal nach Deutschland kam. Diesmal sollte sie aber nicht nur für 3 Monate, sondern für 2 Jahre bei uns bleiben. Denn im Sommer 2006 ging mein Schwiegervater Luis (86) heim, und da wollten wir Lucila nicht alleine in Lima lassen. Damit sie was zu tun hatte und sich nicht langweilt, habe ich Lucila immer mitgenommen, wenn ich in der kalten Jahreszeit Werbeflyer an die Briefkästen verteilte. Immer wenn wir in eine neue Straße gingen, dann machte Lucila die eine Seite und ich die andere. Sie war zwar immer etwas langsamer, aber trotz ihres hohen Alters hatte Lucila eine ungewöhnliche Kondition, so dass sie sogar nach 3 Stunden Fußmarsch immer noch fit war und zu mir sagte: „Wie? Jetzt schon abbrechen? Wir sind doch noch gar nicht ganz fertig mit dem Gebiet.“

Lucila kümmerte sich auch um unsere 4 Hunde, d.h. das Chihuahua-Pärchen Daisy und Charly, sowie deren Chihuahua-Tochter Chini, und unseren großen Mischlingshund Bobby. Letzterer wurde aber nun zunehmend zum Problem, denn obwohl wir ihm viel Liebe und Aufmerksamkeit gaben, verfiel er immer mehr in Schwermut, weil nun auch die Chihuahuas von uns liebkost wurden. Trotz seiner Eifersucht tat er seinen Hundegeschwistern aber nichts zuleide, dafür aber anderen kleinen Hunden, insbesondere der Nachbarhündin Maya, einer Lhasa-Apso-Hündin, die er buchstäblich „zum Fressen gern“ hatte. Wir kauften also einen Maulkorb und hielten Bobby stets an der Leine, weil er auch andere kleine Hunde ständig beißen wollte aus lauter Lebensüberdruss. Um Bobby bei Laune zu halten, machte ich mit ihm auf der großen Wiese am Deich immer sein Lieblingsspiel, nämlich den Tennisball wegwerfen, und er musste ihn dann holen. Leider war diese Wiese aber auch bei anderen Hundebesitzern sehr beliebt, und sobald Bobby einen anderen Hund sah - besonders wenn es ein Rüde war - flitzte er los, um sich mit dem Rivalen zu beißen. Dann hieß es immer sofort: „Sagen Sie mal! Können Sie ihren Hund nicht besser an der Leine führen, wie alle anderen auch!?

Um uns nicht immer wieder Ärger einzuholen, hielten wir Bobby von nun an nur noch an der Leine, was allerdings für die zierliche Lucila zum Problem wurde, denn Bobby war sehr kräftig und konnte sie locker mal eben über die Straße ziehen, ohne dass sie ihn zurückhalten konnte. Um seinen Bewegungsdrang zu stillen, fuhr ich nun immer wieder Fahrrad mit Bobby, was auch nicht ganz einfach war, denn wenn er eine interessante Stelle zum Schnuppern fand, blieb er abrupt stehen, so dass er mich jedes Mal zum Halten zwang. Einmal fuhr ich mit der Familie mit dem Fahrrad einen Hügel hinunter, als sich plötzlich die Leine von Bobby bei hoher Geschwindigkeit mit meinem Vorderrad verwickelte, mein Rad plötzlich mit dem Hinterteil nach vorne überschlug und ich im hohen Bogen über den Lenker flog, wobei ich mit dem Gesicht auf den rauen Asphalt aufschlug. Der Krankenwagen kam, denn ich war blutüberströmt und erlitt kurz darauf auch einen Kreislaufzusammenbruch. Im Krankenhaus sprach ich dann zum ersten Mal Tacheles mit Ruth und Rebekka: „Wir müssen Bobby abgeben.“ Rebekka (11) war entsetzt: „Papa, ich hör wohl nicht richtig! Du willst doch wohl nicht meinen Bobby ins Tierheim bringen! Dann kannst Du ja auch gleich mich in ein Kinderheim abgeben!!!“ Darauf ich: „Rebekka, dann musst Du Dich auch viel mehr um Bobby kümmern, denn Du bist immer nur mit Deinen Freundinnen zusammen oder machst Deine Hobbys wie Tennisspielen oder Klavier, aber mit den Hunden lässt Du immer nur mich rausgehen. Das haut nicht hin!“ Rebekka gelobte Besserung.

Doch dann kam der Tag, der das Fass zum Überlaufen brachte: An einem Samstagvormittag hatte an der Tür geklingelt, der Postbote, und als ich aufmachte, rannte mir Bobby durch den Türspalt nach draußen, ohne dass ich ihn noch aufhalten konnte, rannte auf die Hündin Maya zu und wollte gerade zubeißen als die Nachbarin ihre Pekinesin-artige Hündin an der Leine von Bobby wegriss in die Luft und sie schnell auffing, um sie sicher festzuhalten. Und dann ging das Geschrei los: „HERR POPPE, MIR REICHT ES JETZT MIT IHREM KÖTER!!! WENN SIE NICHT DAFÜR SORGEN KÖNNEN, DASS DER STÄNDIG MEINE MAYA ANGREIFT, DANN MÜSSEN SIE IHN EBEN EINSCHLÄFERN, SO LEID ES MIR TUT!!! ICH SCHAU MIR DAS NICHT MEHR LÄNGER MIT AN!!!“ Ich entschuldigte mich und versprach ihr, eine Lösung zu finden. Sie schimpfte mir noch hinterher, während ich mir Bobby am Halsband schnappte und ihn ins Haus zerrte. Drinnen auf dem Flur rief ich dann Rebekka und Ruth und sagte wutentbrannt: „Das war jetzt das letzte Mal, dass Bobby meine Nerven strapaziert! Ich will, dass wir ihn wegschaffen, egal ob ins Tierheim oder zu einer anderen Familie! Ich halt das nicht mehr aus, dass die ganzen Nachbarn über mich schimpfen wegen Bobby! Und von Euch habe ich kaum Unterstützung bekommen, erst recht nicht von Dir, Rebekka! Du willst immer nur alles haben, aber wenn Du es hast, kümmerst Du Dich nicht darum. ICH bin immer der, der mit Bobby rausging! Deswegen ist es jetzt auch meine Entscheidung, dass wir ihn einer anderen Familie schenken“ Während ich laut brüllte, schauten mich Ruth und Rebekka nur eingeschüchtert an; doch am Ende meiner Rede brach ich auf einmal in Tränen aus und verbarg mein Gesicht in den Händen. Rebekka sagte mir später, dass sie mich noch nie hatte weinen sehen, außer bei diesem einen Mal.

Wir inserierten also in der Zeitung, und es meldete sich ein Mann, der mit seiner Familie auf dem Land wohnte. Wir verabredeten uns am Hauptbahnhof, und ich übergab Bobby dem Mann und seinen Kindern, die ihn sofort streichelten, mitsamt allem Zubehör von Bobby. Wir verabschiedeten uns und hörten seitdem nie mehr etwas von Bobby.

Der Kriminal-Fall Kronschnabel  (Teil 1)

Obwohl ich schon 4 Gesellen, 3 Aushilfen und 2 Lehrlinge beschäftigt hatte, stellte ich im Herbst noch zwei weitere ein, nämlich Marko Krull (21) als Lehrling und Bartosz Lukaszewski (19) als EQJ-Praktikant. Wir hatten jede Woche 5 bis 6 Baustellen gleichzeitig, so dass ich selbst gar nicht mehr Zeit fand, mitzuarbeiten, weil ich alle Hände voll zu tun hatte, um die Baustellen logistisch zu betreuen. Anfang Dezember ging allerdings die Auftragslage stark zurück, und ich überlegte, wen ich diesmal für drei Monate entlassen könnte im Rahmen der tariflich geregelten „Schlechtwetterkündigung“. Da rief mich auf einmal ein Kunde namens Manuel Kronschnabel (35 J.) an, der mir einen Großauftrag anbot. Er sei Computerspezialist und arbeite als Subunternehmer für Siemens. Da er sich zum 01.01.2007 in Bremen niederlassen wolle, habe er im Parallelweg 30 (Walle) im 2.OG eine ganze Büroetage von 125 qm gemietet, wo er sich mit seiner Firma reetrex-Bremen GmbH i.G. niederlassen wolle. Doch diese Etage musste erst einmal von Grund auf renoviert werden, d.h. Tapetenentfernen, vollflächiges Spachteln der Wände, grundieren, Glasgewebetapete in allen Büroräumen tapezieren, Decken mit Schallschluckplatten versehen, Türzargen lackieren, Auslegeware in allen Räumen und Fliesen-Neuverlegung in den WCs. Herr Kronschnabel suchte für diese Arbeiten einen Generalunternehmer, der die Arbeiten nicht nur als Komplettpaket anbiete, sondern auch überwache. Bedingung für die Auftragsvergabe sei allerdings, dass die Arbeiten alle am Freitag, den 22.12.2006 abgeschlossen sein müssen, da er danach über Weihnachten die Büromöbel aufbauen lassen wolle.

Wir hatten also genau zwei Wochen Zeit, und da ich im Dezember noch kaum etwas geplant hatte, kam mir der Auftrag recht gelegen. Ich machte Herrn Kronschnabel ein attraktives Angebot über knapp 13.000, - €, und er handelte es schließlich noch auf 10.818,11 € herunter. Wir begannen fröhlich und kamen aufgrund der Vielzahl an Arbeitern schon in den ersten Tagen recht weit voran. Als die erste Woche herum war, gab ich Herrn Kronschnabel am Donnerstag eine Abschlagsrechnung über 5.941, - € mit der Bitte, mir diese am Montagmorgen bar zu bezahlen. Er lehnte dies jedoch zu meiner Überraschung ab und verwies darauf, dass alle Überweisungen übers Konto laufen müssten, damit alles offiziell seine Richtigkeit habe. „Aber wo ist das Problem, wenn Sie mir das Geld in bar geben, schließlich quittiere ich Ihnen doch den Betrag?“ fragte ich. „Nein,“ sagte Herr Kronschnabel, „das geht auf keinen Fall, aber ich kann Ihnen den Betrag sofort am Montag überweisen, dann haben Sie ihn spätestens Mittwoch auf dem Konto.“ – „Das ist mir zu unsicher“ sagte ich, „Sie müssen bedenken, dass wir uns gar nicht kennen, und dass es sich hier um eine recht hohe Summe handelt, da möchte ich kein Risiko eingehen.“ – „Ich mache Ihnen einen Vorschlag,“ sagte er. „Ich gebe Ihnen am Montag eigenhändig meinen Überweisungsschein und Sie bringen den selbst zur Bank. Was halten Sie davon?“ – „Ja, das wäre eine Möglichkeit; das können wir gerne so machen. Entschuldigen Sie bitte mein Misstrauen, aber das hat wirklich nichts mit Ihnen zu tun, sondern das gilt prinzipiell, dass man bei Neukunden immer ein bisschen vorsichtiger ist.“ – „Ja, kein Problem, das verstehe ich schon“ beschwichtigte er mich.

So warf ich den Überweisungsschein von ihm am Dienstag in den Briefkasten bei der Postbank ein, ohne zu bemerken, dass er von den 10 Ziffern der Kontonummer nur 7 ausgefüllt hatte. Doch am Mittwoch war noch immer nichts auf meinem Konto, was mich etwas beunruhigte. Als auch am Donnerstag immer noch kein Geld auf dem Konto war, bat ich Herrn Kronschnabel, mal zu überprüfen, was da los sei, was er mir dann auch zusagte. Am letzten Freitag wurden wir dann pünktlich fertig mit allen Arbeiten und fuhren anschließend als gesamte Firma in ein Restaurant, um zum Abschied gemeinsam eine kleine Weihnachtsfeier zu machen. Während wir beim Essen fröhlich scherzten, erzählte ich den Mitarbeitern, dass ich immer noch kein Geld von Herrn Kronschnabel erhalten hätte. „Stell Dir mal vor, Simon,“ sagte Andreas, „wenn das jetzt ein Betrüger wäre, der gar nicht vorhat, Dich zu bezahlen!“ – „Na, das wäre aber was! Aber das halte ich für ziemlich ausgeschlossen, denn schließlich will er sich dort ja mit seiner Firma niederlassen und wird nach all dem Aufwand jetzt wohl kaum einfach abhauen.“ – „Das sagst Du so. Aber rein theoretisch wäre das doch denkbar, denn er hat die Etage ja nur gemietet!“ – „Aber was hat er denn davon gehabt, dass er eine Büroetage renovieren lässt, die ihm gar nicht gehört?

Als aber selbst am Freitagabend noch immer nichts auf dem Konto war, schrieb ich eine sehr eindringliche Email an Kronschnabel und setzte ihm eine Frist bis Mittwoch, den 27.12.06.

Am 26.12.2006 um 23:25 Uhr erhielt ich dann eine Email von Herrn Kronschnabel:

Sehr geehrter Herr Poppe,

mit Rücksicht auf die Feiertage beantworte ich Ihr Schreiben erst heute. Wir haben Ihr Schreiben zur Kenntnis genommen und können Ihren Unmut verstehen. Allerdings kündigen wir hiermit Ihren Werkvertrag fristlos, und werden so weit als möglich die Zahlungsanweisungen am 27.12.2006 stornieren. Weiter weisen wir Sie höflichst auf unsere AGB’s für Geschäftsbeziehungen hin, und werden Ihnen in den nächsten Tagen eine Reklamationsliste über die von Ihnen ausgeführten Arbeiten schriftlich zukommen lassen, sowie die entstehenden Kosten zur Beseitigung der Mängelliste. Vorsorglich erteilen wir Ihnen und Ihren Mitarbeitern Hausverbot, um einen ordentlichen Rechtsweg zu gewährleisten.

Wir hoffen auf Ihr Verständnis, dass wir nun zur Durchsetzung unserer Interessen und Beitreibung der doch nicht geringen Schadenersatzforderungen an Sie einen Anwalt beauftragen. Hierzu weisen wir Sie noch einmal auf unsere AGB’s hin, im Besonderen auf den Absatz über Weitergabe von Informationen aus Geschäftsbeziehungen […]

Mit freundlichem Gruß

Die Geschäftsleitung

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Diese E-Mail enthält vertrauliche und/oder rechtlich geschützte Informationen, die nicht an Dritte weitergegeben dürfen. Gleichlautendes gilt für Informationen aus Geschäftsbeziehungen. Bei Zuwiderhandlung ist eine Konventionalstrafe in Höhe von mind. zwei Monatsumsätzen der reetrex-Bremen GmbH i.G (jedoch wenigstens 500.000 €) an die reetrex GmbH i.G zu entrichten.“

Mein Herz raste, und ich dachte: Das darf doch nicht wahr sein! Sofort griff ich zum Handy und rief ihn an, aber er hatte es ausgestellt. Dann schrieb ich ihm eine Email und verlangte sofort eine ausführliche Begründung. Trotzdem merkte ich, dass da irgendwie etwas oberfaul ist. Nicht nur dieser sachliche Fehler von der „Beseitigung der Mängelliste“ (richtig muss es heißen „Beseitigung der Mängel auf der Liste“), sondern auch seine Behauptung, er habe eine Zurückbuchung der bereits angewiesenen Überweisung veranlasst – so etwas geht doch gar nicht! Er lügt hier also wie gedruckt – aber WARUM? Er kann uns doch nicht den gesamten Rechnungsbetrag vorenthalten, selbst wenn dort noch Mängel wären. Und was soll das „Hausverbot“? Außerdem stand dort noch ein Teil unserer Materialien. Nein, die Sache stinkt zum Himmel! Aber es war Samstag und ich konnte meinen Anwalt nicht anrufen. Schrecklich! In meinem Frust rief ich meinen Zwillingsbruder Marco an, der die ganze Zeit dort ja auch mitgearbeitet hatte und sich dabei auch oft mit Herrn Kronschnabel unterhielt. Auch Marco war schockiert und erzählte mir dann von einem der Gespräche: „Ich erzählte ihm von meinen Einsätzen als Streetworker und dabei fiel der Name eines Glaubensbruders namens Jens Siewert, der auch als Gefängnisseelsorger in der JVA arbeitet. Er sagte: ‚Den kenne ich!‘ und dann erzählte er mir, dass er mal in der JVA Computer repariert habe, aber ‚selbstverständlich nicht als Insasse, sondern als selbständiger Dienstleister‘ sagte er. Aber stell Dir mal vor, wenn er in Wirklichkeit DOCH eingesessen hat! Ruf doch mal den Jens Siewert an und frag ihn, ob er einen Kronschnabel kennt. Denn das könnte doch sein…

Ich wählte also die Nummer von Siewert und erzählte ihm von meinem Verdacht. „Ja, den Manuel Kronschnabel kenn ich gut! Der hat hier in der JVA schon mehrere Male eingesessen, seit vielen Jahren. Der ist ein notorischer Betrüger!“ Mir wurde fast ohnmächtig, als ich dies hörte und ich bedankte mich für diese entscheidende Auskunft. Sofort fuhr ich zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Nachdem ich auf der Wache nach dem Namen Manuel Kronschnabel fragte, duckte mir der Polizeibeamte ein 6-Seiten-langes Strafregister aus, das er mir jedoch nicht aushändigen durfte. Er überflog es und sagte, dass Herr Kronschnabel eigentlich sein halbes Leben im Knast verbracht habe und selbst dort Straftaten verübt habe. Mit dieser Information rief ich als nächstes den Vermieter von Kronschnabel an, Herrn Heins, und empfahl ihm, seinen Mieter sofort zu kündigen. Dann rief ich das Möbelunternehmen König aus Süddeutschland an, die Herrn Kronschnabel am Freitag Möbel im Wert von 30.000,- € geliefert hatten, und teilte Ihnen mit, dass sie auf einen Betrüger reingefallen seien. Noch am selben Nachmittag machten sich daraufhin ein leerer LKW auf den Weg nach Bremen, um alle Möbel wieder abzuholen, da sie noch nicht bezahlt waren.

Und erst dann ging ich unter dem Vorwand, meine restlichen Materialien abholen zu wollen, zu Herrn Kronschnabel in die Büroetage. Er war gerade dabei, die gelieferten Möbel eigenhändig zusammenzubauen. Ich trat vor ihm und sagte: „Sie brauchen die Möbel nicht weiter aufbauen.“ – Verdutzt schaute er mich an und fragte: „Wieso?“ Ich schaute ihm in die Augen und sagte nur: „Game Over!“ – „Was soll das heißen?“ fragte er irritiert. „Das Spiel ist aus, Herr Kronschnabel! Ich weiß inzwischen, dass sie ein notorischer Betrüger sind und überhaupt nicht vorhatten, mir je auch nur einen Cent zu bezahlen für all die Arbeit, die wir hier reingesteckt haben. Denn ich war eben gerade bei der Polizei und habe Anzeige gegen Sie erstattet. Dort hat man mir mitgeteilt, dass Sie ihr halbes Leben im Knast verbracht haben und gerade auf Bewährung draußen sind. Wahrscheinlich wollten Sie hier eine Büroetage auf Pump herrichten lassen, um andere Konzerne mit Ihren Lügengeschichten zu bluffen und diese um viele Millionen zu prellen. Aber das können Sie jetzt vergessen, denn morgen kommt die Möbelfirma und wird alle Möbel hier wieder mitnehmen!“ Herr Kronschnabel war aufgesprungen und sagte wütend: „VERLASSEN SIE SOFORT MEIN BÜRO!“ Ich blieb stehen und erwiderte: „IHR Büro? Das ist nicht mehr Ihr Büro, denn ich habe zuvor auch Ihren Vermieter angerufen und ihm alles erzählt. Da Sie noch keine Miete gezahlt haben, wird er Sie hier sofort wieder rausschmeißen.“ Er schupste mich und brüllte mich an: „LOS, RAUS HIER!“ Am Liebsten hätte ich ihm eine runtergehauen, aber ich ließ es lieber sein, denn er war sowieso am Ende.

Ich fuhr nach Hause und war innerlich sehr aufgewühlt. Einerseits freute ich mich, einem solchen Betrüger das Handwerk gelegt zu haben, aber andererseits würde ich die 10.818,- € nun nie wieder sehen. Wie konnte mir das nur passieren!? Ich hätte doch stutzig werden müssen, dass er immer nur mit einer billigen, schwarzen Steppjacke rumlief, und dass er und seine zwei Kumpel immer nur einen billigen Ford Fiesta fuhren! Aber andererseits hatte er doch mit mir hartnäckig um den Preis gefeilscht! Wie ausgekocht muss man sein, wenn man einen Preis drücken will, obwohl man ohnehin gar nicht vorhat, den Preis zu bezahlen! Jetzt aber würde er erstmal wieder für viele Jahre hinter Gittern kommen, dachte ich. Doch ich sollte mich täuschen: Nachdem ich Post von der Staatsanwaltschaft erhielt, erfuhr ich am Telefon, dass man Herrn Kronschnabel noch nicht festgenommen habe, da „keine Fluchtgefahr bestünde und er seine Bewährungsauflagen erfülle, indem er sich regelmäßig auf der Wache meldete“. Ich war stocksauer über so viel Naivität der Bremer Staatsanwaltschaft. Einige Wochen später erfuhr ich von dieser per Post, dass er geflohen sei mit unbekanntem Ziel. Doch es sollte alles noch viel schlimmer kommen, denn am Ende wurde Manuel Kronschnabel noch zum zweifachen Mörder!

 

Januar bis Juni 2007

Der Kriminal-Fall Kronschnabel (Teil 2)

Als das neue Jahr begann, lag der Betrug durch Manuel Kronschnabel (36) erst eine Woche zurück, so dass die Wunden noch lange nicht verheilt waren, die dieser in meiner Seele hinterlassen hatte. Dieser Kerl hatte mich um fast 11.000,- € über den Tisch gezogen! Das konnte doch nicht wahr sein! Es war gar nicht unbedingt der Geldverlust allein, sondern die Kränkung, das Unrecht und die Frechheit, dass dieser Kerl sich irgendein beliebiges Opfer gewählt hatte, um sein böses Spiel mit ihm zu treiben. Und dieses Opfer war ausgerechnet ich! Warum ich!? Warum hat er nicht irgendjemand anderes genommen? Ich schrieb am 11.01.07 in mein Tagebuch: „Der Betrug durch Herrn Kronschnabel ist eine Zäsur in meinem Leben. Ich weiß jetzt, dass ich diesen Betrug rächen muss und werde, sonst kann ich nicht mehr glücklich sein. Rache ist voll in Ordnung. Ich muss nur den richtigen Zeitpunkt abwarten, damit ich mir nicht selbst einen Schaden zufüge oder meiner Familie.

Das Leben ist ohnehin nur ein Traum, eine Illusion. Es spielt keine Rolle, was ich tue. Moral kann nur ein Mittel zum Zweck sein, nie aber ein Selbstzweck.“

Wer war dieser Manuel Kronschnabel? Ich googelte seinen Namen, aber fand ihn nicht. Dann versuchte ich es unter seinem Firmennamen „reetrex“ und wurde fündig – und zwar auf einer Flirt- und Partnersuche-Seite! Dort war ein Foto von ihm, wo er sich selbst vorstellte. Sein Login war erst einen Monat alt: „Größe: 185 cm, Sternzeichen: Jungfrau, Gewicht: 115 kg, Vorlieben: Musik (klar ohne geht nicht) und alles weitere musst du selbst rausfinden! Abneigungen: Lügen, Fremdgehen, Geldgeilheit …“ – Hier stockte ich. Er hat also eine „Abneigung gegen Lügen“ – aber selbst belügt er andere! Und er mag keine „Geldgeilheit“ – aber das scheint für ihn selbst nicht zu gelten! Ich las weiter: „Hallo erstmal, Na was soll ich hier denn noch Großartiges über mich schreiben? Ich bin sehr zielstrebig und weiß was ich will, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, probiere ich dieses auch zu erreichen. Ansonsten bin ich ein sehr sympathischer, fröhlicher und liebevoller Mensch, der Spaß am Leben hat…“ Hier konnte ich nicht mehr weiterlesen, denn mir wurde übel. Ich fuhr zu seiner Privatadresse, ohne zu wissen, was ich nun tun könnte. Würde ich ihn verprügeln, dann würde ich alles nur verschlimmern. Ich kam an und sah seinen Wagen an der Straße. Es war gegen 18.00 Uhr und schon dunkel. Ich schlich mich zu seinem Wagen und stopfte seinen Auspuff mit Dämm-Material voll.

In den Tagen darauf rief ich bei der Staatsanwaltschaft an und fragte, warum er noch nicht verhaftet sei. Man teilte mir mit, dass aus ihrer Sicht „keine Fluchtgefahr“ bestünde bis zur Gerichtsverhandlung, da er regelmäßig seine „Bewährungsauflagen erfülle“, indem er sich bei der Polizei meldete. Doch dann erhielt ich einige Monate später eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft, dass Herr Kronschnabel mittlerweile aus Bremen weggezogen sei nach Teterow, Pampower Weg 3, irgendwo in Brandenburg. Da aber das „Ermittlungsverfahren noch nicht abgeschlossen“ sei, könne man ihn noch nicht verhaften. Ich fragte mich, was es denn da noch zu „ermitteln“ gäbe. „Was für Schlafmützen!“ dachte ich, „die lassen ihn doch glatt entkommen!“ Da konnte ich nicht tatenlos zusehen. Ich ermittelte die Telefonnummer von der Hausbesitzerin in Teterow und rief dort an. Die Vermieterin teilte mir mit, dass Herr Kronschnabel zusammen mit zwei Komplizen nur zwei Monate bei ihr gewohnt, aber nie Miete gezahlt hatte. Doch irgendwann habe eine Frau Lattke, eine Maklerin aus Leipzig, bei ihr angerufen und ihr mitgeteilt, dass auch sie durch Herrn K. und seinen Begleitern betrogen wurde. Diese wiederum hatte von einem Privatdetektiv namens Sachs aus Münchberg erfahren, dass M. K. auch seinen Auftraggeber, einen Holzhändler namens Gottsmann, um über 30.000, - € geprellt hatte. Sie gab mir dessen Telefonnummer und wir sprachen miteinander. Herr Gottsmann hatte zwar die bayerische Kripo nach diesem Gaunertrio suchen lassen, die wesentlich beharrlicher war als die Bremer Polizei, aber er wollte einen Erfolg um jeden Preis („ob tot oder lebendig“), denn er kochte vor Wut. Inzwischen hatte M.K. also eine „Schneide der Verwüstung“ zurückgelassen auf seiner Flucht durch die neuen Bundesländer und durch Bayern. Die Kripo in Hof hatte Herrn Gottsmann berichtet, dass die 3 Gangster mit einem gestohlenen Mietwagen Deutschland verlassen hatten und von einer Maut-Kamera in Österreich geblitzt wurde, wie sie gerade auf dem Weg nach Ungarn seien.

Monate später rief mich Herr Gottsmann erneut an, um mir den neuesten Stand mitzuteilen: Herr Kronschnabel und seine Komplizen hatten in Ungarn ein Deutsches Rentnerehepaar um ihren ganzen Besitz gebracht und sie anschließend ermordet! Doch man habe sie verhaftet und zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Im Hamburger Abendblatt vom 22.11.08 war ferner zu lesen: „Die ungarische Polizei hatte die Leichen der beiden Rentner, eines 71-jährigen Mannes und seiner 68—jährigen Frau, zu Wochenbeginn in der südungarischen Kleinstadt Mohacs gefunden. Die Täter hatten sie dort in mehreren Metern Tiefe mit Hilfe von Baumaschinen verscharrt. Die Rentner hatten seit mehreren Jahren in dem nahen Dorf Monyorod gelebt. Die mutmaßlichen Täter waren zu Jahresbeginn dorthin gezogen. Sie hatten sich schnell in das Vertrauen des arglosen Ehepaars eingeschlichen, schrieb die Boulevardzeitung Blikk. Das Rentnerehepaar hätte demnach mehrere in seinem Besitz befindliche Liegenschaften in Südungarn seinen späteren Mördern überschrieben. Es bestehe aber der Verdacht, dass die entsprechenden Verträge von den Tätern gefälscht oder von den Opfern unter Druck unterschrieben wurden (dpa/abendblatt.de).

Was für eine Sauerei! Hätte die Bremer Staatsanwaltschaft den Kronschnabel sofort verhaftet, dann wäre das Rentnerehepaar heute noch am Leben. Ich rief bei meinem befreundeten Nachbarn, Herrn Caron vom Weser-Kurier an, erzählte ihm die Geschichte und fragte ihn, ob er darüber nicht einen Artikel schreiben wolle. Aber Caron lehnte ab: „Wissen Sie, Herr Poppe, diese Sache ist für den Weser Kurier eine Nummer zu groß. Wir sind ein kleines Bundesland und können hier nicht einen Artikel gegen die Bremer Staatsanwaltschaft schreiben. Sie sollten sich hiermit lieber an die ARD oder das ZDF wenden, z.B. an die Sendereihe WISO, denn die berichten gerne über solche Fälle.“ Ich ließ es jedoch dabei bewenden, denn was würde das bringen? Kronschnabel hatte endlich seine gerechte Strafe erhalten und konnte nun im Gefängnis für viele Jahre in Ruhe nachdenken, ob es dies alles wert war. Vielleicht würde das unschuldig vergossene Blut der beiden Rentner nun aus dem Totenreich den Kronschnabel vor Gott anklagen, so dass er in Albträumen verfolgt wird von Dämonen, die ihn in seinem Gewissen peinigen (Mt.18:34).


Die Umdichtung der Bibel

Damals sah ich einen Film mit dem Titel „Donnie Darko“, der mich sehr bewegt hatte. Er handelt von einem Schüler, der versehentlich einen jungen Mann getötet hatte und nun immer wieder in Tagträumen von einem dämonischen Wesen angesprochen wurde, das ihm zu verstehen gab, dass nun auch bald sein Todestag kommen würde. Als der Schüler dann am Ende tatsächlich durch ein herabstürzendes Flugzeugteil starb, erklang ein sehr melancholisches Lied eines gewissen Gary Jules, das von der Sinnlosigkeit des Lebens handelte und mich innerlich sehr berührt hat. In dem todtraurigen Lied heißt es unter anderem „Hide my head, I want to drown my sorrow, no tomorrow, no tomorrow…“ („Ich will meinen Kopf verbergen und in meinen Tränen ertrinken, denn es wird kein Morgen geben, kein Morgen geben…“). Ja, auch für mich würde es ja keinen Morgen mehr geben, dachte ich, denn Gott war ja für mich gestorben und damit auch meine Hoffnung auf ein besseres Leben. Am 19.04.07 schrieb ich in mein Tagebuch: „Heute habe ich wieder den ganzen Tag an Deinem Grab verbracht. Ich sehne mich so sehr nach Dir. Warum bist Du so früh gestorben? Hilf mir. Ich brauche Dich so sehr. Jetzt mehr als sonst. Warum kannst Du nicht aus den Toten auferstehen?

Selbst wenn der Glaube für mich nur eine Einbildung war, konnte ich mir vielleicht schon aus rein pragmatischen Gründen die Kraft dieses Mythos wieder nutzbar machen, indem ich mich motivieren lasse und endlich aus meiner Lethargie befreit werde, dachte ich. Ich schrieb in mein Tagebuch: „Ist der Glaube wirklich nur eine Psychose? Eine Geisteskrankheit? Wenn diese Krankheit aber immer mit Leiden verbunden ist, warum schafft dann der Unglaube noch viel größeres Leid in mir? Der Glaube hingegen würde das Leid betäuben wie Haldol… Immerhin kann ich mir doch Gott vorstellen, und das sollte doch erstmal genügen… Und wenn ich sterbe, dann stirbt damit ja auch alles andere für mich, weil ich es nicht mehr mitkriege. Deshalb ist es völlig egal, ob es noch eine andere Realität gibt, die außerhalb von mir ist. Nur meine eigene Realität zählt für mich, und die kann ich mir denken, wie ich will… Gott ist ein Placebo, der nur so lange wirkt, wie wir an ihn glauben. Weil es aber eine Wirkung gibt durch die Einbildungskraft des Menschen, habe ich kein Recht, anderen diesen Placeboeffekt auszureden. Es ist schon schlimm genug, dass er bei mir keine Wirkung mehr hat.“

Aber eine Rückkehr zum Glauben war für mich nur vorstellbar, wenn die Glaubensinhalte auch annehmbar wären. Die Bibel aber umzudeuten, wäre für mich ein Krampf, den ich nicht ertragen würde. Nein, man sollte die Bibel nicht umdeuten, sondern UMDICHTEN, d.h. mit ganz neuen Inhalten versehen. So wie Goethe seinen Faust damals zu Werke schreiten ließ, die Bibel zu „korrigieren“, indem er aus dem „Im Anfang war das Wort“ ein „Im Anfang war die Tat“ machte, so könnte ich sämtliche Bibeltexte einfach nur ein wenig abändern, um dadurch eine neue, zeitgemäße Bibel zu schreiben. „Immerhin war dieses Buch jetzt auch schon über 2.000 Jahre alt und brauchte deshalb dringend eine inhaltliche Erneuerung!“ dachte ich. Und wenn kein anderer bisher auf diese Idee gekommen ist, dann könnte ich das doch machen! Ich musste nur mal anfangen, am besten bei den Gleichnissen:

Es war einmal ein Hirte, der hatte 100 Schafe. Doch schon bald schien es, dass er sich nicht in der Lage sah, sich um so viele Schafe gleichzeitig zu kümmern. Alle rannten sie umher ohne Orientierung und nichts konnte sie im Zaume halten. Da entschied sich der Hirte, sich nur noch um ein einziges Schaf zu kümmern und die anderen 99 Schafe allein in der Wüste zurückzulassen. Als die Schafe sahen, dass sie keinen Hirten mehr hatten, wurden sie zunächst sehr traurig; aber dann sahen sie ein, dass sie gar keinen Hirten mehr brauchten, wenn sie anfingen, für einander Sorge zu tragen und sich zu organisieren. Im Laufe der Zeit lernten sie das und vergaßen allmählich ihren unzulänglichen Hirten.“

„Ein Mann ging aus, um zu säen, doch schon nach kurzer Zeit stellte er fest, dass es keinen Sinn machen würde, fortzufahren, denn sein Feld war teilweise festgetreten und stellenweise auch voller Steine und Dornengestrüpp. So legte er sein wertvolles Saatgut beiseite und machte sich zunächst einmal die Mühe, sämtliche Steine zu entfernen, so wie die Dornen. Dann grub er die Erde um, düngte sie und bewässerte sie. Erst dann nahm er sich die Samen und verteilte sie überall. Es blieb sogar noch was übrig, das gab er den Vögeln zum Futter. Alles wuchs später wunderbar und er war sehr glücklich.“

„Ein Vater hatte zwei Söhne. Eines Tages sprach der Jüngere von beiden: Vater gib mir meinen Anteil am Erbe jetzt schon. Denn ich möchte die Welt kennenlernen. Und er gab es ihm. Da machte dieser sich auf und zog in eine ferne Stadt. Er lernte ein Mädchen kennen, das von ihm schwanger wurde. Er fand keine Arbeit und begann, Drogen zu nehmen. Irgendwann hatten sie kein Geld mehr, so dass sie Hunger litten. Da schrieb der Sohn seinem Vater, dass er in großer Not sei und fragte, ob er ihm helfen könne. Sein Vater schickte ihm daraufhin Geld, das ausreichte, um neben dem Unterhalt für seine Familie auch eine Drogentherapie und andere Schulden zu bezahlen. Er machte eine Ausbildung und fand schließlich einen Job. Der Sohn bedankte sich in einem Brief bei seinem Vater und versprach, ihn nächstes Jahr mal besuchen zu kommen mit seiner Familie.

Diesen Brief las der ältere Bruder und fragte seinen Vater erbost, warum er diesem Geld geschickt habe. Der Vater sprach: Mein Sohn, auch dir stand es all die Jahre frei, mich zu verlassen und eine Familie zu gründen. Solch eine kostet aber nun mal viel Geld“. Nun aber habe er sich einmal entschieden, bei seinem Vater zu bleiben und ihn im Alter zu versorgen, wofür er ihm dankbar sei. Dafür würde er eines Tages den ganzen Hof erben.“

Es reiste einst ein Mann von Jerusalem nach Jericho. Doch Räuber kamen und überfielen ihn und ließen ihn halbtot liegen. Da kamen ein Priester und ein Levit des Weges. Sie halfen ihm auf und kümmerten sich um ihn. Aus Dankbarkeit wurde auch der Mann fromm und sogar ein Priester. Eines Tages traf er am Wegesrand einen Samariter, der ebenso von Räubern überfallen wurde. Der Mann sprach zum Samariter: ‚Wenn du dich bekehrst und aufhörst, Samariter zu sein, indem du dich uns Juden anschließt, dann werde ich dir helfen. Wenn Du Dich aber nicht bekehren willst, dann kann ich Dir nicht helfen, denn dann ist Dein Unglück gottgewollt.‘ Er wartete eine Weile und ging dann weiter. Als er später mal wieder vorbeiging, war der Samariter gestorben. Da war der Mann froh, dass Gott ihm dadurch ein Zeichen gegeben hatte, dass es keinen Zweck hatte, ihm zu helfen, da er nicht zu den Auserwählten gezählt haben konnte. So konnte er guten Gewissens seines Weges ziehen.“

Spät in der Nacht, als ich aufgehört hatte, zu dichten, versteckte ich mein Tagebuch wieder und ging ins Bett. Ruth schlief schon lange, tief und fest. Sie hatte keine Ahnung von den Gedanken, die mich beschäftigten, und ich hielt meine Überlegungen und Aufzeichnungen vor ihr verborgen und gut unter Verschluss. Was würde sie für ein Theater machen, wenn sie meine lästerlichen Gedanken lesen würde! Da kam mir noch ein Gedanke. Ich holte mein Tagebuch erneut hervor und schrieb: „Ruth hat nur einen Teil von mir geheiratet. Der andere Teil muss sich ständig vor ihr verstecken. Er ist zwar frei, aber einsam. Sie schläft neben mir, wie die Jünger im Garten Gethsemane, während ihr Herr Blut und Tränen schwitzte. Ich erreiche sie nicht. So vieles habe ich ihr zu sagen, aber sie kann es jetzt nicht ertragen. Ich lass sie schlafen und warte, bis die Soldaten kommen, um mich mitzunehmen.“


Größen-Wahn

Mittlerweile war das Frühjahr gekommen und mein Auftragsbuch war so voll wie nie. Unter anderem hatte eine Baugesellschaft namens HANSEHAUS einen Großauftrag zu vergeben, nämlich eine Neubausiedlung von 10 Reihenhäusern von außen mit 14 cm Styroporplatten zu dämmen, zzgl. Armierung und Kratzputz mit Anstrich etc. Ich hatte mit spitzem Bleistift kalkuliert und bot die 1.000,00 m² für knapp 59.000, - € netto an. Meine Mitbewerber hingegen gaben Angebote von 85.000, - bis 100.000, - € an. So dass ich den Auftrag erhielt. An einem Tag lud mich der Seniorchef der Baufirma höchstpersönlich in sein Büro zusammen mit den Architekten und Bauleitern, um mich persönlich kennenzulernen. Er fragte mich: „Haben Sie auch ausreichend Erfahrung, um diesen Auftrag abzuwickeln? Haben Sie auch genug Leute, um die Arbeit rechtzeitig fertig zu stellen? Trauen Sie sich das wirklich zu?“ Ich bejahte diese Fragen und dachte innerlich: Ich brauche noch viel mehr Leute! Wenn mich jemand zu jener Zeit gefragt hatte, wie viele Leute ich eigentlich damals hatte, konnte ich das nie aus dem Stegreif sagen, sondern hätte immer wieder durchzählen müssen: André Bindemann (42), Andrey Tschernyashuk (35), David Czygan (34), Sama Dingha (34), Christian Duhm (21), Paul Rauner (28), Fadi Shoushari (25), Alexander Weber (23), und dann kamen noch die Lehrlinge dazu: Marco Krull (22), Bartosz Lukaszewski (20), Johann Torn (21) und Peter Schöhnholz (28), der im Sommer auslernen würde. Und dann waren ja auch noch meine 3 Bürohilfen: Helga Sander (52), Ingrid Werner (47) und meine Frau Ruth. Am 02.05. stellte ich noch einen weiteren Gesellen ein namens Jürgen Ishorst (38), so dass ich am Ende 16 Mitarbeiter hatte - so viel wie nie zuvor.

Da David Czygan nicht nur gelernter Maurer, sondern auch im Garten- und Landschaftsbau Erfahrung hatte, ließ ich ihn unsere Terrasse und Seitenwege neu bepflastern. Sama indes flieste unser Gäste-WC, und ich brachte vorne an unserem Haus eine Dämmung an. Zu jener Zeit sprach mich eine befreundete Firma namens Ventimola an, die eine der wenigen Firmen in Bremen war, die sog. Kerndämmungen anboten, d.h. den Zwischenraum von zweischaligen Mauerwerken von Bestandsgebäuden nachträglich mit Silikatschaumflocken ausblasen. Sie erzählten mir, dass die Bremer Uni ein EU-Projekt fördern würde, um Firmen zu unterstützen, die sich auf die energetische Modernisierung von Gebäuden spezialisiert hätten. Ziel dieses Projektes war die Gründung eines Handwerker-Netzwerkes namens „NeMo“ („Netzwerk für energetisches Modernisieren“), das zwar nicht finanziell, aber ideell gefördert wurde, indem wir regelmäßig einmal in der Woche kostenlose Schulungen in der Uni erhalten sollten, bei denen Marketing-Experten Vorträge hielten. Am Ende sollten wir als eine Art Genossenschaft gemeinsam am Markt auftreten, indem wir „alles aus einer Hand“ anbieten konnten. Selbst die Sparkasse Bremen saß bei diesem Projekt mit im Boot, indem sie uns auf Modernisierungs-Messen immer neue Kunden lieferte. Ich fand die Idee sehr gut und wurde Mitglied bei NeMo. Da ich der einzige Malereibetrieb in diesem Handwerker-Netzwerk war, hatte ich mir auf einmal einen riesigen Marktvorteil erschlichen, denn ich saß ja nun – was Dämmaufträge betrifft – an der Quelle. So nahm ich monatelang einmal wöchentlich an den Treffen von NeMo teil, die meist am Samstag stattfanden, und nach etwa drei Monaten waren wir reif genug, um nun auch die ersten Kundenaufträge abzuarbeiten.

Doch es dauerte nicht lange, da saß plötzlich ein weiterer Malermeister als „Gast“ bei den Treffen, so dass ich auf einmal Konkurrenz hatte. Zunächst lief alles noch so, dass jede Firma ihre eigenen Angebote schrieb. Doch dann kam auf einmal die Idee auf, dass zwei sog. „Baumeister“ in Vollzeit beschäftigt werden sollten, die die Kundenberatung und die Bauleitung von Anfang bis Ende begleiten sollten. Um diese zu bezahlen, wurde auf einer Mitgliederversammlung mehrheitlich entschieden, dass von nun an Provisionen für die Aufträge bezahlt werden sollten, wobei ich der einzige war, der dagegen gestimmt hatte, da ich der Meinung war, dass man auf diese Baumeister auch verzichten könne. Leider hatte ich seither keinen guten Stand mehr bei den Baumeistern und es begann ein übles Intrigenspiel. Ich spürte, dass man auch meine Firma ausbooten wollte, so wie zuvor auch schon andere, die freiwillig abgesprungen waren. Denn mittlerweile hatte auch mein Erzfeind, der Obermeister der Malerinnung, A. Plaggenmeyer, von diesem Netzwerk erfahren und versuchte, sich durch Kungelei mit den Hauptentscheidern an die Spitze zu bringen. Da sah ich keine Hoffnung mehr für mich und kündigte.

Durch die vielen Aufträge war mein Kontostand inzwischen sehr angewachsen, und ich überlegte, ob ich von dem überschüssigen Geld noch mehr in meine Firma investieren sollte. Mittlerweile hatte ich schon 4 Firmenwagen und auch zwei teure Schneidegeräte für WDVS gekauft. Ich entschied mich, wieder ins Aktiengeschäft einzusteigen, zumal mit Windkraft und Solarenergie inzwischen viel Geld zu verdienen war. Doch schon kurz nachdem ich mit etwa 8.000, - € eingestiegen war, brachen auf einmal an allen Wertpapierbörsen der Welt massiv die Kurse ein. Was war geschehen? In den USA war die sog. „Immobilienblase“ geplatzt. Die US-Banken hatten jahrelang mit billigem Geld (d.h. niedrig verzinsten Krediten) jedem noch so kreditunwürdigen Amerikaner eine Immobilienfinanzierung angedreht. Die Schuldscheine (sog. „Swaps“) wurden dann in unvorstellbaren Mengen einfach an ausländische Banken weiterverkauft, obwohl man wusste, dass es sich hier um sog. „faule Kredite“ handelte. Als auf einmal die ersten Investoren „Kasse machen“ wollten, entstand eine Kettenreaktion von gigantischem Ausmaß, so dass reihenweise Banken pleitegingen, z.B. die Investmentbank Lehman Brothers. Zum Glück hatte ich in sehr gute Firmen investiert, so dass ich mich noch etwa drei Monate halten konnte bis ich schließlich mit Plus-Minus-Null ausstieg und mit einem blauen Auge davonkam.

Juli bis Dezember 2007

Der Verleumdungs-Skandal mit der Malerinnung

Eines Tages im Sommer 2007, als ich gerade mit dem Firmenwagen unterwegs war, rief mich ein Hausverwalter an, dem ich zuvor einen Kostenvoranschlag gesandt hatte und erteilte mir den Auftrag. Ganz beiläufig erwähnte er, dass eine der Kunden auf der Eigentümerversammlung berichtet hatte, dass sie sich mal bei der Maler- und Lackiererinnung schlau gemacht hatte über den Malereibetrieb Poppe. Dort hätte man ihr erzählt, dass die Fa. Poppe eine „Pfuscherfirma“ sei und man diese deshalb nicht empfehlen könne. „Ich wollte Ihnen das ja nur mal vertraulich sagen, Herr Poppe, was man so hinter Ihrem Rücken über Ihre Firma so redet“. Ich war schockiert, denn immerhin gehörte ich doch der Malerinnung an und zahlte jeden Monat meinen Mitgliedsbeitrag von 50,- €, - doch wohl nicht deshalb, damit die mich hinter meinem Rücken verleumden und verunglimpfen! Was für eine Sauerei, dass ich dies jetzt durch Zufall erfahren hatte und mich gar nicht dagegen wehren konnte! Das konnte ich mir unmöglich gefallen lassen, denn das wäre Auf Dauer absolut geschäftsschädigend!

Ich fuhr weiter und überlegte mir, was ich dagegen unternehmen könnte. Ich brauchte Beweise. Dann hatte ich plötzlich eine Idee. Ich rief meine Schwester Anna (41) an und erzählte ihr die Geschichte. Dann bat ich sie, ob sie mal dort in der Maler- und Lackiererinnung anrufen könne und sich unter anderem Namen als zukünftige Kundin ausgeben könnte. Ich sagte: „Du erzählst denen einfach, dass Du von mir ein attraktives Angebot erhalten hättest und mir jetzt den Auftrag erteilen wollest, aber Dich zuvor nochmal erkundigen wolltest, ob die die Firma Poppe auch wirklich guten Gewissens weiterempfehlen können. Und dann wollen wir doch mal hören, was die sagen!“ Diana fand die Idee gut und wollte mitspielen. Ich gab ihr also die Nummer und wir vereinbarten, dass sie mich dann im Anschluss anrufen solle, um mir zu berichten.

Eine Viertelstunde später rief Anna mich zurück und sagte: „Simon, ich hab‘ da gerade angerufen, und siehe da: ein Volltreffer! Die Dame hat tatsächlich voll schlecht über Deine Firma gesprochen!“ Ich sagte: „Erzähl mal! Was hat sie denn genau gesagt?“ Diana holte aus: „Und zwar gab ich mich als eine Frau Müller aus und fragte sie, ob sie mir einen Malerbetrieb nennen würde, der mein Haus streichen könne, und dann sagte sie sofort, dass sie grundsätzlich nicht befugt sei, irgendwelche Malerfirmen zu empfehlen. Daraufhin habe ich sie gefragt, ob sie mir wenigstens inoffiziell ihre persönliche Meinung sagen könne, sozusagen ‚von Frau zu Frau‘, was sie von der Firma Poppe halten würde, und da hat sie zu mir gesagt: ‚Also ich würde den nicht nehmen, denn nach dem, was ich so gehört habe, macht der keine gute Arbeit‘. Daraufhin habe ich mich bei ihr herzlich bedankt für das Vertrauen und ihr gesagt: ‚Na dann nehme ich den lieber nicht, denn ich will ja keinen Ärger haben!‘ und dann habe ich mich von ihr verabschiedet.“ Diese Info hatte mich fast sprachlos gemacht und auch tief traurig. Ich bedankte mich bei Anna und erklärte ihr, dass ich nun etwas dagegen unternehmen würde. Anna versicherte mir, dass ich sie gerne als Zeugin benennen könne.

Daraufhin rief ich meinen Anwalt Lindemann an und erzählte ihm von diesem Vorfall. Daraufhin schrieb er einen Brief an die Malerinnung, in welchem er das verleumderische Vorgehen der Innung als „unlauteren Wettbewerb“ rügte und eine Unterlassungserklärung forderte. Daraufhin schrieb der Geschäftsführer der Maler- und Lackiererinnung, Holger Detjen, und bedauerte „, dass der Eindruck entstanden sei, die Mitarbeiterin habe Herrn Poppe in irgendeiner Weise abqualifiziert“. Da die Mitarbeiterin jedoch bestritt, dass sie meiner Schwester gegenüber von einer mangelhaften Arbeit der Fa. Poppe gesprochen habe, wolle man die Unterlassungserklärung zunächst noch nicht unterschreiben. Zitat: „Vielmehr habe die Mitarbeiterin gesagt, dass die Firma Poppe im Gegensatz zu anderen Malerbetrieben schon häufiger Gegenstand von Sachverständigenanfragen von Kunden gewesen sei“. Ich las meiner Schwester den Brief vor, und sie sagte: „Das stimmt überhaupt nicht! Die lügt einfach.“ Daraufhin bat ich meine Schwester, ob sie mir eine Eidesstattliche Erklärung schreiben könne, in welcher sie den Sachverhalt noch mal genau schildert.

Darauf schickte mir Anna diese schriftliche Erklärung an Eides Statt, in welcher sie u.a. schrieb: „Ich erklärte ihr dann, dass mir der Malereibetrieb Simon Poppe schon empfohlen worden wäre, woraufhin sie, so wörtlich, sagte: ‚Ja, die sind zwar sehr günstig, aber nehmen würd‘ ich den trotzdem nicht. Denn der macht keine gute Arbeit.‘ Ich bedankte mich für das Gespräch von Frau zu Frau… Eine weitere Erklärung, warum der Malerbetrieb Poppe ‚keine gute Arbeit‘ machen soll, gab sie jedoch nicht. Den Namen der Mitarbeiterin habe ich leider akustisch nicht verstanden.“ Diese Eidesstattliche Erklärung legte dann mein Anwalt der Innung vor und forderte letztmalig eine Unterlassungserklärung. Daraufhin schrieb Herr Detjen im Namen der Innung zurück, dass es unerlässlich sei, den genauen Namen der Mitarbeiterin zu benennen, da die Maler- und Lackierer-Innung ja im gleichen Hause wie die Kreishandwerkerschaft ansässig sei und auch eine ähnliche Nummer teile. Zitat: „Sie müssten uns schon mitteilen, wer die Auskunft am Telefon gegeben haben soll, denn wir können keinen Generalverdacht gegen alle Mitarbeiter aussprechen.“ An dieser Stelle platzte mir der Kragen, und ich schrieb Herrn Detjen, dass er doch zuvor selbst zugegeben hatte, mit der Mitarbeiterin gesprochen zu haben und diese sogar ein solches Gespräch nicht geleugnet hatte, sondern nur dessen Inhalt. Nun aber versuche er, sich herauszureden mit fadenscheinigen Ausflüchten, anstatt sich einfach nur zu entschuldigen im Namen der Innung, indem so getan wird, als wüsste man nicht, wer hier intrigiert habe. Dabei sei es mir auch völlig egal, wer genau mich verleumdet habe, da dadurch ja schließlich die Innung als solche offenbart habe, schlecht über mich zu denken. Unter solchen Voraussetzungen sei ich aber nicht länger bereit, weiterhin Mitglied der Malerinnung zu sein und drohte Ihnen eine Klage an, sollte ich noch einmal von irgendjemand erfahren, dass sie mich ein weiteres Mal verunglimpft hätten.

Ironischerweise war es nun genau jene Mitarbeiterin (deren Namen ich hier vorsichtshalber nicht nenne), die mir daraufhin antwortete, indem sie meine Kündigung kurz und knapp bestätigte und die Innungsmitgliedschaft damit für beendet erklärte. Doch damit war der Streit mit der Malerinnung noch nicht vom Tisch, denn dem Obermeister Arne Plaggenmeyer gefiel diese Demütigung ganz und gar nicht, sich den Vorwurf der Indiskretion gefallen lassen zu müssen, denn würde sich dieser Fall nun rumsprechen, würfe das ein sehr schlechtes Licht auf seinen Verein und damit auch auf ihn selbst. Umso erfreuter war er daher, als er von einem anderen Malermeister gesteckt bekam: „Weißt Du eigentlich, dass der Simon Poppe an einem seiner Firmenwagen immer noch einen Aufkleber der Malerinnung Bremen hat, obwohl er doch vor ein paar Wochen bei uns ausgetreten ist?“ Sofort beauftragte Plaggenmeyer einen Anwalt, der mir nun meinerseits den Vorwurf des unlauteren Wettbewerbs machte und von mir forderte, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben. Tatsächlich gab es einen solchen „3-Schilde-Aufkleber“ an einem meiner Firmenautos, nur warb dieser nicht speziell für die Malerinnung, sondern für das Maler- und Lackiererhandwerk als solche. Die Abmahnung war also vollkommen gegenstandslos, so dass sich die Innung ein weiteres Mal blamierte. Ich schrieb ihnen, dass ich zwar bisher auf eine Klage verzichtet hätte, aber eine solche unverzüglich veranlassen würde, sollte ich noch ein einziges Mal von der Innung mit solch einem billigen Einschüchterungsversuch belästigt werden. Daraufhin hörte ich nichts mehr von ihnen.


Hohe Tannen

Trotzdem fragte ich mich damals selbstkritisch, ob nicht doch etwas an dem Vorwurf dran sei, dass ich viel zu häufig die Konfrontation suchte, anstatt das Gespräch. Aus meiner Zeit als Christ hatte ich ja gelernt, dass man viel besser verfährt, wenn man nach Möglichkeit mit allen Menschen in Frieden lebt. Das geht aber nur, wenn man auch bereit ist, auf die Wünsche anderer einzugehen und sich nicht immer gleich quer zu stellen. Diese Einsicht wurde schon bald darauf auf eine harte Probe gestellt. Denn als ich eines Nachmittags von der Arbeit nach Haus kam, begegnete ich meinem Nachbarn, Herrn Jirgsow, mit dessen Frau ich schon öfters aneinandergeriet. Wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis mit allen Nachbarn, aber Frau Jirgsow gab mir immer zu verstehen, dass sie mich hasst wie die Pest. Auch ich konnte nie behaupten, dass ich viel Sympathie für sie empfand, weil sie mich ständig angiftete (dabei sah sie tatsächlich auch aus wie eine Hexe). Doch ich sehnte mich schon seit langer Zeit, das Kriegsbeil endlich zu begraben, aber wusste nicht, wie. Nun aber trat Herr Jirgsow an mich heran und forderte von mir, dass ich die 10 Meter hohen Tannen, die an meiner Giebelseite den Seiteneingang beschatteten, fällen sollte, da deren Nadeln und Tannenzapfen ständig auf deren Grundstück fielen. Sie hatten dies in den Jahren zuvor schon öfters gefordert, weshalb ich die unteren Tannenzweige, die auf ihr Grundstück ragten, schon alle abgesägt hatte. Aber die vier Tannen komplett wegzunehmen, wollte ich auf keinen Fall, denn sie wirkten ja wie ein schöner Tunnel, wenn man an der Seite langging.

Während ich mit Herrn Jirgsow redete, kam seine Frau plötzlich hergelaufen und keifte mich an, ich solle endlich die großen Tannen fällen, da sie ja immer größer würden und den Nachbarn die Sonne rauben würden, wenn sie auf der Terrasse lägen. Mit sanfter Stimme sagte ich zu Frau Jirgsow: „Wir streiten uns schon so lange. Mir liegt sehr daran, mit Ihnen Frieden zu schließen. Deshalb würde ich Sie beide gerne nächsten Samstag zum Grillen zu uns einladen, und dann können wir in aller Ruhe sicherlich gemeinsam einen Kompromiss finden, um den Streit ein für alle Male zu schlichten. Was halten Sie davon?“ Frau Jirgsow fauchte mich an: „ICH WILL NICHT MIT IHNEN GRILLEN, SONDERN ICH WILL, DASS SIE ENDLICH DIE BLÖDEN TANNEN FÄLLEN LASSEN, KAPIERT!?!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie wieder ins Haus. Ich wandte mich an ihren Mann, der viel vernünftiger war, denn mit seiner Frau konnte man einfach nicht reden. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich werde die größte dieser vier Tannen fällen, aber die anderen drei möchte ich gerne behalten“. „Das müssen Sie mit meiner Frau klären“, sagte er und ging auch ins Haus.

Am Wochenende nahm ich meine große, 3-teilige Schiebeleiter aus der Werkstatt mit, sägte zunächst die großen Zweige ab und legte die 9 m lange Leiter dann oben an den Stamm der Tanne an. Bis zur Spitze fehlten aber noch immer rund 3 bis 4 Meter. Ich sägte den oberen Tannenkopf ab. Doch dieser krachte leider unkontrolliert auf den Sichtzaun der Nachbarn, so dass dieser auf 5 Meter Breite eine Bresche geschlagen hatte. Ich dachte: „O nein, jetzt werden sie bestimmt wieder meckern und verlangen, dass ich ihnen den Schaden ersetze!“ Zu meiner Überraschung schimpften sie aber nicht, sondern Herr Jirgsow sagte, dass er ohnehin vorhatte, den alten Zaun gegen einen neuen zu ersetzen. Doch sie bestanden darauf, dass ich auch noch die anderen Tannen fällen sollte. Ich hatte keine Lust mehr, mich mit ihnen weiter zu streiten, deshalb tat ich ihnen schließlich den Gefallen, obwohl es mir sehr leid war, denn nun sah die Hausseite nackt und kahl aus. Doch zu meiner Verwunderung blieb die 5 Meter breite Lücke im Zaun und die Nachbarn machten keinerlei Anstalten, um sie endlich mal zu schließen. Es vergingen viele Monate, und allmählich war mir diese Lücke selber schon lästig, denn wir fühlten uns beobachtet. Mehrfach sprach ich Herrn Jigsow an, aber er sagte jedes Mal, er sei noch nicht dazu gekommen. Irgendwann besorgte ich mir dann selber drei Holzpfeiler und 3 Lamellenzaunstücke und machte die Lücke wieder zu.

Doch schon am nächsten Tag fand ich einen Brief im Kasten, dass ich den Zaun wieder entfernen solle, da ich den ohne ihre Erlaubnis angelblich auf deren Grundstück aufgerichtet hatte. Ich reagierte gar nicht und unternahm nichts. Doch als wir an einem Samstagabend von einem Ausflug zurückkehrten, lag der Holzzaun abgebaut an unsere Giebelwand gelehnt. Der Nachbarschaftsstreit hätte jetzt immer so weiter gehen können, aber ich war es leid und ließ mir die Demütigung gefallen. Sie bauten sich schließlich ihren eigenen Zaun in die Lücke und es kehrte Ruhe ein.


Der falsche Prophet

Wie schon erwähnt, hatte ich im Frühjahr einen Großauftrag angenommen, bei dem ich mich heillos verkalkuliert hatte, um sage und schreibe 30.000, - €. Denn die Arbeiten zogen sich monatelang hin und banden einen Großteil meines Personals. Doch zu allem Übel hatte der Bauträger HANSEHAUS für das Projekt einen Baubetreuer abgestellt, den man ohne Übertreibung als „harten Hund“ bezeichnen kann. Herr Heidemann war zwar immer nett und freundlich zu mir, aber wenn es um die Interessen seines Unternehmens ging, war er absolut pingelig und unerbittlich, wie sich allmählich herausstellte. Die ersten 6 Wochen lief noch alles rund. Wir hatten die Dämmplatten erfolgreich auf die 1000 m² angebracht, sowie verdübelt und mit Gewebe verputzt (armiert). Doch bevor wir nun den Edelputz auftragen sollten, wollte der Bauträger mit einem Sachverständigen eine Zwischenabnahme machen. Wir hatten uns für die Mittagszeit verabredet und gingen einmal um die ganze Siedlung herum. Der Sachverständige hielt überall ein Richtscheit ran, um die Ebenmäßigkeit der verputzten Flächen zu überprüfen. Hier und da gab es kleinere oder größere Unebenheiten, die durch die Überlappungen des Gewebes in den Fensterbereichen herrührten. Aber dann machte er an mehreren Stellen auch eine Schichtdickenmessung und stellte dabei zu meinem Erschrecken fest, dass die Putzschicht statt der vorgeschriebenen 4 mm gerade einmal nur 2 mm betrug. Das war der Super-GAU, denn das bedeutete, dass wir nun die gesamten Flächen der 10 Häuser noch ein weiteres Mal armieren mussten, inkl. Gittergewebe. Sofort rechnete ich den darauf resultierenden Schaden aus und kam auf mindestens 9.000,- € an Selbstkosten.

Mit einer gewissen Atemnot ging ich darauf zu den 6 Mitarbeitern, die gerade auf der Baustelle Mittag machten und berichtete ihnen die Horrornachricht. Am Ende sagte ich: „Allein die Materialkosten belaufen sich hierfür überschlägig auf ca. 3.000, - €. Und dann kommen eben die Lohnkosten der nächsten zwei Wochen, denn so lange wird es wohl dauern, bis alle 10 Häuser neu verputzt sind. Dieser Schaden ist so groß, dass der gesamte Auftrag schon jetzt keinen Gewinn mehr abwirft, sondern ich sogar noch draufzahlen muss, zumal ich den Auftrag ohnehin viel zu knapp kalkuliert hatte. Der Austausch der zu kurzen Fensterbänke hat mich allein schon 1.000, - € zusätzlich gekostet. Da der Kunde mir in den nächsten zwei Wochen auch keinen weiteren Abschlag mehr zahlen wird, werde ich auch massive Zahlungsprobleme kriegen, und im schlimmsten Fall könnte ich pleitegehen, so dass Ihr Euch dann einen neuen Arbeitsplatz suchen müsstet. Deshalb möchte ich Euch einen Vorschlag machen: Ich übernehme die Materialkosten und Ihr arbeitet freiwillig eine Woche ohne Bezahlung. Als Gegenleistung für Eure Solidarität verspreche ich Euch einen sicheren Arbeitsplatz. Wir haben uns alle immer gut verstanden und waren wie eine Familie. Deshalb würde ich mir wünschen, dass Ihr mir auch jetzt in dieser schweren Krise beisteht. Denn was ist Euch wichtiger: ein volles Portemonnaie und Arbeitslosigkeit oder aber vorübergehend ein bisschen weniger Geld aber dafür einen sicheren Arbeitsplatz. Wer ist mit meinem Vorschlag einverstanden?

Ich schaute in die Runde. Als erstes hob Paul den Arm, dann Sama und Fadi. Darauf dann auch Bartosz und Johann, so dass zuletzt nur noch David Czygan übrigblieb, der den Arm nicht erhob. Ich fragte deshalb: „Und Du, David? Willst Du nicht mitmachen?“ – „Nein, das sehe ich nicht ein. Du bist selbständig und trägst deshalb auch das Risiko.“ – „Ich habe ja auch nicht behauptet, dass ich auf diese Unterstützung einen Anspruch hätte, sondern dass es absolut freiwillig ist. Aber ausgerechnet Du bist doch hier der Vorarbeiter, David, und trägst auch die Hauptverantwortung dafür, dass der Putz hier überall zu dünn aufgetragen wurde; deshalb solltest doch gerade Du Dich jetzt kooperativ zeigen, zumal auch alle anderen freiwillig auf einen Teil ihres Lohns verzichten.“ – „Ich habe aber eine Familie zu ernähren. Sama hat noch keine Kinder und die anderen sind alle unverheiratet. Ich kann das nicht, tut mir leid.“ – „Aber gerade von Dir hätte ich das nicht gedacht, David, denn Du bist doch Christ und solltest deshalb eigentlich ein Vorbild sein. Was glaubst Du, wie sich die anderen jetzt fühlen, wenn sie freiwillig eine Woche auf ihren Lohn verzichten, während Du Dir als Christ eine Extrawurst genehmigst? Das ist nicht gerade ein gutes Zeugnis für Deinen Herrn!“ – „Komm mir bitte nicht so, Simon! Ich hatte ohnehin vor, mich demnächst selbstständig zu machen. Wenn Du willst, kannst Du mich gerne zum Monatsende kündigen, denn dann gibt das auch kein böses Blut mehr.“ David sagte dies mit seiner typisch ruhigen Art, was mich aber erst recht auf die Palme brachte. „Das ist doch wohl jetzt nicht Dein Ernst! Ich habe Dich extra für dieses Projekt ausgesucht, weil Du mehr von Wärmedämmung und Verputzen verstehst wie jeder andere. Willst Du uns jetzt allen Ernstes auch noch sitzen lassen, nachdem der Karren in den Graben gefahren ist? Ich finde, das ist wirklich eine Schande!“ – „Aber warum? Du hast doch auch Sama, Paul und Fadi, die gut verputzen können, und auch Jürgen kann das gut. Und ab jetzt machst Du hier die Bauleitung selbst – wo ist also das Problem?

David kündigte also. Doch vergaß ich leider, den Dauerauftrag für seinen Lohnabschlag rechtzeitig zu löschen, so dass David versehentlich noch ein weiteres Mal 1.000,- € von mir erhielt. Als ich es nach zwei Monaten bemerkte, rief ich ihn an. „Du weißt, David, dass Du von mir aus Versehen eine Überzahlung erhalten hast, nicht wahr?“ – „Ja.“ sagte David. – „Und warum hast Du mir das Geld dann nicht sofort zurückgezahlt?“ – Es folgte eine lange Stille in der Leitung. – „Ist auch egal,“ sagte ich, „überweise mir das Geld einfach zurück, und die Sache ist erledigt.“ – „Das geht nicht“, sagte David. – „Warum nicht?“ – „Weil ich das Geld nicht mehr habe.“ – „Und warum hast Du es ausgegeben, wenn Du doch wusstest, dass es nicht Deines ist?“ – „Das kann ich Dir nicht so einfach erklären.“ – „Was gibt es denn da zu erklären?“ – „Glaub mir, Simon, das war nicht böse gemeint, und ich verspreche Dir, dass Du zum Ende des Jahres Deine 1.000,- € wiederkriegen wirst.“ – „Und warum erst dann?“ fragte ich. David zögerte, und ich merkte, dass er ein Geheimnis vor mir verbarg. Doch dann sagte er: „Simon, Du kennst das doch, dass Gott in Seinem Wort verheißen hat, dass in den letzten Tagen Sein Geist ausgegossen wird über alles Fleisch, so dass viele auch prophetische Visionen haben. Mir hat Gott nämlich vor ein paar Wochen durch einen Propheten in der Gemeinde verheißen, dass am Ende dieses Jahres ich so viel Geld bekommen würde, dass ich auf einen Schlag meine ganzen Schulden von 31.000,- € zurückzahlen kann. Die Bedingung dafür aber war, dass ich zuvor 2.000,- € an eine bestimmte Gemeinde in Florida spenden soll. Gott will dadurch meinen Glauben prüfen.“ – „Kennst Du die Gemeinde?“ fragte ich. „Nein. Aber der Prophet hat mir die Bankverbindung von der Gemeinde gegeben.“ – „Und warum ausgerechnet 2.000,- € und nicht 1.500,- € oder 3.000,- €?“ – „Das weiß ich nicht,“ sagte David, „da musst Du Gott fragen.“ – „Nein, ich frage Dich! Denn die ganze Geschichte klingt doch total unglaubwürdig! Wie kannst Du nur auf so eine billige Betrugsmasche hereinfallen!“ – „Das ist mir schon klar, warum Du so redest, denn Du hast Deinen Glauben ja auch verloren. Aber ich vertraue Gott, und weiß, dass Er auch heute noch große Wunder tun kann.“ – „Und warum gibt Gott Dir nicht jetzt schon diesen hohen Geldbetrag, wenn Er ihn Dir doch ohnehin geben will?“ – „Weil Gott meinen Glauben prüfen will, so wie bei Abraham, der bereit war, Seinen Sohn zu opfern, weil Gott es ihm gebot.“

Das ist doch totaler Schwachsinn, David. Und ich kann Dir das auch beweisen,“ sagte ich. „Es steht doch auch in der Bibel, dass Gläubige keine Schulden machen dürfen (Röm.13:8). Deswegen wird Gott doch niemals von Dir verlangen, neue Schulden bei jemanden zu machen, bevor Du nicht erstmal Deine alten Schulden bezahlt hast. Das KANN also gar nicht Gott gewesen sein, der furch diesen Propheten geredet hat, denn sonst stünde das ja im Widerspruch zu Seinem Wort!“ – „Du willst mich jetzt in Versuchung bringen, aber mein Glaube ist unerschütterlich.“ – „Du kannst ja glauben, was Du willst, aber bitte nicht auf meine Kosten!“ – „Ich bereue, dass ich Dir diese Sache anvertraut habe.“ David wollte auflegen, aber ich hatte noch eine letzte Frage: „Wenn ich Dich Anfang nächsten Jahres anrufe und Du dann immer noch Deine 31.000,- € Schulden hast, wirst Du dann eingestehen, dass dies ein falscher Prophet war?“ – „Ja, das würde ich!“ antwortete David. „Aber wie sieht’s bei Dir aus, Simon? Würdest Du wieder zum christlichen Glauben zurückkehren, wenn sich diese Prophezeiung erfüllt?“ – „Das wird ohnehin nicht geschehen, deshalb brauche ich mir darüber keine Gedanken machen.“

Unterdessen wuchsen mir die Probleme immer mehr über den Kopf. Ich musste Paul Rauner und Johann Torn entlassen, da sie zu oft fehlten, indem sie sich „krank“ meldeten oder einfach unentschuldigt fehlten. Kurz darauf kündigte ich auch Jürgen Ishorst und Christian Duhm, weil sie nicht die nötige Leistung brachten. Stattdessen nahm ich Peter Schönholz als Gesellen, sowie Bartosz Lukaszewski als neuen Lehrling, nachdem er sein Jahrespraktikum bei mir beendet hatte. Darüber hinaus nahm ich einen Türken namens Baris Akcay (22) als Lehrling, der mit seinem Vater zum Vorstellungsgespräch kam und auch immer seinen Vater anrufen ließ, wenn irgendeine Unklarheit bestand. Und dann bewarb sich auch ein 36 Jahre alter ehemaliger Lehrer namens Nils Arend bei mir, um eine Umschulung zum Maler bei mir zu machen; denn er hatte die letzten Jahre schon selbständig als Maler gearbeitet, wollte nun aber endlich auch einen Gesellenbrief machen. Erst später bemerkte ich, dass Nils ein Alkoholiker war, der schon morgens immer eine starke Alkoholfahne hatte. Da er aber ansonsten einen nüchternen Eindruck machte und wir uns auch menschlich gut verstanden, blieb er die nächsten 24 Monate mein neuer Lehrling und bestand am Ende auch seine Prüfung.

Der Großauftrag in Huckelriede von der Firma HANSEHAUS zog sich inzwischen immer mühseliger dahin. Der Baubetreuer Heidemann beschwerte sich ständig über Sama, meinem Mitarbeiter aus Kamerun, der nun der neue Vorarbeiter war, da er häufig nicht an Absprachen hielt, die er vielleicht auch nicht richtig verstanden hatte, und verlangte von mir, dass ich mehr Präsenz zeigen möge. Es vergingen drei qualvolle Monate, in welchen Herr Heidemann immer wieder Nachbesserungen forderte und ich schließlich am Ende meiner nervlichen Belastungsgrenze war. Zum Schluss waren noch 10.000, - € offen, die Firma HANSEHAUS als Druckmittel verwendete, damit wir auch noch die allerletzten Sonderwünsche erfüllten. Ich erinnere mich noch, wie Herr Heidemann bei einer der Abnahmen mit dem Spiegel die Unterkanten des 140 m langen Sockels rund um die Häuserzeile untersuchte, die nur 10 cm über dem Boden entlang verlief und von mir verlangte, dass ich die Fuge zwischen Sockelschiene und Sockel abdichten solle. „Aber da komme ich doch gar nicht mehr mit der Druckpistole runter!“ erwiderte ich. „Das ist mir egal, dann machen sie es eben von Hand.“ Mir wurde am Ende klar, dass bei Neubauten ein weitaus höherer Maßstab an die Qualität eines Hauses angelegt wird als bei üblichen Bestandshäusern. Eigentlich waren wir längst fertig mit dem Auftrag, aber immer wieder fand Herr Heidemann etwas, das noch zu korrigieren sei. Die letzten 4 Wochen kam ich immer nur noch allein zum Nacharbeiten, da mir die Mitarbeiter zu schade waren. Das Budget war ohnehin längst überschritten und ich hatte die letzten zwei Monate für nichts dort gearbeitet. Ich wollte nur noch die letzten 10.000, - € meiner Rechnung haben, alles andere war mir egal. Doch als schließlich alles fertig war, teilte mir Herr Heidemann mit, dass ich kein Geld mehr bekommen würde. „Warum nicht!?“ fragte ich empört. – „Herr Poppe, was glauben Sie, wieviel Mehraufwand all diese Abnahmen mich gekostet haben! Sie haben viel zu lange gebraucht für dieses Projekt, denn das zieht sich jetzt ja schon vier Monate lang hin. Vielleicht haben Sie schon mal was von einer Konventionalstrafe gehört…“ – „Ach, was soll das! Wir haben doch überhaupt gar keine Fertigstellungsfrist vereinbart, geschweige denn irgendeine Vertragsstrafe! Ich habe die letzten sechs Wochen mich hier doch nicht täglich rumgequält, nur damit Sie mir jetzt sagen, dass Sie mir meinen restlichen Werklohn nicht mehr zahlen wollen!“ – „Doch, das ist aber so. Damit müssen Sie sich jetzt abfinden“ erklärte mir Herr Heidemann. „Nein, das werde ich mit Sicherheit nicht! Eher werde ich Ihre Firma auf Zahlung verklagen!

Und so geschah es am Ende des Jahres tatsächlich, dass ich gezwungen wurde, meinen Anwalt wieder einzuschalten, der die Fa. HANSEHAUS drohte, sie nötigenfalls auf Zahlung der restlichen 10.000, - € zu verklagen. Diese wiederum drohten mir, dass im Falle eines Gerichtsstreits hohe Gutachterkosten auf alle beteiligten zukämen und sich ein Prozess über Jahre hinzöge. Deshalb böte man mir an, doch noch einmal über die Höhe eines Einbehalts zu verhandeln, um einen außergerichtlichen Vergleich zu schließen. Ich wollte auf keinen Fall einen weiteren Prozess, denn inzwischen war auch Bewegung im Fall Haferkamp gekommen, der sich inzwischen auch schon seit 2004 hingezogen und viele Gutachter beschäftigt hatte. Deshalb rief ich Herrn Heidemann an, vereinbarte einen Termin und bot ihm an, dass ich auf 3.000, - € verzichten würde, wenn sie mir doch wenigstens sofort die Differenz von 7.000, - € überweisen würden. Herr Heidemann erklärte mir, dass es der HANSEHAUS nicht darum ginge, sich zu bereichern, sondern dass es ein gewisses Regress-Risiko gäbe, da noch nicht alle 10 Häuser verkauft seien und zu befürchten sei, dass noch Ansprüche geltend gemacht würden, die über die ursprünglichen 3.695,35 € an Sicherheits-Einbehalt hinausgehen würden. Zunächst sah es ganz so aus, als würden wir uns einig werden. Als sie aber immer wieder eine neue Schippe an Bedingungen aufluden, hatte ich den Eindruck, dass sie mich nur verschaukeln wollten und drohte erneut mit einer Klage. Nachdem dann viele Wochen vergingen, etliche Briefe hin und her geschrieben wurden, einigten wir uns vor dem Bremer Landgericht darauf, dass man mir die 7.000, - € in zwei Raten im Abstand von je 2 Jahren auszahlen solle, sofern nicht irgendwelche Mängelbeseitigungskosten in der Zwischenzeit die Auszahlung reduzieren würden. Da der Streitwert sehr hoch war, musste ich am Ende jedoch 2.660,72 € an meinen Anwalt bezahlen und 672,- € an Gerichtskosten. Mein Fazit aus diesem Schlamassel war, dass ich nie wieder für einen Bauträger arbeiten würde, da diese nur an Gewinnmaximierung interessiert waren. Drei Jahre später hatte ich meinen Vorsatz jedoch schon wieder vergessen und war erneut auf eine solche Baufirma hereingefallen.

 

Januar bis Juni 2008

Sexuelle Vielfalt

Im Winter 2007/2008 lag mein Kontostand mit rund 20.000, - € im Minus, bedingt durch die enorme Fehlkalkulation beim Bauvorhaben Hansehaus und die vielen Außenstände durch säumige oder zahlungsunwillige Kunden. Während ich mir ernsthaft Sorgen machte, ob meine Firma überhaupt noch weiter bestehen konnte, rief mich meine Mutter an und erzählte mir, dass ihre FeG-Gemeinde, die sich bereits seit Monaten im Dachgeschoss der Evangelischen Bekenntnisschule versammelte (aus Ermangelung eines eigenen Versammlungsraums), nun endlich ein passendes Gebäude gefunden habe im Stadtteil Utbremen, um dies zu kaufen. Die 2000 m² große ehemalige Schuhfabrik, die nur etwa 1,5 km vom Hauptbahnhof entfernt war, sollte ursprünglich 500.000,- € kosten (eigentlich ein Schnäppchen), doch da der alte Besitzer sie nicht los wurde, einigte man sich schließlich auf 350.000, - €. Um die Finanzierung abzusichern, sollten aber auch zwei Gewerbebetriebe im EG einen Teil des großen Gebäudes anmieten. Meine Mutter fragte mich, ob ich nicht einer dieser Mieter werden wolle, und ich sagte sofort zu. Denn seit dem Kauf der Firma Jastrembski im Jahr 2005 hatte ich ja immer noch zwei Werkstätten und zahlte entsprechend zwei Mieten, was gar nicht nötig tat. Also kündigte ich beide und schloss mit Marco van der Velde, dem Pastor der „Christusgemeinde“ einen Mietvertrag für 250 m² Lagerraum, inkl. einem kleinen Büro und einer Toilette für gerade einmal nur 600,- € Miete im Monat. Besser ging´s nicht. Heute kann ich Gott nur danken für dieses Geschenk!

Da wir nach den Feiertagen ohnehin kaum Aufträge hatten, hatte ich meine Lehrlinge Marco Krull, Baris Akcay und Bartosz Lukaszewski, sowie meinen Umschüler Nils Arend beauftragt, die Werkstatt zu renovieren und einzurichten. Die handwerklichen Fähigkeiten von Nils Arend waren mir dabei besonders nützlich, denn er hatte die Regale am Ende fast allein aufgebaut und ihre Aufteilung sehr bedacht konzipiert. Meine Sorge, dass die Werkstatt viel zu groß sei für unseren Bedarf erwies sich am Ende als unbegründet, denn durch die Zusammenlegung der beiden kleinen Werkstätten kam jede Menge an Material und Gerätschaft zusammen. Zum Schluss hatte ich noch die Idee, entlang des geputzten Streifens an der verklinkerten Fassade der Christusgemeinde die Regenbogenfarben in wiederholender Abfolge von einem Ende bis zum anderen aufzumalen, damit jeder Besucher sofort erkennen konnte, dass hier ein Malereibetrieb ansässig sei. Leider hatte ich mir für diese Idee nicht zuvor die Erlaubnis meines Vermieters, des Pastors Marco van der Velde, eingeholt. Als dieser dann am nächsten Tag mein „Kunstwerk“ sah, war er entsetzt und rief mich sofort an. „Simon, wie konntest Du das machen, ohne mich um Erlaubnis zu fragen?!“ – „Entschuldige, aber ich hab’s nicht bös‘ gemeint, sondern wollte Dir damit eine Freude bereiten. So sieht die langweilige Wand doch viel schöner aus, nicht wahr?“ – „Nein, Simon, ich möchte das nicht. Du musst den Streifen wieder weiß übermalen, wie er vorher war, denn sonst denken alle, dass wir ein Schwulenclub sind.“ – „Aber der Regenbogen wird doch auch in der Bibel erwähnt als Bundeszeichen zwischen Gott und den Menschen…“ – „Das mag ja sein, aber heute werden die Farben des Regenbogens nur im Sinne der sexuellen Vielfalt interpretiert.“ – „Ja, aber sollte die Gemeinde des HErrn nicht offen sein für alle Menschen, egal welcher Herkunft? Wenn sich homosexuelle Menschen durch die Regenbogenfarben eingeladen fühlen, in Eure Gemeinde zu kommen, dann ist dies doch eher ein Vorteil…“ – „Nein, Simon, das sehe ich anders. Aber ich bin Dir auch keinerlei Rechenschaft schuldig, denn Du bist nur unser Mieter, und Du hättest uns fragen sollen, bevor Du da Deine künstlerische Kreativität entfaltest!“ Marco gab mir eine Frist von einer Woche, und ich ließ den Streifen wieder weiß malen.

Da meine Mutter den Marco van der Velde wie ihren eigenen Sohn liebte, drängte sie Marco, doch mit mir das Gespräch zu suchen, damit ich wieder zum christlichen Glauben zurückfände. Da ich selbst auch eine große Sehnsucht hatte, mich über meinen Unglauben mit jemandem auszutauschen, nahm ich dieses Gesprächsangebot bereitwillig an. Doch obwohl sich Marco zeitweise bis zu 3 Stunden Zeit nahm, gelang es ihm noch nicht einmal annährend, mich vom Glauben zu überzeugen, sondern im Gegenteil versuchte ich ihn von der Berechtigung meiner Zweifel zu überzeugen. Marco gab es irgendwann auf und verwies mich stattdessen auf Richard Werner (52), den Gemeindeältesten, der Marcos „rechte Hand“ war und auch der Seelsorger meiner Mutter. Richard erwies sich in der Folgezeit als ein Glücksfall, denn mit schonungsloser Offenheit konnte ich mit ihm nicht nur über sehr intime Dinge sprechen, sondern auch er offenbarte mir in einer für mich schockierenden Ehrlichkeit seine eigenen charakterlichen Schwächen. Richard gab mir dadurch immer das Gefühl, dass er immer für mich da sei und ich ihm wirklich alles erzählen konnte, was mich bedrückt. Dass war für mich eine große Hilfe, denn die eigentliche totale Finsternis in meinem Leben und die damit verbundenen Turbulenzen waren noch lange nicht vorbei, sondern hatten gerade erst begonnen…

Beim Ausräumen der alten Werkstatt von Arno Jastrembski entdeckte ich einen alten Karton, der voll war mit Pornoheften. Ich rief Arno an, ob er die noch haben wolle, aber er sagte mir, ich könne die entsorgen. Beim Anblick dieser Hefte wurde ich an die Zeit meiner Jugend erinnert, als ich auf dem Dachboden unseres Hauses damals Pornohefte entdeckte und sie mir heimlich zunutze machte. Doch als ich Christ wurde, verabscheute ich diese dermaßen, dass ich einmal als Lehrling sogar in eine ziemlich unangenehme Situation geriet: Beim Abrücken der Möbel im Haus eines Kunden hatten meine beiden Kollegen hinterm Bett Pornohefte des Kunden entdeckt, die sie mit ausschweifendem Gelächter durchblätterten. Als sie bemerkten, dass ich keinerlei Interesse zeigte, hielt mir der Kollege Werner Holle ein Heft aufgeschlagen vors Gesicht und sagte: „Guck Dir mal diese Titten an, Simon! Das ist doch wirklich geil, nicht wahr!“ – Ich drehte meinen Kopf weg und sagte: „Nein, ich guck mir das nicht an.“ Darauf versuchte er, mir immer wieder das Heft vor die Augen zu halten, aber ich schaute immer wieder weg. Daraufhin sagte Werner: „Das kann ja wohl nicht angehen, dass Poppe sich das nicht anschauen will! Dafür habe ich nur eine einzige Erklärung: Poppe ist schwul!“ – „Nein, das bin ich nicht! Aber ich will das nicht sehen, weil Gott dies verboten hat in Seinem Wort!“ – Darauf sagte Werner: „Ach Poppe, das ist doch etwas ganz Natürliches! Sogar in der Tierwelt gibt es das. Wenn Gott das nicht gewollt hätte, warum hat er dann Menschen und Tiere mit der Lust nach Sex ausgestattet?

Auf diese Frage hatte ich damals keine Antwort. Aber jetzt als Ungläubiger war mir dies ohnehin nicht mehr wichtig. Ich fand es zu schade, die ganzen Hefte einfach wegzuschmeißen und nahm mir heimlich einige mit, die ich unter der Matratze meines Bettes versteckte. Dass ich damit die Sünde Achans aus Josua Kap. 7 wiederholte, war mir in diesem Moment nicht bewusst. Und so geschah es, dass ich jedes Mal, wenn ich onanieren wollte, sie von dort hervorholte. Dies funktionierte über mehrere Wochen – bis eines Tages Ruth die Matratze beim Bettenmachen anhob und die Hefte entdeckte. Dann war das Geschrei groß und Ruth drohte mir, dass sie sich von mir trennen würde, wenn sie solch einen Dreck noch ein einziges Mal finden würde. Ich entschuldigte mich und versprach ihr, dass ich es nie wieder tun würde. Ruth verbrannte die Hefte im Garten, aber die Bilder in meinem Kopf konnte sie nicht zerstören. Zu meinem eigenen Erschrecken stellte ich fest, dass ich nach diesen Bildern süchtig geworden war. Von da an begann ich, mir heimlich im Internet Pornos anzusehen. Der Zugang war überraschend einfach und zudem kostenlos. Einmal jedoch kam Ruth die Treppe hoch und in mein Zimmer. Ich schaltete schnell den Monitor aus, doch Ruth spürte sofort, dass ich etwas zu verbergen hätte, denn mein Herz schlug mir bis zum Hals. Sie fragte, was ich da eben angeschaut hätte, und aus lauter Panik machte ich schnell den Computer aus. Zum Glück beharrte Ruth nicht auf eine Antwort, sondern beließ es dabei.

Durch das beinahe tägliche Konsumieren von Pornographie geriet ich nicht nur in eine teuflische Abhängigkeit, sondern allmählich erlahmte auch unsere eheliche Sexualität. Ruth wunderte sich, dass ich nicht mehr so konnte wie früher, ahnte aber nicht, dass ich mein Pulver bereits verschossen hatte. Ich lebte auf einmal ein Doppelleben, das mir zwar nicht behagte, aber dass ich nicht mehr ändern konnte. Zudem wurde mir auch bewusst, dass mich nicht nur junge Frauen reizten, sondern auch schöne junge Männer. Seit ich als 14-Jähriger mal von einem anderen Jungen in einer Nacht mitten im Schlaf sexuell berührt wurde, war ich in meiner Fantasie dem eigenen Geschlecht nie mehr ganz abgeneigt. Als Christ hatte ich diese Neigung jedoch mit Gottes Hilfe überwinden können. Doch jetzt musste ich mir eingestehen, dass dieses bisexuelle Verlangen zurückgekehrt war, da ich mich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlte. Am liebsten hätte ich meiner Frau das bekannt, aber sie hatte jedes Mal schon so empört reagiert, wenn ich ihr die Homosexualität als etwas Natürliches erklärt hatte, so dass ich mir das nicht traute. Auch mit Richard wollte ich nicht darüber sprechen, weil ich Angst hatte, dass ich in seiner Gunst fallen könnte. Deshalb bat ich eines Tages den Prediger unserer Gemeinde, der „Gemeinde Gottes“, den Deutschbrasilianer Norberto Hort, um ein seelsorgerliches Gespräch. Ich bekannte Norberto unverhohlen, dass ich in Wirklichkeit kein Christ sei und dass ich heimlich bisexuell empfände. Norberto lächelte nur phlegmatisch und sagte, dass er damit kein Problem habe und dass ich auch weiterhin herzlich willkommen sei in seiner Gemeinde. Ich war etwas überrascht über seine gleichgültige Haltung, aber war froh, dass ich es jetzt wenigstens einem Menschen gegenüber bekannt hatte.


Der Fall Haferkamp (Teil 2)

Seit der katastrophalen Reklamation unserer Wärmedämmarbeiten an einem Mehrfamilienhaus im Jahr 2004, waren ja inzwischen schon viele Gerichtstermine und Begutachtungen geschehen durch die Gutachter der beiden Streitparteien. Nun aber hatte der Kunde Haferkamp bei Gericht ein selbstständiges Beweissicherungsverfahrens beantragt, und zu diesem Zweck hatte das Gericht den Bausachverständigen Thomas Toussaint bestellt. Mein eigener Gutachter, der Malermeister Harmsen, rief mich abends an und sagte: „Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Poppe; mit dem Thomas Toussaint bin ich gut bekannt – der wird Sie nicht hängen lassen. Solche Sachen muss man einfach ein wenig deichseln, wissen Sie…“ Nach dem Telefonat schaute ich erst mal im Wörterbuch nach, was das Wort „deichseln“ bedeutet: „hinbiegen, schaukeln, bewerkstelligen, durchboxen, in den Griff bekommen“. Was meint er damit? Will er andeuten, dass ich Herrn Toussaint bestechen soll? Oder redete ich mir das nur ein? Vielleicht hatten die sich ja abgesprochen und Harmsen sollte mir einen unverfänglichen Wink geben? Aber was wäre, wenn ich mich irre? Wie peinlich wäre das! Aber warum sagt er mir, dass „man so etwas deichseln müsse“? Was könnte er sonst damit angedeutet haben? Bin ich schwer von Kapee? Oder ging meine Fantasie gerade wieder mit mir durch? Besser ich gebe mich einfältig, auch wenn ich dadurch eine Chance verpasse, dachte ich, denn dann gehe ich wenigstens kein Risiko ein.

Herr Toussaint hatte zunächst eine genauestens festgelegte Überprüfung unserer Dämmarbeiten angeordnet, die bereits im Jahr 2007 vorgenommen wurde durch die MPA (Materialprüfungsanstalt), um die Haftzugfestigkeit des Putzklebers zu überprüfen. Nun aber wurde beschlossen, dass wir den fehlenden Brandschutz vorne und hinten nachträglich einbauen, sowie sämtlich Hausecken und Fensterleibungen begradigen sollten mit neuen Eckschutzschienen, bevor wir die gesamte Fläche neu verdübeln und neu armieren. Zum Schluss waren die 700 m² noch neu zu verputzen mit Silikonharzkratzputz und die Flächen zu streichen. Die Kosten hierfür lagen bei rund 10.000, - €, die ich gar nicht hatte. Ich sprach mit meinem Lieferanten Brillux, ob sie mir die Bezahlung der benötigten Materialien um ein paar Monate zurückstellen könnten bis ich wieder liquide sei. Sie willigten ein unter der Bedingung, dass ich von nun an ihr einziger Lieferant werden solle, was ich versprach. Sie boten sogar an, dass sie dieses Projekt durch zwei Dämmexperten ihrer Firma beratend begleiten würden, damit nichts mehr schiefgehen könne, was ich dankbar annahm.

So wurde das gesamte Gebäude hinten und vorne noch einmal eingerüstet, und wir begannen mit den Arbeiten. Doch schon nach einer Woche trafen sich der Gutachter mit dem Bauherrn und meinen beiden Brillux-Betreuern zu einer erneuten Begutachtung auf dem Gerüst, weil der Kunde wieder einiges zu bemängeln hatte. Die Brillux-Experten riefen mich zur Seite und flüsterten mir zu: „Herr Poppe, bei aller Liebe, aber wenn das so weitergeht, dann wird das hier eine Endlosnummer, und Sie kommen aus dieser Nummer nicht mehr heil raus. Wir raten Ihnen deshalb dringend: Lassen Sie die Nacharbeit nicht länger Ihre Leute machen, denn SIE KÖNNEN ES NICHT! Wir kennen eine kurdische Firma, die Ihnen das hier zu einem günstigen Preis fertig machen kann, denn das sind echte Profis. Die sind sozusagen schon mit der Glättekelle auf die Welt gekommen. Lassen Sie ihre Leute lieber woanders arbeiten und Ihr Geld verdienen, denn um den Karren aus dem Graben zu ziehen, müssen hier jetzt richtige Profis ran!“ Ich nahm diesen Vorschlag sofort dankbar an, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie ich diese hätte bezahlen können. Ich einigte mich mit der Firma auf 5000,-€ und dachte: „Der Kunde wird mir ja am Ende meine 13.7000, - € bezahlen, die noch offen sind, und damit kann ich dann auch die Kurden bezahlen.“

Doch noch bevor die Kurdenfirma loslegen konnte, verlangte der Kunde von mir einen Kostenvorschuss von etwa 11.000, - €, da ich ihm die ganzen Anwalts- und Gutachterkosten erstatten sollte, die er bis dahin auslegen musste. Ich war dazu nicht bereit, weshalb er mir am Telefon mit einer Klage drohte. Daraufhin sah ich mich genötigt, ihm reinen Wein einzuschenken: „Herr Haferkamp, es ist nicht unbedingt so, dass ich nicht will, sondern ICH KANN NICHT, da ich faktisch jetzt schon bankrott bin.“ – „Aber Sie haben doch ein Haus, auf dass Sie eine Hypothek nehmen können für einen Bankkredit.“ – „Das Haus gehört meiner Frau, und ich habe bereits 25.000, - € Schulden bei der Bank, so dass ich keinen weiteren Kredit mehr erhalte.“ – „Na ja, Herr Poppe, das werden wir noch sehen, ob Sie wirklich insolvent sind! Ich bekomme mein Geld am Ende so oder so, spätestens nach 30 Jahren!“ – „Da wäre ich mir nicht so sicher“, sagte ich. „Und warum nicht?“ fragte Herr Haferkamp. „Weil ich vorhabe, demnächst das Land zu verlassen, um nach Südamerika auszuwandern!“ bluffte ich. „Ich habe dort seit 15 Jahren ein Landhaus mit großem Grundstück, wo wir neu anfangen können. Wir werden das Haus meiner Frau verkaufen und können von dem Erlös dort ein gutes Leben führen. Ich werde Sie mit Ihren ganzen Forderungen zurücklassen, und dann werden Sie allein sehen müssen, wie Sie klarkommen!“ Herr Haferkamp schnappte nach Luft: „Das werde ich nicht zulassen, Herr Poppe. Sie wissen nämlich nicht, dass ich gute Kontakte zur russischen Mafia habe, und dann ist es für Sie nicht gerade ein Vorteil, dass Sie eine kleine Tochter haben!

Was sagt er da?! fragte ich mich. Hat er gerade allen Ernstes versucht, meine Familie zu bedrohen?! Er will meiner Tochter etwas antun, wenn ich nicht zahle? Er hat mich bedroht! Und ausgerecht er, der doch selbst Anwalt ist! Ich rief die Polizei an und erzählte dort kurz, was passiert war. Der Polizist fragte: „Fühlen Sie sich denn wirklich bedroht?“ – „An sich schon.“ erwiderte ich. – „Aber für eine Strafanzeige reicht das noch nicht, denn er würde das sofort abstreiten. Sie brauchen dafür einen Zeugen. Nehmen Sie doch einfach mal so ein Telefonat auf Band auf und bitten ihn, dass er nochmal sagen soll, was er vorhat, wenn Sie nicht zahlen.“ Ich tat es und versuchte – während das Aufnahmegerät lief – dem Herrn Haferkamp noch einmal diese Drohung zu entlocken. Aber dieser roch scheinbar die Lunte und erklärte mir, dass ich ihn da ganz missverstanden hätte („Ich hatte lediglich gesagt, dass ich eine russische Inkassofirma kenne, die in der Vergangenheit schon erfolgreich Forderungen eingetrieben hat. Selbstverständlich mit legalen Mitteln. Und für ihre Tochter sei das doch sicher auch nicht angenehm, wenn sie durch eine Auswanderung all ihre Freundinnen in Deutschland zurücklassen müsste, so habe ich das gemeint“). Herr Haferkamp hatte sich noch einmal herausgewunden aus der Affäre.

Mir war klar, dass ich faktisch pleite war und mir die ganzen Nachbesserung-, Anwalts- und Gutachterkosten gar nicht mehr leisten konnte. Ich musste jetzt die Insolvenz anmelden und wieder irgendwo als angestellter Maler arbeiten, bis ich nach sieben Jahren eine Restschuldbefreiung bekäme. Ich las abends in einem Buch über Insolvenzrecht und überlegte mir die nächsten Schritte. Das Gefühl, endlich aus diesem ganzen Schlamassel herauszukommen, beflügelte mich und ließ mich wieder atmen. Endlich würde ich frei sein von all diesem „Tanz uns Goldene Kalb“. Ich konnte ja nachts schon kaum mehr schlafen wegen all der Probleme. Aber was sollte aus meiner Familie und all den Mitarbeitern werden, die ich nun entlassen müsste? Und wie würden wir das Haus weiter abbezahlen können? Außerdem stimmte es ja wirklich, dass Rebekka (12) ja noch zur Schule ging und hier in Habenhausen ihren Freundeskreis hatte. Deshalb war an einen Verkauf des Hauses im Moment gar nicht zu denken. Aber Ruths Selbstständigkeit als Hundephysiotherapeutin warf bisher noch keinen Gewinn ab, weil sie ja erst gerade damit angefangen hatte. Und wer weiß, ob ich so schnell irgendeine gut bezahlte Anstellung finden würde? Und selbst wenn, würde mir ja ein Großteil meines Lohnes gleich wieder zur Schuldentilgung abgezogen werden. Und wie sollte ich dann das Haus weiter finanzieren können? – Nein, so leid es mir tat, aber ich musste Verantwortung übernehmen für meine Familie und durfte mich nicht feige aus der Affäre stehlen, in die ich mich selbst hineinmanövriert hatte. Ich musste einen letzten Versuch unternehmen, meine Firma zu retten, auch wenn es noch so hart wäre, denn die Alternative war noch viel schlimmer! Augen zu und durch!

Um einen weiteren teuren Gerichtsstreit zu vermeiden, versuchte ich, mich mit dem Kunden Herrn Haferkamp außergerichtlich zu einigen. Ich bot ihm an, dass ich sogar die strittigen und aus meiner Sicht völlig unberechtigten Kosten des dilettantischen Gutachtens von Herrn Stoiber in Höhe von 3.581,33 € nebst einigen anderen unberechtigten Geldforderungenübernehmen würde, wenn Haferkamp mir im Gegenzug einen Zahlungsaufschub bis zum 21.09.2008 gewährte und auch die Frist für die Nacharbeit noch bis zum 20.08.08 verlängern würde, denn bis dahin könnten wir es schaffen. Herr Haferkamp sah ein, dass er sich selbst keinen Gefallen tun würde, wenn er mir die Luft zum Atmen raube und willigte deshalb in diese Vereinbarung mit mir ein. Ich hatte jedoch am Ende eine Klausel eingebaut, die meine Zugeständnisse an die Bedingung eines endgültigen Verzichts auf eine gerichtliche Auseinandersetzung band, ohne dass Herr Haferkamp dies auf den ersten Blick bemerkte:

Sollte eine der beiden Parteien ihren Verpflichtungen nicht, nicht vollständig und/oder nicht termingerecht nachkommen, ist diese Vereinbarung hinfällig geworden. In diesem Fall wird auch der Anspruch auf Erstattung des Betrages von 6.589,01 € sofort zur Zahlung fällig“ (*)

(* d.h. das, was ich Herrn Haferkamp in jedem Falle an Gerichtskosten etc. schuldig war)

Diese Klausel war ja so formuliert, als wäre sie zu meinem Nachteil. In Wirklichkeit überlas man dabei schnell den Nebensatz „…ist diese Vereinbarung hinfällig geworden“. Im Klartext bedeutete dies aber, dass bei einer behaupteten Nichterfüllung der Nacharbeiten, ich auch nicht mehr an meine Zugeständnisse gebunden wäre, ihm neben den berechtigten 6.589,01 € auch noch die aus meiner Sicht unberechtigten 7.126,05 € zu zahlen, hatte aber dadurch insgeheim Zeit gewonnen. Es kam dann, wie ich es schon vermutet hatte, dass Herr Haferkamp nach Abschluss der Arbeiten Ende 2008 die Abnahme verweigerte und weitere 3.000, - € von mir forderte. Da er meine Vereinbarung ein Jahr zuvor jedoch unterschrieben hatte, erinnerte ich ihn in einem Schreiben daran, was für Folgen das haben würde, wenn er nicht endlich Ruhe gäbe: „Wenn Sie mir nun eine gerichtliche Auseinandersetzung androhen, gefährden Sie selbst diese Zugeständnisse, denn diese waren ja schließlich an die Bedingung geknüpft, dass beide Parteien ihren Verpflichtungen vollständig und termingerecht nachkommen. Eine Klage aber würde bedeuten, dass sie selbst diese Gültigkeitsvoraussetzung unserer Vereinbarung in Frage stellen, indem Sie mir ja vorwerfen, ich wäre meinen Verpflichtungen nicht nachgekommen, weil ich Ihnen z.B. die 3.000, - € nicht zugestehe. Dadurch aber würde die ganze Vereinbarung hinfällig und ich könnte von Ihnen noch die 7.126,05 € verlangen…“ Als Herr Haferkamp merkte, dass ich ihn ausgetrickst hatte, gab er endlich auf, mich weiter zu bedrängen. Ich konnte seine Kostenforderung von 13.715,06 € mit meiner restlichen Werklohnforderung von 13.773,11 € verrechnen, so dass ich ihm am Ende nichts mehr schuldig blieb. Auch die kurdische Firma konnte ich am Ende bezahlen, sowie alle Materialkosten, indem ich durch eine sog. „Ansparabschreibung“ mir eine Steuererstattung für zukünftige Investitionen vom Finanzamt auszahlen ließ, wie mir mein Steuerberater als legalen Trick verriet (die ich jedoch im Jahr 2010 zurückerstatten musste).


Elisabeth Fritzl

Wer kann sich noch an Elisabeth Fritzl (*1966) erinnern? Heute redet ja kaum einer mehr von ihr. Viele haben sogar noch nie ihren Namen gehört. Aber das, was ihr angetan wurde, ist schlimmer als Mord oder irgendein anderes grausameres Verbrechen, und gerade deshalb sollte es nicht einfach vergessen werden. Die Österreicherin wurde mit 18 Jahren entführt und dann 24 Jahre lang in einem winzigen Kellerverlies gefangen gehalten und immer wieder vergewaltigt, über 3000 Mal, und zwar von ihrem eigenen Vater! Er zeugte mit ihr 7 Kinder, die z.T. ihr ganzes Leben lang nur in diesem 18,64 m² großen Kellerraum ohne Fenster und frische Luft gelebt haben, bis sie am 19.04.2008 zum ersten Mal bei ihrer Befreiung das Tageslicht erblickten. Während die Befreiung von Natascha Kampusch (18) im Jahr 2006 nach 8 Jahre langer Entführung und regelmäßiger Vergewaltigung durch den Psychopathen Wolfgang Priklopil noch über Jahre im kollektiven Gedächtnis der Welt blieb und sogar durch ein Buch und einen Kinofilm einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, geriet der weitaus monströsere Fall des anderen Psychopathen aus Österreich, Josef Fritzl (73) aus Amstetten, inzwischen fast schon in Vergessenheit. Deshalb will ich für die, die den Fall kaum oder gar nicht kennen, kurz an ihr Schicksal erinnern:

Elisabeth wurde bereits im Alter von 11 Jahren das erste Mal von ihrem Vater vergewaltigt. Josef Fritzl selbst war während des zweiten Weltkriegs vaterlos aufgewachsen bei seiner autoritären Mutter. Da er der einzige „Mann im Haus“ war, musste er schon früh die Rolle des Vaters übernehmen, da seine Mutter dies so verlangte. Kein Wunder also, dass auch er später seine Tochter als frei verfügbaren Besitz ansah, mit der er machen konnte, was er wollte. Als Elisabeth mit 16 Jahren von zuhause floh, wurde sie in Wien von Polizisten aufgegriffen und wieder nach Haus gebracht. Von da an beschloss ihr Vater, ein Kellerverlies zu bauen, damit er seine Tochter immer für sich haben konnte als Sexsklavin. Als sie 18 Jahre wurde, lockte er sie unter dem Vorwand, ihm beim Tragen einer Tür zu helfen, hinunter in den Keller und betäubte sie. Dann band er sie an einen Metallpfosten. Der Strick war gerade nur so lang, dass sie das eigens für sie installierte Klo erreichen konnte. Er versorgte sie mit Lebensmitteln und Kleidung, aber vergewaltigte sie täglich, ohne dabei ein Kondom zu verwenden. Wenn sie ihm nicht gehorchte, stellte er ihr den Strom ab, so dass sie stundenlang völlig im Dunkeln war. Sie zeugte mit ihm sieben Kinder durch Inzest, die sie allein austragen musste. Als es im Keller zu eng wurde, legte Josef Fritzl eines der Mädchen vor die Wohnungstür ab mit einem Brief von Elisabeth, dass sie angeblich nun einer Sekte angehöre und die Eltern bitte, für das Kind zu sorgen. Ihre Mutter Rosemarie glaubt ihr die Geschichte. Später brachte er noch zwei weitere Kinder nach oben unter dem gleichen Vorwand.

1996 bekam Elisabeth Zwillinge, doch der eine Junge erkrankte schwer an Atemnot, so dass er starb. Seine Leiche verbrannte der Vater im Heizofen. Die drei anderen Kinder wuchsen weiter im Kellerverlies auf, in welchem es streng nach Schimmel roch, da es nur einen einzigen Entlüftungsschacht gab. Wie ihre Mutter wurden ihre Haut und Haare allmählich ganz weiß, da sie nie in Kontakt mit Sonnenlicht kamen. Fritzl besorgte ihnen einen Fernseher, so dass sie von einer Welt erfahren, die sie nie real sehen sollten. Jedes Jahr flog Fritzl für einen ganzen Monat nach Thailand, um sich dort zu amüsieren, während seine Kinder bzw. Enkelkinder ein unvorstellbares Martyrium durchmachten. Ob seine Frau Rosemarie eingeweiht war in den makabren Lebensstil ihres Mannes, darf bezweifelt werden. Auch von den Mietern der Ybbsstr. 40 ahnte niemand, was für ein perverses Doppelleben ihr Vermieter spielte. Elisabeth hatte sich längst mit ihrem Schicksal abgefunden, dass sie nie wieder herauskommen würde. Doch als ihre älteste Tochter Kerstin 19 J. wird, erkrankt sie so schwer, dass Elisabeth ihren Vater anflehte, sie ins Krankenhaus zu bringen. Er rief darauf am Samstag, den 19.04.08 früh morgens den Rettungsdienst. Kerstin hatte schwere Krämpfe, war völlig abgemagert und hatte das Bewusstsein verloren. Die Erstversorger wunderten sich, dass ihre Haut völlig fahl sei ohne Pigment. Leber und Niere funktionierten nicht mehr richtig, der Mund war voller Blut, und die Ärzte wussten sich keinen Rat.

Josef Fritzl (73) gab sich als ahnungsloser Großvater und wiederholte das Märchen von der Tochter, die ihre Kinder immer vor der Tür abliefert, da sie einer Sekte angehöre. Ein untersuchender Arzt wurde  misstrauisch. Man müsse dringend mit der Mutter des Mädchens sprechen, um ihr Leben retten zu können. Es wurde sofort ein Aufruf gemacht über den lokalen Funk und Fernsehen, dass sich die Mutter des Mädchens doch dringend melden möge, um die Umstände des Zustands ihrer Tochter aufzuklären. Das bekam Elisabeth mit und flehte ihren Vater unter Tränen an, sie zu ihrer Tochter ins Krankenhaus zu bringen. Der Vater willigte ein, aber beschwor sie, an der Version mit der Sekte festzuhalten. Nach 8.516 Tagen Gefangenschaft durfte Elisabeth zum ersten Mal ihr Kellerverlies verlassen. Zunächst trug Elisabeth im Krankenhaus auch die auswendig gelernte Sektenversion ihres Vaters vor, doch dann brach auf einmal das ganze Lügengebäude in sich zusammen. Josef Frizl wurde verhaftet und die anderen drei Kinder aus ihrem Verlies befreit. Bei seiner ersten Vernehmung durch die Polizei sagte Frizl: „Ich habe nur das Beste gewollt für meine Tochter, damit sie nicht von der Welt verdorben wird. Ich bin kein Monster, denn ich hätte ich sie ja auch alle töten können; dann wäre nichts gewesen, und ich säße jetzt nicht hier. Niemand wäre je draufgekommen, auch nicht die leichtgläubigen österreichischen Behörden. Ohne mich würde Kerstin gar nicht mehr leben, denn ich habe ja dafür gesorgt, dass sie ins Spital kommt.“ Doch zwei Jahre später vertraute er einem 19-jährigen Zelleninsassen im Gefängnis von St. Pölten an, dass er eigentlich vorhatte, seine Tochter und Enkelkinder zu töten, da er sich „zu alt für ein Doppelleben fühlte“. Er stand vor der Wahl, entweder seine Tochter und deren drei ihrer sieben Kinder freizulassen und sich der Justiz zu stellen oder sie alle zu töten. Frizl hatte sich schließlich für die Ermordung der vier entschieden. Die Leichen wollte er in Säure auflösen, um alle Spuren zu verwischen. Er habe die Tat bereits detailliert geplant, berichtete eine englische Tageszeitung später.

 

Juli bis Dezember 2008

Vom Zweifler zum Gottesleugner

An einem Sonntag im Sommer 2008 predigte unser Pastor über das Gleichnis vom Säemann in Matth. 13. Ich dachte bei mir: „Welcher Bauer würde wohl sein wertvolles Saatgut einfach achtlos auf einen Weg oder auf Steine oder gar auf ein Unkrautfeld werfen? Das macht doch keiner! Und wenn einer das trotzdem täte, dann wäre er doch selbst schuld daran, dass auf solchen Untergründen nichts wachsen kann. Die Christen sollten sich doch mal ernsthaft fragen: Könnte man Gott wirklich unterstellen, dass Er so etwas Unsinniges tun würde? Ein vernünftiger Bauer würde sein Feld doch erst mal von Steinen und Unkraut befreien, es umpflügen, bewässern und düngen. Und genauso müsste doch der Schöpfer des Universums erst einmal alle Hinderungsgründe zum Wachsen beseitigen und es nicht dem Zufall überlassen, ob seine Botschaft angenommen wird, wo sie doch angeblich so heilsnotwendig ist. Wenn er aber tatsächlich so verschwenderisch mit seinem Saatgut umgeht, dann wäre es doch erst recht absurd, wenn er dem Untergrund die Schuld dafür geben würde, dass die Saat nicht richtig aufgeht. Kann der Boden sich etwa selbst kultivieren? Aber genau das wird doch hier behauptet, dass nämlich die Menschen einmal dafür zur Rechenschaft gezogen werden sollen dafür, dass sie so geblieben sind, wie Gott sie geschaffen hat. Sie sollen für alle Ewigkeit dafür in der Hölle gequält werden, dass sie eine völlig unglaubwürdige Botschaft nicht geglaubt haben! So ein Schwachsinn!“ dachte ich.

Norberto hatte mal in einer anderen Predigt gesagt: „Ich würde selbst meinem schlimmsten Feind diese Strafe nicht wünschen“. Aber dem Gott der Liebe traut er also diese Bosheit zu? Warum sind die Christen nur bereit, solche unverdaulichen Kröten zu schlucken? Warum drücken sie beide Augen zu und weigern sich, ihr Glaubenskonstrukt auch nur mal einen Moment kritisch zu hinterfragen? Ich wollte es wissen und schrieb dem Norberto am Sonntagnachmittag einen Brief:

Lieber Norberto, Du wirst Dich sicherlich sehr wundern, dass ich Dir schreibe, anstatt dass ich es Dir mündlich sage. Nun, manche Gedanken kann ich ehrlich gesagt besser formulieren, wenn ich es schriftlich tue, weil mir dann zum Nachdenken mehr Zeit bleibt. […] Du hast heute u.a. über Joh.3:16 gesprochen, wo es bekanntlich heißt: „Also (wörtl. Auf diese Weise, derart, folgendermaßen) hat Gott die Welt geliebt…“ Mit anderen Worten: Er hat sie NICHT EINFACH SO bedingungslos geliebt, sondern Er stellt eine Bedingung, nämlich den Glauben daran, „dass Er Seinen eingeborenen Sohn gab…“ Tatsächlich? Aber wer konnte das von Gott verlangen? Wer konnte dies Gott zur Bedingung stellen? Wenn Gott doch selbst alle Macht hat, wer konnte dann solch ein Opfer von Ihm einfordern? Und wem dies nicht gelingt zu glauben, die kann Gott angeblich nicht mehr lieben? Gott schafft es nicht mehr, sie auch noch zu erretten? Welch ein Armutszeugnis, das Gott hier von den Autoren der Bibel ausgestellt wird! Und Gott findet sich scheinbar damit ab, dass die Mehrzahl Seiner Geschöpfe für immer verloren geht, obwohl Er sie doch angeblich alle erretten will, aber nicht in der Lage dazu ist.

Ob die Bibel wirklich Gottes Wort ist, muss sich an ihrer Glaubwürdigkeit beweisen. Machen wir uns nicht schuldig, wenn wir etwas glauben wollen, was doch eigentlich unglaubwürdig ist? Als man vor kurzem in Österreich eine Frau mit drei von ihren sieben Kindern aus einem geheimen Kellerverlies befreite, wo sie 24 Jahre lang von ihrem eigenen Vater gefangen gehalten und tausende Male von ihm vergewaltigt wurde, da fragte man ihn, wie er ihr das antun konnte. Seine Antwort lautete: „Ich habe meine Tochter geliebt und wollte sie vor dem Bösen bewahren. Wenn ich sie nicht geliebt hätte, dann hätte ich sie ja auch töten können und niemand hätte es bemerkt.“ Diese ungeheuerliche Logik finden wir aber auch in Joh.3:16. Obwohl es eigentlich selbstverständlich sein sollte, dass Gott Seine Geschöpfe liebt und vor Schaden bewahrt, ist Er angeblich erst dann dazu bereit, wenn sie auch Seine Bedingungen erfüllen; andernfalls aber räumt Er sich das Recht ein, sie quälen oder töten zu dürfen. Wenn man bedenkt, dass Gott ja selbst die ewige Verdammnis geschaffen hat, dann ist das Rettungsangebot Gottes doch mindestens genauso zynisch wie die von Joseph Fritzl beteuerte Liebe zu seiner Tochter Elisabeth. […] Vielleicht kannst Du deshalb auch verstehen, dass es mir immer schwerer fällt, an den Gottesdiensten teilzunehmen, da ich die Lehre der Bibel nicht für das Wort Gottes halte, sondern für eine von Menschen erdachte Irrlehre. Es hat also wirklich nichts mit Euch zu tun, denn ich habe Euch alle wirklich sehr liebgewonnen, aber ich kann mein Gewissen nicht ständig unterdrücken und mich zum Schweigen zwingen, wo ich doch eigentlich Farbe bekennen sollte…“

Ich hatte mich also entschieden, nicht mehr am Gottesdienst teilzunehmen. Die Zeit der Heuchelei und Schauspielerei sollte jetzt vorbei sein. Lange genug hatte ich auf andere Rücksicht genommen, jetzt sollten auch sie mal auf mich Rücksicht nehmen. Es ist doch eine Zumutung, von mir zu erwarten, dass ich mir Woche für Woche eine Predigt anhören sollte, bei der ich fast das Kotzen bekäme. Das wäre so, als würde man zu einer Veranstaltung von Neonazis hingehen, wo ständig nur Lobhudelei auf das Deutschtum gepredigt wird, während man alle anderen Völker zum Teufel jagt. Ich hatte zwar schon die letzten 6 Jahre nicht mehr an die Existenz des biblischen Gottes geglaubt, aber die Zeit war gekommen, dass ich diesen unerträglichen Glauben bekämpfen musste. Ich hatte mir in den letzten drei Jahren schon einiges an „Munition“ besorgt aus Büchern gegen den christlichen Glauben, z.B. Richard Dawkins „Der Gotteswahn“ oder Franz Buggles „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“. Jetzt wollte ich offen den Kampf gegen das Christentum antreten. Ich sah mich schon als großen Aufklärer, und freute mich bei der Vorstellung, dass ich mit all meinem Wissen nun eine nützliche Aufgabe erfüllen könnte. Es war nun nicht mehr alles umsonst, was ich erlitten hatte, sondern ich konnte von jetzt an andere warnen als Kronzeuge, damit sie nicht den gleichen unheilvollen Weg beschreiten würden. So wie ich früher für das Evangelium missioniert hatte, wollte ich jetzt vor dem Evangelium warnen.

Doch dazu brauchte ich Verbündete. Im Internet wurde ich auf eine Institution aufmerksam, die sich Giordano-Bruno-Stiftung nennt. Deren Hauptredner Michael Schmidt-Salomon, der etwa in meinem Alter ist, war damals ständiger Gast in TV-Talkshows, wo er sich mit Kirchenvertretern einen verbalen Schlagabtausch lieferte. Ich schaute mir diese Sendungen an wie einen spannenden Boxkampf und jubelte jedes Mal innerlich, wenn Schmidt-Salomon seinen Gegnern mal wieder einen ordentlichen Seitenhieb verpasst hatte, z.B. mit dem Satz: „Die Menschenrechte sind nicht durch die Kirche in die Welt gekommen, sondern sind im Gegenteil gegen den enormen Widerstand der Kirchen errungen worden infolge der Aufklärung“. Auch nahm ich Kontakt auf zum „Verband der Freidenker und Konfessionslosen“ in Bremen und besuchte deren Chefin Ursula Leitzow (60). Ich erzählte ihr von meinem Werdegang, und sie lud mich zu einem Treffen ihres Vereins ein, um auch mal die anderen kennenzulernen. Zu meiner Überraschung kamen bei diesem Treffen gerade einmal nur 6 Personen zusammen. Ursel sagte damals zu mir: „Das liegt in der Natur der Sache: niemand hat Lust, sich als Atheist durch etwas zu identifizieren, woran er NICHT glaubt, sondern lieber durch etwas, an WAS er glaubt. Außerdem sind Freidenker sehr individuell und lassen sich deshalb kaum für ein gesellschaftliches Anliegen begeistern, weil sich ihr Leben eher um ihre eigenen Bedürfnisse dreht.“

In der kleinen Runde im Nebenraum eines Hotels ging es zunächst um den Wunsch, in der Innenstadt in regelmäßigen Abständen durch einen eigenen Büchertisch präsent zu sein – ähnlich wie es die Christen tun – um dadurch für eine bessere Trennung von Kirche und Staat zu werben. Um nicht den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei den Konfessionslosen um eine finstere Macht handelt, die die Welt in einen gottlosen Staat umstürzen wollen, schlug einer der Teilnehmer vor, man könne ein großes Plakat aufstellen mit dem Spruch: „Bei uns geht es mit rechten Dingen zu“. Ich fand den Spruch jedoch ziemlich blöd und sagte: „Das könnte man so verstehen, als wenn wir Rechtsradikale wären. Was haltet Ihr von dem Spruch: ‚Glaubst du noch oder lachst du schon?‘“ Da reagierten aber alle empört drüber und sagten: „Nein, auf keinen Fall! Wir wollen die religiösen Menschen doch gewinnen und nicht abschrecken!“ Ich dachte: „Nanu, diese Argumentation kommt mir doch bekannt vor… Aber erstaunlich, dass ich denen hier sogar schon zu radikal bin!“ Doch noch überraschter war ich dann, als zwei von ihnen berichteten von einem Besuch bei Pastor Helmut Langel. Dieser hatte sich ihnen klar als überzeugter Atheist geoutet, weshalb das 4-stündige Gespräch in einer sehr entspannten Atmosphäre verlief. Doch am Ende fragten sie ihn: „Sag mal, Helmut: Du bist genauso gottlos wie wir und denkst in allen Dingen exakt genauso wie wir; aber umso weniger können wir verstehen, warum Du noch bei diesem Sauhaufen Kirche mitmachst, anstatt auszutreten und Dich uns anzuschließen.“ Daraufhin soll Pastor Langel gesagt haben: „Weil ich in der Kirche mehr bewirken kann, als außerhalb der Kirche…“

Auch dieser Satz kam mir gut bekannt vor, denn er wurde ja auch von gläubigen Pastoren verwendet, um zu begründen, warum sie nicht die „Hure Babylon“ (Staatskirche) verlassen wollten. So wie diese hofften, dass sich durch ihre Mitgliedschaft noch das Evangelium ausbreiten könnte innerhalb der Kirche, so hofften die gottlosen Pastoren wie Langel, dass sich durch sie der Atheismus noch weiter ausbreiten könne, wenn sie nur in der Kirche blieben. Überhaupt gab es doch viele Gemeinsamkeiten zwischen engagierten Christen und engagierten Atheisten, denn beide sind Überzeugungstäter und beide hatten die Kirche als Feindbild, wenn auch aus entgegengesetzten Gründen. Mir aber waren die Atheisten zu langweilig und bieder. Sie hatten auch gar nichts gegen die Christen, sondern nur gegen die Kirche, und zwar wegen der Benachteiligung, da sie neidisch waren auf die staatliche Förderung durch Kirchensteuern, während sie selbst nichts bekamen. Ich wiederum hatte überhaupt nichts gegen die Kirche, sondern nur etwas gegen das Christentum. Man musste das Übel an der Wurzel packen. Aber dazu waren mir die Konfessionslosen zu harmlos, weshalb ich mir radikalere Christentums-Gegner suchen musste. Da erinnerte ich mich wieder an die Freimaurer, zu denen ich ja schon mal vor Jahren Kontakt aufnahm, als ich mich gerade vom Glauben abgewandt hatte. Ich rief also meinen damaligen Freund Carl-Ernst an und wir trafen uns regelmäßig. Ich erzählte ihm, dass meine Frau Ruth inzwischen mitbekommen hatte, dass ich überhaupt nicht mehr an Gott glauben würde, denn sie hatte Telefonate mitgehört, in welchen ich mich aufs Lästerlichste über Gott und die Bibel ausgelassen hatte. Carl-Ernst warnte mich, dass ich eine „wandelnde Zeitbombe“ sei und dass ich sofort aufhören müsse mit meinem Hass auf das Christentum, da ich sonst den Erhalt meiner Familie gefährden würde. Tatsächlich hatte Ruth mir schon des Öfteren angedroht, dass sie sich von mir scheiden lassen würde.


Die Weltwirtschaftskrise und der falsche Messias

Doch nicht nur in meiner Ehe gab es allmählich erste Risse und ein drohendes Scheitern, sondern auch die Weltwirtschaft geriet 2008 in erhebliche Turbulenzen. Nachdem mehrere Banken und Versicherungsunternehmen der USA schon in Konkurs gegangen waren wegen der faulen Immobilienkredite, drohte nun die „Kernschmelze“ durch eine fatale Kettenreaktion auf dem gesamten Globus. An einem Wochenende Mitte September schlugen die Banken Deutschlands Alarm, weil die Hongkonger Börse am Freitag so tief ins Minus gerutscht war, dass die Wahrscheinlichkeit eines gigantischen Ausverkaufs an den Börsen eine Panik auslösen würde unter sämtlichen Bankkunden Deutschlands und der Welt, indem alle gleichzeitig ihre Ersparnisse von ihren Konten räumen könnten. Die Bankiers forderten von Finanzminister Peer Steinbrück eine Schuldenübernahme der Hypo-Real-Estate-Bank und eine sofortige Generalbürgschaft des Staates für alle Sparguthaben bei allen deutschen Banken, das spätestens Sonntagabend über die Medien veröffentlicht werden sollte, um die Märkte weltweit wieder zu beruhigen. Steinbrück war jedoch wegen einer Urlaubsreise zunächst unauffindbar, so dass die Welt für mehrere Stunden am Abgrund stand, ohne dass dies überhaupt den meisten bewusst war. Ähnlich wie bei der Kuba-Krise im November 1962, als die Welt wegen eines drohenden Atomkrieges den Atem anhielt und im letzten Moment ein Einlenken des sowjetischen Präsidenten Chruschtschow den 3. Weltkrieg verhinderte, so stellten sich im September 2008 Merkel und Steinbrück in einer Pressekonferenz an jenem Sonntagabend vor die Kameras und verkündigten im letzten Moment, dass der deutsche Staat für alle privaten Sparguthaben bürgen würde und es deshalb keinen Grund zur Panik gäbe. In den Wochen danach beruhigten sich die Märkte und das Unheil war abgewendet.

Doch das eigentliche Problem, dass sich nämlich die Investmentbanken über Jahre der Weltwirtschaft bedient haben, um mit „billigem Geld“ wie in einem Spielcasino horrende Renditen zu erzielen und jetzt in der Krise plötzlich die Steuerzahler um Hilfe baten, um durch ihren Untergang nicht auch noch die ganze Welt in ein finanzielles Chaos zu stürzen, dieses Problem war noch lange nicht beseitigt. Um einen solchen Super-GAU wie im Herbst 2008 zukünftig zu verhindern, bräuchte es nicht nur einen „Europäischen Rettungsschirm“ (ESM), sondern auch viele neue Regeln, um die Zockerei der Reichen und Mächtigen einzudämmen. Damals machte allmählich eine Organisation immer mehr von sich reden, die sich „attac“ nannte und hauptsächlich aus linken Studenten, Intellektuellen aber auch vielen Hartz-4-Empfängern bestand. Sie protestierten auf den G7-Gipfeln gegen den „Raubtier-Kapitalismus“ und die unkontrollierte Globalisierung der Wirtschaft, durch welche ganze Volkswirtschaften in den Ruin getrieben oder ans Gängelband des Internationalen Währungsfonds gelegt werden wie z.B. Griechenland. Attac forderte die Einführung einer Finanztransaktionssteuer (Tobin-Steuer), um den Missbrauch von internationalen Geldgeschäften unattraktiv zu machen. Zudem sollten Steuer-Oasen ausgetrocknet werden und eine solidarische Ökonomie weltweit gewährleistet werden durch Mindestlöhne, Grundeinkommen etc. Ich fand diese Ideen sehr gut und entschloss mich deshalb, bei attac Mitglied zu werden und regelmäßig zu spenden.

Am 04.11.2008 gewann Barak Hussein Obama (47) dann als erster schwarzer Präsident der USA die Wahlen. Weltweit wurde er als „Weltpräsident“ (Spiegel) gefeiert und besonders die Deutschen feierten ihn 200.000 Menschen am 24.07.08 wie einen Messias. Die Erwartungen an seine Präsidentschaft waren so hoch, dass man ihm ein Jahr später sogar schon mit dem Friedensnobelpreis ehrte, obwohl er bis dahin noch gar nichts erreicht hatte. Allein sein Wahlspruch „Yes we can“ hatte die Leute so sehr verzaubert, dass sie ihm die Lösung all der gewaltigen Probleme in der Welt zutrauten. Für manche Gläubige in den USA war er schon deshalb der Antichrist. Manche hielten ihn wegen seines 2.Vornamens Hussein für einen Muslim und z.T. noch nicht einmal für einen Amerikaner, da sein Vater aus Kenia kam. Letztlich waren die Probleme so zahlreich und die Erwartungen an ihn so hoch, dass er sie nie hätte lösen können. Hätte er sie jedoch gelöst – so wie es vielleicht dem zukünftigen Antichristen gelingen wird – dann hätte man schon Obama zum Weltherrscher ernannt. So aber war sein Auftritt nur eine Generalprobe, und viel bewirken konnte er schließlich auch nicht.

 

Januar bis Juni 2009

Kappadozien

Um der Kälte und der Dunkelheit des Winters zu entfliehen, hatten Ruth und ich uns im Januar eine Reise in den sonnigen Süden gebucht, und zwar wieder in die Türkei, wo wir auch drei Jahre zuvor schon mal waren. Eigentlich wollten wir nach Peru reisen, aber dafür hatten wir kein Geld, aufgrund der herben Verluste in den letzten zwei Jahre, die uns um Jahre zurückgeworfen hatten. Stattdessen reichte es gerade einmal nur für eine dieser „Kaffeefahrten“, wo man eine Woche lang außerhalb der Saison in einem Billighotel jeden Tag ein Ausflugsprogramm geboten bekommt, das die Besichtigung touristischer Orte an den Vormittagen verbindet mit der Teilnahme an Verkaufsveranstaltungen am Nachmittag. Ich vermute mal, dass solche Reisen durch das Tourismusministerium des jeweiligen Landes gefördert werden, um die heimische Wirtschaft anzukurbeln. Meist sind es ja Rentner, die an solchen Reisen teilnehmen und sich dann vor Ort beschwatzen lassen, einen überteuerten, handgeknüpften Teppich, teuren Schmuck oder Lederwaren einzukaufen. Man ist zwar formal nicht zur Teilnahme an diesen Verkaufsveranstaltungen verpflichtet, aber durch den zweistündigen Bus-Stopp wird einem letztlich doch keine andere Wahl gelassen, da es ansonsten weit und breit nichts anderes gibt, um die Wartezeit zu überbrücken. Für den Veranstalter hingegen sind die Einnahmen aus diesen Verkaufsgesprächen der eigentliche Zweck der Reise, denn ohne diese würden sich diese außergewöhnlich preisgünstigen Busfahrten durch das Landesinnere inkl. deutschsprachiger Fremdenführerin und Übernachtungen mit Halbpension gar nicht lohnen. Wenn man jedoch tapfer den Verlockungen der professionellen Verkäufer widerstehen kann, bekommt man für sein weniges Geld eine ausgesprochen anspruchsvolle Studienreise geboten mit vielen interessanten Infos über das Land.

Der Flug ging zunächst nach Antalya und von dort mit dem Bus nach Side in ein Riesenhotel, das direkt am Meer lag. Zum Baden war es aber auch um diese Jahreszeit bei einer Außentemperatur von etwa 15 C noch zu kalt. Von Side aus war nun für die nächsten Tage eine Busreise quer durch Anatolien geplant, um bis nach Kappadozien zu gelangen zur türkischen Stadt Kayseri mit Übernachtungen auf der Reise. Es war zugleich eine spannende Reise durch die Geschichte über das Mittelalter und das Altertum bis zurück in die Uranfänge der Menschheit. Auf der Reise machten wir zunächst Station in einer Karawanserei, also einer Art Herberge für Menschen und Kamele aus dem Osmanischen Reich. Das erste Reiseziel war dann die Stadt Konya, dem biblischen Ikonium, wo Paulus und Barnabas von den Bewohnern zunächst vergöttert und dann gesteinigt wurden (Apg.14:1-20). Dort gab es im 13.Jh. einen berühmten persischen Sufi-Mystiker namens Dschalal ad-Din Muhamad Rumi – kurz Rumi genannt – (1207-1273), der ein großer Gelehrter und Dichter war. Eines Tages lernte er einen anderen Mystiker namens Shams Tabrizi kennen, zu dem er eine so starke spirituelle Bindung entwickelte, dass er am Ende allem entsagte und nur noch für Gott und die Liebe leben wollte. Seine Anhänger verdächtigten ihn daraufhin, auch eine heimliche homosexuelle Beziehung zu Shams zu pflegen, weshalb sie Shams aus Eifersucht ermorden ließen, damit ihr „Mevlana“ (Meister) wieder nur noch ihnen gehörte. Über den Tod seines geliebten Freundes trauerte Rumi dann viele Monate bis er eines Tages aufstand in seinem langen Gewand und sich pausenlos im Kreis drehte. Auch seine Anhänger begannen daraufhin ebenso zu tanzen, so dass dadurch die Derwisch-Bewegung entstand, die im Tanz die geistliche Vereinigung mit Gott sucht. Diese Geschichte fand ich damals so rührselig, dass ich sie mir gemerkt habe. Nach der Lehre Mevlanas (Rumis) ist die Liebe die Hauptkraft des Universums, so dass alle Wesen miteinander und mit Gott in einer harmonischen Liebesbeziehung stehen. Die Liebe zu Gott soll den Menschen dazu befähigen, auch alles zu lieben, was Gott geschaffen hat.

Am nächsten Tag fuhren wir durch eine sehr bizarre Felsenlandschaft und sahen überall kleine Berge, die nur etwa 10 – 20 m hoch waren und steil emporragten, wobei auf dem Gipfel häufig ein riesiger Felsen lag, so dass diese spitzen Hügel aussahen wie Pudelmützen. Ich fragte mich, wie diese riesigen Felsen überhaupt dort hinaufgelangen konnten. Aber die Reiseleiterin klärte uns auf: Vor Jahrtausenden war die Erdoberfläche hier viel höher gelegen und die Felsen lagen als Findlinge auf dem Boden verstreut. Dann aber wurde die vulkanische Erde allmählich durch Bodenerosion und Überschwemmungen „weggespült“ (wie der Grand Canyon), so dass am Ende nur jeweils dort das Erdreich erhalten blieb, wo es durch die Felsen geschützt war, die dann wie Zipfel einer Pudelmütze auf der Spitze liegen blieben. Da das Vulkangestein sehr viel Gaseinschlüsse hatte, war es zwar stabil, aber sehr leicht und porös. Deshalb hatten die Bewohner der Gegend schon vor 2.000 Jahren diese Zipfelberge genutzt, um sie zu Wohnungen auszuhöhlen, inkl. Fenstern und Türen. Die ersten Christen hatten in dieser Gegend von Kappadokien sogar ganze Kapellenräume in das weiche Tuffgestein ausgeschabt. Wir sahen mehrere solcher ausgehöhlten Bergkapellen, die an den Wänden schöne Wandmalereinen mit biblischen Figuren hatten. Die Gesichter der Personen waren jedoch später von den Muslimen größtenteils zerkratzt worden, da im Islam ja ein strenges Bilderverbot herrscht.

Nach weiteren zwei Stunden hielt der Bus plötzlich mitten in der Steppenlandschaft an. Die Reiseleiterin erzählte uns, dass wir nun zur größten Attraktion auf dieser Reise gelangt seien, und zwar zur Stadt Derinkuyu. Wir stiegen aus dem Bus aus, aber da war weit und breit nichts als ebene Steppe zu sehen mit ein paar Bergen am Horizont. Was sollte jetzt in dieser Ödnis Besonderes sein? Doch dann ging die Reiseführerin zu einer großen Bodenluke, die geöffnet war, hinter der sich eine Treppe befand, die hinabführte unter die Erde. Sie erklärte uns, dass sich hier mitten in der Wildnis eine riesige Stadt unter der Erde befindet. Sie ist mit einer Größe von 2.500 m² zwar nicht die größte unterirdische Stadt der Welt, jedoch mit einer Tiefe von 55 Metern und bis zu 18 Stockwerken zweifellos die tiefste von allen. Diese Stadt wurde vor etwa 4.000 Jahren von den Hethitern erbaut, wohl um sich vor Feinden zu verstecken, aber auch wegen des rauen Klimas mit einer Temperatur im Sommer von über 40 C und eisigen Minustemperaturen im Winter. Über Jahrhunderte wusste niemand etwas von der Existenz dieser Stadt, bis sie 1963 durch Zufall entdeckt wurde, als ein Mann die Kellerwand seines Hauses abriss und sich im dahinter liegenden Erdreich plötzlich ein Hohlraum befand. Er leuchtete mit der Taschenlampe hinein und entdeckte einen Gang, hinter dem sich ein Gottesdienstraum mit geraden Wänden und einer gewölbten Decke befand. In der Stadt mit ihren unzähligen Räumen und Tunnelgängen konnten bis zu 20.000 Menschen wohnen. In der Zeit des osmanischen Reiches wurde dieses Versteck hauptsächlich von Christen genutzt, um der Verfolgung und Ausrottung zu entgehen. Durch große Rollfelsen konnte man die Räume vor eindringenden Feinden verschließen. Bisher hat man erst 5 Etagen für Touristenbesuche freigegeben, da in den tiefer gelegenen Stockwerken noch archäologisch geforscht wird.

Am Abend kamen wir nach Kayseri, wo wir eine Moschee besuchten und fuhren von dort am nächsten Tag wieder zurück in unser Hotel nach Side. Wir besuchten in den Tagen danach noch eine Schmuckfabrik und eine Teppichknüpferei, wo man uns echte Seidenkokons schenkte. Dann flogen wir wieder zurück nach Deutschland und waren froh, soviel sehen zu dürfen ohne viel Geld bezahlt zu haben.

Anfang März rief mich auf einmal Mario Lieberenz (25) an, der in den Jahren von 2001 bis 2003 bei mir eine Ausbildung zum Maler und Lackierer gemacht hatte. Er erzählte mir, dass er nach seiner Ausbildung sich bei der Bundeswehr verpflichtet hatte und dann nach Afghanistan geschickt wurde. Dort habe er die letzten 5 Jahre gedient bis er vor Kurzem wegen einer Schlägerei „unehrenhaft“ entlassen wurde. Nun wolle er wieder als Maler arbeiten, erstmal nur für ein Jahr, um etwas Geld zu verdienen, und dann eine Fortbildung zum Malermeister machen. So verabredeten wir uns zu einem Vorstellungsgespräch und ich war sehr überrascht, wie viel Muskeln Mario inzwischen hatte. Er erzählte mir, dass das Body Building seine einzige Beschäftigung in den letzten Jahren bei der Bundeswehr war, da man ansonsten nicht viel machen konnte in Afghanistan. Mario fing dann am 17.03. bei mir als Malergeselle an, zusammen mit Fadi Shoushari und Peter Schönholz, die ja beide auch mal bei mir gelernt hatten. Am 01.04. stellte ich dann auch noch Andrey Tschernyaschuk ein, da die Auftragslage gut war.


Der neue Klassenlehrer

Unsere Tochter Rebekka (13) war inzwischen in die Pubertät gekommen und hatte in der Schule zuletzt z.T. relativ schlechte Noten geschrieben, besonders in Mathe und Englisch, so dass sie die Empfehlung fürs Gymnasium leider knapp verfehlt hatte. Auf der Realschule der Evangelischen Bekenntnisschule war der Unterricht nun deutlich anspruchsvoller und schneller als in anderen Schulen, so dass Rebekka das Gefühl hatte, den Anschluss zu verlieren. Ihr erstes Halbjahreszeugnis der 7. Klasse war alarmierend schlecht, so dass Ruth und ich mit Rebekka vereinbarten, dass sie von nun an regelmäßig von uns Hausaufgabenhilfe bekommen sollte. Ruth gab ihr nun regelmäßig Nachhilfe in Mathe und Biologie und ich kümmerte mich um Englisch und Deutsch. Dabei stellte ich schockiert fest, dass Rebekka bei weitem noch nicht dem geforderten Niveau entsprach, sondern noch extrem viele Fehler machte, besonders in der Rechtschreibung. Da Ruth mit ihrer neuen Arbeit als Kleintierphysiotherapeutin noch kaum Kunden hatte, machten wir Werbezettel und ließen auch ihr Auto bekleben mit Hunde- und Katzenaufklebern, die ich selbst gestaltet hatte. Doch da Ruth nachmittags nichts zu tun hatte, widmete sie sich von nun an mit Herzblut der Hausaufgabenhilfe für Rebekka.

Im Frühjahr 2009 war Elternabend, und ein neuer Klassenlehrer stellte sich vor: Andreas Imrau (28). Er wirkte auf uns hoch motiviert und hatte das ehrgeizige Ziel, die Unterrichtsqualität nicht nur anders, sondern vor allem viel besser zu machen. Noch bevor er offiziell antrat, hatte er den Klassenraum umgestaltet und modernisiert nach seinen Vorstellungen. Wenn die anderen Lehrer längst Feierabend gemacht hatten, saß er noch abends im Klassenraum und bereitete den Stoff für den nächsten Tag vor (da er nicht verheiratet war, wartete niemand zu Hause auf ihn). Während des Unterrichts war er dann immer voll in seinem Element. Mit höchster Virtuosität gewann er schon nach kürzester Zeit die Aufmerksamkeit und das Vertrauen seiner Schüler, die er mit der größten Hingabe und Leidenschaft unterrichtete. Rebekka war genauso angetan von diesem neuen Stil wie auch alle anderen Schüler (besonders die Mädchen dürften ihn angehimmelt haben, was in diesem Alter ja auch nicht ungewöhnlich ist). Es sprach sich schnell rum, dass der Herr Imrau ein ganz besonderer Lehrer sei…

Doch nach ein paar Monaten kam auf einmal auch Kritik auf am distanzlosen Führungsstil von Imrau. Die Schüler sahen in ihm inzwischen wohl eher einen Kumpel als eine Respektperson. Rebekka erzählte uns, dass er Schüler manchmal sogar bloßstellte oder sich lustig machte über sie. Aber auch die Schüler machten Scherze über ihn und nahmen ihn zum Teil nicht mehr so ernst. Das erinnerte mich sehr an meinen eigenen kumpelhaften Umgang mit meinen Azubis, sodass ich aufhorchte. Eines Tages kam Rebekka jedoch nach Haus und erzählte, dass die Schule den Lehrer Imrau gekündigt habe mit sofortiger Wirkung. Ich dachte: „Nanu!? Was ist denn jetzt passiert?“ Aber keiner wusste genau, warum. Schon bald darauf lud uns die philippinische Elternsprecherin Turisumi zu einem kurzfristig anberaumten Elterntreffen ein in ihre Privatwohnung. Alle hofften, Näheres zu erfahren, aber außer wilden Spekulationen wusste keiner so recht eine Antwort. Die resolute Elternsprecherin erklärte schließlich den betroffenen Eltern: „Ihr Lieben! Wir wissen nicht die Gründe, aber eines steht doch fest: Andreas Imrau ist mit Abstand einer der besten Lehrer, den wir uns für unsere Kinder wünschen konnten, und es ist doch wirklich eine Sauerei, dass man jetzt ausgerechnet ihn kündigen will, der sich für unsere Kinder so sehr eingesetzt hat. Das dürfen wir als Eltern aber nicht zulassen! Ich habe deshalb dem Schulleiter Balke gebeten zu einer außerordentlichen Versammlung, wo er unsere Fragen beantworten soll und unsere Forderung nach Rücknahme der Kündigung anhören und beherzigen soll. Deshalb haben mein Mann und ich hier eine Resolution geschrieben, die Ihr doch alle bitte hier unterschreiben möget.“

Alle waren sich völlig einig und siegessicher, dass die Schule die Kündigung nun rückgängig machen würde. Doch als dann ein paar Tage später das Treffen der Eltern mit der Schulleitung begann (zu dem Herr Imrau selbst nicht geladen war, ging Herr Balke nach vorne und sagte: „Liebe Eltern der Klasse 7b, es tut mir leid, dass durch die Kündigung von Herrn Imrau solch ein Aufsehen erregt wurde. Wir haben uns mit den Gegenargumenten ausgiebig befasst und sind als Schulleitung schließlich dennoch einstimmig zu dem Ergebnis gekommen, dass Herr Imrau die Klasse unmöglich weiter unterrichten kann. Leider können wir Ihnen die Gründe nicht nennen, die zu dieser Entscheidung geführt haben, da sie die Persönlichkeitsrechte unseres Kollegen gefährden und wir über die Vorfälle Stillschweigen vereinbart haben. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir es uns mit dieser Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht haben. Wir möchten wirklich nur das Beste für unseren Kollegen Imrau, aber Sie haben sicher schon mitbekommen, dass er sich keinen Gefallen damit tut, wenn er sich weiter so sehr überlastet mit den Anforderungen eines Klassenlehrers. Er ist noch jung und in einer bestimmten Entwicklungsphase, wo es schnell mal passieren kann, dass ein Lehrer die Distanz zu seinen Schülern und der Arbeit verliert und am Ende noch einen Nervenzusammenbruch bekommt. Ich bitte also um Ihr Vertrauen und Ihr Verständnis, dass unser Kündigungsbeschluss steht und nicht mehr verändert werden wird.“ Es entstand ein betretenes Schweigen in der Klasse. Einer der Väter hob den Arm und stellte die Frage, ob Herr Imrau denn die Kündigung hingenommen habe. „Er war natürlich nicht einverstanden damit,“ sagte Herr Balke, „aber da er Christ ist, wolle er die Kündigung akzeptieren und sie aus Gottes Hand annehmen.“ Danach war wieder ein langes Schweigen im Raum, das mich sehr irritierte.

Dann meldete ich mich zu Wort und sagte: „Ich bin ehrlich gesagt gerade ein wenig verwundert, dass wir alle hier so still bleiben und diese Erklärung einfach so hinnehmen. Denn wir hatten uns gerade vor knapp einer Woche zusammengesetzt und waren uns alle einig, dass wir diese Kündigung nicht akzeptieren werden, da wir mit dem neuen Klassenlehrer alle sehr zufrieden sind. Die Leistungen unserer Kinder haben sich alle deutlich verbessert, seit Herr Imrau die Klasse unterrichtet. Deshalb ist es doch überhaupt nicht einzusehen, dass er jetzt wegen irgendwas einfach gekündigt wird und wir noch nicht einmal den Grund dafür erfahren dürfen! Wir waren uns alle einig, dass wir das nicht akzeptieren wollen, deshalb bitte ich Euch, dass Ihr doch jetzt nicht schweigen möget, sondern Euch für Herrn Imrau einsetzt. Ich fände es deshalb gut, wenn wir jetzt eine geheime Abstimmung machen würden.“ Die Eltern schaute bedrückt auf dem Boden, als wenn sie gar nicht anwesend wären oder es sie nicht beträfe. Nur die Elternsprecherin Turisumi unterstützte mich: „Ja, das ist richtig, was Simon sagt, dass wir uns alle einig waren, Dirk. Wenn wir doch wenigstens die näheren Umstände erfahren könnten…“ Doch Herr Balke wiegelte ab: „Ich kann darüber wirklich nicht sprechen.“ Daraufhin erwiderte ich: „Aber es sind doch UNSERE Kinder, deswegen kann es doch nicht angehen, dass eine so wichtige Entscheidung einfach über unsere Köpfe entschieden wird! Wir sind doch schließlich in der Mehrheit!“ – Herr Balke lächelte mich an und sagte: „Herr Poppe, Sie haben doch einen Malereibetrieb, nicht wahr? Wie würden Sie es finden, wenn plötzlich die Kunden über ihre Personalentscheidungen abstimmen würden? Würden Sie das berücksichtigen, wenn die Kunden von Ihnen verlangen, einen bestimmten Mitarbeiter wieder einzustellen, den Sie zuvor aus gutem Grund entlassen haben?“ – „Das können Sie gar nicht vergleichen,“ sagte ich, „denn wir zahlen ja schließlich auch Schulgeld, und die Bekenntnisschule ist damals aus einer Elterninitiative hervorgegangen. Im Grunde sind wir Eltern es also, die zumindest ein Mitspracherecht haben müssen, da die Schule uns gehört!

Ich war mittlerweile sehr aufgeregt und mein Herz klopfte stark vor Wut. Herr Balke blieb jedoch ruhig und ignorierte mich einfach. Nun begannen aber auch die anderen Eltern, ihre Meinung zu sagen und es kam auf einmal zu einem regen Austausch zwischen dem Schulleiter und den Eltern. Am Ende fand man dann überraschenderweise einen Kompromiss: Herr Imrau durfte bleiben, aber ihm sollte ein zweiter Klassenlehrer an die Seite gestellt werden, damit Herr Imrau sich als Workaholic nicht ständig überlasten möge. Ein paar Monate später war ein Schulfest, und als ich Herrn Balke sah, ging ich auf ihn zu und entschuldigte mich, dass ich so aufgebracht war und keine Rücksicht genommen hatte auf die Gründe, die die Schulleitung möglicherweise zurecht zu diesem Entschluss bewogen hatten.


Der Kirchentag und die Buskampagne

Zu Himmelfahrt sollte der Evangelische Kirchentag in Bremen stattfinden. Dies brachte mich auf die Idee, mit einem antichristlichen Büchertisch präsent zu sein. Doch zwei Wochen zuvor teilte mir das Büro von „attac“ in Frankfurt mir, dass man auf dem Kirchentag mit einem eigenen Stand vertreten sein wolle und dass ich als ehrenamtliches Mitglied des Vereins doch beim Aufbau und dem Verteilen von Flugblättern behilflich sein möge. Da mein Einsatz jedoch nur für zwei Tage geplant wurde, hatte ich am dritten Tag immer noch Zeit, um mein eigenes Projekt zu verfolgen. Ich ließ mir also eine große Spanplatte, die ich zuvor weiß lackiert hatte, mit einem Spruch beschriften: „Glaubst du noch, oder lachst du schon?“ (in Anlehnung an eine damalige IKEA-Werbung „Wohnst du noch oder lebst du schon?“). Ruth durfte natürlich von all dem nichts erfahren, deshalb tat ich so, als würde ich die ganze Zeit über auf dem Kirchentag aktiv sein für „attac“. So fuhr ich am Donnerstagmorgen ins Hafengebiet, wo ich mit einem anderen Attac-Mitarbeiter verabredet war, um den Stand aufzubauen. Ich unterhielt mich mit dem Studenten über den Leitspruch über dem Stand: „Wir zahlen nicht für eure Krise!“ und fragte ihn, warum attac sich eigentlich so sehr über die globale Zockerei aufrege, wo doch die meisten von ihnen Hartz-IV-Empfänger und Studenten seien, die doch ohnehin keine Steuern zahlen. Er aber sprach von Solidarität mit jenen, die für Mindestlöhne schuften und sich finanziell kaum über Wasser halten könnten. Ein anderer mischte sich in das Gespräch ein und versuchte, mich von dem bedingungslosen Grundeinkommen für alle zu überzeugen. Mir wurde allmählich klar, dass attac doch ziemlich links orientiert ist. Es ging nicht nur um die Banken, sondern um den Kapitalismus als solchen.

So verteilte ich zwei Tage lang eine attac-Zeitung an die Besucher des Kirchentages, die über die Finanzkrise aufklärte und eine strengere Regulierung der Banken forderte. Auch Ruth und Rebekka kamen mich besuchen, und wir schauten uns zusammen die Stände an und aßen etwas. Aber am Sonntagvormittag baute ich meinen eigenen Stand am Hauptbahnhof auf mit meinem provokanten Spruch, der an einem Tapeziertisch gelehnt war, auf dem lauter atheistische und antichristliche Bücher auslagen. Darüber hatte ich ein Bild platziert, das ich ein paar Jahre zuvor gemalt hatte. Darauf war der Feuersee zu sehen unter einem schwarz bewölkten Himmel voller Rauch in welchem man schemenhaft zwei Throne sehen konnte, auf denen Gott und Jesus saßen. Links im Bild war eine Art „Kaimauer“ und ein haltender Zug aus dem nackte Menschen herausgetrieben wurden im grellen Scheinwerferlicht, das von Aufsichtstürmen herabfiel – so wie in Auschwitz (auf das ich anspielen wollte). Die nackten Menschen wurden sogleich in den Feuersee hinabgeworfen, in welchem die Menschen aller Hautfarben schrien und kein Erbarmen mehr fanden. Als meine Schwiegermutter damals das erste Mal das Bild sah, sagte sie: „Ah ya, están bañandose!“ („Ah ja, die sind am Baden“). Ich sagte: „Nein, Mamá, die sind in der Hölle!“ Das war meine ganz persönliche Abrechnung mit meiner Vergangenheit. Ich führte hier einen einsamen Kampf gegen das Christentum, vor dem ich jeden Menschen warnen wollte. Einmal sagte ein junges Ehepaar zu mir: „Was soll dieser Spott hier, von wegen: `Glaubst du noch oder lachst du schon?` - so als wenn dies Widersprüche wären! Ich glaube und ich lache! Ich kann sogar sagen, ich lache WEIL ICH GLAUBE! Verstehen Sie?“ Ich sagte: „Seien Sie glücklich, wenn sie einen glücklichen Glauben haben. Ich war lange Zeit gläubig und hatte damals nichts zu lachen.

Ein paar Wochen später kündigte sich die nächste Gelegenheit zur Provokation an: Die Giordano-Bruno-Stiftung hatte einen Bus gechartert, der durch ganz Deutschland von Stadt zu Stadt fahren sollte mit der Aufschrift: „ES GIBT mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit KEINEN GOTT!“ Die Aktion war begleitet mit Informationsständen und einer Stadtrundfahrt für Interessierte. Die Stiftung hatte schon im Vorfeld alle Atheisten aus Deutschland dazu aufgerufen, möglichst zahlreich zu erscheinen, um dadurch eine Art Gegenöffentlichkeit zum Kirchentag auf die Beine zu stellen. Ursprünglich wollten die Veranstalter sämtliche Busse von deutschen Städten mit diesen Aufklebern versehen, aber die meisten Busunternehmen weigerten sich, diese Kampagne zu unterstützen. In Bremen setzte sich sogar der Bürgermeister Böhrnsen höchst persönlich dafür ein, dass diese Atheisten nicht den guten Ruf Bremens als tolerante und religionsfreiheitliche Stadt gefährden sollten. Als die evangelikale Christenheit von diesem Vorhaben erfuhr, setzte sich sofort ein „Krisenstab“ zusammen und beschloss, dass man ebenso einen Bus chartern wolle, der dem Atheisten-Bus sozusagen auf den Fersen hinterherfahren solle mit dem Spruch: „Und wenn es Ihn doch gibt…? Gottkennen.de“. Für mich war dies natürlich DIE Gelegenheit, um meinen Unglauben zu bekennen und öffentlich zu verbreiten.

Ich erkundigte mich also, wann genau der Bus nach Bremen kommen würde und nahm mir schon mal Verteilschriften der Giordano-Bruno-Stiftung mit. Als der Bus dann kam, war die Enttäuschung groß: An der verabredeten Stelle standen gerade einmal nur 5 oder 6 andere Atheisten, die dem Aufruf gefolgt waren. Wir stiegen in den fast leeren Doppeldeckerbus und spürten den stillen Hohn und Spott, dem wir jetzt ausgeliefert waren. Aber ich wollte mich in meinem Unglauben nicht erschüttern lassen, sondern tapfer ausharren bis ans Ende der Veranstaltung. Ich sah mich inzwischen schon zweifellos zur Speerspitze des militanten Atheismus in Deutschland gehörig und ich hatte hier eine Mission zu erfüllen. Der Reiseleiter des Buses begrüßte uns und bedauerte die geringe Teilnahme, machte uns aber auch Mut und erklärte uns auf der nun anschließenden Stadtrundfahrt jene Sehenswürdigkeiten der Stadt, die einen speziellen Bezug zum Humanismus und zur Aufklärung haben. Nach etwa einer Stunde waren wir wieder am Busbahnhof, wo inzwischen ein Stand aufgebaut war mit atheistischen Werbetraktaten, die von Mitarbeitern der Stiftung zur kostenlosen Mitnahme angeboten wurden. Auf einmal sah ich jene christlichen Vertreter, die in Sichtweite einen Gegen-Stand aufbauten. Ich ging zu ihnen rüber und stellte mich den Brüdern als ehemaliger Christ und Missionar vor, der aber vor nunmehr 13 Jahren zu den Feinden des Christentums übergetreten war. Sie versuchten, mich zur Buße zu erneuern, aber es war unmöglich (Hebr.6:5). Stattdessen schoss ich mit unzähligen Argumenten schlagfertig und siegessicher gegen den christlichen Glauben und redete sie in Grund und Boden.

Doch als ich am späten Nachmittag wieder nach Haus fuhr, fühlte ich mich innerlich leer und todtraurig. Ich hatte so viel zu sagen, aber letztlich wollte keiner es hören. Am Ende würde ich einsam und verbittert sterben, da ich im Grunde ja nichts erreicht hatte. Denn wenn man keine Freunde hat, dann ist letztlich alles Mühen vergeblich. Selbst den Atheisten komme ich mir mit meinem Bibelwissen suspekt vor, und so richtig will mir eigentlich auch von ihnen keiner glauben, dass ich jetzt kein Christ mehr sei. Dabei hatte ich so sehr gehofft, dass jetzt alles anders werden würde. Mir war ja schon seit langem aufgefallen, dass sich mein bisheriges Leben immer in 6-Jahres-Zyklen verändert hatte: 1984 kam ich zum Glauben, 1990 hatte ich mich innerlich (und ein Jahr später auch äußerlich von dieser Sekte getrennt, 1996 hatte ich meinen Glauben an die Bibel verloren, 2002 hatte ich meinen Glauben an die Existenz Gottes verloren und letztes Jahr 2008 wollte ich doch zum Kämpfer gegen das Christentum voranschreiten. Aber wie sollte das gehen? Ich bräuchte Verbündete. Aber wie konnte ich diese finden? Vor ein paar Monaten hatte mein Bruder Patrick mir eine Internetseite eingerichtet, wo ich meine atheistischen Texte veröffentlichen konnte. Ich hatte der Seite den Namen „zeitaufzustehen.de“ gegeben (heute nutze ich diese Anschrift für meine evangelistische Seite). Aber es gab kaum jemand, der Verständnis hatte für meine Situation. Wo gibt es schon ehemalige Christen, die plötzlich sich bewusst abkehren vom Glauben und Atheisten werden? Nur solche könnten mich verstehen.

Doch dann fiel mir Florian Köhler (39) ein. Er ist der jüngere Bruder meines Freundes Manfred und war früher bei den Adventisten, bis er schließlich seinen Glauben verlor und Philosophie studierte. Ich rief Florian an und wir sprachen über die alten Zeiten und was aus uns geworden sei. Florian erklärte mir, dass er sich seit kurzem wieder als „Christ“ betrachte, seit er ein Buch gelesen habe vom Theologen Paul Tillich (1886-1965). Dessen rationalistische Überlegungen hätten Florian dermaßen angesprochen, dass er sich sagte: „So wie der Christ ist, so kann ich selber auch Christ sein“. Florian erklärte mir die Theologie Tillichs, der die Begriffe der Bibel neu und umfassend deutete als philosophische Symbole für unsere existentiellen Fragen über uns selbst, unserem Nächsten und Gott. Die Entfremdung des Menschen entspräche demnach dem Begriff der Sünde, und die Teilhabe des Menschen am universalen Leben wäre demnach die Erlösung. Während er redete, merkte ich, dass hier im Grunde die biblische Botschaft nicht nur ausgelegt, sondern missbraucht wurde, um die eigene Philosophie mit biblischen Begriffen zu ersetzen, die aber völlig sinnentstellt wurden. Vor allem lag diese Theologie gar nicht im Sinn der Bibelschreiber. Genausogut hätte man vielleicht auch die Mao-Bibel umdeuten können als Einführung in die Regeln der Marktwirtschaft oder Hitlers „Mein Kampf“ als Utopie für eine aufgeklärte und humanistische Weltverbrüderung. Nein, das war nichts für mich.

Derweil verschärften sich zuhause immer mehr die Spannungen, nicht nur zwischen Ruth und mir, sondern auch zwischen Rebekka und Ruth. Denn Rebekka war ja plötzlich in die Pubertät gekommen und verbrachte immer mehr Zeit mit ihren zahlreichen Freundinnen, bei denen sie bis spät abends blieb oder sogar übernachtete. Ruth hatte Rebekka vorgeschrieben, spätestens um 21.00 Uhr zuhause zu sein, aber oftmals überschritt Rebekka diese Zeit, so dass es Schreierei gab. Ruth machte sich Sorgen, dass Rebekka eines Tages vergewaltigt und ermordet werden könnte, zumal sie ein hübsches Mädchen war und die Medien häufig über Triebtäter berichtet hatten. Und dann hatte Rebekka mitbekommen, dass ich mir Musik und Hörbücher aus dem Internet herunterlud und wollte, dass ich dies auch für sie täte. Ich begann, Rebekka Hörbücher von mir zu leihen, die sie begierig verschlang. Damals kam auch die Vampier-Saga „Twilight-Biss zum Morgengrauen“ in die Kinos, die Rebekka bereits als Hörbuch konsumiert hatte. Irgendwann kontrollierte Ruth die Hörbücher und fand mit Erschrecken heraus, dass es auch erotische Szenen gab oder grausame Serienmorde von Psychopathen. Darauf stellte Ruth mich zur Rede, wie ich denn so verantwortungslos sein könne, dass ich Rebekkas Unschuld mit solchen ungöttlichen Geschichten verderben würde. Ich gab mich unschuldig, da ich ja gar nicht all diese Hörbücher gehört hatte und nicht wusste, dass sie auch Sex und Gewalt enthielten. Ruth verbot mir, ihr weiter Hörbücher und Musik zu leihen. Da Rebekka mich jedoch immer wieder drängte, gab ich sie ihr heimlich, zumal ich mir nichts dabei dachte. Als Rebekka einmal zu Ruth sagte: „Mama, Papa hat mir erzählt, dass es die Hölle und den Teufel in Wirklichkeit gar nicht gibt!“ da hatte ich das Fass zum Überlaufen gebracht. Ruth spielte damals immer häufiger mit dem Gedanken, sich von mir zu trennen und Rebekka mitzunehmen, da sie nicht wollte, dass sie durch mich geschädigt werden dürfe.

Doch auch in meiner Firma gab es inzwischen immer mehr Spannungen und Reibungen. Meine Lehrlinge schwänzten viel zu häufig unter dem Vorwand, krank zu sein. Zunächst versuchte ich, diesem Missbrauch durch eine jährliche Prämie von 600,- € entgegenzuwirken für denjenigen, der es schafft, ein Jahr lang mal nicht krank zu sein. Aber offensichtlich reichte dies nicht als Anreiz, denn die Lehrlinge machten auch weiterhin blau. Deshalb versuchte ich es auf die harte Methode und machte Kontrollbesuche bei ihnen. Als ich Marco Krull aber zweimal hintereinander nicht antraf, erteilte ich ihm eine Abmahnung. Als er daraufhin einmal wieder fehlte, schrieb er mir intelligenterweise: „Diesmal bin ich aber wirklich krank…“ ohne zu merken, dass er sich dadurch selbst in die Pfanne gehauen hatte. Ich sprach mit ihm und sagte, dass es so einfach keinen Zweck habe, da er innerhalb eines Jahres schon 30 mal gefehlt habe. Er sagte, dass er eigentlich ohnehin keine Lust mehr hatte zu der Ausbildung, da er sich Hoffnung mache, als Rapper Karriere zu machen und brach die Ausbildung ab. Bei Andre Suppas hingegen lohnte sich eine Kündigung hingegen nicht mehr, da er im Sommer ohnehin zusammen mit Nils Ahrend die Gesellenprüfung machte. Als ich ihm nach bestandener Prüfung gratulierte und den Werkstattschlüssel zurück erbat, sagte mir Andre in seiner rotzfrechen Art: „Nein, Simon, den bekommst Du erst, wenn ich von Dir all meine Papiere bekommen habe, denn ich kenne Dich, dass Du immer sehr vergesslich bist.“ Ich dachte, dass könne ja wohl nicht wahr sein und antwortete: „Hör mal, Andre, mit mir redest Du nicht so respektlos! Und Du gibst mir jetzt augenblicklich den Werkstattschlüssel, sonst werde ich Dich wegen Unterschlagung anzeigen.“ – „Mach doch, Digga!“ wahr seine Antwort. Darauf wandte ich mich ab, holte mein Handy raus und rief die Polizei. Als es anfing, in der Leitung zu klingeln, lief er mir hinterher und gab mir wortlos und mit zornigem Blick den Schlüssel. Doch als ich am nächsten Montag morgens zur Werkstatt kam, lag ein riesiger Traktor-Reifen auf einem meiner Firmenwagen. Da dieser über 50 kg wog, konnte Andre den nur mit Hilfe eines anderen hinauf gewuppt haben. Die Reifen hatte er mir zum Glück nicht zerstochen.


Juli bis Dezember 2009

Heiratsvermittlungen (Teil 1)

Doch nur die wenigsten Mitarbeiter waren nach ihrem Ausscheiden so undankbar, sondern mit vielen hatte ich noch Freundschaft oder sie behielten mich in guter Erinnerung, selbst wenn ich sie gekündigt hatte. Bereits im Sommer 2008 hatte ich ein Gespräch mit meinem ehemaligen Mitarbeiter Jörg Osterkamp, den ich zufällig bei McDonald traf und der sich zu mich an den Tisch setzte. Er sagte mir: „Simon, ich wollte Dich mal was fragen. Und zwar bin ich schon 35 Jahre und habe noch immer keine Frau gefunden. Ich werde ständig von Geschwistern aus unserer Gemeinde zu deren Hochzeit eingeladen, aber für mich hat sich bisher keine Glaubensschwester interessiert. Dabei bin ich doch wirklich nicht hässlich oder dick, sondern relativ gutaussehend und zudem ein netter und fröhlicher Typ. Ich weiß auch nicht, was ich falsch mache, dass ich bei den Frauen nicht ankomme. Deshalb wollte ich Dich mal fragen, ob Du mir nicht helfen könntest, vielleicht eine Frau aus Peru zu finden. Du hattest mir doch mal erzählt, dass Du die peruanische Freundin Deiner Frau mit einem Freund von Dir verkuppelt hattest. Könntest Du das nicht auch mal für mich tun? Ich wäre Dir sehr dankbar.“ Mir tat der Jörg sehr leid und ich versprach ihm, alles zu tun, was ich konnte, damit auch er eine Frau fände. Zunächst fragten wir mal im Spanischkreis mit einer Schwester Amparo, die in etwa in Jörgs Alter war, allerdings deutlich kleiner (wenn sie auf einem Stuhl saß, reichten ihre Füße gerade mal eben auf den Boden). Beim ersten Treffen mussten wir natürlich noch immer übersetzen, da auch Amparo kaum Deutsch konnte. Aber während Jörg regelrecht draufgängerisch war, sagte Amparo kaum etwas, als habe sie kein richtiges Interesse. So blieb es am Ende bei diesem einen Treffen, und wir mussten weitersuchen.

Daraufhin schrieb Ruth einen Brief an meinen Schwager Israel, ob er nicht mal unter den Gläubigen in Peru fragen könne, welche Glaubensschwester sich gerne mit einem deutschen Bruder verheiraten würde. Prompt kamen drei „Bewerbungen“, jeweils mit Foto und Lebenslauf. Die eine war Lehrerin, die andere Ärztin und die Dritte war Agrarökonomin, also alles studierte Akademikerinnen. Jörg entschied sich für die Ärztin namens Erika Condori, die eine weitläufige Verwandte von Ruth war. Das Problem war nun, dass Jörg nicht nur kein Spanisch oder Englisch konnte, sondern obendrein noch Legastheniker war. Die Bedeutung der Worte aus seinen ersten Liebesbriefen konnte ich nur mit viel Fantasie erraten, so dass eine Übersetzung ins Spanische sehr mühsam war. Deshalb bat ich Jörg, mir einfach zu diktieren, was er ihr schreiben wolle. Zum Glück war Jörg sehr unkompliziert und genierte sich nicht dabei. Ein paar Monate später reiste Erika dann nach Deutschland und wohnte bei uns. Wir luden Jörg ein zum Kaffee-und-Kuchen-Essen, damit er sie kennenlernen konnte. Um das Treffen zu entspannen, machten wir erst einmal ein Kartenspiel am Küchentisch. Doch nach einer halben Stunde sagte Erika auf einmal: „Eigentlich bin ich ja nicht zum Kartenspiel gekommen, sondern weil ich mit Jörg sprechen will“. Wir beendeten also das Spiel und Erika fuhr fort: „Simon, könntest Du bitte Jörg mal fragen, ob er sich vorstellen könnte, mich zu heiraten…“ Ich war überrascht, wie schnell Erika zur Sache kam und übersetzte es. Jörg grinste und schaute Erika in die Augen. Auch sie lächelte und Jörg sagte: „Ja, ich würde gerne“. Erika sagte: „Ich auch!“ und da war die Freude groß.

Es vergingen dann noch ein paar Wochen bis Erika und Jörg alle notwendigen Papiere beisammen hatten inkl. aller übersetzten und beglaubigten Urkunden, um zu heiraten. Sie hatten mich als Trauzeugen und Übersetzer zugleich bestimmt, und so geschah es, dass sie im Sommer 2009 vor dem Standesamt in Bremen sich das Ja-Wort gaben. Ein Jahr später hatten sie dann auch eine gemeinsame Tochter Daniela, und Erika erlernte in Windeseile die deutsche Sprache und schaffte sogar die Anerkennung um in Deutschland als Internistin in einem Krankenhaus zu arbeiten. Ruth und ich freuten uns über das Glück der beiden und fassten den Entschluss, dass wir auch noch die anderen beiden Frauen an deutsche Ehemänner vermitteln wollten, zumal Jenny (32) und Fanny (30) nicht nur leibliche Schwestern, sondern ebenfalls weitläufig mit Ruth verwandt waren (sie sind die Töchter von Ruths Cousine Melania). Wir überlegten, wer noch in Frage käme. Da fiel Ruth ein, dass sich der Schwager von Ingrid, einer Glaubensschwester aus Honduras, namens Uwe (50) gerade bekehrt hatte und sehnlichst eine Frau suchte. Da Uwe jedoch aufgrund eines Kindheitstraumas leicht autistisch war und geistig zurückgeblieben, hatte er nie eine Beziehung und war wegen seiner Arbeitsunfähigkeit auch in Frührente. Uwe wollte gerne Fanny heiraten und ließ ihr ganz spontan 800,-€ zukommen, sozusagen als eine Art Brautgeld. Unter Vermittlung von Ruth wurden Uwe und Fanny sich dann tatsächlich „handelseinig“, so dass Uwe bald darauf nach Lima reiste und seine 23 Jahre jüngere Braut heiratete. Als er sie jedoch später nach Deutschland bringen wollte, zweifelte die Deutsche Botschaft an der Echtheit der Beziehung und vermutete eine Scheinehe. Deshalb sollten beide zur Prüfung ihrer Liebe einer getrennten mündlichen Prüfung unterzogen werden. Zu diesem Zweck hatte Fanny dem Uwe alle möglichen Details aus ihrem Leben schriftlich übermittelt, die Ruth ihm übersetzt hatte. Da sich Uwes Intelligenz jedoch nur auf bestimmte Spezialgebiete beschränkt, nahm er zur Befragung einen Spickzettel mit, der jedoch bemerkt und ihm aus der Hand genommen wurde. Man wertete dies tragischerweise als Betrugsversuch und verbot daraufhin der Fanny die Einreise nach Deutschland (Fortsetzung folgt).

Aber auch Jenny, die Schwester von Fanny, suchte noch einen deutschen Mann. Deshalb telefonierte ich mit ihr und machte den Vorschlag, über eine christliche Partnersuchbörse im Internet einen Mann zu finden. Um registriert zu werden, musste sie eine ganze Menge Fragen beantworten, damit sichergestellt wäre, dass sie auch wirklich eine echte, d.h. bibelgläubige Christin sei. Während Jenny die Fragen beantwortete staunte ich nicht schlecht und sagte später zu Ruth: „Entweder ist Jenny wirklich eine Heilige oder sie hat doch reichlich übertrieben!“ Kurz darauf meldete sich ein Thomas aus Lörrach bei mir; wir telefonierten und ich erzählte ihm von Jenny. Er war ein 29jähriger Hilfsarbeiter und wohnte noch bei seinen Eltern. Leider konnte Thomas kein Englisch, so dass ich immer alles übersetzen musste. Jenny verliebte sich sofort in Thomas und auch er war nicht abgeneigt. Ich schrieb Thomas öfters und richtete ihm die Fragen von Jenny aus, aber statt mir diese zu beantworten, rief er mich immer nur an und hatte meine Fragen noch nicht einmal gelesen. Deshalb hatte ich einen Verdacht und fragte ihn: „Sag mal Thomas – ganz ehrlich: Kannst Du eigentlich lesen?“ Er gab zu, dass er es nicht konnte. Ich dachte: „O nein, schon wieder ein Bruder ohne Bildung! Was werden die Peruanerinnen nur von uns Deutschen denken! Dass wir alle scheinbar etwas plemplem sind.“ Aber Jenny machte das nichts aus, als ich ihr dies mitteilte, denn sie fand Thomas ansonsten attraktiv. Da Ruth und ich vorhatten, im Winter nach Peru zu fliegen, bot ich dem Thomas an, mit uns zusammen zu reisen, damit er Jenny kennenlernen konnte. Ich kaufte für ihn ein Flugticket und erklärte ihm den Ablauf der Reise. Thomas freute sich und war ganz aufgeregt. Doch schon eine Woche später rief er mich an und sagte alles ab, da er auf einmal eine panische Angst bekommen hatte. Er entschuldigte sich bei Jenny, dass er ihr Hoffnung gemacht hatte und erstattetet mir den Kaufpreis fürs Ticket. Jenny war am Boden zerstört. Wir mussten also jemanden anderes für sie finden (Fortsetzung folgt).


Meine 6. Perureise

Nachdem mal wieder fünf Jahre vergangen waren, wollte ich auf meiner 6. Perureise die Gelegenheit nutzen, um in Ecuador endlich mein Landhaus zu veräußern. Allerdings hatte ich die Hoffnung aufgegeben, es noch verkaufen zu können, sondern wollte es einfach verschenken an den Neffen meiner Frau, Jonatan Condori (23). Es sollte für ihn sozusagen ein Sprungbrett sein, um aus der Armut heraus zu kommen und besser ins Leben zu starten. Als wir deshalb Mitte Dezember in Peru ankamen, fuhr ich sogleich weiter nach Ecuador in Begleitung von Jonatan und seinem Bruder Joel (22). Als wir am nächsten Tag in Guayaquil ankamen, ließen wir unser Gepäck bei Familie Ramirez und gingen ins Stadtzentrum, um uns einen Anwalt und Notar zu nehmen. Ich erklärte ihm unser Anliegen und übergab ihm meine Eigentumsdokumente mit der Bitte, das Haus auf Jonatan zu überschreiben. Er erklärte mir, dass wir zur Grundstücksüberschreibung nach Daule fahren müssten, da dort das Grundbuchamt für das Landhaus in Laurel sei, und wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Als wir im Anschluss noch ein paar Besorgungen in der Millionenstadt erledigen wollten, wurde mir auf einmal ziemlich schlecht. Ich hatte starke Kopfschmerzen und mir war schwindelig. Beim Überqueren der Straße musste ich mich plötzlich übergeben. Wir suchten eine nahegelegene Arztpraxis auf und ich ließ mich untersuchen. Der Arzt stellte bei mir einen Blutdruck von 185 zu 130 fest und sagte, dass das viel zu hoch sei. Er gab mir eine Tablette mit einem Blutsenkungsmittel und ein Rezept mit. Als ich bezahlen wollte, sagte er mir, dass er dies gratis machen wolle, da es ihm eine Ehre sei, auch mal einen Gringo behandelt zu haben.

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Anwalt zu meinem Landhaus nach Laurel. Als wir gegen 10.00 Uhr ankamen, war Apollo Sanchez nicht zuhause, sondern nur seine Frau. Ich erklärte ihr, dass nun der Zeitpunkt gekommen sei, dass sie sich ein neues Zuhause suchen müssten entsprechend der Entschädigungsvereinbarung, die wir fünf Jahre zuvor geschlossen hatten, und dass ich am Nachmittag noch einmal wiederkommen würde, um mit Apollo zu sprechen. Dann fuhren wir zur Gemeindeverwaltung nach Daule, wo auch das Grundbuchamt lag. Unser Anwalt sprach mit der zuständigen Sachbearbeiterin, während wir im Wartebereich Platz nahmen. Nach etwa einer Stunde kam er wieder zu uns und erklärte, dass es zwei Probleme gäbe: Zum einen seien die Unterlagen nicht vollständig und zum anderen bestünde ein gewisses Risiko, dass ich mein Haus verlieren könne, da ich seit 15 Jahren keine Grundsteuer mehr bezahlt hätte und sich die Gesetzeslage verändert habe. Denn seit zwei Jahren gäbe es eine neue linksnationalistische Diktatur in Ecuador, die den Reichen und insbesondere den Ausländern den Kampf angesagt habe. So habe man neue Gesetze erlassen, die es den bis dahin unrechtmäßigen Grundstücksbesetzern der armen, indigenen Bevölkerung („invadores“) ermögliche, sich die Häuser und Grundstücke der reichen Ausländer einfach anzueignen, wenn sie diese schon eine Weile bewohnt hätten. Dies könne aber nur auf Antrag geschehen, und da Apollo Sanchez Analphabet sei und auch kein Geld für einen Anwalt habe, bestünde noch eine gute Chance, das Haus vor der Fremdaneignung zu schützen und die Eigentumsrechte auf Jonatan zu übertragen. Als wir jedoch nachmittags noch mal zum Haus fuhren, bedrohte uns Apollo mit einer Schrotflinte und sagte, er würde mich abknallen, wenn ich noch einmal „sein“ Grundstück betreten würde. Der Anwalt sagte mir jedoch: „Machen Sie sich keine Sorgen, denn wenn die Übertragung erst einmal durchgeführt wäre, könne man Apollo und seine Frau nötigenfalls auch mit Polizeigewalt aus dem Haus werfen“.

Wir fuhren also zurück nach Guayaquil in das Büro des Anwalts und machten einen Vertrag, damit der Anwalt sich in meiner Abwesenheit eigenständig um die Übertragung kümmern solle. Ich gab ihm dafür einen Vorschuss von 450 US$ und verabredete mit Jonatan, dass er etwa im März 2010 nach Abschluss der Formalitäten wieder nach Ecuador reisen solle, um dann in sein neues Haus zu ziehen. Jonatan war jedoch in großer Sorge, dass sich die inzwischen erwachsenen Söhne von Apollo an ihm rächen könnten. Ich beschwichtigte ihn, dass er das nicht so gemeint habe und man ihn mit etwas zureden leicht überreden könne zu einer Zusammenarbeit: „Wenn Du ihm gut zuredest, dann könnte er Dein Partner und Hausmeister werden, der Dir zeigen kann, wie man Reis anbaut. Du wirst ihn brauchen, um Dich überhaupt die erste Zeit hier zurechtzufinden.“ Doch Jonatan hatte kalte Füße bekommen und hatte Angst, ganz allein in diesem fremden Land zu leben. Ich sagte: „Schau mal, Jonatan, als ich so alt war wie Du, bin ich zum ersten Mal nach Südamerika geflogen, und das war auch für mich zunächst alles ungewohnt und fremd. Aber man gewöhnt sich schnell an die neue Situation. Du könntest Dir doch jetzt auch eine Frau nehmen und mit ihr zusammen dann diesen Neuanfang wagen. So eine Chance wie diese, dass Du ein so großes Landhaus mit 3,6 ha Grundstück geschenkt bekommst, solltest Du Dir nicht entgehen lassen!“ Jonatan sagte nichts mehr, aber ich spürte, dass er Angst hatte. Später stellte sich dann heraus, dass er tatsächlich einen Rückzieher machte und auf das Haus lieber verzichtete.

Als ich wieder zurück in Peru war, wollten Ruth und ich die Zeit nutzen, um auch mal in den Urwald zu reisen nach Puerto Maldonado, einem alten Goldschürfer-Dorf, das mitten im Amazonas-Regenwald liegt. Wir buchten einen Flug mit Übernachtung in einer Lodge, die Flussabwärts in einem Naturreservat namens Tambopata liegt in der Provinz Madre de Dios. Als wir nach zweistündiger Fahrt auf dem Motorboot durch den Dschungel am Ziel ankamen, ahnte ich, warum man die Region „Madre de Dios“ nannte, zu Deutsch „Mutter Gottes! [steh‘ uns bei!]“, denn es war so heiß und so viele Moskitos, dass ich dachte: „Hier werden wir es keine einzige Nacht aushalten, geschweige denn eine ganze Woche!“ Dieser Ort war so lebensfeindlich, als würde die Natur sich rächen an jedem Eindringling, der die Torheit besaß, hier her zu kommen. Warum hatten wir uns bloß auf diesen Wahnsinn eingelassen! Hier im Regenwald von Peru hatte der Regisseur Werner Herzog in den 70er Jahren seine Kinofilme mit Klaus Kinski gedreht („Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“), und man konnte gut nachvollziehen, warum Kinski immer so aggressiv und gereizt war. Hier gab es keinen Strom oder fließendes Wasser. Wir waren völlig durchgeschwitzt, denn die Luftfeuchtigkeit lag jetzt in der Regenzeit bei nahezu 100 %. Die Wege waren schlammig, der Schweiß lief mir in die Augen, und ich wäre am liebsten in den lauwarmen Fluss gesprungen, aber das hatte man uns verboten wegen der starken Strömung.

Am Abend teilte der Reiseleiter uns mit, dass er uns um 3.00 Uhr wecken würde, um eine Nachtwanderung zu machen durch den Urwald, da die meisten Tiere nachtaktiv seien. Wir schliefen in einer Hängematte, die von einem Moskitonetz umhüllt war. Selbst in der Nacht waren es noch über 30 C, aber immerhin gab es Regentonnen mit einer Schale, die man sich zum Duschen über den Kopf kippen konnte. Als wir in der Nacht aufbrachen, bekam jeder ein Stirnband mit einer Halogenlampe drin, damit wir im Stockdunkeln etwas sehen konnten. Schon nach wenigen Metern sahen wir eine dünne, rotorange Schlange, die genau auf Brusthöhe an einem Zweig hing. Wir waren aufgeregt und machten Fotos, doch im Laufe der Woche sahen wir noch so viele Schlangen, dass wir uns allmählich daran gewöhnten.

Tagsüber sahen wir bei den Wanderungen Affen, die sich uns auf ein Meter Entfernung nahten, um Bananen zu bekommen. Auch sahen wir riesige blaue Schmetterlinge, die immer entlang der Urwaldweg flatterten. Hinten an einem großen See gab es Fischotter, die wir allerdings nur mit dem Fernglas sehen konnten. An einem Tag fuhren wir morgens flussaufwärts zu einem Berg, an dessen Abhang wir jede Menge Aras sahen, diese rot-gelben Papageien, die sich am sandigen Abhang krallten und die Mineralien aßen. Auch sahen wir Mammutbäume, Frösche und Vogelspinnen, so dass wir jede Menge schöne Fotos machen konnten. An einem Tag hielt der Reiseleiter mitten im dichten Urwald an und schnitt einen Zweig von einem bestimmten Baum. Dann sagte er, dass jeder einmal eines von den Blättern in den Mund nehmen möge, um darauf zu kauen. Wir taten es und auf einmal spürten wir unseren Mund und Zunge gar nicht mehr. Aber nach etwa 3 Minuten kam allmählich das Gefühl wieder zurück, wie wenn nach einer Zahnbehandlung die Narkose nachlässt. Am Ende der Reise feierten wir Heiligabend bei Kerzenschein und Weihnachtsliedern mit Gitarre, was sehr schön romantisch war. Im Großen und Ganzen war es dann doch eine sehr schöne Reise geworden, die wir nicht so schnell vergessen sollten.

 

Januar bis Juli 2003

Grundformen der Angst

Im Januar fuhren Ruth, Rebekka und ich für eine Woche nach Barcelona in den Urlaub. Dort waren es trotz der Winterzeit +18˚C und Sonnenschein. Wir besuchten ein Tiefsee-Aquarium und einen Freizeitpark, wo wir unter freiem Himmel Schlittschuh laufen konnten. Beeindruckt war ich von der Kirche "La Sagrada Familia", an der schon seit 100 Jahren gebaut wird. Sie hat 18 Türme und ist im Stil der Neugotik und des Modernismus erbaut vom Architekten Antonio Gaudí (1885-1926). In Barcelona spricht man übrigens weniger spanisch, sondern hauptsächlich katalanisch, eine Mischung aus Spanisch und Französisch.

Als wir wieder zurück waren, musste ich mit meinen Lehrlingen wieder öfters Handzettel verteilen, da - wie jedes Jahr - im Winter die Auftragslage deutlich zurückging. Während des Verteilens hörte ich über meinen mobilen CD-Player meistens Hörbücher, die ich mir aus der Stadtbibliothek ausgeliehen hatte. Eines dieser Hörbücher hatte den Titel "Grundformen der Angst" vom Psychologen Fritz Riemann und war für mich äußerst erhellend, so dass ich es viele Male hören musste, um mir die Botschaft einzuprägen. Riemann weißt in seiner Untersuchung über Charaktertypologien nach, dass es im Prinzip vier Persönlichkeitsmodelle gibt, der sich alle Menschen zuordnen lassen. Im Gegensatz zur bekannten Temperamentenlehre des griechischen Arztes Galenos von Pergamon (Sanguiniker, Phlematiker, Choleriker und Melancholiker) unterteilte Riemann die Menschen nach vier Persönlichkeitsstrukturen, die sich aus ihren jeweiligen Grundängsten gebildet haben und die ich im Folgenden mal aus dem Gedächtnis wiedergebe:

1. Die depressive Persönlichkeit: Das sind Menschen, die von Kind auf Angst haben vor Ausgrenzung. Ihnen fiel es schwer, sich aus der elterlichen Geborgenheit zu lösen, weil ihnen der dominante Einfluss der Mutter oder des Vaters nicht ermöglicht hatte, eine eigene starke Persönlichkeit zu entfalten, sodass sie sich ihr Leben lang an andere Einzelpersonen oder Gruppen wie eine Klette anhängen, die ihnen dieses Gefühl von familiärer Geborgenheit ersetzen. Am liebsten möchten sie ihr eigenes Ich aufgeben und ganz im Anderen oder in der größeren Sache aufgehen (Partei, Verein, Gemeinde). Sich zu unterscheiden, anders zu denken und zu fühlen, mobilisiert bei ihnen Verlustängste, so dass sie bemüht sind, auf eigene Ideen zu verzichten und sich anzupassen. Da sie keinen Mut zur Eigeninitiative haben, entwickeln sie eine passive Erwartungshaltung. Sie mögen sich gerne für andere aufopfern und haben auch eine große Liebe und Empathie. Dies führt allzu oft zum Ausgebeutet-werden durch andere. Das Streben nach Wärme und Harmonie (Nuckelinstinkt) bringt solche Menschen oftmals dazu, dass sie schon früh anfangen mit Rauchen, Alkohol, Drogen oder anderen Süchten, die ihnen die Angst vor der Einsamkeit vorübergehend vergessen lassen. Wird dieses Bedürfnis nach Wärme und Nähe irgendwann nicht mehr ausreichend gestillt, kann dies bei ihnen zu einer echten Depression führen.

2. Die schizoide Persönlichkeit: Hierbei handelt es sich um Menschen, die das genaue Gegenteil von 1 sind, nämlich solchen, die eher Angst haben, von anderen Menschen vereinnahmt zu werden und sich deshalb gerne absondern. Leute mit einer schizoiden Persönlichkeitsstruktur haben in ihrer Kindheit eher die Erfahrung von Überforderung gemacht, weil ihre Eltern eine viel zu hohe Erwartung und einen Leistungsdruck auf das Kind ausgeübt haben, so dass es erst in der Stille und dem Alleinsein mit sich selbst Glück und Zufriedenheit erleben konnte. Ähnlich wie Autisten bevorzugen solche Menschen auch als Erwachsene lieber die Distanz zu anderen, meiden die Teilnahme an Veranstaltungen und fühlen sich erst am heimischen Computer oder beim Lesen eines Buches wohl. "Sein Streben wird vor allem dahin gehen, so unabhängig und autark wie möglich zu werden. Auf niemanden angewiesen zu sein, niemanden zu brauchen, niemandem verpflichtet zu sein, ist ihm entscheidend wichtig" (F. Riemann). Wird dieses Bedürfnis nach Privatsphäre dauerhaft nicht berücksichtigt, neigen solche Menschen zur paranoiden Schizophrenie.

3. Die neurotische Persönlichkeit: Darunter fallen jene Menschen, die eine permanente Angst vor Veränderung und vor der Vergänglichkeit haben. Deshalb entwickeln sie ein zwanghaftes Streben nach Stabilität und Gleichmäßigkeit, indem sie möglichst alles unterbinden, was sich ihrer Kontrolle entzieht. Solchen zwanghaften Persönlichkeiten wurde schon sehr früh der kindliche, lebendige Impuls nach Spontanität, Phantasie und Affektivität unterdrückt, indem ihr gesunder Wille durch übertriebene Regeln allzu sehr gedrosselt und gehemmt wurde. Ebenso können auch traumatische Schicksalsschläge in der Kindheit, die nicht verarbeitet wurden, dazu geführt haben, dass der Heranwachsende sich nach Ruhe und Frieden sehnt und erst durch das konsequente Einhalten von starren Regeln Halt und Orientierung erlebt. Solche Persönlichkeiten sind verständlicherweise äußerst treu und zuverlässig, sowohl in der Ehe als auch im Beruf. Sie reagieren jedoch zugleich eher gereizt auf Überraschungen oder Veränderungen, und da das Leben ständig im Fluss ist, haben sie immer irgendetwas zu nörgeln, vor allem an anderen, die weniger treu und zuverlässig sind wie sie. Neurotische Personen sind immer pünktlich, sparsam und verantwortungsbewusst und scheuen jedes Risiko. Sie geben Halt, vertreten Werte und bewahren Tradition. Ihre übertriebene Pedanterie kann bei erhöhter Belastung auch zu einer Zwangsneurose führen.

4. Die hysterische Persönlichkeit: Dies sind solche Menschen, die im Gegensatz zu Typ 3 sich eher vor der Verantwortung drücken, aber dafür sich mit Leidenschaft jeder neuen Herausforderung im Leben stellen und keine Angst haben vor Veränderung, sondern eher Angst haben vor der Erstarrung. Den hysterischen Persönlichkeiten ist ein großer Mut vor dem Unbekanntem zu eigen, mit dem sie zwar vieles erreichen, aber dabei auch oftmals über Leichen gehen, da sie wenig Rücksicht auf ihr Umfeld nehmen. Hysteriker sind bereit, jedes Risiko einzugehen, wenn es ihnen irgendeinen neuartigen Reiz verspricht; darin liegt aber auch ihre Verführbarkeit, da sie Versuchungen schwer widerstehen können. Sie scheuen das Notwendige und leugnen das Begrenzende, nicht zuletzt auch die Begrenztheit ihrer eigenen Möglichkeiten. Über die Konsequenzen eigenen Tuns mögen sie sich keine Klarheit verschaffen und neigen dazu, sich ihnen ideenreich zu entziehen. Pünktlichkeit und planvolles Handeln halten sie für kleinlich und überflüssig und sind auch für Kritik von außen eher immun. Ursachen für dieses Geltungsbedürfnis und diesen Drang nach Grenzerfahrung können neben der Verebung auch in der Wirkung von Vorbildern in der Kindheit, aber auch Rivalitäten in der Familie begründet sein. Kränkungen ihres Selbstwertgefühls werden oft mit heftigen Reaktionen der Rache beantwortet. Hysterikern gelingt es eher selten, sich aus der Identifikation mit ihren Vorbildern oder aus der Rebellion gegen sie lösen zu können. Dies hindert sie an der Entwicklung einer eigenständigen, unabhängigen Identität, so dass ihr Geltungsdrang im Extremfall narzißtische Züge annimmt.

Nachdem ich das Hörbuch zu Ende gehört hatte, war mir völlig klar, dass ich zur 4.Persönlichkeitsgruppe gehörte, denn alles traf zu 100 % auf mich zu. Jetzt wurde mir klar, warum es mir im Gegensatz zu anderen so schwer fiel, mich anzupassen oder unterzuordnen unter gesellschaftliche Konventionen, aber auch warum ich so einen Drang hatte, Neues auszuprobieren. War dies nicht auch die Ursache, warum ich mich im Christentum auf Dauer immer unwohler gefühlt habe? Vielleicht eignete ich mich charakterlich schon nicht für den Glauben, da ich mich nicht in eine Hierachie einzufügen vermag und auch nicht jahrelang die gleichen starren Regeln befolgen kann? Anderen gelingt dies schon deshalb viel besser, weil sie Angst haben vor Ausgrenzung haben ("Depressive") oder das Bedürfnis, das Vertraute zu bewahren, weil es ihren Wunsch nach Stabilität ("Neurotiker"). Aber auch "Schizoide" können ihren Wunsch nach Absonderung in bestimmten christlichen Sekten ausleben und ihre Not zur Tugend erklären, indem sie dies mit entsprechenden Bibelgeboten zur Absonderung rechtfertigen können. Aber für einen "Hysteriker" wie mich ist einfach kein Platz im Christentum, denn Individualität und der Drang nach Wandel widersprechen einfach den Anforderungen von Gehorsam und Treue. Ich erinnerte mich an die Vorwürfe der Brüder: "Simon kommt jede Woche mit irgendetwas Neuem!" Ich war für sie unberechenbar geworden, ein unzuverlässiger Eigenbrödler und eine Nervensäge. Auf Dauer wäre ich sicher immer nur ein Anstoß und Ärgernis für die Anderen geblieben, so dass es letztlich besser war, zu gehen.


Schwarzarbeit

Wenn man selber leichtfüßig, exzentrisch und risikofreudig ist, dann mag man auch Leute, die ebenso verrückt und chaotisch sind, wie man selber ist. Als im Frühjahr 2003 die Auftragslage wieder deutlich besser wurde, gab ich eine Stellenanzeige beim Arbeitsamt auf, dass ich einen gelernten Maler suchen würde. Es meldete sich u.a. ein junger Pole namens Piotr Hnidziuk (24), der reden konnte wie ein Wasserfall und irgendwie ziemlich komisch war. Er sagte, dass er zwar kein gelernter Maler sei, aber im Prinzip schon alles gemacht habe. Er brauche dringend Arbeit, habe aber keine Arbeitserlaubnis, da er Pole sei (Polen gehörte 2003 noch nicht zur EU). Ich entschied mich, ihn trotzdem zu nehmen. Erst zwei Wochen später, nachdem er bei mir angefangen hatte, bekannte mir Piotr, dass er noch nicht einmal eine gültige Aufenthaltserlaubnis in Deutschland hatte. Ich schimpfte mit ihm, dass er mir nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte, ließ ihn aber trotzdem für mich arbeiten, da ich das Risiko für überschaubar hielt.

Piotr war nicht der erste Schwarzarbeiter, dem ich vorübergehend Arbeit gab. Der erste war Walter Maul (ca. 35), ein Alkoholiker, dem vorne mehrere Zähne fehlten. Marco hatte ihn bei seinen Einsätzen als Streetworker für die Heilsarmee kennengelernt, und er half mir bei meinem Umzug. Allerdings war Walter infolge seines jahrelangen Alkoholkonsums etwas unterbelichtet, so dass ich mich schämte, ihn bei Kunden einzusetzen. Einmal schenkte ich ihm z.B. eine Deckenlampe, und Marco bot ihm netterweise an, diese in Walters Wohnung aufzuhängen. Dabei verursachte Marco jedoch einen Kurzschluss, den er nicht zu beheben wusste. Daraufhin bedrohte Walter den Marco (im halb angetrunkenen Zustand), dass er die Polizei rufen würde, wenn Marco ihm nicht den angerichteten Schaden wieder in Ordnung brächte.

Kurz darauf verlor Walter jedoch seine Wohnung und wohnte eine Zeit lang bei meinem Lehrling Sergej Eliseev. Eines Tages fuhr Walter stockbetrunken in der Straßenbahn und pöbelte die Ausländer mit rassistischen Sprüchen an. Als er dann plötzlich bei einer Fahrscheinkontrolle mal wieder als Schwarzfahrer erwischt wurde, verließ er frustriert die Bahn und torkelte zu Fuß zur Wohnung von Sergej. Dort angekommen schwadronierte er weiter mit Fäkalausdrücken über die Ausländer, so dass Sergej ihn zur Mäßigung aufrief, zumal auch er sich als Russe damit angesprochen fühlte. Daraufhin pöbelte Walter auch gegen die Russen und forderte ein ausländerfreies Deutschland. Das war für Sergej zu viel. Er stand auf, griff Walter am Arm und gab ihm zu verstehen, dass er ihn nicht länger in seiner Wohnung dulden würde und er sich woanders eine Unterkunft suchen solle. Walter griff daraufhin in seine Tasche und holte eine Dose Pfefferspray hervor, die er dem Sergej ins Gesicht sprühte. Als Walter kurz darauf hinausgeworfen wurde und im Treppenhaus landete, rief er sofort die Polizei. Zwei Polizisten kamen und ließen sich von Walter und Sergej nacheinander die Ursachen des Streits erklären. Daraufhin wurde Walter verhaftet, da der ungerechtfertigte Einsatz von Pfefferspray eine Körperverletzung darstelle.

Nicht alle Menschen haben die Gabe, ihre Anliegen durch simple Kommunikation zu vermitteln. Einer von diesen war mein Mitarbeiter Stefan Koch (33), der wegen seiner Schüchternheit so gut wie nie etwas sagte. Doch plötzlich erhielt ich einen Brief von einer Anwaltskanzlei. Man forderte mich darin auf, ihrem Mandanten Stefan Koch den noch ausstehenden restlichen Monatslohn vom Vormonat zu bezahlen. Ich ging daraufhin zu Stefan und sagte, dass es mir leid täte, dies vergessen zu haben, aber dass er doch deshalb nicht gleich einen Anwalt einschalten müsse. Er zuckte nur mit den Schultern, sagte aber nichts. Ich überwies ihm das Geld. Doch einen Monat später erhielt ich schon wieder Post von seinem Anwalt. Diesmal erinnerte man mich daran, dass ich das zusätzliche Weihnachtsgeld für Stefan auch noch nicht überwiesen hätte. Ich rief Stefan an, aber als ich ihn bat, er solle in Zukunft einfach direkt mit MIR reden und nicht jedes Mal gleich seinen Anwalt einschalten, legte er einfach auf. Dann fuhr ich zu seiner Baustelle, aber er war auf einmal abgehauen. Ich rief ihn noch einmal an und schimpfte mit ihm, dass er einfach ohne Erlaubnis die Baustelle verlassen habe. Daraufhin legte er wieder auf. Ich rief ihn wieder an und drohte ihm mit Kündigung, wenn er noch einmal auflege. Doch bevor ich ihm noch mehr sagen konnte, hatte er schon wieder aufgelegt und sein Handy dann ausgeschaltet. Stefan wollte offensichtlich, dass ich ihn kündigen sollte, und ich tat es.

Im Mai erhielten wir plötzlich Besuch von den Schwarzarbeitskontrolleuren, und zwar ausgerechnet auf der Baustelle, wo Piotr ganz alleine am Arbeiten war. Wahrscheinlich hatten Nachbarn einen Verdacht geschöpft und das Arbeitsamt alarmiert, weil Piotr nicht mit weißer Latzhose am Streichen der Fassade war, sondern nur einen sog. „Blaumann“ anhatte. Piotr sah die Beamten oben vom Gerüst aus, als sie aus dem Wagen stiegen und ging schnell auf die andere Gebäudeseite. Doch sie hatten ihn schon gesehen und liefen auf das Grundstück. Piotr kletterte hinter dem Haus schnell vom Gerüst herunter, sprang über die Hecke auf ein Nachbargrundstück und versteckte sich dort bis die Luft rein war. Er war um Haaresbreite einer Verhaftung entgangen.

Als Piotr mich dann anrief und mir erzählte, was passiert war, geriet ich in Panik; aber ich kam dennoch nicht auf die Idee, das „Arbeitsverhältnis“ mit Piotr unverzüglich zu beenden (zumal er ja auch mich „gerettet“ hatte und ich ihm zu Dank verpflichtet war), sondern ließ ihn fortan nur auf Baustellen im Innenbereich arbeiten. An die Fassade hingegen schickte ich am nächsten Tag meinen Mitarbeiter Paul Rauner, weil ich befürchtete, dass die wiederkommen könnten. Und tatsächlich berichtete mir Paul später, dass die Kontrolleure wiederkamen und seinen Sozialversicherungsausweis verlangten. Da er diesen nicht dabei hatte, nahmen sie ihn mit und fuhren mit ihm zu seiner Wohnung, wo er diesen zusammen mit seinen Lohnabrechnungen vorlegen musste. Dadurch hatte sich die Sache dann für die Kontrolleure erledigt.

Juli - Dezember 2003

Meine Diplomarbeit

Der Sommer 2003 war ungewöhnlich heiß. Ich erinnere mich, dass ich in Findorff im Auto fuhr und auf dem Thermometer 39˚C sah. Es waren wohl die ersten Anzeichen des Klimawandels, von dem damals noch niemand redete, da das Thema noch völlig unbekannt war. Einer der ersten, der schon 2006 damit an die Öffentlichkeit ging war der amerikanische Präsidentschaftskandidat Al Gore, der im Jahr 2000 gegen seinen Konkurrenten George Bush jr. bei den Wahlen knapp unterlegen war. Sein Buch hieß: „Die unbequeme Wahrheit“ und wurde später auch verfilmt.

Auch ich sollte im Sommer 2003 etwas schreiben, und zwar meine Diplomarbeit zum Abschluss meines Teizeitstudiums in Betriebswirtschaftslehre. Hierbei konnten wir uns aus allen BWL-Fächern ein beliebiges Thema wählen, über dass wir dann auf etwa 20 Seiten ein ausführliches Referat schreiben und später mündlich vortragen sollten. Da die BWL-Fächer z.T. ziemlich trocken und langweilig sind (z.B. Arbeitsorganisation oder Bilanzanalyse), wählte ich das Fach Marketing und schrieb eine Hausarbeit mit dem Titel „Privatkundenorientierte Werbung durch Handzettel“. Als ehemaliger Missionar lag mir das Thema „Werbung“ ja ohnehin am Herzen und ich hatte ja bisher selber gute Erfahrungen gemacht mit der Handzettelwerbung an die Briefkästen.

Es ging nur darum, zu begründen, warum Handzettel auch in der Zeit des Internets immer noch ein geeignetes Werbemittel waren und wie man Kunden besonders mit vorübergehenden Preisaktionen locken konnte. Ich selber begründete auf meinem Handzettel den Preisnachlass ja damit, dass ich mich gerade erst selbstständig gemacht hatte, so dass der Kunde schnell einsehen konnte, dass es mir bei der Preissenkung um Bekanntheit im Markt und Kundenbindung ging, so dass sie keinen Grund hatten zum Misstrauen. Dass ich die Preisnachlässe jedoch an Beispielen auf meinem Handzettel veranschaulichte, war schon eine ziemlich originelle Idee, die ich bisher noch auf keinem Werbeflyer von anderen Handwerkern gesehen hatte.

Ich schrieb damals:

Gute Ideen sind meistens gar nicht so verrückt, wie man meint. Sie sind für gewöhnlich simpel und naheliegend. Häufig kommen sie einfach schon bei der Beseitigung von Denkblockaden zustande. So war auch meine Idee nicht gerade weltbewegend, aber scheinbar doch recht erfolgreich:

Mir fiel auf, dass es scheinbar in allen Branchen eine gewisse Preistransparenz gibt, nur nicht gerade im Bauhandwerk. Reisebüros z.B. kleben ihre Schaufenster voll mit Billigflugangeboten. Auch Kaufhäuser und Baumärkte, ja überall wo man hinschaut findet man Preisaushänge, nur im Bauhandwerk herrscht noch immer eisernes Schweigen, nach dem Motto: „Über Geld reden wir nicht!“ Diese Gewohnheit stammt möglicherweise noch aus der Zeit der mittelalterlichen Zünfte, wo die einzelnen Bauhandwerker sich unter Todesandrohung zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet hatten. Ein anderer Grund könnte auch darin bestehen, dass viele Handwerksmeister nicht in der Lage sind, eine vernünftige Kalkulation zustande zu bringen, sondern stattdessen ihre Einheitswerte unreflektiert von ihren Vorgängern übernommen haben. Kein Wunder, dass es deshalb bei der Einholung von Vergleichsangeboten häufig geschieht, dass für eine und dieselbe Leistung Preisunterschiede von z.T. über 100 % resultieren können! Wenn dann mal ein junger Meister wirklich mit spitzem Bleistift daherkommt und den tatsächlichen Aufwand genau errechnet, dann folgt sogleich die bierselige Phrase: „Der macht ja unsere Preise kaputt!“

Meine Idee war also, dem Kunden gegenüber von vornherein mit offenen Karten zu spielen. Ich wollte ihn nicht in die peinliche Situation bringen, dass er sich mit völlig unrealistischen Preisvorstellungen an mich wenden muss, um zaghaft auszukundschaften, ob er sich einen Meisterbetrieb überhaupt leisten kann. Diese Offenheit hat zum anderen ja auch für mich den Vorteil, dass ich mir nicht mehr von geizigen Verbrauchern die Zeit stehlen lassen brauche, die „sich nur mal so informieren wollten“...

Mir war von Anfang an klar, dass ich unterdurchschnittliche Preise nur dann als taugliches Werbemittel verwenden kann, wenn sich durch diese zumindest noch meine variablen und meine Fixkosten decken ließen. Wie hoch der Fixkostenzuschlag insgesamt ausfällt, lässt sich natürlich erst nach einem Jahr exakt berechnen und kann bei Existenzgründern zunächst nur geschätzt werden. [...]

Ohne hier als ‚Nestbeschmutzer‘ angesehen zu werden, möchte ich an dieser Stelle nur einmal selbstkritisch feststellen, dass viele Malerbetriebe bei einigen Leistungen schon längst die Bodenhaftung verloren haben, indem sie diese völlig überteuert anbieten.

Besonders gravierend wird dies deutlich bei den Preisen für Fassadenanstriche: 1 m² Fassade zu streichen dauert eigentlich nur wenige Sekunden, doch man muss natürlich auch sämtliche andere damit verbundene Arbeiten und die Materialkosten auf den Quadratmeter-Preis umlegen, um zu einem realistischen Preis zu kommen. Das Preisberechnungsbuch des Malerhandwerks hat einen Aufwand von durchschnittlich 15 Minuten ermittelt für den gesamten Anstrich Aufbau – pro Quadratmeter. Bei einem Stundenverrechnungssatz von durchschnittlich 32,50 € pro Stunde für einen Malergesellen im Lande Bremen (Stand 2003!) und einer Materialkostenumlage von durchschnittlich 2,- €/ qm ergibt dies Preis/qm für Fassadenanstriche von ca. 10,- €. Tatsache ist jedoch, dass viele meiner Mitbewerber Preise von 15 € oder sogar mehr in Rechnung stellen. Und genau hier sah ich meine Chance!

Nachdem wir unsere ersten Fassaden gestrichen hatten, stellte ich erfreut fest, dass ich bei dem für mich selbst errechneten Angebotspreis von 7,50 € /qm immer noch ausgesprochen gut verdienen konnte und damit weit billiger war als meine Mitbewerber, die ich regelmäßig aus dem Rennen schicken konnte. Ein Beispiel: eine Fassade von zum Beispiel 200 m² konnte ich mit meinen beiden Lehrlingen an drei Tagen streichen für 1.500 € netto abzüglich der Materialkosten von circa 300 € blieb eine Wertschöpfung von 1.200 €, d.h. 400 € am Tag, abzüglich der geringfügigen Personalkosten (2 Lehrlinge) von maximal 100 € verblieb mir immer noch ein ansehnlicher Deckungsbeitrag von 300 € pro Tag. Nicht schlecht für den Anfang! Während ich dem Kunden also 1500 € zzgl. 16 % Mehrwertsteuer, also 1.740 € in Rechnung stellte, kamen meine Mitbewerber nicht selten auf Preise von 3000 € oder sogar 5.000 €. Diese Diskrepanz habe ich dann genutzt um sie in meinem Handzettel als Verkaufsargument zu nutzen: „Fassadenanstriche zum halben Preis!“ Die Reaktion der Kunden ließ nicht lange auf sich warten: ständig klingelte das Telefon, den ganzen Sommer über, wir hatten einen Auftrag nach dem anderen, auf einen Schlag war ich im Geschäft!

[...]  Ich habe zudem die Erfahrung gemacht, dass ich durch den Handzettel in gewissen Maße auch die „Spreu vom Weizen trennen“ kann. Die Kunden, die ich erreichen möchte, gehen nicht unbedingt ins Internet, wenn sie einen Maler suchen. Es sind meistens eben gerade Rentner, die überhaupt nichts mehr „suchen“ bzw. erreichen wollen, weil sie schon alles haben. Sie sitzen morgens um 9:00 Uhr am Frühstückstisch und studieren aufmerksam ihre Tageszeitung. Und weil sie so viel Zeit haben, schauen sie sich auch noch die Werbebeilagen an, um zu überprüfen, ob es irgendein interessantes Angebot gibt. Und dann finden sie plötzlich einen Zettel, wo ein junger Mann auf seine Betriebsgründung aufmerksam macht, und schon wird Ihnen ganz warm ums Herz. Sie erinnern sich an ihre große Zeit, als sie noch jung waren und noch kämpfen mussten um ihre kleine Familie. Oder Sie müssen an ihre Erwachsenen Kinder oder gar Enkelkinder denken, die sich vielleicht auch gerade selbstständig gemacht haben und deshalb auch die Erfahrung machen mussten, wie schwierig es ist in der heutigen Zeit. Wie viele ältere Kunden haben schon zu mir gesagt: „Sowas, was sie machen, das muss man ja wirklich unterstützen!“ .“

 Zu meiner großen Freude, erhielt ich für meine Hausarbeit die Note „gut“. In den anderen Fächern waren meine Noten nicht immer ganz so gut:

    • Betriebsorganisation                                                       befriedigend
    • Bilanzanalyse                                                                  befriedigend
    • Vertragsrecht                                                                   befriedigend
    • Volkswirtschaft                                                                gut
    • Marketing                                                                        sehr gut
    • Arbeitssicherheit                                                             gut
    • Arbeitsrecht                                                                     befriedigend
    • Arbeitsvorbereitung                                                         ausreichend
    • Kostenrechnung und Kalkulation                                    ausreichend
    • Mitarbeiterführung                                                           befriedigend
    • Steuern/ Sozialversicherungsfragen                               sehr gut
    • Zeitwirtschaft                                                                  ausreichend
    • Finanzierung                                                                  gut
    • Persönlichkeitsentwicklung                                            sehr gut
    • Verkaufstechnik                                                              befriedigend
    • Mitarbeiterauswahl befriedigend Steuerrecht                 befriedigend
    • Rechtliche Gestaltung des Betriebes                             befriedigend
    • Controlling                                                                      befriedigend
    • Betriebsplanung                                                             ausreichend
    • Materialwirtschaft                                                           gut
    • Rhetorik                                                                          sehr gut

Insgesamt hatte ich mit 78,5 Punkten eine befriedigende Note.

Im Sommer erhielt auch mein Lehrling Patrick Müncher die Ergebnisse seiner Zwischenprüfung:

Praktisch: 2                        Theorie: 4

Er hatte sich also ziemlich gut entwickelt und brachte auf den Baustellen eine anständige Leistung. Da ein Auszubildender deutlich weniger Kosten verursacht, entschied ich mich, noch einen weiteren Lehrling zu nehmen. Die Handwerkskammer nahm zwar meine Stellenanzeige an, forderte jedoch von mir, dass ich dann auch noch einen weiteren Gesellen einstellen müsste, da ich ja bereits 3 Lehrlinge hatte und nur einen Gesellen. Ich stellte also einen russlanddeutschen Gesellen namens Leonid Albrecht (23) ein. Und bekam dann von Arbeitsamt einen palästinensischen jungen Mann namens Fadi Shoushari (21) vermittelt der mit 10 Jahren nach Deutschland gekommen war und dem die Abschiebung nach Syrien drohte, wenn er nicht kurzfristig einen Ausbildungsplatz gefunden hätte. Fadi war ein sehr guter Lehrling und wurde später einer meiner besten Mitarbeiter.


Die Meistergründungsprämie

Im Spätsommer 2003 fand ich in der Beilage der Handwerkszeitung einen Flyer vom Bremer Senator für Wirtschaft und Häfen, der zu einem jährlich ausgeschriebenen Wettbewerb einlud, bei dem es eine sog. „Meistergründungsprämie“ in Höhe von 5.000,- € zu gewinnen gab. Handwerksmeister aus Bremen, die sich im Vorjahr selbstständig gemacht hatten, sollten ihr individuelles Unternehmenskonzept einreichen, mit dem sie am Markt erfolgreich gewesen sind. Eine Expertenjury würde die eingereichten Beiträge dann unter den Förderkriterien nach innovativen Ideen bewerten in den Bereichen Produktionsabläufe, Marketingkonzepte oder innerbetriebliche Strukturen. Ziel des Wettbewerbs war es, die Gründungspotenziale im Handwerk zu aktivieren, den Erwerb des Meistertitels als Qualitätsmerkmal herauszustellen und den Generationenwechsel voranzutreiben.

Grundvoraussetzung zur Teilnahme war, dass man sich mit seinem Meistertitel im Vorjahr selbständig gemacht haben musste. Ich dachte zuerst: „Schade! Wenn ich das eher gewusst hätte, dann hätte ich auf jeden Fall daran teilgenommen; aber ich bin ja jetzt schon seit 5 Jahren selbstständig und scheide deshalb von der Teilnahme aus.“ Doch dann fiel mir ein, dass ich ja im Lande Bremen tatsächlich erst seit einem Jahr selbstständig bin, und dass ich schon vorher mal in Niedersachsen selbstständig war, musste ja niemand wissen! Ich war wie elektrisiert, denn die 5.000,- € Gewinnerprämie konnte ich gut gebrauchen, um mir endlich mal einen neuen Firmenwagen zu leisten. Ich las mir noch mal die geforderten Inhalte des Unternehmenskonzeptes vor und überlegte, was ich schreiben könnte. Doch dann fiel es mir wie ein Geistesblitz ein: „Ich nehme einfach meine Diplomarbeit über den Handzettel als Werbe-Erfolgsgeheimnis und kürze den Text etwas, dann habe ich ja schon mein innovatives Erfolgsrezept!“ Ich freute mich über diesen genialen Einfall und kürzte meinen 20-Seiten-Text auf die 3 vorgeschriebenen Seiten und reichte ihn kurz vor Einsendeschluss ein.

Zwei Monate später erfuhr ich dann die sensationelle Nachricht per Post: ICH HATTE GEWONNEN! Genau genommen gehörte ich zu den 5 Gewinnern, die alle im Rahmen einer Festveranstaltung im September ihren Scheck über 5.000,- € erhalten sollten. Zu dem von der Sparkasse in Bremen veranstalteten traditionellen „Mahl des Handwerks“ waren viele Gäste aus Politik und Wirtschaft geladen, also Vertreter des Senats und der Handwerkskammer, sowie Professoren und Politiker, die zunächst einen Vortrag hielten zum Thema „Wird Deutschland die Wachstumsschwäche überwinden?“ Vor Beginn des großen Bufets überreichte dann der Bremer Bürgermeister und Wirtschaftssenator Hartmut Perschau (CDU) an uns die Urkunden mit den Schecks und gratulierte uns. Da wir selber auch eine kurze Rede halten sollten, bedankte ich mich für den Preis und wies darauf hin, dass die Lehrlinge im Handwerk mehr Geld bekommen sollten, um den Handwerksberuf attraktiver zu machen. Auch der Bremer Weser Kurier und andere Pressevertreter nahmen an der Veranstaltung teil, so dass ich zum ersten Mal auch in der Zeitung stand mit einem großen Foto. Von dem Geld kaufte ich mir einen gebrauchten Opel Combo (Kastenwagen) und ließ ihn mit meinen Firmendaten beschriften. Auch ließ ich mir Briefpapier mit meinem eigenen Logo anfertigen und Visitenkarten. Ich wollte endlich ein ernst zu nehmender Malereibetrieb in Bremen werden.


Der Fall Petersen (Teil 2)

Inzwischen war der Termin am Landgericht Westerstede gekommen, weil Herr Petersen ja Berufung eingelegt hatte gegen das Urteil, dass ihn zur vollständigen Zahlung meines Werklohns in Höhe von 2.673,75 € verurteilt. Ich wunderte mich, warum er überhaupt in Berufung gegangen war, denn der Fall war doch eigentlich so eindeutig. Doch als wir im Gerichtssaal Platz nahmen, sagte der vorsitzende Richter Kramarz schon vor Beginn der Verhandlung auf einmal: "Ach, Herr Petersen, so bald sieht man sich wieder!" Herr Petersen sagte: "Was soll das denn heißen!? Bin ich jetzt etwa vorverurteilt?" Dann wandte er sich an seinen Anwalt Zimmermann und fragte ihn, ob er den Richter vielleicht wegen Befangenheit ablehnen sollte. "Nun mal halblang, Herr Petersen!" sagte der Richter. "Ich habe doch lediglich festgestellt, dass wir uns doch vor Kurzem erst gesehen haben." Sein Anwalt flüsterte ihm dann etwas zu, was ich nicht verstand. Dann ging die Verhandlung los, indem unsere Namen verlesen und die Anträge der Streitparteien bestätigt wurden.

Doch dann kam plötzlich eine große Überraschung: Herr Petersen stand auf, holte aus seiner Hosentasche ein Bündel mit Geldscheinen hervor und sagte zu mir: "Herr Poppe, ich habe hier 500,- € in bar für Sie mitgebracht und mache Ihnen einen Vorschlag: Ich ziehe den Berufungsantrag zurück und gebe Ihnen das Geld hier, und dann ist der Fall erledigt. Was halten Sie davon?" Ich dachte, dass er mich wohl auf den Arm nehmen will und schaute zum Richter. Dieser lächelte mich an und sagte mit ruhiger Stimme: "Überlegen Sie sich das, Herr Poppe. Also ich hätte das Angebot ruhig angenommen." Jetzt war ich total verwirrt. Was wollte mir der Richter hier zu verstehen geben? Etwa dass ich den Prozess sonst verlieren würde? Aber das konnte doch gar nicht sein, denn der Fall war doch sonnenklar! Ich schaute zu meinem Anwalt und dieser sagte zum Richter: "Ich würde mich mal eben mit meinem Mandanten vor der Tür unterreden." - Wir gingen dann raus und Herr Peiler sagte: "Also, Herr Poppe, wenn Sie dieses Vergleichsangebot annehmen, dann haben Sie mit sauren Zitronen gehandelt! Stellen Sie sich nur mal vor, was auch noch alles an Kosten auf Sie zukommen wird, denn bei einem Vergleich müssen Sie ja die Hälfte aller Anwalts- und Gerichtskosten zusätzlich bezahlen!" - "Wie kommen Sie darauf, dass ich dem Vergleich zustimmen würde? Auf keinen Fall! Warum sollte ich!?" - Wir gingen wieder rein und gaben meine Entscheidung bekannt. Nach weiteren zähen Verhandlungen wurde Herr Petersen schließlich zur Zahlung des gesamten Betrages verurteilt.

Doch damit war der Fall leider noch längst nicht erledigt, denn Herr Petersen zahlte nichts. Als dann die Vollstreckung beantragt wurde, teilte mir mein Anwalt mit, dass Herr Petersen einen Offenbarungseid geleistet hatte. Jetzt wurde mir plötzlich klar, warum der Richter diese merkwürdige Andeutung gemacht hatte! Er wollte mich warnen, weil er schon wusste, dass Herr Petersen pleite war, mir es aber nicht sagen durfte! Ich rief meinen Anwalt an, um zu fragen, was ich jetzt noch machen könnte. "Nichts mehr, Herr Poppe. Es tut mir leid, aber diese Forderung müssen Sie jetzt wohl als uneinbringlich abschreiben. Das ist sicherlich sehr bedauerlich, aber da kann man leider nichts machen. Ihr Titel ist aber 30 Jahre gültig, und vielleicht können Sie den Betrag ja irgendwann in ein paar Jahren eintreiben." Ich dachte: "So eine Sauerei! Und jetzt ist er auch noch in Berufung gegangen und hat noch mehr Kosten produziert!" Ich fuhr mit bedrückter Stimmung nach Hause. Herr Peiler hatte mir alle Unterlagen mitgegeben, auch die vom Gerichtsvollzieher, weil der Fall ja jetzt erledigt war.

Ich blätterte in der Eidesstattlichen Erklärung und las die Fragen über die Vermögensverhältnisse, die Herr Petersen alle mit "Nein" angekreuzt hatte: "Verfügen Sie über einen Pkw?" - "Nein" - "Haben Sie innerhalb des letzen Jahres, vor dem ersten zur Abgabe der Eidesstattlichen Versicherung anberaumten Termin Gegenstände an eine der nachgenannten Personen entgeltlich veräußert?" Auch hier hatte Herr Petersen einfach mit "Nein" angekreuzt. "Aber das stimmt doch gar nicht!" dachte ich. "Wer soll das denn glauben, dass er als Firmenchef schon seit längerem keine Autos mehr besitzt! Da war doch ein ganzer Fuhrpark mit Firmenfahrzeugen. Hat er die etwa alle auf den Namen seiner Frau umgeschrieben? Außerdem wohnten da doch auch Mieter im hinteren Teil des Gebäudes. Also wird er doch Mieteinnahmen haben! Was soll das also?" Ich dachte, dass ich jetzt einfach mal Detektiv spielen müsse, um herauszufinden, ob er wirklich kein Einkommen mehr besitzt. "Aber selbst wenn er gelogen hat, dann würde er vielleicht eine Strafe bekommen, aber ich würde mein Geld trotzdem nie wiedersehen. Aber, was soll's! Der Typ darf nicht so ungeschoren davonkommen!"

Ich fuhr an einem Freitagnachmittag nach Feierabend noch einmal nach Rastede und fotografierte heimlich die Wagen mit ihren Autokennzeichen. Dann ging ich zum Hauseingang des Gebäudes und fotografierte die Klingelschilder. Dann rief ich bei den Mietern an und fragte sie, wer ihr Vermieter sei. Auch fragte ich bei der Polizei nach den Haltern der Fahrzeuge (man wollte mir jedoch keine Auskunft geben). Dann schrieb ich eine Strafanzeige gegen Herrn Petersen wegen einer falschen Eidesstattlichen Versicherung und wegen Kreditbetrug (denn er war ja schon pleite, bevor er mich beauftragt hatte). Ein paar Monate später erhielt ich Post vo Gericht. Die Staatsanwaltschaft hatte mich im Fall Petersen zum Zeugen geladen, denn man hatte inzwischen meine Angaben überprüft und festgestellt, dass Herr Petersen beim Ausfüllen der Eidesstattlichen Versicherung tatsächlich gelogen hatte.

Ich wartete zwei Stunden vor der Tür des Verhandlungssaals bis ich hereingerufen wurde. Die Richterin sagte mir: "Herr Poppe, Sie brauchen nicht mehr aussagen, denn wir haben inzwischen mit Herrn Petersen eine Vereinbarung getroffen. Wir hatten ihn vor die Wahl gestellt, ob er lieber verurteilt werden will zu einer Geldstrafe und dann als ‚vorbestraft‘ gelte, oder ob er lieber Ihnen den Betrag von 2.673,75 € in monatlichen Raten von 150,-€ bezahlen wolle, um einer Verurteilung zu entgehen. Er hat sich für das Zweite entschieden. Sie werden also von Herrn Petersen den Rechnungsbetrag in Raten bezahlt bekommen, und sobald er mit einer Zahlung in Verzug gerät, teilen Sie uns dies bitte mit. Denn sollte Herr Petersen irgendwann nicht mehr weiter zahlen, gilt diese Vereinbarung als nichtig und Herr Petersen würde am Ende doch verurteilt werden." - Ich war überglücklich. Wer hätte das gedacht, dass ich am Ende doch noch mein Geld erhalten sollte! Was für eine Demütigung für den arroganten Herrn Petersen, dass er jetzt vom Gericht zur Zahlung genötigt wurde!

Und tatsächlich erhielt ich dann in den folgenden zwei Jahren den offenen Rechnungsbetrag in Raten überwiesen, wenn auch unregelmäßig. Als ich irgendwann alles erhalten hatte, rief ich meinen alten Anwalt Herrn Peiler aus Delmenhorst an: "Hallo Herr Peiler, erinnern Sie sich noch an den Fall Petersen, wo Sie mir damals sagten, dass da nichts zu machen sei? Stellen Sie sich mal vor, dass ich jetzt doch mein ganzes Geld von ihm bekommen habe!" - "Tatsächlich? Wie haben Sie das denn angestellt?" fragte er. Und dann erzählte ich ihm die Geschichte, wie ich Detektiv gespielt hatte und am Ende von der Richterin meinen Lohn zugesprochen bekam. Da war er ziemlich verblüfft.


Januar – Juni 2004

„Immer auf der Suche“

Anfang 2004 bekam ich eine Einladung vom Fernsehsender SAT1, um als Talk-Gast in einer Mittags-Show teilzunehmen. Zuvor hatte ich mich in verschiedenen Internetforen gegen die Abtreibung ausgesprochen und dies mit vielen rechtlichen und biologischen Argumenten begründet. Jemand vom Fernsehen muss das wohl mitgelesen haben, weshalb ich gefragt wurde, ob ich als Abtreibungsgegner mich in einer Sendung zum Thema Abtreibung beteiligen würde. Man bot mir eine Aufwandsentschädigung von 150,- € und eine kostenlose Hotelübernachtung in Hamburg an, was ich gerne annahm.

 Solche Sendungen werden zwar mittags ausgestrahlt, aber schon Wochen zuvor abends aufgenommen. Kurz bevor ich auf die Bühne gehen sollte, kam ein Mann in den Warteraum, der mich offensichtlich „scharf machen“ sollte, indem er mir in einem kurzen Gespräch beipflichtete und mich bat, meine Meinung rigoros und knallhart zu vertreten. Das tat ich dann auch. Auf die erste Frage der Moderatorin Sonja Zietlow, warum ich gegen Abtreibung sei, antwortete ich: „Weil es eindeutig MORD ist, eine staatlich legalisierte, aber nicht legitime Hinrichtung eines wehrlosen Kindes im Mutterleib!“ Als das aufgebrachte Publikum mich dann beschimpfte, fragte mich die Moderatorin, ob man denn einen Zellklumpen schon als Menschen betrachten könnte. „Biologisch gesehen ist ein Mensch schon vom Moment der Befruchtung der Eizelle an ein Mensch, da es danach keine Zäsur mehr gibt, sondern der Embryo schon das vollständige Entwicklungspotential eines Menschen besitzt.“ - „Aber der Embryo ist doch noch gar nicht allein lebensfähig, sondern noch völlig vom Stoffwechsel der Mutter abhängig. Warum sollte sie dann nicht entscheiden dürfen, ob sie ein Kind haben will oder nicht?“ - „Nicht, wenn das Kind bereits da ist. Außerdem hatte sie die Empfängnis ja schon mindestens billigend in Kauf genommen, als sie das Risiko eines ungeschützten Geschlechtsverkehrs auf sich nahm. Sobald aber ein neuer Mensch gezeugt wurde, hat die Mutter nicht mehr die Berechtigung, über das Lebensrecht ihres Kindes entscheiden zu dürfen, sondern trägt zumindest bis zur Geburt ihres Kindes eine Fürsorgepflicht. Wenn sie es nicht behalten will, kann sie es ja ohne Probleme in eine Pflegefamilie geben lassen, aber sie hat nicht das Recht, Ihr Baby aufgrund ihrer niederen Beweggründe zerstückeln zu lassen! Wenn man Menschen, die noch nicht eigenständig atmen und essen können, ihr Recht auf Leben abspricht, könnte man genauso gut auch alle Schwerstkranken, Behinderten oder Komapatienten umbringen.“ Die Diskussion ging dann hitzig hin und her, und mir wurde bald klar, dass man die Abtreibungsgegner gerne als herzlose Pharisäer hinstellen wollte, denn alle beschimpften mich auf die übelste Art und Weise. Als die Sendung dann zu Ende war, klopften die Fernsehleute mir dann aber auf die Schulter und lobten mich für meine Tapferkeit. Ich hatte meine Aufgabe als „nützlicher Idiot“ zu ihrer vollsten Zufriedenheit erfüllt.

Als im Frühjahr wieder die Nachfrage für Malerarbeiten gestiegen war und sich mein Auftragsbuch prall gefüllt hatte, stellte ich wieder Paul und Jörg ein, die ich im Vorjahr entlassen hatte. Auch meldete ich mich für einen neuen Lehrgang bei der Handwerkskammer an, der sich „Energieberater im Handwerk“ nannte und ein halbes Jahr in Abendkursen angeboten wurde. Da wir immer mehr Dämmaufträge bekamen, wollte ich mich auf diesen Bereich spezialisieren und den Kunden zusätzlich das Angebot machen, sog. Energiegutachten zu erstellen. Und wenn ich diesen Kurs hinter mir hätte, würde ich mich auch noch für den Lehrgang „Umweltberater im Handwerk“ einschreiben, denn Wissen ist Macht!

Eines Abends rief mich ein Reporter vom Weser Kurier an, der bei uns in der Nachbarschaft wohnte und gerne mal einen Artikel über meine Firma schreiben wollte. So lud ich Herrn Caron-Bleiker zu mir ein, und er machte ein Interview mit mir. Ich erzählte ihm, dass ich ursprünglich als Missionar und Kinderheimleiter in Südamerika arbeiten wollte, aber nach dem Scheitern des Projekts mich nun als Malermeister versuche, am Markt zu etablieren. Der Reporter machte dann einen wunderbaren Artikel mit der Überschrift „Immer auf der Suche“, der so positiv über meine Malerfirma berichtete, dass ich ihn ausschnitt und auf die Rückseite meines Werbeflyers drucken ließ. Da er ebenso im DIN A5-Format war, passte er auch genau da drauf.

 Unterdessen hatte mich mein Mitarbeiter Leonid Albrecht (24) zu seiner Hochzeit eingeladen in seine russlanddeutsche Pfingstgemeinde, was ich aus Neugier gerne annahm. Der Gottesdienst in der mit ca. 1.000 Gläubigen gefüllten Halle in Bremen-Mahndorf dauerte 3 Stunden, aber die vielen Kinder und Jugendlichen waren überaus ruhig und artig. Beim Gebet auf den Knien betete jeder gleichzeitig für sich, so dass ein großer Krach entstand, was ich gar nicht gewohnt war. Fast alle weinten im Gebet, auch der Leonid. Am Ende des Gottesdienstes bildeten die Geschwister dann eine lange Schlange, um das Brautpaar zu beglückwünschen. Dabei fiel mir auf, dass der Leonid den Männern immer auf den Mund küsste, was in Russland wohl eine ganz normale Begrüßungsgeste war. Als ich in der Schlange jedoch immer weiter aufrückte, wurde ich allmählich immer unruhiger. Der Leonid wird mich doch jetzt nicht auch gleich auf den Mund küssen? Schließlich bin ich doch sein Chef! Aber wenn er es gleich doch tut, weil er mich für seinen Bruder hält? Mein Herz klopfte und ich wurde immer nervöser. Als nur noch 10 Leute vor mir in der Schlange standen und das Küssen immer weiterging, stahl ich mich heimlich hinweg, ging hinaus und fuhr wieder nach Hause. Der Leo wird doch sicherlich Verständnis haben, dass ich schon etwas eher gegangen bin!


Tabula rasa

Inzwischen war meine Auftragslage so stark gestiegen, dass ich noch einen weiteren Mitarbeiter einstellte. Andrey Tschernyaschuk (32) war zwar kein gelernter Maler, aber als Russe war er ziemlich begabt und lernte sehr schnell das Malerhandwerk. Wegen der Trennung von seiner Frau, hatte er in den Monaten zuvor ein massives Alkoholproblem, aber er war durch Marco jetzt Christ geworden und wollte nun ein neues Leben beginnen. Ein weiterer Neuzugang war Jens Kellner (39), der wegen seiner krankhaften Hyperaktivität seine Stelle bei der Bundeswehr verloren hatte, aber ebenso als Christ jetzt einen Neuanfang wagen wollte. Jens war mir von Anfang an absolut sympathisch, weil wir den gleichen Humor hatten und meistens auch die gleiche Meinung.

Jens wunderte sich über meinen liberalen Führungsstil und war der Meinung, dass ich nicht streng genug mit den Mitarbeitern umgehe, da sie sich viel zu viel erlauben würden. Besonders die ständige Schreierei zwischen Marco und Patrick hätte er an meiner Stelle nicht durchgehen lassen, zumal Patrick als Lehrling viel jünger war und deshalb nicht so vorlaut sein dürfe. Da ich mich aber selber oft mit Marco stritt und mir bewusst war, dass er wegen seiner übertriebenen Strenge bei allen Lehrlingen unbeliebt war, hielt ich die Reibungen zwischen den beiden zunächst noch für nützlich, damit sie dadurch ihre eigenen Grenzen erkennen können.

An einem Tag explodierte jedoch die Situation: Patrick hatte mal wieder verschlafen und war wegen einer durchzechten Nacht verkatert, weshalb er sich zunächst krank meldete. Ich zwang ihn jedoch zu kommen und drohte ihm mit Kündigung. Wir tapezierten ein Treppenhaus über 3 Etagen, so dass Patrick sich im Keller während der Arbeitszeit des Öfteren heimlich zurück zog, um seinen Rausch auszuschlafen. Marco hatte das bemerkt, weshalb er Patrick nun an die ganz enge Leine nahm, um ihn zur Arbeit anzutreiben. Patrick fragte mich auf einmal: „Simon, könntest Du mir für diesen Monat noch mal einen Vorschuss geben? Das wäre echt nett, denn ich hatte viele Ausgaben...“ Ich sagte: „Ja, weil Du ständig in die Disco gehst. Du musst lernen, mit Deinem Geld auszukommen, deshalb kriegst Du keinen Vorschuss mehr. Wenn Du unbedingt Geld brauchst, dann mach doch einfach mal wieder einen Einbruch!“ Was eigentlich als übermütiger Scherz gemeint war, hatte Patrick wohl als ernst gemeinte Aufforderung zum Diebstahl verstanden, denn während wir weiterarbeiteten, nahm sich Patrick heimlich ein Bündel mit Geldscheinen, das er in einem Glas im Regal des Kunden fand und steckte es sich ein. Auf einmal entstand ein heftiger Streit zwischen Jens und Marco, in dessen Folge bei Jens die Sicherungen durchbrannten, so dass er hyperventilierend die Baustelle verließ. Ich lief ihm hinterher, um ihn zu beruhigen, aber Jens sah sich außer Stande, noch länger in meiner Firma zu arbeiten, da er diesen lauten und rauen Ton auf Baustellen nicht gewohnt war. Er meinte, Marco würde als ehemaliger Erzieher jeden Menschen nach seinen streng konservativen Ansichten erziehen wollen, und das könne er nicht ertragen.

Zwei Tage später riefen mich die Kunden an und teilten mir mit, dass sie bestohlen wurden. Da Patrick den Diebstahl nicht zugeben wollte, erstattete ich den Kunden den Verlust, aber erteilte Patrick eine fristlose Kündigung. Ich hatte nun endgültig die Nase voll von seinen Unverschämtheiten und wollte mich nicht mehr mit ihm rumnerven. Auch meinem Lehrling Volkmar gab ich zu verstehen, dass ich seine bereits verlängerte Ausbildung nicht noch einmal verlängern würde, falls er im Sommer durchfalle, nachdem er mich mal „Arschloch!“ nannte bzw. nach einer Moralpredigt einfach sagte:„Mach den Kopf dicht, Alter“. Ich wollte in Zukunft überhaupt keine deutschen Lehrlinge mehr ausbilden, weil die meisten strohdumm sind und z.T. auch noch rotzfrech. Mein palästinensischer Lehrling Fadi hingegen oder der Russe Andrey waren in jeder Hinsicht vorbildlich, sowohl ihre Leistung als auch ihre Umgangsformen.

Ich wollte meine Firma von Grund auf erneuern und machte einen Termin bei der zuständigen Unternehmensberaterin. Frau Heinemann (ca. 60) schaute sich meine Unternehmenszahlen der letzten 3 Jahre an und stellte fest, dass meine Firma sowohl im Umsatz als auch im Gewinn jedes Jahr um 50 % gestiegen sei. Was könne man da also noch verbessern? Am Ende fiel ihr dann noch eine „Verbesserungsmöglichkeit“ ein: „Schreiben Sie doch einfach auf Ihren Handzettel: ‚Bei uns arbeiten nur Deutsche!‘ Das könnte bei der älteren Kundschaft ein entscheidendes Verkaufsargument sein.“ Ich erschrak über diesen unverhohlenen Rassismus, obwohl sie es nur gut meinte. „Aber ich habe auch Ausländer unter meinen Mitarbeitern. Soll ich diese etwa entlassen, damit meine Firma wieder rein arisch wird?“ Wir verabschiedeten uns.

„Es gibt keinen Weg zurück“

Damit Rebekka Freundinnen in einer christlichen Gemeinde findet, wollten Ruth und ich neben der spanischen Gemeinde, wo wir samstags hingingen, auch noch in eine deutsche Gemeinde gehen. Wir entschieden uns für die „Bibelgemeinde“, eine Art freie Brüdergemeinde, die ganz in der Nähe von uns war, um dort von nun an regelmäßig hinzugehen. Ruth freundete sich bald mit einer Schwester Ilse an, die immer sehr freundlich und hilfsbereit war, und ich suchte den Kontakt zum Prediger Peter Groll, um mit ihm ein seelsorgerisches Gespräch zu haben. Mir ging es nämlich seelisch nicht mehr so gut, da ich mich ziemlich überlastet fühlte. Der neue Lehrgang hatte begonnen, und ich kam nach der Arbeit kaum noch mit der Büroarbeit nach, zumal auch immer mehr Kundenanfragen kamen.

Ich bekannte dem Peter, dass ich in Wirklichkeit gar kein Christ mehr sei, aber dass er das niemandem verraten solle, da es mir sehr peinlich wäre. Denn alle in der Gemeinde hielten mich ja für einen Bruder, und ich genoss dieses herzliche Klima und wollte nicht, dass sie von mir enttäuscht wären. „Ich habe ja auch einen Glauben, Peter, aber dieser wird von den allermeisten Christen leider nicht anerkannt. Ich fühle mich deshalb wie das hässliche junge Entlein oder wie der Hitlerjunge Salomon.“ - „Aber warum kehrst Du dann nicht einfach zu Gott zurück und bittest Ihn, dass Er Dir erklären möge, was Du jetzt noch nicht verstehst?“ - „Nein, Peter, das ist leider unmöglich; es gibt keinen Weg zurück mehr. Ich hatte es schon versucht, aber es funktioniert einfach nicht. Es kann schon sein, dass es einen Gott gibt, aber die Bibel kann unmöglich sein Wort sein, denn sie hat aus meiner Sicht zu viele Logikfehler“. Peter versuchte dann noch kurz, mich vom Gegenteil zu überzeugen, merkte dann aber auch, dass es keinen Sinn hat. Wir verabschiedeten uns.

Ironischerweise lief in jenen Tagen häufig ein Lied von Peter Heppner im Radio, dass den Titel trug „Kein zurück“. Darin hieß es u.a.:

„Dein Leben dreht sich nur im Kreis
So voll von weggeworfener Zeit
Deine Träume schiebst du endlos vor dir her
Du willst noch leben irgendwann
Doch wenn nicht heute, wann denn dann?
Denn irgendwann ist auch ein Traum zu lange her

Immer vorwärts Schritt um Schritt
Es geht kein Weg zurück
Was jetzt ist wird nie mehr ungeschehen
Die Zeit läuft uns davon
Was getan ist ist getan
Und was jetzt ist wird nie mehr so geschehen.

Ach und könnte ich doch
Nur ein einz'ges Mal
Die Uhren rückwärts drehen
Denn wie viel von dem
Was ich heute weiß
Hätte ich lieber nie gesehen...“

Während ich nach Feierabend täglich mit unserem Hund Bobby spazieren ging, um den großen See in der Nähe unseres Hauses zu umrunden, wollte meine Tochter Rebekka (8) mich immer begleiten, damit ich ihr eine Geschichte erzähle. Meistens erzählte ich ihr Geschichten aus der Bibel, aber oft auch einfach nur, was ich früher als Kind oder Jugendlicher erlebt hatte. Rebekka war ein sehr aufgewecktes Mädchen und hatte in der Schule auch schon ihren ersten Freundeskreis, von dem sie mir immer ausführlich berichtete, wenn wir spazieren gingen. Aber ihre mit Abstand beste Freundin war ihre Klassenkameradin Marlene, mit deren paraguayischen Eltern Carlos und Olga wir gut befreundet waren. Eines Tages kam Rebekka nach Hause und sagte: „Papa, die Klassenlehrerin Frau Linz hat heute ein Kind gehauen!“ Ich dachte: „Na ja, was Kinder immer so erzählen...“ Wie sich später noch herausstellen sollte, würde dies kein Einzelfall bleiben.

Ein paar Wochen später, als ich gegen Mittag von der Arbeit nach Hause kam, war Ruth sehr aufgebracht. Sie erzählte mir, dass Rebekka heute von ihrer Klassenlehrerin geschlagen wurde und sogar noch eine rote Wange hatte, als Ruth sie nach der Schule abholte. Ich war fassungslos und konnte es kaum glauben. Wir leben doch nicht mehr im 19. Jh. sondern im 21. Jh., wo jede Lehrerin wissen sollte, dass sie sich strafbar macht, wenn sie ein Kind schlägt. Susanne Linz war zudem gläubig und unterrichtete an einer christlichen Schule - was für ein Skandal und Rufschädigung, wenn das die Öffentlichkeit erfahren würde! Ruth war so wütend, weil dies ja auch nicht das erste Mal war, dass dies passiert sei. Sie verlangte, dass ich sofort den Leiter der Grundschule, Herrn Seggelmeier, anrufen möge, um mich zu beschweren.

Ich rief dann an und beklagte mich, dass wir es ungeheuerlich fänden, dass unsere Tochter von der eigenen Lehrerin geschlagen wurde, und das auch noch in einer christlichen Schule! Er lud uns ein zu einem gemeinsamen Gespräch mit Susanne Linz. Dies fand dann auch kurz darauf statt. Susanne beschwor uns dann aber, dass sie Rebekka nicht geschlagen hätte, sondern nur gesehen habe, wie Rebekka und ihre Freundin Marlene, die nebeneinander saßen, mal wieder während des Unterrichts miteinander Kopf an Kopf getuschelt und gekuschelt hätten. Sie habe dann einen Schritt auf die beiden zubewegt und „die Köpfe von einander weggedrückt“, um den beiden zu signalisieren, dass sie nicht so viel schwatzen sollten, während des Unterrichts. Dieses „Wegdrücken“ müsse wohl etwas energischer gewesen sein, so dass Rebekka es als Ohrfeige empfunden haben müsse. Da wir mit Susanne Linz über meine Mutter miteinander befreundet waren, haben wir uns mit dieser Erklärung zufrieden und ließen es dabei bewenden. Als Christ soll man ja vergeben und niemandem etwas nachtragen...


Krankhafte Rachegedanken

Obwohl ich inzwischen alles erreicht hatte und meine Firma recht gut lief, war ich dennoch unzufrieden und misslaunig. Vielleicht lag es an der aggressiven Musik, die ich ständig hörte, oder aber an der schlechten Zahlungsmoral von einigen meiner Kunden, keine Ahnung. Aber ich hatte ständig eine rasende Wut in mir, die ich kaum noch zu unterdrücken wusste. Ähnlich wie bei König Saul konnte allein die Musik meine gestaute Aggression in mir bändigen, aber irgendwann merkte ich, dass dies nicht mehr normal war. Zunächst dachte ich an einen „Burn out“ (d.h. eine Überlastungsdepression), weshalb ich mit Ruth und Rebekka eine weitere Reise nach Peru plante für den Sommer. Doch Ablenkung allein konnte meinen tiefliegenden Frust nicht beseitigen.

Ich hatte z.B. sehr häufig Rachephantasien, wie ich es Kunden heimzahlen könnte, die mich ganz oder teilweise um meinen Lohn geprellt hatten. Auf der letzten Seite meines Tagebuches hatte ich eine Liste von sämtlichen Leuten, an denen ich mich irgendwann demnächst rächen müsste, um meinen Zorn wieder zu besänftigen. Ich stellte mir vor, dass ich an einem Tag X - einen Tag, bevor wir auf Nimmerwiedersehen nach Südamerika fliegen - eine „Nacht der Rache“ ausüben würde, in welcher ich an allen Personen, die mir Schäden zugefügt hätten, eine von mir individuell ausgedachte Bestrafung vollstrecken würde, z.B. einen Eimer schwarze Bitumenfarbe auf deren Terrasse gießen, oder Abbeizer auf das Autodach kippen oder deren Auto am besten gleich mit Benzin übergießen und anzünden würde. All diese Vorstellungen gaben mir eine Genugtuung und Erleichterung. So muss es wohl auch Saul ergangen sein, als er David verfolgte. Z.T. hatte auch ich sogar Folter- und Mordphantasien, so dass mir irgendwann klar wurde, dass ich mal einen Psychologen aufsuchen sollte. Als ich dies mal meiner Mutter anvertraute, empfahl sie mir den Psychologen Dirk Ludorf aus Osterholz-Scharmbeck, weil er bibelgläubig sei und sie bei ihm auch schon in Therapie war. Ich rief ihn also an und vereinbarte einen Termin. Bei dem ersten Treffen erzählte ich ihm 50 Minuten lang meine Geschichte, und dann erklärte er mir 10 Minuten lang, was mit mir los sei. Diese 10 Minuten waren für mich aber äußerst aufschlussreich, so dass sich der Stundensatz von 60,-€ für mich voll gelohnt hatten:

Zunächst einmal, Herr Poppe, muss ich Sie darauf hinweisen, dass ich für den Fall, dass Sie eine Straftat begehen wollen und ich Sie nicht davon abhalten kann, verpflichtet bin, dies den polizeilichen Behörden zu melden und in diesem Fall auch von meiner Schweigepflicht entbunden bin.“ Ich lächelte und erklärte mich einverstanden. Dann fuhr er fort: „Die Ursachen für Ihre extremen Richtungsänderungen liegen in Ihrer Angst begründet. Früher hatten Sie Angst vor dem Licht, weshalb Sie sich dieser Angst stellen wollten und Christ wurden. Als Sie dann ‚im Licht‘ ankamen und feststellten, dass diese Angst unbegründet war, wollten Sie als nächste die Finsternis kennenlernen, um auch Ihre Ängste vor dieser zu überwinden. Solange man nicht die äußersten Extreme ausgekundschaftet hat, bleibt bei Angstpatienten immer eine latente Unsicherheit bestehen, dass noch irgendetwas ausgelassen wurde. Es könnte also sein, dass sich Ihr Drang nach dem ‚ultimativen Kick‘ noch zu irgendeiner furiosen Tat steigern könnte, sich aber dann Ihr inneres Pendel wieder in die entgegengesetzte Richtung bewegen wird, bis Sie sich innerlich allmählich ‚auspendeln‘, um schließlich Ruhe und Frieden zu finden. Als christlicher Therapeut kann ich Ihnen versichern, dass dieser Friede allein in Gott zu finden ist, auch wenn Sie noch nicht an diesen glauben können. So wie auch der Heilige Augustinus mal sagte: ‚Rastlos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Gott‘.“ Er gab mir noch viele weitere Impulse, und ich verabschiedete mich in Dankbarkeit. Jetzt wusste ich endlich, wo ich stand und machte mir keine Sorgen mehr, dass ich vielleicht ein Psychopath wäre, der Lust am Bösen hätte. Ich bräuchte lediglich noch stärkere Reize, um irgendwann endlich genug zu haben von allem.


Juli - Dezember 2004

Schindler und Franziskus

Auf unserer 5. Perureise im Juli 2004 wollten wir auch mal einen Abstecher nach Ecuador machen. Doch als ich nun nach 9 Jahren mein Landhaus in Guayaquil besuchte, erkannte ich es kaum wieder: das von mir frisch gestrichene Dach war abgewittert und voller Algen und Pilze, überall im Haus hatte der Hauswächter Apollo seine Gerätschaften eingelagert und das gesamte Grundstück war voller Müll und gebrauchtem Toilettenpapier. Ich schimpfte mit Apollo, dass er ein schlechter Verwalter sei und wies ihn darauf hin, dass ich das Haus möglicherweise demnächst verkaufen würde. Aber auch wenn ich noch keinen Käufer hatte, wollte ich bei der Gelegenheit mit Apollo Sanchez wenigstens ein notariell beglaubigtes Abkommen schließen, dass er das Haus mit seiner Familie wieder verlassen würde, sobald sich ein Kaufinteressent fände. Eigentlich wäre dies ja eine Selbstverständlichkeit, zumal er in den letzten 12 Jahren auch keinerlei Miete zahlen musste für das Haus und das 3,6 ha große Grundstück. Aber Apollo verlangte darüber hinaus von mir eine Entschädigung - dafür dass er all die Jahre mein Haus kostenlos gehütet habe, und da er arm war, bin ich damit einverstanden gewesen. Wir gingen also gemeinsam mit ihm zu einem Notar, wo er gegen eine sofortige Zahlung von 100 $ und einer späteren Entschädigung von einmalig 800,- $ sich einverstanden erklärte, das Haus und Grundstück in Stand zu setzen und sich von den 800,- $ später eine neue Pfahlhütte zu bauen, um darin zu wohnen sobald eine deutsche Auswandererfamilie mein Haus kaufen würde. Er unterschrieb das Dokument mit seinem Fingerabdruck, da er nicht schreiben konnte. Auf der weiteren Reise besuchten wir noch viele Glaubensgeschwister und fuhren dann wieder nach Deutschland zurück.

Zuhause wartete jede Menge Arbeit auf mich, zumal mein Werbeflyer mit Zeitungsartikel mir massenweise neue Kunden beschert hatte. Da Patrick und Volkmar nicht mehr da waren, annoncierte ich bei der Handwerkskammer, dass ich wieder einen neuen Lehrling nehmen könne. Es stellte sich ein schlanker junger Mann namens Peter Schönholz (26) vor, der bisher von dem großen Erbe seiner verstorbenen Eltern gelebt hatte, aber nun endlich eine Ausbildung machen wolle. Ich fragte ihn: „Warum trägst Du ein großes Kreuz um Deinen Hals?“ - „Weil ich an Gott glaube“ sagte Peter. Diese Antwort gefiel mir gut, und ich nahm ihn. Um die deutlich gestiegene Büroarbeit aber überhaupt noch bewältigen zu können, bot ich bei der Stellenbörse der HWK zugleich auch noch einen Ausbildungsplatz zur Bürokauffrau an. Da fragte mich die Ausbildungsberaterin bei der HWK, wie groß denn mein Büro zuhause sei. „9,00 m²“ antwortete ich. „Dann können Sie leider niemanden ausbilden, denn die Arbeitsstättenverordnung schreibt vor, dass ein Büro mindestens 10,00 m² groß sein muss, damit Sie dort jemanden ausbilden können.“ Also inserierte ich beim Jobcenter für eine Bürokauffrau, woraufhin sich viele Damen bewarben. Zufällig las aber auch die Ehefrau meines Freundes Richard Werner aus der Christusgemeinde mein Stellenangebot, und da Ingrid auch gerade einen Wiedereinstieg ins Berufsleben beschlossen hatte, nahm ich sie (als „Geringfügig Beschäftigte“). Zugleich stellte ich aber auch noch meine bisherige Buchhalterin Helga Sander ein, die bisher (seit 2001) meine monatliche Einnahme/Überschussrechnung auf Honorarbasis angefertigt hatte, da es sonst zu teuer wäre.

Im August 2004 hatte ich dann auf einmal ein Schlüsselerlebnis: Eines Abends sahen wir uns einen Videofilm an über das Leben des Franz von Assisi. Besonders bewegend war für mich die Szene, in welcher er eines Abends am Strand einem Leprakranken seinen wertvollen Mantel schenkte, weil dieser fror, und ihn danach auch noch umarmte. Diese Begebenheit am Anfang des Films war wohl sein Bekehrungserlebnis, denn danach hatte er sein Leben ja radikal geändert und wurde vom Sohn eines schwerreichen Tuchhändlers zum asketisch lebenden Bettelmönch, der den Rest seines Lebens nur noch für die Armen und Schwachen da sein wollte. Obwohl Franciskus nur 42 Jahre alt wurde, hatte er ein sinnvolles und erfülltes Leben geführt, um das ich ihn beneidete. Verglichen mit ihm, war mein Leben bisher völlig bedeutungslos und sinnentleert, da ich ja bisher nur für mich und meine Familie gelebt hatte und mich eigentlich schämen sollte, weil ich bisher so gut wie nichts für die Armen in der Welt übrig ließ. Dabei hatte ich doch jetzt als Selbstständiger so viele Möglichkeiten, Gutes zu tun, indem ich überschüssige Gewinne spende, anstatt sie z.B. für sinnlose Urlaubsreisen zu verplempern. Vielleicht besteht ja gerade im Helfen das Geheimnis des Glücks, weil man nicht mehr in Wohlstand, sondern in Menschen investiert, denn solche würden mir immer dankbar sein. Ich erinnerte mich auch an den Film „Schindlers Liste“, den ich 10 Jahre zuvor mit Ruth im Kino sah. Oskar Schindler war ein Großindustrieller, der während der Zeit des 2. Weltkriegs Juden als kostenlose Arbeitskräfte in seiner Fabrik beschäftigte und sie auf diese Weise vor der Vernichtung in Auschwitz bewahrte. Seine Fabrik wurde zur letzten Rettung für etwa 1.100 Juden, die danach noch viele Kinder und Kindeskinder bekamen. Auch meine Firma könnte zum Zufluchtsort werden für gestrandete Existenzen, um Ihnen eine neue Perspektive zu geben, z.B. Ausländer, Strafgefangene oder psychisch Kranke. Schindler hatte nichts verdient an seiner Munitionsfabrik, sondern im Gegenteil all sein Vermögen investiert, um die Juden freizukaufen. Aber am Ende sagte er unter Tränen sogar: „Ich hätte noch mehr tun können! Hätte ich dieses Abzeichen hier noch verkauft, hätte ich für den Erlös zwei weitere Juden kaufen können! Oder mein Auto hier hätte bestimmt noch 10 weitere Menschenleben retten können!“ Das wollte ich auch! Oskar Schindler sollte mein neues Vorbild werden!

Ich sprach mit meinem Zwillingsbruder Marco, da dieser ja nebenbei auch ehrenamtlich als missionarischer Streetworker arbeitete. Marco erzählte, dass sich gerade ein manisch-depressiver Jugendlicher zum HErrn Jesus bekehrt habe namens Roman Pilka (19), den er kurz zuvor bei einem Besuch in der Psychiatrie kennengelernt hatte, und dass ich diesem doch einen Ausbildungsplatz anbieten könne. Außerdem sei auch sein früherer Klassenkamerad, Christian Gärtner (36), wegen psychischer Probleme als arbeitsunfähig dauerhaft krankgeschrieben. Auch er brauche dringend noch mal eine Chance, da er sonst zuhause in seiner Misanthropie versauern würde. Ich besuchte Christian und stellte erfreut fest, dass wir uns sehr gut verstanden, zumal auch er Atheist war und zudem genauso alt wie ich. Leider wollte Christian keine Ausbildung bei mir machen, so dass ich ihn mit Händen und Füssen dazu überreden musste. Am Ende willigte er ein, wenn auch mit großer Skepsis. Nun meldete sich auch der Wiederholungstäter Patrick Mücher bei mir und flehte mich an, ob ich ihm denn nicht doch noch eine 3. Chance geben könne, denn er hatte alle Malerbetriebe in Delmenhorst abgeklappert, aber keiner wolle ihm noch eine Chance geben, sein 3. Lehrjahr noch zu machen, da sich seine Einbrüche und Gefängnisstrafen inzwischen wohl rumgesprochen hatten. Er versprach mir hoch und heilig, dass er in diesem letzten Lehrjahr auch wirklich nichts mehr anstellen würde. Ich ließ mich (leider) erweichen und stellte ihn wieder ein (es sollte jedoch noch katastrophal enden...).

Da mein Malerbetrieb inzwischen schon eine ansehnliche Größe erreicht hatte, entschied ich mich, nun auch Mitglied in der Bremer Maler-Innung zu werden. Die Mitgliedschaft dort ist freiwillig, kostet jedoch im Monat 50,- €, wobei man dadurch auch einige Vergünstigungen erhielt, gerade wenn man viele Lehrlinge hatte. Viele Meisterkollegen kannten mich schon, weil ich ja inzwischen schon in ganz Bremen meinen Flyer an die Briefkästen verteilt hatte. Bei der ersten Innungs-Sitzung ließ sich der vorsitzende Obermeister Arne Plaggenmeier es sich denn auch nicht nehmen, mir in einer Rede an die versammelten Meister einen Seitenhieb zu verpassen: „Liebe Kollegen. Wir alle leiden unter der konjunkturellen Schwäche und der schlechten Zahlungsmoral der Kunden. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn wir feststellen müssen, dass es in unseren Reihen junge Kollegen gibt, die meinen, mit Dumpingangeboten unsere Preise kaputt zu machen, indem sie Werbeflyer verteilen, auf denen Preise stehen, die langfristig nicht am Markt zu halten sind. Solche Kollegen treiben auf Dauer lang eingesessene Malereibetriebe in den Ruin, da sie ihnen durch Dumpingpreise das Wasser abgraben und ihnen die letzten Stammkunden rauben. Sie missbrauchen Lehrlinge als billige Arbeitskräfte. Als Kollegen mag man sie kaum mehr betrachten!“ Mir schlug das Herz bis zum Hals, und ich fragte mich, ob auch die anderen im Saal wussten, dass Arne Plaggenmeier mich damit meinte. Einige Tage nach der Innungsversammlung rief mich Herr Bröker, der Lehrlingsbeauftragte der Handwerkskammer an, um mir mitzuteilen, dass ich mit inzwischen 6 Lehrlingen und nur 5 Gesellen ein Missverhältnis habe und deshalb unbedingt noch einen Gesellen zusätzlich einstellen müsse, um die Ausbildungsqualität nicht zu gefährden. Ich gehorchte und stellte auch noch einen Altgesellen namens Ralf Loop (56) ein. Über eine magere Auftragslage konnte ich mich ja wirklich nicht beklagen.

Der Fall Haferkamp (Teil 1)

Unter den vielen neuen Kunden war auch ein Rechtsanwalt, dem ein Mehrfamilienhaus in Bremen-Findorff gehörte. Herr Haferkamp wollte, dass ich es ab September von vorne und hinten dämmen sollte mit 14 cm Styroporplatten. Ich bot ihm die 327 m² für rund 25.000,- € brutto an und erhielt den Auftrag (normalerweise lag der Preis für Wärmedämmung eher bei 100,-€/ m² netto, so dass mein Preis etwa um 35 % unter dem Marktdurchschnitt lag). Doch als wir Ende September die Vorderseite des Gebäudes fertig hatten und das Gerüst umgebaut werden sollte auf die Rückseite, teilte mir Herr Haferkamp mit, dass er tags zuvor sich mit einem anderen Malermeister nach Feierabend getroffen hätte, der unsere Arbeiten beurteilen sollte, und dieser hätte „nur mit dem Kopf geschüttelt“ und unsere Leistungen in Bausch und Bogen schlecht geredet. „Wie hieß denn der Malermeister?“ fragte ich. Erst wollte mir Herr Haferkamp den Namen nicht verraten, aber dann gab er zu: „Das war Herr Plaggenmeier, der Obermeister von der Malerinnung“. Ich sagte: „Dann wundert mich seine scharfe und unsachliche Kritik nicht, denn er mag mich ganz und gar nicht, da ich in seinen Augen ein Preisdumper bin.“ Er zeigte mir dann ein paar Stellen, wo wir noch nachbessern sollten, und wir machten dann in der darauffolgenden Woche auf der Rückseite weiter.

Doch Herr Haferkamp war verunsichert und entschied sich, unsere Arbeiten auch noch mal von einem richtigen Sachverständigen begutachten zu lassen. Und dies war ausgerechnet Herr Stoiber (!), mit dem ich ja in 2002 schon mal „das Vergnügen“ hatte und der mir bei unserem letzten Telefonat prophezeit hatte, dass er mir nur noch max. 1 Jahr gebe bis ich pleite sei, bevor er grußlos das Telefonat beendete. Herr Stoiber bat nun Herrn Haferkamp, dass er mir nicht verraten solle, dass er als Gutachter von ihm beauftragt sei, sondern er wollte sich erst mal regelmäßig heimlich nach Feierabend mit ihm auf der Baustelle treffen, um unsere Fehler während der einzelnen Arbeitsschritte genau zu dokumentieren. Er wollte dafür sorgen, dass Herr Haferkamp nach den bereits an mich gezahlten 12.000,- € keinen weiteren Cent mehr zahlen müsse, indem er jeden noch so kleinen Regelverstoß reklamieren würde. Als dann das Gutachten vorlag, wimmelte es nur so von Fehlern und Unterstellungen, die ich ihm dann in 29 Punkten mit Hilfe von Fachliteratur und Technischen Merkblättern des Herstellers Brillux auch nachweisen konnte. Erschreckenderweise wies das Gutachten neben Dutzenden Rechtschreibfehlern auch gravierende mathematische Fehler auf, ob nun bei einfachen Dreisatzaufgaben oder Verbrauchsberechnungen, so dass man sich fragen musste, wie so ein Mann überhaupt ein „öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger“ werden konnte.

Unter den zahlreichen, zum größten Teil unberechtigten Vorwürfen war jedoch auch einer, der tatsächlich berechtigt war, jedoch nichts mit der fachlichen Arbeit an sich zu tun hatte. Es ging um den Brandschutz. Nach der Landesbauordnung war es vorgeschrieben, dass Häuser, die über 7 m hoch sind, an den Fensterstürzen sog. „Brandriegel“ aus Mineralwolle benötigen. Da wir bisher fast ausschließlich nur einfache Privathäuser gedämmt hatten, war mir das Thema Brandschutz bisher nicht begegnet. Diesen aber nachträglich einzubauen, hieße, dass wir einen Großteil unserer Arbeit noch mal neu machen müssten. Herr Stoiber war sogar der Meinung, dass ohnehin die gesamte Dämmung noch einmal entfernt werden müsse, da sie angeblich nicht gut genug haften würde auf dem Untergrund. Er hatte seinem Auftraggeber Haferkamp deshalb einen Schadenersatzanspruch von über 32.000,- € ausgerechnet, auf den er mich verklagen solle. Ich sah mich deshalb genötigt, meinen Anwalt Herrn Lindemann einzuschalten, sowie einen eigenen vereidigten Gutachter zu beauftragen, in diesem Fall den Malermeister K.-H. Harmsen, um ein Gegengutachten zu erstellen. Herr Harmsen wies mich darauf hin, dass Herr Stoiber, nachdem er als Gutachter während der Bauphase hinzugezogen wurde, die Verpflichtung hatte, Schaden abzuwenden und gezielte Instruktionen an den Auftragnehmer zu erteilen, um seine Aufsichtspflicht nicht zu verletzen. Da dies jedoch nicht geschehen sei, sondern er und der Kunde mich quasi ins offene Messer laufen ließen, bestünde auch kein Nachbesserungsanspruch für die Rückfront, sondern ggf. ein Schadenersatzanspruch des Kunden gegenüber Herrn Stoiber.

Nun entbrannte ein offener Streit zwischen den beiden Gutachtern, in welchem sich beide Seiten fehlende Kompetenz vorwarfen. Zudem widersprachen sie sich gegenseitig bei der Ermittlung der sog. Abreißfestigkeit, die Harmsen mit 0,08 Nmm² als ausreichend gemessen hatte, während Stoiber nur 0,03 Nmm² festgestellt hatte. Da jedoch auch Harmsen die Nachrüstung der Brandriegel einräumte, errechnete er einen Aufwand von 13.732,40 €, der fast genau meinem restlichen Werklohn von 13.727,25 € entsprach. Nun waren die Einzelpreise natürlich auch von Harmsen sehr hoch angesetzt, so dass ich mit meinen Leuten wahrscheinlich nur die Hälfte für die Nacharbeit investieren müsste, aber hinzu kämen dann ja noch die ganzen Anwalts- und Gutachterkosten, die ich zu zahlen hätte. Außerdem war es unwahrscheinlich, dass Herr Haferkamp sich als Rechtsanwalt nur mit der Nachrüstung der Brandriegel zufrieden geben würde, sondern er würde bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag gegen mich prozessieren, bis er all seine Forderungen durchgesetzt bekäme.

Und tatsächlich nahm sich auch Herr Haferkamp dann einen Anwalt, der ein sog. Beweissicherungsverfahren bei Gericht beantragte, um einen weiteren Gutachter zu benennen, der Dritte also schon, der dann für das Gericht eigenständig und neutral den Aufwand zur Nacharbeit ermitteln sollte, und zwar den renommierten Architekten und Baugutachter Dipl.-Ing. Thomas Toussaint. Da ein solches Beweissicherungsverfahren jedoch immer sehr langwierig ist, sollte es am Ende noch bis ins Jahr 2008 dauern, bis schließlich der ganze Streit mit Herrn Haferkamp durch eine gemeinsame Vereinbarung endlich beendet war (Fortsetzung folgt).


Der beste Ausbildungsbetrieb Deutschlands

Nachdem ich ja im Jahr 2003 die „Meistergründungsprämie“ in Höhe von 5.000,- € gewonnen hatte, war ich guten Mutes, dass ich auch zukünftig bei der Teilnahme an ähnlichen Wettbewerben erfolgreich abschneiden könnte. Deshalb ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf, als ich im Spätsommer 2004 erfuhr, dass erneut ein Wettbewerb ausgeschrieben wurde, und zwar diesmal von den Wirtschaftsjunioren Deutschlands unter der Schirmherrschaft der Bundesbildungsministerin, bei dem es diesmal allerdings nur max. 2.500,- € zu gewinnen gab, wenn man den 1. Platz erreichte. Dafür aber winkte einem der Ruhm, sich „bester Ausbildungsbetrieb Deutschlands“ nennen zu dürfen. Gesucht wurden Betriebe, die sich besonders in der Qualifizierung von Auszubildenden verdient gemacht haben, sei es durch eine innovative Idee im Bereich der Nachhilfe oder durch eine Investition in neuartige Ausbildungsförderungen. Man sollte auch hier auf mehreren Seiten sein Konzept vorstellen und dabei darlegen, warum dieses Projekt zukunftsfähig sei und zur Nachahmung empfohlen, damit auch andere Betriebe dadurch motiviert werden.

Zunächst hatte ich keine Idee, denn meine Auszubildenden waren ja bisher alles andere als überdurchschnittlich gut ausgebildet, sondern eher ein Chaoten-Club. Wenn ich z.B. während der Arbeit in die Runde fragte, ob jemand wisse, wer Christoph Kolumbus sei, dann bekam ich die ernst gemeinte Antwort: „Das weiß ich, das weiß ich! Das ist doch der, der dieses große Schiff gebaut hat, wo die ganzen Tiere reingingen!“ Oder wenn ich nach Schiller fragte, dann sagte der andere: „Ja, Schiller kenn ich; das ist doch eine Musikband!“ Wenn es um Autos ging oder Fußball, dann kannten sie sich natürlich weit besser aus als ich, so daß man nicht sagen konnte, dass sie nicht intelligent wären, sondern sie waren einfach nur ungebildet. Deshalb erzählte ich ihnen während der Arbeit neben fachlichen Dingen auch immer wieder von Personen aus der Politik und der Geschichte, damit sie wenigstens ein bisschen mitreden konnten und sich nicht blamieren würden, wenn sie mal nach ihrer Meinung gefragt werden. Dabei musste ich die Inhalte immer möglichst knapp und spannend rüberbringen, sowie Zwischenfragen beantworten, damit die Aufmerksamkeit erhalten blieb.

Zwischendurch erzählten sie mir von ihrer Lebenssituation, von ihrer Kindheit, ihren Eltern und ihrer Schulzeit. Fast alle hatten schon Erfahrung mit Alkohol und Drogen gemacht, was dazu führte, dass sie in der Schule kaum etwas mitbekamen. Sie wurden meist aber auch nicht gefördert von ihren Eltern, die schon mit sich selbst genug zu tun hatten. Oftmals waren sie auch Scheidungskinder oder wuchsen z.T. in Heimen auf, so dass sie nicht genügend soziale Kompetenzen erlernten. Um ihre Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden, machen viele von ihnen Muskeltraining oder Kampfsportarten, hören Rap-Musik und kaufen sich Markenkleidung. Dennoch ist ihnen bewusst, dass sie durch ihre mangelnde Bildung kaum eine Chance haben, in absehbarer Zeit auf den grünen Zweig zu kommen. Ihre praktischen Leistungen während der Ausbildung sind oftmals gut, z.T. sogar sehr gut, aber in der Berufsschule kommen sie fast nie mit, besonders im Rechnen. Ohne Nachhilfe fallen deshalb die meisten schon durch die Zwischenprüfung.

Eigentlich war dies aber eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, denn wenn doch ihre praktischen Leistungen gut waren, warum quälte man sie dann mit dem Satz des Pythagoras oder mit der Frage, wie viel Liter Farbe in einen zylinderförmigen Silo mit einem Durchmesser von 1,76 m und einer Höhe von 2,28 m hineingeht, und der nach unten hin kegelförmig in einen Trichter von 0,66 m Tiefe hinab läuft? Ist es nicht viel wichtiger, dass der Maler realitätsbezogene, fachliche und soziale Kompetenzen erlernt, damit er einem Kunden auch mal selbstbewusst eine Frage beantworten kann, die das Vertrauen in den Mitarbeiter stärkt? Und nicht wie einmal, als Kunde Haferkamp aufgeregt den Jörg fragte: „WARUM STREICHEN SIE DENN MEINE HAUSTÜR MIT SO EINER DUNKLEN LASUR, nachdem Sie diese doch gerade mühselig abgebeizt haben?!“ und Jörg dem Kunden einfältig antwortet: „Ich hab‘ diesen Topf hier genommen, weil der hier rumstand…“ – Nachdem der Kunde mich besorgt anrief und ich ihm in Ruhe erklären konnte, dass jedes Holz auch eine Eigenfarbe habe, die erst nach dem ersten Anstrich durch Dunkelfärbung erkennbar wird, beruhigte er sich und wies mich darauf hin, dass ich mir meine Mitarbeiter doch mal mehr zur Brust nehmen müsse. „Stellen Sie sich nur mal vor,“ sagte der Kunde, „wenn es zufällig nicht die richtige Lasur gewesen wäre, sondern irgend eine andere Dose, die ‚da eben gerade so rumstand‘! Z.B. blau oder Violett! Nicht auszudenken! Was für ein glücklicher Zufall, dass der Jörg die richtige Dose nahm!“

Auch wenn Herr Haferkamp dies nur zum Scherz sagte, hörte man doch unverkennbar ein Überlegenheitsgefühl aus seinen Worten heraus. Dabei hätte er dem Jörg in anderen Dingen nicht das Wasser reichen können, z.B. was seine Gabe der Fröhlichkeit und Unbeschwertheit betrifft. In Wirklichkeit hat nämlich jeder Mensch Begabungen, die ihn einzigartig machen, nur dass in unserer Marktwirtschaft immer nur bestimmte Fähigkeiten wie z.B. Intelligenz oder Schlagfertigkeit bevorzugt werden, während Tugenden wie Demut oder Genügsamkeit schon fast in Vergessenheit geraten sind. Von der Bibel kannte ich noch die Weisheit: „Wir nun, die Starken, sind schuldig, die Schwachheiten der Schwachen zu tragen und nicht uns selbst zu gefallen“ (Röm.15:1). Gott hatte ja gerade das Verachtete der Welt auserwählt, damit Er das Edle zu Schanden mache (1.Kor.1:28). Die Schwachen sind viel dankbarer als die Starken, deshalb konnte ich zu ihnen einen viel vertrauteren Umgang haben. Wer ein guter Lehrherr sein will, sollte seine Auszubildenden einfach lieben, wie ein Vater seine Söhne liebt, und dann kann man gemeinsam auch die Schwierigkeiten bewältigen.

Mir kam die Idee, dass ich für diejenigen Azubis, die ständig durch die Prüfung fallen oder gar nicht erst an den Prüfungen teilnehmen wollen, eine neue Qualifizierung schaffen sollte, die ganz auf eine schulische Bildung verzichtet und rein praktischer Art ist. Auch solche Delta- und Epsilon-Arbeiter – wie sie im Roman „Schöne neue Welt“ genannt werden, haben ein Recht auf einen gut bezahlten Beruf. Man könnte den Privatkunden anbieten, dass ich zusätzlich zu meinen Fachkräften auch noch ungelernte Mitarbeiter hätte, die ich den Kunden für einfache Hilfstätigkeiten rund ums Haus ausleihen kann für 15,- € /Std, z.B. für Hochdruckreinigung, Umzüge, einfache Malerarbeiten, oder schlicht alles, wofür man nicht unbedingt einen Fachmann braucht. Das könnten dann auch Ausländer mit schlechten Deutschkenntnissen sein, so wie auch Oscar Schindler in seiner Fabrik viele Juden arbeiten ließ, die eigentlich nichts konnten, aber bereit waren, alles zu machen.

Dies schrieb ich dann als mögliches Geschäftsmodell neben anderen Erfahrungen als Ausbilder in meinen Bericht. Ganz beiläufig erwähnte ich dann auch, dass zwei meiner Lehrlinge aus der Psychiatrie kämen und einer sogar aus dem Gefängnis. Interessanterweise war es dann schließlich genau dieser Hinweis, der am Ende ausschlaggebend war, dass ich im Oktober 2004 von meiner Ernennung zum sog. „Ausbildungs-Ass“ erfuhr, indem ich mit Platz 1 zum „besten Ausbildungsbetrieb Deutschlands“ gewählt wurde. Mir war sofort klar, dass ich das noch lange nicht bin, sondern mir diesen unverdienten Titel erst einmal in den nächsten Jahren verdienen müsse. Doch auch Barak Obama bekam durch den Friedensnobelpreis zu Beginn seiner Amtszeit Vorschusslorbeeren, die er sich selbst nach zwei Amtszeiten kaum verdient hatte. Vor allem sagte meine Wahl zum Gewinner des Ausbilder-Oscars weniger etwas über meine Person aus als über die Wahlkriterien der Jury, die damit ein Signal geben wollte für ein größeres gesellschaftliches Engagement in den Betrieben, das durch den Neoliberalismus vieler DAX-Konzerne in den letzten 20 Jahren zu sehr vernachlässigt wurde.

Anfang Dezember wurde ich dann zur Preisverleihung ins Bundesbildungsministerium nach Berlin eingeladen, wo ich von der damaligen Ministerin Edelgard Bulmahn den Preis in Höhe von 2.500,- € erhielt und vor der Presse auch eine kurze Rede halten sollte. Das Wirtschaftsmagazin „Impulse“ schrieb daraufhin einen Artikel mit der Überschrift „Chefs für schwierige Fälle“. Darin stand: „Simon Poppe wählt nicht unter den Besten aus. Der Malermeister nimmt die, die sonst nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen werde: Einen Azubi holte er aus dem Knast, einen anderen aus der Psychiatrie. Nicht ausnahmsweise, sondern prinzipiell […] Absolut vorbildlich, urteilte die Jury des Ausbildungs-Asses, des alljährlich […] ausgeschriebenen Wettbewerbs und zeichnet Poppe für sein Engagement, das weit über das gesetzlich geforderte Maß hinausgeht, mit dem goldenen Ass in der Kategorie Handwerk aus.“

 

Januar bis Juni 2005

Der Firmenkauf

Nachdem der Malermeister Arno Jastrembski (37) zum 31.04.2004 seinen Malereibetrieb abgemeldet und zum 01.01.2005 bei mir angefangen hatte, teilte er mir mit, dass jetzt ein Insolvenzverwalter über sein Firmeneigentum bestellt sei, der einen Käufer suche für die verbliebene Insolvenzmasse. Arno fragte mich, ob ich nicht Interesse hätte, zumal ich seinen Mitsubishi-Transporter und seine gesamten Materialien samt Gerätschaften (inkl. Airless-Gerät) zu einem Schnäppchenpreis von gerade einmal nur 1.500, - € erhalten würde. Da konnte ich natürlich nicht Nein sagen und freute mich, dass sich meine Firma nun nicht nur um zwei wertvolle Mitarbeiter, sondern auch um einen nicht geringen Lagerbestand erweitert hatte. Und nicht nur dies: Arno und André sollten meinen Betrieb auch noch um eine ganze Menge an Knowhow bereichern, so dass nun ein ganz frischer Wind in der Firma wehte. Vieles machten sie ganz anders als wir, aber tendenziell war es eher fortschrittlicher und professioneller, so dass ich mich gerne ihren Vorschlägen und Wünschen fügte. Als wir jedoch Arnos Werksstatt im Steffensweg 37f leerräumen wollten und die Sachen in meine Werkstatt in die Augsburgerstr.23 zu bringen, wurde mir klar, dass für all dies gar kein Platz war. Deshalb entschied ich mich kurzerhand, vorübergehend die Miete für zwei Werkstätten zu bezahlen, bis ich irgendwann demnächst eine größere Werkstatt fände, wo ich alle Dinge unterbringen könnte.

Doch dann trat Arno an mich heran und bot mir auch seine Stammkunden zum Kauf an. Obwohl mir klar war, dass es sich hier nur um einen abstrakten „Wert“ handeln könne, der schwer zu ermitteln sei und für Arno inzwischen sogar völlig wertlos war, war ich gerne bereit, auch für die Übernahme seiner Stammkundschaft noch einmal 1.000, -€ zu bezahlen. Dieser Kauf erwies sich sogar noch als weitaus gewinnträchtiger als das andere, ebenso günstige materielle Paket, wie sich schon bald herausstellen sollte. Denn unter diesen Stammkunden befand sich z.B. eine große Bremer Immobiliengesellschaft, die mir in den drei folgenden Jahren viele Aufträge gab und auch ein Möbelhaus, dass uns regelmäßig mit Aufträgen versorgte. Arno hatte seine früheren Kunden alle angeschrieben und ihnen mitgeteilt, dass von nun an ich ihr Ansprechpartner sei, wenn sie mal wieder etwas gemalt oder gestrichen haben wollen. Tatsächlich reagierten dann auch viele prompt und erbaten Angebote von mir, so dass mein Betrieb sowohl im Umsatz als auch im Gewinn deutlich anstieg.

Nun war es auch an der Zeit, dass ich mir auch mal mehrere Firmenfahrzeuge leisten sollte. Ich kaufte auf einen Schlag drei gebrauchte Combis zu einem durchschnittlichen Preis von 2.000, - € und ließ sie kurz darauf beschriften mit einem von mir entworfenen Logo. Zudem ließ ich auch endlich richtiges Briefpapier drucken mit unserem Logo und dazu Visitenkarten und Stempel. Dann kaufte ich auch T-Shirts für alle meine Mitarbeiter und ließ sie mit unserem Firmenlogo bedrucken. Mein Bruder Patrick bot mir zudem an, eine Internetseite für mich herzustellen, denn er hatte sich während seiner Arbeit als Möbelverkäufer inzwischen über das Internet das Wissen angeeignet, wie man eine Internetseite herstellt. Patrick brachte mir in den Wochen danach auch vieles andere bei, z.B. wie man CDs und DVDs brennt. Von dieser Möglichkeit war ich absolut fasziniert, denn nun brauchte ich einfach nur noch Filme ausleihen und konnte mit einem Trick ihren Kopierschutzumgehen, so dass ich ohne nennenswerte Kosten mir so viele DVDs wie ich wollte brennen konnte. Hier eröffnete sich für mich eine Welt, der ich mich von nun an fast 10 Jahre lang widmete und ihr völlig verfiel, indem ich in einer unersättlichen Sammelleidenschaft jede freie Minute in meiner Freizeit am Brennen und beschriften war. Dass dies eigentlich illegal war, ignorierte ich einfach.

Neid

Anfang Februar rief mich Gabriele Schierenbeck von der Handwerkskammer Bremen an. Sie hatte durch die Redaktion der Deutschen Handwerkszeitung erfahren, dass ich im Dezember zum besten Ausbildungsbetrieb Deutschlands ernannt wurde und hatte nun die Aufgabe bekommen, einen Artikel für die Handwerkszeitung über meine Firma zu schreiben. Wir verabredeten uns zunächst auf einer Baustelle, wo gerade mehrere meiner Mitarbeiter kurz vor der Frühstückspause die Türen in einem Altenheim lackierten. Sie machte ein Foto von meinem Lehrling Peter Schönholz, wie er gerade am Lackieren war, und bat mich dann, ob wir auch mal zu meiner Werkstatt fahren könnten. Dort machte sie noch ein Foto von meinem Umschüler Christian Gärtner, bevor wir dann zu mir nach Hause fuhren. Wir unterhielten uns über meine Firma in freundlicher Atmosphäre und sie machte sich Notizen. Als ich ihr sagte, dass ich durch die Kunstmalerei auf die Idee gekommen sei, Maler zu werden, bat sie mich darum, mal ein Foto zu machen, wie ich gerade an meiner Staffelei ein bereits begonnenes Gemälde male. Dann verabschiedeten wir uns, und kurz darauf erschien ein fast ganzseitiger Artikel über meine Firma mit der Überschrift „Väterlicher Freund und Kapitän“.

Was danach für ein Ansturm von Protest losbrach, erfuhr ich erst viel später von Frau Schierenbeck. Bis dahin wusste ja niemand von den Bremer Handwerksmeisters, dass ich diesen Preis gewonnen hatte, aber auf einmal wussten es alle. Kurz darauf rief der Obermeister der Malerinnung, Arne Plaggenmeier, bei Frau Schierenbeck an und sagte: „Was machst Du bloß für Sachen, Gabi! Du kannst doch nicht einfach einen solchen Artikel über einen Bremer Malermeister schreiben, ohne Dich zuvor mit uns abzustimmen!“ – „Warum hätte ich das tun müssen?“ fragte sie. Er klärte sie auf: „Weißt Du eigentlich, dass dieser Simon Poppe ein Preisdumper und Pfuscher ist, der aus Kostengründen immer nur Lehrlinge und Praktikanten beschäftigt, so dass er uns hier in Bremen die Preise kaputt macht?! Und dass solch einer jetzt auch noch dafür mit einem Preis geehrt wird, ist wirklich der Gipfel der Unverschämtheit! Solchen unkollegialen Kollegen müsste man wirklich mal das Handwerk legen!“ – „Also ich hatte nicht den Eindruck, dass Herr Poppe ein Pfuscher ist. Er kümmert sich wirklich ganz väterlich um seine Lehrlinge, sogar um die der schlimmsten Sorte, ohne dabei rumzuschreien oder seine Autorität hervorzuheben. Rein äußerlich kann man als Außenstehender gar nicht erkennen, wer eigentlich auf seinen Baustellen der Chef ist, denn er hat auch ältere Mitarbeiter.“ – „Trotzdem, Gabi,“ erwiderte Plaggenmeier, „so kann das nicht weiter gehen! Ihr solltet mal dem Poppe auf den Zahn fühlen und prüfen, ob da wirklich alles Gold ist, was glänzt, denn Leute wie Poppe gefährden unser Gewerbe!

Kurz darauf erhielt ich einen Anruf von Herrn Bröker, den Lehrlingsbeauftragten der Handwerkskammer. Er erklärte mir, dass er im Zuge seines Amtes gerne mal einen Routinebesuch in meiner Firma machen würde, bei welchem er gerne mal mit den Lehrlingen persönlich sprechen würde. Ich lud ihn ein, zu mir nach Hause zu kommen, wo ich dann auch drei meiner Lehrlinge ihm vorstellen würde, und zwar Fadi, Peter und Christian (Ronald war gerade krankgeschrieben). Herr Bröker machte gleich zu Beginn des Gesprächs deutlich, dass er nur mit den Lehrlingen sprechen wollte, nicht aber mit mir; doch konnte er wohl nicht verlangen, dass ich als Hausherr mein Wohnzimmer verlassen möge, weshalb ich die ganze Zeit während der Befragung dabeiblieb. Meine Lehrlinge antworteten souverän und waren alle voll des Lobes über meinen Führungsstil. Wenn ich jedoch mal einen kurzen Zwischenkommentar einwarf, rügte er mich sofort wie einen Schuljungen, dass er die Antwort doch lieber direkt vom Lehrling selbst hören wolle. Am Ende der einstündigen Befragung stand Herr Bröker auf und sagte: „Herr Poppe, nachdem ich mir nun selbst ein Bild von ihren Auszubildenden machen konnte, will ich Ihnen ganz ehrlich mal bekennen, dass es sich nicht um einen Routinebesuch gehandelt hatte, sondern um eine gezielte Überprüfung, von der ich seitens der Malerinnung aufgefordert wurde. Denn es geht das Gerücht rum, dass sie ihre Lehrlinge gar nicht wirklich ausbilden, sondern einfach nur als billige Arbeitskräfte missbrauchen. Ich habe jedoch jetzt im Gespräch mit ihnen den Eindruck gewonnen, dass dies nicht der Fall ist. Ich werde dies in einem Brief an die Malerinnung anerkennend würdigen.“

Der Fall Rüdenauer

Da die Arbeitsmarktreformen der Schröder-Regierung auch in der zweiten Legislaturperiode noch nicht die gewünschte Wirkung zeigten, stellte Schröder die Vertrauensfrage, so dass es zu Neuwahlen und einer Abwählung der rot-grünen Regierungskoalition kam. Während die Firmen in Deutschland über eine schleppende Konjunktur jammerten und die Arbeitslosenzahl inzwischen schon über 5 Millionen angestiegen war, konnte ich mich über mangelnde Aufträge wirklich nicht beklagen. Vielleicht aber war es gerade dieses Verwöhnt-sein, dass mich eitel und übermütig machte und mir den Sinn für ein gesundes Augenmaß allmählich abhandenkommen ließ. In Stresssituationen, wenn Kunden sich nicht mehr fair verhielten, achtete ich häufig nur noch auf meine verletzte Eitelkeit anstatt auf eine nüchterne Verhältnismäßigkeit. Dies wurde nicht nur in einem Streit mit einem älteren Ehepaar deutlich namens Mahlzahn, die sich wegen einer mangelnden Glätte der bereits tapezierten Wand beschwerten und um derer willen ich sogar die Richterin unnötigerweise zwang, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen, wobei ich am Ende selbst eingestehen musste, dass ich im Unrecht war. Besonders krass wurde meine übertriebene Unnachgiebigkeit auch im Falle eines Klempnermeisters namens Rüdenauer deutlich, für den wir im März 2005 gearbeitet hatten. Wir hatten zuvor schon öfter für diesen korpulenten Firmenchef gearbeitet, da er mehrere Immobilien besaß. Er hatte sich diesmal im Industriegebiet Bayernstr. ein dreistöckiges Firmengebäude zum Schnäppchenpreis erworben und wollte sich nun im EG sein neues Firmenbüro von uns herrichten lassen, inkl. Verlegung von Auslegeware und PVC-Belägen. Obwohl Herr Rüdenauer einen sehr cholerischen und fast schon proletenhaften Charakter besaß, hatten wir ein freundliches Verhältnis zueinander und duzten uns sogar.

Als ich ihm am Ende die Rechnung in Höhe von 4.537,66 € sandte, überwies er mir nur 4.000, - € mit dem Hinweis, dass sich in einem der Räume das Knickprofil, das wir anstatt einer Fußleiste verwendet hatten, von der Wand gelöst habe. Daraufhin fuhr ich wieder hin und klebte es nochmal mit Pattex nach. Doch Herr Rüdenauer wollte auch nach zwei Monaten immer noch nicht den Restbetrag überweisen, da sich nun auch in einem anderen Raum die Knickleiste an einer Stelle abgelöst hatte. Zudem habe er mitten im Teppich eine größere Schlaufe bzw. einen Knoten gefunden, von dem er fürchtete, dass dieser sich lösen könne. Ich fuhr also wieder hin, klebte auch die kleine Ecke nochmal nach und einigte mich mit Herrn Rüdenauer durch ein schriftliches Versprechen, dass ich im Falle, dass sich der Knoten irgendwann lösen könnte, ihm eine neue Auslegeware verlegen würde. Damit war der Fall für mich erledigt; doch Herr Rüdenauer rief mich schon wieder an und beanstandete, dass eine Fußleiste etwas abstehen würde, weil dort ein Nagel fehle. Ich fuhr also wieder hin, diesmal mit einer „Fertigstellungserklärung“, die er mir unterschreiben solle, doch Herr Rüdenauer war trotz Verabredung selbst nicht da. Beim Annageln der Fußleiste brach mir auch noch eine winzige Ecke der PVC-Oberkante ab. Ich bat. Ich bat Frau Rüdenauer, ob sie anstelle ihres Ehemannes die Abnahme unterschreiben wolle, aber sie behauptete, keine Vollmacht dafür zu haben. Frustriert fuhr ich nach Hause, und wie zu erwarten überwies Herr Rüdenauer auch weiterhin nicht die letzten 537,66 €.

Spätestens an dieser Stelle hätte ich eigentlich aufgeben sollen. Aber mich wurmte, dass er mich trotz meines guten Willens zum Narren hielt, weshalb ich ihn im August eine Mahnung und später einen gerichtlichen Mahnbescheid sandte. Doch nun listete Herr Rüdenauer eine ganze Menge neuer Reklamationen auf, die er noch gefunden hatte und erklärte den Einbehalt deshalb für gerechtfertigt. Unweigerlich wurde aus dieser Lappalie nun trotz des geringen Streitwerts ein Fall fürs Gericht. Zu allem Unglück war die zuständige Richterin auch noch neu und unerfahren, so dass sie zur Klärung des Sachverhalts den Gutachter Harmsen bestellte. Da ich diesen ja noch aus dem Streitfall Haferkamp kannte, war ich mir sicher, dass dieser mir wohlgesonnen sei und die Behauptungen von Herrn Rüdenauer für nichtig erklären würde. Doch Harmsen war gezwungen, auch jede noch so lächerliche Mängelrüge zu würdigen, ja sogar mit einem Schichtdickenmessgerät zu verifizieren, dass wir einen Lagerraum tatsächlich zweimal streichen mussten, anstatt – wie vom Kunden fälschlich behauptet – nur einmal gestrichen hätten. Allein das Gutachten, dass mir immerhin zur Hälfte Recht zusprach, kostete beinahe genauso viel wie der Streitwert an sich! Wenn man dann noch die ganzen Rechtsanwalts- und Gerichtskosten hinzunimmt, lohnte sich der ganze Aufwand erst recht nicht mehr.

Doch in der Verhandlung wurde der Streit noch mehr aufgebauscht: Herr Rüdenauer hatte z.B. behauptet, dass in der ersten Position meiner Rechnung die pauschal 100,- € für „Abdecken und Abkleben angrenzender Bauteile, Abdecken der Fußböden sowie Entsorgung der Baustellenabfälle“ nicht gerechtfertigt seien, da an den Fenstern nicht abgeklebt, sondern nur mit dem Pinsel entlanggestrichen wurde (im Malerdeutsch „beschnitten“). Außerdem seien die Fußböden nicht mit Pappe abgeklebt worden, sondern nur mit losen Abdeckvliesen geschützt worden. Um dies zu bestätigen, hatte Herr Rüdenauer eigens seinen Sohn als Zeugen geladen (dessen Auslagen als Zeuge wahrscheinlich auch schon den Wert der 100,- € entsprachen!). Die junge Richterin wandte sich also zu mir und sagte, dass doch damit geklärt sei, dass die 100,- € gar nicht gerechtfertigt seien. Da platzte mir der Kragen und ich erwiderte: „Zum einen stellt das Abkleben von Rändern keinen Wert an sich dar für den Kunden, sondern es handelt sich hier um einen Aufwand, der allein den Maler unterstützen soll bei seiner Hauptaufgabe, nämlich dem Streichen der Wände. Wenn der Maler sich jedoch entscheidet, auf das Abkleben zu verzichten und stattdessen alles mit dem Pinsel beschneidet, hat er dadurch nicht weniger Aufwand, sondern tendenziell eher sogar einen höheren. Zum anderen sind Sie bisher nur auf das Abdecken eingegangen, aber im zweiten Teil dieser Position geht es um die Entsorgung der gesamten Baustellenabfälle wie z.B. Teppichreste oder leere Eimer usw. Theoretisch müsste man mir doch wenigstens diesen Anteil vom Pauschalpreis zuerkennen, der sich jedoch nicht so genau ermitteln lässt. Ich verstehe ohnehin nicht, warum Sie sich vom Beklagten überhaupt auf solch ein Zerpflücken der einzelnen Positionen einlassen und nicht erkennen wollen, dass all seine vielen Mängelrügen nur fadenscheinig sind, um den restlichen Werklohn nicht zahlen zu müssen. Dass wir hier überhaupt so lange über solche kleinen Eurobeträge verhandeln ist einfach lächerlich! In der gleichen Zeit hätte man durch reguläres Arbeiten schon längst das Doppelte verdient!

Die Richterin ließ sich diese Kritik an ihrem dilettantischen Vorgehen jedoch nicht gefallen: „Herr Poppe, darf ich Sie daran erinnern, dass SIE selbst es doch waren, der diesen ganzen Prozess überhaupt angestoßen hat. Wenn Sie es also als Zeitverschwendung betrachten, dass wir uns hier so ausführlich mit den einzelnen Vorträgen befassen, dann frage ich mich, warum Sie nicht von vornherein auf diesen Rechtsstreit verzichtet haben.“ Darauf entgegnete ich: „Man hätte dieses Verfahren allerdings auch gerade im Hinblick auf seinen geringen Streitwert abkürzen können im Interesse beider Parteien und nicht erst noch durch ein Gutachten unsinnigerweise künstlich aufblähen brauchen, zumal die Kosten für das Gutachten fast genauso hoch sind wie der Streitwert. Aber das war nicht MEIN Wunsch, sondern IHRE Entscheidung!“ Nun wurde die Richterin richtig wütend: „Können Sie mir mal erklären, Herr Poppe, wie ich in dieser verfahrenen Situation anders zu einer Entscheidung hätte kommen können, in welcher es ausschließlich um fachliche Ermessensfragen geht? Sie haben doch alle Mängelrügen des Beklagten kategorisch geleugnet, anstatt Zugeständnisse zu machen, um zu einem einvernehmlichen Vergleich zu kommen. Dadurch haben Sie mich gezwungen, fachlichen Rat einzuholen!“ Auf diese gut begründete Rechtfertigung vermochte ich nichts zu entgegnen.

Es kam dann wie erwartet zu einem Vergleich, bei dem mir nur noch ein geringer Anteil meiner Forderung zuerkannt wurde, ich aber fast alle Kosten des Verfahrens zu tragen hatte. Als wir aus dem Gerichtssaal hinausgingen, folgte Herr Rüdenauer mir und meinem Anwalt, indem er mich lauthals und triumphierend auf dem Flur verhöhnte und mir ankündigte, dass er nun alle Hebel in Gang setzen wolle, um mich bei seinen Kunden und Handwerkerkollegen schlecht zu machen. Ich drehte mich zu ihm um und warnte ihn, dass er sich dann aber vor einer Anzeige wegen Rufschädigung hüten müsse. Darauf polterte er noch lauter in seiner primitiven und proletenhaften Art, dass er mich „fertig machen“ würde, etc. Ich beschleunigte indes schweigend und herzklopfend diesen Spießrutenlauf und wollte nur noch so schnell wie möglich weg.

Inzwischen war der Sommer gekommen, und zuhause durften wir plötzlich eine freudige Überraschung erleben. Und zwar hatten wir ein Jahr zuvor zwei Chihuahua-Welpen gekauft, ein Weibchen (Daisy) aus Bargteheide bei Hamburg und einen Rüden (Charly) aus Bremen. Nachdem Daisy allmählich nach über einem Jahr ins gebärfähige Alter gekommen war, hatten wir im Frühjahr 2005 mit unseren Freunden eine Art „Hundehochzeit“ gefeiert, bei welcher Daisy ein von Ruth genähtes Hochzeitskleid bekam und ich für Charly eine Art schwarzen Wrack mit Zylinder gebastelt hatte, um schöne Hochzeitsfotos mit den beiden zu machen. Danach durften sie dann erst – während Daisys Läufigkeit – ihre „Flitterwochen“ gemeinsam bei uns verbringen, und nach etwa zwei Monaten war Daisy trächtig und warf insgesamt 5 Welpen, drei Männchen und zwei Weibchen, von der wir eine (Susi) unserer Freundin Raquel schenkten (für ihre Tochter Jasmin) und das andere Weibchen (Chini) selbst behielten. Die männlichen Welpen verkauften wir an Interessenten, so dass wir für den Erlös (400,-/Stk) schon bald die Kosten für die beiden Chihuahua-Eltern wieder erstattet bekamen.

Knapp ein halbes Jahr, nachdem mein Meisterkollege Arno Jastrembski bei mir angefangen hatte, erkrankte Arno am 06.06.05 an der Leber (Gelbsucht). Da er schwer übergewichtig war und der Arzt ihm eine Diät verordnet hatte, machte ich mit Arno am Telefon eine Wette, wer es wohl von uns beiden schaffen würde, als erster 5 Kilo abzunehmen. Doch schon eine Woche später rief mich der Vater von Arno an und sagte, dass man seinen Sohn bewusstlos in der Wohnung gefunden habe und er nun im Hubschrauber in die MH nach Hannover geflogen wurde, da er unverzüglich eine neue Leber brauche. Mit tränenerstickter Stimme sagte sein Vater: „Arno schwebt in Lebensgefahr! Er wäre beinahe gestorben, wenn man ihn nicht gerade noch rechtzeitig gefunden hätte!“ Ich tröstete ihn und versicherte ihm, dass schon alles gut werden würde. Tatsächlich überstand Arno die OP, durfte jedoch nicht mehr im Malerberuf arbeiten, weshalb er eine Umschulung zum Farbenverkäufer machte. Als Ersatz für Arno stellte ich nun Andrey Tschernyaschuk als Vollzeitkraft ein, denn bisher hatte er nur auf 400,-Euro-Basis bei mir gearbeitet. Da er die gleiche Leistung brachte wie die anderen Gesellen, zahlte ich ihm als Ungelernten auch denselben Std-Lohn von damals 13,27 €.

Juli bis Dezember 2005

Unbändige Lehrlinge

An einem Freitagvormittag sagte Patrick Mücher während der Arbeit zu mir: „Simon, weißt Du, dass beim Mitsubishi-Transporter das rechte Blinklicht nicht geht?“ – „Ja, das habe ich auch schon bemerkt“, sagte ich, „da muss ich mich nächste Woche mal drum kümmern“. – „Wenn Du willst, kann ich das erledigen“ bot sich Patrick an. Ich aber lehnte ab: „Du hast doch noch immer keinen neuen Führerschein!“ – „Na und? Du hast mich doch schon öfter mal fahren lassen, obwohl Du weißt, dass sie mir den Lappen abgenommen haben!“ – „Ja, aber nur in Notfällen. Das hier aber ist kein Notfall. Außerdem bist Du nur ein Schnacker, denn letztens hast Du schon mal Deine Hilfe angeboten, als es um den Dachgepäckträger ging, aber bis heute hast Du nichts gemacht. Nimm Dir aber mal ein Beispiel an Peter: Er hat mir letztens eine Rechnung vorgelegt, dass er am Opel Astra das Bremslicht auswechseln ließ. Er redet also nicht nur, sondern er macht einfach! Das nenne ich vorbildlich.“ – Hätte ich das bloß nicht gesagt, denn offensichtlich nahm Patrick diesen Vorwurf nun seinerseits als Aufforderung zum Handeln auf, obwohl ich ihm doch klar zu verstehen gab, dass er den Wagen nicht fahren sollte.

Am Samstagmorgen um 8.30 Uhr rief mich plötzlich die Polizei an: „Guten Morgen, Herr Poppe, hier ist das Polizeirevier Hude. Sagen Sie mal, Sie haben doch einen Mitsubishi-Transporter. Wissen Sie eigentlich, wo der gerade sich befindet?“ – „Ja. Ich nehme doch mal an in der Augsburgerstr. in Bremen-Findorff, wo meine Werkstatt ist, nicht wahr?“ fragte ich. „Nein, dort steht er nicht, sondern er befindet sich gerade in Bookholzberg am Straßenrand, und zwar ausgebrannt…“ – „AUSGEBRANNT?!! Wie kommt das denn??!“ rief ich aufgeregt. Doch in diesem Moment konnte ich mir die Frage schon selbst beantworten, denn mir fiel ein, dass Patrick ja seit kurzem in Bookholzberg wohnt. Ich erklärte also dem Beamten, dass sich mein Lehrling wohl unerlaubterweise meinen Firmenwagen ausgeliehen habe, weil er etwas reparieren lassen wollte. Der Polizist fragte mich, ob ich ihn anzeigen wolle, aber ich verzichtete darauf. Später erfuhr ich dann die Details, was an diesem Freitagabend passiert war: Patrick hatte sich nach der Arbeit tatsächlich meinen Transporter genommen und ist damit nach Haus gefahren. Nachdem er das Licht ausgewechselt hatte, ist er dann abends mit seiner Freundin zur Disco gefahren und hat den Transporter dann in der Nacht am Straßenrand abgestellt. Er hatte aber wohl nicht bemerkt, dass es zufällig einen Schwelbrand im Kabelbaum gegeben hatte, der u.a. die Elektronik der Kupplung zerstört hatte. Da der Wagen auf einer Straße mit Gefälle geparkt war, löste sich auf einmal der Bremsmechanismus, und der Transporter rollte ungebremst die Straße herunter, bis er auf einen anderen parkenden Pkw krachte. Durch den Schwelbrand war nun im Inneren des Wagens giftiges Kohlenmonoxid entstanden. Als man später dann den Wagen mit Gewalt öffnete, kam es deshalb zu einer Rauchgasexplosion, wodurch beim Transporter ein Totalschaden entstand. Ein Gutachter stellte dann die Ursache fest und entlastete Patrick insofern von einem schuldhaften Verhalten. Die Fremdschäden wurden dann von meiner Kfz-Versicherung beglichen, aber da ich keine Kaskoversicherung hatte, wurde mir der Totalschaden am Transporter nicht erstattet.

Ich sprach also mit Patrick und sagte: „Normalerweise würde jeder Chef Dich spätestens jetzt sofort kündigen und Dich nie wieder einstellen nach all dem Ärger, den Du mir schon bereitet hast. Aber wenn ich Dich jetzt kündigen würde, dann würde ich nie wieder den finanziellen Schaden ersetzt bekommen, den Du mir durch Dein eigenmächtiges Verhalten verursacht hast. Ich verlange von Dir eine Entschädigung von mindestens 1.000, - € für den Mitsubishi. Da Du aber kein Geld hast, werde ich Dich weiterbeschäftigen und Dir jeden Monat 100,- € von Deiner Ausbildungsvergütung abziehen. Du kannst Dir also aussuchen, was Dir lieber ist: Entweder Du akzeptierst meinen Vorschlag und bekommst dadurch die Chance, Deine Ausbildung noch zu beenden oder aber ich kündige Dir jetzt fristlos. Entscheide, was Dir lieber ist!“ Patrick war mit meinem Vorschlag einverstanden. Zehn Monate später jedoch, als er seine Schuld bereits bezahlt hatte, widerrief er jedoch sein Einverständnis und verklagte mich auf Rückerstattung bei der Handwerkskammer (doch dazu später mehr).

Patrick war jedoch nicht der einzige Lehrling, der mir Kummer bereiten sollte. Auch Christian und Ronald waren immer wieder für Überraschungen gut. Obwohl Christians praktische Leistungen eigentlich mehr als bescheiden waren, wollte ich ihn nicht kündigen, weil ich in ihm immer einen angenehmen Gesprächspartner hatte und er mir auch ein wenig leidtat, zumal er ja überhaupt erst auf mein eindringliches Zureden bereit war, einer Ausbildung zuzustimmen. Jedoch wurden seine lauten Wutausbrüche über sich selbst (wenn ihm mal wieder etwas misslang), allmählich wirklich zum Problem, zumal er sich nicht scheute, auch in Gegenwart der Kunden laut zu fluchen. In der Zwischenprüfung erreichte Christian dann erwartungsgemäß in der Fachtheorie eine 2 und in der Fachpraxis eine 5. Ich machte Christian deshalb den Vorschlag, ob er nicht lieber bei mir eine Ausbildung zum Bürokaufmann machen will. Aber Christian wollte nicht, sondern entgegnete zu meiner Überraschung: „Inzwischen gefällt mir der Malerberuf eigentlich doch ganz gut und es macht mir viel Spaß, etwas Praktisches zu machen.“ – „Deine Noten sprechen aber eine ganz andere Sprache“ erwiderte ich. „Offensichtlich liegen Deine Stärken doch eher in der Theorie…“ – „Warte nur ab, Simon,“ sagte Christian, „ich merke, dass ich allmählich immer besser werde!“ Dieser Optimismus passte eigentlich gar nicht zu Christian, denn er war ja eigentlich eher immer zynisch und misanthropisch eingestellt; aber ich dachte: „Lass ihn man, vielleicht hat er ja recht.“ Doch ein paar Tage später war Christian mal wieder so sehr ausgerastet, dass er die Baustelle vorzeitig verließ. Ich rief ihn später an und machte noch einmal den Vorschlag, ob er nicht doch lieber Bürokaufmann werden wolle. Christian war aber in einer so schwermütigen Stimmung, dass er weder Trost noch Mitleid von mir hören wollte: „Simon, Du brauchst nicht versuchen, die Sache zu beschönigen. Ich weiß, dass ich Euch eher eine Last bin, und mir ist schon klar, dass ich auf absehbare Zeit nicht das Niveau der anderen erreichen werde. Deshalb bitte ich Dich, mich zu kündigen. Du brauchst auch kein schlechtes Gewissen haben. Tu mir den Gefallen und kündige mich!“ Da mein Drängen bei ihm nichts bewirkte, tat ich schließlich, was er wollte und kündigte ihn. Was ich jedoch nicht ahnte, war, dass er mir später diese Entscheidung so sehr verübelte, dass er mit mir nichts mehr zu tun haben wollte. Durch Marco erfuhr ich, dass Christian offenbar gehofft hatte, dass ich ihn zum Bleiben drängen würde und nicht damit gerechnet hatte, dass ich tatsächlich seiner Bitte nach einer Kündigung entsprochen hatte. Sogar Jahre später, als ich ihn durch Zufall mal traf, wollte er nicht mit mir reden und mir noch nicht einmal die Hand geben. Aus tiefer Freundschaft war erbitterte Feindschaft geworden.

Auch mein freundschaftliches Verhältnis zu Ronald täuschte mich lange darüber hinweg, dass er hochgradig manisch-depressiv war. Anfangs war Ronald mir gegenüber noch sehr ängstlich, weil Marco und Brigitta ihn immer wieder vor mir gewarnt hatten, dass er sich nicht von mir in seinem Glauben verwirren lassen solle. Doch als mein Zwillingsbruder Marco sich eines Tages in eine 30-jährige Glaubensschwester namens Maria verliebte, mit der er viel unternahm, geschah es, dass auch Ronald sich heimlich in sie verliebte und ihr schöne Augen machte. Maria muss wohl hin- und hergerissen sein in ihren Gefühlen, denn auf der einen Seite mochte sie Marco wegen seiner klaren biblischen Ausrichtung, andererseits schmeichelte ihr, dass Ronald als deutlich jüngerer und attraktiver Bruder Gefallen an ihr fand. Eines Tages bekannte mir Ronald, dass er heimlich mit Maria in Unzucht leben würde und ihn dies in seinem Gewissen sehr belaste, da er wusste, dass auch Marco in sie verliebt sei. Obwohl ich mir nichts anmerken ließ, war ich doch ziemlich geschockt über dieses Geständnis, denn ich hatte Ronald bis dahin für einen sehr entschiedenen Christen gehalten. Erst viel später erfuhr ich durch die anderen Lehrlinge, dass Ronald monatelang heimlich kiffte, ohne dass ich es merkte.

Eines Tages im Herbst 2005 kam Ronald nicht mehr zur Arbeit. Ich machte mir Sorgen, denn er hatte sich auch nicht krankgemeldet. Durch Marco erfuhr ich, dass Ronald zusammen mit seinem 2 Jahre jüngeren Bruder Daniel (20) in einer Hochhaus-Wohnung in Bremen-Blockdiek wohnt. Ich rief Daniel an und erkundigte mich nach seinem Bruder: „Ja, der Ronald hat sich vor zwei Wochen in seinem Zimmer eingeschlossen und redet kein Wort mehr mit mir. Er schaut den ganzen Tag Fernsehen und kommt nur noch heraus, wenn er mal auf Toilette muss oder sich etwas aus dem Kühlschrank holen will. Obwohl mir klar ist, dass seine Depressionen irgendwann wieder aufhören, belastet mich die Stille in der Wohnung auch; aber was soll ich machen? Er will ja nicht mit mir reden!“ Ich gab Daniel die Nummer vom sozial-psychiatrischen Notdienst, aber man teilte ihm dort mit, dass man ihn erst dann wieder in die Psychiatrie bringen würde, wenn er sich in akuter Lebensgefahr befände oder andere gefährde. Da er nicht zur Arbeit kam, zahlte ich ihm auch keinen Lohn mehr, in der Hoffnung, dass ihm das wieder zur Besinnung bringen würde. Denn wenn irgendwann der Kühlschrank leer sei, müsse er doch wieder nüchtern werden, dachte ich.

Doch dann kam alles ganz anders: Was ich nicht ahnte, war, dass auch Ronalds Bruder psychisch labil war. So geschah es an einem Nachmittag, dass Daniel aufstand, an die Tür von Ronalds Zimmer klopfte und sagte: „Ronald, es tut mir leid, aber ich halte das nicht länger aus. Ich will so nicht mehr leben. Deshalb werde ich jetzt gehen, und zwar für immer.“ Er ging zur Balkontür und machte sie auf; dann drehte er sich noch einmal um und rief: „Sag Mama, dass ich sie lieb hab!“ Dann stellte sich Daniel auf die Balkonbrüstung, schaute die 40 m in die Tiefe, schloss die Augen und wollte gerade springen. Doch in diesem Moment griff ihn Ronald um die Beine und riss ihn wieder zurück von der Brüstung auf den Balkonfußboden. Denn Ronald hatte einige Sekunden zuvor in rasender Eile die Tür aufgeschlossen und war zum Balkon gelaufen, um seinen Bruder zu retten. Daniel sagte später nur lapidar: „Er kannte mich und wusste, dass ich es tun würde“. Kurze Zeit später kam auch Daniel Pilka zum Glauben an den HErrn Jesus und ging kurz darauf zur Bibelschule. Als ich ihn ein Jahr später bei einem Besuch bei Ronald kennenlernte, war er ein richtiger Bibeleiferer, so dass ich dachte: „Na sowas, der ist ja genauso wie ich war in seinem Alter!“ Heute ist Daniel übrigens einer meiner besten Freunde. Sein Bruder Ronald hatte damals die Lehre abgebrochen und hatte sein Abitur nachgeholt. Doch dann war er später noch mal rückfällig geworden und landete wieder in der Psychiatrie. Als ich ihn besuchte, bat er mich, ihm eine Frau aus Südamerika zu besorgen. Das wurde aber nicht mehr nötig, denn er verliebte sich schon bald darauf in seine gleichaltrige Krankenschwester und heiratete sie. Heute arbeitet Ronald als Industriekaufmann, hat hübsche Kinder, ein großes Haus und geht mit seiner Familie in eine russlanddeutsche Gemeinde. Seine manisch-depressive Erkrankung scheint überwunden zu sein, Dank sei Gott!

Paul Rauner hatte ich inzwischen wieder gekündigt, nachdem er mich schon zu oft enttäuscht hatte durch sein häufiges Nicht-Erscheinen auf der Arbeit ohne sich krank zu melden, durch das er mich bei Kunden in die unangenehmsten Situationen brachte. Auch meinen Freund Jörg Osterkamp musste ich schon zum zweiten Mal kündigen, da ich mir zu viel Kritik von meinen Kunden wegen ihm einhandelte. So verblieben mir schließlich nur noch André Bindemann (40) und Ralf Lopp (52) als Gesellen, so dass ich dringend einen weiteren Gesellen brauchte.

Urkundenfälschung und Bürgschaft für einen fremden Rumänen

Im Spätsommer 2005 erhielt ich eine Email aus Heilbronn von einem mir unbekannten Rumänen namens Horatiu Hudea (29), der mich fragte, ob ich Arbeit für ihn hätte. Er sei gelernter Maler, hätte aber bisher kaum Arbeit gefunden in Deutschland, obwohl er schon gut deutsch könne. Er tat mir irgendwie leid, und ich entschied mich, ihm eine Chance zu geben. So reiste er Anfang September mit dem Zug nach Bremen, und ich holte ihn vom Bahnhof ab. Da er kaum Geld hatte, brachte ich ihn zunächst in ein Obdachlosen-Asyl, wo er kostenlos schlafen konnte. Doch als ich mit ihm eines der Zimmer betrat das voll war mit 4 – 5 Etagenbetten, die noch nicht einmal frisch bezogen waren, wandte sich Horatiu mit gefalteten Händen zu mir und sagte: „Bitte, bitte, Simon, lass mich nicht in diesem Haus schlafen! Bitte bitte! Jeder andere Ort ist mir lieber als hier!“ Ich überlegte und mir fiel dann der Campingplatz am Uni-See ein, zumal Horatiu auch ein Ein-Mann-Zelt mithatte. Ich brachte ihn also dort hin und holte ihn am nächsten Tag ab zur Arbeit. Nach einer kurzen Probezeit entschied ich mich, ihn zu nehmen. Aber er brauchte dringend ein richtiges Dach über den Kopf. Ich redete also mit meiner Frau, ob wir ihn nicht vorübergehend bei uns aufnehmen können für ein oder zwei Monate, bis er eine eigene Wohnung gefunden hatte. Ruth hatte zwar etwas Misstrauen, weil Horatiu kein Christ war, aber schließlich versicherte ich der Ruth, dass man ihm getrost vertrauen konnte, da er ein lieber Kerl sei. Wir gaben ihm also ein Zimmer auf dem ausgebauten Dachboden, wo er sich wie zuhause fühlen könne.

So aß ich morgens mit Horatiu Frühstück und wir fuhren dann zur Baustelle. Abends jedoch wollte er nicht mit uns essen, sondern versicherte, dass er alles Nötige zum Leben immer selber kaufen und auf sein Zimmer mitnehmen würde. Eine Woche später kam Horatiu zu mir in mein Büro und erklärte, dass er eine große Traurigkeit habe wegen seiner Ehefrau Valentina, die noch in Rumänien sei, aber kein Visum bekäme, um zu ihm nach Deutschland zu kommen. „Die Behörden sagen,“ erklärte er mir, „dass ich erst nachweisen müsse, dass ich mindestens drei Monate in Deutschland angestellt sei, damit sie ihr ein Visum erteilen können“. „Und wo ist das Problem?“ fragte ich. „Du brauchst doch jetzt nur drei Monate bei mir arbeiten und bekommst dann das Visum.“ – „Das Problem ist,“ begann er, „dass meine Frau im 5. Monat schwanger ist, und in drei Monaten nicht mehr reisen kann. Ich will aber, dass unser Sohn in Deutschland geboren wird, damit er später weniger Probleme hat mit der Aufenthaltsgenehmigung. Simon, bitte, hilf mir doch! Kannst Du nicht einfach drei fiktive Lohnabrechnungen für mich erstellen, damit ich den Behörden nachweisen kann, als ob ich schon mehr als drei Monate bei Dir arbeiten würde?“ Ich überlegte und dachte wieder an Oskar Schindler, den ich mir ja zum Vorbild nehmen wollte. „So einfach ist das nicht, Horatiu“, erklärte ich ihm, „denn die Löhne werden neuerdings digital übermittelt und direkt über DATEV verarbeitet. Es gibt nur die Möglichkeit, dass ich irgendeine bestehende Lohnabrechnung mit Tipp-Ex so manipuliere, als sei diese von Dir. Das ist gar nicht so einfach, denn man muss die zum Schluss kopieren, so dass niemand auf den ersten Blick erkennen kann, dass es eine Fälschung ist.“ – „Simon, bitte!!!“ flehte Horatiu „Du bist ein guter Mensch und hast ein weiches Herz. Bitte mach das doch für mich, Bitte!“ Ich dachte: Die Welt ist ungerecht, also ist es unsere Verpflichtung, sie wenigstens ein wenig gerechter zu machen, und sei es auch mit illegalen Mitteln!

Doch nachdem Horatiu inzwischen schon einen Monat bei uns im 2. Stock wohnte, musste Ruth eines Nachmittags in sein Zimmer, da dort der große Kleiderschrank war, um Wäsche einzusortieren. Doch in dem Moment, als sie die Tür aufmachte, stach ihr ein fürchterlicher Gestank in die Nase, so dass sie sofort das Veluxfenster aufmachte. Überall schwirrten kleine Fruchtfliegen um diverse Plastiktüten voller Müll. Auf dem Tisch war eine geöffnete Fischkonserve auf der die Fliegen saßen und überall lagen Krümel und Essensreste. Sofort griff sie zum Telefon und rief mich auf der Arbeit an: „SIMON, HÖRST DU: ICH MÖCHTE, DASS DEIN GAST HIER SOFORT WIEDER VERSCHWINDET! Er hat hier seinen ganzen Müll im Zimmer gelagert und hält es offensichtlich noch nicht einmal für nötig, im Zimmer zu lüften! Das ist einfach ekelig!“ – Ich versuchte Ruth zu beruhigen und ihm doch noch eine kurze Karenzzeit einzuräumen, bis er eine eigene Wohnung gefunden hätte. Aber Ruth ließ nicht mit sich reden: „Ich will, dass er heute noch verschwindet!“ Da war nichts zu machen. Ich versuchte, es Horatiu schonend beizubringen: „Du hast leider Dein Gastrecht verwirkt. Meine Frau lässt nicht mit sich reden. Aber Du kannst ja für erste in der neuen Werkstatt übernachten im Steffensweg, denn dort gibt es wenigstens ein Waschbecken.“ – „Mach Dir keine Sorgen, Simon, das ist schon in Ordnung.“ Doch dann kam auch schon das nächste Anliegen von Horatiu: „Simon, meine Frau kommt Mitte Oktober nach Deutschland, und Du musst wissen, dass sie hochschwanger ist. Ich brauche dringend eine Wohnung bis dahin. Kannst Du nicht mal mit einem Deiner Kunden sprechen, der Wohnungen vermietet?“ –

Ich rief bei der Janßen Grundstücksgesellschaft an, einer meiner Stammkunden, und erklärte die Situation. Sie hatten zwar jede Menge leerer Sozialwohnungen zu vermieten, aber das Horatiu erst seit kurzem bei mir arbeite war ihnen zu unsicher. Daraufhin bot ich an, mich für Horatiu zu verbürgen. – „Wenn Sie eine Bürgschaft für ihn unterschreiben würden, dass Sie im Falle eines Mietausfalls die Miete zahlen würden, dann wäre das auf jeden Fall eine Option, denn wir kennen Sie ja. Aber wollen Sie das wirklich machen für diesen Herrn Hudea? Sie kennen ihn doch erst seit kurzem…“ – „Ja, aber er arbeitet ja für mich, so dass ich ihm die Mietkosten jederzeit vom Lohn abziehen kann“ war ich mir sicher. Dass dies jedoch nur dann funktioniert, solange Horatiu auch bei mir arbeitet, war mir in diesem Moment nicht bewusst. Deshalb unterschrieb ich blauäugig die Bürgschaft für ihn. Horatiu bekam also gerade noch rechtzeitig eine 50 m²-Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Bremen-Kattenturm. Doch dann ergab sich das nächste Problem, dass nämlich Horatiu überhaupt keine Möbel hatte. Eine Matratze hatte ich für ihn und auch eine Spüle, die ich ihm in die leere Wohnung brachte. Horatiu war aber so froh über die neue Wohnung, dass er keine weiteren Ansprüche hatte. Doch als seine zierliche Frau dann aus Rumänien kam und ich sie in die neue Wohnung fuhr, brachte ich es nicht übers Herz, sie in dieser kargen Behausung wohnen zu lassen. Ich erinnerte mich an unseren neuen Esstisch mit den sechs Stühlen, die ich gerade erst in die Garage gebracht hatte, da sie nicht mehr in unser Wohnzimmer passten. Also schenkte ich dem Horatiu die Möbel und trug sie mit ihm hinauf in seine Wohnung.

Undank ist der Welt Lohn

Horatius Frau war in Rumänien bei der Krankenkasse angestellt gewesen, weshalb sie den Inhalt der Lohnabrechnungen genauestens inspizierte, um ihn auf Fehler zu überprüfen. Und tatsächlich stand sie mit ihm eines Abends vor unserer Tür und war aufgeregt, weil sie meinte, Fehler entdeckt zu haben. Da geriet auch meine Frau Ruth in Aufregung und warf die beiden kurzerhand vor die Tür: „Simon, was erlauben sich diese Leute, nach all der Hilfe, die Du schon für sie geleistet hast, dass sie jetzt auch noch mehr Geld von Dir fordern!“ Ich lief den beiden hinterher, und unter dem Licht der Straßenlaterne klärten wir nach zähem Hin und Her die Missverständnisse in den Lohnabrechnungen auf. Doch es dauerte nur zwei weitere Wochen, da kam auch schon die nächste Klage. Horatiu rief mich eines Abends an und sagte: „Simon, es tut mir leid, aber die Wohnung ist unerträglich laut in der Nacht, weil die ganzen Ausländer hier fast jede Nacht irgendwo eine Party feiern und man bei dem Lärm einfach nicht schlafen kann!“ – „Horatiu, seid doch froh, dass ihr überhaupt eine eigene Wohnung in Deutschland habt. Was erwartest Du?“ fragte ich. „Simon, bitte, unser Kind wird doch in wenigen Tagen geboren und meine Frau braucht Ruhe. Kannst Du nicht nochmal mit der Hausverwaltung sprechen, ob sie uns nicht eine andere Wohnung geben können, wo es etwas ruhiger ist? Bitte, Simon, wir brauchen Deine Hilfe, denn ich kenn mich doch in Deutschland nicht aus!“ – Ich dachte: Au weia, was habe ich mir da bloß für eine Laus ins Fell geholt!

Ich besichtigte also mit Horatiu und seiner Frau andere Wohnungen, und glücklicherweise konnte die Janßen Grundstücksgesellschaft ihm schon bald eine neue Wohnung anbieten. Doch in der neuen Wohnung war kein Platz für unsere neue Sitzgarnitur mit sechs Stühlen, und da ich keine Lust hatte, sie wieder zu mir nach Hause zu fahren, stellten Horatiu und ich die Möbel einfach an die Straße dieses Ausländer-Ghettos. Doch noch während wir die einzelnen Teile die Treppe runter geschleppt hatten, wurden sie auch schon von den Ausländern mitgenommen.

Nachdem die Eheleute Hudea nun am 01.11. zum zweiten Mal innerhalb von zwei Monaten umgezogen waren, geriet ich kurz darauf mit Horatiu in einen Streit, weil er so wehleidig und empfindlich auf Kritik reagierte wie eine Mimose. Am Ende der Diskussion war Horatiu so beleidigt, dass er bei mir kündigte. Ich fragte ihn, ob dies der Dank sei nach all dem, was ich für ihn getan hatte, und er erklärte mir mit seiner weinerlichen Stimme, dass er schon seit langem überlegt hätte zu kündigen, weil er mit meiner dominanten Art überhaupt nicht klar käme und nachts vor Angst und Sorgen schon nicht mehr schlafen könne. Nun erst wurde mir klar, dass ich mit der Bürgschaft einen riesigen Fehler begangen hatte, denn wenn er jetzt arbeitslos sei, könne er seine Miete nicht mehr bezahlen, so dass ich trotz des Endes der Beschäftigung weiter seine Miete bezahlen müsse. Deshalb beschwor ich Horatiu, dass er sich doch jetzt sofort um eine neue Stelle bemühen müsse, um mir nicht auch noch auf der Tasche zu liegen. Zum Glück fand er auch trotz des Winters eine neue Anstellung bei einer Zeitarbeitsfirma, so dass mich sein Vermieter auf meinen Antrag hin aus der Bürgschaft entließ.

In den späteren Wochen rief mich Horatiu dann regelmäßig in Abständen an, um sich für all die Hilfe zu bedanken und dass sein Sohn inzwischen geboren sei, und dass er nicht wisse, wie er all dies wieder gut machen könne usw. Er hatte wohl inzwischen ein schlechtes Gewissen mir gegenüber und wollte sich deshalb meiner Vergebung versichern. Ich freute mich einfach nur, dass es ihm und seiner Familie mittlerweile viel besser ging und dass er meine Hilfe nun auch dankbar zu schätzen wusste. Nachdem er allerdings schon das zehnte Mal angerufen hatte, um mir dasselbe zu sagen, nervte es mich allmählich und ich bekannte ihm offen: „Hör mal, Horatiu, ich finde es gut, dass Du endlich auch mal Deine Dankbarkeit ausdrückst, aber das hast Du jetzt schon viele Male getan, und jetzt reicht es auch. Bitte ruf mich nicht mehr an, denn das nervt mittlerweile richtig. Nimm es mir bitte nicht übel, wenn ich das jetzt einfach mal so direkt sage. Wir Deutschen sind leider immer sehr direkt in solchen Sachen, aber dafür auch ehrlich. Ich weiß Deinen späten Dank wirklich zu schätzen, aber das reicht jetzt auch. Lebe wohl, lieber Horatiu!“ Seitdem rief er mich tatsächlich nie mehr an.

Um dem kalten Winter zu entfliehen, haben Ruth und ich zusammen im Dezember eine Art „Kaffeefahrt“ gemacht in die Türkei, also solch ein Billigflug mit Reiseleitung und jeder Menge Verkaufsveranstaltungen. Rebekka ließen wir in jener Ferienwoche bei meiner Mutter, um mal wieder ganz unser Eheglück zu pflegen ohne Verpflichtungen. Von Antalya aus machten wir dann Busreisen zu den antiken Tempelanlagen von Perge (türk. Barbaros) oder den Thermalquellen von Pamukkale bei Laodizäa (türk. Denizli), wo das heiße Gebirgswasser damals lauwarm im Tal ankam (vergl. Offb.3:14). Das tägliche Büffet im Hotel war überreichlich und auch die Besuche bei Kunsthandwerksmärkten oder Teppichbasaren waren durchaus interessant, so dass sich die Reise echt gelohnt hatte. Beinahe hätte ich mich beschwatzen lassen, einen handgeknüpften Teppich für 1.000, - € zu kaufen, weil der deutschsprechende Händler sich so sehr um uns bemühte, dass er mir am Ende leidtat. Zum Glück behielt Ruth am Ende einen kühlen Kopf und konnte mich gerade noch rechtzeitig vom Kauf abhalten, was auch gut war, denn später erfuhren wir, dass die Waren dort alle größtenteils völlig überteuert waren.

 

(Fortsetzung folgt…)



 

Januar – Juni 1999

Meine 4. Peru-Reise

Ende Januar fuhren wir als Familie wieder für einen Monat nach Peru, da es im Winter ohnehin nicht genug Arbeit gibt für Malerbetriebe. Diesmal aber nahmen wir meinen Vater mit, damit auch er mal dieses Land kennenlernen konnte, wovon wir ihm so oft schon berichtet hatten. Nach all der Hilfe, die er uns schon gegeben hatte, waren wir es ihm schuldig, dass wir uns mal bei ihm revangieren konnten. Da auch mein Vater in seiner Jugend bei den Pfadfindern war und so wie ich ein Abenteurer war, dem Armut und Entbehrungen nichts ausgemacht hatten, war ich mir sicher, dass er trotz seiner 57 Jahre keine Probleme haben würde mit den Widrigkeiten einer solchen Reise. Doch da hatte ich mich geirrt. Besonders als wir die alten Schwestern in Collique (im Norden Limas) besuchten, war mein Vater entsetzt über die Armut dort und sagte: „Simon, wie konntest Du mich nur in dieses fürchterliche Land bringen!? Das hält doch kein Mensch auf Dauer aus! Schrecklich, wie diese Leute hier Leben müssen! Da kriege ich wirklich die Krise!“ Aber schon zwei Tage später, als wir zu meinem Schwager Israel nach Ica-Parcona reisten, war mein Vater plötzlich ganz anderer Meinung und sagte: „Das ist ja wirklich phantastisch hier, Simon! Wir sollten hierher auswandern. Ich sollte hier ein Haus kaufen, wo wir alle drin wohnen könnten. Besser geht’s nicht!“ Und so ging das in den Tagen danach immer wieder auf und ab. Mein Vater war hin- und hergerissen in seinen Gefühlen, und mir wurde klar, dass sein Nervenkostüm nicht mehr so belastbar war wie früher.

Am Sonntagnachmittag fuhren wir mit der ganzen Gemeinde in Parcona zur Lagune von Huacachina, einer Oase mitten in der Wüste, wo wir gemeinsam aßen und Fußball spielten. Einige Wochen zuvor hatte sich eine achtköpfige Familie bekehrt und taufen lassen. Seit diese Familie Peña regelmäßig zum Gottesdienst ging, war die kleine Gemeinde fast auf das Doppelte angewachsen. Der Vater hatte jahrelang Bodybuilding praktiziert und konnte beim Posieren mit seinen übertrieben dicken Muskeln seine Brust durch Anspannung in Bewegung versetzen. Doch hatte er möglicherweise durch Anabolika dermaßen seine Leber ruiniert, dass er schon bald darauf starb mit gerade einmal nur 49 Jahren. Da die Familie nun keinen Ernährer mehr hatte, schenkte Israel ihr später sein Haus in Parcona, nachdem sein neues Haus in Ica im Jahr 2000 bezugsfertig wurde. Anschließend fuhren wir gemeinsam zur Baustelle und waren überrascht, wie viel Quadratmeter schon allein die Grundfläche betragen sollte (nämlich über 200 m²), inmitten eines 1.200 m² großen Gartens, der umzäunt war von Bäumen und dichtem Unterholz, sowie teilweise auch von einer drei Meter hohen Mauer.

Nach unserem Besuch in Ica reisten wir weiter nach Cuzco, der alten Inca-Hauptstadt im Gebirge, von wo aus wir ein weiteres Mal nach Machu Picchu fahren wollten, damit auch mein Vater mal diese Ruinenstadt sehen konnte, von der man bis heute nicht zuverlässig sagen kann, wann und wie sie erbaut wurde. Denn neuere Forschungen ziehen die bisher geltende Theorie in Zweifel, dass die Stadt erst im 15.Jh durch die Inkas erbaut wurde, da diese noch gar nicht in der Lage waren, die z.T. tonnenschweren Felsen so präzise zu schneiden und passgenau auf einander zu legen, so dass noch nicht einmal ein Blatt Papier dazwischen passt. Sogar nichtreligiöse Forscher vermuten heute, dass die Ruinen in Peru – genauso wie die Pyramiden in Ägypten – von übernatürlichen, hochintelligenten Wese der menschlichen Frühgeschichte errichtet wurden, nämlich den „Nephilim“ (d.h. „Gefallene“ vergl. 1.Mo.6:1-4). Leider war die Bahnstrecke nach Machu Picchu jedoch wegen anhaltender Regenfälle durch Schlamm und herabfallendes Geröll unpassierbar geworden, so dass wir diesmal auf einen Besuch verzichten mussten. Stattdessen unternahmen wir Wanderungen zu den Ruinen von Písac, Urubamba und Ollantaytambo, wo wir eine Berglandschaft ähnlich wie in der Schweiz sahen mit gigantischen Schluchten und Tälern unter strahlend blauem Himmel.

Das letztes Ziel unserer Reise war Huaraz, eine Stadt in der „weißen Bergkette“ („Cordillera Blanca) etwa 450 km nördlich von Lima, wo Berge von über 6.000 m Höhe liegen. Besonders der Gletschersee von Llanganuco hatte auf uns alle einen so starken Eindruck hinterlassen, dass wir ernsthaft überlegten, uns bei unserer nächsten Reise in Huaraz ein Haus zu kaufen, zumal der Ort damals touristisch noch kaum „entdeckt“ war.

Als wir wieder zurück nach Lima kamen, fand ich dort Briefe von Eduard und Hans-Jochen Bohm, aber auch von Tobias Schaum. Eduard hatte mir schon im Dezember geschrieben und auf meinen „Demas-Brief“ reagiert, den auch er bekommen hatte, indem er mir vorwarf, „der Schlange auf den Leim gegangen“ zu sein, die mir das Angebot machte, so zu „sein wie Gott“. Dass er es nur gut mit mir meinte und sich um mein Seelenheil sorgte, erkannte ich damals nicht, sondern unterstellte ihm Selbstgerechtigkeit und Eigenliebe. Ich hatte ihm schon vor meiner Abreise noch geantwortet, indem ich ihm in spöttischer Weise Überheblichkeit und Arroganz vorwarf. Hier mal ein Ausschnitt aus meinem Brief vom 28.12.98:

Ausgerechnet Du nennst mich einen „Pharisäer“! Wer ist es denn von uns beiden, der sich für gerechter hält (vergl. Luk.18:11)? Und wer von uns beiden verachtet den anderen, indem er ihm zu verstehen gibt: ‚Du bist doch ganz in Sünden geboren, und Du willst uns belehren?!‘ (Joh.9:34). Würdest Du die Füße Jesu mit Tränen benetzen und mit Deinen Haaren abtrocknen? …

Du lebst doch in einer paranoiden Scheinwelt, in der es einen Gott gibt, der so ist wie Du, der Dir das Gefühl gibt: ‚Eduard, fürchte dich nicht, daß alle anderen Christen abgefallen sind und nur du und deine Familie übriggeblieben ist. Mir kommt es ja nicht auf die Menge an, sondern auf Qualität – und wenn ich auch unter den 5.000.000.000 Menschen nur euch 5 habe als meine Getreuen, so hat sich der Aufwand doch für mich gelohnt. Mach nur schön weiter so mein braves Kind – ich fang in der Zwischenzeit schon mal an, das Höllenfeuer anzuzünden, um die übrigen 4.999.999.995 Menschen zu rösten! Fällt Dir eigentlich gar nicht auf, wie dumm und primitiv ein solches Weltbild ist? Hältst Du solch ein Gottesbild nicht auch für eine Beleidigung Gottes?

Doch mach Dir nichts draus, denn ich habe ja selber auch jahrelang in diesem Märchenschloß gelebt und weiß, wie schwer es ist, von diesen Hirngespinsten frei zu werden… Während der Glaube für mich eher notwendige Seelenmassage war, half er Dir vor allem, Deine Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, um von Deinem „Gott“ das Lob und die Anerkennung zu empfangen, die Dir als Kind versagt blieben… Deine selbstgewählte Isolierung führt zu einem besorgniserregenden Realitäts-verlust. Du verdrängst Deine Not, indem Du die Probleme immer bei den anderen suchst. Deine Schuldgefühle projizierst Du auf andere, weil Du es ihnen nicht zugestehst, frei und unbekümmert zu sein. Dein ganzer Brief an mich ist im Grunde nur ein Selbstgespräch mit Deiner kranken Seele.

Spiel Dich also nicht länger als Seelsorger auf, lieber Eduard, solange Du selber Hilfe brauchst. Was Dir fehlt ist Wärme und Mitgefühl, damit Dein kaltes und starres Herz auftaut und Du keine Angst mehr hast, mit anderen über Deine Probleme zu reden, anstatt diese durch Gegenattacken zu verbergen …Wenn Du schonungslos Deine innere Not vor anderen bekennst, dann wirst Du frei davon. Das habe auch ich selbst erlebt. Als ich absolut unten war und es nichts mehr zu verbergen gab vor anderen, da erst gewann ich meine Selbstachtung wieder, und ich konnte allen feigen Brüdern zurufen: ‚Was wollt Ihr eigentlich von mir? Ich habe mich vor Euch ausgezogen bis auf’s letzte Hemd, - und jetzt seid ihr an der Reihe!“ Wer so radikal mit seiner Heuchelei gebrochen hat, der schämt sich auch nicht mehr, zu dem zu stehen, was er tut…“

Eduard schrieb mir nun deutlich demütiger und bemühte sich aufrichtig, auf meine unverschämten Unterstellungen einzugehen. Auch sein Bruder Hans Jochen Bohm versuchte, die von mir genannten Widersprüche, die ich in der Bibel sah und in meiner Demas-Schrift aufgezählt hatte, Punkt für Punkt aufzulösen. Allerdings unterstellte er mir, dass ich nie wirklich widergeboren sei, was er angeblich daran erkannt habe, dass ich in meinen Artikeln aus dem Monatsblatt „Die Bruderliebe“ Bibelstellen angeblich „stets aus dem Zusammenhang gerissen“ habe. Vielleicht war dies der Grund, dass ich sehr gereizt reagiert hatte, indem ich ihm Unaufrichtigkeit und Willkür vorwarf. Da Hans-Jochen ein hoch intelligenter und studierter Akademiker war, gab ich mir besonders Mühe, seine biblisch begründeten Argumente mit menschlicher Logik zu widerlegen:

Eine Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Glauben hängt nicht nur von der Glaubwürdigkeit des ‚Glaubens-Objektes‘ ab, sondern auch davon, ob ich die Entscheidung ohne Androhung von Repressalien treffen kann. Wenn in den diktatorischen Ländern wie China oder der DDR ‚Wahlen‘ stattfanden, dann waren diese meist eine Farce, denn obwohl sie dem Anschein nach ‚frei‘ waren, wurden doch alle, die nicht für das diktatorische Regime stimmten, politisch verfolgt, d.h. verhaftet, gefoltert und ermordet. Der in der Bibel erdichtete ’Gott‘ erpreßt die Menschen, indem Er ihnen mit der Höllenstrafe droht, wenn sie Seinen Propheten nicht glauben. Er läßt ihnen faktisch keine Wahl, weil es offensichtlich ist, daß niemand in die Hölle kommen möchte. Jesus schüchtert die Menschen also ein, anstatt durch glaubwürdige Argumente zu überzeugen; folglich ist es keine Frohbotschaft, sondern eine Drohbotschaft (‚Friß oder stirb!‘). Die Christen glauben also nicht aus Liebe zu Jesus, sondern aus Angst vor Jesus. Ihre ‚Liebe zu Jesus‘ ist die Liebe von Geiseln zu ihrem Geiselnehmer.“

Tobias Schaum nahm meinen Demas-Brief indes zum Anlass, in einem „offenen Brief“ nicht nur vor mir sondern auch vor dem Lesen des Demas-Briefes an sich zu warnen. Nach seinen Worten sollten Christen, die „noch nicht ausreichend genug gefestigt sind im Glauben“, besser gar nicht erst den Demas-Brief in die Hand nehmen, da sie durch diesen möglicherweise zutiefst erschüttert würden in ihrem Glauben. Erneut machte er mir schwere Vorwürfe und kündigte an, dass ich nun auf jeden Fall nicht mehr errettet werden könne, sondern für ewig verloren sei, da nach Hebräer 6:4-6 ein vom Glauben Abgefallener „nicht mehr zur Buße erneuert werden könne“. Seine Verdammungsurteile ließen mich jedoch unbeeindruckt, sondern gaben mir eher eine Bestätigung von dem „Wahnsinn“, von dem ich heilfroh war, dass ich ihm nun ein für alle Mal entflohen war.

Mein erster Geselle

Als wir nach knapp zwei Monaten Ende Februar 1999 wieder zurück waren in Deutschland, musste ich zunächst mal wieder ordentlich Werbeflyer verteilen, um neue Aufträge zu bekommen. Und es dauerte nicht lang, da riefen mich jede Menge Kunden an, so dass unsere Auftragslage für die nächsten zwei Monate erst mal gesichert war. Unter anderem meldete sich auch der Eigentümer eines Mehrfamilienhauses in Wunstorf, der mir den Auftrag erteilte, dieses Gebäude von vorne und hinten zu dämmen. Spätestens hier wurde mir klar, dass ich und Marco dies alles nicht mehr alleine bewerkstelligen konnten, sondern dass ich noch andere erfahrene Gesellen bräuchte. So machte ich ein Stellenangebot beim Arbeitsamt und erhielt sogleich mehrere Bewerbungen, u.a. von einem Altgesellen namens Wolfgang Kanz (47), den ich daraufhin zu mir einlud. Es war mein erstes Vorstellungsgespräch überhaupt, weshalb ich ziemlich nervös war und Marco bat, mit dabei zu sein.

Als es dann am Nachmittag zum vereinbarten Termin bei uns klingelte und ich die Tür öffnete, stand ein dicklicher Mann vor mir mit ungepflegten langen Haaren und einem Vollbart, dessen Kleidung stark nach Zigaretten roch. Als wir uns gesetzt hatten und ich Wolfgang nach seinem bisherigen Werdegang fragte, erzählte er mir, dass er schon viele Jahre arbeitslos sei, da er häufig krank war und immer wieder seine Arbeit verlor. Ich hakte nach, und er berichtete mir dann ausführlich von seinen ganzen Krankheiten und gesundheitlichen Beeinträchtigungen, so dass ich mich fragte, warum er sich denn überhaupt bei mir bewarb. Innerlich hatte ich ihn schon abgeschrieben, aber ich blieb höflich, bot ihm das „Du“ an und erzählte ihm von mir und meinem Bruder, was wir bisher erlebt hatten. Dabei haben wir einige Male gemeinsam gelacht, und ich konnte es mir nicht verkneifen, dem Wolfgang meinen Eindruck mitzuteilen: „Seien wir ehrlich, Wolfgang: Du hast eigentlich gar kein Interesse, bei mir zu arbeiten, weil Du schon seit Jahren durch Schwarzarbeit genug nebenbei verdienst und gar keine Zeit findest, um auch noch offiziell in einer Firma beschäftigt zu sein. Erzähl´ mir nichts, ich weiß doch, wie das läuft, denn welcher Arbeitssuchende erzählt beim Vorstellungsgespräch erst mal von seinen ganzen Krankheiten!“ Wolfgang grinste und sagte: „Na ja, wenn Du das sagst…“

Doch dann wurde er wieder ernst und erklärte mir, dass er uns beide ganz sympathisch und „cool“ fände und er eigentlich doch auch bereit wäre, bei uns zu arbeiten, zumal er auch endlich mal wieder etwas für seine Rente tun müsse. Ich war aber inzwischen skeptisch, ob das gut gehen würde, zumal Wolfgang ja auch schon 17 Jahre älter war als ich und damit auch nicht mehr so leistungsfähig war. Und wenn er dann auch noch ständig krank wäre und ich ihm noch nicht mal mehr kündigen kann. Aber wie konnte ich ihm das sagen, ohne dass er gekränkt wäre? Doch als ob er meine Gedanken lesen könnte, fügte Wolfgang hinzu: „Du bekommst übrigens vom Amt einen Zuschuss, wenn Du mich einstellen würdest, denn ich bin ein Langzeitarbeitsloser. Die würden Dir die Hälfte meines Lohnes erstatten, damit ich wieder in den Arbeitsmarkt integriert werde.“ – „Das hört sich ja nicht schlecht an!“ sagte ich. „Ja, genau. Und dadurch gehst Du auch kein finanzielles Risiko ein.“ Ich überlegte und sagte schließlich: „Wenn das wirklich so ist, dann würde ich Dich gerne nehmen!“ Wir gaben uns die Hand, und Wolfgang fing schon bald darauf bei mir an.

Zu meiner Überraschung stellte sich schon bald heraus, dass Wolfgang ziemlich flott und pfiffig war. Alles machte er mit großer Routine und Gelassenheit, so dass ich ihn schon bald ganz alleine arbeiten lassen konnte. Das war vielleicht ein Gefühl: Zum ersten Mal verdiente ich Geld ohne dass ich dafür selber etwas tun musste! Ich gab dem Wolfgang einfach morgens das das Material und das Angebot in die Hand und konnte dann einfach zu einer weiteren Baustelle fahren zum arbeiten. Damit er nicht neidisch werden würde, wenn er sieht, was ich für seine Arbeit vom Kunden an Geld bekommen würde, schummelte ich heimlich, indem ich die Preise zuvor um 10 – 20 % niedriger machte auf seinem Zettel. Als ich einmal zu Feierabend auf seine Baustelle fuhr, sah ich ihn, wie er gemütlich die Fassade strich und ganz beiläufig zu mir sagte: „Für die Fassade hast Du aber ganz schön wenig genommen! Ich musste mich richtig beeilen, damit Du keinen Verlust machst.“ Ich schmunzelte innerlich und sagte: „Ja, das weiß ich. Das liegt eben an der vielen Konkurrenz!“ In der Tat musste ich meine Angebote ohnehin schon sehr scharf kalkulieren, da ich ja erst mal bekannt werden musste. Um die Fassadenaufträge zu kriegen, bot ich den Kunden die Fassaden ohne Gerüstkosten an, indem wir sie einfach von der Schiebeleiter strichen. Marco und ich hatten hierfür schon bald eine Technik gefunden, dass wir schon bald sogar 10 m hohe Häuser problemlos von der Leiter streichen konnten, was eigentlich gar nicht erlaubt war. Auch Wolfgang machte dabei mit, so dass unsere Kunden in den Jahren danach viel Geld einsparen konnten.

Da ich noch keine Ahnung hatte, dass es bei Fassadenfarben die unterschiedlichsten Qualitäten gibt, kaufte ich in der Anfangszeit die Farbe einfach beim Baumarkt, wo sie deutlich billiger war als im Fachhandel. OBI hatte damals ein Produkt, wo der Liter bei nur knapp 4,- DM lag (statt normal 10,- DM). Daher kaufte ich diese Farbe regelmäßig in größeren Mengen und machte einfach immer das Etikett ab, damit der Kunde nicht erfährt, wie viel ich für den Eimer wirklich zahle. Einmal kam ich nachmittags auf die Baustelle und fragte Wolfgang, ob alles gut laufe. „Ja, alles gut, keine Sorge. Vorhin kam allerdings der Kunde zu mir und hat gefragt, warum an den Farbeimern überhaupt kein Etikett dran sei.“ Ich erschrak und fragte aufgeregt: „Und was hast Du ihm geantwortet??!“ Wolfgang reagierte gelassen und sagte: „Och, ich hab ihm einfach erklärt, dass Du die Eimer immer direkt beim Hersteller beziehen würdest, wenn die gerade abgefüllt werden, so dass da noch kein Etikett raufgekommen ist, und das hat er mir geglaubt.“ Ich lobte ihn und dachte: „Was für ein Teufelskerl!

Da mein Keller als Lagerraum inzwischen zu klein war, mietete ich eine alte Garage mit Holztor, wo wir unsere ganzen Materialien lagern konnten. Doch allmählich war der Müll an leeren Eimern und Abdeckmaterial stark angewachsen, und ich wusste nicht, wohin damit. Für den Hausmüll war es viel zu viel, und eine Deponie gab es nicht in der Nähe. Also lud ich nachts mein Auto voll, fuhr zum nächsten Supermarkt und warf meinen Müll einfach in die Container hinein. Ein schlechtes Gewissen plagte mich dabei nicht, aber ich hatte ein ungutes Gefühl im Bauch, dass dies doch keine Dauerlösung sein könne. Tatsächlich musste ich aber noch die nächsten zwei Jahre mein Müllproblem auf diese Weise lösen, bis mir endlich die Idee kam, alle vier Monate einen 20 m³-Container zu bestellen, den wir dann mit bis zu einer Tonne Restmüll befüllten. Das kostete mich zwar jedes Mal 400,- DM, aber dafür hatte ich nicht mehr diesen Stress und Herzklopfen.

Immer mehr Kunden riefen mich an und beauftragten mich, so dass ich Mitte April schon einen weiteren Gesellen einstellen musste. Auch Heiko war ein Langzeitarbeitsloser, für den ich die Hälfte seines Lohnes vom Arbeitsamt erstattet bekam. Mit seiner Hilfe konnten wir im Mai dann auch den Großauftrag mit der Wärmedämmung eines Mehrfamilienhauses erfolgreich erledigen. Mein Auftragsbuch war mittlerweile so voll, dass ich immer zwei Monate im Voraus ausgebucht war. Da ich so billig war, wurde aus 90 % aller Kostenvoranschläge auch ein Auftrag. Zum ersten Mal hatte ich keine Geldsorgen mehr, sondern kaufte einen Firmenwagen und mehrere Schiebeleitern. Ich überlegte auch, dass wir endlich auch mal etwas für unsere Altersvorsorge tun sollten und dachte zunächst an Aktienfonds. Doch dann sagte ich mir, dass ich bisher mit meinen wenigen Aktien eine viel höhere Rendite erzielt hatte als die meisten Aktienfonds und kam zu dem Schluss: Was die können, kann ich viel besser…


Mein Einstieg ins Aktiengeschäft

Im März 1999 war der damalige SPD-Chef und Finanzminister Oscar Lafontaine ganz überraschend von allen Ämtern zurückgetreten, da er die Bevormundung seines Parteikollegen Gerhard Schröder leid war. Der Bundeskanzler hatte von Beginn der Amtszeit den Schulterschluss mit den Konzernchefs gesucht, um die Konjunktur wieder zum Laufen zu bringen und war dabei immer weiter von den sozialdemokratischen Prinzipien abgerückt. Lafontaine wollte diesen Verrat nicht länger mitmachen und schrieb daher ein Buch mit dem Titel: „Das Herz schlägt links“. Nun hatte Schröder endlich freie Hand, um den z.T. neoliberalen Wünschen der Wirtschaft entgegenzukommen, was später dann zur Agenda 2010, der Riesterrente und den Hartz-IV-Gesetzen führte. Weltweit brach nun Jubel aus bei den Investoren, und die Aktienkurse schossen sprunghaft nach oben. Aufgrund der amerikanischen Niedrigzinspolitik hatte die Notenbank Federal Reserve den Markt jahrelang mit billigem Geld überschwemmt, so dass der Ankauf von Aktien die einzige Möglichkeit war, um noch eine Rendite zu erzielen. Der US-Leitindex Dow Jones war von 2500 Punkten im Jahr 1990 auf 5000 Punkte im Jahr 1995 geklettert und überschritt Ende März 1999 sogar die 10.000-Punkte-Marke. Grund dafür war die robuste US-Konjunktur, die vielen Firmenfusionen in den 90ern und die Globalisierung. Die Etablierung des Internets und des Handys hatten weltweit zu einer euphorischen Aufbruchstimmung im Bereich digitaler Technologie geführt. Daher kam es ab 1995 zu einer Vielzahl von Firmenneugründungen („Startups“) und durch das große Anlegerinteresse vermehrt zu Börsengängen. Während die einen eine sog. „Blase“ fürchteten wie 1929, sprachen die anderen von einem neuen Zeitalter der Aktienbewertung. Die Aktie der Suchmaschine Yahoo war z.B. von 20 US$ im Jahr 1995 auf 360 US$ im Jahr 1999 gestiegen. Oder der Internethändler Amazon war von anfangs 17,80 US$ im Jahr 1998 ein Jahr später auf über 80 US$ gestiegen. Nebenbei bemerkt: heute (20 Jahre später) liegt der Kurs von Amazon schon bei 1.575 US$). Der weltweite Aktienmarkt war allmählich zum Kasino geworden, in welchem Millionen von renditesüchtigen Zockern am schnellen Geld mitverdienen wollten. Die Gewinne der einen, sind aber immer auch die Verluste der anderen, und so hatte auch der Börsenboom viele Opfer zu beklagen. Ganze Volkswirtschaften in Asien und Südamerika sind durch die Spekulanten in die Zahlungsunfähigkeit getrieben worden.

Solche ethischen Bedenken hatte ich jedoch nicht, als ich mich im März 1999 entschied, 4000,- DM in Aktien anzulegen. Die Frage, warum ich eigentlich noch mehr Geld haben wollte, als Gott mir schon gegeben hatte, stellte ich mir auch nicht. Jetzt wo ich endlich mal mehr Geld hatte als nötig, wollte ich nicht länger zögern, es gewinnbringend anzulegen (Luk.12:17-21). Doch muss man bei Wertpapieren bekanntlich den richtigen Zeitpunkt ermitteln, damit man sie nicht überteuert kauft. Eine Börsenweisheit lautet: „Buy on bad news, sell on good news”. Man sollte also bei schlechten Nachrichten – wenn die Kurse fallen – kaufen, und erst dann verkaufen, wenn man bei guten Nachrichten und damit steigenden Kursen das Potenzial für ausgeschöpft hält. Diese Gelegenheit kam dann Ende 1999 mit dem Beginn des Kosovo-Krieges, als der Deutsche Aktienindex (DAX) innerhalb weniger Tage von 5000 auf 4700 Punkte fiel. Ob eine Aktie „billig“ ist, erkennt man am sog. „KGV“, d.h. Kurs-Gewinn-Verhältnis. Wenn der KGV einer AG unter 10 liegt, muss dies aber noch nicht bedeuten, dass sie auch großes Potential besitzt. Wer schnelle Gewinne erzielen will, muss auch die Entwicklung des Kurses, den sog. „Chartverlauf“ analysieren, um den richtigen Kaufzeitpunkt zu ermitteln. Zuletzt aber sollte man auch etwas über das Unternehmen wissen, was es eigentlich herstellt und in welch einer Verfassung es sich befindet. Ich hatte mir deshalb in den Tagen zuvor eine Einkaufsliste an Aktien zusammengestellt, die ich mir aus Empfehlungen von Fachzeitschriften ausgesucht hatte. Da der Onlinehandel Ende der 90er Jahre noch nicht so verbreitet war, kaufte auch ich meine ersten Aktien noch umständlich bei der Bank (vergl. Luk.19:23). Da diese für jeden Kauf und Verkauf eine Gebühr berechnete, musste ich mir gut überlegen, welche Aktien ich in meinem „Portfolio“ (Bestand) haben wollte, denn sie mussten ja mindestens die Kosten decken.

Tatsächlich hätte ich kaum einen besseren Zeitpunkt wählen können, denn schon nach wenigen Wochen hatte ich meinen Einsatz verdoppelt. Jeden Tag konnte ich auf einem kleinen „Skyper“ (auch „Pager“ genannt) beobachten, wie sich meine Aktien nach oben entwickelten. Dies erhöhte bei mir die Lust am Zocken. Um aber schneller reagieren zu können, brauchte ich endlich einen Internet-Anschluss, wie ihn schon mein Freund Joachim besaß. Das war gar nicht so einfach, wie es Tennisstar Boris Becker in seiner damaligen Werbung für AOL glauben machen sollte („Ich bin drin!“), denn das Einwählen über ein Modem dauerte jedes Mal sehr lange, und die Verbindung brach immer wieder ab. Schließlich aber funktionierte es endlich, und ich konnte jeden Tag nach der Arbeit online sehen, wie sich „meine Kinder“ entwickelt hatten. Häufig hatte ich an einem einzigen Tag mal eben 1.000,- DM an Gewinn erzielt, also mehr, als ich in der gleichen Zeit durch meine Firma verdienen konnte!


Juli - Dezember 1999

Sonnenfinsternis und finstere Mächte

Während ich mich über immer größere Gewinne freute, ging es meiner Ruth allmählich gesundheitlich immer schlechter. Sie hatte inzwischen ihr Studium abgebrochen, da sie keine Hoffnung mehr hatte, sich den Lehrstoff noch aneignen zu können. Sie wollte jetzt nur noch für unsere Tochter Rebekka da sein, die inzwischen vormittags schon in den Kindergarten ging. Doch musste sie inzwischen bis zu 4 Tabletten Tramal nehmen, um den Tag zu überstehen. Die Tabletten wirkten jedoch immer schlechter und brauchten manchmal bis zu einer Stunde, dass sie wirkten. Manchmal kam Rebekka morgens an Ruths Bett mit ihrem leeren Fläschchen und sagte „Teta!“ ( „Fläschchen!“). Ihre langen Haare waren vom Schlaf zerzaust und ihre Strumpfhose hing so lang an ihren Füßen, dass sie ständig drauf trat und stolperte. Ruth sagte dann: „Ja, mein Kindchen, ich mach Dir gleich dein Fläschchen. Aber Mama hat noch Aua, Mama kann noch nicht aufstehen!“ Rebekka bestand aber darauf: „Mama, Teta, Teta!!“ Dann sagte Ruth: „Rebekkita, Du musst mal für Mama beten, damit Gott der Mami das Aua wegmacht, ja, mein Kindchen?“ Rebekka kniete sich nun hin und betete: „Lieber Gott, bitte mach, dass Mama jetzt kein Aua mehr hat! Amen!“ und dann sprang sie auf und sagte: „Und jetzt Teta, Mama, Teta!“ Dann stand Ruth auf und machte ihr ein Fläschchen warm.

Doch die Schmerzen von Ruth wurden allmählich immer intensiver, so dass sie zeitweise nur noch im Bett liegen konnte. Ich erinnere mich, dass ich an manchen Tagen mittags fröhlich nach Hause kam, um Ruth über meine Erfolge zu berichten; und dann fand ich sie weinend im Schlafzimmer und sie sagte mir, dass sie schon seit zwei Stunden nur noch auf die Decke starre, weil sie sich nicht mehr ohne Schmerzen bewegen könne. Das brach mir das Herz und erstickte augenblicklich auch jede Freude in mir. Draußen waren 30 ˚C und Sonnenschein, und Ruth lag hier im Halbdunkel bei heruntergelassenem Rollo und konnte sich an nichts mehr freuen. Während ich siegreich immer höher über mich hinauswuchs, verwelkte und verkümmerte meine geliebte Frau an meiner Seite zu einem Häuflein Elend. Die Ärzte hatten sie ja längst aufgegeben, und ich konnte nur zusehen wie sie dahinvegetierte und nichts machen! Inzwischen konnte ich sie noch nicht einmal mehr massieren, weil ihr schon der geringste Druck weh tat. Ruth sagte damals immer wieder unter Tränen: „Gott erlaubt mir nicht, glücklich zu sein.“ Am liebsten hätte ich ihr gesagt, dass sie sich doch frei machen sollte von diesem Gottglauben, da dieser ihr doch nur noch mehr Unglück bereite; aber das traute ich mich damals noch nicht zu sagen (vergl. Hiob 2:9). Stattdessen fühlte ich mich wie die Freunde Hiobs, die eine Woche lang nur noch in Stille trauernd bei Hiob saßen und mit ihm sein Leid trugen (Hi.2:12-13).

In den Nachrichten wurde im Sommer 1999 eine sog. „Totale Sonnenfinsternis“ angekündigt. Das war schon etwas Besonderes, denn eine solche bekam man ja im Schnitt nur alle 375 Jahre zu sehen. Geistlich gesehen hatte sich aber auch auf meine Seele ein finsterer Schatten gelegt. Die „Sonne“ ist ja in der Bibel ein Bild auf Jesus (Ps.19:4-5, 84:11, Jes.60:19, Mal.4:2) und der Mond, der sich vor die Sonne stellt, steht für Satan, der die Nacht beherrscht (1.Mo.1:16). Wenn der „Gott dieser Welt“ einen Menschen verfinstert hat, kann er das Licht und die Herrlichkeit Christi nicht mehr sehen (2.Kor.4:4), so dass er vorübergehend glaubt, die „Sonne der Gerechtigkeit“ würde es gar nicht geben. Die Sonnenfinsternis von 1999 gab vielen Menschen in Europa die Gelegenheit, dass sie sich für einen Moment der Erhabenheit der Sonne einerseits und der Geringfügigkeit der Erde andererseits bewusst werden konnten. Der Dichter Adalbert Stifter, der 1842 selber mal eine Sonnenfinsternis miterlebte, schrieb darüber: „Es war der Moment, da Gott redete und die Menschen horchten“. Tatsächlich gab es an jenem 11.08.99 kaum jemanden in Deutschland, der während dieser 2 Minuten um die Mittagszeit nicht zum Himmel aufsah. So ähnlich wird man sich wohl auch bald das Kommen des HErrn Jesus Christus auf die Erde vorstellen können (Luk.21:28). „Siehe, Er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird Ihn sehen, auch die Ihn durchstochen haben, und wehklagen werden Seinetwegen alle Stämme des Landes. Ja, Amen“ (Offb.1:7).

Eines Nachts stand Ruth auf, weil sie vor Schmerzen nicht schlafen konnte. Verzweifelt ging sie in der Wohnung umher und sah, wie ich und Rebekka tief schliefen. Dann ging sie im Wohnzimmer auf die Knie und weinte über ihr Elend. Sie betete: „HErr, ich danke Dir für all das Gute, das ich von Dir geschenkt bekam. Aber ich verstehe nicht, warum Du mir auch diese Schmerzen gegeben hast, die ich einfach nicht mehr ertragen kann. Bitte, bitte, bitte, nimm mir doch diese furchtbaren Schmerzen weg! Denn wenn nicht, wozu soll ich dann noch weiter leben? Ich kann einfach nicht mehr.“ Dann legte sie sich weinend auf den Bauch und breitete ihre Arme aus in völliger Ergebenheit. So blieb sie eine lange Zeit liegen und weinte unentwegt. Doch dann kam ihr eine Erinnerung, die sie schon fast vergessen hatte. Sie erinnerte sich an ihre Freundin Naida aus Lima, die sich auch einmal wie sie so auf den Fußboden gelegen hatte und dann von einer furchtbaren Besessenheit befreit wurde:

Ruth hatte Naida durch einen Aushang im Foyer der Freikirche kennengelernt, als Ruth 19 Jahre alt war und eine Aushilfstätigkeit suchte. Naida war 15 Jahre älter, aber erst seit kurzem gläubig. Sie hatte eine Firma, die Puppenkleidung herstellte und suchte gläubige Aushilfskräfte. Die beiden Schwestern kamen miteinander ins Gespräch und freundeten sich an. Eines Nachmittags erzählte Naida der Ruth, dass sie sich von ihrem Mann habe scheiden lassen, weil dieser Freimaurer und sogar Satanist war. Sie hatte ein traumatisches Erlebnis gehabt, als sie eines Nachts aufwachte, sich nackt auf einem Tisch befand und von Männern in schwarzer Kutte umringt war. Erst dachte sie, es wäre ein Traum, doch dann wurde ihr klar, dass alles real war. Doch in den Tagen und Wochen nach der Scheidung erlebte sie ganz merkwürdige Dinge, - als würden ihr dämonische Wesen nach dem Leben trachten. Zudem litt sie unter ständiger Sexsucht. Sie konnte ihren Alltag kaum mehr bewerkstelligen, weil sie immer nur an Sex denken musste. Deshalb legte sie sich eines Abends auf den Fußboden und flehte Gott an, dass Er sie doch von diesen dämonischen Angriffen und der Sexsucht befreien möge. Sie hatte bis dahin gar keine Beziehung zu Gott gehabt, sondern war nur katholisch aufgewachsen. Doch auf einmal erlebte sie ganz deutlich die Nähe Gottes und tat unter Tränen Buße von all ihren Sünden. Von diesem Tag an war sie völlig geheilt und konnte wieder ein normales Leben führen.

Ruth fragte sich, ob nicht auch sie von dämonischen Mächten geplagt werde, die wegen irgendeiner nicht bekannten Sünde Zugriff auf ihr Leben hatten und sie vernichten wollten. Da erinnerte sich Ruth an verborgene Gräuelsünden aus ihrer Vergangenheit, die sie nie vor Gott bekannt hatte und bat dann ausdrücklich für diese um Vergebung. Auch beschlich sie der Verdacht, dass – ähnlich wie bei ihrer Freundin Naida – durch mich ein dämonischer Einfluss auf unsere Ehe gekommen sei, weil auch ich mit Freimaurern Kontakt hatte und finstere Musik hörte. Deshalb bat sie Gott, dass Seine Engel sie umschirmen mögen, damit sie den „feurigen Pfeilen des Bösen“ nicht länger schutzlos ausgeliefert sei (Eph.6:12-16).


Ruths vollständige Heilung

Am nächsten Morgen berichtete mir Ruth von ihrer verzweifelten Situation in der Nacht, und wir überlegten, was wir tun könnten. Ich machte Ruth den Vorschlag, doch noch einmal zu irgendeinem Arzt zu gehen, aber sie winkte sofort ab. „Ich war jetzt schon bei so vielen Ärzten, aber das hat mir überhaupt nichts gebracht, sondern es ist vielmehr immer schlimmer mit mir geworden! Ich will nur noch auf Gott vertrauen. Und wenn der HErr mich nicht heilen will, dann wird es ein Arzt erst recht nicht können!“ – „Aber Gott kann doch auch Ärzte gebrauchen…“ entgegnete ich. „Hat Er aber bisher nicht getan!“ Sie weinte wieder, und ich umarmte sie. „Lass uns doch noch einen allerletzten Versuch wagen“, sagte ich, „…ein allerletztes Mal; und wenn Dir auch diesmal nicht geholfen werden kann, dann brauchst Du auch nie mehr zum Arzt gehen!“ Ich suchte mir aus den gelben Seiten einen beliebigen Allgemeinmediziner, bei dem Ruth noch nicht war, und machte einen kurzfristigen Termin. Als wir dann ihm gegenüber saßen, berichtete Ruth ihm ausführlich von ihrem ganzen Martyrium und dass sie inzwischen völlig am Ende ihrer körperlichen und seelischen Kräfte sei. Dr. Hirsch erwies sich sofort als sehr einfühlsam und verständnisvoll, indem er ihr geduldig zuhörte und immer wieder mit Zwischenfragen nachhakte. Doch dann äußerte er einen überraschenden Verdacht: „Frau Poppe, möglicherweise ist die ursprüngliche, chronische Entzündung im Lumbosacral-Bereich gar nicht mehr die eigentliche Ursache für ihre Dauerschmerzen…“ Ruth reagierte sofort hysterisch: „Wollen Sie andeuten, dass meine Schmerzen nur psychisch bedingt sind?! Dass ich mir die Schmerzen etwa nur einbilde!?“ – „Nein, um Gottes willen!“ beruhigte sie der Mediziner „Ihre Schmerzen sind absolut real, aber sie haben ihre Ursache möglicherweise gar nicht mehr so sehr in dieser Verwachsung des Kreuzbeins mit dem Lendenwirbel, sondern durch ihrem unkontrollierten und viel zu lange andauernden Schmerzmittelkonsum.“ – „Sie wollen sagen, dass die Schmerzen durch das Schmerzmittel verursacht sind?!“ fragte ich ungläubig. „Richtig. Sie müssen wissen, dass Opiate wie Tramal süchtig machen und deshalb normalerweise nicht länger als eine Woche eingenommen werden dürfen. Der peruanische Orthopäde in Bremen, von dem Sie mir erzählt haben, hat es sicherlich gut mit ihnen gemeint, dass er ihnen dieses Medikament jetzt schon seit fünf Jahren regelmäßig verschreibt. Aber der Kollege hat ihnen damit einen Bärendienst erwiesen und im Grunde für Sie wie ein verantwortungsloser Drogendealer gehandelt. Es tut mir leid, dass ich das so deutlich sagen muss.“

Wir waren verstört und überrascht zugleich, denn so etwas hatten wir noch nie gehört. „Sie können die Wirkung solcher Opiate auch mit anderen Drogen vergleichen wie z.B. Alkohol: Wenn eine bestimmte Linie überschritten wird, kann das Medikament nicht mehr ohne weiteres abgesetzt werden, denn der Körper reagiert mit Entzugserscheinungen. Gleichzeitig fordert er aber, dass die Dosis immer weiter erhöht wird, weil die Wirkung mit der Zeit nachlässt. Das Schmerzmittel ist dann zum Selbstläufer geworden und produziert selber Schmerzen, als wolle es protestieren. Die einzige Chance, um aus diesem Teufelskreis herauszukommen, ist ein radikaler Entzug.“ Wir waren geschockt. „Sie meinen, dass ich überhaupt kein Tramal mehr nehmen soll?“ fragte Ruth Das halte ich aber keine sechs Stunden aus! Das überlebe ich nicht!“ – „Ganz verzichten sollen sie nicht auf Analgetika, aber ich werde Ihnen ein anderes verschreiben, nämlich Morphin. Trotzdem werden sie eine Woche lang erhebliche Entzugserscheinungen mit Übelkeit und Erbrechen haben, aber wenn sie diese Woche überstanden haben, dann werden sie frei sein, möglicherweise auch völlig frei von Schmerzen!“ Das hörte sich verlockend an, und wir willigten ein. Etwas anderes blieb uns ohnehin nicht übrig.

Und dann kam die Woche. Es war für Ruth ein Marsch durch die Hölle. Ich erinnere mich, wie sie schweißgebadet mitten in der Nacht in der Wohnung auf und ab ging und fast wahnsinnig war vor Schmerzen. Erst jetzt wurde uns klar, dass Tramal eine ähnliche Wirkung wie Heroin besaß. Ständig musste Ruth sich übergeben, aber die Aussicht auf Heilung ließ sie diese Tortur tapfer durchhalten. Dr. Hirsch hatte ihr versprochen, dass sie ihn in dieser Woche jederzeit anrufen könne, selbst mitten in der Nacht, wenn sie seine Hilfe benötige. Und tatsächlich ging er dann auch ans Telefon und kam vorbei, um Ruth eine Spritze zu geben, wenn sie es nicht mehr aushielt. Was für eine Menschenliebe! Dieser Arzt war wirklich wie ein Engel, den uns Gott gesandt hatte. Und als die Woche herum war, da spürte Ruth tatsächlich kaum noch Schmerzen. Sie konnte auf leichte Schmerzmittel umsteigen wie Diclophenac oder Ibuprophen und brauchte irgendwann gar keine Schmerzmittel mehr. Nach 5 Jahren Dauerschmerzen war Ruth nun endlich geheilt! Dem HErrn sei Dank! Ruth war überglücklich und lobte Gott für Seine Güte. Auch ich spürte tief in meinem Innern eine Dankbarkeit, verdrängt sie aber sofort wieder, da ich mir ein Handeln Gottes nicht rational erklären konnte.


Ein böser Streich

Inzwischen funktionierte auch endlich das Internet reibungslos, und ich begann, mich auf diesem neuen Terrain mal umzuschauen. Bei meinen ersten Surfexpeditionen entdeckte ich schon bald, dass auch mein früherer Freund und Glaubensbruder Tobias Schaum mit einer eigenen Internetseite präsent war. Durch eine Suchmaschine fand ich aber heraus, dass er auch in verschiedenen Diskussionsforen aktiv war, u.a. auf einer Seite, die sich „www.gegendenstrom.de“ nannte. Zu meiner Überraschung las ich dort, wie sich der liebe Tobias dort mit Atheisten nicht nur über christliche Themen, sondern auch über völlig weltliche Dinge austauschte, wie z.B. über Musikbands. Ich dachte: „Na sieh mal einer an! Er stellt sich hier also von seiner besten Seite dar, als Intellektueller, der überall mitreden kann. Aber wenn seine Gesprächspartner wüssten, dass er in Wirklichkeit ein religiöser Fanatiker ist, dann würden sie ihm sicherlich die Freundschaft kündigen und ihn mit Tomaten bewerfen.“ Aber auch auf seiner eigenen Internetseite plauderte er mit Atheisten und ließ sogar zu, dass Satanisten ihren Spott abließen ohne dass er sie blockierte. Auf einmal kam mir eine perfide Idee: Ich trug mich einfach mit seinem Namen ins Gästebuch ein (damals ging das noch) und schrieb einen Fake-Kommentar, den ich mit den Initialen von Tobias „T.J.S.“ unterschrieb. Der Text lautete: „Höret ihr Spötter! Ich habe langsam genug von Euren Lästerungen, mit denen Ihr meine Homepage beschmutzt… Ihr werdet Euch noch wundern, denn es wird nicht mehr lange dauern, dann kommt mein HERR wieder und wird mich und meine Familie in Seine Herrlichkeit entrücken… Die Sonne wird sich verfinstern und es wird Plagen geben auf der Erde, weil Ihr den Worten des HERRN nicht geglaubt habt. Deshalb warne ich Euch ein letztes Mal solange es noch Zeit ist: Tut Buße und bittet Gott um Vergebung wegen all Eurer Sünden, damit Ihr nicht für alle Zeiten in den Feuersee geworfen werdet! Gott sei Euch gnädig!“ Ich lachte mir eins ins Fäustchen bei der Vorstellung, wie jetzt alle über den Tobias schimpfen werden, ohne daß er je beweisen könnte, daß nicht er sondern ich es war, der diesen Kommentar geschrieben hatte. Ich kam mir vor, wie ein pubertierender Junge, der zum Spaß einen Chinaböller in den Briefkasten des bösen Nachbarn steckte.

Die Reaktion sollte nicht lange auf sich warten. Schon am Abend desselben Tages hatten mehrere Gästebuchteilnehmer überrascht reagiert auf die vermeintliche Einlassung von „TJS“. Mit Schadenfreude las ich ihren Spott und Empörung, wobei einige auch schon den Verdacht hegten, dass dieser Kommentar nicht von Tobias Schaum kommen könne, da der so gar nicht zu ihm passte. Und dann meldete sich Tobias selbst zu Wort und erklärte, dass jemand anderes dies unter seinem Namen geschrieben habe, er aber schon herausfinden würde, wer dies getan habe. Ich dachte: Wie wird er das herausfinden können? Aber es dauerte nur zwei Tage, da wusste Tobias, dass ich es gewesen war, und nannte mich gemäß Spr.26:18-19 einen „Wahnsinnigen“, weil ich mich ja damit zu entschuldigen suchte, dass ich doch nur einen Scherz gemacht habe. Sofort blockierte er mich und wollte auch keinerlei Diskussion mit mir führen, da ich in seinen Augen ohnehin „unwiederbringlich verloren“ sei, „ganz gleich, wie lange er noch auf dieser Erde zu ‚leben‘ hat“. Ein Dialog mit mir sei genauso sinnlos „wie ein hoffnungsloser Wiederbelebungsversuch“ an einem gefällten Baum. Stattdessen aber rechtfertigte er sein Verhalten den anderen gegenüber, indem er mich ausführlich über mehrere Seiten an den Pranger stellte. Dabei übertrieb er allerdings dermaßen, dass nun auch die Forumteilnehmer ihn zur Mäßigung aufriefen. Ich entschuldigte mich öffentlich bei Tobias. Aber einige waren so wütend über meinen boshaften Streich, dass sie mich als „Denunziantenschwein“ beschimpften und mir wünschten, dass man Fake-Kommentare mit meinen Namen auf einer Seite von radikalen Moslems verbreiten sollte, damit sie mir „den A… aufreißen“. Mir wurde auf einmal klar, dass solch ein Diskussionsforum nicht nur ein Spielplatz für Selbstdarsteller ist, sondern zugleich auch ein Gerichtstribunal und ein öffentlicher Hinrichtungsplatz, wo man verbal gesteinigt werden konnte. In der Anonymität hinter einem PC sind Menschen viel enthemmter, weil sie keine Rücksicht mehr nehmen brauchen, sondern hemmungslos alles herauslassen können, was in ihrem Herzen ist (Mt.15:19). Und jetzt war meine eigene Bosheit und Schlechtigkeit ungewollt ans Licht gekommen. Während ich mich drei Jahre zuvor noch über die Verdorbenheit von John Jairo erschrocken und ereifert hatte, weil er ohne Skrupel sich auf Kosten anderer lustig machte, wollte mir Gott nur zeigen, dass ich keinen Deut besser war (Röm.2:1-4).


Der große „Lottogewinn“

Inzwischen hatte ich mir bei der Commerzbank ein Online-Konto zugelegt, so dass ich Kauf- und Verkaufsorder für Aktien in Sekundenschnelle einfach vom Schreibtisch zuhause aus geben konnte. Mein Depot war mittlerweile auf etwa 10 – 12 Positionen durchschnittlich angewachsen, die jedoch von mir ständig ausgetauscht wurden und einen Gesamtwert von etwa 20.000,-DM hatten. Ich war inzwischen völlig der Spielsucht verfallen und versuchte ständig, mein Depot zu optimieren. Wenn ich von einem neuen aussichtsreichen Unternehmen las, dass von irgendwelchen Aktienprofis angepriesen wurde und auch schon gut gelaufen war, dann gab es für mich kein Halten mehr, sondern ich musste es unbedingt auch haben. Ab Mitte 1999 hatte sich innerhalb weniger Monate die Börsenbewertung zahlreicher Unternehmen vervielfacht. Man hielt die häufig prozentual zweistelligen Kurssteigerungen für übertrieben, wollte aber dennoch davon profitieren. Auch Investmentfonds verstärkten die Spekulationsblase, indem sie ihren Kunden immer höhere Gewinne in Aussicht stellten.

Wenn ein IT- und Biotech-Unternehmen neu an die Börse ging, dann schoss der Kurs meist schon am ersten Handelstag durch die Decke, so dass jeder, der sie gezeichnet (bestellt) hatte, schon gleich am ersten Tag einen Gewinn von 50 bis 100 % seines Einsatzes verbuchen konnte (manchmal sogar noch weit mehr!). Da solche „Neuemissionen“ daher immer 10- bis 30-fach überzeichnet waren, wurde die Zuteilung durch einen Zufallsgenerator vorgenommen, bei dem die Zuteilungschance jedoch deutlich höher war als ein gleichhoher Lottogewinn. Deshalb nahm auch ich damals an jeder beliebigen Neuemission teil, egal ob von der NASDAQ oder vom Neuen Markt oder irgend einer anderen europäischen Börse, denn man konnte ja im Prinzip nur gewinnen und nichts verlieren (außer seine Seele gemäß Luk.9:24-25). Voraussetzung war jedoch, dass man seine im Falle einer Zuteilung bei Neuemissionen seine Aktien gleich am nächsten Handelstag wieder verkauft, denn meist fielen sie gleich danach wieder.

An einem Tag rief ich spät am Nachmittag bei meiner Bank an und wollte eine Kauforder durchgeben, da erfuhr ich durch Zufall, dass ich bei der Neuemission eines italienischen Finanzdienstleisters zum Zuge kam, den ich bereits vor einer Woche geordert, aber schon ganz vergessen hatte. Ich erschrak und dachte erst: „O nein, der Kurs ist mit Sicherheit jetzt viel niedriger!“ Ich fragte die Dame: „Wie viel Aktien hatte ich denn noch mal bestellt?“ – „Sie hatten 300 Aktien zum Kurs von 9,93 DM gekauft.“ – „Und wo liegt der Kurs jetzt?“ – „Einen Moment, ich schaue mal eben nach… (10 Sekunden Pause) … Der aktuelle Kurs liegt derzeit in Mailand bei umgerechnet 97,62 DM“. Mein Herz klopfte. Ich rechnete schnell nach und stellte fest: Mein Einsatz hatte sich also verzehnfacht und demzufolge ein Gewinn von fast 27.000,-DM! „Dann will ich sofort verkaufen!“ – „Das geht nicht mehr, denn die Börse ist bereits geschlossen. Rufen Sie morgen noch mal an.“ Ich jubelte und berichtete es Ruth. Wir tanzten den Flur rauf und runter vor Freude. Die Zeit der Armut war nun endlich vorbei. Wenn das so weiterginge, würden wir uns bald ein eigenes Haus kaufen können.

Am nächsten Tag gab ich eine Verkaufsorder und hoffte, dass der Kurs nicht inzwischen wieder gefallen sei. Aber im Gegenteil war er sogar noch um weitere 50,-DM gestiegen, so dass ich am Ende sogar einen Erlös von 45.000,-DM hatte. Erst später erfuhr ich, dass der Kurs sogar noch viel weiter stieg. Ich hatte keine Ahnung, warum und weiß heute noch nicht einmal mehr den Namen des Unternehmens, weil es mich nicht interessierte. Auch dass diese Gewinne zwar legal aber nicht legitim waren, verdrängte ich, denn warum sollte ich nicht auch einmal der Nutznießer von einer verrückten Welt sein! Was ich damals nicht durchschaute, war, dass diese völlig übertriebene Kapitalisierung (d.h. spekulative Bepreisung) eigentlich nur dadurch möglich sein konnte, indem dieses Geld anderen – nämlich den Schwächsten in der Gesellschaft – zuvor entzogen wurde, d.h. den Menschen in der 3. Welt und der Natur. Denn Geld bekommt ja keine Kinder wie beispielsweise eine Kuh, sondern wandert immer nur von einer Tasche in die nächste, so daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Gott lässt diese Ungerechtigkeit nur deshalb zu, damit sie an einen Punkt erreicht, durch den sogar noch dem letzten die Augen aufgehen können, dass solch eine gewissenlose Haltung nicht ohne Konsequenzen bleiben kann und der Mensch zum Umdenken gelangt (Röm.2:4).

Von solchen Überlegungen war ich damals aber noch weit entfernt, sondern glaubte, dass ich nun einmal dazu auserkoren sei, auf der Sonnenseite des Lebens zu sein. Ich war in einem völligen Renditerausch und hatte mich inzwischen daran gewöhnt, dass meine Aktien innerhalb von nur einer Woche zuweilen um bis zu 30 % an Wert stiegen. Daher konnte ich auch Rückschläge ohne weiteres mit Gelassenheit entgegennehmen. Einmal investierte ich z.B. 4000,-DM in einen der sog. „Pennystocks“, also einer Aktie, die weniger als 1,-DM an Wert an. Aufgrund des geringen Handelsvolumens schlägt der Kurs schnell mal eben stark nach unten oder nach oben aus, so dass man entweder hohe Gewinne oder hohe Verluste riskiert. Einen Tag nach dem Kauf war die Firma schon nicht mehr an der Börse gelistet, weil sie inzwischen endgültig bankrott war und aus dem Handel genommen wurde; mit anderen Worten: ein Totalverlust für mich! Aber was soll’s! Was sind schon 4.000,- DM bei einem Depot von inzwischen über 50.000,- DM an „Spielgeld“! Man kann ja schließlich nicht immer nur Gewinn machen, sagte ich mir.

Das Jahr 1999 war auch jenes Jahr, in welchem der Seher Nostradamus den Weltuntergang vorhergesagt hatte. Tatsächlich machten sich viele IT-Experten auf der ganzen Welt Sorgen, dass durch den Jahrtausendsprung die Rechner auf der ganzen Welt in das Jahr 1900 zurückversetzt werden könnten. Man befürchtete ein Horrorszenario, dass um Punkt Mitternacht die Lichter ausgehen könnten. Flugzeuge würden vom Himmel stürzen, Kernkraftwerke durchschmelzen oder womöglich Interkontinentalraketen Amok fliegen und dadurch ein atomares Höllenfeuer entfachen. Computer-Experten aus Ost und West arbeiteten Monate im Voraus an einem Notfallplan, um auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Doch am Ende blieb das Chaos zum Jahrtausendwechsel aus, dem HErrn sei Dank! Wir waren als Familie extra in die Bremer Innenstadt gereist, um das Feuerwerksspektakel auf dem Bremer Marktplatz mit anzusehen. Unsere 4-jährige Rebekka schaute damals nur ängstlich auf uns hinauf und wollte auf den Arm genommen werden, weil ihr all der Krach nicht geheuer vorkam.


Januar - Juni 2000

"Demas" bekommt eine Antwort

Im Winter hatte ich endlich Zeit, das Internet mal richtig auszukundschaften. Eigentlich bestand es ja schon seit 10 Jahren, aber für mich war es eine ganz neue Welt. Facebook gab es damals noch nicht, aber es gab schon jede Menge Gesprächsforen, wo man Leute traf, die die gleichen Interessen mit einem teilten. Es war jetzt wesentlich einfacher, Freundschaften zu knüpfen und seine Meinung einer großen Bevölkerungsgruppe kundzutun. Auch die ersten Firmen hatten die ungeahnten Möglichkeiten entdeckt, ihre Firma auf einer eigenen Internetseite darzustellen und sogar ihre Waren über das Internet zu verkaufen. Viele verglichen das Internet bereits mit der Erfindung des Buchdrucks vor 500 Jahren, da durch die Verbreitung von Information die Welt auf einmal sehr viel kleiner geworden war.

Es dauerte nicht lange, da fand ich auch schon ein geeignetes Forum auf "Jesus.de", wo ich mich mit Christen über die Glaubwürdigkeit der Bibel austauschen konnte. Leider war ich in meinem vermeintlich aufklärerischen Eifer sehr unbesonnen und provozierte die Gläubigen allzu oft (z.B. mit einem Vergleich von Hitler mit dem Gott der Bibel), so dass ich erst eine gelbe und später eine rote Karte von den Administratoren bekam, was eine Sperre zur Folge hatte. Nachdem ich nach einer Auszeit mich neu einloggen konnte, versuchte ich, vorsichtiger zu agieren, indem ich die Jesus.de-Teilnehmer zu privaten Chats einlud, wo die Administratoren nicht mitlesen konnten. So erfuhr ich, dass es durchaus viele schwache Christen gab, die schon drauf und dran waren, den Glauben ganz aufzugeben, da sie keinen Sieg in ihrem Leben verspürten. Einer schrieb mir z.B. und sagte, dass er meine Auffassungen im Grunde alle teilen könne, aber dass er nicht den Mut habe, so wie ich den allerletzten Schritt zu gehen, um sich von Jesus ganz loszusagen, denn er sagte sich: "Was wäre, wenn ich mich nun irren würde und es doch eine Hölle gäbe? Dann gäbe es kein Zurück mehr, und ich wäre für ewig verloren. Dieses Risiko kann ich aber nicht eingehen, deshalb bleibe ich lieber vorsichtshalber noch Christ." Trotzdem lobte er mich für meinen "Mut".

Unter den Gesprächsteilnehmern war auch ein Pastor namens Helmut Schütz, der sich sehr für die Gründe meines Glaubensabfalls interessierte. Deshalb sandte ich ihm meinen Demas-Brief, in welchem ich ja ausführlich die Gründe benannte, warum ich kein Christ mehr sein konnte. Nachdem er diesen gelesen hatte, schrieb er mir, dass er den Brief sehr gut fand, weil dieser ihn zum Nachdenken über seinen eigenen Glauben angeregt habe. Pastor Schütz, mit dem ich mich fortan duzte, hatte nun die Idee, eine Replik zu schreiben, d.h. einen Antwortbrief an Demas, in welchem er zu all den genannten Argumenten Stellung beziehen wolle, und zwar aus der Perspektive eines bibelkritischen Theologen. Um den von mir erfundenen Stil eines fiktiven Briefes aus der Apostelzeit von Demas an Paulus zu wahren, hatte Helmut die Idee, den Evangelisten Markus einen Brief an Demas schreiben zu lassen, in welchem dieser dem Demas angeblich seinen Standpunkt aus Sicht eines historisch-kritischen Bibelverständnisses versuchte schmackhaft zu machen, um Demas (d.h. mich) für den christlichen Glauben zurückzugewinnen. Dieser Brief kam dann auch ein paar Wochen später, und Helmut war auf 17 Seiten Punkt für Punkt auf meine Zweifel eingegangen.

Zunächst äußerte Markus (alias Helmut Schütz) absolutes Verständnis für meine ablehnende Haltung gegenüber dem Bild von einem tyrannischen Gott, der die Menschen für alle Ewigkeit in der Hölle quälen will für seine Taten, die diese während eines relativ kurzen Erdenlebens aus mangelndem Glauben verübt haben. Allerdings betonte Markus zugleich, dass dieses Gottesbild auch nicht dem wahren Gott der Heiligen Schrift entsprechen würde, sondern eher dem Unverstand eines für ihn befremdlichen, fundamentalistischen Bibelverständnisses geschuldet sei. Er konnte gar nicht nachvollziehen, warum ich die Göttlichkeit und Inspiriertheit der Heiligen Schrift überhaupt davon abhängig gemacht hatte, dass sie auch fehlerlos und widerspruchslos sein müsse. Diese Bedingung beruhe auf einer tragischen Fehldeutung des eigentlichen Anliegens Gottes in der Bibel und behindere ein lebendiges Bibelverständnis trotz aller Unvollkommenheit. Sie habe letztlich zu einem toten Buchstabenglauben geführt, vor dem Paulus doch gewarnt habe. Man müsse vielmehr lernen, zwischen den Zeilen zu lesen, um die eigentliche Botschaft aus der scheinbaren Aussage herauszufiltern. Diese Herangehensweise überzeugte mich jedoch gar nicht, weil sie der Beliebigkeit und einem Wünsch-dir-was-Glauben Tür und Tor öffnete. Das war m.E. auch mitnichten die Absicht dieses Gottes bzw. der Bibelschreiber, dass jeder nach Belieben gerade das aus der Bibel herauslesen konnte, was nach seinem Gusto war. Jedoch teilte ich damals seine Auffassung in dem Sinne, dass die Bibel ein von Menschen mit guter Absicht geschriebener Erklärungsversuch war, um Gott und die Welt besser zu verstehen.

Helmut Schütz wollte nun meinen und seinen Brief hintereinander auf seiner Webseite www.bibelwelt.de veröffentlichen und bat mich um meine Erlaubnis. Ich bejahte dies zwar, wollte aber auch auf diesen Antwortbrief des Markus eine Entgegnung des Demas schreiben, wo ich begründen wollte, warum die historisch-kritische, entmystifizierende Theologie für mich keine annehmbare Alternative sei, sondern bestenfalls ein Rettungsversuch um die Daseinsberechtigung des Christentums noch zu rechtfertigen, angesichts ihrer De-facto-Irrationalität. Dennoch bewunderte ich den Helmut, dass er trotz seiner Unsicherheit und Zweifel sich inmitten des undurchdringlichen Dickichts an Möglichkeiten sich einen für ihn gangbaren Weg geschlagen hatte, an einen gütigen und barmherzigen Gott glauben zu können und aus diesem Glauben Glück und Zuversicht für sein Leben zu schöpfen. Auch gefiel mir sein Plädoyer, sich im Sinne der Botschaft Jesu für die Schwachen und Benachteiligten einzusetzen, um an ihnen die Barmherzigkeit zu üben, die auch wir von Gott für uns ersehnen. Nur entsprach es wohl eher dem heutigen, neomarxistischen Zeitgeist mit seiner sog. "Befreiungstheologie", dass Helmut seinen Markus aus dem "Wort vom Kreuz" eine Aufforderung zu politischem Handeln zugunsten einer gerechteren Welt ableiten ließ.

Zu einer Widerlegungsschrift ist es allerdings nicht mehr gekommen, denn unser Umzug stand kurz bevor. Wir hatten unsere Wohnung in Neustadt a.Rbge bereits zu Ende Februar gekündigt und eine Wohnung in Delmenhorst gefunden, in die wir zum 01.03.2000 einziehen konnten. Marco, Michal und ich erledigten noch schnell die letzten Aufträge in Neustadt - u.a. die Renovierung sämtlicher Klassenräume einer Schule in Poggenburg, und meine Frau Ruth versuchte noch schnell, die nötigen Fahrstunden zu absolvieren, um gerade noch rechtzeitig ihren Führerschein zu schaffen. Die praktische Prüfung sollte dann am 22.02. stattfinden, ausgerechnet an jenem Tag, an welchem eigentlich unser Umzug nach Delmenhorst geplant war. Der Lkw war schon gemietet und die Umzugshelfer bestellt, deshalb wäre es fatal, wenn Ruth die Prüfung nicht bestehen würde. Allerdings bezweifelte ich, dass Ruth die Fahrprüfung gleich auf Anhieb bestehen würde, da ich selbst es ja auch nicht gleich geschafft hatte und ich mich selbst insgeheim für klüger hielt als meine Frau. Ich traute es ihr einfach nicht zu. Umso überraschter und beschämter war ich dann, als Ruth dann plötzlich während des Möbelverladens freudestrahlend nach Hause kam mit dem Führerschein in der Hand. Da hatte ich meine liebe Frau tatsächlich völlig unterschätzt (und das nach inzwischen sieben Jahren Ehe!).

Als wir dann am frühen Abend mit dem Möbelwagen in die Einfahrt der Thüringerstr.24 in Delmenhorst hineinfuhren, erlebten wir eine große Überraschung und zugleich herbe Enttäuschung. Denn als der Vormieter die Wohnungstür öffnete und unseres Ansinnens gewahr wurde, sagte er: "Herr Poppe, Sie wollen jetzt schon einziehen?! Wir sind aber doch noch gar nicht ausgezogen! Waren wir zuletzt nicht so verblieben, Sie würden erst Ende März einziehen?" - "Nein! Ich hatte gesagt, dass wir Ende Februar einziehen, weil Sie Mitte Februar ausziehen wollten!" - "Ja, ursprünglich wollten wir Mitte Februar ausziehen, aber dann erfuhren wir ja, dass unser neues Haus noch nicht ganz bezugsfertig ist und haben deshalb den Auszug um einen Monat verschoben. Aber hatten wir Ihnen das nicht mitgeteilt? Ich dachte, das wüssten Sie..." - "Nein, das haben Sie mir nicht gesagt, denn sonst hätte ich Ihnen ja mitgeteilt, dass das nicht ginge, da wir unsere Wohnung ja bereits gekündigt hatten!" - "Und was machen wir nun?" fragte der Vormieter. Ich überlegte und sagte dann: "Wir können unsere Möbel ja erst mal hier in den hinteren Garten stellen und mit Planen abdecken. Denn ich muss den Lkw morgen früh wieder zurückgeben. Wir können die nächsten Tage auch erst mal im Haus meiner Eltern übernachten. Wann könnten Sie denn frühestens ausziehen?" Er besprach sich mit seiner Frau und sagte dann: "Spätestens nächste Woche Freitag, den 03.03. sind wir hier raus, und ihr könnt dann am Samstag einziehen." - "So machen wir´s!" sagte ich.


Die Blase platzt

Am 01.03.2000 war mein Aktienbestand auf insgesamt 64.000,- DM angewachsen. Darin enthalten waren 11.000,-DM, die ich selbst investiert hatte und der Rest von 53.000,- DM war reiner Gewinn. Ich hatte plötzlich die dunkle Ahnung, dass ich jetzt alles verkaufen und mich mit diesem beachtlichen Gewinn zufrieden geben sollte. Während ich also gerade am Hauptbahnhof stand, rief ich spontan bei meiner Bank an und bat darum, alles zu verkaufen, egal zu welchem Preis. Ich wollte plötzlich nicht mehr. Es war so eine Anwandlung, wie eine innere Stimme, dass ich jetzt aufhören müsse. Doch in den Tagen danach wurde ich von Zweifeln geplagt, weil die Kurse einfach immer weiter stiegen. Warum hatte ich nur alles verkauft? Vor allem konnte ich jetzt nicht mehr weiterfiebern wie bisher und litt regelrecht unter Entzugserscheinungen. Nein, ich wollte es wieder tun, wollte dieses Gefühl des Gewinnens weiter haben (Spr.23:35). Wie ein wahnsinniger Spieler verteilte ich wieder all meine Chips auf dem "Roulettetisch" der Börse und freute mich, dass mein Einsatz sich zunächst auch scheinbar lohnte. Doch am 10.03. kippte die Stimmung plötzlich. Die Kurse brachen ein, zum ersten Mal nach Monaten. Sollte dies das von vielen angekündigte Platzen der Spekulationsblase sein? Ich wollte es nicht glauben, und auch die meisten anderen Privatanleger nicht. Sicherlich war dies nur eine kleine Konsolidierung und danach würde es fröhlich weitergehen nach oben, dachte ich.

Was ich jedoch nicht ahnen konnte, war, dass der absolute Gipfel inzwischen erreicht war. Von nun an sollte es nur noch nach unten gehen. Das tückische an dieser Baisse war jedoch, dass der Absturz nicht auf einmal kam innerhalb weniger Tage wie beim großen Börsencrash von 1929, sondern diese Talfahrt sollte insgesamt drei Jahre anhalten. Da aber niemand wissen konnte, dass es so kommen würde, wurde immer weiter spekuliert in der Hoffnung, dass es schon bald wieder bergauf gehen werde. Da es immer wieder Aktien gab, die dem Trend trotzten und an manchen Tagen über 50 % stiegen (z.B. Infineon) wurde die Hoffnung gehegt, dass man nur die richtigen Aktien kaufen müsse, um Gewinn zu machen. Aber mein Spielerglück hatte mich verlassen, und meine gerade erworbenen Aktien befanden sich Ende März schon alle im zweistelligen Minus. Wenn ich jetzt wieder alles verkaufen würde, dann hätte ich einen Verlust von fast 10.000,- DM, und das konnte ich doch unmöglich zulassen, dachte ich. Vielleicht würden die Kurse schon bald wieder steil nach oben schießen, und dann würde ich mich am Ende ärgern, dass ich so früh schon aus lauter Verzagtheit verkauft hätte. Hatte nicht der große Börsenexperte Kostolany gesagt, man solle erst Aktien kaufen und dann Schlaftabletten, weil man sich sonst ganz verrückt machen würde? Langfristig konnte man mit Aktien doch ohnehin immer nur gewinnen, also musste ich einfach nur Geduld haben. Manche Werte hatten sich inzwischen so sehr verbilligt, dass nun sicher viele wieder einsteigen würden und es nach oben ginge, glaubte ich.

Inzwischen hatte auch mein Freund Jochen das Anlegerfieber gepackt und ich erklärte ihm, wie das praktisch funktioniert mit den Aktien. Innerhalb kürzester Zeit hatte Jochen sich aber schon so sehr mit dem Thema befasst, dass er sogar mich belehren konnte. Er sagte: "Simon, Du solltest keine Aktien kaufen, sondern lieber Optionsscheine. Denn diese sind unabhängig von einem bestimmten Börsentrend, weil Du auch auf fallende Kurse wetten kannst. Und dann gibt es auch noch Derivate und Futures. Du kannst mit Optionen an der Börse spekulieren, ohne sie erst bezahlen zu müssen, indem Du sie verkaufst und erst nachträglich mit dem Gewinn bezahlst." Jochen hatte mir dies viele Male erklärt, aber ich begriff es einfach nicht, weil mein mathematisches Denken dafür eher unterentwickelt war. Jochen hingegen war Elektroingenieur, jedoch arm wie eine Kirchenmaus, so dass er kein Geld hatte zum realen Spekulieren. Deshalb begnügte er sich damit, auszurechnen, wie viel er theoretisch gewonnen hätte.

Im Sommer 2000 war mein investiertes Kapital um 18.000,- DM herunter geschmolzen, so dass ich jede Lust am weiteren Spekulieren verlor. Aber Verkaufen wollte ich auch nicht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass es noch immer weiter nach unten gehen sollte. Ich steckte einfach den Kopf in den Sand und wollte nichts mehr wissen von Aktien. Irgendwie war ich auch innerlich wie gelähmt und unfähig, noch eine Entscheidung zu treffen. Ich ärgerte mich nur noch, dass ich nicht bei der Entscheidung Anfang März geblieben war, sondern aus lauter Dummheit und Habgier immer weiter gemacht hatte. Jetzt ging es mir nur noch darum, mir und allen anderen zu beweisen, dass mich Geld nicht mehr interessiert, obwohl ich mich damit selbst belog. Denn insgeheim hoffte ich noch immer, dass die Talfahrt endlich aufhören würde und sich meine Geduld auszahlen könnte. Erst anderthalb Jahre später konnte ich mich endlich dazu durchringen, mein Portfolio aufzulösen, das zu diesem Zeitpunkt nur noch einen Restwert von 15.000,- DM hatte, d.h. ich hatte mittlerweile 50.000,- DM wieder verloren. Ich nahm es mit Gelassenheit und sagte mir, dass ich abzüglich meiner ursprünglichen Investition immerhin noch einen Gewinn von 4.000,- DM übrig habe.


Der Streit mit dem Ex-Vermieter

Die neue Wohnung in der Thüringer str. 24 in Demenhorst lag im Obergeschoß eines Zwei-Familien-Hauses. Unten wohnte die alte Mutter des Vermieters. Es gab einen schönen Garten, wo unsere Tochter spielen konnte und auch einen Kindergarten ganz in der Nähe, wo ich Rebekka anmeldete. Ruth fand schon bald einen Praktikumspatz bei einer Tierärztin in Ganderkesee und ich verteilte meine Handzettel, um nun auch in Delmenhorst Kunden zu werben. Es dauerte nicht lange, dass die ersten Neukunden Interesse bekundeten, so dass ich auch mein Versprechen einlösen konnte, den Michal Wollny fortan für zwei Jahre als Umschüler zu nehmen. Alles lief eigentlich bestens - doch dann entwickelte sich unerwartet allmählich ein furchtbarer Streit mit unserem Ex-Vermieter in Neustadt a.Rbge:

Bevor wir umgezogen waren, hatte Marco auf unserem Balkon etwas lackiert; doch als er das Material wieder verladen wollte, fiel ihm die Dose Lack auf den Fußboden und lief aus. Ich schimpfte mit ihm, aber er sagte, dass wir doch sowieso ausziehen würden und den Teppich dann entsorgen müssten, womit er Recht hatte. Damit aber niemand in den frischen Lackfleck treten konnte, nahm Marco kurzerhand sein Cutter-Messer und schnitt ein kreisrundes Stück aus dem Teppich heraus, auf dem der Fleck war. Dabei hatte Marco jedoch nicht beachtet, dass sich unter dem Teppich ein PVC-Boden befand, der dem Vermieter gehörte und der nun Schnittspuren aufwies. Als dann ein paar Wochen später der Umzug anstand, nahmen wir den alten Teppich hoch und entsorgten ihn. Die Schnittspuren hatten wir dabei gar nicht bemerkt. Als wir uns jedoch eine Woche später mit unserem Vermieter Herrn Werner trafen, bemerkte dieser die Schnitte im PVC und verlangte Ersatz von mir. Ich wies ihn darauf hin, dass man diese auch verkleben könne, und dass doch die offenen Nähte der PVC-Bahnen weitaus auffälliger waren. Er aber ließ nicht mit sich reden, sondern verlangte einen neuen PVC-Belag. Zudem konnte ich ihm auch nur drei von insgesamt vier Schlüsseln von der Wohnungstür zurückgeben, weil ich ein Jahr zuvor einen Schlüssel verloren hatte. Aber auch hier genügte ihm nicht ein neuer Schlüssel, sondern er verlangte einen Austausch der gesamten Schließanlage, da dieser Schlüssel zugleich auch für die Haustür passte. Ich hielt es indes für sehr unwahrscheinlich, dass ein potentieller Dieb selbst nach einem Jahr noch versuchen würde, ins Haus einzubrechen, aber mein Vermieter war da ganz anderer Meinung, so dass wir im Streit auseinander gingen.

Zu allem Pech kam noch hinzu, dass ich infolge der Renovierarbeiten in der neuen Wohnung und all den übrigen Verpflichtungen ganz vergessen hatte, den Dauerauftrag zu löschen, so dass Herr Werner eine weitere Miete in Höhe von 1300,-DM für den Monat März im Voraus erhielt, obwohl wir ja gar nicht mehr dort wohnten. Zusätzlich zu dem Deponat von 3.000,- DM schuldete mir Herr Werner also insgesamt 4.300,-DM, die ich aufgrund mangelnder Liquidität gut hätte gebrauchen können. In den Wochen nach unserem Auszug rief ich den Vermieter deshalb immer wieder an, auch um einen Termin zu vereinbaren, um einen neuen PVC zu verlegen. Erst einen Monat später erreichte ich ihn schließlich und wir vereinbarten einen Termin zum Verlegen. Als ich jedoch damit beginnen wollte, den neuen PVC auf den alten zu legen, protestierte der Vermieter und verlangte, dass wir zuerst den alten PVC herausreißen sollten und den gesamten Fußboden erst neu verspachteln müssten, um dann erst den neuen PVC zu verlegen. Ich erklärte ihm, dass es die fachlich korrekte Verfahrensweise sei, dass man den neuen auf den alten PVC verlege, zumal dies auch für die Langlebigkeit des PVCs viel besser sei, da der Untergrund etwas weicher sei. Aber Herr Werner glaubte mir nicht und weigerte sich schließlich, dass wir es auf unsere Weise tun sollten. Ich empfand sein Verhalten als reine Schikane und entschied mich deshalb, die Frage durch einen Sachverständigen klären zu lassen.

Ich rief also bei zwei Fußbodenlegern an und bat um eine fachliche Stellungnahme. Beide bestätigten mir, dass es völlig unsinnig sei, den alten PVC herauszureißen, da man durch diesen einen viel glatteren Untergrund hätte. Einer gab mir noch den Tipp, dass man die Schnitte problemlos mit einer sog. Kaltschweißpaste wieder abdichten könne, so dass man hinterher nichts mehr sehe. Von all diesen Argumenten wollte sich der Vermieter jedoch nicht überzeugen lassen, sondern behauptete, dass auch er inzwischen bei der Handwerkskammer Hannover angerufen habe und sich angeblich von einem Gutachter habe bestätigen lassen, dass der alte PVC zuvor entfernt werden müsse, da dies sonst "Pfusch" sei. Ich konnte mir solch eine abweichende Ansicht kaum vorstellen und überprüfte seine Angaben, indem ich mir die zuständige Tel.-Nr. des vereidigten Gutachters der Handwerkskammer geben ließ. Und siehe da: Herr Weber hatte mich angelogen, denn der Gutachter Huisnik hatte nie mit ihm gesprochen. Auf meine Frage, ob es denn Pfusch sei, was ich Herrn Werner angeboten hatte, antwortete er: "Nein, das ist totaler Quatsch. Wir haben gerade erst letzte Woche im Technologiezentrum Vahrenwald viele Tausend Quadratmeter PVC aufeinander geklebt."

Spätestens jetzt wurde mir bewusst, dass ich gute Chancen hätte, einen gerichtlichen Streit zur Not zu gewinnen. Ich schrieb dem Vermieter, dass ich ihm hiermit eine letzte Frist setze bis zum 18.05.00, um mir mein Deponat und die überzahlte Miete für März zurückzuerstatten, da ich ihn andernfalls auf Zahlung verklagen würde. Zugleich bot ich ihm jedoch an, dass ich selbstverständlich bereit sei, jederzeit vorbei zu kommen, um meinen PVC auf seinen zu verkleben, wenn er mir nur einen Termin nennen würde. Leider hatte ich damals den weisen Rat Salomons vergessen, der doch gesagt hatte: "Einen Rechtsstreit anfangen ist, als ob man Wasser entfesselt; darum lass ab vom Zank, ehe er heftig wird" (Spr.17:14). Und auch der HErr Jesus hatte empfohlen: "Erweise dich rechtzeitig entgegenkommend gegenüber deinem Streitgegner, während du mit ihm noch auf dem Wege bist (zum Gericht)" (Mt.5:25). Ich erklärte mich zwar Ende Mai zwar noch bereit, ihm auch noch neue Zylinder einzubauen, aber da war es schon zu spät, denn sein Anwalt teilte mir mit, dass sein Mandant bereits einen Fußbodenleger beauftragt habe und auch die Zentralschließanlage mit 10 Schlössern durch eine Fachfirma auswechseln lassen wolle. Die Kosten von 2.727,40 DM für den Fußboden und 996,50 DM für die Schließanlage würde man mir von meiner Forderung von 4.300,- DM abziehen, zzgl. 45,-DM für die Reinigung der oberen Türfalzen, da man bei einer erneuten Begutachtung festgestellt hatte, dass dort Kotspuren unseres Papageien waren.

Ich kochte vor Wut, wollte aber nicht noch einmal der Versuchung erlegen sein, wie beim letzten Streit mir eine Strafanzeige wegen Beleidung androhen zu lassen, sondern übergab den Fall diesmal gleich an meinen Anwalt. Es folgte nun ein Rechtsstreit, der sich über ein Jahr hinzog und erst am 14.01.2001 durch einen Vergleich entschieden wurde. Demnach sollte ich aus meiner Forderung von 4.300,-DM noch 1.926,-DM erhalten, wobei auch noch anteilige Anwaltskosten von 512,14 DM davon abzuziehen sind. Doch obwohl ich eigentlich hätte froh sein können, dass ich wenigstens knapp die Hälfte meiner Forderung endlich erstattet bekam, war ich sehr erbittert und wurde geplagt von Rachegefühlen, denn ich fühlte mich bestohlen. Da ich das Handeln Gottes in meinem Leben nicht mehr (an)erkannte, konnte ich auch nicht wie Hiob feststellen: "Der HErr hat gegeben, der HErr hat genommen; der Name des HErrn sei gelobt!" (Hiob 1:21), sondern ich verhielt mich eher wie Jona, der den Schatten des Wunderbaums wie eine Selbstverständlichkeit annahm, sich aber dann beklagte, als dieser am nächsten Tag aufgefressen wurde, obwohl er nichts dazu beigetragen hatte, dass er diesen Wunderbaum doch wenigstens für eine Weile genießen konnte (Jona 4:10).


Juli – Dezember 2000

Mein "kleiner" Bruder Patrick

Obwohl mein vier Jahre jüngerer Bruder Patrick mit seinen 1,97 Metern noch 3 cm größer ist als ich, war er für uns immer der kleine "Pelle", wie wir ihn seit seiner Kindheit liebevoll nannten. Dies änderte sich auch nicht, als er am 22.07.2000 seine Freundin Manuela heiratete. Sie hatten sich zwei Jahre zuvor kennengelernt über das Internet. Damals schrieb Patrick aus Langeweile eine Kontaktanzeige über ein Chatprogramm namens ICQ, bei der er sich aus Quatsch genau entgegen gesetzt beschrieb als wie er wirklich war: "Pummeliger und nicht gut aussehender Junge (26) sucht eine Partnerin". Damals war Patrick arbeitslos und fühlte sich trotz seiner pompösen Statur tatsächlich wie ein Versager. Manuela hingegen war eine Einser-Abiturientin und studierte gerade auf Lehramt Physik und Mathematik, als sie dies las während einer Israelreise und antwortete ihm aus Neugier. Da sie sich mit "Schalom" von ihm verabschiedete, nahm Patrick an, dass sie auch gläubig sein müsse. Sie schrieben sich eine ganze Weile hin und her und verabredeten sich dann im September´98 auf einem Stadtfest. Patrick verliebte sich auf Anhieb in diese selbstbewusste junge Frau, die ein wenig aussah wie Angela M. in ihrer Jugendzeit. Durch sie schaffte es Patrick schließlich auch, seine Ängste und Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden, die ihn von früher Jugend an plagten.

Weil er der jüngste von uns vier Kindern war, muss er sich wohl oft benachteiligt und "abgehängt" vorgekommen sein, war aber deshalb umso mehr "Mamas Liebling". In der Schule war er genauso wie ich immer sehr verträumt und mochte den Unterricht nicht, weshalb er manchmal einfach früher nach Hause ging. Als mein Bruder Marco ihn 1988 auf eine Evangelisation von Wilhelm Pahls mitnahm, bekehrte er sich und wechselte schon bald darauf in die Freie Evangelische Bekenntnisschule (FeB), die gerade neu in Bremen gegründet war. Da er der einzige Christ unter den Schülern war, ließ der gläubige Lehrer ihn oftmals vor der Klasse das Gebet sprechen, womit bis heute jeder Unterricht dort morgens beginnt. Durch die Liebe und den Zuspruch der Lehrer dort verbesserten sich allmählich auch seine Noten, so dass er von der Hauptschule auf die Realschule wechseln konnte und später sogar sein Fachabitur machte. Nachdem er 1992 seinen Zivildienst im Krankenhaus beendet hatte, wollte Patrick am liebsten nur noch zuhause sein oder sich mit Freunden treffen, von denen er viele hatte durch die christliche Gemeinde. Doch nach einem Jahr sah Patrick die Notwendigkeit, eine Lehre zu machen und bewarb sich in einer Tischlerei, die ihn auch nahm.

Leider war Patrick als Tischler nie besonders gut, so dass er zum Ende seiner Lehre entlassen wurde. Er bemühte sich dann bei einer anderen Firma, aber ging jeden Tag mit Angst zur Arbeit, weil er glaubte, jeden Moment gekündigt zu werden. Als er eines Tages allein in der Werkstatt ein Möbelstück an einer CNC-Maschine bearbeitete, kam es aufgrund einer falschen Einstellung zu einem lauten Knall, so dass das Werkstück kaputt ging. Daraufhin ging Patrick schnell nach Hause, legte sich ins Bett und verkroch sich unter der Bettdecke. Da er in der Folge schon wieder seine Arbeit verlor, beschloss Patrick, sich von nun an nur noch seinen Hobbies zu widmen, nämlich dem Computer und der Fotographie. Er merkte, dass er dies viel besser konnte als jeder andere und verdiente sein erstes Geld durch kleine Aufträge. Weil Patrick ziemlich attraktiv aussah (ähnlich wie der Schauspieler Matt Damon) und auch gut reden konnte, hatte er schon bald viele junge Frauen aus der Gemeinde, die sich von ihm professionell fotografieren ließen, vorzugsweise in Schwarz-weiß-Bildern, die er selber entwickelte in seiner Dunkelkammer zuhause. Er lebte mit meinem Bruder Marco mietfrei im Elternhaus und sah daher nicht die Notwendigkeit, wieder Arbeit zu suchen.

Das änderte sich aber dann, als er Manuela kennenlernte, die bis dahin immer nur auf der Überholspur durchs Leben fuhr. Sie animierte ihn, sich wieder als Tischler zu bewerben und machte ihm Hoffnung, dass sie auch ihr Leben mit ihm teilen würde. Sie trafen sich nun jedes Wochenende und machten zusammen Sport wie z.B. Rollerskaten. Als sie dann ein Jahr später ihr Studium beendet hatte und einen Referendariatsplatz in Stade bekam, fragte sie Patrick, ob er sich vorstellen könne, mit ihr zusammenzuziehen. "Nur wenn Du mich vorher heiratest!" sagte Patrick laut lachend. Sie wollte, aber machte ihm später den Vorwurf, dass sein Heiratsantrag so "schrecklich unromantisch" gewesen sei. Einen Tag vor ihrer Hochzeit wurde Patrick schon wieder gefeuert; doch als er traurig nach Hause kam, umarmte ihn Manuela und tröstete ihn. Später sagte er: "Das war das Schönste, was ich je erlebt hatte!"


Der Katastrophenlehrling

Inzwischen hatte ich wieder eine gute Auftragslage und mir deshalb auch einen neuen Gebrauchtwagen als Firmenwagen gekauft, einen weißen Opel Kadett Kombi, der ähnlich wie der vorige etwa 10 Jahre alt war und auch nur 3.000,- DM kostete. Um Rebekka eine Freude zu bereiten, kaufte ich auch einen kleinen Hundewelpen, einen Mischlingsrüden, den wir Bobby nannten. Die alte Nachbarin unten war über diese Idee gar nicht so begeistert, zumal Bobby auch häufig lange bellte, wenn wir aus dem Hause gingen. Deshalb beschloss ich, unseren Hund einfach mitzunehmen auf die Baustellen. Dort wo es sich um leere Häuser handelte, die wir tapezieren sollten, war dies ja auch kein Problem, zumal Bobby die meiste Zeit ohnehin schlief am Tage. Eines Tages sprach mich eine Kundin an und sagte: "Herr Poppe, Sie sind doch so ein guter Mensch! Vielleicht könnten Sie meiner Tochter einen Gefallen tun. Sie hat nämlich seit kurzem ihren ersten Freund und möchte ihm gerne helfen. Er ist ein ganz lieber Kerl von 19 Jahren, aber er sucht dringend einen Ausbildungsplatz und findet einfach keinen. Hätten Sie nicht Interesse, ihn als Lehrling zu nehmen?" Ich hatte nichts dagegen, und so vereinbarten wir, dass er einfach mal vorbei kommen solle.

Kurz darauf meldete sich Patrick Mücher bei mir und kam am Nachmittag mit seiner Bewerbung vorbei. Vor mir saß ein gut gestylter junger Mann mit modischer Kleidung und selbstbewusstem Auftreten. Er hatte ein einnehmendes Lächeln wie Stefan Raab, so dass ich seinem Charme kaum wiederstehen konnte. Ich dachte mir: "Wenn der so gut arbeitet, wie er reden kann, dann wird das bestimmt ein toller Lehrling werden!" Patrick erwies sich in der Tat als "toll", allerdings in der ursprünglichen, biblischen Bedeutung des Wortes, nämlich als TOLLkühn und geradezu psychopathisch! ich hatte später nie mehr solch einen verrückten und katastrophalen Lehrling wie Patrick gehabt, der mir fast den Verstand rauben sollte! Denn was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte, war, dass Patrick vor keiner noch so verwegenen Straftat zurückschreckte, sondern sich in fast kleptomanischer Besessenheit alles nahm, was er wollte. Ich wusste nicht, dass er zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Jugendstrafen verbüßt hatte wegen Einbruch, Diebstahl, Körperverletzung und Fahren im angetrunkenen Zustand. Da ich ihn sehr sympathisch fand, nahm ich ihn als Lehrling. Er sollte die nächsten fünf Jahre zu meinem Alptraum werden...

Einen Monat später stellte ich einen weiteren Lehrling ein namens Volkmar Priefer. Da Patrick und er etwa gleich alt waren, verstanden sie sich auf Anhieb und wurden gute Freunde. Wir lachten viel auf der Arbeit, aber manchmal erschrak ich über den derben Humor, den die beiden hatten. Doch eines Tages stellte ich zu Feierabend fest, dass mir 100,- DM im Portemonnaie fehlten. Da ich an jenem Tag nur mit Patrick allein auf der Baustelle gearbeitet hatte, konnte nur er sie mir gestohlen haben. Am nächsten Morgen stellte ich ihn zur Rede, aber er stritt es natürlich ab. Daraufhin filzte ich ihn und fand einen 50,-DM-Schein in seiner Latzhose. "Komm, Patrick, sag die Wahrheit! Erzähl mir doch nicht, dass das Dein Geld hier ist, denn Du hast doch sonst NIE Geld dabei!" - "Das Geld ist von meiner Freundin. Sie hat es mir heute Morgen geliehen, damit ich mir was zu essen kaufen kann." - "Ok," sagte ich, "dann werde ich Deine Freundin nachher mal anrufen und sie fragen, ob das stimmt." - "Ja, kannst sie ruhig fragen, sie wird es Dir bestätigen!" Dann musste ich noch mal kurz ins Haus, um etwas zu holen. Aber in der Zwischenzeit rief Patrick heimlich seine Freundin an auf dem Handy und flüsterte ihr zu: "Mein Chef wird Dich gleich anrufen und Dich fragen, ob Du mir heute Morgen Geld geliehen hast. Bitte sage ihm, Ja! mein Schatz. Ich erklär Dir alles später." Und tatsächlich bestätigte sie mir dann brav die Lüge von Patrick. Was er jedoch nicht ahnte, war, dass Loyalität immer nur so lange währt, wie eine Freundschaft; aber wenn eine solche zu Ende geht, dann wird manchmal auch schmutzige Wäsche gewaschen und Lügen kommen ans Licht...

Schon während der Probezeit erlebte ich es leider immer wieder, dass Patrick oder Volkmar sich morgens krank meldeten. Mir war klar, dass sie meistens nur zu spät ins Bett gegangen waren oder abends zu viel getrunken hatten. Als Patrick eines Morgens mal wieder mit verkaterter Stimme auf den AB sprach, dass er "krank" sei, rief ich ihn sofort zurück, aber er ging nicht mehr ans Handy. Daraufhin fuhr ich zu ihm nach Hause und klingelte an seiner Tür. Er machte auf und sah mich erschrocken aus seinen schlafverquollenen Augen an, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass ich es bin. Da er noch in Unterhose war, sagte ich im Befehlston: "LOS! ZIEH DICH AN UND KOMM MIT!" Sofort parierte er und saß im Nu mit mir im Auto. So "krank" war er also offensichtlich doch nicht. Aber auch Patrick war wahrscheinlich verwundert über meine rüden Erziehungsmethoden. Da ich jedoch im Auto auch noch Rammstein hörte, fiel es ihm schwer, in mir eine Respektperson zu sehen, sondern ich war für ihn wohl eher so etwas wie ein großer Bruder.

Die Probezeit war noch nicht abgelaufen, und trotzdem tanzte mir Patrick ständig auf der Nase herum. Als er eines Tages mit Volkmar alleine auf der Baustelle war und ihn dazu überredete, einfach schon eine Stunde eher Feierabend zu machen, da ist mir der Kragen geplatzt, als ich es erfuhr, und erteilte Patrick eine fristlose Kündigung. Ich dachte, dass ich diese Nervensäge nun endlich los sei, aber die Geschichte war damit noch lange nicht zu Ende. Drei Wochen nach der Kündigung rief mich Patrick an. Mit einer Engelszunge und übertriebener Freundlichkeit erklärte er mir, dass er gerade ein Regal baue für seine Mutter und zu diesem Zwecke etwas flexen müsse. Er fragte, ob er sich von mir den Winkelschleifer ausleihen dürfe und in meiner Werkstatt etwas damit schneiden dürfe. Ich sagte: "Ja, kein Problem." Eine halbe Stunde später kam Patrick mit einem anderen Burschen zu mir und ich schloss ihnen die Werkstatt auf. Dann ging ich wieder über die Gartentreppe rauf in unsere Wohnung. Da wir schon November hatten, war es schon um 17.00 Uhr sehr dunkel draußen. Ich hörte den dumpfen Krach aus der Werkstatt. Nach einer Weile ging ich wieder runter, um zu sehen, was Patrick da eigentlich macht. Doch als mich sein Kumpel sah, der rauchend vor der Tür stand, rief dieser leise aber hörbar durch den Türspalt: "Achtung, er kommt!"

Das machte mich misstrauisch. Patrick hörte sofort auf zu schneiden und machte die Tür auf, so dass eine große Staubwolke aus der Werkstatt kam. Ich sagte: "Warum machst Du denn die Tür zu beim Schneiden? Du staubst ja alles voll hier!" Patrick stellte sich demonstrativ in die Tür, damit ich nicht sehen konnte, was er da gerade gemacht hatte und sagte: "Nee, das ist ja nur, damit die Nachbarn sich nicht beschweren wegen dem Krach, denn es ist ja schon Abend." Ich wusste, dass er etwas zu verbergen hatte, ließ mir aber nichts anmerken und sagte so gleichgültig wie möglich: "Sag mir bescheid, wenn Ihr fertig seid, damit ich wieder zuschließe." Ich ging wieder die Treppe nach oben, aber behielt die beiden im Blick. Doch schon 2 Minuten später sprang unten der Wagen an und sie waren wieder weggefahren ohne Bescheid zu geben. Ich ging runter in den Schuppen, machte Licht an und sah, dass alles vollgestaubt war. Und dann bemerkte ich, dass in der Ecke auf dem Boden eine Metallplatte lag. Ich hob sie auf und betrachtete sie. Um ein Regal zu schneiden hätte ein 1 - 2 mm dickes Blech genügt, aber dies hier war fast eine 1 cm dicke Stahlplatte. Ich nahm sie mit nach oben und dachte: "Das sieht er aus, als hätten sie einen Tresor aufgeschnitten."

Ich nahm den Hörer und rief die Polizei an. "Ja, hier Polizeinotruf." - "Entschuldigen Sie, aber ich habe mal eine Frage: Wurde in letzter Zeit mal ein Tresor gestohlen in Delmenhorst?" - "Es wird öfter mal ein Tresor gestohlen; wieso? Was wissen Sie denn?" - "Ach, ich wollte nur mal fragen, weil ich den Eindruck habe, dass gerade eben in meiner Werkstatt ein Tresor aufgeschnitten wurde, denn ich halte hier ein ziemlich dickes Stück Stahl in der Hand." - "Können Sie mir dazu mal genauere Angaben machen?" - "Nein, ich möchte eigentlich lieber nichts weiter sagen, denn sonst würde ich einen jungen Mann belasten, der möglicherweise unschuldig ist." - "Wenn Sie jemanden decken, dann machen Sie sich aber ebenso strafbar. Wenn der Betreffende aber unschuldig ist, dann hat er doch nichts zu befürchten. Und selbst wenn er etwas ausgefressen hat, dann helfen Sie ihm nicht, wenn Sie ihn decken, sondern unterstützen ihn sogar indirekt, weil er es immer weiter machen wird. Also, wollen Sie jetzt reden?" - Ich überlegte und sagte dann: "Sie haben recht. Es handelt sich um einen ehemaligen Lehrling von mir. Er heißt Patrick Mücher und wohnt hier in Delmenhorst." Dann erzählte ich die Einzelheiten und gab die genaue Adresse bekannt.

Sofort fuhr ein Streifenwagen zu seiner Wohnung, wo sie aber nur die Mutter antrafen. Sie gab den Beamten die Adresse von seiner Freundin, wo er übernachtete. Dort angekommen, durchsuchten sie die Wohnung und fanden unterm Kopfkissen jede Menge Bündel mit Geldscheinen, sowie Briefmarken im Wert von rund 1000,-DM. Sie verhafteten Patrick und nahmen ihn mit auf die Wache. Patrick war geständig und gab zu, dass er in der Orthopädischen Klinik in Ganderkesee absichtlich ein Fenster im Erdgeschoss offen gelassen hatte, durch das er dann in der Nacht eingestiegen sei, um einen Tresor herauszutragen. Er tat ihn auf den Gepäckträger seines Fahrrads, deckte ihn zu und schob das Fahrrad dann in eine Nebenstraße, wo er einen Cousin anrief, um ihn abzuholen. Da Patrick bereits einschlägig vorbestraft war, drohte ihm nun eine Haftstrafe nach dem Jugendstrafrecht. Doch da keine Fluchtgefahr bestand, konnte er bis zum Beginn seines Prozesses noch in Freiheit verbringen.

Nach etwa drei Wochen rief mich die Kundin Preusse an, deren Tochter mit Patrick befreundet war. Sie bat darum, ob ich Patrick nicht noch mal eine Chance geben könnte, denn wenn er in einer Ausbildung sei, könnte die Strafkammer möglicherweise von einer Haftstrafe absehen. Ich erklärte ihr, dass ich Patrick für gefährlich halte, zumal er ja früher auch schon mal in psychiatrischer Behandlung war. Frau Preusse zeigte Verständnis und erklärte dies ihrer Tochter. Was ich jedoch nicht ahnte, war, dass diese nichts von Patricks Psychiatrie-Aufenthalt wusste. Da die Beziehung wohl ohnehin schon am seidenen Faden war, machte Bettina im Streit nun ganz mit ihm Schluss, rief mich an und verriet mir, dass Patrick mir damals tatsächlich die 100,-DM gestohlen hatte, sie aber nicht länger mit einem kriminellen Psychopathen zusammen leben wollte.

Als ich am nächsten Tag morgens mit Bobby in mein Auto steigen wollte, war die Heckscheibe zerschlagen. Ich rief sofort Patrick an und sagte ihm, dass er mir diesen Schaden ersetzen werde. "Gar nichts werd' ich tun, sondern ich werde Dir eins aufs Maul hau´n! Warum hast Du Bettinas Mutter erzählt, dass ich mal in der Psychiatrie war?!" - "Ich wusste nicht, dass sie es nicht wusste. Tut mir leid dafür. Aber Du hättest mit mir reden können und nicht einfach feige die Heckscheibe zerdeppern sollen! Ich will, dass Du heute zu Feierabend herkommst, und dann reden wir über alles!" - "Einen Sch... werd ich tun! Warum sollte ich?" - "Du wirst kommen, sonst komme ich zu Dir! Wir müssen reden!" Ich legte auf.

Als ich mit Volkmar zu Feierabend die Einfahrt hochfuhr, stand Patrick da mit geballten Fäusten und zornigem Blick. Ich musste fast darüber lachen, aber verkniff es mir. Wir stiegen aus und ich ging auf Patrick zu. "Lass uns mal zusammen in den hinteren Garten gehen zum reden", sagte ich und verabschiedete mich von Volkmar. Als wir durch die Pforte gingen, war mein erster Satz: "Weißt Du, Patrick, eigentlich mag ich Dich..." In diesem Moment merkte ich, wie eine tonnenschwere Last von Patrick abfiel und sich seine aufgestaute Wut in Staub auflöste. Er war fast den Tränen nahe, denn mit diesem Satz hatte er gar nicht gerechnet, und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, warum ich das sagte. Auf jeden Fall war die Stimmung auf einmal gelöst, und wir konnten völlig entspannt mit einander reden. Es ging sogar so weit, dass Patrick mir am Ende versicherte, dass er die Scheibe gerne ersetzen würde; aber ich sagte ihm, dass er das nicht mehr bräuchte. Ja, wie stark kann doch eine Versöhnung sein. Im Wort Gottes heißt es: "Eine gelinde Zunge zerbricht Knochen" (Spr. 25:15). Natürlich bedeutet das nicht, dass Patrick von dem Moment an moralisch geläutert war. Ganz im Gegenteil: Einen Monat später brach er nachts in einen Kiosk ein, der dem Freund seiner Mutter gehörte, und kam dafür ein Jahr ins Gefängnis. Aber damit war das Kapitel "Patrick" noch lange nicht beendet, denn es sollte noch 5 Jahre weiter gehen...

Mitte Dezember brach der Winter ein und wir hatten starken Schneefall, so dass es zum ersten Mal nach Jahren sog. „weiße Weihnachten“ geben sollte. Als ich bei Aldi ein Weihnachtsmann-Kostüm fand, wurde ich an meine Kindheit erinnert, wie mein Vater früher immer für uns den Weihnachtsmann spielte, ohne dass wir es bemerkten. Prompt nahm ich es mit, weil ich auch Rebekka diesen Spaß bereiten wollte.

Meine Mutter hatte damals immer behauptet, dass mein Vater leider Nachtdienst hätte und deshalb nicht dabei sein könne, wenn der Weihnachtsmann kommt. Als es dann abends im Hof klingelte, sagte sie: „Schaut mal, Kinder, ich hab‘ da draußen ´was gehört…“ Wir liefen alle zum Fenster und sahen im Dunkel den Weihnachtsmann, wie er mit einer kleinen Glocke bimmelte und in der anderen Hand einen Sack trug voller Geschenke. Er rief uns, und wir machten ihm schnell die Tür auf. Einmal, als er gerade die Geschenke verteilt hatte und wieder gehen wollte, sagte er: „Ich fliege jetzt wieder mit meinen Schlitten in den Himmel und möchte gerne einen von euch mitnehmen! Simon, was hältst du davon, wenn du mit mir fliegst?“ Mir schlug das Herz bis zum Hals, denn ich hatte panische Angst, dass ich vom Schlitten runterfallen könne. Wir gingen hinunter in den Keller, und plötzlich nahm mein Vater seine Maske ab und grinste uns an. Meine Schwester sagte sofort: „Ich wusste, dass Du das bist!“ Ich hingegen war wirklich total überrascht, aber auch sehr erleichtert und hüpfte den Flur rauf und runter, denn der Weihnachtsmann hatte mir schon immer etwas Angst gemacht.

Nach alter Tradition kaufte ich auch einen Weihnachtsbaum, was ich früher immer abgelehnt hatte, weil dieser heidnischen Ursprungs war. Aber Rebekka sollte mit ihren 5 Jahren nun auch mal erleben, wie man richtig Weihnachten feiert, dachte ich mir. Das Kostüm passte perfekt und ich spielte meine Rolle so glaubhaft wie nur irgend möglich. Doch schon nach ein paar Minuten fragte Rebekka: „Papa, dat bist Du, näch?“ – „Wie kommst Du denn darauf?“ fragte ich. „Weil das Deine Stiefel sind! Die kenne ich doch.“ Wir lachten alle, und ich dachte: „Was für eine clevere Tochter haben wir, dass die das so schnell gemerkt hat!


Januar - Juni 2001

Der Steuer-Betrug

Wie in jedem Winter war auch der Jahreswechsel diesmal wieder von einer mageren Auftragslage gekennzeichnet, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als mit meinem verbliebenen Lehrling Volkmar Handzettel an die Briefkästen zu verteilen. Gelegentlich halfen uns dabei auch meine beiden Umschüler Michał Wolny und mein Zwillingsbruder Marco. Dabei nahmen wir an, was wir kriegen konnten an Aufträgen, u.a. auch eine leere Wohnung in Celle, wo wir bis zur Fertigstellung auch übernachten konnten. Mein Kontostand war indes tief ins Minus gerutscht, was auch daran lag, dass mehrere Kunden, die mir insgesamt noch etwa 4.700,- DM schuldeten, noch nicht gezahlt hatten. Unter diesen war auch ein Herr Petersen aus Rastede, der mir seit einem halben Jahr 1.200,- DM für das Streichen seiner Firmenfassade noch immer nicht gezahlt hatte. Nach mehrfachen Anrufen und Mahnungen ließ er mir schließlich im Januar 600,- DM zukommen. Den Rest würde er mir zahlen, wenn ich auch noch die große Längsseite seines Firmengebäudes für 3.944,-DM gestrichen hätte. Daraus entwickelte sich im Sommer 2001 ein zweijähriger Gerichtsstreit - doch dazu später mehr.

In dieser finanziell angespannten Lage rief mich im Januar meine Steuerberaterin aus Neustadt a. Rbge. an, da sie nun die Steuererklärung für 1999 fertig habe. "Herr Poppe, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie!" sagte Frau Krauter. "Die gute Nachricht ist, dass Sie im Jahr 1999 einen beachtlichen Jahresgewinn erzielt haben von etwa 80.000,-DM bei einem Umsatz von gerade einmal nur rund 155.000,-DM. Das ist schon eine enorme Leistung dafür, dass dies Ihr erstes volles Geschäftsjahr war als Selbständiger!" - "Und was ist dann die schlechte Nachricht?" wollte ich wissen. "Nun ja", sagte sie, "Sie hatten ja bisher noch nie Einkommenssteuer zahlen müssen, da Sie ja erst gerade angefangen hatten. Aber das Finanzamt wird Ihnen natürlich jetzt die gesamten Steuern des Jahres 1999 in Rechnung stellen, und das sind abzüglich Ihres Freibetrages in etwa 12.500,-DM. Ich hoffe, dass Sie sich in der Zwischenzeit etwas angespart haben..." Ich war geschockt und geriet auch leicht in Panik. "Kann ich denen das nicht in Raten zahlen?" fragte ich. "Sie können die Einkommenssteuer stunden lassen, aber es kommen ja dann auch noch die Steuern für das Jahr 2000 und die Steuerabschläge für 2001 hinzu, das wissen Sie ja, nicht wahr? Oder hatten Sie für 2000 schon Steuerabschläge bezahlt?" Ich war ganz durcheinander und stotterte nur: "Nein, bis jetzt hat sich das Finanzamt noch nicht bei mir gemeldet und Ich habe auch noch keinen neuen Steuerberater, seit ich in Delmenhorst wohne. Wie viel müsste ich denn für das Jahr 2000 noch zahlen?" – „Ich weiß ja nicht, wie Ihre Umsätze und Kosten waren, aber wenn sie ungefähr so wie im Vorjahr lagen, dann wären das ja noch einmal 12.500,- DM, also insgesamt 25.000,-DM." Mir wurde schwindelig, und ich wollte das Gespräch so schnell wie möglich beenden.

Nachdem ich mich verabschiedet hatte, setzte ich mich erst mal in den Sessel und begann, meine Gedanken zu ordnen. "Hätte man mich nicht vorher warnen müssen? Aber ich hätte es mir doch eigentlich auch denen können. Wie konnte mir das nur passieren, dass ich keine Rücklagen gebildet hatte! Und jetzt bin ich schon so gut wie pleite! Ich ruf mal meinen Vater an, ob der mir noch mal Geld leihen kann!" Ich griff zum Hörer und wählte seine Nummer. Doch mein Vater war ziemlich schlecht gelaunt, als er davon erfuhr und sagte nur: "Verkaufe erst einmal Deine Aktien! Du hast doch mal gesagt, dass Du über 25.000,-DM an Aktien hast. Damit kannst Du das doch bezahlen." - "Das war einmal, Papa!" anwortete ich. "Inzwischen sind sie nur noch gerade einmal 15- bis 17.000,-DM wert! Das wird also nicht reichen..." - "Du solltest Dich dringend mal beraten lassen, denn das ist doch nicht normal, dass das Finanzamt einem so viel Steuern abverlangt! Das kann doch gar nicht angehen!" - "Ich hab' keine Ahnung. Kennst Du jemanden, den ich fragen könnte?" Mein Vater überlegte. "Sonst frag doch mal den Jürgen Abromeit aus der Bibelgemeinde. Der ist gerade in den Ruhestand gegangen, aber hat all die Jahre selber eine Firma gehabt. Der kann Dir bestimmt weiterhelfen!"

Ich rief also den Jürgen an und verabredete mich mit ihm. Nachdem er sich dann meine Einnahme-Überschuss-Konten angesehen hatte, sagte er: "Mir scheint, dass Du einfach viel zu wenig Kosten gehabt hast. Ein gewöhnlicher Betrieb hat normalerweise einen Gewinn von 5 % im Jahr, aber nicht von über 50 %! Ich nehme mal an, dass da möglicherweise auch nicht alle Kosten berücksichtigt wurden." - "Ich war immer sehr sparsam und hatte deshalb in der Tat nur sehr wenig Kosten. Ich dachte, dass ich dann mehr verdienen würde, aber wenn ich das gewusst hätte, dass all die Einsparungen am Ende nur dem Finanzamt zu Gute kommen!" - "Ja, das ist so. Man muss als Unternehmer auch mal investieren in die eigene Firma. Du hast auch kaum Personalkosten gehabt, wie ich sehe..." - "Ja, weil das Arbeitsamt mir immer Zuschüsse bezahlt hat". Jürgen blätterte weiter und überflog die Zahlen. "Deine Materialkostenquote liegt gerade mal bei 15 %. Das ist ja ein Witz!" - "Ich werde in Zukunft aufhören, so geizig zu sein! Aber was kann ich jetzt noch machen?" Jürgen überlegte. "Weißt Du, Simon, ich hätte da eine Idee, aber dafür müssten wir erst mal ein offenes Wort mit einander sprechen. Lass uns aber mal nach oben gehen, denn ich will nicht, dass meine Frau das mitkriegt." Ich dachte: "Nanu, was wird er mir jetzt sagen wollen?"

Wir gingen nach oben in sein Arbeitszimmer, setzten uns und er fing an, mir zu erklären: "Simon, ich glaube nicht, dass Deine Steuerberaterin irgendwas übersehen hat; das hat schon alles so seine Richtigkeit. Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist die, dass Du noch nachträglich ein oder zwei höhere Rechnungen nachreichst, die Deinen Gewinn entsprechend reduzieren. Denn Du hast die Steuerabrechnung ja auch noch nicht eingereicht. Ich habe meinen Betrieb zwar letztes Jahr geschlossen, aber ich habe immer noch das Briefpapier meiner Firma und könnte Dir nachträglich ein paar Rechnungen schreiben, so als ob wir für Dich gearbeitet hätten. Ich schreibe Dir dann zugleich Quittungen aus, dass Du mir das Geld immer bar bezahlt hättest. Wenn ich Dir Rechnungen schreibe in Höhe von insgesamt 40.000,-DM, dann bräuchtest Du nur noch knapp 6.000,-DM an Steuern bezahlen!" - "Aber das ist doch Betrug, und Du bist ein Christ. Wie kannst Du das mit Deinem Gewissen vereinbaren?" Jürgen lehnte sich zurück, faltete seine Hände hinter dem Kopf und sagte: "Ach Simon, der Staat betrügt uns doch auch regelmäßig. Kennst Du nicht die Jahresberichte vom Bund der Steuerzahler oder vom Bundesrechnungshof? Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie viel Steuergelder jedes Jahr verschwendet werden in völlig sinnlose oder überhöhte Projekte, wo wir gar nicht gefragt wurden. Wir holen uns durch Steuertricks nur jenen Teil wieder, den man uns vorher zu Unrecht abgenommen hat!"

Ein interessanter Gedanke. "Aber ich weiß nicht, Jürgen... wenn das jeder machen würde..." - "Es macht ja jeder! Was denkst Du denn?! Man hat mal ausgerechnet, wie hoch das Steueraufkommen wäre, wenn alle ehrlich wären, und hat festgestellt, dass es etwa das Doppelte wäre. Geh mal davon aus, dass über 95 % aller Selbständigen bei ihrer Steuererklärung tricksen und schummeln. Man hätte ja geradezu einen Wettbewerbsnachteil, wenn man da nicht mitmachen würde. Das weiß das Finanzamt auch." - "Und was mach ich, wenn die mich dabei erwischen? Das ist doch total unglaubwürdig, wenn ich der Steuerberaterin jetzt noch nachträglich Rechnungen mit solch hohen Summen nachreiche!" - "Du, das ist der völlig egal, glaub mir!" sagte Jürgen. "Solange die Buchhaltung in sich sauber ist, interessiert sie sich gar nicht für das, was Du machst. Die hat ja auch noch andere Mandanten und weiß wie das läuft. Darüber wird nicht geredet." - "Und wenn ich plötzlich eine Steuerprüfung kriege?" Jürgen lächelte. "Die Häufigkeit, in der ein Unternehmen Deiner Größe eine Steuerprüfung kriegt, ist in etwa alle 50 Jahre einmal. Wenn Du Glück hast, dann wirst Du bis zu Deiner Rente nie geprüft werden. Die haben dafür auch gar nicht das Personal." Eine Frage hatte ich noch zum Schluss: "Wie kannst Du das aber mit Deinem Glauben vereinbaren?" Er wippte mit dem Stuhl und überlegte. "Mir ist schon klar, dass die meisten Christen dafür kein Verständnis hätten. Jeder gibt sich nach außen hin wie ein Unschuldsengel und will sich nicht die Finger schmutzig machen. Aber glaub mir: Das ist echte Nächstenliebe, wenn man so einen jungen Burschen wie Dir hilft und dabei auch noch selbst ein Risiko eingeht! Jemanden nicht-in-Stich-lassen - darum geht‘s!"

Unwillkürlich wurde ich bei diesen Worten an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erinnert. "Der Priester und der Levit gingen einfach an dem Verwundeten vorbei", dachte ich, "aber ausgerechnet der von den Juden verhasste Samariter erwies ihm Barmherzigkeit und zahlte sogar auch später noch für seine Pflege! Echte Liebe besteht in Selbstverleugnung, indem man sich nicht scheut, sich die Finger schmutzig zu machen. Da wo andere die Nase rümpfen und sich ekeln. Jürgen half mir ja völlig uneigennützig, einfach nur, weil er meine Not sah!

"Sie sind gar kein Maler!"

Allmählich hatte sich meine Auftragslage wieder deutlich verbessert, so dass ich einen weiteren Gesellen einstellen konnte und musste, Steffen Koch aus Thüringen. Er war schon ein erstaunlicher Kerl, denn er war zwar auf der einen Seite sehr still und verschlossen, aber auf der anderen Seite machte er hervorragende Arbeit. Besonders gefiel mir, dass er nie jammerte, selbst wenn er Baustellen bekam, die einem Höchstleistungen abverlangten, wie z.B. das Streichen von Fassaden ohne Gerüst. Selbst schwierigste Aufgaben, vor denen ich selbst zurückschreckte, erledigte er mit einer geradezu stoischen Lässigkeit. Manchmal kam ich auf eine Baustelle, um mich um ein bestimmtes Problem selber zu kümmern, und da sah ich, das Steffen es schon selber gelöst hatte; ich fragte ihn: "Steffen, wie hast Du das denn da oben hingekriegt über dem Glasdach? Da kommt man ja gar nicht hin!" Er drehte sich zu mir und sagte mir mit seinem thüringischen Dialekt: "O jo, des wa gar keyn Problem, da hab isch onfoch dn Pinsel an de Teleskopstange befestischt, donn ging das scho." Steffen war wie ein Christ: demütig, bescheiden, aber auch gelassen und immer völlig entspannt. Das einzige, was uns immer an ihm störte, war sein extremer Achselgeruch, weil er selbst im Sommer immer lange Hemden trug. Ich traute mich jedoch nicht, ihm deshalb eine Rüge zu erteilen, sondern sagte einfach nur scherzhaft: "Au ha, hier ist ja wieder der Duft der weiten Prärie!"

An einem Tag erzählte mir Volkmar, dass einer seiner Mitschüler in der Berufsschule drauf und dran sei, die Lehre zu schmeißen, da er in seinem Ausbildungsbetrieb immer gemobbt werde. Deshalb habe ihm Volkmar erzählt, dass er einen "richtig coolen Chef habe", der ganz anders sei und seine Leute immer gut behandle. Mario Lieberenz (17) rief mich deshalb an und wir verabredeten uns zum Vorstellungsgespräch. Zu meiner Überraschung kam er mit seiner Mutter. Wir setzten uns, und seine Mutter redete die ganze Zeit, während Mario auf den Boden schaute und kein Wort sagte. Man merkte, dass seine Mutter ihm peinlich war. Ich nahm ihn, weil ich irgendwie ein gutes Gefühl hatte trotz seiner Schüchternheit. Doch Mario erwies sich im Laufe der nächsten Monate ebenso als Glücksgriff. Wie Volkmar kam auch Mario aus Mecklenburg-Vorpommern, war aber hochbegabt und sehr sympathisch. Als er gerade 18 wurde, teilte seine Freundin ihm mit, dass sie von ihm schwanger geworden sei. Danach verfiel Mario in Schwermut, wohl auch deshalb, weil er sich mit seiner Freundin nicht mehr gut verstand und sich auch schon bald von ihr trennte. Als junger Vater hatte er aber nun neben seiner Ausbildung eine Doppelbelastung und wusste, dass er die nächsten 20 Jahre auch für den Unterhalt seines Kindes aufkommen müsse.

Eines Tages, als ich gerade in einem Treppenhaus am Arbeiten war, trat eine der Wohnungs-Eigentümerinnen zu mir und sagte: "Herr Poppe, entschuldigen Sie, aber ich muss Ihnen mal etwas sagen, was ich Ihnen schon die ganze Zeit mal sagen wollte." Ich wandte mich zu ihr und sagte: "Ja, gerne." Und dann sagte sie unvermittelt: "Sie sind gar kein Maler!" Ich war überrascht und amüsiert zugleich. "Na sowas, wie kommen Sie darauf?" - "Weil Sie kein Maler sind!" bekräftigte sie. "Doch. ich bin Maler. Warum zweifeln Sie das an?"- "Weil ich Handwerker kenne, aber so einen wie Sie habe ich noch nie erlebt!" Jetzt wurde ich allmählich unruhig und fragte: "Was wollen Sie denn damit sagen?" Sie lächelte freundlich und klärte mich auf: "Schauen Sie: Ich finde Sie ausgesprochen nett und sympathisch, und ich habe auch zugehört, wie Sie mit ihren Mitarbeitern reden und umgehen. Das ist aber völlig außergewöhnlich, denn Sie behandeln sie wie ein Vater, aber nicht wie ein Chef. Sie sind einfühlsam und zutraulich, ganz das Gegenteil von einem normalen Handwerksmeister. Zudem merke ich auch, dass Sie intellektuell sind, denn wir haben uns ja schon öfter unterhalten, wenn Sie hier im Haus tätig waren." Ich lächelte verlegen und wusste nicht so recht, was ich dazu sagen sollte. Sie fuhr fort: "Wissen Sie, ich bin Schulleiterin, und zu mir kommen immer wieder junge Lehrkräfte, die sich um eine Anstellung bewerben. So einen wie Sie würde ich sofort nehmen! Sie haben den völlig falschen Beruf erwählt! Sie hätten Lehrer werden sollen!" Jetzt verstand ich. "Aber ich bilde doch auch Lehrlinge aus, also bin ich doch in gewisser Weise auch ein Lehrer" sagte ich. "Ja, aber ich halte Sie für sehr gebildet und deshalb auch völlig unterfordert in Ihrem Beruf. Sie können mir doch nicht erzählen, dass dies Ihr Traumberuf ist!"

Jetzt merkte ich, dass diese Frau mich durchschaut und ich ihr nichts vormachen konnte. Ich unterbrach meine Arbeit und erklärte ihr, dass ich tatsächlich nicht ganz freiwillig Maler geworden war, sondern als Jugendlicher in eine christliche Sekte geriet, die mich dazu überredeten, das Gymnasium nach der 11. Klasse abzubrechen, um einen einfachen Handwerksberuf zu erlernen. "Das habe ich mir schon gedacht!" sagte Sie, "aber Sie sollten diese Umstände nicht einfach als Ihr Schicksal hinnehmen, denn Sie sind noch jung und können immer noch auf Lehramt studieren, denn es werden ja in den nächsten Jahren viele Lehrer in den Ruhestand gehen, so dass dringend neue gesucht werden." - "Ich habe aber kein Abitur." - "Das brauchen Sie auch nicht, wenn Sie einen Meistertitel haben, denn der wird als gleichwertige Hochschulreife anerkannt, zumindest in Niedersachsen." - "Aber wann sollte ich denn studieren? Ich habe eine Firma und auch eine Familie zu ernähren!" - "Sie können sich Ihre Qualifizierung auch durch ein Fernstudium aneignen. In Hagen gibt es eine Fern-Uni, - das machen ganz viele, gerade Quereinsteiger!" - "Ich weiß nicht so recht. Als Lehrer stehe ich auch ständig unter Beobachtung und kann nicht machen, was ich will. Als Chef habe ich mehr Freiheit und kann mich auch mal zurückziehen, wenn mir gerade danach ist." - "Als Lehrer hätten Sie noch viel mehr Freiheit! Bedenken Sie, dass Sie nur halbtags arbeiten brauchen und dann auch in den Schulferien immer frei hätten! Vor allem haben Sie die Möglichkeit, Einfluss auf junge Menschen zu üben, und das ist doch wirklich eine gute Sache!" - "Ja, das stimmt, und ich mag auch gerne Dinge erklären, aber ich will mir nicht immer vorschreiben lassen, was ich anderen beibringen soll. Ich fürchte auch, dass ich schnell Ärger bekommen würde, wenn ich mich nicht an die Regeln halte. Nein, Sie meinen es gut - und ich danke Ihnen dafür - aber der Lehrerberuf wäre doch nichts für mich."

Meine Midlife-Crisis

Wenn man noch jung ist, freut man sich auf die viele Zeit, die einem noch bleibt, um das Leben zu genießen. Meistens sind die Erlebnisse in der Jugendzeit so schön, dass man glaubt, es würde nun immer so weiter gehen. Doch irgendwann wird einem bewusst, dass man sterben muss und die Zeit immer schneller voranschreitet. Die vielen Verpflichtungen des Alltags bringen einen dazu, dass man sich zwar ablenken kann, aber insgeheim den Eindruck gewinnt, dass das Leben längst nicht mehr so glücklich ist, wie es mal war. Man hat das Gefühl, dass einem all die Mühe nicht mehr in rechter Weise gelohnt wird. Zu dieser Einsicht kam wohl auch der König Salomo, als er das Predigerbuch (Kohelet) schrieb. "Alles ist eitel (nichtig) und ein Haschen nach Wind" war immer wieder sein Schlussresümee. Hinzu kommt, dass einem jeder Tag wie der nächste erscheint und man sich vorkommt wie in einem Hamsterrad, aus dem es kein Entkommen gibt. In stillen Stunden fragt man sich, wofür man sich täglich abmüht und ob es überhaupt der Mühe wert sei. Lebt man eigentlich ein gutes Leben oder wartet da draußen nicht irgendwo ein viel besseres Leben, das aber unerreichbar scheint, weil man nicht mehr die Kraft hat, seiner Wirklichkeit zu entkommen?

Normalerweise kommen einem solche Zweifel und Fragen erst in der Lebensmitte, also mit 40 oder 45 Jahren in der sog. Midlife-Crisis (Krise in der Lebensmitte). Aber ich hatte bereits mit 33 Jahren die Befürchtung, dass da nichts mehr kommt, auf dass ich mich noch freuen könnte. Mir war, als wäre mein Leben schon vorbei, und alles was jetzt noch kommt, wäre nur noch bloß ein Warten auf den Tod. Jeden Nachmittag ging ich mit unserem Hund Bobby um den großen See herum, wo wir wohnten, und fragte mich, welches überhaupt der Sinn im Leben sei. Als ich noch Christ war, war Jesus mein Lebensmittelpunkt. Ich lebte nur für Ihn und Er gab meinem Leben Halt und Sinn. Doch jetzt, wo ich nicht mehr glaubte, war dieser Platz leer. Schon seit 5 Jahren lebte ich sozusagen "führerlos" und irrte ohne Orientierung durchs Leben. Der Philosoph Nietzsche hat diesen Zustand mal sehr schön beschrieben in einer Gleichnisgeschichte, was eigentlich passiert, wenn ein Mensch plötzlich seinen Glauben verliert:

"Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: ‚Ich suche Gott! Ich suche Gott!‘ Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. ‚Ist er denn verlorengegangen?‘ sagte der eine. ‚Hat er sich verlaufen wie ein Kind?‘ sagte der andere. ‚Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert?‘ - so schrien und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ‚Wohin ist Gott?‘ rief er, ‚ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? ...

Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat - und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!‘ Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. ‚Ich komme zu früh‘, sagte er dann, ‚ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne - und doch haben sie dieselbe getan!‘ - Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: ‚Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?‘ ---

Ja, auch ich hatte durch meinen Unglauben Gott für tot erklärt und spürte jetzt diese Leere und Kälte in mir, und eine unendliche Traurigkeit. Nietzsche war ja auch mal gläubig gewesen in seiner Jugend. Er soll auch mal geschrieben haben: "Des Nachts trauert der Gottlose heimlich am Grabe seines toten Gottes". Genauso ging es auch mir. Ich trauerte über den Verlust meines Glaubens. Früher hatte ich ein schönes Leben gehabt in der Geborgenheit meiner Familie und in der Gemeinschaft mit Jesus Christus und Seiner Gemeinde. Aber jetzt war ich auf einmal völlig allein auf der Welt und niemand konnte mir sagen, wie es weitergehen solle. Ich schrieb damals in mein Tagebuch: "Wenn es kein höchstes Wesen mehr für mich gab, dann konnte von nun an ja nur noch der Mensch das ‚höchste Wesen‘ sein. Aber der Mensch ist kein vollkommener Gott, sondern ein scheiternder und lernender. Vielleicht haben sich Menschen deshalb immer in den Glauben an einen externen Gott geflüchtet, weil ihnen die Vorstellung, dass sonst sie selbst das ‚höchste Wesen‘ seien mit all ihrer Unzulänglichkeit unerträglich vorkam. Die Gläubigen wollen die Nichtexistenz Gottes nicht wahrhaben, deshalb freuen sie sich über jedes noch so kleine Zeichen seiner möglichen Existenz. Der Dichter Truman Capote schrieb ja einmal: ‚Es werden mehr Tränen vergossen über erhörte Gebete, als über nicht erhörte‘."


Der Fall Petersen (Teil 1)

Mitte April bewarb sich ein ehemaliger Klassenkamerad meines Bruders Patrick, Jörg Osterkamp (28), um eine Anstellung als Malergeselle, und da er Christ war und ich aufgrund der zwei Umschüler und der zwei Lehrlinge dringend noch einen Gesellen brauchte, nahm ich ihn. Und dann bewarb sich noch ein junger Russe namens Sergej Eliseev (20), um bei mir ein Jahrespraktikum zu machen. Wir machten täglich 2 bis 3 Baustellen gleichzeitig, indem jeder der beiden Gesellen und ich jeweils ein bis zwei Lehrlinge oder Umschüler nahmen. Als dann am 23.05.01 die 248 m²-große Fassade in Rastede anlag, fuhren wir alle 7 dort hin, um wegen der langen Fahrzeit dort nicht viele Male hinzumüssen. Es war ein warmer, sonniger Tag, und während die anderen das Rollgerüst aufbauten, verhandelte ich mit Herrn Petersen um den Preis. Für das zweimalige Streichen inkl. Abkleben und Grundieren nahm ich damals 17,00 DM/m², d.h. insgesamt würde die Fassade 4216,-DM netto kosten. Ich bot Herrn Petersen die Wand für pauschal 4000,-DM an, aber er wollte maximal nur 3.000,-DM bezahlen. Wir einigten uns schließlich bei 3.400,-DM netto, und ich gab meinen Mitarbeitern grünes Licht, dass sie anfangen können.

Am frühen Nachmittag desselben Tages hatten wir die Vorarbeiten und den ersten Anstrich erledigt, so dass die Wahrscheinlichkeit groß war, bis zum Abend auch noch den 2. Anstrich zu schaffen. So vereinbarte ich mit Herrn Petersen, dass ich ihn abends anrufen würde, sobald wir fertig sind, um dann gemeinsam die Abnahme zu machen. Als wir dann gegen 18.00 Uhr endlich fertig waren, rief ich Herrn Petersen an, aber er ging nicht ans Handy. Auch auf seiner Privatnummer war er nicht zu erreichen. Wir luden also alles ein und fuhren zurück nach Bremen. Aber auch in den Tagen danach, war Herr Petersen nicht zu erreichen, so dass mir schon Böses schwante. Ich schrieb ihm also die Rechnung in Höhe von insgesamt 5292,50 brutto inkl. der noch 696,-DM brutto aus dem Vorjahr, und nach einem Monat eine Mahnung, auf die er nicht reagierte. Ich rief wieder mehrere Male an und sprach schließlich mit seiner Sekretärin, die mir mitteilte, dass Herr Petersen im Urlaub sei. Als ich auch in den Monaten danach nichts mehr von ihm hörte, nahm ich mir einen Anwalt und verklagte Herrn Petersen auf Zahlung, wobei ich meine Mitarbeiter als Zeugen benannte.

Kurz darauf erhielten wir einen Brief von Petersens Anwalt, der uns überraschenderweise mitteilte, dass es Herr Petersen nicht "passivlegitimiert" sei und ich die Arbeiten gar nicht für ihn sondern für seine Firma Harrison GmbH ausgeführt hätte, was aus einer von mir unterschriebenen Bestätigung hervorginge, die er auf dem Briefpapier der Fa. Harrison notiert hatte. Von daher sei die Klage ohnehin abzuweisen. Zudem hätten die Streitparteien angeblich für die dreimal so große Längsseite des Gebäudes auch nur angeblich 1.200,- DM vereinbart wie für die Vorderseite. Der Anwalt zählte dann noch ein paar weitere Lügen auf, so dass mir klar wurde, dass hier schweres Geschütz aufgefahren wird. Mein früherer Chef, Herr Tönjes, hatte mir damals abgeraten, mich selbstständig zu machen, da ich angeblich zu weich und zu gutmütig sei für die Realwirtschaft, in der zuweilen mit harten Bandagen gekämpft werde. Doch ich wollte mir und allen anderen beweisen, dass ich diesen Kampf bis zum äußersten führen würde.

Das Gericht hatte uns alle für den 23.04.2002 nach Westerstede geladen. Da Herr Petersen u.a. Mängel an unserer Arbeit behauptet hatte, setzte mir der Anwalt von Herrn Petersen plötzlich perfiderweise am 19.04.02 eine Frist von einer Woche, um noch vorhandene Mängel am Objekt zu beseitigen. Er war sich sicher, dass wir diese Frist nicht einhalten könnten wegen der langen Anfahrt und der kurzen Fristsetzung mitten in der Hochsaison. Dies hatte er sich wohl als "Falle" überlegt, um hinterher sagen zu können: "Wir hatten der Fa. Poppe eine Gelegenheit zur Nachbesserung gegeben, aber sie waren nicht erschienen." Er hatte es jedoch versäumt, auch seinem Mandanten über seinen Plan in Kenntnis zu setzen, so dass dieser ziemlich überrascht war, als wir am 23.04.02 morgens plötzlich alle bei ihm auf der Matte standen und fragten, was denn auszubessern sei. Denn der Gerichtstermin sollte ja erst um 12:15 Uhr an jenem Tag beginnen, so dass ich den weiten Anfahrtsweg nutzen wollte, um 4 Stunden vor dem Termin noch gemeinsam die Nacharbeiten auszuführen. Herr Petersen reagierte darüber erbost und verbot uns, sein Grundstück zu betreten. Als ich meinen Anwalt darüber informierte, sagte er: "Phantastisch, Herr Poppe, jetzt können wir vor Gericht sagen, dass Herr Petersen sein Recht auf Nachbesserung verwirkt hat, da er innerhalb der von ihm selbst gesetzten Frist nicht dazu bereit war!" Auch das Gericht schloss sich dieser Einschätzung an und verurteilte später Herrn Petersen auf Zahlung der Gesamtforderung. Herr Petersen ging jedoch in Berufung, so dass sich der Streit noch ein weiteres Jahr hinzog und mit einer großen Überraschung enden sollte. (Fortsetzung folgt...)


Juli - Dezember 2001

Chaotische Zustände

Herr Petersen sollte jedoch nicht der einzige Kunde bleiben, der die Zahlung verweigerte. Im Laufe der nächsten Jahre häuften sich die Reklamationen und auch die darauf folgenden Rechtsstreitigkeiten mit Kunden. Wenn man immer nur mit Lehrlingen oder Billigarbeitern die Aufträge ausführt, dann ist es kein Wunder, dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann. Ich selbst war aber damals blind für diesen Zusammenhang, sondern hielt mich für besonders clever und kostenbewusst. Ich vertraute der Rechtsprechung und scheute deshalb keine noch so banale Auseinandersetzung. Dabei fehlte mir jedes Maß- und Taktgefühl. Während die Kunden sich zu recht über unsere schlechte Arbeit beklagten, konterte ich mit Paragraphen aus der VOB (Verdingungsordnung für Bauleistungen), weil sie z.B. Fristen versäumt hätten, um eine Minderung noch geltend machen zu können. Dem Vorsitzenden der Steuerberaterkammer von Bremen erdreistete ich mich sogar am Ende eines Briefes zu schreiben: "Wenn man bedenkt, wie kleinlich Sie bei der Begutachtung unserer Arbeit waren, wundert es mich, daß Sie in Ihrem kurzen Brief 13 Rechtschreibfehler gemacht haben". Mit anderen Worten: Ich hatte keine Ahnung von Kundenfreundlichkeit, sondern sah jeden kritischen Kunden als meinen potentiellen Feind an.

Doch während ich meinen Kunden mit Misstrauen und Unterstellungen begegnete, legte ich bei meinen eigenen Interessen einen viel großzügigeren Maßstab an. Als mir mein Lehrling Volkmar an einem Tag z.B. sagte, dass er die Schraubdübel für die Wärmedämmplatten nicht tief genug in die Wand bekam, weil der Zement zu hart sei, sagte ich ihm: "Dann kürze die Dübel einfach mit dem Cuttermesser und stecke sie nur so in die Styroporplatten, dass es wenigstens den Eindruck hat, die Platten seien verdübelt! Der Putzkleber hält die Platten auch schon von ganz alleine an der Wand." Was aber konnte ein Lehrling vom Chef lernen, wenn der Chef selbst ihm die Anweisung zum Pfuschen gibt? Eine ähnliche Anweisung dieser Art war übrigens: "Schleif das mal gründlich mit dem Handfeger!" was übersetzt heißt: "Du brauchst das gar nicht anschleifen, sondern nur einmal mit dem Handfeger rübergehen!"

Zuweilen geschahen Fehler aber auch einfach nur aus Flüchtigkeit, weil wir zu Feierabend schnell nach Hause wollten. Einmal fuhr ich mit den Lehrlingen von Bremen nach Delmenhorst zurück, als mir plötzlich auffiel, dass ich mein Handy nicht dabei hatte. Ich sagte einem der Lehrlinge, dass er mich mal anrufen möge, um zu hören, ob es irgendwo im Auto klingelt. Tatsächlich hörten wir ein leises Klingeln, aber es war nicht im Auto, sondern außerhalb. Ich hielt also an und fand mein Handy auf dem Autodach. Als ich aber dann losfuhr und im dichten Stadtverkehr bei der Ampel eine Vollbremsung machen musste, rutschte die große Schiebeleiter, die ich außerdem vergessen hatte, auf dem Dachgepäckträger zu befestigen, vorne über auf die Motorhaube und wäre beinahe ins Heck des vor mir haltenden Wagens gerutscht. Die Schiebeleitern zu befestigen hatten wir schon öfter mal in der Eile vergessen. Einmal fuhr ich auf die Autobahn rauf und beschleunigte, als ich plötzlich im Rückspiegel sah, wie meine große 3-teilige-Schiebeleiter im hohen Bogen in der Luft flog und mit großem Krach mitten auf die Autobahn fiel. Mir stockte der Atem, aber zum Glück war gerade in diesem Moment kein Fahrzeughinter mir. Aber man stelle sich mal vor, wenn diese 40 kg schwere Leiter in ein anderes Fahrzeug gekracht wäre! Welch eine Güte Gottes, dass das nicht passiert war! Erst jetzt im Nachherein sehe ich, wie oft der HErr Seine schützende Hand über mich hielt.

An einem Tag fuhr ich mit den Lehrlingen zu einem Auftrag in den 35 km entfernten Ort Leuchtenburg. Wir hatten auch diesmal wieder unseren Hund Bobby dabei. Am Nachmittag sagte ich zu dem Praktikanten Sergej, er möge doch mal eine Runde Gassi gehen mit Bobby, zumal sich der angrenzende Wald gut dafür eignete. Nach einer Stunde kam Sergej wieder und berichtete, dass er Bobby aus den Augen verloren habe, da er ihn nicht an der Leine führte. Wir suchten die gesamte Gegend mit dem Wagen ab, aber fanden ihn nirgends. Zu meinem Schreck waren an den Bäumen auch noch überall Hinweisschilder angebracht, dass man Rattengift ausgelegt hatte. Da es inzwischen dunkel geworden war, brachen wir die Suche nach einer Stunde ab und fuhren zurück nach Delmenhorst. Am frühen Morgen rief mich dann die Kundin an und sagte, dass Bobby seit 3.00 Uhr in der Frühe vor ihrer Haustür am Jaulen sei und ich ihn doch abholen möge. Wir waren heilfroh, dass die Geschichte so doch noch ein gutes Ende nahm.

Unsere Nachbarin, die alte Frau Heineke (82), die unter uns wohnte im EG, war auf Bobby überhaupt nicht gut zu sprechen. Sie fühlte sich durch ihn bedroht, schon allein wenn sie ihn von Ferne sah. Sie hatte aber auch ständig an uns etwas auszusetzen. Als wir z.B. im Haus eine Mäuseplage hatten, warf sie uns vor, dass wir heimlich Mäuse in ihr Haus gebracht hätten, um sie auf diese Weise loszuwerden. Als ich ihr versicherte, dass diese von ganz alleine gekommen seien, behauptete sie, die Mäuse wären von unserer Wohnung in ihre übergelaufen, weil wir angeblich unseren Müll in der Wohnung lagern würden. Ich machte ihr deutlich, dass wir ja in der 1. Etage wohnen und die Mäuse ja nicht vom Himmel kämen, sondern von ihrer Wohnung nach oben in unsere gelaufen seien. Aber sie glaubte uns nicht und verbreitete das Gerücht auch bei den Nachbarn.

Eines Tages kam Frau Heineke die Treppen zu uns rauf, nachdem sie gerade von einer Urlaubsreise zurückgekehrt war und rief mit lauter und tränenunterdrückter Stimme: "HERR POPPE, WAS HABEN SIE DENN MIT MEINER WOHNUNG ANGESTELLT!!! WAS HABE ICH IHNEN DENN GETAN, DASS SIE MEINE GANZE WOHNUNG UNTER WASSER GESETZT HABEN!" Ich wusste gar nicht, wovon sie redete und ging mit ihr nach unten ins Wohnzimmer. Tatsächlich war der ganze Teppich nass und die Tapeten hingen von der tropfnassen Decke herunter. Mir war sofort klar, dass hier wohl ein Rohr geplatzt sein musste und ich beruhigte sie liebevoll, dass dies kein von uns beabsichtigter Schaden sei, sondern nur ein Wasserrohrbruch. Ich rief ihre Gebäudeversicherung an und auch einen Klempner, damit er den Schaden behebe. Es stellte sich heraus, dass eine Dichtung des Waschmaschinen-Ablaufs in der Wand undicht geworden war. Der Schaden wurde behoben und sogar ihre Möbel größtenteils durch neue ersetzt. Doch nach zwei Monaten kam sie wieder hoch und sagte, dass auch in ihrem Flur sich die Tapeten etwas gelöst hätten, diese aber im Zuge der Renovierarbeiten nicht berücksichtigt wurden. Um mit ihr Frieden zu schließen, bot ich ihr an, ihr den Flur kostenlos neu zu tapezieren, wenn sie nur die Tapeten besorgen würde, womit sie einverstanden war. Nachdem sie nun mehrmals darauf drängte, dass ich mein Versprechen einlösen möge, fuhr ich mit ihr zum Baumarkt, damit sie sich neue Tapeten aussuchen könne. Als wir nun an der Kasse standen und an die Reihe kamen, sagte ich zu ihr: "Frau Heineke, wir sind dran! Sie müssen jetzt bezahlen." Daraufhin schaute sie mich entgeistert an und sagte: "Wieso muss ich die Tapeten bezahlen?! SIE haben mir doch den Schaden verursacht! Das sehe ich ja gar nicht ein!" Alle schauten mich an, und ich sah, dass ich jetzt keine Diskussion mit ihr führen konnte, zumal die Schlange an der Kasse lang war. Also bezahlte ich schnell. Aber auch als wir zum Auto zurückgingen, wollte sich Frau Heineke nicht mehr an unsere Abmachung erinnern, so dass ich schließlich aufgab und zähneknirschend auch die Kosten für die Tapeten übernahm.


Der 11. September

Jeder von uns erinnert sich noch an den Moment, als er zum ersten Mal von den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11.09.2001 erfuhr, denn es handelt sich ja hierbei wirklich um ein historisches Ereignis. Ich vermute, dass die meisten wohl erst nach Feierabend gegen 17.00 Uhr im Radio davon erfuhren und dann später in der Tagesschau um 20.00 Uhr die Bilder sahen. Meine Frau und ich hatten das Vorrecht, dass wir die Ereignisse damals live am Bildschirm verfolgen konnten, denn wir wollten eigentlich die Sendung der "Richterin Barbara Salesch" sehen, als wir den Fernseher anschalteten und den ersten der beiden Türme in Rauschschwaden sahen. Sofort vermuteten die Reporter, dass es sich wohl um einen tragischen Unfall handeln musste, dass vielleicht ein unerfahrener Pilot seine kleine Maschine versehentlich zum Absturz brachte und dann dummer Weise ins WTC flog. Ich dachte: "Wie werden die diesen Brand jetzt wohl löschen können?" Während ich noch so mit meiner Frau auf den Fernsehbildschirm schaute, sah ich auf einmal ein kleines Flugzeug anfliegen, dachte mir aber nichts dabei, bis ich 2 Sekunden später den gewaltigen Feuerball sah. Die Reporter waren zunächst selbst irritiert, doch dann erfuhren sie, was ich zuvor selbst mit eigenen Augen gesehen hatte, dass nämlich eine weitere Maschine in den anderen Turm geflogen war. Von da an war allen klar, dass dies kein Zufall mehr sein konnte, sondern ein geplanter Terrorangriff. Auf einmal stieg auch in uns ein Angstgefühl hoch, besonders als wir einige Zeit später erfuhren, dass es sich um entführte Passagierflugzeuge gehandelt hatte. Die Panik stieg noch weiter, als wir von weiteren Flugzeugentführungen erfuhren und eine Maschine sogar ins Pentagon geschossen war. Unsere Herzen schlugen stark und wir dachten: "Jetzt beginnt der totale Krieg!"

Besonders bedrückend war die Unsicherheit der Moderatoren, die selber nicht wussten, was als nächste geschehen würde. Nun erfuhren sie, dass eine weitere Maschine gekapert wurde und sich vermutlich auf das Weiße Haus zubewege. Die Passagiere hatten ihre Angehörigen von der Flugzeugentführung wohl per Handy informiert, so dass die Medien davon erfuhren. Wir waren total aufgeregt und konnten kaum mehr ruhig sitzen bleiben. Während dessen lief eine Stunde lang das Live-Standbild von den brennenden Türmen. Ich dachte mir insgeheim: "Wenn das Feuer nicht gelöscht werden kann, dann könnten die Stahlträger irgendwann nachgeben und das Gebäude zum Einsturz bringen..." Doch während die Moderatoren miteinander diskutierten, sah man plötzlich eine riesige Staubwolke über der Skyline von Manhattan und sie wandten sich um zum Bildschirm, wobei sie genauso erschrocken und ratlos waren wie wir, denn der eine Turm hatte den anderen verdeckt, so dass man den Einsturz gar nicht richtig erkennen konnte. Der eine von beiden sagte: "Möglicherweise handelt es sich hier um eine gewaltige Explosion, vielleicht auch um einen Giftgasangriff! Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen!" Doch dann erschienen nach einer Weile andere Bilder von Life-Schaltungen, die zeigten, dass einer der Türme tatsächlich eingestürzt war.

Kurz darauf stürzte dann auch der zweite Turm in sich zusammen. Wie man später erfuhr, konnten zwar etwa 87 % der ca. 17.000 Personen im WTC noch rechtzeitig evakuiert werden, aber über 3000 Personen fanden an jenem Tag den Tod - darunter über 300 Feuerwehrleute - und wurden durch die Wucht des Zusammensturzes nahezu pulverisiert. Erst gegen 17.00 Uhr stürzte dann auch noch ein dritter Turm, das WTC 7, mit nur 47 Etagen ganz von alleine in sich zusammen, weil er durch den vom Einsturz der anderen beiden Türme ausgelösten Brand in den untersten Etagen an Stabilität verlor. Da Präsident G.W. Bush jun. diesen Terrorakt einen Monat später zum Anlass nahm, Afghanistan anzugreifen, haben viele Buchautoren Monate später vermutet, dass der Anschlag von "9/11" ein sog. "Inside-Job" gewesen sei. D.h. man traute Bush zu, dass er unter strenger Geheimhaltung heimlich Bomben in die beiden Türme deponiert hätte, um durch eine stufenweise Sprengung der beiden Türme seinen "Krieg gegen den Terror" zu rechtfertigen. Also derjenige, der es nicht mal fertig brachte, nach seiner späteren Invasion im Irak zur Vertuschung seiner vorgeschobenen Angriffs-Begründung heimlich von seinen Soldaten „Giftgas-Beweise“ im irakischen Wüstensand zu deponieren, die dann von denselben zum Schein "gefunden" wurden, dem soll es angeblich gelungen sein, genügend skrupellose und zugleich diskrete Helfershelfer aufzutreiben, die eine so geschickte Sprengung auslösen, dass die Etagen beider Türme kerzengerade eine nach der anderen detonieren, damit es den Anschein hätte, als würden die Türme unter dem tonnenschweren Gewicht der oberen Etagen im Dominoeffekt zusammengebrochen sein, was angeblich unmöglich sei.

Diese spannende und zugleich abstruse Verschwörungstheorie wird in den USA und inzwischen sogar weltweit von vielen geglaubt und mit allerlei pseudowissenschaftlichen Argumenten belegt. Da wird z.B. behauptet, dass ein Flugzeug doch nicht einfach in ein so stabiles Beton-Gebäude hineingleiten könne, weil es doch nur aus Metall gebaut sei. Tatsächlich hatte das WTC aber nur eine sehr dünne Außenhülle aus 35 cm Pfeilern und einen stabilen Kern, der die Etagendecken zusammenhielt. Mit einem Gewicht von gerade einmal nur im Schnitt 136 kg/m³ waren die Zwillingstürme größtenteils hohl, weil man bewusst auf Stützpfeiler wie beim Empire State Building verzichtet hatte. Die beiden mit 37.000 Liter Kerosin vollgetankten Passagierflugzeuge rasten mit einer Geschwindigkeit von ca. 750 km/h in die Türme, wodurch eine enorme kinetische Energie entstand, der die dünnen Außenpfeiler nichts entgegensetzen konnten. Trotz der Hitze von etwa 1100 ˚C hielten die Gebäude aber immerhin eine Stunde stand. Bei 600 ˚C verliert Stahl aber bereits die Hälfte seiner Tragkraft und bei 900 ˚C Grad hat er nur noch rund 10 % an Tragkraft. Das gebündelte Gewicht der oberen Stockwerke drückte nun auf das jeweils darunter liegende, so dass die herabstürzende Masse sich immer weiter vergrößerte und den Zusammensturz beschleunigte. Hätte man die Gebäude einfach nur sprengen wollen, hätte es genügt, nur die unterste Etage zu sprengen. Und das flüssige Metall, das von oben herunterfiel, war auch nicht Stahl, der in der Tat erst bei einer Hitze von mindestens 1500 ˚C Hitze schmilzt (und die wiederum nur durch das Brandmittel Thermit erzeugt werden kann), sondern es handelte sich um das Aluminium des Flugzeugs, das bereits bei 475 ˚C Grad schmilzt.

Auch der Anschlag auf das Pentagon durch ein 3. Flugzeug ist inzwischen ebenso bis ins kleinste Detail untersucht und dokumentiert. Es gibt mehr als ein Dutzend Fotos der Wrackteile. Und dass das Einschlagsloch mit 27 m schmaler ist als die Spannbreite des Flugzeugs von 38 m liegt daran, dass durch die hohe Geschwindigkeit von 855 km/h das Flugzeug 30 m tief regelrecht trichterförmig in das Gebäude hineingedrückt wurde, wobei die relativ leichten Tragflächen gleich im Anfang abbrachen. Und dass es aus Sicht einiger Piloten angeblich sehr unwahrscheinlich sei, dass ein ungeübter Terrorist mit wenig Flugstundenerfahrung die Maschine in solch einem niedrigen Sinkflug in das mit Radar hoch bewachte Pentagon-Gebäude lenken konnte, sollte letztlich auch kein ausreichender Grund sein, die Ereignisse in Frage zu stellen, denn hinter all diesem perfiden Plan stand ja nicht zuletzt der Teufel selbst mit seinen Dämonen, der den Al Qaida-Terroristen das Gelingen gab. Dass man ihnen einen solchen Husarenstreich nicht zutrauen möchte, sondern ihn lieber einem äußerst gerissenen Verschwörerzirkel in der US-Regierung zuschreiben will, die doch über ein viel größeres Know-How an Strategie und Logistik verfügt als jene dilettantischen Islamisten aus Saudi-Arabien, mag wohl zum einen an einem gewissen Rassismus und einer Voreingenommenheit liegen und zum anderen dem allzu menschlichen Wunsch entsprechen, den dummen Mainstream-Massen überlegen zu sein durch ein besonderes Geheim-Wissen über verschworene Mächte. Insgeheim möchte wohl jeder gerne wie der Inspektor Colombo sein, der sich nicht mit dem bloßen Anschein zufriedengibt, sondern hinter jedem noch so kleinen Indiz einen ausgeklügelten Geheimplan wittert.


Der Hauskauf

Unterdessen nahm auch der "Terror" und die Schikanen durch alte Frau Heineken bei uns zuhause kein Ende. Immer fiel ihr irgendein neuer Vorwurf gegen uns ein, z.B. dass wir das Unkraut zwischen den Steinen der Auffahrt nicht entfernt hätten oder die Treppe immer zu laut hinuntergingen usw. Am Ende hatten wir nur noch den Wunsch, auszuziehen. Doch diesmal wollten wir keine neue Wohnung mehr mieten, sondern uns endlich ein eigenes Haus kaufen, vorzugsweise in Bremen, in der Nähe von der Evangelischen Bekenntnisschule (FeBB), damit Rebekka später nach ihrer Einschulung keinen langen Schulweg haben würde. Es dauerte nicht lange, da fanden wir ein Haus Bj. 1980 in der Fontanestraße im Stadtteil Habenhausen, das nur etwa 300 m von der Schule entfernt war. Wir besichtigten das Haus, das einer Witwe gehörte, aber in einem sehr heruntergekommenen Zustand war. Überall roch es penetrant (wohl wegen ihres Hundes) und der Garten war sehr verwildert. Aber die Lage war fantastisch, direkt am Werdersee und überall schöne Spazierwege mit viel Natur. Wir wollten das Haus unbedingt haben und erkundigten uns nach dem Preis. Der Sohn wollte ursprünglich 400.000,- DM haben, bot es jedoch dann für 380.000,- DM an, nachdem monatelang keiner so viel bezahlen wollte. Ich erklärte dem Sohn, dass das Haus sehr gut sei, wir uns aber nicht so viel leisten könnten und verabschiedeten uns von ihm mit großer Enttäuschung. Wir suchten weiter, aber fanden nirgendwo etwas vergleichbar Ideales.

Nach zwei Monaten rief uns nochmal der Sohn der Besitzerin an und erklärte, dass wir die einzigen waren von all den Besichtigungs-Touristen, die ein aufrichtiges Interesse an dem Haus hatten, und ob wir es uns nicht doch noch mal überlegen würden, wenn er uns mit dem Preis noch etwas entgegen käme. Da Ruth die Kunst des Feilschens besser beherrscht als ich, gab ich ihr den Hörer, und es gelang ihr, den Preis noch auf 350.000,- DM runterzuhandeln, was bei dem damaligen Umtauschkurs von 1,95583 einen Preis von 178.952,- € ergab. Da wir jedoch so gut wie keine Ersparnisse hatten, waren wir auf eine Vollfinanzierung ohne Eigenkapital angewiesen. Jedoch keine Bank war damals bereit, mir als jungen Selbständigen eine Baufinanzierung anzubieten, zumal mein bisheriges Einkommen als Alleinverdiener gerade einmal nur 28.827,- DM im Jahr 2000 betrug, also 14.739,- €, was einem Monatslohn von gerade einmal nur 1.228,25 € entsprach. Allein die monatliche Belastung für Tilgung und Zinsen lag aber schon bei rund 860,- €. Es war also ähnlich wie die Quadratur des Kreises: eine schier unlösbare Aufgabe. Selbst die Sparkasse in Bremen, die normalerweise für die riskantesten Finanzierungszusagen bekannt war, machte bei meinen Zahlen nicht mehr mit, so dass es fast schien, als müssten wir unseren Traum vom Eigenheim erst mal wieder auf Eis legen, bis ich höhere Einkünfte nachweisen konnte.

Doch dann gab uns die Besitzerin den Tipp, doch mal ihren Finanzberater anzurufen, der als freier Vermittler für verschiedene Banken arbeite und sicherlich eine Lösung fände. Ich rief also Herrn Wandschneider an und traf mich mit ihm, um die Problematik zu erörtern. Da er auch viele andere selbständige Handwerker betreute, wusste er, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis sich meine Jahresergebnisse deutlich verbessern würden. Trotzdem kämen wir aber nicht um eine ausreichende Eigenkapitalquote herum, zumal auch noch Notarkosten und Grundstückssteuer anfielen. Schließlich vermittelte er uns eine Finanzierung von 143.000 €, die über den gesamten Zeitraum von 30 Jahren nicht getilgt werden würde, sondern nur die Zinsen von 5,5 % p.a. bezahlt werden müssten, die wiederum in eine Lebensversicherung und einen Bausparvertrag eingezahlt werden, deren Gewinne an die Bank abgetreten werde bis bei Ablauf der 30 Jahre das Haus auf einen Schlag getilgt werden würde. Da uns keine andere Möglichkeit blieb, willigten wir in diese verhältnismäßig ungünstige Baufinanzierung ein, und waren froh, dass uns am Ende noch mal mein Vater half, um die restlichen rund 36.000,- € an Eigenkapital zzgl. Grundsteuer und Notarkosten auszulegen. Nach Abschluss der Formalitäten würden wir am 01.02.2002 in unser Haus einziehen können.

 

Januar bis Juni 2002

Das Ende vom Ende der Geschichte

Kurz nach dem Ende des Kalten Krieges stellte der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama mit seinem Buch "Das Ende der Geschichte" (1992) die These auf, dass nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sich nun überall in der Welt die Demokratie und die Freie Marktwirtschaft durchsetzen würden und dadurch keine neuen Entwicklungen und Herausforderungen mehr zu erwarten seien, sondern die gesamte Menschheit endlich ein für alle Mal zur Ruhe gekommen sei. Alle bisherigen Ideologien wären gescheitert, und die Demokratie habe sich als einzig mögliche Gesellschaftsform für alle Zeiten bewährt. Doch schon 10 Jahre nach dem Erscheinen seines Buches erwies sich diese Hoffnung als trügerisch, denn die Terroranschläge vom 11.09.2001 hatten ja gezeigt, dass längst nicht alle Menschen mit der Freiheit und Demokratie einverstanden sind, sondern noch immer an den Sieg ihrer Ideologie oder Religion glaubten und bereit waren, dafür zu kämpfen. Die sog. "westlichen Werte" mit ihrer Unmoral und Verwahrlosung wurden ja durch Hollywood in der ganzen Welt anschaulich gemacht und deshalb nicht als begehrenswertes Ideal angesehen. Vielmehr besannen sich z.B. viele in den islamischen Ländern wieder auf die alten Werte von Religion, Kultur, Volk, Familie und Vaterland zurück und sahen in dem Oktroyieren (d.h. Aufzwingen) des Liberalismus selbst eine Bevormundung, gegen die sie sich zur Wehr setzen wollten. Da die islamische Welt jedoch unter einander zu zerstritten war, um sich im Kampf gegen die USA zu vereinen, die inzwischen als einzige Weltmacht übrig blieb und zudem als "Weltpolizei" für Ordnung sorgte, kam für die Islamisten nur der Terror als Zeichen ihres Hasses auf die westliche Kultur in Frage. Auf einen Bus in Lima las ich mal den Spruch: "Hass ist die Rache der Feiglinge". Und Terror ist in der Tat etwas Feiges und Heimtückisches, aber auch ein Zeichen von Schwäche und Ohnmacht. Er ist aber auch nicht mit kriegerischen Mitteln besiegbar, wie Präsident Bush damals noch glaubte bei seinem Einmarsch in Afghanistan und später in den Irak. Neuer Wein lässt sich eben nicht in alte Schläuche füllen.

Die Hoffnung, dass nach dem Kalten Krieg nun ein ewiges Reich des Friedens und der Vernunft anbrechen würde, war also auf einmal verschwunden, und der "Wind of Change" war verflogen. Schon wieder machte sich ein Klima der Angst breit, das durch weitere perfide Terroranschläge noch angefacht wurde, wie z.B. dem Versandt von Briefen mit Milzbrand-Bakterien, die als Biowaffen gelten. Auf einmal konnte es jeden treffen, der sich gerade in U-Bahnen oder auf Flughäfen aufhielt, aber auch in Konzerten oder Gottesdiensten. Der gläubige ZDF-Moderator Peter Hahne schrieb damals das Buch "Schluss mit lustig", das zum Bestseller wurde und auf das Ende der "Spaßgesellschaft" anspielte. Tatsächlich gab in den Jahren zuvor immer neue Unterhaltungsformate in den Medien wie z.B. "Wer wird Millionär" oder "Big Brother", eine Anspielung auf George Orwells "Großen Bruder", der die Wohnstuben der Menschen beobachtet, um Systemkritiker zu bespitzeln. Wie tief muss eine Gesellschaft erst gesunken sein, wenn sie sich am Voyeurismus amüsieren kann oder an ehemaligen Prominenten, die im Dschungel irgendwelche sinnlosen Mutproben bestehen müssen! Ich selbst hatte mich von Anfang an verweigert, mir solch einen Schwachsinn anzusehen, erlag jedoch der Versuchung, mir stattdessen die WM 2002 anzuschauen, bei welcher die deutsche Mannschaft es sogar ins Endspiel schaffte, aber schließlich gegen Brasilien unterlag.

Ähnlich unerträglich empfand ich auch den Humor von Mario Barth oder Stefan Raab, die ich mir nicht länger als eine Minute angucken konnte, ohne schnell wieder umzuschalten. Da kann man ja fast schon Verständnis aufbringen für die Verachtung und den Hass der Islamisten auf die westliche Dekadenz. Zynismus und Schadenfreude sind die letzten Symptome einer sterbenden Kultur. Auch das Alte Rom ging ja durch "Brot und Spiele" unter, weil sie durch ihren Sittenverfall zu sehr geschwächt waren, um den angreifenden Horden der Völkerwanderung noch etwas entgegenzusetzen (genauso ist es übrigens auch heute!). Im Nachhinein betrachtet lässt sich feststellen, dass der Terrorismus positiv bewirkt hat, dass sich viele Menschen von der Dauerberieselung und dem Konsumdenken abwandten und unser heutiges Gesellschaftssystem in Frage stellten. Mit dem 11. September entstand gerade bei jungen Leuten wieder ein Interesse an Politik, das in den 20 Jahren zuvor stark zurückgegangen war. Die Kinder der Linken wurden zu Globalisierungskritikern (attac, Occupy) und die Kinder der Rechten zur "Identitären Bewegung" (Pegida, AfD, Reichsbürger). All dies sind gesunde Vorstufen eines Menschen auf seiner Suche nach Gott, von daher hatte der Schrecken des islamischen Terrors auch eine erzieherische Wirkung von Gott.

Zu Beginn des Jahres 2002 wurde auch endlich der Euro als Bargeld eingeführt. Die Deutschen konnten ihre DM nun zur Landesbank bringen und sich dafür den Gegenwert in Euro geben lassen. Die Mehrzahl der Deutschen war ja eigentlich gegen den Euro, aber als er dann da war, gewöhnte man sich schnell daran. Doch schon nach wenigen Monaten merkten die Leute, dass viele Händler im Zuge der Währungsreform einfach heimlich ihre Preise erhöht hatten, weil sie darauf spekulierten, dass die Leute infolge der Umrechnung durcheinander kamen und sich auch nicht mehr daran erinnern konnten, wie viel das Produkt noch zu DM-Zeiten gekostet hatte. Schnell wurde aus dem Euro also der "Teuro", wie die BILD-Zeitung diese "gefühlte Preissteigerung" nannte. Es machte sich ein allgemeines Unbehagen breit, weil jeder irgendwie den Eindruck hatte, dass die EU-Politiker ohnehin machen, was sie wollen und die Demokratie nur noch eine Seiferoper mit vielen Darstellern sei, um die Menschen zu unterhalten. Horst Seehofer hat ja mal im Fernsehen gesagt: "Die etwas zu entscheiden haben, wurden nicht gewählt, und die gewählt wurden, haben nichts zu entscheiden." Bei der Bundestagswahl hatte ich noch eine Anti-Euro-Partei gewählt, die sich "Pro-DM" nannte, aber die hatte natürlich keine Chance gegen die Großparteien.

Anfang März konnten wir dann endlich in unser Reihenend-Haus nach Bremen-Habenhausen umziehen, nachdem ich es zuvor mit meinen Lehrlingen renoviert hatte. Ich wollte nach dem Einzug eigentlich einen "Tag der offenen Tür" machen, um auch die Nachbarn alle kennenzulernen und mit ihnen Freundschaft zu schließen, denn dies war ja eine einmalige Gelegenheit (jemand hat mal gesagt: "Für den ersten Eindruck hat man keine zweite Chance"). Doch Ruth wollte nicht so viele Leute in unserem Haus, zumal vieles noch nicht richtig fertig war, sondern nur provisorisch. Für eine neue Küche fehlte uns das Geld, und unser Garten sah noch aus wie ein verwilderter Truppenübungsplatz. Vorrangig war uns jedoch erst mal das Bad, das noch hässliche, grüne Fliesen aus den 70er Jahren hatte. Von unserem letzten Geld kaufte ich kleine, weiß-bläuliche Wandfliesen und große blaue Bodenfliesen. Da wir uns jedoch keinen Fliesenleger leisten konnten, versuchte ich mich selbst daran. Zunächst funktionierte es auch ganz gut, aber als ich einmal ganz rum war und mit der 4. Wand auf die 1. Wand stieß, waren die Fugen schon um 2 cm versetzt. Aber was soll's! Wir waren froh, dass wir es nun endlich geschafft hatten, zur sog. "Mittelschicht" zu gehören, sodass wir uns sogar in diesem relativ wohlhabenden Stadtteil ein eigenes Haus leisten konnten, das zugleich eine Kapitalanlage fürs Rentenalter bedeuten würde.

Sehnsucht nach Gott

Eines Tages als ich abends von der Arbeit nach Hause fuhr, war ich voller Schwermut in meinem Innern. Ich hatte zwar alles erreicht und war dennoch todunglücklich. Ich fuhr die Baum-Allee entlang und hörte dabei meine melancholische Musik von CD. Doch dann schaltete ich aus und wollte mich ganz auf meine Gedanken konzentrieren. Aller materielle Besitz konnte nicht die Leere in meinem Herzen ersetzen. Irgendwas musste sich ändern, damit ich wieder glücklich werden konnte. Mir fiel auf, dass in den letzten 20 Jahren eigentlich alle 6 Jahre eine einschneidende Veränderung in meinem Leben geschehen war: 1984 hatte ich mich bekehrt, 1990 war meine Trennung von Edgard und Hedi und 1996 hatte ich mich vom christlichen Glauben abgekehrt. Jetzt waren aber schon wieder 6 Jahre vergangen, also musste in diesem Jahr wieder irgendein "Richtungswechsel" passieren. Vielleicht sollte ich wieder Christ werden? Emotional würde mir das sehr helfen, aber dann müsste ich meinem Denken Gewalt antun. Aber was hatte mir mein Unglaube gebracht? Ich fühlte mich irgendwie "krank" von oben bis unten und sehnte mich nach "Heilung". Mir kamen die Tränen, und ich sagte mir: "Ich möchte wieder HEIL werden!" Diesen Satz sagte ich immer wieder vor mich hin, bis ich zuhause ankam.

Ruth saß im Wohnzimmer und telefonierte mit ihrer Freundin Raquel. Als sie jedoch merkte, dass meine Augen rot waren vom Weinen, beendete sie schnell das Gespräch und fragte mich besorgt, was passiert sei. Ich konnte kaum reden, antwortete jedoch nur mit stockender Stimme, dass alles in Ordnung ist, ich nur etwas deprimiert sei. Doch dann brach ich wieder in Tränen aus und sagte schluchzend, dass ich wieder zu Gott zurückwollte. Ruth umarmte mich, aber ich wollte ihr mein Herz weiter ausschütten. Ich bekannte Ruth tränenüberströmend, dass ich heimlich gottlose Musik höre, aber dass ich jetzt einen Neuanfang in meinem Glauben machen wolle. Mir schien, dass Ruth mich gar nicht richtig ernst nahm, denn sobald sie sah, dass kein Unfall passiert sei, rief sie wieder ihre Freundin an, um das Gespräch fortzusetzen. Ich machte mich am Abend noch mal auf dem Weg, um Müll wegzubringen. Auf dem Rückweg war ich tief in Gedanken als ich auf einmal sah, dass die Ampel vor mir von Grün auf Gelb schaltete. Ich wollte es noch schaffen und beschleunigte, doch da sprang sie bereits auf Rot und ich verlangsamte etwas zögerlich, während ich weiter die Kreuzung überfuhr. Doch nach einer Sekunde hatte mich auch schon ein Wagen von der linken Seite gerammt.

Ich fuhr an die Seite, stieg aus und ging auf den jungen Mann zu. Da ich noch etwas unter Schock stand, reagierte ich wohl etwas unsicher auf den Mann, so dass er sofort die Polizei rufen lassen wollte. Alles Zureden half nichts, sondern bestärkte ihn sogar noch mehr. Die Polizei kam, nahm den Unfall auf und ich erhielt kurze Zeit später eine Aufforderung, dass ich meinen Führerschein für einen Monat abzugeben hätte. Das war natürlich ein herber Schlag. Denn als Selbständiger ist man ja völlig auf seinen Führerschein angewiesen. Warum aber war mir dies ausgerechnet jetzt widerfahren, wo ich doch gerade gehofft hatte, einen Neuanfang mit Gott zu wagen? Das passte für mich ganz und gar nicht zusammen. War alles doch nur eine Illusion? Nur eine kurze Gefühlsaufwallung? Ich fuhr traurig nach Hause und war über mich selbst völlig verwirrt. Um mich zu zerstreuen, ging ich am Abend noch mal mit dem Hund am Deich spazieren. Der Himmel hatte sich sehr dunkel gefärbt, fast schon lila-violett und es war diesig und leicht nebelig. Ich betete und bat Gott darum, dass Er mir doch ein Zeichen geben möge, dass Er wirklich existiere. Ich dachte: "Wenn ich Gott wäre, würde ich diese Gelegenheit jetzt nutzen, um mich wieder zum Glauben zu führen!" Es fing leicht an zu nieseln. Ich bat Gott: "HErr, wenn es Dich gibt, dann zeige Dich doch mir, indem es jetzt sofort aufhört zu regnen. Biiiiiittte, HErr, Biiiiitte, zeige Dich mir doch dadurch. Gib mir ein Zeichen, damit ich wieder glauben kann!" Es fing auf einmal stark an zu regnen, und ich begann zu weinen. Meine Tränen vermischten sich mit dem Regen, der auf mein Gesicht fiel, und ich war mir jetzt sicher: "Gott existiert überhaupt nicht."

Nachdem ich meinen Führerschein abgegeben hatte, schaffte ich es tatsächlich irgendwie, die ersten zwei Wochen mit Bus und Fahrrad zu überbrücken. Doch dann musste ich eine dringende Erledigung machen und dachte: "Ich fahr jetzt einfach ganz vorsichtig und unauffällig - die werden mich schon nicht kontrollieren." Und tatsächlich ging alles gut, obwohl ich viel Herzklopfen hatte. Am nächsten Tag hatte ich wieder die gleiche Situation, und ich wog noch einmal Chancen und Risiken gegeneinander ab und entschied mich wieder zu fahren. Und so verging ein Tag nach dem anderen, bis ich zuletzt wieder völlig routiniert war und die Angst verflog. Mein Vater hatte immer gesagt: "Man darf alles, man darf sich nur nicht dabei erwischen lassen!" Als der Monat schon fast herum war und nur noch zwei Tage fehlten, fuhr ich in Bremen-Walle auf der Nordstr. zu Feierabend nach Hause, ohne zu merken, dass ich statt 50 km/h schon eher 70 km/h fuhr, zumal auch die Autos vor mir in dieser kurvenreichen Straße ohne Ampeln alle gleich schnell fuhren. Auf einmal sah ich eine große Verkehrskontrolle und alle Fahrzeuge vor mir wurden von einem Polizisten in einen Hof gewiesen, weil wir alle viel zu schnell unterwegs waren. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, und ich dachte: "Jetzt bin ich geliefert! Warum musste ausgerechnet heute eine Polizeikontrolle sein!?" Als der Wagen vor mir gerade rechts reingebogen war in den Hof, gab mir der Polizist ein Handzeichen, dass ich stoppen sollte. Der Hof war schon voll mit Autos und kein Platz mehr für ein weiteres. Dann winkte er mir zu, dass ich einfach weiterfahren könne. Ich konnte mein Glück kaum fassen, denn ich war der Demütigung noch einmal um Haaresbreite entkommen! Dass Gott auch hier Seine schützende Hand über mich hielt, erkenne ich leider erst heute; damals war ich blind für Sein Reden.

Im Frühjahr 2002 schrieb mir Patrick Mücher, mein Ex-Lehrling, der zwei Jahre zuvor einen Tresor gestohlen hatte und danach wegen eines weiteren Einbruchs eine einjährige Haftstrafe absaß. Er schrieb mir aus der Haftanstalt und bat mich noch einmal ausdrücklich um Entschuldigung für den Ärger, den ich mit ihm hatte. Er bat mich, ob ich ihm denn nicht noch mal eine Chance geben könne, da es für einen Ex-Sträfling ja sehr schwierig sei, einen Ausbildungsplatz zu finden. Er tat mir wirklich leid, und da ich selber ja auch kein Unschuldsengel war, wollte ich ihm nochmal eine Chance geben. Aber wodurch hatte ich die Sicherheit, dass er inzwischen geläutert sei und keine weiteren Einbrüche mehr unternimmt? Da kam mir eine ungewöhnliche Idee: Ich schrieb dem Patrick: "Hallo Patrick, ich bin nur unter einer einzigen Bedingung bereit, Dir nochmal eine Chance zu geben. Und zwar möchte ich, dass Du Dich zum christlichen Glauben bekehrst. Ich bin zwar selber auch kein Christ mehr, aber ich weiß, dass Menschen sich zu einem gewissen Grad bessern können, wenn sie an Gott glauben. Ich meine das ernst! Es gibt in der Justizvollzugsanstalt Bremen-Oslebshausen einen gläubigen Seelsorger namens Seibold. Ich möchte, dass Du dich an ihn wendest und ihn bittest, dass er Dir das Evangelium erklären soll. Wenn er mir dann bestätigt hat, dass Du wirklich gläubig geworden bist, kannst Du Deine Lehre bei mir fortsetzen!" Eine Woche später schrieb mir Patrick und antwortete nur lapidar: "Simon, wenn Du mir nochmal eine Chance gäbest, dann würde ich Dir sogar auf den Koran schwören!"

Der Fall Bender

Herr und Frau Bender waren etwa in meinem Alter und das, was man unter „Öko-Idealisten“ versteht. Sie hatten sich in Bremen-Findorff ein altbremer Reihenhaus gekauft und es nach dem neuesten Stand der ökologischen Nachhaltigkeit modernisieren lassen. Die Wände waren aus Lehmputz und der Holzdielen-Fußboden mit ökologischem Naturöl versiegelt. Wir hatten für sie bereits das ganze Haus von oben bis unten renoviert zu ihrer vollsten Zufriedenheit, als sie zum Schluss noch den Wunsch äußerten, wir sollten doch auch noch ihre neuen Kassettentüren im Landhausstil mit einer weißpigmentierter Öko-Lasur von der Firma Leinos streichen, sowie die alte Holztreppe über zwei Etagen abschleifen und in dunkelrot lackieren. Während wir dies durchführten, war Familie Bender für eine Woche verreist und sie hatten uns den Schlüssel gegeben. Als sie am Wochenende wieder zurück waren, rief mich Frau Bender an und sagte, dass sie mit der Treppe sehr zufrieden seien, nicht aber mit den 12 Türen, da man überall Ansätze sehe und sie trotz des zweimaligen Anstrichs einen zu rustikalen Eindruck machten. Auch wirkten die Türen im Keller wegen der schlechteren Beleuchtung irgendwie grauer und ich solle doch noch einmal vorbei kommen. Obwohl ich selbst die Türen für gut befand, bot ich den Kunden an, die Türen alle noch ein 3. Mal auf eigene Kosten zu lasieren, damit sie etwas gleichmäßiger aussähen.

Dies geschah dann auch Anfang Mai, während Benders noch ein weiteres Mal für zwei Tage wegfuhren. Doch auch diesmal entsprach das Erscheinungsbild nicht ihren Vorstellungen, da die Türen "nicht alle einen gleichmäßigen Gesamteindruck" ergaben. Ich war nun mit meinem Latein am Ende. Stellenweise hatten die Türen tatsächlich hässliche Flecken, was an den Holzinhaltsstoffen lag, dem sog. "Lignin", das durch die wässrige Lasur angelöst wurde und durchschlug. Wir überlegten deshalb, einen Sachverständigen zu Rate zu ziehen, der doch mal ehrlich sagen solle, wie er die Türen beurteilen würde. Doch auch der Gutachter Stoiber tat sich schwer damit, einen Vorschlag zu machen, um beiden Seiten gerecht zu werden. Wir setzten uns also an den Küchentisch und beratschlagten, was zu tun sei. Am Ende einigten wir uns darauf, dass ich nochmal eine "Mustertür" ein weiteres Mal lasieren sollte mit einer anderen Öko-Lasur, und wenn diese zu aller Zufriedenheit ausfallen würde, dann könne ich auch alle übrigen Türen noch ein 4. Mal auf diese Weise lasieren. Sollte aber auch die Mustertür wieder missfallen, erklärte ich mich bereit, auf 50 % von meinem restlichen Werklohn von 1.559,20 € zu verzichten, also auf 779,60 €.

Nachdem ich die Mustertür gestrichen hatte, waren die Eheleute zwar endlich zufrieden mit dem Ergebnis, beklagten jedoch den strengen Geruch nach Zitronensäure, der doch die Atemwege ihrer Kinder reizen würde. Ich versprach ihnen, die restlichen Türen mit einer anderen Bio-Lasur zu streichen, die nicht so riechen würde, womit sie einverstanden waren. So machte ich mich daran, auch die anderen 11 Türen noch ein 4. Mal zu lasieren mit einem Produkt der Firma Sadolin. Die neue Lasur war etwas weißer als die anderen, aber das schien Frau Bender nicht zu stören, mit der ich mich während der Arbeit öfter unterhielt. Ich war froh, dass wir uns gut verstanden und der Fall endlich erledigt wäre. Doch nach einer Woche erhielt ich einen Brief von den Eheleuten Bender, dass sie immer noch nicht zufrieden seien, da die Türen zwar jetzt alle gleichmäßig wären, aber dafür viel zu stark gedeckt hätten, so dass man die ursprüngliche Maserung und die Astlöcher kaum mehr sehen könne. Zudem seien die anderen Türen viel weißer als die von ihnen gutgeheißene Referenztür. Da sie keine weitere Nachbesserung mehr von mir wollten, würden sie sich nun einen anderen Malermeister suchen, der die gesamten Türen noch einmal abbeizen und von Grund auf neu lasieren solle. Die Kosten hierfür würden sie mir in Rechnung stellen, da ich ja nicht in der Lage gewesen sei, die Türen zu ihrer Zufriedenheit herzustellen. Ich war entsetzt und überlegte, mir einen Anwalt zu nehmen. Inzwischen hatten die Benders noch einmal ihren Gutachter Stoiber herbeigerufen, der sich ihrer Auffassung anschloss und eine Neubearbeitung von Grund auf ebenso befürwortete.

Ich rief die Benders an, ob man sich nicht einigen könnte auf einen außergerichtlichen Vergleich bei der Schlichtungsstelle der Handwerkskammer, um einen Streit vor Gericht zu vermeiden. Sie waren damit einverstanden. Wir trafen uns also bald darauf im Zimmer des Justiziars der HWK und erörterten den Sachverhalt. Meine Karten standen schlecht, da ja Herr Stoiber auf ihrer Seite war. Benders boten mir an, auf eine Komplettüberarbeitung der Türen im Wert von rund 5.000,- € zu verzichten, wenn ich auf meinen Werklohn von 1.559,-€ verzichte und Ihnen darüber hinaus noch eine Entschädigung von 1.160,-€ zahle. Außerdem sollte ich ihnen auch noch die Kosten für den Gutachter in Höhe von 500,-€ erstatten. Ich bat um Bedenkzeit, doch der Justiziar schlug vor, ich solle den Einigungsvertrag doch erst mal unterschreiben, da ja eine Widerrufsklausel von einer Woche bestünde. Ich unterschrieb, aber in mir sträubte sich alles dagegen. „Was für ein Unrecht!“ dachte ich. Nach all der Mühe, die ich mir gemacht hatte, - sollte das jetzt der Dank sein?! Ich konnte drei Nächte lang kaum schlafen, weil ich immer nur daran denken musste. Schließlich schrieb ich einen Brief an die Handwerkskammer, dass ich den Vergleich fristgerecht widerrufe.

Einige Wochen später kam das Klageschreiben des gegnerischen Anwalts gegen mich, wo auch ein Kostenvoranschlag des anderen Malermeisters beigefügt war i.H.v. 5.834,64 €, aufgrund dessen mich nun die Kunden verklagen wollten, Vorschuss zu leisten, da ich angeblich ihre Türen verhunzt hätte. Ich hatte das mulmige Gefühl, dass ich diesmal unterlegen sein würde und nahm mir deshalb einen Anwalt. Heiko Lindemann, hörte mir geduldig zu und schrieb dann eine Klageerwiderung, in welcher er mit Hilfe meiner fachlichen Erklärungen begründete, dass mit einer Weißlasur nach so vielen Anstichen kein anderes Ergebnis zu erwarten gewesen sei und dies doch auf Veranlassung der Kunden selbst erfolgt sei. Die Gegenseite blieb jedoch bei ihrer Forderung auf Schadenersatz, da ich angeblich nicht in der Lage gewesen sei, die neuen Türen fachlich korrekt zu lasieren. Da sie den Gutachter auf ihrer Seite hatten, sah die Sache wirklich nicht gut für mich aus. "Was mache ich, wenn die den Prozess gewinnen?" dachte ich. "Schrecklich! - Wenn solche Forderungen noch öfter passieren, dann werde ich irgendwann noch pleite gehen. Und was können die machen, wenn ich zahlungsunfähig bin?" Plötzlich schoss es mir in den Sinn: "Die sind in der Lage, mir das Haus wegzunehmen!" Mir wurde ganz übel bei dieser Vorstellung. Doch dann kam mir eine Idee: "Ich werde das Haus einfach auf meine Frau übertragen, dann können die mir nichts mehr anhaben, denn meine Frau hat ja mit der Firma nichts zu tun." Ich veranlasste also notariell eine Übertragung des Hauses, damit es allein meiner Frau gehöre und für zukünftige Regressforderungen von Kunden unantastbar wäre.

Einige Monate später war dann der Prozess vor dem Amtsgericht Bremen. Mir schlotterten die Knie, als wir aufgerufen wurden, um einzutreten. Nachdem der Richter sich die Anträge der Parteien noch einmal bestätigen ließ, gab er mit ruhiger Stimme seine rechtliche Wertung des Falles bekannt: "Sie beide hatten zuletzt einen Vergleich bei der HWK geschlossen, den der Beklagte Poppe jedoch widerrufen hatte. Damit aber bleibt die ursprüngliche Einigung der Parteien vom 09.07.2002 weiterhin wirksam. Danach bestehe kein Nachbesserungsanspruch des Klägers, sondern nur ein geminderter Werklohnanspruch des Beklagten. Die Klage ist demzufolge abzuweisen, und der Kläger trägt die Kosten des Rechtsstreits." Noch ehe ich überhaupt begriffen hatte, was der Richter gerade erklärt hatte, geriet der Anwalt von Bender beinahe in einen Tobsuchtsanfall, wie der vorsitzende Richter sich angesichts der Faktenlage überhaupt zu solch einem Urteil hinreißen lassen könne, etc. Schließlich bestünde doch seit der Verwendung einer anderen Lasur von mir "gar keine Geschäftsgrundlage mehr", da ich mich ja selber nicht an die Vereinbarung gehalten hätte. Der Richter wies jedoch darauf hin, dass diese Behauptung perfide sei, da ja die Benders selber eine andere Lasur gewünscht hätten wegen der Geruchsbelästigung.

Ich hatte den Prozess also tatsächlich gewonnen und brauchte keine Entschädigung mehr an den Kunden zu zahlen. Stattdessen sollte ich sogar von Benders noch die Hälfte meiner restlichen Werklohnforderung bekommen in Höhe von 779,60 €. Zudem mussten sie auch noch meinen und ihren Anwalt bezahlen, sowie die Gerichtskosten. Verständlicherweise ließen sie diese Demütigung nicht auf sich sitzen, sondern gingen in Berufung. Doch auch vor dem Bremer Landgericht scheiterten sie schließlich, so dass Benders am Ende auch noch die Kosten des Berufungsverfahrens zu tragen hatten. Daraufhin rief mich der Sachverständige Stoiber an und beklagte sich bei mir, dass er nun bei seinen Auftraggebern in Ungnade gefallen sei und man ihm die ganze Schuld anlasten würde wegen seines unausgereiften Einigungsvertrages vom 09.07.02. Er bat mich, doch wenigstens aus Anstandsgründen seine Kosten als Gutachter zu übernehmen, da er dies sich nun kaum mehr getraue, den Benders in Rechnung zu stellen. Ich erklärte ihm, dass ich ihn ja nicht beauftragt habe und er ihnen ja auch falsche Hoffnungen gemacht hatte, den Prozess zu gewinnen. Daraufhin beschimpfte er mich als "Pfuscher" und prophezeite mir: "Ich gebe ihrer Firma noch maximal ein Jahr, und dann sind sie ohnehin pleite!" Dann knallte er den Hörer auf, ohne sich zu verabschieden.

Juli - Dezember 2002

Veränderungen

Die Vorwürfe von Herrn Stoiber wollte ich nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie waren zwar im Falle Bender unberechtigt, aber in vielen anderen Fällen wurde mir immer mehr bewusst, dass meine Firma eigentlich doch ein ziemlich chaotischer Haufen war. Mit meinem Bruder Marco hatte ich ständig Streit, weil er meine Anordnungen nicht befolgte und sich von mir nichts sagen ließ. Aber auch über die anderen Mitarbeiter hörte ich immer wieder Klagen von den Kunden, z.B.: "Sagen Sie bitte ihrem Lehrling, dass ich nicht möchte, dass er hier in meinen Garten pinkelt!" Besonders häufig beschwerten sich Kunden über Jörg, weil er z.B. aufgrund seiner Einfalt die schlechte Angewohnheit hatte, die Kunden immer einfach zu duzen. Jörg hatte zwar immer ein sonniges Gemüt und musste über jede Kleinigkeit jedes Mal laut lachen, aber im Umgang mit Kunden fehlte ihm leider häufig die nötige Bildung, so dass er mich oftmals bis auf die Knochen blamierte. Einmal hatte Jörg z.B. in der Villa eines Ärzte-Ehepaars gearbeitet, als mich abends der Mann anrief und sagte: "Herr Poppe, meine Frau hatte ja heute die Abnahme mit ihrem Mitarbeiter gemacht und ihm dabei noch ein paar Stellen gezeigt, wo er nachtupfen sollte. Während sie mit ihm von Raum zu Raum ging, sagte er aber plötzlich lächelnd zu ihr: 'Das macht Dir wohl Spaß, nicht wahr?' - Ich muss doch sehr bitten, Herr Poppe, aber meine Frau ist 30 Jahre älter als ihr Mitarbeiter und braucht sich solche Anzüglichkeiten doch nun wirklich nicht bieten lassen!" Ich entschuldigte mich für Jörg.

Aufgrund dieser Vorkommnisse entschied ich mich im Sommer 2002 schweren Herzens, nicht nur Jörg zu kündigen, sondern auch meinen Zwillingsbruder Marco. Er hatte ja ohnehin inzwischen ein Reisegewerbe angemeldet, so dass er auch weiterhin für mich als Subunternehmer arbeiten konnte. Wie sich später herausstellen sollte, war dies eine kluge Entscheidung gewesen, denn Marco und ich konnten seither viel besser zusammenarbeiten ohne größeren Streit - bis auf den heutigen Tag. Die Stelle von Jörg übernahm dann ein gewisser Paul Rauner (25), der ähnlich wie Jörg ein sehr fröhlicher Bursche war und die Angewohnheit hatte, auf der Arbeit immer zu singen. Er liebte die Deutsche Schlagermusik und hörte sie deshalb gerne auf den Baustellen, während er dazu mitsang. Auch die Kunden mochten Paul, weil er immer gute Laune verbreitete. Kurz darauf meldete sich auch Patrick Mücher (21), der inzwischen seine Haftstrafe abgesessen hatte, und bat mich noch mal, ihm doch eine Chance zu geben. Da er sich aber entgegen meiner Bedingung nicht zum christlichen Glauben bekehrt hatte, ließ ich ihn erst einmal nur als Praktikant arbeiten, um ihn zu testen. Da er sich jedoch vorbildlich verhielt, stellte ich ihn bald darauf wieder als Lehrling ein. Mario Lieberenz hatte inzwischen seine Ausbildung erfolgreich bestanden, wollte aber nicht übernommen werden, sondern verpflichtete sich stattdessen als Berufssoldat, "da man dort viel mehr verdiene". Volkmar Priefer hingegen war gar nicht erst zur Prüfung angetreten, da er sich nicht fit genug fühlte, und bat mich deshalb, dass ich ihn noch ein weiteres Jahr beschäftigen solle.

All diese Personalveränderungen täuschten mich jedoch nicht darüber hinweg, dass sich so bald nichts verbessern würde in meiner Firma, wenn sich nicht der Hauptschuldige an all meinen Problemen ändern würde, und das war ich selber. Die Fehler mit den kostspieligsten Folgen lagen nicht bei irgendeinem Mitarbeiter, sondern wurden von mir selbst verursacht. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich dringend mal um eine Fortbildung bemühen musste, um in Zukunft Probleme mit Kunden zu vermeiden. Also meldete ich mich bei der Akademie des Handwerks an, um ein einjähriges Studium zum „Betriebswirt des Handwerks“ zu absolvieren, das dreimal wöchentlich in Abendkursen stattfand. Diese Entscheidung erwies sich als Volltreffer, und die Lehrgangsgebühr von 1.100,- € hatte sich absolut gelohnt. Denn nun wurde ich zum ersten Mal mit Dingen wie Reklamations-Management, Marketing oder Personalführung vertraut gemacht, was ich alles nicht gelernt hatte in der Meisterschule. Die meisten Teilnehmer waren nur angestellte Handwerksmeister, die sich für eine spätere Betriebsübernahme vorbereiten wollten. Da ich jedoch schon etwas Erfahrung gesammelt hatte in der Selbständigkeit, bat mich die Dozentin, doch mal zu berichten, wie ich meine Mitarbeiter zu guten Leistungen motivieren würde. Ich erzählte vor der Klasse, dass ich mittags öfter mal nach Aldi fahre, um für die Lehrlinge Brötchen und Aufstrich zu kaufen, um gemeinsam zu essen; aber dass ich sie zuweilen auch von zu Hause aus dem Bett hole, wenn sie behauptet hätten, sie wären krank, um sie dann zur Arbeit zu zwingen. Der gelernten Psychologen standen die Haare zu Berge, und sie bezeichnete meine Firma als "Biotop", in dem ich einen reaktionären, patriarchalischen Führungsstil ausüben würde, der eher in das Mittelalter gehöre, als es noch Leibeigenschaft und Frondienste gab.

Nach den Sommerferien wurde unser Tochter Rebekka (6) eingeschult in die Evangelische Bekenntnisschule Bremen, zusammen mit ihrer besten Freundin Marlene, deren Eltern Olga und Carlos aus Paraguay kamen und mit Ruth und mir bis heute eng befreundet sind. Wir waren froh, dass ihre Klassenlehrerin Sabine Linz war, die in die Gemeinde meiner Mutter ging und eine sehr engagierte Christin war. Rebekka hatte ein halbes Jahr vorher regelmäßig „Sprech-Stunden“ bei einer Logopädin nehmen müssen, da sie aufgrund ihrer zweisprachigen Erziehung viele Worte im Deutschen nicht richtig aussprechen konnte. Ungefähr zur gleichen Zeit kam auch unsere Schwägerin Rita, die Frau von Ruths Bruder Walter, aus Lima zu Besuch nach Bremen und wohnte drei Monate bei uns. Sie wollte hier in Deutschland etwas Geld verdienen und anschließend auch noch mal nach Mailand zu ihrer Freundin Rosa fliegen. Da die Ehe zwischen Walter und Rita schon seit langem kriselte, war uns nicht ganz wohl bei der Sache, dass sie so lange von ihrem Mann getrennt sein würde. Später stellte sich heraus, dass unsere Sorge überaus berechtigt war, denn Rita kam nie wieder zurück nach Peru, sondern blieb in Mailand, wo sie als Altenpflegerin Arbeit fand, einen anderen Mann kennenlernte und sich von Walter scheiden ließ. Später zog auch ihre Tochter Gina nach Italien und ließ ihren pubertären Sohn Aldahir einfach in Lima zurück bei ihrem Vater Walter. Aldahir schloss sich später einer Verbrecherbande an, erschoss einen Taxifahrer und ist heute im Gefängnis. Vielleicht wäre das alles nie passiert, wenn wir Rita nicht erlaubt hätten, uns in Deutschland zu besuchen...

Allerdings entschlossen wir uns damals wegen der Rita, wieder regelmäßig in die spanisch-sprechende Gemeinde zu gehen, die inzwischen einen neuen Pastor hatte, Burkhard Amissen. Viele Geschwister der Gemeinde wollten sich damals jedoch auch noch zusätzlich zu Bibelstunden treffen und baten mich, doch mal in der Gemeinde meiner Mutter zu fragen, ob wir uns dort sonntagnachmittags versammeln könnten. Und so absurd das klingen mag, kam es dann tatsächlich dazu, dass ich dann einige Male eine Predigt hielt vor den südamerikanischen Geschwistern im Gottesdienstraum der „Christusgemeinde“, die damals noch im Hafengebiet war, bis der Pastor Marco van der Velde uns bat, dass wir uns auch an der Miete beteiligen sollten, wenn wir schon den Raum mitbenutzten. Die südamerikanischen Geschwister hielten dies jedoch nicht für nötig, so dass wir uns in der Folgezeit in den Räumen der „Kreuzgemeinde“ trafen. Keiner der Geschwister sollte damals erfahren, dass ich eigentlich gar kein Christ mehr war, und ich gab mir solch große Mühe, dies zu vertuschen, dass sogar meine Frau glaubte, ich wäre wieder gläubig geworden.

An einem Abend besuchte ich meinen Freund Günther Dudda (68), der immer unsere Autos reparierte. Er war immer sehr depressiv, weil er allein in einem großen Haus wohnte. Er bekannte mir, dass er auf meinen Vater eifersüchtig sei, weil dieser mit seiner Mieterin Gunda eine Beziehung begonnen hatte, obwohl auch er in sie verliebt sei. Doch an jenem Abend fühlte sich Günther sehr unwohl und hatte Schmerzen. Ich empfahl ihm, zum Arzt zu gehen, aber er wollte nicht, da er schon seit Jahren nicht mehr beim Arzt war. Wir verabschiedeten uns gegen 21.00 Uhr. Doch dann erfuhr ich am nächsten Tag, dass er in der Nacht zusammengebrochen war und den Notarzt rufen musste. Ich besuchte ihn im Krankenhaus, und er freute sich sehr, mich zu sehen. Seine Zunge war allerdings total dick geschwollen, so dass ich kaum verstehen konnte, was er mir sagte. Auch war er irgendwie ziemlich aufgedreht und hyperaktiv. Während die Krankenschwester seine Infusionsflasche einstellte, fragte ich ihn: "Und was denkst Du Günther, wie lange Du hier noch bleiben musst?" - "Och nicht mehr lange" winkte Günther ab. "Vielleicht noch 2 oder 3 Tage, maximal 'ne Woche". Doch während ich ihn anschaute, sah ich hinter ihm die Krankenschwester, die mir wortlos ein Zeichen gab, indem sie heimlich mit dem Kopf schüttelte. Ich dachte: "Was will sie mir damit wohl sagen? Dass er noch viele Wochen bleiben müsse?" Nach zwei Tagen stellte sich jedoch heraus, dass Günther recht behalten sollte. Denn er war plötzlich tot.

Im Herbst 2002 fand dann die Bundestagswahl statt. Kanzler Gerhard Schröder hatte ja versprochen, dass er die hohe Arbeitslosigkeit zu Beginn seiner Amtszeit deutlich senken wollte (Zitat: "An diesem Wahlversprechen werde ich mich messen lassen"). Schließlich war ihm dies aber nicht gelungen, sondern sie stieg sogar weiter auf 4 Millionen. Die rot-grüne Koalition war also in der Wählergunst stark gesunken; aber auch die CDU hatte sich noch nicht ganz von der Spendenaffäre um Kanzler Kohl erholt. Als aber dann im Sommer 2002 überall im Osten durch eine große Flut sämtliche Dämme brachen, war Schröder sofort zur Stelle und ließ sich in Gummistiefeln medienwirksam von den Helfern die Lage vor Ort erklären, wodurch er wieder an Ansehen gewann. Am Ende siegte die SPD vor der CDU mit einer hauchdünnen Mehrheit von wenigen Hundert Wählerstimmen, denn beide Parteien lagen bei 38,5 %. Dieses für damalige Verhältnisse "schlechte Wahlergebnis" hat die SPD seitdem nie wieder erreicht (derzeit liegt die SPD bei gerade einmal nur 16-18 % !). Durch die Fortsetzung der rot-grünen Regierungskoalition konnte Schröder jedoch die Hartz IV-Gesetze und die Agenda 2010 beschließen, wodurch er die deutsche Wirtschaft nachhaltig zu dem Erfolg führte, den wir heute haben. Leider konnte die SPD 2006 nicht mehr die Früchte ihrer Weichenstellung genießen, sondern sie wurden später vom Heer der enttäuschten Stammwähler abgewählt, die zu den Nichtwählern, den Linken oder zur AfD wechselten.

Der Fall Bley

Im Herbst 2002 bekam ich von einem Kunden aus Habenhausen den Auftrag, die Fassade seines Reihen-Endhauses zu sanieren, sowie die Fenster zu streichen. Um möglichst preisgünstig zu sein, bot ich - wie immer - auch den Eheleuten Bley den Auftrag ohne Gerüst an, für gerade einmal nur 1.600,- €, inkl. vollflächigem Spachteln und Gewebearmierung. Doch als ich dem Kunden nach einer Woche eine Abschlagsrechnung in Höhe von 1.000,- € gab, wollte dieser sie nicht bezahlen, da keine Abschlagszahlung vereinbart war. Zudem bemängelte er, dass die Fassade noch nicht glatt genug sei, obwohl wir ohnehin schon dreimal so viel gespachtelt hatten, als im Angebot vorgesehen. Inzwischen war es Oktober geworden und es regnete ständig, so dass sich die Fertigstellung hinzog. Der Kunde fing nun immer wieder an, zu nörgeln und schickte mir bald alle drei Tage ein Fax mitten in der Nacht, in welchem er mich aufforderte, die Arbeiten endlich fertig zu stellen, jedoch auch immer wieder neue Mängel rügte. Ich schrieb ihm, dass wir doch so gut wie fertig seien, aber das Wetter zu unsicher sei, um die gewünschten Ausbesserungen durchzuführen. Der Ton wurde allmählich immer gehässiger: "Wir fordern Sie hiermit auf, nachdem Sie inzwischen seit mehr als 2 Wochen an dieser `Baustelle` werkeln, diesem Treiben nunmehr kurzfristig ein Ende zu setzen, spätestens jedoch bis zum 26.Oktober".

Irgendwie fand ich dieses aggressive Verhalten des Kunden sehr seltsam. Ständig stellte er Forderungen, war aber noch nicht mal bereit, mir einen Abschlag zu bezahlen, obwohl wir doch schon 98 % der beauftragten Arbeiten erledigt hatten. Ich rief ihn an und bestand auf eine Anzahlung, da wir sonst nicht weiterarbeiten würden. "Ohne Benzin läuft der Wagen nicht!" Kurz darauf überwies er mir 600,-€. Nachdem wir dann an einem Tag die allerletzten Nacharbeiten erledigt hatten, warf ich ihm zu Feierabend die Rechnung in den Briefkasten. Um 23.30 Uhr kam dann ein Fax von ihm: "Sehr geehrter Herr Poppe, meine Frau und ich haben herzhaft gelacht, als wir heute ihre Rechnung erhielten..." - "Herzhaft gelacht über die Rechnung"? Was sollte das heißen? Will er mir etwa gar nichts mehr bezahlen? Ich hatte eine schlaflose Nacht. Am nächsten Tag rief ich ihn an, aber er ging nicht ran. Doch um Mitternacht schickte er mir wieder ein Fax voll mit Gehässigkeiten und Beleidigungen. Postwendend antwortete ich ihm handschriftlich, dass ich von seinen "nächtlichen Faxen allmählich die Faxen dicke habe" und dass ich nicht mehr bereit sei, mir noch länger seine Schikanen gefallen zu lassen. Mein letzter Satz lautete: "Sie sind nicht das Maß aller Dinge!"

Wie zu erwarten, reagierte er überhaupt nicht mehr, so dass ich im Frühjahr durch meinen Anwalt Klage erheben ließ auf Zahlung der Schlussrechnung in Höhe von 1.309,36 €. Monate später erhielten wir Post von seinem Anwalt, der die Klage als unbegründet zurückwies. Das Gericht gab uns daraufhin einen Termin zur Güteverhandlung für den 04.02.2004. Doch in den Tagen darauf bekam ich eines Nachmittags Besuch von einem Vertreter der Fa. CREDITREFORM, der mir seine Leistungen vorstellte, bei denen es um Forderungsbeitreibung (Inkasso) ging, aber auch um Prüfung der Kreditwürdigkeit von potenziellen Kunden. Er erklärte mir, dass sie einen umfangreichen Datenbestand hätten von sämtlichen gewerblichen und privaten Personen in ganz Deutschland. Ich fragte ihn, ob er mir mal zum Test eine Auskunft über einen gewissen Hans-Georg Bley geben könne, für den ich gerade arbeite. Er schaute in sein Notebook und sagte plötzlich: "Volltreffer!" Dann drehte er den Bildschirm zu mir und zeigte auf eine rote Ampel, die bei dem Kunden stand. "Und was heißt das?" fragte ich. "Dass der Kunde zahlungsunfähig ist, weil er einen Offenbarungseid geleistet hat." - "Waaas???" Jetzt wurde mir alles klar! Herr Bley hatte am 23.05.2001 eine Eidesstattliche Versicherung abgegeben! Er war also schon zum Zeitpunkt der Beauftragung zahlungsunfähig gewesen! Damit hatte er sich jedoch strafbar gemacht wegen eines Meineides.

Am Tage der Gerichtsverhandlung erschien Herr Bley nicht, war aber durch seinen Anwalt entschuldigt. Der Richter erörterte die Rechtslage und machte den Vorschlag, dass man sich doch auf einen Vergleich einigen solle, d.h. auf einen Kompromiss. Dieser sah wie folgt aus:

"1. Der Beklagte zahlt an den Kläger € 654,68 bis zum 28.02.04. Sollte der Beklagte den Betrag bis zu diesem Zeitpunkt nicht gezahlt haben, zahlt der Beklagte an den Kläger insgesamt € 1.000,- zzgl. Zinsen i.H.v. 5 % über dem Basiszinssatz ab dem 01.03.04.

2. Damit sind sämtliche wechselseitigen Ansprüche aus dem streitgegenständlichen Vertragsverhältnis erledigt.

3. Die Kosten des Rechtsstreits werden gegeneinander aufgehoben.

4. Dem Beklagten bleibt nachgelassen, diesen Vergleich bei diesem Gericht bis zum 18.02.04 einzureichenden Schriftsatz zu widerrufen."

Diese Details sind deshalb wichtig, weil Herr Bley überhaupt nicht einverstanden war mit dem Vergleich und ihn deshalb widerrufen wollte. Sein Anwalt übergab deshalb seiner Mitarbeiterin am 17.02.04 den schriftlichen Widerruf, um ihn in die Post zu geben, doch ging dieser erst am 19.02. bei Gericht ein, d.h. einen Tag zu spät, so dass der Widerruf für ungültig und das Verfahren damit für beendet erklärt wurde. Der Anwalt protestierte gegen diese Entscheidung und forderte eine "Einsetzung in den vorherigen Stand", dem aber nicht stattgegeben wurde. Inzwischen war aber auch die 2. Frist am 01.03. verstrichen, so dass Herr Bley mir nun 1000,- € schuldete. Doch auch nach 3 Monaten erhielt ich kein Geld, sondern stattdessen einen Einschreibebrief des gegnerischen Anwalts mit der Aufforderung, noch angeblich vorhandene Farbflecken zu beseitigen, obwohl ich durch die Erledigungsklausel des Vergleichs gar nicht mehr dazu verpflichtet war. Kurz darauf teilte der Anwalt jedoch mit, dass er inzwischen das Mandatsverhältnis niedergelegt habe, wohl deshalb, weil Herr Bley auch ihm kein Geld mehr zahlen wollte/konnte. Ein paar Monate später verstarb Herr Bley plötzlich aus mir nicht bekannten Gründen.

 

 

 

 

 

Juli - September 1996

Der Besucher aus Kolumbien

Ende Juni war - wie angekündigt - John Jairo (20) aus Kolumbien gekommen, der Sohn meines Freundes Pepe Gomez (45) aus Bogota, um drei Monate bei mir zu wohnen und - gemäß dem Wunsche seines Vaters - von mir geistlich gefördert zu werden, da er im Glauben nachgelassen habe. Was für ein Drama! Denn inzwischen hatte ich ja selber meinen Glauben verloren, und was konnte ich ihm jetzt noch bieten? Ich war also gezwungen, zu heucheln, soweit es mir möglich war; aber würde ich dieses Possenspiel die ganzen drei Monate durchhalten? Ich selber war es ja, durch den sich John Jairo damals mit 16 Jahren bekehrt hatte, als wir am Rande des Urwalds zusammen niederknieten und er sein Leben dem HErrn Jesus übergab! Und er hatte mich ja bei jedem meiner drei Besuche immer als einen äußerst frommen Glaubensbruder erlebt, von dem sein Vater immer in den höchsten Tönen geschwärmt hatte. Was für eine Enttäuschung wäre das nun für seinen Vater, ja geradezu ein Verrat, wenn er jetzt erfahren müsste, dass ich nicht mehr der fromme Simon von damals war, sondern inzwischen ein Abgefallener, der seinen labilen Sohn nun noch weiter von einem heiligen Leben abbringen könnte! Das konnte ich Pepe unmöglich antun; er würde es mir nie verzeihen. Sagte doch der HErr Jesus: "Wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, einen Anstoß zum Abfall gibt, dem ist es besser, dass ein Mühlstein um seinen Hals gelegt und er ins Meer geworfen werde" (Mt.18:5).

Ich musste also erst mal weiter die Rolle des bibeltreuen Bruders spielen, und es gelang mir zunächst auch, viel besser als ich gedacht hätte. Wir beteten immer gemeinsam und gingen zusammen am Samstag in den Spanischbibelkreis, wo sich Jairo aufgrund seiner einnehmenden, sympathischen Art schnell mit sämtlichen Geschwistern anfreundete, besonders mit den weiblichen. Ich meldete ihn bei der Volkshochschule an, um Deutsch zu lernen und machte mit ihm und Jochen Ausflüge ans Meer. Für Jairo war Deutschland wie ein Wunderland; einmal sagte er zu mir: "Simon, gestern bin ich zum ersten Mal um 23.00 Uhr noch auf der Straße mit dem Fahrrad gefahren. In meinem Land wäre das viel zu gefährlich gewesen!" Ich freute mich, dass er das Leben hier so genießen konnte und wir freundeten uns allmählich an. Nach etwa einer Woche saßen wir abends noch am Küchentisch und erzählten uns ausgelassen gegenseitig Geschichten aus unserem Leben; da beschloss ich spontan, ihm mein Geheimnis zu verraten: "Jairo, es gibt da etwas, was ich Dir bekennen muss, aber mir eigentlich sehr unangenehm ist. Wenn ich es Dir aber dennoch verrate, dann bitte ich Dich, es für Dich zu behalten und es nicht Deinen Eltern zu berichten, denn das wäre für mich sehr bedauerlich." - "Kein Problem," sagte Jairo, "ich verspreche Dir, dass ich es für mich behalte!" - "Es ist nämlich so, Jairo, dass mir vor kurzem etwas passiert ist, dass ich selber noch gar nicht richtig fassen kann. Es wird Dich wahrscheinlich sehr wundern, aber ich bin gar nicht mehr derjenige, den Du bisher gekannt hast. Ich habe nämlich vor etwa einem Monat meinen Glauben verloren. D.h. ich glaube zwar noch an Gott, aber nicht mehr an die Bibel als das Wort Gottes. Mir ist es - ehrlich gesagt - sehr peinlich, Dir das zu bekennen, denn Dein Vater hatte Dich ja eigentlich gerade aus diesem Grund hier nach Deutschland gesandt, damit Du durch mich mehr von der Bibel lernen kannst. Aber es hat sich jetzt alles auf einmal geändert, denn ich bin gar kein Christ mehr..."

Ich schaute Jairo dabei an, um seine Reaktion abzuwarten. Er lächelte nur die ganze Zeit, und als ich aufhörte zu reden, sagte er: "Das ist ja wirklich interessant, Simon, denn auch ich hatte die ganze Zeit schon das Bedürfnis, Dir etwas zu berichten, aber habe mich nicht getraut. Jetzt aber, wo Du so ehrlich warst, möchte auch ich Dir ein Geheimnis anvertrauen; aber auch Du musst mir hoch und heilig versprechen, dass Du es unter keinen Umständen meinen Eltern erzählst. Versprochen?" - Ich sagte es ihm zu, und er fuhr fort: "Es ist nämlich so, dass auch ich nicht der bin, der ich zu sein scheine, denn ich habe in den letzten zwei Jahren ein Doppelleben geführt, von dem meine Eltern nichts wissen. In ihren Augen bin ich nach wie vor der liebe Junge, der sogar im Gottesdienst schon öfter predigen durfte, aber in Wirklichkeit lebe ich sehr unzüchtig, indem ich mich heimlich mit Mädchen treffe und mit ihnen schlafe. Bis jetzt haben meine Eltern noch nichts bemerkt davon, denn ich erzähle ihnen dann immer, dass ich bei einem Freund übernachtet habe. Aber wenn sie es wüssten, würden sie mich rausschmeißen." - "Wie konnte das passieren?" - "Alles begann damit, dass wir eines Tages Besuch bekamen von einem gläubigen Ehepaar, die ihre Tochter mitbrachten. Während sich die Erwachsenen unterhielten, nahm ich sie hinauf in mein Zimmer und wir unterhielten uns. Schon bald hatten wir beide das Verlangen, mit einander zu schlafen, und so passierte es, ohne dass ihre Eltern etwas mitbekamen. Danach trafen wir uns immer öfter, indem ich sie zum Kino einlud und wir dann in ein Stundenhotel gingen. Irgendwann betrog ich sie mit einer anderen, und sie machte mit mir Schluss. Ich merkte, wie leicht es mir fiel, Mädchen nach dem Kino abzuschleppen und konnte gar nicht genug davon kriegen; - bis eines Tages eines dieser Mädchen mir mitteilte, dass sie von mir schwanger geworden war. Ich geriet in Panik und gab ihr all meine Ersparnisse, damit sie den Embryo abtreiben möge, was sie dann auch tat. Das war vor etwa drei Monaten, und seither fühle ich mich wie ein Mörder. Ich wünschte, ich könnte das alles ungeschehen machen, aber es ist nun mal passiert."

Auch ich konnte mein Erschrecken nicht verhehlen. Wir hatten also beide ein dunkles Geheimnis, das wir mit uns trugen, wobei meine Geschichte ja noch vergleichsweise harmlos war im Vergleich zu seiner. Auch ich versprach ihm, dass ich dies seinen Eltern nicht verraten würde und empfahl ihm, sich fortan solcher Affären lieber zu enthalten, zumal er doch nun gesehen habe, welche Folgen solche mit sich bringen könnten: "Weißt Du, Jairo, ich hatte nie eine andere Frau gehabt als meine eigene. Meine Arbeitskollegen haben sich damals über mich lustig gemacht, weil ich mit 23 Jahren noch immer keinen Sex hatte mit einem Mädchen. Einige hatten sogar schon mit 14 ihre ersten Erfahrungen gemacht! Manchmal habe ich sie sogar insgeheim dafür beneidet." - "Simon, ich würde alles darum geben, wenn all dies nie geschehen wäre. Ich wünschte mir im Nachhinein, so wie Du jungfräulich in die Ehe gegangen zu sein, und ehrlich gesagt beneide ich Dich sogar dafür. Du hast heute eine liebe Frau und eine gesunde Tochter; - das wünschte ich mir jetzt auch von Herzen, aber ich kann die Zeit leider nicht mehr zurückdrehen. Obwohl ich erst 20 J. bin, fühle ich mich schon alt und verbraucht, weil ich meine Unschuld verloren habe." Das hat mich sehr bewegt, und ich war tatsächlich froh, dass ich eine intakte Ehe haben durfte.

Während ich nun tagsüber auf der Arbeit war, ging Jairo vormittags zum Deutschkurs. Jairo erzählte mir, dass er am liebsten in Deutschland bleiben würde, weil das Leben in jeder Hinsicht hier besser sei. Wenn er erst mal Deutsch gelernt habe, wolle er arbeiten und ein besseres Leben haben als in seiner Heimat, die in Armut und Kriminalität zu versinken drohte. Sogar sein Vater hatte ihm geraten, lieber eine Deutsche zu heiraten als eine Kolumbianerin, denn, so wörtlich: "Hay que mejorar la raza" ("Man muss die Rasse verbessern"). Seine Freunde beim Militär hatten ihm geraten, einfach seinen Pass wegzuwerfen, weil man ihn dann nicht mehr so leicht abschieben könne, wenn man nicht wisse, woher er komme. Doch haben die Kolumbianer einen sehr typischen Akzent, so dass man es bei ihm leicht herausfinden konnte. Jairo überlegte sich deshalb, einer Frau Geld zu geben, um in eine Scheinehe einzuwilligen. Früher hätte ich ihn zur Buße gerufen wegen all solcher frevelhaften Überlegungen, aber jetzt schwieg ich einfach und dachte, er wird schon wissen, was er tut. Tatsächlich war von seiner ersten Liebe zu Gott nicht mehr viel übrig geblieben. Er sagte immer, dass er sich mit 30 J. noch einmal richtig bekehren würde wie sein Vater, aber vorher noch ein wenig die Welt genießen wolle. "Du kannst doch nicht Deine Bekehrung planen! Wenn Du wirklich wieder Christ werden willst, dann würdest Du es schon heute werden!" Dennoch konnte ich ihn natürlich verstehen. Wenn Jairo mir abends die Geschichten von all den Filmen erzählte, die er schon gesehen hatte, dann hatte ich auch den Eindruck, dass ich viel verpasst hatte. Irgendwann kaufte ich mir dann eine sog. TV-Karte, d.h. eine Hardware, die man im PC installieren konnte, um mit dem PC fernsehen zugucken. Ich dachte: "Jetzt werde ich allmählich alles nachholen!" Das ist ja das Erbärmliche am Unglauben, dass man glaubt, dass die Welt einem mehr zu bieten habe, das man nicht verpassen dürfe.

Der Streit mit der Nachbarin

An einem Samstagvormittag kam Elena zu uns hoch und erklärte uns, dass sich der Vermieter über uns beschwert habe, weil wir den großen Garten hinterm Haus haben verwildern lassen und auch vorne überall Unkraut gewachsen sei. Ich entgegnete, dass der Garten doch schon von Anfang an verwildert war und wir doch gar keine Verpflichtung hätten, diesen wieder in Stand zu bringen, weil er ja schließlich noch nicht einmal Bestandteil des Mietvertrages sei. Man müsse ja inzwischen schon einen Gärtner bestellen, der in dieses verwilderte Grundstück erst mal einen Grund hineinbekommt, und der hätte bestimmt eine ganze Woche voll zu tun. Elena sah dies jedoch anders und forderte von uns, dass wir uns als Männer auch mal an der Gartenarbeit beteiligen sollten, schließlich habe sie auch schon öfter mal was im Garten gemacht trotz ihrer Bandscheibenvorfälle. Widerwillig gingen wir daraufhin mit ihr in den Garten, nahmen uns jeder einen Spaten und begannen damit, das 50 cm hohe Unkraut durch Umgraben zu beseitigen. Nach einer Stunde kam Elena zu uns und ich fragte sie, was sie eigentlich bisher im Garten gemacht habe, da man absolut nichts davon sehen könne. Da regte sie sich sehr auf und verwies auf die zwei kleinen Beete am Zaun, wo sie angeblich schon an vielen Tagen dran gearbeitet habe. Ich entgegnete, dass das Bisschen man doch in zwei Stunden hätte erledigen können. Darauf rannte sie plötzlich wie wild auf mich zu, weil sie mich würgen wollte, doch dabei stolperte sie über die Schubkarre, die ich gerade vor mir her trug. Sie schrie laut und fluchte mir mit Schimpfwörtern, so dass ich in Deckung ging. Als sie kurz darauf wegging, kam eine Nachbarin und fragte mich, warum sie so sehr geschrien habe. Ich erklärte ihr, dass Elena psychisch krank sei und deshalb sich manchmal nicht kontrollieren könne. Daraufhin rief Elena von Ferne: "Was hast Du da gerade über mich gesagt!??" Ich antwortete wahrheitsgemäß: "Ich habe ihr erklärt, dass Du leicht gestört bist und Dich deshalb manchmal nicht unter Kontrolle hast." Darauf schrie Elena wie eine Wahnsinnige: "ICH BRING DICH UM!!! ICH SCHWÖR DIR: ICH BRING DICH UM!!!" und rannte auf mich zu. Ich flüchtete mit Jairo schnell ins Haus, wir rannten nach oben und hielten die Tür unserer Wohnung zu. Aber Elena versuchte gar nicht erst, die Tür aufzudrücken, sondern zog sich zurück.

Jairo aber stand unter Schock und beschwor mich, dass wir abends nun immer die Tür abschließen sollten, weil er der Elena zutrauen würde, dass sie mich eines Abends wirklich umbringen könne, so verrückt wie sie sei. Ich versuchte, ihn zu beschwichtigen, dass Elena das nicht so gemeint habe und er sich keine Sorgen machen brauche. Trotzdem drängte er mich, ich solle mich doch bei Elena entschuldigen, damit wieder Friede sei. Ich versprach es, wollte aber erst mal abwarten, bis sich die Lage wieder beruhigt habe. Jairo nahm sich indes ein Wörterbuch und versuchte nun selber einen versöhnlichen Brief an Elena zu schreiben. Sein erster Satz lautete: "Liebe Elena, du bist eine Wucht..." - (das kommt dabei raus, wenn man mit dem Wörterbuch übersetzt, ohne die Sprache zu beherrschen). Aber Elena hatte mir schon am nächsten Tag vergeben, als ich sie darum bat.

Jairos Verdorbenheit

In den Tagen danach überlegten wir uns, was Jairo nachmittags machen könnte, wenn ich noch auf der Arbeit war. Ich gab eine kostenlose Stellenanzeige für ihn auf, aber es meldeten sich nur Perverse, die ich sofort am Telefon abwimmelte. Doch als ein Mann ein Model suchte, um Werbefotos zu machen, wollte Jairo selbst mit ihm sprechen auf Englisch. Sie verabredeten sich an einem Nachmittag zum Vorstellungsgespräch, und ich dachte mir eigentlich nichts dabei. Doch als der Abend kam, war Jairo immer noch nicht da, so dass ich begann, mir Sorgen um ihn zu machen. Auch um 22.00 Uhr war Jairo immer noch nicht zurück, so dass ich überlegte, ob ich die Polizei rufen sollte. Es war schon kurz nach 3.00 Uhr, als Jairo endlich nach Hause kam. Ich machte Licht an und fragte ihn, warum er erst so spät nach Hause gekommen sei: "Sag mir die Wahrheit, Jairo, war der Mann schwul?" - "Ja." - "Was hat er mit Dir gemacht." - "Nichts." - "Und woher weißt Du dann, dass er schwul war?" - "Er hat im Auto seine Hände auf meine Oberschenkel gelegt". - "Ja, und was hast Du gesagt?" - "Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht möchte, und er hat es sofort respektiert". - "Ach so, und warum bist Du nicht sofort ausgestiegen?" - "Er hat mich zu sich nach Haus eingeladen" - "Ach, und Du hast gedacht: warum nicht?" - "Er war sehr freundlich zu mir und hat mir Wein zu trinken angeboten." - "Ja, weil er Dich verführen wollte! Und, hat er es geschafft?!" - "Nein." - "Sagst Du mir auch die Wahrheit?" - "Ja, wir haben uns nur unterhalten." - "Es fällt mir schwer, das zu glauben. Er wollte Dich doch verführen!" - "Ja, er hat es ein paar Mal versucht und hat mir auch Geld angeboten, aber ich habe immer wieder Nein gesagt. Er machte mir immer wieder Komplimente, sogar über meine Zähne." - "O Jairo, in was hast Du Dich da bloß hineinbegeben! Ich bin so froh, dass Du wieder da bist. Ich trage schließlich Verantwortung für Dich. Mach das bitte nie wieder!" - "Keine Sorge, Simon, ich kann schon auf mich alleine aufpassen."

Je länger Jairo bei mir wohnte, desto mehr lernte ich auch seine dunklen Seiten kennen. Er machte sich einen Spaß daraus, mich durch perverse Witze in Verlegenheit zu bringen, und anstatt ihn zu einem christlicheren Leben zu bewegen, gelang es ihm, mich nach und nach mehr für die Welt zu begeistern. Einmal spielten wir samstagabends Schach und hatten vereinbart, dass jeder nach einem Zug einen Schluck aus einer Flasche Wodka nehmen solle. Als das Spiel sich zum Ende neigte, war die Flasche leer und wir beschlossen, noch ein paar Einkäufe zum Wochenende zu erledigen. Doch als wir im Supermarkt waren, setzte plötzlich massiv die Wirkung des Alkohols ein, so dass ich alles nur noch wie im Rausch wahrnahm und in einer Tour nur gelacht hatte. Ohne nachzudenken, kaufte ich auch einen Tapeziertisch, obwohl wir ja nur mit dem Fahrrad unterwegs waren. So geschah es, dass sich dieser beim Fahren öffnete und Jairo den ausgeklappten Tapeziertisch im Vollrausch einfach mit dem Fahrrad hinter sich her schleifte, sodass die eine Ecke am Ende völlig weggewetzt war. Als ich nach Hause kam, wollte ich mich eigentlich noch duschen, aber war im dunkeln Zimmer auf dem Bett unbekleidet eingeschlafen. Im Halbschlaf merkte ich, dass plötzlich ein Blitzlicht im Dunkeln aufleuchtete, war aber zu benommen, um darauf zu reagieren. Mit diesem Foto hatte Jairo dann Monate später versucht, mich zu erpressen.

Leider blieb dies nicht der einzige böse Scherz, den Jairo sich erlaubte. Eines Tages, als er allein in der Wohnung war und neugierig in meinen Sachen stöberte, entdeckte er ein Foto, das Ruth einmal Jahre zuvor aus Spaß von mir gemacht hatte, als ich gerade nackt aus der Dusche gekommen war. Er nahm es und tat es aus lauter Bosheit in einen der bereits zum Versand verschlossenen Briefe auf meinem Schreibtisch, den er danach wieder zumachte, so dass ich nichts merkte. Wie ich erst Monate später erfuhr, war dieser Brief an Bruder Hans-Udo Hoster adressiert. So etwas ist nicht mehr lustig, sondern bösartig und psychopathisch!

Mein Rauswurf

Allmählich wurde mir klar, dass ich bei den Bibelstunden im Hause von Schwester Brigitta nicht länger heucheln konnte. So geschah es, dass ich eines Abends nach der Stunde mich Brigitta gegenüber offenbarte. Ich bat sie um Entschuldigung, dass ich in den letzten zwei Monaten so getan hatte, als wäre ich immer noch Christ, indem ich am Wort diente, obwohl ich selbst gar nicht mehr daran glaubte. Brigitta reagierte erwartungsgemäß entsetzt und schaute mich voller Misstrauen an. Für sie war ich nun ein Verräter, da ich zu den Feinden übergewechselt war. Ihr war in diesem Moment sofort klar, dass ich nun geistlich gestorben sei und sie wollte auch nicht weiter mit mir reden, sondern verabschiedete sich von mir mit einem kühlen Unterton. Brigittas Reaktion war für mich eine Warnung, dass ich von nun an besser nicht mehr mit der Tür ins Haus fallen sollte, sondern meine Entscheidung viel behutsamer und nachvollziehbarer vermitteln sollte. Ich musste es vor allem so darstellen, als wäre ich nach wie vor Christ, nur dass sich eben meine Haltung zur Bibel geändert habe.

Als die Sommerferien begannen und Jairos Unterricht vorübergehend ausfiel, überlegten wir, was er tagsüber machen könnte. Da ich auf einer größeren Baustelle ganz alleine am Arbeiten war, schlug ich vor, dass Jairo mir doch tagsüber bei der Arbeit helfen könnte, zumal wir dann auch mehr Gemeinschaft haben könnten. So brachte ich ihm bei, wie man Heizkörper lackiert, und immer wenn mal der Meister (Claus) zu Besuch kam, hatte ich Jairo schnell weggeschickt, damit niemand merken sollte, dass er mir half. Doch Anfang August kam Claus auf eine andere Baustelle, wo ich gerade mit meinen Kollegen am Arbeiten war, und kündigte an, dass wir alle am Samstag arbeiten müssen, da es einen Terminauftrag gebe. Da ich jedoch ausgerechnet an diesem Samstag einen wichtigen Termin hatte, rief ich Claus zu, dass ich nicht könne. "Warum nicht?" fragte Claus. "Ich habe einen wichtigen privaten Termin, den ich schon einmal verschoben hatte." - "Wenn Du den schon mal verschieben konntest“, entgegnete Claus, "dann kannst Du ihn auch ein weiteres Mal verschieben!" Ich entrüstete mich und erwiderte mit Verbitterung: "Dann müssen aber auch alle Meister am Samstag mitarbeiten, sonst wäre das ungerecht!" Darauf rief Claus mich nach oben und schimpfte mit mir, dass ich nicht so frech vor allen Gesellen zu ihm reden dürfe, weil ich dadurch seine Autorität untergraben würde. Er kündigte mir an, dass er dies auch dem Chef melden müsse. Als ich am darauffolgenden Montag auf den Hof kam, wo alle Gesellen warteten auf ihre Zuteilung, kam der Chef mit seinem Mercedes vorgefahren, stieg aus und rief mich herzu. Er legte ein Papier auf die Motorhaube und bat mich, dieses zu unterschreiben. Zu meiner Überraschung las ich die Überschrift: "Kündigung"! Ich erschrak und mein Herz klopfte. "Warum?!?" fragte ich bestürzt. "Weil wir offensichtlich unterschiedliche Auffassungen haben, unter welchen Bedingungen z.B. auch mal am Wochenende gearbeitet werden sollte, aber auch andere Dinge, über die ich hier aber jetzt nicht reden will."

Eine Deutschlandreise mit vielen Emotionen

Meine Kündigung erwies sich im Nachherein als gar nicht so nachteilig, denn dadurch hatten John Jairo und ich unverhofft die Chance bekommen, im Sommer eine Besuchsreise bei Freunden in Deutschland zu machen (denn ich hatte noch keinen Urlaubsanspruch, da man diesen erst sechs Monaten nach Beschäftigungsbeginn erhalten kann). Mein Vorschlag war, in den Schwarzwald zu fahren mit Zug und Fahrrad, denn dort wohnten viele Gläubige, die ich noch von früheren Besuchen kannte, u.a. mein Freund Friedrich Botesz (37). So fuhren wir am Freitag im Nachtzug nach Karlsruhe und von dort aus am Samstagmorgen mit dem Fahrrad über Karlsbad nach Straubenhardt-Schwann, wo wir gegen 10.00 Uhr bei Friedrich ankamen. Da Jairo im Zug nicht gut geschlafen hatte, wollte er im Elternhaus von Friedrich sich noch mal für zwei Stunden hinlegen. Aber als wir ankamen, hatte Friedrich gerade einen ganz anderen Plan, denn er wollte mit uns zu einer Baustelle fahren, wo wir ihm beim Tapetenabkratzen behilflich sein sollten. Als ich dem Friedrich das Anliegen von Jairo mitteilte, zeigte dieser kein Verständnis dafür, sondern sagte: "Das ist ganz typisch für die Südländer: Wenn es ums Arbeiten geht, dann drücken sie sich lieber. Aber sie müssen lernen, dass wir hier in Deutschland am Tage arbeiten und uns nicht ausruhen. Schon im Wort Gottes heißt es: 'Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen'!" - Ich war mir nicht sicher, ob ich das dem Jairo übersetzen sollte. Als ich es aber dann doch tat, war Jairo tief verletzt und beleidigt, so dass er mir erwiderte: "Simon, sag dem Friedrich bitte, dass ich jetzt mitkommen werde, um bei der Baustelle zu helfen, aber dass ich jetzt nicht mehr in seinem Haus übernachten möchte, denn ich habe auch meinen Stolz und möchte diesem Rassisten zeigen, dass er sich irrt." So fuhren wir mit dem Fahrrad zur Baustelle, und ich versuchte auf Friedrich einzuwirken, dass er sich doch bei Jairo entschuldigen sollte für seine verletzenden Worte. Leider stieß ich bei Friedrich zunächst auf Granit, da er sich auch hier in seinen Vorurteilen bestätigt sah; denn auch das Beleidigtsein sah er als etwas besonders Typisches für die Südländer an, weil sie eben obendrein auch noch sehr stolze Menschen seien, die keine Kritik vertragen könnten.

So war am Vormittag erst mal eine ziemlich unterkühlte Stimmung. Gegen Mittag redete ich dann noch mal mit Friedrich, ob er nicht doch seine hartherzige Haltung gegenüber seinem Gast aufgeben wolle und verwendete alle möglichen Bibelstellen (selbst wenn ich sie für mich nicht mehr ganz so verbindlich ansah), um das schlechte Klima zu verbessern. Schließlich ließ sich Friedrich dann doch erweichen und bat Jairo um Vergebung. Jairo war erleichtert darüber, wollte aber dennoch lieber im Zelt übernachten, zumal er von der schönen Natur fasziniert war. Am Abend war ich also mit Friedrich allein auf seinem Zimmer und ich nutzte die Gelegenheit, ihm von meinem Glaubensabfall zu erzählen: "Friedrich, es gibt da etwas, dass ich Dir bekennen muss, von dem ich annehme, dass es Dich sehr erschrecken wird. Vielleicht wirst Du mir dann auch nicht mehr erlauben, bei Dir zu übernachten." - Friedrich: "Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass es etwas gäbe, dass ich Dich nicht mehr aufnehmen würde; da müsstest Du schon Satanist geworden sein!" Dann erzählte ich es ihm, aber so recht glauben konnte Friedrich es nicht. Ich hatte eher den Eindruck, dass er mich nicht so recht ernst nahm. Sein einziger Kommentar war, dass ich mich doch bitte in Zukunft immer hinsetzen möge auf der Toilette, da das Pinkeln im Stehen immer so spritze bei meiner Körpergröße.

Am nächsten Morgen wollten Jairo und ich quer durch den Schwarzwald zum 50 km entfernten Ort Altensteig-Spielberg radeln, denn dort wohnte die 13-köpfige Familie Burkhardt, die mit dem Bruder Hans-Udo verwandt war. Da wir sonniges Wetter hatten, gab es eine traumhaft schöne Aussicht. Als wir ankamen, setzten wir uns mit dem Hausvater Frieder an einen kleinen Tisch und unterhielten uns eine Weile über die heutige Christenheit. In diesem Moment kam ein bildhübsches Mädchen hinein und sprach kurz mit ihrem Vater. Jairo war völlig gefesselt von ihrer Schönheit und war wie erstarrt. Dann wurden wir zum Essen gerufen, so dass wir auch mal alle anderen, teilweise schon erwachsenen Töchter und Söhne der Familie sehen konnten. Noch immer war Jairo ganz gebannt von diesem etwa 17 Jahre alten Mädchen, und auch in dem anschließenden Gottesdienst drehte sich Jairo immer wieder zu ihr um, da wir ganz vorne saßen und sie ganz hinten. Als ich mich später mit ihrem Bruder Andreas Burkhardt darüber unterhielt, der in etwa mein Alter hatte und auf Lehramt studierte, erklärte er mir, dass seine Schwester wegen ihrer Schönheit eine ganze Menge Verehrer habe, sie aber bisher allen einen Korb gegeben hatte, da sie noch zu jung sei und zudem auch niemandes Beute oder Trophäe sein wollte. Genau das aber war es scheinbar, worum es dem Jairo ging, denn er flehte mich an, dass ich doch ein Foto von ihr machen möge. Ich tat ihm diesen Gefallen, aber just in dem Moment, als ich das Foto nahm, war gerade der Film zu Ende und die Filmrolle spielte wieder an den Anfang zurück. Aus dem Foto war also nichts geworden.

Anschließend besuchten wir einen kolumbianischen Bekannten von Jairo, der mit seiner deutschen Frau in einem Dorf nahe Stuttgart lebte. Aus diesem Anlass bereiteten sie am Abend ein üppiges Festessen und luden dazu noch weitere Kolumbianer ein, so dass es eine Party wurde, die weit in die Nacht andauerte. Während er sich stundenlang mit seinen (ungläubigen) Freunden amüsierte, merkte ich, dass Jairo durch und durch ein Weltmensch war, der sich in Gemeinschaft mit anderen Weltmenschen pudelwohl fühlte. Aber obwohl ich ja inzwischen auch nicht mehr gläubig war, hatte ich nichts mit ihnen gemein. Es war einfach nicht meine Welt, und ich fürchtete, dass dies auch nie meine Welt werden würde. Spät in der Nacht fragte ich Jairo, ob er mit mir mal einen Spaziergang machen würde, weil ich mit ihm sprechen wollte. Wir gingen in der sternenklaren Nacht dieses Spätsommers einen Feldweg hoch, und ich erklärte Jairo, dass ich von ihm doch ziemlich enttäuscht sei, weil er sich wirklich in nichts unterschied von den Weltmenschen der übelsten Sorte. Jairo versuchte verzweifelt, sich zu rechtfertigen, dass er sich doch anpassen müsse, um sie nicht vor den Kopf zu stoßen etc. Ich erinnerte ihn an Spr. 1 "Wenn Sünder dich locken, so willige nicht ein...", und wir sprachen darüber, in wie weit die moralische Weisheit der Bibel auch heute noch verbindlich sein sollte. Dann legten wir uns auf dem Boden, um den Sternenhimmel zu betrachten und philosophierten weiter über Fragen, wie z.B.: Muss Gott unbedingt ein guter Gott sein oder wäre es auch denkbar, dass er ein böser Gott sein könnte etc. Und da war Jairo wieder ganz der Freund, den ich mir gewünscht hatte.


Oktober - Dezember 1996

Mein Geständnis gegenüber Ruth

Inzwischen hatte Bruder Hans-Udo einen Kandidaten für die Nachfolge als Kinderheimleiter gefunden. Wir hatten uns deshalb für Anfang November in Ecuador verabredet, um über den Hausverkauf und all die Details vor Ort zu sprechen. Mein Flug ging aber schon am 09.10.96, so dass ich noch ein wenig bei Ruth und Rebekka in Lima sein konnte. Ein Problem war Jairo, der inzwischen fest entschlossen war, seinen Rückflug für Ende September einfach verfallen zu lassen, um für immer in Deutschland zu bleiben. Da ich ihn immer noch für meinen Freund hielt, überließ ich ihm einfach unsere Wohnung für die nächsten drei Monate und gab ihm die Schlüssel. Statt jedoch nach einer seriösen Arbeit zu suchen, traf er sich noch ein zweites Mal mit jenem Schwulen und kam wieder erst sehr spät in der Nacht nach Haus. Nach meiner Abreise erfuhr ich später von ihm, dass er einen Anruf von der Ausländerbehörde erhielt, weil sie irgendwie mitbekommen hatten, dass er seinen Rückflug nicht angetreten hatte. Sie gaben ihm zwei Wochen Zeit, sein Ticket umbuchen zu lassen und drohten ihm damit, ihn durch die Polizei zur Fahndung ausschreiben zu lassen, sollte er beabsichtigen, in Deutschland unterzutauchen. Da bekam Jairo weiche Knie, ließ sein Ticket umbuchen, packte seine Sachen und flog Ende Oktober zurück nach Kolumbien.

Als ich am 09. Oktober abends in Lima ankam, stand die gesamte Familie meiner Frau am Flughafen. Rebekka war inzwischen schon ein Jahr alt, und ich freute mich sehr, sie wieder zu sehen. Doch als ich sie auf den Arm nahm, fing sie sofort an, zu schreien, denn für sie war ich ja ein fremder Mann. Es würde einige Monate dauern, bis sie sich wieder an mich gewöhnte. Wir nahmen uns ein Sammeltaxi, wo ein Großteil von uns (10 Personen) mit Ach und Krach hineinpasste (manchmal sitzen die Peruaner sogar zu zweit auf dem Beifahrersitz. Nachdem wir meinen Koffer und Handgepäck in Ruths Elternhaus gelassen hatten, gingen wir erst einmal gegenüber der Avenia Mexico in unser Lieblingsrestaurant und bestellten Hähnchen mit Pommes, um meine Ankunft zu feiern. Am darauffolgenden Sonntag waren fast alle Geschwister aus Lima im Gottesdienst versammelt und freuten sich, dass die Familie Poppe-Condori jetzt wieder vollständig zusammen war. Ich hielt wie immer eine Predigt, und keiner ahnte, dass bald schon nichts mehr so sein würde, wie es war.

Spät am Abend lag ich mit Ruth im Bett, und wir unterhielten uns über all das, was in der Zwischenzeit geschehen war. Ruth berichtete, dass sie ihr Studium der Tiermedizin inzwischen erfolgreich beendet habe und demnächst auch ihre Urkunde erhalten würde. Als nächstes sei nun ihre Doktorarbeit dran, wobei sie sehr unter Zeitdruck stehe, denn sie müsse diese innerhalb der nächsten zwei Monate fertigstellen, da das von ihr vorgeschlagene Thema nur bis zum Ende dieses Semesters Gültigkeit habe und sie bei nicht rechtzeitiger Abgabe noch einmal ganz von vorne anfangen müsse. Zudem habe ihr Doktorvater Rojas ihr gegenüber Andeutungen gemacht, dass Ruth sich lieber gleich ein anderes Thema wählen sollte, da er als Direktor des Parasitologischen Instituts von Peru noch nie von einer Kokzidienart namens Caryospora gehört habe, dass es diese auch in Greifvögeln geben solle. Seines Wissens nach habe man diese bisher nur in Schlangen festgestellt und auch nur in Europa. Sollte Ruth also den Nachweis erbringen, dass es diese Parasitenart auch in Greifvögeln Perus gebe, dann wäre das eine kleine Sensation. Würde sie jedoch nur bestätigen, dass es diese Art tatsächlich nicht in Peru gebe, dann hätte ihre Doktorarbeit nur einen geringen Wert. Ruth bat mich darum, dass ich ihr aufgrund der Kürze der Zeit unbedingt bei der Doktorarbeit helfen möge, indem ich die Texte für den Literatur-Teil vom Englischen und Deutschen ins Spanische übersetze. Sie hingegen würde sich hauptsächlich um die Laborbefunde kümmern und ihre Ergebnisse dann mit eigenen Worten beschreiben.

Während ich ihren Erklärungen lauschte, überlegte ich mir die ganze Zeit, wie ich ihr nun verständlich machen könnte, dass ich meinen Glauben verloren habe. Auf keinen Fall wollte ich es weiterhin für mich behalten, denn es war mir wichtig, dass Ruth und ich keine Geheimnisse vor einander hätten. Ich begann also ihr zu erzählen, wie ich in den ersten Monaten gelitten hatte, weil ich den Eindruck hatte, dass Gott nicht mehr zu mir rede. Dann berichtete ich ihr der Reihenfolge nach, was ich alles erlebt hatte und welche Gedanken mir dabei kamen. Schließlich bekannte ich ihr dann ganz offen, dass ich die Bibel nicht mehr als Wort Gottes betrachte, jedoch weiterhin an Gott glaube. Ruth fing an zu weinen und sagte zunächst nichts. Doch dann zog sie ihr Fazit: "Jetzt hast Du Gott verlassen, und als nächstes wirst Du auch mich verlassen!" Ich beschwichtigte sie sofort und beteuerte ihr, dass sich nie etwas an meiner Liebe zu ihr ändern würde, denn das sei doch etwas ganz anderes. "Das mag ja sein“, entgegnete sie, „aber Du wirst unsere gemeinsame Tochter in den Unglauben ziehen, und das kann ich absolut nicht zulassen, sondern ich muss meine Tochter vor Dir schützen!" - "Nein, auf keinen Fall, Ruthi!" antwortete ich, "Im Gegenteil verspreche ich Dir, dass ich Rebekka nie etwas erzählen werde von meinem Unglauben bis sie 18 Jahre alt ist. Wir werden sie beide im Glauben an Gott erziehen und mit ihr regelmäßig vor dem Essen beten und in die Gemeinde gehen. Ich bin auch völlig damit einverstanden, dass wir sie zur Freien Evangelischen Bekenntnisschule in Bremen schicken, wenn sie eingeschult wird. Denn ich lehne das Christentum ja gar nicht ab, sondern wünsche mir selber, dass Rebekka einmal gläubig wird!" - Ruth schaute mich misstrauisch an: "Ach, und wenn Du den Glauben für so wichtig hältst, warum willst Du dann selber nicht mehr glauben? Da widersprichst Du Dir doch!"- "Nein, ich würde ja selber auch gerne wieder glauben, aber ich kann es einfach nicht mehr. Ich habe nun einmal hinter den Vorhang geschaut, und jetzt bin ich vom Glauben zum Schauen gekommen. Ich weiß nicht, wie ich es Dir erklären soll." - "Du brauchst es mir nicht erklären, denn dies kann kein normaler Mensch verstehen. Ich will nur eines, und das ist, dass meine Tochter eines Tages gläubig wird. Und sollte ich irgendwann merken, dass Du sie heimlich beeinflusst, dann werde ich mich von Dir trennen, denn ich trage für unsere Tochter eine Verantwortung vor Gott!"

Vielleicht war es diese klare Ansage von Ruth, die in den Jahren danach bewirkte, dass ich um alles in der Welt bemüht war, mein Versprechen gegenüber Ruth einzuhalten. Es war nicht nur, weil ich sie liebte, sondern ich wollte ihr auch beweisen, dass auch ein Ungläubiger treu sein kann, ja vielleicht noch viel treuer als ein Gläubiger. Sollte Ruth doch irgendwann sich von mir scheiden lassen, aber ich würde mich nie von ihr scheiden lassen, obwohl ich es nach meiner neu gewonnenen Moral theoretisch durfte. Stattdessen wollte ich Ruth die Überlegenheit des aufgeklärten Denkens vor Augen führen, indem ich ihr zeigen wollte, dass Christen die Treue nicht für sich allein gepachtet hätten. "Wollen wir doch mal sehen", dachte ich bei mir "wer von uns beiden als erstes schwach wird und das Handtuch wirft. Ich werde es auf jeden Fall nicht sein!"

Ruths Doktorarbeit

Schon am nächsten Tag machten wir uns gleich an die Arbeit. Ruth erklärte mir nochmal, worum es bei der Doktorarbeit ging, dass man nämlich zunächst einen Überblick gibt über den bisherigen Erkenntnisstand, indem man sämtliche Forschungsergebnisse zum Thema in Kurzform mit eigenen Worten schildert und die entsprechenden Quellen dafür benennt. Dann käme als nächstes ein Kapitel namens "Material und Methode", in welchem man schildert, mit welchem Verfahren und welchen Hilfsmitteln man den zu untersuchenden Gegenstand erforschen möchte, um das Ergebnis dann im weiteren Kapitel ausführlich darzustellen. Schließlich kommt noch ein Kapitel, wo die Befunde zur "Diskussion" gestellt werden, wo es einem erlaubt ist, auch einmal frei eine Vermutung zu äußern, die aber gut begründet sein müsse. Ruth hatte für den Literatur-Teil eine ganze Menge Kopien aus Deutschland mitgebracht, z.T. sogar ganze Doktorarbeiten von anderen kopiert, und ich begann mit dem Übersetzen. Doch obwohl ich bald 10 Stunden am Tag daran arbeitete, kam ich kaum voran, weil mir der Durchblick für das Wesentliche fehlte. Schließlich stieß ich auf die Doktorarbeit eines gewissen Kutzer aus Deutschland, die nahezu so perfekt war, dass ich Ruth den Vorschlag machte, diese doch einfach 1 : 1 ins Spanische zu übersetzen, weil wir dadurch viel Zeit sparen würden, die ja ohnehin knapp war. Denn warum sollte man sich damit abquälen, alles mit eigenen Worten zu formulieren, wenn es doch schon so vollkommen und ausführlich dargelegt wurde wie hier. Zudem beträfe dies ja nur den Literatur-Teil, während die eigentliche Forschungsarbeit ja von Ruth selbst erbracht werde.

Ruth war damit einverstanden, und so übersetzte ich seitenlang die taxonomischen Darstellungen von Kutzer und seine ausführlichen Erklärungen dazu, die am Ende rund 60 % von Ruths Doktorarbeit ausmachten (normal sollten es eigentlich nur 20 % sein). Ruth wiederum korrigierte immer wieder mal grammatikalische Fehler in meiner Übersetzung oder bat darum, zusätzliche Ergänzungen aus anderen Texten einzufügen, sowie von Hand geschriebene Kommentaren von ihr, die ich dann wiederum digital einpflegte. Uns blieb nur noch eine Woche Zeit bis zur Abgabe, weshalb wir am Ende beide bis zu 16 Stunden am Tag daran arbeiteten, ich am Computer und Ruth in der Sichtung des Materials. Ruths Mutter Lucila versorgte uns zwischendurch mit Mahlzeiten und kümmerte sich um Rebekka. Als dann Ruth auch noch tatsächlich die einzelligen Caryospora-Parasiten im Kot von verschiedenen Greifvögeln im Zoo von Lima nachweisen konnte, waren wir sehr froh und erleichtert, denn jetzt hatte Ruth den Doktortitel schon so gut wie in der Tasche. Doch nun musste die Dissertation noch von verschiedenen Fachleuten und ihrem Doktorvater korrekturgelesen werden. Doch konnte eine solche Korrekturlesung viele Wochen und Monate dauern, da sie ja auch noch viel andere Arbeit auf dem Schreibtisch hatten. Wenn aber nicht alles bis Mitte Dezember fertig war, dann war alles umsonst, deshalb gab es jetzt nur noch die Möglichkeit, mit ein wenig Schmiergeld nachzuhelfen. Ruth klopfte also an die Tür von Prof. Dr. Rojas und erklärte ihm: "Herr Dr. Rojas, mir ist bewusst, welch ein Opfer es für Sie darstellt, wenn Sie meiner Doktorarbeit in der Reihenfolge der Begutachtung einen Vorrang einräumen. Deshalb möchte ich Ihnen anbieten, Sie für diesen Mehraufwand zu entschädigen, sofern es für Sie nicht eine Kränkung darstellen sollte." - Prof. Dr. Rojas reagierte allerdings keineswegs gekränkt, sondern hatte sogar eine eigens für solche Zwecke angefertigte, inoffizielle "Sondergebühren"-Tabelle, die sich nach der Eile eines Falles bemaß. Scheinbar war Ruth also nicht die erste, die um eine Vorzugsbehandlung ersucht hatte.

Krisensitzung in Ecuador

In der Zwischenzeit musste ich dann jedoch nach Ecuador reisen, wo mich schon Bruder Hans-Udo Hoster erwartete zusammen mit einem neuen, ledigen Kandidaten für die Kinderheimarbeit, namens Roman (ca. 35). Sie waren schon zwei oder drei Tage vor mir angekommen und beim Bruder Jorge Calvache beherbergt. Als ich ins Zimmer kam, war gerade eine ziemliche Krisenstimmung und Hans-Udo klärte mich auf, dass sich mittlerweile ziemlich viele Probleme ergeben hätten. Worum es im Detail ging, weiß ich nicht mehr, aber im Prinzip war es vor allem die Uneinigkeit unter den Geschwistern und die Eigenmächtigkeit in Bezug auf die Verwendung der Spendengelder. So hatte Jorge, der ja ein Elektriker war mit eigener Firma, überall im Haus alle 2 m eine Steckdose anbringen lassen und sich diesen unsinnigen Aufwand von den Spendengeldern bezahlen lassen. Hans-Udo sagte damals: "Als hätte er die neuen Büroräume einer Computerfirma damit ausstatten wollen! Dabei geht es doch hier lediglich um ein Kinderheim."

Und dass Nelson sämtliche Wände der oberen Etage wegreißen ließ, um - wie er sagte - die Kinder besser im Blick haben zu können, war ja noch einigermaßen sachlich begründet; aber warum er den 3 qm großen Balkon aus Teakholz einfach entfernen ließ ohne mich zu fragen, hatte mich ziemlich geärgert. Er sagte nur: "Aber ich hatte Ihnen das doch geschrieben, dass ich das machen wolle, und Sie hatten keinerlei Einwände." - Ich antwortete: "Wenn ich mal nicht reagiere, muss das nicht bedeuten, dass ich damit einverstanden bin, sondern lag in diesem Fall nur daran, dass Sie sich immer so übertrieben akademisch ausdrücken, dass ich nicht immer alles verstehe, was Sie mir in Ihren vielen Briefen schreiben. Hätten Sie mich aber gefragt, dann hätte ich dem nicht zugestimmt, denn vorher sah es viel schöner aus." - Hinzu kam, dass Nelson behauptete, er würde von uns noch ziemlich viel Geld kriegen, da er angeblich immer wieder in Vorleistung gegangen sei. Eine prüfbare Übersicht über alle bisher getätigten Leistungen und Ausgaben konnte er uns jedoch nicht vorlegen, zumindest keine nachvollziehbare. Hans-Udos Fazit von der Sitzung: "Das Schiff droht zu sinken und es ist kein Land in Sicht."

Nach zwei Stunden Besprechung machten wir uns zu Fuß auf dem Weg zum Haus von Bruder Galo Granados, der uns zum Abendessen eingeladen hatte. Ich ging mit Hans-Udo getrennt von den anderen hinterher und wollte die Gelegenheit nutzen, um Hans-Udo zu bekennen, dass ich nicht mehr gläubig sei. Ich erklärte es so ausführlich und behutsam, wie ich konnte, und Hans-Udo hörte nur still zu und sagte nichts. Doch auf einmal blieb er stehen, holte seine Brieftasche hervor und nahm jenes Foto heraus, auf dem ich nackt war und fragte mich, warum ich ihm das geschickt habe. Als ich es sah, erschrak ich und beteuerte, dass ich ihm das wirklich nicht geschickt habe, denn warum sollte ich das tun, und dass es mir kaum erklärlich sei, wie er an dieses Foto gekommen sei. Doch dann fiel mir Jairo ein, und mit welch einer Skrupellosigkeit er sich auch schon andere Scherze erlaubt hatte. Nach vielen weiteren Unschuldsbeteuerungen glaubte mir Hans-Udo schließlich.

Der Umstand, dass ich nun auch noch meinen Glauben verloren hatte, war für Hans-Udo nun das endgültige Signal, dass er mir nicht mehr vertrauen durfte. Aber ich war ja ohnehin nicht mehr Teil dieses Projektes, deshalb ging es ihm nun darum, den neuen Kandidaten Roman als Nachfolger einzuweisen. Wir fuhren also nach Laurel aufs Land, um dem Bruder das Haus zu zeigen. Auf dem Weg, legte mir Hans-Udo einen "Abwicklungsvertrag" vor, den er tags zuvor mit der Hand geschrieben hatte und wollte diesen mit mir besprechen, damit ich ihn dann am Schluss unterschreibe. Darin ging es nicht nur um den Verkauf des Hauses und Grundstücks zum Selbstkostenpreis, sondern auch darum, dass ich mich im Falle des Scheiterns des Projektes dazu verpflichten solle, dem Verein die gespendeten Gelder wieder zurückzuzahlen. "Aber, Hans-Udo“, sagte ich, "warum willst Du mich denn alleine dafür verantwortlich machen, wenn das Projekt scheitern sollte? denn wir haben doch alle dabei die Verantwortung getragen!" - "Nein, das tue ich gar nicht, und es geht auch gar nicht darum, wer daran die Schuld tragen würde, sondern es geht einzig und allein darum, dass Du der Nutznießer wärest, denn Dein Haus ist ja dann auf Kosten der Spender zuende gebaut worden. Und da versteht es sich doch von selbst, dass Du die Spender dann auch entschädigen musst. Schließlich haben sie im Vertrauen auf einen Erfolg des Kinderheims ihr Geld gespendet." - "Ja, aber wer etwas investiert, der geht auch immer das Risiko ein, dass es am Ende eine Fehlinvestition war. Für ein Scheitern kann man mich aber dann nicht alleine haftbar machen, denn ich habe ja auch nie einen Erfolg versprechen können. Abgesehen davon ist für das Geld ja nicht nur mein Haus renoviert worden, sondern auch die Stiftungsgründung bezahlt worden samt all den Schmiergeldern. Ich selber hätte das Geld ja sonst nie für diesen Zweck ausgegeben." - "Simon, mich erschrickt, wie Du Dich hier gerade aus der Affäre ziehen willst! Du warst es doch, der uns um Unterstützung bat, und ich habe nur nach Möglichkeiten gesucht, Deine Idee auch erfolgreich mit Gottes Hilfe umzusetzen. Jetzt aber, wo alles auf der Kippe steht, willst Du Deine Hände in Unschuld waschen und die vielen Spender leer ausgehen lassen. Du weißt, dass ich Dich nie vor einem weltlichen Gericht verklagen würde, aber vor Gott wirst Du auf jeden Fall einmal Rechenschaft ablegen müssen, auch wenn Du das vielleicht inzwischen nicht mehr glaubst." - "Hans-Udo, ich finde es schlimm, dass wir jetzt schon so reden, als würde das Projekt ohnehin scheitern. Das wissen wir aber doch noch gar nicht. Und wenn das so käme, dann würde ich auf jeden Fall die Hälfte der Ausgaben in Raten zurückerstatten. Aber alle Kosten aus eigener Tasche zu bezahlen, sehe ich wirklich nicht ein, denn Du hast auch viele Entscheidungen getroffen, ohne mich zu fragen. Lass uns aber doch jetzt nicht um Geld streiten, sondern lieber zusammen dafür kämpfen, dass wir den Karren noch gemeinsam aus dem Dreck ziehen, damit es weiter gehen kann." - "Ja, das hoffen wir beide, und wir wollen uns ja auch nicht streiten. Aber Du musst auch verstehen, dass das Ganze ein gewisses Geschmäckle hat, wenn Du Dein Haus von Spendengeldern renovieren lässt und dann am Ende sagst: Tut mir leid, dass die Idee mit dem Kinderheim nicht funktioniert hat, aber trotzdem danke nochmal für das Geld!" Da hatte er recht, deshalb sagte ich nichts mehr.

Ein Ende mit Schrecken

Hans-Udo und sein Begleiter blieben noch etwa eine Woche in Ecuador und flogen dann wieder zurück nach Deutschland. Später erfuhr ich, dass der Bruder Roman, dieser neue Hoffnungsträger, die Mitarbeit am Ende ablehnte, jedoch nicht deshalb, weil er sich mit der Aufgabe überfordert sah, sondern weil er in einer bestimmten Lehrfrage mit Hans-Udo nicht einer Ansicht war, diese aber für ihn von so großer Bedeutung war, dass er es als unerträglich ansah, diese beim Hans-Udo einfach zu tolerieren. Ich nehme an, dass spätestens an dieser Stelle Hans-Udo endgültig erkannte, dass die Arbeit nicht mehr unter dem Segen Gottes stand und all unsere Mühe vergeblich war. Das Scheitern des Projektes habe ich später oft mit dem Tempelbau Salomons verglichen, denn auch dieser geschah ursprünglich aus reinen Motiven, so dass Gott sich im Anfang noch dazu bekennen wollte und konnte. Als aber immer mehr der Name des HErrn in Gefahr geriet, verlästert zu werden vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt, sah der HErr sich genötigt, zum Schutz Seines Namens sich vom Tempel des HErrn zurückzuziehen.

Ich hatte in jenen Tagen in Guayaquil bei Bruder Abraham Mora (24) gewohnt, der inzwischen verheiratet war und ein kleines Kind hatte. Er arbeitete tagsüber als Lehrer, verdiente aber dadurch so wenig, dass er nachts noch als Taxifahrer arbeiten musste, um sich und seine Familie über Wasser halten zu können. Da er mich in jener Zeit immer kostenlos von einem Ort zum anderen gefahren hatte, gab ich ihm am Ende eine größere Spende als Ausgleich. Er bot mir am letzten Tag an, mich zum Flughafen zu bringen, aber ich wollte mich zuvor noch von Bruder Nelson verabschieden. Er hielt also an in der Straße Rosendo Avilez y la 40. und ich ging zu Nelson hinein in seine bescheidene Behausung. Nelson wollte mich jedoch noch einmal daran erinnern, dass ich ihm noch Geld schulden würde aus der Immobilienvermittlung. Als er mir dann die Forderung nannte, fiel ich fast in Ohnmacht und widersprach ihr aufs Heftigste, weil ich davon ausging, dass er dieses Geld doch längst bekommen hatte. Wir diskutierten dann bald eine halbe Stunde, aber weil ich mit ihm in Frieden auseinandergehen wollte, einigten wir uns schließlich in der Mitte.

Ich wollte dann gerade aufstehen, um mich von ihm zu verabschieden, da machte Nelson das nächste Fass auf und erklärte mir, dass er auch noch eine weitere Provision von mir zu erhalten habe, und zwar für das Haus in Laurel und nannte mir eine Summe von etwa 2.500,- DM. Da konnte ich mich leider nicht mehr beherrschen und schimpfte mit ihm laut, wie er denn auf solch eine Idee käme, zumal er doch schon reichlich Geld für all seine angeblich unzähligen Wege von mir bekommen hätte, samt Verpflegung etc. Daraufhin Nelson: "Ja, Sie haben mir die Unkosten erstattet, aber vergessen Sie bitte nicht, dass wir eine Vereinbarung hatten, dass ich für jedes erfolgreiche Immobiliengeschäft auch noch eine Provision von 10 % des Verkaufspreises erhalten würde. Für Ihr Haus hatten Sie etwa 15.000,- zzgl. der 10.000,-DM an Nebenkosten bezahlt. Entsprechend steht mir für die Vermittlung des Hauses noch eine Provision von 2.500,- DM zu." - "Aber Bruder Nelson, die 10 %-Vereinbarung mussten ja nur unsere Kunden zahlen, und wir haben sie dann unter uns zur Hälfte aufgeteilt. Aber selbstverständlich kann dies doch nicht auch für mein Haus in Laurel gelten, denn dieses hatte ich ja schon gekauft, bevor wir überhaupt mit der Immobilienvermittlung begonnen hatten!" - "Ja, aber ich war es doch, der Ihnen dieses Haus damals vermittelt hatte, also steht mir hierfür auch nachträglich noch eine Vermittlungsgebühr zu" - "Nein! denn ich hatte Ihnen damals auch all Ihre Unkosten erstattet. Sie sagen ja selber, dass ich Ihnen insgesamt 8.000,- bis 10.000,- DM zusätzlich zum Kaufpreis geschickt habe. Das waren ja sicherlich nicht alles nur Notar- und Katasteramtskosten, sondern auch Ihr Lebensunterhalt für viele Monate!" - "Aber was ist mit meinem Arbeitsausfall?! Ich bin schließlich selbstständig und konnte in der Zeit, in welcher ich für Sie die ganzen Behördengänge gemacht habe, keine Aufträge annehmen. Man spricht hier von entgangenem Gewinn." - "Das hätten wir aber vorher vereinbaren müssen, und ich hätte mich nie darauf eingelassen, sondern mir jemand anderes gesucht, wie z.B. Dr. Galo Granados. Der hätte dies alles sicher ohnehin alles viel kostengünstiger gemacht als Sie!" Inzwischen hatten Nelson und ich uns schon so hitzig und laut gestritten, dass Abraham von draußen den Streit gehört hatte und ins Haus gekommen war, um zwischen uns zu schlichten. Nelson versuchte nun, Abraham für sich zu vereinnahmen, indem er - anstatt direkt mit mir zu reden - sagte: "Versuch Du doch mal dem Bruder Simon zu erklären, dass...", "Simon versteht nicht, dass..." Am Ende stand ich auf und rief: "Sie können sagen, was Sie wollen, aber ich werde Ihnen ohnehin keine Provision bezahlen, das können Sie sich abschminken!" Nelson ging mir wütend hinterher und beschimpfte mich fortlaufend, während ich zu Abraham ins Auto stieg. Keine Verabschiedung, kein Segenswunsch, kein gemeinsames Gebet zum Schluss, kein gegenseitiges Bedanken für die gemeinsamen Jahre der Freundschaft - schlimmer hätte es nicht kommen können. Erst acht Jahre später besuchte ich Nelson noch mal zusammen mit Ruth kurz vor seinem Tod, und es kam dann doch noch zur Versöhnung.

In den letzten Tagen unseres Aufenthalts in Peru verbrachte ich viel Zeit mit Rebekka, die inzwischen der absolute "Star" unter den Kindern von Matute geworden war. Besonders zwei Schwestern aus der Nachbarwohnung im Alter von 9 und 11 Jahren wollten unentwegt mit Rebekka spielen. An einem Nachmittag ging ich mit Rebekka im Kinderwagen in der Innenstadt von Lima spazieren. Während ich gerade meinen Gedanken nachhing, hatte sich ein Taschendieb von hinten an mich herangeschlichen und schob blitzschnell seine Hand in meine linke Hosentasche und zog sie wieder heraus. Ohne nachzudenken hatte ich wie aus einem Reflex nach hinten gegriffen und bekam den Dieb zufällig am Arm zu fassen. Und wiederum aus dem gleichen Reflex heraus schlug ich ihm immer wieder mit der Faust auf seinen Rücken, bis er mich anflehte, von ihm abzulassen, was ich auch tat. Erst da bemerkte ich, dass es sich um einen etwa 30 Jahre alten, leicht korpulenten Mann handelte, der auf einmal davonlief. Das Ganze hatte vielleicht nur 7 Sekunden gedauert und ich schob den Kinderwagen weiter, als ich plötzlich einen Schock erlitt. Die Passanten um mich herum hatten alles beobachtet und schauten mich nun an. Ich aber war ganz durcheinander und musste mich erst mal auf eine Bank setzen, um mich zu beruhigen. Was wäre, wenn der Dieb eine Waffe besessen hätte? War es nicht leichtfertig, ihn einfach zu verprügeln? Und wo ist jetzt eigentlich mein Portemonnaie? Zum Glück war es in meiner rechten Hosentasche!

Ruth hatte unterdessen erfahren, dass ihre Doktorarbeit anerkannt und sogar eine besondere Auszeichnung erhielt. Später wurde sie dann auch noch in ein Kompendium aufgenommen, d.h. ein wissenschaftliches Fachbuch zu verschiedenen Parasitenarten in Vögeln und Kriechtieren. Um nun auch offiziell ihren Doktortitel zu erhalten, musste Ruth noch viele Wege machen, u.a. auch ihre Dissertation als Buch drucken lassen, damit es auch den Universitätsbibliotheken zur Verfügung stand. In einer kleinen Feierstunde wurde Ruth dann ihre Urkunde überreicht, die ihr von nun an das Recht gab, als selbstständige Tierärztin in Peru arbeiten zu dürfen. Wenigstens hatte also Ruth bei all ihrem Bemühen am Ende Erfolg, so dass unsere Reise nicht ganz umsonst war, sondern es am Ende doch noch einen Grund zur Freude gab. Um uns von den ganzen Anstrengungen zu erholen, fuhren wir Mitte Dezember auch zum ersten Mal nach Machu Picchu, der sagenumwobenen Inkastadt die tief versteckt im peruanischen Urwald mitten auf einer Bergspitze erbaut wurde und erst 1911 durch Zufall von einem amerikanischen Abenteurer entdeckt wurde. In der nahe gelegenen Stadt Cuzco, der damaligen Hauptstadt der Inkas, sahen wir auch die Ruinen von Sacsayhuamán, einer Festung, erbaut aus tonnenschweren Felsen, die so exakt an einander angepasst wurden, dass nirgendwo mehr ein Blatt Papier dazwischen passt.

Als wir wieder in Lima ankamen, erfuhren wir aus den Nachrichten, dass eine Gruppe von Terroristen der MRTA (Movimiento Revolucionario Tupac Amaru) am 17.12.96 die japanische Botschaft in Lima anlässlich einer Feier überfallen hatten und dabei 483 Geiseln nahmen, darunter Abgeordnete, Minister, Botschafter etc.), um auf diese Weise 400 ihrer gefangenen Mitkämpfer freizupressen, wie es damals auch die RAF im Herbst 1977 tat. Erst vier Monate später am 22. April 1997 gelang es einem Spezialkommando, fast alle Geiseln lebend zu befreien, wobei alle 14 Terroristen umkamen. Ein Jahr später kam heraus, dass die verhafteten Terroristen auf Befehl von Präsident Fujimori standrechtlich erschossen wurden, was schließlich zur Amtsenthebung des Präsidenten führte. Überhaupt wurde nach und nach bekannt, dass Präsident Fujimori im Kampf gegen den Terrorismus keineswegs zimperlich vorging, sondern absolut skrupellos. Als Jahre später durchsickerte, dass er während seiner Amtszeit auch mindestens zwei Massaker an 25 verdächtigen Studenten angeordnet haben soll, sowie sämtliche Politiker bestochen und mit heimlichen Videos zum Schweigen erpresst hatte, wurde er 2007 verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. Um die Armut im Gebirge zu beseitigen, ließ er 1998 auch sämtliche Indiofrauen im Gebirge zwangs-sterilisieren. Für viele Peruaner (inkl. meiner Frau) ist er jedoch trotzdem einer der besten und erfolgreichsten Präsidenten, die Peru in den letzten Jahrzehnten hatte.

Kurz vor unserer Rückkehr nach Deutschland schenkte uns Carmen, die Schwester von Ruths Freundin Raquel, zum Abschied einen jungen Papagei, den sein Besitzer durch die Klospülung töten wollte, weil dieser zu schwach war. Carmen hatte ihn angefleht, ihn doch am Leben zu lassen. "Lolli" war nur 10 cm lang, aber wir fragten uns, wie wir ihn so kurz vor der Abreise problemlos nach Deutschland mitnehmen könnten. Auf legalem Wege war dies unmöglich. Aber wir wollten ihn unbedingt behalten und so gab Ruth ihm für die Flugreise ein Beruhigungsmittel, damit er nicht im Flugzeug anfange zu Zschiepen. Ich steckte ihn in den Hohlraum meiner Gürteltasche und zog meinen Pullover darüber. Zunächst lief auch alles glatt während des 15-stündigen Fluges. Doch als wir in Amsterdam ankamen, bemerkte ein Zollbeamter meine Gürteltasche und bat mich, auch diese aufs Fließband zu legen, damit deren Inhalt durch den Röntgenscanner kontrolliert werden könne. Das Herz schlug mir bis zum Hals, aber ich ließ mir nichts anmerken. Als ich durch den Körperscanner hindurch gegangen war, schaute ich auf der anderen Seite auf das Fließband, wo meine Sachen waren. Aber die Gürteltasche war nicht mehr da! Jemand hatte sie vom Band genommen. Jetzt waren wir geliefert, dachte ich. Aber zum Glück war es Ruth selbst, die sie schnell wieder runtergenommen hatte. Sie hatte nämlich den Monitor in der Zwischenzeit beobachtet und sah unseren "Lolli", wie er sich in der Tasche sogar ein wenig bewegt hatte, aber ausgerechnet in dieser Sekunde war der Kontrolleur kurz abgelenkt und hatte nicht hingeschaut. So konnten wir schließlich unseren Papagei unbemerkt nach Deutschland mitnehmen, wo er uns die nächsten 10 Jahre begleiten sollte. Wir feierten mit meiner Mutter traditionsgemäß Weihnachten und mit unseren Freunden Jochen und Raquel Silvester. Von letzteren erfuhren wir auch, dass jetzt Raquel ebenfalls schwanger geworden war. Und inzwischen hatte auch meine Schwester Anna (30) einen Freund gefunden, der mit seinem runden Kopf, seinen Strubbelhaaren und seinem kurzen Vollbart aussah wie ein Teddybär. Die beiden passten wirklich gut zueinander, weil beide eher introvertiert und menschenscheu sind. 18 Monate später heirateten sie.

 Januar - März 1997

Mein Vater

Nach unserer Rückkehr aus Peru waren wir finanziell erst einmal wieder völlig ausgebrannt, so dass unser Vater Gregor (54) uns erst einmal wieder unter die Arme greifen musste. Als "Gegenleistung" durfte er aber so oft er wollte bei uns ein- und ausgehen. Von diesem Angebot machte er denn auch regen Gebrauch, so dass wir ihn allmählich als Teil unserer kleinen Familie ansahen. Meistens lag er einfach still im Wohnzimmer und las Zeitung. Er war völlig anspruchslos, nahm aber gerne an unseren Mahlzeiten teil. Wir litten mit ihm an der Trennung von meiner Mutter, die inzwischen schon über ein Jahr zurücklag und ermutigten ihn, geduldig auf sie zu warten, bis sie wieder Liebe für ihn empfände. Auch auf meine Mutter wirkten wir immer wieder ein, dass sie sich doch wieder mit ihm versöhnen möge. Aber sie sagte nur, dass sie es schon oft genug versucht habe, aber inzwischen einfach keine Kraft mehr habe, da er sie mit seiner übertriebenen Sparsamkeit und seinem taktlosen Sarkasmus all die Jahre schon tyrannisiert habe.

In der Tat war mein Vater sehr sparsam. Einmal nahm er sich vor unseren Augen eine gefrorene Pizza aus dem Eisschrank, machte die Folie weg und biss hinein; während er auf der gefrorenen Pizza kaute, sagte er: "Ist alles 'ne Sache des Willens!" Und einen solch eisernen Willen hatte mein Vater schon immer gehabt. Schon sein Vater Bruno (geb. 1891), ein überzeugter Nazi und Träger des Eisernen Kreuzes wegen guter Verdienste im 1. Weltkrieg, hatte meinen 50 Jahre jüngeren Vater von klein auf mit dem Rohrstock erzogen und ihm ins Lebensbuch geschrieben: "Lerne, übe, leiste was! - dann bist du, dann hast du, dann kannst du was!" Nach seiner Schlosserlehre wollte mein Vater dann mit 17 Jahren 1958 mit dem Fahrrad nach Tokyo fahren, er kam aber nur bis Rosenheim nahe der österreichischen Grenze. Großvater Bruno wollte, dass er sein Technikum machte, aber dann verliebte er sich in meine Mutter Renate, die damals in der Ausbildung zur Krankenschwester war. Ihr zuliebe brach er sein Studium ab und machte ebenfalls eine Ausbildung zum Krankenpfleger, um ihr nahe zu sein. Mein Opa sagte damals zu ihm: "Wenn du diese hässliche Vogelscheuche heiratest, dann bist du nicht mehr mein Sohn!" Diese Androhung machte er dann wahr, als meine Eltern 1965 heirateten und hielt sie stur durch bis zu seinem Tod 1979. So nahmen an der Hochzeit meiner Eltern nur zwei Gäste teil: mein Opa Fritz, der Vater meiner Mutter, und mein Onkel Detlef, der Bruder meines Vaters. Meine Großmütter habe ich nie kennengelernt, weil sie schon früh verstarben.

Schon in ihrer Verlobungszeit zeigte mein Vater zu meiner 1,80 m großen Mutter oftmals wenig Taktgefühl. Als sie mal im Park spazieren gingen und er seinen Schulfreund Zweibrück traf, stellte er ihm meine Mutter vor, indem er sagte: "Als ich zum ersten Mal Renates kräftige Beine sah, bin ich um sie herumgegangen wie um einen Weihnachtsbaum und habe sie für gut befunden." Als Zweibrück ihr dann die Hand gab, fügte mein Vater hinzu: "Handschuhgröße 10". Da bekam er von meiner Mutter eine Ohrfeige. Auch später hatte er meine Mutter oftmals vor ihren Freundinnen blamiert, wenn er ihnen persönlichste Dinge über ihre Ehe erzählte, die nicht für fremde Ohren bestimmt waren. Wenn sie dann mit ihm schimpfte, dann lachte er nur laut und genoss es scheinbar, wie sie sich genierte.

In den ersten Jahren ihrer Ehe waren meine Eltern so arm, dass sie die ersten Jahre in einem feuchten Keller lebten in Bremen-Gröpelingen, wo auch wir Zwillinge geboren wurden. Als sie im Steintorviertel mal einen günstigen Wohnzimmertisch gekauft hatten, wollte mein Vater das Geld für eine Anlieferung sparen und sagte zu meiner Mutter: "Komm, Renate, fass an!" und dann trugen sie den Tisch quer durch Bremen zu ihrer 6 km entfernten Wohnung. Alles eine Sache des Willens. Durch seine Briefmarkensammel-Leidenschaft hatte mein Vater Freunde in der DDR, denen er regelmäßig heiß begehrte Produkte aus dem Westen in seinem VW-Käfer lieferte. Einmal wurde er erwischt, musste sich nackend ausziehen und sein Wagen wurde völlig auseinander genommen. Die in der Belüftung versteckten Devisen hatten sie dennoch nicht gefunden, was meinen Vater sehr stolz machte.

Seine eigenwillige und unkonventionelle Art kam uns als Kindern oftmals zu Gute: Als ein Nachbarjunge eines Tages mein neues Fahrrad stahl und ich dies meinem Vater meldete, schnappte sich mein Vater den Jungen, hielt ihn an den Beinen über Kopf und brachte ihn zu uns in den Keller, während dieser heulte und schrie. Dann fesselte mein Vater den Jungen vor meinen Augen an einen Stuhl und brüllte ihn an, dass er jetzt so lange hier warten müsse, bis die Polizei käme und ihn dann in ein Kinderheim bringen würde, wo er seine Eltern nie mehr wiedersehen würde. Er plärrte aus Leibes Kräften, bis mein Vater ihn irgendwann wieder befreite. Er würde jetzt sicherlich kein Fahrrad mehr stehlen. Einmal wurde ich von einem großen Jungen verprügelt und klagte dies vor meinem Vater. Er ging dann mit mir zu dem Jungen, hielt ihn fest und sagte: "So, Simon, jetzt schlag ihm ihn mal ordentlich in die Fresse... nochmal, das war zu schwach... so, und jetzt noch einmal richtig fest auf die Nase!" Der Junge heulte so sehr, dass er mir fast schon leid tat. Eine Frau aus dem Hochhaus, die das beobachtet hatte, rief herunter: "Wenn das mein Sohn wäre, dann hätte ich jetzt die Polizei gerufen!" Die Brutalität meines Vaters bekamen wir natürlich auch selbst manches Mal zu spüren. Als ich mich einmal mit meinem Bruder Marco zankte, kam mein Vater die Treppe hoch, schlug uns beiden wortlos mit aller Wucht ins Gesicht und ging wieder die Treppe runter. Er wollte einfach nur seine Ruhe haben und interessierte sich gar nicht für den Grund unseres Streits. Wir waren so geschockt, dass wir erst zeitverzögert anfingen zu heulen und zu schluchzen, vor allem wegen seiner Kaltherzigkeit.

Doch obwohl es meinem Vater gelang, das 1977 gekaufte Haus durch seine eiserne Sparsamkeit innerhalb weniger Jahre abzubezahlen, hatte mein Vater doch immer wieder den Eindruck, dass wir sein sauer verdientes Geld mit vollen Händen wieder ausgaben. So klopfte er immer wieder gegen die Badtür, wenn wir uns als Jugendliche beim Duschen in seinen Augen zu viel Wasser verbrauchten. Wenn er dann selber duschte, dann ließ er immer nur durch einen feinen Rinnsal seine Haut benetzen, so dass man wirklich nicht sagen konnte, dass er geizig sei, sondern nur sparsam, denn er gönnte sich auch selber nichts. Mitte der 80er Jahre fing mein Vater dann an, die Heizungen immer wieder herab zu drehen, denn in seinen Augen waren 21 C völlig übertrieben, sondern 18 C seien ausreichend. Als wir dann immer wieder die Heizungen auf Stufe 5 hochdrehten, begann ein "Heizungskrieg" zuhause. Immer wieder kamen wir von der Schule nach Hause und das Haus war völlig unterkühlt. Aber auch die Heizungen gingen nicht mehr, weil mein Vater die Zentralregelung im Wohnzimmer ausgeschaltet und die Wohnzimmertür abgeschlossen hatte. Wir gingen dann alle in die Küche und machten unsere Hausaufgaben bei geöffneter Backofentür, was letztlich auf Dauer ein Vielfaches an Strom verbrauchte.

Meine Mutter hatte sich Anfang der 80er Jahre emanzipiert und sich von den meist geschiedenen Freundinnen aus einer "Selbsterfahrungsgruppe" beschwatzen lassen, sich von meinem Vater scheiden zu lassen. 1983 machte meine Mutter deshalb in einem Familienrat mit uns 4 Kindern eine Abstimmung, wer denn für eine Scheidung sei und wer dagegen. Alle außer mir waren damals gegen eine Scheidung. Ein Jahr später, als ich inzwischen schon gläubig geworden war, wiederholte meine Mutter die Abstimmung. Diesmal war es genau anders herum: alle waren für eine Scheidung, nur ich war dagegen. Meine Mutter hatte es also geschafft, uns alle so sehr zu beschwatzen, dass am Ende fast alle auf ihrer Seite waren. Das lag auch daran, dass mein Vater so gut wie nie zuhause war, da er vier Berufe gleichzeitig ausübte: Morgens klebte er Werbeplakate, zwischendurch befüllte er seine Zigaretten- und Süßwarenautomaten und abends ging er dann ins Krankenhaus, um dort Nachtdienst zu machen. Und dann gab es noch einen Hausverkauf von Bier und Limonaden, den meistens meine Mutter oder wir für ihn ausführten, da er ja meist nie zuhause war. Durch das ständige Abstellen der Heizung fühlte sich meine Mutter schließlich so sehr gedemütigt und entmündigt, dass es eines Tages vor der Wohnzimmertür zu einem Handgemenge zwischen den beiden kam, in dessen Folge mein Vater am 23.05.1986 per Gerichtsbeschluss das Haus verlassen musste. Er wohnte dann ein Jahr lang auf einer Parzelle bis meine Mutter - die inzwischen gläubig geworden war - ihn wieder zurück nach Hause holte. Doch die Ehe meiner Eltern hing weiter am seidenen Faden, so dass meine Mutter sich dann im Frühjahr 1995 endgültig von ihm trennte und auszog.

Mein Vater hatte diese Trennung als dermaßen demütigend empfunden, dass er jahrelang darunter litt und sie sein häufigstes Gesprächsthema war. Und jetzt sah er, wie glücklich Ruth und ich miteinander waren und empfand sowohl Neid als auch Wehmut. Nun wollte er dies wieder gut machen, indem er uns umso großzügiger mit Unterstützung bedachte. Es war so, als würde er sein Leben nun durch mich weiterleben wollen, und so spendierte er mir den 4. als auch den 3. von insgesamt vier Lehrgängen der Meisterschule (Pädagogik und Wirtschaft), die ich von Januar bis März 1997 besuchte und erfolgreich bestand. Zwischendurch unternahm ich Fahrstunden und schaffte dann am 09.04.1997 endlich meinen Führerschein, nachdem ich zuvor zweimal durchgefallen war. Mit dem Geld meines Vaters kaufte ich mir dann auch meinen ersten Gebrauchtwagen, einen 12 Jahre alten Ford Taunus, den ich später von beige nach dunkelblau umlackierte. Allerdings wusste ich nicht, dass mein Vater jede einzelne Spende auf einen Zettel notierte und später es einmal von mir wieder zurückforderte, weil es aus seiner Sicht nur geliehen aber nicht geschenkt war. Ich zahlte es dann auch später über Jahre in Raten zurück.

"Wer ist Jesus für dich"?

Als ich im November 96 mit Hans-Udo Hoster in Ecuador war und ihm bekannt hatte, dass ich nicht mehr gläubig sei, fragte er mich: "Wer ist denn jetzt der HErr Jesus für dich?" Diese Frage konnte ich damals nicht beantworten, und ich war auch vier Monate später nicht dazu in der Lage. Mir war aufgefallen, dass ich zwar wusste, woran ich nicht mehr glauben konnte, aber ich konnte eigentlich noch gar nicht sagen, an was ich jetzt glaube. Hatte der HErr Jesus all das wirklich gesagt und getan, was in den Evangelien von Ihm gesagt wurde? Wenn Nein, dann muss sich dies alles ein unglaublich genialer Phantast ausgedacht haben, was kaum wahrscheinlich ist (Man denke nur an solche äußerst weisen Aussagen wie: "Wenn jemand dich auf die rechte Wange schlagen will, dann halte ihm auch die Linke hin" oder "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist" oder "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein"). Wenn Jesus diese Sätze aber wirklich gesagt hat, dann muss Er entweder doch das sein, was Er von sich sagt, nämlich der Sohn Gottes, oder aber Er müsste ein größenwahnsinniger Geisteskranker sein, der sich für Gottes Sohn hielt. Aber dies dem HErrn zu unterstellen, traute ich mich damals nicht.

In den letzten Monaten war ich viel zu sehr abgelenkt und fand keine Zeit, mich mit meinem neuen Glauben selber erst einmal ernsthaft auseinanderzusetzen. Aber wenn schon eine solch simple Frage mich völlig aus der Bahn warf, wie sollte ich mich dann in Zukunft mit anderen Gläubigen auseinandersetzen? Wie konnte ich behaupten, dass ich nach wie vor an Gott glauben würde, wenn dieser Glaube doch inzwischen überhaupt keine Grundlage mehr in der Schrift hatte? Man würde mir zu recht den Vorwurf machen, dass ich mir ein Wunsch-Gottesbild konstruiert hätte, da ich meinen Glauben auf keinerlei Beleg gründen würde. Jetzt, wo ich noch arbeitslos war, hatte ich Zeit, mir mal eine neue Argumentationsbasis anzueignen; aber dazu musste ich Bücher lesen, um mal zu sehen, wie andere Gelehrte und Theologen über diese Fragen dachten. Ich musste mir aus den vielen Ansichten anderer mal eine eigene Meinung bilden. So ging ich also in die Stadtbibliothek und fand ein Buch von Bertrand Russel mit dem Titel: "Warum ich kein Christ bin". Ja, genau das wollte ich ja wissen. Russel schrieb über Jesus, dass durch Seine Lehre von der Hölle viel Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit über die Welt gekommen sei, und dass man, würden diese Sätze wirklich von Ihm stammen, Ihn auch dafür verantwortlich machen müsste. Aber stimmt das? Konnte man Jesus für die Kreuzzüge und die Inquisition verantwortlich machen? Nein, denn Er hatte ja gar nicht erlaubt, Menschen zu töten. Aber wären die Menschen auch dann noch so unbarmherzig gewesen, wenn der HErr nie von einer Hölle oder einem Endgericht gesprochen hätte? Konnten die Menschen sich denn nicht auch Gott zum Vorbild nehmen, indem sie sich sagten: "Wenn Gott quälen darf, dann dürfen auch wir quälen!"?

Bertrand Russel schrieb auch über das sinnlose Streben des Menschen, das vergängliche Glück durch die Hoffnung auf ein ewiges Leben festhalten zu wollen. Einen Satz von ihm habe ich mir gelb markiert, weil ich ihn damals ziemlich gut fand: "Die wahre Liebe ist es auch dann noch, wenn sie vergeht, und auch das Leben und das Glück verlieren nicht ihren Wert, nur weil sie nicht ewig sind." Mit anderen Worten: Was ist so schlimm daran, dass das Leben vergänglich ist? Reichen denn nicht 80 Jahre aus, um genügend Glück im Leben erfahren zu haben? Was will der Mensch mit einem unendlich währenden Leben anfangen? Wäre es nicht geradezu ein Alptraum, wenn man in alle Ewigkeit immerzu einen geltungsbedürftigen Gott loben müsste, ohne noch irgendetwas anderes machen zu können/dürfen? Und welchen Sinn soll das haben? - Früher hätte ich mich nie getraut, mir solche Fragen zu stellen oder überhaupt solch ein Buch zu lesen, denn das war absolut tabu. Jetzt aber fühlte ich mich in meinem Denken frei und wollte wie René Descartes erst einmal alles in Zweifel ziehen, bevor ich wieder irgendetwas als gegeben voraussetzen wollte. Ganz allmählich dämmerte mir, dass der biblische Gott zu viele allzu menschliche Eigenschaften hatte, die Ihn aus meiner Sicht als echten Gott disqualifizierten. Stattdessen drang sich mir umso mehr der Verdacht auf, dass die Bibel nur ein Erklärungsversuch für das Unverstandene sei, dabei aber ein Gott beschrieben wurde, dessen Charakter in sich widersprüchlich sei und damit das ganze Konzept der Bibel nicht ausreichend durchdacht war. Wozu sollte Gott z.B. Rache üben wollen, wenn Rachegefühle doch eigentlich ein Zeichen von charakterlicher Schwäche sind? Und welchen Sinn sollte der Glaube machen, wenn Gott doch auch eindeutige Offenbarungen für alle Menschen hätte schenken können?

Ich nahm mir vor, einen Abschiedsbrief schreiben zu wollen, in welchem ich all meinen Glaubensgeschwistern die Gründe für meinen Abfall nennen würde, damit ich sie nicht immer in jedem Einzelfall wiederholen müsse. Doch zuvor musste ich erst einmal selbst mich mit Argumenten wappnen, um mögliche Schwachpunkte in meiner Beweisführung zu vermeiden. Dazu wollte ich mir aus der Bibliothek mehr Bücher zum Thema ausleihen und die Argumente prüfen lassen, indem ich sie in Briefen an die Brüder Hans-Udo und Bernd verwenden würde. Nach und nach würde ich dadurch feststellen können, welche Beweise wirklich stichhaltig sind, um sie dann in meiner Streitschrift verwenden zu können. Sollte es jedoch passieren, dass mir dabei ein Argument von Seiten des christlichen Glaubens begegnet, dem ich nicht widerstehen könnte, dann würde ich dies noch einmal zum Anlass nehmen, die Gründe für meinen Zweifel noch einmal anzuzweifeln und neu zu überdenken.

Ich war jetzt auch bereit, meiner Mutter und meinen Geschwistern meinen neuen Standpunkt zu bekennen, aber nicht mehr im Sinne eines gescheiterten Glaubens, sondern als eine - wie ich es tatsächlich sah - Weiterentwicklung des Glaubens auf eine höhere Stufe der Einsicht in die eigentlichen Absichten Gottes. Meine Mutter sollte nicht denken, dass ich jetzt weniger Glauben habe, sondern MEHR Glauben, weil ich nicht nur die sichtbaren Zeilen der Bibel verstanden habe, sondern nun auch zwischen den Zeilen lesen könne, was Gott eigentlich wolle. Vielleicht würde es mir gelingen, meine Mutter sogar für meine Sichtweise zu gewinnen. Und wenn nicht, dann solle sie wenigstens nicht betrübt oder enttäuscht sein, dass ich mich verändert habe. Tatsächlich hatte meine Mutter mein Bekenntnis mit Fassung aufgenommen. Meine Gedanken verstand sie nicht, aber sie war sich sicher, dass auch ich eines Tages bei Jesus im Paradies sein und Er mir dann alles recht erklären würde.

Nach und nach bekannte ich dann meinen beiden geistlichen Vätern Bernd Fischer und Hans-Udo Hoster, dass ich die Bibel für mich nicht mehr als Glaubensgrundlage anerkennen könne, da ich zu viele grundsätzliche Zweifel und unbeantwortbare Fragen im christlichen Glauben gefunden habe. In vielen Briefen versuchten beide nun eifrig, auf meine Fragen einzugehen. Bruder Bernd war der Überzeugung, dass meine Herzensverstockung ihre Ursache in einer nicht von mir bekannten und damit auch nicht vergebenen Sünde lag, wodurch der Widersacher ein Anrecht bekam, mich zu täuschen und blind für die Wahrheit zu machen. Seiner Vermutung nach, bestand diese Sünde aber nicht etwa darin, dass ich schon öfter mal Pornofilme angesehen oder mich mit antichristlicher Literatur beschäftigt hatte, sondern darin, dass ich meine GEZ-Gebühren nicht entrichtet hatte, obwohl ich doch schon seit einiger Zeit wieder fernsehen guckte. Ich empfand diesen Vorwurf als eine lächerliche Bagatelle, aber für Bernd war dieses Unrecht vergleichbar mit der Sünde Achans, durch die er einen Bann und einen Fluch auf sich und das Volk Gottes gebracht hatte. Bernd schrieb mir am 16.02.97, dass ich über diese Sünde Buße tun möge, selbst sogar dann, wenn ich gar nicht davon überzeugt sei, und die GEZ-Gebühren nachträglich entrichten sollte, damit Gott mir den Schleier meiner Blindheit hinweg nehmen könne. Er bot mir sogar an, mir bei der finanziellen Erstattung behilflich zu sein. Ich fragte mich jedoch, welchen Wert denn eine Tat haben könnte, wenn sie nicht aus Glauben geschehe, sondern nur aus Menschengefälligkeit.

Hans-Udo hingegen hatte eher den Eindruck, dass ich hochmütig sei, da ich nicht bereit war, die Lehre von der Allversöhnung, an die er glaubte, wirklich noch einmal gründlich zu prüfen, denn gerade dieser Widerspruch, dass der in der Bibel beschriebene Gott der Liebe angeblich die Ungläubigen für alle Ewigkeit verdammen würde, war ja einer der Hauptgründe, warum ich nicht mehr an die göttliche Autorenschaft der Bibel glauben konnte und wollte. Für ihn war der Feuersee nicht nur ein Ort der Bestrafung, sondern auch der Zurechtbringung, weil durch diese Haftstrafe der Mensch Gelegenheit zum Nachdenken und Umdenken bekomme, um dann am Ende Gott um Vergebung und Begnadigung zu bitten. Ich entgegnete ihm, dass ihm, dass Jesus aber doch von einer „ewigen Qual“ spräche, also einer sinnlosen Folterung, die allein der Befriedigung angeblicher Rachegefühle diene, die eines echten Gottes doch unwürdig seien. Und selbst wenn dieses „fire boarding“ tatsächlich dem Zwecke dienen würde, den Menschen zu brechen, so sei es doch eine höchst unmoralische Erpressung und ein Geständnis, das erst durch Folterung erzwungen wurde und daher wertlos sei. „Könne man sich vorstellen“, so fragte ich Hans-Udo damals, „dass sich die vom Feuer gegrillten und verkohlten Wesen sich nach jahrhundertelanger Marter am Ende in die liebenden Arme eines Gottes werfen, der ihnen selbst diese Qualen bereitet hatte?

Meine neue Arbeit als Betriebsmaler

Beim regelmäßigen Lesen der Stellenanzeigen, fand ich eine, die meine Aufmerksamkeit erregte: Im Industriegebiet von Stuhr-Brinkum, also in unmittelbarer Nähe von Bremen-Kattenesch, wo wir wohnten, suchte eine Kran-Spedition einen Betreibsmaler. Etwas Besseres konnte es doch für mich gar nicht geben, denn dann könnte ich mein eigener Chef sein und niemand würde mich mehr kontrollieren! So rief ich bei der Fa. Mennen & Wittmann GmbH & Co KG an und vereinbarte ein Vorstellungsgespräch. Der Chef, Herr Wittmann, sprach selbst mit mir, und meinen Ehrgeiz, diesen und sonst keinen Job haben zu wollen, schien er wohl gespürt zu haben, so dass er mir am Ende die Zusage gab. Meine Mutter hatte mir mal erzählt, wie sie sich damals bei der Personalchefin des Evangelischen Diakonissenkrankenhauses bewarb. Sie sagte damals zu ihr: "Ich weiß, dass ich diesen Arbeitsplatz bekommen werde." - "Ach, tatsächlich? und was macht sie da so sicher?" fragte die Oberin. "Weil Gott selbst es mir gezeigt hat. Gott will nämlich, dass ich hier arbeiten soll, wissen Sie." - "Na wenn das so ist“, sagte die Oberin, "dann brauche ich ja jetzt auch keine Entscheidung mehr treffen, denn wie vermöchte ich gegen den Willen Gottes etwas zu unternehmen!"

Auch Ruth wollte nach der Anerkennung ihres Doktortitels in Peru nun endlich als Tierärztin in Deutschland arbeiten; doch so einfach war es dann doch nicht. Nachdem sie ihre übersetzten und beglaubigten Diplome bei der Tierärztekammer Bremen vorgelegt hatte, erklärte man ihr, dass sie eine sog. Homologation bedürfe, d.h. eine Feststellung der Gleichwertigkeit der Studiengänge zwischen der Universität San Marcos in Lima und der Tierärztlichen Hochschule in Hannover. Nachdem wir diese dann beantragt hatten, teilte man uns in Hannover mit, dass Ruth noch in mehreren Fächern nachgeschult werden müsse. Das Fach Radiologie wurde z.B. in Lima überhaupt nicht behandelt; aber auch mehrere andere Fächer entsprachen nicht dem deutschen Standard. Das bedeutete aber, dass Ruth etwa ein Jahr lang regelmäßig wieder zur Uni nach Hannover gehen müsse, um am Ende auch ihre Anerkennung in Hannover zu erlangen. Deshalb überlegten wir uns, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn wir zum Ende des Jahres nach Hannover ziehen, zumal ich dann auch dort die Teile 1 (Fachtheorie) und 2 (Fachpraxis) meiner Meisterschulausbildung in Vollzeit absolvieren könnte. In der Zwischenzeit könnte Ruth erst mal richtig gut Deutsch lernen, denn ihre damaligen Kenntnisse reichten gerade einmal nur dazu aus, um sich verständlich zu machen, aber nicht, um an einer Universität zu studieren. Die Volkshochschulen boten ja zum Glück auch Intensivkurse an, durch welche man jeden Tag vormittags innerhalb eines halben Jahres sehr schnelle Fortschritte mache im Deutschlernen. Deshalb meldete sich Ruth für einen solchen an für das Semester von Februar bis August. Allerdings brauchten wir dafür ein Kindermädchen, das während des Tages auf Rebekka aufpassen sollte. Uns kam dafür Rossana (22) in den Sinn, die Pflegetochter von Ruths Bruder Israel, die seit ihrem 14. Lebensjahr im Hause von Israel und Alexandra wohnt und sich schon damals um deren Kinder gekümmert hatte, als sie noch Babys waren. Am Ende hatten mein Schwager und seine Frau die Rossana einfach als Tochter angenommen, so dass Rossana den Israel immer "meinen Papa" nannte. Wir fragten Rossana also, ob sie bei uns für ein Jahr als Au-Pair-Mädchen arbeiten würde, und sie willigte ein. Dann beantragten wir für Rossana ein Jahresvisum und kauften für sie einen Hin- und Rückflug für die Zeit von Ende Mai 1997 bis Ende Mai 1998. Die Kosten hierfür konnte sie abarbeiten. Obwohl sie recht hübsch war, vertraute mir Ruth, dass ich schon nicht in Versuchung kommen könnte, die 6 Jahre jüngere Rossana zu verführen, denn sie kannte mich gut genug, dass ich so etwas nie machen würde.

Auf der neuen Arbeitsstelle sollte ich zunächst die große Werkhalle streichen, dann einzelne Fahrzeugteile spritzen und schließlich die Fassaden der Gebäude nacheinander streichen vom Gerüst aus. Ich konnte mir die Arbeitsaufgaben tatsächlich selber aussuchen und meine Zeit frei einteilen. Niemand machte mir Vorschriften oder kontrollierte mich. Auch die Materialien durfte ich im nahe gelegenen Großhandel selbstständig auf den Namen der Firma einkaufen. Zu Mittag ging ich dann in den gemeinsamen Aufenthaltsraum und unterhielt mich beim Essen mit meinen Kollegen. Zwei davon waren Kfz-Mechaniker, aber die anderen waren alle Fernfahrer und auch schon etwas älter als ich. Eines Tages fragte mich einer der Mechaniker, wie viel ich denn verdiene als Betriebsmaler, und ich antwortete ihm wahrheitsgemäß "21,35 DM/Std." - "Echt?!" - "Ja, wieso?" - "Ich kriege gerade einmal nur 18,95 DM/Std, und die Fahrer bekommen sogar nur 17,60 DM/Std. Dann verdienst Du ja scheinbar hier am meisten!" - "Naja" sagte ich "ich bekomme einfach nur meinen normalen Tariflohn. Aber ich habe auch darauf bestanden, denn wenn der Chef mir weniger bezahlen wollte, hätte ich diesen Job hier gar nicht angenommen". Als ich zwei oder drei Tage später in die Firma kam, rief mich einer der Vorgesetzten zu sich in sein Büro und sagte: "Herr Poppe, wir haben ein ernstes Problem. Sie haben einem Mitarbeiter auf die Nase gebunden, wie viel Sie verdienen, und das hätten Sie nicht machen dürfen! Gestern kam einer der Fahrer zu mir ins Büro und hat sich beschwert, weil er schon 15 Jahre in der Firma arbeitet und trotzdem deutlich weniger bei uns verdient als Sie, obwohl Sie erst seit einem Monat bei uns arbeiten. Das hätten Sie nicht tun dürfen, denn das gibt doch böses Blut!" - "Es tut mir leid," sagte ich, "dass ich dieses verraten hatte, aber ich wusste ja nicht, dass die anderen hier alle viel weniger verdienen. Ich bitte vielmals um Entschuldigung."

In den Tagen danach verschlechterte sich die Beziehung zwischen mir und den Arbeitern etwas, was aber wohl auch daran lag, dass ich mich schon immer eher zurückzog und ein Einzelgänger war. Vor allem litt ich aber unter ständiger Müdigkeit, da ich nachts immer aufstehen musste, wenn Rebekka ihr Fläschchen wollte. Manchmal suchte ich mir während der Arbeit einfach ein stilles Plätzchen, wo ich ein Nickerchen machen konnte. Einmal stand ich während der Mittagspause auf, weil ich mich schämte, am Tisch zu dösen, und ging auf Toilette, um in der abgeschlossenen Kabine heimlich zu schlafen. Dabei muss ich wohl etwas laut geschnarcht haben, denn die Kollegen hatten es gemerkt und unter sich gespottet: "Der Poppe ist doch glatt auf Toilette eingeschlafen!" Aus Spaß hatten sie dann leise einen Eimer voll mit Wasser gefüllt und ihn über der Kabinentür auf mich entleert, indem sie lachend wegliefen. Ich musste mich danach erst mal umziehen. Ein anderes Mal war ich gerade dabei, die Reling der Yacht meines Chefs mit Klarlack zu lackieren, als mich eine totale Müdigkeit überfiel. Weil ich ganz allein in dieser Yachthalle war, ging ich einfach in die Kajüte und legte mich dort für 10 Minuten hinein. Auf einmal hörte ich draußen Stimmen und mein Herz schlug mir bis zum Hals: Es war der Chef Herr Wittmann höchst persönlich zusammen mit einem der Vorgesetzten! Ich dachte: "Wenn die jetzt auf die Yacht steigen und mich in der Kajüte erwischen, wo sonst Herr Wittmann mit seiner Frau schläft, dann bin ich geliefert!" Aber glücklicherweise gingen sie nach einer Weile wieder hinaus und ich setzte meine Arbeit fort.

Samstags fuhr ich dann immer mit Ruth und Rebekka in die Innenstadt, wo Ruth mit ihr auf den Flohmarkt ging, während ich die Stadtbibliothek besuchte, um mir Bücher und CDs auszuleihen. Schon früher war Musik meine Leidenschaft gewesen, aber ich hatte mich ihr aus Glaubensgründen all die Jahre enthalten. Nun aber konnte ich mir nach Herzenslust wieder Musik anschaffen ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben, zumal Ruth ja selber auch gerne Musik hörte. Zunächst hörte ich einfach nur Popmusik, aber allmählich merkte ich immer mehr meinen Hang zur sog. Gothic-Musik. Hierbei handelt es sich um sehr romantische, aber zugleich auch schwermütige Lieder mit traurigen Texten über Gott und die Welt. Mitte der 90er Jahre war in Deutschland eine regelrechte Szene entstanden für diesen Musikstil, weil sich viele junge Erwachsene nicht mit der vorherrschenden Rave- und Dance-Musik identifizieren konnten, da diese völlig seelenlos war und nur dem Zweck diente, sich in einen rauschhaften Trance-Zustand zu versetzen. Die Gothic-Musik hingegen drückte jene Melancholie und Weltschmerz hervorragend aus, den scheinbar nicht nur ich, sondern auch viele aus meiner Generation empfanden. Die meist deutschen Texte behandelten vorwiegend die Tatsache des Todes, als würde man sich dagegen auflehnen wollen, dass diese von allen anderen Menschen immer nur verdrängt und geleugnet würde. Auch wenn man den Tod selbst auch nicht ungeschehen machen konnte, wollte man dieser Tatsache doch lieber während des Lebens immer ins Gesicht sehen, um sich besser damit abzufinden. Tatsächlich wirken durch diese Lieder dämonische Kräfte - wie mir heute bewusst ist, die den Menschen immer mehr verblenden und verhärten in seiner Enttäuschung gegenüber Gott und Ihn als Urheber für das menschliche Elend ansehen.


April - Juni 1997

Der Untergang des Hauses Israels

Mitte April erreichte uns eines Nachmittags ein Anruf aus Peru von meinem Schwager Israel. Den Tränen nahe teilte er uns mit, dass seine Frau Alexandra das Haus verlassen habe und im sagte, dass sie sich von ihm scheiden lassen wolle. Wir fragten erschrocken, ob denn irgendetwas passiert sei, aber Israel sagte nur, dass sie auf einmal völlig "verrückt" sei und er sie selber nicht verstehen könne. Für mich kam diese Entscheidung wirklich aus heiterem Himmel, denn ich habe Alexandra immer als ernste und eifrige Glaubensschwester gesehen und die Ehe der beiden als vorbildliche Musterehe in Erinnerung. Ruth hatte sogar mal gesagt, dass sie im Vergleich zu Raquel die Alexandra für die geistlichere von beiden hielte, denn ihre Briefe seien immer voller hochgeistlicher Gedanken gewesen. Aber Ruth hatte schon lange den Verdacht, dass Alexandra nur auf eine Gelegenheit gewartet habe, sich von ihrem Bruder zu trennen, denn dies war auch nicht das erste Mal. 1989 hatte Alexandra ihren Mann schon einmal verlassen nach der Geburt ihrer ersten beiden Söhne und war für ein Jahr nach Ecuador zurückgekehrt, wo sie selbst geboren und aufgewachsen war. Als sie 1990 zurückkam zu Israel, war sie schon kurz nach der Versöhnung wieder schwanger und bekam ein paar Monate später ihr drittes Kind, Angel Salomon. Schon damals munkelten einige aus der Familie hinter vorgehaltener Hand, dass dieses Kind nicht von Israel stamme, zumal es im Gegensatz zu seinen Brüdern viel hellhäutiger war; aber Israel bemerkte dies nicht und hatte auch nie einen Verdacht. 1993 nahm Gott den kleinen Angel Salomon durch eine Krankheit schon nach kurzer Zeit zu sich, wodurch Er indirekt zu Alexandra redete.

Und in der Tat war es auch diesmal so, wie sich später herausstellte, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt hatte. Israel war von Anbeginn der Ehe sehr arm und konnte seiner Frau nichts bieten. Das Leben in einem Haus aus Lehm mit einer Strohdecke in Parcona, dem ärmsten Stadtviertel von Ica, war für Alexandra nicht mehr die Erfüllung ihrer Träume, sondern allmählich zum Alptraum geworden. Israel hatte in den letzten 10 Jahren immer wieder versucht, die Familie mit kleinen selbständigen Tätigkeiten über Wasser zu halten, und Alexandra hatte Kleidung für Barbiepuppen gehäkelt, die aber in diesem armen Land auch keiner brauchte.         Aber Israel konnte Alexandra vielleicht auch in anderer Hinsicht nicht so viel bieten, zumal es einen deutlichen Altersunterschied zwischen ihnen gab. Wörtlich sagte seine 11 Jahre jüngere Frau später zu Israel: "Als ich Dich damals [1984] mit 19 Jahren geheiratet hatte, habe ich einen Vater gebraucht. Nun aber bin ich erwachsen geworden und brauche einen richtigen Mann!" Tatsächlich hatte der darin enthaltene Vorwurf eine Ursache in einer bis dahin nicht bekannten Erbkrankheit der Familie meiner Frau, nämlich der sog. Schilddrüsenunterfunktion (Hypotyroidismus), bei dem die Betroffenen unter ständiger Antriebslosigkeit und Schlaffheit leiden. Erst durch Zufall ist diese Krankheit bei Familie Condori entdeckt worden, so dass seither alle (inkl. meine Frau und meine Tochter) jeden Tag ein Medikament nehmen müssen namens Thyroxin, das das fehlende Schilddrüsenhormon ersetzt. Trotzdem konnte Israels Antriebslosigkeit natürlich in keinster Weise die Entscheidung Alexandras rechtfertigen, ihren Mann und ihre beiden Kinder im Alter von 9 und 10 zu verlassen, erst recht nicht, wenn sie bekennt gläubig zu sein.

Aber was für ein Verrat war dies nun an Gott und auch an Israel, dass sie ihren Mann nach 13 Ehejahren verlassen wollte, wo doch die Bibel dies klar verbietet! Wurde hier nicht einmal mehr deutlich - so fragte ich mich insgeheim damals - dass das ganze Christentum nichts weiter als ein großes moralisches Possenspiel sei, in welchem die Schauspieler bei der erstbesten Gelegenheit die Bühne wieder verlassen, wenn sie ihren Akt zuendegespielt haben? Ist nicht hier einmal mehr der Beweis geführt, fragte ich mich, dass es mit dem neuen Leben aus Gott und die Kraft der Auferstehung zu einem Leben in Heiligkeit doch nicht allzu weit her ist? Aber ich wollte angesichts der Tragik in der Familie meiner Frau keine Häme in mir aufkommen lassen, sondern empfand vielmehr tiefes Mitgefühl für meinen Schwager. Ruth und ich waren uns einig, dass wir Israel und seinen beiden Söhnen von nun an jede erdenkliche Hilfe zukommen lassen wollten. Wir wollten Geld sparen, um sie alle erst mal nach Deutschland zu holen, damit Israel getröstet und abgelenkt werde. Wir beantragten also je ein Visum für sie alle und sparten Geld, damit sie im August oder September zu uns nach Bremen kommen könnten.

Das Au-pair-Mädchen, das noch jemanden mitbrachte

Ende Mai holten wir dann Rossana Maldonado (22) vom Flughafen ab und freuten uns, dass wir nun eine Haushaltshilfe und ein Kindermädchen zugleich bei uns hatten aus unserem engsten Familienkreis. Rossana war still und demütig, und sie machte bereitwillig jede auch noch so geringfügige Arbeit im Haus. Zudem war sie auch sehr verantwortungsbewusst und kümmerte sich auch sehr gut um Rebekka, wenn wir nicht zuhause waren. Ich hatte sie jedoch auch nach drei Wochen noch immer nicht bei der Krankenkasse angemeldet, was ich mir an einem Montag Mitte Juni fest vornahm. Als ich jedoch nach Hause kam, sagte Ruth mir: "Simon, Du musst mit Rossana zum Arzt, denn sie fühlt sich schlecht und hat Schmerzen." - "Ich kann morgen mit ihr hingehen, aber heute Nachmittag wollte ich sie erst mal bei der Krankenkasse anmelden, denn ich habe sie ja immer noch nicht versichert." - "Nein, Simon, Du musst jetzt gleich gehen, denn Rossana hat starke Cholikschmerzen, und vielleicht ist es etwas Ernstes." - "Ja, gut, dann spreche ich mal mit unserem Hausarzt, ob er das Behandlungsdatum etwas zeitversetzt notieren kann." - "Nein, das geht nicht, Simon, denn Rossana muss zur Frauenärztin, denn sie hat Schmerzen im Unterleib." - "Aber ich habe doch schon gesagt, dass das nicht geht, weil ich sie erst noch versichern muss! Sonst müssten wir das aus unserer eigenen Tasche bezahlen." - "Dann nimm doch einfach meine Versicherungskarte und sage, dass Rossana Deine Frau sei und den Namen Ruth Condori habe. Das merkt schon keiner!" sagte Ruth [damals gab es noch kein Foto auf der VK].

So fuhr ich also mit Rossana zur Frauenärztin in Bremen-Neustadt, ging die Treppe hoch und erklärte der Arzthelferin: "Meine Frau klagt seit heute Nachmittag über starke Unterleib-Schmerzen." Rossana kam auch bald an die Reihe, und die Frauenärztin sagte: "Dann schau ich mir mal ihre Frau an. Wollen Sie sich dabei hier hinsetzen oder eben draußen warten?" - "Ach, ich warte ruhig eben draußen." sagte ich. Ich setzte mich im Flur hin, doch schon nach fünf Minuten ging die Tür wieder auf und die Frauenärztin rief mir zu: "Herr Poppe, kommen Sie bitte schnell herein!" - Ich hatte schon ein sehr mulmiges Gefühl, aber hoffte in diesem Moment erst mal nur, dass ich Rossanas Blöße nicht sehen würde, was zum Glück auch nicht der Fall war, da sie mir abgewandt lag. Die Ärztin erklärte mir aufgeregt: "Herr Poppe, ihre Frau ist doch HOCHSCHWANGER, und die Schmerzen sind Geburtswehen gewesen! Sie wird jeden Moment ein Kind bekommen, denn de Fruchtblase ist schon geplatzt. Sie muss jetzt sofort ins Krankenhaus gebracht werden, damit das Kind dort entbunden wird. Ich werde sofort einen Krankenwagen bestellen und einen Notarzt!" - In diesem Moment sah ich keinen anderen Ausweg, als die Wahrheit zu sagen: "Entschuldigen Sie, Frau Doktor, aber ich muss Ihnen bekennen, dass ich nicht ganz ehrlich war, denn diese junge Dame ist nicht meine Frau, aber ich wusste auch nicht dass sie schwanger ist. Das Problem war nämlich, dass sie nicht versichert ist und ich deshalb die Versicherungskarte meiner Frau verwendet hatte. Ich muss das jetzt alles aus eigener Tasche bezahlen, deshalb wollte ich mal fragen, ob ich Rossana selber ins Krankenhaus fahren kann?" Die Ärztin schaute mich überrascht an und erwiderte dann: "Nein, tut mir leid, aber das kann ich nicht verantworten! Sie muss auf jeden Fall jetzt mit dem Krankenwagen abgeholt werden, und ich habe das eben gerade auch schon veranlasst."

Der Krankenwagen kam. Rossana wurde auf eine Bahre gelegt und von mehreren Sanitätern die Treppe runtergetragen. Ich fuhr in meinem Auto hinterher und zitterte am ganzen Leib. Als ich in den Wartebereich des Kreißsaals ankam, ging die große Schiebetür auf und ein junger Arzt kam heraus mit Mundschutz und einem kleinen Baby im Arm. Der Junge wog bei seiner Geburt nur 1900 Gramm, was wohl der Grund war, dass man der Rossana gar nicht ansah, dass sie schwanger war. Der Junge wurde nach Aussagen der Ärzte im 9. Monat geboren, aber aufgrund seiner Unterentwicklung erst einmal in den Brutkasten gebracht, um ihn zu beobachten. Ich rief vom Krankenhaus aus Ruth an und erzählte ihr alles. Sie kam dann her und wir gingen gemeinsam in Rossanas Zimmer. "Rossana, warum hast Du uns nicht gesagt, dass Du schwanger bist?" - "Ich hatte doch selber keine Ahnung!" antwortete Rossana ängstlich, "Ich habe doch bis jetzt fast immer noch meine Regel gehabt. Außerdem habe ich auch noch nie mit einem Mann geschlafen, ich schwöre es!" Ruth und ich schauten uns an, und weil ich etwas zögerte, sagte Ruth: "Rossana, die einzige Frau, die bisher als Jungfrau ein Kind bekommen hatte, war Maria, die Mutter Jesu, und ich glaube nicht, dass auch Du jungfräulich empfangen hast." Ich ergänzte Ruths Worte: "Rossana, wenn Du mit jemandem eine Beziehung hattest, dann kannst Du uns das ruhig sagen, wir verstehen das schon. Aber bitte sage uns die Wahrheit." Rossana sagte dann aufgeregt: "Es gibt da eine Möglichkeit, wie das vielleicht passiert sein konnte: Das gibt da so einen jungen Mann, der mich immer vom Institut abgeholte, wo ich studiert hatte und mich auf dem Heimweg begleitete. Eines Tages lud er mich auf eine Cola ein. Ich glaube, dass er irgendetwas ins Getränk hineingetan haben muss, denn an jenem Tag wachte ich Stunden später auf und hatte den Eindruck, dass er mich entjungfert hat, war mir aber nicht sicher."

Konnte man diese Geschichte glauben? Ich glaubte sie. Denn ich hielt Rossana einfach für viel zu einfältig, als dass ich ihr zugetraut hätte, uns anzulügen. Später musste ich jedoch feststellen, dass ich Rossana völlig unterschätzt hatte, da ich noch viele Male mitbekam, wie sie gekonnt log (Not macht ja bekanntlich erfinderisch). Auf jeden Fall war Rossana jetzt Mutter geworden, und als solche trug sie von nun an Verantwortung vor Gott. "Willst Du das Kind behalten oder zur Adoption geben", fragte Ruth. "Ich weiß nicht so recht" sagte sie, "denn einerseits ist es ja mein Kind, das ich mir immer gewünscht habe; aber andererseits wird der Junge dann keinen Vater haben und deshalb ein schweres Leben. Was meint ihr?" Ruth sagte: "Ich denke, dass Du das Kind annehmen solltest, denn Gott hat dies so gewollt". - "Du hast recht, Tante Ruth, dann mach ich das so mit Gottes Hilfe." - "Weißt Du schon einen Namen für Dein Kind?" fragte ich sie. "Ach, tío Simon, mir wäre es ganz lieb, wenn Du einen Namen für den Jungen auswählst!" Ich überlegte und dachte in diesem Moment an das Findelkind Moses, das die Mutter nicht behalten konnte und deshalb in einen Korb in den Nil gab, damit es jemand anderes finden und auferziehen möge. "Was hältst Du von dem Namen Moisés?" - "Ja, das ist ein schöner Name, dann nennen wir ihn so" sagte sie.

Es war Montag, der 17.06.1997, als Moses (span. Moisés) am späten Nachmittag geboren wurde. Als ich am Abend nach Haus fuhr, machte ich mir Sorgen, wie viel das alles wohl kosten würde, denn ich musste es ja jetzt alles aus eigener Tasche bezahlen. Da erinnerte ich mich an meine Mutter, wie sie damals immer wieder viel Erfolg hatte, wenn sie über Radio Bremen einen Spendenaufruf gemacht hatte. Wenn der Radiosender dafür im Gegenzug eine rührselige Geschichte bekommt, dann würde er das bestimmt machen. Fragen kostet ja nichts. Ich rief also am nächsten Tag bei Radio Bremen an und erzählte dem Redakteur die Geschichte, und ob man da nicht einen Spendenaufruf machen könne. Dem Redakteur gefiel die Geschichte und er schickte prompt einen Reporter ins Krankenhaus, der mich und Rossana interviewte. Er machte dann auch noch ein kurzes Interview mit dem zuständigen Frauenarzt im Krankenhaus, ob dies überhaupt möglich sei, dass eine Frau nicht merkt, dass sie schwanger sei. "Ja, das kommt durchaus häufiger vor, als man denkt, denn manche Frauen verdrängen ihre Schwangerschaft so sehr, dass sie die deutlichen Zeichen einfach ignorieren und sie anders interpretieren. Das ist also vor allem ein psychologisches Phänomen." Als der Reporter dann wieder gehen wollte, fragte ich ihn, ob es denn am Ende des Beitrages auch einen Spendenaufruf geben würde. "Nein, das können wir nicht machen."- "Warum nicht?" - "Einfach deshalb, weil niemand etwas dafür spenden würde. Sagten Sie nicht selbst, dass sie Frau Maldonado nicht rechtzeitig versichert hatten? Glauben Sie, dass jemand wegen Ihrer Nachlässigkeit bereit wäre, eine Spende zu geben?"

Am nächsten Tag wurde Rossana entlassen, aber ihr Kind sollte weiter im Brutkasten versorgt werden. Erst nach einer Woche konnten wir Moses mitnehmen mit der Auflage, dass er weiter unter ärztlicher Kontrolle bleiben müsse. So brachten wir ihn zum Kinderarzt Dr. Wahlers, der schon mich und meine Geschwister als Kleinkinder verarztet hatte. Dieser untersuchte Moses gründlich und stellte zunächst bei ihm einen sog. Nystagmus fest, d.h. ein unkontrollierbares Wackeln der Augenpupille. Eine Untersuchung seines Kopfes ergab, dass der Mittelbalken seines Gehirns angeblich nicht zusammengewachsen und deshalb damit zu rechnen sei, dass "das Kind geistig behindert sei" (Wahlers). Zum Glück stellte sich Jahre später heraus, dass Dr. Wahlers sich in dieser Einschätzung geirrt hatte. Aber wir mussten Mose regelmäßig wöchentlich zur Physiotherapeutin bringen, da er aufgrund seiner Sehschwäche auch in der Wahrnehmung seiner Umgebung und damit seiner Orientierung eingeschränkt war. Die Kosten hierfür übernahm die Versicherung, aber die Kosten für den Krankenhausaufenthalt in Höhe von 9.400,-DM musste ich selber aufbringen. Ich durfte sie jedoch in Raten abbezahlen. Was ich in jenen Tagen und Wochen jedoch völlig übersehen hatte, war, dass ich Moisés beim Standesamt hätte registrieren müssen. Offiziell existierte er so also noch gar nicht, denn seine Daten waren noch nirgendwo gespeichert. Erst ein Jahr später war dies durch Zufall aufgefallen und wurde dann von mir nachgeholt.

Moisés war ein sehr hübscher Junge. Er wollte immer getragen werden, und sobald Rossana ihn absetzte, fing er immer an zu schreien. Deshalb band ihn Rossana mit einem Tuch auf ihren Rücken, damit sie die Hände frei hatte. Nun musste sie sich tagsüber um zwei Kinder kümmern, da ja inzwischen auch Ruth wieder angefangen hatte, vormittags zu arbeiten. Aber auch Elena, unsere Nachbarin die unter uns wohnte, half öfter mal aus, zumal sie früher mal als Kinderhelferin gearbeitet hatte. Verständlicherweise hatte sich inzwischen auch unser Verhältnis zu Elena deutlich verbessert. Wir gingen damals aber soweit ich weiß noch in keine Gemeinde, außer in den Spanischkreis. Alle 2 bis 3 Monate besuchten wir auch die Geschwister Edgard und Hedi Böhnke in Blumenthal, die sich jedes Mal sehr darüber freuten.


Juli - September 1997

Der Tod von Lady Diana

Ende August 1997 starb die englische Prinzessin Lady Diana bei einem Autounfall in Paris zusammen mit ihrem Geliebten Dodi Al-Fayed. Doch nicht ihr Tod als solcher war so bemerkenswert, sondern die völlig übertriebene Trauer um sie, die plötzlich ganz Europa wie einen Schleier der Schwermut ergriff. Diese echte Trauer - auch der Deutschen - hatte gar keinen rationellen Grund mehr, denn kaum einer hatte sich zuvor besonders für Lady Diana interessiert, außer vielleicht die Leser der Klatsch- und Tratschpresse. Nein, dieses Trauergefühl hatte sich völlig abgelöst von der eigentlichen Ursache und sich verselbstständigt. Der Tod von Lady Diana stand symbolisch für einen Opfertod des Guten durch das Böse, ähnlich vergleichbar wie der Tod von John-F. Kennedy 1963, als sogar mein Vater spontan anfing zu weinen, als er damals als 22-Jähriger im Radio davon erfuhr.

Was aber war der Hintergrund? Lady Diana Spencer hatte 1981 als 19-Jährige den um 11 Jahre älteren Prinz Charles geheiratet, ohne zu wissen, dass dieser damals schon eine heimliche Jugendfreundin hatte namens Camilla, von der zu trennen er es aber nicht übers Herz brachte. So führten sie also in den ersten 10 Jahren im Grunde eine "Ehe zu Dritt", unter der Diana zunehmend litt. Ganz ähnlich und parallel war aber auch die Ehe von meinem Schwager Israel verlaufen, als er 1984 als 30-Jähriger die 11 Jahre jüngere Alexandra heiratete, nur dass Israel keine heimliche Jugendfreundin besaß, dafür aber durch eine vererbte Schilddrüsenunterfunktion etwas in seiner Libido eingeschränkt war. Und so wie Lady Diana sich dann aus Frust in ihren Reitlehrer verliebte und später in den arabischen Millionärssohn Al-Fayed, so ging auch Alexandra während ihrer unglücklichen Ehe immer wieder heimlich fremd, bis sie sich dann endgültig in den - damals noch - Dozenten eines Computerkurses verliebte. Prinz Charles stand für den Zwang und Lady Diana für die Freiheit. Man hatte also unbewusst den Eindruck, dass die Freiheit von dem Zwang getötet wurde. Und tatsächlich wollten schon damals viele notorische Verschwörungstheoretiker nicht an einen plumpen Autounfall eines betrunkenen Fahrers glauben, sondern an einen heimtückischen Mord.

Der Tod von Lady Diana 1997 löste ähnlich wie der Tod von Che Guevarra 50 Jahre zuvor auch eine Welle der Wut und Empörung gegen das "alte System" und die "verknöcherten Strukturen" aus. Manche verlangten sogar, dass man die englische Monarchie ganz abschaffen sollte, zumal Königin Elisabeth kaum ehrliche Trauer zeigte über den Tod ihrer Ex-Schwiegertochter. Zunächst wurde ihr sogar von königlicher Seite ein Staatsbegräbnis verweigert, weil die Ehe ja bereits rechtmäßig geschieden war. Lady Diana, die sich zu Lebzeiten auch für die weltweiten Opfer von Tretminen eingesetzt hatte, wurde derweil posthum zu einer Heiligen hochstilisiert und ihr Tod als heldenhafte Tragödie betrauert, so als ob sie mit sämtlichen Menschen Europas persönlich verwandt war. Zur selben Zeit lief ironischerweise gerade der Film "Titanic" in den Kinos, wo ebenso der Held am Ende sein Leben ließ für seine verbotene Geliebte, in der Hoffnung, sie dermal einst im Totenreich wieder zu sehen. Der Taschentuchverbrauch bei diesem Herzschmerz-Blockbuster war so groß, dass viele Frauen den Film bis zu 50-mal hintereinander anschauen wollten.

Parallel zur Empörung gegen das englische Königshaus war auch der Groll gegen die neoliberale Politik sämtlicher Regierungen Europas in den letzten 15 Jahren. Man wollte auch in Deutschland endlich einen Politikwechsel, weil die Leute allmählich "die Birne" Helmut Kohl leid waren. Das CDU-Argument, dass dem Kohl doch die Deutsche Einheit zu verdanken sei, hatte allmählich an Strahlkraft verloren, zumal von den versprochenen "blühenden Landschaften" im Osten auch sieben Jahre nach der Vereinigung nichts zu sehen war, sondern im Gegenteil nur Stilllegungen von unrentablen Industrien und Massenarbeitslosigkeit. Die Kohl-Regierung hatte in den Augen vieler das Land abgewirtschaftet und gehörte deshalb endlich abgewählt. Man träumte schon ein Jahr vor der Bundestagswahl von einem glorreichen Neuanfang durch eine rot-grüne Koalition, durch die endlich mehr soziale Gerechtigkeit, aber zugleich wirtschaftlicher Aufschwung kommen solle. Bei den Aktienkonzernen sollte nicht länger nur der "Shareholder Value" im Vordergrund stehen, d.h. Gewinne durch sog. "Konsolidierung" ( = Massenentlassung), sondern eine Win-Win-Situation durch Förderung und Forderung der Verantwortlichen.

Auch ich selbst hatte damals diese Aufbruchsstimmung gespürt und dachte, es sei langsam an der Zeit, mit auch einmal Aktien zu kaufen. Durch den Börsengang der Deutschen Telekom waren viele Deutsche 1996 zu Kleinaktionären geworden, so dass der Gesamtmarkt allmählich angestiegen war. Die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank und auch der EZB trieb zudem immer mehr Anleger ins Aktiengeschäft, denn der Renten- und Anleihenmarkt brachten längst nicht so hohe Gewinne ein. Vor allem war es aber das Aufkommen der Internet- und Telekommunikationsunternehmen, die den Aktien auf einmal einen regelrechten Boom bescherten. Viele kleine Start-Ups, wie IT-, Biotech oder High-Tech-Unternehmen, die gerade erst an die Börse gegangen waren, hatten innerhalb von wenigen Monaten eine so hohe Kapitalisierung erreicht, dass sie bereits den Wert riesiger Altkonzerne überschritten. Für solche überbewerteten Hoffnungsträger schuf man ein ganz neues spekulatives Anleger-Segment, nämlich den sog. "Neuen Markt", wo sich die Jäger nach dem schnellen Geld austoben konnten. Ich selbst wollte aber erst mal nicht so viel riskieren und investierte nur 500,- DM in einen sog. "Blue-Chip" (sichere Anlage), indem ich 300 Aktien von Daimler kaufte. Mit großer Freude stellte ich dann fest, dass meine Aktien jeden Tag ein wenig stiegen.


War Jesus etwa „größenwahnsinnig“?

Zur selben Zeit beschäftigte ich mich aber auch weiterhin intensiv mit der Frage, wie ich denn von nun an das Reden und Wirken Jesu für mich einordnen konnte. Wenn es keine Rettung vor einer ewigen Verdammnis mehr gab, dann bedurfte es aber auch keines Retters mehr. Wenn aber Jesus nicht der von Gott gesandte Retter und Erlöser war, der für unsere Sünden am Kreuz starb, wer war Er dann? fragte ich mich. Und wozu starb Er dann am Kreuz? War alles nur ein tragisches Missverständnis? Eine Wahnidee? Aber wer denkt sich so etwas aus? Wie kommt jemand auf den Gedanken, dass er von sich selbst sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, als nur durch mich.“ (Joh.14:4). Lag es vielleicht daran, dass Jesus als Jude ein so frommes Leben führte, dass er irgendwann dachte, dass vielleicht er der verheißene Messias war? In der Psychiatrie findet man ja häufig solche größenwahnsinnigen Narzissten oder schizophrene Paranoiker, die die Ablehnung durch andere als Beweis für ihre Auserkorenheit und ihren speziellen Sendungsauftrag werten. Viele von diesen waren außerordentlich scharfsinnige Dichter oder Denker, denn man sagt ja auch, dass Genie und Wahnsinn nah beieinander liegen. Aber konnte ich so weit gehen und dem HErrn Jesus eine Geistesgestörtheit unterstellen? Nein, das wollte ich nicht.

Zu jener Zeit unterhielt ich mich mit einer Christin, die eifrig davon überzeugt war, dass Gott, der Vater, und Jesus, der Sohn, ein und dieselbe Person waren, die unterschiedliche Rollen spielte. Auf der einen Seite war man durch solch eine Meinung natürlich das Logik-Problem der Dreieinigkeit los, hatte sich aber dadurch noch viel größere Probleme aufgehalst. Zunächst fragte ich sie, ob sie glaube, dass der HErr Jesus bei Seinen Gebeten zum Vater Selbstgespräche geführt habe. Und speziell wallte ich auch wissen, wie Er dann sagen konnte: „Nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille“, wenn es doch ohnehin ein und derselbe Wille sei. „Nein, sondern Gott war ja in Ihm, so dass Er ein inneres Zwiegespräch führte.“ – „Also doch mit sich selbst!“ antwortete ich. „Ja, wenn man so will…“ Wie es aber möglich gewesen sein sollte, dass Gott aus dem Himmel zu Seinem Sohn sprach und dieser Ihm antwortete, konnte sie mir nicht erklären. „So etwas kann man nicht mit dem Kopf verstehen, sondern nur mit dem Herzen“. Besonders kompliziert wurde es dann, als ich sie an die Stelle erinnerte, dass der HErr Jesus jetzt „zur Rechten Gottes sitzen“ würde. „Kann denn jemand zur Rechten seiner selbst sitzen?“ fragte ich sie. „Nun ja, das bleiben Geheimnisse, die wir nie ergründen können“, bekam ich zur Antwort. In mir aber wuchs dabei immer mehr der Verdacht, dass der Mensch die Gabe besaß, sich alles Mögliche vorzustellen, wenn es seinen Wünschen und Bedürfnissen entsprach, selbst wenn es fern von jeder normalen Logik war. Zugleich aber konnte er alternative Möglichkeiten, die viel naheliegender waren, einfach völlig ausblenden, wenn sie sein Wunschbild auch nur im Geringsten ins Wanken bringen würden.

Im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ war es aber die Unbedarftheit und Unvoreingenommenheit eines Kindes, das die nüchterne Feststellung machte: „Der Kaiser ist ja nackt!“ Deshalb nahm ich mir vor, einmal alle geistlichen Behauptungen und Deutungsversuche einfach zu ignorieren, um dadurch endlich mal „nüchtern“ – wie ich meinte – und ohne Tabus auf die Person Jesu zu schauen. So schrieb ich damals – für mich heute erschreckend Lästerliches – dem Hans-Udo: „Jesus kam und nötigte arbeitende Familienväter, mit ihm durch die Lande zu wandern. Dabei ließ er ihnen nicht einmal die Zeit ihre Verwandten zu begraben. Objektiv gesehen brachte er den Menschen keine ‚frohe Botschaft‘, sondern verbreitete mit seinen Höllenandrohungen Angst und Schrecken. Seine Worte waren durchaus nicht immer ‚voller Gnade‘, sondern häufig von einer ungewöhnlichen Gereiztheit und Aggressivität. So verflucht er Chorazin und Kapernaum, weil sie nicht an ihn glauben konnten, er verflucht die Pharisäer und Schriftgelehrten, nur weil sie ihn ablehnten und er verflucht sogar einen Feigenbaum, nur weil er ihm zur Frühlingszeit keine Frucht bringen konnte. Ebenso wurden auch harmlose Schweine, die Haustiere der Gadarener, auf Jesu Geheiß in den Abgrund getrieben. Die Wechsler und Taubenverkäufer wurden von Jesus aus dem Tempel vertrieben, obwohl diese im Gegensatz zu ihm wenigstens bemüht waren, selber ihren Lebensunterhalt zu verdienen und nicht auf Kosten anderer zu leben. Ist es bei allem ein Wunder, wenn die Menschen damals sagten: Wir wollen nicht so einen verbiesterten und größenwahnsinnigen Störenfried!“ Dass dies eine völlig einseitige und entstellte Darstellung des Lebens und Wirkens des HErrn Jesus war, bei der ich sämtliche Begründungen, Erklärungen und Aussagen des HErrn und der Heiligen Schrift einfach außer Acht ließ, zeigt mir heute, wie sehr ich schon damals unter einen dämonischen Einfluss gekommen war.

Mein Freund Hans-Udo sagte mir später am Telefon, dass er schockiert war, mit welch einer Unverfrorenheit ich auf einmal über den HErrn Jesus schrieb. Ich räumte jedoch am Ende meines Briefes ein, dass ich keinesfalls stolz darauf sei auf meine neu gewonnen Erkenntnisse: „Durch meine neu erlangte Freiheit bin ich nicht etwa glücklicher geworden, eher fühle ich mich heute ziemlich allein. Weder unter meinen Familienangehörigen, noch unter meinen Arbeitskollegen finde ich wirkliche Gleichgesinnte. Mir fehlt die christliche Bruderschaft (Ps.42:4). Ein wenig habe ich davon bei den Freimaurern gespürt, aber ich bin bei manchem von ihnen nicht einverstanden. Sie haben eine erstaunliche Ähnlichkeit mit gewissen Allversöhnerkreisen, wie z.B. dem von F.-H. Baader: viel Theorie und wenig Praxis. Aber auch mit sozialistisch-humanitären Aktivitäten kann ich wenig anfangen, weil sie ähnlich mit Vorurteilen und naiven Denkklischees hantieren wie die Christen. Daher leide ich zur Zeit an einer inneren Leere. Ich vertreibe mir die Zeit mit Wirtschaftsliteratur, speziell über Aktien, von denen ich mir vor einigen Monaten ein paar gekauft habe. Es ist eher ein Spiel als ein ernsthaftes Interesse. Ich komme mir vor, als würde ich auf etwas warten, aber ich weiß nicht, was. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Zustand von Dauer sein wird. Ich habe auch Probleme mit meinen Arbeitskollegen. Es ist, als ob wir einfach verschiedene Sprachen sprechen; ich kann mich einfach nicht richtig anpassen, weil wir in ganz verschiedenen Welten leben. Sie interessieren sich für LKW und Kräne, weil dies ihr Job ist (es ist nämlich eine Kran- und Schwertransportfirma), ich hingegen interessiere mich für Geschichte, Politik, Philosophie und Psychologie. Heute bereue ich es, dass ich nicht studiert habe, und es gibt jetzt kein zurück mehr. Ich werde versuchen, mich so bald wie möglich selbständig zu machen…“ (Brief vom 27.08.1997).

 
Israels Besuch in Deutschland

Inzwischen hatte Alexandra (32) die Scheidung beantragt und zugleich sich verlobt mit ihrem heimlichen Geliebten, einem Richter namens Hipólito, von dem sie ein Kind erwartete. Auf das Sorgerecht für die Kinder hatte Alexandra nach mehreren zähen Verhandlungen am Ende verzichtet, zumal sie sah, wie sehr Israel seine Kinder brauchte. Auch willigte sie ein, dass ihre Söhne den Israel begleiten dürfen bei seiner Besuchsreise nach Deutschland, weil die Behörden eine solche Einwilligung von ihr forderten. Bei der Beantragung der Visa für Israel, Jonathan und Joel hatte man uns dann jedoch mitgeteilt bei der Deutschen Botschaft in Lima, dass die beiden Jungen nicht ausreisen dürfen, da sie noch schulpflichtig seien. Deshalb machte Israel den Vorschlag, dass in diesem Fall nur er käme und seine beiden Söhne in der Zwischenzeit von den Großeltern betreut und versorgt werden. Insgeheim hatten wir gehofft, dass Israel in Deutschland vielleicht eine andere Glaubensschwester in seinem Alter (43) kennenlernt und sie heiratet, damit er und seine Söhne dann dauerhaft bei uns in Deutschland bleiben könnten. Die einzige, die wir kannten, war Elena (ca. 42), weshalb wir sie immer wieder zu uns einluden, damit der Funke überspringe. Doch so sehr Israel sich auch bemühte, der Elena seine Aufwartung zu machen, verhielt sich Elena leider sehr zurückhaltend wie ein "kalter Fisch", zumal sie so viel Aufmerksamkeit nach Jahren der Ablehnung gar nicht gewohnt war.

Da wir inzwischen 6 Leute waren in unserer 60 qm-Wohnung und die Verbrauchskosten deutlich gestiegen waren, hatte ich schon einige Wochen zuvor begonnen, frühmorgens um 4.00 Uhr den Weser Kurier an die Briefkästen der Abonnenten eines Bezirks zu verteilen. Nachdem ich mit der Arbeit ausreichend vertraut war, nahm ich auch Israel mit, um ihn einzuarbeiten, bis er schließlich den Job unter meinen Namen voll und ganz übernahm, damit er sich dadurch etwas Geld verdienen konnte. Desweiteren versuchte ich, mir durch Malerarbeiten am Wochenende etwas nebenbei zu verdienen. Ich machte mir einen Flyer mit der Aufschrift "Malerarbeiten vom Fachmann zum Sparpreis" und gab darauf meine Adresse und Telefonnummer an. Diesen Werbezettel verteilte ich überall in unserem Stadtteil Kattenesch. Es dauerte nicht lange, da bekam ich nicht nur jede Menge Anrufe von interessierten "Kunden", sondern auch einen Anruf vom Zoll-Amt "zur Bekämpfung von Schwarzarbeit", das mich bat, dort vorstellig zu werden. Ich erklärte dem ermittelnden Beamten, dass ich demnächst meinen Meistertitel hätte, aber schon einmal vorab auf der Suche nach potentiellen Kunden sei. Er erklärte mir, dass schon allein die Werbung für Handwerksleistungen ohne gültigen Meistertitel eine strafbare Handlung darstelle. Er fragte mich, ob ich denn schon Aufträge erhalten habe, und ich verneinte dies (obwohl das nicht ganz der Wahrheit entsprach). Da ich bisher nicht aufgefallen war, beließ es der Beamte mit einer Verwarnung, wies mich aber darauf hin, dass ich im Wiederholungsfall mit einer empfindlichen Geldstrafe zu rechnen habe.

Israel hatte unterdessen ein Buch geschrieben über die Geschichte seiner Familie mit dem Titel "Auferstiegen aus der Asche" und versuchte es nun, als Geschenk unter das spanisch sprechende Volk zu bringen, u.a. auch in unserem spanischen Bibelkreis. Auch nahm er in jener Zeit an einer Konferenz sämtlicher spanisch sprechender Pastoren aus Deutschland teil, die sich in Hannover trafen. Damit er ein wenig von Deutschland sehen könne, machte ich mit ihm an einem Wochenende eine Reise nach Berlin, wo wir das Brandenburger Tor und den Reichstag besuchten sowie einige andre Sehenswürdigkeiten. Unversehens durften wir dabei auch zusehen, wie gerade eine Szene für einen Kinderfilm gedreht wurde. Auf der Rückreise bekannte ich dem Israel, dass ich meinen Glauben verloren hatte. Er weinte ein wenig, sagte aber kein Wort dazu. Auch plante ich mit ihm in den Herbstferien eine Reise nach Sachsenheim, damit er auch mal Daniel Werner und die anderen Geschwister kennenlernte. Während des Besuches in Sachsenheim verband sich die Seele von Schwester Elisabeth Warnusz (64) mit der von Israel, und sie liebte ihn von da an wie einen Sohn. Diese enge Freundschaft dauert noch bis heute an, so dass Jonathan und Joel fortan die Elisabeth als ihre Oma betrachteten. Jahrelang hat Elisabeth von ihrer kleinen Rente nach Lima überwiesen, und freute sich, dass sie nun eine neue Familie gefunden hatte. Sie lernte aus Liebe zu Israel sogar Spanisch und hat danach Hunderte von Briefen mit Israel und den Söhnen ausgetauscht und Dutzende an Paketen zu ihnen geschickt.

Das Haus in Parcona, wo Israel wohnte und sich auch die kleine Versammlung traf, war über die Jahre heruntergekommen und brauchte dringend eine Renovierung. Wasser gab es dort nur eine Stunde am Tag und wurde dann in den Behältern gesammelt. Auch der Strom fiel ständig aus, weil die Infrastruktur in dieser ländlichen Gegend noch nicht richtig ausgebaut war. Israel hatte deshalb den Wunsch, in ein anderes Haus umzuziehen, das näher bei Ica liegt und auch größer ist, um Gäste zu beherbergen. Sein Vater Luis half ihm und kaufte im Vorort San Joaquin ein kleines Grundstück von 30 x 40 m, auf dem er ein Haus bauen könne. Auch wir versprachen Israel Hilfe, indem Ruth von nun an das Kindergeld für Rebekka sowie auch alle Einnahmen durch ihre Tätigkeit bei ihrem Chef, Dr. Koch. So schickten wir alle zwei Monate etwa 1.500,-DM nach Peru, die Israel für den Bau des Hauses ansparte. Aber auch die Geschwister Elisabeth Warnusz und Karl-Heinz Schubert (57) aus Sachsenheim überwiesen in etwa ebenso viel, so dass Israel beim Baubeginn zwei Jahre später über eine Summe von etwa 36.000,- DM verfügte, was einer Kaufkraft von etwa 180.000,-DM für peruanische Verhältnisse entsprach. Am Ende entstand ein Bungalow von etwa 200 qm mit großem Versammlungsraum, großer Wohnküche, 4 Schlafzimmern und zwei Badezimmern.


Oktober - Dezember 1997

Mein neues "Glaubenskonzept"

Anfang Oktober bat mich mein Chef, Herr Wittmann, in sein Büro. Dieser Freitag war genau der letzte Tag meiner 6 Monate Probezeit in der Firma, und ich ahnte schon, dass er mich möglicherweise kündigen wolle, zumal ich inzwischen auch wirklich alles gemalt und lackiert hatte, was es überhaupt in der Firma zu streichen gab, und auch schon viele Male bei Herrn Wittmann die privaten Räume seines Hauses in Ganderkesee gemalert hatte. Und tatsächlich teilte mir Herr Wittmann mit, dass er mich über die Probezeit hinaus nicht weiter beschäftigen wolle. Ich fragte ihn, ob er mir vielleicht aus Kulanz noch wenigstens eine Verlängerung von zwei Monaten geben könne, da ich ja ohnehin aus Bremen wegziehen wolle, aber bis dahin noch etwas arbeiten könne. Er war so freundlich, dass er meine Bitte gewährte und einen neuen Zeitvertrag für zwei Monate mit mir ausmachte.

Inzwischen hatte ich auch einen "modus vivendi" gefunden, wie ich meinen Glaubensabfall für mein gläubiges Umfeld nachvollziehbar nach außen vertreten konnte, ohne dabei für sie als "Ungläubiger" zu gelten. In einem Brief an meinen Schwiegervater Luis vom 14.11.1997 schrieb ich: "Es trifft schon zu, dass ich mich ziemlich weit von meinem bisherigen Glauben entfernt habe, da sich in vielen Dingen meine bisherige Denkweise verändert hat. Deshalb glauben viele Geschwister inzwischen, dass ich kein Kind Gottes mehr sei, aber das stimmt nicht. Ich liebe meinen himmlischen Vater noch genauso wie bisher, aber ich habe inzwischen eine andere Vorstellung ["concepto"] von Ihm, d.h. ich glaube nicht mehr, dass Gott sich wirklich so sehr für die noch so kleinsten Problemchen unseres Alltags interessiert, sondern es geht Ihm um das große Ganze, d.h. Er überwaltet unsere Wege und gibt uns auch dann noch Gelingen, selbst wenn wir es gar nicht verdienen. Ich glaube auch nicht mehr, dass Er uns ständig bestraft für jeden kleine Fehler, den wir begehen, denn Er ist souverän und hat auch keinen Bedarf daran, dass wir Ihn ständig loben müssten, denn Er weiß ja, dass wir Ihm dankbar sind für alles und völlig von Ihm abhängig sind. Ich sehe die Ungläubigen auch nicht mehr als meine Feinde an, sondern als Leidensgenossen, da Gott ja jedem Seiner Geschöpfe Leiden auferlegt hat. Hierin gibt es also im Prinzip gar keinen Unterschied, aber es gibt leider nur wenige Gläubige, die diese Wahrheit annehmen wollen. Deshalb bitte ich Sie, dass Sie meine Überlegungen nicht mit anderen, schwachen Brüder teilen sollten wie z.B. mit Bruder Samuel Franco. Jene sind nicht würdig, von meinen persönlichen Problemen zu erfahren, da sie diese Informationen zu ihren eigenen Zwecken missbrauchen würden."

Im Wesentlichen hatte mein neues Glaubenskonzept also eher rationalistische und deistische Züge, die vom Humanismus der Aufklärung geprägt waren. Die unbewusste Absicht, die hinter dieser Wunschkonstruktion steckte, war die: Wenn es stimmt, dass Gott sich nicht allzu sehr für uns interessiere, dann brauchen wir uns im Umkehrschluss auch nicht mehr allzu sehr für ihn interessieren. Tatsächlich kam ich mir ja vor wie ein Kind, das eines Morgens aufsteht und feststellen muss, dass seine Eltern spurlos verschwunden sind, ohne irgend einen Zettel zu hinterlassen. Ich verglich die Welt und ihre Religionen damals mit einem Maurer-Lehrling, der neu auf eine Baustelle kommt und der feststellen muss, dass zwar alle Bauleute irgendetwas tun, aber niemand eigentlich wirklich einen Plan habe, wie das Gebäude weitergebaut werden müsse, weil weder der Architekt, noch der Bauleiter und noch nicht einmal der Firmenchef anwesend waren, aber auch nie wirklich auftauchten. Allmählich dämmerte dem Lehrling, dass es in Wirklichkeit nie einen Firmenchef gab, sondern die Arbeiter nur einer Illusion erlegen waren, dass man sie eingestellt habe, sich aber jeder geweigert habe, seine Rolle zu hinterfragen. Das würde dann nämlich auch erklären, warum so viele Regeln im Christentum eigentlich gar nicht zuendegedacht wurden, weil man sich fürchtete, auf ein unerfreuliches Denkergebnis zu stoßen. Wozu musste z.B. der Sohn Gottes sterben, wenn Gott doch einfach die Regel der Sühnenotwendigkeit hätte abschaffen können? zumal doch niemand im gesamten Universum auf die Einhaltung der Sühneregel hätte bestehen können, wenn Gott selbst sie für unnötig erachtet hätte. Oder warum müsse man Gott immer wieder danken, wenn Er doch unsere Gedanken lesen kann und weiß, dass wir Ihm dankbar sind? usw.

Unser Umzug nach Hannover

Nachdem Israel wieder zurückgereist war nach Ica, begannen Ruth und ich unseren Umzug nach Hannover zu planen für Mitte Dezember. Ich hatte mich in der Meisterschule in Garbsen angemeldet, um von Januar bis Juni 1998 dort in Vollzeit die Teile 1 (Fachtheorie) und 2 (Fachpraxis) zu belegen. Wenn ich bestehen würde, hätte ich Anfang Juli meinen Meistertitel. Ruth wiederum hatte sich für das Wintersemester in der Tiermedizinischen Hochschule Hannover einschreiben lassen, um in sämtlichen Fächern nachgeschult zu werden, damit sie am Ende ihre Anerkennung als Tierärztin in Deutschland hätte. Aus der Zeitung hatten wir uns auch schon einige Wohnungsanzeigen in Hannover herausgesucht und sie vor Ort besichtigt, aber meistens stimmte das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht. Denn da das Meister-BAföG trotz gewährter Vollförderungsbedürftigkeit niemals ausreichen würde, um alle Kosten zu decken, mussten wir eine Wohnung nehmen, deren Miete noch einigermaßen erträglich war. Dies war aber in Hannover sehr schwierig, weil die wenigen billigen Wohnungen meist zu schlecht waren, als dass man dort zu Fünft hätte wohnen können (Ruth, ich, Rebekka, Rossana und Moises). Schließlich fanden wir eine maklerfreie 100 qm-Wohnung in Neustadt am Rübenberge für 1000,-DM Warmmiete im Monat, die uns sehr gut gefiel und nur 15 Min. von der Meisterschule in Garbsen und etwa 30 Minuten von der Tierärztlichen Fakultät in Hannover entfernt war. Zugleich erhielten wir auch einen Bescheid vom BAföG-Amt, dass man mir ein zinsfreies Darlehen von monatlich 1000,-DM geben würde zzgl. einer Förderung von 313,-DM/mtl., die ich aber nicht zurückerstatten müsse. Wir freuten uns über die Hilfe, waren uns aber auch bewusst, dass wir von 300, -DM + 150,-DM Kindergeld allein nicht leben könnten.

Mitte Dezember liehen wir uns dann einen kleinen Lkw aus, luden alle unsere Möbel ein und fuhren dann in unser neues Zuhause nach Neustadt am Rübenberge in die Saarstr. 21, 1.OG rechts. Da die neue Wohnung viel größer war, als die bisherige, mussten wir uns später noch einige gebrauchte Möbel dazukaufen, damit sie nicht so leer aussah. Da die Meisterschul-Lehrgänge erst im Januar losgingen, hatte ich auch noch genügend Zeit, die Wohnung zu streichen. Über Weihnachten gab es allerdings dann eine Woche lang überfrierende Nässe, so dass die Straßen stellenweise unpassierbar waren. Bei der Ausfahrt Neustadt bin ich daher mit dem Wagen aus der Kurve geschleudert und ohne Kontrolle über den Wagen an mehreren Bäumen vorbei geflogen, wobei sich der Wagen mehrfach um seine Achse drehte. Gott sei Dank, dass mir damals nichts passiert war.


Januar - März 1998

Mein Schwiegervater

Luis Condori Palacios (1920-2006) wurde in einem Dorf namens Huaychuacho geboren im Bundesstaat Ayacucho und wuchs dort zusammen mit seinem Bruder Alejandro (1924- 1997) bei der alkoholsüchtigen Mutter auf (der Vater war schon früh gestorben). Als er 11 Jahre alt war, schickte die Mutter Luis mit seinem Bruder in die Küstenstadt Ica hinab, um dort zu arbeiten und spanisch zu lernen (im Gebirge sprach man damals nur die Inka-Sprache Quechua). Sie wohnten dort im Haus eines Großgrundbesitzers, eines tyrannischen Offiziers, der sie ständig misshandelte und z.T. auch sexuell missbrauchte. In den 40er Jahren wollte sich Luis in der neuen Fabrik des amerikanischen Reifenherstellers Goodyear bewerben und stellte sich in eine lange Schlange zur Musterung an. Als er dann an der Reihe war, wurde er einfach aussortiert, weil er durch seine stark indianischen Gesichtszüge und seinen Igelhaarschnitt auf die Amerikaner trottelig wirkte. Luis ließ sich jedoch nicht unterkriegen, sondern stellte sich einfach nochmal in die Schlange an. Als er dann wieder dran war, sagte man zu ihm: "Kapierst du es nicht, dass wir so einen Cholo wie dich nicht wollen? Du bist wirklich ein beharrliches Kerlchen. Vielleicht sollten wir dir einfach mal eine Chance geben." Luis wurde also eingestellt und arbeitete so hart er konnte, auch wenn der geringe Lohn nur für einen kärgliches Dasein reichte. Es gelang ihm, auch Alejandro in die Firma hineinzubringen. Luis sagte damals zu seinem jüngeren Bruder: "Lass dich nicht von den Kollegen für irgendwelche Drecksarbeit missbrauchen, sondern konzentriere dich allein auf die Reifenproduktion". Kurz darauf kam einer der Firmenchefs zu Alejandro und sagte: "Wie könnt ihr in diesem Dreck überhaupt arbeiten?! Hey, du da, feg hier doch mal den Fußboden, ja!" Darauf sagte Alejandro: "Nein, das werde ich nicht tun, denn ich bin hier nicht zuständig, um hier irgend eine Drecksarbeit zu machen, sondern nur um Reifen herzustellen." Der Chef sagte: "Ach SO ist das also!" und notierte sich Alejandros Namen. Kurz darauf war Alejandro wieder gefeuert.

1948 heiratete Luis eine Frau in Ica, die ihm einen Sohn namens Walter schenkte. Doch sie trank viel, so dass die Ehe nach kurzer Zeit zerbrach und Luis mit dem Kind allein blieb. Luis zog deshalb in sein Heimatdorf Hauycahuacho, um sich von dort eine neue Braut zu suchen. Man empfahl ihm ein damals 16 jähriges Mädchen aus der Familie Curo. Da diese jedoch aus lauter Angst und Schüchternheit bei den Verhandlungsgesprächen mit den Eltern kein Wort sagen konnte, wollte Luis sie zuerst nicht haben, weil er dachte, sie sei taubstumm. Da Lucila kein Spanisch sprach, begriff sie erst am Hochzeitstag, dass man sie an einen 30-Jährigen verheiraten wolle und lief schnell davon, da Luis in ihren Augen alt und hässlich war. Als man sie in ihrem Versteck gefunden hatte, überredeten die Eltern sie, mit dem Mann mitzugehen, zumal sie auch schon den Brautpreis erhalten hatten. So reiste Luis mit Lucila auf einem Esel reitend vom Gebirge in die Hauptstadt Lima. Dort mietete er sich in dem Slumviertel Magdalena del Mar ein kleines Haus ohne Fenster, das nur aus zwei Zimmern bestand. Die Gemeinschaftstoilette im Slum war ein Donnerbalken, der fürchterlich stank, da es noch keine Kanalisation gab. Die Armut war groß und das Leben trist.

Eines Tages unterhielt sich Luis mit einem Arbeitskollegen über den Glauben an Jesus Christus. Luis war damals noch ein frommer Katholik, der sich zuhause einen Altar gebaut hatte für die Jungfrau Maria. Doch der Kollege überzeugte Luis, dass nur Jesus der einzige Mittler sei zwischen Gott und uns Menschen. Luis bekehrte sich und ging darauf regelmäßig in die Pfingstgemeinde. Im Jahr 1954 bekam auch Lucila ihren ersten Sohn, und er bekam den Namen Israel. Immer häufiger nahm Luis dann an Evangelisationseinsätzen in Lima teil und entdeckte sein Talent des freien Sprechens. Während seines Urlaubs reiste er dann in sein Heimatdorf Huaycahuacho und predigte dort auf dem Marktplatz das Evangelium, das in diesen Bergdörfern damals noch völlig unbekannt war. Schon bald darauf bekam der Dorfpfarrer dies mit und fing an, das Dorf gegen Luis aufzuhetzen, dass er ein "Anhänger Luthers" sei und damit ein Abgesandter des Teufels. Die Leute wollten ihn daraufhin lynchen, aber der Dorfpolizist konnte dies gerade noch verhindern, indem er Luis in Schutzhaft nahm. Kurz zuvor hatte Luis jedoch dem Pfarrer in Gegenwart des ganzen Dorfes eine prophetische Ankündigung zugerufen: "Weil du mich daran gehindert hast, dass die Menschen die Wahrheit aus dem Wort Gottes erfahren, wird Gott dich bestrafen. Du wirst noch in diesem Jahr sterben. Und daran werden alle erkennen, dass ich vom HErrn gesandt bin und nicht aus mir selber rede!" Die Dorfbewohner standen indes draußen vor dem Pferdestall, in welchem der Polizist ihn gefangen hielt und forderten mit lauten Rufen, dass man Luis hängen sollte, da er ein Ketzer sei. In der Nacht ließ der Dorfpolizist Luis dann wieder frei, ermahnte ihn aber, vorerst nicht wieder in das Dorf zurückzukehren, da er nicht für seine Sicherheit garantieren könne. Im gleichen Jahr starb dann der Priester tatsächlich in der Weihnachtsmesse, als er gerade den Kelch der Eucharistie hielt, an einem Herzinfarkt. Die Dorfbewohner erinnerten sich dann an das prophetische Wort von Luis und viele bekehrten sich dann in der Folge zu Christus, so dass eine Gemeinde im Dorf entstand, die der Luis dann über Jahre besuchte und dort predigte.

Von diesem Erlebnis mit Gott angespornt, fuhr Luis Anfang der 60er Jahre nun regelmäßig ins Gebirge nach Ayacucho und predigte das Evangelium in die entlegensten Bergdörfer, die man nur noch mit dem Pferd erreichen kann. Dabei nahm er auch immer seinen ältesten Sohn Walter mit, den er auf diese Weise zum Evangelisten ausbilden wollte. Gott segnete ihn und seine Arbeit, indem nacheinander viele kleine Gemeinden entstanden. Einmal ist Luis mit einem Bruder sogar über Pucallpa weit in den Amazonas-Urwald gereist, um auch den einheimischen Urwald-Indios die Evangeliumsbotschaft zu bringen. Er erzählte mir, dass er den Frauen im Dorf am Nachmittag beim Essen machen zusah. Dabei verwunderte er sich, dass sie die im Regenwald wachsenden Maniok-Wurzeln roh kauten und dann den zerkauten Brei in einen Topf spuckten. Dies taten viele Frauen zugleich über zwei Stunden lang, bis schließlich der große Topf voll war mit Spucke und zerkautem Maniok. Er dachte: "Was soll das werden?" doch als der Abend kam, reichte man ihm eine große Schale, den man für ihn mit diesem Spuckebrei gefüllt hatte. Alle aßen dann diese Suppe und beobachteten Luis dabei, ob es ihm auch schmecken würde. Luis schaute verlegen in die Runde in die Gesichter der größtenteils zahnlosen Indios, die ihm freundlich zulächelten und sich fragten, ob er denn keinen Hunger habe. Der einheimische Bruder, der den Luis begleitet hatte und ihm als Übersetzer diente, bemerkte seine Verlegenheit und erklärte seinen Angehörigen, dass Bruder Luis von der Küste käme und daher diese – im Urwald übliche - Speise nicht gewohnt sei. Sofort zeigte der Indio-Stamm Verständnis, so dass man Luis etwas anderes zum Abendessen gab.

An einem Tag hatte die Pfingstgemeinde angekündigt, dass ein großer Evangelist aus den USA nach Lima kommen würde und dass möglichst viele zum Flughafen kommen mögen, um ihn zu empfangen. Luis stellte sich deshalb in eine Reihe mit seinen Geschwistern, damit der Evangelist jedem nacheinander die Hand geben könne. Als Luis aber an der Reihe war, fasste der Amerikaner die Hand von Luis nur mit seinen Fingerspitzen an, was dieser als einen Affront erlebte. Traurig wandte sich Luis ab und dachte bei sich: "Was kann ich dafür, dass ich nun einmal ein Indio bin?" Plötzlich sah er einen älteren schlanken Gringo, wie er auf dem Flughafen Traktate verteilte. Es war der kanadische Kardiologe Dr. Arthur Vincent (1897-1991). Er hatte die Zeit für einen Zwischenstopp in Lima nutzen wollen, musste aber auch schon wieder zum Flugzeug zurück. Luis stellte sich kurz als Bruder in Christus vor und fragte ihn, ob er ihn denn nicht mal besuchen könne. Während Arthur zu seinem Flugzeug rannte, rief er Luis zu: "Sagen Sie mir eben ihre Postadresse!" Luis lief ihm hinterher und rief: "Jirón Junín 37b, Magdalena del Mar". - "Alles klar, hab ich mir gemerkt!" sagte Arthur.

Eigentlich hatte Luis nicht damit gerechnet, dass er irgendwann noch mal etwas hören würde von diesem Gringo. Umso überraschter war er, als er plötzlich ein Telegramm erhielt, in welchem Arthur Vincent seinen Besuch in Peru ankündigte. Seither ist "Bruder Arturito", wie sie ihn liebevoll nennen, 30 Jahre lang fast jedes Jahr für ein paar Wochen nach Peru gereist, um den Indios im Gebirge die "gesunde Lehre" zu bringen. Stundenlange Fußmärsche machten ihm dabei trotz seines hohen Alters nichts aus. Er umarmte die nach Schweiß und Lama riechenden Brüder, als wenn er ihres gleichen wäre und schlief auf harten Strohballen in den Lehmhütten bei 10˚C Grad Kälte ohne zu jammern. Dadurch gewann er trotz seines stark amerikanischen Dialekts im Laufe der Jahre die Herzen aller indianischen Geschwister.

Es war im Jahr 1962, als Lucila ihm eine Tochter gebar, der sie den Namen Ruth gaben (meine Frau). Um die höheren Kosten zu decken, kaufte Luis sich einen Marktstand, wo Lucila vormittags Reis und Bohnen verkaufte. Ruth wurde als Kleinkind in dieser Zeit meist zuhause eingesperrt, was umso grausamer war, da sie unter schwerem Asthma litt. Ohnehin aber war die 2-Raum-Wohnung im Slum allmählich zu klein für 5 Personen, so dass Luis sich nach einer besseren Bleibe umsah. Da erfuhr er, dass die Militärregierung ein Investitionsprogramm beschlossen hatte, um u.a. eine Mehrfamilienhaussiedlung im Stadtteil La Victoria zu errichten mit 400 günstige Wohnungen für Arbeiterfamilien. Die Siedlung wurde nach dessen italienischem Architekten Matute benannt. Luis kaufte eine 45 qm-Wohnung im Block 59 mit einem 18 qm großen Vorgarten, den er mit vielen Blumen bepflanzte. Doch schon bald gab es Streit mit seinem gleichaltrigen Nachbarn Rigoberto, der einen Teil des Vorgartens für sich beanspruchen wollte. Eines Morgens war über einem Teilstück von Luis Garten mehrere Wäscheleinen gespannt, an denen die Wäsche des Nachbarn hing. Darauf nahm Luis kurzerhand eine Schere uns schnitt die Leinen ab, so dass die Wäsche auf den Boden fiel. Da kam der Nachbar hinausgelaufen und schubste Luis, was ihm denn einfiele. Die beiden erwachsenen Männer rauften sich auf dem Fußboden, und im Nu schauten sämtliche Nachbarn dabei zu und amüsierten sich. Diese Prügeleien zwischen den beiden wiederholten sich noch viele Male, weil Rigoberto immer wieder neue Wäscheleinen spannte, die Luis immer wieder abschnitt. Öfters kam auch Rigobertos Frau mit einem Besen hinausgelaufen, den sie dem Luis auf den Kopf schlug, um ihren Mann zu unterstützen. Dann kam auch Lucila ihrem Mann zu Hilfe und schlug ebenso mit dem Besen drein. Schnell wurden alle Nachbarn gerufen, um sich das Spektakel mit anzusehen.

Während so jahrelang Krieg herrschte zwischen den Nachbarn, hatte der 14-jährige Israel Condori sich in die gleichaltrige Nachbarstochter Isabel verliebt. Als Luis dies mitbekam, forderte er von seinen Kindern, dass sie alle spätestens um 18.00 Uhr zuhause sein sollten. Sobald sie sich auch nur um 5 Minuten verspäteten, schlug er sie mit seiner Rute. Walter hat sich dann meistens unter dem Bett verkrochen, wo Luis ihn nicht erreichte. Überhaupt schlug er die beiden Söhne regelmäßig frühmorgens nach dem Aufstehen, nachdem er ihnen die Verfehlungen des Vortages vorgehalten hatte; denn so verstand er das Gebot im Sprüchebuch: "Wer seinen Sohn liebt, der sucht ihn am Morgen heim mit Züchtigung." Um Kosten für den Friseur zu sparen, schnitt Luis seinen Söhnen auch immer selbst die Haare, indem er sie ganz kurz schnitt. Als Walter 16 Jahre wurde, wehrte er sich dagegen: "Ich will nie wieder, dass sie mir die Haare schneiden. Ab jetzt will ich sie mir lang wachsen lassen, wie meine Klassenkameraden!" Vater Luis ließ ihn gewähren, zumal er stolz war auf Walter, der inzwischen schon auf dem Weg war, ein Profifußballer bei der Alianza Lima zu werden. Einen Fernseher gab es indessen nicht im Hause der Condoris, weshalb die Kinder heimlich bei den Nachbarn ihre Lieblingsserien schauten. Nach 10 Jahren Streit unternahm Lucila schließlich einen Versöhnungsversuch mit den Nachbarn, der zu einem dauerhaften Frieden führte. Luis trat dem Rigoberto einen Teil des vorderen Grundstücks ab, während dieser dem Luis ein gleich großes Stück im hinteren Garten schenkte. Jahre später baute Luis auf diesem einen Kiosk, der bis heute noch da ist und seit 1996 seinem Sohn Walter gehört.

Anfang der 70er Jahre kamen dann Cubaner nach Matute und handelten mit Drogen. Es dauerte nicht lange, da gab es keinen Jugendlichen mehr in Matute, der nicht kiffte oder kokste. Auch Israel, der im Viertel von allen Mädchen umschwärmt wurde, hatte heimlich regelmäßig Marihuana geraucht, was wohl erklären dürfte, warum er die Schläge seines Vaters immer mit einer stoischen Gelassenheit über sich ergehen ließ. Tatsächlich waren die beiden Söhne von Luis verhältnismäßig wohlerzogen. Die einzig Rebellische in der Familie war Ruth, die schon sehr früh mit 13 J. ihrem Vater widersprach und sich vor die Mutter stellte, wenn der Vater auch sie schlagen wollte. Ruth hielt die Rute fest und sagte: "Ich verbiete, dass Sie meine Mutter schlagen!"

Doch nicht nur zuhause, sondern auch auf der Arbeit hatte Luis ein starkes Durchsetzungsvermögen. Da er sich in seiner Freizeit viel mit dem Zivil- und Arbeitsrecht beschäftigt hatte, kamen die Arbeitskollegen zu Luis, wenn sie sich rechtlich beraten lassen wollen. Luis wurde zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt und trat auch der Gewerkschaft bei. Als 1970 ein neuer Militärputsch den General Velasco Alverado an die Macht brachte, verwies dieser die ausländischen Firmenbesitzer des Landes und verstaatlichte die Betriebe, "um dem Volk wieder ihren Besitz zurückzugeben" wie es hieß. Das führte dazu, dass nun die Arbeiter, die keinerlei kaufmännische Erfahrung hatten, an die Spitze der Unternehmen gesetzt wurden, so dass schon bald das totale Chaos ausbrach. Während die Amerikaner den Arbeitern noch recht auskömmliche Gehälter gewährt hatten, wurden die Löhne nun drastisch gesenkt, um Kosten zu sparen. Die Folge war, dass überall im Land gestreikt wurde, und einer dieser Streikführer war Luis. Er hielt große Reden vor der Belegschaft, ließ das Werksgelände besetzen und rief die Fabrikarbeiter sogar zum gemeinsamen Hungerstreik auf, über den dann in den Medien berichtet wurde. Mutter Lucila brachte in jener Zeit dem Luis immer heimlich Butterbrote vorbei, so wie es auch die anderen Ehefrauen heimlich taten. Als der monatelange Streik dann endlich beendet war, wurden die Arbeiter begnadigt, aber die Streikanstifter verloren ihren Job. Somit wurde auch Luis arbeitslos. Von seiner Auslöse kaufte er sich einen zweiten Marktstand, in welchem er Papier verkaufte, dass man damals, als es noch keine Plastiktüten gab, zum Einwickeln gebrauchte. Aber er war kein guter Verkäufer, weil er zu knauserig war. Seine warmherzige Frau Lucila hingegen hatte sich inzwischen bei allen Kunden beliebt gemacht, so dass Luis nur noch sie verkaufen ließ. Viele Kunden kauften nur noch, wenn Lucila da war.

Walter Condori hatte 1977 eine Arbeit als Hotelpage gefunden und seine Freundin Rita geheiratet, nachdem diese von ihm ein Kind erwartete. Die 45 qm-Wohnung war nun mit 7 Personen endgültig zu klein, so dass Walter und Rita auszogen. Sein Bruder Israel, der beim Militär beschäftigt war und nebenbei ein Studium in Publik Relations absolvierte, heiratete auf Anraten der Brüder Arthur Vincent und Nelson Mogollón 1984 die 11 Jahre jüngere Ecuadorianerin Alexandra, und auch sie zogen aus und wohnten fortan in Ica-Parcona. Da die Arbeitslosigkeit Anfang der 80er Jahre überhandnahm, wollte Ruth nach dem Ende ihrer Schulzeit Medizin studieren, aber ihr Vater erlaubte es ihr nicht, weil kein Geld da sei. Deshalb arbeitete Ruth einige Zeit als Verkäuferin, um sich ein Studium zu leisten. Ihr Vater schaltete ihr indessen abends immer das Licht aus, indem er sagte: "Wenn du unbedingt abends noch Bücher studieren musst, dann kannst du es auch bei Kerzenschein machen!" Aus seiner Sicht gehörten Frauen in die Küche und nicht in die Uni. Er verlangte auch von Ruth, dass sie immer nur einen Rock tragen solle, was Ruth allerdings spätestens mit 18 J. peinlich wurde. Sie ging deshalb zur Uni immer morgens mit Rock aus dem Haus und zog sich dann unter einer Treppe draußen heimlich eine Hose an. Wenn sie dann wieder nach Hause kam, zog sie sich schnell wieder um, so dass ihr Vater nichts mitbekam. Eines Tages erfuhr Luis dann durch Zufall von einem ehemaligen Arbeitskollegen, dass er nach dem Ausscheiden aus der Firma einen Anspruch auf Rente habe. Sofort beantragte Luis diese, und auf einmal war die Zeit der Knappheit endlich vorbei. Luis sah nun auch ein, dass es gut sei, wenn seine Tochter Tiermedizin studiere, da man sonst kaum Chancen auf einen Job habe. Unterdessen gingen bei den Condoris viele Brüder ein und aus, sogar aus den USA und Kanada. Sie alle unterstützten Luis bei den Besuchen der neu gegründeten Gemeinden in Collique, Abancay und Ayacucho. Immer wenn ein ausländischer Bruder kam, waren bei den Versammlungen alle anwesend. Denn eines war allen klar: Diese Brüder brachten Geld mit, und zwar nicht wenig. Luis hatte dieses dann immer unter die Bedürftigen verteilt, so dass er über eine gewisse Macht verfügte. Dies führte Anfang der 90er Jahre dann zu Neid und Streit.

Als ich im Januar 1992 zum ersten Mal nach Peru kam, stand die Versammlung in Lima kurz vor der Spaltung. Mehrere Brüder meuterten gegen die Vorherschaft von Bruder Luis, darunter Maximo Carmen (61), Raul Bendezú (57), Mateo Asto (48) und Ricardo Pineda (35). Sie warfen Luis Veruntreuung und eine ungerechte Verteilung der Spendengelder vor. Als Luis dann auch noch anfing, frei erfundene Gerüchte über diese Brüder zu verbreiten, sprachen sie ihm gänzlich den Glauben ab und gründeten eine neue Versammlung. Ich geriet damals mit meinen 23 Jahren zwischen die Fronten und versuchte, es beiden Seiten recht zu machen, was mir aber nicht gelang. Luis führte die Versammlung noch zehn Jahre weiter, bis er schließlich im leicht dementem Zustand 2006 heimging.

Die Meisterschule

In der Berufsschule Garbsen gab es jedes Jahr nur eine Klasse für Meisteranwärter im Maler- und Lackiererhandwerk, die in etwa aus 25 Schülern bestand im Alter von 25 bis 40 Jahren. Wir hatten zwei Lehrer, die uns abwechselnd in den Fächern Fachtheorie und Fachpraxis unterrichteten. Herr Brandes (ca. 58) war als Kunstlehrer ein richtiger Ästhet, aber zugleich auch sehr pflichtbewusst wie ein preußischer Offizier, der sich immer äußerst viel Zeit nahm, um uns die genauen Arbeitsabläufe zu erklären, bevor wir dann endlich mit den Aufgaben beginnen konnten. Herr Stollberg (ca. 45) hingegen war genau das Gegenteil von Herrn Brandes, nämlich ein eher lockerer Malermeister, der selber 20 Jahre einen Betrieb geleitet hatte und daher kein Theoretiker war, sondern aus seiner Erfahrung sprechen konnte. Verständlicherweise war mir Herr Stollberg gleich sympathisch, während ich mit Herrn Brandes eher auf Kriegsfuß stand. Das bestand jedoch auf Gegenseitigkeit, denn auch Herr Brandes hatte mit meiner eher unkonventionellen Art so seine Probleme. Wenn er z.B. beim Erklären durch den Klassenraum ging und dabei sah, dass ich meine Schuhe ausgezogen hatte, dann ließ er es sich nicht nehmen, vor der Klasse zu sagen: "Ach, Herr Poppe, das ist ja wirklich freundlich von ihnen, dass Sie uns alle an dem Duft ihrer Sohlen teilnehmen lassen!" Aber auch ich hatte manchmal einen Schalk im Nacken, um mir mit Herrn Brandes einen Scherz zu erlauben: Als nach einer Pause der Unterricht wieder begann und Herr Brandes wie gewöhnlich fragte: "Hat jemand noch irgend eine Frage, bevor wir mit dem zuletzt besprochenen Thema weitermachen können?" da fragte ich ihn: "Herr Brandes, ich habe mal eine ganz allgemeine Frage: Was ist eigentlich der Sinn des Lebens?" Die Klasse lachte und Herr Brandes versuchte, die unerwartete Frage irgendwie scherzhaft zu beantworten, indem er sagte: "Der Sinn des Lebens ist wohl der, dass wir irgendwann einmal alle ins Gras beißen müssen." Ich wollte aber ernst bleiben und entgegnete: "Wenn der Sinn des Lebens in unserem Tod bestehen würde, dann wäre es aber kein Sinn, sondern ein Un-Sinn; mit anderen Worten hätte das Leben dann gar keinen Sinn." Herr Brandes überlegte: "Nun, ganz so unsinnig ist das Leben ja auch nicht. Ich z.B. sehe den Sinn meines Lebens darin, dass ich mein erlerntes Wissen an die nächste Generation weitergeben kann." Darauf erwiderte ich: "Wenn der einzige Sinn Ihres Lebens darin bestanden hatte, dass sie Wissen über den Malerberuf weitervermittelt haben, dann muss das aber ein sehr trostloses Leben gewesen sein mit einem ziemlich elendigen Sinn." Die Klasse lachte wieder, aber Herr Brandes wollte diese unbeabsichtigte Beleidigung nicht erwidern, sondern wollte es mir bei der nächst besten Gelegenheit heimzahlen, die auch schon bald folgen sollte.

Da wir von den rund 300,- DM im Monat nicht genug zum Leben hatten, suchte ich in den Stellenangeboten einen Nebenjob, den ich mit freier Zeiteinteilung auch zwischendurch ausüben konnte. Ich fand ein Angebot vom sog. Emnid-Institut, wo es darum ging, Menschen zu befragen nach ihren politischen Ansichten, um die Daten statistisch auswerten zu lassen. Für jede einzelne Befragung gab es etwa 15,-DM, wobei der Fragebogen so lang war, dass man fast eine Stunde dafür brauchte. Ich hatte nun die Idee, gleich mehrere Leute auf einmal zu befragen, dann bräuchte ich die Fragen nicht immer neu stellen, und könnte dadurch mehr schaffen. Da man die unterschiedlichen Zielgruppen, für die es jeweils eigene Fragebögen gab, frei wählen konnte, wählte ich speziell für Jugendliche, damit ich die Lehrlinge der Berufsschule befragen konnte. Zu Beginn der großen Pause ging ich aus der Meisterklasse raus und fragte ein paar Jungen aus der Lehrlingsklasse nebenan, ob sie Lust hätten, an einer Befragung teilzunehmen. Es meldeten sich etwa vier, und wir gingen den Flur runter in einen leeren Klassenraum, wo wir ungestört waren. Zum Glück hatten die Schüler viel Spaß an den Fragen, wo es z.B. u.a. um Rassismus oder gewisse Vorlieben ging. Als jedoch eine halbe Stunde rum war, sagte einer der Schüler, dass der Unterricht wieder begonnen habe und sie zurück müssten. Die anderen drei wollten aber lieber mit mir die Befragung zuendemachen. "Und was soll ich sagen, wenn der Lehrer fragt, wo ihr abgeblieben seid?" - "Sag ihm einfach die Wahrheit" sagte ich, "dass sie an einer wichtigen Emnid-Studie teilnehmen und deshalb etwas später kommen. Da brauchst ihm ja nicht auf die Nase binden, dass wir das hier im Klassenraum machen." Der Schüler ging also zurück in seinen Klassenraum. Ich ahnte aber nicht, dass ausgerechnet Herr Brandes da unterrichtete.

Erwartungsgemäß fragte Herr Brandes, ob jemand wisse, wo die fehlenden Schüler verblieben seien. Der eine Schüler meldete sich und sagte: "Ich habe mit ihnen an einer Emnid-Umfrage teilgenommen, die ein Meisterschüler mit ihnen durchgeführt hat und die noch nicht ganz beendet ist. Er hat mir aber gesagt, dass ich Ihnen nicht verraten solle, dass er diese Umfrage hier in der Schule macht." Herr Brandes wurde rot vor Wut und sagte: "Du wirst mir jetzt sofort zeigen, wo er diese Befragung durchführt!" Kurz darauf ging die Tür auf in unserem Klassenraum und Herr Brandes schrie mich wutschnaubend an: "WER HAT IHNEN ERLAUBT, HIER WÄHREND DES BERUFSUNTERRICHTS PRIVATWIRTSCHAFTLICHE INTERESSEN ZU VERFOLGEN?! UND WO IST DIE GENEHMIGUNG, DASS SIE HIER ÖFFENTLICHE RÄUME NUTZEN DÜRFEN?! ES IST EINFACH EINE UNVERSCHÄMTHEIT, HERR POPPE, DASS SIE MEINE SCHÜLER HIER FÜR IHRE EIGENEN FINANZIELLEN INTERESSEN MISSBRAUCHEN, UND DAS AUCH NOCH WÄHREND DER UNTERRICHTSZEIT! EINE UNVERSCHÄMTHEIT!!!" Ich bat Herrn Brandes viele Male um Entschuldigung und gab mich völlig ahnungslos, was aber nicht verhindern konnte, dass er mich von nun an "auf den Kieker hatte".


April - Juni 1998

Unser Alltag in Neustadt am Rübenberge

Da ich keine reale Chance sah, genügend Freiwillige zu finden für meine Emnid-Umfragen, ließ ich es bleiben und versuchte mich stattdessen weiter im Aktiengeschäft, wobei ich zunächst nur die Theorie erlernte und worauf es ankäme und erst später, wenn ich genug Geld hätte, auch selbst ins Geschäft einzusteigen. Nach der Schule ging ich meist mit Ruth und Rebekka auf einen der vielen Spielplätze und lernte nebenbei für die Prüfung. Ruth machte derweil vormittags ihre Studiengänge an der Tiermedizinischen Hochschule und lernte parallel dazu weiter Deutsch, da sie vielen Erläuterungen der Dozenten auch nicht recht folgen konnte, zumal sie z.T. sehr schnell redeten. Rossana passte vormittags auf Rebekka und Moises auf und machte den Haushalt. An den Wochenenden fuhren wir mit Rossana, Rebekka und Moises zu den nahegelegenen Einkaufszentren oder ans Steinhuder Meer, wo wir zusammen badeten. Ruths Rückenschmerzen in Sacro-Lumbar-Bereich hatten inzwischen deutlich zugenommen, so dass Ruth bald jede Woche irgendeinen Termin bei einem Orthopäden oder in der Schmerzambulanz hatte. Einer von ihnen sagte zu Ruth ganz offen: "Ich bin inzwischen mit meinem Latein am Ende und kann ihnen höchstens noch eine Versteifung ihres Rückens durch einen operativen Eingriff anbieten, obwohl ich Ihnen den keineswegs empfehlen würde. Aber was Sie alles so an Opiaten einnehmen, das haut normalerweise einen Ochsen um!" Ruth zeigte aber äußerste Willensstärke und wollte unbedingt ihre Tiermedizin-Anerkennung in Deutschland schaffen.

Rebekka hatte schon bald auch zwei Freundinnen auf dem Spielplatt kennengelernt, Pamela und Jaqueline, die beide in ihrem Alter waren und deren Mutter eine Philippinin war, mit der sich Ruth gut verstand. Leider war der viel ältere Ehemann ein Trinker, der seine kleinen Töchter oft schlug. Diese Aggression übertrug sich dann auch auf Pamela, die ihrerseits ständig Rebekka schlug. Rebekka weinte damals oft, weil sie Ungerechtigkeit nicht ertragen konnte. Mit Moises verstand sie sich indessen gut und sie spielten vergnügt mit einander selbst wenn ihre Windeln voll waren und stanken. Wir brachten Rebekka bei, aufs Töpfchen zu gehen, und sie kam jedes Mal dann freudestrahlend in die Küche gelaufen, wenn sie uns wieder mitteilen kann, dass sie ein kleines "Ei" gelegt habe. Sonntags gingen Ruth und ich öfter mal in die nahe gelegene Baptistengemeinde, wo wir von einem älteren Ehepaar angesprochen wurden, die uns in ihren Hauskreis einluden. Dieser gefiel uns gut, so dass wir dort regelmäßig hingegangen. Ruth freundete sich dort mit einer Schwester namens Dörte an, die uns auch sehr häufig besuchte. Irgendwann bat ich dem Pastor und auch dem Hauskreisehepaar an, dass ich gar nicht mehr an den Gott der Bibel glaube, worauf sie entsetzt reagierten. Der Hauskreisleiter (dessen Name mir entfallen ist) meinte zu mir, dass dies wohl an der Trennung meiner Eltern liege, denn aus seiner psychologischen Erfahrung würden Trennungen der Eltern immer schwerwiegende Auswirkungen auf deren Kinder haben, bis dahin, dass sie von ihrem Glauben abfallen.

Der erste Adoptionsversuch

Allmählich neigte sich Rossanas Zeit in Deutschland dem Ende zu. Sie machte sich Sorgen um ihren Sohn und ihre Zukunft, denn mit einem kleinen Kind würde es fortan sehr schwierig sein, Arbeit zu finden. Sie würde das Los vieler lediger Mütter in Südamerika teilen müssen, deren Söhne dann früher oder später unter die Räder kommen, indem sie z.B. Drogen nehmen und verkaufen, weil sie niemanden haben, der immer für sie da wäre. Rossana wünschte sich deshalb, dass ihr Sohn von einem deutschen Ehepaar adoptiert werde, damit er viel Zuwendung und eine gute Ausbildung bekomme. Wir machten ihr klar, dass sie ihren Sohn dann nie wieder sehen würde, denn soweit mir bekannt war, würden schon die Behörden das nicht zulassen. Rossana war es aber wichtiger, dass ihr Sohn gut versorgt sei, und ihr war bewusst, dass sie dies nicht leisten konnte. Also rief ich beim Jugendamt in Hannover an und machte einen ersten Termin bei einer Beraterin. Wir nahmen Moises mit und sie erklärte uns, dass südamerikanische Kinder heiß begehrt seinen bei Adoptiveltern, weshalb es keine Schwierigkeit geben dürfte, Moises zu vermitteln.

Ein paar Wochen später wurden wir zu einem zweiten Termin geladen, weil man mögliche Adoptiveltern für ihn gefunden habe. Dort im Büro war zeitgleich ein junges Paar geladen, dass Moises sah und sich sofort in ihn verliebte. Sie nahmen ihn auf den Arm und hätten ihn am liebsten gleich mit nach Hause genommen. Die Frau von der Adoptionsstelle erklärte uns jedoch, dass erst viele Formalitäten erledigt werden müssten, u.a. ein ärztliches Attest und eine Einwilligungsbescheinigung von Rossana usw. Wir reichten die gewünschten Unterlagen nach und erhielten eine Woche später einen Anruf von der Behörde. Die Sachbearbeiterin war sehr wütend und sagte mir, dass wir ihr verschwiegen hätten, dass Moises wahrscheinlich geistig behindert sei. Ich fragte sie, warum dies denn einen Unterschied mache und dass das außerdem doch noch gar nicht sicher erwiesen sei. Sie aber sagte: "Herr Poppe, man kann kein geistig behindertes Kind zur Adoption geben, weil NIEMAND ein solches Kind haben will. Merken Sie sich das!" Ich fand das irgendwie ganz schön diskriminierend, aber ich dachte, sie wird es wohl besser wissen als ich. Damit war also unser erster Versuch gescheitert. Da wir keine Chance auf eine Adoption sahen, überredeten wir Rossana, das Kind doch erst mal mitzunehmen nach Peru.

Ohne Papiere existiert man nicht

Als der Tag der Abreise kam, fuhren wir mit Rossana und ihrem Kind nach Bremen und brachten sie zum Flughafen. Am Check-In-Schalter nahm die Dame am Schalter der Fluggesellschaft den Ausweis und das Ticket von Rossana entgegen und tippte die Daten in den Computer. "Fliegt das Kind mit Ihnen?" - "Ja." - "Dann bräuchte ich auch mal das Ticket für das Kind bitte." - - - Ich wurde nervös. "Wieso? braucht das Kind denn auch ein eigenes Ticket?" fragte ich zaghaft. "Ja, natürlich, oder hatten sie gedacht, dass Mutter und Kind irgendwie eine unzertrennliche Einheit bilden? Das mag vielleicht in der Schwangerschaft gewesen sein, aber jetzt ist es ein eigenständiger Fluggast und braucht deshalb auch ein Reiseticket." - "Ach so, das wusste ich nicht. Und was machen wir jetzt?" - "Machen Sie sich keine Sorgen, sie können auch jetzt noch ein ermäßigtes Ticket für das Kind kaufen, denn es sitzt ja auf dem Schoß der Mutter. Geben Sie mir mal den Reisepass für das Kind." Schon wieder geriet ich in Verlegenheit: "Muss denn ein so kleines Kind schon einen eigenen Reisepass haben?" - "Ja, was denken Sie denn! Selbstverständlich brauchen auch Babys einen Kinderausweis. Das kann ja jeder behaupten, dass das Kind der Mutter gehört. Sie müssen zur Peruanischen Botschaft und sich einen Pass für das Kind machen lassen, sonst kann das Kind nicht mitfliegen." - Wir waren geschockt. "Können Sie nicht irgendwie eine Ausnahme machen?" - "Nein, das geht nicht. Sie können doch nicht einfach glauben, dass das Kind einfach so mitfliegt, das sagt Ihnen doch schon allein ihr gesunder Menschenverstand. Und jetzt gehen Sie bitte weiter und überlegen sich, was Sie machen wollen, denn die Schlange hinter ihnen will auch noch fliegen."

Wir waren am Boden, und Ruth machte mir Vorwürfe, warum ich daran nicht gedacht hatte. "Wenn Rossana heute nicht fliegt, dann verfällt ihr Ticket und wir müssen wieder Geld sparen, um ein neues Ticket zu kaufen, und das nur, weil Du Dich vorher nicht richtig informiert hattest!" Rossana versuchte zu beschwichtigen: "Onkel Simon, Tante Ruth, machen Sie sich keine Sorgen! Ich fliege sonst auch ohne Moises, und Sie können ihn ja erst mal hier in Deutschland behalten und ihn dann später mitbringen, wenn Sie das nächste Mal nach Peru kommen." - "Das sagst Du so einfach, Rossana“, sagte Ruth, "aber Du weißt, dass wir vormittags beide nicht da sind, weil wir studieren. Der Kindergarten für Rebekka beginnt erst nach den Sommerferien und Moises ist noch zu klein dafür. Und Du weißt auch, dass ich Schmerzen habe und mich nicht um zwei Kinder kümmern kann!" - "Und wenn wir noch mal versuchen, ihn zur Adoption zu geben?" fragte ich. "Ich kann doch mal beim Jugendamt in Bremen und ihnen die Situation schildern. Irgendwas wird denen doch schon einfallen." So verblieben wir dann, und Rossana stellte sich nochmal in die Schlange, um einzuchecken. Nachdem wir sie verabschiedet hatten, ging ich mit Moises im Arm zum Auto. "Ein so hübscher Junge" dachte ich, "schade, dass wir ihn nicht einfach behalten können."

Ich rief beim Jugendamt an und erklärte dem Mann die Situation. "Das Kind kann auch erst mal in einer Pflegefamilie untergebracht werden. Sie können ja morgen Vormittag mal in mein Büro kommen und alle Unterlagen von dem Kind mitbringen." - "Welche Unterlagen meinen Sie?" - "Ja, z.B. die Geburtsurkunde und eine Vollmacht der Mutter." - "Eine Geburtsurkunde habe ich nie bekommen für das Kind." - "Wann ist das Kind denn geboren?" - "Vor einem Jahr." - "Waaas??! Und Sie haben es immer noch nicht beim Standesamt angemeldet? Dann wird es aber allerhöchste Zeit, denn ohne Papiere existiert Moisés noch gar nicht!" - "Ich dachte, das geht alles irgendwie automatisch, wenn ein Kind geboren wird." - "Nein, Sie haben doch auch eine Tochter und hatten ihr auf dem Standesamt einen Namen gegeben. Haben Sie das völlig vergessen?" Ich schämte mich und versicherte, dass ich mich jetzt schnellstens darum kümmern würde. Als ich beim Standesamt anrief, sagte mir die Dame, dass sie vom Krankenhaus damals eine Mitteilung erhalten habe, aber dass Sie noch immer darauf wartete, bei ihr vorstellig zu werden. Wir riefen in Peru an, dass Rossana eine Einverständniserklärung schreiben solle, die notariell beglaubigt und von einem anerkannten Übersetzer auf Deutsch übersetzt werden müsse. Elena wiederum hatte Kontakt zu einer gläubigen Pflegefamilie in Habenhausen, wo Moisés erst einmal untergebracht wurde. Wochen später erfuhr ich durch den Kinderarzt Dr. Wahlers durch Zufall, dass Moisés inzwischen von einem Journalisten-Ehepaar in Schwachhausen adoptiert wurde, deren Nachname Monsees hieße. Ich traute mich aber Jahre lang nicht, zu diesen Kontakt aufzunehmen, bis eines Samstags im Jahr 2015 Moisés mit seiner Adoptivmutter vor unserer Haustür stand (aber dazu später mehr).

Die Meisterprüfung

In der Meisterschule war ich inzwischen einer der Klassenbesten, weshalb sogar Herr Brandes von meinen Arbeiten beeindruckt war, auch wenn er mich nicht mochte. Ich lernte auch die möglichen Prüfungsfragen der theoretischen Prüfung in und auswendig, so dass ich mich ziemlich sicher fühlte. Kurz vor der Prüfung war im Juni 1998 ein ICE-Zug in der Nähe von Hannover entgleist und hatte über 100 Menschen in den Tod gerissen. Das Zugunglück von Lengede galt als das schlimmste von allen in Deutschland, so dass auch der Lehrer für eine Weile den Unterricht unterbrach. Als dann Ende Juni die Woche der praktischen Prüfung kam, erhielten wir die Aufgabe, den Empfangsbereich eines Hotels zu gestalten, indem wir auf den eigens von uns dafür vorbereiteten 8 Platten (0,5 x 1,00 m) jeweils eine genau vorgeschriebene Technik ausführen sollten, deren Ausführung dann benotet wurde. Die Arbeitsabläufe waren so geplant, dass wir alle 5 Tage brauchen würden, um dies auch zeitlich zu schaffen. Ich hatte mir zuvor schon viele Gedanken gemacht und arbeitete so pingelig und perfektionistisch wie ich nur konnte, weil ich das beste Ergebnis von allen erzielen wollte. Die ersten drei Tage liefen auch völlig im Zeitplan, doch dann hatte ich größte Mühe mit einem Schriftzug, den wir mit Blattgold auf eine Glasplatte bringen sollten, weil sich das Blattgold immer wieder stellenweise löste und nicht so recht kleben wollte auf der sog. Miktion (Kleber). Donnerstagabend wurde mir klar, dass es jetzt ganz schön knapp war mit der Zeit und ich eine Platte noch gar nicht bearbeitet hatte, sondern hatte sie am Donnerstag erst mal nur vorgespritzt, um sie am nächsten Tag mit einer Lilie zu vergolden.

Als ich am Freitagmorgen kam, war diese Platte noch immer nicht trocken, sondern bakte noch. Ich ging zu Herrn Brandes und fragte ihn, was ich jetzt machen könne, da die Platte nicht trocken sei. "In den Ofen können Sie die nicht stellen, denn dann können Sie die heute nicht mehr vergolden, weil der Lack zu weich ist" - "Und was soll ich sonst machen?" - "Keine Ahnung. Sie hätten vielleicht mal früher daran denken sollen, die Platte vorzuspritzen!" Es hatte keinen Zweck, denn er wollte mir nicht helfen. Also ging ich zu Herrn Stollberg und fragte ihn, ob er eine Idee hätte. Er überlegte und sagte dann: "Holen sie mir mal einen Japanspachtel, eine Tube Acrylspachtelmasse und Abtönfarben, z.B. Schwarz und Lila" - "Was haben Sie denn vor?" fragte ich verwirrt. "Das werde ich Dir gleich zeigen, wart' nur ab!" Ich brachte ihm die gewünschten Dinge, und er tat sich auf den Japanspachtel eine Mischung aus Acrylspachtel, sowie Schwarz und Lila, vermischte es und trug es plötzlich auf meine Platte auf. "WAS MACHEN SIE DENN DA?" fragte ich entsetzt. "Ich versuche, Dir den Arsch zu retten! Vertrau mir, ich weiß schon, was ich tue!" Mein Herz raste und es war mir völlig schleierhaft, was er vorhatte. Er trug die Farbe in kleinen Flecken kreuz und quer auf die Platte auf und überlappte die Flecken bis die ganze Platte bedeckt war. Eigentlich war es streng verboten, dass ein Lehrer uns bei der Herstellung der Platten half, und so war auch Herr Brandes sichtlich geschockt, als er sah, wie sich sein Kollege gerade über die Regeln hinwegsetzte. Als er fertig war, sagte er: "Schau, die Platte ist jetzt schon trocken, aber Du musst sie noch verdichten. Weißt Du wie das geht?" - "Nein." - "Schau her!" Er nahm den Japanspachtel und rieb damit auf der Farbfläche hin und her, so dass diese anfing zu glänzen. Erst jetzt erkannte ich, dass es eigentlich ein recht schöner Anblick war und machte weiter. Er hatte es geschafft, den Untergrund auf die Schnelle so herzurichten, dass ich noch rechtzeitig meine Vergoldung aufbringen konnte. Und er riskierte dabei sogar, dass sein Kollege ihn verpetzen könnte für diese kleine Schummelei. Das werde ich ihm immer hoch anrechnen!

So wurde ich gerade noch rechtzeitig fertig an jenem Freitag und hatte außer der Glasplatte ein sehr überzeugendes Ergebnis erzielt.


Juli - September 1998

Das Ergebnis

Ich erfuhr, dass wir das Ergebnis am 07.Juli erhalten würden im Rahmen einer Feierstunde. Der 07.Juli war aber zugleich mein 30. Geburtstag, weshalb ich umso mehr bangte, ob ich auch ein positives Ergebnis als Geburtstagsgeschenk erhalten würde. Mein Vater war extra angereist aus Bremen, um mich nach Hannover zu bringen. Wir versammelten uns auf dem Flur der Maler-Innung, während drinnen im Handwerkssaal beraten wurde. Dann ging die Tür auf und einer der Schüler wurde hineingerufen, und zwar Torsten, der ehrgeizigste Streber der Klasse, der immer nur an seinen eigenen Vorteil dachte. Wir waren uns sicher, dass er bestanden hat. Als er jedoch nach einer Weile herauskam, sagte er: "Ich hab's vergeigt! Und auch nur deshalb, weil ich bei einer Platte eine falsche Technik aufgebracht hatte entgegen der Vorgabe. Ich meinte es nur gut, aber die Prüfer meinten, dass dieser Fehler unverzeihlich sei, weil ich ja auch nicht zu einem Kunden sagen könne, dass die Lackierung doch schön sei, wenn doch der Kunde ausdrücklich eine Lasur gewünscht habe."

Ich dachte: "Wenn der deswegen schon allein durchgefallen ist, dann bin auch ich durchgefallen!" Doch dann ging die Tür wieder auf und man hieß uns diesmal alle zusammen hereinzukommen. Was hatte das zu bedeuten? Der Obermeister erklärte uns dann, nachdem er es zuvor sehr spannend gemacht hatte, dass wir anderen alle bestanden hätten und nun jeder nacheinander seine Urkunde bekommen würde. Ich war überglücklich, und als ich an der Reihe war, sagte ich vor der Jury, dass dieser Tag für mich in doppelter Weise besonders sei, da ich auch gerade 30 geworden sei. Dem HErrn sei Dank, dass er mir eine Demütigung erspart hatte! Im Nachherein tat mir der Thorsten wirklich leid, dass er durchgefallen war, und ich fragte mich, warum man bei mir ein Auge zugedrückt hatte.

Anna und Albert

Mitte Juli heiratete meine Schwester Anna ihren Albert in Ratzeburg, wo die beiden immer ihren Urlaub verbrachten. Es war eine schöne Feier und viele waren gekommen. Anna (32) und Albert (33) passten aber auch wirklich gut zusammen, da sie beide sehr konservativ waren, und zwar so sehr, dass sie sich am liebsten für den Rest ihres Lebens in eine Konserve hätten einschließen wollen, in der die Zeit zum Stehen gebracht war und die feindlich empfundene Umwelt ihre Ruhe nicht zu stören vermochte. Tatsächlich war dies dann auch ihr größtes Problem in den folgenden Jahren, dass nämlich ihre Umwelt immer nie so wollte, wie sie es gerne hätten und von ihr erwartet hatten. Sei es nun, dass die Prediger oder Glieder einer Gemeinde nie ganz genau ihren Wunschvorstellungen entsprachen und ihnen deshalb keine andere Wahl blieb, als diese wieder zu verlassen, oder sei es, dass die Vermieter sich nicht an die ihnen zustehende Ruhe hielten oder andere Vorgaben einfach missachteten. Anna und Albert hatten beruflicherseits gelernt, wie man Beschwerdebriefe verfasst, die es aber in sich hatten. Als ich später mal versucht hatte, Albert als Bürogehilfen zu gewinnen, lies ich ihn zur Probe Briefe an Kunden schreiben. Zu meinem Erschrecken waren diese dermaßen eiskalt formuliert, dass ich Albert zur Mäßigung aufrief: "Mein lieber Albert, so kannst Du doch nicht meinen armen Kunden schreiben! Das ist doch absolut grausam und lieblos! Die würden mir nie wieder einen Auftrag erteilen!"

Anna und Albert waren Eigenbrötler, aber sie haben sich immer gut verstanden. Es war beinahe so, als hätten zwei Autisten geheiratet, die beide auf einander Rücksicht nehmen konnten, weil beide unter den gleichen Ängsten und der selben Paranoia litten. Die Welt der beiden war entsprechend klein, aber sie waren nie einsam, denn sie hatten immer einander und ihre Erinnerungen an die 70er und 80er Jahre, in denen sie aufgewachsen sind. Ich habe die beiden immer bewundert wegen ihrer Bescheidenheit und Genugsamkeit. In dieser Hinsicht waren sie genau das GEgenteil von mir, denn ich war schon immer lebenshungrig und risikofreudig. Ihre größte Angst war die vor der Veränderung, und meine größte Angst war die vor der Erstarrung. Während Albert in den ersten Jahren noch shr scheu und zurückhaltend gegenüber uns war, hatte er sich allmählich an uns gewöhnt und zeigte sich auf Geburtstagen als heiteren Witzbold. Selbstironisch bezeichnete er sich selbst immer als der "Schnuff" wie ihn Anna immer nannte und fühlte sich offensichtlich wohl in dieser Rolle als gemütlicher Teddy wahrgenommen zu werden. Sein teilweise derber Humor wurde von meiner Mutter anfangs eher als Spott empfunden, über den sie nicht lachen konnte. Es ging einmal so weit, dass ich Albert in einem Brief damit drohte, handgreiflich zu werden, wenn er weiterhin seine Scherze mit meiner Mutter trieb. Später aber versöhnten wir uns wieder.

Albert war vielleicht aufgrund seiner etwas korpulenteren Statur nicht gewöhnt, anstrengende Arbeiten zu verrichten, deshalb mied er diese so weit er konnte. Wenn Einkäufe ins Haus getragen werden mussten oder Möbel in den Möbelwagen, fühlte sich Albert in der Regel nicht für zuständig, sondern überließ das Anna. Schon bald hatte er deshalb bei der Familie den Ruf eines "Faulpelzes" weg. Anna versuchte, dies immer schön zu reden, dass ihr das gar nichts ausmache und Albert dafür eben andere Gaben habe. Es dauerte lange bis ich einsah, dass Albert einfach innerlich gehandicapt war, d.h. es war nicht so dass er nicht arbeiten wollte, sondern er konnte nicht. Kein Wunder dass er deshalb jede Beschäftigung schon nach kurzer Zeit wieder verlor. Selbstverständlich lag das immer an den anderen, aber nie an ihm. Ebenso waren natürlich immer die Vermieter allein daran schuld, wenn Albert und Anna mal wieder wegen Lärmbelästigungen oder ähnlicher Unerträglichkeiten eine neue Wohnung suchten. In den letzten 20 Jahren sind die beiden schätzungsweise schon 6 oder 7 mal umgezogen, und jedes Mal endete ihr Mietverhältnis im Streit.

Der Beginn meiner Selbständigkeit

Am 01.08.1998 meldete ich in Neustadt am Rübenberge mein Gewerbe als selbständiger Malermeister an. Es war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser, denn ich hatte zwar auf der Meisterschule alle möglichen, seltenen Maltechniken erlernt, die ich später so gut wie nie mehr anwenden konnte, aber die einfachsten Dinge hatte man mir nicht erklärt, z.B. woher ich eigentlich Material bekomme und wo ich meinen Müll entsorgen könnte. Meine größte Sorge war jedoch zunächst einmal, wie ich überhaupt Kunden gewinnen konnte, denn ich war ja noch vollkommen unbekannt in Neustadt am Rübenberge, so dass ich noch nicht von Mund-zu-Mund-Propaganda profitieren konnte. Erschwerend war noch, dass sich sehr viele Meisterschüler aus Garbsen im Raum Neustadt niedergelassen hatten, so dass es wohl die scheinbar größte Dichte an Malerbetrieben aus ganz Deutschland dort gab. Auch einer der größten Malereibetriebe Deutschlands hatte in Neustadt am Rübenberge ihren Stammsitz mit über 400 Mitarbeitern und eines Bestehens von über 150 Jahren. Wie also sollte eine neu gegründete Firma bei so viel Konkurrenz überhaupt Fuß fassen können?!

Ich versuchte es zunächst mit einer Annonce in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Es meldeten sich gerade einmal nur zwei Interessenten, von denen mir immerhin eine auch einen Auftrag erteilte. Dann kam mir die Idee, einen Werbeflyer zu verteilen, auf dem ich jedem Kunden einen Rabatt von 30 % anbot und einige meiner Leistungen schon konkret benannte mit ihren jeweiligen Einheitspreisen, z.B. "Fassade grundieren und zweimal streichen mit hochwertiger Reinacrylatfarbe: statt 20,-DM/m² nur noch 13,50 DM/m²" oder "Fenster schleifen und zweimal lackieren mit Lack oder Lasur: statt 18,-DM/m² nur noch 10,-DM/m²". Da die meisten Malerbetriebe bei ihren Angeboten Einheitspreise verwenden (d.h. Preis pro m² oder m), hatten die Hausbesitzer nun die Möglichkeit zu vergleichen, und so dauerte es nicht lange, dass ich sehr viele Anfragen bekam, aus denen dann auch Aufträge wurden. Ich war einfach unschlagbar billig, und ich merkte es selber nicht einmal. Mein "Glück" war, dass ich nicht kalkulieren konnte, da ich im Rechnen schon immer schlecht war, und so konnte ich - ohne mir dessen bewusst zu werden - viele Mitbewerber fernhalten, selbst wenn ich so gut wie nichts mehr am Auftrag verdient hatte. Für das Streichen einer Fassade über 1000,-DM zu bekommen, war für mich gefühlt eine Menge Geld, mit dem ich mich gern zufrieden gab, selbst wenn meine Konkurenten für das gleiche Haus über 2000,- DM angeboten hatten. In den ersten drei Monaten hatte ich einen Umsatz von insgesamt 14.265,- DM, was mich zuversichtlich stimmte, dass es nun endlich bergauf ginge. Davon kauften wir uns u.a. Flugtickets, um im Januar 1999 wieder nach Peru zu reisen, wenn es ohnehin kaum Arbeit geben würde. Diesmal wollte auch mein Vater Gregor mitkommen.

Doch schon nach ein paar Wochen litt ich unter der Einsamkeit und Langeweile, denn tagsüber gab es nun keinen Arbeitskollegen mehr, mit dem ich mich unterhalten konnte, so dass ein 8-Stunden-Tag mir unendlich lang vorkam. Da kam mir die Idee, mal meinen Bruder Marco zu fragen, ob er nicht Lust hatte, bei mir eine Umschulung zum Malergesellen zu machen, zumal seine selbständige Treppenhausreinigung auf Dauer auch nicht das Richtige für ihn sein konnte. Marcus fand die Idee gut, zumal auch er daran interessiert war, mit mir mehr Gemeinschaft haben zu können. Also machten Marco und ich einen Ausbildungsvertrag, und er wurde mein erster Mitarbeiter. Da er nach wie vor in Bremen wohnte, bedeutete dies für ihn, dass er nun zwei Jahre lang täglich zwischen Bremen und Neustadt pendeln musste mit dem Zug, eine Stunde hin und eine Stunde zurück. Normalerweise dauert eine Ausbildung im Handwerk immer drei Jahre, aber Marco war ehrgeizig und wollte seine Ausbildung auf anderthalb Jahre verkürzen, zumal er sich aufgrund seines Alters den jungen Lehrlingen in der Berufsschule ohnehin überlegen sah. Um sich ausreichend praktische Erfahrung anzueignen, machte Marcus sich noch zusätzlich selbständig als Maler- und Lackierer als sog. "Reisegewerbe" (eine Art "Lücke" in der an sonsten strengen Handwerksordnung).


Oktober - Dezember 1998

Aller Anfang ist schwer

Am 07.10.1998 kaufte ich schließlich für mich und Ruth je ein Handy für 249,-DM/Stk. Handys wie das Siemens S6 waren damals noch über 15 cm groß und konnten nichts weiter als nur telefonieren. Es war das erste Handy überhaupt, das ich besaß, und ich war auch einer der ersten Kunden des gerade neu gegründeten Konzerns VIAG Interkom, der sich später O2 nannte. Ich konnte mir damals sogar unter 10 attraktiven Nummern noch eine aussuchen, die ich auch bis heute noch habe. Da es damals noch keine Pauschaltarife (Flatrates) gab, waren Handygespräche dermaßen teuer, dass man es nur in Notfällen gebrauchte. Obwohl das Post- und Fernmeldewesen bereits privatisiert war, waren aber auch sog. "Ferngespräche" Ende der 90er Jahre noch sehr teuer. Ein Anruf von Neustadt nach Bremen kostete z.B. 0,50 DM/Minute, und nach Peru kostete eine Minute sogar 2,-DM. Wenn Ruth damals mit ihrer Familie in Peru telefonierte, dann stand ich daneben oft wie auf glühenden Kohlen, indem ich immer wieder mit dem Finger auf meine Armbanduhr schlug, um Ruth zum Auflegen zu bewegen. Unsere Telefonrechnungen beliefen sich jeden Monat auf bis zu 200,-DM im Monat, so dass wir trotz meiner Selbständigkeit einfach nicht aus den roten Zahlen herauskamen. So trug ich wieder jeden Morgen in der Frühe die Lokalzeitung aus und verteilte dabei zusätzlich meine Flyer, um neue Kunden zu gewinnen. Aufgrund meiner schlechten Rechenkünste, bot ich meinen Kunden die 50,-DM Stundenlohn nicht nur inkl. Lehrling an, sondern auch inkl. Materialkosten, so dass mein eigentlicher Stundenlohn als Meister sich gerade einmal nur bei etwa 35,-DM belief. Hinzu kam, dass ich mich bei der Addition meiner Preise in der Rechnung häufig zu meinen Ungunsten verrechnet haben muss, aber naturgemäß machten mich nur wenige Kunden ehrlicherweise darauf aufmerksam. Wenn das Arbeitsamt mir nicht die ersten 6 Monate immer ein sog. "Übergangsgeld" in Höhe von 3.200,- DM gezahlt hätte, dann wäre ich schon nach wenigen Wochen zahlungsunfähig gewesen, zumal meine Gesamtkosten nahezu fast genauso hoch war wie mein Umsatz. Die Einnahmen zerronnen wie Wasser in unseren Händen, denn inzwischen musste ich neben der 250,- DM-Monatsrate für das Krankenhaus auch jeden Monat 600,- DM an meinen Vater zahlen, wegen all der Schulden, die ich bei ihm hatte. Auch Hans-Udo meldete sich nun, und wir vereinbarten 500,-DM monatlich, die ich zwei Jahre lang an den Verein zurückerstatten sollte.

Schon bald musste ich leider auch zum ersten Mal die Erfahrung machen, dass nicht alle Kunden bereit sind, für eine erbrachte Leistung auch zu zahlen. So hatte mich eine Immobilienmaklerin gebeten, ihr ein Angebot zu machen, was es kosten würde, wenn ich die veralgte Fassade ihrer Garage reinigen, grundieren und streichen würde. Ich maß also die Fläche, errechnete den Preis und rief sie abends an, um ihr mein Angebot mündlich am Telefon zu sagen (472,60 DM brutto). Sie war damit einverstanden und erteilte mir den Aufrag. Doch nachdem ich alles erledigt und ihr die Rechnung zugeschickt hatte, erhielt ich kurz darauf ein Fax, in welchem sie behauptet hatte, dass sie mir noch gar keinen Auftrag erteilt habe und deshalb keine Veranlassung sehe, mir überhaupt die Rechnung zu bezahlen. Ich war aufgebracht vor Wut und setzte mich sofort an die Schreibmaschine, um ihr neben einer Mahnung mit Fristsetzung auch noch einen zwei-Seiten-langen Brief zu schreiben, in welchem ich ihr unmoralisches Verhalten in aller Schärfe rügte, wobei ich ihr "Charakterlosigkeit, Menschenverachtung und unersättliche Raffgier" vorwarf. Bevor ich den Brief abschickte, machte ich eine Kopie und brachte diese bei einem Rechtsanwalt in der Nachbarschaft vorbei mit der Bitte, dass er doch meinen "Fall" vertreten möge. Er las sich alles durch und fragte mich dann: "Haben Sie den Brief schon abgeschickt?" - "Ja! warum?" Er schüttelte den Kopf und sagte: "Warum haben Sie mich denn nicht gleich mit dem Fall betraut, bevor Sie solche Romane schreiben? Und wenn Sie Ihrer Kundin hier z.B. 'niederträchtiges Gebaren' oder 'Raffgier' vorwerfen, dann müssen Sie aufpassen, dass diese Sie nicht wegen Beleidigung verklagt! Ich hoffe ja, dass das noch gut geht. Aber in Zukunft sollten Sie das Schreiben lieber dem Anwalt überlassen."

Tatsächlich erfuhr ich dann 10 Tage später, dass der Anwalt der Kundin meinem Anwalt mitgeteilt hatte, dass seine Mandantin von einer Strafanzeige gegen mich wegen Beleidigung absehen würde, wenn ich im Gegenzug bereit sei, eine Zahlung von gerade einmal nur 150,-DM zu akzeptieren, was mir mein Anwalt dringend anriet, da ich sonst vorbestraft wäre. Ich ärgerte mich zwar, vor allem über meine eigene Dummheit, aber war natürlich damit einverstanden. Obwohl es sich um ein verhältnismäßig geringes "Lehrgeld" handelte, konnte ich jedoch den Gedanken kaum ertragen, dass diese Kundin auf diese Weise nun einfach Kosten eingespart hatte. Auf legalem Wege konnte ich jedoch jetzt nichts weiter erreichen, deshalb nahm ich mir vor, mich zu einem späteren Zeitpunkt an ihr zu rächen. Als Christ hätte ich mich im Gebet von all diesen negativen Gefühlen der Kränkung und Demütigung von Gott befreien lassen können, aber als Ungläubiger war ich nun auf mich alleine geworfen und musste die Sache mit mir selbst ausmachen. Heute weiß ich, dass diese Ungerechtigkeit mir nur deshalb widerfahren ist, weil ich auch selbst Unrecht übte, indem ich auch selber Behörden und Institutionen Gelder vorenthielt, das ihnen von mir zustand. Ich komme später noch darauf zurück.

Im November 1998 erhielt ich u.a. dann einen Großauftrag, nämlich ein leer stehendes Haus von oben bis unten zu renovieren. Da aber das Haus aber in Bückeburg war, also etwa 60 km entfernt von Neustadt, beschlossen Marcus und ich, uns für eine Woche dort einzuquartieren, womit die Kundin auch einverstanden war. Meine Frau bat mich nur, dass wir auch unseren Papagei mitnehmen sollten, damit er tagsüber nicht so alleine sei. Um den Auftrag überhaupt schaffen zu können, nahmen Marcus und ich uns vor, 14 bis 16 Stunden am Tag zu arbeiten, denn was könnten wir sonst auch tun, ohne uns zu langweilen. Damals erfand ich für den Flur eine Technik, die ich auch später noch oft anwendete, indem ich die Wände mit Latexfarbe spachtelte, so dass sie spiegelglatt wurden. Beim Tapezieren der Räume mit Raufasertapete ist uns dann jedoch ein grober Fehler passiert: Die Kundin hatte nämlich alle Heizungen ausgestellt, so dass es nur etwa 12 oC an Temperatur hatte. Dadurch konnte der Kleister aber gar nicht richtig trocknen. Als wir dann die Decken strichen, fielen uns reihenweise die Tapeten von den Decken, da sie durch die Farbe zuviel Gewicht hatten und der Kleber sie nicht mehr hielt. Wir mussten also im Akkord Bahn für Bahn wieder nachkleben, so dass wir viel Zeit verloren. Am Ende mussten wir bis spät in die Frühe durcharbeiten, um noch rechtzeitig fertig zu werden. Die Nerven lagen inzwischen blank, so dass Marcus und ich oft an einander gerieten. Einmal rastete ich so aus, dass ich Marco einen Tritt in den Hintern verpasste. Daraufhin setzte er sich in das Auto und wollte nicht mehr arbeiten. Es war 4.00 Uhr nachts und ich bettelte ihn an, doch wieder ins Haus zu kommen, denn alleine würde ich es nie schaffen. Am Ende war die Kundin nicht mit unserer Arbeit zufrieden und gab uns statt der vereinbarten 6.000,- DM gerade nur die Hälfte. ich war trotzdem einverstanden, da die Arbeit tatsächlich eines Malers unwürdig war.

Mein Abschiedsbrief

In jener Zeit hörte ich immer häufiger die Musik der Gruppe Rammstein. Die harten und aggressiven Rythmen drückten genau jene Wut und jenen Frust aus, den ich damals empfand. Und dann gab es da noch eine Gothic-Band namens Therion, die düsteren Symphonic Metal spielte, deren satanischer Hintergrund mir zwar bewusst war, aber die ich dennoch leidenschaftlich gerne hörte. Jeder Metal-Fan weiß im Grunde genommen, dass diese Musik ihm hilft, seine unterdrückten Aggressionen abzubauen, indem er diesen durch das Hören hemmungslos „freien Lauf lassen“ kann, als würde er selber diese Musik spielen oder diese Texte singen. Es ist dieses Rauschgefühl von unbändiger, zügelloser Stärke, das den Hörer beflügelt und ihm die Unlustgefühle vergessen hilft. Psychiater sprechen gerne von "körpereigenen Drogen" wie Endorphin, Serotonin oder Noradrenalin, die durch diese Hardrockmusik freigesetzt wird; aber durch diese "Botenstoffe" wirkt ein luziferisches Bewusstsein im Menschen, das ihn antreibt zum Aufruhr und Empörung gegen alles Heilige. Satan wollte ja Gott gleich sein, und genauso fühlt sich auch ein von ihm inspirierter Mensch den anderen Mitgeschöpfen gegenüber haushoch überlegen. In Wirklichkeit aber wird er selbst von Satan betrogen, weil diese Rauschzustände – wie bei allen Drogen – nur von begrenzter Dauer wirken und ihn danach wieder frustriert und innerlich leer zurücklassen. In der Folge verlangt der Süchtige noch immer mehr Grenzüberschreitung, vergleichbar einem pubertierenden Jugendlichen, der austesten muss, wie weit er noch gehen kann. Dieser Trieb, mir immer neue Freiheiten herauszunehmen, wurde auch in mir damals (wieder)erweckt, so dass ich „es allen zeigen wollte“.

Mein Freund Bernd Fischer hatte sich bereits ein Jahr zuvor endgültig von mir verabschiedet, indem er mir einen letzten Brief sandte mit einem schwarzen Rand auf dem Umschlag, durch den man damals Trauerbriefe um einen Verstorbenen kennzeichnete. Für ihn war ich jetzt tot. Das tat mir zwar leid wegen unserer jahrelangen Freundschaft, aber ich konnte es nicht ändern, da sich ja bei mir eine Metamorphose vollzogen hatte. Es gab nun kein Zurück mehr. Es war nun die Zeit gekommen, dass auch ich mich noch ein letztes Mal an meine Brüder von früher wenden wollte in einem Abschiedsbrief. Ich machte mir keine Illusion, dass ich dadurch irgendjemanden hätte überzeugen können; mir ging es vielmehr darum, dass keiner glauben sollte, dass ich nur aus Schwachheit und Lauheit in die Welt zurückgekehrt sei, sondern dass ich „gute Gründe“ für meine Entscheidung hatte. Ähnlich wie Saul, der den Samuel nach seiner Verwerfung darum bat, doch wenigstens vor den Ältesten seines Volkes und vor Israel geehrt zu werden, so wollte auch ich gerne wenigstens noch mit erhobenem Haupt davongehen, indem alle erfahren sollten, warum ich kein Christ mehr sein konnte.

Mir kam dabei die Person des „Demas“ in den Sinn, von dem Paulus am Ende des zweiten Briefes an Timotheus beiläufig schrieb: „…denn Demas hat mich verlassen, da er den jetzigen Zeitlauf liebgewonnen hat“ (2.Tim.4:10). Ich fragte mich, ob Demas diese Begründung wohl für sich hätte gelten lassen wollen. Da kam mir die Idee, einen fiktiven Antwortbrief an Paulus zu schreiben, indem ich mich als Demas ausgab, der seine Gründe für seinen Weggang ausführlich schildern wollte. Ich beschrieb darin all mein Leid, dass ich gerade in den letzten Jahren in meiner Beziehung zu Gott erlebt hatte, indem ich mir Gott als ein „Schreckgespenst in meinem Gewissen“ vorgestellt hatte. Dabei zitierte ich aus einem Buch von Tilmann Moser, der in seiner Jugend ähnliche Erfahrungen mit Gott machte: „Gott raubte mir so gründlich die Gewissheit, mich jemals in Ordnung fühlen zu dürfen, mich mit mir auszusöhnen, mich o.k. finden zu können. Mir graut es, wenn ich an die unzähligen Stunden im ‚Morgen-Grauen‘ denke, als ich nur noch flehen konnte: ‚Herr, verwirf mich nicht von deinem Angesicht.‘ Das Morgengrauen ist die Zeit der Hinrichtungen, des Selbsthasses und der Gottesheimsuchung… Ich saß wie in einer Falle: alle mir wichtigen Menschen zeigten keinerlei Zweifel, dass es Gott gebe und er ansprechbar, verständnisvoll, gütig, gerecht, ja sogar lieb und barmherzig sei, wenn auch mit dem Hintergrund düsterer Strafen, deren schlimmste natürlich der Liebesentzug sei, und es galt gleichzeitig als ausgemacht, dass bei dem, der Gott nicht erreichte, etwas Schlimmes vorliegen müsse. Das brachte mich in die Lage einer keuchenden und angstgejagten Ratte, die ihre Tretmühle in wachsender Panik immer schneller tritt… Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins an einen allgegenwärtigen Gott bewirkte eine lähmende Einschüchterung und Ohnmacht in mir und machte mich zu einem korrupten Schmeichler, der sich Gott immer wieder durch Lob und Dank anzubiedern suchte, um seine Gunst zu erlangen… Gott war für viele meiner Glaubensgeschwister für ganze Bereiche ihres seelischen Lebens der einzige Ansprechpartner. Seine erdrückende Wirklichkeit entstammt ihrer Isolierung, ihren Kontaktstörungen, ihrer Sprachlosigkeit anderen Menschen gegenüber. Sie beteten zu ihm und erzählten ihm abends ihren Tag, weil ihnen sonst niemand zugehört hätte. In ihrer Verzweiflung haben sie Gottes Antwortlosigkeit als unendliche Geduld und Wohlwollen gedeutet. Sie hätten ihr Elend auch ihrem Wellensittich zuflüstern können.“ (Tilmann Moser: Gottesvergiftung, Suhrkamp Taschenbuch, 1980).

 Diesen „Brief des Demas“ aus dem fiktiven Jahr 63 n.Chr. schrieb ich während des 2. Halbjahrs 1998 und vervielfältigte ihn dann als Büchlein mit 23 Seiten, das ich dann an etwa 50 Glaubensgeschwister in Deutschland versandte. Alle meine Gefährten von früher sollten nun wissen, dass ich nicht mehr zu ihnen gehörte. Allerdings scheute ich mich davor, diesen Abschiedsbrief auch an Edgard und Hedi Böhnke zu verschicken. Denn nach wie vor besuchten wir sie ja regelmäßig wie unsere Großeltern, und ich hatte es bis dahin nie übers Herz gebracht, ihnen von meinem Glaubensabfall zu erzählen, weil sie es nie verstanden hätten. Da sie schon über 70 J. waren, wollte ich ihnen nach all dem Guten, das sie mir angetan hatten, keinen Kummer mehr bereiten, sondern sie bis zu ihrem Tod in Ahnungslosigkeit belassen. Doch ich hatte törichterweise nicht damit gerechnet, dass sie es schon kurz darauf von anderen erfahren sollten. Eines Abends rief ich Hedi an, um sie zu fragen, ob wir sie am Wochenende mal wieder besuchen kommen dürften. Doch Hedi wies mich ab und sagte: „Wir haben gehört, dass Du nicht mehr an unseren HErrn Jesus Christus glaubst. Die Geschwister Domrös haben uns ein Heftchen von Dir geschickt, und Edgard hat es gelesen. Seither ist Edgard tief getroffen und kann Nachts nicht mehr schlafen. Simon, Du hast dem Edgard das Herz gebrochen. Wir haben Dich immer geliebt wie einen Sohn. Aber jetzt gehst Du für immer verloren, wenn Gott Dir nicht noch einmal gnädig sein wird. Wir wollen nie mehr, dass Du zu uns kommst. Das könnten wir nicht ertragen. Du musst umkehren zum HErrn Jesus, Simon, sonst gibt es keine Hoffnung mehr für Dich!

 

Einmal auf dem Schoß Gottes sitzen

Wie ich meinen Glauben verlor
und Gott ihn mir nach 18 Jahren wiedergab

 

 

"Und das Übrige der Geschichte Jorams und alles was er getan hat, ist das nicht geschrieben in dem Buche der Chronika der Könige von Juda? Und er ging hin, ohne vermisst zu werden..."

(2.Kön.8:23, 2.Chr.21:20)

Vorwort

Wenn wir uns Gedanken machen über unser bisheriges Leben, kommen wir alle früher oder später zu der Einsicht, dass unser Leben im Grunde nicht mehr als ein Hauch ist, der eine kurze Zeit lang sichtbar ist und dann verschwindet. Für den Lauf der Welt ist es im Grunde völlig bedeutungslos, ob wir einmal gelebt haben oder nicht. Denn wenn der Mensch erst einmal gestorben ist, dann schwindet schon bald die Erinnerung an ihn. Ein wenig anders verhält es sich, wenn wir im Leben wenigstens „Spuren“ hinterlassen durften, d.h. wenn Menschen, denen wir helfen konnten, uns wenigstens eine Zeit lang in Erinnerung behielten oder sogar durch unser Vorbild zum Guten beeinflusst wurden. Die meisten Menschen kümmert es jedoch weniger, was andere von ihnen denken mögen, geschweige denn, dass sie sich für das Leben anderer interessieren, sondern sie leben gleichgültig in den Tag hinein und verschwenden ihre wertvolle Lebenszeit z.B. vor dem Fernseher. Sie leben ihr Leben im Grunde also gar nicht selber, sondern begnügen sich damit, das wahre oder erfun