"Wache auf, der du schläfst und stehe auf aus den Toten,

 und CHRISTUS wird dir leuchten!" (Eph. 5:15)

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Preisgünstige Unterkunft und Rundreise möglich

durch die Familie meiner peruanischen Ehefrau

 

Mein Schwager, Dr. Israel Condori (59), hat in Ica (im Süden Perus) ein Freizeitheim mit Paradiesgarten, Pool und Volleyballplatz, wo auch wir als Familie regelmäßig Urlaub machen. Bei den Condoris geht es ganz familiär zu: Die beiden Söhne Jonathan und Joel organisieren mit den Gästen Rundreisen an die schönsten Orte Perus (z.B. Macchu Picchu) und die Frauen kümmern sich um das leibliche Wohl der Gäste. Der Rund-um-Service kostet $ 50 USD/Tag (d.h. Vollpension + Führung) zzgl. Reisekosten. Grundkenntnisse der spanischen Sprache sind von Vorteil.
Wenn Sie Interesse haben, rufen Sie uns einfach an: Familie Poppe,
0421-830 50 81
(bitte nur bei ernsthafter Reiseabsicht).

 

 

 

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Einmal auf dem Schoß Gottes sitzen

Wie ich meinen Glauben verlor und Gott ihn mir nach 18 Jahren wiedergab

Simon Poppe

"Und das Übrige der Geschichte Jorams und alles was er getan hat, ist das nicht geschrieben in dem Buche der Chronika der Könige von Juda? Und er ging hin, ohne vermisst zu werden..."

(2.Kön.8:23, 2.Chr.21:20)

Vorwort

Wenn wir uns Gedanken machen über unser bisheriges Leben, kommen wir alle früher oder später zu der Einsicht, dass unser Leben im Grunde nicht mehr als ein Hauch ist, der eine kurze Zeit lang sichtbar ist und dann verschwindet. Für den Lauf der Welt ist es im Grunde völlig bedeutungslos, ob wir einmal gelebt haben oder nicht. Denn wenn der Mensch erst einmal gestorben ist, dann schwindet schon bald die Erinnerung an ihn. Ein wenig anders verhält es sich, wenn wir im Leben wenigstens „Spuren“ hinterlassen durften, d.h. wenn Menschen, denen wir helfen konnten, uns wenigstens eine Zeit lang in Erinnerung behielten oder sogar durch unser Vorbild zum Guten beeinflusst wurden. Die meisten Menschen kümmert es jedoch weniger, was andere von ihnen denken mögen, geschweige denn, dass sie sich für das Leben anderer interessieren, sondern sie leben gleichgültig in den Tag hinein und verschwenden ihre wertvolle Lebenszeit z.B. vor dem Fernseher. Sie leben ihr Leben im Grunde also gar nicht selber, sondern begnügen sich damit, das wahre oder erfundene Leben anderer zu beobachten, dass ihnen das Gefühl gibt, als würden sie es selber erleben. Sie kämen vielleicht auch nie auf die Idee, ein Buch über ihr Leben zu schreiben, weil es da nicht allzu viel zu berichten gäbe und es ohnehin niemanden interessieren würde. Tatsächlich gibt es aber Einen, der sich für das Leben aller Menschen interessiert, sie deshalb ständig beobachtet und alles aufschreiben lässt, was sie jeden Tag tun. Und das ist Gott.

"Das übrige der Geschichte" ist eine Formulierung, die in der Bibel steht, und dort etwa 45 mal vorkommt, und zwar in Bezug auf die Könige von Israel oder Juda im Alten Testament, um dem Leser am Ende der Lebensbeschreibung eines solchen Herrschers bei Interesse auf weitere Einzelheiten aus dessen Leben hinzuweisen, die in der Chronik des jeweiligen Landes zu finden sind. Das Leben der meisten dieser Könige, die z.T. nur sehr kurze Zeit regierten, war häufig derart belanglos, das es den Schreibern nicht wert war, näher darauf einzugehen. Für Gott, der als inspirierender Autor hinter allen Büchern der Bibel steht, war es in der Regel allein entscheidend, uns mitzuteilen, ob ein König "tat, was recht war in den Augen Jahwes", des Gottes Israels, oder ob er "tat was böse war in den Augen Jahwes".

Häufig taten diese Könige nur, was schon ihre Väter taten, ob nun Gutes oder Böses. Dass aber jemand während seines Lebens auf einmal vollkommen seine Richtung ändert, ob nun vom bösen auf den guten Weg oder vom guten auf den bösen Weg, geschieht eher selten. Welcher Weg aber nun "gut" und welcher "böse" ist, entscheidet am Ende nicht der Mensch, sondern Gott allein, und Er hat uns Sein Beurteilungskriterium gegeben in Seinem Wort, der Bibel. Und es wird der Tag kommen, an welchem wir alle einmal Rechenschaft geben müssen vor Ihm, was wir mit unserer Lebenszeit angestellt haben, ob wir also nach Seinem Willen gelebt haben oder nicht. Über diese Tatsache sind sich ja auch alle großen Weltreligionen einig. Jedoch glauben Juden und Muslime (und auch viele Katholiken), dass man sich das ewige Leben bei Gott nach dem Tod durch gute Werke verdienen könne. Die Bibel lehrt jedoch, dass niemand durch eigene Frömmigkeit rein und heilig genug werden könnte, um sich Gott nahen zu können. Allein durch Jesus Christus, den Sohn Gottes, haben wir Zugang zu Gott, wenn wir Ihn und Seinen Erlösungsweg im Glauben annehmen. Und erst durch Ihn gewinnt unser Leben überhaupt erst an Bedeutung und Wert für Gott: Wenn wir uns auch selber vielleicht als eine Null sehen in Gottes Augen, so sind wir durch den Einen, der sich vor uns stellt und uns vor Gott rechtfertigt, keine "0" mehr, sondern eine "10".

Ich selber habe sogar schon zweimal in meinem Leben Jesus als meinen HErrn angenommen. Das erste Mal 1984, als ich 16 Jahre alt war, und das zweite Mal 2014. Dass ich mich noch ein zweites Mal bekehren musste, wurde dadurch erforderlich, dass ich 1996 meinen Glauben wieder verlor. Die meisten Bekehrungsgeschichten beginnen ja mit einer düsteren Vorgeschichte und enden dann mit der Bekehrung als Happy-End. Dass es aber auch mal - wie bei mir – nicht ganz so typisch verlaufen kann, passiert gar nicht so selten, aber es wird eher ungerne darüber gesprochen, zumindest nicht in christlichen Kreisen.

In diesem Buch möchte ich aber nicht über die erste Hälfte von meinem Leben berichten (das werde ich - wenn Gott will - später mal tun zu gegebener Zeit), sondern von der zweiten Hälfte, als ich 1996 mit 28 Jahren meinen Glauben verlor und wie Gott mir 18 Jahre lang hinterherging, um mich wieder zur Umkehr und Buße zu bewegen. Es ist zugleich auch die Geschichte meiner Malerfirma mit allen Höhen und Tiefen, über anfänglich chaotische Zustände bis hin zu unvorstellbaren Erlebnissen mit Kunden und Mitarbeitern. Mit Gottes Hilfe werde ich all diese Erlebnisse der letzten 23 Jahre in etwa 30 Episoden berichten.

Ich versichere dem Leser, dass sich alles genauso zugetragen hat und nichts erdichtet ist. Ich werde sogar auch unangenehme oder peinliche Dinge weder verschweigen noch durch Entstellungen beschönigen, sofern sie für ein ausgewogenes Bild erforderlich und von Interesse sind. Gerade die Abgründe meines damaligen Lebens sollen ja zeigen, dass ich keineswegs ein "Held" war, sondern dass es wirklich nur der Güte und Barmherzigkeit Gottes zu verdanken ist, dass Er mir all dieses vergeben konnte. Möge der Leser in der einen oder anderen Begebenheit auch seine eigenen Abgründe wiedererkennen und durch diese ebenfalls zum Umdenken und zur Gottessuche gelangen!

Bremen, den 13.10.2018                                                      Simon Poppe

Die Vorgeschichte

Auf meiner ersten Südamerikareise im Frühjahr 1992 hatte ich in Kolumbien ein Schlüsselerlebnis. Eines Abends fuhr ich mit meinem Freund und Glaubensbruder Pepe Gomez zu einer Kfz-Werkstatt wegen eines Reifenwechsels. Während ich auf dem Beifahrersitz wartete, kam plötzlich ein etwa siebenjähriger Junge an meine Seitenscheibe und bat um eine Spende. Er war vollkommen verdreckt und roch streng nach Urin. Gerade als ich ihm etwas geben wollte, verscheuchte ihn der Monteur. Als wir dann weiterfuhren, ging der Junge mir nicht mehr aus dem Kopf. Pepe erklärte mir, dass diese Straßenkinder (auch "gamines" genannt) überall in Bogotá zu finden seien. Sie schlafen in der Kanalisation und verbringen den Tag mit Betteln und Stehlen. Da es viele ledige Mütter gäbe, die selber nur vom Betteln und der Prostitution lebten, gäbe es immer wieder neue Kinder, die irgendwann im Alter von fünf oder sechs Jahren auf die Straße gesetzt würden, um für sich selbst zu sorgen.

Für mich war dieser Gedanke unerträglich. Wie konnte ich mich von nun an guten Gewissens in ein warmes Bett legen, während diese unschuldigen Kinder auf der Straße schlafen müssen! Ich fragte Pepe, ob es nicht möglich sei, mit Gottes Hilfe ein Kinderheim in Kolumbien zu gründen, schließlich sei es doch als Christen unser vorrangiger Gottesdienst, nach Waisen und Witwen Ausschau zu halten, um ihnen aus ihrer Not zu helfen (Jak.1:27). Pepe war einverstanden, und so suchten wir ein paar Monate später auf meiner zweiten Reise nach einem geeigneten Haus auf dem Land. Schließlich entschied ich mich für ein Landhaus in Ecuador, in der Nähe des kleinen Dorfes Laurel, etwa eine Stunde nördlich von Guayaquil und unterschrieb kurz vor unserer Hochzeit im Dezember 1992 ein Kaufversprechen, bei dem ich eine Anzahlung von 100 $ hinterlegte. Da meine gläubige Pflegemutter Hedi Böhnke mit den Einnahmen meiner Ausbildungsvergütung regelmäßig in einen Bausparvertrag eingezahlt hatte, war dieser mit inzwischen 7000,- DM zuteilungsreif geworden, sodass ich zusätzlich mit dem Darlehen über eine Summe von rund 20.000,- DM verfügen konnte, mit der ich das Haus kaufen wollte.

Als ich meiner Frau Ruth von diesem Plan erzählte, war sie nicht wirklich begeistert von der Idee, denn sie hatte eigentlich gehofft, als Tierärztin in Deutschland arbeiten zu können, zumal sie mit ihrem Studium fast zu Ende war. Aber ich hatte schon lange zuvor mit ihr vereinbart, dass ich sie nur heiraten würde, wenn sie bereit sei, mit mir zusammen dem HErrn zu dienen, egal wohin Er uns führe, und dass ich mir sicher war, dass der HErr mich in Südamerika gebrauchen wolle. Doch schon bald nach der Hochzeit erkrankte Ruth, zunächst an einer Bauchfellentzündung und später an einem sog. Sacro-Lumbar-Syndrom, durch welches das ständige Reiben eines verlängerten Lendenwirbels am Beckenknochen zu einer chronischen Entzündung im Rücken und damit zu dauerhaften Schmerzen führte. Zum Glück gab es in Bremen einen verständnisvollen Orthopäden aus Peru, der ihr regelmäßig ein starkes Opiat verschrieb, so dass sie nahezu beschwerdefrei leben konnte. Allerdings musste sie im Laufe der ersten zwei Jahre die Dosis immer weiter erhöhen, da die Wirkung allmählich nachließ. Wir machten uns Sorgen wegen dieser Tablettenabhängigkeit und beteten immer wieder, dass der HErr sie doch von diesem Joch befreien möge, aber es geschah nicht, sondern die Schmerzen wurden allmählich immer stärker (besonders jedes Mal nachdem Ruth und ich zusammen geschlafen hatten).

Nachdem ich 1993 den Kaufpreis und die erforderlichen Nebenkosten überwiesen hatte, beschlossen meine Frau und ich, Anfang November 1994 nach Südamerika auszuwandern. Sie selbst musste zuvor in Peru noch das letzte klinische Praktikum ihres Studiums der Tiermedizin absolvieren, während ich mich in der Zwischenzeit um die Fertigstellung des Landhauses kümmern wollte, denn ich hatte es m Rohbau-Zustand gekauft (der Vorbesitzer war während der Bauphase gestorben, so dass die Witwe mir das Haus in Laurel und das dazu gehörige 3,6 ha große Grundstück für umgerechnet 15.000,- DM verkauft hatte, zzgl. etwa 8.000,- DM an Notar-, Provisions- und Schmiergeldkosten). Bruder Hans-Udo Hoster (57), der Leiter eines christlichen Missionswerks aus Berlin, der bereits 30 Jahre mit Gottes Hilfe erfolgreich ein Kinderheim in Pakistan unterstützt hatte und seit 1991 auch ein Kinderheim in Rumänien, hatte mir in Aussicht gestellt, dass er unser Kinderheimprojekt finanziell unterstützen würde, wenn er sich zuvor selber ein Bild von der Arbeit vor Ort gemacht habe und von der Umsetzbarkeit persönlich überzeugt sei. Wir waren so verblieben, dass er im Januar oder Februar 1995 nach Ecuador kommen wollte.

Januar – März 1995

Dengue-Fieber und Schwangerschaft

Da mir bewusst war, dass wir auf Dauer nicht nur von Spenden leben können, hatte ich vor, nebenbei auch eine Immobilienvermittlung zu beginnen, indem wir auswanderungs- interessierten Deutschen ein Haus oder Grundstück in Ecuador vermitteln würden inkl. aller erforderlichen Behördengänge und Dolmetschertätigkeiten. Ein unserer ersten Kunden war ein Schweizer, der sich mit unserer Hilfe ein Grundstück im Urwald Ecuadors gekauft hatte, um eine Seifenfabrik bauen zu lassen. Ein weiterer Interessent war ein Glaubensbruder aus einer Baptistengemeinde, namens Wolfgang Kotsch (48)*, mit dem ich im November 1994 nach Ecuador gereist war, um sich für seine Familie ein schönes Haus am Meer zu kaufen (*Name geändert). Er kam in Begleitung von zwei jungen Brüdern aus Deutschland, Silvio (31) und Daniel (17), die einfach nur mal so einen abenteuerlichen Urlaub erleben wollten.

Meine Frau Ruth blieb damals bei ihren Eltern in Lima zurück, um ihr Studium der Tiermedizin zu beenden, während ich mit den deutschen Brüdern in Ecuador Immobilien besichtigte. Schließlich wurde Wolfgang auch fündig und kaufte sich ein kleines Haus am Strand von St. Elena. In den Tagen danach wollte ich ihnen etwas vom Land zeigen und fuhr mit ihnen auf den Vulkan Cotopaxi. Wir nahmen auch den einheimischen Bruder Abraham Mora (22) mit, der noch nie außerhalb von Guayaquil war. Als wir auf 4.800 m Höhe an eine kleine Berghütte gelangten, sah Abraham zum ersten Mal in seinem Leben Schnee, den er mit seinen eigenen Händen anfassen konnte. Auch besichtigten wir den Urwald und auch den Strand von Manta, bevor wir Anfang Dezember wieder nach Guayaquil zurückfuhren. Ende Dezember flogen die Deutschen wieder zurück in die Heimat, aber Wolfgang versprach, im März wiederzukommen, um uns auch bei der Kinderheimarbeit zu unterstützen. Leider stellte sich später heraus, dass Wolfgang sich nicht nur mit einer Immobilie begnügte, sondern er hatte auch eine heimliche Affäre mit einer ledigen Schwester aus der Versammlung, was ich jedoch bemerkte und ihn deshalb rügte.

Die Weihnachtstage verbrachte ich dann mit meiner Frau in Lima, als wir erfuhren, dass ein Krieg ausgebrochen war zwischen Peru und Ecuador. Wir machten uns ein wenig Sorgen, ob dieser Krieg Auswirkungen haben könnte auf unser Kinderheimprojekt, das ja im Februar beginnen sollte, aber wir befahlen dies in die Hand unseres HErrn. Unser viel größeres Gebetsanliegen war damals jedoch, dass Gott doch auch uns ein Kind schenken möge. Immerhin waren wir schon zwei Jahre verheiratet und Ruth wurde einfach nicht schwanger. Bei einer Untersuchung im Herbst 1994 teilte mir ein Urologe mit, dass ich als Maler durch meinen ständigen Hautkontakt mit Nitro-Verdünnung meine Spermien größtenteils geschädigt hatte und deshalb die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch ein Kind zeugen könne, bei etwa 1 % lag. Deshalb gingen wir am Neujahrstag 1995 mit meinem Schwager Israel und seiner Frau Alexandra in ein Café, um mit ihnen über die Idee zu sprechen, ob sie uns nicht einen ihrer drei Söhne Jonathan (9), Joel (8) oder Angel Salomon (2) schenken könnten, um diesen dann zu adoptieren. Sie sagten uns dieses zu, jedoch wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass unsere Tochter Rebekka (0) gerade eben entstanden war.

Anfang Januar 95 fuhr ich dann allein nach Ecuador, um Bruder Hans-Udo Hoster am Flughafen abzuholen. Ich vereinbarte mit Ruth, dass ich Ende Januar wieder zurück sein würde, doch dann kam alles anders: Weil Hans-Udo mir noch nicht mitgeteilt hatte, wann er genau kommen würde, rief ich ihn an. Er sagte: "Simon, ich warte schon seit Tagen auf eine Antwort von Dir und wollte schon gerade meinen - für Anfang Februar gebuchten - Flug wieder stornieren!" Ich erklärte ihm, dass ich seinen letzten Brief wohl nicht mehr rechtzeitig bekommen hatte, war aber froh, dass er doch noch käme. Doch kurz darauf wurde ich schwer krank und konnte mich kaum noch aus dem Bett bewegen. Da man in Südamerika jedes Medikament rezeptfrei kaufen konnte, ging ich - um die Arztkosten zu sparen - direkt zur Apotheke und ließ mich beraten. Man gab mir ein starkes Antibiotikum, aber es wurde einfach nicht besser. Ich magerte immer mehr ab und wog von anfänglich 92 kg am Ende nur noch 75 kg (bei einer Größe von 194 cm). Als ich Ende Januar endlich zum Arzt ging, stellte dieser das Dengue-Fieber bei mir fest (eine Art Malaria) und verschrieb mir 3 x täglich 3 Tage lang eine Voltaren-Spritze, um einen künstlichen Schüttelfrost auszulösen, der den Virus zum Ausschwitzen brächte. Auf dem Weg vom Arzt bis nach Hause musste ich mich von den Geschwistern Nelson Mogollón (57) und seiner Adoptivtochter Matilde (21) abstützen, da mir bei meinem niedrigen Blutdruck von 90 zu 50 schwindelig war.

So lag ich 3 Tage schlapp im Bett, während alle 8 Stunden starke Hitzewallungen von zähneklappernder Kälte abwechselten, bis es mir tatsächlich wieder besser ging, dem HErrn sei Dank! Den ganzen Tag lief während dessen Kriegspropaganda im Fernsehen, immer gefolgt von der Nationalhymne Ecuadors und Berichten über angebliche Landgewinne im Urwald der Cordillera del Condor. Die Brüder der Versammlung waren so fanatische Nationalisten, dass sie sich im Haus von Bruder Nelson Mogollón, wo ich untergebracht war, gemeinsam die Fernsehberichte anschauten, so als ob es ein Gottesdienst wäre. Aus lauter Übermut habe ich dann einmal gerufen: "Viva el Peru!" ("Es lebe Peru!"). Da kam Bruder Nelson erbost zu mir und sagte, dass ich mir solche Scherze besser nicht erlauben sollte, denn wenn ein Nachbar das gehört hätte, könnte ich von der Militärpolizei als Spion verhaftet werden. Ich stritt mich dann mit ihm, warum er als Himmelsbürger überhaupt solch ein Interesse an weltlichen Dingen habe, anstatt lieber für den Frieden zu beten.

Ende Januar telefonierte ich mit Ruth und sie teilte mir mit, dass sie schwanger sei. Ich konnte es nicht glauben (und mich deshalb auch noch nicht darüber freuen), weil wir zu oft schon enttäuscht wurden. Ruth wollte nun, dass ich sofort zurück kommen möge nach Peru, da sie es nicht mehr aushielte, allein zu sein. Ich erklärte ihr, dass sie sich noch einen Monat gedulden müsse, weil ich erst noch Bruder Hans-Udo aus Berlin empfangen und ihn zwei Wochen lang begleiten müsse. Sie war darüber sehr enttäuscht und hatte keinerlei Verständnis, zumal es ihr auch gesundheitlich sehr schlecht ging.

Die Gründung des Kinderheims

Hans-Udo kam wie angekündigt Anfang Februar 95 in Begleitung eines jungen Bruders namens Johannes Steudle (22). Da er nur zwei Wochen eingeplant hatte, verlor er keine Zeit mit Rundreisen, sondern bestellte sofort alle verantwortlichen Brüder zu Gesprächen und verschaffte sich schnell einen Eindruck von der Situation vor Ort. Er erklärte uns, dass es finanzielle Unterstützung durch den Berliner Verein nur geben könne, wenn die Geschwister in Guayaquil sich geistlich einig wären und gemeinsam eine Stiftung gründen würden, damit über alle erforderlichen Einnahmen und Ausgaben genau Buch geführt würde. Er versuchte, mir die Buchhaltung beizubringen, aber ich stellte mich leider sehr ungeschickt dabei an, so dass wir den Nelson Mogollón damit beauftragten. Alle Geschwister versprachen, bei dem Kinderheimprojekt assistierend mitzuhelfen, und glücklicherweise war Bruder Jorge Calvache (59) mit einem Pfingstgemeinde-Pastor befreundet, der zugleich auch Notar war.

Als wir dem Notar Hector Chavez dann unser Anliegen, eine Stiftung zu gründen, vortrugen, erklärte uns dieser: "Das ist alles kein Problem. Das Gesetz schreibt vor, dass Sie als Gründungsmitglieder sich an drei „konstitutionellen Sitzungen“ treffen müssen, um die Satzungen der Stiftung zu erörtern und darüber abzustimmen. Diese Sitzungen müssen dann von jemandem protokolliert werden und alle Unterlagen dann zusammen beim Innenministerium abgegeben werden. Das einzige Problem ist: Wir haben heute Dienstag und am Donnerstag fliege ich für drei Monate in die USA. Aber machen Sie sich keine Sorgen, kommen Sie morgen vormittags in mein Büro, und ich werde Ihnen dann alle Unterlagen übergeben." Wir waren etwas verdutzt über seine Worte, denn wie wollte er uns denn bei der Stiftungsgründung helfen, wenn gar nicht mehr genügend Zeit wäre für die drei obligatorischen Gründungstreffen?

Wir wollten uns überraschen lassen und kamen am nächsten Tag mit den Brüdern in seine Kanzlei. Zunächst teilte er uns mit, dass wir ihm neben seinem vereinbarten Honorar auch eine gewisse Summe an "propina" (Trinkgeld) mitgeben müssten, dass er in einer Büroklammer an die Antragsformulare anheftete, damit diese überhaupt von der Behörde zügig bearbeitet werden könnten. Dann überreichte er uns sämtliche Unterlagen und wir setzten uns, um diese durchzulesen. Tatsächlich gab es auch drei Sitzungsprotokolle, die ausführlich wie in einem Drehbuch den jeweiligen Verlauf der drei Sitzungen beschrieben, obwohl diese nie stattgefunden hatten. Ich lachte darüber, aber Bruder Hans-Udo vergrub den Kopf in seine Hände und war sichtlich erschüttert. Ich fragte ihn: "Und was machen wir jetzt?" Er sagte: "Frag mal die Brüder, was die dazu sagen." Ich ging hin und fragte sie. Daraufhin erklärten mir alle wie aus einem Mund: "Ach, Bruder Simon, das ist hier alles völlig normal! Machen Sie sich deshalb doch keine Sorgen!" Daraufhin unterschrieben wir die Unterlagen und gaben sie an den Notar zurück; - eine folgenschwere Entscheidung, wie sich erst Monate später herausstellen sollte.

Mit der großzügigen, fünfstelligen Spende, die uns Bruder Hans-Udo dann anvertraute, sollten wir das Haus in Laurel zu Ende bauen und die ersten Monate auch unsere privaten Unkosten bestreiten bis neue Spenden kämen. Da wir einen Teil des Geldes aber vorerst nicht benötigten, legten wir 6000,-DM als Festgeld in der Bank an zu einem Zinssatz von sage und schreibe 60 % p.a., so dass wir einen Monat später zusätzlich 300,-DM an Zinsen erhielten. Dass die Banken hier solch hohe Gewinne machen, lässt sich wohl nur durch die hohe Inflation und den Drogenhandel erklären. Nachdem Hans-Udo nach Deutschland abgereist war, fuhr auch ich Ende Februar endlich wieder zurück nach Peru.

Doch an der ecuadorianischen Grenze bekam ich Schwierigkeiten. Der Zoll hatte in meiner Aktentasche jede Menge PC-Disketten gefunden, die er beschlagnahmen wollte wegen des Krieges, weil ich ja auch ein Spion hätte sein können. Ich protestierte dagegen und bat die Beamten, ob ich mal mit ihrem Vorgesetzten sprechen dürfe. Ein Junge begleitete mich, um mir zu zeigen, wo das Militärgebäude sei. Als wir ankamen, war es aber bereits geschlossen, so dass wir zurück zum Zollhaus gingen. Ich musste mich beeilen, denn um 18.00 Uhr schloss die Grenze auch auf peruanischer Seite. Der Junge sagte mir: "Mister, sie müssen denen doch nur 50 Dollar geben und dann lassen diese sie einfach so passieren." Ich nahm an, dass die dem Jungen aufgetragen hatten, mir dies zu sagen, und so ging ich wütend in das Büro des Beamten und hielt ihm - aus welchem Grund auch immer - eine Moralpredigt: "Ich finde es eine Unverschämtheit, dass man in diesem Land für jede Kleinigkeit immer auch ein Bestechungsgeld zahlen muss! Kein Wunder, dass Ihr Land wirtschaftlich am Boden ist. Aber ich bin Christ und werde mich deshalb an diesem schmutzigen Geschäft nicht beteiligen!" Während ich dies aber wutentbrannt sagte, hatte ich mein Portemonnaie hervor geholt, nahm sämtliches Bargeld an Sucres heraus, das ich noch hatte (umgerechnet vielleicht 10,-DM) und knallte sie vor dem Beamten auf den Tisch. Dann schnappte ich mir mein Gepäck und ging wortlos an den Soldaten vorbei über die Grenzbrücke, ohne dass mich irgendjemand aufhielt. Die waren wohl alle so verdattert über mein dreistes und unsinniges Verhalten, dass sie nur wie gelähmt zuschauten.

Es war inzwischen schon 1 Minute vor 18.00 Uhr und ich rannte so schnell ich konnte, um noch rechtzeitig beim peruanischen Zollhaus anzukommen. Leider hatte es ebenso schon geschlossen, aber da ich nicht in dem Grenzort übernachten wollte, klopfte ich hart gegen die Glastür. Ein Beamter kam und zeigte mit dem Finger auf seine Armbanduhr, um mir zu signalisieren, dass es zu spät sei. Ich rief: "Was soll das?! Selbst in Deutschland sind die Behörden nicht so kleinlich!" Auch diesmal ließ man mich trotz meines frechen Kommentars noch einmal rein, so dass ich meinen Einreisestempel bekam. Dass ich durch all diese schlechten Manieren im Stile einem Kolonialherrn ein ganz unwürdiges Zeugnis abgab vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt, war mir nicht bewusst. Ich wollte nur so schnell wie möglich wieder bei Ruth sein. So fuhr ich also von der Grenze aus 22 Stunden mit dem Bus die Panamericana hinunter und kam am nächsten Tag ausgemergelt in Lima an.

Ich blieb mit Ruth noch bis zum 27.03. in Peru, aber dann mussten wir uns auch schon wieder gemeinsam nach Ecuador auf den Weg machen, denn ich hatte den Geschwistern ja versprochen, dass ich ihnen beim Umbau des Hauses helfen würde. Allerdings sagte man uns, dass Ecuador die Grenzen inzwischen geschlossen hatte für Peruaner, zumindest auf dem Landweg, und dass nur noch eine Einreise mit dem Flugzeug möglich sei. Wir hatten jedoch kein Geld mehr für einen Flug, deswegen entschieden wir uns, es drauf ankommen zu lassen. Wir beteten, dass Gott doch ein Wunder schenken möge und wir die Grenze irgendwie doch gemeinsam überqueren könnten. Ich dachte an all die vielen Male, wo der HErr mir in der Not geholfen hatte und war mir sicher, dass es auch diesmal klappen würde. Als wir in die Grenzstadt Tumbes ankamen, nahmen wir uns ein Taxi, das uns die letzten 2 km zur ecuadorianischen Grenze brachte. Aber der Taxifahrer sagte uns: "Machen Sie sich keine Illusionen: Die Ecuadorianer lassen keinen Peruaner mehr rein!" Wir antworteten, dass wir auf Gott vertrauen würden, der ein Wunder schenken könne. Als wir dann ausstiegen, nahmen wir unser Gepäck und gingen auf die Grenzbrücke, wo ein paar Soldaten standen. Einer verlangte unsere Pässe, schaute hinein und fragte, ob wir verheiratet seien. Und dann sagte er: "Mister, Sie können gerne passieren, aber ihre Frau muss leider hierbleiben. Es tut mir leid, aber wir haben unsere Befehle." Alles Betteln und Flehen nützte nichts, und wir fuhren erst mal wieder zurück nach Tumbes, um zu überlegen, was wir machen könnten. Wir übernachteten dort und entschieden uns am nächsten Tag, dass ich allein weiter reisen und Ruth wieder nach Lima zurückkehren sollte, um von dort mit dem Flugzeug nachzukommen.

Als Ruth nach weiteren 22 Stunden wieder in Lima ankam, ging es ihr gesundheitlich sehr schlecht. Sie fuhr mit ihrer Mutter zur Frauenärztin, und diese stellte erschrocken fest, dass sie eine Nierenentzündung habe und durch die Strapazen die Plazenta weit nach unter verrutscht sei, so dass eine Fehlgeburt drohe. Sie ordnete strenge Bettruhe an, damit sich die Gebärmutter wieder erhole. Ihr Vater Luis Condori buchte für Ruth einen Flug, der erst zwei Wochen später gehen sollte. In der Zwischenzeit bestellten wir eine Maurerfirma, die den Putz an die Wände des 320 qm-großen Hauses anbringen sollte. Ich selber wollte mich zusammen mit Abraham um die Reinigung und den Anstrich des Daches kümmern, das aus gewellten Eternit-Platten bestand. Beim stundenlangen Abschleifen der veralgten Platten mit der Drahtbürste bei glühender Hitze hatte ich allerdings nicht nur meine Sonnencreme vergessen, sondern auch nicht daran gedacht, dass die Platten aus Asbest bestanden, dessen Staub wir über Stunden und Tage eingeatmet hatten. Da der Weg in die Stadt zu weit war, übernachteten wir eine Woche lang im Rohbau auf dem harten Estrich, der nur durch eine Decke abgepolstert war. Jede Nacht schwirrten unzählige Mücken und Fledermäuse durch die Räume, und an einem Abend hatte sich sogar ein kleiner Skorpion unter meinem Laken versteckt. Aber trotz aller Widrigkeiten freute ich mich, dass die Arbeit voranging und dankte dem HErrn dafür, dass Er uns bis hierhin geholfen hatte.

April – Juni 1995

Unser Besuch in Kolumbien

Als Ruth zwei Wochen später in Guayaquil landete, hatte sie am ersten Tag wegen der hohen Luftfeuchtigkeit dort massive Atembeschwerden, zumal sie schon seit ihrer Kindheit unter Asthma litt. Wir brachten sie zum Arzt, der ihr eine Spritze Adrenalin gab, damit sich die Gefäße entkrampften. Trotzdem war sie die schwül-heiße Tropenluft nicht gewohnt und wollte schon nach ein paar Tagen wieder, dass ich mit ihr zusammen nach Kolumbien weiterreisen solle, um Bruder Pepe Gomez und die Geschwister der Hausgemeinde dort zu besuchen. Als wir nach zwei Tagen in Bogotá ankamen, hatten wir eigentlich gehofft, dass Pepe mit uns wieder eine Rundreise machen würde wie die früheren Male, um Geschwister zu besuchen in Neiva, Tame, Betoyes oder Barranca de Upia. Doch Pepe riet uns diesmal eindringlich von einer Besuchsreise ab, da sich das Land erneut im Bürgerkrieg mit der FARC befand und die Guerilla inzwischen weite Landstriche unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Die Situation sei Spitz auf Kopf, und man rechnete sogar damit, dass die Kommunisten das ganze Land erobern würden. Ich selbst wäre bei meiner vorigen Reise im November 92 ja um ein Haar entführt worden, als wir im Urwald von zwei FARC-Anhängern wortlos mit dem Motorrad umkreist wurden und die Geschwister mich dann schnell zur Busstation brachten.

Wir blieben also in Bogotá und hatten viele Gespräche mit den Geschwistern, die sich ja zwei Jahre zuvor von der Percy-Heward-Gruppierung abgespalten hatten und sich nun durch meine Vermittlung damals mit den sog. "geschlossenen Brüdern" versammelten. Eines Abends kam Pepe zu mir und sagte, dass er sich Sorgen machen würde um seinen Sohn John Jairo (19), dass dieser durch den Einfluss der Welt sich vom Glauben wegbewegen könnte. John Jairo hatte sich zwei Jahre zuvor durch mich bekehrt, indem wir am Rande des Urwalds niederknieten und er sein Leben dem HErrn Jesus übergab. Er predigte inzwischen auch in der Versammlung, aber interessierte sich auch für Philosophie und Kinofilme, sprich für die Welt. Pepe fragte mich, ob ich ihn nicht mal für ein paar Monate nach Deutschland nehmen könnte, damit er unter gute geistliche Betreuung käme und noch viel mehr aus der Bibel lernen könnte von mir und den anderen Brüdern aus Deutschland, von denen er eine sehr hohe Meinung hatte. Ich sagte ihm dies zu, sobald wir irgendwann demnächst mal wieder Urlaub in Deutschland machen würden bei meinen Eltern.

Straßenkinder und Eifersucht

Als Ruth und ich Anfang April wieder in Ecuador waren, ließ Bruder Nelson Ruth und mich in seinem bescheidenen Haus übernachten, das nur aus einem einzigen großen Raum bestand, in welchem er mit seiner Adoptivtochter Matilde (21) wohnte. Bruder Hans-Udo schrieb uns, wir sollten schon mal anfangen, Kontakt aufzunehmen mit den Straßenkindern, um ihre Umstände zu erfragen, wie und warum sie auf der Straße lebten, wo ihre Angehörigen wohnen etc. und auch Fotos von ihnen machen, damit Hans-Udo in seinem Rundbrief über sie berichten kann. So begannen wir, uns nachts auf den Weg in die Innenstadt zu machen und sprachen die z.T. schon schlafenden Kinder an, die wir auf der Straße fanden. Die meisten kamen aus den Slums von Guasmo im Süden Guayaquils. Straßennamen oder Hausnummern gibt es dort nicht. Einige hatten sich schon tagelang nicht gewaschen oder trugen Verletzungen am Körper. Andere waren durch das Inhalieren von Klebstoff derart verblödet, dass sie nur rumgackerten. Ein Kind erzählte uns, dass sie neuerdings nicht mehr auf Parkbänken am Malecón (Flussufer des Rio Guayas) übernachten würden, nachdem in letzter Zeit immer wieder Kinder von Männern belästigt und in Einzelfällen sogar vergewaltigt wurden. Manche Kinder verdienen sich sogar ihren Lebensunterhalt auf dem „Kinder-Strich“ in der 17. und 18. Straße. Daher war es gut, diese Kinder aus diesem gefährlichen Milieu herauszubringen aufs Land, wo sie weder von anderen noch durch sich selbst gefährdet sind. Einer unserer Brüder, Dr. Galo Granados (52), der eine Apotheke besaß, bot sich an, die Kindern und Jugendlichen medizinisch zu betreuen, zumal einige von ihnen auch schon Erfahrungen mit Drogen gemacht hatten. Auch unternahmen wir Besuche in anderen Kinderheimen, um uns mehr über die praktischen Erfahrungen im Umgang mit Straßenkindern zu informieren.

Auch die Bauarbeiten waren schon weit vorangeschritten. Um die Arbeiten zu betreuen, musste ich alle 2 bis 3 Tage zum Landhaus nach Laurel fahren zusammen mit Nelson, Abraham oder Fabian, die auch selber mithalfen. Nachdem schon mit dem Verputzen begonnen war, stellten die Maurer fest, dass das Haus gar keine richtigen Fundamente hatte und die Gefahr bestand, dass es durch das zusätzliche Gewicht des Putzes absinkt und sich Risse bildeten. Es war sozusagen "auf Sand gebaut", weshalb es erst einmal nachtäglich noch ausgeschachtet und mit Zement ein stabiles Fundament bekommen musste. Zu dem ursprünglich 270 qm großen Haus wurde noch ein großer Küchenraum von 50 qm angebaut, sowie Toilettenräume außerhalb des Hauses mit einer Sickergrube. Wir hatten auch die Idee, statt immer nur Reis anzubauen, auch viele andere Gemüsearten und Obstbäume zu pflanzen, denn das Grundstück war ja mit 3,6 ha (36.000 m², d.h. 300 m x 120 m) groß genug und hatte sogar einen eigenen Teich. Bruder Nelson hatte auch die Idee, aus der Garage eine Werkstatt für Metallbau zu machen, um die Jugendlichen auf dem Land auszubilden. Das war ja das größte Problem, dass der Staat diesen jungen Leuten nach der Schule keine Perspektive gab und sie deshalb nur rumlungerten, sich betranken und sich mit ihren Macheten verletzten.

Eines Abends kam Schwester Matilde zu Ruth und sagte ihr: "Du, liebe Ruth, ich muss Dir etwas anvertrauen, das mir einfach keine Ruhe mehr lässt: Du weißt doch, dass vor einem halben Jahr ein deutscher Bruder namens Wolfgang Kotsch hier bei uns war, der sich in die Betty verliebt hatte. Simon hatte ihn deshalb immer wieder kritisiert, weil er ja schließlich verheiratet sei und vier Kinder habe. Dies hat dem Wolfgang nicht gefallen und deshalb hat er mir ein Geheimnis verraten, dass ihm der Simon zuvor anvertraut habe, dass sich nämlich der Simon in mich verliebt habe!" - Ruth erschrak. "Was erzählst Du denn da!" - "Ja, das hat der Wolfgang mir so berichtet, und inzwischen wissen es auch alle hier, denn er hat es scheinbar auch den anderen erzählt. Er meinte, Simon hätte Dich nur aus Mitleid geheiratet, aber dass er dies inzwischen bereuen würde." Ruth war außer sich und konnte es nicht fassen. Als ich am Abend von der Baustelle kam und mich zu Ruth ins Bett legte, flüsterte sie mir wütend ins Ohr (damit die anderen im Raum es nicht hörten): "Ich verstehe Dich einfach nicht! Mir scheint, ich kenne Dich gar nicht!" Ich flüsterte zurück: "Was meinst Du?" - "Du weißt genau, was ich meine! Du und Matilde!" - "Häh?! Was soll sein? Wovon redest DU?" - "Tu nicht so unschuldig! Sie hat es mir erzählt!" - "Was erzählt?!!" Unser Geflüster war inzwischen so laut geworden, dass wir das Gespräch auf den Morgen vertagten. Als ich dann alles erfuhr, versicherte ich Ruth, dass dies eine böse Verleumdung sei und sie mir doch glauben müsse, dass ich nur sie lieben würde. Sie glaubte es mir schließlich. Monate später stellte ich Wolfgang zur Rede, was er sich dabei gedacht habe, solch ein falsches Gerücht über mich zu verbreiten. Er bat mich um Verzeihung und begründete dies mit der Kränkung, weil ich seinen Ehebruch öffentlich angeprangert hatte, so dass man Betty aus der Gemeinde geworfen hatte. Später erfuhr ich, dass er sich sogar von seiner Frau scheiden ließ, um Betty zu heiraten, obwohl er sogar Ältester der Baptistengemeinde war.

Jetzt ist Schluss!“

Da die anderen Handwerker inzwischen auch im Haus übernachteten, beschlossen Ruth und ich Anfang Mai, in eine kleine „Pension“ zu gehen im Dorf Laurel. Diese war wirklich die ärmlichste Absteige, in der ich je übernachtet hatte. Das Zimmer hatte zwar ein eigenes Klo, jedoch bestand dieses in Form eines Loches in einer Ecke des Raums, in das man seine Notdurft verrichtete und mit einem Eimer Wasser nachspülte. Das schmuddelige Bett hatte zwar ein Moskitonetz, aber da das Fenster keine Scheiben hatte, war das ganze Zimmer in der Nacht voll von großen Insekten und Fledermäusen, die durch die grelle Glühbirne im Zimmer angelockt wurden. Um das Licht etwas zu dämmen, band ich mein T-Shirt um die Birne, aber nach etwa einer halben Stunde roch es verbrannt im Zimmer und mein T-Shirt war angekokelt. Nur die Liebe zu mir konnte Ruth helfen, die schwüle Hitze der Nacht und das Flügelgeräusch der Insekten in der Nacht zu ertragen. Doch in der dritten Nacht hielt Ruth es nicht mehr aus und sie schüttete mir ihr Herz aus: "Simon, ich kann einfach nicht mehr. Ich will hier nur noch weg. Und ich sage das nicht nur wegen dem Zimmer, sondern ich will auch wieder nach Deutschland zurück. Ich war von Anfang an gegen die Idee, nach Ecuador auszuwandern, aber ich habe mich gefügt, weil ich gesehen hatte, wie sehr Dir diese Arbeit ein Herzensanliegen ist. Deshalb habe ich all dies bis hier her ertragen, aber jetzt ist Schluss!"

Ich war ziemlich entsetzt über diese Worte. Ruth hatte sich zwar schon öfter bei mir beschwert, aber nie das Kinderheimprojekt als solche in Frage gestellt. Ich versuchte, sie zu beruhigen: "Ruthi, Gott hat uns doch bisher wunderbar geholfen, und wir durften die Arbeit hier schon so weit voranbringen. Alles läuft doch Bestens und so viele Geschwister sind bereit zu helfen und haben auch schon so viel geopfert. Denk doch nur mal daran, dass Bruder Hans-Udo extra aus Deutschland angereist kam und hat uns eine so große Spende anvertraut. Wir haben jetzt eine Stiftung gegründet und das Haus ist fast fertig. Wir können jetzt nicht einfach wieder zurück!" - Ruth entgegnete: "Du musst auch mal Rücksicht auf mich nehmen, denn ich bin krank und der HErr hat mir nicht die Kraft gegeben, diese Kinderheimarbeit durchzustehen. Ich bin dafür einfach nicht geeignet. ich habe auch keine Geduld, mich um viele Kinder zu kümmern, mein Herz schlägt mehr für die Tiere." - - "Aha! und warum fällt Dir das erst jetzt ein, nachdem wir so viele Leute in Bewegung gesetzt haben!?" - - "Ich habe Dir das von Anfang an gesagt, aber Du hast mich einfach nicht ernst genommen. Außerdem habe ich es doch versucht, aber ich merke jetzt einfach, dass ich das nicht länger durchstehe. Überleg mal: Ich bin erst zwei Monate in Ecuador und jetzt schon am Ende meiner Kräfte. Wie sollte ich das dann noch die nächsten 20 oder 30 Jahre hier ertragen!! Es ist besser, wenn wir das alles hier jetzt beenden, denn noch haben wir kein Kind aufgenommen." Ich fing an zu weinen, aber auch das konnte Ruth nicht mehr umstimmen. Sie versuchte mich zu trösten: "Gott wird bestimmt einen Nachfolger senden, der diese Arbeit hier weiter macht. Sieh's doch mal so: Der HErr hat Dich gebraucht, diese Sache hier zu beginnen und ein anderer wird sie jetzt fortsetzen. Heißt es nicht auch schon in der Bibel, dass die einen säen und die anderen ernten?" Aber ich war total fertig und wollte nicht mehr reden. Das alles machte doch einfach keinen Sinn! Wie würde ich jetzt dastehen? wie ein Mann, der anfängt, einen Turm zu bauen ohne vorher die Kosten zu überschlagen!

Irgendwann war die Nacht vorbei. Am nächsten Morgen grübelte ich und überlegte, wie es jetzt weiter gehen könne. Vor allem: Wie sollte ich das dem Hans-Udo und all den anderen Geschwistern beibringen, die für dieses Projekt so viel gespendet hatten? Wir beschlossen, erst mal noch einen Monat zu bleiben, doch dazu mussten wir in Guayaquil erst mal wieder unsere Visa um 30 Tage verlängern. Als wir bei der Botschaft dann eine Verlängerung beantragen wollten, erfuhren wir zu unserer Überraschung, dass jeder Peruaner, der keinen ecuadorianischen Ausweis hat, aufgrund einer neuen Verordnung vom Militär "das Land binnen 72 Stunden" verlassen muss, da man als Peruaner eine Persona non grata sei, also eine nicht erwünschte Person. In gewisser Weise half uns dies, wenigstens vorübergehend einen Grund zu nennen, warum wir wieder zurück nach Peru und schließlich auch zurück nach Deutschland reisen mussten. Ich rief meinem Vater an, dass ich wieder nach Bremen zurückkommen würde und bat ihn, für mich und Ruth eine Wohnung zu suchen. Er teilte mir mit, dass meine Mutter sich nach zehnjährigem Ehestreit nun endgültig von ihm getrennt habe und sich eine eigene Wohnung genommen hatte in Bremen-Kattenesch. Es ist sehr traurig, aber es war auch schon seit langem abzusehen.

Nachdem wir in Lima angekommen waren, lag dort eine Menge Post aus Deutschland, England und Argentinien, größtenteils fast nur mit schlechten Nachrichten: Die Brüder Thomas Schaum (34) und Ralf Schiemann (48) hatten mir geschrieben (unglaubliche 53 Seiten!) und mir gedroht, mich nicht mehr als ihren Bruder anzuerkennen, solange ich weiter mit Hans-Udo Hoster zusammenarbeiten würde. In ihren Augen sei er ein Heuchler, der "Wasser predigen und Wein trinken" würde, indem er seinen Missionaren Armut auferlege, während er selber in einem schönen Haus in Berlin lebe. Schon zuvor hatte Thomas mich scharf kritisiert, weil ich als Immobilienmakler arbeiten wollte und er der Ansicht sei, dass dieser Beruf per se anrüchig sei, indem die Makler den Leuten für eine verhältnismäßig geringe Leistung viel Geld aus der Tasche ziehen. Aber auch seine Liste an Vorwürfen gegen Hans-Udo war insgesamt nur lächerlich und an den Haaren herbei gezogen. So war er z.B. der Meinung, dass ein Christ keinen weltlichen Verein gründen dürfe, da dies eine Form von "Hurerei mit der Welt" sei. Dabei hatte Paulus doch gesagt, dass wir die weltlichen Einrichtungen durchaus für unsere Zwecke nutzen dürfen, sofern wir uns nicht von der Welt abhängig machen (1.Kor.7:31). Zum Glück stand mir damals Bruder Bernd Fischer (57) bei, ein "Schriftgelehrter" aus Eisenach, der zwar auch mit Thomas befreundet war, diesem aber mit der Heiligen Schrift nachweisen konnte, dass seine übertriebene Anklage gegen Bruder Hans-Udo ein Rufmord sei und entsprechend Mat.5:22 mit der Hölle bestraft werden würde, wenn er nicht Buße täte. Auch Bernd hatte mir geschrieben und mir tröstend beigestanden. Bernd hatte mich in jener Zeit trotz seiner kleinen Rente immer finanziell großzügig unterstützt.

Auch die Brüder Stanley Bown (84) aus London und Samuel Franco (67) aus Argentinien, die mich zwei Jahre zuvor aus ihrer Sekte exkommuniziert hatten, übten scharfe Kritik an mir, weil sie gehört hatten aus Deutschland, dass ich weiterhin in Peru predigen dürfe, obwohl sie doch ein Predigtverbot für mich verhängt hatten. Tatsächlich hatte mein Schwiegervater, Luis Condori (76), ihnen zur Beruhigung nämlich versichert, dass ich nicht predigen, sondern nur still zuhören würde, was natürlich nicht stimmte. Als sie nun erfuhren, dass ich in meinen Rundbriefen etwas ganz anderes berichtet hatte, warfen sie mir vor, ich würde lügen und verlangten von meinem Schwiegervater um so mehr, er möge mich doch um des HErrn willen am besten gar nicht mehr aufnehmen, da ich ja ein Ketzer sei. Dabei umschmeichelten sie den Luis mit den Worten: "Wir haben vollstes Vertrauen, dass Sie uns die Wahrheit sagen, denn wir wissen um den Hochmut von Simon. Schon in Guatemala war er einfach aufgestanden und hatte gepredigt ohne Erlaubnis der Ältesten der Versammlung. Wir hatten ihn damals in seine Schranken gewiesen, aber er machte einfach weiter mit seiner deutschen Arroganz ("prepotencia alemana")." In Wirklichkeit hatten die Geschwister mich ausdrücklich gebetn, am Wort zu dienen, und erst als Bruder Samuel angereist war, kippte die Stimmung, weil er in mir einen Rivalen sah und unter keinen Umständen wollte, dass ich noch weitere Geschwister abwerben und von der Sektiererei dieser Brüder überzeugen könnte. Obwohl sie keine biblischen Argumente vorweisen konnten, fürchteten viele guatemaltekische Geschwister dieser Gruppierung, dass man ihnen den Geldhahn zuzudrehen oder man sie sogar aus der Sekte ausschließen könnte (Joh.12:42).

Doch so sehr ich auch versuchte, mir einzureden, dass die Kritik von Samuel doch unberechtigt sei, fragte ich mich insgeheim, ob ich vielleicht doch arrogant war und dies bisher nur noch nicht wahrhaben wollte, dass ich so auf andere wirke. Ich nahm mir deshalb vor, am besten gar nicht mehr zu predigen, zumal es mein Gewissen belastete, dass ich meinen Schwiegervater ungewollt dazu verleitet hatte, aus Liebe zu mir die Unwahrheit zu sagen. Ich fühlte mich von allen abgelehnt und hatte den Eindruck, dass ich nach und nach alles verlieren würde. So viele alte Verbindungen waren inzwischen schon zerbrochen. Und egal was ich angefangen hatte, ist am Ende das meiste misslungen. Alles war umsonst gewesen, und so viele Menschen hatte ich schwer enttäuscht! Es war ja so, als hätte selbst Gott mich verlassen und kein Ja mehr zu meinen Aktivitäten. Anstatt auf all das Gute zu achten, dass ich mit Gott erleben durfte, sah ich nur noch alles grau in grau. Ich wollte nur noch zurück nach Deutschland und mich in eine Ecke verkriechen, wo sich niemand mehr an mir stören kann. So beschloss ich, mich von nun an nur noch auf Ruth und unser gemeinsames Baby zu konzentrieren. Ich musste mich einfach mit dem Gedanken abfinden, dass ich noch einmal ganz von vorne anfangen musste, d.h. wieder zurück in mein altes Leben als Maler. Für das Kinderheim würde sich sicherlich ein Nachfolger finden, der sich dann in ein "gemachtes Nest" setzen und all die Anerkennung ernten würde, für die ich mich angestrengt hatte und leer ausging. "Und ich hasste all meine Mühe, womit ich mich abgemüht hatte..., weil ich sie dem hinterlassen musste, der nach mir kommen würde. Und wer weiß, ob er weise oder töricht sein wird? Und doch wird er schalten über alle meine Mühe... Da wandte ich mich zu verzweifeln ob all meiner Mühe, womit ich mich abgemüht hatte..." (Pred.2:18-20).

Ich schrieb Bruder Hans-Udo, dass ich zurückkehren würde und wir buchten einen Flug für Ende Juni. Ich teilte ihm aber noch nicht mit, dass ich nicht mehr zur Verfügung stehen würde, denn ich fürchtete mich vor seiner Reaktion. Stattdessen gab ich an, dass es vor allem wegen der gesundheitlichen Risiken für Ruth notwendig sei, dass sie unser Kind in Deutschland gebären sollte, wo die medizinische Versorgung ja besser sei. Aber letztlich würde ich es ihm später ohnehin sagen müssen, und dann wäre das die zweite große Enttäuschung für ihn - nach der Schlappe, die er zuvor in Rumänien erlebt hatte 1994, als die rumäniendeutschen Brüder Christian und Bela ihm einfach das Kinderheim in Tălmaciu "gestohlen" hatten mitsamt Stiftung und 300.000 DM an Spendengeldern, indem sie sagten: "Von jetzt an brauchen wir Eure Hilfe nicht mehr, denn wir haben uns mit einem Missionswerk aus der Schweiz verbunden!" Ich dachte: Hans-Udo würde mir sicherlich wieder vorwerfen, warum ich überhaupt die Ruth geheiratet habe, zumal er schon immer der Meinung war, dass ein Deutscher sich nur mit einer Deutschen verheiraten sollte, um die Rasse nicht zu vermischen. Aber kann man Ruth wirklich einen Vorwurf machen? Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die Arbeit fortsetzen sollten, dann hätte Er Ruth doch auch Gesundheit geschenkt! Gott selbst war es also, der mich nun auf ein Abstellgleis gestellt hatte.

Die Rückkehr nach Deutschland

Mitte Juni telefonierte ich noch einmal mit meinem Vater. Er hatte für uns eine 60-m²-Wohnung besorgt in einem 2-Familien-Haus in Bremen-Kattenesch. Der Vermieter Andreas F. sei sogar ein Christ aus der Baptistengemeinde und die Bewohnerin im Erdgeschoss sei Elke P., die ich noch aus der Bibelgemeinde kannte, wo meine Eltern früher hingingen. Mein Vater hatte sich um alles gekümmert, auch schon Gebrauchtmöbel für uns organisiert, die er mithilfe meines Zwillingsbruders Marcus beschafft hatte. Wir waren sehr froh darüber und dankten Gott. Einen Tag vor unserer Rückreise hatten wir uns in der Fußgängerzone noch einen jungen knallgrünen Leguan gekauft für ein paar Soles, die es im Norden Perus massenweise gab, um ihn nach Deutschland mitzunehmen. Dass man dafür eigentlich eine Genehmigung bräuchte, nämlich die sog. Cites-Papiere für die Einfuhr von Tieren war uns zwar bewusst, aber wir ignorierten es einfach, zumal die Kontrollen sehr lax waren und wir ohnehin keine Zeit mehr hatten, uns diese zu besorgen. Ich steckte den kleinen Leguan einfach in meine Jackentasche mit ein paar Salatblättern, und tatsächlich kamen wir ungehindert durch den Zoll. Allerdings war unser Flug dermaßen verspätet in der Zwischenstation Santiago de Chile angekommen, dass wir sehr schnell laufen mussten, um noch unseren Anschlussflug zu bekommen. Wir waren so dermaßen im Stress, dass ich erst im Rennen bemerkte, dass der Leguan aus der Jackentasche gekrabbelt war und nun an meiner Hose festgekrallt war. Ich steckte ihn schnell wieder in meine Jackentasche und wir kamen schließlich wohlbehalten in Deutschland an. Die Freude über unseren Leguan währte aber nur kurz, denn wir hatten ihm oben auf dem Küchenschrank ein Lager bereitet, weil wir noch kein Terrariumkasten für ihn hatten; nach einer Woche ist er uns jedoch ausgebückst durch das Küchenfenster, das wir auf Kipp offen gelassen hatten.

Juli – September 1995

Mein neuer Job bei einem Betrüger

In den ersten Tagen nach unserer Rückkehr nach Deutschland war ich sehr beschäftigt mit dem Beantworten der zahlreichen Post und den vielen Behördengängen (Arbeitsamt, Bank, Meldestelle etc.). Mein Vater leihte uns Geld, damit wir in den ersten Wochen über die Runden kamen. Mitte Juni wurde ich von einem Malerbetrieb der sich "FineArt GmbH" nannte, eingeladen. Die Firma lag in einer kleinen Wohnung in einem Hochhaus, die spärlich eingerichtet war, was mir etwas merkwürdig vorkam. Der Geschäftsführer, Herr Tönsing, war freundlich und bot mir einen Platz an. Überall lagen Stapel mit Zetteln auf dem Fußboden, die seine Freundin hastig aufsammelte. Er erklärte mir, dass die Firma, die auf den Namen seiner Verlobten läuft, seit knapp einem Jahr existiere und etwa 50 Mitarbeiter beschäftigen würde, es aber immer ein Kommen und Gehen gebe, da viele den harten Anforderungen nicht gewachsen seien. Er würde hauptsächlich in den neuen Bundesländern Wärmedämm-Aufträge ausführen im Rahmen des Aufbaus Ost und suche daher einen qualifizierten Malergesellen, der auch Erfahrung mit WDVS (Wärmedämm-Verbundsysteme) habe und auch ungelernte Mitarbeiter schulen könne. Uwe Tönsing war ein schlanker Kettenraucher, hatte aber ein außergewöhnlich selbstsicheres Auftreten (wie Donald Trump). Nachdem wir eine Weile geplaudert hatten, gab er mir die Hand und sagte: "Ich nehme Sie, Herr Poppe. Sie machen auf mich einen guten Eindruck. Ich habe für Sie auch eine ganz besondere Aufgabe: Wir beziehen zum 01.08. ein neues Bürogebäude in der Bleicherstr., und das können Sie dann gleich von oben bis unten renovieren, und zwar in der absoluten Luxusklasse. Ich möchte, dass jeder Besucher sofort unseren gehobenen Anspruch erkennt und gleich beeindruckt wird. Ich hoffe, dass Sie der richtige Mann dafür sind!"

Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen konnte, war, dass Herr Tönsing nicht nur ein größenwahnsinniger Psychopath, sondern auch ein professioneller Hochstapler war, der wegen diverser Betrügereien erst kurz zuvor aus der Haftanstalt entlassen wurde. Durch seinen Charme und sein großspuriges Auftreten hatte er bei sämtlichen Banken und Leasingfirmen einen solchen Eindruck hinterlassen, dass er wie der Baulöwe Jürgen Schneider viele Kredite bekam, mit denen er auf mehreren Baustellen in Berlin und Brandenburg riesige Mehrfamilienhäuser mit Styroporplatten dämmen ließ. Seine Leute waren billige Arbeiter aus dem Osten, die er in Kolonnen organisiert hatte; so gab es eine Polen-Kolonne, eine Jugoslawen-Kolonne, eine Türken-Kolonne und eine DDR-Kolonne. Ich war einer der wenigen „Wessis“ in seiner Firma. So arbeitete ich zunächst zwei Monate ganz alleine in seiner neuen Büroetage und merkte schon bald, dass Herr Tönsing so unberechenbar war wie der KZ-Aufseher Amon Göth aus dem Film "Schindlers Liste": während er mich an manchen Tagen über den Klee lobte, gab es Tage, an denen er z.B. früh morgens auf die Baustelle kam und statt mich zu begrüßen, mich laut mit etwa 120 dB anschrie: "GEHEN SIE SOFORT VON MEINEN MARMORFLIESEN RUNTER MIT IHREN BESCHISSENEN ARBEITSSCHUHEN, SIE TROTTEL! SIND SIE DENN TOTAL BESCHEUERT, EINFACH MIT IHREN DRECKIGEN SCHUHEN MEINEN MARMOR ZU BETRETEN!" Und am selben Tag kam er um 17.00 Uhr zu mir und sagte mit sanfter Stimme: "Ach, Herr Poppe, Sie sind ja immer noch fleißig am Arbeiten. Sie müssen jetzt aber wirklich schnell nach Haus zu ihrer schwangeren Frau. Warten Sie, ich bestelle Ihnen mal eben ein Taxi! Hier, nehmen Sie das Geld; ich spendiere Ihnen das Taxi!" So ging es jeden Tag, so dass ich ständig seinen Launen ausgesetzt war. Ende August sprach ich mit Herrn Tönsing über meine wirtschaftliche Situation, dass ich ziemlich verschuldet sei und meine Frau ebenso eine Beschäftigung suche. Er bot mir an, dass meine Frau für ihn ab 01.09. für 300,-DM im Monat ein- bis zweimal in der Woche zum Putzen kommen könnte. Ich erzählte dies der Ruth, und sie war einverstanden. Und so geschah es, dass meine Frau und ich Anfang September auf einmal Seite an Seite für denselben Chef gearbeitet hatten, sie beim Putzen und ich beim Malern. Was wir jedoch noch nicht ahnten, war, dass wir beide von ihm über Monate keinen Lohn mehr bekommen sollten.

Spendenverwaltung nach Gutsherrenart

Bruder Hans-Udo beglückwünschte uns zu unserer neuen Wohnung und teilte uns mit, dass er Post aus Ecuador erhalten habe, sogar auf Deutsch übersetzt: Dr. Galo Granados hatte inzwischen ein starkes Misstrauen gegenüber unserem Anwalt, da dieser schlechte Arbeit gemacht habe, und wünschte sich einen neuen. Viele Punkte waren in der Satzung der Stiftung ungeklärt geblieben, z.B. die Finanzierung der Mitarbeiter etc., so dass die Satzung neu geschrieben werden müsse. Auch mit der großzügigen Ver(sch)wendung der Spendengelder durch Bruder Nelson war er nicht einverstanden. Als ich ihm in Ecuador mal verriet, wie viel Geld bereits in die Fertigstellung des Hauses geflossen sei, fasste er sich an den Kopf und sagte: "Für das Geld hätten wir zwei neue Häuser bauen können!" Er fragte Hans-Udo, ob dieser ihm ein Deutschkursbuch mit Kassetten empfehlen könne, weil er gerne Deutsch lernen wolle, um zukünftig direkt mit Hans-Udo zu korrespondieren. Über so viel Engagement zeigte sich Hans-Udo hoch erfreut und sandte mir einen Antwortbrief zum Übersetzen. Er schlug vor, dass der Bruder Felix Ramirez (24), der als Buchhalter in einer Bank arbeitete, doch ehrenamtlich als Wirtschaftsprüfer der Stiftung arbeiten könnte, um sich mal ein neutrales Bild von den Geldausgaben zu machen und seinen Eindruck zu schildern.

Das tat dieser dann auch bereitwillig, doch als Wochen später sein "Untersuchungsbericht" vorlag, war dieser nicht nur ernüchternd, sondern niederschmetternd: Felix fragte zu Recht, wie es möglich sein könne, dass Nelson sowohl Schatzmeister als auch Aufseher über die Geldausgaben in einer Person sei. „Es besteht überhaupt keine Kontrolle über die Ausgaben, die vermeintlich für die Stiftung verwendet wurden, so dass die Leichtigkeit und die Wahrscheinlichkeit bestehen, dass diese auch für persönliche Zwecke verwendet wurden… Herr Nelson Mogollón versteht noch nicht einmal die Grundprinzipien der Kontrolle, so dass weder die Transparenz noch die Vertrauenswürdigkeit gewährleistet sind…“. Zudem hätten die meisten Ausgaben gar nicht belegt werden können, da hierfür die Quittungen fehlten. Seine Kritik an Nelson war jedoch aus meinen Augen interessegeleitet, da seine Eltern ohnehin mit Nelson im Clinch lagen, so dass ich den Eindruck hatte, dass Felix´ Bericht respektlos sei, weil er dem ehrwürdigen Bruder Nelson indirekt Mauschelei unterstelle. Auch Nelson war äußerst pikiert über den Bericht und reagierte entsprechend beleidigt, indem er sich verwahrte, dass man seine untadelige Reputation doch nicht in Frage stellen dürfe, erst recht nicht von einem solchen Jungspund, den er noch als Baby kannte. Für die meisten Dienstleistungen bekomme man in Ecuador nun einmal keine Quittung, sondern nur einen Händedruck mit Dankeschön.

Da ich immer nur am Wochenende Zeit hatte, nahm das ständige Übersetzen der Briefe aus Ecuador an Hans-Udo und seine Antworten an die Geschwister viel Zeit in Anspruch. Deshalb war es eine große Erleichterung, als Hans-Udo mitteilte, dass er junge Brüder aus den USA kennengelernt habe, die bereit waren, beim Übersetzen zu helfen. Es meldeten sich auch immer mehr Jugendliche beim Hans-Udo, die gerne ihren Zivildienst in einem seiner Kinderheime machen wollten, vorzugsweise in Ecuador. Ich sah also immer mehr die Notwendigkeit, den Hans-Udo in Berlin zu besuchen, um ihm mitzuteilen, dass ich zukünftig nicht mehr für dieses Projekt zur Verfügung stehen würde, denn ich hatte ihm ja aus Scham noch immer nicht „reinen Wein eingeschenkt“. So fuhr ich Anfang September mit Ruth nach Berlin, wo wir dann schweren Herzens dem Hans-Udo und seiner Frau Elsbeth unsere Situation gebeichtet haben. Doch all das Zureden und Mutmachen half am Ende nichts, denn Ruth sah sich außer Stande. Sie gab aber ein wenig Hoffnung, dass sie ginge, wenn der HErr sie wieder vollkommen gesund machen würde. Ich wiederum versprach, dass ich Ende 1995 erst mal notfalls alleine nach Ecuador reisen würde. Doch ich ahnte nicht, dass das Jahr noch mit großen Turbulenzen enden würde…

Besuch aus Asmushausen und Geburt unserer Tochter

Irgendwann meldeten sich damals auch Ralf Schiemann und Thomas Schaum bei mir und fragten, ob sie mich besuchen kommen könnten, um über ihre Kritik an Hans-Udo zu sprechen. Ich hatte eigentlich dem Hans-Udo versprochen, dass ich den Kontakt zu diesen Brüdern abbrechen werde, da ihre Selbstgerechtigkeit und Kritiksucht eher schädlich als förderlich sei für das Volk Gottes. Aber meine Sehnsucht nach Harmonie und meine Hoffnung auf Entspannung waren dann doch so groß, dass ich dachte, ich könnte diese beiden Haudegen irgendwie zähmen und ihren glühenden Eifer vom Hans-Udo weglenken, und so lud ich sie ein nach Bremen. Inzwischen aber war Mitte August auch meine Schwiegermutter Lucila (62) aus Peru gekommen, um für drei Monate bei uns zu wohnen und um der Ruth bei der nahe bevorstehenden Geburt zur Hand zu gehen. Da der Platz also in unserer kleinen Wohnung zu eng war, fragte ich meinen Bruder Marcus, ob Thomas und Ralf nicht bei ihm übernachten könnten. Da er sie nicht kannte, erklärte ich ihm, welchen Bezug ich zu ihnen hatte und hoffte, dass Marcus psychisch stabil genug sei, um deren kompromisslose Art ertragen zu können. Immerhin war es gerade mal erst 2 ½ Jahre her, dass Marcus wegen einer starken Psychose seinen Job als Erzieher von schwer erziehbaren Jugendlichen an den Nagel hängte und sich – durch Charismatiker beeinflusst - im religiösen Wahn beinahe das Leben nahm. Zu meiner Überraschung war das Treffen außerordentlich friedlich und auch Marcus verstand sich bestens mit diesen beiden vollbärtigen Brüdern. Sie erzählten ihm, dass sie aus ihrem Haus in Bebra-Asmushausen eine Art Brüderhof machen wollten, um mit ihren Familien zusammen mit anderen Gleichgesinnten eine biblische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft haben könnten nach dem Vorbild der Mennoniten oder Hutterer. Marcus war von der Idee begeistert, und da er nicht gebunden war, packte er spontan seine Koffer, um mit ihnen nach Asmushausen zu ziehen.

Am Freitag, den 22.09.95 hat der HErr uns dann eine gesunde Tochter geschenkt, das 1000. Baby, das in jenem Krankenhaus in diesem Jahr geboren wurde, weshalb Ruth einen großen Blumenstrauß und 100,- DM vom Oberarzt geschenkt bekam. Rebekka hatte schon bei ihrer Geburt den Kopf voller Haare, die später schnell wuchsen und kupferbraun wurden, genau die Mischung zwischen Ruth und mir. Leider gab mir mein Chef am darauffolgenden Montag keinen "Babyurlaub", weil ein Treppenhaus unbedingt fertig werden musste. Doch am Dienstag rutschte auf einmal meine Schiebeleiter weg und ich stürzte 6 m die Treppe herunter, wobei mein rechtes Auge gegen die Halterung des abgebauten Handlaufs stieß und innerhalb von wenigen Minuten dick anschwoll. Dank sei Gott, dass es nur das Oberlid war, das einen Riss bekam, so dass mein Auge wie durch ein Wunder unversehrt blieb. Dafür wurde ich aber für den Rest der Woche krankgeschrieben, so dass ich bei meiner Frau, meiner Schwiegermutter und unserer Tochter sein durfte.

Oktober – Dezember 1995

Auf Montage in Berlin

Am darauf folgenden Montag teilte mir Herr Tönsing mit, dass er mich von nun an „auf Montage“ in den neuen Bundesländern einsetzen wolle. Das hieße, dass ich immer zwei Wochen von zu Hause weg sei und mit den Arbeitskollegen in einem Wohncontainerdorf in Geltow (Brandenburg) übernachten würde, um dann tagsüber auf Großbaustellen in Berlin zu arbeiten. Dafür bekäme ich aber zusätzlich zu meinem Arbeitslohn noch einmal 25,-DM/Tag an "Auslöse" (Verpflegungsmehr-aufwand), also im Monat rund 600,-DM mehr. Da wir hoch verschuldet waren, nahm ich dieses Angebot an, und er bot mir an, mich am darauffolgenden Tag mitzunehmen. Er fuhr einen nagelneuen, knallgelben Mitsubishi Sportwagen, der aussah wie ein Ferrari, und während der ganzen Autofahrt erzählte er mir von seinem Luxus und Erfolgen, um mich einzuschüchtern. Doch mir war klar, dass er damit nur seine Minderwertigkeitsgefühle überspielen wollte.

Als wir bei einer Raststätte anhielten und er mich auf einen Kaffee einlud, sagte ich ihm: "Wissen Sie Herr Tönsing: all das, was sie mir aufgezählt haben, beeindruckt mich nicht, denn ich bin viel reicher als Sie. Ich besitze Dinge, die Sie nicht haben und die man nicht mit Geld kaufen kann. Nicht nur habe ich eine Frau, die mich liebt und ein gesundes Kind, sondern vor allem habe ich von Gott das ewige Leben geschenkt bekommen durch den Glauben an Seinen Sohn Jesus! Das ist doch viel mehr wert als aller Reichtum der Welt!" Daraufhin entgegnete er: "Ach wissen Sie, da sage ich mir: Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach! All das, was Sie mir immer erzählen von der Bibel, das ist doch alles Glaubenssache, aber sicher können Sie sich nicht sein, ob es stimmt." Darauf ich: "Ja, ich glaube es, aber das heißt nicht, dass es für mich nicht auch sicher wäre. Glaube ist wie der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist. Dem Noah hat auch niemand geglaubt, als er die Arche baute mitten in der Wüste, aber als der Regen kam, war er und seine Familie in Sicherheit, samt all den Tieren, während die ungläubigen Menschen umkamen. Ihr Reichtum ist zudem nicht von Bestand. Sie müssen ständig darauf achten, ihn nicht zu verlieren und können ihn deshalb auch nicht genießen. Ich hingegen bin zwar arm, aber ich bin frei. Ich war schon dreimal in Südamerika und könnte jederzeit wieder dorthin fliegen, wenn ich wollte, und dort für 3 oder 6 Monate bleiben. Das können Sie nicht, weil Sie zu viele Verpflichtungen hier haben. Wann haben Sie z.B. das letzte Mal einen längeren Urlaub gemacht?" Er hatte mir nachdenklich zugehört, trank seinen Kaffee aus und sagte: "Ach wissen Sie, Herr Poppe, ich denke, dass es nur noch etwa ein oder zwei Jahre dauern wird, dann habe ich so viel Geld verdient, dass ich mich zur Ruhe setzen kann. Dann kaufe ich mir eine große Yacht und werde nur noch über die Weltmeere reisen. Dann kann mir keiner mehr was, noch nicht einmal Caudia Schiffer!" Dann stand er auf und ließ mich verwirrt zurück. Was hatte jetzt das Model Claudia Schiffer damit zu tun??! Ich fragte ihn, und er merkte, dass er gerade dummes Zeug geredet hatte und sagte nur lapidar: "Na ja, oder eben irgend ein anderer Promi, der immer mit seinem Geld protzt!"

Wir fuhren schweigend weiter. Nach einer Weile sagte mir Herr Tönsing: "Ich will ehrlich sein zu Ihnen, Herr Poppe: Dieser ganze Glaubenssch... interessiert mich nicht, denn ich halte das alles für Humbug. Aber eine Sache, die beeindruckt mich wirklich, und das sind SIE! Sie sind der einzige Mensch, den ich bisher kennengelernt habe, der innerlich völlig ausgeglichen ist. Nichts und niemand kann sie offensichtlich erschüttern. Solch eine Ruhe hätte ich auch gerne." Aber bevor ich ihm darauf etwas sagen konnte, fügte er nach ein paar Sekunden hinzu: "Aber kommen Sie mir jetzt nicht gleich wieder mit ihrem Glauben, denn das hat damit gar nichts zu tun, sondern eher mit ihrem stabilen Charakter!" Ich sagte nichts weiter, denn ich spürte, dass er innerlich verstockt war und sein Leben auch nicht ändern wollte.

Ein „Pastor“, der sich prügelt?

Meine neuen Kollegen kamen größtenteils aus Brandenburg, aber es waren auch viele von weiter weg, die mit mir im Containerdorf lebten. Zusammen fuhren wir früh morgens um 6.00 Uhr ca. 45 Minuten zu den Baustellen nach Berlin-Pankow und später in der Nähe von Potsdam, ein kleiner Ort namens Caputh. Es war alles erstaunlich gut organisiert, denn wir hatten einen Vorarbeiter mit starker Persönlichkeit, der uns alle fest im Griff hatte, so dass sich Herr Tönsing um nichts kümmern brauchte (sein Name ist mir entfallen, deshalb nenne ich ihn im Folgenden einfach mal Jens). Jens hörte den ganzen Tag nur seine Haevy-Metal-Musik, während ich Kassetten mit christlicher Musik hörte oder auch der Kelly Family. Doch allmählich spürte ich den Neid und die Verachtung meiner Kollegen, vielleicht weil ich ein Wessi war und ihnen manchmal widersprach in technischen Fragen (?). Einmal kam ein junger Kollege zu mir und sagte: "Simon, weißt Du eigentlich, dass alle hinter Deinem Rücken über Dich herziehen?" - "Echt? Wieso, was sagen sie denn?" - "Sie nennen Dich immer den 'Pastor', weil Du immer so komisch redest." - "Häh? Wie rede ich denn?" - "Ich weiß nicht, Du redest irgendwie immer so geschwollen. Ich finde Dich eigentlich ganz nett, aber Du bist irgendwie total anders als die anderen. Irgendwie gehörst Du gar nicht hier her. Das meinen auch die anderen." Ich war etwas verwundert darüber, aber mir fiel ein, dass das schon ein Chef bei einem Vorstellungsgespräch sagte, um zu begründen, warum er mich nicht einstellen wolle, weil ich dadurch nur "unnötig Unruhe" in seinen Betrieb brächte.

Im November waren die Temperaturen auf ungewöhnliche -5 bis -10 ˚C in der Nacht gefallen. Es war eigentlich völlig absurd, dass wir bei solchen Minustemperaturen noch draußen arbeiten sollten. Bei dieser klirrenden Kälte fragten wir uns, was wir denn früh morgens um 7.00 Uhr im Dunkeln machen sollten, denn um den Putz anzurühren, war es viel zu kalt. Aber Jens hatte immer irgendeine Aufgabe für uns, ob Sockelschienen setzen oder dübeln, solange bis es allmählich milder wurde. Wenn wir dann abends zurück nach Geltow fuhren, waren wir alle kaputt und durchgefroren. Eines Abends rauchten mal wieder alle im Kleinbus und ich machte wie immer das Fenster auf, um atmen zu können. Doch dann eskalierte die Situation: "Ey, Poppe, mach das Fenster zu!" - "Nein, es stinkt zu sehr, ich brauche Luft." - "Ach was, mach wieder zu, es wird kalt!" - "Euch mag das ja egal sein, aber ich bin Nichtraucher und mich stört das nun mal!" - "Hör mal, Poppe, du musst dich der Mehrheit anpassen, sonst nehmen wir dich nicht mehr mit, dann kannst du in Zukunft zusehen, wie du nach Geltow kommst!" - "Ach ja, Ihr wisst genau, dass Herr Tönsing euch verboten hat, im Firmenwagen zu rauchen, weil der nur geleast ist. Soll ich ihm vielleicht mal erzählen, dass Ihr Euch alle darüber hinwegsetzt?" - "Du bist doch ein Arschloch, Poppe! Willst uns also verpfeifen, toller Kollege!" - In diesem Moment schob einer der Kollegen das Fenster neben mir wieder zu. Ich machte es sofort wieder auf. Er drohte mir und machte es wieder zu. Ich schob es wieder auf und stemmte meinen Arm ins Fenster, so dass man es nicht mehr zumachen konnte. Daraufhin knurrte mich dieser an: "Du wirst schon sehen, Poppe, wenn wir gleich ankommen, dann kriegst du eins auf´s Maul!"

Als wir kurz darauf ankamen, schob er die Seitentür auf, so dass meine Arbeitstasche aus dem Auto fiel. Ich war mir nicht sicher, ob er das mit Absicht gemacht hatte, aber ich sagte ihm ein Schimpfwort und bückte mich, um meine Sachen aufzuheben, die herausgefallen waren. In diesem Moment nahm er mich schon in den Schwitzkasten und wir rauften uns. Da ich größer war, hatte er kaum eine Chance, aber er hatte vielleicht auch nicht damit gerechnet, dass ich mich wehren würde. Da ging einer zwischen uns, der aber in Wirklichkeit ihm helfen wollte und mir ein Bein stellte, so dass ich nach hinten fiel. Dann stürzte sich der andere wieder auf mich, doch ehe er sich versah, hatte ich ihm mit der Faust auf die Nase geschlagen, so dass er von mir abließ und ich mich aufraffen konnte. Inzwischen hatten alle um uns einen Kreis gebildet, um uns beim Kampf zuzuschauen. Mein Herz raste, doch ich wollte nicht mehr kämpfen, sondern schrie dem Jens zu: "WER HAT JETZT ANGEFANGEN?! WER HAT JETZT ANGEFANGEN?! WARUM SAGST DU NICHTS!? ENTWEDER ER WIRD GEKÜNDIGT ODER ICH GEHE!!" Daraufhin rief Jens: "Das hast Du gar nicht zu entscheiden, Poppe!" Ich nahm meine Sachen und ging in meinen Wohncontainer. Eine halbe Stunde später nachdem ich mich geduscht und wieder angezogen hatte, kamen ein paar meiner Kollegen in den Wohncontainer, setzten sich an den Tisch und sagten: "Wow, Simon, dem hast Du's aber gezeigt! Da hast Du Dich aber gut verteidigt!" - Ich merkte, dass sie etwas von mir wollten, und tatsächlich: "Du Simon, falls der Chef Dich fragen sollte, was passiert ist, bitte sage nicht, dass wir im Wagen geraucht haben, ok?" Ich sagte, dass ich es nicht von mir aus erzählen würde, aber wenn er mich direkt fragen würde, dann würde ich auch nicht lügen, da ich als Christ immer die Wahrheit sagen muss. Dann gingen sie wieder und kurz darauf kam die Verlobte von Herrn Tönsing, Frau Chlebusch, in den Bauwagen: "Herr Poppe, was habe ich denn da von Ihnen gehört, dass Sie sich geprügelt hätten? Das konnte ich gar nicht glauben! Das hätte ich von Ihnen gar nicht gedacht. Wie konnte das passieren?" Ich erklärte ihr, dass es Streit gab, ich aber nicht angefangen hätte, sondern mich nur verteidigt habe. In dem Moment wurde mir bewusst, dass ich ein schlechtes Zeugnis als Christ gegeben hatte, denn der HErr Jesus hatte uns ja gelehrt, dass wir jedem, der uns auf die rechte Wange schlägt, auch die linke hinhalten sollten (Mt.5:40). Jetzt aber hatte ich meinem alten Wesen wieder Raum gegeben in mir und hatte noch nicht einmal den Mut, meinen Feind um Vergebung zu bitten.

Überhaupt hatte ich mein geistliches Leben in den letzten Wochen völlig vernachlässigt. Anstatt regelmäßig zu beten und in der Bibel zu lesen, schaute ich abends mit meinen Kollegen Filme im Bauwagen. Ich vermisste Ruth und auch meine kleine Rebekka. Gerade die ersten Wochen sind ja für ein Baby wichtig, dass es die Liebe und Wärme seiner Eltern spürt. Ich bereute schon, dass ich nicht lieber auf diesen Job und den höheren Verdienst verzichtet hatte, um Ruth und Rebekka nicht alleine zu lassen! Als ich an einem Donnerstag nach den zweiten zwei Wochen meine Sachen packte, um am nächsten Tag nach Bremen zu reisen, teilte mir mein Zimmergenosse mit, dass alle diesmal eine weitere Woche bleiben sollten, weil auch am Samstag gearbeitet werden solle. Daraufhin ging ich zu Jens, der mit mehreren anderen am Tisch saß und Bier trank. Ich erklärte ihm, dass ich wie vereinbart am morgigen Tag abreisen würde, aber er lehnte dies ab, weil der Chef ein Bleiben für alle angeordnet hatte. Ich erklärte ihm höflich: "Ich muss aber nach Hause!" - "Und warum musst Du das?" - "Weil meine Frau und mein Kind mich brauchen." - "Ach wie süß!" höhnte er, und alle lachten, "er will zu seiner Mami zurück, weil sie ihn braucht! Was bist du nur für ein Weichei! Dann geh doch morgen schnell wieder zu deiner Mutti, wenn sie dich doch braucht!"

Die Meuterei

Als ich Ruth anrief, sagte sie mir, dass mein Lohn für Oktober noch immer nicht überwiesen sei und auch sie noch von Herrn Tönsing keinen Lohn erhalten habe für ihren Minijob. Ich rief Herrn Tönsing an, und er versicherte, dass er sich umgehend darum kümmern würde. Aber auch Mitte November war noch nichts auf dem Konto, so dass wir uns wieder von meinem Vater Geld leihen mussten, um unsere Miete und Lebensmittel zu bezahlen. Ich schrieb einen Brief an Herrn Tönsing, in dem ich ihn aufforderte, mir binnen einer Woche meinen noch offenen Lohn von 1,5 Monaten zu zahlen, da ich ansonsten kündigen würde. Diesen Brief übergab ich ihm persönlich und er las ihn in meiner Gegenwart. Dann steckte er ihn in sein Revers und sagte: "Herr Poppe, diesen Brief werde ich als Beweisstück verwenden, denn ich behalte mir vor, Sie auf Nötigung zu verklagen! Ich hatte Ihnen allen bereits gesagt, dass ich selber noch auf eine höhere Summe warte von meinem Kunden und rechne jeden Tag damit, dass diese eingeht. Aber ich verbiete Ihnen, dass Sie mich mit solchen Briefen erpressen, denn ich kann auch noch ganz anders! Passen Sie bloß auf, dass Sie mich nicht zum Feind haben!" Dann schritt er davon, und ich dachte: "Was denkt der nur, wer er sei!" Aber ich hatte nicht den Mut, etwas zu entgegnen.

Zwei Tage später gab Herr Tönsing uns endlich den noch ausstehenden Lohn in Form von Schecks über zwei Monatsgehälter (fast 5000,- DM), die wir allerdings nicht sofort einlösen konnten, solange wir nicht zuhause waren, sondern erst eine Woche später, etwa Ende November. Doch Mitte Dezember war noch immer kein Geld auf dem Konto und wir erfuhren, dass die Schecks gar nicht gedeckt waren. Herr Tönsing hatte uns also nur hinhalten wollen, damit wir weiter arbeiten würden. Jetzt aber brach eine Meuterei auf der Baustelle aus, denn die Mitarbeiter merkten, dass die Firma vor dem Aus stand. Bevor sie alle nach Hause fuhren, nahmen sich viele noch alles Mögliche vom Firmeneigentum mit und bestahlen so Herrn Tönsing als Ausgleich für ihren geprellten Lohn. Jens hatte sich sogar schon ein paar Tage vorher aus dem Staub gemacht, angeblich weil seine Freundin ihm am Telefon gesagt hatte, dass sie mit ihm Schluss machen wolle und er sie zur Umkehr überreden wollte. So war die Firma auf einmal führerlos und jeder tat, was recht war in seinen Augen. Ich fuhr nach Bremen und rief Herrn Tönsing an, doch nur sein Anrufbeantworter ging an. Später erfuhr ich, dass Herr Tönsing kurz zuvor seine Verlobte geheiratet hatte und nun über die Weihnachtstage seine Flitterwochen auf den Seychellen verbringen würde. Wie wir indes über die Runden kommen sollten, war ihm offensichtlich vollkommen egal.

Der Eklat

So verbrachte ich die letzten zwei Wochen des Jahres bei meiner Familie. Aus Bebra-Asmushausen erhielten wir Post von Marcus, der inzwischen schon rund zwei Monate in der christlichen WG zusammen mit den Brüdern Ralf Schiemann und Thomas Schaum und ihren Familien lebte. Sein Brief war äußerst fromm und demütig. Er bekannte darin, dass er die letzten 9 Jahre seit seiner Bekehrung geistlich geschlafen habe, nun aber zu neuem Leben erweckt sei durch den Einfluss der Brüder. Er erzählte mir, dass sie wie in der Urgemeinde alles miteinander teilen würden und niemand ein Geheimnis hätte, von dem die anderen nichts wüssten. Er lud uns ein, doch auch nach Asmushausen zu ziehen und bei dieser christlichen Wohngemeinschaft mitzumachen, zumal er mitbekommen hatte, dass ich geistlich gerade ziemlich in den Seilen hing. Doch hatte sich inzwischen ein Hoffnungsschimmer am Horizont gezeigt, was die Ecuadorarbeit anging: Ein paar Wochen zuvor hatte ich mich an einem Wochenende mit Rubin Rousseau (42) getroffen, einem deutsch-südafrikanischen Bruder aus der Bibelgemeinde, in die meine Eltern jahrelang gingen. Ich hatte ihm von unserem Kinderheimprojekt erzählt, und er erklärte sich bereit, mit seiner Frau Edith zusammen die Nachfolge als künftige Heimeltern zu übernehmen. Ich hatte also Hans-Udo angerufen und mich mit ihm für Mitte Dezember verabredet, dass er mit seiner Frau Elsbeth zu uns nach Bremen kommen möge übers Wochenende, damit er Rubin und Edith kennenlernen und mit ihm über die Details verhandeln könne. So war es eine große Freude, als schließlich dieses Treffen zustande kam in unserem Wohnzimmer. Hans-Udo berichtete Rubin über die Hintergründe, wie der HErr ihn 30 Jahre zuvor berufen habe, als Missionar in Pakistan zu arbeiten und erklärte ihm dann seine Aufgaben und die Bedingungen. Doch schon nach einer halben Stunde erklärte Rubin, dass er seine noch nicht volljährigen Kinder seiner 9-köpfigen Familie in ein Internat geben wolle in Deutschland, damit sie eine gute Ausbildung erhielten. Und noch bevor Hans-Udo dazu etwas sagen konnte, klingelte es plötzlich an der Tür...

Als ich aufmachte, stand auf einmal Thomas Schaum und Ralf Schiemann vor der Tür, zusammen mit meinem Bruder Marcus, der sich inzwischen einen kleinen Vollbart hatte wachsen lassen. Sie fragten, ob sie reinkommen dürften, und ich erklärte ihnen, dass ich gerade Besuch habe. "Das wissen wir", sagte Thomas, "denn Marcus hat es uns erzählt, und gerade deshalb sind wir ja auch jetzt ganz aus Bebra angereist." - "Ihr hättet aber wenigstens vorher mal anrufen können, denn eigentlich ist es jetzt gerade etwas ungünstig." Trotzdem ließ ich sie rein, und sie gingen die Treppe hinauf ins Wohnzimmer. Ich stellte sie meinen Gästen vor und besorgte noch schnell ein paar zusätzliche Stühle. Hans-Udo dachte, dass ich die Brüder absichtlich eingeladen hätte und war sehr verwundert, warum ich dies angeblich verheimlicht habe. Ich erklärte ihnen, dass dies jetzt nicht geplant sei, aber dass der HErr vielleicht Gnade schenken würde zu einer gemeinsamen Verständigung. Hans-Udo hielt dies nicht für eine passende Idee und bat mich, den Brüdern vorzuschlagen, dass sie doch ein andern mal wiederkommen könnten. Da ich jedoch gegenüber Ralf und Thomas den Eindruck vermeiden wollte, ich sei unmündig und würde immer nur das tun, was Hans-Udo sagt, schlug ich indes vor, doch gemeinsam miteinander über alle Probleme zu reden. Eine fatale Fehlentscheidung - wie sich dann leider herausstellte...

Tatsächlich hatten Thomas und Ralf dem Hans-Udo eine Falle stellen wollen, indem Thomas einen kleinen Kassettenrekorder versteckt hatte, um ohne unser Wissen und Erlaubnis, sozusagen in "Stasi-Manier", das Gespräch heimlich aufzunehmen. So wie die Pharisäer damals den HErrn Jesus in Seiner Rede fangen wollten, um einen Anklagegrund gegen Ihn in der Hand zu haben, so hoffte auch Thomas, dass er durch Fangfragen den Hans-Udo in Widersprüche verwickeln könnte, damit er einen Anklagegrund gegen ihn hätte. Um sich nichts anmerken zu lassen, verhielt sich Thomas zunächst höflich und stellte ein paar Fragen, die ihm Hans-Udo zwanglos beantwortete. Doch als es immer mehr Fragen wurden, fragte Hans-Udo: "Was soll das hier werden? Ein Verhör? Simon, Du solltest als Hausherr jetzt mal ein Machtwort sprechen und mal klarstellen, wer heute Deine eigentlichen Gäste sind!" Thomas erwiderte laut: "Nach dem Wort Gottes sind Sie verpflichtet, sich zu verantworten gegenüber jedem, der Rechenschaft von Ihnen fordert. Und ich möchte auch nicht, dass Sie immer wieder ausweichen, sondern meine Fragen einfach nur mit JA und NEIN beantworten!" Daraufhin stand Elsbeth auf, die die ganze Zeit kein einziges Wort gesagt hatte, und sprach mit einer zarten und brechlichen Stimme: "Hören Sie, junger Mann, was erlauben Sie sich, in diesem Ton zu meinem Mann zu reden! Haben Sie denn keinen Respekt?!" - Thomas unterbrach Sie: "Entschuldigen Sie, liebe Schwester, aber ich rede gerade mit Ihrem Mann, und ich denke, Sie sollten sich als Schwester ohnehin zurückhalten, wenn Brüder miteinander reden!" Darauf stand auch Hans-Udo auf und sagte: "Simon, ich merke, dass es Dir schwer fällt, hier mal ein klärendes Wort zu sprechen, deshalb mache ich einen Vorschlag: Bruder Rubin hatte ja schon angedeutet, dass wir die Nacht auch bei ihm verbringen können, deshalb wird er uns jetzt zu sich nach Hause fahren und Du kannst Dich hier noch weiter mit Deinen Brüdern unterhalten. Morgen früh reden wir dann weiter über unser Projekt! einverstanden?" Ich war wie gelähmt, denn mir war klar, dass ich als Hausherr gerade völlig versagt hatte. Daher entschuldigte ich mich immer wieder für meine enttäuschende Nachgiebigkeit und verabschiedete Hans-Udo und seine Frau.

Der Verrat

Als ich wieder oben war, nahmen mich Thomas und Ralf ins Kreuzverhör und redeten lange auf mich ein, dass ich mich doch von Hans-Udo trennen müsse, da dieser doch ein "falscher Fufziger" sei, der nur an Macht und Geld interessiert sei und dem dazu jedes Mittel recht sei. Ich verteidigte den Hans-Udo, so gut ich konnte, doch nach einer Stunde war ich dermaßen "weichgekocht", dass ich ihnen nichts mehr zu entgegnen wusste. Ich versuchte einen Befreiungsschlag, indem ich sagte: "Ihr beide kommt mir vor wie zwei Männer, die auf einer Müllhalde sind und sich darüber aufregen, dass eine einzige Dose umgekippt rumliegt und wollt sie unbedingt gerade aufrichten. Es gibt heute so viele Probleme unter uns Christen, aber Ihr tut so, als ob es genügen würde, dass man hier und da mal etwas mit dem Staubwedel rübergeht! Merkt Ihr nicht, dass Ihr völlig übertreibt und dass ihr versucht, an einem X-Beliebigen ein Exempel zu statuieren, indem Ihr bei ihm das Haar in der Suppe sucht? Ich kenne den Hans-Udo viel besser als Ihr und weiß auch um seine Fehler, aber er ist im Vergleich zu den meisten anderen Christen ein wirklich treuer Diener des HErrn, weil er nicht redet, sondern tut. Wo gearbeitet wird, da fallen aber auch mal Späne. Ich könnte Euch Sachen erzählen über den Hans-Udo, wo Eure Vorwürfe läppisch wären im Vergleich, aber obwohl ich das weiß, halte ich ihm die Treue, denn das ist wahre Bruderliebe!"

Sie schauten sich an, und Ralf sagte behutsam: "Was weißt Du denn noch über den Hans-Udo, was wir noch nicht wissen?" - "Das werde ich Euch natürlich nicht auf die Nase binden, denn Ihr würdet ihm daraus nur einen Strick drehen! Ihr wollt ihn ja nur zur Strecke bringen, aber die Liebe deckt die Fehler des anderen zu!" - Thomas entgegnete: "Jaaaa, wenn jemand seine Fehler BEREUT! Wenn jemand aber in Sünde lebt und man überführt ihn nicht, dann macht man sich nach Hesekiel 3 mitschuldig an seiner Sünde! Also wenn Du etwas weißt, solltest Du das jetzt offen bekennen." - "Nein, das werde ich nicht tun, denn ich kenne Euch, und Ihr wollt ihn nur ans Messer liefern!" - "Simon, hast Du etwa kein Interesse daran, dass Hans-Udo zur Buße kommt? Komm, - sag uns die Wahrheit! denn die Wahrheit allein macht frei!" - "Nein, das wäre eine weitere Treulosigkeit gegen diesen Bruder, und er hat schon genug gelitten, das kann ich nicht machen.“ – Thomas: „Simon, wir können nur Gemeinschaft miteinander haben, wenn wir im Licht wandeln. Wenn Du aber Sünde verbergen willst, dann wirst Du auch weiterhin kein Gelingen haben (Spr.28:14). Frag Dich doch mal, warum diese ganze Arbeit jetzt auf der Kippe steht. Liegt es nicht genau daran, dass Ihr irgendetwas vertuschen wolltet? Gott will aber, dass wir ein reines Gewissen haben sollen und dass wir uns keiner Sache schämen müssen. Deshalb: Stell Dich ins Licht!“ – Ich bereute, dass ich sie überhaupt auf diese Fährte gelockt hatte, denn jetzt kam ich nicht mehr so einfach aus dieser Nummer raus. Thomas würde keine Ruhe geben, bis er es herausgefunden hat, und ich könnte nicht „frei den Blick erheben“, solange ich noch ein dunkles Geheimnis mit mir tragen müsste. Unter der Bedingung, dass sie nichts unternehmen mögen, entschied ich mich schließlich, ihnen die Wahrheit zu sagen, indem ich ihnen von dem Schmu des Anwalts berichtete und dass wir letztlich mit unserer Unterschrift darin eingewilligt hatten.

Die Reaktion von Thomas war zu erwarten und erinnert mich im Nachhinein an die des Hohenpriesters bei der Verurteilung Jesu: „Was bedürfen wir noch weitere Zeugen. Jetzt habt ihr´s doch alle gehört!“ Ich erinnerte Thomas noch einmal an sein Versprechen, dass er den Hans-Udo in Ruhe lassen wolle und vereinbarte mit den Brüdern, dass ich selbst dem Hans-Udo schreiben würde, um ihn zur gemeinsamen Buße zu bewegen. Thomas war jedoch nicht so naiv wie ich und fügte hinzu: „Wir versprechen Dir, nichts zu unternehmen, bevor Du ihm geschrieben hast, sondern wollen erst einmal seine Reaktion abwarten.“ – „Ihr werdet sehen, dass Bruder Hans-Udo seinen Fehler einräumen wird, zumal es ja auch nur etwas Geringes ist, das jedem von uns mal passieren kann. Ich kenne diesen Bruder jetzt schon seit vier Jahren und weiß deshalb, dass es ihm immer nur um die Ehre Gottes ging. Den Eindruck, den Ihr von ihm habt, ist einfach völlig falsch und verzerrt. Ihr müsstet mal seine Briefe lesen, wenn er an mich schreibt, dass er immer nur den HErrn Jesus groß macht!“ Daraufhin Thomas: „Ach, Simon, wo Du das gerade ansprichst: Macht es Dir was aus, wenn Du mir mal die Briefkorrespondenz zwischen Euch zu lesen geben könntest?“ – Ich überlegte kurz und sagte: „Nur unter der Bedingung, dass Du mir versprichst, dort nicht nach weiteren Anklagegründen gegen Hans-Udo zu suchen! Außerdem darfst Du Dir auch keine Kopien daraus machen, denn unser Briefwechsel ist vertraulich!“ – Thomas antwortete: „Ich verspreche es Dir.“ Dann gab ich ihm die Mappe mit den Briefen und wir verabschiedeten uns. Nachdem sie gegangen waren, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Es kam mir vor, als wenn ich wie Judas gerade meinen besten Freund verraten hätte…

An dieser Stelle wird sich wohl jeder Leser an den Kopf fassen, wie ich nur so naiv sein konnte; und auch ich selbst muss mich das heute selbstkritisch fragen. Dass Thomas sich letztlich nicht an sein Versprechen gebunden fühlen würde, war letztlich abzusehen, wenn man seinen „Killerinstinkt“ einmal kennengelernt hatte. Aber letztlich war es dem Thomas gelungen, mich zu beschwatzen, indem er „Kreide gefressen“ hatte, um mich zu täuschen (wie in der Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein). Nach Heiligabend erfüllte ich mein Versprechen und schrieb dem Bruder Hans-Udo einen 6-seitigen Brief, in welchem ich ihm in aller Unterwürfigkeit bat, auf die Forderung der Brüder einzugehen, um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen, damit endlich Ruhe einkehre. Am liebsten wäre mir ja gewesen, dass sich alle Seiten wieder miteinander vertragen würden und wieder alles so harmonisch sei wie früher; aber Thomas war kein Mann des Friedens, sondern gehörte zu der Sorte streitsüchtiger Menschen, die die Bibel als „Söhne der Zeruja“ bzw. als „Donnersöhne“ bezeichnet. Selbstverständlich machte sich Thomas von den Briefen Kopien, weil er darin wieder Anhaltspunkte zum öffentlichen Verklagen des Bruders fand und fertigte eine umfangreiche „Ermittlungsakte“ an, die er dann u.a. an einen Bruder namens Michael Nagel zur Prüfung sandte. Dieser aber konnte die Vorwürfe nicht teilen und fand sie ebenso wie ich übertrieben. Und so erwies sich Thomas Schaum schließlich als Schaumschläger, und die ganze Sache verlief nach ein paar Monaten im Sand.

Januar – März 1996

Mein Schiffbruch im Glauben

Das neue Jahr begann mit viel Schnee und Minustemperaturen. Da Herr Tönsing auch nach den Feiertagen nicht erreichbar war und ich nicht wusste, wie es nun weiter gehen sollte, ging ich zur Arbeiterkammer, um mich rechtlich beraten zu lassen. Denn obwohl ich inzwischen schon 2,5 Monate lang kein Geld mehr erhalten hatte, bestand ja immer noch ein ungekündigtes Arbeitsverhältnis. Die dortige Juristin riet mir, ihm meine Arbeitskraft anzubieten, doch ihm auch eine kurze Frist zu setzen mit der Androhung, zu kündigen, falls er weiterhin nicht reagiere, da unser Lebensunterhalt gefährdet sei. Danach solle ich ihn beim Arbeitsgericht auf Zahlung der noch ausstehenden Löhne verklagen, was ich dann auch Ende Januar tat, zusammen mit allen anderen - um ihren Lohn geprellten - Mitarbeitern.

Mein Freund Bernd Fischer schrieb mir und warnte mich eindringlich, dass ich unbedingt den Kontakt zu Thomas und Ralf beenden müsse, da diese zu „Brudermördern“ geworden seien und ich durch ein Bündnis mit diesen mich mitschuldig machen würde an ihren Verleumdungen. Die Begründungen von Bernd waren sehr weise und biblisch gut fundiert, deshalb willigte ich ein und verwandte seine Argumente in einem Brief an Thomas, in welchem ich ihn eindringlich aufforderte, grundsätzlich sein – so wörtlich - „Schreiben gegen andere Brüder aufzugeben, da Du dafür nicht die nötige Begabung hast“. Wie nicht anders zu erwarten, verschärfte sich darauf allmählich der Ton zwischen uns, und Thomas begann nun, auch mir immer mehr Vorhaltungen zu machen, warum ich denn überhaupt auch noch Kontakt zu Bernd habe, der doch ein Irrlehrer sei mit seiner „Gott-belügt-die-Lügner“-These. Aber auch Hans-Udo reagierte nun mit einem langen Brief voller Vorwürfe gegen mich wegen meiner Treulosigkeit und wollte dieses ständige Hin und Her nicht länger mitmachen. In seinen Augen hatte ich nun endgültig bewiesen, dass auf mich kein Verlass sei, sondern dass ich ein unreifer und wankelmütiger Bruder sei, dem man nicht trauen könne.

Wankelmütig? Ja, das traf es in der Tat. Denn ich verlor allmählich immer mehr den Halt, weil ich zu viele falsche Entscheidungen getroffen hatte und keine Orientierung mehr besaß, was eigentlich Gottes Wille für mich war. In jener Zeit telefonierte ich viel mit Schwester Brigitta, die zu unserem Hauskreis gehörte und in den letzten zwei Jahren auch immer Marcus‘ Seelsorgerin war. Brigitta sah sich immer als eine Art „Aufpasserin“ über unseren Glauben und erwartete stets, dass wir ihre Ratschläge auch befolgen sollten. So hatte ich ihr z.B. mitgeteilt, dass mein Vater mir 2.000,- DM geliehen habe, weil wir absolut blank waren und ich auch meine Miete nicht hätte bezahlen könne. Sie warf mir jedoch vor, dass ich mir kein Geld von meinem Vater hätte ausleihen dürfen, da mein Vater noch nicht wirklich gläubig sei und ein Christ sich nichts von Ungläubigen borgen sollte. Sie forderte mich auf, meinem Vater das Geld zurückzugeben und stattdessen zu beten, dass der HErr mir doch auf irgendeine andere Weise das Geld zukommen lassen möge. Ich hielt dies für gänzlich ausgeschlossen, befolgte jedoch ihren Wunsch, für dieses Wunder zu beten. Kurz darauf erhielt ich Post vom Finanzamt mit einem Steuerbescheid aus 1994, dass ich aufgrund eines zu geringen Einkommens meine gesamt bezahlten Steuern von etwas über 2000,- DM zurückerstattet bekommen würde. Ich war total sprachlos und rief sofort Brigitta an, um ihr von dieser Gebetserhörung zu berichten. Brigitta freute sich sehr, doch nachdem der erste Jubel verklungen war, sagte sie: „Simon, dann weißt Du ja hoffentlich, was Du jetzt zu tun hast.“ – Ich schluckte und sagte: „Du meinst, ich solle meinem Vater jetzt die 2000,-DM zurückgeben?“ – „Ja, selbstverständlich! Was denkst Du denn?!“ – „Aber Brigitta, ich hatte Dir doch schon gesagt, dass mein Vater das Geld gar nicht braucht, weil er genug davon hat. Ich hingegen kann es sehr gut gebrauchen, denn ich stecke ja noch immer in der Krise, und wenn ich es ihm jetzt auch geben würde, dann ist es nur eine Frage der Zeit, dass ich ihn schon bald wieder um Geld anbetteln müsste.“ – „Aber Simon! Jetzt bin ich aber wirklich sprachlos und schwer enttäuscht von Dir! Da hat Gott Dir einmal mehr Seine Macht gezeigt und ein solches Wunder geschenkt, und Du zweifelst immer noch daran, dass Er Euch auch weiterhin versorgen würde! Sag mal, hast Du denn überhaupt keinen Glauben!?“ – Eine gute Frage. Nach all den Prüfungen, die ich in der letzten Zeit schon durchgemacht hatte, waren alle meine Glaubensreserven aufgebraucht. Ich bat Brigitta um Verzeihung, dass ich derzeit zu schwach sei, um auf diese unverhoffte Finanzspritze verzichten zu können. Sie fragte mich, was sie denn überhaupt in den Bibelstunden noch von mir lernen könne, wenn ich in der Praxis so jämmerlich versagen würde. Das fragte ich mich auch.

Mein Glaubensleben war an einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Meine fromme Fassade war inzwischen so durchlöchert, dass jeder geistliche Mensch sofort sehen konnte, dass da kaum mehr geistliche Substanz vorhanden war, von der ich hätte zehren können. Deswegen erlitt ich all diese schweren Züchtigungen, weil Gott von mir schwer enttäuscht war und mir nun mit aller Eindringlichkeit zeigen wollte, dass ich Buße tun müsse. Ich erinnerte mich an die Worte Jesu: „Gedenke nun, wovon du gefallen bist, und tue Buße (d.h. ändere dein Denken) und tue die ersten Werke; wenn aber nicht, so komme ich dir und werde deinen Leuchter aus seiner Stelle wegrücken, wenn du nicht Buße tust“ (Offb.2:5). Womit hatten all die Probleme angefangen? Was war der Ursache, dass ich vom Wege abgekommen bin? Fing es nicht schon 1994 an, als ich für Ruth einen Fernseher gekauft hatte und später sogar einen Videorekorder? Dabei hatte ich doch jahrelang immer gepredigt, dass Fernsehen Sünde sei! Und ich hatte meine Haltung auch nie öffentlich widerrufen, sondern stattdessen seither jedes Mal den Fernseher versteckt, wenn ich Besuch von Brüdern bekam. Thomas hatte schon ganz richtig bemerkt, dass ich ein Heuchler sei. Aber es war noch nicht zu spät. Das Licht Gottes war noch nicht ganz in mir erloschen (1.Sam.3:3) einen „glimmenden Docht“ wie ich würde der HErr nicht auslöschen (Mt.12:20). Ich musste also nur den Götzen aus unserem Haus entfernen, und dann würde schon alles gut werden.

So schlich ich mich heimlich ins Haus, um den Fernseher samt Antenne in einen Karton zu packen, um ihn zu zerdeppern. Von Bruder Norbert Homuth hatte ich gelernt, dass man einen Fernseher nicht einfach auf den Sperrmüll tun dürfe, da er sonst von jemand anderes mitgenommen werden könnte, sondern dass man ihn in jedem Fall vorher zerstören müsse, z.B. durch Steinigung. Das wollte ich tun, aber dazu musste ich ihn erst einmal wegschaffen. Als ich den Karton auf meinen Gepäckträger tat, sah mich meine Schwiegermutter und fragte mich beiläufig, was ich denn vorhätte. Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Tengo que llevar basura“ („Ich muss nur mal eben Müll wegbringen“). Ohne einen Plan zu haben, fuhr ich mit dem Fahrrad auf die B6 Richtung Brinkum. Als ich auf die Ochtumbrücke kam, hielt ich mein Fahrrad an, lud den Karton ab und wollte ihn unbemerkt in den Fluss werfen. Doch mir kam der Gedanke, dass dies Umweltverschmutzung sei, und so warf ich ihn nicht in den Fluss, sondern auf die daneben befindliche Uferböschung. Doch zu meiner Überraschung war der Fernseher so weich gelandet, dass er nicht kaputt gegangen war. Also ging ich nochmal runter, brachte ihn wieder nach oben auf die Brücke und warf ihn ein zweites Mal, und erst dann zerbrach er in viel Stücke. Dann ging ich noch einmal nach unten und befestigte am Fernseher einen Zettel, den ich zuvor als eine Art „Grabrede“ geschrieben hatte, und zwar mit einem Gedicht, das Heinrich Heine kurz vor seinem Tod gedichtet haben soll: „Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt! Die Leier, die zur bösen Feier bewegt ward von dem bösen Geist, die Leier die zum Aufruhr klang, die Zweifel, Spott und Abfall sang. O HErr, o HErr, ich kniee nieder, vergib, vergib mir meine Lieder!“.

Als ich zurückkam, verkündigte ich voller Freude und Stolz, dass ich gerade eben unseren Fernseher zerschmettert hätte. Lucila reagierte etwas erschrocken und sagte nur: „Si pues, era la caja del diablo“ („Na ja, das war ja auch eine Teufelskiste“). Ruth hingegen war nicht gerade begeistert über diese eigenmächtige Entscheidung von mir, weil ich mich nicht zuvor mit ihr abgesprochen hatte. Sie warf mir vor dass sie und ihre Mutter nun überhaupt keine Zerstreuung mehr hätten und sie wegen des Schnees und der Kälte draußen noch nicht einmal längere Zeit Spazieren gehen könnten. Aber als ich ihr die Gründe erklärte, dass das Fernsehen für mich ein Anstoß zur Sünde sei und ich diesen deshalb mit Stumpf und Stiel ausrotten musste, verstand sie es und war damit einverstanden. Ich versprach ihr, dass wir uns von nun an mehr Zeit nehmen würden zur regelmäßigen Bibellese und Gebet. Durch die neu gewonnene Zeit konnte ich - während Lucila strickte und wir uns unterhielten - auch endlich mal mein 2000-Teile-Puzzle fertigstellen, das schon die ganze Zeit auf dem Boden lag. Doch sollte diese Idylle vom trauten Heim nur von kurzer Dauer sein…

Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln…

Am Freitag, den 25.01.96 stand auf einmal Marcus vor der Tür. Inzwischen hatte er einen richtigen Vollbart, wie es ihm die Brüder aus Asmushausen „beigebracht“ hatten (nach ihrer Auffassung habe Gott den Mann ja schließlich mit Bartwuchs geschaffen, deshalb sei es Sünde, wenn man sich rasieren würde, weil man dadurch ja dem Willen Gottes widerstehen würde). Er begrüßte uns herzlich und wir sprachen miteinander über die letzten Tage und Wochen und es gelang mir, ihn davon zu überzeugen, dass der Thomas sich durch seine harte und unfruchtbare Agitation gegen Hans-Udo und andere Brüder versündigt habe. Marcus räumte ein, dass der eigentliche Grund für seinen Besuch der war, um mich und meine Familie „zur Buße zu rufen“, aber dass er nun einsah, dass er sich nicht in solche Anklagen wie die gegen Hans-Udo einzumischen habe, zumal er diesen überhaupt nicht kenne. Doch am nächsten Tag war er schon früh aus dem Haus gegangen und hatte mir nur einen Zettel hinterlassen mit meinem Taufspruch aus Luk.22:31-32: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, auf dass dein Glaube nicht aufhöre. Und du, bist du einst zurückgekehrt, so stärke deine Brüder!“ Marcus sah mich scheinbar total in Sünden zu versinken und wollte mit diesem Apell mir vorerst den Rücken kehren. Doch erfuhr ich später, dass er in unser Elternhaus gefahren war, um nun meinen Vater und meinen Bruder Patrick zur Buße zu rufen, was bei diesen jedoch nur auf Befremden stieß. In der Nacht von Samstag auf Sonntag überfiel Marcus dann der Wunsch, das ganze Haus meiner Eltern von oben bis unten zu reinigen, sozusagen als letzten Dienst für die Familie, bevor er für immer gehen wollte. In der Morgendämmerung stieg er dann in den ersten Bummelzug, um nach Asmushausen zurückzufahren. Als er schon in Göttingen war, besann er sich darauf, wieder nach Bremen zu fahren, weil dort sein Platz sei. Er besprach sich am Montag mit Schwester Brigitta über seine Situation, doch bekam er plötzlich eine sonderbare, geistesgestörte Anwandlung, weil er Brigittas Wohnung angeblich voller Dämonen sah. So verließ er sie fluchtartig, um – wie er sagte – „Sodom und Gomorra“ zu verlassen. Er schnappte sich seinen Rucksack und ein Fahrrad, und fuhr bis zur nächsten Autobahnauffahrt. Dort stellte er es unabgeschlossen mitten auf dem Gehweg, ging die Böschung der Autobahn hinauf und ging von 18.00 bis 21.00 Uhr ca. 30 km die Autobahn entlang, um auf den schnellsten Weg nach Asmushausen zu kommen. Seinen Rucksack mit seinen ganzen Habseligkeiten ließ er unterwegs an einer Leitplanke zurück, weil er ihm zu schwer war. Ein anhaltender Autofahrer bot ihm an, einzusteigen, aber er lehnte ab. Um ca. 22.00 Uhr rief er meinen Bruder Patrick zuhause an und bat mit stockender Stimme, ihn in Langwedel bei der Autobahnausfahrt Achim-Ost abzuholen. Er war völlig durchgefroren und verwirrt. Nachdem sie dann zwar sein Fahrrad aber nicht mehr seinen Rucksack aufgabeln konnten, fuhren sie wieder nach Hause. Als ich dann mit ihm telefonierte sagte er mit leiser Stimme: „Ich wollte ein besserer Christ sein, aber diese Superchristen in Asmushausen – das kann es irgendwie nicht sein. Ich bleibe jetzt hier.“ Am Dienstagmorgen rief er Thomas an, um ihn über seinen Schluß zu informieren. Thomas reagierte erbost und sagte ungefähr so viel wie: „Wenn du in Sodom bleiben willst, dann kann ich dir nicht mehr helfen!“ Nach dem Gespräch sagte er zu Patrick unter Tränen: „Wie können sie immer nur so hart zu mir sein…“.

Am späten Abend besuchte mich Marcus. Er war inzwischen völlig klar und entschieden, sich endgültig von diesen Brüdern zu trennen, bis sie Buße getan hätten. Doch während wir uns unterhielten über die heutige Situation in der Christenheit und über meine Schwachheit im Fleische und auch über das Gute, das Marcus in Asmushausen von HErrn geschenkt bekam, stand Marcus plötzlich auf und wollte gehen. Er sagte, hier sei nicht sein Platz, er habe keinen Frieden hier. Ich hielt ihn zurück und erklärte ihm ausgiebig sein krankhaftes, debiles Verhalten und die Gefahren in Asmushausen. Als ich fertig war, stand er auf und sagte: „Dein eigener Mund verurteilt dich! Komm mit mir nach Asmushausen und lass dich dort durch die Brüder von deinen Sünden überführen!“ Er zog seine Jacke an, aber ich wollte ihn nicht gehen lassen, weil ich Angst um ihn hatte. Ich sagte: „Marcus, das ist doch nicht der Heilige Geist, der dich treibt, sondern Dämonen! Lass uns doch erst einmal zusammen beten!“ Er schaute mich wie hypnotisiert an. Sein Blick war starr und apathisch. Er sagte: „Nein, lass mich gehen.“ Ich sagte: „Um deinetwillen würde ich sogar schon morgen nach Asmushausen fahren.“ Dann setzte er sich wieder, und sagte, er würde nur deshalb die Nacht hier verbringen, weil ich ihm dieses Versprechen gemacht habe. In dem Moment rief mich plötzlich Hans-Udo an und wir sprachen kurz über die Kritik der Asmushausener. Da stand Marcus auf und wollte mit Hans-Udo sprechen; ich ließ es aber nicht zu, sondern verabschiedete mich schnell von dem Bruder. Als Marcus dann laut etwas in den Hörer hineinrief, hatte Hans-Udo bereits aufgelegt, so dass Markus ihm „Feigheit“ vorwarf.

Dann hielt ich Marcus anderthalb Stunden ohne Unterbrechung bis Mitternacht einen Vortrag über die ganze Situation, erzählte ihm, wie viel Böses Thomas schon durch seine üble Nachrede angerichtet hatte und fing sogar dabei an zu weinen, wie er schon Zwietracht ausgestreut hatte unter Brüdern, so dass fast alle Brüder sich inzwischen von mir getrennt hätten. Als ich fertig war und froh war über seine scheinbar einsichtsvolle Geduld, stand er zu meiner Überraschung wieder wortlos auf, um zu gehen. Diesmal hinderte ich ihn aber nicht, sondern ging auf die Knie, um für Ihn zu beten und ging dann mit Ruth zu Bett. Nach einer halben Stunde kam Marcus wieder und da er wusste, wo der Hausschlüssel versteckt war, kam er die Treppe hoch und sagte, dass der letzte Zug schon gefahren sei und er deshalb bis morgen noch bleiben würde. Ich holte ihm ein Federbett vom Dachboden, während er still in der Bibel las. Doch nach 10 Minuten hatte er schon wieder den Entschluss gefasst, zu gehen, weil er lieber auf dem Hauptbahnhof übernachten wollte. Ich versuchte ihn, zu überreden, zumal es angefangen hatte zu schneien, aber es half nichts. Eine Stunde später – ich war schon fast eingeschlafen – stand Marcus wieder in der Wohnung. Er sagte nichts, sondern setzte sich aufs Sofa, um in der Bibel zu lesen. Ich lege mich wieder hin, doch nach 5 Minuten zog er sich wieder seine Jacke an und wollte gehen. Ich sagte nur: „Marcus, komm endlich zur Ruhe!“ Er verharrte eine Weile und ging dann aber doch. Draußen schneite es heftig.

Es vergingen 2 Stunden, da kam er wieder und sagte: „Simon, mein Verhalten war eigenwilliger Gottesdienst. Ich hatte Petrus-Allüren. Ich bitte dich um Vergebung!“ Doch es waren kaum 5 Minuten vergangen, da meinte er wieder, er müsse nach Matth. 10 das „Haus verlassen und den Staub von seinen Füßen schütteln“, da ich seine Bußbotschaft nicht annahm. Ich schimpfte mit ihm und sagte, er sei wie ein „Junkie vollgekifft“ und sollte sich von Thomas lieber die Füße anstatt das Hirn waschen. Auch sagte ich ihm das er die schlechte Frucht von Thomas bösem Verhalten sei und dass ich deshalb nie mehr nach Asmushausen gehen würde, bis sie alle Buße getan hätten. Ich merkte bei Markus einen völlig verzweifelten Gesichtsausdruck und er beschworen mich, nie mehr das Haus zu betreten. Ich sagte: „Geh doch endlich, hau ab und stör uns nicht ständig!“ Nach einer halben Stunde kam Marcus wieder ins Haus und sagte mit verklärter Stimme: „Simon, ich bin wieder da und bleibe jetzt hier. Es ist alles gut, alles wieder in Ordnung, mach dir keine Sorgen…“ Diesmal war es von Dauer, aber mein Schlaf war dahin. Es war schon 3:30 Uhr in der Frühe. Ich dusche mich und legte mich noch für 4 Stunden nieder. Ruth hatte übrigens schon vorher sämtliche Messer in der Küche versteckt, damit Marcus sich nicht wieder wie vor zwei Jahren die Pulsadern aufschneiden könnte. Doch endlich war der Spuk vorbei, zumindest hofften wir es.

Doch auch am nächsten Tag ging der Horror weiter: Nachdem wir gefrühstückt hatten, schlug ich vor, mit Marcus zusammen nach Arbergen ins Elternhaus zu fahren, denn mein Vater würde sich sicherlich schon Sorgen machen, ob Marcus nicht schon wieder eine Psychose habe wie vor zwei Jahren, als er im Wahn mehrfach versucht hatte, sich das Leben zu nehmen und schließlich mit Erfrierungen 3. Grades in die Geschlossene Psychiatrie eingewiesen wurde. Als wir im Bus saßen, schüttete Marcus mir sein ganzes Herz aus und erklärte, dass er in Ralf Schiemann einen Ersatzvater gesucht habe, den er über die Maßen bewunderte und so sein wollte wie er. Wörtlich: „Weißt Du, Simon, wenn ich an meine Beziehung zu Gott denke, dann habe ich immer die Vorstellung, als wäre ich wie ein ganz kleiner Junge, der seinem übergroßen Vater am Hosenbein zieht, während dieser am Tisch sitzt, und ihm sagt, dass er auch mal auf seinem Schoß sitzen möchte. Ja, ich wollte mein ganzes Leben lang einfach nur auf dem Schoß Gottes sitzen, aber egal was ich auch tue, habe ich immer das Gefühl, dass Gott mich nicht auf seinen Schoß lassen will, so oft ich auch an Seinem Hosenbein ziehe.“ Ich bekam eine Gänsehaut. Wow, was für einen tiefen Einblick in seine Seele, den mir mein Bruder gewährte! War es aber mit mir nicht genau das Gleiche? Auch ich wollte einfach nur wieder jenes schöne Gefühl haben, von Gott geliebt zu sein. Aber nach all dem, was ich angestellt hatte, konnte Gott mich doch kaum mehr lieben, sondern war einfach nur noch bitter enttäuscht von mir!

Der Wahnsinn

Als wir im Elternhaus ankamen, öffnete ich die Küchentür, wo mein Vater am Fenster saß und fröhlich mit seiner für ihn typisch sarkastischen Ausgelassenheit sagte: „Ach da seid ihr ja! Ich hatte mir schon Sorgen um dich gemacht, Marcus, dass du dich schon wieder an irgendeinen Baum gehängt haben könntest! Hahahahahahahahaha!“ Mein Vater lachte laut, und ich machte schnell wieder die Tür zu in der Hoffnung, dass mein labiler Bruder diesen dummen Spruch nicht gehört habe. Ich ging mit ihm ins Wohnzimmer und wir sprachen dort weiter miteinander über die ganze Situation. Nach etwa einer halben Stunde, während Marcus mir gerade etwas erklärte, stockte er plötzlich und grübelte einen Moment. Dann schaute er mich wieder mit diesem starren Blick an, zeigte mit seinem Finger auf mich und sagte mir mit beschwörenden Worten: „Simon, Du musst Buße tun! Das ganze hier ist doch eine Falle! Ich werde jetzt nicht weiter mit Dir reden, sondern nach Asmushausen zurückgehen!“ Ich stand auf und sagte: „Ach geht das jetzt schon wieder los! Hör doch endlich auf, Marcus, und komm endlich zur Ruhe! Das ist doch der Teufel, der Dich ängstigen will. Bleib doch hier!“ Marcus war aber aufgestanden und ging aus dem Wohnzimmer hinaus. Ich hielt ihn fest und versperrte ihm mit aller Kraft den Weg, indem ich mich am Treppengeländer und Türrahmen festhielt. Daraufhin rannte Marcus stracks nach oben, als gäbe es dort noch einen anderen Ausgang. Ich lief ihm hinterher, und er drohte mir, dass er über den Balkon nach unten springen würde, wenn ich ihn nicht gehen lassen würde. Ich bat ihn, mir doch wenigstens kurz zuzuhören; aber er riss die Balkontür auf und wollte gerade springen, als ich nachgab und ihn gehen ließ. Er rannte los und ich rannte ihm hinterher, indem ich ihn fragte: „Was willst Du denn? Wo willst Du hin?“ Er sagte: „Ich muss die Stadt verlassen!“ – „Aber warum?“ Mit keuchender Stimme rief er: „Weil es schon 16.00 Uhr ist und die Sonne innerhalb der nächsten Stunde untergeht!“ – „Häh?!? Was hat das denn mit dem Sonnenuntergang zu tun??!“ fragte ich. „Erinnerst Du Dich nicht, was die Engel zu Lot sagten? Dass er vor Sonnenuntergang die Stadt verlassen müsse? Ich war gekommen, um Dich mitzunehmen, aber wenn Du nicht kommen willst, dann musst Du halt mit all den anderen Gottlosen untergehen!“ – „Das ist doch völliger Wahnsinn, was Du erzählst! Zum einen ist Bremen doch nicht Sodom und zum anderen bist Du kein Engel!“ – „Doch! Denn Engel bedeutet einfach nur Bote!“ – „Dann kannst Du Dir aber trotzdem noch Zeit lassen, denn die Engel mussten erst bei der Morgenröte die Stadt verlassen haben. Marcus, bitte halt doch mal kurz an, BITTE!“ – „Nein, Du kannst ja weiter reden, aber dann musst Du schon mit mir laufen!“ – Ich war schon völlig außer Atem, aber versuchte, ihn in seinem Wahn zu verstehen: „Lot sollte aber auf die Berge fliehen, aber hier sind weit und breit keine Berge!“ – „Doch. Da hinten in Mahndorf ist die Autobahn, und wenn man dort die Anhöhung hinaufgeht, dann ist das auch wie Berge!“

Hätte jemand dieses merkwürdige Gespräch mitgehört, dann hätte er uns wohl beide für verrückt gehalten. Ich rief mit letzter Puste: „Marcus, Du willst doch nicht die Autobahn entlang nach Asmushausen laufen! Das sind über 300 km, da brauchst Du zu Fuß über eine Woche! Außerdem ist das verboten auf der Autobahn zu gehen!“ – Ich hielt ihn am Arm, weil ich nicht mehr weiterlaufen konnte, aber er riss sich sofort wieder los. Ich rief ihm zu: „Wenn Du jetzt nicht stehenbleibst, dann rufe ich die Polizei!“ Er lief weiter und ich blieb stehen, um zu verschnaufen. Dann ging ich in eine Telefonzelle und rief die Polizei.

Etwa 5 Minuten später fuhr zufällig mein Bruder Patrick von der Arbeit nach Hause und sah meinen Bruder Marcus ihm entgegengehen. Er hielt an und sagte: „Hallo Marcus, was für ein Zufall! Soll ich Dich mitnehmen? Komm steig ein!“ Marcus zögerte einen Moment, dachte aber, dass es besser sei, wenn Patrick keinen Verdacht schöpft. Er stieg ein und sagte: „Du musst hier einmal drehen und kannst mich da hinten beim Ortausgang rauslassen, wo die Autobahnauffahrt ist“. Patrick fuhr jedoch weiter stadteinwärts und fragte: „Wieso, was willst Du denn dort? Ich fahr jetzt nach zu uns nach Hause und dachte, dass ich Dich dorthin mitnehmen soll.“ – „Dann halt sofort an, denn ich muss in die andere Richtung!“ – „Wieso, was willst Du denn dort?“ – „Kann ich Dir jetzt nicht erklären. Halt sofort an oder ich spring aus dem Auto!“ – „Hä? Was soll das, was willst Du denn?“ – Doch in dem Moment hatte Marcus sich abgeschnallt und die Beifahrertür aufgemacht, um zu springen, da hielt Patrick schnell den Wagen an. Marcus rannte raus ohne sich zu verabschieden, und Patrick rief ihm hinterher: „Bist Du jetzt völlig bescheuert? Was soll das??!“ Unterdessen war die Polizei zu mir gekommen und ich erklärte ihnen, dass mein Bruder verrückt sei und auf die Autobahn gelaufen wäre. Ich stieg hinten ins Polizeiauto ein, und wir fuhren bei Uphusen auf die Autobahn Richtung Bremer-Kreuz, doch nirgendwo war Marcus zu sehen. Dann fuhren wir am Bremer Kreuz in Richtung Hannover bis zur ersten Ausfahrt Achim, aber auch dort war Marcus nicht zu sehen. Weiter aber hätte er nicht kommen können, also fuhren wir wieder zurück. Ich konnte mir das nicht erklären und entschuldigte mich bei den Beamten für diesen falschen Alarm. Sie brachten mich wieder zurück nach Arbergen und ich fuhr nach Hause.

Gegen 17.30 Uhr ging dann bei der Polizei ein Notruf ein. Ein Autofahrer hatte meinen Bruder auf der Autobahn die Standspur entlanggehen sehen Richtung Hannover. Die Polizei hiel Marcus daraufhin an und baten ihn, ins Polizeiauto zu steigen, um seine Personalien aufzunehmen. Als sie schon wieder losgefahren waren, um mit ihm nach Bremen zurückzufahren, sprang Marcus während der Fahrt aus dem Polizeiauto und rannte davon. Die Polizei hielt sofort an, lief ihm hinterher und legte ihm Handschellen an. Nachdem sie auf der Wache den Vorfall protokolliert hatten, wurde mein Bruder durch Beschluss eines Amtsrichters entmündigt und in die Psychiatrie eingewiesen (im ZKH- Bremen-Ost), wo er auch 2 Jahre zuvor schon einmal war. Um 23.00 Uhr erhielt ich dann von der Polizei einen Anruf, wo mir über Marcus berichtet wurde. Am darauf folgenden Donnerstag, den 31.01.96 besuchten Ruth und ich meinen Bruder und unterhielten uns mit ihm auf seinem Zimmer. Nachdem wir zusammen gebetet hatten, sagte Marcus plötzlich: „Ich bitte Euch, dass ihr jetzt gehen solltet, denn ich spüre in diesem Moment wieder so ein starkes Angstgefühl in mir aufsteigen.“ In diesem Moment kamen zwei Krankenschwestern rein mit einem Bett und sagten, dass sie mal eben die Betten tauschen müssten. Wir gingen hinaus zum Fahrstuhl, aber sahen, wie Marcus im Schlafanzug auf den Flur ging und völlig in Gedanken versunken war. Doch noch bevor unser Fahrstehl kam, fiel Marcus plötzlich auf die Knie hob seine Hände empor und brüllte mit lauter Stimme: „OH GOTT; HILF MIR! HILF MIR, BITTE!“.

Ruth und ich waren völlig erstarrt vor Entsetzen. Mein armer Bruder! Was haben sie bloß mit ihm gemacht! Ich war jetzt völlig entschieden, Marcus vor jeden weiteren Kontakt mit Thomas zu schützen, damit Marcus sich nicht schon wieder das Leben nehmen würde. Ich schrieb Thomas, dass es möglich sei, dass aus ihm nicht der Geist Gottes, sondern der Geist des „Verklägers der Brüder“ spräche (Offb.12:10), indem er sich anmaße durch seine ständige Gesinnungskritik ein „Beurteiler der Gedanken und Gesinnungen des Herzens zu sein“, ein Attribut, das aber nur Gott zukäme (Hebr.4:12). Desweiteren hatte ich von Patrick erfahren, dass Thomas ihm in einem Telefonat mitgeteilt hatte, Marcus nicht länger bei sich aufnehmen zu wollen, da dies für ihn und seine Familie eine zu große Belastung sei. Daher fragte ich Thomas, wo Marcus denn seiner Meinung nach nun hingehen solle. In einem 10-seitigen Brief holte Thomas dann zum Gegenschlag aus und wies jede Verantwortung für Marcus zurück. Seine Wirrnis sei nur dadurch zu erklären, dass er entgegen dem Rat der Brüder nach Bremen gereist sei, denn sie hielten meine ganze Familie für einen reinen Sündenpfuhl. Als Beispiele zählte er sämtliche Vergehen meiner Eltern auf, von denen Marcus ihm berichtet hatte. Bei ihnen hingegen habe sich Marcus die ganze Zeit über geborgen und geliebt gefühlt, was er mit Zitaten aus dem Tagebuch von Marcus zu beweisen suchte. Er beschimpfte mich als „giftige, heuchlerische Schlange“ und drohte mir, als nächstes auch alle meine peinlichsten Sünden vor allen Brüdern zu veröffentlichen, damit jeder wisse, wer ich sei.

Der Untergang

Dieser Brief folgte dann ein paar Tage später. Er war so schlimm, dass ich total geschockt war und nur noch bitterlich weinen konnte. Er hatte doch tatsächlich einen „offenen Brief“ geschrieben, indem er ausführlich und der Reihe nach nicht nur die bisherigen Vorwürfe gegen mich auflistete, sondern darüber hinaus auch noch die peinlichsten Dinge über mich breit vor allen anderen aufführte,, von denen ich nicht ahnte, dass Marcus sie ihm erzählt haben könnte, damit alle auch die noch so intimsten Dinge über mich erfahren sollten. Ich war völlig erstarrt und wollte mich nur noch in die letzte Ecke verkriechen. Dieser Brief war so schlimm, dass ich ihn vernichten musste, damit niemand ihn je mehr lesen sollte. Und auch jedem, der ihn möglicherweise gelesen haben könnte, wollte ich von nun an nie mehr unter die Augen treten. Mir war völlig klar, dass ich mich jetzt vollkommen zurückziehen und verstecken musste. Thomas hatte mich getötet. Er hat mir den letzten Stich verpasst; von dieser Wunde würde ich nicht mehr genesen. Es war aus und vorbei. Der Simon Poppe war nun Geschichte. Gott selbst hatte mich durch den Thomas vernichtend geschlagen; Er hat mich gewogen und für zu leicht befunden. Ich weinte den ganzen Abend, so dass Ruth sich um mich sorgte, denn ich wollte mich nicht mehr trösten lassen. Dann verbrachte ich lange Zeit im Gebet und bat den HErrn, dass Er sich doch meiner erbarme. Ich war am absoluten Tiefpunkt angelangt und hatte keine Ahnung, wie es nun weiter gehen könne. Hatte Gott mich wirklich inzwischen endgültig verworfen? Aber wo bleibt dann Sein Erbarmen mit einem Sünder wie mir? Ich dachte an die Worte Hiobs: „Ich schreie zu Dir, und Du antwortest mir nicht; ich stehe da, und Du starrst mich an. In einen Grausamen verwandelst Du Dich mir, mit der Stärke Deiner Hand befeindest Du mich… Doch streckt man beim Sturze nicht die Hand aus, oder erhebt man bei seinem Untergang nicht darob ein Hilfsgeschrei? … Trauernd gehe ich einher ohne Sonne; ich stehe auf in der Versammlung und schreie“ (Hi.30:20-28).

Mitte Februar kamen die Brüder aus Asmushausen nach Bremen, um Marcus zu besuchen. Dieser war nach zwei Wochen wieder aus der Psychiatrie entlassen worden, hatte sich aber zuvor geweigert, ein Formular zu unterschreiben, dass ihn aufgrund seiner Wahn-bedingten, verminderten Schuldfähigkeit von all den Kosten (5.000,-DM) befreit hätte, die durch die Einweisung und den Aufenthalt in der Psychiatrie entstanden waren. Denn da Marcus aus Gewissensgründen kein Mitglied der Krankenkasse war (er wollte Abtreibungen nicht unterstützen), wollte er jetzt auch nicht, dass der Staat für die Kosten aufkommen solle, die er verursacht hatte, sondern bot an, diese selber in Raten abzustottern. Thomas und Ralf, teilten Marcus jedoch mit, dass es für sie unmöglich sei, ihn weiterhin in Asmushausen aufzunehmen, zumal die Dorfbewohner ohnehin schon mit Argusaugen auf die kleine Sekte blickten und sie sich deshalb kein weiteres Aufsehen mehr erlauben könnten. Marcus war darüber sehr traurig, sah es aber auch ein. Er wollte aber auf keinen Fall mehr zurück in sein altes Leben als Erzieher von schwer erziehbaren Jugendlichen, weil er sich für diese Aufgabe derzeit seelisch nicht stark genug fühlte. Deshalb versuchte er sich als selbständiger Hausmeister, der sich um die Reinigung von Treppenhäusern und um die Gärten von Wohnanlagen kümmerte.

Inzwischen erhielt ich Post vom Arbeitsgericht. Der Termin zur Verhandlung war kurzfristig einberaumt worden, da akute Fluchtgefahr bestand. Doch Tönsing erschien zum Gütetermin und verteidigte sich mit einem überraschenden Kampfgeist. Er warf uns vor, wir hätten ihn alle betrogen, indem wir die Stundenzettel wahrheitswidrig und willkürlich ausgefüllt hätten, so dass er kein Vertrauen mehr hatte und bis zur endgültigen Klärung die Löhne zurückgehalten habe. Selbstverständlich wolle er unsere Löhne alle zahlen, aber nicht in der von uns geforderten Höhe. Die meisten von uns hatten Forderungen von im Schnitt 6.000,-DM. Tönsing bot uns indes an, die Hälfte zu zahlen, womit wir natürlich absolut nicht einverstanden waren. Der Arbeitsrichter machte nun den Vorschlag, ob man sich denn nicht auf pauschal 5.000,- DM einig werden könne. Für Tönsing war dies indes viel zu viel, und er schlug 4.000,- DM für jeden vor. Nun war eigentlich eine Einigung bei 4.500,-DM das Naheliegenste, und wir waren auch damit einverstanden. Aber Tönsing wollte weiter feilschen, und so einigten wir uns schließlich auf 4.250,- DM. Ich war nur froh, dass auch dieser Alptraum endlich zu Ende war und wir nun endlich Geld bekämen. Als wir die Treppen vom Gericht runter gingen, sprach meine Frau Herrn Tönsing darauf an, dass auch sie noch 300,-DM für ihren Putzdienst zu bekommen habe. „Ach, Sie haben bisher kein Geld erhalten? Das tut mir wirklich leid. Ich werde das prüfen und mich darum kümmern. Wie geht es übrigens ihrem Baby? Ist das Kind wohl auf?“ – „Ja,“ antwortete meine Frau, „aber das Kind braucht etwas zu essen.

Nachdem in den Wochen danach immer noch kein Geld kam, ließ ich mir einen sog. „vollstreckbaren Titel“ ausfertigen und beantragte die Vollstreckung. Als der Gerichtsvollzieher Wochen später an der Tür von Herrn Tönsing klingelte, war dieser auf Nimmerwiedersehen nach Portugal ausgewandert. Der ganze Streit vor Gericht war also nur eine Hinhaltetaktik gewesen, um den Eindruck zu erwecken, dass er noch zahlen würde. Er hatte uns also alle an der Nase herumgeführt. Die Schulden bei meinem Vater waren inzwischen auf 3000,- DM angewachsen, und ich bat meinen Vater um weiteren Aufschub, bis ich Geld vom Sozialamt bekommen würde.

Ein Lichtblick am Horizont

An einem Morgen saßen wir zusammen am Frühstückstisch mit meinem Vater und überlegten, wie es weitergehen könnte. Ruth wollte gerne im April mit unserer Tochter nach Peru reisen, um ihr Studium zu beenden und ihren Doktortitel zu machen, denn sonst wäre alles umsonst gewesen. Mein Vater fragte mich damals: „Simon, was hältst Du davon, wenn Du Dich selbstständig machst? Da würdest Du doch deutlich mehr verdienen!“ – „Ich hatte das schon versucht, aber ohne Meistertitel bekommt man schnell Ärger wegen Schwarzarbeit. Das bin ich inzwischen leid.“ – "Warum machst Du dann nicht einfach Deinen Meistertitel? Du bist doch intelligent genug und könntest das schaffen.“ – „Ja, Papa, aber das kostet locker bis zu 17.000,- DM mit Kurs- und Prüfungsgebühren und, und woher sollte ich das Geld nehmen?“ – „Aber gibt es nicht auch die Möglichkeit, Meister-BaFöG zu beantragen?“ – „Ja, aber das würde längst nicht alle Kosten abdecken. Wovon sollten wir denn leben, wenn ich ein Jahr lang nur zur Schule gehen würde?“ – „Also, Simon, wenn Du das machen würdest, dann würde ich Dir das Geld zur Verfügung stellen. Das würde ich auf jeden Fall machen, denn es wäre mir eine große Ehre, wenn Du später mal Deinen eigenen Handwerksbetrieb hättest!“ – „Aber es gibt noch ein Problem, Papa: Ich habe noch immer keinen Führerschein. Wie sollte ich mich denn selbstständig machen ohne Fahrerlaubnis? Aber auch dafür habe ich kein Geld.“ – „Mach Dir keine Sorgen, Simon! Auch den Führerschein bezahle ich Dir!“ Ich war total gerührt von so viel Liebe von meinem Vater. Nach all den schlechten Nachrichten war dies mal endlich wieder ein Lichtblick am Horizont.

Unterdessen hatte ich mich bei einigen Malerbetrieben in Bremen beworben, und die Firma Horr war bereit, mich zu nehmen. Als ich Herrn Horr von Herrn Tönsing berichtete, erklärte er mir, dass dieser bis vor einem Jahr als Freigänger in seiner Firma gearbeitet hatte. Er hatte nämlich wegen diverser Betrügereien als Veranstalter von sog Kaffeefahrten eine Haftstrafe absitzen müssen. Schon während dieser Zeit als Freigänger habe Tönsing bei der Arbeit immer wieder Telefonate mit zukünftigen Kunden geführt, weil er seine Selbstständigkeit plante. Für die Zeit bis zu meinem ersten Gehalt hatte mir das Sozialamt etwa 1000,-DM zur Überbrückung gegeben. Eine Schwester aus unserem Hauskreis gab uns ebenso eine Spende für Oma Lucila, damit sie wieder zurück nach Peru fliegen konnte in Begleitung von Ruth und Rebekka. Mit dem Geld meines Vaters konnte Ruth auch ein Flugticket für den 01.04.96 kaufen. Wir vereinbarten, dass ich ihr von meinem Gehalt regelmäßig Geld schicke und dann Anfang Oktober selber auch nach Peru und Ecuador reisen würde, um bei der Einarbeitung eines potenziellen Nachfolgers für die Kinderheimleitung behilflich zu sein und um Ruth bei ihrer Doktorarbeit zu unterstützen. Wie sich zeigte, sollte ich die lange Zeit der Trennung auch nicht ganz alleine verbringen, denn mein kolumbianischer Freund Pepe Gomez (44) hatte sich gemeldet und uns mitgeteilt, dass sein Sohn John-Jairo (20) Ende Juni nach Bremen kommen würde, um dann 3 Monate bei uns zu wohnen. Doch um dem John-Jairo geistlich stärken zu können, musste ich erst einmal selber wieder einen stabilen Boden unter den Füßen haben, was den Glauben anging.

Bernd hatte mir empfohlen, mir mal in Bremen eine biblische Gemeinde zu suchen, zumal ich nach Ruths Abreise dringend mehr Gemeinschaft mit anderen Christen benötigte. Es gab zwar noch immer die Bibelstunden bei Schwester Brigitta, aber da ich dort der einzige Lehrende war, hatte ich dort niemanden, der mich belehrte. Der Hauskreis in Blumenthal bei Edgard und Hedi, in dem ich aufgewachsen war, hatte sich vor einiger Zeit aufgelöst, und die Geschwister gingen jetzt alle in die Exklusive Brüdergemeinde im Lehrer-Lämpel-Weg. Ich war dort auch schon einige Male hingegangen, aber mir gefiel die Athosphäre dort nicht. Zwischen jedem Gebet, Gesang oder geistlicher Ansprache machten die Brüder dort immer eine 3 bis 5 Minuten lange Kunstpause, in welcher der Heilige Geist den einen oder anderen Bruder dann spontan zu einem Gebet, einen Gesangsvorschlag oder einer Predigt berufen sollte. Denn sich vorzubereiten auf eine Predigt oder sich untereinander abzustimmen, war bei den Brüdern nicht erlaubt, weil man dadurch "den Geist dämpfen" würde. So war es zumindest in der Theorie, aber praktisch hatte man eher den Eindruck, dass sie sich sehr wohl etwas vorbereitet hatten und es unter vorgehaltener Hand auch Absprachen gegeben haben muss. Was mich auch störte, war der "Mief" im Gottesdienst, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Da der Gottesdienst in einer umgebauten Turnhalle stattfand, waren nur ganz oben ein paar schmale Belüftungsfenster. Aber selbst wenn diese alle auf Kipp standen, war die Luft bei so vielen Personen schnell verbraucht, was aber scheinbar niemanden außer mir störte. Ich überlegte daher, lieber zur sog. "Missionsgemeinde Bremen" zurückzukehren, wo ich mich 1984 bekehrt hatte. Diese hatte mich zwar drei Jahre zuvor noch buchstäblich hinausgeworfen vor Beginn eines Gottesdienstes, weil ich zuvor ihre Exorzismuspraxis öffentlich kritisiert hatte, aber ich konnte sie ja um Vergebung bitten, und dann müssten sie mich wieder aufnehmen. Allerdings musste ich dann mal mit Brigitta sprechen, ob wir unsere sonntäglichen Bibelstunden dann nicht lieber auf den Abend verschieben können, um zu dieser Gemeinde zu gehen. Ich schrieb also am 11.03.96 einen Brief an den Gemeindeleiter Udo Slopianka und bat ihn um Vergebung und um Aufnahme in seine Gemeinde. Er rief mich daraufhin an und lud mich herzlich ein, wiederzukommen.

Erste Zweifel

Für ihre Doktorarbeit über Kokzidien (Parasiten) in Greifvögeln benötigte Ruth noch jede Menge Kopien aus Fachliteratur, und da das Internet 1996 noch in den Kinderschuhen steckte, mussten wir öfters zur Universitätsbibliothek Bremen, wo Ruth sich aus den entsprechenden Fachbüchern die nötigen Informationen zusammenkopieren konnte. Ich begleitete sie mit Rebekka, und um die Zeit ihrer Recherche zu überbrücken, ging ich zum Bereich der „Religion“, um mal zu stöbern, was es so an Literatur gab. Dabei stieß ich auf ein kleines Taschenbuch mit dem Titel: „Naive Frömmigkeit der Gegenwart. Eine kritische Untersuchung d. Schriften Werner Heukelbachs“. Ich dachte: „Na sowas, den Werner Heukelbach kenn ich doch durch seinen Traktatversand! Das würde mich ja mal interessieren, was die an ihm zu kritisieren haben!“ Ich lieh mir das Buch aus und begann, es zu lesen. Es war eine Dissertation (Doktorarbeit). Auf den ersten Seiten gab der Autor einen Überblick über die wesentlichen Thesen Heukelbachs, die im Prinzip dem Evangelium entsprachen, um dann zu untersuchen, inwiefern sie eigentlich haltbar sind in Bezug auf die empirische Beobachtung. Am Beispiel der in der von Heukelbach beschriebenen Auswirkungen der Wiedergeburt aus Wasser und Geist, verglich er die Phänomene von Erneuerung und Begeisterung mit den Empfindungen, die ein Mensch hat, der sich z.B. vom Buddhismus zum Kommunismus bekehrt oder anders herum. Immer ginge solchen Bekehrungen eine tiefe Sinnkrise voraus, eine schwere Depression oder eine ausweglose Lebenslage. Die Verheißung, einen Neuanfang erleben zu dürfen, lösen dann ganz zwangsläufig bei einem Menschen Glückshormone aus, so dass sich diese tiefgreifende Erneuerung auch auf ganz natürliche Weise erklären lasse. Ähnlich verhalte es sich außerdem bei ersehnten Ereignissen, die man gerne als „Wunder“ bezeichnet, obgleich sie sich noch völlig im Rahmen der Wahrscheinlichkeit zugetragen haben. In jedem Fall sei immer wieder der Wunsch der Vater des Gedankens.

An dieser Stelle hatte ich keine Lust mehr, weiterzulesen, denn die Argumente ärgerten mich. Wie konnte dieser Schwätzer sich anmaßen, mein Bekehrungserlebnis mit irgendwelchen säkularen oder heidnischen „Bekehrungen“ zu vergleichen, wenn er das meinige doch gar nicht kennt und auch nicht kennen kann? Aber war es nicht andersherum genauso? Woher konnte ich denn sicher sein, dass mein Umdenken ein unvergleichbar höheres Niveau hat als sein Umdenken? Sind denn Empfindungen nicht immer subjektiver Art? Wenn man aber persönliche Gotteserfahrungen des anderen gar nicht kennen kann, dann kann man auch nicht beurteilen, ob sie richtig oder falsch sind, sondern man muss darüber schweigen. Allerdings sagt die Bibel, dass die Ungläubigen Menschen „verfinstert sind am Verstande, entfremdet dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verstockung ihres Herzens“ (Eph.4:18). Von daher darf man ein Kind Gottes nie vergleichen mit einem Ungläubigen. Mögen vielleicht manche Erfahrungen der Ungläubigen ähnlich sein wie bei Gläubigen, so war doch etwas Entscheidendes anders, nämlich der Glaube. Und das es anders war, musste ich glauben. Ich sollte auch weiterhin „aus Glauben glauben“ (Röm.1:17). Aber der Zweifel begann in mir zu nagen, denn Theorie und Wirklichkeit stimmten immer weniger miteinander überein.

Ich schrieb in mein Tagebuch: „Ich habe diese Nacht geträumt, dass ich im Bus sitze, aber keinen Fahrschein besaß. Doch nahm ich an, unbemerkt zu bleiben. Als ich mich  jedoch umdrehte, sah ich den Kontrolleur... – Ich wollte aussteigen, aber die Tür schloss sich vor mir, und der Kontrolleur wollte meinen Fahrausweis sehen.“ Als ich erwachte, erinnerte mich diese Begebenheit an das Hochzeitsmahl im Himmel, wo es ebenso einen Gast gab, der kein Hochzeitskleid anhatte und deshalb hinausgeworfen wurde in die äußerste Finsternis (Mt. 22:11-13). Konnte das nicht auch auf mich zutreffen? War ich nicht inzwischen selber ein „Schwarzfahrer“ im Christentum geworden, der gar keine Berechtigung mehr hatte, um weiterhin unter den Heiligen mitzumischen, da ich ohne Geistesleitung mich nicht mehr als Kind Gottes betrachten konnte (Röm.8:14)? In einem anderen Traum hatte ich mir vorgestellt, dass ich gestorben sei. Irgendwie war mir dieses Gefühl wohlig und angenehm. Ich stellte mir vor, wie alle um mich herum trauern würden. Ich fragte mich im Halbschlaf: Muss man erst tot sein, um Mitleid zu empfangen? Ich hatte mich aber ganz bewusst nur als tot verstellt, weil ich selbst den Zeitpunkt wählen wollte, wann ich mich den anderen als lebend zu erkennen geben wollte. Ihre Verwunderung und Verständnislosigkeit machte mir nichts aus. Ich wollte wissen, warum sie jetzt erst um mich getrauert hätten und nicht schon vorher als ich vermeintlich noch am Leben war. Aber ging es den anderen nicht vielleicht genauso wie mir? Hatten wir nicht alle eine Sehnsucht nach der Liebe Gottes und der geschwisterlichen Zuwendung? Mir schien, dass das ganze Leben der Menschen an und für sich nichts weiter als ein Warten war auf ein besseres Leben. Nur dass die meisten dies nicht zugeben wollten, weil man ihre Sehnsucht als Schwäche deuten würde.

April – Juni 1996

Meine Angst, zu versagen

Am 01.04. war es dann schließlich soweit, dass ich mich von meiner Frau Ruth, von meiner Schwiegermutter Lucila und von meiner 6 Monate alten Tochter Rebekka verabschieden musste, da Ruth wegen ihres Tiermedizinstudiums und ihrer Doktorarbeit für ein halbes Jahr wieder nach Peru musste. Wir waren so verblieben, dass ich dann Anfang Oktober ebenso kommen würde, um sie für zwei Monate dort zu unterstützen. Als ich an jenem Montag früh um 5.30 Uhr den Bremer Flughafen verließ, um zur Arbeit zu fahren, hatte ich noch keine Ahnung, was alles noch in jenem Sommer passieren würde und sich mein Leben von nun an vollkommen verändern würde…

In der neuen Firma wurde ich einem jungen Meister namens Carsten zugeordnet, der eine kleine Truppe unter sich hatte. Mich wunderte, wie akribisch genau der Materialbedarf für jeden einzelnen Auftrag ermittelt wurde und ich fragte einen Kollegen nach dem Grund. Er sagte mir, dass der Chef ein echter Kontrollfreak sei, der seinen Mitarbeitern grundsätzlich immer misstraue, angefangen von der Einhaltung der Arbeitsleistung bis hin zum Materialverbrauch. Das störe alle so sehr, dass sie auch ihrerseits sich bewusst Freiheiten herausnehmen, indem sie z.B. regelmäßig Dinge mitgehen lassen würden. Nicht dass sie es nötig hätten, aber es bereite ihnen einfach eine gewisse Genugtuung und ein Erfolgserlebnis, zu sehen, dass der Chef mit seinem notorischen Misstrauen nichts erreichen würde. Es dauerte nicht lange, da bekam ich diesen Kontrollzwang auch selber zu spüren. Als ich an einem Morgen um 8.00 Uhr dabei war, Farbe anzumischen, kam der Chef auf die Baustelle, begrüßte mich, und fragte: „Herr Poppe, Sie sind seit 7.00 Uhr auf der Baustelle, aber rühren jetzt erst den Farbton an. Was haben Sie denn seit 7.00 Uhr gemacht?“ – „Ich habe abgeklebt und überall mit Acryl ausgefugt.“ – „Wo genau?“ – „z.B. überall in den Fensterleibungen“. – Er ging still durch die Räume und rief mich dann von weitem: „Zeigen Sie mir doch mal bitte, wo!“ Ich ging herzklopfend mit ihm in einen der Räume des leeren Bürotraktes und zeigte auf eines der Fenster. Er fasste mit seinem Finger in die Ecke und vergewisserte sich, dass das Acryl noch frisch war, um mich zu testen. Als er dann wieder wegfuhr, nahm ich mir vor, meinen zukünftigen Mitarbeitern nicht solche Schikanen zuzumuten.

Doch obwohl ich mir alle Mühe gab, so korrekt und fleißig wie´s nur irgend möglich war, zu sein, hatte ich doch immer ein Problem mit der Pünktlichkeit. Denn um pünktlich um 7.00 Uhr in der Firma zu sein, musste ich schon um kurz nach 6.00 Uhr aus dem Haus, weil die Firma weit weg war und ich zweimal umsteigen musste. Doch hatte ich jetzt wo Ruth weg war niemanden mehr an meiner Seite, der mich zur Not weckte, wenn ich nach dem Ausschalten des Weckers wieder eingenickt war. Dadurch passierte es, dass ich mich manchmal ganz schnell beeilen musste, um noch meinen Bus zu kriegen. Hatte ich diesen aber dann verpasst und musste den nächsten nehmen, kam ich manchmal erst um 7.30 Uhr an, was für meine Kolonne sehr ärgerlich war, denn alle mussten dann extra 5-10 Min auf mich warten. Nachdem ich innerhalb von 2 Wochen schon das 3. Mal verspätet kam, drohte mir Carsten: „Wenn du in den nächsten 3 Monaten nur noch einmal zu spät kommst, bist du gefeuert!“ Ich versprach, dass es nie wieder vorkommen werde; doch schon kurze Zeit später, wachte ich morgens erst um 6.45 Uhr auf! Ich hatte keine Chance mehr, pünktlich zu kommen. Aber zu behaupten, ich sei krank, traute ich mich nicht, denn ich war immer schon ein schlechter Lügner, und der Arzt würde das merken. Was konnte ich also tun? Ich lief aufgeregt in der Wohnung umher und überlegte. Doch dann hatte ich eine Idee. Wenn ich nicht lügen durfte, dann musste ich die Ursache für meine Arbeitsunfähigkeit eben selber herbeiführen, um dann de Wahrheit sagen zu können! So fuhr ich mit meinem Fahrrad an die nahe gelegene Uferpromenade, wo ein Schotterweg war. Ich stieg mit meiner kurzen Hose auf eine Sitzbank und ließ mich von dort mit dem Knie auf den Boden fallen, so dass mein Knie blutete. Dann rief ich in der Firma an und sagte, dass ich gestürzt sei und mich am Knie verletzt habe, weshalb ich nicht zur Arbeit kommen könne. Dann verband ich mein Knie und ging damit zum Arzt. Während dieser meinen Verband abwickelte, um sich die Wunde anzusehen, fragte er mich: „Wie ist das denn passiert?“ – „Ich bin gestern Abend mit dem Fahrrad gestürzt…“ Als er dann die Wunde sah, sagte er: „Na sowas, die blutet ja noch ganz frisch! Und das soll schon gestern Abend passiert sein?“ Da wurde ich rot.

Mein Grübeln

Die Tage vergingen, und während ich mich tagsüber noch gut zerstreuen konnte durch die Arbeit, fiel mir die Einsamkeit nach Feierabend doch zunehmend schwer. Wie ungewohnt war es, abends ins Bett zu gehen, ohne dass ich jemandem "Gute Nacht" sagen konnte! Um die Stille in der Wohnung zu überwinden, hörte ich viel Radio und auch immer mehr Musik, die ich mir aus der Stadtbibliothek besorgt hatte. Einige Zeit zuvor, wurde gerade der CD-Player erfunden, und auch ich hatte mir solch einen zugelegt, weil die Musik künftig nur noch auf CDs verkauft und verliehen wurde (die gute alte Langspielplatte hatte ausgedient, und die Kassetten wollte auch keiner mehr hören, wegen dem häufigen Bandsalat, den man dann mühselig mit dem Bleistift wieder beheben musste). Mein geistlicher Eifer, den ich früher noch hatte, war inzwischen völlig erloschen. Ich las auch immer weniger in der Bibel und betete nur noch, wenn es mir schlecht ging. Ich hatte auch keine Lust mehr, Briefe zu schreiben oder biblische Abhandlungen, und auch mein missionarischer Eifer war längst vorbei. Auf der Arbeit unterhielt ich mich einmal mit einem Kollegen über Gott und die Bibel. Er sagte: "Ich habe mich ehrlich gesagt bisher nicht mit diesem Thema befasst. Meine Eltern haben mir auch nie etwas von Gott erzählt und von der Bibel weiß ich eigentlich kaum etwas." - Früher wäre dies für mich eine Steilvorlage gewesen, um ihm mal ausführlich das Evangelium zu erklären, aber auf einmal fühlte ich mich innerlich so schlapp, dass ich keine Kraft hatte, ihm nun eine hilfreiche Antwort zu geben, warum er Gott suchen sollte. Einerseits sagte ich mir: Wenn Gott will, dass Er errettet wird, dann braucht mich Gott nicht unbedingt. Und wenn er nicht errettet werden soll, dann nützen auch all meine Überredungsversuche nichts. Andererseits fragte ich mich: Warum wollte Gott ihn einfach verloren gehen lassen, wo es doch gar nicht seine Schuld war, dass seine Eltern ihn nie vom Glauben an Gott erzählt haben? War er etwa ein schlechterer Mensch als ich? Es war doch schließlich auch nicht mein Verdienst, dass ich errettet wurde, sondern allein Gottes Gnade. Aber warum ist Gott denn nicht auch ihm gnädig? Ich war ja wirklich keinen Deut besser, außer dass ich eben den Glauben hatte, der mir aber doch auch von Gott geschenkt wurde. Warum aber verlangte Gott überhaupt den Glauben zur Errettung, wenn Er diesen nicht auch allen Menschen gab? Oder gab es vielleicht noch eine weitere Bedingung, die ich erfüllt hatte und er nicht? War es vielleicht doch nicht der Glaube allein, der den Unterschied machte?

So grübelte ich tagelang auf der Arbeit vor mich hin, um eine Auflösung für all diese Widersprüche zu finden. Warum eine ewig währende Höllenstrafe für Sünden, die die Menschen während einer begrenzten Zeit getan hatten? Warum will der HErr Seinen Feinden irgendwann nicht mehr vergeben, wenn Er doch auch von uns Feindesliebe erwartet und wir sogar 70 x 7 mal vergeben sollen? Wieso hat der HErr uns nicht vollkommen geschaffen, dass wir gar nicht mehr in der Lage sind, zu sündigen? Warum hat Gott in Seiner Allwissenheit den Sündenfall nicht einfach verhindert? Immer wenn ich dachte, dass ich jetzt endlich eine plausible Erklärung hätte, fiel mir später irgendeine Bibelstelle ein, die mein ganzes gedankliches Kartenhaus wieder zum Einstürzen brachte. Einfach wäre es gewesen, wenn man bestimmte Bibelstellen hätte relativieren oder umdeuten können, damit das Puzzle endlich passt und ein Ganzes ergibt. Wenn ich aber irgendeine Aussage der Bibel in Frage stellen würde, müsste ich die ganze Bibel in Frage stellen, und das durfte/wollte ich nicht. Denn was hatte ich dann noch? Während ich beim Streichen so überlegte, hörte ich die ganze Zeit meine südamerikanische Folkloremusik über meinen Walkman. Besonders gerne hörte ich die peruanischen Criollalieder, die ecuatorianischen Pasillo-Balladen oder die cubanische "musica trova", denn diese romantische Musik drückte genau meine schwermütigen Gefühle aus. Die Musik half mir, einen klaren Kopf zu behalten und besänftigte meinen inneren Schmerz.

Was mich auch fast zur Verzweiflung brachte, war der Umstand, dass sich die Verheißung aus 2.Kor.5:17 einer vollkommenen Lebensveränderung nur in der ersten Zeit meines Glaubens bewahrheitet hatte, aber ich schon seit langer Zeit wieder rückfällig geworden war und im Grunde so lebte wie jeder andere Mensch. Dabei stellte Johannes doch fest, dass "jeder der aus Gott geboren ist, nicht mehr sündigt", und dass "jeder, der sündigt, aus dem Teufel ist" (1.Joh.3:8-9). Gibt es aber überhaupt irgendeinen Christen, der von sich ehrlich sagen kann, dass er nicht mehr sündigt? Wenn ja, dann war ich bisher nie wirklich wiedergeboren; und wenn Nein, dann stimmte diese Verheißung einfach nicht oder sie war maßlos übertrieben. Mir ging es aber eher so wie Paulus, der schrieb: "Nicht was ich will, das tue ich, sondern was ich nicht will, das tue ich... Ich elender Mensch, wer wird mich retten aus diesem Leibe des Todes?" (Röm.7:15+24). Leben ohne Sünde war für mich nur noch graue Theorie. Es fing ja schon an mit den sexuellen Sünden. Ich schaffte es kaum, länger als eine Woche ohne Selbstbefriedigung auszukommen. Früher hatte ich es bis zu vier oder fünf Wochen ausgehalten, aber jetzt wo Ruth weg war, war die Onanie die einzige Möglichkeit, um die Sehnsucht und den hormonellen Druck loszuwerden. Die Unreinigkeit gehörte aber zu den "Werken des Fleisches", von denen das Wort Gottes sagt: "...die solches tun, werden das Reich Gottes nicht ererben" (Gal.5:19+21). Entweder war ich also verloren oder aber die Bibel irrte sich. Beides war für mich gleichermaßen eine schreckliche Vorstellung. Es musste doch irgendeinen Ausweg geben aus diesem Dilemma! Irgendwas musste jetzt passieren, dass mir aus dieser unerträglichen Belastung heraushalf und mir eine neue Perspektive gab!

Während ich so mir den Kopf zerbrach und der Verzweiflung nahe war, kam ein Lied von der argentinischen Sängerin Mercedes Sosa (1935-2009) mit dem Titel "Todo cambia" ("Alles verändert sich"). Das Lied berührte mich aufs Tiefste, sodass ich es immer wieder hintereinander hörte, sowohl die Melodie als auch der Text. Ihre liebevolle und mütterliche Stimme und auch ihre tröstenden Worte kamen mir so vor, als ob meine eigene Mutter mich in den Arm nehmen und mir Trost zusprechen würde, indem sie meinen Blick weitete und mir den Mut gab, mein Herz zu öffnen. Ich gebe hier mal im Folgenden eine Übersetzung des Textes:

"Es ändert sich das Oberflächliche genauso wie das Tiefgründige, auch das Denken ändert sich, so wie sich auch alles in der Welt verändert. Es wandelt sich das Klima mit den Jahren, und der Hirte wechselt seine Herde. Und so wie alles sich ändert, ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich ändere.

Refrain: Es verändert sich, alles verändert sich. Es verändert sich, alles verändert sich

Es verändert selbst der feinste Edelstein seinen Glanz, von Hand zu Hand. Es wechselt das Vöglein sein Nest, so wie ein Geliebter seine Gefühle ändert. Der Wanderer ändert seinen Kurs, auch wenn es ihm am Ende schadet, Und so wie alles sich ändert, ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich ändere.

Es ändert sich, alles verändert sich...

Die Sonne verändert ihren Stand, während die Nacht fortbesteht. Die Pflanze wechselt ihr Kleid, trägt frisches Grün im Frühling Wie das Wildtier sein Fell wechselt, verändert sich das Haar des Greises, Und so wie alles sich ändert, ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich ändere.

Es ändert sich, alles verändert sich...

Was sich nicht ändert ist meine Liebe, wie fern ich auch immer mich befinde, Und auch nicht die Erinnerung und der Schmerz meines Volkes und meiner Leute. Was sich gestern erst verändert hat, wird sich auch morgen wieder ändern müssen, So wie ich mich verändere in diesem fernen Land.

Es ändert sich, alles verändert sich..."

Durfte ich auch meinen Glauben ändern? Was würde dann passieren? Würde ich dann nicht jeden Halt verlieren? Aber was, wenn ich dann aufgefangen werde? Aber was, wenn nicht? Konnte ich dieses Risiko eingehen? Vielleicht hätte ich bald keine andere Wahl mehr. Aber solange es noch ging, wollte ich erst mal weiter am Bisherigen festhalten. Vielleicht würde der HErr demnächst endlich den ersehnten Ausweg bereit halten. Ich wollte weiter auf Seine Hilfe warten. Ich dachte: Vielleicht sollte ich mich mal vertrauensvoll an den Prediger der Missionsgemeinde wenden, um ein seelsorgerliches Gespräch zu erbitten? Bisher hatten mir die Predigten kaum geholfen in meiner notvollen Lage, und ich überlegte schon, ob ich überhaupt noch dort hingehen sollte. Also schrieb ich am 12.05.96 einen Brief an Udo Slopianka, und bekannte ihm mein Dilemma. Ich bekannte ihm auch, dass ich mit vielen seiner Lehren zwar nicht einverstanden war, aber dass es mir derzeit vielmehr um mein eigenes Seelenheil ging. Das konnte ihm als Hirten doch nicht egal sein!

Mein letztes Aufbegehren

Am darauffolgenden Sonntag ging Udo nach dem Gottesdienst auf mich zu und lud mich zu einer kurzen Unterredung ein. Wir gingen in einen Abstellraum, aber statt zu beten, fing er sofort an, mir eine Mitteilung zu machen, die ihm auf dem Herzen lag: "Hör mal, Simon, ich verstehe Dich sehr gut, viel besser als Du Dir vorstellen kannst. Und ich kann Dir versichern, dass Du nicht verloren gehen wirst. Was Du gerade durchmachst, das hat schon jeder von uns erlebt; das sind ganz normale Anfechtungen vom Feind. Aber hättest Du mir jetzt nicht geschrieben, wäre ich ohnehin auf Dich zugegangen, denn es gibt da etwas, was ich ohnehin mal mit Dir besprechen wollte..." - Ich sagte: "Tatsächlich? Dann erzähl mal!" - "Weißt Du, Simon, Du bist ein hochbegabter junger Bruder, und eigentlich freue ich mich, Dich hier in unserer Gemeinde zu haben. Du wärest an sich auch gut geeignet für den Verkündigungsdienst, aber es gibt da ein riesiges Problem..." - "Du meinst die Lehrunterschiede?" - "Nein, die vielleicht auch, aber das ist nicht das entscheidendste Problem!" - "Ok. Und was ist es dann?" - "Weißt Du, Simon, wenn ich mit meiner Frau zusammen für Dich bete, dann bete ich nicht nur FÜR Dich, sondern ich bete auch GEGEN Dich!" Noch bevor ich ihn fragen konnte, setzte er gleich fort: "Ja, Simon, denn DU bist VOLL VON DÄMONEN, Du bist geradezu WAHNSINNIG BESESSEN ohne dass es Dir vielleicht bewusst ist!" Ich grinste verlegen. Er sagte: "Ja, grins nur! denn sogar an Deinem Grinsen sehe ich das Grinsen der alten Schlange! und auch wie Du beim Reden Deine Zunge bewegst! Mir machst Du da nichts vor. Du hast Dir irgendwo ein paar Dämonen eingefangen und brauchst dringend Befreiung. Du weißt ja, dass wir auch einen Befreiungsdienst praktizieren, weil der HErr das so geboten hat. Wenn Du also frei werden willst, dann lade ich Dich herzlich dazu ein! Diese Dämonen haben Dich auch zu all diesen Irrlehren verführt, von wegen, ein Kind Gottes könne noch verloren gehen!" Ich erklärte ihm, dass ich nicht an die Möglichkeit von Besessenheit bei Gläubigen glaube. Er aber wollte von mir keine Begründung hören, sondern riet mir, dass ich erst mal weiter in die Gemeinde gehen solle, dann würde Gott mir schon Buße und die Erkenntnis Seines Wortes und Willens schenken.

Am folgenden Samstag besuchte mich mein Freund Joachim Pehlke (29), der inzwischen schon ein Jahr verheiratet war. Er lud mich ein, mit ihm zusammen zum Spanischbibelkreis zu gehen, wo ich schon eine ganze Weile nicht mehr war. Die Predigt fand ich sehr schlimm, denn der Prediger lehrte aus meiner Sicht unbiblisch, so dass er der Gesetzlosigkeit Tür und Tor öffnete. Doch dann gab eine junge Schwester ein Zeugnis, was sie mit dem HErrn erlebt hatte, seit sie gläubig wurde, ein wunderbares Zeugnis! Danach erschien es, als würde der Prediger dieses Zeugnis gleich wieder zunichtemachen, indem er sie vor den "Gesetzeslehrern“ warnte, die sie einschüchtern könnten, indem sie ihr ein schlechtes Gewissen machten. Darauf erhob ich spontan meine Stimme und beklagte die heutige Treulosigkeit des Volkes Gottes, wobei ich mich selbst mit einschloss. Meine Stimme bebte und ich zitterte, doch die Worte sprudelten nur so aus mir heraus. Sie waren scharf und schneidend, es war eine Rede gegen mich selbst gerichtet. Danach waren alle sehr betroffen, es war eine bedrückende Stimmung im Raum, die jedoch bald wieder verflog. Doch in mir gehrte es weiter. Ich versuchte, die Tränen zu unterdrücken, musste aber dann doch rausgehen, um meinem Kummer Luft zu machen. Mir wurde die ganze Machte des Feindes in meinem Leben bewusst und meine ganze Schuldigkeit und Verlorenheit. Ich begann, mich zu verabscheuen und den HErrn wieder ganz neu und inbrünstig zu lieben. Ich beschloss, den Kampf gegen die Sünde in aller Härte wieder ganz neu aufzunehmen und mich gegen die Vorherrschaft des Teufels in meinem Leben aufzulehnen. Ich wollte endlich frei werden und mich nicht mehr vom Widersacher einschüchtern lassen. Als ich abends nach Haus kam, räumte ich erst mal in meiner Wohnung auf. Alle meine Musikkassetten und Bücher wollte ich wegschmeißen und meine Wohnung wieder als Gebetsstätte heiligen. Doch noch am selben Abend erlag ich einer Versuchung, indem meine gläubige Nachbarin Elke, die unter mir im Haus wohnte, zu mir hoch kam und mich einlud, zusammen einen Film im Fernsehen zu sehen. Elke war aufgrund traumatischer Kindheitserlebnisse und damit verbundener psychischer Probleme in Frührente und lebte alleine. Da sie mir leid tat, willigte ich ein, ihr Gesellschaft zu leisten. Als ich spät am Abend wieder nach oben ging, war mir sehr elend und ich weinte bitterlich, weil ich dem Feind wieder auf den Leim gegangen war. Doch wollte ich mich nicht wieder einschüchtern lassen und bat Gott um Vergebung, wobei ich auch wirklich glaubte, dass Er mir vergab und mir nichts nachtrug.

So verging eine Woche in der ich in Treue und Hingegebenheit zu Gott lebte und freute mich über den Sieg in meinem Leben. Auch berichtete ich Ruth in einem Brief, dass ich wieder zur ersten Liebe zurückgekehrt sei. Doch dann fiel ich wieder in Sünde (Selbstbefriedigung) und meine alten Zweifel kamen mir wieder, weil ich vieles erlebte, bei dem ich den Eindruck hatte, dass Gott mein Gebet nicht mehr erhört, ja, sogar mir entgegen war. Ich fragte mich: Liebt mich Gott überhaupt noch oder hatte Er mich inzwischen schon verworfen wie Saul? Warum verlangt Gott so viel von mir? und warum lässt Er mich verloren gehen, wenn Er mich doch liebt? Warum darf ich nicht einfach ein normales Leben führen wie jeder andere Mensch? Lag es vielleicht daran, dass mir mein vieles Wissen um den Willen Gottes zum Verhängnis geworden ist (Amos 3:2, Luk.12:47, 19:26)? Dann könnte ich es fast bereuen, dass ich Christ geworden war. Ich wünschte mir, dass Gott anders wäre als der Gott, von dem es heißt: "Ein eifernder und rächender Gott ist Jahwe und voll von Grimm; Jahwe übt Rache an Seinen Widersachern und trägt Seinen Feinden nach" (Nahum 1:2). Aber ich konnte es mir nicht aussuchen, sondern musste es so glauben (oder nicht glauben), wie's geschrieben steht.

Zeitweise überlegte ich schon, ob ich den Glauben nicht ganz aufgeben sollte, denn ich hatte kaum noch Hoffnung, dass sich mein Leben noch einmal entscheidend ändern würde. Und dann erlaubte Gott etwas, dass mir im Nachherein sehr peinlich war: und zwar hatte ich an einem Sonntagabend die Idee, meinen neu erworbenen Anrufbeantworter mit einer bekannten Melodie zu untermalen. Mir kam dabei die lustige Idee, die Titelmelodie von James Bond 007 zu nehmen und entsprechend auf dem Band zu sagen: "Mein Name ist Poppe, Simon Poppe, bitte hinterlassen Sie mir eine Nachricht!" Doch schon am nächsten Tag fiel mir ein, dass auch ein Bruder mich anrufen könnte und dann mich für völlig verweltlicht halten könnte. Also beschloss ich, die Ansage wieder zu ändern. Als ich nach Hause kam, hatten zwei Personen angerufen, einmal meine Mutter, die auch eine Nachricht hinterlassen hatte, und eine andere Person, die nur aufgelegt hatte und von der ich auch keine Nummer im Display sehen konnte. Als ich eine Woche später erfuhr, WER diese Person war, die meine alberne Ansage gehört hatte, war es mir absolut peinlich... (kommt noch).

Marcus Rückfall in den Wahnsinn

Mitte Mai fand in Dresden ein sog. Christival statt, zu welchem junge Christen aus ganz Deutschland für eine Woche hin pilgern, um an den Veranstaltungen teilzunehmen, also eine Art evangelikaler Kirchentag für Jugendliche. Als Marcus erfuhr, dass Thomas und Ralf dort hinreisen wollten, um dort zu missionieren, wollte er unbedingt auch dorthin, um sie zu unterstützen. Doch kurz zuvor schrieb Ralf dem Marcus, dass sie nicht mit ihm zusammen zum Christival fahren würden, weil er sich noch nicht von mir distanziert habe. Sie warfen ihm vor, dass er "noch auf beiden Seiten hinken würde" (1.Kön.18:21). Doch Marcus fuhr trotzdem nach Dresden und hatte sich dort scheinbar mit den Brüdern angelegt. An einem Abend zog dann ein Sturm auf, der sämtliche Zelte hinwegriss, wo Thomas, Ralf und die anderen Teilnehmer campierten. Danach weiß niemand mehr, was genau passiert war, aber nach zwei Tagen fand die Polizei Marcus an einer Autobahnraststätte in der Nähe von München im völlig verwirrten Zustand. Er hatte schon wieder eine Psychose erlitten, insgesamt schon die Dritte. Sein ganzes Gepäck hatte er unterwegs mal wieder irgendwo an die Straße gestellt und war ohne Gepäck weitergegangen. Es heißt, dass er noch nicht einmal mehr Schuhe anhatte. Er wurde mit dem Krankenwagen nach Wasserburg gebracht, 50 km von München entfernt, wo eine Klinik für psychisch Kranke ist. Marcus weigerte sich jedoch aufgenommen zu werden. Als zwei Pfleger ihn dann mit Gewalt auf seine Station bringen wollten, schlug er sie mit der Faust, so dass sie Verstärkung holen mussten. Er schlug um sich mit Händen und Füßen, so dass man ihm einen Wirkstoffcocktail injizierte, der ihn vollkommen lahmlegte, eine sog. "chemische Zwangsjacke". Nachdem die Polizei sein Gepäck und sein Zelt gefunden hatten, fanden sie auch seine Brieftasche mit seinen Personalien. Sie riefen dann bei meiner Mutter an, die entsetzt war, und da sie mit der Situation nicht klarkam, bat sie mich nach München zu fahren, um Marcus zu besuchen.

So fuhr ich am 18.05.96 durch eine Mitfahrgelegenheit nach München und von dort weiter mit dem Bus nach Wasserburg. Als ich im Klinikum Inn-Salzach ankam, ging ich durch mehrere Glastüren auf einen 20 m langen Flur und sah von Ferne ganz am Ende des Ganges eine Person, die dort stand wie ein "Zombie", ein lebender Toter, der mich mit einem gebuckelten Rücken und herunterhängenden Armen unentwegt anstarrte mit offenem Mund. Als ich näher kam, erkannte ich, dass es mein Zwillingsbruder war. Man hatte ihm Haldol gegeben, so dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ich begrüßte ihn herzlich, aber Marcus war nicht in der Lage, irgendwelche Affekte zu äußern. Wir gingen in eine Art Empfangs- oder Besucherraum, wo sich hinter einer Glasscheibe auch das Stationszimmer befand. Mitten in diesem Aufenthaltsraum stand das Bett von Marcus. Ich erfuhr, dass man das Bett absichtlich hier hineingeschoben hatte, weil er aufgrund seiner Suizid- und Gemeingefährlichkeit unter ständiger Beobachtung stehen müsse. Ich setzte mich mit Marcus aufs Bett und tröstete ihn, wobei ich ihm behutsam ein paar Fragen stellte. Doch Marcus hatte keine Lust, mir zu antworten, weil er zu müde war. Er legte sich hin und wollte sofort einschlafen. Ich schüttelte ihn und bat ihn, doch mit mir zu reden, schließlich war ich doch von weither gekommen. Er aber knurrte, weil er lieber schlafen wollte, und kurz darauf war er auch schon fest eingeschlafen. Ich sprach daraufhin mit dem Pfleger, und der erklärte mir, was passiert war und gab mir die Adresse der Polizeidirektion, damit ich dort seine Sachen abholen konnte. Das tat ich und fuhr an selben Abend noch mit dem Zug zurück nach Bremen.

Marcus wurde entmündigt und sollte für mehrere Monate in Wasserburg bleiben. Doch nach einer Woche fühlte sich Marcus schon wieder gut und wollte zurück nach Bremen. Aber man erlaubte es ihm nicht, und er durfte noch nicht einmal aus dem Gebäude der geschlossenen Psychiatrie hinaus. Während er am Freitagnachmittag mit einem Patienten Schach spielte, sah er durch die Scheiben der Fenster, wie die anderen Patienten draußen Volleyball spielten. Marcus beschwerte sich, weil es draußen schon über 30˚ Celsius war und er hinaus wollte zu den anderen. Er wies daraufhin, dass das Grundstück doch ohnehin durch eine hohe Mauer gesichert sei, so dass niemand entkommen könne. Auf sein Drängen hin, ließ man ihn nach draußen. Zunächst ließ er sich nichts anmerken und vergnügte sich mit den anderen; doch in einem Moment, als niemand achtgab, kletterte Marcus über eine große Hecke hinaus und rannte durch den Wald. Schon bald wurde sein Verschwinden bemerkt und man rief die Polizei. Diese fahndete nach ihm mit einem Großaufgebot und durchkämmte mit Hunden den Wald. Marcus war unterdessen auf eine Straße gekommen, wo er als Anhalter mitgenommen wurde. Der Fahrer war etwas erstaunt, denn Marcus war nur mit einer Bermuda-Shorts bekleidet ohne jegliches Gepäck. Er nahm ihn mit nach Rosenheim, wo Marcus sich im Haus eines Bekannten duschen konnte, der ihm auch Kleidung, Schuhe und Kleingeld borgte. Damit fuhr Marcus dann per Anhalter quer durch Deutschland und kam in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages in Bremen-Arbergen an. Um etwa 9.00 Uhr klingelte es an jenem Sonntagmorgen, und zwei Polizisten standen vor der Tür. Marcus stellte sich freiwillig, und nachdem sie sich eine halbe Stunde mit ihm unterhalten hatten, erklärten sie ihn für zurechnungsfähig, ganz pragmatisch und ohne psychologisches Gutachten. Ich musste allerdings mit ihm am Montag noch mal zum Vormundschaftsrichter, damit auch dieser seine Entmündigung wieder aufhob.

Ein paar Tage später hatte ich den Wunsch, mal wieder meinen Freund Bernd Fischer anzurufen, um ihn zu fragen, ob ich ihn besuchen dürfte. Wir vereinbarten einen Termin für Anfang Juni. Und dann sagte Bernd zu mir: „Übrigens Simon, mache ich mir Sorgen um Dich, weil wir ja schon eine ganze Weile nicht mehr miteinander gesprochen haben, und ich habe mich gefragt, ob Du überhaupt noch an Gott glaubst.“ – „Aber Bernd, warum sagst Du das? Selbstverständlich glaube ich doch an Gott!“ – „Ich war mir aber nicht so sicher, denn vor etwa zwei Wochen habe ich Dich angerufen, und da war eine so merkwürdige Ansage von Dir auf dem Anrufbeantworter, dass ich dachte, Du seiest inzwischen in die Welt zurück gegangen.“ – Mir schlug das Herz bis zum Hals. Dann war es also der Bernd, der mich anrief, aber keine Nachricht hinterlassen hatte! Ich fing an zu stottern und erklärte Bernd, dass das so eine Dummheit von mir war, weil ich meinen Bruder Patrick da nachahmen wollte, aber mir schon gleich am nächsten Tag das Gewissen schlug und ich es wieder gelöscht habe. Als das Telefonat dann nach einigen quälenden Minuten endlich zu Ende war, fiel ich heulend auf meine Knie und bat Gott um Vergebung. Mir war es so peinlich, dass ich mir ausgerechnet vor diesem heiligen Bruder solch eine Blöße gegeben hatte. Wie konnte das nur passieren?! Mir fiel auf, dass ich wirklich in zwei ganz unterschiedlichen Welten lebte: auf der einen Seite war ich der fromme – wenn auch noch unreife und z.T. wankelmütige – Glaubensbruder, und auf der anderen Seite war ich der lustige und kreative Simon von früher (d.h. von vor meiner Bekehrung). Mein altes Wesen sollte doch aber längst begraben sein durch Christus in der Taufe. Warum aber kam es immer wieder noch zum Vorschein? So konnte es aber nicht immer weitergehen, dass ich wie ein Schauspieler auf zwei Hochzeiten tanzen würde. Ich musste mich einfach mal entscheiden, wer ich eigentlich wirklich sein wollte. Und da ich dem hohen Anspruch eines heiligen und Gott wohlgefälligen Lebens offensichtlich noch nicht (oder nicht mehr!) gewachsen war, sollte ich doch lieber so ehrlich sein, dazu zu stehen, anstatt weiter zu heucheln. Während ich noch auf den Knien war, sagte ich zu Gott: „Ich schaffe das nicht, HErr. Bitte verzeih mir, aber ich schaffe es einfach nicht! Mach mich zu einem Deiner Tagelöhner! Stufe mich zurück und fordere nicht mehr so viel von mir, HErr.“ Dann stand ich auf und sagte zu mir selbst: „Ab jetzt will ich nicht mehr heucheln, sondern zu dem stehen, was ich bin! Lieber, dass ich im Ansehen der anderen sinke, aber ich möchte mich ab heute nie mehr verstellen.“ Da ging es mir schon viel besser.

Mein Abfall vom Glauben

Ende Mai hatte ich dann an einem Tag ein entscheidendes Schlüsselerlebnis, das mein Leben für die nächsten 18 Jahre ändern sollte: Ich hatte den ganzen Tag alleine an der Fassade eines Mehrfamilienhauses gestrichen und dachte dabei über die Erlebnisse der letzten Monate nach. Warum hatte Gott all diese Probleme zugelassen, sei es mit dem Kinderheim oder Herrn Tönsing oder mit Thomas und Marcus? Und warum hatte ich schon seit Monaten keine Gebetserhörung mehr, z.B. bezüglich der Dauerschmerzen von Ruth. Das machte für mich alles keinen Sinn mehr. Und warum ließ Gott den Thomas mit all seiner Bosheit einfach ungeschoren davon kommen? Ich hätte ihn am liebsten genauso öffentlich an den Pranger gestellt, wie er dies mit mir und anderen gemacht hatte, um ihn zu demütigen. Aber Gott schwieg zu alledem, wie mir schien, und ließ mich seit Monaten schon in einem geistlichen Niemandsland umherirren, ohne Rast und Frieden. Und dann waren da all die ungelösten Fragen und Zweifel, die ich in der Bibel sah, aber die mir keine Ruhe ließen, weil ich für diese keine Erklärung fand. So grübelte ich auf dem Gerüst den ganzen Tag, während ich über Kopfhörer meine Musik hörte. Und dann kam ein Lied, dessen schwermütiger Gesang genau in meine Situation passte, nämlich "Losing my religion" von R.E.M., frei übersetzt: "(Ich fürchte, dass) ich meinen Glauben verliere". In dem Lied ging es um eine gescheiterte Liebesbeziehung, wo der Sänger auch den Eindruck hatte, dass er "alles vermasselt" habe und es nun zu spät sei. Genauso ging es mir ja auch in Bezug auf Gott.

Als Feierabend war, fuhr ich mit meinem Rad den langen Weg nach Hause, während ich unentwegt grübelte. Was wäre, fragte ich mich, wenn das mit der "ewigen Qual" in der Hölle einfach nur ein Missverständnis war, nämlich eine Fehlübersetzung des Wortes "aion", wie die Allversöhner behaupten, und es sich in Wirklichkeit nur um eine vorübergehende Dauer handelte? Aber "von Ewigkeit zu Ewigkeit" klang mir doch zu sehr nach "endlos", da wollte ich mir nichts vormachen. Aber wie konnte eine unendliche Qual mit der Liebe und Gerechtigkeit Gottes harmonisieren? Gar nicht. Wie man es auch dreht und wendet, es passte einfach nicht zusammen. Was aber, wenn Gott uns nur einen Schrecken einjagen wollte, aber es letztlich nicht so gemeint hat? Nein, das passt auch nicht, denn Gott kann nicht lügen und Sein Wort ist wahr. Oder wie wäre es, wenn die Bibel nicht Gottes Wort ist, sondern nur Gottes Wort enthält, wie einige Theologen sagen? Ein Großteil der Bibel ist ja ohnehin nur erzählte Geschichte und nur ein relativ kleiner Teil direkte Rede Gottes. Wie wäre z.B., wenn Gott die Bibel nicht als Sein Wort buchstäblich INSPIRIERT sondern nur nachträglich AUTORISIERT habe, also zugelassen habe? Dann dürfte es auch Fehler enthalten, die Gott aber überwaltet. Der Mensch hätte in diesem Fall nur seine Gedanken und Vorstellungen über Gott aufgeschrieben und Gott habe sie für gut und sinnvoll anerkannt und genehmigt, selbst wenn sie nicht immer zutreffend wären. War es nicht auch so mit dem mosaischen Gesetz, das ja letztlich auch nicht den endgültigen Willen Gottes widerspiegelte, sondern nur eine Zwischenstation darstellte, die auf den HErrn Jesus und das Evangelium vorbereiten sollte, aber noch nicht der Weisheit letzter Schluss war. Was wäre, wenn auch das Evangelium nur eine solche Zwischenstation wäre, aber Gott uns über Seinen endgültigen Willen bewusst im Unklaren gelassen habe, weil die Zeit noch nicht reif war für eine höhere Stufe? Schließlich gab es doch auch im Alten Testament kaum Hinweise auf das Evangelium, so dass es doch auch denkbar wäre, dass ebenso auch im Neuen Testament noch keine klaren Hinweise erkennbar seien für eine "3. Stufe" des Heilsplans Gottes? Aber dann verwarf ich all diese Überlegungen, weil sie ketzerisch waren und noch nicht einmal das Denken darüber erlaubt sei (1.Kor.4:6). Diese Gedanken standen im Widerspruch zu Gottes Wort und waren deshalb absolut tabu.

Ich fuhr weiter, aber war frustriert, denn ich brauchte endlich eine Lösung, die den "gordischen Knoten" in meinem Kopf zerschlug, damit ich nicht wahnsinnig werden würde wie mein Bruder. Was wäre, so überlegte ich, wenn die Bibel tatsächlich nicht das Wort Gottes wäre? Sollte es nicht mal einen Versuch wert sein, sich wenigstens für einen Moment diesem Gedanken zu öffnen? Ich stellte mir eine Türschwelle vor, die ich in Gedanken für einen kleinen Moment überschreiten musste, um danach wieder zurückzukehren in mein bisheriges Denken. Ich wollte nur mal ganz kurz spüren, wie sich dieser Gedanke anfühlt. Und wenn ich gleich sofort wieder zurückgehe in mein altes Denken, dann kann es doch nicht geschadet haben... Ich hatte mich selbst überzeugt und wollte das Wagnis eingehen. Dabei war es - wie ich im Nachhinein feststellte - als habe ich die Frucht vom Baum der Erkenntnis gegriffen und war nun im Begriff dabei, von dieser Frucht abzubeißen. Ich tat es. Es musste sein, damit ich endlich aus dem Dilemma herauskäme. Ich war vom Fahrrad abgestiegen, hatte meine Augen geschlossen und setzte mich für zwei Minuten hemmungslos diesem Gedanken aus. Es war überwältigend. Ein totales Glücksgefühl stieg in mir auf. Ich war endlich völlig frei! Als wenn sich auf einmal alle Ketten lösten, die mich gefangen hielten. Es war meine "zweite Bekehrung", wie ich es später nannte, nur dass in diesem Moment nicht der Heilige Geist in mir Wohnung nahm, sondern fremde Geister in mich einkehrten, weil ich sie durch meine Entscheidung herbei gerufen hatte. Aber mir war in diesem Moment klar, dass ich nie mehr zurück wollte, sondern nun ein neues Leben begonnen hatte. Ich konnte nun kein Christ mehr sein, jedenfalls nicht mehr im biblischen Sinne, sondern war jetzt ein Apostat, ein Abgefallener. Aber war nicht auch Paulus ein "Abgefallener" vom Gesetz in dem Moment, als er sich zu Christus bekehrte? Vielleicht hatte Gott auch mich jetzt tatsächlich auf eine höhere Stufe der Erkenntnis gestellt, so glaubte ich. Ich fuhr weiter und sah plötzlich die Passanten, die an mir vorbei gingen, als meine Brüder und Schwestern an. War es das, was auch der Freimaurer Friedrich Schiller erlebt hatte, bevor er in der "Ode an die Freude" dichtete: "Seid umschlungen, Millionen! diesen Gruß der ganzen Welt. Brüder, über‘m Sternenzelt, muss ein güt´ger Vater wohnen... Deine Zauber binden wieder, was der Mode Schwert geteilt, alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt."

Kurz darauf erhielt ich einen Brief von Bruder Bernd, in welchem er mich tröstete und mir erklärte, warum wir als Christen nicht immer sofort den Sieg hätten über die Sünde, weil nämlich wir sonst hochmütig werden könnten und die Abhängigkeit vom HErrn verlieren. Er mahnte mich, nicht aufzugeben, sondern einfach jedes Mal wieder neu Buße zu tun, wenn ich durch Sünde gefallen war, weil mir der HErr den Sieg verheißen habe, solange ich den Kampfplatz nicht verlassen würde. „Wichtig ist, dass Du die Front nicht dort einreißen lässt, wo Du schon Sieg hattest, … damit der Feind keine Gebietsgewinne macht. Lass Dich von der Selbstbefriedigung nicht zum Ehebruch treiben…“ Nein, das hatte ich gewiss nicht vor. Aber sein Appell zum Durchhalten kam jetzt zu spät, denn ich hatte ja bereits die Seite gewechselt und war sozusagen zum Gegner übergelaufen. Aber wie sollte ich das jetzt allen erklären? Sie würden verächtlich auf mich herabschauen und sagen, dass ich schon immer zu fleischlich war und nun der Fleischeslust nachgegeben hätte. Aber das stimmte so ja nicht, sondern es waren ja vor allem die Widersprüche an sich, die mich zur Aufgabe zwangen. Der HErr hatte mich doch als ganz normalen Mann geschaffen mit ganz normalen sexuellen Bedürfnissen. Warum sollte Er mir dann Vorwürfe machen, dass ich mich genau so verhalte, wie Er mich geschaffen hat? Hätte Er mich denn sonst nicht auch anders schaffen können?

Meine Rache an Thomas

Zum Glück wusste ja noch überhaupt niemand, dass ich jetzt „ungläubig“ geworden war, also konnte ich mir in Ruhe eine Strategie überlegen, wie ich meinen Sinneswandel nun allen so behutsam und nachvollziehbar vermitteln konnte wie möglich. Für eine Weile musste ich also noch ein Doppelleben führen bis die Zeit reif genug war, dass ich allen Geschwistern nach und nach die Wahrheit sagen konnte. Am schwierigsten würde das wohl für Ruth sein, aber ich hatte ja auch noch ein paar Monate Zeit, um mich darauf vorzubereiten. Als erstes wollte ich mich mal um Thomas Schaum „kümmern“, denn mit seinem boshaften Verhalten sollte er nun nicht mehr ungeschoren davonkommen. Jetzt wo ich ja kein Christ mehr war, hatte ich keinerlei Einschränkung mehr in meinen Mitteln. Um Thomas aber vor allen bloßzustellen, musste ich ihm erst einmal selber irgendwie seine dunklen Geheimnisse entlocken. Aber wie sollte ich diese herausfinden? Von selbst würde er sie mir ja nicht verraten. Da kam mir ein perfider Plan: Ich wollte ihm einen Bußbrief schreiben, in welchem ich ihm offen bekennen würde, was für ein Sünder ich doch sei und ihn fragen, ob ich ihn besuchen könnte, damit ich bei ihm „reinen Tisch machen“ könne. Würde er mir erst mal glauben, könnte ich ihn in ein Gespräch verwickeln, in welchem er auch seine eigenen Sünden konkret bekennt. Später bräuchte ich dann meine Abbitte nur zu widerrufen, hätte aber dann die Informationen, die ich bräuchte, um ihm das zu vergelten, was er mir angetan hatte. Ich schrieb ihm also einen Brief, in welchem ich so glaubwürdig wie möglich Buße tat; und siehe da: Thomas hatte den Köder geschluckt und lud mich ein, am 09.06.96 nach Asmushausen zu kommen. Der erste Schritt meines Planes hatte also funktioniert. Schon gleich nach meiner Ankunft am Samstagmittag schüttete ich mein Herz aus und bekannte ihnen schonungslos meine fleischliche Schwachheit, d.h. meine Abhängigkeit von der Selbstbefriedigung und von romantischer Musik. Was hatte ich auch zu verlieren, denn sie konnten ja nicht ahnen, dass es mir inzwischen ziemlich egal war, was sie von mir dachten. Als wir dann später als Brüder an den Kaffe-und-Kuchen-Tisch setzten, fragte ich Thomas wie beiläufig: „Wie ist das eigentlich bei Dir so? Bist Du eigentlich frei von der Selbstbefriedigung?“ – Daraufhin antwortete Thomas mir zunächst nur, dass er auf diesem Gebiet auch „noch viel Kampf“ habe und fügte dann in einer für mich völlig überraschenden und absoluten Ehrlichkeit einen Satz hinzu, den ich hier nicht nennen kann, um die Fantasie und das Schamgefühl des Lesers, vor allem aber auch das Ansehen von Thomas nicht weiter herabzuwürdigen. Jedenfalls hatte er mit seinen Bekenntnissen meine Erwartungen weit übertroffen.

Als ich wieder in Bremen war, erbat Thomas von mir, dass ich nun auch „der Buße würdige Frucht bringen müsse“, indem ich öffentlich meine zuvor genannten Vorwürfe gegen Thomas widerrufen solle. Ich wiederum bat den Thomas darum, dass er nun, wo ich doch alles bekannt hatte, was mich betrifft, doch davon abstehen möge, weiter gegen den Bruder Hans-Udo vorzugehen, zumal dies gar nicht seine Aufgabe sein könne als Fernstehender. Diese Provokation war für Thomas dann genug, dass er meine ganze Buße als halbherzig und damit als wertlos betrachtete, mich erneut als „Belialsmensch“ bezeichnete und ein weiteres Mal über mehrere Seiten alles wiederholte, was er über mich in Erfahrung gebracht hatte, sei es von anderen oder aus meinem eigenen Mund. Was er jedoch nicht ahnte, war, dass genau dies meine Absicht war, denn jetzt gab er mir einen Grund, ihn auch selbst öffentlich an den Pranger zu stellen in einem „offenen Brief“, den ich auch an all die anderen Brüder sandte, die ihn und mich kannten, aber diesmal mit ebenso heiklen Details aus seinem Privatleben, um ihm das heimzuzahlen, was er zuvor mit mir tat. Mein Brief blieb dann tatsächlich nicht ohne Folgen, indem ich später erfuhr, dass einige Getreue von Thomas nun auch zu ihm auf Distanz gingen. Und von Thomas kam zu meiner Überraschung keine Reaktion mehr. Die Schlammschlacht war zu Ende, und einen Sieger gab es nicht.

Im Nachhinein betrachtet war mein Verhalten gegenüber Thomas absolut hinterhältig und verwerflich. Es zeigt einfach nur, dass ich inzwischen von demselben mörderischen Drang erfüllt war, der auch dem Thomas umtrieb und ich mich um das Verbot der Rache mittlerweile einen Dreck scherte (Röm.12:19). Seit ich wieder gläubig bin (seit 2014) habe ich über mein damaliges Verhalten Buße getan und Gott um Vergebung gebeten. Ob Thomas inzwischen auch irgendetwas bereut hat über sein Verhalten mir gegenüber, kann ich nicht sagen, denn er will nach wie vor nichts mit mir zu tun haben und erkennt meine erneute Umkehr zu Gott nicht als echt an. Möge der HErr Gnade schenken, dass es zwischen uns eines Tages zur Versöhnung komme!

Nachdem ich meine Rache geübt hatte, überlegte ich mir, mit wem ich in Zukunft Kontakt und Freundschaft pflegen sollte, nachdem ich mich ja nun vom fundamentalistischen Christentum innerlich losgesagt hatte. Da fielen mir die Freimaurer ein, die ja gerade von bibeltreuen Christen als die ärgsten Feinde und sogar als Diener Satans angesehen wurden. Ich fragte mich, ob denn nicht die Feinde meiner Feinde zu meinen Freunden werden könnten. Also suchte ich mir aus dem Telefonbuch die Telefonnummer einer Freimaurerloge heraus und rief dort an. Nachdem ich dem Mann am anderen Ende kurz mein Anliegen beschrieben hatte, wies er mich darauf hin, dass seine Loge eine konfessionslose sei, es aber auch eine christliche Freimaurerloge in Bremen gäbe, nämlich die „Zum Ölzweig“. Er empfahl mir, mich an diese zu wenden, da diese „Brüder“ besser vertraut waren mit meiner Vergangenheit und gab mir von dieser die Nummer. Als ich dann dort anrief, lud mich der „Meister vom Stuhl“, Klaus Bettag, zu einem Gästeabend ein, wo mich die Logenbrüder persönlich kennenlernen könnten und meine Fragen beantworten würden.

Kurz darauf besuchte ich diese und nahm in der Folgezeit an insgesamt drei solcher Gästeabende teil, wobei ich jeweils der einzige Gast war inmitten von etwa 5 bis 6 Logenbrüdern. Zunächst fiel mir auf, dass diese Männer im Alter von 40 bis 75 Jahren alle sehr freundlich waren. Besonders der Großmeister Klaus Bettag war außerordentlich höflich und respektvoll zu mir wie ein Gentleman. Sie waren amüsiert, als ich ihnen schilderte, wie man von Seiten der bibelgläubigen Christen über die Freimaurer dachte, dass sie nämlich heimlich mit dem Teufel im Bunde seien etc. Sie erklärten mir, dass sie selbst eine explizit christliche Loge seien, die nur Männer aufnehmen würde, die an Christus und die Bibel als Wort Gottes glauben würden. Wie jedoch der Glaube jedes einzelnen praktiziert werde, sei jedem selbst überlassen. So freundete ich mich im Verlauf der nächsten Wochen mit einem gewissen Carl-Ernst an, der ein überzeugter Katholik war und mit seinen etwa 40 Jahren der Jüngste von allen sei. Der Klaus Bettag wiederum hatte über mich „Recherchen“ angestellt, genau gesagt über meinen Stammbaum, und übergab mir nach ein paar Tagen einen Stammbaum der Familie Poppe, der bis ins 15. Jh. zurückreichte. Dies tat er deshalb, weil er durch vorherige Untersuchungen in seinem eigenen Stammbaum feststellte, dass seine Vorfahren mit den meinigen verwandt seien. Auch brachte er mir einen Aufsatz mit, den er mal über das Bremer Rathaus geschrieben hatte. Er hatte diesen mal als Vortrag in der Loge gehalten und wies darin auf die geometrisch interessante Bauweise hin, durch die der Architekt angeblich auf freimaurerische Symbole anspielen wollte (für mich war der Text totlangweilig). Und als ob er mich für die Loge gewinnen wollte, zeigte er mir an meinen Vorfahren, dass ungewöhnlich viele von diesen sog. „Baumeister“ (Architekten) waren und Mitglied der Loge „Zum Ölzweig“. Auch erzählte er mir, dass die Loge massiv unter Mitgliederschwund leide, da die Alten ausstürben und keine neuen Brüder hinzukämen. Schuld daran sei seines Erachtens, dass die Gesellschaft zunehmend individualisiert sei und jeder nur seine eigenen Interessen verfolgen würde.