"Wache auf, der du schläfst und stehe auf aus den Toten,

 und CHRISTUS wird dir leuchten!" (Eph. 5:15)

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Januar bis Juli 2003

Grundformen der Angst

Im Januar fuhren Ruth, Rebekka und ich für eine Woche nach Barcelona in den Urlaub. Dort waren es trotz der Winterzeit +18˚C und Sonnenschein. Wir besuchten ein Tiefsee-Aquarium und einen Freizeitpark, wo wir unter freiem Himmel Schlittschuh laufen konnten. Beeindruckt war ich von der Kirche "La Sagrada Familia", an der schon seit 100 Jahren gebaut wird. Sie hat 18 Türme und ist im Stil der Neugotik und des Modernismus erbaut vom Architekten Antonio Gaudí (1885-1926). In Barcelona spricht man übrigens weniger spanisch, sondern hauptsächlich katalanisch, eine Mischung aus Spanisch und Französisch.

Als wir wieder zurück waren, musste ich mit meinen Lehrlingen wieder öfters Handzettel verteilen, da - wie jedes Jahr - im Winter die Auftragslage deutlich zurückging. Während des Verteilens hörte ich über meinen mobilen CD-Player meistens Hörbücher, die ich mir aus der Stadtbibliothek ausgeliehen hatte. Eines dieser Hörbücher hatte den Titel "Grundformen der Angst" vom Psychologen Fritz Riemann und war für mich äußerst erhellend, so dass ich es viele Male hören musste, um mir die Botschaft einzuprägen. Riemann weißt in seiner Untersuchung über Charaktertypologien nach, dass es im Prinzip vier Persönlichkeitsmodelle gibt, der sich alle Menschen zuordnen lassen. Im Gegensatz zur bekannten Temperamentenlehre des griechischen Arztes Galenos von Pergamon (Sanguiniker, Phlematiker, Choleriker und Melancholiker) unterteilte Riemann die Menschen nach vier Persönlichkeitsstrukturen, die sich aus ihren jeweiligen Grundängsten gebildet haben und die ich im Folgenden mal aus dem Gedächtnis wiedergebe:

1. Die depressive Persönlichkeit: Das sind Menschen, die von Kind auf Angst haben vor Ausgrenzung. Ihnen fiel es schwer, sich aus der elterlichen Geborgenheit zu lösen, weil ihnen der dominante Einfluss der Mutter oder des Vaters nicht ermöglicht hatte, eine eigene starke Persönlichkeit zu entfalten, sodass sie sich ihr Leben lang an andere Einzelpersonen oder Gruppen wie eine Klette anhängen, die ihnen dieses Gefühl von familiärer Geborgenheit ersetzen. Am liebsten möchten sie ihr eigenes Ich aufgeben und ganz im Anderen oder in der größeren Sache aufgehen (Partei, Verein, Gemeinde). Sich zu unterscheiden, anders zu denken und zu fühlen, mobilisiert bei ihnen Verlustängste, so dass sie bemüht sind, auf eigene Ideen zu verzichten und sich anzupassen. Da sie keinen Mut zur Eigeninitiative haben, entwickeln sie eine passive Erwartungshaltung. Sie mögen sich gerne für andere aufopfern und haben auch eine große Liebe und Empathie. Dies führt allzu oft zum Ausgebeutet-werden durch andere. Das Streben nach Wärme und Harmonie (Nuckelinstinkt) bringt solche Menschen oftmals dazu, dass sie schon früh anfangen mit Rauchen, Alkohol, Drogen oder anderen Süchten, die ihnen die Angst vor der Einsamkeit vorübergehend vergessen lassen. Wird dieses Bedürfnis nach Wärme und Nähe irgendwann nicht mehr ausreichend gestillt, kann dies bei ihnen zu einer echten Depression führen.

2. Die schizoide Persönlichkeit: Hierbei handelt es sich um Menschen, die das genaue Gegenteil von 1 sind, nämlich solchen, die eher Angst haben, von anderen Menschen vereinnahmt zu werden und sich deshalb gerne absondern. Leute mit einer schizoiden Persönlichkeitsstruktur haben in ihrer Kindheit eher die Erfahrung von Überforderung gemacht, weil ihre Eltern eine viel zu hohe Erwartung und einen Leistungsdruck auf das Kind ausgeübt haben, so dass es erst in der Stille und dem Alleinsein mit sich selbst Glück und Zufriedenheit erleben konnte. Ähnlich wie Autisten bevorzugen solche Menschen auch als Erwachsene lieber die Distanz zu anderen, meiden die Teilnahme an Veranstaltungen und fühlen sich erst am heimischen Computer oder beim Lesen eines Buches wohl. "Sein Streben wird vor allem dahin gehen, so unabhängig und autark wie möglich zu werden. Auf niemanden angewiesen zu sein, niemanden zu brauchen, niemandem verpflichtet zu sein, ist ihm entscheidend wichtig" (F. Riemann). Wird dieses Bedürfnis nach Privatsphäre dauerhaft nicht berücksichtigt, neigen solche Menschen zur paranoiden Schizophrenie.

3. Die neurotische Persönlichkeit: Darunter fallen jene Menschen, die eine permanente Angst vor Veränderung und vor der Vergänglichkeit haben. Deshalb entwickeln sie ein zwanghaftes Streben nach Stabilität und Gleichmäßigkeit, indem sie möglichst alles unterbinden, was sich ihrer Kontrolle entzieht. Solchen zwanghaften Persönlichkeiten wurde schon sehr früh der kindliche, lebendige Impuls nach Spontanität, Phantasie und Affektivität unterdrückt, indem ihr gesunder Wille durch übertriebene Regeln allzu sehr gedrosselt und gehemmt wurde. Ebenso können auch traumatische Schicksalsschläge in der Kindheit, die nicht verarbeitet wurden, dazu geführt haben, dass der Heranwachsende sich nach Ruhe und Frieden sehnt und erst durch das konsequente Einhalten von starren Regeln Halt und Orientierung erlebt. Solche Persönlichkeiten sind verständlicherweise äußerst treu und zuverlässig, sowohl in der Ehe als auch im Beruf. Sie reagieren jedoch zugleich eher gereizt auf Überraschungen oder Veränderungen, und da das Leben ständig im Fluss ist, haben sie immer irgendetwas zu nörgeln, vor allem an anderen, die weniger treu und zuverlässig sind wie sie. Neurotische Personen sind immer pünktlich, sparsam und verantwortungsbewusst und scheuen jedes Risiko. Sie geben Halt, vertreten Werte und bewahren Tradition. Ihre übertriebene Pedanterie kann bei erhöhter Belastung auch zu einer Zwangsneurose führen.

4. Die hysterische Persönlichkeit: Dies sind solche Menschen, die im Gegensatz zu Typ 3 sich eher vor der Verantwortung drücken, aber dafür sich mit Leidenschaft jeder neuen Herausforderung im Leben stellen und keine Angst haben vor Veränderung, sondern eher Angst haben vor der Erstarrung. Den hysterischen Persönlichkeiten ist ein großer Mut vor dem Unbekanntem zu eigen, mit dem sie zwar vieles erreichen, aber dabei auch oftmals über Leichen gehen, da sie wenig Rücksicht auf ihr Umfeld nehmen. Hysteriker sind bereit, jedes Risiko einzugehen, wenn es ihnen irgendeinen neuartigen Reiz verspricht; darin liegt aber auch ihre Verführbarkeit, da sie Versuchungen schwer widerstehen können. Sie scheuen das Notwendige und leugnen das Begrenzende, nicht zuletzt auch die Begrenztheit ihrer eigenen Möglichkeiten. Über die Konsequenzen eigenen Tuns mögen sie sich keine Klarheit verschaffen und neigen dazu, sich ihnen ideenreich zu entziehen. Pünktlichkeit und planvolles Handeln halten sie für kleinlich und überflüssig und sind auch für Kritik von außen eher immun. Ursachen für dieses Geltungsbedürfnis und diesen Drang nach Grenzerfahrung können neben der Verebung auch in der Wirkung von Vorbildern in der Kindheit, aber auch Rivalitäten in der Familie begründet sein. Kränkungen ihres Selbstwertgefühls werden oft mit heftigen Reaktionen der Rache beantwortet. Hysterikern gelingt es eher selten, sich aus der Identifikation mit ihren Vorbildern oder aus der Rebellion gegen sie lösen zu können. Dies hindert sie an der Entwicklung einer eigenständigen, unabhängigen Identität, so dass ihr Geltungsdrang im Extremfall narzißtische Züge annimmt.

Nachdem ich das Hörbuch zu Ende gehört hatte, war mir völlig klar, dass ich zur 4.Persönlichkeitsgruppe gehörte, denn alles traf zu 100 % auf mich zu. Jetzt wurde mir klar, warum es mir im Gegensatz zu anderen so schwer fiel, mich anzupassen oder unterzuordnen unter gesellschaftliche Konventionen, aber auch warum ich so einen Drang hatte, Neues auszuprobieren. War dies nicht auch die Ursache, warum ich mich im Christentum auf Dauer immer unwohler gefühlt habe? Vielleicht eignete ich mich charakterlich schon nicht für den Glauben, da ich mich nicht in eine Hierachie einzufügen vermag und auch nicht jahrelang die gleichen starren Regeln befolgen kann? Anderen gelingt dies schon deshalb viel besser, weil sie Angst haben vor Ausgrenzung haben ("Depressive") oder das Bedürfnis, das Vertraute zu bewahren, weil es ihren Wunsch nach Stabilität ("Neurotiker"). Aber auch "Schizoide" können ihren Wunsch nach Absonderung in bestimmten christlichen Sekten ausleben und ihre Not zur Tugend erklären, indem sie dies mit entsprechenden Bibelgeboten zur Absonderung rechtfertigen können. Aber für einen "Hysteriker" wie mich ist einfach kein Platz im Christentum, denn Individualität und der Drang nach Wandel widersprechen einfach den Anforderungen von Gehorsam und Treue. Ich erinnerte mich an die Vorwürfe der Brüder: "Simon kommt jede Woche mit irgendetwas Neuem!" Ich war für sie unberechenbar geworden, ein unzuverlässiger Eigenbrödler und eine Nervensäge. Auf Dauer wäre ich sicher immer nur ein Anstoß und Ärgernis für die Anderen geblieben, so dass es letztlich besser war, zu gehen.


Schwarzarbeit

Wenn man selber leichtfüßig, exzentrisch und risikofreudig ist, dann mag man auch Leute, die ebenso verrückt und chaotisch sind, wie man selber ist. Als im Frühjahr 2003 die Auftragslage wieder deutlich besser wurde, gab ich eine Stellenanzeige beim Arbeitsamt auf, dass ich einen gelernten Maler suchen würde. Es meldete sich u.a. ein junger Pole namens Piotr Hnidziuk (24), der reden konnte wie ein Wasserfall und irgendwie ziemlich komisch war. Er sagte, dass er zwar kein gelernter Maler sei, aber im Prinzip schon alles gemacht habe. Er brauche dringend Arbeit, habe aber keine Arbeitserlaubnis, da er Pole sei (Polen gehörte 2003 noch nicht zur EU). Ich entschied mich, ihn trotzdem zu nehmen. Erst zwei Wochen später, nachdem er bei mir angefangen hatte, bekannte mir Piotr, dass er noch nicht einmal eine gültige Aufenthaltserlaubnis in Deutschland hatte. Ich schimpfte mit ihm, dass er mir nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte, ließ ihn aber trotzdem für mich arbeiten, da ich das Risiko für überschaubar hielt.

Piotr war nicht der erste Schwarzarbeiter, dem ich vorübergehend Arbeit gab. Der erste war Walter Maul (ca. 35), ein Alkoholiker, dem vorne mehrere Zähne fehlten. Marco hatte ihn bei seinen Einsätzen als Streetworker für die Heilsarmee kennengelernt, und er half mir bei meinem Umzug. Allerdings war Walter infolge seines jahrelangen Alkoholkonsums etwas unterbelichtet, so dass ich mich schämte, ihn bei Kunden einzusetzen. Einmal schenkte ich ihm z.B. eine Deckenlampe, und Marco bot ihm netterweise an, diese in Walters Wohnung aufzuhängen. Dabei verursachte Marco jedoch einen Kurzschluss, den er nicht zu beheben wusste. Daraufhin bedrohte Walter den Marco (im halb angetrunkenen Zustand), dass er die Polizei rufen würde, wenn Marco ihm nicht den angerichteten Schaden wieder in Ordnung brächte.

Kurz darauf verlor Walter jedoch seine Wohnung und wohnte eine Zeit lang bei meinem Lehrling Sergej Eliseev. Eines Tages fuhr Walter stockbetrunken in der Straßenbahn und pöbelte die Ausländer mit rassistischen Sprüchen an. Als er dann plötzlich bei einer Fahrscheinkontrolle mal wieder als Schwarzfahrer erwischt wurde, verließ er frustriert die Bahn und torkelte zu Fuß zur Wohnung von Sergej. Dort angekommen schwadronierte er weiter mit Fäkalausdrücken über die Ausländer, so dass Sergej ihn zur Mäßigung aufrief, zumal auch er sich als Russe damit angesprochen fühlte. Daraufhin pöbelte Walter auch gegen die Russen und forderte ein ausländerfreies Deutschland. Das war für Sergej zu viel. Er stand auf, griff Walter am Arm und gab ihm zu verstehen, dass er ihn nicht länger in seiner Wohnung dulden würde und er sich woanders eine Unterkunft suchen solle. Walter griff daraufhin in seine Tasche und holte eine Dose Pfefferspray hervor, die er dem Sergej ins Gesicht sprühte. Als Walter kurz darauf hinausgeworfen wurde und im Treppenhaus landete, rief er sofort die Polizei. Zwei Polizisten kamen und ließen sich von Walter und Sergej nacheinander die Ursachen des Streits erklären. Daraufhin wurde Walter verhaftet, da der ungerechtfertigte Einsatz von Pfefferspray eine Körperverletzung darstelle.

Nicht alle Menschen haben die Gabe, ihre Anliegen durch simple Kommunikation zu vermitteln. Einer von diesen war mein Mitarbeiter Stefan Koch (33), der wegen seiner Schüchternheit so gut wie nie etwas sagte. Doch plötzlich erhielt ich einen Brief von einer Anwaltskanzlei. Man forderte mich darin auf, ihrem Mandanten Stefan Koch den noch ausstehenden restlichen Monatslohn vom Vormonat zu bezahlen. Ich ging daraufhin zu Stefan und sagte, dass es mir leid täte, dies vergessen zu haben, aber dass er doch deshalb nicht gleich einen Anwalt einschalten müsse. Er zuckte nur mit den Schultern, sagte aber nichts. Ich überwies ihm das Geld. Doch einen Monat später erhielt ich schon wieder Post von seinem Anwalt. Diesmal erinnerte man mich daran, dass ich das zusätzliche Weihnachtsgeld für Stefan auch noch nicht überwiesen hätte. Ich rief Stefan an, aber als ich ihn bat, er solle in Zukunft einfach direkt mit MIR reden und nicht jedes Mal gleich seinen Anwalt einschalten, legte er einfach auf. Dann fuhr ich zu seiner Baustelle, aber er war auf einmal abgehauen. Ich rief ihn noch einmal an und schimpfte mit ihm, dass er einfach ohne Erlaubnis die Baustelle verlassen habe. Daraufhin legte er wieder auf. Ich rief ihn wieder an und drohte ihm mit Kündigung, wenn er noch einmal auflege. Doch bevor ich ihm noch mehr sagen konnte, hatte er schon wieder aufgelegt und sein Handy dann ausgeschaltet. Stefan wollte offensichtlich, dass ich ihn kündigen sollte, und ich tat es.

Im Mai erhielten wir plötzlich Besuch von den Schwarzarbeitskontrolleuren, und zwar ausgerechnet auf der Baustelle, wo Piotr ganz alleine am Arbeiten war. Wahrscheinlich hatten Nachbarn einen Verdacht geschöpft und das Arbeitsamt alarmiert, weil Piotr nicht mit weißer Latzhose am Streichen der Fassade war, sondern nur einen sog. „Blaumann“ anhatte. Piotr sah die Beamten oben vom Gerüst aus, als sie aus dem Wagen stiegen und ging schnell auf die andere Gebäudeseite. Doch sie hatten ihn schon gesehen und liefen auf das Grundstück. Piotr kletterte hinter dem Haus schnell vom Gerüst herunter, sprang über die Hecke auf ein Nachbargrundstück und versteckte sich dort bis die Luft rein war. Er war um Haaresbreite einer Verhaftung entgangen.

Als Piotr mich dann anrief und mir erzählte, was passiert war, geriet ich in Panik; aber ich kam dennoch nicht auf die Idee, das „Arbeitsverhältnis“ mit Piotr unverzüglich zu beenden (zumal er ja auch mich „gerettet“ hatte und ich ihm zu Dank verpflichtet war), sondern ließ ihn fortan nur auf Baustellen im Innenbereich arbeiten. An die Fassade hingegen schickte ich am nächsten Tag meinen Mitarbeiter Paul Rauner, weil ich befürchtete, dass die wiederkommen könnten. Und tatsächlich berichtete mir Paul später, dass die Kontrolleure wiederkamen und seinen Sozialversicherungsausweis verlangten. Da er diesen nicht dabei hatte, nahmen sie ihn mit und fuhren mit ihm zu seiner Wohnung, wo er diesen zusammen mit seinen Lohnabrechnungen vorlegen musste. Dadurch hatte sich die Sache dann für die Kontrolleure erledigt.

Juli - Dezember 2003

Meine Diplomarbeit

Der Sommer 2003 war ungewöhnlich heiß. Ich erinnere mich, dass ich in Findorff im Auto fuhr und auf dem Thermometer 39˚C sah. Es waren wohl die ersten Anzeichen des Klimawandels, von dem damals noch niemand redete, da das Thema noch völlig unbekannt war. Einer der ersten, der schon 2006 damit an die Öffentlichkeit ging war der amerikanische Präsidentschaftskandidat Al Gore, der im Jahr 2000 gegen seinen Konkurrenten George Bush jr. bei den Wahlen knapp unterlegen war. Sein Buch hieß: „Die unbequeme Wahrheit“ und wurde später auch verfilmt.

Auch ich sollte im Sommer 2003 etwas schreiben, und zwar meine Diplomarbeit zum Abschluss meines Teizeitstudiums in Betriebswirtschaftslehre. Hierbei konnten wir uns aus allen BWL-Fächern ein beliebiges Thema wählen, über dass wir dann auf etwa 20 Seiten ein ausführliches Referat schreiben und später mündlich vortragen sollten. Da die BWL-Fächer z.T. ziemlich trocken und langweilig sind (z.B. Arbeitsorganisation oder Bilanzanalyse), wählte ich das Fach Marketing und schrieb eine Hausarbeit mit dem Titel „Privatkundenorientierte Werbung durch Handzettel“. Als ehemaliger Missionar lag mir das Thema „Werbung“ ja ohnehin am Herzen und ich hatte ja bisher selber gute Erfahrungen gemacht mit der Handzettelwerbung an die Briefkästen.

Es ging nur darum, zu begründen, warum Handzettel auch in der Zeit des Internets immer noch ein geeignetes Werbemittel waren und wie man Kunden besonders mit vorübergehenden Preisaktionen locken konnte. Ich selber begründete auf meinem Handzettel den Preisnachlass ja damit, dass ich mich gerade erst selbstständig gemacht hatte, so dass der Kunde schnell einsehen konnte, dass es mir bei der Preissenkung um Bekanntheit im Markt und Kundenbindung ging, so dass sie keinen Grund hatten zum Misstrauen. Dass ich die Preisnachlässe jedoch an Beispielen auf meinem Handzettel veranschaulichte, war schon eine ziemlich originelle Idee, die ich bisher noch auf keinem Werbeflyer von anderen Handwerkern gesehen hatte.

Ich schrieb damals:

Gute Ideen sind meistens gar nicht so verrückt, wie man meint. Sie sind für gewöhnlich simpel und naheliegend. Häufig kommen sie einfach schon bei der Beseitigung von Denkblockaden zustande. So war auch meine Idee nicht gerade weltbewegend, aber scheinbar doch recht erfolgreich:

Mir fiel auf, dass es scheinbar in allen Branchen eine gewisse Preistransparenz gibt, nur nicht gerade im Bauhandwerk. Reisebüros z.B. kleben ihre Schaufenster voll mit Billigflugangeboten. Auch Kaufhäuser und Baumärkte, ja überall wo man hinschaut findet man Preisaushänge, nur im Bauhandwerk herrscht noch immer eisernes Schweigen, nach dem Motto: „Über Geld reden wir nicht!“ Diese Gewohnheit stammt möglicherweise noch aus der Zeit der mittelalterlichen Zünfte, wo die einzelnen Bauhandwerker sich unter Todesandrohung zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet hatten. Ein anderer Grund könnte auch darin bestehen, dass viele Handwerksmeister nicht in der Lage sind, eine vernünftige Kalkulation zustande zu bringen, sondern stattdessen ihre Einheitswerte unreflektiert von ihren Vorgängern übernommen haben. Kein Wunder, dass es deshalb bei der Einholung von Vergleichsangeboten häufig geschieht, dass für eine und dieselbe Leistung Preisunterschiede von z.T. über 100 % resultieren können! Wenn dann mal ein junger Meister wirklich mit spitzem Bleistift daherkommt und den tatsächlichen Aufwand genau errechnet, dann folgt sogleich die bierselige Phrase: „Der macht ja unsere Preise kaputt!“

Meine Idee war also, dem Kunden gegenüber von vornherein mit offenen Karten zu spielen. Ich wollte ihn nicht in die peinliche Situation bringen, dass er sich mit völlig unrealistischen Preisvorstellungen an mich wenden muss, um zaghaft auszukundschaften, ob er sich einen Meisterbetrieb überhaupt leisten kann. Diese Offenheit hat zum anderen ja auch für mich den Vorteil, dass ich mir nicht mehr von geizigen Verbrauchern die Zeit stehlen lassen brauche, die „sich nur mal so informieren wollten“...

Mir war von Anfang an klar, dass ich unterdurchschnittliche Preise nur dann als taugliches Werbemittel verwenden kann, wenn sich durch diese zumindest noch meine variablen und meine Fixkosten decken ließen. Wie hoch der Fixkostenzuschlag insgesamt ausfällt, lässt sich natürlich erst nach einem Jahr exakt berechnen und kann bei Existenzgründern zunächst nur geschätzt werden. [...]

Ohne hier als ‚Nestbeschmutzer‘ angesehen zu werden, möchte ich an dieser Stelle nur einmal selbstkritisch feststellen, dass viele Malerbetriebe bei einigen Leistungen schon längst die Bodenhaftung verloren haben, indem sie diese völlig überteuert anbieten.

Besonders gravierend wird dies deutlich bei den Preisen für Fassadenanstriche: 1 m² Fassade zu streichen dauert eigentlich nur wenige Sekunden, doch man muss natürlich auch sämtliche andere damit verbundene Arbeiten und die Materialkosten auf den Quadratmeter-Preis umlegen, um zu einem realistischen Preis zu kommen. Das Preisberechnungsbuch des Malerhandwerks hat einen Aufwand von durchschnittlich 15 Minuten ermittelt für den gesamten Anstrich Aufbau – pro Quadratmeter. Bei einem Stundenverrechnungssatz von durchschnittlich 32,50 € pro Stunde für einen Malergesellen im Lande Bremen (Stand 2003!) und einer Materialkostenumlage von durchschnittlich 2,- €/ qm ergibt dies Preis/qm für Fassadenanstriche von ca. 10,- €. Tatsache ist jedoch, dass viele meiner Mitbewerber Preise von 15 € oder sogar mehr in Rechnung stellen. Und genau hier sah ich meine Chance!

Nachdem wir unsere ersten Fassaden gestrichen hatten, stellte ich erfreut fest, dass ich bei dem für mich selbst errechneten Angebotspreis von 7,50 € /qm immer noch ausgesprochen gut verdienen konnte und damit weit billiger war als meine Mitbewerber, die ich regelmäßig aus dem Rennen schicken konnte. Ein Beispiel: eine Fassade von zum Beispiel 200 m² konnte ich mit meinen beiden Lehrlingen an drei Tagen streichen für 1.500 € netto abzüglich der Materialkosten von circa 300 € blieb eine Wertschöpfung von 1.200 €, d.h. 400 € am Tag, abzüglich der geringfügigen Personalkosten (2 Lehrlinge) von maximal 100 € verblieb mir immer noch ein ansehnlicher Deckungsbeitrag von 300 € pro Tag. Nicht schlecht für den Anfang! Während ich dem Kunden also 1500 € zzgl. 16 % Mehrwertsteuer, also 1.740 € in Rechnung stellte, kamen meine Mitbewerber nicht selten auf Preise von 3000 € oder sogar 5.000 €. Diese Diskrepanz habe ich dann genutzt um sie in meinem Handzettel als Verkaufsargument zu nutzen: „Fassadenanstriche zum halben Preis!“ Die Reaktion der Kunden ließ nicht lange auf sich warten: ständig klingelte das Telefon, den ganzen Sommer über, wir hatten einen Auftrag nach dem anderen, auf einen Schlag war ich im Geschäft!

[...]  Ich habe zudem die Erfahrung gemacht, dass ich durch den Handzettel in gewissen Maße auch die „Spreu vom Weizen trennen“ kann. Die Kunden, die ich erreichen möchte, gehen nicht unbedingt ins Internet, wenn sie einen Maler suchen. Es sind meistens eben gerade Rentner, die überhaupt nichts mehr „suchen“ bzw. erreichen wollen, weil sie schon alles haben. Sie sitzen morgens um 9:00 Uhr am Frühstückstisch und studieren aufmerksam ihre Tageszeitung. Und weil sie so viel Zeit haben, schauen sie sich auch noch die Werbebeilagen an, um zu überprüfen, ob es irgendein interessantes Angebot gibt. Und dann finden sie plötzlich einen Zettel, wo ein junger Mann auf seine Betriebsgründung aufmerksam macht, und schon wird Ihnen ganz warm ums Herz. Sie erinnern sich an ihre große Zeit, als sie noch jung waren und noch kämpfen mussten um ihre kleine Familie. Oder Sie müssen an ihre Erwachsenen Kinder oder gar Enkelkinder denken, die sich vielleicht auch gerade selbstständig gemacht haben und deshalb auch die Erfahrung machen mussten, wie schwierig es ist in der heutigen Zeit. Wie viele ältere Kunden haben schon zu mir gesagt: „Sowas, was sie machen, das muss man ja wirklich unterstützen!“ .“

 Zu meiner großen Freude, erhielt ich für meine Hausarbeit die Note „gut“. In den anderen Fächern waren meine Noten nicht immer ganz so gut:

    • Betriebsorganisation                                                       befriedigend
    • Bilanzanalyse                                                                  befriedigend
    • Vertragsrecht                                                                   befriedigend
    • Volkswirtschaft                                                                gut
    • Marketing                                                                        sehr gut
    • Arbeitssicherheit                                                             gut
    • Arbeitsrecht                                                                     befriedigend
    • Arbeitsvorbereitung                                                         ausreichend
    • Kostenrechnung und Kalkulation                                    ausreichend
    • Mitarbeiterführung                                                           befriedigend
    • Steuern/ Sozialversicherungsfragen                               sehr gut
    • Zeitwirtschaft                                                                  ausreichend
    • Finanzierung                                                                  gut
    • Persönlichkeitsentwicklung                                            sehr gut
    • Verkaufstechnik                                                              befriedigend
    • Mitarbeiterauswahl befriedigend Steuerrecht                 befriedigend
    • Rechtliche Gestaltung des Betriebes                             befriedigend
    • Controlling                                                                      befriedigend
    • Betriebsplanung                                                             ausreichend
    • Materialwirtschaft                                                           gut
    • Rhetorik                                                                          sehr gut

Insgesamt hatte ich mit 78,5 Punkten eine befriedigende Note.

Im Sommer erhielt auch mein Lehrling Patrick Müncher die Ergebnisse seiner Zwischenprüfung:

Praktisch: 2                        Theorie: 4

Er hatte sich also ziemlich gut entwickelt und brachte auf den Baustellen eine anständige Leistung. Da ein Auszubildender deutlich weniger Kosten verursacht, entschied ich mich, noch einen weiteren Lehrling zu nehmen. Die Handwerkskammer nahm zwar meine Stellenanzeige an, forderte jedoch von mir, dass ich dann auch noch einen weiteren Gesellen einstellen müsste, da ich ja bereits 3 Lehrlinge hatte und nur einen Gesellen. Ich stellte also einen russlanddeutschen Gesellen namens Leonid Albrecht (23) ein. Und bekam dann von Arbeitsamt einen palästinensischen jungen Mann namens Fadi Shoushari (21) vermittelt der mit 10 Jahren nach Deutschland gekommen war und dem die Abschiebung nach Syrien drohte, wenn er nicht kurzfristig einen Ausbildungsplatz gefunden hätte. Fadi war ein sehr guter Lehrling und wurde später einer meiner besten Mitarbeiter.


Die Meistergründungsprämie

Im Spätsommer 2003 fand ich in der Beilage der Handwerkszeitung einen Flyer vom Bremer Senator für Wirtschaft und Häfen, der zu einem jährlich ausgeschriebenen Wettbewerb einlud, bei dem es eine sog. „Meistergründungsprämie“ in Höhe von 5.000,- € zu gewinnen gab. Handwerksmeister aus Bremen, die sich im Vorjahr selbstständig gemacht hatten, sollten ihr individuelles Unternehmenskonzept einreichen, mit dem sie am Markt erfolgreich gewesen sind. Eine Expertenjury würde die eingereichten Beiträge dann unter den Förderkriterien nach innovativen Ideen bewerten in den Bereichen Produktionsabläufe, Marketingkonzepte oder innerbetriebliche Strukturen. Ziel des Wettbewerbs war es, die Gründungspotenziale im Handwerk zu aktivieren, den Erwerb des Meistertitels als Qualitätsmerkmal herauszustellen und den Generationenwechsel voranzutreiben.

Grundvoraussetzung zur Teilnahme war, dass man sich mit seinem Meistertitel im Vorjahr selbständig gemacht haben musste. Ich dachte zuerst: „Schade! Wenn ich das eher gewusst hätte, dann hätte ich auf jeden Fall daran teilgenommen; aber ich bin ja jetzt schon seit 5 Jahren selbstständig und scheide deshalb von der Teilnahme aus.“ Doch dann fiel mir ein, dass ich ja im Lande Bremen tatsächlich erst seit einem Jahr selbstständig bin, und dass ich schon vorher mal in Niedersachsen selbstständig war, musste ja niemand wissen! Ich war wie elektrisiert, denn die 5.000,- € Gewinnerprämie konnte ich gut gebrauchen, um mir endlich mal einen neuen Firmenwagen zu leisten. Ich las mir noch mal die geforderten Inhalte des Unternehmenskonzeptes vor und überlegte, was ich schreiben könnte. Doch dann fiel es mir wie ein Geistesblitz ein: „Ich nehme einfach meine Diplomarbeit über den Handzettel als Werbe-Erfolgsgeheimnis und kürze den Text etwas, dann habe ich ja schon mein innovatives Erfolgsrezept!“ Ich freute mich über diesen genialen Einfall und kürzte meinen 20-Seiten-Text auf die 3 vorgeschriebenen Seiten und reichte ihn kurz vor Einsendeschluss ein.

Zwei Monate später erfuhr ich dann die sensationelle Nachricht per Post: ICH HATTE GEWONNEN! Genau genommen gehörte ich zu den 5 Gewinnern, die alle im Rahmen einer Festveranstaltung im September ihren Scheck über 5.000,- € erhalten sollten. Zu dem von der Sparkasse in Bremen veranstalteten traditionellen „Mahl des Handwerks“ waren viele Gäste aus Politik und Wirtschaft geladen, also Vertreter des Senats und der Handwerkskammer, sowie Professoren und Politiker, die zunächst einen Vortrag hielten zum Thema „Wird Deutschland die Wachstumsschwäche überwinden?“ Vor Beginn des großen Bufets überreichte dann der Bremer Bürgermeister und Wirtschaftssenator Hartmut Perschau (CDU) an uns die Urkunden mit den Schecks und gratulierte uns. Da wir selber auch eine kurze Rede halten sollten, bedankte ich mich für den Preis und wies darauf hin, dass die Lehrlinge im Handwerk mehr Geld bekommen sollten, um den Handwerksberuf attraktiver zu machen. Auch der Bremer Weser Kurier und andere Pressevertreter nahmen an der Veranstaltung teil, so dass ich zum ersten Mal auch in der Zeitung stand mit einem großen Foto. Von dem Geld kaufte ich mir einen gebrauchten Opel Combo (Kastenwagen) und ließ ihn mit meinen Firmendaten beschriften. Auch ließ ich mir Briefpapier mit meinem eigenen Logo anfertigen und Visitenkarten. Ich wollte endlich ein ernst zu nehmender Malereibetrieb in Bremen werden.


Der Fall Petersen (Teil 2)

Inzwischen war der Termin am Landgericht Westerstede gekommen, weil Herr Petersen ja Berufung eingelegt hatte gegen das Urteil, dass ihn zur vollständigen Zahlung meines Werklohns in Höhe von 2.673,75 € verurteilt. Ich wunderte mich, warum er überhaupt in Berufung gegangen war, denn der Fall war doch eigentlich so eindeutig. Doch als wir im Gerichtssaal Platz nahmen, sagte der vorsitzende Richter Kramarz schon vor Beginn der Verhandlung auf einmal: "Ach, Herr Petersen, so bald sieht man sich wieder!" Herr Petersen sagte: "Was soll das denn heißen!? Bin ich jetzt etwa vorverurteilt?" Dann wandte er sich an seinen Anwalt Zimmermann und fragte ihn, ob er den Richter vielleicht wegen Befangenheit ablehnen sollte. "Nun mal halblang, Herr Petersen!" sagte der Richter. "Ich habe doch lediglich festgestellt, dass wir uns doch vor Kurzem erst gesehen haben." Sein Anwalt flüsterte ihm dann etwas zu, was ich nicht verstand. Dann ging die Verhandlung los, indem unsere Namen verlesen und die Anträge der Streitparteien bestätigt wurden.

Doch dann kam plötzlich eine große Überraschung: Herr Petersen stand auf, holte aus seiner Hosentasche ein Bündel mit Geldscheinen hervor und sagte zu mir: "Herr Poppe, ich habe hier 500,- € in bar für Sie mitgebracht und mache Ihnen einen Vorschlag: Ich ziehe den Berufungsantrag zurück und gebe Ihnen das Geld hier, und dann ist der Fall erledigt. Was halten Sie davon?" Ich dachte, dass er mich wohl auf den Arm nehmen will und schaute zum Richter. Dieser lächelte mich an und sagte mit ruhiger Stimme: "Überlegen Sie sich das, Herr Poppe. Also ich hätte das Angebot ruhig angenommen." Jetzt war ich total verwirrt. Was wollte mir der Richter hier zu verstehen geben? Etwa dass ich den Prozess sonst verlieren würde? Aber das konnte doch gar nicht sein, denn der Fall war doch sonnenklar! Ich schaute zu meinem Anwalt und dieser sagte zum Richter: "Ich würde mich mal eben mit meinem Mandanten vor der Tür unterreden." - Wir gingen dann raus und Herr Peiler sagte: "Also, Herr Poppe, wenn Sie dieses Vergleichsangebot annehmen, dann haben Sie mit sauren Zitronen gehandelt! Stellen Sie sich nur mal vor, was auch noch alles an Kosten auf Sie zukommen wird, denn bei einem Vergleich müssen Sie ja die Hälfte aller Anwalts- und Gerichtskosten zusätzlich bezahlen!" - "Wie kommen Sie darauf, dass ich dem Vergleich zustimmen würde? Auf keinen Fall! Warum sollte ich!?" - Wir gingen wieder rein und gaben meine Entscheidung bekannt. Nach weiteren zähen Verhandlungen wurde Herr Petersen schließlich zur Zahlung des gesamten Betrages verurteilt.

Doch damit war der Fall leider noch längst nicht erledigt, denn Herr Petersen zahlte nichts. Als dann die Vollstreckung beantragt wurde, teilte mir mein Anwalt mit, dass Herr Petersen einen Offenbarungseid geleistet hatte. Jetzt wurde mir plötzlich klar, warum der Richter diese merkwürdige Andeutung gemacht hatte! Er wollte mich warnen, weil er schon wusste, dass Herr Petersen pleite war, mir es aber nicht sagen durfte! Ich rief meinen Anwalt an, um zu fragen, was ich jetzt noch machen könnte. "Nichts mehr, Herr Poppe. Es tut mir leid, aber diese Forderung müssen Sie jetzt wohl als uneinbringlich abschreiben. Das ist sicherlich sehr bedauerlich, aber da kann man leider nichts machen. Ihr Titel ist aber 30 Jahre gültig, und vielleicht können Sie den Betrag ja irgendwann in ein paar Jahren eintreiben." Ich dachte: "So eine Sauerei! Und jetzt ist er auch noch in Berufung gegangen und hat noch mehr Kosten produziert!" Ich fuhr mit bedrückter Stimmung nach Hause. Herr Peiler hatte mir alle Unterlagen mitgegeben, auch die vom Gerichtsvollzieher, weil der Fall ja jetzt erledigt war.

Ich blätterte in der Eidesstattlichen Erklärung und las die Fragen über die Vermögensverhältnisse, die Herr Petersen alle mit "Nein" angekreuzt hatte: "Verfügen Sie über einen Pkw?" - "Nein" - "Haben Sie innerhalb des letzen Jahres, vor dem ersten zur Abgabe der Eidesstattlichen Versicherung anberaumten Termin Gegenstände an eine der nachgenannten Personen entgeltlich veräußert?" Auch hier hatte Herr Petersen einfach mit "Nein" angekreuzt. "Aber das stimmt doch gar nicht!" dachte ich. "Wer soll das denn glauben, dass er als Firmenchef schon seit längerem keine Autos mehr besitzt! Da war doch ein ganzer Fuhrpark mit Firmenfahrzeugen. Hat er die etwa alle auf den Namen seiner Frau umgeschrieben? Außerdem wohnten da doch auch Mieter im hinteren Teil des Gebäudes. Also wird er doch Mieteinnahmen haben! Was soll das also?" Ich dachte, dass ich jetzt einfach mal Detektiv spielen müsse, um herauszufinden, ob er wirklich kein Einkommen mehr besitzt. "Aber selbst wenn er gelogen hat, dann würde er vielleicht eine Strafe bekommen, aber ich würde mein Geld trotzdem nie wiedersehen. Aber, was soll's! Der Typ darf nicht so ungeschoren davonkommen!"

Ich fuhr an einem Freitagnachmittag nach Feierabend noch einmal nach Rastede und fotografierte heimlich die Wagen mit ihren Autokennzeichen. Dann ging ich zum Hauseingang des Gebäudes und fotografierte die Klingelschilder. Dann rief ich bei den Mietern an und fragte sie, wer ihr Vermieter sei. Auch fragte ich bei der Polizei nach den Haltern der Fahrzeuge (man wollte mir jedoch keine Auskunft geben). Dann schrieb ich eine Strafanzeige gegen Herrn Petersen wegen einer falschen Eidesstattlichen Versicherung und wegen Kreditbetrug (denn er war ja schon pleite, bevor er mich beauftragt hatte). Ein paar Monate später erhielt ich Post vo Gericht. Die Staatsanwaltschaft hatte mich im Fall Petersen zum Zeugen geladen, denn man hatte inzwischen meine Angaben überprüft und festgestellt, dass Herr Petersen beim Ausfüllen der Eidesstattlichen Versicherung tatsächlich gelogen hatte.

Ich wartete zwei Stunden vor der Tür des Verhandlungssaals bis ich hereingerufen wurde. Die Richterin sagte mir: "Herr Poppe, Sie brauchen nicht mehr aussagen, denn wir haben inzwischen mit Herrn Petersen eine Vereinbarung getroffen. Wir hatten ihn vor die Wahl gestellt, ob er lieber verurteilt werden will zu einer Geldstrafe und dann als ‚vorbestraft‘ gelte, oder ob er lieber Ihnen den Betrag von 2.673,75 € in monatlichen Raten von 150,-€ bezahlen wolle, um einer Verurteilung zu entgehen. Er hat sich für das Zweite entschieden. Sie werden also von Herrn Petersen den Rechnungsbetrag in Raten bezahlt bekommen, und sobald er mit einer Zahlung in Verzug gerät, teilen Sie uns dies bitte mit. Denn sollte Herr Petersen irgendwann nicht mehr weiter zahlen, gilt diese Vereinbarung als nichtig und Herr Petersen würde am Ende doch verurteilt werden." - Ich war überglücklich. Wer hätte das gedacht, dass ich am Ende doch noch mein Geld erhalten sollte! Was für eine Demütigung für den arroganten Herrn Petersen, dass er jetzt vom Gericht zur Zahlung genötigt wurde!

Und tatsächlich erhielt ich dann in den folgenden zwei Jahren den offenen Rechnungsbetrag in Raten überwiesen, wenn auch unregelmäßig. Als ich irgendwann alles erhalten hatte, rief ich meinen alten Anwalt Herrn Peiler aus Delmenhorst an: "Hallo Herr Peiler, erinnern Sie sich noch an den Fall Petersen, wo Sie mir damals sagten, dass da nichts zu machen sei? Stellen Sie sich mal vor, dass ich jetzt doch mein ganzes Geld von ihm bekommen habe!" - "Tatsächlich? Wie haben Sie das denn angestellt?" fragte er. Und dann erzählte ich ihm die Geschichte, wie ich Detektiv gespielt hatte und am Ende von der Richterin meinen Lohn zugesprochen bekam. Da war er ziemlich verblüfft.


Januar – Juni 2004

„Immer auf der Suche“

Anfang 2004 bekam ich eine Einladung vom Fernsehsender SAT1, um als Talk-Gast in einer Mittags-Show teilzunehmen. Zuvor hatte ich mich in verschiedenen Internetforen gegen die Abtreibung ausgesprochen und dies mit vielen rechtlichen und biologischen Argumenten begründet. Jemand vom Fernsehen muss das wohl mitgelesen haben, weshalb ich gefragt wurde, ob ich als Abtreibungsgegner mich in einer Sendung zum Thema Abtreibung beteiligen würde. Man bot mir eine Aufwandsentschädigung von 150,- € und eine kostenlose Hotelübernachtung in Hamburg an, was ich gerne annahm.

 Solche Sendungen werden zwar mittags ausgestrahlt, aber schon Wochen zuvor abends aufgenommen. Kurz bevor ich auf die Bühne gehen sollte, kam ein Mann in den Warteraum, der mich offensichtlich „scharf machen“ sollte, indem er mir in einem kurzen Gespräch beipflichtete und mich bat, meine Meinung rigoros und knallhart zu vertreten. Das tat ich dann auch. Auf die erste Frage der Moderatorin Sonja Zietlow, warum ich gegen Abtreibung sei, antwortete ich: „Weil es eindeutig MORD ist, eine staatlich legalisierte, aber nicht legitime Hinrichtung eines wehrlosen Kindes im Mutterleib!“ Als das aufgebrachte Publikum mich dann beschimpfte, fragte mich die Moderatorin, ob man denn einen Zellklumpen schon als Menschen betrachten könnte. „Biologisch gesehen ist ein Mensch schon vom Moment der Befruchtung der Eizelle an ein Mensch, da es danach keine Zäsur mehr gibt, sondern der Embryo schon das vollständige Entwicklungspotential eines Menschen besitzt.“ - „Aber der Embryo ist doch noch gar nicht allein lebensfähig, sondern noch völlig vom Stoffwechsel der Mutter abhängig. Warum sollte sie dann nicht entscheiden dürfen, ob sie ein Kind haben will oder nicht?“ - „Nicht, wenn das Kind bereits da ist. Außerdem hatte sie die Empfängnis ja schon mindestens billigend in Kauf genommen, als sie das Risiko eines ungeschützten Geschlechtsverkehrs auf sich nahm. Sobald aber ein neuer Mensch gezeugt wurde, hat die Mutter nicht mehr die Berechtigung, über das Lebensrecht ihres Kindes entscheiden zu dürfen, sondern trägt zumindest bis zur Geburt ihres Kindes eine Fürsorgepflicht. Wenn sie es nicht behalten will, kann sie es ja ohne Probleme in eine Pflegefamilie geben lassen, aber sie hat nicht das Recht, Ihr Baby aufgrund ihrer niederen Beweggründe zerstückeln zu lassen! Wenn man Menschen, die noch nicht eigenständig atmen und essen können, ihr Recht auf Leben abspricht, könnte man genauso gut auch alle Schwerstkranken, Behinderten oder Komapatienten umbringen.“ Die Diskussion ging dann hitzig hin und her, und mir wurde bald klar, dass man die Abtreibungsgegner gerne als herzlose Pharisäer hinstellen wollte, denn alle beschimpften mich auf die übelste Art und Weise. Als die Sendung dann zu Ende war, klopften die Fernsehleute mir dann aber auf die Schulter und lobten mich für meine Tapferkeit. Ich hatte meine Aufgabe als „nützlicher Idiot“ zu ihrer vollsten Zufriedenheit erfüllt.

Als im Frühjahr wieder die Nachfrage für Malerarbeiten gestiegen war und sich mein Auftragsbuch prall gefüllt hatte, stellte ich wieder Paul und Jörg ein, die ich im Vorjahr entlassen hatte. Auch meldete ich mich für einen neuen Lehrgang bei der Handwerkskammer an, der sich „Energieberater im Handwerk“ nannte und ein halbes Jahr in Abendkursen angeboten wurde. Da wir immer mehr Dämmaufträge bekamen, wollte ich mich auf diesen Bereich spezialisieren und den Kunden zusätzlich das Angebot machen, sog. Energiegutachten zu erstellen. Und wenn ich diesen Kurs hinter mir hätte, würde ich mich auch noch für den Lehrgang „Umweltberater im Handwerk“ einschreiben, denn Wissen ist Macht!

Eines Abends rief mich ein Reporter vom Weser Kurier an, der bei uns in der Nachbarschaft wohnte und gerne mal einen Artikel über meine Firma schreiben wollte. So lud ich Herrn Caron-Bleiker zu mir ein, und er machte ein Interview mit mir. Ich erzählte ihm, dass ich ursprünglich als Missionar und Kinderheimleiter in Südamerika arbeiten wollte, aber nach dem Scheitern des Projekts mich nun als Malermeister versuche, am Markt zu etablieren. Der Reporter machte dann einen wunderbaren Artikel mit der Überschrift „Immer auf der Suche“, der so positiv über meine Malerfirma berichtete, dass ich ihn ausschnitt und auf die Rückseite meines Werbeflyers drucken ließ. Da er ebenso im DIN A5-Format war, passte er auch genau da drauf.

 Unterdessen hatte mich mein Mitarbeiter Leonid Albrecht (24) zu seiner Hochzeit eingeladen in seine russlanddeutsche Pfingstgemeinde, was ich aus Neugier gerne annahm. Der Gottesdienst in der mit ca. 1.000 Gläubigen gefüllten Halle in Bremen-Mahndorf dauerte 3 Stunden, aber die vielen Kinder und Jugendlichen waren überaus ruhig und artig. Beim Gebet auf den Knien betete jeder gleichzeitig für sich, so dass ein großer Krach entstand, was ich gar nicht gewohnt war. Fast alle weinten im Gebet, auch der Leonid. Am Ende des Gottesdienstes bildeten die Geschwister dann eine lange Schlange, um das Brautpaar zu beglückwünschen. Dabei fiel mir auf, dass der Leonid den Männern immer auf den Mund küsste, was in Russland wohl eine ganz normale Begrüßungsgeste war. Als ich in der Schlange jedoch immer weiter aufrückte, wurde ich allmählich immer unruhiger. Der Leonid wird mich doch jetzt nicht auch gleich auf den Mund küssen? Schließlich bin ich doch sein Chef! Aber wenn er es gleich doch tut, weil er mich für seinen Bruder hält? Mein Herz klopfte und ich wurde immer nervöser. Als nur noch 10 Leute vor mir in der Schlange standen und das Küssen immer weiterging, stahl ich mich heimlich hinweg, ging hinaus und fuhr wieder nach Hause. Der Leo wird doch sicherlich Verständnis haben, dass ich schon etwas eher gegangen bin!


Tabula rasa

Inzwischen war meine Auftragslage so stark gestiegen, dass ich noch einen weiteren Mitarbeiter einstellte. Andrey Tschernyaschuk (32) war zwar kein gelernter Maler, aber als Russe war er ziemlich begabt und lernte sehr schnell das Malerhandwerk. Wegen der Trennung von seiner Frau, hatte er in den Monaten zuvor ein massives Alkoholproblem, aber er war durch Marco jetzt Christ geworden und wollte nun ein neues Leben beginnen. Ein weiterer Neuzugang war Jens Kellner (39), der wegen seiner krankhaften Hyperaktivität seine Stelle bei der Bundeswehr verloren hatte, aber ebenso als Christ jetzt einen Neuanfang wagen wollte. Jens war mir von Anfang an absolut sympathisch, weil wir den gleichen Humor hatten und meistens auch die gleiche Meinung.

Jens wunderte sich über meinen liberalen Führungsstil und war der Meinung, dass ich nicht streng genug mit den Mitarbeitern umgehe, da sie sich viel zu viel erlauben würden. Besonders die ständige Schreierei zwischen Marco und Patrick hätte er an meiner Stelle nicht durchgehen lassen, zumal Patrick als Lehrling viel jünger war und deshalb nicht so vorlaut sein dürfe. Da ich mich aber selber oft mit Marco stritt und mir bewusst war, dass er wegen seiner übertriebenen Strenge bei allen Lehrlingen unbeliebt war, hielt ich die Reibungen zwischen den beiden zunächst noch für nützlich, damit sie dadurch ihre eigenen Grenzen erkennen können.

An einem Tag explodierte jedoch die Situation: Patrick hatte mal wieder verschlafen und war wegen einer durchzechten Nacht verkatert, weshalb er sich zunächst krank meldete. Ich zwang ihn jedoch zu kommen und drohte ihm mit Kündigung. Wir tapezierten ein Treppenhaus über 3 Etagen, so dass Patrick sich im Keller während der Arbeitszeit des Öfteren heimlich zurück zog, um seinen Rausch auszuschlafen. Marco hatte das bemerkt, weshalb er Patrick nun an die ganz enge Leine nahm, um ihn zur Arbeit anzutreiben. Patrick fragte mich auf einmal: „Simon, könntest Du mir für diesen Monat noch mal einen Vorschuss geben? Das wäre echt nett, denn ich hatte viele Ausgaben...“ Ich sagte: „Ja, weil Du ständig in die Disco gehst. Du musst lernen, mit Deinem Geld auszukommen, deshalb kriegst Du keinen Vorschuss mehr. Wenn Du unbedingt Geld brauchst, dann mach doch einfach mal wieder einen Einbruch!“ Was eigentlich als übermütiger Scherz gemeint war, hatte Patrick wohl als ernst gemeinte Aufforderung zum Diebstahl verstanden, denn während wir weiterarbeiteten, nahm sich Patrick heimlich ein Bündel mit Geldscheinen, das er in einem Glas im Regal des Kunden fand und steckte es sich ein. Auf einmal entstand ein heftiger Streit zwischen Jens und Marco, in dessen Folge bei Jens die Sicherungen durchbrannten, so dass er hyperventilierend die Baustelle verließ. Ich lief ihm hinterher, um ihn zu beruhigen, aber Jens sah sich außer Stande, noch länger in meiner Firma zu arbeiten, da er diesen lauten und rauen Ton auf Baustellen nicht gewohnt war. Er meinte, Marco würde als ehemaliger Erzieher jeden Menschen nach seinen streng konservativen Ansichten erziehen wollen, und das könne er nicht ertragen.

Zwei Tage später riefen mich die Kunden an und teilten mir mit, dass sie bestohlen wurden. Da Patrick den Diebstahl nicht zugeben wollte, erstattete ich den Kunden den Verlust, aber erteilte Patrick eine fristlose Kündigung. Ich hatte nun endgültig die Nase voll von seinen Unverschämtheiten und wollte mich nicht mehr mit ihm rumnerven. Auch meinem Lehrling Volkmar gab ich zu verstehen, dass ich seine bereits verlängerte Ausbildung nicht noch einmal verlängern würde, falls er im Sommer durchfalle, nachdem er mich mal „Arschloch!“ nannte bzw. nach einer Moralpredigt einfach sagte:„Mach den Kopf dicht, Alter“. Ich wollte in Zukunft überhaupt keine deutschen Lehrlinge mehr ausbilden, weil die meisten strohdumm sind und z.T. auch noch rotzfrech. Mein palästinensischer Lehrling Fadi hingegen oder der Russe Andrey waren in jeder Hinsicht vorbildlich, sowohl ihre Leistung als auch ihre Umgangsformen.

Ich wollte meine Firma von Grund auf erneuern und machte einen Termin bei der zuständigen Unternehmensberaterin. Frau Heinemann (ca. 60) schaute sich meine Unternehmenszahlen der letzten 3 Jahre an und stellte fest, dass meine Firma sowohl im Umsatz als auch im Gewinn jedes Jahr um 50 % gestiegen sei. Was könne man da also noch verbessern? Am Ende fiel ihr dann noch eine „Verbesserungsmöglichkeit“ ein: „Schreiben Sie doch einfach auf Ihren Handzettel: ‚Bei uns arbeiten nur Deutsche!‘ Das könnte bei der älteren Kundschaft ein entscheidendes Verkaufsargument sein.“ Ich erschrak über diesen unverhohlenen Rassismus, obwohl sie es nur gut meinte. „Aber ich habe auch Ausländer unter meinen Mitarbeitern. Soll ich diese etwa entlassen, damit meine Firma wieder rein arisch wird?“ Wir verabschiedeten uns.

„Es gibt keinen Weg zurück“

Damit Rebekka Freundinnen in einer christlichen Gemeinde findet, wollten Ruth und ich neben der spanischen Gemeinde, wo wir samstags hingingen, auch noch in eine deutsche Gemeinde gehen. Wir entschieden uns für die „Bibelgemeinde“, eine Art freie Brüdergemeinde, die ganz in der Nähe von uns war, um dort von nun an regelmäßig hinzugehen. Ruth freundete sich bald mit einer Schwester Ilse an, die immer sehr freundlich und hilfsbereit war, und ich suchte den Kontakt zum Prediger Peter Groll, um mit ihm ein seelsorgerisches Gespräch zu haben. Mir ging es nämlich seelisch nicht mehr so gut, da ich mich ziemlich überlastet fühlte. Der neue Lehrgang hatte begonnen, und ich kam nach der Arbeit kaum noch mit der Büroarbeit nach, zumal auch immer mehr Kundenanfragen kamen.

Ich bekannte dem Peter, dass ich in Wirklichkeit gar kein Christ mehr sei, aber dass er das niemandem verraten solle, da es mir sehr peinlich wäre. Denn alle in der Gemeinde hielten mich ja für einen Bruder, und ich genoss dieses herzliche Klima und wollte nicht, dass sie von mir enttäuscht wären. „Ich habe ja auch einen Glauben, Peter, aber dieser wird von den allermeisten Christen leider nicht anerkannt. Ich fühle mich deshalb wie das hässliche junge Entlein oder wie der Hitlerjunge Salomon.“ - „Aber warum kehrst Du dann nicht einfach zu Gott zurück und bittest Ihn, dass Er Dir erklären möge, was Du jetzt noch nicht verstehst?“ - „Nein, Peter, das ist leider unmöglich; es gibt keinen Weg zurück mehr. Ich hatte es schon versucht, aber es funktioniert einfach nicht. Es kann schon sein, dass es einen Gott gibt, aber die Bibel kann unmöglich sein Wort sein, denn sie hat aus meiner Sicht zu viele Logikfehler“. Peter versuchte dann noch kurz, mich vom Gegenteil zu überzeugen, merkte dann aber auch, dass es keinen Sinn hat. Wir verabschiedeten uns.

Ironischerweise lief in jenen Tagen häufig ein Lied von Peter Heppner im Radio, dass den Titel trug „Kein zurück“. Darin hieß es u.a.:

„Dein Leben dreht sich nur im Kreis
So voll von weggeworfener Zeit
Deine Träume schiebst du endlos vor dir her
Du willst noch leben irgendwann
Doch wenn nicht heute, wann denn dann?
Denn irgendwann ist auch ein Traum zu lange her

Immer vorwärts Schritt um Schritt
Es geht kein Weg zurück
Was jetzt ist wird nie mehr ungeschehen
Die Zeit läuft uns davon
Was getan ist ist getan
Und was jetzt ist wird nie mehr so geschehen.

Ach und könnte ich doch
Nur ein einz'ges Mal
Die Uhren rückwärts drehen
Denn wie viel von dem
Was ich heute weiß
Hätte ich lieber nie gesehen...“

Während ich nach Feierabend täglich mit unserem Hund Bobby spazieren ging, um den großen See in der Nähe unseres Hauses zu umrunden, wollte meine Tochter Rebekka (8) mich immer begleiten, damit ich ihr eine Geschichte erzähle. Meistens erzählte ich ihr Geschichten aus der Bibel, aber oft auch einfach nur, was ich früher als Kind oder Jugendlicher erlebt hatte. Rebekka war ein sehr aufgewecktes Mädchen und hatte in der Schule auch schon ihren ersten Freundeskreis, von dem sie mir immer ausführlich berichtete, wenn wir spazieren gingen. Aber ihre mit Abstand beste Freundin war ihre Klassenkameradin Marlene, mit deren paraguayischen Eltern Carlos und Olga wir gut befreundet waren. Eines Tages kam Rebekka nach Hause und sagte: „Papa, die Klassenlehrerin Frau Linz hat heute ein Kind gehauen!“ Ich dachte: „Na ja, was Kinder immer so erzählen...“ Wie sich später noch herausstellen sollte, würde dies kein Einzelfall bleiben.

Ein paar Wochen später, als ich gegen Mittag von der Arbeit nach Hause kam, war Ruth sehr aufgebracht. Sie erzählte mir, dass Rebekka heute von ihrer Klassenlehrerin geschlagen wurde und sogar noch eine rote Wange hatte, als Ruth sie nach der Schule abholte. Ich war fassungslos und konnte es kaum glauben. Wir leben doch nicht mehr im 19. Jh. sondern im 21. Jh., wo jede Lehrerin wissen sollte, dass sie sich strafbar macht, wenn sie ein Kind schlägt. Susanne Linz war zudem gläubig und unterrichtete an einer christlichen Schule - was für ein Skandal und Rufschädigung, wenn das die Öffentlichkeit erfahren würde! Ruth war so wütend, weil dies ja auch nicht das erste Mal war, dass dies passiert sei. Sie verlangte, dass ich sofort den Leiter der Grundschule, Herrn Seggelmeier, anrufen möge, um mich zu beschweren.

Ich rief dann an und beklagte mich, dass wir es ungeheuerlich fänden, dass unsere Tochter von der eigenen Lehrerin geschlagen wurde, und das auch noch in einer christlichen Schule! Er lud uns ein zu einem gemeinsamen Gespräch mit Susanne Linz. Dies fand dann auch kurz darauf statt. Susanne beschwor uns dann aber, dass sie Rebekka nicht geschlagen hätte, sondern nur gesehen habe, wie Rebekka und ihre Freundin Marlene, die nebeneinander saßen, mal wieder während des Unterrichts miteinander Kopf an Kopf getuschelt und gekuschelt hätten. Sie habe dann einen Schritt auf die beiden zubewegt und „die Köpfe von einander weggedrückt“, um den beiden zu signalisieren, dass sie nicht so viel schwatzen sollten, während des Unterrichts. Dieses „Wegdrücken“ müsse wohl etwas energischer gewesen sein, so dass Rebekka es als Ohrfeige empfunden haben müsse. Da wir mit Susanne Linz über meine Mutter miteinander befreundet waren, haben wir uns mit dieser Erklärung zufrieden und ließen es dabei bewenden. Als Christ soll man ja vergeben und niemandem etwas nachtragen...


Krankhafte Rachegedanken

Obwohl ich inzwischen alles erreicht hatte und meine Firma recht gut lief, war ich dennoch unzufrieden und misslaunig. Vielleicht lag es an der aggressiven Musik, die ich ständig hörte, oder aber an der schlechten Zahlungsmoral von einigen meiner Kunden, keine Ahnung. Aber ich hatte ständig eine rasende Wut in mir, die ich kaum noch zu unterdrücken wusste. Ähnlich wie bei König Saul konnte allein die Musik meine gestaute Aggression in mir bändigen, aber irgendwann merkte ich, dass dies nicht mehr normal war. Zunächst dachte ich an einen „Burn out“ (d.h. eine Überlastungsdepression), weshalb ich mit Ruth und Rebekka eine weitere Reise nach Peru plante für den Sommer. Doch Ablenkung allein konnte meinen tiefliegenden Frust nicht beseitigen.

Ich hatte z.B. sehr häufig Rachephantasien, wie ich es Kunden heimzahlen könnte, die mich ganz oder teilweise um meinen Lohn geprellt hatten. Auf der letzten Seite meines Tagebuches hatte ich eine Liste von sämtlichen Leuten, an denen ich mich irgendwann demnächst rächen müsste, um meinen Zorn wieder zu besänftigen. Ich stellte mir vor, dass ich an einem Tag X - einen Tag, bevor wir auf Nimmerwiedersehen nach Südamerika fliegen - eine „Nacht der Rache“ ausüben würde, in welcher ich an allen Personen, die mir Schäden zugefügt hätten, eine von mir individuell ausgedachte Bestrafung vollstrecken würde, z.B. einen Eimer schwarze Bitumenfarbe auf deren Terrasse gießen, oder Abbeizer auf das Autodach kippen oder deren Auto am besten gleich mit Benzin übergießen und anzünden würde. All diese Vorstellungen gaben mir eine Genugtuung und Erleichterung. So muss es wohl auch Saul ergangen sein, als er David verfolgte. Z.T. hatte auch ich sogar Folter- und Mordphantasien, so dass mir irgendwann klar wurde, dass ich mal einen Psychologen aufsuchen sollte. Als ich dies mal meiner Mutter anvertraute, empfahl sie mir den Psychologen Dirk Ludorf aus Osterholz-Scharmbeck, weil er bibelgläubig sei und sie bei ihm auch schon in Therapie war. Ich rief ihn also an und vereinbarte einen Termin. Bei dem ersten Treffen erzählte ich ihm 50 Minuten lang meine Geschichte, und dann erklärte er mir 10 Minuten lang, was mit mir los sei. Diese 10 Minuten waren für mich aber äußerst aufschlussreich, so dass sich der Stundensatz von 60,-€ für mich voll gelohnt hatten:

Zunächst einmal, Herr Poppe, muss ich Sie darauf hinweisen, dass ich für den Fall, dass Sie eine Straftat begehen wollen und ich Sie nicht davon abhalten kann, verpflichtet bin, dies den polizeilichen Behörden zu melden und in diesem Fall auch von meiner Schweigepflicht entbunden bin.“ Ich lächelte und erklärte mich einverstanden. Dann fuhr er fort: „Die Ursachen für Ihre extremen Richtungsänderungen liegen in Ihrer Angst begründet. Früher hatten Sie Angst vor dem Licht, weshalb Sie sich dieser Angst stellen wollten und Christ wurden. Als Sie dann ‚im Licht‘ ankamen und feststellten, dass diese Angst unbegründet war, wollten Sie als nächste die Finsternis kennenlernen, um auch Ihre Ängste vor dieser zu überwinden. Solange man nicht die äußersten Extreme ausgekundschaftet hat, bleibt bei Angstpatienten immer eine latente Unsicherheit bestehen, dass noch irgendetwas ausgelassen wurde. Es könnte also sein, dass sich Ihr Drang nach dem ‚ultimativen Kick‘ noch zu irgendeiner furiosen Tat steigern könnte, sich aber dann Ihr inneres Pendel wieder in die entgegengesetzte Richtung bewegen wird, bis Sie sich innerlich allmählich ‚auspendeln‘, um schließlich Ruhe und Frieden zu finden. Als christlicher Therapeut kann ich Ihnen versichern, dass dieser Friede allein in Gott zu finden ist, auch wenn Sie noch nicht an diesen glauben können. So wie auch der Heilige Augustinus mal sagte: ‚Rastlos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Gott‘.“ Er gab mir noch viele weitere Impulse, und ich verabschiedete mich in Dankbarkeit. Jetzt wusste ich endlich, wo ich stand und machte mir keine Sorgen mehr, dass ich vielleicht ein Psychopath wäre, der Lust am Bösen hätte. Ich bräuchte lediglich noch stärkere Reize, um irgendwann endlich genug zu haben von allem.


Juli - Dezember 2004

Schindler und Franziskus

Auf unserer 5. Perureise im Juli 2004 wollten wir auch mal einen Abstecher nach Ecuador machen. Doch als ich nun nach 9 Jahren mein Landhaus in Guayaquil besuchte, erkannte ich es kaum wieder: das von mir frisch gestrichene Dach war abgewittert und voller Algen und Pilze, überall im Haus hatte der Hauswächter Apollo seine Gerätschaften eingelagert und das gesamte Grundstück war voller Müll und gebrauchtem Toilettenpapier. Ich schimpfte mit Apollo, dass er ein schlechter Verwalter sei und wies ihn darauf hin, dass ich das Haus möglicherweise demnächst verkaufen würde. Aber auch wenn ich noch keinen Käufer hatte, wollte ich bei der Gelegenheit mit Apollo Sanchez wenigstens ein notariell beglaubigtes Abkommen schließen, dass er das Haus mit seiner Familie wieder verlassen würde, sobald sich ein Kaufinteressent fände. Eigentlich wäre dies ja eine Selbstverständlichkeit, zumal er in den letzten 12 Jahren auch keinerlei Miete zahlen musste für das Haus und das 3,6 ha große Grundstück. Aber Apollo verlangte darüber hinaus von mir eine Entschädigung - dafür dass er all die Jahre mein Haus kostenlos gehütet habe, und da er arm war, bin ich damit einverstanden gewesen. Wir gingen also gemeinsam mit ihm zu einem Notar, wo er gegen eine sofortige Zahlung von 100 $ und einer späteren Entschädigung von einmalig 800,- $ sich einverstanden erklärte, das Haus und Grundstück in Stand zu setzen und sich von den 800,- $ später eine neue Pfahlhütte zu bauen, um darin zu wohnen sobald eine deutsche Auswandererfamilie mein Haus kaufen würde. Er unterschrieb das Dokument mit seinem Fingerabdruck, da er nicht schreiben konnte. Auf der weiteren Reise besuchten wir noch viele Glaubensgeschwister und fuhren dann wieder nach Deutschland zurück.

Zuhause wartete jede Menge Arbeit auf mich, zumal mein Werbeflyer mit Zeitungsartikel mir massenweise neue Kunden beschert hatte. Da Patrick und Volkmar nicht mehr da waren, annoncierte ich bei der Handwerkskammer, dass ich wieder einen neuen Lehrling nehmen könne. Es stellte sich ein schlanker junger Mann namens Peter Schönholz (26) vor, der bisher von dem großen Erbe seiner verstorbenen Eltern gelebt hatte, aber nun endlich eine Ausbildung machen wolle. Ich fragte ihn: „Warum trägst Du ein großes Kreuz um Deinen Hals?“ - „Weil ich an Gott glaube“ sagte Peter. Diese Antwort gefiel mir gut, und ich nahm ihn. Um die deutlich gestiegene Büroarbeit aber überhaupt noch bewältigen zu können, bot ich bei der Stellenbörse der HWK zugleich auch noch einen Ausbildungsplatz zur Bürokauffrau an. Da fragte mich die Ausbildungsberaterin bei der HWK, wie groß denn mein Büro zuhause sei. „9,00 m²“ antwortete ich. „Dann können Sie leider niemanden ausbilden, denn die Arbeitsstättenverordnung schreibt vor, dass ein Büro mindestens 10,00 m² groß sein muss, damit Sie dort jemanden ausbilden können.“ Also inserierte ich beim Jobcenter für eine Bürokauffrau, woraufhin sich viele Damen bewarben. Zufällig las aber auch die Ehefrau meines Freundes Richard Werner aus der Christusgemeinde mein Stellenangebot, und da Ingrid auch gerade einen Wiedereinstieg ins Berufsleben beschlossen hatte, nahm ich sie (als „Geringfügig Beschäftigte“). Zugleich stellte ich aber auch noch meine bisherige Buchhalterin Helga Sander ein, die bisher (seit 2001) meine monatliche Einnahme/Überschussrechnung auf Honorarbasis angefertigt hatte, da es sonst zu teuer wäre.

Im August 2004 hatte ich dann auf einmal ein Schlüsselerlebnis: Eines Abends sahen wir uns einen Videofilm an über das Leben des Franz von Assisi. Besonders bewegend war für mich die Szene, in welcher er eines Abends am Strand einem Leprakranken seinen wertvollen Mantel schenkte, weil dieser fror, und ihn danach auch noch umarmte. Diese Begebenheit am Anfang des Films war wohl sein Bekehrungserlebnis, denn danach hatte er sein Leben ja radikal geändert und wurde vom Sohn eines schwerreichen Tuchhändlers zum asketisch lebenden Bettelmönch, der den Rest seines Lebens nur noch für die Armen und Schwachen da sein wollte. Obwohl Franciskus nur 42 Jahre alt wurde, hatte er ein sinnvolles und erfülltes Leben geführt, um das ich ihn beneidete. Verglichen mit ihm, war mein Leben bisher völlig bedeutungslos und sinnentleert, da ich ja bisher nur für mich und meine Familie gelebt hatte und mich eigentlich schämen sollte, weil ich bisher so gut wie nichts für die Armen in der Welt übrig ließ. Dabei hatte ich doch jetzt als Selbstständiger so viele Möglichkeiten, Gutes zu tun, indem ich überschüssige Gewinne spende, anstatt sie z.B. für sinnlose Urlaubsreisen zu verplempern. Vielleicht besteht ja gerade im Helfen das Geheimnis des Glücks, weil man nicht mehr in Wohlstand, sondern in Menschen investiert, denn solche würden mir immer dankbar sein. Ich erinnerte mich auch an den Film „Schindlers Liste“, den ich 10 Jahre zuvor mit Ruth im Kino sah. Oskar Schindler war ein Großindustrieller, der während der Zeit des 2. Weltkriegs Juden als kostenlose Arbeitskräfte in seiner Fabrik beschäftigte und sie auf diese Weise vor der Vernichtung in Auschwitz bewahrte. Seine Fabrik wurde zur letzten Rettung für etwa 1.100 Juden, die danach noch viele Kinder und Kindeskinder bekamen. Auch meine Firma könnte zum Zufluchtsort werden für gestrandete Existenzen, um Ihnen eine neue Perspektive zu geben, z.B. Ausländer, Strafgefangene oder psychisch Kranke. Schindler hatte nichts verdient an seiner Munitionsfabrik, sondern im Gegenteil all sein Vermögen investiert, um die Juden freizukaufen. Aber am Ende sagte er unter Tränen sogar: „Ich hätte noch mehr tun können! Hätte ich dieses Abzeichen hier noch verkauft, hätte ich für den Erlös zwei weitere Juden kaufen können! Oder mein Auto hier hätte bestimmt noch 10 weitere Menschenleben retten können!“ Das wollte ich auch! Oskar Schindler sollte mein neues Vorbild werden!

Ich sprach mit meinem Zwillingsbruder Marco, da dieser ja nebenbei auch ehrenamtlich als missionarischer Streetworker arbeitete. Marco erzählte, dass sich gerade ein manisch-depressiver Jugendlicher zum HErrn Jesus bekehrt habe namens Roman Pilka (19), den er kurz zuvor bei einem Besuch in der Psychiatrie kennengelernt hatte, und dass ich diesem doch einen Ausbildungsplatz anbieten könne. Außerdem sei auch sein früherer Klassenkamerad, Christian Gärtner (36), wegen psychischer Probleme als arbeitsunfähig dauerhaft krankgeschrieben. Auch er brauche dringend noch mal eine Chance, da er sonst zuhause in seiner Misanthropie versauern würde. Ich besuchte Christian und stellte erfreut fest, dass wir uns sehr gut verstanden, zumal auch er Atheist war und zudem genauso alt wie ich. Leider wollte Christian keine Ausbildung bei mir machen, so dass ich ihn mit Händen und Füssen dazu überreden musste. Am Ende willigte er ein, wenn auch mit großer Skepsis. Nun meldete sich auch der Wiederholungstäter Patrick Mücher bei mir und flehte mich an, ob ich ihm denn nicht doch noch eine 3. Chance geben könne, denn er hatte alle Malerbetriebe in Delmenhorst abgeklappert, aber keiner wolle ihm noch eine Chance geben, sein 3. Lehrjahr noch zu machen, da sich seine Einbrüche und Gefängnisstrafen inzwischen wohl rumgesprochen hatten. Er versprach mir hoch und heilig, dass er in diesem letzten Lehrjahr auch wirklich nichts mehr anstellen würde. Ich ließ mich (leider) erweichen und stellte ihn wieder ein (es sollte jedoch noch katastrophal enden...).

Da mein Malerbetrieb inzwischen schon eine ansehnliche Größe erreicht hatte, entschied ich mich, nun auch Mitglied in der Bremer Maler-Innung zu werden. Die Mitgliedschaft dort ist freiwillig, kostet jedoch im Monat 50,- €, wobei man dadurch auch einige Vergünstigungen erhielt, gerade wenn man viele Lehrlinge hatte. Viele Meisterkollegen kannten mich schon, weil ich ja inzwischen schon in ganz Bremen meinen Flyer an die Briefkästen verteilt hatte. Bei der ersten Innungs-Sitzung ließ sich der vorsitzende Obermeister Arne Plaggenmeier es sich denn auch nicht nehmen, mir in einer Rede an die versammelten Meister einen Seitenhieb zu verpassen: „Liebe Kollegen. Wir alle leiden unter der konjunkturellen Schwäche und der schlechten Zahlungsmoral der Kunden. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn wir feststellen müssen, dass es in unseren Reihen junge Kollegen gibt, die meinen, mit Dumpingangeboten unsere Preise kaputt zu machen, indem sie Werbeflyer verteilen, auf denen Preise stehen, die langfristig nicht am Markt zu halten sind. Solche Kollegen treiben auf Dauer lang eingesessene Malereibetriebe in den Ruin, da sie ihnen durch Dumpingpreise das Wasser abgraben und ihnen die letzten Stammkunden rauben. Sie missbrauchen Lehrlinge als billige Arbeitskräfte. Als Kollegen mag man sie kaum mehr betrachten!“ Mir schlug das Herz bis zum Hals, und ich fragte mich, ob auch die anderen im Saal wussten, dass Arne Plaggenmeier mich damit meinte. Einige Tage nach der Innungsversammlung rief mich Herr Bröker, der Lehrlingsbeauftragte der Handwerkskammer an, um mir mitzuteilen, dass ich mit inzwischen 6 Lehrlingen und nur 5 Gesellen ein Missverhältnis habe und deshalb unbedingt noch einen Gesellen zusätzlich einstellen müsse, um die Ausbildungsqualität nicht zu gefährden. Ich gehorchte und stellte auch noch einen Altgesellen namens Ralf Loop (56) ein. Über eine magere Auftragslage konnte ich mich ja wirklich nicht beklagen.

Der Fall Haferkamp (Teil 1)

Unter den vielen neuen Kunden war auch ein Rechtsanwalt, dem ein Mehrfamilienhaus in Bremen-Findorff gehörte. Herr Haferkamp wollte, dass ich es ab September von vorne und hinten dämmen sollte mit 14 cm Styroporplatten. Ich bot ihm die 327 m² für rund 25.000,- € brutto an und erhielt den Auftrag (normalerweise lag der Preis für Wärmedämmung eher bei 100,-€/ m² netto, so dass mein Preis etwa um 35 % unter dem Marktdurchschnitt lag). Doch als wir Ende September die Vorderseite des Gebäudes fertig hatten und das Gerüst umgebaut werden sollte auf die Rückseite, teilte mir Herr Haferkamp mit, dass er tags zuvor sich mit einem anderen Malermeister nach Feierabend getroffen hätte, der unsere Arbeiten beurteilen sollte, und dieser hätte „nur mit dem Kopf geschüttelt“ und unsere Leistungen in Bausch und Bogen schlecht geredet. „Wie hieß denn der Malermeister?“ fragte ich. Erst wollte mir Herr Haferkamp den Namen nicht verraten, aber dann gab er zu: „Das war Herr Plaggenmeier, der Obermeister von der Malerinnung“. Ich sagte: „Dann wundert mich seine scharfe und unsachliche Kritik nicht, denn er mag mich ganz und gar nicht, da ich in seinen Augen ein Preisdumper bin.“ Er zeigte mir dann ein paar Stellen, wo wir noch nachbessern sollten, und wir machten dann in der darauffolgenden Woche auf der Rückseite weiter.

Doch Herr Haferkamp war verunsichert und entschied sich, unsere Arbeiten auch noch mal von einem richtigen Sachverständigen begutachten zu lassen. Und dies war ausgerechnet Herr Stoiber (!), mit dem ich ja in 2002 schon mal „das Vergnügen“ hatte und der mir bei unserem letzten Telefonat prophezeit hatte, dass er mir nur noch max. 1 Jahr gebe bis ich pleite sei, bevor er grußlos das Telefonat beendete. Herr Stoiber bat nun Herrn Haferkamp, dass er mir nicht verraten solle, dass er als Gutachter von ihm beauftragt sei, sondern er wollte sich erst mal regelmäßig heimlich nach Feierabend mit ihm auf der Baustelle treffen, um unsere Fehler während der einzelnen Arbeitsschritte genau zu dokumentieren. Er wollte dafür sorgen, dass Herr Haferkamp nach den bereits an mich gezahlten 12.000,- € keinen weiteren Cent mehr zahlen müsse, indem er jeden noch so kleinen Regelverstoß reklamieren würde. Als dann das Gutachten vorlag, wimmelte es nur so von Fehlern und Unterstellungen, die ich ihm dann in 29 Punkten mit Hilfe von Fachliteratur und Technischen Merkblättern des Herstellers Brillux auch nachweisen konnte. Erschreckenderweise wies das Gutachten neben Dutzenden Rechtschreibfehlern auch gravierende mathematische Fehler auf, ob nun bei einfachen Dreisatzaufgaben oder Verbrauchsberechnungen, so dass man sich fragen musste, wie so ein Mann überhaupt ein „öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger“ werden konnte.

Unter den zahlreichen, zum größten Teil unberechtigten Vorwürfen war jedoch auch einer, der tatsächlich berechtigt war, jedoch nichts mit der fachlichen Arbeit an sich zu tun hatte. Es ging um den Brandschutz. Nach der Landesbauordnung war es vorgeschrieben, dass Häuser, die über 7 m hoch sind, an den Fensterstürzen sog. „Brandriegel“ aus Mineralwolle benötigen. Da wir bisher fast ausschließlich nur einfache Privathäuser gedämmt hatten, war mir das Thema Brandschutz bisher nicht begegnet. Diesen aber nachträglich einzubauen, hieße, dass wir einen Großteil unserer Arbeit noch mal neu machen müssten. Herr Stoiber war sogar der Meinung, dass ohnehin die gesamte Dämmung noch einmal entfernt werden müsse, da sie angeblich nicht gut genug haften würde auf dem Untergrund. Er hatte seinem Auftraggeber Haferkamp deshalb einen Schadenersatzanspruch von über 32.000,- € ausgerechnet, auf den er mich verklagen solle. Ich sah mich deshalb genötigt, meinen Anwalt Herrn Lindemann einzuschalten, sowie einen eigenen vereidigten Gutachter zu beauftragen, in diesem Fall den Malermeister K.-H. Harmsen, um ein Gegengutachten zu erstellen. Herr Harmsen wies mich darauf hin, dass Herr Stoiber, nachdem er als Gutachter während der Bauphase hinzugezogen wurde, die Verpflichtung hatte, Schaden abzuwenden und gezielte Instruktionen an den Auftragnehmer zu erteilen, um seine Aufsichtspflicht nicht zu verletzen. Da dies jedoch nicht geschehen sei, sondern er und der Kunde mich quasi ins offene Messer laufen ließen, bestünde auch kein Nachbesserungsanspruch für die Rückfront, sondern ggf. ein Schadenersatzanspruch des Kunden gegenüber Herrn Stoiber.

Nun entbrannte ein offener Streit zwischen den beiden Gutachtern, in welchem sich beide Seiten fehlende Kompetenz vorwarfen. Zudem widersprachen sie sich gegenseitig bei der Ermittlung der sog. Abreißfestigkeit, die Harmsen mit 0,08 Nmm² als ausreichend gemessen hatte, während Stoiber nur 0,03 Nmm² festgestellt hatte. Da jedoch auch Harmsen die Nachrüstung der Brandriegel einräumte, errechnete er einen Aufwand von 13.732,40 €, der fast genau meinem restlichen Werklohn von 13.727,25 € entsprach. Nun waren die Einzelpreise natürlich auch von Harmsen sehr hoch angesetzt, so dass ich mit meinen Leuten wahrscheinlich nur die Hälfte für die Nacharbeit investieren müsste, aber hinzu kämen dann ja noch die ganzen Anwalts- und Gutachterkosten, die ich zu zahlen hätte. Außerdem war es unwahrscheinlich, dass Herr Haferkamp sich als Rechtsanwalt nur mit der Nachrüstung der Brandriegel zufrieden geben würde, sondern er würde bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag gegen mich prozessieren, bis er all seine Forderungen durchgesetzt bekäme.

Und tatsächlich nahm sich auch Herr Haferkamp dann einen Anwalt, der ein sog. Beweissicherungsverfahren bei Gericht beantragte, um einen weiteren Gutachter zu benennen, der Dritte also schon, der dann für das Gericht eigenständig und neutral den Aufwand zur Nacharbeit ermitteln sollte, und zwar den renommierten Architekten und Baugutachter Dipl.-Ing. Thomas Toussaint. Da ein solches Beweissicherungsverfahren jedoch immer sehr langwierig ist, sollte es am Ende noch bis ins Jahr 2008 dauern, bis schließlich der ganze Streit mit Herrn Haferkamp durch eine gemeinsame Vereinbarung endlich beendet war (Fortsetzung folgt).


Der beste Ausbildungsbetrieb Deutschlands

Nachdem ich ja im Jahr 2003 die „Meistergründungsprämie“ in Höhe von 5.000,- € gewonnen hatte, war ich guten Mutes, dass ich auch zukünftig bei der Teilnahme an ähnlichen Wettbewerben erfolgreich abschneiden könnte. Deshalb ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf, als ich im Spätsommer 2004 erfuhr, dass erneut ein Wettbewerb ausgeschrieben wurde, und zwar diesmal von den Wirtschaftsjunioren Deutschlands unter der Schirmherrschaft der Bundesbildungsministerin, bei dem es diesmal allerdings nur max. 2.500,- € zu gewinnen gab, wenn man den 1. Platz erreichte. Dafür aber winkte einem der Ruhm, sich „bester Ausbildungsbetrieb Deutschlands“ nennen zu dürfen. Gesucht wurden Betriebe, die sich besonders in der Qualifizierung von Auszubildenden verdient gemacht haben, sei es durch eine innovative Idee im Bereich der Nachhilfe oder durch eine Investition in neuartige Ausbildungsförderungen. Man sollte auch hier auf mehreren Seiten sein Konzept vorstellen und dabei darlegen, warum dieses Projekt zukunftsfähig sei und zur Nachahmung empfohlen, damit auch andere Betriebe dadurch motiviert werden.

Zunächst hatte ich keine Idee, denn meine Auszubildenden waren ja bisher alles andere als überdurchschnittlich gut ausgebildet, sondern eher ein Chaoten-Club. Wenn ich z.B. während der Arbeit in die Runde fragte, ob jemand wisse, wer Christoph Kolumbus sei, dann bekam ich die ernst gemeinte Antwort: „Das weiß ich, das weiß ich! Das ist doch der, der dieses große Schiff gebaut hat, wo die ganzen Tiere reingingen!“ Oder wenn ich nach Schiller fragte, dann sagte der andere: „Ja, Schiller kenn ich; das ist doch eine Musikband!“ Wenn es um Autos ging oder Fußball, dann kannten sie sich natürlich weit besser aus als ich, so daß man nicht sagen konnte, dass sie nicht intelligent wären, sondern sie waren einfach nur ungebildet. Deshalb erzählte ich ihnen während der Arbeit neben fachlichen Dingen auch immer wieder von Personen aus der Politik und der Geschichte, damit sie wenigstens ein bisschen mitreden konnten und sich nicht blamieren würden, wenn sie mal nach ihrer Meinung gefragt werden. Dabei musste ich die Inhalte immer möglichst knapp und spannend rüberbringen, sowie Zwischenfragen beantworten, damit die Aufmerksamkeit erhalten blieb.

Zwischendurch erzählten sie mir von ihrer Lebenssituation, von ihrer Kindheit, ihren Eltern und ihrer Schulzeit. Fast alle hatten schon Erfahrung mit Alkohol und Drogen gemacht, was dazu führte, dass sie in der Schule kaum etwas mitbekamen. Sie wurden meist aber auch nicht gefördert von ihren Eltern, die schon mit sich selbst genug zu tun hatten. Oftmals waren sie auch Scheidungskinder oder wuchsen z.T. in Heimen auf, so dass sie nicht genügend soziale Kompetenzen erlernten. Um ihre Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden, machen viele von ihnen Muskeltraining oder Kampfsportarten, hören Rap-Musik und kaufen sich Markenkleidung. Dennoch ist ihnen bewusst, dass sie durch ihre mangelnde Bildung kaum eine Chance haben, in absehbarer Zeit auf den grünen Zweig zu kommen. Ihre praktischen Leistungen während der Ausbildung sind oftmals gut, z.T. sogar sehr gut, aber in der Berufsschule kommen sie fast nie mit, besonders im Rechnen. Ohne Nachhilfe fallen deshalb die meisten schon durch die Zwischenprüfung.

Eigentlich war dies aber eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, denn wenn doch ihre praktischen Leistungen gut waren, warum quälte man sie dann mit dem Satz des Pythagoras oder mit der Frage, wie viel Liter Farbe in einen zylinderförmigen Silo mit einem Durchmesser von 1,76 m und einer Höhe von 2,28 m hineingeht, und der nach unten hin kegelförmig in einen Trichter von 0,66 m Tiefe hinab läuft? Ist es nicht viel wichtiger, dass der Maler realitätsbezogene, fachliche und soziale Kompetenzen erlernt, damit er einem Kunden auch mal selbstbewusst eine Frage beantworten kann, die das Vertrauen in den Mitarbeiter stärkt? Und nicht wie einmal, als Kunde Haferkamp aufgeregt den Jörg fragte: „WARUM STREICHEN SIE DENN MEINE HAUSTÜR MIT SO EINER DUNKLEN LASUR, nachdem Sie diese doch gerade mühselig abgebeizt haben?!“ und Jörg dem Kunden einfältig antwortet: „Ich hab‘ diesen Topf hier genommen, weil der hier rumstand…“ – Nachdem der Kunde mich besorgt anrief und ich ihm in Ruhe erklären konnte, dass jedes Holz auch eine Eigenfarbe habe, die erst nach dem ersten Anstrich durch Dunkelfärbung erkennbar wird, beruhigte er sich und wies mich darauf hin, dass ich mir meine Mitarbeiter doch mal mehr zur Brust nehmen müsse. „Stellen Sie sich nur mal vor,“ sagte der Kunde, „wenn es zufällig nicht die richtige Lasur gewesen wäre, sondern irgend eine andere Dose, die ‚da eben gerade so rumstand‘! Z.B. blau oder Violett! Nicht auszudenken! Was für ein glücklicher Zufall, dass der Jörg die richtige Dose nahm!“

Auch wenn Herr Haferkamp dies nur zum Scherz sagte, hörte man doch unverkennbar ein Überlegenheitsgefühl aus seinen Worten heraus. Dabei hätte er dem Jörg in anderen Dingen nicht das Wasser reichen können, z.B. was seine Gabe der Fröhlichkeit und Unbeschwertheit betrifft. In Wirklichkeit hat nämlich jeder Mensch Begabungen, die ihn einzigartig machen, nur dass in unserer Marktwirtschaft immer nur bestimmte Fähigkeiten wie z.B. Intelligenz oder Schlagfertigkeit bevorzugt werden, während Tugenden wie Demut oder Genügsamkeit schon fast in Vergessenheit geraten sind. Von der Bibel kannte ich noch die Weisheit: „Wir nun, die Starken, sind schuldig, die Schwachheiten der Schwachen zu tragen und nicht uns selbst zu gefallen“ (Röm.15:1). Gott hatte ja gerade das Verachtete der Welt auserwählt, damit Er das Edle zu Schanden mache (1.Kor.1:28). Die Schwachen sind viel dankbarer als die Starken, deshalb konnte ich zu ihnen einen viel vertrauteren Umgang haben. Wer ein guter Lehrherr sein will, sollte seine Auszubildenden einfach lieben, wie ein Vater seine Söhne liebt, und dann kann man gemeinsam auch die Schwierigkeiten bewältigen.

Mir kam die Idee, dass ich für diejenigen Azubis, die ständig durch die Prüfung fallen oder gar nicht erst an den Prüfungen teilnehmen wollen, eine neue Qualifizierung schaffen sollte, die ganz auf eine schulische Bildung verzichtet und rein praktischer Art ist. Auch solche Delta- und Epsilon-Arbeiter – wie sie im Roman „Schöne neue Welt“ genannt werden, haben ein Recht auf einen gut bezahlten Beruf. Man könnte den Privatkunden anbieten, dass ich zusätzlich zu meinen Fachkräften auch noch ungelernte Mitarbeiter hätte, die ich den Kunden für einfache Hilfstätigkeiten rund ums Haus ausleihen kann für 15,- € /Std, z.B. für Hochdruckreinigung, Umzüge, einfache Malerarbeiten, oder schlicht alles, wofür man nicht unbedingt einen Fachmann braucht. Das könnten dann auch Ausländer mit schlechten Deutschkenntnissen sein, so wie auch Oscar Schindler in seiner Fabrik viele Juden arbeiten ließ, die eigentlich nichts konnten, aber bereit waren, alles zu machen.

Dies schrieb ich dann als mögliches Geschäftsmodell neben anderen Erfahrungen als Ausbilder in meinen Bericht. Ganz beiläufig erwähnte ich dann auch, dass zwei meiner Lehrlinge aus der Psychiatrie kämen und einer sogar aus dem Gefängnis. Interessanterweise war es dann schließlich genau dieser Hinweis, der am Ende ausschlaggebend war, dass ich im Oktober 2004 von meiner Ernennung zum sog. „Ausbildungs-Ass“ erfuhr, indem ich mit Platz 1 zum „besten Ausbildungsbetrieb Deutschlands“ gewählt wurde. Mir war sofort klar, dass ich das noch lange nicht bin, sondern mir diesen unverdienten Titel erst einmal in den nächsten Jahren verdienen müsse. Doch auch Barak Obama bekam durch den Friedensnobelpreis zu Beginn seiner Amtszeit Vorschusslorbeeren, die er sich selbst nach zwei Amtszeiten kaum verdient hatte. Vor allem sagte meine Wahl zum Gewinner des Ausbilder-Oscars weniger etwas über meine Person aus als über die Wahlkriterien der Jury, die damit ein Signal geben wollte für ein größeres gesellschaftliches Engagement in den Betrieben, das durch den Neoliberalismus vieler DAX-Konzerne in den letzten 20 Jahren zu sehr vernachlässigt wurde.

Anfang Dezember wurde ich dann zur Preisverleihung ins Bundesbildungsministerium nach Berlin eingeladen, wo ich von der damaligen Ministerin Edelgard Bulmahn den Preis in Höhe von 2.500,- € erhielt und vor der Presse auch eine kurze Rede halten sollte. Das Wirtschaftsmagazin „Impulse“ schrieb daraufhin einen Artikel mit der Überschrift „Chefs für schwierige Fälle“. Darin stand: „Simon Poppe wählt nicht unter den Besten aus. Der Malermeister nimmt die, die sonst nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen werde: Einen Azubi holte er aus dem Knast, einen anderen aus der Psychiatrie. Nicht ausnahmsweise, sondern prinzipiell […] Absolut vorbildlich, urteilte die Jury des Ausbildungs-Asses, des alljährlich […] ausgeschriebenen Wettbewerbs und zeichnet Poppe für sein Engagement, das weit über das gesetzlich geforderte Maß hinausgeht, mit dem goldenen Ass in der Kategorie Handwerk aus.“

 

Januar bis Juni 2005

Der Firmenkauf

Nachdem der Malermeister Arno Jastrembski (37) zum 31.04.2004 seinen Malereibetrieb abgemeldet und zum 01.01.2005 bei mir angefangen hatte, teilte er mir mit, dass jetzt ein Insolvenzverwalter über sein Firmeneigentum bestellt sei, der einen Käufer suche für die verbliebene Insolvenzmasse. Arno fragte mich, ob ich nicht Interesse hätte, zumal ich seinen Mitsubishi-Transporter und seine gesamten Materialien samt Gerätschaften (inkl. Airless-Gerät) zu einem Schnäppchenpreis von gerade einmal nur 1.500, - € erhalten würde. Da konnte ich natürlich nicht Nein sagen und freute mich, dass sich meine Firma nun nicht nur um zwei wertvolle Mitarbeiter, sondern auch um einen nicht geringen Lagerbestand erweitert hatte. Und nicht nur dies: Arno und André sollten meinen Betrieb auch noch um eine ganze Menge an Knowhow bereichern, so dass nun ein ganz frischer Wind in der Firma wehte. Vieles machten sie ganz anders als wir, aber tendenziell war es eher fortschrittlicher und professioneller, so dass ich mich gerne ihren Vorschlägen und Wünschen fügte. Als wir jedoch Arnos Werksstatt im Steffensweg 37f leerräumen wollten und die Sachen in meine Werkstatt in die Augsburgerstr.23 zu bringen, wurde mir klar, dass für all dies gar kein Platz war. Deshalb entschied ich mich kurzerhand, vorübergehend die Miete für zwei Werkstätten zu bezahlen, bis ich irgendwann demnächst eine größere Werkstatt fände, wo ich alle Dinge unterbringen könnte.

Doch dann trat Arno an mich heran und bot mir auch seine Stammkunden zum Kauf an. Obwohl mir klar war, dass es sich hier nur um einen abstrakten „Wert“ handeln könne, der schwer zu ermitteln sei und für Arno inzwischen sogar völlig wertlos war, war ich gerne bereit, auch für die Übernahme seiner Stammkundschaft noch einmal 1.000, -€ zu bezahlen. Dieser Kauf erwies sich sogar noch als weitaus gewinnträchtiger als das andere, ebenso günstige materielle Paket, wie sich schon bald herausstellen sollte. Denn unter diesen Stammkunden befand sich z.B. eine große Bremer Immobiliengesellschaft, die mir in den drei folgenden Jahren viele Aufträge gab und auch ein Möbelhaus, dass uns regelmäßig mit Aufträgen versorgte. Arno hatte seine früheren Kunden alle angeschrieben und ihnen mitgeteilt, dass von nun an ich ihr Ansprechpartner sei, wenn sie mal wieder etwas gemalt oder gestrichen haben wollen. Tatsächlich reagierten dann auch viele prompt und erbaten Angebote von mir, so dass mein Betrieb sowohl im Umsatz als auch im Gewinn deutlich anstieg.

Nun war es auch an der Zeit, dass ich mir auch mal mehrere Firmenfahrzeuge leisten sollte. Ich kaufte auf einen Schlag drei gebrauchte Combis zu einem durchschnittlichen Preis von 2.000, - € und ließ sie kurz darauf beschriften mit einem von mir entworfenen Logo. Zudem ließ ich auch endlich richtiges Briefpapier drucken mit unserem Logo und dazu Visitenkarten und Stempel. Dann kaufte ich auch T-Shirts für alle meine Mitarbeiter und ließ sie mit unserem Firmenlogo bedrucken. Mein Bruder Patrick bot mir zudem an, eine Internetseite für mich herzustellen, denn er hatte sich während seiner Arbeit als Möbelverkäufer inzwischen über das Internet das Wissen angeeignet, wie man eine Internetseite herstellt. Patrick brachte mir in den Wochen danach auch vieles andere bei, z.B. wie man CDs und DVDs brennt. Von dieser Möglichkeit war ich absolut fasziniert, denn nun brauchte ich einfach nur noch Filme ausleihen und konnte mit einem Trick ihren Kopierschutzumgehen, so dass ich ohne nennenswerte Kosten mir so viele DVDs wie ich wollte brennen konnte. Hier eröffnete sich für mich eine Welt, der ich mich von nun an fast 10 Jahre lang widmete und ihr völlig verfiel, indem ich in einer unersättlichen Sammelleidenschaft jede freie Minute in meiner Freizeit am Brennen und beschriften war. Dass dies eigentlich illegal war, ignorierte ich einfach.

Neid

Anfang Februar rief mich Gabriele Schierenbeck von der Handwerkskammer Bremen an. Sie hatte durch die Redaktion der Deutschen Handwerkszeitung erfahren, dass ich im Dezember zum besten Ausbildungsbetrieb Deutschlands ernannt wurde und hatte nun die Aufgabe bekommen, einen Artikel für die Handwerkszeitung über meine Firma zu schreiben. Wir verabredeten uns zunächst auf einer Baustelle, wo gerade mehrere meiner Mitarbeiter kurz vor der Frühstückspause die Türen in einem Altenheim lackierten. Sie machte ein Foto von meinem Lehrling Peter Schönholz, wie er gerade am Lackieren war, und bat mich dann, ob wir auch mal zu meiner Werkstatt fahren könnten. Dort machte sie noch ein Foto von meinem Umschüler Christian Gärtner, bevor wir dann zu mir nach Hause fuhren. Wir unterhielten uns über meine Firma in freundlicher Atmosphäre und sie machte sich Notizen. Als ich ihr sagte, dass ich durch die Kunstmalerei auf die Idee gekommen sei, Maler zu werden, bat sie mich darum, mal ein Foto zu machen, wie ich gerade an meiner Staffelei ein bereits begonnenes Gemälde male. Dann verabschiedeten wir uns, und kurz darauf erschien ein fast ganzseitiger Artikel über meine Firma mit der Überschrift „Väterlicher Freund und Kapitän“.

Was danach für ein Ansturm von Protest losbrach, erfuhr ich erst viel später von Frau Schierenbeck. Bis dahin wusste ja niemand von den Bremer Handwerksmeisters, dass ich diesen Preis gewonnen hatte, aber auf einmal wussten es alle. Kurz darauf rief der Obermeister der Malerinnung, Arne Plaggenmeier, bei Frau Schierenbeck an und sagte: „Was machst Du bloß für Sachen, Gabi! Du kannst doch nicht einfach einen solchen Artikel über einen Bremer Malermeister schreiben, ohne Dich zuvor mit uns abzustimmen!“ – „Warum hätte ich das tun müssen?“ fragte sie. Er klärte sie auf: „Weißt Du eigentlich, dass dieser Simon Poppe ein Preisdumper und Pfuscher ist, der aus Kostengründen immer nur Lehrlinge und Praktikanten beschäftigt, so dass er uns hier in Bremen die Preise kaputt macht?! Und dass solch einer jetzt auch noch dafür mit einem Preis geehrt wird, ist wirklich der Gipfel der Unverschämtheit! Solchen unkollegialen Kollegen müsste man wirklich mal das Handwerk legen!“ – „Also ich hatte nicht den Eindruck, dass Herr Poppe ein Pfuscher ist. Er kümmert sich wirklich ganz väterlich um seine Lehrlinge, sogar um die der schlimmsten Sorte, ohne dabei rumzuschreien oder seine Autorität hervorzuheben. Rein äußerlich kann man als Außenstehender gar nicht erkennen, wer eigentlich auf seinen Baustellen der Chef ist, denn er hat auch ältere Mitarbeiter.“ – „Trotzdem, Gabi,“ erwiderte Plaggenmeier, „so kann das nicht weiter gehen! Ihr solltet mal dem Poppe auf den Zahn fühlen und prüfen, ob da wirklich alles Gold ist, was glänzt, denn Leute wie Poppe gefährden unser Gewerbe!

Kurz darauf erhielt ich einen Anruf von Herrn Bröker, den Lehrlingsbeauftragten der Handwerkskammer. Er erklärte mir, dass er im Zuge seines Amtes gerne mal einen Routinebesuch in meiner Firma machen würde, bei welchem er gerne mal mit den Lehrlingen persönlich sprechen würde. Ich lud ihn ein, zu mir nach Hause zu kommen, wo ich dann auch drei meiner Lehrlinge ihm vorstellen würde, und zwar Fadi, Peter und Christian (Ronald war gerade krankgeschrieben). Herr Bröker machte gleich zu Beginn des Gesprächs deutlich, dass er nur mit den Lehrlingen sprechen wollte, nicht aber mit mir; doch konnte er wohl nicht verlangen, dass ich als Hausherr mein Wohnzimmer verlassen möge, weshalb ich die ganze Zeit während der Befragung dabeiblieb. Meine Lehrlinge antworteten souverän und waren alle voll des Lobes über meinen Führungsstil. Wenn ich jedoch mal einen kurzen Zwischenkommentar einwarf, rügte er mich sofort wie einen Schuljungen, dass er die Antwort doch lieber direkt vom Lehrling selbst hören wolle. Am Ende der einstündigen Befragung stand Herr Bröker auf und sagte: „Herr Poppe, nachdem ich mir nun selbst ein Bild von ihren Auszubildenden machen konnte, will ich Ihnen ganz ehrlich mal bekennen, dass es sich nicht um einen Routinebesuch gehandelt hatte, sondern um eine gezielte Überprüfung, von der ich seitens der Malerinnung aufgefordert wurde. Denn es geht das Gerücht rum, dass sie ihre Lehrlinge gar nicht wirklich ausbilden, sondern einfach nur als billige Arbeitskräfte missbrauchen. Ich habe jedoch jetzt im Gespräch mit ihnen den Eindruck gewonnen, dass dies nicht der Fall ist. Ich werde dies in einem Brief an die Malerinnung anerkennend würdigen.“

Der Fall Rüdenauer

Da die Arbeitsmarktreformen der Schröder-Regierung auch in der zweiten Legislaturperiode noch nicht die gewünschte Wirkung zeigten, stellte Schröder die Vertrauensfrage, so dass es zu Neuwahlen und einer Abwählung der rot-grünen Regierungskoalition kam. Während die Firmen in Deutschland über eine schleppende Konjunktur jammerten und die Arbeitslosenzahl inzwischen schon über 5 Millionen angestiegen war, konnte ich mich über mangelnde Aufträge wirklich nicht beklagen. Vielleicht aber war es gerade dieses Verwöhnt-sein, dass mich eitel und übermütig machte und mir den Sinn für ein gesundes Augenmaß allmählich abhandenkommen ließ. In Stresssituationen, wenn Kunden sich nicht mehr fair verhielten, achtete ich häufig nur noch auf meine verletzte Eitelkeit anstatt auf eine nüchterne Verhältnismäßigkeit. Dies wurde nicht nur in einem Streit mit einem älteren Ehepaar deutlich namens Mahlzahn, die sich wegen einer mangelnden Glätte der bereits tapezierten Wand beschwerten und um derer willen ich sogar die Richterin unnötigerweise zwang, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen, wobei ich am Ende selbst eingestehen musste, dass ich im Unrecht war. Besonders krass wurde meine übertriebene Unnachgiebigkeit auch im Falle eines Klempnermeisters namens Rüdenauer deutlich, für den wir im März 2005 gearbeitet hatten. Wir hatten zuvor schon öfter für diesen korpulenten Firmenchef gearbeitet, da er mehrere Immobilien besaß. Er hatte sich diesmal im Industriegebiet Bayernstr. ein dreistöckiges Firmengebäude zum Schnäppchenpreis erworben und wollte sich nun im EG sein neues Firmenbüro von uns herrichten lassen, inkl. Verlegung von Auslegeware und PVC-Belägen. Obwohl Herr Rüdenauer einen sehr cholerischen und fast schon proletenhaften Charakter besaß, hatten wir ein freundliches Verhältnis zueinander und duzten uns sogar.

Als ich ihm am Ende die Rechnung in Höhe von 4.537,66 € sandte, überwies er mir nur 4.000, - € mit dem Hinweis, dass sich in einem der Räume das Knickprofil, das wir anstatt einer Fußleiste verwendet hatten, von der Wand gelöst habe. Daraufhin fuhr ich wieder hin und klebte es nochmal mit Pattex nach. Doch Herr Rüdenauer wollte auch nach zwei Monaten immer noch nicht den Restbetrag überweisen, da sich nun auch in einem anderen Raum die Knickleiste an einer Stelle abgelöst hatte. Zudem habe er mitten im Teppich eine größere Schlaufe bzw. einen Knoten gefunden, von dem er fürchtete, dass dieser sich lösen könne. Ich fuhr also wieder hin, klebte auch die kleine Ecke nochmal nach und einigte mich mit Herrn Rüdenauer durch ein schriftliches Versprechen, dass ich im Falle, dass sich der Knoten irgendwann lösen könnte, ihm eine neue Auslegeware verlegen würde. Damit war der Fall für mich erledigt; doch Herr Rüdenauer rief mich schon wieder an und beanstandete, dass eine Fußleiste etwas abstehen würde, weil dort ein Nagel fehle. Ich fuhr also wieder hin, diesmal mit einer „Fertigstellungserklärung“, die er mir unterschreiben solle, doch Herr Rüdenauer war trotz Verabredung selbst nicht da. Beim Annageln der Fußleiste brach mir auch noch eine winzige Ecke der PVC-Oberkante ab. Ich bat. Ich bat Frau Rüdenauer, ob sie anstelle ihres Ehemannes die Abnahme unterschreiben wolle, aber sie behauptete, keine Vollmacht dafür zu haben. Frustriert fuhr ich nach Hause, und wie zu erwarten überwies Herr Rüdenauer auch weiterhin nicht die letzten 537,66 €.

Spätestens an dieser Stelle hätte ich eigentlich aufgeben sollen. Aber mich wurmte, dass er mich trotz meines guten Willens zum Narren hielt, weshalb ich ihn im August eine Mahnung und später einen gerichtlichen Mahnbescheid sandte. Doch nun listete Herr Rüdenauer eine ganze Menge neuer Reklamationen auf, die er noch gefunden hatte und erklärte den Einbehalt deshalb für gerechtfertigt. Unweigerlich wurde aus dieser Lappalie nun trotz des geringen Streitwerts ein Fall fürs Gericht. Zu allem Unglück war die zuständige Richterin auch noch neu und unerfahren, so dass sie zur Klärung des Sachverhalts den Gutachter Harmsen bestellte. Da ich diesen ja noch aus dem Streitfall Haferkamp kannte, war ich mir sicher, dass dieser mir wohlgesonnen sei und die Behauptungen von Herrn Rüdenauer für nichtig erklären würde. Doch Harmsen war gezwungen, auch jede noch so lächerliche Mängelrüge zu würdigen, ja sogar mit einem Schichtdickenmessgerät zu verifizieren, dass wir einen Lagerraum tatsächlich zweimal streichen mussten, anstatt – wie vom Kunden fälschlich behauptet – nur einmal gestrichen hätten. Allein das Gutachten, dass mir immerhin zur Hälfte Recht zusprach, kostete beinahe genauso viel wie der Streitwert an sich! Wenn man dann noch die ganzen Rechtsanwalts- und Gerichtskosten hinzunimmt, lohnte sich der ganze Aufwand erst recht nicht mehr.

Doch in der Verhandlung wurde der Streit noch mehr aufgebauscht: Herr Rüdenauer hatte z.B. behauptet, dass in der ersten Position meiner Rechnung die pauschal 100,- € für „Abdecken und Abkleben angrenzender Bauteile, Abdecken der Fußböden sowie Entsorgung der Baustellenabfälle“ nicht gerechtfertigt seien, da an den Fenstern nicht abgeklebt, sondern nur mit dem Pinsel entlanggestrichen wurde (im Malerdeutsch „beschnitten“). Außerdem seien die Fußböden nicht mit Pappe abgeklebt worden, sondern nur mit losen Abdeckvliesen geschützt worden. Um dies zu bestätigen, hatte Herr Rüdenauer eigens seinen Sohn als Zeugen geladen (dessen Auslagen als Zeuge wahrscheinlich auch schon den Wert der 100,- € entsprachen!). Die junge Richterin wandte sich also zu mir und sagte, dass doch damit geklärt sei, dass die 100,- € gar nicht gerechtfertigt seien. Da platzte mir der Kragen und ich erwiderte: „Zum einen stellt das Abkleben von Rändern keinen Wert an sich dar für den Kunden, sondern es handelt sich hier um einen Aufwand, der allein den Maler unterstützen soll bei seiner Hauptaufgabe, nämlich dem Streichen der Wände. Wenn der Maler sich jedoch entscheidet, auf das Abkleben zu verzichten und stattdessen alles mit dem Pinsel beschneidet, hat er dadurch nicht weniger Aufwand, sondern tendenziell eher sogar einen höheren. Zum anderen sind Sie bisher nur auf das Abdecken eingegangen, aber im zweiten Teil dieser Position geht es um die Entsorgung der gesamten Baustellenabfälle wie z.B. Teppichreste oder leere Eimer usw. Theoretisch müsste man mir doch wenigstens diesen Anteil vom Pauschalpreis zuerkennen, der sich jedoch nicht so genau ermitteln lässt. Ich verstehe ohnehin nicht, warum Sie sich vom Beklagten überhaupt auf solch ein Zerpflücken der einzelnen Positionen einlassen und nicht erkennen wollen, dass all seine vielen Mängelrügen nur fadenscheinig sind, um den restlichen Werklohn nicht zahlen zu müssen. Dass wir hier überhaupt so lange über solche kleinen Eurobeträge verhandeln ist einfach lächerlich! In der gleichen Zeit hätte man durch reguläres Arbeiten schon längst das Doppelte verdient!

Die Richterin ließ sich diese Kritik an ihrem dilettantischen Vorgehen jedoch nicht gefallen: „Herr Poppe, darf ich Sie daran erinnern, dass SIE selbst es doch waren, der diesen ganzen Prozess überhaupt angestoßen hat. Wenn Sie es also als Zeitverschwendung betrachten, dass wir uns hier so ausführlich mit den einzelnen Vorträgen befassen, dann frage ich mich, warum Sie nicht von vornherein auf diesen Rechtsstreit verzichtet haben.“ Darauf entgegnete ich: „Man hätte dieses Verfahren allerdings auch gerade im Hinblick auf seinen geringen Streitwert abkürzen können im Interesse beider Parteien und nicht erst noch durch ein Gutachten unsinnigerweise künstlich aufblähen brauchen, zumal die Kosten für das Gutachten fast genauso hoch sind wie der Streitwert. Aber das war nicht MEIN Wunsch, sondern IHRE Entscheidung!“ Nun wurde die Richterin richtig wütend: „Können Sie mir mal erklären, Herr Poppe, wie ich in dieser verfahrenen Situation anders zu einer Entscheidung hätte kommen können, in welcher es ausschließlich um fachliche Ermessensfragen geht? Sie haben doch alle Mängelrügen des Beklagten kategorisch geleugnet, anstatt Zugeständnisse zu machen, um zu einem einvernehmlichen Vergleich zu kommen. Dadurch haben Sie mich gezwungen, fachlichen Rat einzuholen!“ Auf diese gut begründete Rechtfertigung vermochte ich nichts zu entgegnen.

Es kam dann wie erwartet zu einem Vergleich, bei dem mir nur noch ein geringer Anteil meiner Forderung zuerkannt wurde, ich aber fast alle Kosten des Verfahrens zu tragen hatte. Als wir aus dem Gerichtssaal hinausgingen, folgte Herr Rüdenauer mir und meinem Anwalt, indem er mich lauthals und triumphierend auf dem Flur verhöhnte und mir ankündigte, dass er nun alle Hebel in Gang setzen wolle, um mich bei seinen Kunden und Handwerkerkollegen schlecht zu machen. Ich drehte mich zu ihm um und warnte ihn, dass er sich dann aber vor einer Anzeige wegen Rufschädigung hüten müsse. Darauf polterte er noch lauter in seiner primitiven und proletenhaften Art, dass er mich „fertig machen“ würde, etc. Ich beschleunigte indes schweigend und herzklopfend diesen Spießrutenlauf und wollte nur noch so schnell wie möglich weg.

Inzwischen war der Sommer gekommen, und zuhause durften wir plötzlich eine freudige Überraschung erleben. Und zwar hatten wir ein Jahr zuvor zwei Chihuahua-Welpen gekauft, ein Weibchen (Daisy) aus Bargteheide bei Hamburg und einen Rüden (Charly) aus Bremen. Nachdem Daisy allmählich nach über einem Jahr ins gebärfähige Alter gekommen war, hatten wir im Frühjahr 2005 mit unseren Freunden eine Art „Hundehochzeit“ gefeiert, bei welcher Daisy ein von Ruth genähtes Hochzeitskleid bekam und ich für Charly eine Art schwarzen Wrack mit Zylinder gebastelt hatte, um schöne Hochzeitsfotos mit den beiden zu machen. Danach durften sie dann erst – während Daisys Läufigkeit – ihre „Flitterwochen“ gemeinsam bei uns verbringen, und nach etwa zwei Monaten war Daisy trächtig und warf insgesamt 5 Welpen, drei Männchen und zwei Weibchen, von der wir eine (Susi) unserer Freundin Raquel schenkten (für ihre Tochter Jasmin) und das andere Weibchen (Chini) selbst behielten. Die männlichen Welpen verkauften wir an Interessenten, so dass wir für den Erlös (400,-/Stk) schon bald die Kosten für die beiden Chihuahua-Eltern wieder erstattet bekamen.

Knapp ein halbes Jahr, nachdem mein Meisterkollege Arno Jastrembski bei mir angefangen hatte, erkrankte Arno am 06.06.05 an der Leber (Gelbsucht). Da er schwer übergewichtig war und der Arzt ihm eine Diät verordnet hatte, machte ich mit Arno am Telefon eine Wette, wer es wohl von uns beiden schaffen würde, als erster 5 Kilo abzunehmen. Doch schon eine Woche später rief mich der Vater von Arno an und sagte, dass man seinen Sohn bewusstlos in der Wohnung gefunden habe und er nun im Hubschrauber in die MH nach Hannover geflogen wurde, da er unverzüglich eine neue Leber brauche. Mit tränenerstickter Stimme sagte sein Vater: „Arno schwebt in Lebensgefahr! Er wäre beinahe gestorben, wenn man ihn nicht gerade noch rechtzeitig gefunden hätte!“ Ich tröstete ihn und versicherte ihm, dass schon alles gut werden würde. Tatsächlich überstand Arno die OP, durfte jedoch nicht mehr im Malerberuf arbeiten, weshalb er eine Umschulung zum Farbenverkäufer machte. Als Ersatz für Arno stellte ich nun Andrey Tschernyaschuk als Vollzeitkraft ein, denn bisher hatte er nur auf 400,-Euro-Basis bei mir gearbeitet. Da er die gleiche Leistung brachte wie die anderen Gesellen, zahlte ich ihm als Ungelernten auch denselben Std-Lohn von damals 13,27 €.

Juli bis Dezember 2005

Unbändige Lehrlinge

An einem Freitagvormittag sagte Patrick Mücher während der Arbeit zu mir: „Simon, weißt Du, dass beim Mitsubishi-Transporter das rechte Blinklicht nicht geht?“ – „Ja, das habe ich auch schon bemerkt“, sagte ich, „da muss ich mich nächste Woche mal drum kümmern“. – „Wenn Du willst, kann ich das erledigen“ bot sich Patrick an. Ich aber lehnte ab: „Du hast doch noch immer keinen neuen Führerschein!“ – „Na und? Du hast mich doch schon öfter mal fahren lassen, obwohl Du weißt, dass sie mir den Lappen abgenommen haben!“ – „Ja, aber nur in Notfällen. Das hier aber ist kein Notfall. Außerdem bist Du nur ein Schnacker, denn letztens hast Du schon mal Deine Hilfe angeboten, als es um den Dachgepäckträger ging, aber bis heute hast Du nichts gemacht. Nimm Dir aber mal ein Beispiel an Peter: Er hat mir letztens eine Rechnung vorgelegt, dass er am Opel Astra das Bremslicht auswechseln ließ. Er redet also nicht nur, sondern er macht einfach! Das nenne ich vorbildlich.“ – Hätte ich das bloß nicht gesagt, denn offensichtlich nahm Patrick diesen Vorwurf nun seinerseits als Aufforderung zum Handeln auf, obwohl ich ihm doch klar zu verstehen gab, dass er den Wagen nicht fahren sollte.

Am Samstagmorgen um 8.30 Uhr rief mich plötzlich die Polizei an: „Guten Morgen, Herr Poppe, hier ist das Polizeirevier Hude. Sagen Sie mal, Sie haben doch einen Mitsubishi-Transporter. Wissen Sie eigentlich, wo der gerade sich befindet?“ – „Ja. Ich nehme doch mal an in der Augsburgerstr. in Bremen-Findorff, wo meine Werkstatt ist, nicht wahr?“ fragte ich. „Nein, dort steht er nicht, sondern er befindet sich gerade in Bookholzberg am Straßenrand, und zwar ausgebrannt…“ – „AUSGEBRANNT?!! Wie kommt das denn??!“ rief ich aufgeregt. Doch in diesem Moment konnte ich mir die Frage schon selbst beantworten, denn mir fiel ein, dass Patrick ja seit kurzem in Bookholzberg wohnt. Ich erklärte also dem Beamten, dass sich mein Lehrling wohl unerlaubterweise meinen Firmenwagen ausgeliehen habe, weil er etwas reparieren lassen wollte. Der Polizist fragte mich, ob ich ihn anzeigen wolle, aber ich verzichtete darauf. Später erfuhr ich dann die Details, was an diesem Freitagabend passiert war: Patrick hatte sich nach der Arbeit tatsächlich meinen Transporter genommen und ist damit nach Haus gefahren. Nachdem er das Licht ausgewechselt hatte, ist er dann abends mit seiner Freundin zur Disco gefahren und hat den Transporter dann in der Nacht am Straßenrand abgestellt. Er hatte aber wohl nicht bemerkt, dass es zufällig einen Schwelbrand im Kabelbaum gegeben hatte, der u.a. die Elektronik der Kupplung zerstört hatte. Da der Wagen auf einer Straße mit Gefälle geparkt war, löste sich auf einmal der Bremsmechanismus, und der Transporter rollte ungebremst die Straße herunter, bis er auf einen anderen parkenden Pkw krachte. Durch den Schwelbrand war nun im Inneren des Wagens giftiges Kohlenmonoxid entstanden. Als man später dann den Wagen mit Gewalt öffnete, kam es deshalb zu einer Rauchgasexplosion, wodurch beim Transporter ein Totalschaden entstand. Ein Gutachter stellte dann die Ursache fest und entlastete Patrick insofern von einem schuldhaften Verhalten. Die Fremdschäden wurden dann von meiner Kfz-Versicherung beglichen, aber da ich keine Kaskoversicherung hatte, wurde mir der Totalschaden am Transporter nicht erstattet.

Ich sprach also mit Patrick und sagte: „Normalerweise würde jeder Chef Dich spätestens jetzt sofort kündigen und Dich nie wieder einstellen nach all dem Ärger, den Du mir schon bereitet hast. Aber wenn ich Dich jetzt kündigen würde, dann würde ich nie wieder den finanziellen Schaden ersetzt bekommen, den Du mir durch Dein eigenmächtiges Verhalten verursacht hast. Ich verlange von Dir eine Entschädigung von mindestens 1.000, - € für den Mitsubishi. Da Du aber kein Geld hast, werde ich Dich weiterbeschäftigen und Dir jeden Monat 100,- € von Deiner Ausbildungsvergütung abziehen. Du kannst Dir also aussuchen, was Dir lieber ist: Entweder Du akzeptierst meinen Vorschlag und bekommst dadurch die Chance, Deine Ausbildung noch zu beenden oder aber ich kündige Dir jetzt fristlos. Entscheide, was Dir lieber ist!“ Patrick war mit meinem Vorschlag einverstanden. Zehn Monate später jedoch, als er seine Schuld bereits bezahlt hatte, widerrief er jedoch sein Einverständnis und verklagte mich auf Rückerstattung bei der Handwerkskammer (doch dazu später mehr).

Patrick war jedoch nicht der einzige Lehrling, der mir Kummer bereiten sollte. Auch Christian und Ronald waren immer wieder für Überraschungen gut. Obwohl Christians praktische Leistungen eigentlich mehr als bescheiden waren, wollte ich ihn nicht kündigen, weil ich in ihm immer einen angenehmen Gesprächspartner hatte und er mir auch ein wenig leidtat, zumal er ja überhaupt erst auf mein eindringliches Zureden bereit war, einer Ausbildung zuzustimmen. Jedoch wurden seine lauten Wutausbrüche über sich selbst (wenn ihm mal wieder etwas misslang), allmählich wirklich zum Problem, zumal er sich nicht scheute, auch in Gegenwart der Kunden laut zu fluchen. In der Zwischenprüfung erreichte Christian dann erwartungsgemäß in der Fachtheorie eine 2 und in der Fachpraxis eine 5. Ich machte Christian deshalb den Vorschlag, ob er nicht lieber bei mir eine Ausbildung zum Bürokaufmann machen will. Aber Christian wollte nicht, sondern entgegnete zu meiner Überraschung: „Inzwischen gefällt mir der Malerberuf eigentlich doch ganz gut und es macht mir viel Spaß, etwas Praktisches zu machen.“ – „Deine Noten sprechen aber eine ganz andere Sprache“ erwiderte ich. „Offensichtlich liegen Deine Stärken doch eher in der Theorie…“ – „Warte nur ab, Simon,“ sagte Christian, „ich merke, dass ich allmählich immer besser werde!“ Dieser Optimismus passte eigentlich gar nicht zu Christian, denn er war ja eigentlich eher immer zynisch und misanthropisch eingestellt; aber ich dachte: „Lass ihn man, vielleicht hat er ja recht.“ Doch ein paar Tage später war Christian mal wieder so sehr ausgerastet, dass er die Baustelle vorzeitig verließ. Ich rief ihn später an und machte noch einmal den Vorschlag, ob er nicht doch lieber Bürokaufmann werden wolle. Christian war aber in einer so schwermütigen Stimmung, dass er weder Trost noch Mitleid von mir hören wollte: „Simon, Du brauchst nicht versuchen, die Sache zu beschönigen. Ich weiß, dass ich Euch eher eine Last bin, und mir ist schon klar, dass ich auf absehbare Zeit nicht das Niveau der anderen erreichen werde. Deshalb bitte ich Dich, mich zu kündigen. Du brauchst auch kein schlechtes Gewissen haben. Tu mir den Gefallen und kündige mich!“ Da mein Drängen bei ihm nichts bewirkte, tat ich schließlich, was er wollte und kündigte ihn. Was ich jedoch nicht ahnte, war, dass er mir später diese Entscheidung so sehr verübelte, dass er mit mir nichts mehr zu tun haben wollte. Durch Marco erfuhr ich, dass Christian offenbar gehofft hatte, dass ich ihn zum Bleiben drängen würde und nicht damit gerechnet hatte, dass ich tatsächlich seiner Bitte nach einer Kündigung entsprochen hatte. Sogar Jahre später, als ich ihn durch Zufall mal traf, wollte er nicht mit mir reden und mir noch nicht einmal die Hand geben. Aus tiefer Freundschaft war erbitterte Feindschaft geworden.

Auch mein freundschaftliches Verhältnis zu Ronald täuschte mich lange darüber hinweg, dass er hochgradig manisch-depressiv war. Anfangs war Ronald mir gegenüber noch sehr ängstlich, weil Marco und Brigitta ihn immer wieder vor mir gewarnt hatten, dass er sich nicht von mir in seinem Glauben verwirren lassen solle. Doch als mein Zwillingsbruder Marco sich eines Tages in eine 30-jährige Glaubensschwester namens Maria verliebte, mit der er viel unternahm, geschah es, dass auch Ronald sich heimlich in sie verliebte und ihr schöne Augen machte. Maria muss wohl hin- und hergerissen sein in ihren Gefühlen, denn auf der einen Seite mochte sie Marco wegen seiner klaren biblischen Ausrichtung, andererseits schmeichelte ihr, dass Ronald als deutlich jüngerer und attraktiver Bruder Gefallen an ihr fand. Eines Tages bekannte mir Ronald, dass er heimlich mit Maria in Unzucht leben würde und ihn dies in seinem Gewissen sehr belaste, da er wusste, dass auch Marco in sie verliebt sei. Obwohl ich mir nichts anmerken ließ, war ich doch ziemlich geschockt über dieses Geständnis, denn ich hatte Ronald bis dahin für einen sehr entschiedenen Christen gehalten. Erst viel später erfuhr ich durch die anderen Lehrlinge, dass Ronald monatelang heimlich kiffte, ohne dass ich es merkte.

Eines Tages im Herbst 2005 kam Ronald nicht mehr zur Arbeit. Ich machte mir Sorgen, denn er hatte sich auch nicht krankgemeldet. Durch Marco erfuhr ich, dass Ronald zusammen mit seinem 2 Jahre jüngeren Bruder Daniel (20) in einer Hochhaus-Wohnung in Bremen-Blockdiek wohnt. Ich rief Daniel an und erkundigte mich nach seinem Bruder: „Ja, der Ronald hat sich vor zwei Wochen in seinem Zimmer eingeschlossen und redet kein Wort mehr mit mir. Er schaut den ganzen Tag Fernsehen und kommt nur noch heraus, wenn er mal auf Toilette muss oder sich etwas aus dem Kühlschrank holen will. Obwohl mir klar ist, dass seine Depressionen irgendwann wieder aufhören, belastet mich die Stille in der Wohnung auch; aber was soll ich machen? Er will ja nicht mit mir reden!“ Ich gab Daniel die Nummer vom sozial-psychiatrischen Notdienst, aber man teilte ihm dort mit, dass man ihn erst dann wieder in die Psychiatrie bringen würde, wenn er sich in akuter Lebensgefahr befände oder andere gefährde. Da er nicht zur Arbeit kam, zahlte ich ihm auch keinen Lohn mehr, in der Hoffnung, dass ihm das wieder zur Besinnung bringen würde. Denn wenn irgendwann der Kühlschrank leer sei, müsse er doch wieder nüchtern werden, dachte ich.

Doch dann kam alles ganz anders: Was ich nicht ahnte, war, dass auch Ronalds Bruder psychisch labil war. So geschah es an einem Nachmittag, dass Daniel aufstand, an die Tür von Ronalds Zimmer klopfte und sagte: „Ronald, es tut mir leid, aber ich halte das nicht länger aus. Ich will so nicht mehr leben. Deshalb werde ich jetzt gehen, und zwar für immer.“ Er ging zur Balkontür und machte sie auf; dann drehte er sich noch einmal um und rief: „Sag Mama, dass ich sie lieb hab!“ Dann stellte sich Daniel auf die Balkonbrüstung, schaute die 40 m in die Tiefe, schloss die Augen und wollte gerade springen. Doch in diesem Moment griff ihn Ronald um die Beine und riss ihn wieder zurück von der Brüstung auf den Balkonfußboden. Denn Ronald hatte einige Sekunden zuvor in rasender Eile die Tür aufgeschlossen und war zum Balkon gelaufen, um seinen Bruder zu retten. Daniel sagte später nur lapidar: „Er kannte mich und wusste, dass ich es tun würde“. Kurze Zeit später kam auch Daniel Pilka zum Glauben an den HErrn Jesus und ging kurz darauf zur Bibelschule. Als ich ihn ein Jahr später bei einem Besuch bei Ronald kennenlernte, war er ein richtiger Bibeleiferer, so dass ich dachte: „Na sowas, der ist ja genauso wie ich war in seinem Alter!“ Heute ist Daniel übrigens einer meiner besten Freunde. Sein Bruder Ronald hatte damals die Lehre abgebrochen und hatte sein Abitur nachgeholt. Doch dann war er später noch mal rückfällig geworden und landete wieder in der Psychiatrie. Als ich ihn besuchte, bat er mich, ihm eine Frau aus Südamerika zu besorgen. Das wurde aber nicht mehr nötig, denn er verliebte sich schon bald darauf in seine gleichaltrige Krankenschwester und heiratete sie. Heute arbeitet Ronald als Industriekaufmann, hat hübsche Kinder, ein großes Haus und geht mit seiner Familie in eine russlanddeutsche Gemeinde. Seine manisch-depressive Erkrankung scheint überwunden zu sein, Dank sei Gott!

Paul Rauner hatte ich inzwischen wieder gekündigt, nachdem er mich schon zu oft enttäuscht hatte durch sein häufiges Nicht-Erscheinen auf der Arbeit ohne sich krank zu melden, durch das er mich bei Kunden in die unangenehmsten Situationen brachte. Auch meinen Freund Jörg Osterkamp musste ich schon zum zweiten Mal kündigen, da ich mir zu viel Kritik von meinen Kunden wegen ihm einhandelte. So verblieben mir schließlich nur noch André Bindemann (40) und Ralf Lopp (52) als Gesellen, so dass ich dringend einen weiteren Gesellen brauchte.

Urkundenfälschung und Bürgschaft für einen fremden Rumänen

Im Spätsommer 2005 erhielt ich eine Email aus Heilbronn von einem mir unbekannten Rumänen namens Horatiu Hudea (29), der mich fragte, ob ich Arbeit für ihn hätte. Er sei gelernter Maler, hätte aber bisher kaum Arbeit gefunden in Deutschland, obwohl er schon gut deutsch könne. Er tat mir irgendwie leid, und ich entschied mich, ihm eine Chance zu geben. So reiste er Anfang September mit dem Zug nach Bremen, und ich holte ihn vom Bahnhof ab. Da er kaum Geld hatte, brachte ich ihn zunächst in ein Obdachlosen-Asyl, wo er kostenlos schlafen konnte. Doch als ich mit ihm eines der Zimmer betrat das voll war mit 4 – 5 Etagenbetten, die noch nicht einmal frisch bezogen waren, wandte sich Horatiu mit gefalteten Händen zu mir und sagte: „Bitte, bitte, Simon, lass mich nicht in diesem Haus schlafen! Bitte bitte! Jeder andere Ort ist mir lieber als hier!“ Ich überlegte und mir fiel dann der Campingplatz am Uni-See ein, zumal Horatiu auch ein Ein-Mann-Zelt mithatte. Ich brachte ihn also dort hin und holte ihn am nächsten Tag ab zur Arbeit. Nach einer kurzen Probezeit entschied ich mich, ihn zu nehmen. Aber er brauchte dringend ein richtiges Dach über den Kopf. Ich redete also mit meiner Frau, ob wir ihn nicht vorübergehend bei uns aufnehmen können für ein oder zwei Monate, bis er eine eigene Wohnung gefunden hatte. Ruth hatte zwar etwas Misstrauen, weil Horatiu kein Christ war, aber schließlich versicherte ich der Ruth, dass man ihm getrost vertrauen konnte, da er ein lieber Kerl sei. Wir gaben ihm also ein Zimmer auf dem ausgebauten Dachboden, wo er sich wie zuhause fühlen könne.

So aß ich morgens mit Horatiu Frühstück und wir fuhren dann zur Baustelle. Abends jedoch wollte er nicht mit uns essen, sondern versicherte, dass er alles Nötige zum Leben immer selber kaufen und auf sein Zimmer mitnehmen würde. Eine Woche später kam Horatiu zu mir in mein Büro und erklärte, dass er eine große Traurigkeit habe wegen seiner Ehefrau Valentina, die noch in Rumänien sei, aber kein Visum bekäme, um zu ihm nach Deutschland zu kommen. „Die Behörden sagen,“ erklärte er mir, „dass ich erst nachweisen müsse, dass ich mindestens drei Monate in Deutschland angestellt sei, damit sie ihr ein Visum erteilen können“. „Und wo ist das Problem?“ fragte ich. „Du brauchst doch jetzt nur drei Monate bei mir arbeiten und bekommst dann das Visum.“ – „Das Problem ist,“ begann er, „dass meine Frau im 5. Monat schwanger ist, und in drei Monaten nicht mehr reisen kann. Ich will aber, dass unser Sohn in Deutschland geboren wird, damit er später weniger Probleme hat mit der Aufenthaltsgenehmigung. Simon, bitte, hilf mir doch! Kannst Du nicht einfach drei fiktive Lohnabrechnungen für mich erstellen, damit ich den Behörden nachweisen kann, als ob ich schon mehr als drei Monate bei Dir arbeiten würde?“ Ich überlegte und dachte wieder an Oskar Schindler, den ich mir ja zum Vorbild nehmen wollte. „So einfach ist das nicht, Horatiu“, erklärte ich ihm, „denn die Löhne werden neuerdings digital übermittelt und direkt über DATEV verarbeitet. Es gibt nur die Möglichkeit, dass ich irgendeine bestehende Lohnabrechnung mit Tipp-Ex so manipuliere, als sei diese von Dir. Das ist gar nicht so einfach, denn man muss die zum Schluss kopieren, so dass niemand auf den ersten Blick erkennen kann, dass es eine Fälschung ist.“ – „Simon, bitte!!!“ flehte Horatiu „Du bist ein guter Mensch und hast ein weiches Herz. Bitte mach das doch für mich, Bitte!“ Ich dachte: Die Welt ist ungerecht, also ist es unsere Verpflichtung, sie wenigstens ein wenig gerechter zu machen, und sei es auch mit illegalen Mitteln!

Doch nachdem Horatiu inzwischen schon einen Monat bei uns im 2. Stock wohnte, musste Ruth eines Nachmittags in sein Zimmer, da dort der große Kleiderschrank war, um Wäsche einzusortieren. Doch in dem Moment, als sie die Tür aufmachte, stach ihr ein fürchterlicher Gestank in die Nase, so dass sie sofort das Veluxfenster aufmachte. Überall schwirrten kleine Fruchtfliegen um diverse Plastiktüten voller Müll. Auf dem Tisch war eine geöffnete Fischkonserve auf der die Fliegen saßen und überall lagen Krümel und Essensreste. Sofort griff sie zum Telefon und rief mich auf der Arbeit an: „SIMON, HÖRST DU: ICH MÖCHTE, DASS DEIN GAST HIER SOFORT WIEDER VERSCHWINDET! Er hat hier seinen ganzen Müll im Zimmer gelagert und hält es offensichtlich noch nicht einmal für nötig, im Zimmer zu lüften! Das ist einfach ekelig!“ – Ich versuchte Ruth zu beruhigen und ihm doch noch eine kurze Karenzzeit einzuräumen, bis er eine eigene Wohnung gefunden hätte. Aber Ruth ließ nicht mit sich reden: „Ich will, dass er heute noch verschwindet!“ Da war nichts zu machen. Ich versuchte, es Horatiu schonend beizubringen: „Du hast leider Dein Gastrecht verwirkt. Meine Frau lässt nicht mit sich reden. Aber Du kannst ja für erste in der neuen Werkstatt übernachten im Steffensweg, denn dort gibt es wenigstens ein Waschbecken.“ – „Mach Dir keine Sorgen, Simon, das ist schon in Ordnung.“ Doch dann kam auch schon das nächste Anliegen von Horatiu: „Simon, meine Frau kommt Mitte Oktober nach Deutschland, und Du musst wissen, dass sie hochschwanger ist. Ich brauche dringend eine Wohnung bis dahin. Kannst Du nicht mal mit einem Deiner Kunden sprechen, der Wohnungen vermietet?“ –

Ich rief bei der Janßen Grundstücksgesellschaft an, einer meiner Stammkunden, und erklärte die Situation. Sie hatten zwar jede Menge leerer Sozialwohnungen zu vermieten, aber das Horatiu erst seit kurzem bei mir arbeite war ihnen zu unsicher. Daraufhin bot ich an, mich für Horatiu zu verbürgen. – „Wenn Sie eine Bürgschaft für ihn unterschreiben würden, dass Sie im Falle eines Mietausfalls die Miete zahlen würden, dann wäre das auf jeden Fall eine Option, denn wir kennen Sie ja. Aber wollen Sie das wirklich machen für diesen Herrn Hudea? Sie kennen ihn doch erst seit kurzem…“ – „Ja, aber er arbeitet ja für mich, so dass ich ihm die Mietkosten jederzeit vom Lohn abziehen kann“ war ich mir sicher. Dass dies jedoch nur dann funktioniert, solange Horatiu auch bei mir arbeitet, war mir in diesem Moment nicht bewusst. Deshalb unterschrieb ich blauäugig die Bürgschaft für ihn. Horatiu bekam also gerade noch rechtzeitig eine 50 m²-Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Bremen-Kattenturm. Doch dann ergab sich das nächste Problem, dass nämlich Horatiu überhaupt keine Möbel hatte. Eine Matratze hatte ich für ihn und auch eine Spüle, die ich ihm in die leere Wohnung brachte. Horatiu war aber so froh über die neue Wohnung, dass er keine weiteren Ansprüche hatte. Doch als seine zierliche Frau dann aus Rumänien kam und ich sie in die neue Wohnung fuhr, brachte ich es nicht übers Herz, sie in dieser kargen Behausung wohnen zu lassen. Ich erinnerte mich an unseren neuen Esstisch mit den sechs Stühlen, die ich gerade erst in die Garage gebracht hatte, da sie nicht mehr in unser Wohnzimmer passten. Also schenkte ich dem Horatiu die Möbel und trug sie mit ihm hinauf in seine Wohnung.

Undank ist der Welt Lohn

Horatius Frau war in Rumänien bei der Krankenkasse angestellt gewesen, weshalb sie den Inhalt der Lohnabrechnungen genauestens inspizierte, um ihn auf Fehler zu überprüfen. Und tatsächlich stand sie mit ihm eines Abends vor unserer Tür und war aufgeregt, weil sie meinte, Fehler entdeckt zu haben. Da geriet auch meine Frau Ruth in Aufregung und warf die beiden kurzerhand vor die Tür: „Simon, was erlauben sich diese Leute, nach all der Hilfe, die Du schon für sie geleistet hast, dass sie jetzt auch noch mehr Geld von Dir fordern!“ Ich lief den beiden hinterher, und unter dem Licht der Straßenlaterne klärten wir nach zähem Hin und Her die Missverständnisse in den Lohnabrechnungen auf. Doch es dauerte nur zwei weitere Wochen, da kam auch schon die nächste Klage. Horatiu rief mich eines Abends an und sagte: „Simon, es tut mir leid, aber die Wohnung ist unerträglich laut in der Nacht, weil die ganzen Ausländer hier fast jede Nacht irgendwo eine Party feiern und man bei dem Lärm einfach nicht schlafen kann!“ – „Horatiu, seid doch froh, dass ihr überhaupt eine eigene Wohnung in Deutschland habt. Was erwartest Du?“ fragte ich. „Simon, bitte, unser Kind wird doch in wenigen Tagen geboren und meine Frau braucht Ruhe. Kannst Du nicht nochmal mit der Hausverwaltung sprechen, ob sie uns nicht eine andere Wohnung geben können, wo es etwas ruhiger ist? Bitte, Simon, wir brauchen Deine Hilfe, denn ich kenn mich doch in Deutschland nicht aus!“ – Ich dachte: Au weia, was habe ich mir da bloß für eine Laus ins Fell geholt!

Ich besichtigte also mit Horatiu und seiner Frau andere Wohnungen, und glücklicherweise konnte die Janßen Grundstücksgesellschaft ihm schon bald eine neue Wohnung anbieten. Doch in der neuen Wohnung war kein Platz für unsere neue Sitzgarnitur mit sechs Stühlen, und da ich keine Lust hatte, sie wieder zu mir nach Hause zu fahren, stellten Horatiu und ich die Möbel einfach an die Straße dieses Ausländer-Ghettos. Doch noch während wir die einzelnen Teile die Treppe runter geschleppt hatten, wurden sie auch schon von den Ausländern mitgenommen.

Nachdem die Eheleute Hudea nun am 01.11. zum zweiten Mal innerhalb von zwei Monaten umgezogen waren, geriet ich kurz darauf mit Horatiu in einen Streit, weil er so wehleidig und empfindlich auf Kritik reagierte wie eine Mimose. Am Ende der Diskussion war Horatiu so beleidigt, dass er bei mir kündigte. Ich fragte ihn, ob dies der Dank sei nach all dem, was ich für ihn getan hatte, und er erklärte mir mit seiner weinerlichen Stimme, dass er schon seit langem überlegt hätte zu kündigen, weil er mit meiner dominanten Art überhaupt nicht klar käme und nachts vor Angst und Sorgen schon nicht mehr schlafen könne. Nun erst wurde mir klar, dass ich mit der Bürgschaft einen riesigen Fehler begangen hatte, denn wenn er jetzt arbeitslos sei, könne er seine Miete nicht mehr bezahlen, so dass ich trotz des Endes der Beschäftigung weiter seine Miete bezahlen müsse. Deshalb beschwor ich Horatiu, dass er sich doch jetzt sofort um eine neue Stelle bemühen müsse, um mir nicht auch noch auf der Tasche zu liegen. Zum Glück fand er auch trotz des Winters eine neue Anstellung bei einer Zeitarbeitsfirma, so dass mich sein Vermieter auf meinen Antrag hin aus der Bürgschaft entließ.

In den späteren Wochen rief mich Horatiu dann regelmäßig in Abständen an, um sich für all die Hilfe zu bedanken und dass sein Sohn inzwischen geboren sei, und dass er nicht wisse, wie er all dies wieder gut machen könne usw. Er hatte wohl inzwischen ein schlechtes Gewissen mir gegenüber und wollte sich deshalb meiner Vergebung versichern. Ich freute mich einfach nur, dass es ihm und seiner Familie mittlerweile viel besser ging und dass er meine Hilfe nun auch dankbar zu schätzen wusste. Nachdem er allerdings schon das zehnte Mal angerufen hatte, um mir dasselbe zu sagen, nervte es mich allmählich und ich bekannte ihm offen: „Hör mal, Horatiu, ich finde es gut, dass Du endlich auch mal Deine Dankbarkeit ausdrückst, aber das hast Du jetzt schon viele Male getan, und jetzt reicht es auch. Bitte ruf mich nicht mehr an, denn das nervt mittlerweile richtig. Nimm es mir bitte nicht übel, wenn ich das jetzt einfach mal so direkt sage. Wir Deutschen sind leider immer sehr direkt in solchen Sachen, aber dafür auch ehrlich. Ich weiß Deinen späten Dank wirklich zu schätzen, aber das reicht jetzt auch. Lebe wohl, lieber Horatiu!“ Seitdem rief er mich tatsächlich nie mehr an.

Um dem kalten Winter zu entfliehen, haben Ruth und ich zusammen im Dezember eine Art „Kaffeefahrt“ gemacht in die Türkei, also solch ein Billigflug mit Reiseleitung und jeder Menge Verkaufsveranstaltungen. Rebekka ließen wir in jener Ferienwoche bei meiner Mutter, um mal wieder ganz unser Eheglück zu pflegen ohne Verpflichtungen. Von Antalya aus machten wir dann Busreisen zu den antiken Tempelanlagen von Perge (türk. Barbaros) oder den Thermalquellen von Pamukkale bei Laodizäa (türk. Denizli), wo das heiße Gebirgswasser damals lauwarm im Tal ankam (vergl. Offb.3:14). Das tägliche Büffet im Hotel war überreichlich und auch die Besuche bei Kunsthandwerksmärkten oder Teppichbasaren waren durchaus interessant, so dass sich die Reise echt gelohnt hatte. Beinahe hätte ich mich beschwatzen lassen, einen handgeknüpften Teppich für 1.000, - € zu kaufen, weil der deutschsprechende Händler sich so sehr um uns bemühte, dass er mir am Ende leidtat. Zum Glück behielt Ruth am Ende einen kühlen Kopf und konnte mich gerade noch rechtzeitig vom Kauf abhalten, was auch gut war, denn später erfuhren wir, dass die Waren dort alle größtenteils völlig überteuert waren.

 

(Fortsetzung folgt…)