"Wache auf, der du schläfst und stehe auf aus den Toten,

 und CHRISTUS wird dir leuchten!" (Eph. 5:15)

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Preisgünstige Unterkunft und Rundreise möglich

durch die Familie meiner peruanischen Ehefrau

 

Mein Schwager, Dr. Israel Condori (59), hat in Ica (im Süden Perus) ein Freizeitheim mit Paradiesgarten, Pool und Volleyballplatz, wo auch wir als Familie regelmäßig Urlaub machen. Bei den Condoris geht es ganz familiär zu: Die beiden Söhne Jonathan und Joel organisieren mit den Gästen Rundreisen an die schönsten Orte Perus (z.B. Macchu Picchu) und die Frauen kümmern sich um das leibliche Wohl der Gäste. Der Rund-um-Service kostet $ 50 USD/Tag (d.h. Vollpension + Führung) zzgl. Reisekosten. Grundkenntnisse der spanischen Sprache sind von Vorteil.
Wenn Sie Interesse haben, rufen Sie uns einfach an: Familie Poppe,
0421-830 50 81
(bitte nur bei ernsthafter Reiseabsicht).

 

 

 

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Einmal auf dem Schoß Gottes sitzen

Wie ich meinen Glauben verlor und Gott ihn mir nach 18 Jahren wiedergab

Simon Poppe

"Und das Übrige der Geschichte Jorams und alles was er getan hat, ist das nicht geschrieben in dem Buche der Chronika der Könige von Juda? Und er ging hin, ohne vermisst zu werden..."

(2.Kön.8:23, 2.Chr.21:20)

Vorwort

Wenn wir uns Gedanken machen über unser bisheriges Leben, kommen wir alle früher oder später zu der Einsicht, dass unser Leben im Grunde nicht mehr als ein Hauch ist, der eine kurze Zeit lang sichtbar ist und dann verschwindet. Für den Lauf der Welt ist es im Grunde völlig bedeutungslos, ob wir einmal gelebt haben oder nicht. Denn wenn der Mensch erst einmal gestorben ist, dann schwindet schon bald die Erinnerung an ihn. Ein wenig anders verhält es sich, wenn wir im Leben wenigstens „Spuren“ hinterlassen durften, d.h. wenn Menschen, denen wir helfen konnten, uns wenigstens eine Zeit lang in Erinnerung behielten oder sogar durch unser Vorbild zum Guten beeinflusst wurden. Die meisten Menschen kümmert es jedoch weniger, was andere von ihnen denken mögen, geschweige denn, dass sie sich für das Leben anderer interessieren, sondern sie leben gleichgültig in den Tag hinein und verschwenden ihre wertvolle Lebenszeit z.B. vor dem Fernseher. Sie leben ihr Leben im Grunde also gar nicht selber, sondern begnügen sich damit, das wahre oder erfundene Leben anderer zu beobachten, dass ihnen das Gefühl gibt, als würden sie es selber erleben. Sie kämen vielleicht auch nie auf die Idee, ein Buch über ihr Leben zu schreiben, weil es da nicht allzu viel zu berichten gäbe und es ohnehin niemanden interessieren würde. Tatsächlich gibt es aber Einen, der sich für das Leben aller Menschen interessiert, sie deshalb ständig beobachtet und alles aufschreiben lässt, was sie jeden Tag tun. Und das ist Gott.

"Das übrige der Geschichte" ist eine Formulierung, die in der Bibel steht, und dort etwa 45 mal vorkommt, und zwar in Bezug auf die Könige von Israel oder Juda im Alten Testament, um dem Leser am Ende der Lebensbeschreibung eines solchen Herrschers bei Interesse auf weitere Einzelheiten aus dessen Leben hinzuweisen, die in der Chronik des jeweiligen Landes zu finden sind. Das Leben der meisten dieser Könige, die z.T. nur sehr kurze Zeit regierten, war häufig derart belanglos, das es den Schreibern nicht wert war, näher darauf einzugehen. Für Gott, der als inspirierender Autor hinter allen Büchern der Bibel steht, war es in der Regel allein entscheidend, uns mitzuteilen, ob ein König "tat, was recht war in den Augen Jahwes", des Gottes Israels, oder ob er "tat was böse war in den Augen Jahwes".

Häufig taten diese Könige nur, was schon ihre Väter taten, ob nun Gutes oder Böses. Dass aber jemand während seines Lebens auf einmal vollkommen seine Richtung ändert, ob nun vom bösen auf den guten Weg oder vom guten auf den bösen Weg, geschieht eher selten. Welcher Weg aber nun "gut" und welcher "böse" ist, entscheidet am Ende nicht der Mensch, sondern Gott allein, und Er hat uns Sein Beurteilungskriterium gegeben in Seinem Wort, der Bibel. Und es wird der Tag kommen, an welchem wir alle einmal Rechenschaft geben müssen vor Ihm, was wir mit unserer Lebenszeit angestellt haben, ob wir also nach Seinem Willen gelebt haben oder nicht. Über diese Tatsache sind sich ja auch alle großen Weltreligionen einig. Jedoch glauben Juden und Muslime (und auch viele Katholiken), dass man sich das ewige Leben bei Gott nach dem Tod durch gute Werke verdienen könne. Die Bibel lehrt jedoch, dass niemand durch eigene Frömmigkeit rein und heilig genug werden könnte, um sich Gott nahen zu können. Allein durch Jesus Christus, den Sohn Gottes, haben wir Zugang zu Gott, wenn wir Ihn und Seinen Erlösungsweg im Glauben annehmen. Und erst durch Ihn gewinnt unser Leben überhaupt erst an Bedeutung und Wert für Gott: Wenn wir uns auch selber vielleicht als eine Null sehen in Gottes Augen, so sind wir durch den Einen, der sich vor uns stellt und uns vor Gott rechtfertigt, keine "0" mehr, sondern eine "10".

Ich selber habe sogar schon zweimal in meinem Leben Jesus als meinen HErrn angenommen. Das erste Mal 1984, als ich 16 Jahre alt war, und das zweite Mal 2014. Dass ich mich noch ein zweites Mal bekehren musste, wurde dadurch erforderlich, dass ich 1996 meinen Glauben wieder verlor. Die meisten Bekehrungsgeschichten beginnen ja mit einer düsteren Vorgeschichte und enden dann mit der Bekehrung als Happy-End. Dass es aber auch mal - wie bei mir – nicht ganz so typisch verlaufen kann, passiert gar nicht so selten, aber es wird eher ungerne darüber gesprochen, zumindest nicht in christlichen Kreisen.

In diesem Buch möchte ich aber nicht über die erste Hälfte von meinem Leben berichten (das werde ich - wenn Gott will - später mal tun zu gegebener Zeit), sondern von der zweiten Hälfte, als ich 1996 mit 28 Jahren meinen Glauben verlor und wie Gott mir 18 Jahre lang hinterherging, um mich wieder zur Umkehr und Buße zu bewegen. Es ist zugleich auch die Geschichte meiner Malerfirma mit allen Höhen und Tiefen, über anfänglich chaotische Zustände bis hin zu unvorstellbaren Erlebnissen mit Kunden und Mitarbeitern. Mit Gottes Hilfe werde ich all diese Erlebnisse der letzten 23 Jahre in etwa 30 Episoden berichten.

Ich versichere dem Leser, dass sich alles genauso zugetragen hat und nichts erdichtet ist. Ich werde sogar auch unangenehme oder peinliche Dinge weder verschweigen noch durch Entstellungen beschönigen, sofern sie für ein ausgewogenes Bild erforderlich und von Interesse sind. Gerade die Abgründe meines damaligen Lebens sollen ja zeigen, dass ich keineswegs ein "Held" war, sondern dass es wirklich nur der Güte und Barmherzigkeit Gottes zu verdanken ist, dass Er mir all dieses vergeben konnte. Möge der Leser in der einen oder anderen Begebenheit auch seine eigenen Abgründe wiedererkennen und durch diese ebenfalls zum Umdenken und zur Gottessuche gelangen!

Bremen, den 13.10.2018                                                      Simon Poppe

Die Vorgeschichte

Auf meiner ersten Südamerikareise im Frühjahr 1992 hatte ich in Kolumbien ein Schlüsselerlebnis. Eines Abends fuhr ich mit meinem Freund und Glaubensbruder Pepe Gomez zu einer Kfz-Werkstatt wegen eines Reifenwechsels. Während ich auf dem Beifahrersitz wartete, kam plötzlich ein etwa siebenjähriger Junge an meine Seitenscheibe und bat um eine Spende. Er war vollkommen verdreckt und roch streng nach Urin. Gerade als ich ihm etwas geben wollte, verscheuchte ihn der Monteur. Als wir dann weiterfuhren, ging der Junge mir nicht mehr aus dem Kopf. Pepe erklärte mir, dass diese Straßenkinder (auch "gamines" genannt) überall in Bogotá zu finden seien. Sie schlafen in der Kanalisation und verbringen den Tag mit Betteln und Stehlen. Da es viele ledige Mütter gäbe, die selber nur vom Betteln und der Prostitution lebten, gäbe es immer wieder neue Kinder, die irgendwann im Alter von fünf oder sechs Jahren auf die Straße gesetzt würden, um für sich selbst zu sorgen.

Für mich war dieser Gedanke unerträglich. Wie konnte ich mich von nun an guten Gewissens in ein warmes Bett legen, während diese unschuldigen Kinder auf der Straße schlafen müssen! Ich fragte Pepe, ob es nicht möglich sei, mit Gottes Hilfe ein Kinderheim in Kolumbien zu gründen, schließlich sei es doch als Christen unser vorrangiger Gottesdienst, nach Waisen und Witwen Ausschau zu halten, um ihnen aus ihrer Not zu helfen (Jak.1:27). Pepe war einverstanden, und so suchten wir ein paar Monate später auf meiner zweiten Reise nach einem geeigneten Haus auf dem Land. Schließlich entschied ich mich für ein Landhaus in Ecuador, in der Nähe des kleinen Dorfes Laurel, etwa eine Stunde nördlich von Guayaquil und unterschrieb kurz vor unserer Hochzeit im Dezember 1992 ein Kaufversprechen, bei dem ich eine Anzahlung von 100 $ hinterlegte. Da meine gläubige Pflegemutter Hedi Böhnke mit den Einnahmen meiner Ausbildungsvergütung regelmäßig in einen Bausparvertrag eingezahlt hatte, war dieser mit inzwischen 7000,- DM zuteilungsreif geworden, sodass ich zusätzlich mit dem Darlehen über eine Summe von rund 20.000,- DM verfügen konnte, mit der ich das Haus kaufen wollte.

Als ich meiner Frau Ruth von diesem Plan erzählte, war sie nicht wirklich begeistert von der Idee, denn sie hatte eigentlich gehofft, als Tierärztin in Deutschland arbeiten zu können, zumal sie mit ihrem Studium fast zu Ende war. Aber ich hatte schon lange zuvor mit ihr vereinbart, dass ich sie nur heiraten würde, wenn sie bereit sei, mit mir zusammen dem HErrn zu dienen, egal wohin Er uns führe, und dass ich mir sicher war, dass der HErr mich in Südamerika gebrauchen wolle. Doch schon bald nach der Hochzeit erkrankte Ruth, zunächst an einer Bauchfellentzündung und später an einem sog. Sacro-Lumbar-Syndrom, durch welches das ständige Reiben eines verlängerten Lendenwirbels am Beckenknochen zu einer chronischen Entzündung im Rücken und damit zu dauerhaften Schmerzen führte. Zum Glück gab es in Bremen einen verständnisvollen Orthopäden aus Peru, der ihr regelmäßig ein starkes Opiat verschrieb, so dass sie nahezu beschwerdefrei leben konnte. Allerdings musste sie im Laufe der ersten zwei Jahre die Dosis immer weiter erhöhen, da die Wirkung allmählich nachließ. Wir machten uns Sorgen wegen dieser Tablettenabhängigkeit und beteten immer wieder, dass der HErr sie doch von diesem Joch befreien möge, aber es geschah nicht, sondern die Schmerzen wurden allmählich immer stärker (besonders jedes Mal nachdem Ruth und ich zusammen geschlafen hatten).

Nachdem ich 1993 den Kaufpreis und die erforderlichen Nebenkosten überwiesen hatte, beschlossen meine Frau und ich, Anfang November 1994 nach Südamerika auszuwandern. Sie selbst musste zuvor in Peru noch das letzte klinische Praktikum ihres Studiums der Tiermedizin absolvieren, während ich mich in der Zwischenzeit um die Fertigstellung des Landhauses kümmern wollte, denn ich hatte es m Rohbau-Zustand gekauft (der Vorbesitzer war während der Bauphase gestorben, so dass die Witwe mir das Haus in Laurel und das dazu gehörige 3,6 ha große Grundstück für umgerechnet 15.000,- DM verkauft hatte, zzgl. etwa 8.000,- DM an Notar-, Provisions- und Schmiergeldkosten). Bruder Hans-Udo Hoster (57), der Leiter eines christlichen Missionswerks aus Berlin, der bereits 30 Jahre mit Gottes Hilfe erfolgreich ein Kinderheim in Pakistan unterstützt hatte und seit 1991 auch ein Kinderheim in Rumänien, hatte mir in Aussicht gestellt, dass er unser Kinderheimprojekt finanziell unterstützen würde, wenn er sich zuvor selber ein Bild von der Arbeit vor Ort gemacht habe und von der Umsetzbarkeit persönlich überzeugt sei. Wir waren so verblieben, dass er im Januar oder Februar 1995 nach Ecuador kommen wollte.

Januar – März 1995

Dengue-Fieber und Schwangerschaft

Da mir bewusst war, dass wir auf Dauer nicht nur von Spenden leben können, hatte ich vor, nebenbei auch eine Immobilienvermittlung zu beginnen, indem wir auswanderungs- interessierten Deutschen ein Haus oder Grundstück in Ecuador vermitteln würden inkl. aller erforderlichen Behördengänge und Dolmetschertätigkeiten. Ein unserer ersten Kunden war ein Schweizer, der sich mit unserer Hilfe ein Grundstück im Urwald Ecuadors gekauft hatte, um eine Seifenfabrik bauen zu lassen. Ein weiterer Interessent war ein Glaubensbruder aus einer Baptistengemeinde, namens Wolfgang Kotsch (48)*, mit dem ich im November 1994 nach Ecuador gereist war, um sich für seine Familie ein schönes Haus am Meer zu kaufen (*Name geändert). Er kam in Begleitung von zwei jungen Brüdern aus Deutschland, Silvio (31) und Daniel (17), die einfach nur mal so einen abenteuerlichen Urlaub erleben wollten.

Meine Frau Ruth blieb damals bei ihren Eltern in Lima zurück, um ihr Studium der Tiermedizin zu beenden, während ich mit den deutschen Brüdern in Ecuador Immobilien besichtigte. Schließlich wurde Wolfgang auch fündig und kaufte sich ein kleines Haus am Strand von St. Elena. In den Tagen danach wollte ich ihnen etwas vom Land zeigen und fuhr mit ihnen auf den Vulkan Cotopaxi. Wir nahmen auch den einheimischen Bruder Abraham Mora (22) mit, der noch nie außerhalb von Guayaquil war. Als wir auf 4.800 m Höhe an eine kleine Berghütte gelangten, sah Abraham zum ersten Mal in seinem Leben Schnee, den er mit seinen eigenen Händen anfassen konnte. Auch besichtigten wir den Urwald und auch den Strand von Manta, bevor wir Anfang Dezember wieder nach Guayaquil zurückfuhren. Ende Dezember flogen die Deutschen wieder zurück in die Heimat, aber Wolfgang versprach, im März wiederzukommen, um uns auch bei der Kinderheimarbeit zu unterstützen. Leider stellte sich später heraus, dass Wolfgang sich nicht nur mit einer Immobilie begnügte, sondern er hatte auch eine heimliche Affäre mit einer ledigen Schwester aus der Versammlung, was ich jedoch bemerkte und ihn deshalb rügte.

Die Weihnachtstage verbrachte ich dann mit meiner Frau in Lima, als wir erfuhren, dass ein Krieg ausgebrochen war zwischen Peru und Ecuador. Wir machten uns ein wenig Sorgen, ob dieser Krieg Auswirkungen haben könnte auf unser Kinderheimprojekt, das ja im Februar beginnen sollte, aber wir befahlen dies in die Hand unseres HErrn. Unser viel größeres Gebetsanliegen war damals jedoch, dass Gott doch auch uns ein Kind schenken möge. Immerhin waren wir schon zwei Jahre verheiratet und Ruth wurde einfach nicht schwanger. Bei einer Untersuchung im Herbst 1994 teilte mir ein Urologe mit, dass ich als Maler durch meinen ständigen Hautkontakt mit Nitro-Verdünnung meine Spermien größtenteils geschädigt hatte und deshalb die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch ein Kind zeugen könne, bei etwa 1 % lag. Deshalb gingen wir am Neujahrstag 1995 mit meinem Schwager Israel und seiner Frau Alexandra in ein Café, um mit ihnen über die Idee zu sprechen, ob sie uns nicht einen ihrer drei Söhne Jonathan (9), Joel (8) oder Angel Salomon (2) schenken könnten, um diesen dann zu adoptieren. Sie sagten uns dieses zu, jedoch wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass unsere Tochter Rebekka (0) gerade eben entstanden war.

Anfang Januar 95 fuhr ich dann allein nach Ecuador, um Bruder Hans-Udo Hoster am Flughafen abzuholen. Ich vereinbarte mit Ruth, dass ich Ende Januar wieder zurück sein würde, doch dann kam alles anders: Weil Hans-Udo mir noch nicht mitgeteilt hatte, wann er genau kommen würde, rief ich ihn an. Er sagte: "Simon, ich warte schon seit Tagen auf eine Antwort von Dir und wollte schon gerade meinen - für Anfang Februar gebuchten - Flug wieder stornieren!" Ich erklärte ihm, dass ich seinen letzten Brief wohl nicht mehr rechtzeitig bekommen hatte, war aber froh, dass er doch noch käme. Doch kurz darauf wurde ich schwer krank und konnte mich kaum noch aus dem Bett bewegen. Da man in Südamerika jedes Medikament rezeptfrei kaufen konnte, ging ich - um die Arztkosten zu sparen - direkt zur Apotheke und ließ mich beraten. Man gab mir ein starkes Antibiotikum, aber es wurde einfach nicht besser. Ich magerte immer mehr ab und wog von anfänglich 92 kg am Ende nur noch 75 kg (bei einer Größe von 194 cm). Als ich Ende Januar endlich zum Arzt ging, stellte dieser das Dengue-Fieber bei mir fest (eine Art Malaria) und verschrieb mir 3 x täglich 3 Tage lang eine Voltaren-Spritze, um einen künstlichen Schüttelfrost auszulösen, der den Virus zum Ausschwitzen brächte. Auf dem Weg vom Arzt bis nach Hause musste ich mich von den Geschwistern Nelson Mogollón (57) und seiner Adoptivtochter Matilde (21) abstützen, da mir bei meinem niedrigen Blutdruck von 90 zu 50 schwindelig war.

So lag ich 3 Tage schlapp im Bett, während alle 8 Stunden starke Hitzewallungen von zähneklappernder Kälte abwechselten, bis es mir tatsächlich wieder besser ging, dem HErrn sei Dank! Den ganzen Tag lief während dessen Kriegspropaganda im Fernsehen, immer gefolgt von der Nationalhymne Ecuadors und Berichten über angebliche Landgewinne im Urwald der Cordillera del Condor. Die Brüder der Versammlung waren so fanatische Nationalisten, dass sie sich im Haus von Bruder Nelson Mogollón, wo ich untergebracht war, gemeinsam die Fernsehberichte anschauten, so als ob es ein Gottesdienst wäre. Aus lauter Übermut habe ich dann einmal gerufen: "Viva el Peru!" ("Es lebe Peru!"). Da kam Bruder Nelson erbost zu mir und sagte, dass ich mir solche Scherze besser nicht erlauben sollte, denn wenn ein Nachbar das gehört hätte, könnte ich von der Militärpolizei als Spion verhaftet werden. Ich stritt mich dann mit ihm, warum er als Himmelsbürger überhaupt solch ein Interesse an weltlichen Dingen habe, anstatt lieber für den Frieden zu beten.

Ende Januar telefonierte ich mit Ruth und sie teilte mir mit, dass sie schwanger sei. Ich konnte es nicht glauben (und mich deshalb auch noch nicht darüber freuen), weil wir zu oft schon enttäuscht wurden. Ruth wollte nun, dass ich sofort zurück kommen möge nach Peru, da sie es nicht mehr aushielte, allein zu sein. Ich erklärte ihr, dass sie sich noch einen Monat gedulden müsse, weil ich erst noch Bruder Hans-Udo aus Berlin empfangen und ihn zwei Wochen lang begleiten müsse. Sie war darüber sehr enttäuscht und hatte keinerlei Verständnis, zumal es ihr auch gesundheitlich sehr schlecht ging.

Die Gründung des Kinderheims

Hans-Udo kam wie angekündigt Anfang Februar 95 in Begleitung eines jungen Bruders namens Johannes Steudle (22). Da er nur zwei Wochen eingeplant hatte, verlor er keine Zeit mit Rundreisen, sondern bestellte sofort alle verantwortlichen Brüder zu Gesprächen und verschaffte sich schnell einen Eindruck von der Situation vor Ort. Er erklärte uns, dass es finanzielle Unterstützung durch den Berliner Verein nur geben könne, wenn die Geschwister in Guayaquil sich geistlich einig wären und gemeinsam eine Stiftung gründen würden, damit über alle erforderlichen Einnahmen und Ausgaben genau Buch geführt würde. Er versuchte, mir die Buchhaltung beizubringen, aber ich stellte mich leider sehr ungeschickt dabei an, so dass wir den Nelson Mogollón damit beauftragten. Alle Geschwister versprachen, bei dem Kinderheimprojekt assistierend mitzuhelfen, und glücklicherweise war Bruder Jorge Calvache (59) mit einem Pfingstgemeinde-Pastor befreundet, der zugleich auch Notar war.

Als wir dem Notar Hector Chavez dann unser Anliegen, eine Stiftung zu gründen, vortrugen, erklärte uns dieser: "Das ist alles kein Problem. Das Gesetz schreibt vor, dass Sie als Gründungsmitglieder sich an drei „konstitutionellen Sitzungen“ treffen müssen, um die Satzungen der Stiftung zu erörtern und darüber abzustimmen. Diese Sitzungen müssen dann von jemandem protokolliert werden und alle Unterlagen dann zusammen beim Innenministerium abgegeben werden. Das einzige Problem ist: Wir haben heute Dienstag und am Donnerstag fliege ich für drei Monate in die USA. Aber machen Sie sich keine Sorgen, kommen Sie morgen vormittags in mein Büro, und ich werde Ihnen dann alle Unterlagen übergeben." Wir waren etwas verdutzt über seine Worte, denn wie wollte er uns denn bei der Stiftungsgründung helfen, wenn gar nicht mehr genügend Zeit wäre für die drei obligatorischen Gründungstreffen?

Wir wollten uns überraschen lassen und kamen am nächsten Tag mit den Brüdern in seine Kanzlei. Zunächst teilte er uns mit, dass wir ihm neben seinem vereinbarten Honorar auch eine gewisse Summe an "propina" (Trinkgeld) mitgeben müssten, dass er in einer Büroklammer an die Antragsformulare anheftete, damit diese überhaupt von der Behörde zügig bearbeitet werden könnten. Dann überreichte er uns sämtliche Unterlagen und wir setzten uns, um diese durchzulesen. Tatsächlich gab es auch drei Sitzungsprotokolle, die ausführlich wie in einem Drehbuch den jeweiligen Verlauf der drei Sitzungen beschrieben, obwohl diese nie stattgefunden hatten. Ich lachte darüber, aber Bruder Hans-Udo vergrub den Kopf in seine Hände und war sichtlich erschüttert. Ich fragte ihn: "Und was machen wir jetzt?" Er sagte: "Frag mal die Brüder, was die dazu sagen." Ich ging hin und fragte sie. Daraufhin erklärten mir alle wie aus einem Mund: "Ach, Bruder Simon, das ist hier alles völlig normal! Machen Sie sich deshalb doch keine Sorgen!" Daraufhin unterschrieben wir die Unterlagen und gaben sie an den Notar zurück; - eine folgenschwere Entscheidung, wie sich erst Monate später herausstellen sollte.

Mit der großzügigen, fünfstelligen Spende, die uns Bruder Hans-Udo dann anvertraute, sollten wir das Haus in Laurel zu Ende bauen und die ersten Monate auch unsere privaten Unkosten bestreiten bis neue Spenden kämen. Da wir einen Teil des Geldes aber vorerst nicht benötigten, legten wir 6000,-DM als Festgeld in der Bank an zu einem Zinssatz von sage und schreibe 60 % p.a., so dass wir einen Monat später zusätzlich 300,-DM an Zinsen erhielten. Dass die Banken hier solch hohe Gewinne machen, lässt sich wohl nur durch die hohe Inflation und den Drogenhandel erklären. Nachdem Hans-Udo nach Deutschland abgereist war, fuhr auch ich Ende Februar endlich wieder zurück nach Peru.

Doch an der ecuadorianischen Grenze bekam ich Schwierigkeiten. Der Zoll hatte in meiner Aktentasche jede Menge PC-Disketten gefunden, die er beschlagnahmen wollte wegen des Krieges, weil ich ja auch ein Spion hätte sein können. Ich protestierte dagegen und bat die Beamten, ob ich mal mit ihrem Vorgesetzten sprechen dürfe. Ein Junge begleitete mich, um mir zu zeigen, wo das Militärgebäude sei. Als wir ankamen, war es aber bereits geschlossen, so dass wir zurück zum Zollhaus gingen. Ich musste mich beeilen, denn um 18.00 Uhr schloss die Grenze auch auf peruanischer Seite. Der Junge sagte mir: "Mister, sie müssen denen doch nur 50 Dollar geben und dann lassen diese sie einfach so passieren." Ich nahm an, dass die dem Jungen aufgetragen hatten, mir dies zu sagen, und so ging ich wütend in das Büro des Beamten und hielt ihm - aus welchem Grund auch immer - eine Moralpredigt: "Ich finde es eine Unverschämtheit, dass man in diesem Land für jede Kleinigkeit immer auch ein Bestechungsgeld zahlen muss! Kein Wunder, dass Ihr Land wirtschaftlich am Boden ist. Aber ich bin Christ und werde mich deshalb an diesem schmutzigen Geschäft nicht beteiligen!" Während ich dies aber wutentbrannt sagte, hatte ich mein Portemonnaie hervor geholt, nahm sämtliches Bargeld an Sucres heraus, das ich noch hatte (umgerechnet vielleicht 10,-DM) und knallte sie vor dem Beamten auf den Tisch. Dann schnappte ich mir mein Gepäck und ging wortlos an den Soldaten vorbei über die Grenzbrücke, ohne dass mich irgendjemand aufhielt. Die waren wohl alle so verdattert über mein dreistes und unsinniges Verhalten, dass sie nur wie gelähmt zuschauten.

Es war inzwischen schon 1 Minute vor 18.00 Uhr und ich rannte so schnell ich konnte, um noch rechtzeitig beim peruanischen Zollhaus anzukommen. Leider hatte es ebenso schon geschlossen, aber da ich nicht in dem Grenzort übernachten wollte, klopfte ich hart gegen die Glastür. Ein Beamter kam und zeigte mit dem Finger auf seine Armbanduhr, um mir zu signalisieren, dass es zu spät sei. Ich rief: "Was soll das?! Selbst in Deutschland sind die Behörden nicht so kleinlich!" Auch diesmal ließ man mich trotz meines frechen Kommentars noch einmal rein, so dass ich meinen Einreisestempel bekam. Dass ich durch all diese schlechten Manieren im Stile einem Kolonialherrn ein ganz unwürdiges Zeugnis abgab vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt, war mir nicht bewusst. Ich wollte nur so schnell wie möglich wieder bei Ruth sein. So fuhr ich also von der Grenze aus 22 Stunden mit dem Bus die Panamericana hinunter und kam am nächsten Tag ausgemergelt in Lima an.

Ich blieb mit Ruth noch bis zum 27.03. in Peru, aber dann mussten wir uns auch schon wieder gemeinsam nach Ecuador auf den Weg machen, denn ich hatte den Geschwistern ja versprochen, dass ich ihnen beim Umbau des Hauses helfen würde. Allerdings sagte man uns, dass Ecuador die Grenzen inzwischen geschlossen hatte für Peruaner, zumindest auf dem Landweg, und dass nur noch eine Einreise mit dem Flugzeug möglich sei. Wir hatten jedoch kein Geld mehr für einen Flug, deswegen entschieden wir uns, es drauf ankommen zu lassen. Wir beteten, dass Gott doch ein Wunder schenken möge und wir die Grenze irgendwie doch gemeinsam überqueren könnten. Ich dachte an all die vielen Male, wo der HErr mir in der Not geholfen hatte und war mir sicher, dass es auch diesmal klappen würde. Als wir in die Grenzstadt Tumbes ankamen, nahmen wir uns ein Taxi, das uns die letzten 2 km zur ecuadorianischen Grenze brachte. Aber der Taxifahrer sagte uns: "Machen Sie sich keine Illusionen: Die Ecuadorianer lassen keinen Peruaner mehr rein!" Wir antworteten, dass wir auf Gott vertrauen würden, der ein Wunder schenken könne. Als wir dann ausstiegen, nahmen wir unser Gepäck und gingen auf die Grenzbrücke, wo ein paar Soldaten standen. Einer verlangte unsere Pässe, schaute hinein und fragte, ob wir verheiratet seien. Und dann sagte er: "Mister, Sie können gerne passieren, aber ihre Frau muss leider hierbleiben. Es tut mir leid, aber wir haben unsere Befehle." Alles Betteln und Flehen nützte nichts, und wir fuhren erst mal wieder zurück nach Tumbes, um zu überlegen, was wir machen könnten. Wir übernachteten dort und entschieden uns am nächsten Tag, dass ich allein weiter reisen und Ruth wieder nach Lima zurückkehren sollte, um von dort mit dem Flugzeug nachzukommen.

Als Ruth nach weiteren 22 Stunden wieder in Lima ankam, ging es ihr gesundheitlich sehr schlecht. Sie fuhr mit ihrer Mutter zur Frauenärztin, und diese stellte erschrocken fest, dass sie eine Nierenentzündung habe und durch die Strapazen die Plazenta weit nach unter verrutscht sei, so dass eine Fehlgeburt drohe. Sie ordnete strenge Bettruhe an, damit sich die Gebärmutter wieder erhole. Ihr Vater Luis Condori buchte für Ruth einen Flug, der erst zwei Wochen später gehen sollte. In der Zwischenzeit bestellten wir eine Maurerfirma, die den Putz an die Wände des 320 qm-großen Hauses anbringen sollte. Ich selber wollte mich zusammen mit Abraham um die Reinigung und den Anstrich des Daches kümmern, das aus gewellten Eternit-Platten bestand. Beim stundenlangen Abschleifen der veralgten Platten mit der Drahtbürste bei glühender Hitze hatte ich allerdings nicht nur meine Sonnencreme vergessen, sondern auch nicht daran gedacht, dass die Platten aus Asbest bestanden, dessen Staub wir über Stunden und Tage eingeatmet hatten. Da der Weg in die Stadt zu weit war, übernachteten wir eine Woche lang im Rohbau auf dem harten Estrich, der nur durch eine Decke abgepolstert war. Jede Nacht schwirrten unzählige Mücken und Fledermäuse durch die Räume, und an einem Abend hatte sich sogar ein kleiner Skorpion unter meinem Laken versteckt. Aber trotz aller Widrigkeiten freute ich mich, dass die Arbeit voranging und dankte dem HErrn dafür, dass Er uns bis hierhin geholfen hatte.

April – Juni 1995

Unser Besuch in Kolumbien

Als Ruth zwei Wochen später in Guayaquil landete, hatte sie am ersten Tag wegen der hohen Luftfeuchtigkeit dort massive Atembeschwerden, zumal sie schon seit ihrer Kindheit unter Asthma litt. Wir brachten sie zum Arzt, der ihr eine Spritze Adrenalin gab, damit sich die Gefäße entkrampften. Trotzdem war sie die schwül-heiße Tropenluft nicht gewohnt und wollte schon nach ein paar Tagen wieder, dass ich mit ihr zusammen nach Kolumbien weiterreisen solle, um Bruder Pepe Gomez und die Geschwister der Hausgemeinde dort zu besuchen. Als wir nach zwei Tagen in Bogotá ankamen, hatten wir eigentlich gehofft, dass Pepe mit uns wieder eine Rundreise machen würde wie die früheren Male, um Geschwister zu besuchen in Neiva, Tame, Betoyes oder Barranca de Upia. Doch Pepe riet uns diesmal eindringlich von einer Besuchsreise ab, da sich das Land erneut im Bürgerkrieg mit der FARC befand und die Guerilla inzwischen weite Landstriche unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Die Situation sei Spitz auf Kopf, und man rechnete sogar damit, dass die Kommunisten das ganze Land erobern würden. Ich selbst wäre bei meiner vorigen Reise im November 92 ja um ein Haar entführt worden, als wir im Urwald von zwei FARC-Anhängern wortlos mit dem Motorrad umkreist wurden und die Geschwister mich dann schnell zur Busstation brachten.

Wir blieben also in Bogotá und hatten viele Gespräche mit den Geschwistern, die sich ja zwei Jahre zuvor von der Percy-Heward-Gruppierung abgespalten hatten und sich nun durch meine Vermittlung damals mit den sog. "geschlossenen Brüdern" versammelten. Eines Abends kam Pepe zu mir und sagte, dass er sich Sorgen machen würde um seinen Sohn John Jairo (19), dass dieser durch den Einfluss der Welt sich vom Glauben wegbewegen könnte. John Jairo hatte sich zwei Jahre zuvor durch mich bekehrt, indem wir am Rande des Urwalds niederknieten und er sein Leben dem HErrn Jesus übergab. Er predigte inzwischen auch in der Versammlung, aber interessierte sich auch für Philosophie und Kinofilme, sprich für die Welt. Pepe fragte mich, ob ich ihn nicht mal für ein paar Monate nach Deutschland nehmen könnte, damit er unter gute geistliche Betreuung käme und noch viel mehr aus der Bibel lernen könnte von mir und den anderen Brüdern aus Deutschland, von denen er eine sehr hohe Meinung hatte. Ich sagte ihm dies zu, sobald wir irgendwann demnächst mal wieder Urlaub in Deutschland machen würden bei meinen Eltern.

Straßenkinder und Eifersucht

Als Ruth und ich Anfang April wieder in Ecuador waren, ließ Bruder Nelson Ruth und mich in seinem bescheidenen Haus übernachten, das nur aus einem einzigen großen Raum bestand, in welchem er mit seiner Adoptivtochter Matilde (21) wohnte. Bruder Hans-Udo schrieb uns, wir sollten schon mal anfangen, Kontakt aufzunehmen mit den Straßenkindern, um ihre Umstände zu erfragen, wie und warum sie auf der Straße lebten, wo ihre Angehörigen wohnen etc. und auch Fotos von ihnen machen, damit Hans-Udo in seinem Rundbrief über sie berichten kann. So begannen wir, uns nachts auf den Weg in die Innenstadt zu machen und sprachen die z.T. schon schlafenden Kinder an, die wir auf der Straße fanden. Die meisten kamen aus den Slums von Guasmo im Süden Guayaquils. Straßennamen oder Hausnummern gibt es dort nicht. Einige hatten sich schon tagelang nicht gewaschen oder trugen Verletzungen am Körper. Andere waren durch das Inhalieren von Klebstoff derart verblödet, dass sie nur rumgackerten. Ein Kind erzählte uns, dass sie neuerdings nicht mehr auf Parkbänken am Malecón (Flussufer des Rio Guayas) übernachten würden, nachdem in letzter Zeit immer wieder Kinder von Männern belästigt und in Einzelfällen sogar vergewaltigt wurden. Manche Kinder verdienen sich sogar ihren Lebensunterhalt auf dem „Kinder-Strich“ in der 17. und 18. Straße. Daher war es gut, diese Kinder aus diesem gefährlichen Milieu herauszubringen aufs Land, wo sie weder von anderen noch durch sich selbst gefährdet sind. Einer unserer Brüder, Dr. Galo Granados (52), der eine Apotheke besaß, bot sich an, die Kindern und Jugendlichen medizinisch zu betreuen, zumal einige von ihnen auch schon Erfahrungen mit Drogen gemacht hatten. Auch unternahmen wir Besuche in anderen Kinderheimen, um uns mehr über die praktischen Erfahrungen im Umgang mit Straßenkindern zu informieren.

Auch die Bauarbeiten waren schon weit vorangeschritten. Um die Arbeiten zu betreuen, musste ich alle 2 bis 3 Tage zum Landhaus nach Laurel fahren zusammen mit Nelson, Abraham oder Fabian, die auch selber mithalfen. Nachdem schon mit dem Verputzen begonnen war, stellten die Maurer fest, dass das Haus gar keine richtigen Fundamente hatte und die Gefahr bestand, dass es durch das zusätzliche Gewicht des Putzes absinkt und sich Risse bildeten. Es war sozusagen "auf Sand gebaut", weshalb es erst einmal nachtäglich noch ausgeschachtet und mit Zement ein stabiles Fundament bekommen musste. Zu dem ursprünglich 270 qm großen Haus wurde noch ein großer Küchenraum von 50 qm angebaut, sowie Toilettenräume außerhalb des Hauses mit einer Sickergrube. Wir hatten auch die Idee, statt immer nur Reis anzubauen, auch viele andere Gemüsearten und Obstbäume zu pflanzen, denn das Grundstück war ja mit 3,6 ha (36.000 m², d.h. 300 m x 120 m) groß genug und hatte sogar einen eigenen Teich. Bruder Nelson hatte auch die Idee, aus der Garage eine Werkstatt für Metallbau zu machen, um die Jugendlichen auf dem Land auszubilden. Das war ja das größte Problem, dass der Staat diesen jungen Leuten nach der Schule keine Perspektive gab und sie deshalb nur rumlungerten, sich betranken und sich mit ihren Macheten verletzten.

Eines Abends kam Schwester Matilde zu Ruth und sagte ihr: "Du, liebe Ruth, ich muss Dir etwas anvertrauen, das mir einfach keine Ruhe mehr lässt: Du weißt doch, dass vor einem halben Jahr ein deutscher Bruder namens Wolfgang Kotsch hier bei uns war, der sich in die Betty verliebt hatte. Simon hatte ihn deshalb immer wieder kritisiert, weil er ja schließlich verheiratet sei und vier Kinder habe. Dies hat dem Wolfgang nicht gefallen und deshalb hat er mir ein Geheimnis verraten, dass ihm der Simon zuvor anvertraut habe, dass sich nämlich der Simon in mich verliebt habe!" - Ruth erschrak. "Was erzählst Du denn da!" - "Ja, das hat der Wolfgang mir so berichtet, und inzwischen wissen es auch alle hier, denn er hat es scheinbar auch den anderen erzählt. Er meinte, Simon hätte Dich nur aus Mitleid geheiratet, aber dass er dies inzwischen bereuen würde." Ruth war außer sich und konnte es nicht fassen. Als ich am Abend von der Baustelle kam und mich zu Ruth ins Bett legte, flüsterte sie mir wütend ins Ohr (damit die anderen im Raum es nicht hörten): "Ich verstehe Dich einfach nicht! Mir scheint, ich kenne Dich gar nicht!" Ich flüsterte zurück: "Was meinst Du?" - "Du weißt genau, was ich meine! Du und Matilde!" - "Häh?! Was soll sein? Wovon redest DU?" - "Tu nicht so unschuldig! Sie hat es mir erzählt!" - "Was erzählt?!!" Unser Geflüster war inzwischen so laut geworden, dass wir das Gespräch auf den Morgen vertagten. Als ich dann alles erfuhr, versicherte ich Ruth, dass dies eine böse Verleumdung sei und sie mir doch glauben müsse, dass ich nur sie lieben würde. Sie glaubte es mir schließlich. Monate später stellte ich Wolfgang zur Rede, was er sich dabei gedacht habe, solch ein falsches Gerücht über mich zu verbreiten. Er bat mich um Verzeihung und begründete dies mit der Kränkung, weil ich seinen Ehebruch öffentlich angeprangert hatte, so dass man Betty aus der Gemeinde geworfen hatte. Später erfuhr ich, dass er sich sogar von seiner Frau scheiden ließ, um Betty zu heiraten, obwohl er sogar Ältester der Baptistengemeinde war.

Jetzt ist Schluss!“

Da die anderen Handwerker inzwischen auch im Haus übernachteten, beschlossen Ruth und ich Anfang Mai, in eine kleine „Pension“ zu gehen im Dorf Laurel. Diese war wirklich die ärmlichste Absteige, in der ich je übernachtet hatte. Das Zimmer hatte zwar ein eigenes Klo, jedoch bestand dieses in Form eines Loches in einer Ecke des Raums, in das man seine Notdurft verrichtete und mit einem Eimer Wasser nachspülte. Das schmuddelige Bett hatte zwar ein Moskitonetz, aber da das Fenster keine Scheiben hatte, war das ganze Zimmer in der Nacht voll von großen Insekten und Fledermäusen, die durch die grelle Glühbirne im Zimmer angelockt wurden. Um das Licht etwas zu dämmen, band ich mein T-Shirt um die Birne, aber nach etwa einer halben Stunde roch es verbrannt im Zimmer und mein T-Shirt war angekokelt. Nur die Liebe zu mir konnte Ruth helfen, die schwüle Hitze der Nacht und das Flügelgeräusch der Insekten in der Nacht zu ertragen. Doch in der dritten Nacht hielt Ruth es nicht mehr aus und sie schüttete mir ihr Herz aus: "Simon, ich kann einfach nicht mehr. Ich will hier nur noch weg. Und ich sage das nicht nur wegen dem Zimmer, sondern ich will auch wieder nach Deutschland zurück. Ich war von Anfang an gegen die Idee, nach Ecuador auszuwandern, aber ich habe mich gefügt, weil ich gesehen hatte, wie sehr Dir diese Arbeit ein Herzensanliegen ist. Deshalb habe ich all dies bis hier her ertragen, aber jetzt ist Schluss!"

Ich war ziemlich entsetzt über diese Worte. Ruth hatte sich zwar schon öfter bei mir beschwert, aber nie das Kinderheimprojekt als solche in Frage gestellt. Ich versuchte, sie zu beruhigen: "Ruthi, Gott hat uns doch bisher wunderbar geholfen, und wir durften die Arbeit hier schon so weit voranbringen. Alles läuft doch Bestens und so viele Geschwister sind bereit zu helfen und haben auch schon so viel geopfert. Denk doch nur mal daran, dass Bruder Hans-Udo extra aus Deutschland angereist kam und hat uns eine so große Spende anvertraut. Wir haben jetzt eine Stiftung gegründet und das Haus ist fast fertig. Wir können jetzt nicht einfach wieder zurück!" - Ruth entgegnete: "Du musst auch mal Rücksicht auf mich nehmen, denn ich bin krank und der HErr hat mir nicht die Kraft gegeben, diese Kinderheimarbeit durchzustehen. Ich bin dafür einfach nicht geeignet. ich habe auch keine Geduld, mich um viele Kinder zu kümmern, mein Herz schlägt mehr für die Tiere." - - "Aha! und warum fällt Dir das erst jetzt ein, nachdem wir so viele Leute in Bewegung gesetzt haben!?" - - "Ich habe Dir das von Anfang an gesagt, aber Du hast mich einfach nicht ernst genommen. Außerdem habe ich es doch versucht, aber ich merke jetzt einfach, dass ich das nicht länger durchstehe. Überleg mal: Ich bin erst zwei Monate in Ecuador und jetzt schon am Ende meiner Kräfte. Wie sollte ich das dann noch die nächsten 20 oder 30 Jahre hier ertragen!! Es ist besser, wenn wir das alles hier jetzt beenden, denn noch haben wir kein Kind aufgenommen." Ich fing an zu weinen, aber auch das konnte Ruth nicht mehr umstimmen. Sie versuchte mich zu trösten: "Gott wird bestimmt einen Nachfolger senden, der diese Arbeit hier weiter macht. Sieh's doch mal so: Der HErr hat Dich gebraucht, diese Sache hier zu beginnen und ein anderer wird sie jetzt fortsetzen. Heißt es nicht auch schon in der Bibel, dass die einen säen und die anderen ernten?" Aber ich war total fertig und wollte nicht mehr reden. Das alles machte doch einfach keinen Sinn! Wie würde ich jetzt dastehen? wie ein Mann, der anfängt, einen Turm zu bauen ohne vorher die Kosten zu überschlagen!

Irgendwann war die Nacht vorbei. Am nächsten Morgen grübelte ich und überlegte, wie es jetzt weiter gehen könne. Vor allem: Wie sollte ich das dem Hans-Udo und all den anderen Geschwistern beibringen, die für dieses Projekt so viel gespendet hatten? Wir beschlossen, erst mal noch einen Monat zu bleiben, doch dazu mussten wir in Guayaquil erst mal wieder unsere Visa um 30 Tage verlängern. Als wir bei der Botschaft dann eine Verlängerung beantragen wollten, erfuhren wir zu unserer Überraschung, dass jeder Peruaner, der keinen ecuadorianischen Ausweis hat, aufgrund einer neuen Verordnung vom Militär "das Land binnen 72 Stunden" verlassen muss, da man als Peruaner eine Persona non grata sei, also eine nicht erwünschte Person. In gewisser Weise half uns dies, wenigstens vorübergehend einen Grund zu nennen, warum wir wieder zurück nach Peru und schließlich auch zurück nach Deutschland reisen mussten. Ich rief meinem Vater an, dass ich wieder nach Bremen zurückkommen würde und bat ihn, für mich und Ruth eine Wohnung zu suchen. Er teilte mir mit, dass meine Mutter sich nach zehnjährigem Ehestreit nun endgültig von ihm getrennt habe und sich eine eigene Wohnung genommen hatte in Bremen-Kattenesch. Es ist sehr traurig, aber es war auch schon seit langem abzusehen.

Nachdem wir in Lima angekommen waren, lag dort eine Menge Post aus Deutschland, England und Argentinien, größtenteils fast nur mit schlechten Nachrichten: Die Brüder Thomas Schaum (34) und Ralf Schiemann (48) hatten mir geschrieben (unglaubliche 53 Seiten!) und mir gedroht, mich nicht mehr als ihren Bruder anzuerkennen, solange ich weiter mit Hans-Udo Hoster zusammenarbeiten würde. In ihren Augen sei er ein Heuchler, der "Wasser predigen und Wein trinken" würde, indem er seinen Missionaren Armut auferlege, während er selber in einem schönen Haus in Berlin lebe. Schon zuvor hatte Thomas mich scharf kritisiert, weil ich als Immobilienmakler arbeiten wollte und er der Ansicht sei, dass dieser Beruf per se anrüchig sei, indem die Makler den Leuten für eine verhältnismäßig geringe Leistung viel Geld aus der Tasche ziehen. Aber auch seine Liste an Vorwürfen gegen Hans-Udo war insgesamt nur lächerlich und an den Haaren herbei gezogen. So war er z.B. der Meinung, dass ein Christ keinen weltlichen Verein gründen dürfe, da dies eine Form von "Hurerei mit der Welt" sei. Dabei hatte Paulus doch gesagt, dass wir die weltlichen Einrichtungen durchaus für unsere Zwecke nutzen dürfen, sofern wir uns nicht von der Welt abhängig machen (1.Kor.7:31). Zum Glück stand mir damals Bruder Bernd Fischer (57) bei, ein "Schriftgelehrter" aus Eisenach, der zwar auch mit Thomas befreundet war, diesem aber mit der Heiligen Schrift nachweisen konnte, dass seine übertriebene Anklage gegen Bruder Hans-Udo ein Rufmord sei und entsprechend Mat.5:22 mit der Hölle bestraft werden würde, wenn er nicht Buße täte. Auch Bernd hatte mir geschrieben und mir tröstend beigestanden. Bernd hatte mich in jener Zeit trotz seiner kleinen Rente immer finanziell großzügig unterstützt.

Auch die Brüder Stanley Bown (84) aus London und Samuel Franco (67) aus Argentinien, die mich zwei Jahre zuvor aus ihrer Sekte exkommuniziert hatten, übten scharfe Kritik an mir, weil sie gehört hatten aus Deutschland, dass ich weiterhin in Peru predigen dürfe, obwohl sie doch ein Predigtverbot für mich verhängt hatten. Tatsächlich hatte mein Schwiegervater, Luis Condori (76), ihnen zur Beruhigung nämlich versichert, dass ich nicht predigen, sondern nur still zuhören würde, was natürlich nicht stimmte. Als sie nun erfuhren, dass ich in meinen Rundbriefen etwas ganz anderes berichtet hatte, warfen sie mir vor, ich würde lügen und verlangten von meinem Schwiegervater um so mehr, er möge mich doch um des HErrn willen am besten gar nicht mehr aufnehmen, da ich ja ein Ketzer sei. Dabei umschmeichelten sie den Luis mit den Worten: "Wir haben vollstes Vertrauen, dass Sie uns die Wahrheit sagen, denn wir wissen um den Hochmut von Simon. Schon in Guatemala war er einfach aufgestanden und hatte gepredigt ohne Erlaubnis der Ältesten der Versammlung. Wir hatten ihn damals in seine Schranken gewiesen, aber er machte einfach weiter mit seiner deutschen Arroganz ("prepotencia alemana")." In Wirklichkeit hatten die Geschwister mich ausdrücklich gebetn, am Wort zu dienen, und erst als Bruder Samuel angereist war, kippte die Stimmung, weil er in mir einen Rivalen sah und unter keinen Umständen wollte, dass ich noch weitere Geschwister abwerben und von der Sektiererei dieser Brüder überzeugen könnte. Obwohl sie keine biblischen Argumente vorweisen konnten, fürchteten viele guatemaltekische Geschwister dieser Gruppierung, dass man ihnen den Geldhahn zuzudrehen oder man sie sogar aus der Sekte ausschließen könnte (Joh.12:42).

Doch so sehr ich auch versuchte, mir einzureden, dass die Kritik von Samuel doch unberechtigt sei, fragte ich mich insgeheim, ob ich vielleicht doch arrogant war und dies bisher nur noch nicht wahrhaben wollte, dass ich so auf andere wirke. Ich nahm mir deshalb vor, am besten gar nicht mehr zu predigen, zumal es mein Gewissen belastete, dass ich meinen Schwiegervater ungewollt dazu verleitet hatte, aus Liebe zu mir die Unwahrheit zu sagen. Ich fühlte mich von allen abgelehnt und hatte den Eindruck, dass ich nach und nach alles verlieren würde. So viele alte Verbindungen waren inzwischen schon zerbrochen. Und egal was ich angefangen hatte, ist am Ende das meiste misslungen. Alles war umsonst gewesen, und so viele Menschen hatte ich schwer enttäuscht! Es war ja so, als hätte selbst Gott mich verlassen und kein Ja mehr zu meinen Aktivitäten. Anstatt auf all das Gute zu achten, dass ich mit Gott erleben durfte, sah ich nur noch alles grau in grau. Ich wollte nur noch zurück nach Deutschland und mich in eine Ecke verkriechen, wo sich niemand mehr an mir stören kann. So beschloss ich, mich von nun an nur noch auf Ruth und unser gemeinsames Baby zu konzentrieren. Ich musste mich einfach mit dem Gedanken abfinden, dass ich noch einmal ganz von vorne anfangen musste, d.h. wieder zurück in mein altes Leben als Maler. Für das Kinderheim würde sich sicherlich ein Nachfolger finden, der sich dann in ein "gemachtes Nest" setzen und all die Anerkennung ernten würde, für die ich mich angestrengt hatte und leer ausging. "Und ich hasste all meine Mühe, womit ich mich abgemüht hatte..., weil ich sie dem hinterlassen musste, der nach mir kommen würde. Und wer weiß, ob er weise oder töricht sein wird? Und doch wird er schalten über alle meine Mühe... Da wandte ich mich zu verzweifeln ob all meiner Mühe, womit ich mich abgemüht hatte..." (Pred.2:18-20).

Ich schrieb Bruder Hans-Udo, dass ich zurückkehren würde und wir buchten einen Flug für Ende Juni. Ich teilte ihm aber noch nicht mit, dass ich nicht mehr zur Verfügung stehen würde, denn ich fürchtete mich vor seiner Reaktion. Stattdessen gab ich an, dass es vor allem wegen der gesundheitlichen Risiken für Ruth notwendig sei, dass sie unser Kind in Deutschland gebären sollte, wo die medizinische Versorgung ja besser sei. Aber letztlich würde ich es ihm später ohnehin sagen müssen, und dann wäre das die zweite große Enttäuschung für ihn - nach der Schlappe, die er zuvor in Rumänien erlebt hatte 1994, als die rumäniendeutschen Brüder Christian und Bela ihm einfach das Kinderheim in Tălmaciu "gestohlen" hatten mitsamt Stiftung und 300.000 DM an Spendengeldern, indem sie sagten: "Von jetzt an brauchen wir Eure Hilfe nicht mehr, denn wir haben uns mit einem Missionswerk aus der Schweiz verbunden!" Ich dachte: Hans-Udo würde mir sicherlich wieder vorwerfen, warum ich überhaupt die Ruth geheiratet habe, zumal er schon immer der Meinung war, dass ein Deutscher sich nur mit einer Deutschen verheiraten sollte, um die Rasse nicht zu vermischen. Aber kann man Ruth wirklich einen Vorwurf machen? Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die Arbeit fortsetzen sollten, dann hätte Er Ruth doch auch Gesundheit geschenkt! Gott selbst war es also, der mich nun auf ein Abstellgleis gestellt hatte.

Die Rückkehr nach Deutschland

Mitte Juni telefonierte ich noch einmal mit meinem Vater. Er hatte für uns eine 60-m²-Wohnung besorgt in einem 2-Familien-Haus in Bremen-Kattenesch. Der Vermieter Andreas F. sei sogar ein Christ aus der Baptistengemeinde und die Bewohnerin im Erdgeschoss sei Elke P., die ich noch aus der Bibelgemeinde kannte, wo meine Eltern früher hingingen. Mein Vater hatte sich um alles gekümmert, auch schon Gebrauchtmöbel für uns organisiert, die er mithilfe meines Zwillingsbruders Marcus beschafft hatte. Wir waren sehr froh darüber und dankten Gott. Einen Tag vor unserer Rückreise hatten wir uns in der Fußgängerzone noch einen jungen knallgrünen Leguan gekauft für ein paar Soles, die es im Norden Perus massenweise gab, um ihn nach Deutschland mitzunehmen. Dass man dafür eigentlich eine Genehmigung bräuchte, nämlich die sog. Cites-Papiere für die Einfuhr von Tieren war uns zwar bewusst, aber wir ignorierten es einfach, zumal die Kontrollen sehr lax waren und wir ohnehin keine Zeit mehr hatten, uns diese zu besorgen. Ich steckte den kleinen Leguan einfach in meine Jackentasche mit ein paar Salatblättern, und tatsächlich kamen wir ungehindert durch den Zoll. Allerdings war unser Flug dermaßen verspätet in der Zwischenstation Santiago de Chile angekommen, dass wir sehr schnell laufen mussten, um noch unseren Anschlussflug zu bekommen. Wir waren so dermaßen im Stress, dass ich erst im Rennen bemerkte, dass der Leguan aus der Jackentasche gekrabbelt war und nun an meiner Hose festgekrallt war. Ich steckte ihn schnell wieder in meine Jackentasche und wir kamen schließlich wohlbehalten in Deutschland an. Die Freude über unseren Leguan währte aber nur kurz, denn wir hatten ihm oben auf dem Küchenschrank ein Lager bereitet, weil wir noch kein Terrariumkasten für ihn hatten; nach einer Woche ist er uns jedoch ausgebückst durch das Küchenfenster, das wir auf Kipp offen gelassen hatten.

Juli – September 1995

Mein neuer Job bei einem Betrüger

In den ersten Tagen nach unserer Rückkehr nach Deutschland war ich sehr beschäftigt mit dem Beantworten der zahlreichen Post und den vielen Behördengängen (Arbeitsamt, Bank, Meldestelle etc.). Mein Vater leihte uns Geld, damit wir in den ersten Wochen über die Runden kamen. Mitte Juni wurde ich von einem Malerbetrieb der sich "FineArt GmbH" nannte, eingeladen. Die Firma lag in einer kleinen Wohnung in einem Hochhaus, die spärlich eingerichtet war, was mir etwas merkwürdig vorkam. Der Geschäftsführer, Herr Tönsing, war freundlich und bot mir einen Platz an. Überall lagen Stapel mit Zetteln auf dem Fußboden, die seine Freundin hastig aufsammelte. Er erklärte mir, dass die Firma, die auf den Namen seiner Verlobten läuft, seit knapp einem Jahr existiere und etwa 50 Mitarbeiter beschäftigen würde, es aber immer ein Kommen und Gehen gebe, da viele den harten Anforderungen nicht gewachsen seien. Er würde hauptsächlich in den neuen Bundesländern Wärmedämm-Aufträge ausführen im Rahmen des Aufbaus Ost und suche daher einen qualifizierten Malergesellen, der auch Erfahrung mit WDVS (Wärmedämm-Verbundsysteme) habe und auch ungelernte Mitarbeiter schulen könne. Uwe Tönsing war ein schlanker Kettenraucher, hatte aber ein außergewöhnlich selbstsicheres Auftreten (wie Donald Trump). Nachdem wir eine Weile geplaudert hatten, gab er mir die Hand und sagte: "Ich nehme Sie, Herr Poppe. Sie machen auf mich einen guten Eindruck. Ich habe für Sie auch eine ganz besondere Aufgabe: Wir beziehen zum 01.08. ein neues Bürogebäude in der Bleicherstr., und das können Sie dann gleich von oben bis unten renovieren, und zwar in der absoluten Luxusklasse. Ich möchte, dass jeder Besucher sofort unseren gehobenen Anspruch erkennt und gleich beeindruckt wird. Ich hoffe, dass Sie der richtige Mann dafür sind!"

Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen konnte, war, dass Herr Tönsing nicht nur ein größenwahnsinniger Psychopath, sondern auch ein professioneller Hochstapler war, der wegen diverser Betrügereien erst kurz zuvor aus der Haftanstalt entlassen wurde. Durch seinen Charme und sein großspuriges Auftreten hatte er bei sämtlichen Banken und Leasingfirmen einen solchen Eindruck hinterlassen, dass er wie der Baulöwe Jürgen Schneider viele Kredite bekam, mit denen er auf mehreren Baustellen in Berlin und Brandenburg riesige Mehrfamilienhäuser mit Styroporplatten dämmen ließ. Seine Leute waren billige Arbeiter aus dem Osten, die er in Kolonnen organisiert hatte; so gab es eine Polen-Kolonne, eine Jugoslawen-Kolonne, eine Türken-Kolonne und eine DDR-Kolonne. Ich war einer der wenigen „Wessis“ in seiner Firma. So arbeitete ich zunächst zwei Monate ganz alleine in seiner neuen Büroetage und merkte schon bald, dass Herr Tönsing so unberechenbar war wie der KZ-Aufseher Amon Göth aus dem Film "Schindlers Liste": während er mich an manchen Tagen über den Klee lobte, gab es Tage, an denen er z.B. früh morgens auf die Baustelle kam und statt mich zu begrüßen, mich laut mit etwa 120 dB anschrie: "GEHEN SIE SOFORT VON MEINEN MARMORFLIESEN RUNTER MIT IHREN BESCHISSENEN ARBEITSSCHUHEN, SIE TROTTEL! SIND SIE DENN TOTAL BESCHEUERT, EINFACH MIT IHREN DRECKIGEN SCHUHEN MEINEN MARMOR ZU BETRETEN!" Und am selben Tag kam er um 17.00 Uhr zu mir und sagte mit sanfter Stimme: "Ach, Herr Poppe, Sie sind ja immer noch fleißig am Arbeiten. Sie müssen jetzt aber wirklich schnell nach Haus zu ihrer schwangeren Frau. Warten Sie, ich bestelle Ihnen mal eben ein Taxi! Hier, nehmen Sie das Geld; ich spendiere Ihnen das Taxi!" So ging es jeden Tag, so dass ich ständig seinen Launen ausgesetzt war. Ende August sprach ich mit Herrn Tönsing über meine wirtschaftliche Situation, dass ich ziemlich verschuldet sei und meine Frau ebenso eine Beschäftigung suche. Er bot mir an, dass meine Frau für ihn ab 01.09. für 300,-DM im Monat ein- bis zweimal in der Woche zum Putzen kommen könnte. Ich erzählte dies der Ruth, und sie war einverstanden. Und so geschah es, dass meine Frau und ich Anfang September auf einmal Seite an Seite für denselben Chef gearbeitet hatten, sie beim Putzen und ich beim Malern. Was wir jedoch noch nicht ahnten, war, dass wir beide von ihm über Monate keinen Lohn mehr bekommen sollten.

Spendenverwaltung nach Gutsherrenart

Bruder Hans-Udo beglückwünschte uns zu unserer neuen Wohnung und teilte uns mit, dass er Post aus Ecuador erhalten habe, sogar auf Deutsch übersetzt: Dr. Galo Granados hatte inzwischen ein starkes Misstrauen gegenüber unserem Anwalt, da dieser schlechte Arbeit gemacht habe, und wünschte sich einen neuen. Viele Punkte waren in der Satzung der Stiftung ungeklärt geblieben, z.B. die Finanzierung der Mitarbeiter etc., so dass die Satzung neu geschrieben werden müsse. Auch mit der großzügigen Ver(sch)wendung der Spendengelder durch Bruder Nelson war er nicht einverstanden. Als ich ihm in Ecuador mal verriet, wie viel Geld bereits in die Fertigstellung des Hauses geflossen sei, fasste er sich an den Kopf und sagte: "Für das Geld hätten wir zwei neue Häuser bauen können!" Er fragte Hans-Udo, ob dieser ihm ein Deutschkursbuch mit Kassetten empfehlen könne, weil er gerne Deutsch lernen wolle, um zukünftig direkt mit Hans-Udo zu korrespondieren. Über so viel Engagement zeigte sich Hans-Udo hoch erfreut und sandte mir einen Antwortbrief zum Übersetzen. Er schlug vor, dass der Bruder Felix Ramirez (24), der als Buchhalter in einer Bank arbeitete, doch ehrenamtlich als Wirtschaftsprüfer der Stiftung arbeiten könnte, um sich mal ein neutrales Bild von den Geldausgaben zu machen und seinen Eindruck zu schildern.

Das tat dieser dann auch bereitwillig, doch als Wochen später sein "Untersuchungsbericht" vorlag, war dieser nicht nur ernüchternd, sondern niederschmetternd: Felix fragte zu Recht, wie es möglich sein könne, dass Nelson sowohl Schatzmeister als auch Aufseher über die Geldausgaben in einer Person sei. „Es besteht überhaupt keine Kontrolle über die Ausgaben, die vermeintlich für die Stiftung verwendet wurden, so dass die Leichtigkeit und die Wahrscheinlichkeit bestehen, dass diese auch für persönliche Zwecke verwendet wurden… Herr Nelson Mogollón versteht noch nicht einmal die Grundprinzipien der Kontrolle, so dass weder die Transparenz noch die Vertrauenswürdigkeit gewährleistet sind…“. Zudem hätten die meisten Ausgaben gar nicht belegt werden können, da hierfür die Quittungen fehlten. Seine Kritik an Nelson war jedoch aus meinen Augen interessegeleitet, da seine Eltern ohnehin mit Nelson im Clinch lagen, so dass ich den Eindruck hatte, dass Felix´ Bericht respektlos sei, weil er dem ehrwürdigen Bruder Nelson indirekt Mauschelei unterstelle. Auch Nelson war äußerst pikiert über den Bericht und reagierte entsprechend beleidigt, indem er sich verwahrte, dass man seine untadelige Reputation doch nicht in Frage stellen dürfe, erst recht nicht von einem solchen Jungspund, den er noch als Baby kannte. Für die meisten Dienstleistungen bekomme man in Ecuador nun einmal keine Quittung, sondern nur einen Händedruck mit Dankeschön.

Da ich immer nur am Wochenende Zeit hatte, nahm das ständige Übersetzen der Briefe aus Ecuador an Hans-Udo und seine Antworten an die Geschwister viel Zeit in Anspruch. Deshalb war es eine große Erleichterung, als Hans-Udo mitteilte, dass er junge Brüder aus den USA kennengelernt habe, die bereit waren, beim Übersetzen zu helfen. Es meldeten sich auch immer mehr Jugendliche beim Hans-Udo, die gerne ihren Zivildienst in einem seiner Kinderheime machen wollten, vorzugsweise in Ecuador. Ich sah also immer mehr die Notwendigkeit, den Hans-Udo in Berlin zu besuchen, um ihm mitzuteilen, dass ich zukünftig nicht mehr für dieses Projekt zur Verfügung stehen würde, denn ich hatte ihm ja aus Scham noch immer nicht „reinen Wein eingeschenkt“. So fuhr ich Anfang September mit Ruth nach Berlin, wo wir dann schweren Herzens dem Hans-Udo und seiner Frau Elsbeth unsere Situation gebeichtet haben. Doch all das Zureden und Mutmachen half am Ende nichts, denn Ruth sah sich außer Stande. Sie gab aber ein wenig Hoffnung, dass sie ginge, wenn der HErr sie wieder vollkommen gesund machen würde. Ich wiederum versprach, dass ich Ende 1995 erst mal notfalls alleine nach Ecuador reisen würde. Doch ich ahnte nicht, dass das Jahr noch mit großen Turbulenzen enden würde…

Besuch aus Asmushausen und Geburt unserer Tochter

Irgendwann meldeten sich damals auch Ralf Schiemann und Thomas Schaum bei mir und fragten, ob sie mich besuchen kommen könnten, um über ihre Kritik an Hans-Udo zu sprechen. Ich hatte eigentlich dem Hans-Udo versprochen, dass ich den Kontakt zu diesen Brüdern abbrechen werde, da ihre Selbstgerechtigkeit und Kritiksucht eher schädlich als förderlich sei für das Volk Gottes. Aber meine Sehnsucht nach Harmonie und meine Hoffnung auf Entspannung waren dann doch so groß, dass ich dachte, ich könnte diese beiden Haudegen irgendwie zähmen und ihren glühenden Eifer vom Hans-Udo weglenken, und so lud ich sie ein nach Bremen. Inzwischen aber war Mitte August auch meine Schwiegermutter Lucila (62) aus Peru gekommen, um für drei Monate bei uns zu wohnen und um der Ruth bei der nahe bevorstehenden Geburt zur Hand zu gehen. Da der Platz also in unserer kleinen Wohnung zu eng war, fragte ich meinen Bruder Marcus, ob Thomas und Ralf nicht bei ihm übernachten könnten. Da er sie nicht kannte, erklärte ich ihm, welchen Bezug ich zu ihnen hatte und hoffte, dass Marcus psychisch stabil genug sei, um deren kompromisslose Art ertragen zu können. Immerhin war es gerade mal erst 2 ½ Jahre her, dass Marcus wegen einer starken Psychose seinen Job als Erzieher von schwer erziehbaren Jugendlichen an den Nagel hängte und sich – durch Charismatiker beeinflusst - im religiösen Wahn beinahe das Leben nahm. Zu meiner Überraschung war das Treffen außerordentlich friedlich und auch Marcus verstand sich bestens mit diesen beiden vollbärtigen Brüdern. Sie erzählten ihm, dass sie aus ihrem Haus in Bebra-Asmushausen eine Art Brüderhof machen wollten, um mit ihren Familien zusammen mit anderen Gleichgesinnten eine biblische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft haben könnten nach dem Vorbild der Mennoniten oder Hutterer. Marcus war von der Idee begeistert, und da er nicht gebunden war, packte er spontan seine Koffer, um mit ihnen nach Asmushausen zu ziehen.

Am Freitag, den 22.09.95 hat der HErr uns dann eine gesunde Tochter geschenkt, das 1000. Baby, das in jenem Krankenhaus in diesem Jahr geboren wurde, weshalb Ruth einen großen Blumenstrauß und 100,- DM vom Oberarzt geschenkt bekam. Rebekka hatte schon bei ihrer Geburt den Kopf voller Haare, die später schnell wuchsen und kupferbraun wurden, genau die Mischung zwischen Ruth und mir. Leider gab mir mein Chef am darauffolgenden Montag keinen "Babyurlaub", weil ein Treppenhaus unbedingt fertig werden musste. Doch am Dienstag rutschte auf einmal meine Schiebeleiter weg und ich stürzte 6 m die Treppe herunter, wobei mein rechtes Auge gegen die Halterung des abgebauten Handlaufs stieß und innerhalb von wenigen Minuten dick anschwoll. Dank sei Gott, dass es nur das Oberlid war, das einen Riss bekam, so dass mein Auge wie durch ein Wunder unversehrt blieb. Dafür wurde ich aber für den Rest der Woche krankgeschrieben, so dass ich bei meiner Frau, meiner Schwiegermutter und unserer Tochter sein durfte.

Oktober – Dezember 1995

Auf Montage in Berlin

Am darauf folgenden Montag teilte mir Herr Tönsing mit, dass er mich von nun an „auf Montage“ in den neuen Bundesländern einsetzen wolle. Das hieße, dass ich immer zwei Wochen von zu Hause weg sei und mit den Arbeitskollegen in einem Wohncontainerdorf in Geltow (Brandenburg) übernachten würde, um dann tagsüber auf Großbaustellen in Berlin zu arbeiten. Dafür bekäme ich aber zusätzlich zu meinem Arbeitslohn noch einmal 25,-DM/Tag an "Auslöse" (Verpflegungsmehr-aufwand), also im Monat rund 600,-DM mehr. Da wir hoch verschuldet waren, nahm ich dieses Angebot an, und er bot mir an, mich am darauffolgenden Tag mitzunehmen. Er fuhr einen nagelneuen, knallgelben Mitsubishi Sportwagen, der aussah wie ein Ferrari, und während der ganzen Autofahrt erzählte er mir von seinem Luxus und Erfolgen, um mich einzuschüchtern. Doch mir war klar, dass er damit nur seine Minderwertigkeitsgefühle überspielen wollte.

Als wir bei einer Raststätte anhielten und er mich auf einen Kaffee einlud, sagte ich ihm: "Wissen Sie Herr Tönsing: all das, was sie mir aufgezählt haben, beeindruckt mich nicht, denn ich bin viel reicher als Sie. Ich besitze Dinge, die Sie nicht haben und die man nicht mit Geld kaufen kann. Nicht nur habe ich eine Frau, die mich liebt und ein gesundes Kind, sondern vor allem habe ich von Gott das ewige Leben geschenkt bekommen durch den Glauben an Seinen Sohn Jesus! Das ist doch viel mehr wert als aller Reichtum der Welt!" Daraufhin entgegnete er: "Ach wissen Sie, da sage ich mir: Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach! All das, was Sie mir immer erzählen von der Bibel, das ist doch alles Glaubenssache, aber sicher können Sie sich nicht sein, ob es stimmt." Darauf ich: "Ja, ich glaube es, aber das heißt nicht, dass es für mich nicht auch sicher wäre. Glaube ist wie der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist. Dem Noah hat auch niemand geglaubt, als er die Arche baute mitten in der Wüste, aber als der Regen kam, war er und seine Familie in Sicherheit, samt all den Tieren, während die ungläubigen Menschen umkamen. Ihr Reichtum ist zudem nicht von Bestand. Sie müssen ständig darauf achten, ihn nicht zu verlieren und können ihn deshalb auch nicht genießen. Ich hingegen bin zwar arm, aber ich bin frei. Ich war schon dreimal in Südamerika und könnte jederzeit wieder dorthin fliegen, wenn ich wollte, und dort für 3 oder 6 Monate bleiben. Das können Sie nicht, weil Sie zu viele Verpflichtungen hier haben. Wann haben Sie z.B. das letzte Mal einen längeren Urlaub gemacht?" Er hatte mir nachdenklich zugehört, trank seinen Kaffee aus und sagte: "Ach wissen Sie, Herr Poppe, ich denke, dass es nur noch etwa ein oder zwei Jahre dauern wird, dann habe ich so viel Geld verdient, dass ich mich zur Ruhe setzen kann. Dann kaufe ich mir eine große Yacht und werde nur noch über die Weltmeere reisen. Dann kann mir keiner mehr was, noch nicht einmal Caudia Schiffer!" Dann stand er auf und ließ mich verwirrt zurück. Was hatte jetzt das Model Claudia Schiffer damit zu tun??! Ich fragte ihn, und er merkte, dass er gerade dummes Zeug geredet hatte und sagte nur lapidar: "Na ja, oder eben irgend ein anderer Promi, der immer mit seinem Geld protzt!"

Wir fuhren schweigend weiter. Nach einer Weile sagte mir Herr Tönsing: "Ich will ehrlich sein zu Ihnen, Herr Poppe: Dieser ganze Glaubenssch... interessiert mich nicht, denn ich halte das alles für Humbug. Aber eine Sache, die beeindruckt mich wirklich, und das sind SIE! Sie sind der einzige Mensch, den ich bisher kennengelernt habe, der innerlich völlig ausgeglichen ist. Nichts und niemand kann sie offensichtlich erschüttern. Solch eine Ruhe hätte ich auch gerne." Aber bevor ich ihm darauf etwas sagen konnte, fügte er nach ein paar Sekunden hinzu: "Aber kommen Sie mir jetzt nicht gleich wieder mit ihrem Glauben, denn das hat damit gar nichts zu tun, sondern eher mit ihrem stabilen Charakter!" Ich sagte nichts weiter, denn ich spürte, dass er innerlich verstockt war und sein Leben auch nicht ändern wollte.

Ein „Pastor“, der sich prügelt?

Meine neuen Kollegen kamen größtenteils aus Brandenburg, aber es waren auch viele von weiter weg, die mit mir im Containerdorf lebten. Zusammen fuhren wir früh morgens um 6.00 Uhr ca. 45 Minuten zu den Baustellen nach Berlin-Pankow und später in der Nähe von Potsdam, ein kleiner Ort namens Caputh. Es war alles erstaunlich gut organisiert, denn wir hatten einen Vorarbeiter mit starker Persönlichkeit, der uns alle fest im Griff hatte, so dass sich Herr Tönsing um nichts kümmern brauchte (sein Name ist mir entfallen, deshalb nenne ich ihn im Folgenden einfach mal Jens). Jens hörte den ganzen Tag nur seine Haevy-Metal-Musik, während ich Kassetten mit christlicher Musik hörte oder auch der Kelly Family. Doch allmählich spürte ich den Neid und die Verachtung meiner Kollegen, vielleicht weil ich ein Wessi war und ihnen manchmal widersprach in technischen Fragen (?). Einmal kam ein junger Kollege zu mir und sagte: "Simon, weißt Du eigentlich, dass alle hinter Deinem Rücken über Dich herziehen?" - "Echt? Wieso, was sagen sie denn?" - "Sie nennen Dich immer den 'Pastor', weil Du immer so komisch redest." - "Häh? Wie rede ich denn?" - "Ich weiß nicht, Du redest irgendwie immer so geschwollen. Ich finde Dich eigentlich ganz nett, aber Du bist irgendwie total anders als die anderen. Irgendwie gehörst Du gar nicht hier her. Das meinen auch die anderen." Ich war etwas verwundert darüber, aber mir fiel ein, dass das schon ein Chef bei einem Vorstellungsgespräch sagte, um zu begründen, warum er mich nicht einstellen wolle, weil ich dadurch nur "unnötig Unruhe" in seinen Betrieb brächte.

Im November waren die Temperaturen auf ungewöhnliche -5 bis -10 ˚C in der Nacht gefallen. Es war eigentlich völlig absurd, dass wir bei solchen Minustemperaturen noch draußen arbeiten sollten. Bei dieser klirrenden Kälte fragten wir uns, was wir denn früh morgens um 7.00 Uhr im Dunkeln machen sollten, denn um den Putz anzurühren, war es viel zu kalt. Aber Jens hatte immer irgendeine Aufgabe für uns, ob Sockelschienen setzen oder dübeln, solange bis es allmählich milder wurde. Wenn wir dann abends zurück nach Geltow fuhren, waren wir alle kaputt und durchgefroren. Eines Abends rauchten mal wieder alle im Kleinbus und ich machte wie immer das Fenster auf, um atmen zu können. Doch dann eskalierte die Situation: "Ey, Poppe, mach das Fenster zu!" - "Nein, es stinkt zu sehr, ich brauche Luft." - "Ach was, mach wieder zu, es wird kalt!" - "Euch mag das ja egal sein, aber ich bin Nichtraucher und mich stört das nun mal!" - "Hör mal, Poppe, du musst dich der Mehrheit anpassen, sonst nehmen wir dich nicht mehr mit, dann kannst du in Zukunft zusehen, wie du nach Geltow kommst!" - "Ach ja, Ihr wisst genau, dass Herr Tönsing euch verboten hat, im Firmenwagen zu rauchen, weil der nur geleast ist. Soll ich ihm vielleicht mal erzählen, dass Ihr Euch alle darüber hinwegsetzt?" - "Du bist doch ein Arschloch, Poppe! Willst uns also verpfeifen, toller Kollege!" - In diesem Moment schob einer der Kollegen das Fenster neben mir wieder zu. Ich machte es sofort wieder auf. Er drohte mir und machte es wieder zu. Ich schob es wieder auf und stemmte meinen Arm ins Fenster, so dass man es nicht mehr zumachen konnte. Daraufhin knurrte mich dieser an: "Du wirst schon sehen, Poppe, wenn wir gleich ankommen, dann kriegst du eins auf´s Maul!"

Als wir kurz darauf ankamen, schob er die Seitentür auf, so dass meine Arbeitstasche aus dem Auto fiel. Ich war mir nicht sicher, ob er das mit Absicht gemacht hatte, aber ich sagte ihm ein Schimpfwort und bückte mich, um meine Sachen aufzuheben, die herausgefallen waren. In diesem Moment nahm er mich schon in den Schwitzkasten und wir rauften uns. Da ich größer war, hatte er kaum eine Chance, aber er hatte vielleicht auch nicht damit gerechnet, dass ich mich wehren würde. Da ging einer zwischen uns, der aber in Wirklichkeit ihm helfen wollte und mir ein Bein stellte, so dass ich nach hinten fiel. Dann stürzte sich der andere wieder auf mich, doch ehe er sich versah, hatte ich ihm mit der Faust auf die Nase geschlagen, so dass er von mir abließ und ich mich aufraffen konnte. Inzwischen hatten alle um uns einen Kreis gebildet, um uns beim Kampf zuzuschauen. Mein Herz raste, doch ich wollte nicht mehr kämpfen, sondern schrie dem Jens zu: "WER HAT JETZT ANGEFANGEN?! WER HAT JETZT ANGEFANGEN?! WARUM SAGST DU NICHTS!? ENTWEDER ER WIRD GEKÜNDIGT ODER ICH GEHE!!" Daraufhin rief Jens: "Das hast Du gar nicht zu entscheiden, Poppe!" Ich nahm meine Sachen und ging in meinen Wohncontainer. Eine halbe Stunde später nachdem ich mich geduscht und wieder angezogen hatte, kamen ein paar meiner Kollegen in den Wohncontainer, setzten sich an den Tisch und sagten: "Wow, Simon, dem hast Du's aber gezeigt! Da hast Du Dich aber gut verteidigt!" - Ich merkte, dass sie etwas von mir wollten, und tatsächlich: "Du Simon, falls der Chef Dich fragen sollte, was passiert ist, bitte sage nicht, dass wir im Wagen geraucht haben, ok?" Ich sagte, dass ich es nicht von mir aus erzählen würde, aber wenn er mich direkt fragen würde, dann würde ich auch nicht lügen, da ich als Christ immer die Wahrheit sagen muss. Dann gingen sie wieder und kurz darauf kam die Verlobte von Herrn Tönsing, Frau Chlebusch, in den Bauwagen: "Herr Poppe, was habe ich denn da von Ihnen gehört, dass Sie sich geprügelt hätten? Das konnte ich gar nicht glauben! Das hätte ich von Ihnen gar nicht gedacht. Wie konnte das passieren?" Ich erklärte ihr, dass es Streit gab, ich aber nicht angefangen hätte, sondern mich nur verteidigt habe. In dem Moment wurde mir bewusst, dass ich ein schlechtes Zeugnis als Christ gegeben hatte, denn der HErr Jesus hatte uns ja gelehrt, dass wir jedem, der uns auf die rechte Wange schlägt, auch die linke hinhalten sollten (Mt.5:40). Jetzt aber hatte ich meinem alten Wesen wieder Raum gegeben in mir und hatte noch nicht einmal den Mut, meinen Feind um Vergebung zu bitten.

Überhaupt hatte ich mein geistliches Leben in den letzten Wochen völlig vernachlässigt. Anstatt regelmäßig zu beten und in der Bibel zu lesen, schaute ich abends mit meinen Kollegen Filme im Bauwagen. Ich vermisste Ruth und auch meine kleine Rebekka. Gerade die ersten Wochen sind ja für ein Baby wichtig, dass es die Liebe und Wärme seiner Eltern spürt. Ich bereute schon, dass ich nicht lieber auf diesen Job und den höheren Verdienst verzichtet hatte, um Ruth und Rebekka nicht alleine zu lassen! Als ich an einem Donnerstag nach den zweiten zwei Wochen meine Sachen packte, um am nächsten Tag nach Bremen zu reisen, teilte mir mein Zimmergenosse mit, dass alle diesmal eine weitere Woche bleiben sollten, weil auch am Samstag gearbeitet werden solle. Daraufhin ging ich zu Jens, der mit mehreren anderen am Tisch saß und Bier trank. Ich erklärte ihm, dass ich wie vereinbart am morgigen Tag abreisen würde, aber er lehnte dies ab, weil der Chef ein Bleiben für alle angeordnet hatte. Ich erklärte ihm höflich: "Ich muss aber nach Hause!" - "Und warum musst Du das?" - "Weil meine Frau und mein Kind mich brauchen." - "Ach wie süß!" höhnte er, und alle lachten, "er will zu seiner Mami zurück, weil sie ihn braucht! Was bist du nur für ein Weichei! Dann geh doch morgen schnell wieder zu deiner Mutti, wenn sie dich doch braucht!"

Die Meuterei

Als ich Ruth anrief, sagte sie mir, dass mein Lohn für Oktober noch immer nicht überwiesen sei und auch sie noch von Herrn Tönsing keinen Lohn erhalten habe für ihren Minijob. Ich rief Herrn Tönsing an, und er versicherte, dass er sich umgehend darum kümmern würde. Aber auch Mitte November war noch nichts auf dem Konto, so dass wir uns wieder von meinem Vater Geld leihen mussten, um unsere Miete und Lebensmittel zu bezahlen. Ich schrieb einen Brief an Herrn Tönsing, in dem ich ihn aufforderte, mir binnen einer Woche meinen noch offenen Lohn von 1,5 Monaten zu zahlen, da ich ansonsten kündigen würde. Diesen Brief übergab ich ihm persönlich und er las ihn in meiner Gegenwart. Dann steckte er ihn in sein Revers und sagte: "Herr Poppe, diesen Brief werde ich als Beweisstück verwenden, denn ich behalte mir vor, Sie auf Nötigung zu verklagen! Ich hatte Ihnen allen bereits gesagt, dass ich selber noch auf eine höhere Summe warte von meinem Kunden und rechne jeden Tag damit, dass diese eingeht. Aber ich verbiete Ihnen, dass Sie mich mit solchen Briefen erpressen, denn ich kann auch noch ganz anders! Passen Sie bloß auf, dass Sie mich nicht zum Feind haben!" Dann schritt er davon, und ich dachte: "Was denkt der nur, wer er sei!" Aber ich hatte nicht den Mut, etwas zu entgegnen.

Zwei Tage später gab Herr Tönsing uns endlich den noch ausstehenden Lohn in Form von Schecks über zwei Monatsgehälter (fast 5000,- DM), die wir allerdings nicht sofort einlösen konnten, solange wir nicht zuhause waren, sondern erst eine Woche später, etwa Ende November. Doch Mitte Dezember war noch immer kein Geld auf dem Konto und wir erfuhren, dass die Schecks gar nicht gedeckt waren. Herr Tönsing hatte uns also nur hinhalten wollen, damit wir weiter arbeiten würden. Jetzt aber brach eine Meuterei auf der Baustelle aus, denn die Mitarbeiter merkten, dass die Firma vor dem Aus stand. Bevor sie alle nach Hause fuhren, nahmen sich viele noch alles Mögliche vom Firmeneigentum mit und bestahlen so Herrn Tönsing als Ausgleich für ihren geprellten Lohn. Jens hatte sich sogar schon ein paar Tage vorher aus dem Staub gemacht, angeblich weil seine Freundin ihm am Telefon gesagt hatte, dass sie mit ihm Schluss machen wolle und er sie zur Umkehr überreden wollte. So war die Firma auf einmal führerlos und jeder tat, was recht war in seinen Augen. Ich fuhr nach Bremen und rief Herrn Tönsing an, doch nur sein Anrufbeantworter ging an. Später erfuhr ich, dass Herr Tönsing kurz zuvor seine Verlobte geheiratet hatte und nun über die Weihnachtstage seine Flitterwochen auf den Seychellen verbringen würde. Wie wir indes über die Runden kommen sollten, war ihm offensichtlich vollkommen egal.

Der Eklat

So verbrachte ich die letzten zwei Wochen des Jahres bei meiner Familie. Aus Bebra-Asmushausen erhielten wir Post von Marcus, der inzwischen schon rund zwei Monate in der christlichen WG zusammen mit den Brüdern Ralf Schiemann und Thomas Schaum und ihren Familien lebte. Sein Brief war äußerst fromm und demütig. Er bekannte darin, dass er die letzten 9 Jahre seit seiner Bekehrung geistlich geschlafen habe, nun aber zu neuem Leben erweckt sei durch den Einfluss der Brüder. Er erzählte mir, dass sie wie in der Urgemeinde alles miteinander teilen würden und niemand ein Geheimnis hätte, von dem die anderen nichts wüssten. Er lud uns ein, doch auch nach Asmushausen zu ziehen und bei dieser christlichen Wohngemeinschaft mitzumachen, zumal er mitbekommen hatte, dass ich geistlich gerade ziemlich in den Seilen hing. Doch hatte sich inzwischen ein Hoffnungsschimmer am Horizont gezeigt, was die Ecuadorarbeit anging: Ein paar Wochen zuvor hatte ich mich an einem Wochenende mit Rubin Rousseau (42) getroffen, einem deutsch-südafrikanischen Bruder aus der Bibelgemeinde, in die meine Eltern jahrelang gingen. Ich hatte ihm von unserem Kinderheimprojekt erzählt, und er erklärte sich bereit, mit seiner Frau Edith zusammen die Nachfolge als künftige Heimeltern zu übernehmen. Ich hatte also Hans-Udo angerufen und mich mit ihm für Mitte Dezember verabredet, dass er mit seiner Frau Elsbeth zu uns nach Bremen kommen möge übers Wochenende, damit er Rubin und Edith kennenlernen und mit ihm über die Details verhandeln könne. So war es eine große Freude, als schließlich dieses Treffen zustande kam in unserem Wohnzimmer. Hans-Udo berichtete Rubin über die Hintergründe, wie der HErr ihn 30 Jahre zuvor berufen habe, als Missionar in Pakistan zu arbeiten und erklärte ihm dann seine Aufgaben und die Bedingungen. Doch schon nach einer halben Stunde erklärte Rubin, dass er seine noch nicht volljährigen Kinder seiner 9-köpfigen Familie in ein Internat geben wolle in Deutschland, damit sie eine gute Ausbildung erhielten. Und noch bevor Hans-Udo dazu etwas sagen konnte, klingelte es plötzlich an der Tür...

Als ich aufmachte, stand auf einmal Thomas Schaum und Ralf Schiemann vor der Tür, zusammen mit meinem Bruder Marcus, der sich inzwischen einen kleinen Vollbart hatte wachsen lassen. Sie fragten, ob sie reinkommen dürften, und ich erklärte ihnen, dass ich gerade Besuch habe. "Das wissen wir", sagte Thomas, "denn Marcus hat es uns erzählt, und gerade deshalb sind wir ja auch jetzt ganz aus Bebra angereist." - "Ihr hättet aber wenigstens vorher mal anrufen können, denn eigentlich ist es jetzt gerade etwas ungünstig." Trotzdem ließ ich sie rein, und sie gingen die Treppe hinauf ins Wohnzimmer. Ich stellte sie meinen Gästen vor und besorgte noch schnell ein paar zusätzliche Stühle. Hans-Udo dachte, dass ich die Brüder absichtlich eingeladen hätte und war sehr verwundert, warum ich dies angeblich verheimlicht habe. Ich erklärte ihnen, dass dies jetzt nicht geplant sei, aber dass der HErr vielleicht Gnade schenken würde zu einer gemeinsamen Verständigung. Hans-Udo hielt dies nicht für eine passende Idee und bat mich, den Brüdern vorzuschlagen, dass sie doch ein andern mal wiederkommen könnten. Da ich jedoch gegenüber Ralf und Thomas den Eindruck vermeiden wollte, ich sei unmündig und würde immer nur das tun, was Hans-Udo sagt, schlug ich indes vor, doch gemeinsam miteinander über alle Probleme zu reden. Eine fatale Fehlentscheidung - wie sich dann leider herausstellte...

Tatsächlich hatten Thomas und Ralf dem Hans-Udo eine Falle stellen wollen, indem Thomas einen kleinen Kassettenrekorder versteckt hatte, um ohne unser Wissen und Erlaubnis, sozusagen in "Stasi-Manier", das Gespräch heimlich aufzunehmen. So wie die Pharisäer damals den HErrn Jesus in Seiner Rede fangen wollten, um einen Anklagegrund gegen Ihn in der Hand zu haben, so hoffte auch Thomas, dass er durch Fangfragen den Hans-Udo in Widersprüche verwickeln könnte, damit er einen Anklagegrund gegen ihn hätte. Um sich nichts anmerken zu lassen, verhielt sich Thomas zunächst höflich und stellte ein paar Fragen, die ihm Hans-Udo zwanglos beantwortete. Doch als es immer mehr Fragen wurden, fragte Hans-Udo: "Was soll das hier werden? Ein Verhör? Simon, Du solltest als Hausherr jetzt mal ein Machtwort sprechen und mal klarstellen, wer heute Deine eigentlichen Gäste sind!" Thomas erwiderte laut: "Nach dem Wort Gottes sind Sie verpflichtet, sich zu verantworten gegenüber jedem, der Rechenschaft von Ihnen fordert. Und ich möchte auch nicht, dass Sie immer wieder ausweichen, sondern meine Fragen einfach nur mit JA und NEIN beantworten!" Daraufhin stand Elsbeth auf, die die ganze Zeit kein einziges Wort gesagt hatte, und sprach mit einer zarten und brechlichen Stimme: "Hören Sie, junger Mann, was erlauben Sie sich, in diesem Ton zu meinem Mann zu reden! Haben Sie denn keinen Respekt?!" - Thomas unterbrach Sie: "Entschuldigen Sie, liebe Schwester, aber ich rede gerade mit Ihrem Mann, und ich denke, Sie sollten sich als Schwester ohnehin zurückhalten, wenn Brüder miteinander reden!" Darauf stand auch Hans-Udo auf und sagte: "Simon, ich merke, dass es Dir schwer fällt, hier mal ein klärendes Wort zu sprechen, deshalb mache ich einen Vorschlag: Bruder Rubin hatte ja schon angedeutet, dass wir die Nacht auch bei ihm verbringen können, deshalb wird er uns jetzt zu sich nach Hause fahren und Du kannst Dich hier noch weiter mit Deinen Brüdern unterhalten. Morgen früh reden wir dann weiter über unser Projekt! einverstanden?" Ich war wie gelähmt, denn mir war klar, dass ich als Hausherr gerade völlig versagt hatte. Daher entschuldigte ich mich immer wieder für meine enttäuschende Nachgiebigkeit und verabschiedete Hans-Udo und seine Frau.

Der Verrat

Als ich wieder oben war, nahmen mich Thomas und Ralf ins Kreuzverhör und redeten lange auf mich ein, dass ich mich doch von Hans-Udo trennen müsse, da dieser doch ein "falscher Fufziger" sei, der nur an Macht und Geld interessiert sei und dem dazu jedes Mittel recht sei. Ich verteidigte den Hans-Udo, so gut ich konnte, doch nach einer Stunde war ich dermaßen "weichgekocht", dass ich ihnen nichts mehr zu entgegnen wusste. Ich versuchte einen Befreiungsschlag, indem ich sagte: "Ihr beide kommt mir vor wie zwei Männer, die auf einer Müllhalde sind und sich darüber aufregen, dass eine einzige Dose umgekippt rumliegt und wollt sie unbedingt gerade aufrichten. Es gibt heute so viele Probleme unter uns Christen, aber Ihr tut so, als ob es genügen würde, dass man hier und da mal etwas mit dem Staubwedel rübergeht! Merkt Ihr nicht, dass Ihr völlig übertreibt und dass ihr versucht, an einem X-Beliebigen ein Exempel zu statuieren, indem Ihr bei ihm das Haar in der Suppe sucht? Ich kenne den Hans-Udo viel besser als Ihr und weiß auch um seine Fehler, aber er ist im Vergleich zu den meisten anderen Christen ein wirklich treuer Diener des HErrn, weil er nicht redet, sondern tut. Wo gearbeitet wird, da fallen aber auch mal Späne. Ich könnte Euch Sachen erzählen über den Hans-Udo, wo Eure Vorwürfe läppisch wären im Vergleich, aber obwohl ich das weiß, halte ich ihm die Treue, denn das ist wahre Bruderliebe!"

Sie schauten sich an, und Ralf sagte behutsam: "Was weißt Du denn noch über den Hans-Udo, was wir noch nicht wissen?" - "Das werde ich Euch natürlich nicht auf die Nase binden, denn Ihr würdet ihm daraus nur einen Strick drehen! Ihr wollt ihn ja nur zur Strecke bringen, aber die Liebe deckt die Fehler des anderen zu!" - Thomas entgegnete: "Jaaaa, wenn jemand seine Fehler BEREUT! Wenn jemand aber in Sünde lebt und man überführt ihn nicht, dann macht man sich nach Hesekiel 3 mitschuldig an seiner Sünde! Also wenn Du etwas weißt, solltest Du das jetzt offen bekennen." - "Nein, das werde ich nicht tun, denn ich kenne Euch, und Ihr wollt ihn nur ans Messer liefern!" - "Simon, hast Du etwa kein Interesse daran, dass Hans-Udo zur Buße kommt? Komm, - sag uns die Wahrheit! denn die Wahrheit allein macht frei!" - "Nein, das wäre eine weitere Treulosigkeit gegen diesen Bruder, und er hat schon genug gelitten, das kann ich nicht machen.“ – Thomas: „Simon, wir können nur Gemeinschaft miteinander haben, wenn wir im Licht wandeln. Wenn Du aber Sünde verbergen willst, dann wirst Du auch weiterhin kein Gelingen haben (Spr.28:14). Frag Dich doch mal, warum diese ganze Arbeit jetzt auf der Kippe steht. Liegt es nicht genau daran, dass Ihr irgendetwas vertuschen wolltet? Gott will aber, dass wir ein reines Gewissen haben sollen und dass wir uns keiner Sache schämen müssen. Deshalb: Stell Dich ins Licht!“ – Ich bereute, dass ich sie überhaupt auf diese Fährte gelockt hatte, denn jetzt kam ich nicht mehr so einfach aus dieser Nummer raus. Thomas würde keine Ruhe geben, bis er es herausgefunden hat, und ich könnte nicht „frei den Blick erheben“, solange ich noch ein dunkles Geheimnis mit mir tragen müsste. Unter der Bedingung, dass sie nichts unternehmen mögen, entschied ich mich schließlich, ihnen die Wahrheit zu sagen, indem ich ihnen von dem Schmu des Anwalts berichtete und dass wir letztlich mit unserer Unterschrift darin eingewilligt hatten.

Die Reaktion von Thomas war zu erwarten und erinnert mich im Nachhinein an die des Hohenpriesters bei der Verurteilung Jesu: „Was bedürfen wir noch weitere Zeugen. Jetzt habt ihr´s doch alle gehört!“ Ich erinnerte Thomas noch einmal an sein Versprechen, dass er den Hans-Udo in Ruhe lassen wolle und vereinbarte mit den Brüdern, dass ich selbst dem Hans-Udo schreiben würde, um ihn zur gemeinsamen Buße zu bewegen. Thomas war jedoch nicht so naiv wie ich und fügte hinzu: „Wir versprechen Dir, nichts zu unternehmen, bevor Du ihm geschrieben hast, sondern wollen erst einmal seine Reaktion abwarten.“ – „Ihr werdet sehen, dass Bruder Hans-Udo seinen Fehler einräumen wird, zumal es ja auch nur etwas Geringes ist, das jedem von uns mal passieren kann. Ich kenne diesen Bruder jetzt schon seit vier Jahren und weiß deshalb, dass es ihm immer nur um die Ehre Gottes ging. Den Eindruck, den Ihr von ihm habt, ist einfach völlig falsch und verzerrt. Ihr müsstet mal seine Briefe lesen, wenn er an mich schreibt, dass er immer nur den HErrn Jesus groß macht!“ Daraufhin Thomas: „Ach, Simon, wo Du das gerade ansprichst: Macht es Dir was aus, wenn Du mir mal die Briefkorrespondenz zwischen Euch zu lesen geben könntest?“ – Ich überlegte kurz und sagte: „Nur unter der Bedingung, dass Du mir versprichst, dort nicht nach weiteren Anklagegründen gegen Hans-Udo zu suchen! Außerdem darfst Du Dir auch keine Kopien daraus machen, denn unser Briefwechsel ist vertraulich!“ – Thomas antwortete: „Ich verspreche es Dir.“ Dann gab ich ihm die Mappe mit den Briefen und wir verabschiedeten uns. Nachdem sie gegangen waren, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Es kam mir vor, als wenn ich wie Judas gerade meinen besten Freund verraten hätte…

An dieser Stelle wird sich wohl jeder Leser an den Kopf fassen, wie ich nur so naiv sein konnte; und auch ich selbst muss mich das heute selbstkritisch fragen. Dass Thomas sich letztlich nicht an sein Versprechen gebunden fühlen würde, war letztlich abzusehen, wenn man seinen „Killerinstinkt“ einmal kennengelernt hatte. Aber letztlich war es dem Thomas gelungen, mich zu beschwatzen, indem er „Kreide gefressen“ hatte, um mich zu täuschen (wie in der Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein). Nach Heiligabend erfüllte ich mein Versprechen und schrieb dem Bruder Hans-Udo einen 6-seitigen Brief, in welchem ich ihm in aller Unterwürfigkeit bat, auf die Forderung der Brüder einzugehen, um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen, damit endlich Ruhe einkehre. Am liebsten wäre mir ja gewesen, dass sich alle Seiten wieder miteinander vertragen würden und wieder alles so harmonisch sei wie früher; aber Thomas war kein Mann des Friedens, sondern gehörte zu der Sorte streitsüchtiger Menschen, die die Bibel als „Söhne der Zeruja“ bzw. als „Donnersöhne“ bezeichnet. Selbstverständlich machte sich Thomas von den Briefen Kopien, weil er darin wieder Anhaltspunkte zum öffentlichen Verklagen des Bruders fand und fertigte eine umfangreiche „Ermittlungsakte“ an, die er dann u.a. an einen Bruder namens Michael Nagel zur Prüfung sandte. Dieser aber konnte die Vorwürfe nicht teilen und fand sie ebenso wie ich übertrieben. Und so erwies sich Thomas Schaum schließlich als Schaumschläger, und die ganze Sache verlief nach ein paar Monaten im Sand.

Januar – März 1996

Mein Schiffbruch im Glauben

Das neue Jahr begann mit viel Schnee und Minustemperaturen. Da Herr Tönsing auch nach den Feiertagen nicht erreichbar war und ich nicht wusste, wie es nun weiter gehen sollte, ging ich zur Arbeiterkammer, um mich rechtlich beraten zu lassen. Denn obwohl ich inzwischen schon 2,5 Monate lang kein Geld mehr erhalten hatte, bestand ja immer noch ein ungekündigtes Arbeitsverhältnis. Die dortige Juristin riet mir, ihm meine Arbeitskraft anzubieten, doch ihm auch eine kurze Frist zu setzen mit der Androhung, zu kündigen, falls er weiterhin nicht reagiere, da unser Lebensunterhalt gefährdet sei. Danach solle ich ihn beim Arbeitsgericht auf Zahlung der noch ausstehenden Löhne verklagen, was ich dann auch Ende Januar tat, zusammen mit allen anderen - um ihren Lohn geprellten - Mitarbeitern.

Mein Freund Bernd Fischer schrieb mir und warnte mich eindringlich, dass ich unbedingt den Kontakt zu Thomas und Ralf beenden müsse, da diese zu „Brudermördern“ geworden seien und ich durch ein Bündnis mit diesen mich mitschuldig machen würde an ihren Verleumdungen. Die Begründungen von Bernd waren sehr weise und biblisch gut fundiert, deshalb willigte ich ein und verwandte seine Argumente in einem Brief an Thomas, in welchem ich ihn eindringlich aufforderte, grundsätzlich sein – so wörtlich - „Schreiben gegen andere Brüder aufzugeben, da Du dafür nicht die nötige Begabung hast“. Wie nicht anders zu erwarten, verschärfte sich darauf allmählich der Ton zwischen uns, und Thomas begann nun, auch mir immer mehr Vorhaltungen zu machen, warum ich denn überhaupt auch noch Kontakt zu Bernd habe, der doch ein Irrlehrer sei mit seiner „Gott-belügt-die-Lügner“-These. Aber auch Hans-Udo reagierte nun mit einem langen Brief voller Vorwürfe gegen mich wegen meiner Treulosigkeit und wollte dieses ständige Hin und Her nicht länger mitmachen. In seinen Augen hatte ich nun endgültig bewiesen, dass auf mich kein Verlass sei, sondern dass ich ein unreifer und wankelmütiger Bruder sei, dem man nicht trauen könne.

Wankelmütig? Ja, das traf es in der Tat. Denn ich verlor allmählich immer mehr den Halt, weil ich zu viele falsche Entscheidungen getroffen hatte und keine Orientierung mehr besaß, was eigentlich Gottes Wille für mich war. In jener Zeit telefonierte ich viel mit Schwester Brigitta, die zu unserem Hauskreis gehörte und in den letzten zwei Jahren auch immer Marcus‘ Seelsorgerin war. Brigitta sah sich immer als eine Art „Aufpasserin“ über unseren Glauben und erwartete stets, dass wir ihre Ratschläge auch befolgen sollten. So hatte ich ihr z.B. mitgeteilt, dass mein Vater mir 2.000,- DM geliehen habe, weil wir absolut blank waren und ich auch meine Miete nicht hätte bezahlen könne. Sie warf mir jedoch vor, dass ich mir kein Geld von meinem Vater hätte ausleihen dürfen, da mein Vater noch nicht wirklich gläubig sei und ein Christ sich nichts von Ungläubigen borgen sollte. Sie forderte mich auf, meinem Vater das Geld zurückzugeben und stattdessen zu beten, dass der HErr mir doch auf irgendeine andere Weise das Geld zukommen lassen möge. Ich hielt dies für gänzlich ausgeschlossen, befolgte jedoch ihren Wunsch, für dieses Wunder zu beten. Kurz darauf erhielt ich Post vom Finanzamt mit einem Steuerbescheid aus 1994, dass ich aufgrund eines zu geringen Einkommens meine gesamt bezahlten Steuern von etwas über 2000,- DM zurückerstattet bekommen würde. Ich war total sprachlos und rief sofort Brigitta an, um ihr von dieser Gebetserhörung zu berichten. Brigitta freute sich sehr, doch nachdem der erste Jubel verklungen war, sagte sie: „Simon, dann weißt Du ja hoffentlich, was Du jetzt zu tun hast.“ – Ich schluckte und sagte: „Du meinst, ich solle meinem Vater jetzt die 2000,-DM zurückgeben?“ – „Ja, selbstverständlich! Was denkst Du denn?!“ – „Aber Brigitta, ich hatte Dir doch schon gesagt, dass mein Vater das Geld gar nicht braucht, weil er genug davon hat. Ich hingegen kann es sehr gut gebrauchen, denn ich stecke ja noch immer in der Krise, und wenn ich es ihm jetzt auch geben würde, dann ist es nur eine Frage der Zeit, dass ich ihn schon bald wieder um Geld anbetteln müsste.“ – „Aber Simon! Jetzt bin ich aber wirklich sprachlos und schwer enttäuscht von Dir! Da hat Gott Dir einmal mehr Seine Macht gezeigt und ein solches Wunder geschenkt, und Du zweifelst immer noch daran, dass Er Euch auch weiterhin versorgen würde! Sag mal, hast Du denn überhaupt keinen Glauben!?“ – Eine gute Frage. Nach all den Prüfungen, die ich in der letzten Zeit schon durchgemacht hatte, waren alle meine Glaubensreserven aufgebraucht. Ich bat Brigitta um Verzeihung, dass ich derzeit zu schwach sei, um auf diese unverhoffte Finanzspritze verzichten zu können. Sie fragte mich, was sie denn überhaupt in den Bibelstunden noch von mir lernen könne, wenn ich in der Praxis so jämmerlich versagen würde. Das fragte ich mich auch.

Mein Glaubensleben war an einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Meine fromme Fassade war inzwischen so durchlöchert, dass jeder geistliche Mensch sofort sehen konnte, dass da kaum mehr geistliche Substanz vorhanden war, von der ich hätte zehren können. Deswegen erlitt ich all diese schweren Züchtigungen, weil Gott von mir schwer enttäuscht war und mir nun mit aller Eindringlichkeit zeigen wollte, dass ich Buße tun müsse. Ich erinnerte mich an die Worte Jesu: „Gedenke nun, wovon du gefallen bist, und tue Buße (d.h. ändere dein Denken) und tue die ersten Werke; wenn aber nicht, so komme ich dir und werde deinen Leuchter aus seiner Stelle wegrücken, wenn du nicht Buße tust“ (Offb.2:5). Womit hatten all die Probleme angefangen? Was war der Ursache, dass ich vom Wege abgekommen bin? Fing es nicht schon 1994 an, als ich für Ruth einen Fernseher gekauft hatte und später sogar einen Videorekorder? Dabei hatte ich doch jahrelang immer gepredigt, dass Fernsehen Sünde sei! Und ich hatte meine Haltung auch nie öffentlich widerrufen, sondern stattdessen seither jedes Mal den Fernseher versteckt, wenn ich Besuch von Brüdern bekam. Thomas hatte schon ganz richtig bemerkt, dass ich ein Heuchler sei. Aber es war noch nicht zu spät. Das Licht Gottes war noch nicht ganz in mir erloschen (1.Sam.3:3) einen „glimmenden Docht“ wie ich würde der HErr nicht auslöschen (Mt.12:20). Ich musste also nur den Götzen aus unserem Haus entfernen, und dann würde schon alles gut werden.

So schlich ich mich heimlich ins Haus, um den Fernseher samt Antenne in einen Karton zu packen, um ihn zu zerdeppern. Von Bruder Norbert Homuth hatte ich gelernt, dass man einen Fernseher nicht einfach auf den Sperrmüll tun dürfe, da er sonst von jemand anderes mitgenommen werden könnte, sondern dass man ihn in jedem Fall vorher zerstören müsse, z.B. durch Steinigung. Das wollte ich tun, aber dazu musste ich ihn erst einmal wegschaffen. Als ich den Karton auf meinen Gepäckträger tat, sah mich meine Schwiegermutter und fragte mich beiläufig, was ich denn vorhätte. Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Tengo que llevar basura“ („Ich muss nur mal eben Müll wegbringen“). Ohne einen Plan zu haben, fuhr ich mit dem Fahrrad auf die B6 Richtung Brinkum. Als ich auf die Ochtumbrücke kam, hielt ich mein Fahrrad an, lud den Karton ab und wollte ihn unbemerkt in den Fluss werfen. Doch mir kam der Gedanke, dass dies Umweltverschmutzung sei, und so warf ich ihn nicht in den Fluss, sondern auf die daneben befindliche Uferböschung. Doch zu meiner Überraschung war der Fernseher so weich gelandet, dass er nicht kaputt gegangen war. Also ging ich nochmal runter, brachte ihn wieder nach oben auf die Brücke und warf ihn ein zweites Mal, und erst dann zerbrach er in viel Stücke. Dann ging ich noch einmal nach unten und befestigte am Fernseher einen Zettel, den ich zuvor als eine Art „Grabrede“ geschrieben hatte, und zwar mit einem Gedicht, das Heinrich Heine kurz vor seinem Tod gedichtet haben soll: „Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt! Die Leier, die zur bösen Feier bewegt ward von dem bösen Geist, die Leier die zum Aufruhr klang, die Zweifel, Spott und Abfall sang. O HErr, o HErr, ich kniee nieder, vergib, vergib mir meine Lieder!“.

Als ich zurückkam, verkündigte ich voller Freude und Stolz, dass ich gerade eben unseren Fernseher zerschmettert hätte. Lucila reagierte etwas erschrocken und sagte nur: „Si pues, era la caja del diablo“ („Na ja, das war ja auch eine Teufelskiste“). Ruth hingegen war nicht gerade begeistert über diese eigenmächtige Entscheidung von mir, weil ich mich nicht zuvor mit ihr abgesprochen hatte. Sie warf mir vor dass sie und ihre Mutter nun überhaupt keine Zerstreuung mehr hätten und sie wegen des Schnees und der Kälte draußen noch nicht einmal längere Zeit Spazieren gehen könnten. Aber als ich ihr die Gründe erklärte, dass das Fernsehen für mich ein Anstoß zur Sünde sei und ich diesen deshalb mit Stumpf und Stiel ausrotten musste, verstand sie es und war damit einverstanden. Ich versprach ihr, dass wir uns von nun an mehr Zeit nehmen würden zur regelmäßigen Bibellese und Gebet. Durch die neu gewonnene Zeit konnte ich - während Lucila strickte und wir uns unterhielten - auch endlich mal mein 2000-Teile-Puzzle fertigstellen, das schon die ganze Zeit auf dem Boden lag. Doch sollte diese Idylle vom trauten Heim nur von kurzer Dauer sein…

Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln…

Am Freitag, den 25.01.96 stand auf einmal Marcus vor der Tür. Inzwischen hatte er einen richtigen Vollbart, wie es ihm die Brüder aus Asmushausen „beigebracht“ hatten (nach ihrer Auffassung habe Gott den Mann ja schließlich mit Bartwuchs geschaffen, deshalb sei es Sünde, wenn man sich rasieren würde, weil man dadurch ja dem Willen Gottes widerstehen würde). Er begrüßte uns herzlich und wir sprachen miteinander über die letzten Tage und Wochen und es gelang mir, ihn davon zu überzeugen, dass der Thomas sich durch seine harte und unfruchtbare Agitation gegen Hans-Udo und andere Brüder versündigt habe. Marcus räumte ein, dass der eigentliche Grund für seinen Besuch der war, um mich und meine Familie „zur Buße zu rufen“, aber dass er nun einsah, dass er sich nicht in solche Anklagen wie die gegen Hans-Udo einzumischen habe, zumal er diesen überhaupt nicht kenne. Doch am nächsten Tag war er schon früh aus dem Haus gegangen und hatte mir nur einen Zettel hinterlassen mit meinem Taufspruch aus Luk.22:31-32: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, auf dass dein Glaube nicht aufhöre. Und du, bist du einst zurückgekehrt, so stärke deine Brüder!“ Marcus sah mich scheinbar total in Sünden zu versinken und wollte mit diesem Apell mir vorerst den Rücken kehren. Doch erfuhr ich später, dass er in unser Elternhaus gefahren war, um nun meinen Vater und meinen Bruder Patrick zur Buße zu rufen, was bei diesen jedoch nur auf Befremden stieß. In der Nacht von Samstag auf Sonntag überfiel Marcus dann der Wunsch, das ganze Haus meiner Eltern von oben bis unten zu reinigen, sozusagen als letzten Dienst für die Familie, bevor er für immer gehen wollte. In der Morgendämmerung stieg er dann in den ersten Bummelzug, um nach Asmushausen zurückzufahren. Als er schon in Göttingen war, besann er sich darauf, wieder nach Bremen zu fahren, weil dort sein Platz sei. Er besprach sich am Montag mit Schwester Brigitta über seine Situation, doch bekam er plötzlich eine sonderbare, geistesgestörte Anwandlung, weil er Brigittas Wohnung angeblich voller Dämonen sah. So verließ er sie fluchtartig, um – wie er sagte – „Sodom und Gomorra“ zu verlassen. Er schnappte sich seinen Rucksack und ein Fahrrad, und fuhr bis zur nächsten Autobahnauffahrt. Dort stellte er es unabgeschlossen mitten auf dem Gehweg, ging die Böschung der Autobahn hinauf und ging von 18.00 bis 21.00 Uhr ca. 30 km die Autobahn entlang, um auf den schnellsten Weg nach Asmushausen zu kommen. Seinen Rucksack mit seinen ganzen Habseligkeiten ließ er unterwegs an einer Leitplanke zurück, weil er ihm zu schwer war. Ein anhaltender Autofahrer bot ihm an, einzusteigen, aber er lehnte ab. Um ca. 22.00 Uhr rief er meinen Bruder Patrick zuhause an und bat mit stockender Stimme, ihn in Langwedel bei der Autobahnausfahrt Achim-Ost abzuholen. Er war völlig durchgefroren und verwirrt. Nachdem sie dann zwar sein Fahrrad aber nicht mehr seinen Rucksack aufgabeln konnten, fuhren sie wieder nach Hause. Als ich dann mit ihm telefonierte sagte er mit leiser Stimme: „Ich wollte ein besserer Christ sein, aber diese Superchristen in Asmushausen – das kann es irgendwie nicht sein. Ich bleibe jetzt hier.“ Am Dienstagmorgen rief er Thomas an, um ihn über seinen Schluß zu informieren. Thomas reagierte erbost und sagte ungefähr so viel wie: „Wenn du in Sodom bleiben willst, dann kann ich dir nicht mehr helfen!“ Nach dem Gespräch sagte er zu Patrick unter Tränen: „Wie können sie immer nur so hart zu mir sein…“.

Am späten Abend besuchte mich Marcus. Er war inzwischen völlig klar und entschieden, sich endgültig von diesen Brüdern zu trennen, bis sie Buße getan hätten. Doch während wir uns unterhielten über die heutige Situation in der Christenheit und über meine Schwachheit im Fleische und auch über das Gute, das Marcus in Asmushausen von HErrn geschenkt bekam, stand Marcus plötzlich auf und wollte gehen. Er sagte, hier sei nicht sein Platz, er habe keinen Frieden hier. Ich hielt ihn zurück und erklärte ihm ausgiebig sein krankhaftes, debiles Verhalten und die Gefahren in Asmushausen. Als ich fertig war, stand er auf und sagte: „Dein eigener Mund verurteilt dich! Komm mit mir nach Asmushausen und lass dich dort durch die Brüder von deinen Sünden überführen!“ Er zog seine Jacke an, aber ich wollte ihn nicht gehen lassen, weil ich Angst um ihn hatte. Ich sagte: „Marcus, das ist doch nicht der Heilige Geist, der dich treibt, sondern Dämonen! Lass uns doch erst einmal zusammen beten!“ Er schaute mich wie hypnotisiert an. Sein Blick war starr und apathisch. Er sagte: „Nein, lass mich gehen.“ Ich sagte: „Um deinetwillen würde ich sogar schon morgen nach Asmushausen fahren.“ Dann setzte er sich wieder, und sagte, er würde nur deshalb die Nacht hier verbringen, weil ich ihm dieses Versprechen gemacht habe. In dem Moment rief mich plötzlich Hans-Udo an und wir sprachen kurz über die Kritik der Asmushausener. Da stand Marcus auf und wollte mit Hans-Udo sprechen; ich ließ es aber nicht zu, sondern verabschiedete mich schnell von dem Bruder. Als Marcus dann laut etwas in den Hörer hineinrief, hatte Hans-Udo bereits aufgelegt, so dass Markus ihm „Feigheit“ vorwarf.

Dann hielt ich Marcus anderthalb Stunden ohne Unterbrechung bis Mitternacht einen Vortrag über die ganze Situation, erzählte ihm, wie viel Böses Thomas schon durch seine üble Nachrede angerichtet hatte und fing sogar dabei an zu weinen, wie er schon Zwietracht ausgestreut hatte unter Brüdern, so dass fast alle Brüder sich inzwischen von mir getrennt hätten. Als ich fertig war und froh war über seine scheinbar einsichtsvolle Geduld, stand er zu meiner Überraschung wieder wortlos auf, um zu gehen. Diesmal hinderte ich ihn aber nicht, sondern ging auf die Knie, um für Ihn zu beten und ging dann mit Ruth zu Bett. Nach einer halben Stunde kam Marcus wieder und da er wusste, wo der Hausschlüssel versteckt war, kam er die Treppe hoch und sagte, dass der letzte Zug schon gefahren sei und er deshalb bis morgen noch bleiben würde. Ich holte ihm ein Federbett vom Dachboden, während er still in der Bibel las. Doch nach 10 Minuten hatte er schon wieder den Entschluss gefasst, zu gehen, weil er lieber auf dem Hauptbahnhof übernachten wollte. Ich versuchte ihn, zu überreden, zumal es angefangen hatte zu schneien, aber es half nichts. Eine Stunde später – ich war schon fast eingeschlafen – stand Marcus wieder in der Wohnung. Er sagte nichts, sondern setzte sich aufs Sofa, um in der Bibel zu lesen. Ich lege mich wieder hin, doch nach 5 Minuten zog er sich wieder seine Jacke an und wollte gehen. Ich sagte nur: „Marcus, komm endlich zur Ruhe!“ Er verharrte eine Weile und ging dann aber doch. Draußen schneite es heftig.

Es vergingen 2 Stunden, da kam er wieder und sagte: „Simon, mein Verhalten war eigenwilliger Gottesdienst. Ich hatte Petrus-Allüren. Ich bitte dich um Vergebung!“ Doch es waren kaum 5 Minuten vergangen, da meinte er wieder, er müsse nach Matth. 10 das „Haus verlassen und den Staub von seinen Füßen schütteln“, da ich seine Bußbotschaft nicht annahm. Ich schimpfte mit ihm und sagte, er sei wie ein „Junkie vollgekifft“ und sollte sich von Thomas lieber die Füße anstatt das Hirn waschen. Auch sagte ich ihm das er die schlechte Frucht von Thomas bösem Verhalten sei und dass ich deshalb nie mehr nach Asmushausen gehen würde, bis sie alle Buße getan hätten. Ich merkte bei Markus einen völlig verzweifelten Gesichtsausdruck und er beschworen mich, nie mehr das Haus zu betreten. Ich sagte: „Geh doch endlich, hau ab und stör uns nicht ständig!“ Nach einer halben Stunde kam Marcus wieder ins Haus und sagte mit verklärter Stimme: „Simon, ich bin wieder da und bleibe jetzt hier. Es ist alles gut, alles wieder in Ordnung, mach dir keine Sorgen…“ Diesmal war es von Dauer, aber mein Schlaf war dahin. Es war schon 3:30 Uhr in der Frühe. Ich dusche mich und legte mich noch für 4 Stunden nieder. Ruth hatte übrigens schon vorher sämtliche Messer in der Küche versteckt, damit Marcus sich nicht wieder wie vor zwei Jahren die Pulsadern aufschneiden könnte. Doch endlich war der Spuk vorbei, zumindest hofften wir es.

Doch auch am nächsten Tag ging der Horror weiter: Nachdem wir gefrühstückt hatten, schlug ich vor, mit Marcus zusammen nach Arbergen ins Elternhaus zu fahren, denn mein Vater würde sich sicherlich schon Sorgen machen, ob Marcus nicht schon wieder eine Psychose habe wie vor zwei Jahren, als er im Wahn mehrfach versucht hatte, sich das Leben zu nehmen und schließlich mit Erfrierungen 3. Grades in die Geschlossene Psychiatrie eingewiesen wurde. Als wir im Bus saßen, schüttete Marcus mir sein ganzes Herz aus und erklärte, dass er in Ralf Schiemann einen Ersatzvater gesucht habe, den er über die Maßen bewunderte und so sein wollte wie er. Wörtlich: „Weißt Du, Simon, wenn ich an meine Beziehung zu Gott denke, dann habe ich immer die Vorstellung, als wäre ich wie ein ganz kleiner Junge, der seinem übergroßen Vater am Hosenbein zieht, während dieser am Tisch sitzt, und ihm sagt, dass er auch mal auf seinem Schoß sitzen möchte. Ja, ich wollte mein ganzes Leben lang einfach nur auf dem Schoß Gottes sitzen, aber egal was ich auch tue, habe ich immer das Gefühl, dass Gott mich nicht auf seinen Schoß lassen will, so oft ich auch an Seinem Hosenbein ziehe.“ Ich bekam eine Gänsehaut. Wow, was für einen tiefen Einblick in seine Seele, den mir mein Bruder gewährte! War es aber mit mir nicht genau das Gleiche? Auch ich wollte einfach nur wieder jenes schöne Gefühl haben, von Gott geliebt zu sein. Aber nach all dem, was ich angestellt hatte, konnte Gott mich doch kaum mehr lieben, sondern war einfach nur noch bitter enttäuscht von mir!

Der Wahnsinn

Als wir im Elternhaus ankamen, öffnete ich die Küchentür, wo mein Vater am Fenster saß und fröhlich mit seiner für ihn typisch sarkastischen Ausgelassenheit sagte: „Ach da seid ihr ja! Ich hatte mir schon Sorgen um dich gemacht, Marcus, dass du dich schon wieder an irgendeinen Baum gehängt haben könntest! Hahahahahahahahaha!“ Mein Vater lachte laut, und ich machte schnell wieder die Tür zu in der Hoffnung, dass mein labiler Bruder diesen dummen Spruch nicht gehört habe. Ich ging mit ihm ins Wohnzimmer und wir sprachen dort weiter miteinander über die ganze Situation. Nach etwa einer halben Stunde, während Marcus mir gerade etwas erklärte, stockte er plötzlich und grübelte einen Moment. Dann schaute er mich wieder mit diesem starren Blick an, zeigte mit seinem Finger auf mich und sagte mir mit beschwörenden Worten: „Simon, Du musst Buße tun! Das ganze hier ist doch eine Falle! Ich werde jetzt nicht weiter mit Dir reden, sondern nach Asmushausen zurückgehen!“ Ich stand auf und sagte: „Ach geht das jetzt schon wieder los! Hör doch endlich auf, Marcus, und komm endlich zur Ruhe! Das ist doch der Teufel, der Dich ängstigen will. Bleib doch hier!“ Marcus war aber aufgestanden und ging aus dem Wohnzimmer hinaus. Ich hielt ihn fest und versperrte ihm mit aller Kraft den Weg, indem ich mich am Treppengeländer und Türrahmen festhielt. Daraufhin rannte Marcus stracks nach oben, als gäbe es dort noch einen anderen Ausgang. Ich lief ihm hinterher, und er drohte mir, dass er über den Balkon nach unten springen würde, wenn ich ihn nicht gehen lassen würde. Ich bat ihn, mir doch wenigstens kurz zuzuhören; aber er riss die Balkontür auf und wollte gerade springen, als ich nachgab und ihn gehen ließ. Er rannte los und ich rannte ihm hinterher, indem ich ihn fragte: „Was willst Du denn? Wo willst Du hin?“ Er sagte: „Ich muss die Stadt verlassen!“ – „Aber warum?“ Mit keuchender Stimme rief er: „Weil es schon 16.00 Uhr ist und die Sonne innerhalb der nächsten Stunde untergeht!“ – „Häh?!? Was hat das denn mit dem Sonnenuntergang zu tun??!“ fragte ich. „Erinnerst Du Dich nicht, was die Engel zu Lot sagten? Dass er vor Sonnenuntergang die Stadt verlassen müsse? Ich war gekommen, um Dich mitzunehmen, aber wenn Du nicht kommen willst, dann musst Du halt mit all den anderen Gottlosen untergehen!“ – „Das ist doch völliger Wahnsinn, was Du erzählst! Zum einen ist Bremen doch nicht Sodom und zum anderen bist Du kein Engel!“ – „Doch! Denn Engel bedeutet einfach nur Bote!“ – „Dann kannst Du Dir aber trotzdem noch Zeit lassen, denn die Engel mussten erst bei der Morgenröte die Stadt verlassen haben. Marcus, bitte halt doch mal kurz an, BITTE!“ – „Nein, Du kannst ja weiter reden, aber dann musst Du schon mit mir laufen!“ – Ich war schon völlig außer Atem, aber versuchte, ihn in seinem Wahn zu verstehen: „Lot sollte aber auf die Berge fliehen, aber hier sind weit und breit keine Berge!“ – „Doch. Da hinten in Mahndorf ist die Autobahn, und wenn man dort die Anhöhung hinaufgeht, dann ist das auch wie Berge!“

Hätte jemand dieses merkwürdige Gespräch mitgehört, dann hätte er uns wohl beide für verrückt gehalten. Ich rief mit letzter Puste: „Marcus, Du willst doch nicht die Autobahn entlang nach Asmushausen laufen! Das sind über 300 km, da brauchst Du zu Fuß über eine Woche! Außerdem ist das verboten auf der Autobahn zu gehen!“ – Ich hielt ihn am Arm, weil ich nicht mehr weiterlaufen konnte, aber er riss sich sofort wieder los. Ich rief ihm zu: „Wenn Du jetzt nicht stehenbleibst, dann rufe ich die Polizei!“ Er lief weiter und ich blieb stehen, um zu verschnaufen. Dann ging ich in eine Telefonzelle und rief die Polizei.

Etwa 5 Minuten später fuhr zufällig mein Bruder Patrick von der Arbeit nach Hause und sah meinen Bruder Marcus ihm entgegengehen. Er hielt an und sagte: „Hallo Marcus, was für ein Zufall! Soll ich Dich mitnehmen? Komm steig ein!“ Marcus zögerte einen Moment, dachte aber, dass es besser sei, wenn Patrick keinen Verdacht schöpft. Er stieg ein und sagte: „Du musst hier einmal drehen und kannst mich da hinten beim Ortausgang rauslassen, wo die Autobahnauffahrt ist“. Patrick fuhr jedoch weiter stadteinwärts und fragte: „Wieso, was willst Du denn dort? Ich fahr jetzt nach zu uns nach Hause und dachte, dass ich Dich dorthin mitnehmen soll.“ – „Dann halt sofort an, denn ich muss in die andere Richtung!“ – „Wieso, was willst Du denn dort?“ – „Kann ich Dir jetzt nicht erklären. Halt sofort an oder ich spring aus dem Auto!“ – „Hä? Was soll das, was willst Du denn?“ – Doch in dem Moment hatte Marcus sich abgeschnallt und die Beifahrertür aufgemacht, um zu springen, da hielt Patrick schnell den Wagen an. Marcus rannte raus ohne sich zu verabschieden, und Patrick rief ihm hinterher: „Bist Du jetzt völlig bescheuert? Was soll das??!“ Unterdessen war die Polizei zu mir gekommen und ich erklärte ihnen, dass mein Bruder verrückt sei und auf die Autobahn gelaufen wäre. Ich stieg hinten ins Polizeiauto ein, und wir fuhren bei Uphusen auf die Autobahn Richtung Bremer-Kreuz, doch nirgendwo war Marcus zu sehen. Dann fuhren wir am Bremer Kreuz in Richtung Hannover bis zur ersten Ausfahrt Achim, aber auch dort war Marcus nicht zu sehen. Weiter aber hätte er nicht kommen können, also fuhren wir wieder zurück. Ich konnte mir das nicht erklären und entschuldigte mich bei den Beamten für diesen falschen Alarm. Sie brachten mich wieder zurück nach Arbergen und ich fuhr nach Hause.

Gegen 17.30 Uhr ging dann bei der Polizei ein Notruf ein. Ein Autofahrer hatte meinen Bruder auf der Autobahn die Standspur entlanggehen sehen Richtung Hannover. Die Polizei hiel Marcus daraufhin an und baten ihn, ins Polizeiauto zu steigen, um seine Personalien aufzunehmen. Als sie schon wieder losgefahren waren, um mit ihm nach Bremen zurückzufahren, sprang Marcus während der Fahrt aus dem Polizeiauto und rannte davon. Die Polizei hielt sofort an, lief ihm hinterher und legte ihm Handschellen an. Nachdem sie auf der Wache den Vorfall protokolliert hatten, wurde mein Bruder durch Beschluss eines Amtsrichters entmündigt und in die Psychiatrie eingewiesen (im ZKH- Bremen-Ost), wo er auch 2 Jahre zuvor schon einmal war. Um 23.00 Uhr erhielt ich dann von der Polizei einen Anruf, wo mir über Marcus berichtet wurde. Am darauf folgenden Donnerstag, den 31.01.96 besuchten Ruth und ich meinen Bruder und unterhielten uns mit ihm auf seinem Zimmer. Nachdem wir zusammen gebetet hatten, sagte Marcus plötzlich: „Ich bitte Euch, dass ihr jetzt gehen solltet, denn ich spüre in diesem Moment wieder so ein starkes Angstgefühl in mir aufsteigen.“ In diesem Moment kamen zwei Krankenschwestern rein mit einem Bett und sagten, dass sie mal eben die Betten tauschen müssten. Wir gingen hinaus zum Fahrstuhl, aber sahen, wie Marcus im Schlafanzug auf den Flur ging und völlig in Gedanken versunken war. Doch noch bevor unser Fahrstehl kam, fiel Marcus plötzlich auf die Knie hob seine Hände empor und brüllte mit lauter Stimme: „OH GOTT; HILF MIR! HILF MIR, BITTE!“.

Ruth und ich waren völlig erstarrt vor Entsetzen. Mein armer Bruder! Was haben sie bloß mit ihm gemacht! Ich war jetzt völlig entschieden, Marcus vor jeden weiteren Kontakt mit Thomas zu schützen, damit Marcus sich nicht schon wieder das Leben nehmen würde. Ich schrieb Thomas, dass es möglich sei, dass aus ihm nicht der Geist Gottes, sondern der Geist des „Verklägers der Brüder“ spräche (Offb.12:10), indem er sich anmaße durch seine ständige Gesinnungskritik ein „Beurteiler der Gedanken und Gesinnungen des Herzens zu sein“, ein Attribut, das aber nur Gott zukäme (Hebr.4:12). Desweiteren hatte ich von Patrick erfahren, dass Thomas ihm in einem Telefonat mitgeteilt hatte, Marcus nicht länger bei sich aufnehmen zu wollen, da dies für ihn und seine Familie eine zu große Belastung sei. Daher fragte ich Thomas, wo Marcus denn seiner Meinung nach nun hingehen solle. In einem 10-seitigen Brief holte Thomas dann zum Gegenschlag aus und wies jede Verantwortung für Marcus zurück. Seine Wirrnis sei nur dadurch zu erklären, dass er entgegen dem Rat der Brüder nach Bremen gereist sei, denn sie hielten meine ganze Familie für einen reinen Sündenpfuhl. Als Beispiele zählte er sämtliche Vergehen meiner Eltern auf, von denen Marcus ihm berichtet hatte. Bei ihnen hingegen habe sich Marcus die ganze Zeit über geborgen und geliebt gefühlt, was er mit Zitaten aus dem Tagebuch von Marcus zu beweisen suchte. Er beschimpfte mich als „giftige, heuchlerische Schlange“ und drohte mir, als nächstes auch alle meine peinlichsten Sünden vor allen Brüdern zu veröffentlichen, damit jeder wisse, wer ich sei.

Der Untergang

Dieser Brief folgte dann ein paar Tage später. Er war so schlimm, dass ich total geschockt war und nur noch bitterlich weinen konnte. Er hatte doch tatsächlich einen „offenen Brief“ geschrieben, indem er ausführlich und der Reihe nach nicht nur die bisherigen Vorwürfe gegen mich auflistete, sondern darüber hinaus auch noch die peinlichsten Dinge über mich breit vor allen anderen aufführte,, von denen ich nicht ahnte, dass Marcus sie ihm erzählt haben könnte, damit alle auch die noch so intimsten Dinge über mich erfahren sollten. Ich war völlig erstarrt und wollte mich nur noch in die letzte Ecke verkriechen. Dieser Brief war so schlimm, dass ich ihn vernichten musste, damit niemand ihn je mehr lesen sollte. Und auch jedem, der ihn möglicherweise gelesen haben könnte, wollte ich von nun an nie mehr unter die Augen treten. Mir war völlig klar, dass ich mich jetzt vollkommen zurückziehen und verstecken musste. Thomas hatte mich getötet. Er hat mir den letzten Stich verpasst; von dieser Wunde würde ich nicht mehr genesen. Es war aus und vorbei. Der Simon Poppe war nun Geschichte. Gott selbst hatte mich durch den Thomas vernichtend geschlagen; Er hat mich gewogen und für zu leicht befunden. Ich weinte den ganzen Abend, so dass Ruth sich um mich sorgte, denn ich wollte mich nicht mehr trösten lassen. Dann verbrachte ich lange Zeit im Gebet und bat den HErrn, dass Er sich doch meiner erbarme. Ich war am absoluten Tiefpunkt angelangt und hatte keine Ahnung, wie es nun weiter gehen könne. Hatte Gott mich wirklich inzwischen endgültig verworfen? Aber wo bleibt dann Sein Erbarmen mit einem Sünder wie mir? Ich dachte an die Worte Hiobs: „Ich schreie zu Dir, und Du antwortest mir nicht; ich stehe da, und Du starrst mich an. In einen Grausamen verwandelst Du Dich mir, mit der Stärke Deiner Hand befeindest Du mich… Doch streckt man beim Sturze nicht die Hand aus, oder erhebt man bei seinem Untergang nicht darob ein Hilfsgeschrei? … Trauernd gehe ich einher ohne Sonne; ich stehe auf in der Versammlung und schreie“ (Hi.30:20-28).

Mitte Februar kamen die Brüder aus Asmushausen nach Bremen, um Marcus zu besuchen. Dieser war nach zwei Wochen wieder aus der Psychiatrie entlassen worden, hatte sich aber zuvor geweigert, ein Formular zu unterschreiben, dass ihn aufgrund seiner Wahn-bedingten, verminderten Schuldfähigkeit von all den Kosten (5.000,-DM) befreit hätte, die durch die Einweisung und den Aufenthalt in der Psychiatrie entstanden waren. Denn da Marcus aus Gewissensgründen kein Mitglied der Krankenkasse war (er wollte Abtreibungen nicht unterstützen), wollte er jetzt auch nicht, dass der Staat für die Kosten aufkommen solle, die er verursacht hatte, sondern bot an, diese selber in Raten abzustottern. Thomas und Ralf, teilten Marcus jedoch mit, dass es für sie unmöglich sei, ihn weiterhin in Asmushausen aufzunehmen, zumal die Dorfbewohner ohnehin schon mit Argusaugen auf die kleine Sekte blickten und sie sich deshalb kein weiteres Aufsehen mehr erlauben könnten. Marcus war darüber sehr traurig, sah es aber auch ein. Er wollte aber auf keinen Fall mehr zurück in sein altes Leben als Erzieher von schwer erziehbaren Jugendlichen, weil er sich für diese Aufgabe derzeit seelisch nicht stark genug fühlte. Deshalb versuchte er sich als selbständiger Hausmeister, der sich um die Reinigung von Treppenhäusern und um die Gärten von Wohnanlagen kümmerte.

Inzwischen erhielt ich Post vom Arbeitsgericht. Der Termin zur Verhandlung war kurzfristig einberaumt worden, da akute Fluchtgefahr bestand. Doch Tönsing erschien zum Gütetermin und verteidigte sich mit einem überraschenden Kampfgeist. Er warf uns vor, wir hätten ihn alle betrogen, indem wir die Stundenzettel wahrheitswidrig und willkürlich ausgefüllt hätten, so dass er kein Vertrauen mehr hatte und bis zur endgültigen Klärung die Löhne zurückgehalten habe. Selbstverständlich wolle er unsere Löhne alle zahlen, aber nicht in der von uns geforderten Höhe. Die meisten von uns hatten Forderungen von im Schnitt 6.000,-DM. Tönsing bot uns indes an, die Hälfte zu zahlen, womit wir natürlich absolut nicht einverstanden waren. Der Arbeitsrichter machte nun den Vorschlag, ob man sich denn nicht auf pauschal 5.000,- DM einig werden könne. Für Tönsing war dies indes viel zu viel, und er schlug 4.000,- DM für jeden vor. Nun war eigentlich eine Einigung bei 4.500,-DM das Naheliegenste, und wir waren auch damit einverstanden. Aber Tönsing wollte weiter feilschen, und so einigten wir uns schließlich auf 4.250,- DM. Ich war nur froh, dass auch dieser Alptraum endlich zu Ende war und wir nun endlich Geld bekämen. Als wir die Treppen vom Gericht runter gingen, sprach meine Frau Herrn Tönsing darauf an, dass auch sie noch 300,-DM für ihren Putzdienst zu bekommen habe. „Ach, Sie haben bisher kein Geld erhalten? Das tut mir wirklich leid. Ich werde das prüfen und mich darum kümmern. Wie geht es übrigens ihrem Baby? Ist das Kind wohl auf?“ – „Ja,“ antwortete meine Frau, „aber das Kind braucht etwas zu essen.

Nachdem in den Wochen danach immer noch kein Geld kam, ließ ich mir einen sog. „vollstreckbaren Titel“ ausfertigen und beantragte die Vollstreckung. Als der Gerichtsvollzieher Wochen später an der Tür von Herrn Tönsing klingelte, war dieser auf Nimmerwiedersehen nach Portugal ausgewandert. Der ganze Streit vor Gericht war also nur eine Hinhaltetaktik gewesen, um den Eindruck zu erwecken, dass er noch zahlen würde. Er hatte uns also alle an der Nase herumgeführt. Die Schulden bei meinem Vater waren inzwischen auf 3000,- DM angewachsen, und ich bat meinen Vater um weiteren Aufschub, bis ich Geld vom Sozialamt bekommen würde.

Ein Lichtblick am Horizont

An einem Morgen saßen wir zusammen am Frühstückstisch mit meinem Vater und überlegten, wie es weitergehen könnte. Ruth wollte gerne im April mit unserer Tochter nach Peru reisen, um ihr Studium zu beenden und ihren Doktortitel zu machen, denn sonst wäre alles umsonst gewesen. Mein Vater fragte mich damals: „Simon, was hältst Du davon, wenn Du Dich selbstständig machst? Da würdest Du doch deutlich mehr verdienen!“ – „Ich hatte das schon versucht, aber ohne Meistertitel bekommt man schnell Ärger wegen Schwarzarbeit. Das bin ich inzwischen leid.“ – "Warum machst Du dann nicht einfach Deinen Meistertitel? Du bist doch intelligent genug und könntest das schaffen.“ – „Ja, Papa, aber das kostet locker bis zu 17.000,- DM mit Kurs- und Prüfungsgebühren und, und woher sollte ich das Geld nehmen?“ – „Aber gibt es nicht auch die Möglichkeit, Meister-BaFöG zu beantragen?“ – „Ja, aber das würde längst nicht alle Kosten abdecken. Wovon sollten wir denn leben, wenn ich ein Jahr lang nur zur Schule gehen würde?“ – „Also, Simon, wenn Du das machen würdest, dann würde ich Dir das Geld zur Verfügung stellen. Das würde ich auf jeden Fall machen, denn es wäre mir eine große Ehre, wenn Du später mal Deinen eigenen Handwerksbetrieb hättest!“ – „Aber es gibt noch ein Problem, Papa: Ich habe noch immer keinen Führerschein. Wie sollte ich mich denn selbstständig machen ohne Fahrerlaubnis? Aber auch dafür habe ich kein Geld.“ – „Mach Dir keine Sorgen, Simon! Auch den Führerschein bezahle ich Dir!“ Ich war total gerührt von so viel Liebe von meinem Vater. Nach all den schlechten Nachrichten war dies mal endlich wieder ein Lichtblick am Horizont.

Unterdessen hatte ich mich bei einigen Malerbetrieben in Bremen beworben, und die Firma Horr war bereit, mich zu nehmen. Als ich Herrn Horr von Herrn Tönsing berichtete, erklärte er mir, dass dieser bis vor einem Jahr als Freigänger in seiner Firma gearbeitet hatte. Er hatte nämlich wegen diverser Betrügereien als Veranstalter von sog Kaffeefahrten eine Haftstrafe absitzen müssen. Schon während dieser Zeit als Freigänger habe Tönsing bei der Arbeit immer wieder Telefonate mit zukünftigen Kunden geführt, weil er seine Selbstständigkeit plante. Für die Zeit bis zu meinem ersten Gehalt hatte mir das Sozialamt etwa 1000,-DM zur Überbrückung gegeben. Eine Schwester aus unserem Hauskreis gab uns ebenso eine Spende für Oma Lucila, damit sie wieder zurück nach Peru fliegen konnte in Begleitung von Ruth und Rebekka. Mit dem Geld meines Vaters konnte Ruth auch ein Flugticket für den 01.04.96 kaufen. Wir vereinbarten, dass ich ihr von meinem Gehalt regelmäßig Geld schicke und dann Anfang Oktober selber auch nach Peru und Ecuador reisen würde, um bei der Einarbeitung eines potenziellen Nachfolgers für die Kinderheimleitung behilflich zu sein und um Ruth bei ihrer Doktorarbeit zu unterstützen. Wie sich zeigte, sollte ich die lange Zeit der Trennung auch nicht ganz alleine verbringen, denn mein kolumbianischer Freund Pepe Gomez (44) hatte sich gemeldet und uns mitgeteilt, dass sein Sohn John-Jairo (20) Ende Juni nach Bremen kommen würde, um dann 3 Monate bei uns zu wohnen. Doch um dem John-Jairo geistlich stärken zu können, musste ich erst einmal selber wieder einen stabilen Boden unter den Füßen haben, was den Glauben anging.

Bernd hatte mir empfohlen, mir mal in Bremen eine biblische Gemeinde zu suchen, zumal ich nach Ruths Abreise dringend mehr Gemeinschaft mit anderen Christen benötigte. Es gab zwar noch immer die Bibelstunden bei Schwester Brigitta, aber da ich dort der einzige Lehrende war, hatte ich dort niemanden, der mich belehrte. Der Hauskreis in Blumenthal bei Edgard und Hedi, in dem ich aufgewachsen war, hatte sich vor einiger Zeit aufgelöst, und die Geschwister gingen jetzt alle in die Exklusive Brüdergemeinde im Lehrer-Lämpel-Weg. Ich war dort auch schon einige Male hingegangen, aber mir gefiel die Athosphäre dort nicht. Zwischen jedem Gebet, Gesang oder geistlicher Ansprache machten die Brüder dort immer eine 3 bis 5 Minuten lange Kunstpause, in welcher der Heilige Geist den einen oder anderen Bruder dann spontan zu einem Gebet, einen Gesangsvorschlag oder einer Predigt berufen sollte. Denn sich vorzubereiten auf eine Predigt oder sich untereinander abzustimmen, war bei den Brüdern nicht erlaubt, weil man dadurch "den Geist dämpfen" würde. So war es zumindest in der Theorie, aber praktisch hatte man eher den Eindruck, dass sie sich sehr wohl etwas vorbereitet hatten und es unter vorgehaltener Hand auch Absprachen gegeben haben muss. Was mich auch störte, war der "Mief" im Gottesdienst, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Da der Gottesdienst in einer umgebauten Turnhalle stattfand, waren nur ganz oben ein paar schmale Belüftungsfenster. Aber selbst wenn diese alle auf Kipp standen, war die Luft bei so vielen Personen schnell verbraucht, was aber scheinbar niemanden außer mir störte. Ich überlegte daher, lieber zur sog. "Missionsgemeinde Bremen" zurückzukehren, wo ich mich 1984 bekehrt hatte. Diese hatte mich zwar drei Jahre zuvor noch buchstäblich hinausgeworfen vor Beginn eines Gottesdienstes, weil ich zuvor ihre Exorzismuspraxis öffentlich kritisiert hatte, aber ich konnte sie ja um Vergebung bitten, und dann müssten sie mich wieder aufnehmen. Allerdings musste ich dann mal mit Brigitta sprechen, ob wir unsere sonntäglichen Bibelstunden dann nicht lieber auf den Abend verschieben können, um zu dieser Gemeinde zu gehen. Ich schrieb also am 11.03.96 einen Brief an den Gemeindeleiter Udo Slopianka und bat ihn um Vergebung und um Aufnahme in seine Gemeinde. Er rief mich daraufhin an und lud mich herzlich ein, wiederzukommen.

Erste Zweifel

Für ihre Doktorarbeit über Kokzidien (Parasiten) in Greifvögeln benötigte Ruth noch jede Menge Kopien aus Fachliteratur, und da das Internet 1996 noch in den Kinderschuhen steckte, mussten wir öfters zur Universitätsbibliothek Bremen, wo Ruth sich aus den entsprechenden Fachbüchern die nötigen Informationen zusammenkopieren konnte. Ich begleitete sie mit Rebekka, und um die Zeit ihrer Recherche zu überbrücken, ging ich zum Bereich der „Religion“, um mal zu stöbern, was es so an Literatur gab. Dabei stieß ich auf ein kleines Taschenbuch mit dem Titel: „Naive Frömmigkeit der Gegenwart. Eine kritische Untersuchung d. Schriften Werner Heukelbachs“. Ich dachte: „Na sowas, den Werner Heukelbach kenn ich doch durch seinen Traktatversand! Das würde mich ja mal interessieren, was die an ihm zu kritisieren haben!“ Ich lieh mir das Buch aus und begann, es zu lesen. Es war eine Dissertation (Doktorarbeit). Auf den ersten Seiten gab der Autor einen Überblick über die wesentlichen Thesen Heukelbachs, die im Prinzip dem Evangelium entsprachen, um dann zu untersuchen, inwiefern sie eigentlich haltbar sind in Bezug auf die empirische Beobachtung. Am Beispiel der in der von Heukelbach beschriebenen Auswirkungen der Wiedergeburt aus Wasser und Geist, verglich er die Phänomene von Erneuerung und Begeisterung mit den Empfindungen, die ein Mensch hat, der sich z.B. vom Buddhismus zum Kommunismus bekehrt oder anders herum. Immer ginge solchen Bekehrungen eine tiefe Sinnkrise voraus, eine schwere Depression oder eine ausweglose Lebenslage. Die Verheißung, einen Neuanfang erleben zu dürfen, lösen dann ganz zwangsläufig bei einem Menschen Glückshormone aus, so dass sich diese tiefgreifende Erneuerung auch auf ganz natürliche Weise erklären lasse. Ähnlich verhalte es sich außerdem bei ersehnten Ereignissen, die man gerne als „Wunder“ bezeichnet, obgleich sie sich noch völlig im Rahmen der Wahrscheinlichkeit zugetragen haben. In jedem Fall sei immer wieder der Wunsch der Vater des Gedankens.

An dieser Stelle hatte ich keine Lust mehr, weiterzulesen, denn die Argumente ärgerten mich. Wie konnte dieser Schwätzer sich anmaßen, mein Bekehrungserlebnis mit irgendwelchen säkularen oder heidnischen „Bekehrungen“ zu vergleichen, wenn er das meinige doch gar nicht kennt und auch nicht kennen kann? Aber war es nicht andersherum genauso? Woher konnte ich denn sicher sein, dass mein Umdenken ein unvergleichbar höheres Niveau hat als sein Umdenken? Sind denn Empfindungen nicht immer subjektiver Art? Wenn man aber persönliche Gotteserfahrungen des anderen gar nicht kennen kann, dann kann man auch nicht beurteilen, ob sie richtig oder falsch sind, sondern man muss darüber schweigen. Allerdings sagt die Bibel, dass die Ungläubigen Menschen „verfinstert sind am Verstande, entfremdet dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verstockung ihres Herzens“ (Eph.4:18). Von daher darf man ein Kind Gottes nie vergleichen mit einem Ungläubigen. Mögen vielleicht manche Erfahrungen der Ungläubigen ähnlich sein wie bei Gläubigen, so war doch etwas Entscheidendes anders, nämlich der Glaube. Und das es anders war, musste ich glauben. Ich sollte auch weiterhin „aus Glauben glauben“ (Röm.1:17). Aber der Zweifel begann in mir zu nagen, denn Theorie und Wirklichkeit stimmten immer weniger miteinander überein.

Ich schrieb in mein Tagebuch: „Ich habe diese Nacht geträumt, dass ich im Bus sitze, aber keinen Fahrschein besaß. Doch nahm ich an, unbemerkt zu bleiben. Als ich mich  jedoch umdrehte, sah ich den Kontrolleur... – Ich wollte aussteigen, aber die Tür schloss sich vor mir, und der Kontrolleur wollte meinen Fahrausweis sehen.“ Als ich erwachte, erinnerte mich diese Begebenheit an das Hochzeitsmahl im Himmel, wo es ebenso einen Gast gab, der kein Hochzeitskleid anhatte und deshalb hinausgeworfen wurde in die äußerste Finsternis (Mt. 22:11-13). Konnte das nicht auch auf mich zutreffen? War ich nicht inzwischen selber ein „Schwarzfahrer“ im Christentum geworden, der gar keine Berechtigung mehr hatte, um weiterhin unter den Heiligen mitzumischen, da ich ohne Geistesleitung mich nicht mehr als Kind Gottes betrachten konnte (Röm.8:14)? In einem anderen Traum hatte ich mir vorgestellt, dass ich gestorben sei. Irgendwie war mir dieses Gefühl wohlig und angenehm. Ich stellte mir vor, wie alle um mich herum trauern würden. Ich fragte mich im Halbschlaf: Muss man erst tot sein, um Mitleid zu empfangen? Ich hatte mich aber ganz bewusst nur als tot verstellt, weil ich selbst den Zeitpunkt wählen wollte, wann ich mich den anderen als lebend zu erkennen geben wollte. Ihre Verwunderung und Verständnislosigkeit machte mir nichts aus. Ich wollte wissen, warum sie jetzt erst um mich getrauert hätten und nicht schon vorher als ich vermeintlich noch am Leben war. Aber ging es den anderen nicht vielleicht genauso wie mir? Hatten wir nicht alle eine Sehnsucht nach der Liebe Gottes und der geschwisterlichen Zuwendung? Mir schien, dass das ganze Leben der Menschen an und für sich nichts weiter als ein Warten war auf ein besseres Leben. Nur dass die meisten dies nicht zugeben wollten, weil man ihre Sehnsucht als Schwäche deuten würde.

April – Juni 1996

Meine Angst, zu versagen

Am 01.04. war es dann schließlich soweit, dass ich mich von meiner Frau Ruth, von meiner Schwiegermutter Lucila und von meiner 6 Monate alten Tochter Rebekka verabschieden musste, da Ruth wegen ihres Tiermedizinstudiums und ihrer Doktorarbeit für ein halbes Jahr wieder nach Peru musste. Wir waren so verblieben, dass ich dann Anfang Oktober ebenso kommen würde, um sie für zwei Monate dort zu unterstützen. Als ich an jenem Montag früh um 5.30 Uhr den Bremer Flughafen verließ, um zur Arbeit zu fahren, hatte ich noch keine Ahnung, was alles noch in jenem Sommer passieren würde und sich mein Leben von nun an vollkommen verändern würde…

In der neuen Firma wurde ich einem jungen Meister namens Carsten zugeordnet, der eine kleine Truppe unter sich hatte. Mich wunderte, wie akribisch genau der Materialbedarf für jeden einzelnen Auftrag ermittelt wurde und ich fragte einen Kollegen nach dem Grund. Er sagte mir, dass der Chef ein echter Kontrollfreak sei, der seinen Mitarbeitern grundsätzlich immer misstraue, angefangen von der Einhaltung der Arbeitsleistung bis hin zum Materialverbrauch. Das störe alle so sehr, dass sie auch ihrerseits sich bewusst Freiheiten herausnehmen, indem sie z.B. regelmäßig Dinge mitgehen lassen würden. Nicht dass sie es nötig hätten, aber es bereite ihnen einfach eine gewisse Genugtuung und ein Erfolgserlebnis, zu sehen, dass der Chef mit seinem notorischen Misstrauen nichts erreichen würde. Es dauerte nicht lange, da bekam ich diesen Kontrollzwang auch selber zu spüren. Als ich an einem Morgen um 8.00 Uhr dabei war, Farbe anzumischen, kam der Chef auf die Baustelle, begrüßte mich, und fragte: „Herr Poppe, Sie sind seit 7.00 Uhr auf der Baustelle, aber rühren jetzt erst den Farbton an. Was haben Sie denn seit 7.00 Uhr gemacht?“ – „Ich habe abgeklebt und überall mit Acryl ausgefugt.“ – „Wo genau?“ – „z.B. überall in den Fensterleibungen“. – Er ging still durch die Räume und rief mich dann von weitem: „Zeigen Sie mir doch mal bitte, wo!“ Ich ging herzklopfend mit ihm in einen der Räume des leeren Bürotraktes und zeigte auf eines der Fenster. Er fasste mit seinem Finger in die Ecke und vergewisserte sich, dass das Acryl noch frisch war, um mich zu testen. Als er dann wieder wegfuhr, nahm ich mir vor, meinen zukünftigen Mitarbeitern nicht solche Schikanen zuzumuten.

Doch obwohl ich mir alle Mühe gab, so korrekt und fleißig wie´s nur irgend möglich war, zu sein, hatte ich doch immer ein Problem mit der Pünktlichkeit. Denn um pünktlich um 7.00 Uhr in der Firma zu sein, musste ich schon um kurz nach 6.00 Uhr aus dem Haus, weil die Firma weit weg war und ich zweimal umsteigen musste. Doch hatte ich jetzt wo Ruth weg war niemanden mehr an meiner Seite, der mich zur Not weckte, wenn ich nach dem Ausschalten des Weckers wieder eingenickt war. Dadurch passierte es, dass ich mich manchmal ganz schnell beeilen musste, um noch meinen Bus zu kriegen. Hatte ich diesen aber dann verpasst und musste den nächsten nehmen, kam ich manchmal erst um 7.30 Uhr an, was für meine Kolonne sehr ärgerlich war, denn alle mussten dann extra 5-10 Min auf mich warten. Nachdem ich innerhalb von 2 Wochen schon das 3. Mal verspätet kam, drohte mir Carsten: „Wenn du in den nächsten 3 Monaten nur noch einmal zu spät kommst, bist du gefeuert!“ Ich versprach, dass es nie wieder vorkommen werde; doch schon kurze Zeit später, wachte ich morgens erst um 6.45 Uhr auf! Ich hatte keine Chance mehr, pünktlich zu kommen. Aber zu behaupten, ich sei krank, traute ich mich nicht, denn ich war immer schon ein schlechter Lügner, und der Arzt würde das merken. Was konnte ich also tun? Ich lief aufgeregt in der Wohnung umher und überlegte. Doch dann hatte ich eine Idee. Wenn ich nicht lügen durfte, dann musste ich die Ursache für meine Arbeitsunfähigkeit eben selber herbeiführen, um dann de Wahrheit sagen zu können! So fuhr ich mit meinem Fahrrad an die nahe gelegene Uferpromenade, wo ein Schotterweg war. Ich stieg mit meiner kurzen Hose auf eine Sitzbank und ließ mich von dort mit dem Knie auf den Boden fallen, so dass mein Knie blutete. Dann rief ich in der Firma an und sagte, dass ich gestürzt sei und mich am Knie verletzt habe, weshalb ich nicht zur Arbeit kommen könne. Dann verband ich mein Knie und ging damit zum Arzt. Während dieser meinen Verband abwickelte, um sich die Wunde anzusehen, fragte er mich: „Wie ist das denn passiert?“ – „Ich bin gestern Abend mit dem Fahrrad gestürzt…“ Als er dann die Wunde sah, sagte er: „Na sowas, die blutet ja noch ganz frisch! Und das soll schon gestern Abend passiert sein?“ Da wurde ich rot.

Mein Grübeln

Die Tage vergingen, und während ich mich tagsüber noch gut zerstreuen konnte durch die Arbeit, fiel mir die Einsamkeit nach Feierabend doch zunehmend schwer. Wie ungewohnt war es, abends ins Bett zu gehen, ohne dass ich jemandem "Gute Nacht" sagen konnte! Um die Stille in der Wohnung zu überwinden, hörte ich viel Radio und auch immer mehr Musik, die ich mir aus der Stadtbibliothek besorgt hatte. Einige Zeit zuvor, wurde gerade der CD-Player erfunden, und auch ich hatte mir solch einen zugelegt, weil die Musik künftig nur noch auf CDs verkauft und verliehen wurde (die gute alte Langspielplatte hatte ausgedient, und die Kassetten wollte auch keiner mehr hören, wegen dem häufigen Bandsalat, den man dann mühselig mit dem Bleistift wieder beheben musste). Mein geistlicher Eifer, den ich früher noch hatte, war inzwischen völlig erloschen. Ich las auch immer weniger in der Bibel und betete nur noch, wenn es mir schlecht ging. Ich hatte auch keine Lust mehr, Briefe zu schreiben oder biblische Abhandlungen, und auch mein missionarischer Eifer war längst vorbei. Auf der Arbeit unterhielt ich mich einmal mit einem Kollegen über Gott und die Bibel. Er sagte: "Ich habe mich ehrlich gesagt bisher nicht mit diesem Thema befasst. Meine Eltern haben mir auch nie etwas von Gott erzählt und von der Bibel weiß ich eigentlich kaum etwas." - Früher wäre dies für mich eine Steilvorlage gewesen, um ihm mal ausführlich das Evangelium zu erklären, aber auf einmal fühlte ich mich innerlich so schlapp, dass ich keine Kraft hatte, ihm nun eine hilfreiche Antwort zu geben, warum er Gott suchen sollte. Einerseits sagte ich mir: Wenn Gott will, dass Er errettet wird, dann braucht mich Gott nicht unbedingt. Und wenn er nicht errettet werden soll, dann nützen auch all meine Überredungsversuche nichts. Andererseits fragte ich mich: Warum wollte Gott ihn einfach verloren gehen lassen, wo es doch gar nicht seine Schuld war, dass seine Eltern ihn nie vom Glauben an Gott erzählt haben? War er etwa ein schlechterer Mensch als ich? Es war doch schließlich auch nicht mein Verdienst, dass ich errettet wurde, sondern allein Gottes Gnade. Aber warum ist Gott denn nicht auch ihm gnädig? Ich war ja wirklich keinen Deut besser, außer dass ich eben den Glauben hatte, der mir aber doch auch von Gott geschenkt wurde. Warum aber verlangte Gott überhaupt den Glauben zur Errettung, wenn Er diesen nicht auch allen Menschen gab? Oder gab es vielleicht noch eine weitere Bedingung, die ich erfüllt hatte und er nicht? War es vielleicht doch nicht der Glaube allein, der den Unterschied machte?

So grübelte ich tagelang auf der Arbeit vor mich hin, um eine Auflösung für all diese Widersprüche zu finden. Warum eine ewig währende Höllenstrafe für Sünden, die die Menschen während einer begrenzten Zeit getan hatten? Warum will der HErr Seinen Feinden irgendwann nicht mehr vergeben, wenn Er doch auch von uns Feindesliebe erwartet und wir sogar 70 x 7 mal vergeben sollen? Wieso hat der HErr uns nicht vollkommen geschaffen, dass wir gar nicht mehr in der Lage sind, zu sündigen? Warum hat Gott in Seiner Allwissenheit den Sündenfall nicht einfach verhindert? Immer wenn ich dachte, dass ich jetzt endlich eine plausible Erklärung hätte, fiel mir später irgendeine Bibelstelle ein, die mein ganzes gedankliches Kartenhaus wieder zum Einstürzen brachte. Einfach wäre es gewesen, wenn man bestimmte Bibelstellen hätte relativieren oder umdeuten können, damit das Puzzle endlich passt und ein Ganzes ergibt. Wenn ich aber irgendeine Aussage der Bibel in Frage stellen würde, müsste ich die ganze Bibel in Frage stellen, und das durfte/wollte ich nicht. Denn was hatte ich dann noch? Während ich beim Streichen so überlegte, hörte ich die ganze Zeit meine südamerikanische Folkloremusik über meinen Walkman. Besonders gerne hörte ich die peruanischen Criollalieder, die ecuatorianischen Pasillo-Balladen oder die cubanische "musica trova", denn diese romantische Musik drückte genau meine schwermütigen Gefühle aus. Die Musik half mir, einen klaren Kopf zu behalten und besänftigte meinen inneren Schmerz.

Was mich auch fast zur Verzweiflung brachte, war der Umstand, dass sich die Verheißung aus 2.Kor.5:17 einer vollkommenen Lebensveränderung nur in der ersten Zeit meines Glaubens bewahrheitet hatte, aber ich schon seit langer Zeit wieder rückfällig geworden war und im Grunde so lebte wie jeder andere Mensch. Dabei stellte Johannes doch fest, dass "jeder der aus Gott geboren ist, nicht mehr sündigt", und dass "jeder, der sündigt, aus dem Teufel ist" (1.Joh.3:8-9). Gibt es aber überhaupt irgendeinen Christen, der von sich ehrlich sagen kann, dass er nicht mehr sündigt? Wenn ja, dann war ich bisher nie wirklich wiedergeboren; und wenn Nein, dann stimmte diese Verheißung einfach nicht oder sie war maßlos übertrieben. Mir ging es aber eher so wie Paulus, der schrieb: "Nicht was ich will, das tue ich, sondern was ich nicht will, das tue ich... Ich elender Mensch, wer wird mich retten aus diesem Leibe des Todes?" (Röm.7:15+24). Leben ohne Sünde war für mich nur noch graue Theorie. Es fing ja schon an mit den sexuellen Sünden. Ich schaffte es kaum, länger als eine Woche ohne Selbstbefriedigung auszukommen. Früher hatte ich es bis zu vier oder fünf Wochen ausgehalten, aber jetzt wo Ruth weg war, war die Onanie die einzige Möglichkeit, um die Sehnsucht und den hormonellen Druck loszuwerden. Die Unreinigkeit gehörte aber zu den "Werken des Fleisches", von denen das Wort Gottes sagt: "...die solches tun, werden das Reich Gottes nicht ererben" (Gal.5:19+21). Entweder war ich also verloren oder aber die Bibel irrte sich. Beides war für mich gleichermaßen eine schreckliche Vorstellung. Es musste doch irgendeinen Ausweg geben aus diesem Dilemma! Irgendwas musste jetzt passieren, dass mir aus dieser unerträglichen Belastung heraushalf und mir eine neue Perspektive gab!

Während ich so mir den Kopf zerbrach und der Verzweiflung nahe war, kam ein Lied von der argentinischen Sängerin Mercedes Sosa (1935-2009) mit dem Titel "Todo cambia" ("Alles verändert sich"). Das Lied berührte mich aufs Tiefste, sodass ich es immer wieder hintereinander hörte, sowohl die Melodie als auch der Text. Ihre liebevolle und mütterliche Stimme und auch ihre tröstenden Worte kamen mir so vor, als ob meine eigene Mutter mich in den Arm nehmen und mir Trost zusprechen würde, indem sie meinen Blick weitete und mir den Mut gab, mein Herz zu öffnen. Ich gebe hier mal im Folgenden eine Übersetzung des Textes:

"Es ändert sich das Oberflächliche genauso wie das Tiefgründige, auch das Denken ändert sich, so wie sich auch alles in der Welt verändert. Es wandelt sich das Klima mit den Jahren, und der Hirte wechselt seine Herde. Und so wie alles sich ändert, ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich ändere.

Refrain: Es verändert sich, alles verändert sich. Es verändert sich, alles verändert sich

Es verändert selbst der feinste Edelstein seinen Glanz, von Hand zu Hand. Es wechselt das Vöglein sein Nest, so wie ein Geliebter seine Gefühle ändert. Der Wanderer ändert seinen Kurs, auch wenn es ihm am Ende schadet, Und so wie alles sich ändert, ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich ändere.

Es ändert sich, alles verändert sich...

Die Sonne verändert ihren Stand, während die Nacht fortbesteht. Die Pflanze wechselt ihr Kleid, trägt frisches Grün im Frühling Wie das Wildtier sein Fell wechselt, verändert sich das Haar des Greises, Und so wie alles sich ändert, ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich ändere.

Es ändert sich, alles verändert sich...

Was sich nicht ändert ist meine Liebe, wie fern ich auch immer mich befinde, Und auch nicht die Erinnerung und der Schmerz meines Volkes und meiner Leute. Was sich gestern erst verändert hat, wird sich auch morgen wieder ändern müssen, So wie ich mich verändere in diesem fernen Land.

Es ändert sich, alles verändert sich..."

Durfte ich auch meinen Glauben ändern? Was würde dann passieren? Würde ich dann nicht jeden Halt verlieren? Aber was, wenn ich dann aufgefangen werde? Aber was, wenn nicht? Konnte ich dieses Risiko eingehen? Vielleicht hätte ich bald keine andere Wahl mehr. Aber solange es noch ging, wollte ich erst mal weiter am Bisherigen festhalten. Vielleicht würde der HErr demnächst endlich den ersehnten Ausweg bereit halten. Ich wollte weiter auf Seine Hilfe warten. Ich dachte: Vielleicht sollte ich mich mal vertrauensvoll an den Prediger der Missionsgemeinde wenden, um ein seelsorgerliches Gespräch zu erbitten? Bisher hatten mir die Predigten kaum geholfen in meiner notvollen Lage, und ich überlegte schon, ob ich überhaupt noch dort hingehen sollte. Also schrieb ich am 12.05.96 einen Brief an Udo Slopianka, und bekannte ihm mein Dilemma. Ich bekannte ihm auch, dass ich mit vielen seiner Lehren zwar nicht einverstanden war, aber dass es mir derzeit vielmehr um mein eigenes Seelenheil ging. Das konnte ihm als Hirten doch nicht egal sein!

Mein letztes Aufbegehren

Am darauffolgenden Sonntag ging Udo nach dem Gottesdienst auf mich zu und lud mich zu einer kurzen Unterredung ein. Wir gingen in einen Abstellraum, aber statt zu beten, fing er sofort an, mir eine Mitteilung zu machen, die ihm auf dem Herzen lag: "Hör mal, Simon, ich verstehe Dich sehr gut, viel besser als Du Dir vorstellen kannst. Und ich kann Dir versichern, dass Du nicht verloren gehen wirst. Was Du gerade durchmachst, das hat schon jeder von uns erlebt; das sind ganz normale Anfechtungen vom Feind. Aber hättest Du mir jetzt nicht geschrieben, wäre ich ohnehin auf Dich zugegangen, denn es gibt da etwas, was ich ohnehin mal mit Dir besprechen wollte..." - Ich sagte: "Tatsächlich? Dann erzähl mal!" - "Weißt Du, Simon, Du bist ein hochbegabter junger Bruder, und eigentlich freue ich mich, Dich hier in unserer Gemeinde zu haben. Du wärest an sich auch gut geeignet für den Verkündigungsdienst, aber es gibt da ein riesiges Problem..." - "Du meinst die Lehrunterschiede?" - "Nein, die vielleicht auch, aber das ist nicht das entscheidendste Problem!" - "Ok. Und was ist es dann?" - "Weißt Du, Simon, wenn ich mit meiner Frau zusammen für Dich bete, dann bete ich nicht nur FÜR Dich, sondern ich bete auch GEGEN Dich!" Noch bevor ich ihn fragen konnte, setzte er gleich fort: "Ja, Simon, denn DU bist VOLL VON DÄMONEN, Du bist geradezu WAHNSINNIG BESESSEN ohne dass es Dir vielleicht bewusst ist!" Ich grinste verlegen. Er sagte: "Ja, grins nur! denn sogar an Deinem Grinsen sehe ich das Grinsen der alten Schlange! und auch wie Du beim Reden Deine Zunge bewegst! Mir machst Du da nichts vor. Du hast Dir irgendwo ein paar Dämonen eingefangen und brauchst dringend Befreiung. Du weißt ja, dass wir auch einen Befreiungsdienst praktizieren, weil der HErr das so geboten hat. Wenn Du also frei werden willst, dann lade ich Dich herzlich dazu ein! Diese Dämonen haben Dich auch zu all diesen Irrlehren verführt, von wegen, ein Kind Gottes könne noch verloren gehen!" Ich erklärte ihm, dass ich nicht an die Möglichkeit von Besessenheit bei Gläubigen glaube. Er aber wollte von mir keine Begründung hören, sondern riet mir, dass ich erst mal weiter in die Gemeinde gehen solle, dann würde Gott mir schon Buße und die Erkenntnis Seines Wortes und Willens schenken.

Am folgenden Samstag besuchte mich mein Freund Joachim Pehlke (29), der inzwischen schon ein Jahr verheiratet war. Er lud mich ein, mit ihm zusammen zum Spanischbibelkreis zu gehen, wo ich schon eine ganze Weile nicht mehr war. Die Predigt fand ich sehr schlimm, denn der Prediger lehrte aus meiner Sicht unbiblisch, so dass er der Gesetzlosigkeit Tür und Tor öffnete. Doch dann gab eine junge Schwester ein Zeugnis, was sie mit dem HErrn erlebt hatte, seit sie gläubig wurde, ein wunderbares Zeugnis! Danach erschien es, als würde der Prediger dieses Zeugnis gleich wieder zunichtemachen, indem er sie vor den "Gesetzeslehrern“ warnte, die sie einschüchtern könnten, indem sie ihr ein schlechtes Gewissen machten. Darauf erhob ich spontan meine Stimme und beklagte die heutige Treulosigkeit des Volkes Gottes, wobei ich mich selbst mit einschloss. Meine Stimme bebte und ich zitterte, doch die Worte sprudelten nur so aus mir heraus. Sie waren scharf und schneidend, es war eine Rede gegen mich selbst gerichtet. Danach waren alle sehr betroffen, es war eine bedrückende Stimmung im Raum, die jedoch bald wieder verflog. Doch in mir gehrte es weiter. Ich versuchte, die Tränen zu unterdrücken, musste aber dann doch rausgehen, um meinem Kummer Luft zu machen. Mir wurde die ganze Machte des Feindes in meinem Leben bewusst und meine ganze Schuldigkeit und Verlorenheit. Ich begann, mich zu verabscheuen und den HErrn wieder ganz neu und inbrünstig zu lieben. Ich beschloss, den Kampf gegen die Sünde in aller Härte wieder ganz neu aufzunehmen und mich gegen die Vorherrschaft des Teufels in meinem Leben aufzulehnen. Ich wollte endlich frei werden und mich nicht mehr vom Widersacher einschüchtern lassen. Als ich abends nach Haus kam, räumte ich erst mal in meiner Wohnung auf. Alle meine Musikkassetten und Bücher wollte ich wegschmeißen und meine Wohnung wieder als Gebetsstätte heiligen. Doch noch am selben Abend erlag ich einer Versuchung, indem meine gläubige Nachbarin Elke, die unter mir im Haus wohnte, zu mir hoch kam und mich einlud, zusammen einen Film im Fernsehen zu sehen. Elke war aufgrund traumatischer Kindheitserlebnisse und damit verbundener psychischer Probleme in Frührente und lebte alleine. Da sie mir leid tat, willigte ich ein, ihr Gesellschaft zu leisten. Als ich spät am Abend wieder nach oben ging, war mir sehr elend und ich weinte bitterlich, weil ich dem Feind wieder auf den Leim gegangen war. Doch wollte ich mich nicht wieder einschüchtern lassen und bat Gott um Vergebung, wobei ich auch wirklich glaubte, dass Er mir vergab und mir nichts nachtrug.

So verging eine Woche in der ich in Treue und Hingegebenheit zu Gott lebte und freute mich über den Sieg in meinem Leben. Auch berichtete ich Ruth in einem Brief, dass ich wieder zur ersten Liebe zurückgekehrt sei. Doch dann fiel ich wieder in Sünde (Selbstbefriedigung) und meine alten Zweifel kamen mir wieder, weil ich vieles erlebte, bei dem ich den Eindruck hatte, dass Gott mein Gebet nicht mehr erhört, ja, sogar mir entgegen war. Ich fragte mich: Liebt mich Gott überhaupt noch oder hatte Er mich inzwischen schon verworfen wie Saul? Warum verlangt Gott so viel von mir? und warum lässt Er mich verloren gehen, wenn Er mich doch liebt? Warum darf ich nicht einfach ein normales Leben führen wie jeder andere Mensch? Lag es vielleicht daran, dass mir mein vieles Wissen um den Willen Gottes zum Verhängnis geworden ist (Amos 3:2, Luk.12:47, 19:26)? Dann könnte ich es fast bereuen, dass ich Christ geworden war. Ich wünschte mir, dass Gott anders wäre als der Gott, von dem es heißt: "Ein eifernder und rächender Gott ist Jahwe und voll von Grimm; Jahwe übt Rache an Seinen Widersachern und trägt Seinen Feinden nach" (Nahum 1:2). Aber ich konnte es mir nicht aussuchen, sondern musste es so glauben (oder nicht glauben), wie's geschrieben steht.

Zeitweise überlegte ich schon, ob ich den Glauben nicht ganz aufgeben sollte, denn ich hatte kaum noch Hoffnung, dass sich mein Leben noch einmal entscheidend ändern würde. Und dann erlaubte Gott etwas, dass mir im Nachherein sehr peinlich war: und zwar hatte ich an einem Sonntagabend die Idee, meinen neu erworbenen Anrufbeantworter mit einer bekannten Melodie zu untermalen. Mir kam dabei die lustige Idee, die Titelmelodie von James Bond 007 zu nehmen und entsprechend auf dem Band zu sagen: "Mein Name ist Poppe, Simon Poppe, bitte hinterlassen Sie mir eine Nachricht!" Doch schon am nächsten Tag fiel mir ein, dass auch ein Bruder mich anrufen könnte und dann mich für völlig verweltlicht halten könnte. Also beschloss ich, die Ansage wieder zu ändern. Als ich nach Hause kam, hatten zwei Personen angerufen, einmal meine Mutter, die auch eine Nachricht hinterlassen hatte, und eine andere Person, die nur aufgelegt hatte und von der ich auch keine Nummer im Display sehen konnte. Als ich eine Woche später erfuhr, WER diese Person war, die meine alberne Ansage gehört hatte, war es mir absolut peinlich... (kommt noch).

Marcus Rückfall in den Wahnsinn

Mitte Mai fand in Dresden ein sog. Christival statt, zu welchem junge Christen aus ganz Deutschland für eine Woche hin pilgern, um an den Veranstaltungen teilzunehmen, also eine Art evangelikaler Kirchentag für Jugendliche. Als Marcus erfuhr, dass Thomas und Ralf dort hinreisen wollten, um dort zu missionieren, wollte er unbedingt auch dorthin, um sie zu unterstützen. Doch kurz zuvor schrieb Ralf dem Marcus, dass sie nicht mit ihm zusammen zum Christival fahren würden, weil er sich noch nicht von mir distanziert habe. Sie warfen ihm vor, dass er "noch auf beiden Seiten hinken würde" (1.Kön.18:21). Doch Marcus fuhr trotzdem nach Dresden und hatte sich dort scheinbar mit den Brüdern angelegt. An einem Abend zog dann ein Sturm auf, der sämtliche Zelte hinwegriss, wo Thomas, Ralf und die anderen Teilnehmer campierten. Danach weiß niemand mehr, was genau passiert war, aber nach zwei Tagen fand die Polizei Marcus an einer Autobahnraststätte in der Nähe von München im völlig verwirrten Zustand. Er hatte schon wieder eine Psychose erlitten, insgesamt schon die Dritte. Sein ganzes Gepäck hatte er unterwegs mal wieder irgendwo an die Straße gestellt und war ohne Gepäck weitergegangen. Es heißt, dass er noch nicht einmal mehr Schuhe anhatte. Er wurde mit dem Krankenwagen nach Wasserburg gebracht, 50 km von München entfernt, wo eine Klinik für psychisch Kranke ist. Marcus weigerte sich jedoch aufgenommen zu werden. Als zwei Pfleger ihn dann mit Gewalt auf seine Station bringen wollten, schlug er sie mit der Faust, so dass sie Verstärkung holen mussten. Er schlug um sich mit Händen und Füßen, so dass man ihm einen Wirkstoffcocktail injizierte, der ihn vollkommen lahmlegte, eine sog. "chemische Zwangsjacke". Nachdem die Polizei sein Gepäck und sein Zelt gefunden hatten, fanden sie auch seine Brieftasche mit seinen Personalien. Sie riefen dann bei meiner Mutter an, die entsetzt war, und da sie mit der Situation nicht klarkam, bat sie mich nach München zu fahren, um Marcus zu besuchen.

So fuhr ich am 18.05.96 durch eine Mitfahrgelegenheit nach München und von dort weiter mit dem Bus nach Wasserburg. Als ich im Klinikum Inn-Salzach ankam, ging ich durch mehrere Glastüren auf einen 20 m langen Flur und sah von Ferne ganz am Ende des Ganges eine Person, die dort stand wie ein "Zombie", ein lebender Toter, der mich mit einem gebuckelten Rücken und herunterhängenden Armen unentwegt anstarrte mit offenem Mund. Als ich näher kam, erkannte ich, dass es mein Zwillingsbruder war. Man hatte ihm Haldol gegeben, so dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ich begrüßte ihn herzlich, aber Marcus war nicht in der Lage, irgendwelche Affekte zu äußern. Wir gingen in eine Art Empfangs- oder Besucherraum, wo sich hinter einer Glasscheibe auch das Stationszimmer befand. Mitten in diesem Aufenthaltsraum stand das Bett von Marcus. Ich erfuhr, dass man das Bett absichtlich hier hineingeschoben hatte, weil er aufgrund seiner Suizid- und Gemeingefährlichkeit unter ständiger Beobachtung stehen müsse. Ich setzte mich mit Marcus aufs Bett und tröstete ihn, wobei ich ihm behutsam ein paar Fragen stellte. Doch Marcus hatte keine Lust, mir zu antworten, weil er zu müde war. Er legte sich hin und wollte sofort einschlafen. Ich schüttelte ihn und bat ihn, doch mit mir zu reden, schließlich war ich doch von weither gekommen. Er aber knurrte, weil er lieber schlafen wollte, und kurz darauf war er auch schon fest eingeschlafen. Ich sprach daraufhin mit dem Pfleger, und der erklärte mir, was passiert war und gab mir die Adresse der Polizeidirektion, damit ich dort seine Sachen abholen konnte. Das tat ich und fuhr an selben Abend noch mit dem Zug zurück nach Bremen.

Marcus wurde entmündigt und sollte für mehrere Monate in Wasserburg bleiben. Doch nach einer Woche fühlte sich Marcus schon wieder gut und wollte zurück nach Bremen. Aber man erlaubte es ihm nicht, und er durfte noch nicht einmal aus dem Gebäude der geschlossenen Psychiatrie hinaus. Während er am Freitagnachmittag mit einem Patienten Schach spielte, sah er durch die Scheiben der Fenster, wie die anderen Patienten draußen Volleyball spielten. Marcus beschwerte sich, weil es draußen schon über 30˚ Celsius war und er hinaus wollte zu den anderen. Er wies daraufhin, dass das Grundstück doch ohnehin durch eine hohe Mauer gesichert sei, so dass niemand entkommen könne. Auf sein Drängen hin, ließ man ihn nach draußen. Zunächst ließ er sich nichts anmerken und vergnügte sich mit den anderen; doch in einem Moment, als niemand achtgab, kletterte Marcus über eine große Hecke hinaus und rannte durch den Wald. Schon bald wurde sein Verschwinden bemerkt und man rief die Polizei. Diese fahndete nach ihm mit einem Großaufgebot und durchkämmte mit Hunden den Wald. Marcus war unterdessen auf eine Straße gekommen, wo er als Anhalter mitgenommen wurde. Der Fahrer war etwas erstaunt, denn Marcus war nur mit einer Bermuda-Shorts bekleidet ohne jegliches Gepäck. Er nahm ihn mit nach Rosenheim, wo Marcus sich im Haus eines Bekannten duschen konnte, der ihm auch Kleidung, Schuhe und Kleingeld borgte. Damit fuhr Marcus dann per Anhalter quer durch Deutschland und kam in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages in Bremen-Arbergen an. Um etwa 9.00 Uhr klingelte es an jenem Sonntagmorgen, und zwei Polizisten standen vor der Tür. Marcus stellte sich freiwillig, und nachdem sie sich eine halbe Stunde mit ihm unterhalten hatten, erklärten sie ihn für zurechnungsfähig, ganz pragmatisch und ohne psychologisches Gutachten. Ich musste allerdings mit ihm am Montag noch mal zum Vormundschaftsrichter, damit auch dieser seine Entmündigung wieder aufhob.

Ein paar Tage später hatte ich den Wunsch, mal wieder meinen Freund Bernd Fischer anzurufen, um ihn zu fragen, ob ich ihn besuchen dürfte. Wir vereinbarten einen Termin für Anfang Juni. Und dann sagte Bernd zu mir: „Übrigens Simon, mache ich mir Sorgen um Dich, weil wir ja schon eine ganze Weile nicht mehr miteinander gesprochen haben, und ich habe mich gefragt, ob Du überhaupt noch an Gott glaubst.“ – „Aber Bernd, warum sagst Du das? Selbstverständlich glaube ich doch an Gott!“ – „Ich war mir aber nicht so sicher, denn vor etwa zwei Wochen habe ich Dich angerufen, und da war eine so merkwürdige Ansage von Dir auf dem Anrufbeantworter, dass ich dachte, Du seiest inzwischen in die Welt zurück gegangen.“ – Mir schlug das Herz bis zum Hals. Dann war es also der Bernd, der mich anrief, aber keine Nachricht hinterlassen hatte! Ich fing an zu stottern und erklärte Bernd, dass das so eine Dummheit von mir war, weil ich meinen Bruder Patrick da nachahmen wollte, aber mir schon gleich am nächsten Tag das Gewissen schlug und ich es wieder gelöscht habe. Als das Telefonat dann nach einigen quälenden Minuten endlich zu Ende war, fiel ich heulend auf meine Knie und bat Gott um Vergebung. Mir war es so peinlich, dass ich mir ausgerechnet vor diesem heiligen Bruder solch eine Blöße gegeben hatte. Wie konnte das nur passieren?! Mir fiel auf, dass ich wirklich in zwei ganz unterschiedlichen Welten lebte: auf der einen Seite war ich der fromme – wenn auch noch unreife und z.T. wankelmütige – Glaubensbruder, und auf der anderen Seite war ich der lustige und kreative Simon von früher (d.h. von vor meiner Bekehrung). Mein altes Wesen sollte doch aber längst begraben sein durch Christus in der Taufe. Warum aber kam es immer wieder noch zum Vorschein? So konnte es aber nicht immer weitergehen, dass ich wie ein Schauspieler auf zwei Hochzeiten tanzen würde. Ich musste mich einfach mal entscheiden, wer ich eigentlich wirklich sein wollte. Und da ich dem hohen Anspruch eines heiligen und Gott wohlgefälligen Lebens offensichtlich noch nicht (oder nicht mehr!) gewachsen war, sollte ich doch lieber so ehrlich sein, dazu zu stehen, anstatt weiter zu heucheln. Während ich noch auf den Knien war, sagte ich zu Gott: „Ich schaffe das nicht, HErr. Bitte verzeih mir, aber ich schaffe es einfach nicht! Mach mich zu einem Deiner Tagelöhner! Stufe mich zurück und fordere nicht mehr so viel von mir, HErr.“ Dann stand ich auf und sagte zu mir selbst: „Ab jetzt will ich nicht mehr heucheln, sondern zu dem stehen, was ich bin! Lieber, dass ich im Ansehen der anderen sinke, aber ich möchte mich ab heute nie mehr verstellen.“ Da ging es mir schon viel besser.

Mein Abfall vom Glauben

Ende Mai hatte ich dann an einem Tag ein entscheidendes Schlüsselerlebnis, das mein Leben für die nächsten 18 Jahre ändern sollte: Ich hatte den ganzen Tag alleine an der Fassade eines Mehrfamilienhauses gestrichen und dachte dabei über die Erlebnisse der letzten Monate nach. Warum hatte Gott all diese Probleme zugelassen, sei es mit dem Kinderheim oder Herrn Tönsing oder mit Thomas und Marcus? Und warum hatte ich schon seit Monaten keine Gebetserhörung mehr, z.B. bezüglich der Dauerschmerzen von Ruth. Das machte für mich alles keinen Sinn mehr. Und warum ließ Gott den Thomas mit all seiner Bosheit einfach ungeschoren davon kommen? Ich hätte ihn am liebsten genauso öffentlich an den Pranger gestellt, wie er dies mit mir und anderen gemacht hatte, um ihn zu demütigen. Aber Gott schwieg zu alledem, wie mir schien, und ließ mich seit Monaten schon in einem geistlichen Niemandsland umherirren, ohne Rast und Frieden. Und dann waren da all die ungelösten Fragen und Zweifel, die ich in der Bibel sah, aber die mir keine Ruhe ließen, weil ich für diese keine Erklärung fand. So grübelte ich auf dem Gerüst den ganzen Tag, während ich über Kopfhörer meine Musik hörte. Und dann kam ein Lied, dessen schwermütiger Gesang genau in meine Situation passte, nämlich "Losing my religion" von R.E.M., frei übersetzt: "(Ich fürchte, dass) ich meinen Glauben verliere". In dem Lied ging es um eine gescheiterte Liebesbeziehung, wo der Sänger auch den Eindruck hatte, dass er "alles vermasselt" habe und es nun zu spät sei. Genauso ging es mir ja auch in Bezug auf Gott.

Als Feierabend war, fuhr ich mit meinem Rad den langen Weg nach Hause, während ich unentwegt grübelte. Was wäre, fragte ich mich, wenn das mit der "ewigen Qual" in der Hölle einfach nur ein Missverständnis war, nämlich eine Fehlübersetzung des Wortes "aion", wie die Allversöhner behaupten, und es sich in Wirklichkeit nur um eine vorübergehende Dauer handelte? Aber "von Ewigkeit zu Ewigkeit" klang mir doch zu sehr nach "endlos", da wollte ich mir nichts vormachen. Aber wie konnte eine unendliche Qual mit der Liebe und Gerechtigkeit Gottes harmonisieren? Gar nicht. Wie man es auch dreht und wendet, es passte einfach nicht zusammen. Was aber, wenn Gott uns nur einen Schrecken einjagen wollte, aber es letztlich nicht so gemeint hat? Nein, das passt auch nicht, denn Gott kann nicht lügen und Sein Wort ist wahr. Oder wie wäre es, wenn die Bibel nicht Gottes Wort ist, sondern nur Gottes Wort enthält, wie einige Theologen sagen? Ein Großteil der Bibel ist ja ohnehin nur erzählte Geschichte und nur ein relativ kleiner Teil direkte Rede Gottes. Wie wäre z.B., wenn Gott die Bibel nicht als Sein Wort buchstäblich INSPIRIERT sondern nur nachträglich AUTORISIERT habe, also zugelassen habe? Dann dürfte es auch Fehler enthalten, die Gott aber überwaltet. Der Mensch hätte in diesem Fall nur seine Gedanken und Vorstellungen über Gott aufgeschrieben und Gott habe sie für gut und sinnvoll anerkannt und genehmigt, selbst wenn sie nicht immer zutreffend wären. War es nicht auch so mit dem mosaischen Gesetz, das ja letztlich auch nicht den endgültigen Willen Gottes widerspiegelte, sondern nur eine Zwischenstation darstellte, die auf den HErrn Jesus und das Evangelium vorbereiten sollte, aber noch nicht der Weisheit letzter Schluss war. Was wäre, wenn auch das Evangelium nur eine solche Zwischenstation wäre, aber Gott uns über Seinen endgültigen Willen bewusst im Unklaren gelassen habe, weil die Zeit noch nicht reif war für eine höhere Stufe? Schließlich gab es doch auch im Alten Testament kaum Hinweise auf das Evangelium, so dass es doch auch denkbar wäre, dass ebenso auch im Neuen Testament noch keine klaren Hinweise erkennbar seien für eine "3. Stufe" des Heilsplans Gottes? Aber dann verwarf ich all diese Überlegungen, weil sie ketzerisch waren und noch nicht einmal das Denken darüber erlaubt sei (1.Kor.4:6). Diese Gedanken standen im Widerspruch zu Gottes Wort und waren deshalb absolut tabu.

Ich fuhr weiter, aber war frustriert, denn ich brauchte endlich eine Lösung, die den "gordischen Knoten" in meinem Kopf zerschlug, damit ich nicht wahnsinnig werden würde wie mein Bruder. Was wäre, so überlegte ich, wenn die Bibel tatsächlich nicht das Wort Gottes wäre? Sollte es nicht mal einen Versuch wert sein, sich wenigstens für einen Moment diesem Gedanken zu öffnen? Ich stellte mir eine Türschwelle vor, die ich in Gedanken für einen kleinen Moment überschreiten musste, um danach wieder zurückzukehren in mein bisheriges Denken. Ich wollte nur mal ganz kurz spüren, wie sich dieser Gedanke anfühlt. Und wenn ich gleich sofort wieder zurückgehe in mein altes Denken, dann kann es doch nicht geschadet haben... Ich hatte mich selbst überzeugt und wollte das Wagnis eingehen. Dabei war es - wie ich im Nachhinein feststellte - als habe ich die Frucht vom Baum der Erkenntnis gegriffen und war nun im Begriff dabei, von dieser Frucht abzubeißen. Ich tat es. Es musste sein, damit ich endlich aus dem Dilemma herauskäme. Ich war vom Fahrrad abgestiegen, hatte meine Augen geschlossen und setzte mich für zwei Minuten hemmungslos diesem Gedanken aus. Es war überwältigend. Ein totales Glücksgefühl stieg in mir auf. Ich war endlich völlig frei! Als wenn sich auf einmal alle Ketten lösten, die mich gefangen hielten. Es war meine "zweite Bekehrung", wie ich es später nannte, nur dass in diesem Moment nicht der Heilige Geist in mir Wohnung nahm, sondern fremde Geister in mich einkehrten, weil ich sie durch meine Entscheidung herbei gerufen hatte. Aber mir war in diesem Moment klar, dass ich nie mehr zurück wollte, sondern nun ein neues Leben begonnen hatte. Ich konnte nun kein Christ mehr sein, jedenfalls nicht mehr im biblischen Sinne, sondern war jetzt ein Apostat, ein Abgefallener. Aber war nicht auch Paulus ein "Abgefallener" vom Gesetz in dem Moment, als er sich zu Christus bekehrte? Vielleicht hatte Gott auch mich jetzt tatsächlich auf eine höhere Stufe der Erkenntnis gestellt, so glaubte ich. Ich fuhr weiter und sah plötzlich die Passanten, die an mir vorbei gingen, als meine Brüder und Schwestern an. War es das, was auch der Freimaurer Friedrich Schiller erlebt hatte, bevor er in der "Ode an die Freude" dichtete: "Seid umschlungen, Millionen! diesen Gruß der ganzen Welt. Brüder, über‘m Sternenzelt, muss ein güt´ger Vater wohnen... Deine Zauber binden wieder, was der Mode Schwert geteilt, alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt."

Kurz darauf erhielt ich einen Brief von Bruder Bernd, in welchem er mich tröstete und mir erklärte, warum wir als Christen nicht immer sofort den Sieg hätten über die Sünde, weil nämlich wir sonst hochmütig werden könnten und die Abhängigkeit vom HErrn verlieren. Er mahnte mich, nicht aufzugeben, sondern einfach jedes Mal wieder neu Buße zu tun, wenn ich durch Sünde gefallen war, weil mir der HErr den Sieg verheißen habe, solange ich den Kampfplatz nicht verlassen würde. „Wichtig ist, dass Du die Front nicht dort einreißen lässt, wo Du schon Sieg hattest, … damit der Feind keine Gebietsgewinne macht. Lass Dich von der Selbstbefriedigung nicht zum Ehebruch treiben…“ Nein, das hatte ich gewiss nicht vor. Aber sein Appell zum Durchhalten kam jetzt zu spät, denn ich hatte ja bereits die Seite gewechselt und war sozusagen zum Gegner übergelaufen. Aber wie sollte ich das jetzt allen erklären? Sie würden verächtlich auf mich herabschauen und sagen, dass ich schon immer zu fleischlich war und nun der Fleischeslust nachgegeben hätte. Aber das stimmte so ja nicht, sondern es waren ja vor allem die Widersprüche an sich, die mich zur Aufgabe zwangen. Der HErr hatte mich doch als ganz normalen Mann geschaffen mit ganz normalen sexuellen Bedürfnissen. Warum sollte Er mir dann Vorwürfe machen, dass ich mich genau so verhalte, wie Er mich geschaffen hat? Hätte Er mich denn sonst nicht auch anders schaffen können?

Meine Rache an Thomas

Zum Glück wusste ja noch überhaupt niemand, dass ich jetzt „ungläubig“ geworden war, also konnte ich mir in Ruhe eine Strategie überlegen, wie ich meinen Sinneswandel nun allen so behutsam und nachvollziehbar vermitteln konnte wie möglich. Für eine Weile musste ich also noch ein Doppelleben führen bis die Zeit reif genug war, dass ich allen Geschwistern nach und nach die Wahrheit sagen konnte. Am schwierigsten würde das wohl für Ruth sein, aber ich hatte ja auch noch ein paar Monate Zeit, um mich darauf vorzubereiten. Als erstes wollte ich mich mal um Thomas Schaum „kümmern“, denn mit seinem boshaften Verhalten sollte er nun nicht mehr ungeschoren davonkommen. Jetzt wo ich ja kein Christ mehr war, hatte ich keinerlei Einschränkung mehr in meinen Mitteln. Um Thomas aber vor allen bloßzustellen, musste ich ihm erst einmal selber irgendwie seine dunklen Geheimnisse entlocken. Aber wie sollte ich diese herausfinden? Von selbst würde er sie mir ja nicht verraten. Da kam mir ein perfider Plan: Ich wollte ihm einen Bußbrief schreiben, in welchem ich ihm offen bekennen würde, was für ein Sünder ich doch sei und ihn fragen, ob ich ihn besuchen könnte, damit ich bei ihm „reinen Tisch machen“ könne. Würde er mir erst mal glauben, könnte ich ihn in ein Gespräch verwickeln, in welchem er auch seine eigenen Sünden konkret bekennt. Später bräuchte ich dann meine Abbitte nur zu widerrufen, hätte aber dann die Informationen, die ich bräuchte, um ihm das zu vergelten, was er mir angetan hatte. Ich schrieb ihm also einen Brief, in welchem ich so glaubwürdig wie möglich Buße tat; und siehe da: Thomas hatte den Köder geschluckt und lud mich ein, am 09.06.96 nach Asmushausen zu kommen. Der erste Schritt meines Planes hatte also funktioniert. Schon gleich nach meiner Ankunft am Samstagmittag schüttete ich mein Herz aus und bekannte ihnen schonungslos meine fleischliche Schwachheit, d.h. meine Abhängigkeit von der Selbstbefriedigung und von romantischer Musik. Was hatte ich auch zu verlieren, denn sie konnten ja nicht ahnen, dass es mir inzwischen ziemlich egal war, was sie von mir dachten. Als wir dann später als Brüder an den Kaffe-und-Kuchen-Tisch setzten, fragte ich Thomas wie beiläufig: „Wie ist das eigentlich bei Dir so? Bist Du eigentlich frei von der Selbstbefriedigung?“ – Daraufhin antwortete Thomas mir zunächst nur, dass er auf diesem Gebiet auch „noch viel Kampf“ habe und fügte dann in einer für mich völlig überraschenden und absoluten Ehrlichkeit einen Satz hinzu, den ich hier nicht nennen kann, um die Fantasie und das Schamgefühl des Lesers, vor allem aber auch das Ansehen von Thomas nicht weiter herabzuwürdigen. Jedenfalls hatte er mit seinen Bekenntnissen meine Erwartungen weit übertroffen.

Als ich wieder in Bremen war, erbat Thomas von mir, dass ich nun auch „der Buße würdige Frucht bringen müsse“, indem ich öffentlich meine zuvor genannten Vorwürfe gegen Thomas widerrufen solle. Ich wiederum bat den Thomas darum, dass er nun, wo ich doch alles bekannt hatte, was mich betrifft, doch davon abstehen möge, weiter gegen den Bruder Hans-Udo vorzugehen, zumal dies gar nicht seine Aufgabe sein könne als Fernstehender. Diese Provokation war für Thomas dann genug, dass er meine ganze Buße als halbherzig und damit als wertlos betrachtete, mich erneut als „Belialsmensch“ bezeichnete und ein weiteres Mal über mehrere Seiten alles wiederholte, was er über mich in Erfahrung gebracht hatte, sei es von anderen oder aus meinem eigenen Mund. Was er jedoch nicht ahnte, war, dass genau dies meine Absicht war, denn jetzt gab er mir einen Grund, ihn auch selbst öffentlich an den Pranger zu stellen in einem „offenen Brief“, den ich auch an all die anderen Brüder sandte, die ihn und mich kannten, aber diesmal mit ebenso heiklen Details aus seinem Privatleben, um ihm das heimzuzahlen, was er zuvor mit mir tat. Mein Brief blieb dann tatsächlich nicht ohne Folgen, indem ich später erfuhr, dass einige Getreue von Thomas nun auch zu ihm auf Distanz gingen. Und von Thomas kam zu meiner Überraschung keine Reaktion mehr. Die Schlammschlacht war zu Ende, und einen Sieger gab es nicht.

Im Nachhinein betrachtet war mein Verhalten gegenüber Thomas absolut hinterhältig und verwerflich. Es zeigt einfach nur, dass ich inzwischen von demselben mörderischen Drang erfüllt war, der auch dem Thomas umtrieb und ich mich um das Verbot der Rache mittlerweile einen Dreck scherte (Röm.12:19). Seit ich wieder gläubig bin (seit 2014) habe ich über mein damaliges Verhalten Buße getan und Gott um Vergebung gebeten. Ob Thomas inzwischen auch irgendetwas bereut hat über sein Verhalten mir gegenüber, kann ich nicht sagen, denn er will nach wie vor nichts mit mir zu tun haben und erkennt meine erneute Umkehr zu Gott nicht als echt an. Möge der HErr Gnade schenken, dass es zwischen uns eines Tages zur Versöhnung komme!

Nachdem ich meine Rache geübt hatte, überlegte ich mir, mit wem ich in Zukunft Kontakt und Freundschaft pflegen sollte, nachdem ich mich ja nun vom fundamentalistischen Christentum innerlich losgesagt hatte. Da fielen mir die Freimaurer ein, die ja gerade von bibeltreuen Christen als die ärgsten Feinde und sogar als Diener Satans angesehen wurden. Ich fragte mich, ob denn nicht die Feinde meiner Feinde zu meinen Freunden werden könnten. Also suchte ich mir aus dem Telefonbuch die Telefonnummer einer Freimaurerloge heraus und rief dort an. Nachdem ich dem Mann am anderen Ende kurz mein Anliegen beschrieben hatte, wies er mich darauf hin, dass seine Loge eine konfessionslose sei, es aber auch eine christliche Freimaurerloge in Bremen gäbe, nämlich die „Zum Ölzweig“. Er empfahl mir, mich an diese zu wenden, da diese „Brüder“ besser vertraut waren mit meiner Vergangenheit und gab mir von dieser die Nummer. Als ich dann dort anrief, lud mich der „Meister vom Stuhl“, Klaus Bettag, zu einem Gästeabend ein, wo mich die Logenbrüder persönlich kennenlernen könnten und meine Fragen beantworten würden.

Kurz darauf besuchte ich diese und nahm in der Folgezeit an insgesamt drei solcher Gästeabende teil, wobei ich jeweils der einzige Gast war inmitten von etwa 5 bis 6 Logenbrüdern. Zunächst fiel mir auf, dass diese Männer im Alter von 40 bis 75 Jahren alle sehr freundlich waren. Besonders der Großmeister Klaus Bettag war außerordentlich höflich und respektvoll zu mir wie ein Gentleman. Sie waren amüsiert, als ich ihnen schilderte, wie man von Seiten der bibelgläubigen Christen über die Freimaurer dachte, dass sie nämlich heimlich mit dem Teufel im Bunde seien etc. Sie erklärten mir, dass sie selbst eine explizit christliche Loge seien, die nur Männer aufnehmen würde, die an Christus und die Bibel als Wort Gottes glauben würden. Wie jedoch der Glaube jedes einzelnen praktiziert werde, sei jedem selbst überlassen. So freundete ich mich im Verlauf der nächsten Wochen mit einem gewissen Carl-Ernst an, der ein überzeugter Katholik war und mit seinen etwa 40 Jahren der Jüngste von allen sei. Der Klaus Bettag wiederum hatte über mich „Recherchen“ angestellt, genau gesagt über meinen Stammbaum, und übergab mir nach ein paar Tagen einen Stammbaum der Familie Poppe, der bis ins 15. Jh. zurückreichte. Dies tat er deshalb, weil er durch vorherige Untersuchungen in seinem eigenen Stammbaum feststellte, dass seine Vorfahren mit den meinigen verwandt seien. Auch brachte er mir einen Aufsatz mit, den er mal über das Bremer Rathaus geschrieben hatte. Er hatte diesen mal als Vortrag in der Loge gehalten und wies darin auf die geometrisch interessante Bauweise hin, durch die der Architekt angeblich auf freimaurerische Symbole anspielen wollte (für mich war der Text totlangweilig). Und als ob er mich für die Loge gewinnen wollte, zeigte er mir an meinen Vorfahren, dass ungewöhnlich viele von diesen sog. „Baumeister“ (Architekten) waren und Mitglied der Loge „Zum Ölzweig“. Auch erzählte er mir, dass die Loge massiv unter Mitgliederschwund leide, da die Alten ausstürben und keine neuen Brüder hinzukämen. Schuld daran sei seines Erachtens, dass die Gesellschaft zunehmend individualisiert sei und jeder nur seine eigenen Interessen verfolgen würde.

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Argumente gegen die Evolutionstheorie

DSC00151Ich heiße Simon Poppe, bin 1968 geboren und wurde 1984 von neuem geboren durch den Geist Gottes und durch den Glauben an Jesus Christus. Ich bin seit 1992 mit meiner peruanischen Frau Ruth verheiratet und wir haben eine Tochter namens Rebekka (1995). Ich bin selbständiger Malermeister (seit 1998) und habe eine Firma in Bremen mit zehn Mitarbeitern.

Ich bin zwar nicht in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, aber von Kind an habe ich an Gott geglaubt und ging auch zeitweise zu den christlichen Pfadfindern, wo ich zum ersten Mal von Jesus Christus hörte.  Als Jugendlicher war ich oft in Schlägereien verwickelt, die nicht selten vor Gericht endeten. Als ich 1983 wegen einer Schlägerei die Schule wechseln musste, lernte ich einen neuen Klassenkameraden kennen, der einer christlichen Freikirche angehörte und bis heute einer meiner besten Freunde ist. Durch ihn lernte ich zum ersten Mal die Bibel kennen und fing an, regelmäßig darin zu lesen. Am 01.09.1984 wurde ich von einer anderen evangelischen Freikirche (Missionsgemeinde Bremen) zu einer Evangelisation eingeladen. Am Abend des selben Tages bekehrte ich mich und übergab mein Leben Jesus Christus als meinen HErrn und Retter.

Im Frühjahr 1985 lernte ich dann Christen in Bremen-Blumenthal kennen, die sich keinen Namen gaben und sich im Haus eines Bruders namens Edgard Böhnke versammelten. Sie gehörten zu einem Kreis von sehr streng bibeltreuen Christen, der vor 80 Jahren mal von einem gewissen Percy W. Heward in London gegründet wurde und in mehreren Ansichten den Plymouth-Brüdern (Darbysten) ähnelt. Die Hausgemeinde wurde von einem gewissen Daniel Werner aus Sachsenheim betreut, der einmal im Monat zu Besuch kam. Mir fiel auf, dass diese Christen die Heilige Schrift viel besser kannten wie kaum jemand anderes, den ich bis dahin kannte, und ich beschloss, von da an nur noch dorthin zu gehen. Mit 17 ließ ich mich taufen (aufgrund meines Glaubens durch Untertauchen in einem See, wie es in Gottes Wort gelehrt wird)  und verbrachte dann mehrere Monate als Austauschschüler in den USA. Als ich 18 wurde, bat mich meine Mutter, das Haus zu verlassen, da sie mein radikal verändertes Leben nicht mehr ertragen konnte. So nahm mich das gläubige Ehepaar aus Blumenthal in ihr Haus auf und wurden sozusagen meine "geistlichen Eltern".

In den darauf folgenden vier Jahren lebte ich bei diesen Glaubensgeschwistern in völliger Absonderung von der Welt, d.h. ohne Radio und Fernsehen, ohne Bücher und Musik, stattdessen nur dreimal am Tag Bibel lesen, sowie beten und arbeiten. Und obwohl man sich das kaum vorstellen kann, war es für mich eine sehr glückliche Zeit in meinem Leben. Ich brach den Besuch des Gymnasiums nach der 11. Klasse ab ("Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen" - Röm.12:16) und machte eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Im Anschluss daran machte ich meinen Zivildienst im OP eines Krankenhauses.

Eines Tages im Jahr 1988 besuchte uns ein junger Glaubensbruder aus Lima, der zur selben Gruppierung gehörte wie wir. Durch ihn erfuhren wir viel von unseren Brüdern in Peru, und in mir erwuchs die Sehnsucht, diese eines Tages zu besuchen, weshalb ich anfing, mir Spanisch beizubringen. Im Sommer 1991 machte ich dann eine Radtour durch Deutschland, um Christen aus anderen Gemeinden zu besuchen. Dann verbrachte ich vier Monate in Rumänien, um beim Aufbau eines Kinderheims zu helfen. Im Januar 1992 fuhr ich dann zum ersten Mal nach Peru für drei Monate und machte von dort eine Rundreise durch Ecuador, Kolumbien, Costa Rica und El Salvador, wobei ich in vielen Gemeinden dort predigen durfte. In der letzten Woche meines Aufenthalts in Südamerika verliebte ich mich noch in Ruth, der gläubigen Tochter des leitenden Bruders in Lima, und wir beschlossen, bei meiner nächsten Peru-Reise zu heiraten.

Dies geschah dann auch im Dezember 1992 durch Gottes Güte, nachdem ich zuvor eine weitere Rundreise durch Lateinamerika gemacht hatte. In Guatemala wurde ich dann aber von dem argentinischen Geschäftsmann Samuel Franco, dem obersten Boss dieser Percy-Heward-Gruppierung, exkommuniziert, so dass ich in der Folge in einigen Ländern Südamerikas Predigtverbot bekam. Indes hatte mir Gott gezeigt, dass ich ein Heim für arme Straßenkinder gründen sollte. So kaufte ich ein Landhaus in Ecuador und beschloss 1994, mit meiner Frau Ruth nach Ecuador auszuwandern. Wir bauten das Haus um und gründeten eine Stiftung mit Hilfe eines Missionars aus Berlin namens Hans-Udo Hoster. Als jedoch 1995 meine Frau schwer krank wurde und auch noch ein Krieg ausbrach zwischen Ecuador und Peru, mussten wir das Land verlassen und fuhren wieder zurück nach Deutschland. Kurz darauf schenkte Gott uns eine Tochter namens Rebekka.

Da wir aufgrund der Krankheit meiner Frau die Kinderheimarbeit in Ecuador nicht fortsetzen konnten, suchten wir einen Nachfolger für das Projekt. Als dann 1996 zwei Kandidaten nacheinander absprangen, mussten wir die Kinderheim-Idee ganz aufgeben. Unterdessen war ich 1996 auch in eine schwere Glaubenskrise geraten, die durch Heuchelei und Inkonsequenz in den Monaten zuvor ihren Anfang nahm. Ich begann, bibelkritische Literatur zu lesen und fragte mich, ob ich mir das mit Gott und Jesus vielleicht alles nur eingebildet hätte. Nach und nach verlor ich dann völlig meinen Glauben - zum Entsetzen meiner lieben Frau Ruth, die gerade ihren Doktortitel als Tierärztin erworben hatte. Wir vereinbarten, dass unsere Tochter dennoch im christlichen Glauben auferzogen werden sollte und ich ihr bis zur Volljährigkeit nichts von meinem Unglauben verraten solle. Meine Frau betete ständig für mich und hoffte darauf, dass ich allmählich wieder zum Glauben an Gott zurückfinden würde. Ich wiederum schürte in ihr diese Hoffnung, indem wir jahrelang regelmäßig in eine freikirchliche Gemeinde gingen und zu Hause gemeinsam beteten. Tatsächlich bewegte ich mich aber immer weiter weg von Gott, indem ich heimlich düstere, antichristliche Gothic-Musik hörte und Pornofilme ansah. Auch besuchte ich eine Zeit lang die Freimaurer und Atheisten und kaufte mir jede Menge Bücher gegen den christlichen Glauben. In mir spürte ich eine tiefe Enttäuschung wie nach einer zerbrochenen Liebesbeziehung. Aber ich machte auch die Erfahrung, dass ich nun überhaupt keine Freunde oder Vertraute mehr hatte, denn allmählich hatten sich alle von mir distanziert, und neue Gleichgesinnte zu finden erwies sich als unerreichbar. Die immer stärker werdenden Rückenschmerzen meiner Frau, schweißten uns jedoch immer enger zusammen, bis meine Frau 1999 wie durch ein Wunder spontan geheilt wurde. Dass dies Gottes Barmherzigkeit war, erkannte ich damals nicht.

Nachdem ich die Meisterschule beendet hatte, machte ich mich 1998 selbständig und hatte schon nach relativ kurzer Zeit einen beachtlichen Erfolg. Da ich mich besonders um schwer vermittelbare Jugendliche kümmerte, wurde ich mehrfach ausgezeichnet, 2004 sogar zum "besten Ausbildungsbetrieb Deutschlands". Wir kauften uns ein Haus in Bremen und meine Firma wuchs auf bis zu 17 Mitarbeitern. Doch trotz aller äußeren Erfolge empfand ich mein Leben als sinnlos und leer. Mein Leben war irgendwie zu einem für mich unerträglichen Stillstand gekommen, und ich hoffte immer, dass irgendwann mal etwas passieren würde, was mein Leben auf einen Schlag völlig ändern würde. An Gott habe ich überhaupt nicht mehr gedacht, sondern war stattdessen froh und stolz, dass ich das Christentum überwunden hätte. Kaum einer wie ich kannte so viele Argumente gegen den Glauben, aber leider interessierte sich auch niemand für meine Argumente. So beschloss ich, im Internet als selbsternannter „Aufklärer“ gegen den Glauben zu Felde zu ziehen, denn wenn ich schon keine Befürworter fand, so wollte ich mir wenigstens viele Gegner schaffen, nach dem Motto: „Viel Feind', viel Ehr'“. In Foren wie „www.jesus.de“ versuchte ich, zweifelnde Christen ganz für den Unglauben abzubringen, bis ich nach mehreren „Gelben“ und „Roten Karten“ endgültig Hausverbot erteilt bekam.

2010 kehrten allmählich die Schmerzen meiner Frau zurück und wurden mit der Zeit immer schlimmer, so dass sie zuletzt fast am Leben verzweifelte und nur noch bei Gott sein wollte. Auch unsere Tochter war inzwischen in die Pubertät gekommen, so dass es immer mehr Streit und Zickenterror bei uns zuhause gab. 2013 hat man dann auf CT-Bildern eine tennisballgroße "Raumforderung" in meinem Gehirn entdeckt. Ich war mir sofort sicher, dass ich nun nicht mehr lange zu leben hatte und reagierte entsprechend mit einer stillen Wut und Trauer. Doch schon bald darauf stellte sich heraus, dass es doch kein Hirntumor war, sondern nur eine relativ harmlose „Arachnoidalzyste“.

Zwei Monate später fand man jedoch bei mir tatsächlich einen Tumor, und zwar in der rechten Nebenniere (Conn-Syndrom). Der Arzt verordnete mir bis zur OP starke Medikamente, die mich völlig lahm legten. Ich konnte meine Selbständigkeit zeitweise kaum mehr richtig ausführen und bekam Depressionen. In meiner Not betete ich zu Gott und bekannte Ihm unter Tränen meine Schuld. Eigentlich glaubte ich ja gar nicht mehr an Ihn, aber meine Verzweiflung war einfach zu groß, dass ich alles versuchen wollte. Doch plötzlich vernahm ich deutlich eine Stimme in mir, die zu mir redete, und ich war mir sicher, dass dies Gott selbst war. Minutenlang redete Er zu mir und ich lauschte wie gebannt, was Gott mir sagen wollte. Erst als ich aus diesem Gebet "erwachte", wurde mir allmählich bewusst, dass ich gerade etwas völlig Irrationales erlebt hatte, da ich Gott doch bis dahin für tot hielt. Aber nun konnte ich Ihn nicht mehr leugnen, denn die Stimme war für mich absolut real. Es war der 07.05.2014, als mir plötzlich bewusst wurde, dass ich von nun an kein Agnostiker oder Atheist mehr sein konnte, denn ich konnte Gottes Existenz nicht mehr leugnen.

In den darauf folgenden Tagen betete ich ständig, weil ich diese Erfahrung immer wieder machen wollte. Allerdings glaubte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht an die Bibel oder die Auferstehung etc. Mir reichte schon einfach der Glaube an Gott. Aber Gott selbst reichte das offenbar nicht, und so geschah es, dass ich im Sommer 2014 nach und nach auch meinen Glauben an das Wort Gottes und an Jesus Christus zurückerlangte. 18 Jahre waren inzwischen vergangen, in denen ich nicht mehr geglaubt hatte, und ich erinnerte mich wieder an meinen Taufspruch als damals 17jähriger, der sich auf einmal wie eine Prophezeiung erfüllt hatte: "Simon, Simon, siehe der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, damit dein Glaube nicht (endgültig) aufhöre; und du, wenn du einst zurückgekehrt bist, dann Stärke deine Brüder" (Luk.22:31-32).

Doch trotz meines erneuerten Denkens hatte sich mein Leben zunächst noch nicht allzu viel verändert, denn ich verfiel immer wieder in die alten Verhaltensmuster. Mein HErr Jesus zeigte mir dann an einem Abend, was der Grund sei für meine ständigen Rückschläge: Mein Zimmer war noch immer bis an die Decke angefüllt mit Hunderten von „Ablenkungs-Götzen“, d.h. von DVDs, Büchern, Musik-CDs und Hörbüchern. Ich wollte mich jedoch noch nicht von diesen trennen, weil ich so viel Zeit und Geld in diese investiert hatte, und so beschloss ich kurz vor meiner OP im Dezember 2014, wenigstens die ganzen atheistischen Bücher und CDs zu vernichten (s. Bücherverbrennung Dez. 2014). Kurz vor der Entlassung aus dem Krankenhaus habe ich dann aber fast eine ganze Nacht im Gebet verbracht und mir danach vorgenommen, alles weg zu tun aus meinem Haus, was mich an mein altes Leben erinnerte. So erleichterte ich mich nach Weihnachten von mehr als 20 Kisten an Unterhaltungsmedien und warf sie auf den Müll bzw. verschenkte sie, so dass am Ende mein Zimmer fast völlig leer war. Für mich war es, als hätte ich die Festplatte meines Lebens komplett formatiert und könnte jetzt endlich wieder frei sein ohne den ganzen "Datenmüll" meines Lebens, der sich bis dahin so sehr angehäuft hatte.

Durch diesen Befreiungsschlag fand ich endlich die innere Ruhe, um von dort an wieder regelmäßig mit meiner Frau zu beten und in der Bibel zu lesen. Unsere Ehe wurde durch diese Maßnahme auf einen Schlag in die oberste Glücks-Liga katapultiert, und ich kann sagen, dass dies bis heute anhält. Auch in der Beziehung zu meiner Tochter wurden dann allmählich Fehlentwicklungen geheilt, so dass ich heute wieder eine sehr vertrauliche Beziehung zu mir hatte. Selbst meine Mitarbeiter staunten nicht schlecht über meine radikale Veränderung. Zwei von ihnen fingen dann ebenso an, in der Bibel zu lesen und wurden Christen. Im Sommer 2015 traf ich mich dann jeden Samstag mit einem Bruder in der Bremer Innenstadt und predigte das Evangelium in der Fußgängerzone. Auch zahlte ich über 30.000 € an das Finanzamt zurück wegen vergangener Steuersünden. Und wenn Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlen wollten, ging ich nicht mehr sofort zum Anwalt, um sie zu verklagen, sondern einigte mich außergerichtlich mit ihnen, gemäß dem Worte Jesu in der Bergpredigt: „Willfahre deiner Gegenpartei schnell, während du mit ihr auf dem Wege (zum Gericht) bist…Widerstehet nicht dem Bösen, sondern wer irgend dich auf deinen rechten Backen schlagen wird, dem biete auch den anderen dar…“(Matth.5:25, 6:39).

Zu Gottes Ehre kann ich nur bekennen: Gott hat wirklich alles neu gemacht in meinem Leben und mir all das hundertfach erstattet, was ich zuvor um Seinetwillen aufgegeben hatte. Ich war so dumm gewesen, dass ich glaubte, ohne Gott ein besseres Leben führen zu können, aber jetzt wo Gott mir die Augen geöffnet hat, kann ich nur beschämt mich vor Ihm beugen und bekennen wie Hiob: „So habe ich denn beurteilt was ich nicht verstand. Dinge zu wunderbar für mich, die ich nicht kannte. Höre doch, und ich will reden; ich will Dich fragen, und Du belehre mich! Mit dem Gehör des Ohres hatte ich von Dir gehört, aber nun hat mein Auge Dich gesehen. Darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche“ (Hiob 42:3-6).

vereinsamt nietzsche 

Nietzsche hatte zumindest in diesem Punkte recht, wenn er in seinem Gedicht schrieb, dass man ein "Narr" ist, wenn man die Wärme und Geborgenheit bei Gott verläßt und sich aufmacht, um in die "stumme und kalte Welt" außerhalb hinauszugehen, wo man innerlich nur erfrieren kann. Ja, wahrlich: "Weh dem, der keine Heimat hat!" Dieses Bild habe ich 2011 gemalt, als mir im tiefsten Grunde bewußt wurde, was ich alles durch meinen Abfall vom Glauben verloren hatte. Heute, nachdem ich als "verlorener Sohn" zu meinem Vater zurückgekehrt bin, kann ich nur mit Paulus sagen:

"Was irgend mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust geachtet; ja, wahrlich, ich achte auch alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, Meines HErrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe und es für Dreck achte, auf dass ich Christum gewinne und in Ihm erfunden werde...um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden... Nicht dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet sei, ich jage Ihm aber nach... Brüden, ich halte mich selbst nicht dafür, es ergriffen zu haben; EINES aber tue ich: Vergessend was dahinten, und mich ausstreckend nach dem, was vorn ist, jage ich, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes in Christo Jesu." (Phil.3:7-14)

Amen!

Bremen, den 22.02.2016                Simon Poppe

 

Ein Gespräch über Fundamentalismus und Bibelkritik


A: „Simon, die Kirchen heute haben längst erkannt, dass man die Bibel historisch-kritisch verstehen muss, das heißt bei der Auslegung auch das geschichtliche Umfeld der Autoren und ihre menschliche Situation berücksichtigen muss, um dadurch herauszufiltern, was die Bibel uns heute noch sagen kann. Wir leben heute nicht mehr im Altertum und brauchen neue Antworten auf die Fragen unserer Zeit, denn sonst bleiben wir als Ewig-Gestrige in der Vergangenheit gefangen.“

S: „Das klingt für mich in etwa so, als würde man die Tauglichkeit des Grundgesetzes daran messen, in welcher sozialen und psychischen Verfassung dessen Väter waren. Aber was kümmert es die Eiche, wenn die Wildsau sich an ihr reibt? Die Bibel ist das lebendige und ewige Wort Gottes, durch welches Gott heute noch genauso aktuell zu den Glaubenden redet wie zu allen Zeiten. Sie bleibt aber den Unglaubenden und Treulosen verschlossen. Deshalb tüfteln sie verzweifelt an Möglichkeiten, wie man auch ohne Glauben noch einen Nutzen ziehen könnte aus der Heiligen Schrift, damit sie nicht ihren gutbezahlten Kirchenjob verlieren. Anstatt aber der Treue und Zuverlässigkeit des göttlich inspirierten Wortes zu vertrauen, verlassen sich die modernen Theologen lieber auf die Erkenntnisse atheistischer Archäologen und Religionswissenschaftler, die vom Satan benutzt werden, um den Menschen das Wort Gottes zu entreißen.“

A: „Damit unterstellst du aber allen Christen, die eine andere als deine fundamentalistische Art der Auslegung der Bibel bevorzugen, dass sie gar keine Christen seien. Tatsache ist aber, dass Ihr Fundamentalisten heute in der Minderheit seid, zumindest in Deutschland, und dass sich die moderne historisch-kritische Auslegung sich schon seit etwa hundert Jahren durchgesetzt hat.“

S: „In der Tat haben die Kirchen in Deutschland den riesigen "Fehler" gemacht, dass sie versucht haben, die Heilige Schrift zu entmystifizieren, indem sie die Wunder der Bibel in Frage stellten und alle wissenschaftlich nicht überprüfbaren Geschichten der Bibel ins Reich der Mythen verbannt haben. Damit aber haben sie geistlich Selbstmord begangen, indem sie den Menschen die Erfahrung des Glaubens geraubt haben. Sie selbst haben keinen Zugang zum Glauben gefunden und hindern jetzt diejenigen, die einen Zugang suchen, indem sie erst mal alles Pikante in der Bibel relativieren und in Frage stellen. Das ist ungefähr so, wie wenn ich einem schönen Glas Bier zunächst den Alkohol und dann die Kohlensäure entziehe und es zum Schluss noch erhitze. Zurück bleibt eine ungenießbare Plörre, die keiner mehr trinken will. Der HErr Jesus sagt: ‚Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz seine Kraft verliert, womit soll man sie ihm wiedergeben? Es taugt zu nichts mehr, als weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden‘ (Matth. 5:13). Deshalb gehen der evangelischen und katholischen Kirche seit Jahren die Mitglieder verloren, während die Freikirchen und Sekten regen Zulauf haben.“

A: „Ich bin ehrlich gesagt heilfroh, dass die Glaubensfanatiker heute nicht mehr über die Welt herrschen wie zur Zeit des Mittelalters. Seit der Aufklärungsepoche im 18. Jh. genießen wir heute eine noch nie zuvor dagewesene Freiheit und Frieden. Dieser Friede wird heute jedoch bedroht durch die neuen Fundamentalisten, seien es die aus dem Islam oder dem Christentum. Fundamentalisten wie du wollen sich nicht aufklären lassen, sondern verführen die Menschen, Andersdenkende zu bekämpfen und sogar ihr Leben zu opfern für ihren Glauben. Deshalb sind Fundamentalisten wie ein Krebsgeschwür in jeder Gesellschaft, das es auszurotten gilt. Fundamentalisten sind die größte Gefahr für den Weltfrieden!“

S: „Na, das hast Du aber schön auswendig gelernt. Oder ist es nur nachgeplappert, nachdem Du ähnliche Hetzparolen schon viele Male zuvor in den Medien gehört hast? Der Mensch braucht ja immer ein Feindbild, und am besten eignet sich dafür das, was man am wenigsten kennt. Denn auf ein solches lassen sich auch gut und gerne alle einseitigen und falschen Vorstellungen projizieren, die man von dem Fremden hat. Es erinnert mich ein wenig an das berühmte Buch von George Orwell "1984", in welchem er ein Bild der Zukunft entworfen hat von einer gleichgeschalteten Menschheit, die von einer "Gedankenpolizei" überwacht wird, damit niemand aus der Reihe tritt. Einmal am Tag gibt es auf den Bildschirmen aller Fabriken den sog. "Zwei-Minuten-Hass". Da wird also der von allen gehasste Abtrünnige Emmanuel Goldstein gezeigt, der Urverräter, der die Reinheit der Partei besudelt hat und dem alle Verbrechen und Sabotageakte angelastet werden. Obwohl man nichts von ihm wusste - nur dass er sich irgendwo versteckt im Untergrund aufhält, wurde er von der Allmachtspartei als größte Bedrohung dargestellt. Und wie auf Knopfdruck gerät das ganze Volk bei seinem Anblick in ein unkontrolliertes Wutgeschrei, einer Mischung aus Angst und Zorn. Die Gedankenpolizei kontrolliert dabei, ob auch wirklich alle bei dem Einklang mitmachen. Doch die Gruppenhysterie bewirkte, dass man unwillkürlich mitmachte und niemand sich dem Taumel aus Angst und Rachsucht entziehen konnte.“

A: „Dein Vergleich hinkt aber gewaltig! Unsere Demokratie ist so offen und liberal wie kaum eine andere Gesellschaft der Geschichte, und ausgerecht diese vergleichst Du mit einem Überwachungsstaat! Das ist doch alles verschwörungstheoretisches Geschwätz! In Wirklichkeit ist es doch genau anders herum, denn einen solchen Überwachungsstaat hätten wir ja erst gerade dann, wenn solche unfehlbaren Ideologen oder fundamentalistischen Religionsführer an der Macht wären wie z.B. im Iran. Dann nämlich gibt es wirklich nur noch EINE Wahrheit, die von niemandem angezweifelt werden darf. Kein Wunder, dass gerade arme und ungebildete Menschen empfänglich sind für alle diese Heilsversprechen.“

S: „Etwa solche wie Mohammed Atta und die anderen 09/11-Terroristen, die in Hamburg studierten?“

A: „Es gibt unter religiösen Menschen sicherlich auch welche, die studiert haben.“

S: „Ach, was Du nicht sagst! Es gibt sogar in Harvard Professoren, die an den biblischen Gott glauben, was doch eigentlich theoretisch gar nicht sein dürfte. Sicherlich - und da stimme ich Dir zu - gibt es in amerikanischen Universitäten mehr atheistische Professoren als im vergleichbarem Durchschnitt der Bevölkerung. Aber das sagt nichts über den Wert von Religion aus, sondern gibt nur bestenfalls Auskunft über die Glaubensfähigkeit gebildeter Menschen.“

A: „Trotzdem fällt auf, dass die meisten Terroristen der Welt religiös motiviert sind und dass Religionen besonders in armen und ungebildeten Ländern ihre Anhänger rekrutieren. Schlichte Gemüter suchen einfache Antworten für komplexe Fragen. Ein aufgeklärter Mensch hingegen geht solchen Rattenfängern nicht auf den Leim, weil er fähig ist, Heilversprechen immer wieder neu kritisch zu hinterfragen.“

S: „Auch die moderne, aufgeklärte Welt bietet durch ihr ‚Wikipedia‘-Wissen den Menschen ein trügerisches ‚Heilsversprechen‘, indem den Leuten suggeriert wird, dass sie allein durch ihr Daten-Wissen schon genug Erkenntnis erlangen würden, um ihr Leben zu meistern. Der einzige Unterschied zwischen Glauben und Wissen besteht für mich in dem Dünkel.“

A: „Du verzerrst die Tatsachen: Die Wissenschaft ist per se immer auch selbstkritisch und damit offen für Korrektur. Aber sie verspricht den Menschen kein besseres Leben, wie es die Religionen tun, sondern bietet ihnen nur die Möglichkeit, ihre Entscheidungen auf Grundlage von Faktenwissen zu treffen, anstatt auf fragwürdigen Hoffnungen auf ein besseres Leben nach dem Tod. Zudem schüchtert sie Menschen auch nicht ein durch die Androhung von ewigen Höllenstrafen, sondern beliefert sie mit prüfbaren Daten, um sich ein objektiveres Bild von der Wirklichkeit zu machen. Wenn du also hier von einem ‚Feindbild‘ sprichst, dann solltest du dich mal fragen, inwiefern du nicht selber gerade einen Popanz konstruierst, indem du der Wissenschaft eine Allmacht unterstellst, die sie nie für sich beansprucht hat.“

S: „Ich habe nicht behauptet, dass die Wissenschaft ihre Erkenntnisse nicht hinterfragen tut, sondern dass wir Menschen unsere Überzeugungen allgemein nicht hinterfragen wollen, egal ob religiös oder wissenschaftlich begründet, weil wir uns aufgrund unserer Eitelkeit ungerne in Frage stellen lassen wollen. Darin, und nur darin sehe ich keinen Unterschied zwischen Glauben und Wissen.
Es ist auch so eine typisch klischeehafte Unterstellung, dass religiöse Menschen ihren Glauben nicht hinterfragen würden. Selbst bei Fundamentalisten gibt es immer wieder mal Momente im Leben, in welchem sie Anfechtungen und Zweifel haben, auch wenn sie das nicht unbedingt immer zugeben würden.“

A: „Und das nenne ich Scheinheiligkeit! wenn man versucht, nach außen hin als etwas besseres erscheinen will als andere. Warum steht man nicht einfach zu seinen Schwächen?! Aber durch diese ständige Heuchelei werden junge Männer irgendwann zu Selbstmordattentätern, weil sie sich sagen: ‚Wenn ich es schon nicht durch mein Leben schaffe, Gott zu gefallen, dann doch wenigstens durch meinen Tod als Märtyrer!‘ Deshalb sehe ich religiösen Fanatismus als größte Gefahr für die Welt.“

S: „Du musst aber zugeben, dass es fundamentalistische Denkweisen in allen bestehenden Gruppen der Gesellschaft gibt, sogar bei den Atheisten, und dass das Bedürfnis nach Schutz und Bewahrung der eigenen Erkenntnis immer dazu führen kann, dass man den jeweils anders Denkenden als Gefahr sieht und ihn ausgrenzt. Der Andersdenkende wird dann durchweg der boshaftesten Absichten und der gemeinsten Irreführung beschuldigt. Hier sind eben die Guten und dort sind die Bösen, so einfach ist das.“

A: „Nein, so einfach ist es eben nicht! Der Unterschied besteht nämlich darin, ob ich eine objektive - d.h. wissenschaftlich haltbare - Weltsicht habe oder ob ich eine subjektive - d.h. von Mythen und Märchen geprägte - Weltsicht habe.“

S: „Und selbstverständlich identifizierst Du Dich mit Deinem Standpunkt in dieser Auseinandersetzung mit der objektiven Wirklichkeit. Das ist jedoch ein naiver Trugschluss! Denn auch Du nimmst wie jeder Mensch gutgläubig an, dass Deine Erkenntnis auch dem wirklichen Sachverhalt entspricht und hast keine Veranlassung daran zu zweifeln. Du glaubst, dass die Dinge an und für sich auch so sind, wie sie von Dir wahrgenommen werden. In Wirklichkeit hältst Du nur die von den Medien vertretenen Wertbilder für Dein eigenes seelisches Empfinden. Diese vorgegebenen Normen wurden in Dir zur ‚eigenen Überzeugung‘ in Deinem Bewusstsein und zum ‚Gewissen‘ gemacht, das absoluten und unbedingten Gehorsam fordert und keine kritische Hinterfragung und Relativierung duldet, genauso wie bei religiösen Fundamentalisten."

A: „Ach Simon, - was du alles über mich zu wissen glaubst! Hör doch auf, dich hier als abgeklärten Welterklärer aufzuspielen! Mir ist schon klar, dass es gar keine absolute Objektivität gibt. Alle unsere Aussagen über die Welt sind immer irgendwie subjektiv.“

S: „Das ist doch mal eine gute Gesprächsgrundlage. Denn sich dies einzugestehen, ist sicherlich auch eine ‚Zumutung‘ und in gewissem Sinne ein ‚Opfer‘. Wenn man sich zurücknimmt auf seine eigene Subjektivität, schafft man einen ungeahnten Freiraum für den Gesprächspartner, dem es dann im Gegenzug auch eher möglich wird, seine Subjektivität ins Spiel zu bringen und damit einen ähnlichen Freiraum anzubieten.“

A: „Es gibt zwar keine absolute Objektivität, wohl aber eine relative. Diese gründet sich auf wissenschaftlich überprüfbare Fakten und nicht auf unbewiesene Glaubenssätze. Jeder kann natürlich immer noch glauben, was er will; aber man darf dabei auch nicht die Augen verschließen vor der Wirklichkeit. Wenn die Bibel also z.B. von Wundern oder von Totenauferstehung spricht, dann sind das Glaubensaussagen, aber keine Tatsachen.“

S: „Woher willst Du das wissen, dass diese Dinge keine Tatsachen sind? Warst Du etwa dabei?“

A: „Nein, natürlich nicht. Aber es gibt auch heute noch keine echten Wunder und Totenauferstehung. Alles geht mit rechten Dingen zu. Also warum sollte es damals anders gewesen sein?!“

S: „Ob es damals aber anders war als heute, kannst Du nicht wissen, sondern nur glauben. Also ist der Satz: ‚Es gab diese Wunder nicht‘, auch nur eine Glaubensaussage.“

A: „Das ist doch absurd! Dann könnte jemand genauso gut behaupten, dass es die sieben Zwerge und die böse Hexe einmal gab. Oder dass es eine fliegende Kaffeekanne gibt, die um die Erde kreist, oder das fliegende Spaghettimonster! Solange man die Existenz einer Sache nicht beweisen kann, muss man auch nicht notwendigerweise von dessen Existenz ausgehen.“

S: „Du kannst mit wissenschaftlichen Methoden nichts beweisen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Du kannst aber geschichtliche Berichte glauben, solange Du keinen begründeten Anlass hast, sie anzweifeln zu müssen.“

A: „Diesen begründeten Anlass habe ich doch aber! Denn wenn so viele übernatürliche Ereignisse, wie sie in der Bibel beschrieben werden, in der Gegenwart noch nie passiert sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Geschichten erfunden sind, doch sehr, sehr hoch. Und zudem kommt noch, dass die damalige Zeit dafür bekannt war, dass man solche Wundergeschichten erfunden hat, ohne dass dies die religiöse Aussage irgendwie beschädigen würde, da es für das religiöse Leben unbedeutend ist, ob diese Geschichten tatsächlich passiert sind.“

S: „Auf solche geistigen Fehlkonstruktionen können auch nur die von Gott längst abgefallenen, unaufrichtigen und heuchlerischen Theologen von heute kommen! Für meinen Glauben ist es aber durchaus von Bedeutung, dass die Dinge auch tatsächlich passiert sind, denn sonst müsste ich ja auch an der Allmacht Gottes zweifeln. Angesichts der Schönheit und Weisheit der Schöpfung habe ich aber keinerlei Grund dazu.“

A: „Dein naiver Glaube sei dir ja belassen. Aber wenn sich heute ernsthafte Wissenschaftler mit der Bibel auseinandergesetzt haben, dann solltest du deren Erkenntnisse ernst nehmen und es als eine Herausforderung für deinen Glauben ansehen. Denn das sind echte Experten, während du nur ein Laie bist mit einer eher dilettantischen Herangehensweise an die Bibel.“

S: „Die Bibel selbst bezeugt, dass sie gar nicht für die Klugen der Welt geschrieben wurde, sondern gerade für einfache Leute, denen Gott aber einen großen Glauben geschenkt hat: ‚Das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, damit Er die Weisen zuschanden mache‘(1.Kor.1:27), denn Gott will nicht, dass sich irgendwer vor Ihm rühmen könne. Deshalb betete Jesus damals zu Seinem Vater: ‚Ich danke Dir, Gott, HErr des Himmels und der Erde, dass Du dies vor klugen und intelligenten Menschen verborgen hast und hast es stattdessen einfältigen Kindern geoffenbart! Ja, Vater, denn genauso war es wohlgefällig für Dich!‘ (Matth. 11:25-26). Die Bibel ist so geschrieben, dass sogar ein kleines Kind sie verstehen kann, weil es aufrichtig und ehrlich ist. ‚Gott hat den Menschen aufrichtig geschaffen, sie aber suchen immer wieder viele Konstruktionen‘ (Pred. 7:29).“

A: „Das ist wirklich der Gipfel an Unverschämtheit und Volksverdummung! Da wird den Einfältigen und Ahnungslosen auch noch weisgemacht, dass ihre Einfalt und Ahnungslosigkeit Gott wohlgefällig ist! Dann braucht man sich ja wirklich nicht mehr wundern, dass sie nichts mehr dazu lernen.“

S: „Wenn dies wirklich eine perfide List von machthungrigen Religionsführern wäre, dann hättest Du sicher recht. Aber gesetzt den Fall, dass Gott in Seiner Weisheit tatsächlich beschlossen hat, die dünkelhafte, jedoch begrenzte Erkenntnis des Menschen beschämen zu wollen, wäre es dann nicht allzu folgerichtig, dass Er sich gerade solche Menschen erwählt, die eher unbelesen und unverbildet sind, die also noch ein ganz natürliches Empfinden haben, um das Wort Gottes so anzunehmen im kindlichen Glauben wie es geschrieben steht?“

A: „Unverbildet!?! – wenn ich das schon höre! Als ob Bildung schädlich sein könnte! Dabei ist es doch gerade das Lesen von möglichst vielen Büchern, dass einem Menschen hilft, seinen engen Horizont zu erweitern. Wie soll denn ein Mensch, der in einer Sekte gefangen ist, je herausfinden, dass er im Irrtum ist, wenn er nie die Literatur liest, die sich kritisch mit dieser Sekte auseinandersetzt, sondern stattdessen – wenn überhaupt – nur die eigenen Schriften der Sekte liest, die ihn immer weiter einlullen?!“

S: „Liest denn etwa ein Atheist in der Bibel, um sich kritisch mit den Aussagen der Bibel auseinanderzusetzen? In Wirklichkeit lesen Atheisten doch auch am liebsten nur die Bücher ihrer
atheistischen Buchverlage. Denn es geht auch ihnen immer nur um Selbstbestätigung, aber nie um Selbstkritik. Die Verlage wollen einem die angestammte Sichtweise selbstverständlich nicht ausreden oder anzweifeln, sonst würden die Bücher ja nicht gekauft werden. Es geht immer nur darum, seinen Köcher mit neuen Argumenten zu füllen, um sie gegen die Gegner einzusetzen.“

A: „Ein Atheist ist aber frei; er kann lesen was er will. Ein Christ hingegen darf keine bibelkritische Literatur lesen, sondern ist gezwungen, nur die Bibel oder biblische Literatur zu lesen.“

S: „Falsch. Ein Christ wird genauso wenig zum Bibellesen gezwungen, wie ein Sportler dazu gezwungen wird, zu trainieren. Aber in beiden Disziplinen (=Jüngerschaften) gibt es einfach ein starkes Bedürfnis, durch regelmäßiges Trainieren zu wachsen.“

A: „Wenn ich aber in der Erkenntnis wachsen will, dann genügt es nicht, wenn ich nur ein einziges Buch wieder und wieder lese. Im Gegenteil: dies führt nur zu Verblödung und innerer Verbohrtheit. Bildung entsteht aber gerade im Diskurs, in der Kontroverse. Erst im Prüfen und Abwägen unterschiedlichster Argumente kann ein Mensch sich überhaupt erst eine eigene Meinung bilden. Erst durch den Widerspruch ist überhaupt erst Wissenschaft und Forschung entstanden. Ebenso in der Politik wurden Fehlentwicklungen erst durch das Zulassen und Hören von Kritik durch die Opposition aufgedeckt und beseitigt. Ohne Kritik gibt es keine Veränderung und damit auch kein Wachstum.“

S: „Grundsätzlich stimme ich Dir zu, sofern es zwischenmenschliche Beziehungen betrifft. Auch ich als Mensch kann mich nicht geistig entwickeln, wenn ich nicht mit meiner Umwelt interagiere und deren Kritik an mir ernst nehme. Die höchste Form der Kritik ist die Selbstkritik. Sie ist ein Zeugnis von innerer Reife und sollte daher auch immer eine Vorrangstellung haben vor der Kritik an anderen. Ironischerweise wird niemand freiwillig zugeben, dass er nicht selbstkritisch sei, obwohl er gerade dadurch beweist, dass er es NICHT ist.“

A: „Wenn du kritisches Hinterfragen befürwortest, warum klammerst du es dann in Bezug auf die Bibel aus?“

S: „Um diese Frage beantworten zu können, muss ich etwas ausholen und würde gerne mal ein Bild aus der Natur verwenden: Ursprünglich hat der Begriff ‚Kritik‘ seinen Ursprung im griechischen Wort für ‚Schneiden‘. Kritik ist sozusagen wie eine Schere, mit der man einen Baum beschneiden kann, damit er schöner aussieht und besser wächst. Kritik kann aber auch sehr zerstörerisch wirken, gleichsam einer empfindlichen Pflanze, die sich nach einem allzu drastischem Beschnitt nicht mehr erholt, sondern eingeht.

Kritik kann aber auch sinnlos sein, so wie wenn ich versuchen würde, mit einer Heckenschere einen viel zu dicken Ast abzuschneiden. Solche ‚Äste‘ sind wie Ansichten, die über Jahre gewachsen sind und sich durch stürmische Zeiten hinweg bewährt haben, und von denen sich niemand so ohne weiteres trennen möchte. Dazu bedarf es vielmehr des geduldigen und beharrlichen Einwirkens einer Säge, die durch das fortlaufende Hin und Her der scharfen Argumente sich immer tiefer gräbt in die Thematik bis zu dem Punkt, wo der Ast seine Stabilität verliert, d.h. ein für stabil geglaubter Standpunkt seine Haltbarkeit verliert.

Nun kann ja jeder in seinem Garten machen, was er will, ohne dass andere ein Recht hätten, sich einzumischen. Selbst wenn also jemand seinen Garten verwildern lässt, so dass er keinen schönen Anblick mehr bietet, ist das Privatsache. Wenn ich jedoch nur ein angestellter Gärtner bin und die Aufgabe habe, den Garten meines Chefs instandzuhalten, dann kann ich mit dem Garten nicht mehr machen, was ich will, denn sonst wird der Chef mich eines Tages ‚abschneiden‘, sprich: kündigen.
Die Bibel sagt, dass die Welt wie ein Garten ist, den Gott z.T. bepflanzt hat und über den Er Verwalter gesetzt hat. Eines Tages wird Gott Rechenschaft fordern von den Verwaltern. Und dort, wo sie Unkraut wachsen ließen, wird es ausgerissen, und wilde Bäume werden gefällt und verbrannt werden.

Und genauso sehe ich auch die Welt mit ihren unterschiedlichsten ‚Auswüchsen‘: Die Menschen können heute machen, was sie wollen – selbst die Bibel können sie kritisieren. Aber egal ob sie die Bibel verbrennen oder durch falsche Auslegungen unwirksam machen wollen – Das Wort Gottes bleibt dennoch in Ewigkeit bestehen und wird jene Menschen, die sich daran vergriffen haben, arg bestrafen. Ich selbst war auch mal so vermessen, die Heilige Schrift in Frage zu stellen, aber durch Gottes Gnade hat der Heilige Geist mir die Augen geöffnet, dass ich Gottes Wahrheit darin erkennen durfte.“

A: „Simon, ich glaube, dass du in einem System gefangen bist, dass in sich seine eigene Logik hat und deshalb von außen auch kaum angreifbar ist. Egal mit welchem Argument man dir kommen wird – du findest immer auch eine passende Stelle, wo du dieses zuordnen und dadurch entschärfen kannst, weil all diese Argumente in deinem System berücksichtigt werden.

Ich werde dir jetzt auch mal einen Vergleich anbieten, und zwar eine chinesische Fabel, die ich vor langer Zeit mal aufgeschnappt habe:

Es war einmal ein Künstler, der ein Bild gemalt hatte und lud danach all seine Freunde und Verwandten ein, um sich dieses Bild anzuschauen. Sie kamen alle und betrachten das Bild, während der Hausherr im Hintergrund blieb. Auf dem Bild war ein Tal mit Bergen herum zu sehen, und mitten im Bild befanden sich ein kleines Haus und ein Weg, der zum Haus führt. Die Besucher bewunderten das schöne Bild und fingen an, Fragen zu stellen. Als keine Antwort kam, drehten sie sich um und stellten fest, dass der Künstler verschwunden ist. Sie suchten ihn überall und schließlich fanden sie ihn: Sie fanden ihn in dem Bild ! Er stand auf dem Weg und ging auf das Haus zu. Dann wandte er sich ihnen zu, winkte ihnen noch einmal und ging dann in das Haus hinein. Seither wurde er nie wieder gesehen...

Der Mensch schafft sich also seine eigene Welt. Aber er ist sich unsicher, ob diese auch vor den kritischen Blicken seiner Umwelt bestehen kann. Wenn die anderen aber zufrieden sind, dann versenkt sich der Mensch in diese Welt, in der er leben will, und kommt nie wieder aus ihr heraus. Er schließt quasi seinen Frieden mit sich und seiner Umwelt, und er braucht seine alten Freunde dann nicht mehr.“

S: „Die Geschichte ist recht interessant, aber wenn Du sie auf mich beziehen willst, dann hinkt der Vergleich mindestens an drei wesentlichen Punkten: 1.) ich habe mir meinen Glauben nicht selbst entworfen, sondern ihn vorgefunden und angenommen. Und 2.) mache ich die Annahme dieses Glaubens nicht von der Zustimmung oder Ablehnung anderer Menschen abhängig. Und 3.) ziehe ich mich eben gerade nicht danach in mein Schneckenhäuschen zurück und kapsle mich von anderen ab, sondern im Gegenteil versuche ich, sie ebenfalls für meinen Glauben zu gewinnen.“

A: „Wenn du mich für deinen Glauben gewinnen willst, dann musst du dir schon die Mühe machen, auf bibelkritische Argumente einzugehen und sie nicht einfach mit dem Hinweis abzuwehren, dass Gott die Gebildeten der Welt ohnehin nicht erwählt hat und man deshalb auch gar nicht auf ihre Vorwürfe eingehen muss.“

S: „Das habe ich gar nicht behauptet. Dann nenne mir doch mal eines Deiner bibelkritischen Argumente.“

A: „Zum Beispiel das Problem mit der Überlieferung. Die Bibel berichtet ja von Ereignissen, die angeblich schon vor zwei- oder dreitausend passiert sein sollen. Damals gab es aber noch gar keine Bücher, denn das Schreiben wurde ja erst ca. 1000 v.u.Z. erfunden. Wie aber erklärst du dir dann, dass angeblich so komplexe Geschichten wie die aus dem 1.Buch Mose allein durch Erinnerung überliefert worden sein sollen? Man nimmt heute an, dass die Bücher des Pentateuchs erst im 8 Jh.v.u.Z. durch den jüdischen König Josia geschrieben wurden, der sie lt. Bibel angeblich erst beim Aufräumen im Tempel gefunden haben will.“

S: „Das ist Unfug. Das Lesen und Schreiben wurde schon 3000 Jahre v.Chr. in Mesopotamien erfunden, nämlich die Keilschrift, auch wenn sie nur wenige beherrschten. Moses wurde in Ägypten unterrichtet in aller damals vorherrschenden ‚Weisheit‘, also auch in der ägyptischen Sprache, den Hieroglyphen. Aber auch unter den Israeliten muss es viele andere gegeben haben, die lesen und schreiben konnten, weil sie sogar im Gesetz aufgefordert werden, Verträge und Dokumente schriftlich festzuhalten. Und die ganzen Psalmen, die David schrieb, soll sich angeblich irgendein unbekannter Schreiber erst im 8. Jh. alle ausgedacht haben? Das ist atheistisches Wunschdenken.“

A: „Nein! Es gibt noch andere Ungereimtheiten, die das 1.Buch Mose Lügen strafen: Angeblich ritten Abraham und seine Leute auf Kamelen. Diese wurden aber erst nach 1000 v.u.Z. domestiziert. Und dann heißt es, dass die Juden in 1.Mo.42 ihr Getreide mit Geld bezahlten. Die ersten Münzen wurden aber erst im 7.Jh. in Kleinasien erfunden.“

S.: „Deine Zahlen stimmen schon wieder nicht. Schon im 4. oder 3. Jahrtausend v.Chr. entstand das Hauskamel in Mittelasien und wurde danach als begehrtes Trag- und Reittier über weite Teile Asiens verbreitet. Und von Münzen steht auch nichts in der Bibel, sondern es heißt wörtlich ‚Silber‘, das als Tauschmittel zu festen Gewichtseinheiten in Ägypten Verwendung fand. Deine Zahlen hast Du aus jenem SPIEGEL-Artikel von 2002 über die Archäologen Finkelstein und Silbermann übernommen, hast sie aber nicht überprüft.“

A: „Weil ich auch keinen Anlass zum Zweifel hatte, denn die beiden sind seriöse Wissenschaftler, die einfach nur ihren Job gemacht haben. Aber ich werde deine Angaben jetzt noch einmal mit Google überprüfen.“

S: „Kein Mensch ist frei von eigenen Interessen und Voreingenommenheit, auch nicht sog. ‚seriöse Wissenschaftler‘, - was nicht selten zu fehlerhaften Forschungsergebnissen führt. Ein Beispiel: Wenn jemand unvoreingenommen diese Berichte in 1.Mose liest, würde er gar nicht auf die Idee kommen, dass diese Angaben falsch sein müssen. Solche Angaben fallen nicht einfach so ins Auge, sondern man entdeckt sie erst dann, wenn man zuvor gezielt nach ihnen gesucht hat. Diese Suche wiederum wird gewöhnlich erst durch eine vorgegebene Hypothese oder Theorie geleitet, z.B.: ‚Die Geschichten aus 1.Mose dürfen nicht stimmen, deshalb muss es irgendwo Hinweise geben, dass diese Geschichten erst über 1000 Jahre später aufgeschrieben wurden und daher mit größerer Wahrscheinlichkeit der Phantasie entspringen. Bestimmte Angaben werden der eigenen Hypothese entsprechend beachtet, während andere gar nicht erst ins Blickfeld gelangen. Dadurch steht der Wissenschaftler in Gefahr, der eigenen Theorie hinderliche Angaben auszuschließen oder zu übersehen.“

A: „Das mag ja sein, aber das gilt doch in erster Linie für bibelgläubige Wissenschaftler, die ihre Forschung nur zum Zwecke der Bestätigung biblischer Angaben betreiben und daher alles andere als objektiv und neutral sind. In ihrem Buch ‚Keine Posaunen vor Jericho‘ haben Finkelstein und Silbermann eindeutig nachgewiesen, dass es niemals einen Auszug Israels aus Ägypten gegeben haben kann, denn zur fraglichen Zeit um 1250 v.u.Z. regierte Pharao Ramses II als einer der bedeutendsten Herrscher des Alten Ägypten, der niemals zugelassen hätte, dass ihn ein kleines Nomadenvolk wie Israel einfach den Rücken kehrt. Das ist auch historisch in keiner einzigen Chronik erwähnt, und damit unbewiesen.“

S: „Ob es nun Ramses II war oder ein anderer Pharao, ist irrelevant; aber nach der biblischen Chronologie fand der Exodus möglicherweise um 1.450 v.Chr. statt, also schon 200 Jahre vorher. Andere Bibelkenner wie Roger Liebi datieren ihn sogar noch früher, nämlich im Jahr 1.606 v.Chr. also während des Mittleren Reiches in Ägypten. Zur damaligen Zeit, also ab Ende der 12. Dynastie, entstanden im Ostdelta und im gesamten Gebiet ‚Goschen‘, Siedlungen westsemitischer Halbnomaden, deren Stammesoberhäupter nicht nur sehr wohlhabend waren, sondern auch mehrfach zu höheren Positionen am ägyptischen Hof gelangten. Diese „asiatische“ Bevölkerung dehnte sich während der 13. Dynastie weiter aus, wurde aber - wie aus verschiedenen Quellen dieser Zeit hervorgeht - z. T. unterjocht. So berichtet ein Papyrus aus der Regierungszeit Königs Sobekhotep III. (1740 v. Chr.) von einer nicht geringen Anzahl von Sklaven in einem thebanischen Haushalt, mit sehr hebräisch klingenden Namen wie Menahem, Issachar, Asser und Schipra. Es wird vermutet, dass diese Gruppe von Westsemiten um 1650 v. Chr., am Ende der 13. Dynastie – als das Land von Epidemien und Anarchie heimgesucht wurde – Ägypten verlassen hat.“

A: „Schon klar! Und dann sind sie zu Fuß durch das Rote Meer marschiert und haben dann in glorreichen Schlachten die Festungen der Völker Kanaans erobert. Merkwürdigerweise haben die Archäologen bei ihren Ausgrabungen bis heute kaum Spuren von einem israelischen Königreich im Heiligen Land gefunden, so wie es in der Bibel über David und Salomo heißt. Die Historiker gehen heute von einer nachträglichen Beschönigung aus.“

S: „Es ist immer die Frage, wen man fragt. Vor kurzem hat ein Team um den Archäologen Jossef Garfinkel eine riesige Befestigungsanlage vor den Toren Jerusalems ausgegraben, in Khirbet Qeiyafa, und die darin gefundenen Tonscherben in althebräischer Schrift für die Zeit um 1000 v.Chr. datiert. Die Archäologen sind sich sicher, dass es sich um den Königspalast Davids handeln muss. Die Theorien von Finkelstein oder de Wette, dass es sich beim Alten Testament um eine Dokumenten-fälschung der Zions-Priester handelt, sind längst veraltet und mit den neuesten Funden nicht mehr haltbar.“

A: „Das höre ich zum ersten Mal. Die gängige Theorie geht davon aus, dass die Königreiche von David und Salomo frei erfunden sind, weil man weder in der zeitgenössischen Literatur jener Zeit noch bei Ausgrabungen Hinweise gefunden habe für ein israelisches Großreich, dem angeblich die arabischen Länder Tribut zollten. Man hat weder all das Gold gefunden, dass Salomo angehäuft haben soll, noch die ganzen Behausungen für seine angeblich 1000 Frauen. Bei dem, was man bis heute gefunden hat, muss man eher ein bedeutungsloses Duodezfürstentum annehmen.“

S: „Die Bibel berichtet, dass das Königreich Juda durch die Babylonische Eroberung dem Erdboden gleichgemacht wurde und alle Schätze geplündert wurden und als Beute nach Babylon gingen. Dennoch hat man bei Ausgrabungen in Megiddo und Hazor prunkvolle Bauten aus der Spätbronzezeit entdeckt mit Schätzen aus Elfenbein und Edelsteinen. In mesopotamischen Archiven wurden 10 Könige Israels direkt und chronologisch korrekt erwähnt. Und in anderen Quellen fand man 10 weitere Namen. Die altbekannten Thesen von Finkelstein, die alle paar Jahre wieder als sog. ‚Sensationsmeldung‘ aufgewärmt werden, wurden inzwischen alle längst widerlegt, z.B. durch den kanadischen Professor für Judaistik William G. Dever in seinem Buch ‚Was Archäologie uns über die Realität des antiken Israels sagen kann‘, das man im Internet kostenlos runterladen kann.“

A: „Über die Bewertung archäologischer Hinweise mögen sich die Gelehrten streiten. Aber es ist heute unbestritten, dass die Bibel erst Jahrhunderte später geschrieben wurde, und wie sollten sich die Schreiber noch an so viele Einzelheiten erinnern können!?“

S: „Die Israeliten wurden im Gesetz Mose von Gott dazu aufgefordert, jedes Ereignis ihren Kindern und Kindeskindern mitzuteilen, damit sie es nie vergessen würden. Ich wüsste nicht, warum ich also an dieser Methode der Überlieferung zweifeln sollte.“

A: „Und der sog. ‚Schöpfungsbericht‘- bzw. DIE Schöpfungsberichte, denn eigentlich sind es ja zwei – wer, bitte schön, sollte da als Zeuge daneben gestanden haben, um alles zu beobachten?“

S: „Der Schöpfungsbericht ist eine rückwärtsgerichtete Prophezeiung. Gott ließ den Schreiber in einer Vision erkennen, wie Er die Welt geschaffen hat, um es entsprechend aufzuschreiben.“

A: „Das heißt Adam und Eva soll es wirklich gegeben haben?“

S: „Warum nicht?“

A: „Weil es doch eindeutig eine Metapher ist! Die verbotene Frucht ist doch ein Symbol für die Sexualität. Adam und Eva hatten Sex miteinander, deswegen schämten sie sich danach.“

S: „Die Geschichte ist sicherlich AUCH eine Metapher, aber bestimmt nicht für Sexualität, denn diese hatte Gott ja selbst geschaffen und ihnen sogar geboten, als Er sprach: ‚Seid fruchtbar und mehret euch‘.“

A: „Aber es ist doch gar nicht erforderlich, an eine 6-Tage-Schöpfung zu glauben, zumal die Wissenschaft doch schon längst bewiesen hat, dass die Welt durch eine Evolution entstanden ist! Warum willst Du unbedingt krampfhaft an der wortwörtlichen Bedeutung der Bibel festhalten, wenn es für den Glauben doch völlig ausreichend ist, anzunehmen, dass die Bibel von Menschen geschrieben wurde, die sich einfach nur Gedanken über Gott gemacht haben?“

S: „Was in der Vergangenheit geschah, kann man grundsätzlich nicht wissen, sondern nur glauben. Wenn die Evolutionstheorie heute als ‚bewiesen‘ betrachtet wird, ist sie im Grunde auch schon zu einem Religionsersatz verkommen, denn ein seriöser Wissenschaftler würde das nie behaupten. Der österreichische Philosoph Karl Popper sagte mal: ‚Sollte auch einer einst die vollendete Wahrheit finden, so wüsste er es doch nicht. Es ist alles durchsetzt von Vermutung.‘ Früher habe ich auch immer geglaubt, dass Gott die Welt durch Evolution geschaffen hätte, aber solche Zugeständnisse an die moderne Wissenschaft halte ich heute für überflüssig, nachdem ich mir all der Erkenntnislücken in der Evolutionslehre bewusst geworden bin.“

A: „Die Lücken schließen sich aber nach und nach mit jedem neuen Fossil, das gefunden wird. Und wenn man nicht wie du krampfhaft an einer wörtlichen Bedeutung des biblischen Schöpfungsberichts festhalten will, kann man ihn durchaus als eine – für die damalige Zeit - geniale Beschreibung zur Erdentstehung betrachten. Man muss berücksichtigen, dass der Schreiber seine Vorstellung über den Ursprung der Welt mit den damals begrenzten, primitiven Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, beschrieben hat. Andere Völker haben weitaus absurdere Theorien über die Erdentstehung erfunden. Verglichen mit diesen, ist die Bibel noch am nächsten an der bis heute erkannten Wahrheit.“

S: „Ich halte nicht ‚krampfhaft‘ an einer wortwörtlichen Bedeutung fest, sondern ich sage lediglich, dass ich Gott auch eine Erschaffung an buchstäblich sechs Tagen zutrauen würde und dies nicht im Widerspruch zur Naturwissenschaft sehe, da wir das Vergangene grundsätzlich nicht beweisen können.“

A: „Hältst du es also für möglich, dass Gott die versteinerten Dinosaurierknochen absichtlich in den jeweiligen Erdschichten platziert hat, um später die ungläubigen Wissenschaftler hinters Licht zu führen?“

S: „Werde nicht albern.“

A: „Ach nein, albern ist doch vielmehr dieser lächerliche Glaube an eine 6-Tage-Schöpfung, die erst vor 6000 Jahren stattgefunden haben soll! Wann sollen denn deiner Meinung nach die Dinosaurier gelebt haben?! Und wie erklärst du dir, dass die Knochen schon längst versteinert und schon viele Millionen Jahre alt sind?“

S: „Ich bin kein Wissenschaftler, aber ich habe mal gehört, dass Versteinerungen schon innerhalb von wenigen Jahren geschehen können. Damit ein Lebewesen zum Fossil werden kann, muss es innerhalb kürzester Zeit unter Luftabschluss kommen, da es andernfalls verfault. Nach Vulkanausbrüchen werden häufig ganze Wälder mit zahlreichen Tieren in einem Augenblick durch einen pyroklastischen Strom luftdicht begraben. Durch den Kontakt mit dem mineralischen Sediment nimmt der Kadaver im Laufe der Jahre kristalline Struktur an wie das Umgebungsmaterial und wird zum Fossil.“

A: „Ja, aber das geschieht nicht innerhalb von Jahren, sondern von Jahrmillionen! Man kann an Hand der vielen Erdschichten wunderbar erkennen, wie sich durch Erosionen und Ablagerungen über zig Millionen Jahre die Erdschichten gebildet haben. Und durch Hebungen und Senkungen in der Erdkruste sind allmählich die Gebirge entstanden. Das kannst du in jedem Schulbuch nachlesen.“

S: „Das hat man von dem Grand Canyon auch immer behauptet. Aber nach dem Ausbruch des St. Helens im Jahre 1980 sind genau die gleichen Formationen innerhalb von drei Tagen 20 Meter hoch entstanden, inkl. Versteinerten Wäldern etc.“

A: „Willst Du jetzt behaupten, dass die Gebirge alle durch Vulkanausbrüche entstanden sind?“

S: „Nein. Aber ich glaube, dass es vor viertausend Jahren eine gewaltige Katastrophe auf der Erde gegeben hat, die gewaltige Umwälzungen auf der Erde verursachte. Die Bibel sagt, dass Gott bei der Sintflut ‚alle Quellen der großen Tiefe‘ aufbrechen ließ (1.Mo.7:11). Um die ganze Erde mit Wasser zu bedecken, könnten gewaltige, tektonische Risse und Erdrutsche einen Megatsunami ausgelöst haben. Das würde z.B. erklären, warum man in den Anden auf 4000 Meter Höhe Korallenriffe entdeckt hat oder versteinerte Wal-Kadaver in der Atacama-Wüste. Der Grand Canyon ist wahrscheinlich durch eine Superflut entstanden, als mehrere Seen auf einmal durch eine tektonische Hebung verlandeten und ihr Wasser durch den Canyon ableiteten.“

A: „Das ist reine Spekulation, die allen geowissenschaftlichen Studien widerspricht und nur dem Zwecke dient, den Mythos einer globalen Sintflut mit den erdgeschichtlichen Befunden in Einklang zu bringen! Außerdem: Wenn Noah von allen Tieren in seine Arche nehmen sollte, dann hätte er doch auch die Dinosaurier mitnehmen müssen, z.B. auch den Tyrannosaurus rex oder den Argentinosaurus, der über 30 Meter lang war und über 60 Tonnen wog.“

S: „Die Bibel berichtet davon, dass Gott auch ‚Ungeheuer‘ geschaffen hat (1.Mo.1:21), die sich wegen ihrer kolossalen Größe wahrscheinlich eher im Meer oder in Sümpfen aufgehalten haben, denn sonst wäre ihr Kreislauf unter der enormen Belastung wohl kollabiert. Die meisten von ihnen sind vielleicht schon vor der Sintflut ausgestorben oder konnten als Meerestiere überleben. Scheinbar haben aber auch nach der Sintflut noch Saurier auf der Erde gelebt, denn die Bibel beschreibt im Buche Hiob zwei gigantische Tiere, die es heute nicht mehr gibt, nämlich den Behemoth (wahrscheinlich ein Iguanodon) und den Leviathan (vielleicht ein Parasaurolophus).”

A: „Das ist doch völliger Schwachsinn! Die Dinosaurier sind vor 65 Millionen Jahren ausgestorben!“

S: „Dann erkläre mir mal, wie es sein kann, dass man in einem Flussbett in Texas und auch an vielen anderen Orten Fußspuren von Menschen neben Spuren von Sauropoden gefunden hat, was doch eigentlich gar nicht sein dürfte. Und dann fand man vor kurzem bei einem Tyrannosaurus Rex elastisches Gewebe mit zellulären Strukturen, die doch eigentlich längst versteinert sein müssten. Und überhaupt stellt sich die Frage, woher die Menschen der Bibel ein Wesen kannten, dass man als ‚Drachen‘ bezeichnet hat und dass auf sämtlichen Abbildungen genauso aussieht wie ein Dinosaurier!“

A: „Wahrscheinlich weil sie schon damals versteinerte Skelette gefunden haben, - oder was weiß ich! Außerdem: Wenn die Bibel von Drachen spricht, dann ist das nur ein Plagiat, denn schon die Sumerer schrieben vom Sternbild des Drachen. Auch die Sintflut oder die Hölle sind Ideen, die von den Babyloniern aus dem Gilgamesch-Epos abgeschrieben wurden.“

S: „Wer hier von wem abgeschrieben hat, lässt sich heute nicht mehr überprüfen. Und selbst wenn es Ähnlichkeiten gab aus alten Erzählungen anderer Völker, so ist das für mich kein Beweis einer Fälschung oder eines Plagiats, sondern im Gegenteil ein Beweis für die Zuverlässigkeit der biblischen Überlieferung, dass nämlich auch andere Völker das Gleiche bestätigt haben.
Ich kann mir sogar vorstellen, dass es auch durchaus eine Offenbarung Gottes in anderen Völkern und Kulturen gab, sonst hätten ja auch die drei Magier nichts von dem Messias wissen können.“

A: „Wobei wir jetzt wieder beim Ausgangsthema zurückgekehrt wären, nämlich der Überlieferung. Da würde mich jetzt aber mal EINES wirklich interessieren: Wenn man mal absieht von all diesen phantastischen Berichten über ein Meer, das sich in der Mitte teilte, einer brotähnlichen Speise, die wie Tau auf die Erde fiel oder einer Sonne, die sich einen Tag lang angeblich nicht vom Fleck rührte – warum glaubst Du eigentlich, dass die Bibel überhaupt Gottes Wort sei, zumal sie doch voll ist von Widersprüchen und Absurditäten?“

S: „Widersprüche lösen sich für denjenigen, der an das Wort Gottes glaubt, schnell in Luft auf, indem man eine plausible und nachvollziehbare Erklärung findet. Andersherum wird demjenigen, der partout nicht an die Bibel glauben will, selbst das plausibelste Argument nicht einleuchten, weil es ihn dazu zwingen würde, seinen liebgewonnenen Standpunkt aufzugeben.“

A: „Hier bin ich ausnahmsweise mal mit dir einer Meinung, wenn auch unter umgekehrtem Vorzeichen. Mir ist schon lange bewusst, dass ich dir deinen Glauben nicht nehmen kann, egal was ich sage. Wenn du mir hingegen auch nur einen einzigen wirklichen Beweis liefern würdest, warum ich an die Bibel glauben müsste, wäre ich durchaus offen.“

S: „Das wollen wir doch mal sehen! Wie wäre es z. B. mit Jesaja 53.“

A: „Wieso? Was steht denn da?“

S: „Dort beschreibt der Prophet, dass der kommende Messias ein Mensch sein würde, der von seinem Volk verachtet und geschlagen werden würde und am Ende von ihnen hingerichtet werden wird. All das hat sich bis ins Detail genauso erfüllt in JESUS CHRISTUS, obwohl dieser erst über 500 Jahre später gekommen ist. Wie erklärst Du Dir das? Und das ist auch nur eine von insgesamt etwa 360 Prophezeiungen der Bibel, die sich auf das erste Kommen des Sohnes Gottes auf Erden erfüllt haben!“

A: „Es könnte sich hierbei um eine sog. ‚sich selbst erfüllende Prophezeiung‘ handeln. Jesus glaubte daran, dass er der verheißene Messias sein würde und daher tat er automatisch alles, was über den Messias vorhergesagt wurde, damit er diese Rolle auch glaubwürdig erfüllen kann.“

S: „Du behauptest, Er hätte es absichtlich darauf angelegt, das man Ihn hinrichten solle, damit sich die Schrift erfüllen kann? Wer würde sich schon freiwillig als Unschuldiger quälen und anpfahlen lassen!? Der HErr Jesus bat den Vater sogar noch, dass - wenn es irgend möglich wäre - der Kelch doch an Ihm vorübergehen möge. Außerdem wird in Jesaja 53:12 sogar vorhergesagt, dass der reicher Jude Josef von Arimathia sich nach Seinem Tod dazu entschließen würde, den Leichnam in sein eigenes Grab zu legen: ‚Bei einem Reichen ist er gewesen in Seinem Tode‘. Wie hätte Jesus auf all dies Einfluss nehmen können?“

A: „Ob es alles wirklich so gewesen ist, daran wird sich doch nach 40 Jahren niemand mehr wirklich erinnern können, denn so lange hat es gedauert, bis das Markusevangelium als erstes darüber berichtete. Johannes hat sein Evangelium sogar erst 70 Jahre nach der Kreuzigung geschrieben. Wie erklärst du dir das, dass die Zeitzeugen Jesu es nicht für nötig hielten, ihre Berichte zeitnah zu verfassen? - falls diese überhaupt von ihnen selber stammen und nicht Fälschungen sind.“

S: „Die ersten Jünger rechneten noch zu ihren Lebzeiten mit der Wiederkunft des HErrn Jesus und sagten sich deshalb, dass es sich nicht mehr lohnen würde, überhaupt noch irgendetwas aufzuschreiben. Für wen denn auch, wo doch das Ende der Welt unmittelbar bevorstand?! Selbst der HErr Jesus wusste nicht, wann der Vater Ihn wieder zur Erde zurücksenden würde. Erst als nicht mehr mit einem unmittelbar bevorstehenden Wiederkommen zu rechnen war, schrieben die Jünger die Evangelien auf.“

A: „Das klingt plausibel. Aber genauso gut kann ich mir vorstellen, dass seine Jünger sich nicht mit dem frühen Tod ihres Meisters abfinden wollten und deshalb sich entschieden, eine Story zu erfinden, um ihre Anhänger bei Laune zu halten. Vielleicht ist sogar diese ganze Geschichte von Jesus auch nur ausgedacht und in Wirklichkeit hat es ihn vielleicht nie gegeben.“

S: „Das hätten die Atheisten wohl gerne. Denn dadurch bräuchten sie sich nicht mehr den Kopf zerbrechen, wie es möglich sein konnte, dass sich in JESUS CHRISTUS alle Verheißungen des Alten Testaments erfüllt haben. Deshalb wünschen sich einige dass es Ihn am besten nie gegeben hat, damit man ihnen nicht den Vorwurf machen kann, nicht an Ihn geglaubt zu haben.“

A: „Blödsinn. Im Gegensatz zu dir lasse ich mich jedenfalls nicht von Wunschdenken leiten, sondern prüfe Behauptungen, um sie als wahr oder falsch zu entlarven. Aber ist es nicht sehr merkwürdig, dass Jesus selbst nie etwas Schriftliches zurückgelassen hat? Alle Berühmtheiten der Geschichte haben etwas aufgeschrieben, an dem sie sich von der Nachwelt beurteilen lassen konnten. Und ausgerechnet der ‚Sohn Gottes‘ hat überhaupt keine Aufzeichnungen hinterlassen. Kommt dir das nicht verdächtig vor?“

S: „Jetzt machst Du es Dir aber wirklich zu leicht. Du weißt, dass auch Buddha oder Sokrates nie ein Buch geschrieben haben. Auch Karl der Große oder Dschingis Khan haben keine einzige persönliche Zeile hinterlassen. Wenn Du aber behauptest, Du würdest die Dinge prüfen, dann nimm Dir doch mal vor, die ganzen Prophezeiungen der Bibel zu überprüfen, ob sie sich schon erfüllt haben, und Du wirst merken, dass das kein Zufall mehr sein kann. Der Informatikprofessor Werner Gitt hat sich mal die Mühe gemacht, alle Prophezeiungen des Alten Testaments zu zählen, die sich schon erfüllt haben und kam dabei auf eine Zahl von 3268. Und es werden immer mehr, denn die Bibel berichtet auch über ganz aktuelle Ereignisse, die sich jetzt gerade erfüllen, z.B. über den IS-Staat als wiedererstandenes Assyrer-Reich."

A: „Immer lässt sich alles irgendwie mit irgendwas aus der Vergangenheit in Verbindung bringen, und alle zehn Jahre werden die Ereignisse neu gedeutet."

S: „Eine der beeindruckendsten Erfüllungen ist die Gründung des Staates Israel, mit der über Jahrhunderte niemand mehr gerechnet hat, die aber im Alten Testament immer wieder angekündigt wurde, z.B. in Hosea 3:4. Dort heißt es, dass die Nachkommen Israels eine sehr lange Zeit ohne Königtum und Schlachtopfer bleiben werden, bis sie am Ende der Tage wieder zu Gott umkehren."

A: "Diese sog. ‚Prophezeiung‘ bezieht sich doch auf die babylonische Gefangenschaft."

S: "Nein, Israel ging ja nicht nach Babylon, sondern nach Assyrien in Gefangenschaft. Allerdings wurde auch die Eroberung und Gefangenschaft des jüdischen Königreichs durch Babylon immer wieder angekündigt durch die Propheten Jesaja und Jeremia, was wiederum ein Beweis für die Zuverlässigkeit der Bibel ist."

A: "Die moderne Theologie geht heute davon aus, dass diese Prophezeiungen erst nach dem Exil aufgeschrieben und den älteren Propheten erst nachträglich angedichtet wurden, um sich eine historische Identität und Rechtfertigung zuzulegen. Es gibt hierfür auch einen theologischen Begriff, nämlich ein 'Vaticinium ex eventu'."

S: "Das kann man natürlich immer behaupten, wenn man der Bibel nicht glauben möchte. Aber es gibt Prophezeiungen, die nachweislich schon Jahrhunderte vor ihrer Erfüllung aufgeschrieben wurden."

A: "Nenne mir eine!"

S: "Z.B. in Daniel 9:26. Dort heißt es, dass der Messias 69 Jahrwochen (= 483 Jahre) nach Ankündigung des Tempelwiederaufbaus hingerichtet werden wird. Außerdem würde der ‚Fürst des kommenden Weltreichs‘ die Stadt Jerusalem anschließend zerstören. Kein ernstzunehmender Theologe hat je behauptet, dass das Buch Daniel erst Jahrzehnte n. Chr. geschrieben wurde. Dennoch berichtet dieser Vers von zwei Ereignissen, die sich erst in der Zeit nach Christi Geburt erfüllt haben."

A: "Ich gebe zu, dass diese Feststellung sehr erstaunlich ist. Ich werde noch mal einen Fakten-Check machen, um diese Behauptung zu überprüfen.
Möglicherweise hat Daniel hier nur eine Prognose abgegeben über eine relativ wahrscheinliche Geschichtsentwicklung.
Und hast du sonst noch eine erfüllte Prophetie auf Lager?"

S: "Ja klar! Jesus Christus sagt, dass das Evangelium eines Tages auf der ganzen Erde verkündigt werden wird. Wenn dies nur eine Prognose gewesen wäre, wie  wahrscheinlich wäre es wohl, dass sich die Botschaft eines damals kaum bekannten Wunderheilers irgendwann tatsächlich auf der ganzen Welt verbreiten würde?!"

A: "Auch hier kann es sich um eine Ironie des Schicksals handeln oder um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Soweit ich informiert bin, gibt es allerdings auch Prophezeiungen, die sich nicht erfüllt haben, z.B. die vorhergesagte, angeblich endgültige Zerstörung der Stadt Tyrus, die ja bis auf den heutigen Tag existiert."

 S: "Die Weltgeschichte ist aber auch noch nicht zu Ende. Ich gehe davon aus, dass sich diese Vorhersage des Propheten Hesekiel noch erfüllen wird."

A: "Cleverer Schachzug! Aber die Bibel kündigt eine Zerstörung von Tyrus durch Nebukadnezar an. Dieser ist aber schon vor 2500 Jahren gestorben."

S: "Nebukadnezar hat die Stadt ja auch tatsächlich belagert und einen Wall gegen sie aufgeschüttet, so wie es in Hes.26:7-8 steht. Richtig erobert hat sie schließlich allerdings erst Alexander der Große, dem es gelang, auch auf die Insel zu gelangen. Aber die endgültige Vernichtung von Tyrus steht offensichtlich noch aus. Übrigens fällt mir auf, dass Du in deiner Argumentationsweise gerade die Richtung gewechselt hast und Dir dadurch selber widersprichst: entweder Du gehst von einer nachträglichen Fälschung der Prophetie aus oder Du argumentierst mit einer Nichterfüllung der Prophetie. Beides jedoch geht nicht, denn sonst bist Du willkürlich und unaufrichtig."

A: "Mal halblang! Ich sehe da überhaupt keinen Widerspruch: Es könnte doch sein, dass die Schreiber sogar beim Fälschen noch gepfuscht haben, indem sie die geschichtlichen Details zwar theoretisch hätten wissen können, weil sie schon geschehen waren, aber dennoch oberflächlich waren, indem sie nicht richtig recherchiert haben, sondern sich auf schlechtes Hörensagen verließen.“

 S: „Also, bei so viel Skepsis und Argwohn frage ich mich, ob Du manchmal eigentlich auch mal an Deinen eigenen Zweifeln zweifelst. Wenn Du so misstrauisch bist in Bezug auf die Schreiber der Bibel, dann wundert es mich eigentlich, dass Du so bereitwillig und gutgläubig die bibelkritischen Theorien der modernen Theologie annimmst. Wie wäre es, wenn Du auch mal Deine eigenen Motive auf den Prüfstand stellst und Dich mal fragst, warum Du so voreingenommen bist gegen das Wort Gottes.“

A: „Ganz einfach: weil ich überall in der Bibel von Ereignissen lese, die aus meiner Sicht völlig unglaubwürdig sind. Deshalb ist sie für mich auch nicht das ‚Wort Gottes‘, sondern Menschenwort.“

S: „Ich glaube Dir nicht, wenn Du behauptest, in der Bibel zu lesen. In Wirklichkeit hast Du immer nur ÜBER die Bibel gelesen und sie dann als Nachschlagewerk benutzt, um Dich von DEM zu überzeugen, von dem Du ohnehin schon überzeugt bist bzw. überzeugt sein wolltest. Als ich das erste Mal in der Bibel gelesen habe, tat ich dies mit einem offenen Herzen und ich suchte nicht nach irgendwelchen Beweisen, die mich in meiner vorgefassten Meinung unterstützen sollten. Gott sah meine Aufrichtigkeit und schenkte mir den Glauben an Sein Wort.“

A: „Wozu musste er dir noch Glauben schenken, wenn du doch ohnehin schon bereit warst zu glauben?! Gilt diese Voreingenommenheit, von der du sprichst, nicht auch und gerade bei dir und anderen Christen?“

S: „Offen sein ist nicht dasselbe wie bereit sein. Stell Dir vor, Du findest eine große Muschel am Strand und hältst sie an Dein Ohr, weil Du schon mal gehört hast, dass andere behaupteten, sie würden das Rauschen des Meeres darin hören. Du könntest eine Doktorarbeit schreiben über Muscheln; aber Du würdest dennoch nie das Rauschen des Meeres hören, wenn Du sie nicht an Dein Ohr hältst. Und genauso ist es auch mit der Bibel: erst durch das Lesen mit offenem Herzen kann man erkennen, dass sie Gottes Wort ist.“

A: „Viele Menschen haben schon in der Bibel gelesen und sind dabei zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen.“

S: „Sicher. Der HErr Jesus beschreibt den Empfang der göttlichen Botschaft mit vier verschiedenen Herzensböden, von welcher nur einer wirklich offen und empfänglich war, so dass gute Frucht aus ihm entstehen konnte. Eigentlich braucht jeder Mensch die Worte Gottes, denn sie geben ihm eine unverzichtbare Orientierung in seinem Leben. Aber der Mensch lässt sich vom Teufel immer wieder bereitwillig ablenken und verführen, um nicht das Licht der Wahrheit zu erkennen. Stattdessen unterstellt man der Bibel, sie sei bloß eine plumpe Fälschung von ein paar machthungrigen Klerikern. Mir selbst fehlt hierfür einfach schlicht die Phantasie, mir vorstellen zu können, dass hier ein oder mehrere Romanschreiber sich einen so genialen Epos ausgedacht haben, der so klug durchdachte Erklärungen liefert auf so unterschiedliche Fragen der Menschheit. Denn so viel Fantasie und Genie traue ich ehrlich gesagt keinem Menschen zu. Und ich bin in dieser Einschätzung auch nicht der einzige.“

A: „Der Erfolg der Bibel ist in der Tat bemerkenswert und nicht zu leugnen.“

S: „Ja, - selbst wenn jemand (noch) nicht an Gott glaubt, muss er einräumen, dass die Worte der Bibel die Menschen über Jahrhunderte erbaut und getröstet haben. Man hat den gläubigen Gefangenen im sowjetischen Gulag die Bibeln weggenommen, aber sie haben sich über Jahrzehnte in der Dunkelheit gegenseitig auswendig gelernte Bibelpassagen zugesprochen und konnten dadurch die grausamen Haftbedingungen ertragen ohne irre zu werden. Welch ein anderes Buch hätte sowas vermocht! Hättest Du etwa die Weisheit besessen, ein ähnlich gutes Buch zu schreiben?“

A: „Ohne Frage: Religionen haben auch für mich ihre Berechtigung. Religionen sind Ausdrucksformen des menschlichen Bedürfnisses nach Transzendenz, d.h. des Wunsches, über sich hinaus zu wachsen, mehr zu sein als man ist. Aber in unserem innersten Wesen sind wir Menschen alle gleich. Weise ist man, wenn man sich selbst im anderen erkennt.

Die Juden z.B. wurden schon immer unterdrückt und gedemütigt. Deshalb haben auch sie dann, als es ihnen möglich wurde, andere Völker unterdrückt und gedemütigt. Aber nicht mehr als alle anderen Menschen auch. Gefühle von Rache und Ohnmacht können dann - wenn ihnen kein Ventil zur Entlastung bleibt - umgewandelt werden in religiöse Phantasien: dann wird es plötzlich ein göttliches Wesen sein, dass am Ende alle Ungerechtigkeit sühnt, indem es stellvertretend Rache an den Feinden übt. Dies gibt der eigenen Seele Auftrieb und Zuversicht, um weiter leben zu können. So einfach ist das. Deshalb ist die Bibel durchaus ein raffiniertes Buch so wie der Koran oder die Bhagavad Gita, und über alle Jahrhunderte hinweg bewährt. Sie ist ein Erbe der Menschheit - keine Frage!“

S: „Sie ist weit mehr als das. Nehmen wir mal z.B. irgendeinen Vers aus der Bibel, z.B. Römer 15:1, dort heißt es: ‚Wir nun, die Starken, sind schuldig, die Schwachheiten der Schwachen zu tragen, und nicht uns selbst zu gefallen.‘ Solche Sätze findest Du in keinem Buch der Welt! Die Bibel gibt dem Menschen nicht nur Halt, sondern auch klare Handlungsanweisungen, damit sie sich so zueinander verhalten sollen, wie sich Gott uns gegenüber verhält. Und keine andere Religion gibt den Schwachen einen Vorzug; bei dem Gott der Bibel hingegen ist dies Programm: Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten werden die Letzten sein. Das ist göttliche Weisheit.“

A: „Es gibt viele andere gute Bücher, die noch viel mehr ins Detail gehen. Gerade im Bereich der Ethik denken die Experten heute viel differenzierter als es im Altertum noch üblich war.“

S: „Des vielen Büchermachens ist kein Ende, aber kaum ein Buch hat die Welt so sehr verändert wie die Bibel, und auch das persönliche Leben. Ich war z.B. früher völlig anders als heute, aber Gott hat mich durch die Begegnung mit Seinem Wort gezügelt und gezähmt. So war ich z.B. in meiner Jugend an unzähligen Prügeleien beteiligt, die meistens dann vor Gericht endeten. Mit 16 wurde ich angeklagt wegen Diebstahl und Hehlerei. Ein Jahr zuvor hatte ich fünf Hunde erschlagen und auf meine Schwester geschossen. Und ich weiß nicht, was noch aus mir geworden wäre, wenn ich nicht Jesus Christus kennengelernt hätte.“

A: „Das ist doch ein altes Klischee: Nur durch die Gottesfurcht hält sich der Mensch angeblich vom Bösen fern. Und jetzt, wo sich die Menschen von Gott verabschiedet haben, fehlt ihnen das, was sie früher abhielt, ihren anarchischen Neigungen zu folgen. Der Dichter Fjodor Dostojewski hatte einstmals behauptet, ohne den Glauben an Gott gibt es keine Moral, denn der Mensch braucht einen Grund, sich rechtschaffen zu verhalten, und sei es auch nur den, dass er Gottes Bestrafung fürchtet. Wenn er
aber versucht, sich nur von Vernunftgründen leiten zu lassen, dann könne es passieren, dass er es für sinnvoll erachtet, ein in seinen Augen unwertes Leben zu vernichten, so wie es der Student Raskolnikow an der alten Pfandleiherin tat im Roman "Schuld und Sühne"(1866). Pure Vernuft darf niemals siegen – aber deshalb an einen Gott glauben zu müssen, wäre doch etwas erbärmlich.“

S: „Auch ungläubige Menschen sind selbstverständlich zu moralischem Handeln fähig. Aber bei einem Ungläubigen dreht sich dennoch alles mehr oder weniger nur um sich selbst. Selbst wenn er Gutes tut, hofft er insgeheim darauf, von Menschen Dank und Ehre zu erlangen. Ein Christ hingegen lernt, dass das eigentlich wertvolle Lob nicht von Mensch, sondern von Gott kommen soll und wird. Durch das Fehlen eines göttlichen Gegenübers erfährt ein Ungläubiger weder Orientierung noch Geborgenheit, sondern er lebt in einer elendigen SELBSTBEZOGENHEIT und EINSAMKEIT.
Ein Christ ist nie einsam und allein, weil er Gott immer an seiner Seite weiß und im Bewusstsein hat.“

A: „Wenn die Gläubigen sich wirklich immer so geborgen fühlen würden, dann frage ich mich, warum so viele von ihnen weinen im Gebet. Eigentlich müssten sie doch glaubensstark triumphieren und alle inneren Zweifel mit einem Schlag wegpusten, wo sie sich doch angeblich immer Gottes Beistand gewiss sein können. Die Praxis sieht aber immer wieder erschreckend anders aus. Der amerikanische Dichter Truman Capote hat es mal so formuliert: ‚Die meisten Tränen werden nicht über nicht-erhörte Gebete geweint, sondern über erhörte‘.“

S: „Gottes Kinder sind oftmals nicht immer ein solches Vorbild, wie sie es eigentlich sein sollten. Aber Du musst auch mal eins sehen: In der Gotteserfahrung geht es nicht unbedingt nur um emotionale Hilfe, sondern es geht um den Sinn des Leidens. Ein ungläubiger Mensch kann nur solange glücklich sein, solange er nicht leidet, denn für ihn ist das Leid sinnlos. Der gläubiger Mensch hingegen kann auch im Leid Glück empfinden, weil er darin einen Sinn sieht, nämlich ein Überwinder zu werden.“

A: „Das erinnert mich an ein Zitat aus einem anderen Buch von Aldous Huxley, aus „Schöne Neue Welt: ‚Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde!‘" Ich kann das gut nachvollziehen, dass es viel spannender ist, wenn man ein Gegenüber im Leben hat, denn es macht ja auch kein Spaß, alleine ins Kino zu gehen. Aber Gott ist doch wie ein Tamagotschi, eine Imagination, - ja, eine Illusion. Für einen intellektuell geprägten Menschen wäre es eine Zumutung, wenn er sich auf die Phantasiewelt von Kleinkindern herab begeben müsste, um wie im Kasperletheater ständig den Teufel zu verdreschen. Auch diese ganze Gefühlsduselei, die mit dem fragwürdigen Begriff über den angeblichen ‚Sinn des Lebens‘ oder dem ‚Sinn des Leidens‘ auch noch philosophisch verbrämt wird! Ich brauche diesen ganzen Seelenfurz nicht!“

S: „Jetzt kommst Du aber gerade selber mit einem sehr typischen Klischee und Schwarz-Weiß-Denken: der Gläubige ist in der Regel nicht intellektuell geprägt, sondern suhlt sich larmoyant im eigenen Leid, während der Atheist immer einen kühlen Kopf behält und souverän seine Gefühle unter Kontrolle behält. Emotionalität kann natürlich nur auf den religiösen Menschen zutreffen, da der ‚intellektuell geprägte Mensch‘ zufällig auch über eine außerordentliche Nüchternheit verfügt die ihm zu keinem Zeitpunkt je verlässt. Ich nehme an, dass Du Dich natürlich auch zu solchen fehlerlosen Menschen zählst, oder diesen Eindruck zumindest suggerieren möchtest. Ich muss jedoch zugeben, dass Christen im Schnitt wahrscheinlich tatsächlich eher zur Weichlichkeit neigen als vergleichsweise Atheisten. Dafür haben sie aber möglicherweise auch mehr Mitgefühl und Sensibilität.“

A: „Du hast aber vorhin doch selbst gesagt, dass nur die Einfältigen und die Kinder das Reich Gottes betreten werden, also warum verteidigst du dich so sehr? Ich habe auch nicht behauptet, dass ein rationeller Mensch immer auch seine Gefühle unter Kontrolle hat. Und du wirst staunen: ich sehe auch durchaus positive Wirkungen des Glaubens auf die menschliche Seele, allerdings ähnlich wie es Psychopharmaka oder Drogen auf das Bewusstsein ausüben. Vielleicht gibt es ja sogar wirklich einen Gott, aber ich glaube nicht, dass wir dann wirklich etwas über ihn wissen können. Und darin sehe ich ja gerade die Vermessenheit der Bibel, dass sie ein Bild von Gott entwirft, von sehr menschlichen Charakterzügen. Wenn es einen Gott gibt, dann bleibt uns sein Wille ein Geheimnis. So wie der alte Goethe schon damals den Faust antworten lässt auf die ‚Gretchenfrage‘, ob er an Gott glaube: ‚Wer darf sagen: ich glaub an Gott? ... Wer darf ihn nennen und wer bekennen: Ich glaub' ihm?‘.“

S: „Keine falsche Bescheidenheit. Gott selbst will ja, dass wir an Ihn und Sein Wort glauben sollen. Und wenn die Bibel Gott teilweise mit menschlichen Charakterzügen darstellt, dann nicht deshalb, weil die Autoren sich einen solchen Gott gewünscht haben, sondern weil Gott uns nach Seinem Wesen geschaffen hat, damit wir durch die menschlichen Tugenden eine Vorstellung vom Wesen Gottes haben können. Ein Agnostiker gibt sich zwar immer ganz bescheiden durch sein Bekenntnis zur Unwissenheit, aber in Wirklichkeit ist die Überzeugung, dass man von Gott nichts wissen kann, ja selber auch eine Art ‚Wissen‘, das einem Glaubensbekenntnis verblüffend ähnelt. Der einzige Unterschied zwischen uns besteht nicht darin, dass Du nicht glauben kannst, sondern darin, dass Du nicht glauben willst, aus was für einen Grund auch immer! “

A: „Dass wir Gott nicht beweisen können, sollte eigentlich seit Immanuel Kant unstrittig sein. Und es hat auch wirklich nichts mit Bescheidenheit zu tun, wenn ich die Feststellung treffe, dass uns Gott und sein Wille ein Geheimnis bleiben muss und dass wir ihn nur durch den Glauben erfahren können oder auch nicht. Ich selbst habe kein Problem damit, dass ich die Frage nach Gottes Existenz nicht beantworten kann, denn gerade der Umstand, dass diese Frage für mich offen bleiben muss, gibt meinem Leben eine gewisse Spannung. Ich möchte nicht in einer gänzlich entzauberten Welt leben, in welcher es keine Geheimnisse mehr gibt. Mich erinnert das an ein Zitat aus dem Satirebuch ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘ von Douglas Adams, wo der Sprecher der Philosophengewerkschaft sagt: ‚Wir fordern keine feststehenden Tatsachen, was wir fordern, ist das totale Fehlen feststehender Tatsachen... Ich meine, was haben wir davon, dass wir uns halbe Nächte mit der Frage um die Ohren schlagen, ob's nun einen Gott gibt oder nicht, wenn diese Maschine euch am nächsten Morgen einfach seine verdammte Telefonnummer ausspuckt?‘.“

S: „Ich kann darüber nicht lachen. Die Bibel sagt, dass die Menschen am Ende ohne Ausrede vor Gott stehen werden, weil sie Ihn hätten erkennen können, durch die Natur und durch Sein Wort. Wem viel gegeben ist, von dem wird Gott eines Tages auch viel zurückverlangen. Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, weshalb der Mensch auch nicht für seinen Unglauben bestraft werden wird, sondern für seine sündigen Taten und auch für seine Tatenlosigkeiten, also seine Unterlassungssünden.“

 

Ein Gespräch über die Evolutionstheorie und die Bibel

A: „Simon, die Naturwissenschaften haben in den letzten 200 Jahren so viele Entdeckungen gemacht, dass die Menschheit noch nie so gebildet und aufgeklärt war wie heute, was zu einem enormen technischen und kulturellen Fortschritt geführt hat. Es stellt sich heute für viele Menschen deshalb zu recht die Frage, warum sie eigentlich noch an einen Gott glauben müssen.“

S: „Die Wissenschaft entdeckt und beschreibt die vielfältigen Erscheinungen der Natur, aber sie kann nicht die viel wichtigere Frage beantworten, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Die Bibel erklärt, dass all die wunderbaren und zweckmäßigen Phänomene in der Natur jedem Menschen plausibel machen können, dass diese nicht aus Zufall da sein können.“

A: „Warum denn nicht?! Ich finde das überhaupt nicht einleuchtend, dass ich deshalb an die Existenz eines Schöpfers glauben muss. Mir fällt es viel schwerer, an irgend ein höheres Wesen zu glauben, dass alles aus dem Nichts hervorgezaubert hat, als die Vorstellung, dass sich die Dinge allmählich von alleine so entwickelt haben. Warum denkst Du, dass das unmöglich ist?“

S: „Weil tote Materie keine neue Information, geschweige denn Leben hervorbringen kann.
Ein Auto entsteht ja auch nicht von alleine, sondern wurde von Menschen zusammengebaut. Dabei ist ein Lebewesen doch wesentlich komplexer als ein Auto! Für 90 % aller Menschen, die je auf Erden gelebt haben, war der Zusammenhang zwischen Schöpfung und Schöpfer absolut zwingend und plausibel. Der moderne Glaube, dass alles auch von ganz alleine entstanden sein könnte, ist aus meiner Sicht unlogisch und unvernünftig. Menschen, die den Zufall für plausibler halten als die Erschaffung haben für mich einen viel größeren GLAUBEN, als die sog. ‚Gläubigen‘.“

A: „Was heißt denn hier ‚Glaube‘! Wir brauchen heute doch gar nicht mehr glauben, sondern die Wissenschaft hat doch längst herausgefunden, wie die Welt entstanden ist. Und was die Leute früher glaubten, ist doch längst durch neuere Kenntnisse widerlegt. 90% der Menschheit glaubten früher ja auch, die Erde sei eine Scheibe und die Sonne drehe sich um die Erde. Die Dummheit der Menschen würde ich daher nicht als Argument bringen. Eher ist es doch ein Zeichen von Dummheit und Ignoranz, wenn man aus religiöser Voreingenommenheit die modernen Fakten nicht wahrhaben will. Von der Evolutionstheorie ist doch im Übrigen längst bewiesen, dass es sie gibt!“

S: „Dass es die Evolutionstheorie gibt, habe ich nie bestritten, aber ob die Welt durch Evolution entstanden ist, ist eine andere Frage. Es gibt viele Theorien über den Ursprung der Welt, die miteinander in Konkurrenz stehen, aber bewiesen ist keine von diesen, denn sonst würden wir ja auch nicht von einer THEORIE sprechen, sondern von einer überprüfbaren Tatsache.“

A: „Das heißt nur ‚Theorie‘, aber in Wirklichkeit zweifelt kein seriöser Wissenschaftler heute mehr daran, dass die Welt durch Evolution entstanden ist bzw. sich durch Evolution nach wie vor weiterentwickelt. Die Wissenschaft arbeitet mit Modellen und Theorien, wie z.B. die Niederschlags-Theorie, die funktionieren und sich bewährt haben, auch wenn man sie nicht ins Kleinste beweisen kann.“

S: „Dein Vergleich mit dem Niederschlag passt nicht. Du kannst heute durch ein Experiment ohne Probleme den Kreislauf des Wassers nachweisen. Was aber bisher noch niemandem gelungen ist, ist ein Experiment um die angebliche Höherentwicklung einer Art zu beweisen. Man hat schon Abertausende von Fruchtfliegen radioaktiv bestrahlt und noch nie hat sich dadurch auch nur eine einzige zu einer höheren, neuen Lebensformen entwickelt. Stattdessen sind sie alle verkrüppelt oder gestorben. Diese Experimente haben also eher bewiesen, dass Makro-Evolution gar nicht möglich ist.“

A: „Aber dass Tiere und Pflanzen sich verändern durch positive Mutation ist doch längst belegt durch zahlreiche Versuche. Außerdem gibt es abertausende Fossilien, von längst ausgestorbenen Arten, an denen man die Veränderungen vom Primitiven hin zum Komplexen genau beobachten kann. Kein ernst zu nehmender Naturwissenschaftler würde deshalb heute noch die Evolution in Frage stellen.“

S: „Es zeugt nicht gerade von Fairness, wenn Du den zahlreichen Biologen, Genetikern, Anthropologen und Paläontologen, die NICHT an die Evolutionstheorie glauben,
unterstellst, dass man sie als Wissenschaftler nicht ernst nehmen könne, nur weil sie die Mainstream-Doktrin nicht teilen wollen.“

A: „Aber es ist doch nun mal eine Tatsache, dass die Evolutionstheorie heutzutage nicht mehr angezweifelt wird, sondern sie ist fester Bestandteil in der Naturwissenschaft und im Schulunterricht.“

S: „Allerdings. Die Synthetische Evolutionstheorie ist aus meiner Sicht ein nahezu religiöses Dogma, das man nicht mehr in Frage stellen darf. Tatsache ist aber, dass sich z.B. die Entstehung von neuen Arten nicht beweisen lässt. Schon Darwin hat das Fehlen von Zwischenstufen (Missing Links) bedauert und die Hoffnung gehegt, dass sich diese eines Tages noch finden lassen. Aber selbst beim berühmten Archaeopteryx hat man bisher vergeblich nach fossilen Vorstufen gesucht, obwohl er tatsächlich sowohl einigen Dinosauriern wie auch Vögeln ähnelt.“

A: „Man hat aber gerade in den letzten Jahren sehr viele neue gefiederte Reptilien entdeckt, vor allem in China, so dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, dass man die passenden Übergangsstufen entdeckt.“

S: „Dennoch bleibt besonders die Entstehung von flugfähigen Federn bis heute ein großes Rätsel und ebenso, welcher Evolutionsdruck diese begünstigt haben könnte. Wahrscheinlich handelt es sich beim Archaeopteryx um eine ausgestorbene Vogelart, die als Warmblüter mit einer speziellen Vogellunge ausgestattet war.“

A: „Könnte es nicht sein, dass die Schuppen der Vogelvorfahren von Generation zu Generation länger geworden waren? Später wären die Kanten vielleicht ‚ausgefranst‘, bis sie sich schließlich gespalten und in die ersten echten Federn verwandelt hätten. Dadurch wurde das Gleiten von Baum zu Baum immer einfacher, bis die Reptilien plötzlich fliegen konnten.“

S: „Für das Gleiten allein bedurfte es keiner Federn. Es hat auch Flugsaurier gegeben, die überhaupt keine Federn hatten. Zudem bieten gefiederte Flügel, ein Vogelherz und eine Vogellunge dem Lebewesen nur dann einen Überlebensvorteil, wenn sie allesamt und gleichzeitig komplett ausgebildet und voll funktionstüchtig sind.“

A: „Vielleicht haben sich die Federn ja auch aus ganz anderen Gründen entwickelt, z.B. um das Tier zu wärmen oder um das Weibchen durch Farbenpracht zu beeindrucken. Dass es damit aber auch besser fliegen kann, hat das Tier dann wohl erst später durch Zufall entdeckt.“

S: „Dann stellt sich aber erst recht die Frage, woher diese scheinbar ja zielgerichtete Information herkommen sollte, um diese doch offensichtlich sehr nützlichen Eigenschaften entstehen zu lassen, denn Zweck und Bestimmung kennt die Evolution ja gar nicht, sondern nur zufällige Veränderungen durch positive Mutationen, die extrem selten sind. Eine Studie hat gezeigt, dass nur 0,041 % aller Mutationen positiv sind, während 99,959 % negativ sind, d.h. dass sie genauso wie die Selektion in den meisten Fällen einen Funktionsausfall bestimmter Eigenschaften zur Folge haben.“

A: „Was letztlich aber wirklich ‚negativ‘ oder ‚positiv‘ mutiert hat, ist nicht immer so leicht zu bestimmen. Welcher Funktionsausfall war z.B. bei der Mutation der blauen Augen? Oder den Mutationen der roten Haare oder der weißen Haut? Oder welchen Funktionsausfall gab es, bei der Mutation der Laktosetoleranz?“

S: „Da ich selber rothaarig, hellhäutig und blauäugig bin, kann ich – denke ich – glaubhaft bezeugen, dass mir z.B. das mangelnde Melanin in meiner Haut schon oft Nachteile gebracht hat, wenn ich auf Reisen in sonnige Länder war. Und die Laktosetoleranz ist wohl eher als positive Mutation zu werten. Viel wichtiger ist aber die Frage, welche positiven Mutationen überhaupt je einen ganz neuen Tiertypus hervorgebracht haben. Als der englische Evolutionsanhänger Richard Dawkins mal gefragt wurde, ob er von irgend einer positiven Mutation weiß, die neue Information oder gar einen ganz neuen Tiertypus hervorgebracht hätte, geriet er in Verlegenheit und musste sie nach einer langen Nachdenkzeit verneinen.“

A: „Fast alle Polartiere mit weißem Fell sind auf eine positive Mutation zurückzuführen. Das nur als kleines Beispiel. Was glaubst du denn woher diese sonst herkommen?“

S: „Dass es Veränderungen innerhalb einer bestimmten Tiergattung gibt, ist unbestreitbar. Aber es geht um die Frage, ob auch eine Entwicklung zu höheren Lebensformen bzw. die Entstehung einer neuen Tiergattung aus einer anderen überhaupt möglich ist. Letzteres wird auch "Makroevolution" genannt, im Gegensatz zur "Mikroevolution", sprich der Entwicklung innerhalb der gleichen Gattung. Es gibt z.B. neben den zahlreichen Pferderassen auch noch Esel oder Zebras, die alle zur selben Gattung zählen. Aber aus einem Pferd wird z.B. nie eine Giraffe entstehen können.“

A: „Das hat ja auch nie einer behauptet. Dennoch aber ist offensichtlich, dass die Pferde und die Giraffen gemeinsame Vorfahren hatten. Wahrscheinlich sind die Giraffen einmal aus den Hirschen hervorgegangen.“

S: „Aber wie sollte das gehen? Giraffen sind über 5 m hoch und haben neben einem langen Hals auch sehr lange Beine, die sich theoretisch synchron hätten entwickeln müssen, da ein Tier mit zu langen Beinen nicht mehr Wasser trinken kann, aber mit einem viel zu langen Hals das Gleichgewicht verlieren würde. Zudem verfügt die Giraffe über muskulöse Schlagadern mit speziellen Ventilklappen in den Venen, damit beim sekundenschnellen Heben ihres kranartigen Halsauslegers in 5 m Höhe keine Blutleere im Gehirn entsteht. Wie aber sollte dieses komplexe Zusammenspiel sich zufällig gleichzeitig entwickelt haben?! Zudem gibt es von der Giraffe weder fossile noch lebende Zwischenstufen, obwohl man bei der Vielzahl an erforderlichen Mutationen eigentlich damit rechnen müsste.“

A: „Die Giraffen konnten sich durch ihre langen Hälse von Bäumen ernähren und hatten dadurch einen Überlebensvorteil gegenüber allen anderen Arten, deren Hälse nicht lang genug waren. Diese sind ausgestorben, weil sie sich nicht an veränderte Klimabedingungen anpassen konnten. Dieses Prinzip der Selektion hat schon Charles Darwin beschrieben als ein ‚survival of the fitest‘. Veränderungen durch Selektion können wir heute überall beobachten, z.B. bei den zahlreichen Hunderassen, die alle einmal vom Wolf ausgingen.“

S: „Die Hunderassen sind ja vor allem durch Zucht entstanden, also der gezielten Selektion eines bestimmten und gewünschten Merkmals. Die bekannte Folge der Hundezucht ist aber eine ENTARTUNG und eine Verkümmerung des Genpools, die in der Folge zu erheblichen Gesundheitsschäden führt. Von einer Bildung neuer Tiertypen kann also gar nicht die Rede sein bei der Selektion, sondern eher von einer allmählichen Zerstörung der Art. Auch die berühmten Darwinfinken haben nur eine Vielfalt innerhalb ihrer Gattung gebildet, aber aus ihnen ist nicht irgendwann eine ganz neue Vogelordnung entstanden. Tiere können aussterben wie z.B. die Dinosaurier. Aber die heute bekannten Tiergattungen gab es schon in der Steinzeit. Das beweist, dass die von Gott geschaffenen Tierordnungen sich nicht aus gemeinsamen Vorfahren entwickelt haben.“

A: „Und wie erklärst Du Dir die erstaunlich ähnlichen Baupläne der unterschiedlichen Lebewesen, die je nach Alter einen deutlich erkennbaren Stammbaum erkennen lassen?“

S: „Das Gegenteil ist der Fall: Seit dem Beginn der modernen DNA-Analyse müssen die bisherigen Stammbäume immer wieder umgeschrieben werden. Zudem sind viele Merkmale der Lebewesen ganz unsystematisch verteilt, so dass sich eine monophyletische Linie kaum mehr skizzieren lässt.“

A: „Trotzdem: der Homo sapiens hat zu 98% den gleichen Genpool wie die Menschenaffenarten (Schimpansen, Bonobos, Orang Utans und Gorillas). Nach deiner Überzeugung hat dein Gott die Menschen und alle anderen Lebewesen erschaffen. Wieso hat er dann die Menschen und die Affen mit nahezu identischem Genmaterial ausgestattet?“

S: „2 % sind in der Genetik extrem viel. Der Unterschied zwischen Mensch und Maus beträgt nur 3 % (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensc...h-a-198689.html) und von der Banane trennen uns gerade einmal nur 50 % (http://www.morgenpost.de/kultur/berlin-k...ine-Banane.html).
Der Evolutionsgenetiker J.B.S. Haldane hat einmal berechnet, dass der Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse derart groß ist, dass es mathematisch gesehen eine Zeit von etwa 2,5 Milliarden Jahre brauchen würde, bis diese Kluft überwunden wäre. Der aufrechte Gang des Menschen z.B. bedingt ein GLEICHZEITIGESAuftreten unterschiedlichster Merkmale, wie z.B.
gestrecktes Knie- und Hüftgelenk, Halswirbelsäule unten mit dem Kopf verbunden (statt hinten wie beim Affen), flaches Gesicht, besseres Gleichgewichtsorgan, gerader Rücken, hohler Fuß, starke große Zehe und entsprechende Hirnfunktionen für den aufrechten Gang. Für jedes dieser Merkmale müssten gleichzeitig mehrere tausend ‚richtige‘ und perfekt abgestimmte Mutationen im Genom auftreten. Ein solches Szenario ist kaum denkbar.“

A: „Wenn aufgrund veränderter Umwelteinflüsse ein entsprechender Anpassungsdruck entsteht, dann können Mutationen viel schneller vor sich gehen. Die eintretende Eiszeit zwang die Bären und Füchse, sich an die Kälte allmählich anzupassen. Dafür braucht es keine Milliarden Jahre.“

S: „Hier widerspricht sich die Evolutionstheorie: Wenn sich die Polartiere allmählich angepasst haben, setzt dies ja voraus, dass sie in ihren Genen eine Art Kältesensor gehabt haben, der daraufhin gezielte Mutationen hervorruft, um sich vor der Kälte besser zu schützen. Aber eine bewusste Anpassung würde ja wieder Steuerung voraussetzen, was ja der Idee des Zufalls widersprechen würde. Wenn aber nur vorteilhaftere Eigenschaften ein Überleben bewirkten, mussten die Tiere diese Vorteile ja schon vor den Änderungen der Umwelteinflüsse gehabt haben, denn so schnell konnten sie ja gar nicht auf die Änderung reagieren. Dann aber kann von einer bewussten ‚Anpassung‘ gar nicht die Rede sein.“

A: „Der Begriff ‚Anpassung‘ verleitet sicher zu der Idee von Zielgerichtetheit. Tatsächlich aber ist es der reine Zufall, dass es z.B. in Westafrika einige Menschen gab, die gegen das Ebola-Virus resistent waren. Eine bewusste Anpassung gab es also nie, sondern eine schon immer vorhandene Eigenschaft, die den Überlebensvorteil brachte.“

S: „Also beim Wechsel zur Eiszeit hatten alle Tiere schon die Anpassung an die Eiszeit hinter sich, lange bevor sie kam? Wollnashörner hatten demnach in Wüstenregionen Winterfell?“

A: „Hast Du eine bessere Erklärung für die klimatische Anpassung?“

S: „Ja, ich denke schon.“

A: „Und die wäre?“

S: „Ich glaube, dass Gott die Tiere mit dem ausgestattet hat, was sie für ihr Überleben brauchen. Nötigenfalls auch nachträglich.“

A: „Also so eine Art Update? Dann wäre die Schöpfung aber nicht vollkommen gewesen.“

S: „Doch, indem Gott die Tiere mit einer solchen begrenzten Anpassungsfähigkeit ausgestattet hat. Das Wort Gottes unterscheidet nämlich zwischen einem ‚Erschaffen‘(hebr. ‚BaRa‘) und einem ‚(Zurecht)machen‘(hebr. ‚ASsaH‘).“

A: „Und warum ‚begrenzt‘? Weil es dann nicht mehr mit deiner Bibelauslegung im Einklang wäre?! Ich gebe ja gerne zu, dass die Evolutionstheorie durchaus noch Erkenntnislücken aufweist, aber die Idee einer stammbaumartigen Entwicklung aller Lebensformen aus einer Urzelle halte ich um ein Vielfaches für plausibler als die Vorstellung, dass ein Gott sich irgendwelche Tierarten ausdenkt und sie dann zusammenknetet, so dass sie ganz plötzlich da sind.“

S: „Das würde aber am besten die sog. ‚Kambrische Explosion‘ erklären, nach welcher im Kambrium vor etwa 500 Millionen Jahren explosionsartig sämtliche höher entwickelten Lebewesen in einer erstaunlichen Artenvielfalt vollständig fertig auftreten sind ohne Vorläufer! Und wenn es wirklich angeblich einen solchen Stammbaum gäbe, warum gibt es dann eigentlich nicht auch zwei davon? oder warum nicht drei oder vier oder fünf oder z.B. 18.903 Stammbäume? Was ist das bloß für eine bevorrechtigte, ‚auserwählte‘ erste Zelle gewesen, dass aus ihr die ganze Welt entstanden sein soll!
Ist das nicht seltsam? Warum sind seither angeblich nie wieder zufällig neue Stammbäume an anderen Orten entstanden? Es gab doch Zeit genug. Warum entstehen heute nicht mehr zufällige Zellen? Seltsam? Nicht wahr?“

A: „Nein, nicht seltsam. Und es gab möglicherweise auch keine ‚erste Zelle‘, sondern viele ‚erste Zellen‘, von denen jedoch am Ende nur eine Linie überlebt hat. Das erklärt, warum alle Lebewesen die gleiche DNS und den gleichen genetischen Code haben.

S: „Ach ja? Wenn die Wahrscheinlichkeit der zufälligen Entstehung EINER Zelle schon gegen Null tendiert, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer zweiten zufälligen Zellentstehung noch geringer.
Und dass diese beiden Zellen sich dann auch noch zufällig miteinander verbinden, noch bevor sie sofort wieder sterben, ist noch unwahrscheinlicher.“

A: „Du musst bedenken, dass der Prozess der Abiogenese am Ende nicht ‚eine Zelle‘ erzeugt hat, sondern viele - und das gleichzeitig. Bei den Ursuppenexperimenten wurde der Nachweis erbracht, dass aus anorganischer Chemie, organische werden kann.“

S: „Eine Abiogenese, d.h. eine Entstehung des Lebens aus toter Materie, hat es nie gegeben. Es wird immer suggeriert, dass Stanley Miller die Entstehung des Lebens bewiesen hätte. Mitnichten! Bei den Aminosäuren hörte es schon auf. Und selbst diese entstanden nur aufgrund falscher Annahmen über die Uratmosphäre und konnten später unter realistischeren Bedingungen nicht mehr entstehen. Seither blubbern immer neue Ursuppen auf der ganzen Welt - ohne dass je eine Zelle daraus entstanden wäre. Diese Versuche erinnern an die unzähligen alchemistischen Versuche im Mittelalter, Gold herzustellen. Der Mensch möchte immer wieder Gott spielen und stößt dabei an seine Grenzen.“

A: „Wovon redest du?!! Fast alle biologisch wichtigen Aminosäuren, Lipide, Nucleinbasen und Zucker konnten bis heute in den Ursuppen-Experimenten der Folgegenerationen nachgewiesen werden. Zudem unterschätzt du die kausalen Kräfte der Emergenz! In der Natur entstehen immer wieder neue Phänomene durch das Zusammentreffen von bekannten und zwar ganz von alleine. Aus diesen synergetischen Wechselwirkungen verschiedener Teilchen können ganz neue Eigenschaften auftauchen. Wenn z.B. Wasser in Gips eindringt, dann entsteht durch einen chemischen Prozess u.a. Wärme.“

S: „Aber solche Prozesse lassen sich nicht von selbst umkehren, sondern verlaufen immer nur in die eine Richtung der Entropie, d.h. dem Ausgleich von Energie, was den praktischen Verlust derselben zur Folge hat. Nach dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik kann ein geordneter Zustand nur durch die Aufwendung von Energie aufrecht erhalten werden. D.h. ein lebendiger Organismus kann nur durch die dauerhafte Zufuhr von Energie aufrecht erhalten werden. Die Aufnahme von Stoffen und Energie muss aber gezielt sein – in der Umgebung eines Lebewesens können sich ja auch Stoffe oder Energie finden, die ihm schaden könnten. Zudem können chemische Reaktionen des Stoffwechsels nur stattfinden, wenn die Reaktionspartner nicht zu sehr verdünnt werden, weshalb alle Lebensvorgänge in von der Außenwelt abgetrennte Grundeinheiten stattfinden müssen, nämlich den Zellen.

Die Entstehung von Zellen ist aber bis heute völlig ungeklärt und ebenso die Fortpflanzung derselben. In den extremen Anfangsbedingungen auf der Erde, wo die Sonne noch kaum Licht von sich gab und die Urozeane durch Erdbeben und vulkanische Aktivität aufgewühlt waren, hätten sich kaum irgendwo solche Konzentrationen an organischen Stoffen ansammeln können, um bedeutungsvolle chemische Reaktionen in Gang zu setzen.“

A: „Doch, - und zwar in der Tiefsee. Dort hat man in den 70er Jahren Quellen entdeckt, aus denen Metall-Schwefelverbindungen entweichen. Doch obwohl es in dieser Tiefe weder Licht noch Sauerstoff gibt, wimmelt es dort von Bakterien, die von Schwefelwasserstoff leben. Neben diesen ‚Schwarzen Rauchern‘ fand man noch andere Hydrothermalquellen, aus deren Schloten stark mineralisches Wasser entweicht. Die Mikrostruktur dieser Schlote ähnelt den Zellen von Lebewesen, weshalb vermutet wird, dass in der Frühzeit der Erde die Wände dieser Eisensulfid-Bläschen Nickel enthielten, dass wie ein Katalysator gewirkt hat und ein Molekül erzeugt hat namens Acethylphosphat, das eine gewisse Ähnlichkeit zu der in jeder Zelle enthaltenen Adenosintriphosphat hat und daher als Vorstufe einer lebendigen Zelle in Betracht kommt.“

S: „Trotzdem lässt sich nach wie vor nicht die Frage beantworten, wie aus diesen Tiefseeschloten Proteine oder sogar lebendige Zellen entstehen konnten. Zudem entstehen bei den Ursuppenexperimenten nicht alle am Aufbau von Proteinen beteiligte Aminosäuren, dafür jedoch auch andere, die in Lebewesen gar nicht vorkommen, und sogar noch jede Menge schädliche monofunktionelle Verbindungen, die eine erforderliche Kettenbildung immer wieder verhindern. Selbst die Anwesenheit von Wasser verhindert die Kettenbildung, so dass in Ursuppen-Simulationen noch nicht einmal Vorstufen von Proteinen entstehen.“

A: „Zugegeben, - es gibt in diesem Forschungsbereich noch zahlreiche Erkenntnislücken. Diese aber werden immer wieder durch neue Entdeckungen nacheinander geschlossen. So hatte man z.B. jahrelang eine Frage bei der Entstehung des Informationssystems, also der DNS, die inzwischen geklärt ist: Die DNS ist sehr stabil, ihre Teilung bei der Vermehrung ist nur mit Hilfe eines Enzyms möglich. Dieses Enzym ist ein Protein, das aber erst mit Hilfe von DNS hergestellt wird. Also bestand die Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei, und wie ist es in die Welt gekommen? Doch dann entdeckte man, dass die RNS sowohl als Informationsträger als auch als Enzym wirksam ist. Danach entstand die Vorstellung, dass der heutigen DNS-Welt eine ‚RNS-Welt‘ vorausgegangen sein könnte und dass später die RNS von der chemisch eng verwandten DNS als Informationsträger abgelöst wurde. 2009 konnte im Labor nachgewiesen werden, dass mindestens zwei der vier Nukleoide der RNS unter den geochemischen Bedingungen der Erdfrühzeit entstehen konnten.“

S: „Wenn das RNS-System damals funktioniert hätte, warum sollte es sich dann später ändern? Und wie hätte ein solcher Übergang erfolgen können?“

A: „Dafür stellte der Biologe Manfred Eigen in den 70er Jahren die These eines Replikationssystems auf, dem sog. ‚Hyperzyklus“: Ein Molekül A reproduziert ein Molekül B, welches wiederum A repliziert. Die Moleküle A und B vermehren sich also abhängig voneinander und bilden dadurch das Vorstadium der ersten DNA.“

S: „Das klingt ja fast wie das Perpetuum mobile! Oder wie Pipi Langstrumpf immer sagt: ‚Ich mach mir die Welt widewidewitt wie’s mir gefällt!‘ Du solltest hier aber mal fairerweise zugeben, dass es ihm damals nicht gelungen ist, die Entstehung eines solchen Hyperzyklus nachzuweisen. Die von Dir genannten Moleküle waren nicht stabil, sondern vermischten sich sofort wieder, sodass sich keine Kettenmoleküle bildeten. Im Gegenteil dockten sich an diesen Strängen ständig auch andere, unpassende Moleküle an, die das ganze Verfahren wieder zum Stillstand brachten. Auch Manfred Eigen musste am Ende einräumen, dass die zufällige Zusammenführung der richtigen Basenpaare und der anderen Bausteine von ganz alleine eigentlich ‚so unwahrscheinlich ist‘, dass sie ‚einem Wunder gleichkäme‘. Sein französischer Kollege Jacques Monod hielt die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Entstehung entsprechend ‚nahe bei Null‘. (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42854146.html).

A: „Trotzdem ist eine solche Möglichkeit denkbar, wenn auch vielleicht unwahrscheinlich.Eine Strategie der Begründung oder Rechtfertigung mit dem obersten Ziel, eine Letztbegründung zu geben, kann niemals zum Erfolg führen. Daher verbleibt nur, Überzeugungen, Meinungen oder Hypothesen immer wieder auf Irrtümer hin zu überprüfen und nach Möglichkeit durch bessere zu ersetzen. Im Falle der Erstentstehung von Leben sprechen wir von einer wissenschaftlichen Hypothese. Das bedeutet, dass es die aus wissenschaftlicher Sicht gesehene, gegenwärtig beste Erklärung auf Basis der gegenwärtigen Beobachtungs- und Auswertungsmöglichkeiten. Aber möglicherweise ist das Leben ja auch durch einen Kometeneinschlag auf die Erde gekommen, also die sog. Panspermie. Auch das ist eine Hypothese, die schon von vielen namhaften Wissenschaftlern vertreten wurde und heute immer noch vereinzelt in Kolloquien diskutiert wird.“

S: „Ach, jetzt auf einmal. Nach dem Motto: ‚Wenn Du nicht mehr weiter weißt, dann gründe einen Arbeitskreis!‘ Aber damit wird das eigentliche Problem doch gar nicht gelöst, sondern nur von der Erde ins Weltall verlagert, indem sich die Frage stellt, wie das Leben denn im Weltall entstanden ist. Zudem stellt sich auch die Frage, wie die Organismen im Interstellaren Raum überleben und unversehrt in die Biosphäre gelangen konnten. Dadurch entstehen also nur immer wieder neue Fragen, für die es kaum eine Antwort geben kann. Anstatt einfach dem Worte Gottes zu glauben, dass Gott das Leben geschaffen hat, sucht der Mensch immer wieder nach Ausflüchten.“

A: „Die Tatsache, dass die Wissenschaften keine übernatürlichen Faktoren berücksichtigen, ist weder Ausdruck einer voreiligen Verneinung der Existenz derartiger Instanzen, noch das Symptom einer dogmatischen Verkrustung der Wissenschaft, sondern schlichtweg Ausdruck methodologischer Notwendigkeit. Bringe empirische Beweise für Gott und die Wissenschaft beschäftigt sich damit.
Da es aber für Gott keine empirischen Beweise geben kann, ist Gott kein Bestandteil naturwissenschaftlicher Betrachtung. Würde aber dennoch einer entdeckt, würde die Suche nach weiteren einen neuen Wissenschaftszweig begründen, der sich dann aber erst auf Basis des Fundes mit dem Phänomen Gott naturwissenschaftlich beschäftigen kann.“

S: „Wenn nichtmaterielle Einflussgrößen wie ein Schöpfergott in der modernen naturwissenschaftli-chen Methodik von vornherein ausgeschlossen werden, da sie einem willkürlich festgelegten, ideologischen Grundsatz widersprechen, dann braucht sich die Naturwissenschaft nicht wundern, dass die Mechanismen für Makroevolution bis heute ebenso unbekannt sind wie die Vorgänge, die angeblich zur Entstehung des Lebens geführt haben sollen. Und wenn es für unzählige ‚Signale‘ in der Natur, die alle in die gleiche Richtung weisen, keine plausiblere Erklärung gibt als das Wirken eines Schöpfers, dann wird es höchste Zeit, von den angestammten aber willkürlichen Selbstbeschränkungen abzurücken, um seinen Blick zu weiten auf die Möglichkeit eines Schöpfers.“

A: „Offene Fragen können aber keine zwingende Begründung für eine andere Ursprungsvorstellung wie die Schöpfungslehre sein, sonst wäre Gott nur ein Lückenbüßer für alles Unerklärliche.“

S: „Das schon. Aber für die Erklärung von Naturgegenständen kommen neben Naturgesetzen und Zufällen auch Planung bzw. willentliche Steuerung in Frage. Letzteres lässt sich plausibel machen, indem man Merkmale aufzeigt, die nach bestem Wissen auf Planung hinweisen und eine Alternative der Entstehung dieser Merkmale als unplausibel erweist.“

A: „Worauf willst du hinaus?“

S: „Es geht mir um die ‚irreduzible Komplexität‘, die sich überall in der Natur findet, sogar in den kleinsten Lebewesen, den Bakterien. Zu einem nicht reduzierbaren System gehört z.B. ein Auto, denn dieses kann nur dann fahren, wenn es mindestens über einen Motor verfügt, sowie über eine Kupplung, vier Räder und eine Steuerung. Verglichen mit den Mindestbestandteilen eines Bakteriums ist dieses um ein vielfaches komplexer als ein Auto. Dennoch mussten alle diese Bestandteile zur gleichen Zeit alle vollständig vorhanden und an der richtigen Stelle platziert sein, sonst wäre das Lebewesen nicht lebensfähig gewesen. Die einzelnen Bestandteile konnten sich also nicht nacheinander entwickeln, erst recht nicht durch ungerichtete Prozesse.“

A: „Damit unterstellst du aber, dass es keine funktionale Überschneidungen zwischen den verschiedenen Strukturen innerhalb ihrer Entwicklung geben kann. Warum sollte es nicht möglich gewesen sein, dass sich die Komponenten zufällig parallel entwickelt und erst später zusammengefügt haben, wie es z.B. beim Bau eines Airbus der Fall ist?“

S: „Weil den einzelnen Komponenten einfach nicht genug Zeit bleibt, um sich irgendwann durch Zufall an die ‚richtige‘ Stelle anzudocken. Man hat z.B. die Mindestbestandteile eines Bakterienmotors (Flagelle) analysiert. Ein E. Coli Bakterium z.B. verfügt über Geißeln, die von einem Nano-Motor angetrieben werden, der den Schub erzeugt. All diese Komponenten können nur durch ein ausgeklügeltes Zusammenspiel aufeinander funktionieren, was offenkundig veranschaulicht, dass sie zweck- und zielgerichtet aufeinander abgestimmt und organisiert sind. Da ein Selektionsvorteil nur im fertigausgebildeten Zustand gegeben ist, jedoch evolutionäre Zwischenstufenbiologisch wertlos sind und durch stabilisierende Selektion ausgemerzt werden, kann ein solches System nicht schrittweise entstehen. Zumindest wäre es sehr unwahrscheinlich.“

A: „Bei einmaligen Ereignissen sagen Wahrscheinlichkeitsberechnungen im Grunde nichts aus über die Plausibilität. Denn jedesEreignis lässt sich im Nachhinein beliebig unwahrscheinlich rechnen! Man stelle sich vor, ein paar Freunde sitzen am Tisch und spielen Karten. Einer notiert, in welcher Reihenfolge die Karten ausgegeben werden. Anschließend berechnet er die Wahrscheinlichkeit, mit der die stattgehabte Kartenabfolge auftritt. Bei 32 Spielkarten ist sie derart gering, dass man seit der Entstehung des Universums hätte Karten spielen können, ohne das Blatt je auf die Hand zu bekommen. Trotzdem sind die Karten beim ersten Mal genauso ausgeteilt worden!“

S: „Das mag sein. Dennoch arbeitet die Naturwissenschaft mit Wahrscheinlichkeitsberechnungen, um die Plausibilität einer Hypothese zu untermauern oder anzuzweifeln. So werden z.B. die in Lebewesen vorkommenden Proteine aus 20 verschiedenen Aminosäuren zusammengesetzt. Für jedes Kettenglied gibt es also 20 verschiedene Möglichkeiten. Nehmen wir an, ein Protein bestehe aus 100 Aminosäuren. Die Wahrscheinlichkeit für eine ganz bestimmte vorgegebene Folge von 100 Aminosäuren beträgt dann 1:20100, das ist umgerechnet eine Wahrscheinlichkeit von 10-130. Eine solche minimale Wahrscheinlichkeit ist unvorstellbar klein.“

A: „Das täuscht. Denn von den insgesamt 10130 Möglichkeiten der Bausteinabfolgen ist nicht nur eine einzige funktionsfähig, sondern es sind sehr viele. Die Unwahrscheinlichkeit jeder einzelnen Konfiguration wird durch eine immens große Zahl an alternativen (potentiellen) Konfigurations-möglichkeiten aufgewogen.“

S: „Trotzdem nützen diese nicht, um ein erforderliches Ziel zu erreichen. Wenn mich als Malermeister eine Kundin beauftragt, ihr Treppenhaus zu tapezieren, und ich habe bei Arbeitsantritt meinen Auftragszettel vergessen, dann nützt es nichts, wenn ich der Kundin später erkläre, dass doch eigentlich auch der Anstrich ihrer Fassade mal nötig war oder die Lackierung ihrer Fenster. Auch in der Evolution kann ein Entwicklungsschritt nur dann sinnvoll sein, wenn er zeitnah ein Problem löst und nicht erst irgendwann einmal durch Zufall, weil es dann nämlich schon zu spät sein kann.“

A: „Zu spät für was? Um Lebewesen vor dem Aussterben zu bewahren? Das wäre der Evolution egal, denn sie kann immer wieder neues Leben hervor bringen. Religionen haben die Menschen immer gelehrt, dass die Natur für sie da sei, aber die Natur ist nicht anthropozentrisch. Der Zufall in den Evolutionsprozessen wird aber eingeschränkt durch die Notwendigkeit, denn auftretende Probleme erzwingen oftmals ganz bestimmte Lösungen. Die Evolution ist daher nicht völlig beliebig verlaufen, aber sie ist auch nicht notwendigerweise Ergebnis eines göttlichen Plans.“

S: „Die Verwendung des Begriffs ‚Zufall‘ als Evolutionsfaktor macht jede Aussage über die Evolution sinn- und gehaltlos, da es dem Bekenntnis einer Unkenntnis gleichkommt. Denn wer eine Theorie aufstellt, deren zentrale Erklärung es ist, eine außernatürliche Kraft oder jede Kausalität abzulehnen und ansonsten nicht zu wissen, was abläuft, stellt im Grunde gar keine Theorie auf.“

A: „Nur weil die Evolutionsforschung eine außernatürliche Kraft wie Gott nicht berücksichtigt, heißt das nicht zwangsläufig, dass sie die Möglichkeit seiner Existenz von vornherein ausschließt. Die Evolutionstheorie beschäftigt sich mit den Gesetzmäßigkeiten, die überall in der Natur zu finden sind, dass z.B. kein Säugetier mehr als zwei Arme oder mehr als vier Beine hat etc. Gott ist aber nicht ein Gegenstand naturwissenschaftlicher Betrachtung, sondern eine Sache des Glaubens.

Eigentlich könnte ich mich sogar mit dem Gedanken anfreunden, dass die Evolution sich nicht durch Zufall entwickelt hat, sondern durch irgendeine höhere Intelligenz ‚überwacht‘ wurde, ob man sie nun ‚Gott‘ nennen will oder durch wen oder was auch immer. Aber warum sträubst du dich so vehement gegen die Vorstellung, dass ein Gott die Welt DURCH Evolution geschaffen hat?“

S: „Selbst wenn ich nicht an Gott glauben würde, würde ich nach meinem heutigen Kenntnisstand den Glauben an eine Evolution als ein völlig unbewiesenes Wunschdenken ansehen. Es ist der größte Irrweg der Menschheit seit der Vorstellung, dass die Erde eine Scheibe sei.“

A: „Ach ja? Und der Glaube an eine Schöpfung ist etwa kein Wunschdenken?! Welche Alternative hat denn ein Mensch, wenn er nicht an Gott glauben kann? Es geht zudem um eine Erklärbarkeit, nicht um eine Erklärtheit. Wissenschaft kann sich der Wahrheit immer nur annähern.“

S: „Aus meiner Sicht hätten sich die Menschen all diese Mühe ersparen können, wenn sie einfach dem Zeugnis Gottes in der Bibel geglaubt hätten, denn dort steht alles drin, was der Mensch für sein Leben wissen muss. Ich halte es für durchaus plausibel, dass Gott den Menschen ein ‚Handbuch‘ mitgegeben hat, eine Gebrauchsanweisung für ihr Leben, ihre Zweckbestimmung und Antwort auf die Frage nach dem Woher und Wohin. Wenn der Mensch einfach Gott vertrauen würde, dann müsste er nicht mehr im Dunkeln tappen.“

A: „Die Bibel ist ein Erklärungsversuch für das Leben, der von einem semitischen Nomadenvolk verfasst wurde vor 3000 Jahren, als es noch keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse über die Welt gab, sondern nur eine blasse Ahnung. Zugegeben: Verglichen mit anderen Religionen hat der biblische Schöpfungsmythos schon eine erstaunliche Nähe zu den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen, was z.B. die Reihenfolge der Schöpfungsakte betrifft. Aber schon die Vorstellung, dass die geologischen Gesteinsformationen samt den darin befindlichen Fossilien gerade einmal nur 6000 Jahre alt sind und innerhalb von 6 Tagen erschaffen wurden, ist einfach absurd.“

S: „Das habe ich aber auch nicht behauptet. Die Heilige Schrift spricht von 6 Schöpfungstagen. Allerdings muss es sich hierbei nicht zwangsläufig um buchstäbliche 24-Stunden-Tage handeln, denn die Bibel sagt z.B. auch, dass ‘ein Tag bei dem HErrn ist wie 1000 Jahre’ (Psalm 90:4), wobei sich dieser Hinweis eigentlich auf den ‘Tag des HErrn’ bezieht, welcher exakt 1000 Jahre andauern wird. Es gibt aber auch andere Erwähnungen von symbolischen ‘Tagen’ oder ‚Abenden‘ in der Bibel, die sich real sogar auf noch längere Zeiträume beziehen, weshalb ich vermute, dass es sich um unspezifische Zeitperioden handelt.“

A: „Das überrascht mich aber, denn das klingt wie ein Zugeständnis an die Wissenschaft, dass du doch bisher immer abgelehnt hast.“

S: „Wie kommst Du darauf? Solange die Wissenschaft sich nicht ideologisch von gottlosen Ideologien vereinnahmen und missbrauchen lässt, dient sie der Wahrheitsfindung und damit dem Willen Gottes. Anders herum haben auch bibeltreue Christen oft die Wissenschaft für eine ganz bestimmte Bibelauslegung für sich vereinnahmt und missbraucht, indem sie ihrer Auslegung missliebige Forschungsergebnisse ignorierten und sich stattdessen einseitig auf jene Funde beriefen, die ihrem Bibelverständnis gelegen kamen.“

A: „Du beziehst dich wohl auf die Junge-Erde-Kreationisten, die an die Erschaffung der Welt vor 6000 Jahren glauben. Wenn ich dich recht verstehe, hältst du also sogar eine Schöpfung innerhalb der von der Wissenschaft berechneten 4,6 Milliarden Jahre Erdgeschichte für möglich?“

S: „Ich gebe zu, dass ich bis vor einem halben Jahr auch noch von buchstäblich 24-Stunden-Tagen ausging, und selbst heute würde ich eine solche Möglichkeit nicht gänzlich ausschließen. Aber wenn man sich diese gewaltigen Erdschichten anschaut mit ihren versteinerten Fossilien, dann kommen einem schon arge Zweifel, ob diese alle erst durch die biblische Sintflut entstanden sein sollen, die sich vor gerade einmal nur 4.500 Jahren ereignete. Wir sind als Christen der Wahrheit verpflichtet.“

A: „Na, wer hätte das gedacht! Ich hatte mich schon gewundert, warum du bisher nicht die radiometrischen Berechnungen zum Alter der Erde angesprochen hast, die von Kreationisten doch immer gerne angezweifelt werden wegen ihrer Ungenauigkeit. Aber das ist doch wirklich mal ein Zugeständnis und Entgegenkommen in dieser Auseinandersetzung!“

S: „Du solltest dies jedoch nicht als Kniefall vor der Evolutionstheorie deuten, die in ihrer Kernaussage nach wie vor irrt, dass nämlich die Lebewesen allmählich aus gemeinsamen Vorstufen entstanden sind, denn dies widerspräche nicht nur dem biblischen Zeugnis, sondern auch den Gesetzen der Naturwissenschaft. Wenn das Wort Gottes unserem Fuße eine Leuchte sein kann, dann treten wir auch nicht daneben.“

A: „Apropos Leuchte: Wie erklärst du dir denn den scheinbaren Widerspruch, dass Gott angeblich erst am vierten Tag die Sonne und den Mond erschuf, obwohl doch bereits am ersten Schöpfungstag das Licht erschaffen wurde?“

S: „Ich hatte bereits erwähnt, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem ‚Erschaffen‘ (hebr. ‚BaRa‘) und einem ‚(Zurecht)machen‘(hebr. ‚ASsaH‘). Gott hatte der Sonne erst am 4. Schöpfungstag eine Rolle im Sonnensystem zugewiesen, obwohl diese schon zuvor als ‚Protostern‘ existierte, jedoch nur mit einem schwachen Licht. Dies entspricht genau dem, was wir heute über die Sternentstehung wissen.“

A: „Klingt plausibel. Und wie erklärst du dir den Tod der Dinosaurier, wo doch die Bibel behauptet, dass erst durch Adams Sünde der Tod in die Welt kam?“

S: „In der Stelle in Röm. 5:12, die Du erwähnst, heißt es, dass durch die Sünde Adams ‚der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist‘. Die Tiere sind jedoch auch schon vor Erschaffung des Menschen gestorben. In Offb.16:18 ist z.B. von einem Erdbeben die Rede, ‚desgleichen nicht geschehen ist, seitdem die Menschen auf der Erde waren, solch ein Erdbeben, so groß‘. Die Menschen sind aber erst in der zweiten Hälfte des 6. Schöpfungstages erschaffen worden. Folglich ist es möglich gewesen, dass die Landtiere, die in der ersten Hälfte des 6. Schöpfungstages erschaffen wurden auch während desselben schon wieder gestorben sind, u.a. durch gewaltige Erdbeben, die auch für die Kontinentaldrift verantwortlich waren.“

A: „Demnach würde nach deiner Vorstellung jeder Schöpfungstag in etwa 0,5 bis 1 Milliarde Jahre umfassen – ist das richtig?“

S: „Ja, könnte sein. Vielleicht aber waren es auch nur einige Millionen Jahre, das weiß keiner mit Bestimmtheit. Denn die radioaktiven Zerfallszeiten waren möglicherweise nicht immer konstant. Aber dass das Auseinandertreiben der Kontinente nicht innerhalb weniger Monate oder Jahre geschah, sondern einige Millionen Jahre benötigt hat, sollte jedem klar sein, wenn man bedenkt, dass schon wenige Zentimeter sofort ein Erdbeben zur Folge haben. Einige christliche Wissenschaftler wie Reinhard Junker bemühen nämlich Bibelstellen wie 1.Mose 10:25, um die Kontinentaldrift in die Zeit nach der Sintflut anzusiedeln.“

A: „Da hätten sich die Menschen in der Tat ja regelrecht festhalten müssen bei solch einer rasanten Kontinentalplattenverschiebung!“

S: „In der Sintflut hat es mit Sicherheit auch noch erhebliche Verwerfungen innerhalb der Erdhülle gegeben, denn sonst wäre es kaum möglich, dass die ganze Erde mit Wasser bedeckt war.“

A: „Dass die ganze Erde mit Wasser bedeckt gewesen sein soll, ist doch kaum vorstellbar. Wo sollte denn all das Wasser herkommen, zumal es so viel Wasser doch gar nicht auf der Erde gibt!“

S: „Doch. Die Bibel spricht von den ‚Quellen der großen Tiefe‘, die sich auftaten, und auch die ‚Fenster des Himmels“(1.Mose 7:11). Dadurch ist die ganze Erde von unten mit Tsunamis und von oben mit monsunartigen Dauerregen überschwemmt worden. Man hat mal ausgerechnet, dass – wenn die Erdoberfläche keine Höhen und Tiefen hätte - die Menge des Wassers, das auf der Erde ist, ausreichen würde, um die ganze Erde ca. 3 km mit Wasser zu überdecken.“

A: „Aber die Erde hat nun einmal Höhen und Tiefen. Und außerdem: Wie soll das ganze Wasser nach der Sintflut wieder verschwunden sein? Bei der Verdunstung würde doch das ganze Wasser sofort wieder auf die Erde abregnen und die Sintflut würde sich unendlich fortsetzen.“

S: „Die Bibel gibt hierauf eine Antwort in Psalm 104: ‚Mit den Meeresfluten hattest Du die Erde bedeckt wie mit einem Gewande; die Wasser standen über den Bergen. Vor Deinem Schelten flohen sie, vor der Stimme Deines Donners eilten sie hinweg – Die Berge erhoben sich, es senkten sich die Täler – an den Ort, den Du ihnen bestimmt hast. Du hast ihnen eine Grenze gesetzt, die sie nicht überschreiten werden; sie werden nicht zurückkehren, die Erde zu bedecken.‘(V.6-9).

Dies erklärt z.B., warum man in den Anden und Alpen Muscheln und Korallen gefunden hat. Der amerikanische Meteorologe Michael Oardgeht davon aus, dass es bei diesen Gebirgsauffaltungen auch eine enorme vulkanischer Aktivität gab, was zu einer starker Erwärmung der Meere und zu einer deutlichen Abkühlung der Erdatmosphäre führte wegen der Staubpartikel. Durch die Verdunstung entstanden riesige Hurrikane, deren Wasser in der Folge als gewaltige Schneemassen auf die Erde herabfielen und ganz Europa bedeckten, so dass sogar Hiob von diesen berichten konnte. Das war wohl eine der letzten großen Eiszeiten, für deren Entstehungsursache die Forscher bis heute keine plausible Erklärung haben.“

A: „Du meinst wohl die sog. ‚Weichsel-Kaltzeit‘. Diese endete jedoch bereits vor rund 12.000 Jahren, und nicht erst vor 4.000 Jahren.“

S: „Die Häufigkeitsverschiebung der Sauerstoffisotope 16O und 18O (Isotopenfraktionierung), die bei der Datierung von Warm- und Kaltzeiten zugrunde gelegt wird, ist wie alle stratigraphischen Datierungsmethoden relativ zu willkürlich festgelegten Referenzpunkten und daher ungenau. Der von M. Oard beschriebene Hergang scheint mir sehr plausibel und ist mit der Bibel völlig im Einklang.“

A: „Da verlasse ich mich doch lieber auf die Angaben der modernen Wissenschaft, obwohl ich Deine Ausführungen durchaus beeindruckend finde, und das meine ich nicht ironisch. Aber wenn es vor 4.500 Jahren wirklich eine Flut gegeben hätte , in welcher nur 8 Menschen überlebt hätten, wie erklärst du dir dann die Tatsache, dass wir heute schon wieder 7.000.000.000 Menschen auf der Erde haben!“

S: „Wir müssten eigentlich sogar noch viel mehr Menschen heute auf der Erde haben, denn bei einer derzeitigen Wachstumsrate von 1,9 % pro Jahr würden statistisch gesehen schon 2.000 Jahre reichen, um auf die heutige Weltbevölkerung zu kommen. Allein im letzten Jahrhundert hatten wir zwei Weltkriege mit fast 100 Millionen Toten, dazu atheistische Diktaturen, wie z.B. den Kommunismus, dem wiederum über 100 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Und dann hatten wir die Spanische Grippe mit 50 Millionen Toten, sowie das HIV mit 36 Millionen Toten. Wenn diese Menschen heute alle noch leben würden, wäre die Weltbevölkerung heute noch weit höher!“

A: „Und was willst du damit andeuten?“

S: „Dass die Menschheit nicht 40.000 Jahre alt sein kann. Denn wenn man allein die heutige Bevölkerungswachstumsrate von 1,9 % zugrunde legt, dann müssten heute schon 430 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Und ich rede hier vom Homo Sapiens, also noch nicht mal vom Homo erectus etc., denn dann wären es noch viel mehr!“

A: „Du glaubst also tatsächlich an den Beginn der Menschheit vor gerade einmal 6.000 Jahren?“

S: „Wenn man die Altersangaben der in der Bibel erwähnten Menschen mit den historischen Daten kombiniert, errechnet sich ein Alter der Menschheit von etwa 6000 Jahren. Dies steht übrigens auch ganz im Einklang mit einer Studie von 1997, die besagt, dass die Mutationsrate der mtDNA um ein 20faches höher liegt als ursprünglich angenommen, weshalb die mitochondriale Eva nur 6.000 Jahre sein dürfte (http://www.nature.com/ng/journal/v15/n4/abs/ng0497-363.html.

A: „Es gibt aber auch Hunderte von Studien, die ein weitaus höheres Alter der Menschheit belegen. Man geht heute sogar eher von einem Alter von 200.000 Jahren aus. Die ersten Frühmenschen aus Afrika hat es sogar schon vor 1,5 - 2 Millionen Jahren gegeben.“

S: „Wenn das so wäre, dann stellt sich aber doch um so mehr die Frage, warum wir uns nach so einer langen Zeit noch nicht gegenseitig auf die Füße treten, denn dann müssten heute eigentlich schon 17.500.000.000.000 Menschen auf der Erde leben. Und dann stellt sich die Frage, wo eigentlich deren Gräber abgeblieben sind. Selbst wenn man von einer minimalen Bevölkerungsdichte von nur drei Einwohnern pro km² ausgeht, ergibt das für einen Zeitraum von 2 Millionen Jahren 0,15 Gräber pro m² (also theoretisch alle 2,5 m ein Grab mit entsprechenden Grabbeigaben etc.).“

A: „Die Leichenknochen sind doch längst verwest und die Grabbeigaben verrottet. Was erwartest du nach so einer langen Zeit!“

S: „Aber man findet ja vereinzelt bis heute noch Menschenknochen, die angeblich so alt sein sollen. Und es ist ja eine Tatsache, dass sich Knochen tatsächlich unter bestimmten Voraussetzungen über Jahrhunderte oder Jahrtausende erhalten können, wenn sie durch bestimmte Umstände auf natürliche Weise konserviert bleiben, z. B. die Mumien oder die Moorleichen. Wenn aber behauptet wird, dass die gefundenen Knochen schon eine Million Jahre alt sind, dann müsste man allein schon von der geschätzten Anzahl an Menschen, die in diesen langen Zeiträumen angeblich schon gelebt haben sollen, wesentlich mehr fossile Knochen gefunden haben als dies tatsächlich der Fall ist.“

A: „Es gibt aber nun einmal nur sehr wenige Knochen, die sich über diesen Zeitraum erhalten haben, und vielleicht findet man in den nächsten Jahren auch noch mehr.“

S: „Und wo sind sie ganzen Steinwerkzeuge der Steinzeitmenschen aus den letzten 2 Millionen Jahren? (zumal diese die Zeit doch eigentlich gut überdauern müssten). Selbst wenn man annimmt, dass beispielsweise in Deutschland über einen Zeitraum von 800.000 Jahren lediglich 1000 Personen gelebt haben, müssten bereits viele Milliarden Steinwerkzeuge zu finden sein. Realistischerweise müsste man davon ausgehen, dass es zumindest phasenweise einige Millionen Menschen in Europa gegeben hat. Im Vergleich zu den Billionen Steinwerkzeugen, die sie uns hinterlassen haben müssten, konnte nur ein viel zu winziger Teil bisher gefunden werden.“

A: „Der aber schon jetzt ganze Museen füllt. Außerdem hat man ja auch erst in den letzten hundert Jahren mit der Suche begonnen. Die Menschen der Steinzeit waren primitiv, aber sie fanden immer irgendwie Mittel und Wege, die Tiere zu jagen und zu schlachten.“

S: „So primitiv waren sie nicht. Denk doch nur mal an die genialen Höhlenmalereien! Oder an die englische Kultstätte Stonehenge und andere Magalithbauten und Hünengräber, die aus tonnenschweren Steinen errichtet wurden. So primitiv können diese Menschen nicht gewesen sein!“

A: „Aber nicht zu vergleichen mit den Bauten der Hochkulturen seit der Bronzezeit.“

S: „Weil die Steinzeitmenschen ja auch in nördlichen Regionen lebten, wo es noch überall Schnee und Eisgletscher gab. Die Hochkulturen der Sumerer, Assyrer, Ägypter und Babylonier hingegen lagen im Nahen Osten, wo die Temperaturen angenehm waren und das Leben dadurch einfacher war.
Auch hier fällt auf, dass die Menschheit Hunderttausende von Jahren angeblich zu primitiv war, um etwas auf die Beine zu stellen, aber dann plötzlich innerhalb kürzester Zeit Festungen und Tempelanlagen bauen konnte, die man selbst heute mit der modernsten Ingenieurtechnik und den neuesten Baumaschinen kaum nachbauen kann. In Wirklichkeit war die Menschheit schon immer ziemlich genial, weil sie nach dem Ebenbild Gottes erschaffen wurde, nur dass es eben vor dem Jahre 4.000 v.Chr. noch gar keine Menschen gegeben hat.“

Ich glaube an Jesus Christus.

Was dieser Glaube für mich bedeutet, möchte ich mal an einem Beispiel veranschaulichen:

Auf meiner ersten Reise nach Südamerika (im Frühjahr 1992) hielt ich mich auch für ein paar Tage in Guayaquil auf, einer Großstadt im Süden von Ecuador. In jenen Tagen besuchte ich mit einem Freund eine schwerkranke Frau in den Slums der Stadt. Es war eine etwa 40 Jahre alte Mutter von etwa 10 kleinen Kindern, die in der Hängematte ihrer Hütte lag. Sie hatte Krebs im Endstadium und nur noch wenige Tage zu leben. Ihre Kinder standen um sie herum, und die Frau bat mich, ihr etwas vorzulesen. Ich war 23 und fühlte mich in dieser Situation völlig überfordert. Doch nach kurzem Zögern schlug ich meine Bibel auf und las ihr einen Text aus dem letzten Buch der Bibel vor, aus dem vorletzten Kapitel: 

"Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde ... Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel sagen: Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden Sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott. Und Er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu." (Offb. 21:1-5).

Die Frau ergriff meine Hand und lächelte mich einen Moment an, trotz ihrer Schmerzen, und ich spürte, dass ihr diese Worte Trost gegeben haben, weil sie ebenso wie ich an Jesus Christus glaubte und an eine Auferstehung aus den Toten. Dieser Glaube kann Menschen selbst im schlimmsten Leid Zuversicht und Kraft schenken! Welchen Trost hätte wohl ein Agnostiker oder ein humanistischer Naturalist dieser Frau geben können?

Ich möchte Euch auf dieser Seite einladen, meinen Glauben kennenzulernen und sich gerne auch kritisch mit diesem auseinanderzusetzen. Ich möchte Euch zeigen, dass Eure Vorbehalte unbegründet sind und sich die Argumente der heutigen Vorzeige-Atheisten wie Richard Dawkins oder Michael Schmidt-Salomon problemlos widerlegen lassen. Zu diesem Zweck habe ich mal angefangen, die typischen Vorwürfe der Religionskritiker aufzugreifen und in Form eines kritischen Dialoges an Hand von überprüfbaren Fakten zu entkräften. Obwohl dieser Dialog fiktiv ist, habe ich mich bemüht, möglichst authentisch sämtliche Argumente gegen den Glauben einzubringen und ihm eine Entgegnung aus christlicher Überzeugung gegenüber zu stellen, damit sich jeder Leser ein eigenes Bild machen kann, welches Argument für ihn das plausiblere ist.

Mein Anliegen ist es, angesichts eines sich abzeichnenden Weltendes innerhalb der nächsten 15 bis 20 Jahre jeden Menschen vor den Folgen seiner Gleichgültigkeit gegenüber den Geboten seines Schöpfers zu warnen, da die Bibel diesbezüglich klar und unmissverständlich von einem Endgericht spricht, bei dem sich jeder Mensch für sein Tun und Lassen während seines irdischen Lebens vor Gott verantworten muss. Da schon jetzt klar ist, dass kein einziger aus eigener Gerechtigkeit und Frömmigkeit vor Gott bestehen kann, ist der Glaube an Jesus Christus und die persönliche Annahme seiner Heilsbotschaft (Evangelium) das einzige, was ihn eines Tages vor dem Zorn Gottes zu retten vermag.

 

 

 

Ein Gespräch über Idealismus, Sünde, Moral und Auserwählung


A: „Simon, ich habe mal eine ganz grundsätzliche Frage an Dich: Warum versuchst Du eigentlich ständig, andere zu Deiner christlichen Überzeugung zu bekehren? Wenn ein Mensch mit dem, was er hat, glücklich ist, warum kannst Du ihn dann nicht einfach in Ruhe sein Leben leben lassen?“

S: „Weil ich davon überzeugt bin, dass ein Mensch, der nicht nach Gottes Willen fragt, den Sinn seines Lebens verfehlt und dadurch seine Lebenszeit vergeudet. Eines Tages wird jeder Mensch vor Gott Rechenschaft abgeben müssen, was er mit dem Leben angestellt hat, dass Gott ihm anvertraut hat.

A: „Ich respektiere Deine Motivation, und auch wenn ich selbst nicht an Gott glaube, schätze ich Menschen, die für eine Überzeugung eintreten. Was mich jedoch stört ist dieser radikale und intolerante Anspruch, den das Christentum stellt, und damit Menschen behelligen will, die für sich ein ganz anderes Lebenskonzept gefunden haben. Das findet sich ja auch schon in der Bibel, dass der Gott Yahweh angeblich die heidnischen Völker nicht tolerieren wollte und deshalb den Befehl gab, sie auszurotten bzw. zu vertreiben, als ob sie durch ihre selbstbestimmte Lebensgestaltung ihr Recht auf Leben verwirkt hätten. Warum hatten die Israeliten nicht die Freiheit, sich mit den Kanaanitern auf eine friedliche Koexistenz zu einigen?  Sind es nicht immer wieder in allen Religionen die machthungrigen Führer, die das einfache Volk im Namen Gottes aufruft zu Radikalität und Intoleranz?

S: „Zunächst einmal würde ich diese beiden Begriffe mal klären, um nach ihrer ursprünglichen Bedeutung zu fragen: ‚radikal‘ kommt vom lat. ‚Radix‘, also ‚Wurzel‘, ‚Ursprung‘ und meint eigentlich nur, dass man Probleme ‚an der Wurzel‘ angreifen und sie von dort aus möglichst umfassend, vollständig und nachhaltig lösen sollte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass - egal was für eine Überzeugung man auch immer vertritt - man sie konsequent und damit auch ‚radikal‘ praktizieren sollte.
Denn wenn eine Sache wahr ist, dann ist sie auch für alle Menschen wahr in allen Lebensumständen, zu jeder Zeit und an jedem Ort.“

A: „Schon bei dieser Prämisse muss ich Dir widersprechen! Wahrheit ist immer subjektiv. Es gibt überhaupt keine objektive Wahrheit, die für alle gilt!“

S: „Das magst Du ja glauben, aber tatsächlich verhält es sich so, dass jede These, die es gibt, entweder wahr oder falsch ist. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Auch Deine These, dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit hat, kann entweder wahr oder falsch sein. Aus meiner Sicht ist sie falsch.
Nun könnte man sagen: Ist doch sowieso egal, soll doch jeder denken was er will. Aber auch das ist falsch und sogar gefährlich – wobei wir beim Begriff der Toleranz wären. Eigentlich klingt es ja zunächst mal sehr tugendhaft, wenn man von „Toleranz“ spricht, also der Fähigkeit zur „Duldung“. Aber wenn man genauer hinsieht, stellt man fest, dass Toleranz immer nur unter Gleichberechtigten funktionieren kann. Wenn die Söhne Deines Nachbarn ohne Dich vorher zu fragen in Deinem Wohnzimmer eine Party feiern und dabei alles kaputt machen, dann wirst Du mit Deiner Toleranz schnell an Deine eigenen Grenzen der Belastbarkeit stoßen. Und genauso ist es auch bei Gott: die Erde und die Menschen gehören ja IHM. Deshalb haben die Menschen nicht das Recht, zu tun und zu lassen, was sie wollen.“

A: „Das wäre so, wenn es denn überhaupt einen Gott gäbe. Aber diesen haben sich die Menschen nur deshalb hinzugedichtet, damit sie die Sinnlosigkeit und Einsamkeit ihres Daseins vergessen können.“

S: „Das ist nicht nur falsch, sondern auch zynisch.“

A: „Zynismus ist Realismus, also die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Aber mein Zynismus ist tolerant, weil es mir im Grunde völlig schnurzpiepegal ist, was irgendeiner glaubt, solange er mich und andere damit in Ruhe lässt. Dein Idealismus hingegen ist eine Illusion, d.h. eine Selbsttäuschung, indem Du die Welt nur so sehen kannst, wie Du sie sehen willst. Solange es Dich glücklich macht, mach was Du willst, aber geh damit niemanden auf den Keks.“

S: „Alles was Du sagst WÄRE richtig, WENN es keinen Gott geben würde, der sich durch Sein Wort offenbart hätte. WENN es aber einen Gott gibt, der uns Seinen Willen offenbart hat, dann sind all Deine Überlegungen null und nichtig. Und obendrein nützt Deine Gleichgültigkeit und Dein Zynismus am Ende niemandem und macht Dich auch selbst nicht glücklich.“

A: „Und macht Dich etwa Dein lust- und lebensfeindlicher Idealismus wirklich glücklich?“

S: „Ja. Allerdings nenne ich es nicht Idealismus sondern GLAUBE. Idealismus bedeutet, dass ein Mensch für ein oder mehrere Ideale lebt, d.h. dass sein ganzes Handeln geleitet wird von der Überzeugung der Richtigkeit und Realisierbarkeit dieser Ideale. Dies setzt natürlich voraus, dass der Mensch überhaupt an etwas absolut Gutes und Vollkommenes glaubt, also auch eine grundsätzlich bejahende Einstellung zum Leben hat. Zynismus hingegen ist die Negation eines Strebens nach Werten und Idealen. Einem Zyniker ist nichts heilig. Er verachtet Anstand und Moral und zieht alles in den Dreck, indem er das Bemühen der von ihm verspotteten ‚Gutmenschen‘ für pure Eitelkeit und Heuchelei hält. Häufig haben Zyniker selber früher einmal an das Gute geglaubt, sind aber durch Enttäuschungen im Leben davon abgekommen und misstrauen jedem und allem. Sie halten sich nicht nur für ‚aufgeklärt‘ sondern auch für ‚abgeklärt‘, nach dem Motto: ‚Ja, ja, - das kenn ich alles schon! Hat bei mir nicht funktioniert und wird deshalb auch bei Dir nicht funktionieren. Wirst' schon seh'n!‘ Viele Literaten und Kulturschaffende halten den Zynismus für die letzte Phase vor dem Untergang der menschlichen Entwicklung.“

A: „Du unterstellst uns Nichtreligiösen, dass wir keine Ideale oder Werte mehr hätten, nur weil wir nicht an Gott glauben. Das ist mal wieder richtig typisch! Religionen haben aber kein Monopol auf Moral, sie haben die Moral nicht für sich gepachtet.“

S: „Wenn Menschen an nichts mehr glauben können und keine ewigen Normen mehr anerkennen wollen, für die es sich zu kämpfen lohnt, die also innerlich resigniert haben und das Leben nur noch geschehen lassen ohne sich daran beteiligen zu wollen, von denen wirst Du doch wohl kaum behaupten können, dass diese noch nach einem ‚Ideal‘ streben.

A: „Doch.  Zum Beispiel der Familie.“

S: „Die Familie würde ich eher als einen ‚Wert‘ betrachten, also etwas, was Menschen wert schätzen und genießen können. Im Gegensatz zum ‚Ideal‘ gibt es bei einem Wert die Möglichkeit, dass dieser einem zufallen kann - also ganz ohne Anstrengung, während ein ‚Ideal‘ etwas so Vollkommenes und Unerreichbares ist, dass Du es niemals als Gegebenes vorfindest, sondern es immer anstreben musst mit aller Kraft und ein Leben lang. Beim Ideal ist aber auch der Weg das Ziel. Es macht Spaß, für etwas einzustehen, dass größer ist als man selbst und dass Dich selbst in dunklen Stunden aufmuntern und motivieren kann. Ein Beispiel: Würdest Du für das Glück Deiner Familie auf die Straße gehen und dafür demonstrieren? Nein, sondern Du würdest dieses Glück einfach nur still genießen. Aber wenn Du an eine Utopie wie den Weltkommunismus glaubst, dann würdest Du bei Wind und Wetter auf die Straße gehen und stundenlang in der Kälte mit marschieren.“

A: „Normalerweise hätte ich aber auch keine Veranlassung, für meine Familie auf die Straße zu gehen. Dennoch aber wäre mir die Familie viel wichtiger als jede Ideologie. Denn im Grunde ist es die LIEBE, die das eigentliche Ideal ist und durch welche die Familie zusammengehalten wird. Und die Liebe ist viel größer als alles andere.“

S: „Aber die menschliche Liebe ist häufig nicht von Bestand. Du weist selbst, wie viele Ehen heute scheitern oder wie oft es auch tiefe Feindschaften zwischen Eltern und Kindern geben kann. Darauf würde ich mich also nicht so verlassen.“

A: „Für die Echtheit der Liebe ist es unerheblich, ob sie ein Leben lang währt. Bertrand Russel hat einmal gesagt: ‚Die wahre Liebe ist es auch dann noch, wenn sie vergeht; und auch das Leben und das Glück verlieren nicht ihren wert, nur weil sie nicht ewig sind‘.“

S: „Für die Echtheit vielleicht nicht, aber für die Qualität und den Wert der Liebe spielt ihre Beständigkeit eine sehr große Rolle, denn von schönen Erinnerungen allein wird ein um sein Liebesglück betrogener Mensch auf Dauer nicht zehren können.“

A: „Dennoch ist die Liebe für jeden Menschen das Höchste der Gefühle, deshalb wird sie ja auch immer wieder in Liedern besungen. Und das Schöne ist, dass jeder Mensch im Prinzip zur Liebe fähig ist. Selbst der grausamste Diktator braucht Liebe und kann auch Liebe geben. Von Hitler z.B. ist bekannt, dass er seine Schäferhündin ‚Blondi‘ über alles liebte. Er war also durchaus zur Liebe begabt.“

S: „Ich würde gar nicht so weit gehen und lieber von ‚Empathie‘(Mitgefühl) sprechen. Auch im Hitler-Deutschland gab es viele SS-Leute, die bei manchen Aktionen Skrupel bekamen und desertierten. Es macht qualitativ jedoch einen Unterschied, ob ich mich nur davor scheue, ein niederträchtiges Unrecht zu begehen oder ob ich aktiv dagegen vorgehe, weil ich an etwas Höheres glaube als mich selbst. Einige hatten sogar den Mut, trotz größter Gefahr Juden bei sich zu verstecken. Andere wiederum trauten sich sogar, Flugblätter zu verteilen, obwohl sie dabei ein hohes Risiko eingingen, erwischt zu werden. Das nenne ich echten Idealismus.“

A: „Es gibt durchaus eine qualitative Abstufung in der Motivation. Ein chinesisches Sprichwort sagt: ‚Wenn Gott verloren geht, kommt die Tugend.
Wenn die Tugend verloren geht, kommt die Wohltätigkeit.
Wenn die Wohltätigkeit verloren geht, kommt die Gerechtigkeit.
Wenn die Gerechtigkeit verloren geht, kommen die Moralregeln.‘ (Laotse)“

S: „Ja, genau. Das hat man schon damals richtig erkannt. Der Glaube an Gott ist die höchste Motivation für einen ehrbaren Lebenswandel, denn ein Mensch, der Ehrfurcht vor Gott hat, würde alles tun, um Gott nicht zu enttäuschen.

Dennoch stoßen wir Menschen trotz unserer guten Vorsätze an unsere Grenzen; der Wille ist zwar da, aber in den konkreten Situationen versagen wir doch immer wieder. Deshalb musste sich Jesus, der Sohn Gottes, für uns opfern, denn Er war der einzige, der ein sündloses Leben geführt hat, und obwohl Er es nicht nötig hatte, gab Er Sein gerechtes Leben stellvertretend für die Gläubigen dahin, damit wir vor Gott überhaupt bestehen können. Niemand hat größere Liebe als der, der Sein Leben für andere opfert! Und wir waren vorher noch nicht einmal Seine Freunde sondern Feinde! Und diese Liebe Gottes erfüllt uns heute und gibt uns den nötigen Ansporn, dass wir bereit sind, aus Dankbarkeit ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen.

Es gibt – ohne Frage – auch viele Menschen, die sehr vorbildlich sind und sich für ihre Mitmenschen einsetzen. Aber so wie Du es eben beschrieben hast, reicht jede natürliche Tugend nicht an die Kraft Gottes durch den Glauben heran, sondern ist doch auf Dauer zum Scheitern verurteilt. Und auch das Streben nach Gerechtigkeit oder Solidarität ist durchaus lobenswert, aber es steht in dieser Rangfolge sogar noch unter der Mildtätigkeit. Die meisten Menschen begnügen sich aber damit, wenn sie sich politisch für eine gerechtere Gesellschaftsordnung engagieren, anstatt von ihrem eigenen Besitz für die Armen zu geben. Ich habe mich mal vor einem Jahr mit einer Aktivistin der Linkspartei unterhalten. Sie war Anwältin bevor sie aus gesundheitlichen Gründen alles verlor. Ich erzählte Ihr von meinem Glauben, und dass ich deshalb mich jedem Menschen zur Verfügung stellen möchte, weil ich der Überzeugung sei,  dass alle Menschen vor allem die Liebe Gottes brauchen. Sie blaffte mich daraufhin wütend an und sagte:
‚ICH WILL KEINE LIEBE, sondern ich will mein Harz-IV und die Rechte, die mir zustehen! Alles andere ist mir SCHEISSEGAL!‘ Das war für mich eine sehr irritierende Erfahrung.

A: „Ich kann die Frau schon verstehen. Du kannst ja gerne an all diese schönen Geschichten glauben, aber Du musst auch respektieren, wenn andere dies nicht tun und deshalb von Dir in Ruhe gelassen werden möchten.“

S: „Ich respektiere das, wenn ein Mensch partout die Botschaft Gottes nicht hören möchte. Aber den meisten Menschen ist nun einmal nicht die Gefahr bewusst, in welcher sie schweben. Denn die Bibel sagt, dass jeder Mensch sich einmal für sein Tun auf Erden vor Gott verantworten muss, und die allermeisten werden dann wegen ihrer Sünden von Gott verurteilt und in der Hölle bestraft. Und davor muss ich sie doch warnen!“

A: „Wer’s glaubt, wird selig.“

S: „Ja genau! Und vielen ist gar nicht bewusst, dass diese Redensart aus der Bibel kommt. Das Wort ‚selig‘ bedeutet ‚errettet‘, nämlich vor dem Zorn Gottes. Denn wenn jemand sich heute nicht durch Buße und Glaube von Gott retten lässt, dann ist er verloren! Und wenn Du siehst, dass jemand ahnungslos auf einen Abhang zufährt, dann wirst Du doch auch alle Hebel in Gang setzen, um ihn vor der Gefahr zu warnen. Also musst Du auch verstehen, wenn ich aus Liebe zu den Menschen sie warnen möchte vor dem Gericht Gottes.“

A: „Ich muss gar nichts verstehen. All dies sind doch nur unbewiesene Glaubenskonstruktionen von religiösen Fanatikern, die aus lauter Machtinteresse einfältige Menschen durch geschickte Manipulation und Angstmacherei für ihre Sache gewinnen wollen. Wenn ich sage ‚Wer’s glaubt, wird selig‘, dann meine ich damit, dass diese Botschaft zwar verlockend klingt, aber durch und durch unglaubwürdig ist. Das Schlimme aber daran ist, dass sie leider von naiven Menschen wie Dir unreflektiert angenommen wird und Leute wie Du dann immer weiter auch andere Einfältige verführen. Deswegen konnte das Christentum bis heute bestehen. Wie viel Schaden ist schon durch diese ganzen Missionare angerichtet worden in den armen Ländern!“

S: „Von was für einen ‚Schaden‘ sprichst Du?“

A: „Davon dass die Menschen noch mehr eingelullt werden, anstatt sich um ihre ureigensten Interessen zu kümmern. Die Kolonialherren hätten z.B. längst nicht so einen Erfolg gehabt, wenn die Missionare nicht die ‚Vorarbeit‘ geleistet hätten, indem sie den Eingeborenen predigten, sie sollten sich gegen das Unrecht, das ihnen geschieht, nicht zur Wehr setzen.“

S: „Nun mach mal halblang! Das sind billige Klischees, die den Tatsachen nicht gerecht werden: In Wirklichkeit haben die Missionare den Einheimischen vor allem die Früchte der Zivilisationen zu Gute kommen lassen, nämlich neben gesundheitlicher Fürsorge vor allem BILDUNG. Erst dadurch wurden die Menschen überhaupt erst befähigt, soziale Zusammenhänge zu begreifen und sich gegen begangenes Unrecht zur Wehr zu setzen.

Und dann frage ich Dich mal: Was bedeutet für Dich ‚Missionieren‘? Für mich bedeutet Missionieren, Menschen zum Nachdenken zu bringen, weil ich ihre falschen Überzeugungen nicht teile, sondern sie von meiner eigenen Sichtweise überzeugen möchte. Also genau das gleiche, was auch Du tust, indem Du mich von DEINEM Standpunkt überzeugen willst.“

A: „Ich will niemanden von irgendetwas überzeugen, sondern meine, dass jeder Mensch so leben soll, wie er möchte. Wenn jedoch Leute wie Du meinen, sie müssten den Menschen ihre Ansichten aufdrängen, dann wehre ich mich dagegen, indem ich die Leute aufkläre, damit sie sich nicht verführen lassen.“

S: „Das ist aber auch eine Form von ‚Missionieren‘.“

A: „Nein, das ist kein Missionieren, sondern ein Wachrütteln. Ich würde es AUFKLÄRUNG nennen.“

S: „Wenn Du mein Warnen vor der Gefahr der Höllenstrafe missbilligend ein ‚Missionieren‘ nennst und Dein eigenes Warnen hingegen euphemistisch als ein ‚Wachrütteln‘ bezeichnest, ist das reine Rhetorik, d.h. ein geschickter Gebrauch von vorbelasteten Begriffen, um den Zuhörer zu manipulieren.
Du unterstellst hier ja, dass die richtige Art zu Glauben nur darin bestehen würde, wenn man so glaubt wie Du. Selbst wenn Du vielleicht keinen Wert darauf legen magst, dass andere Menschen Deinen Lebensentwurf annehmen sollten, so betreibst Du doch indirekt ‚Mission‘, indem Du die Botschaft verbreitest: ‚Ihr dürft zwar glauben, was Ihr wollt, außer aber daran, dass ein ungläubiger Mensch sich zu Gott bekehren muss, denn weil ich selbst nicht daran glaube, will ich auch nicht, das andere daran glauben sollen!‘ Deine Kritik an den Religionen ist mithin im Grunde ein ‚unlauterer Wettbewerb‘, indem Du selber genau die gleiche Werbung betreibst, die Du bei Deiner ‚Konkurrenz‘ zu verhindern suchst, jedoch mit unlauteren Mitteln der Verleumdung und Vortäuschung falscher Tatsachen.A: „Klingt plausibel. - Eins zu null für Dich...“

S: „Und außerdem: Diese Missionare verzichten freiwillig auf eine Karriere trotz akademischer Abschlüsse und leben mit den Einheimischen zusammen, betreiben Schulen und Krankenhäuser und setzen sich teilweise auch juristisch für die Interessen der Einheimischen ein, die größtenteils Analphabeten sind. Und selbstverständlich bekennen sie sich auch zu ihrer christlichen Überzeugung, welche die Ursache und der Antrieb ist für ihre humanitäre Hilfe. Aber niemand wird gezwungen, den Glauben anzunehmen, denn dies würde fundamental der christlichen Botschaft widersprechen, die auf der freiwilligen Entscheidung jedes Menschen basiert.

Umgangssprachlich bedeutet ‚Mission‘ nicht nur religiöse Werbung, sondern auch jede andere Art von Sendungsbewusstsein. Wenn ein Mensch tief ergriffen ist von einer Überzeugung, die ihm selber sehr geholfen hat (z.B. eine bestimmte Gesundheitslehre oder eine politische Überzeugung), dann nutzt er auch jede sich bietende Gelegenheit, um sein Wissen mit anderen zu teilen.
Begrifflich mag sich Mission vielleicht nur auf die christliche Mission beziehen, aber faktisch ist jeder Überzeugungstäter ein ‚Missionar‘, denn wenn er andere Menschen zu überzeugen versucht, dann gibt es da keinen Unterschied. Im Grunde ist also an der Werbung für die eigene Sache gar nichts auszusetzen. Im Gegenteil: wenn mich ein gewisser Lebensentwurf glücklich gemacht hat, dann ist es ein Zeichen von Liebe und Fairness, dass ich das Geheimnis meines Glückes nicht nur für mich behalte, sondern anderen die Möglichkeit gebe, dieses auch zu erfahren.“

A: „Ich sehe hierin aber die Ursache für alle Religionskriege. Die Geschichte hat gezeigt, dass gerade die sog. Buchreligionen mit ihrem Sendungsbewusstsein auf der ganzen Welt nur Unruhe und Konflikte ausgelöst haben, weil man die Andersdenkenden immer wieder ‚zwangsbeglücken‘ wollte – nach dem Motto: Willst Du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich Dir den Schädel ein!“

S: „Du musst aber fairerweise zugeben, dass dies zwar auf die katholische Kirche im Mittelalter zutrifft und heute höchstens noch auf die islamischen IS-Kämpfer, nicht aber auf die christlichen Missionare.“

A: „Doch! Im weiteren Sinne sah sich ja auch George W. Bush als ‚Missionar‘, der mit Unterstützung der bibelgläubigen Christen in den USA seinen Kampf führte gegen die ‚Achse des Bösen‘. In Vietnam waren es noch Drogen, aber heutzutage bekommen die Marines ihre Gehirnwäsche mit christlichen Kampfeshymnen eingetrichtert mit Verweis auf die letzte Schlacht bei Armageddon, wo das Heer der Guten gegen die Heere des Bösen ankämpfen.“

S: „Ohne Frage: Religionen werden immer wieder missbraucht, um politische Interessen durchzusetzen.“

A: „Aber es ist doch auffällig, dass dies immer nur bei den sog. Buchreligionen passiert, also im Christentum, Judentum und im Islam, während es z.B. im Buddhismus oder im Taoismus nie größere Konflikte gegeben hat, weil letztgenannte keinen allein-seligmachenden Anspruch haben und auch prinzipiell Gewalt ablehnen.“

S: „Das wirkliche Christentum ist auch gewaltfrei, denn Gottes Reich ist nicht von dieser Welt. Jesus sagt: ‚Wer zum Schwert greift, der wird auch durch‘s Schwert umkommen‘.“ 

A: „Trotzdem sind die teilweise drastischen Thesen des Christentums dazu geeignet, Gewalt und Extremismus hervorzurufen. Auch das Christentum hat in der Geschichte häufig genug zum Schwert gegriffen und Andersgläubige brutal vernichtet. Besonders die Lehre von der ewigen Höllenstrafe hat viel Unbarmherzigkeit in die Welt gebracht. Hierin gleichen sich der Islam und das Christentum. Dass das Christentum heute größtenteils friedlich ist, liegt nur an der Aufklärung. Diese steht dem Islam größtenteils noch bevor. Wir können froh sein, dass die meisten Muslime der Welt den Koran nicht so wörtlich nehmen sondern nach dem Motto Leben: es wird alles nicht so heiß gegessen, wie‘s gekocht wird. Zum Glück ist das Christentum heute aufgeklärt und moderat, sonst hätten wir heute immer noch Religionskriege wie zur Zeit des 30-jährigen Krieges. Fundamentalismus und Extremismus haben die Welt immer wieder an den Rand des Abgrundes gebracht.“  

S: „Hier muss ich dir widersprechen. Für den Koran mag es sicher zutreffen, dass er Gewalt predigt, aber einem Christen ist es verboten, Gewalt auszuüben. Jesus Christus sagt in der Bergpredigt: 'Wenn dir jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin'. Wenn sich Menschen in der Vergangenheit Christen genannt haben, sich aber über dieses Gebot Christi hinweg gesetzt haben, dann waren es keine Christen. Mohammed hingegen lehrt, dass die Muslime sich gegen die Andersgläubigen mit Gewalt wehren sollen. Er schreibt: 'Tötet sie, wo immer ihr sie findet'. Fundamentalismus bedeutet, dass man sich an seinem religiösen Fundament orientiert und nicht an dem Zeitgeist. Ein Moslem, der Andersgläubige nicht tötet, ist dem Koran gegenüber ungehorsam und daher möglicherweise kein echter Muslim. Und ein Christ, der sich gegen ein Unrecht, dass ihm widerfährt, zur Wehr setzt, ist der Bibel gegenüber ungehorsam und daher ein fragwürdiger Christ, da er an dem biblischen Fundament nicht festhält. Er ist jedoch ein 'Extremist' im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Wort 'extrem' bedeutet eigentlich 'am äußeren Rand' (vergl. 'Extremitäten'), nämlich außerhalb des Fundaments. Man ist also entweder Fundamentalist oder Extremist, wenn man's wörtlich nimmt."        

A: "Also ich bin weder Fundamentalist noch Extremist, sondern weltoffen und liberal, und ich wünschte mir, dass alle Menschen so wären wie ich, denn nur dann wäre die Welt friedlich."    

S: "Auch ein IS-Kämpfer sagt: 'Wenn alle Menschen dem Islamischen Staat angehören würden, dann wäre die Welt friedlich."    

A: "Fragt sich nur, was für ein Friede das wäre! Auch die Toten haben ihren Frieden, nämlich auf dem Friedhof."    

S: "Auch Atheisten haben schon Kriege geführt im Namen der Freiheit und Gleichheit, z.B. die Kommunisten unter Stalin. Wirklichen Frieden gibt es nur dann, wenn die Menschen sich an das Gebot der Feindesliebe halten würden, so wie es Jesus Christus gelehrt hat.    Jesus sagt: 'Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber nachher nichts weiter zu tun vermögen. Fürchtet vielmehr dem, der die Macht hat, nach dem Tod in die Hölle zu werfen'. Ein Atheist hat nur dieses eine Leben, das er bis zuletzt verteidigen muss, weil er keine andere Hoffnung hat. Ein Christ hingegen weiß, dass dieses Leben nicht alles ist, sondern das eigentliche Leben erst noch kommen wird und dass jeder Mensch eines Tages vor Gott Rechenschaft geben muss.

Die letzten Worte oder Gedanken eines Atheisten - kurz bevor er von muslimischen Fanatikern hingerichtet wird, sind vermutlich wirklich nur: ‚Pech gehabt. ‘ oder einfach nur ‚So ein Mist!‘
Vielleicht wird er noch bis zuletzt versuchen, sich bei seinem Peiniger einzuschmeicheln, indem er alles sagt, was dieser gerne hört, nur damit er sein Leben schont. Denn außer diesem einen Leben hat er ja nichts. Das aber bestätigt dem Terroristen ja nur in seinem Tun und lässt ihn glauben, dass er alles richtig macht, wenn er Menschen tötet, die keinerlei Selbstachtung mehr haben.

Ein gläubiger Christ hingegen, der an ein Leben nach dem Tod glaubt, kann getrost Zeugnis ablegen und seinem Schlächter furchtlos und tapfer ins Gewissen reden: ‚Ich fürchte mich nicht vor Dir, denn du kannst nur meinen Körper töten, aber mehr nicht. Du solltest aber den fürchten, der die Macht hat, meinen Tod zu rächen. Er wird einmal von dir Rechenschaft fordern und dich dafür bestrafen, dass du einen Seiner Diener das Leben genommen hast, obwohl du kein Recht dazu hattest‘."                  

A: "Das wird ihn auch bestimmt einschüchtern!"

S: "Vielleicht werden solche Worte allein noch nicht ausreichen, um den Mörder umzustimmen. Aber diese Worte werden ihm wohl für lange Zeit verfolgen und ihm vielleicht keine Ruhe mehr lassen. Er wird sich fragen, was wohl seine letzten Worte eines Tages sein werden, und ob er auch noch so viel Mut und Standhaftigkeit am Ende beweisen wird. Hierin erweist sich der Glaube an Gott und die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod als großer Vorteil und als ein Zeichen von Überlegenheit gegenüber dem Atheismus."    

A: "Ich glaube, dass ein IS-Kämpfer sich überhaupt keine Gedanken mehr macht, denn sein Gewissen ist so abgestumpft, dass er nur noch blind jedem Befehl gehorcht. Man hat ihm ja auch jahrelang eingetrichtert, dass nur der Glaube an Allah die einzig wahre Religion ist, und dass jeder Feind des IS zugleich auch ein Feind Allahs ist, und der deshalb vernichtet werden muss. Der IS ist ein wildes Tier ohne Mitgefühl."

S: "Die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, ist bei Fanatikern wie dem IS nicht unbedingt abgestumpft, sondern fehlgeleitet. Gemäß seiner Ideologie, die derjenigen von Hitlers SS-Schergen gleicht, tut er etwas überaus Gutes, wenn er die 'Bösen' vernichtet. Er sieht es als einen Befehl Gottes an. Irgendwann aber wird ihm die Einsicht beschleichen, dass die Vorstellung, die er von Gott hat, eigentlich sich in keinster Weise unterscheidet von der Vorstellung, die er von dem Teufel hat. 

Ich kann die IS-Kämpfer oder die Taliban sogar ein wenig verstehen, weil ich ja auch mal so ähnlich getickt habe. Die Ungläubigen erschienen auch mir damals wie fremde Wesen, die ihre eigentliche Bestimmung verloren haben. Aus meiner Sicht war ihr ganzes Dasein eine einzige Beleidigung für Gott, weil sie nicht nach Ihm fragten, obwohl Er doch ihr Schöpfer war. Ich hatte das Gefühl, dass ich in Feindesland bin. Das Fernsehen strahlte immer nur Sendungen aus, die so taten, als ob Gott gar nicht existieren würde. Obwohl Gott doch das Wichtigste überhaupt ist, tun die Medien auch heute noch so, als ob es nicht relevant sei, über Gott zu berichten. Das habe ich damals immer wieder auch als eine persönliche Kränkung empfunden. Man durfte mich persönlich so oft beleidigen, wie man wollte, aber bloß nicht meinen Gott!    

A: "Und wie siehst du das heute?"

S: "Ein wenig denke ich auch heute noch so. Nur wundert es mich nicht mehr wirklich, denn mir ist immer mehr bewusst, dass die Welt von Satan reagiert wird, der hinter den Kulissen die Fäden in der Hand hält. Im Grunde können die Menschen einem nur leidtun, denn sie sind nur ein Spielball Satans ohne sich dessen bewusst zu sein. Dennoch sind sie nicht unschuldig, denn es müsste ihnen eigentlich klar sein, dass sie mit einer Absicht geschaffen wurden, nämlich um Gott nützlich zu sein und Ihm zu dienen. Tatsächlich aber verhalten Sie sich wie Angestellte in einer Firma, die nicht bereit sind, einen Finger krumm zu machen für ihren Chef, obwohl dieser ihnen regelmäßig ihr Gehalt zahlt. Sie müssen sich sich also nicht wundern, wenn sie eines Tages vor die Tür gesetzt werden."

A: "Wenn diese Angestellten - um bei diesem Bild zu bleiben - wenigstens eine unmissverständliche und auch erfüllbare Aufgabenstellung von ihrem Chef bekommen hätten! Und wenn Sie diesen wenigstens auch einmal zu Gesicht bekommen hätten! - dann könnte ich es noch verstehen, wenn sie wegen ihrer Arbeitsverweigerung eines Tages bestraft werden würden. Tatsache ist aber, dass die moralischen Ansprüche, die dieser Gott stellt, für einen Normalsterblichen kaum erfüllbar sind, weil sie ihn völlig überfordern. Es ist aus meiner Sicht einfach unnatürlich, wenn von einem Menschen erwartet wird, dass er sich ein Unrecht, dass ihm angetan wurde, einfach gefallen lassen soll. Dadurch werden die Schurken doch nur bestärkt, dass sie immer nur weiter machen können, ohne dass ihnen Einhalt geboten wird."

S: "Im Gegenteil. Der HErr Jesus durchbricht mit Seinem Gebot von der rechten und der linken Backe die unheilvolle Logik der Vergeltung und stellt ihr das göttliche Prinzip der Vergebung entgegen. Dass man dadurch manchmal viel mehr erreichen kann, hat ja z.B. auch Mahatma Gandhi bewiesen, der sich von der Idee des gewaltlosen Wiederstandes inspirieren ließ und dadurch Indien aus der englischen Kolonialherrschaft befreit hat.

Ich hatte zuletzt zwei Gerichtsstreitigkeiten, bei welchen mir Kunden meinen Werklohn nicht zahlen wollten. Ich hatte sie daraufhin verklagt und am Ende in beiden Fällen einen Pyrrhus-Sieg erzielt, indem ich zwar im Rahmen eines Vergleichs einen größeren Teil meines Geldes zugesprochen bekam, dieser jedoch fast gänzlich durch Anwalts- und Gutachterkosten verschlungen wurde, so dass am Ende kaum etwas übrig blieb. Stattdessen haben mich beide Prozesse unglaublich viel Zeit und Nerven gekostet, so dass ich im Nachherein feststelle, dass es besser gewesen wäre, wenn ich von Anfang an auf diesen Teil verzichtet hätte.“

A: „Aber darauf legen es solche Kunden doch nur an, dass man irgendwann zermürbt wird und dann aufgibt. Und wenn sie dann sehen, dass sie auf keinerlei Widerstand stoßen, dann fühlen sie sich auch noch bestärkt in ihrer Auffassung, dass man immer kriegt, was man will, wenn man es nur immer wieder laut und frech einfordert. Sie brauchen noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben, denn sie können sich bei den Christen ja immer darauf verlassen, dass diese still und doof wie Lämmer auch ihre linke Backe hinhalten. Deshalb hat das Christentum die Ausbeutung und das Unrecht in der Welt eher noch befördert, anstatt es einzudämmen.“

S: „Von ‚still sein‘ steht nichts im Text. Jesus wurde selber mal vor dem Hohen Rat geschlagen, aber Er hat in diesem Moment nicht geschwiegen, sondern wollte von dem Gerichtsdiener wissen, warum dieser Ihn geschlagen hat. Es ging Ihm darum, dass sich die Menschen über ihr Tun selber Rechenschaft ablegen, ob es recht ist oder nicht, bevor Gott es ihnen eines Tages bekanntgeben wird. Trotzdem sollen wir selber uns nicht rächen, sondern es Gott überlassen, dass Er eines Tages Vergeltung üben wird für alles geschehene Unrecht. Hier ist eben einfach der Glaube der Gläubigen gefordert.“

A: „Aber steht denn nicht auch in der Bibel: ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘?“

S: „Ja, im Alten Testament. Das gehörte zum Gesetz, das Gott dem Volk Israel durch Mose gegeben hat.
Denn bevor Mose die Anweisung gab, dass die Israeliten entstandenes Unrecht zu gleichem Teil vergelten sollten, war es in der damaligen Zeit üblich, dass man sich um ein Vielfaches gerächt hatte.
So sprach z.B. Lamech, der Sohn Kains, in 1.Mo. 4:23 ‚Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Strieme!‘ Das Volk Israel sollte lernen, Maß zu halten und sich nicht mehr zu rächen, als an Schaden wirklich entstanden war. Das war eine vergleichsweise große Rechtsreform, und für die damalige Zeit absolut modern und revolutionär.“

A: „So habe ich es noch nicht gesehen. Man kann wirklich sagen, dass es in dieser Frage eine echte Entwicklung zum Guten gegeben hat, wenn man die Steinzeit mit der heutigen Zivilisation vergleicht. Dazu haben sicherlich auch die Religionen einen Teil dazu beigetragen. Es wäre überhaupt sehr wünschenswert, wenn sich noch mehr Menschen von der Bergpredigt inspirieren und orientieren lassen würden. Dann bräuchte man das menschliche Zusammenleben nicht mehr ständig durch neue Vorschriften regeln, sondern könnte die Menschheit dazu bringen, sich von einer einzigen großen Idee leiten und treiben zu lassen, nämlich der Idee, dass wir alle eigentlich Brüder und Schwestern sind.“

S: „Und genau das sehe ich im echten, bibeltreuen Christentum längst verwirklicht: Wenn ich mich mit Gläubigen aus anderen Städten oder Ländern treffe, dann weiß ich, dass ich ihnen 100 % vertrauen kann, weil wir alle an die Bibel glauben. Es geht um Verbindlichkeit. Wer an die Bibel glaubt und gottesfürchtig ist, dem kann ich ohne mit der Wimper zu zucken 10.000 € ausleihen und ich weiß, dass er sie mir pünktlich wieder zurückgibt. Hier in Bremen bin ich als Malermeister innerhalb der christlichen Szene ziemlich bekannt, und so bekomme ich viele Aufträge von Gläubigen erteilt, denn sie wissen, dass das Christsein eine Art Qualifizierung für Ehrlichkeit ist.“

A: „Das Phänomen der Verbrüderung gibt es aber auch in vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen und Kulturkreisen. Darauf hat das Christentum kein Patent.“

S: „Es wurde schon von vielen nachgeahmt, bleibt aber dennoch unerreicht. Von der Urgemeinde heißt es, dass sie ein Herz und eine Seele waren und alles miteinander teilten. Der Kommunismus hat versucht, dieses Ideal durch Zwang zu imitieren, ist aber kläglich gescheitert, weil man Liebe nicht erzwingen kann, - sie kann einem nur von Gott geschenkt werden.“

A: „Aber von welchem Gott? Warum ausgerechnet der Gott der Christen?! Und wenn Gott sich angeblich allein durch die Bibel kundgetan hat, - warum erschwert er den Menschen dann so sehr den Zugang zu seinem Heil, indem er von ihnen verlangt, an eine kaum glaubwürdige Botschaft zu glauben?! Denn die Bibel ist doch voller Widersprüche und absurder Geschichten, die nur von Schwachköpfen geglaubt werden können. “

S: „In Wirklichkeit enthält die Bibel keinen einzigen Widerspruch, der nicht aufzulösen wäre, sondern sie wird halt nur nicht von jenen Menschen verstanden, die sie auch nicht verstehen wollen.“

A: „So ein Quark! Wie soll denn ein geistig gesunder Mensch glauben können, dass ein Gott wegen der Verhaltensweisen seiner Geschöpfe, mit denen er selbst sie ausgestattet hat, so wütend ist, dass er sie zu ewiger Qual in der Hölle verdammt und nur dann zur Vergebung bereit ist, wenn sein eigener Sohn von ihnen umgebracht wird?! Und dann sollen sie auch noch sein Fleisch essen, das sich in der Eucharestiefeier angeblich in eine Oblate verwandelt. Das ist ja fast so etwas wie ein ritueller Kannibalismus!“

S: „Was die katholische Kirche aus dem schlichten Gedächtnismahl des HErrn gemacht hat, dafür kann die Bibel doch nichts! Aber wenn Gott uns Seinen Heilsplan in der Bibel mitteilt, dann ist es doch wohl ein Zeichen Seiner Liebe zu uns, dass Er einen Weg bereitet hat, auf welchem wir wieder mit Ihm versöhnt werden können. ER hätte uns genauso gut alle vernichten können, und das wäre Sein gutes Recht gewesen. ER muss uns keine Rechenschaft abgeben - wir Ihm aber schon. Gott hat uns geschaffen, um sich an uns zu erfreuen. Jeder Mensch kann Gott durch das Erschaffene erkennen, so dass Er keine Ausrede hat; denn das, was existiert, ist nicht einfach durch Zufall entstanden.“

A: „Die Schöpfung ist ja auch so ein Märchen, an das heute kein Mensch mehr ernsthaft glauben kann. Da soll Gott angeblich die Welt erst vor 6000 Jahren innerhalb von 6 Tagen erschaffen haben, nach dem Motto: ‚Backe, backe Kuchen‘. Dabei ist doch längst bewiesen, dass die Welt in Wirklichkeit schon 4,6 Milliarden Jahre alt ist und erst in einem langen Evolutionsprozess entstand, für den das Einwirken eines Gottes gar nicht erforderlich war. Dennoch gibt es unter den Christen immer noch ein paar Verbohrte, die behaupten, dass Evolution angeblich unwissenschaftlich sei. Und warum behaupten sie das? Weil sie fürchten, dass ihre Schäflein sonst ihren Glauben an die Bibel verlieren und wieder in die Welt zurückkehren würden! Denn wenn Gott das Universum vor 13,7 Milliarden Jahren durch einen Urknall geschaffen hätte, dann wäre es ja auch kaum glaubwürdig, dass es Gott bei der Erschaffung der Welt um uns Menschen gehen könnte, da wir offensichtlich nur ein unbedeutendes Randereignis wären, inmitten eines unvorstellbar großen Weltalls, innerhalb einer winzig kleinen Zeitspanne. Denn wenn es wirklich um uns ginge, dann wäre sowohl die unvorstellbar lange Zeit bis zu unserer Entstehung, noch die ungeheuer riesige Anzahl an Sternen notwendig gewesen, um uns hervorzubringen. Gott hätte andere Mittel und Wege gefunden, wenn es ihm doch nur um unser Heil und Wohl gegangen wäre.“

S: „Es hat nie einen ‚Urknall‘ gegeben, schon allein deshalb nicht, weil sich Schall nur durch Trägerteilchen ausbreiten kann, die im vakuumähnlichen Universum jedoch zu wenig vorhanden sind.“

A: „Der Big Bang ist ja auch nur ein Name für den Beginn von Raum und Zeit, den man wissenschaftlich auch als ‚Singularität‘ bezeichnet. Durch die Rotverschiebung hat man jedoch schon vor Jahrzehnten bewiesen, dass sich unser Universum ausdehnt, so dass sich aufgrund der Geschwindigkeit der Beginn der Ausdehnung zurückdatieren lässt auf einen Zeitpunkt vor etwa 13,7 Milliarden.“

S: „Die Urknalltheorie beruht auf einer ganzen Reihe hypothetischer Annahmen, die wissenschaftlich unbewiesen und sogar widersprüchlich sind. So weiß man z.B. bis heute nicht, welcher Mechanismus aus dieser angeblichen Singularität herausgeführt hat. Zudem bleibt offen, ob die heute bekannten Naturgesetze vor, während oder nach der auf die Singularität folgenden Inflation entstanden sein sollen. Auch die Entstehung von Galaxien und Sternen ist bis heute rätselhaft und völlig ungelöst, sondern basiert nur auf Hypothesen, die in vielen Details den Naturgesetzen widersprechen. Die irreführende Bezeichnung 'Urknall' steht stellvertretend für die ganze oberflächliche Herangehensweise und voreilige Festlegung der heutigen Astrophysiker auf ein Standadmodell, das noch immer viel zu viele Fragen aufwirft, um berechtigterweise als 'geklärt' zu gelten. Ebenso die ganzen Berechnungen über das angeblich milliardenjährige Alter des Universums und der Erde gehen von Grundannahmen aus, die keineswegs gesichert, sondern äußerst umstritten sind. Daher sehe ich keinerlei Grund, warum ich diesen ganzen unbewiesenen Entstehungstheorien Glauben schenken soll, sondern darf mich beruhigt auf das zuverlässige Zeugnis der Bibel stützen, die für das Alter der Menschheit außerordentlich präzise Angaben macht, deren Summe auf etwa 5988 schließen läßt, also rund 6000 Jahre."

A: „Dann glaubst Du also auch an Adam und Eva? Das ist doch alles völliger Blödsinn und nur ein Mythos! Vor 6.000 Jahren lebten schon 7.000.000 Menschen auf der Erde. In Wirklichkeit ist die Menschheit auch deutlich älter als 6000 Jahre. Die ältesten Knochenfunde des Homo sapiens aus dem Süden Äthiopiens datieren schon 200.000 Jahre zurück.“

S: „Ach ja? Wenn das so wäre, dann hätten bei einem gleichmäßigen Anstieg ja schon fast 700 Milliarden Menschen vor Adam gelebt haben müssen! – Wo sind denn deren Knochen alle? Und wo ist deren ganzes Steinwerkzeug? Unsere Böden müssten doch eigentlich alle voll sein mit all diesen Frühmenschen und ihren Hinterlassenschaften, oder nicht?! Zudem gibt es eine Studie über die mitochondriale DNA, nach welcher die Menschheit theoretisch nur 6.000 Jahre alt sein kann („A high observed substitution rate in the human mitochondrial DNA control region” Nature Genetics 15, 363 - 368 (1997) by Thomas J. Parsons et al.)“

A: „Das kann ich mir kaum vorstellen – und selbst wenn, dann gäbe es sicherlich auch dafür eine plausible Erklärung. Das sind alles solche Fragen, die Du den Forschern überlassen musst, um sie zu beantworten; und mit zunehmendem Wissen klären sich auch immer mehr solcher Fragen.“

S: „Ein Wissenschaftler hat mal gesagt: Wenn wir nach langem Suchen die Antwort auf eine Frage gefunden haben, dann haben sich in der Zwischenzeit schon wieder 10 neue Fragen gebildet, die unsere vermeintliche ‚Antwort‘ sofort wieder in Frage stellen.“

A: „Das ist sicherlich so. Aber ein Wissenschaftler würde ja auch nie behaupten, dass er eine endgültige Antwort auf eine Fragestellung gefunden habe, sondern bekennt sich stets dazu, dass sein Wissen nur eine höchst mögliche Wahrscheinlichkeit an Wahrheit hat, die aber immer wieder durch neue Funde korrigiert werden kann. Wissenschaft ist also nicht dogmatisch – so wie Religion, sondern versucht, durch Theoriebildung und durch das Prüfen und Bewähren von Theorien sich eine brauchbare Arbeitsgrundlage zu schaffen, die immer offen bleibt für neue Funde und Erkenntnisse.“

S: „Es gibt jedoch Wahrheiten, die man grundsätzlich nicht in Frage stellen sollte, da sie auch nicht das Ergebnis menschlicher Forschung sind, sondern göttlicher Offenbarung entspringen.“

A: „Jetzt bin ich aber gespannt…“

S: „Zum Beispiel die Frage nach dem Woher und Wohin des Menschen, sowie die Frage nach dem Warum und Wieso, also dem Sinn des Lebens. Oder auch die Frage, WIE wir leben sollen, kann nicht zur Disposition stehen, d.h. die Frage, was gut und böse ist. Das sind alles Fragen, die Gott den Menschen in der Bibel beantwortet hat, weil sie für sein Leben von essentieller Bedeutung sind.“

A: „Das ist doch völliger Blödsinn! Die Menschen wussten schon lange vor den 10 Geboten, dass es besser für sie ist, wenn sie sich nicht bei jeder Kleinigkeit gegenseitig die Keule auf die Rübe schlagen!“

S: „Tatsächlich? Diese Einsicht haben sie doch bis heute nicht, denn noch nie gab es so viel Kriege und Blutvergießen weltweit wie heute.“

A: „Erkenntnis und Umsetzen von Erkanntem sind Zweierlei. Es kann aber nicht geleugnet werden, dass die Menschheit in einem fortschreitendem Prozess der Zivilisierung steckt durch die allgemeine Anerkennung der Menschenrechte.“

S: „Zu dieser Entwicklung hat das Christentum einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet. Deshalb haben sich die christlichen Gründerväter Amerikas in ihrer Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte auf Gott berufen können, denn ohne diesen Bezug auf Gott wäre eine Menschenrechtserklärung gar nicht begründbar.“

A: „So ein Schmarrn! Und was für eine Anmaßung! Denn Du behauptest dadurch ja indirekt, dass es vor der Entstehung des Juden- und Christentums noch gar keine Menschlichkeit auf Erden gab, und dass auch andere Kulturen und Religionen gar nicht fähig sind, moralische Grundsätze und Werte zu entwickeln!“

S: „Nein, das habe ich nicht behauptet. Die Bibel selbst lehrt ja, dass Heidenvölker, die den Willen Gottes nicht kennen, schon durch ihr Gewissen, das sich durch ihre Erziehung im Rahmen ihrer Religion, Sitte und Moral herausgebildet hat, eine grundsätzliche Vorstellung von Recht und Unrecht haben. Durch die Verbreitung und Annahme des Christentums erhielten die Menschen aber noch zusätzlich eine starke Motivation, sich moralisch korrekt zu verhalten, denn ihnen wurde bewusst, das Gott alles sieht und sie eines Tages für alles zur Rechenschaft ziehen wird.“

A: „Das ist frommes Wunschdenken. In Wirklichkeit wurden die Menschen durch das Christentum nicht besser sondern eher schlechter, weil sie sich für ihr verbrecherisches Handeln auch noch teilweise auf die Bibel berufen konnten. Herrscher durften ihre Untertanen weiter unterdrücken ohne dass diese sich wehren durften, denn es steht ja geschrieben, dass alle Obrigkeit von Gott eingesetzt wurde. Die Zerstörung der berühmten Bibliothek von Alexandrien wurde wahrscheinlich von einem aufgehetzten christlichen Mob verursacht, der sich darauf berufen konnte, dass das Wissen der Welt ja Torheit bei Gott sei. Plantagenbesitzer durften weiter ihre Sklaven misshandeln, da die Bibel ja die Sklaverei befürwortet. Und Frauen durften kein eigenständiges Leben führen, da die Bibel ja den Frauen gebietet, ihren Männern unterwürfig zu sein. Und wenn es dann immer mal wieder mutige Humanisten gab, welche die Freiheit und Gleichheit der Menschen gefordert haben, dann wurden sie von der Kirche verfolgt und mundtot gemacht. Das sogenannte ‚christliche Abendland‘ ist eine Legende und hat es nie gegeben. In Wirklichkeit haben die Kirchen dem Volk nicht die Menschenrechte gebracht, sondern die Menschenrechte mussten erst gegen den erbitterten WIDERSTAND der Kirchen ERKÄMPFT werden!“

S: „All dies habe ich früher auch geglaubt. Tatsächlich aber hat der Humanismus den Menschen keine wirkliche Freiheit gebracht, sondern nur Liberalismus. Die Menschen wollen frei sein von den Vorschriften Gottes und sich das Recht nehmen, zu sündigen. Aber die Sünde ist in Wirklichkeit gar keine Freiheit, sondern führt den Menschen in eine Abhängigkeit von seinen Lüsten und Trieben. Jesus sagt: ‚Wer in Sünde lebt, ist ein Sklave der Sünde‘. Und tatsächlich: wohin hat z.B. die Habgier den Menschen gebracht? Zu mehr Glück? Nur scheinbar. Denn es ist ein ‚Glück‘ auf Kosten der anderen. So wie sich Geld nicht wirklich vermehrt, sondern nur den Besitzer wechselt, so ist es auch mit dem Recht: Wenn ich einer Frau das Recht zuspreche, ihr ungeborenes Kind zu töten, dann spreche ich zugleich dem Kind das Recht auf Leben ab. Und wenn der Staat sich das Recht nimmt, die Kinder zum Schulbesuch zu zwingen, damit sie z.B. auch in den ‚Genuss‘ von Pornografie kommen können im Rahmen der Genderismus-Umerziehungs-Indoktrination, dann nimmt der Staat den Eltern zugleich das Recht weg, ihren Kindern die Werte der Bibel zu vermitteln. Ich würde so etwas nicht Fortschritt nennen, sondern Rückschritt in einen totalitären, antichristlichen Staat.“

A: „Du übertreibst. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, in welcher jeder so leben kann, wie er mag, sogar wenn er religiös verbohrt ist. Aufgabe des Staates ist es lediglich, jedem Menschen ein möglichst gleiches Maß an Rechten einzuräumen. Im Unterschied zu den Buchreligionen geht unser demokratisches Rechtssystem nicht von göttlich vorgegebenen, ewiggültigen Werten aus, sondern es beruht auf einem Gesellschaftsvertrag, dessen Werte immer wieder von Zeit zu Zeit neu verhandelt werden müssen.“

S: „Das heißt also, dass – wenn die Gesellschaft irgendwann die ‚Abtreibung‘ bzw. Ermordung von behinderten Frühgeborenen mehrheitlich als unproblematisch beurteilt – man auch diese töten darf, so wie es der australische Philosoph Peter Singer erst letztens wieder in einem Interview festgestellt hat (http://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/philosoph-peter-singer-ein-embryo-hat-kein-recht-auf-leben-1.18547574)?“

A: „Das ist zwar äußerst unwahrscheinlich, aber rein hypothetisch betrachtet, ist das denkbar.“

S: „Ist das nicht traurig?! Es erinnert mich ein wenig an Nietzsche, der in der Geschichte vom tollen Mann fragt: ‚Wohin bewegen wir uns… Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?‘ Ist das etwa nicht die Konsequenz, wenn eine Gesellschaft sich von Gott lossagt und sich selber Wertmaßstäbe schaffen will, die es dann immer wieder der Mehrheitsmeinung anpassen muss? Ist dann etwa nicht wieder ein weiterer Holocaust möglich, wenn der Hass gegen die Juden mal wieder salonfähig wird? Und mit welchem Recht verurteilt der Westen dann den IS oder andere Islamische Staaten, wenn doch die Mehrheit derselben sich für die Einhaltung der Scharia entschieden hat?“

A: „Im Prinzip hast Du recht. Demokratie ist immer auch ein Risiko, weil Menschen beeinflussbar sind. Aber sie ist das Beste was wir haben. Solange die Mehrzahl der Menschen noch immer frei für sich selbst entscheiden kann, wer sie regieren soll, ist die Gefahr, dass die Falschen an der Macht sind, gering. Auf jeden Fall – davon bin ich überzeugt – kann der Mensch selber wissen, was gut für ihn ist, und braucht dazu nicht extra ein außerirdisches Wesen, das es ihm erklärt.“

S: „Der Mensch kann ja noch nicht einmal sich selbst beherrschen, - wie will er dann auch noch Verantwortung für andere übernehmen!? Der Atheismus gibt dem Menschen keine Orientierung im Leben. Wenn Recht und Unrecht immer wieder neu verhandelt werden müssen, dann werden immer mehr schädliche Kompromisse gemacht, die der Gesellschaft schaden. Ein Sprichwort sagt: ‚An runden Tischen verliert man schnell seine Kanten‘. Als man sich z.B. in den 70er Jahren dafür entschied, das Prinzip der Schuldfrage bei Ehescheidungen aufzugeben, gingen in der Folge die Scheidungsraten in die Höhe. Die Folge waren oftmals verstörte und orientierungslose Kinder, die ihr Leben lang Schwierigkeiten hatten, eine eigene, dauerhafte Beziehung einzugehen. Hätten die Eheleute sich jedoch gottesfürchtig unter das Gebot Jesu gebeugt, ‚Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden‘, dann wären all die Probleme erst gar nicht entstanden. Sünde bedeutet eigentlich ‚Verfehlung‘, d.h. dass der Mensch den Plan und das Ziel Gottes verfehlt, weil er eigenmächtig Entscheidungen trifft, ohne Gott zu fragen. Wenn z.B. in einer Schule die Heizungsanlage ausfällt, dann nützt es nichts, wenn die Lehrer und die Schüler demokratisch darüber abstimmen, wer die Anlage reparieren darf, wenn in Wirklichkeit doch niemand Ahnung hat, wie man eine solche repariert. Sondern man ruft den Monteur an, der die Heizungsanlage installiert hat, weil der sich am besten damit auskennt. Und genauso ist es mit den Problemen der Welt: auch diese kann niemand wirklich lösen als nur der Schöpfer allein.“

A: „Vorausgesetzt, dass es überhaupt einen Schöpfer gibt, der uns eine Gebrauchsanweisung für das Leben mitgegeben hat, wie es die Christen behaupten. Aber beantworte mir mal eine Frage: Wenn wirklich die Gefahr bestünde, dass die Menschen für ihr Tun von Gott mit der Hölle bestraft werden, warum stellt Gott dann angeblich den Glauben als Bedingung zur Erlangung des Heils? Wenn er den Menschen vergeben will, warum vergibt er ihnen nicht einfach, anstatt überhaupt Bedingungen zu stellen? Schließlich muss ein souveräner Gott doch niemandes Vorschriften beachten, sondern kann tun und lassen, was er will.“

S: „In Deinem letzten Satz hast Du Dir selbst die Frage gerade beantwortet. Die Menschen haben eine bestimmte Vorstellung von Gott, wie Er sein muss, damit sie bereit sind, an ihn zu glauben. Aber Gott kann man keine Bedingungen stellen, sondern Er allein ist es, der die Bedingungen stellt. Gott will auch gar nicht mit unserem begrenzten Verstand fassbar sein, und will auch nicht alle Menschen auf einmal erretten, weil seine Rettungstat dann an Wert verlieren würde. Die Bibel zeigt uns, dass Jesus Christus in erster Linie die Einfältigen und Unmündigen der Welt erretten möchte, damit sich vor Gott niemand seiner Intelligenz rühmen kann. Nur durch den Geist Gottes ist man überhaupt in der Lage, die biblische Botschaft als wahr anzunehmen, und wem Gott sich nicht durch Seinen Geist zu erkennen gegeben hat, der soll es auch gar nicht verstehen.“

A: „Das ist doch nur eine ganz billige Ausrede, wenn einem nichts Gescheites mehr einfällt, mit dem man argumentieren könnte.“S: „Das habe ich früher auch gedacht. Heute aber erkenne ich dahinter einen sehr weisen Plan: Gott offenbart sich in unterschiedlichen Zeiten jeweils auf eine geeignete und passende Weise. Das Wort Gottes ist so geschrieben, dass es die Bildungselite gar nicht verstehen soll, sondern nur die Einfältigen. Deshalb ist in der Bibel vieles erwähnt, das den menschlichen Intellekt bis aufs äußerste strapaziert und ihm Einsichten zumutet, die er nur im Glauben annehmen kann. Das aber tut Gott erklärtermaßen aus Prinzip, weil er den Schwachen und Einfältigen den Vortritt geben möchte ins Reich Gottes.“

A: „Wenn Du statt ‚Gott‘ besser ‚die religiösen Führer‘ einsetzen würdest, dann wäre ich ganz Deiner Meinung, denn SIE sind es doch, die die Einfältigen als leichte Beute für ihre abstrusen Pläne anlocken und verführen! Das ist doch genau das, was jeder Diktator als erstes tut, wenn er an die Macht kommt, nämlich die Elite auszuschalten, da diese ihm gefährlich werden kann. Hitler ließ die Bücher verbrennen, weil er nicht wollte, dass die Deutschen seine Politik durchschauen. Auch die katholische Kirche hat Jahrhunderte lang verhindert, dass die Menschen die Bibel verstehen sollen, deshalb wurden die Gottesdienste auf Lateinisch gehalten. Und dass Gott angeblich nur die Unmündigen und geistig Armen erwählt hat, ist doch eine leicht durchschaubare Ausrede. In Wirklichkeit verhält es sich doch so, dass religiöse Menschen nur deshalb religiös sind, weil sie zu dumm sind, um die Dummheit der Religion zu erkennen!“

S: „Du setzt hier Einfalt mit Dummheit gleich. Es gibt da aber einen Unterschied. Es gibt viele Menschen die dumm und ungebildet sind, aber deshalb nicht unbedingt religiös. Und es gibt auch unter den religiösen Menschen nicht wenige Akademiker, Ingenieure und Professoren. Die geistig Armen, von denen der HErr Jesus in der Bergpredigt spricht, sind nicht unbedingt ungebildet, sondern sie unterstellen sich bewusst der geistigen Führung Gottes und entscheiden sich für ein Leben in Abhängigkeit von Gott. Dadurch werden sie von außen betrachtet als „arm“ wahrgenommen, denn sie wollen nicht – wie die meisten Menschen – mit ihrer großen Klugheit prahlen, sondern sich mit dem begnügen, was Gott ihnen zu erkennen gibt. Dadurch aber zeigen sie echte Weisheit und Klugheit, weil der Geist Gottes in ihnen wohnt.“

A: „Du bist aber jetzt gar nicht auf meine Frage eingegangen, warum Gott die Menschen nicht alle auf einen Schlag errettet, wenn er sie doch angeblich so sehr liebt. Und ist Gott etwa nicht ein grausamer Despot, wenn er nur eine kleine Auserwähltenschar errettet, die übrigen seiner Geschöpfe einfach in die Hölle schickt?!“

S: „Für uns Menschen ist das Thema Auserwählung schwer begreiflich. Aber da wir nicht alle Geheimnisse Gottes wissen, sollten wir uns mit voreiligen Schlüssen zurückhalten. Zudem sind auch nicht alle Menschen ursprünglich von Gott gewollt. Die Bibel sagt: ‚Der Gesetzlose ist wie ein nicht gepflanzter grüner Baum‘, d.h. er ist einfach nur durch Zufall da. Zudem spricht die Bibel von Menschen, die ‚aus dem Willen des Mannes‘ entstanden sind, bzw. ‚aus dem Willen der Fleischeslust‘, aber nicht aus Gott geboren sind. Wenn Gott sie aber auch nicht auserwählt hat, heißt das nicht, dass sie Ihm egal sind, denn Er will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.
Dass Gott ein ‚Despot‘ sei, wird noch nicht einmal in der Bibel bestritten, nur dass es dort mit ‚Hausherr (über Sklaven)‘ übersetzt wird. In der DaBhaR-Übersetzung von F.H. Baader wird es mit ‚Trinkmächtiger‘ übersetzt, also derjenige, der sich auch fürsorglich um seine Sklaven kümmert, indem er ihnen z.B. immer genug zu trinken gibt.

Gott als guter Sklavenhalter? Für die heutige Menschheit ist das unvorstellbar. Aber in der Antike war das überhaupt kein Problem. Gott hat alle Macht, weil Er souverän ist bzw. sein muss. Aber das bedeutet nicht, dass Er die Macht zum Schaden für uns missbraucht. Dass Menschen von ihm nicht auserwählt wurden zum Heil, bedeutet für mich nicht, dass Er grausam ist, sondern dass Er einen Plan hat, den Er uns jedoch nur zum Teil enthüllt hat, nämlich nur so weit, dass wir Ihm vertrauen können. Wenn Du Deine hochmütige Haltung Gott gegenüber nicht änderst, dann wird Gott Dich eines Tages demütigen und beschämen, und Du wirst auf tausend Fragen nicht eine beantworten können. Gottes Wort sagt, dass eines Tages sich jedes Knie vor Gott beugen und jede Zunge bekennen wird, dass Jesus Christus der HERR ist, und was ER sagt, das gilt, ob Du es glauben willst oder nicht!“

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Quelle: http://www.e-recht24.de

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