"Wache auf, der du schläfst und stehe auf aus den Toten,

 und CHRISTUS wird dir leuchten!" (Eph. 5:15)

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Januar bis Juni 2006

Mehr Schein als Sein

Anfang Januar rief mich die Ausbildungsberaterin der Handwerkskammer, Frau Schierenbeck, an und fragte mich, ob ich Interesse an einer ehrenamtlichen Tätigkeit hätte als sog. „Ausbildungs-Mentor“, d.h. als Berater für Jugendliche, denen ich erklären könnte, auf was es bei der Bewerbung und beim Vorstellungsgespräch ankäme und auf was die Chefs besonders achten würden usw. Zu diesem Zweck wollte sie mit mir in verschiedene Schulen gehen, wo ich im Rahmen des Faches „Arbeitslehre“ an den jeweiligen Tagen 2 - 3 Stunden mit ihr eine Art Vortrag halten solle vor Schulklassen der 10. Real- oder Hauptschulklasse. Hintergrund war ja, dass ich 2004 eine Auszeichnung erhalten hatte, zum angeblich „besten Ausbilder Deutschlands“. Diesen Titel hatte ich mir ja bisher nicht wirklich verdient, deshalb dachte ich, dass ich es auf diesem Wege vielleicht nachholen könnte (oder es zumindest versuchen könnte) und willigte ein, unter der Voraussetzung, dass diese Schuleinsätze möglichst in den Wintermonaten stattfinden mögen, wenn bei uns Bauhandwerkern „Saure-Gurken-Zeit“ ist. So rief mich Frau Schierenbeck Anfang Januar an und gab mir gleich mehrere Termine für die Zeit von Januar bis März, die sie mit den Schulen vereinbart hatte.

 Doch schon bald merkte ich, dass Gabys Vorstellungen von Pädagogik noch aus den 60er Jahren stammten, denn die Tipps die Frau Schierenbeck den Jugendlichen gab, waren für mich zum Fremdschämen. So wiederholte sie z.B. bei jedem Einsatz die Stereotype, dass die Jugendlichen nicht mit Kaugummi im Mund und auch nicht mit Händen in der Hose zum Vorstellungsgespräch gehen mögen – als ob je ein Jugendlicher auf so eine Idee kommen würde! Man merkte, dass sie einfach keinerlei Ahnung von der Lebenswirklichkeit der heutigen Jugendlichen hatte. Da wir aber beide im Team auftraten, durfte ich ihr natürlich nicht widersprechen. Stattdessen beschränkte ich mich darauf, den Schülern zu erzählen, auf was ich selbst bei Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen achte und machte dabei öfter mal eine scherzhafte Bemerkung, um die Schüler zum Lachen zu bringen, damit sie nicht den Eindruck hätten, dass wir langweilige Spießer seien. Einmal sorgte ich dann bei den halb schläfrigen Jugendlichen für helles Aufsehen, indem ich ihnen etwas sagte, dass sie so schnell nicht wieder vergessen würden: Nachdem – wie üblich – jeder einzelne der etwa 30 Schüler sich vorgestellt hatte, wie er heiße und welchen Berufswunsch er habe, gab mir Frau Schierenbeck das Wort:

Liebe Schüler, ich weiß, wie langweilig die Schule für viele von Euch ist, denn es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich selbst noch die Schulbank gedrückt. Es hat auch bei mir erst sehr spät ‚Klick‘ gemacht, bis ich verstand, dass ich nicht für die Schule, sondern für mich selbst lernen sollte, und als ich das begriff, da habe ich mich auf einmal für alles interessiert, von dem ich mir einen Nutzen versprochen habe. Auf einmal entdeckte ich bei mir, dass ich mir viel besser etwas behalten kann, wenn ich es nicht aus Zwang, sondern aus eigenem Willen lernen will. Und das werde ich Euch jetzt mal demonstrieren: Ihr habt vorhin alle Eure Namen genannt, und ich werde Euch jetzt mal beweisen, dass ich mir die alle gemerkt habe…“ Und dann ging’s los, dass ich von all den 30 Schülern nacheinander die Namen wiederholte. Plötzlich waren alle hellwach und begeistert, nicht nur, weil das für sie sehr unterhaltsam war, sondern weil sie auf einmal das Gefühl hatten, dass jemand sich für sie interessiert hatte. Alle fieberten mit mir mit, während ich meine grauen Hirnzellen für die z.T. schwer auszusprechenden Namen bemühte: „Tunay ... Larissa … Oleg ... Aschmed – ach nee… Eschmad?“ Der Schüler korrigierte: „Esmatullah!“ Die Lehrerin und Frau Schierenbeck ließen mich gewähren, auch wenn diese kleine Showeinlage nichts mit Berufsberatung zu tun hatte, denn so aufmerksam waren sie schon lange nicht mehr.

Doch während ich nach außen den anständigen Malermeister und Saubermann vorgab, ließ ich im Frühjahr oftmals einige meiner Mitarbeiter schwarz arbeiten. Das ging so: Nach dem Rahmentarifvertrag durfte ich meine Mitarbeiter zum Winter hin ohne Kündigungsfrist entlassen aufgrund des „schlechteren Wetters“ („Schlechtwetterkündigung“), unter der Voraussetzung, dass ich sie nach dem Winter wieder einstelle, spätestens nach 3 Monaten. Oftmals fingen die Mitarbeiter aber schon in Februar oder März bei mir an, während ich sie erst im April wieder offiziell einstellte. Dadurch haben sie aber Jahr für Jahr immer ein oder zwei Monate bei mir schwarzgearbeitet, wobei ich ihnen Brutto für Netto auszahlte, so dass wir uns die eingesparten Sozialabgaben teilten. Was ich jedoch damals nicht durchblickte, war, dass ich durch diesen Abgabenbetrug mich auch selber massiv schädigte, und zwar auf zweierlei Weise: Zum einen flossen die eingesparten Kosten ja als Gewinne in meine Firma hinein, so dass ich viel höhere Einkommenssteuern zahlen musste ohne diese Personalkosten als Kosten geltend machen zu können. Und zum anderen litt meine Firma unter permanentem Liquiditätsmangel, denn ich musste ja ständig den Arbeitern das Geld bar auf die Hand geben; da ich aber auf der anderen Seite keine schwarzen Bareinnahmen hatte, musste ich die Gelder immer wieder vom Firmenkonto abbuchen, obwohl es für diese Barabhebungen aufgrund mangelnder Barbelege überhaupt keinen Sachgrund gab. Irgendwann sprach mich meine Buchhalterin Frau Sander darauf an und sagte: „Herr Poppe, Sie haben vom Vorjahr ein Minus von 16.000,- € in der Kasse! Was machen Sie mit soviel Geld zuhause? Horten Sie das etwa für schlechtere Zeiten?“ Ich verstand damals überhaupt nicht, was sie meinte und fragte nach. Sie erklärte mir, dass die Kasse zum Jahresende immer ausgeglichen sein müsse und ich nicht mehr aus der Kasse nehmen könne, als ich auch wieder hineintue durch Barbelege. „Herr Poppe, ich muss Sie warnen, denn wenn das Finanzamt ihre Steuererklärung in die Hand bekommt, dann sehen die sofort, was los ist, dass sie nämlich Schwarzarbeit machen! Wenn Sie dabei erwischt werden, dann können Sie ins Gefängnis kommen, und Sie haben eine Familie zu versorgen!

Für mich war diese Nachricht alarmierend. Aber anstatt völlig mit der Schwarzarbeit aufzuhören, beschloss ich, in Zukunft etwas vorsichtiger zu sein, indem ich mich bemühen wollte, meine illegalen Aktivitäten von nun an besser abzukoppeln von meinen legalen. Ich überlegte, mir ein zweites Konto einzurichten sowie ein neues Briefpapier mit der neuen Kontonummer, so dass ich einen Teil der Erlöse einfach abzweigen konnte, um meine Mitarbeiter für die Zeit ihrer Schwarzbeschäftigung mit Schwarzgeld bezahlen zu können. Doch am Ende fehlte mir dafür dann doch der Mut und die „kriminelle Energie“, zumal ich spätestens dann bei einem Erwischtwerden durch die Steuerfahndung mich nicht mehr damit rausreden könnte, dass es sich hier nur um ein Versehen handeln würde. Stattdessen machte ich weiter wie bisher, nur dass ich die Schwarzarbeit etwas reduzierte. Ganz aufgeben wollte ich sie nicht, da ich glaubte, ohne diese gar nicht mehr am Markt überleben zu können. Ich vertraute hingegen darauf, dass die Wahrscheinlichkeit einer Steuerprüfung doch sehr gering sei und die Behörden schon genug zu tun hätten mit all den Steuerflüchtlingen, die der damalige Finanzminister Peer Steinbrück von nun an „in Angst und Schrecken“ versetzen wollte. Dass es jedoch auch eine unsichtbare Welt gab, die meine Straftaten beobachtete und mich bereits längst vor Gott verklagt hatte, war mir damals gar nicht bewusst. Wenn Gott unsere Vergehen schon heute während unseres irdischen Lebens richtet und uns dafür bestraft, ist dies ein Zeichen Seiner Güte, denn viel schlimmer ergeht es jenen, die trotz ihrer schweren Sünden nur Wohlergehen auf Erden hatten, denn sie werden sogleich nach dem Tod höllische Qualen erleiden (Luk.16:19-31). Nach Gottes Gesetz bestraft Er uns immer mit genau dem gleichen Unrecht, das wir auch anderen angetan haben. So nahm es nicht wunder, dass schon bald darauf eine nicht enden zu scheinende Flut an Unrecht über mich hereinbrach in den Jahren 2006 - 2011, so dass mein Firmenschiff von nun an in stürmische See geriet und beinahe zu kentern drohte…

Der Fall Brenitzki

Bereits im Sommer 2005 hatte uns ein relativ junger Geschäftsmann namens Brenitzki (ca. 40) aus dem reichen Stadtteil Schwachhausen gebeten, seine altbremer Villa in der Benquestraße zu sanieren, sowie ebenso das Nachbarhaus. Da das alte Haus viele Risse aufwies, haben wir es nicht nur vollflächig gespachtelt, sondern auch mit einer Gewebearmierung tapeziert. Als wir nach ca. 4 Wochen fertig waren und das Gerüst abgebaut war, schrieb ich ihm die Schlussrechnung. Von den Gesamtkosten über 6.834,34 € hatte ich ihm einen Preisnachlass von 405,79 € gewährt, also rund 6 %. Da er mir bereits einen Abschlag von 2.320,- € überwiesen hatte, verblieb also ein Restbetrag von 3.946,48 €. Doch statt mir diesen dringend benötigten Betrag endlich zu überweisen, schrieb mir Herr Brenitzki eine Liste von 11 Punkten, die er bemängelte, 5 davon betrafen angebliche Mängel in der Arbeit und 6 bezogen sich auf die Rechnungspositionen, die er anzweifelte. Er kündigte an, dass er den von ihm eigenmächtig und unberechtigt gekürzten Rechnungsbetrag erst zahlen werde, sobald alle die von ihm genannten Mängel beseitigt seien. Der Gipfel der Unverschämtheit war, dass er auch noch Schadenersatz von mir verlangte, weil er für die von uns geleistete Wärmedämmung an seinem Giebel wider Erwarten keine staatliche Förderung erhalten hatte, da die erforderliche Dämmstärke von mindestens 12 cm nicht eingehalten wurde. Da sein Dachüberstand eine solche jedoch nicht zuließ, hatten wir nur 10 cm verwendet, es aber auch so in die Rechnung hineingeschrieben. Er hatte zwar noch gebeten, einfach 12 cm einzutragen, doch das hatte ich am Ende vergessen, zu tun.

Das Problem war nun, dass sich der Winter im Frühjahr 2006 weit in den März erstreckte und es einfach zu kalt war, um die geforderten Nachbesserungen auszuführen. Überall in Deutschland lag wochenlang eine bis zu 1 m dicke Schneeschicht und die Temperaturen waren weit unter dem Gefrierpunkt. Dadurch schoben sich vereinbarte Fassaden-Termine immer weiter nach hinten und mein Konto lag zwei Monate bei 5.000,-€ im Minus, so dass ich einen neuen Kontokurrentrahmen vereinbaren musste. Als ich dann die gewünschten Nachbesserungen im April endlich erledigen konnte, zahlte mir Herr Brenitzki dennoch nur 2.000,-€, da er der Meinung war, dass der etwa 1,80 m hohe Haussockel immer noch nicht so glatt sei wie die Fassade darüber. Außerdem zweifelte er die Quadratmeterzahl der von uns lackierten Fenster an, die ich mit 23,00 m² errechnet hatte, während er nur auf knapp 16,00 m² gekommen sei. Ich fuhr also nochmal hin und glättete den Sockel noch ein drittes Mal vollflächig, damit er endlich Ruhe gäbe, und bot ihm an, die Fenster noch einmal gemeinsam zu messen. Stattdessen kam Herr Brenitzki mit immer neuen Vorwürfen und behauptete wahrheitswidrig, dass bisher auch nie eine wirkliche Abnahme erfolgt sei, so dass schon allein deshalb noch gar kein Zahlungsanspruch bestünde. Wer selbst einen Handwerksbetrieb hat, kennt diese Spielchen und Tricks, durch welche Kunden einen Betrieb über viele Monate hinhalten können, bis dieser irgendwann entnervt auf die Restzahlung verzichtet, weil er weiß, dass er vor Gericht immer den Kürzeren ziehen würde.

Ich aber wollte mich nicht so schnell geschlagen geben. An einem Abend, als ich in der Badewanne lag, beschloss ich, für mein Recht bis aufs Letzte zu kämpfen – schon allein um herauszufinden, ob es zukünftig überhaupt Sinn macht, vor Gericht zu gehen. Auch wenn nur noch 1.378,42 € offen waren, sollte dieser neureiche Schnösel nicht so einfach damit durchkommen. So reichte mein Anwalt Lindemann schließlich Klage ein und es kam zum Prozess. Da mir klar war, dass das Gericht wahrscheinlich wieder Herrn Harmsen als Sachverständigen bestellen würde, versuchte ich schon vor dem Prozess, diesen Gutachter auf meine Seite zu ziehen, indem ich ihn eines Abends anrief und ihn bat, doch einfach mal bei Gelegenheit an der Fassade vorbeizufahren, um mir anschließend seinen Eindruck zu schildern, ob der Sockel denn inzwischen schon glatt genug sei. Herr Harmsen tat mir diesen Gefallen und rief mich kurz darauf abends an: „Herr Poppe, machen sie sich keine Sorgen: der Sockel sieht astrein aus, da ist nichts dran zu bemängeln.“ Ich freute mich und sah mich bereits als Sieger des Gerichtsstreits. Ich ahnte jedoch nicht, dass Herr Brenitzki weitaus listiger war als ich…

Als dann am 05.06.07 endlich der Prozesstag war, bestellte der Richter erwartungsgemäß den Sachverständigen Harmsen und beschloss eine Entscheidung erst nach dessen gutachterlicher Stellungnahme. Herr Brenitzki erdreistete sich sogar zu behaupten, wir hätten den Sockel überhaupt nicht gespachtelt und auch nur einmal übergestrichen, statt wie angeboten zweimal. Ich dachte: „Na, dieser Rotzlöffel wird noch sein blaues Wunder erleben!“ Als dann aber die Besichtigung vor Ort mit Herrn Harmsen erfolgte, erlebte ich mein blaues Wunder. Denn statt den 1,80 m hohen Haussockel zu beanstanden, zeigte Herr Brenitzki auf die etwa 4 m² große Treppenwand, die vom Haus abging, auf die er mich bisher nie hingewiesen hatte, und erklärte dem Sachverständigen, dass ihm diese Wand nicht glatt genug sei. Tatsächlich hatten wir an dieser ziemlich maroden Treppe nur stellenweise gespachtelt und Rissbänder gesetzt und nicht den gleichen Aufwand betrieben wie an der eigentlichen Fassadenwand. Auf meinen Protest hin, dass von dieser Treppenwand doch bisher nie die Rede war, entgegnete Herr Brenitzki: „Gehört dieses Wandstück etwa nicht auch im weiteren Sinn zum Sockel? Außerdem muss ich Sie als Fachmann doch nicht auf jede einzelne Sache immer hinweisen, denn Sie sollten doch selbst wissen, was ein Kunde heute von Ihnen erwarten kann! Schauen Sie z.B. nur mal hier diesen 10 cm breiten Streifen unter der Kellerfensterbank, der am Erdboden entlang geht! Dort haben Sie überhaupt nicht gespachtelt, sondern nur gestrichen, obwohl dieser Streifen doch auch zur Fassade gehört.“ – Ich platzte fast vor Empörung: „Können Sie mir mal verraten, wie ich diesen schmalen Streifen hätte spachteln können?! Außerdem sieht man den doch gar nicht, weil er von der Fensterbank fast vollständig überdeckt wird!“ – „ICH sehe das aber, und ich habe auch für diesen Streifen bezahlt, also kann ich auch erwarten, dass der mitgemacht wird!

Es war ein absolutes Fiasko. Und als ob dies nicht schon genug Demütigungen waren, zeigte er dem Harmsen auch noch kleine Fehlstellen am Geländer und eine winzige Roststelle an einem Fenstergitter, die dann später sorgfältig dokumentiert wurde vom Gutachter. Allerdings hatte ich wenigstens bei der Ermittlung der Fensterflächen Recht gehabt. Trotzdem war ich allerdings ziemlich frustriert, denn ich hatte ja auf einen Totalsieg gehofft. Herr Brenitzki versuchte nach der Urteilsverkündigung noch durchzusetzen, dass mir die gesamten Kosten des Streits auferlegt würden, unterlag jedoch mit dieser Forderung, so dass die Kosten am Ende zu gleichen Teilen aufgeteilt wurden.

Im April und Mai nahm meine Auftragslage dermaßen zu, dass ich dringend mehr Leute brauchte. Über den Winter hatte ich ja noch meinen Vorarbeiter André Bindemann und den ungelernten Russen Andrey Tschernyaschuk behalten, sowie die Lehrlinge Fadi Shoushari, Peter Schönholz und Patrick Mücher. Patrick ging mir mit seiner ständigen Krankmacherei inzwischen so dermaßen auf die Nerven, dass ich nur hoffte, ihn im Sommer nach bestandener Prüfung endlich loszuwerden. Über den Spanischkreis hatte ich einen Glaubensbruder namens David Czygan (32) kennengelernt, der zwar eigentlich Maurer war, aber auf mich einen kompetenten Eindruck machte. Da er jung verheiratet war und hoch verschuldet, wollte ich ihm helfen und stellte ihn ein. Er erzählte mir, dass noch ein weiterer Christ aus seiner Pfingstgemeinde arbeitsuchend sei, nämlich Edwin Sama Dingha (32) aus dem Kamerun. Ich dachte: „Da die beiden gläubig sind, werde ich mit ihnen keinen Ärger haben, denn Christen sind immer gute Mitarbeiter!“ Doch ein Jahr später sollte ich auf brutale Weise feststellen, dass ich mich auch in dieser Meinung geirrt hatte. Neben diesen beiden stellte ich im Mai und Juni auch noch den russlanddeutschen Alexander Weber (21) und einen Christian Duhm (20) ein, die beide gerade ausgelernt hatten und für die ich von der Arbeitsagentur eine Förderung bekam. Auch mein Lehrling Fadi Shoushari (24) sollte im Juni seine Gesellenprüfung machen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er sie nicht bestehen würde; denn er hatte bei der Zwischenprüfung zwar in der Fachpraxis eine 2 bekommen, aber in der Fachtheorie eine 5. Um so überraschter war ich, als er bei der Gesellenprüfung in Theorie auf einmal eine 1 bekam. Ich sagte: „Fadi, erzähl mir doch nicht, dass Du Dich innerhalb eines Jahres so sehr verbessert hast! Du musst irgendwie geschummelt haben, gib‘ es zu!“ Fadi grinste nur und sagte nichts.

Der Streitfall Patrick Mücher

Während Anfang Juni die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland begonnen hatte und Deutschland in einer fröhlichen Ausgelassenheit war, erhöhten sich zwischen Patrick und mir immer mehr die Spannungen, da er mit dem Herannahen seiner Gesellenprüfung immer häufiger krankmachte und sich teilweise noch nicht einmal die Mühe machte, sich einen „gelben Schein“ (Krankmeldung) zu holen, so dass er im Grunde unentschuldigt fehlte. Innerhalb von 6 Monaten hatte er von 110 Tagen insgesamt schon 41 Tage gefehlt, und zwar 26 Mal mit Krankmeldung und 15 Mal ohne Krankmeldung. Dies ließ ich mir jedoch nicht bieten, sondern kürzte ihm deshalb drastisch den Lohn. Da er aber wegen der bisherigen Lohnpfändungen (wegen des ausgebrannten Firmenwagens und wegen eines geliehenen Kredits von 180,-€) ohnehin schon eine entsprechend verminderte Ausbildungsvergütung erhielt, protestierte Patrick gegen die Lohnkürzungen und drohte mir, mich bei der Handwerkskammer und nötigenfalls beim Arbeitsgericht zu verklagen. Aus lauter Frust wollte Patrick bis zur Prüfung gar nicht mehr zur Arbeit kommen („Wenn Du mir so wenig Geld gibst, warum soll ich dann noch für dich arbeiten?!“). Ich nahm das gar nicht ernst, bis ich auf einmal mitten am Tag einen Anruf von der Handwerkskammer erhielt. Es war der Lehrlingswart Herr Bröker, der genauso wie Patrick in Bookholzberg wohnte und ihn deshalb vielleicht auch persönlich kannte.

Unvermittelt blaffte Herr Bröker mich an: „Herr Poppe, ihr Auszubildender Patrick Mücher sitzt gerade hier bei mir im Büro und hat mir gerade seine Lohnabrechnungen der letzten 10 Monate vorgelegt. Sie haben ihm ohne Erlaubnis jeden Monat bis zu 250,- € vom Lohn abgezogen. Das ist nicht nur illegal, sondern eine richtige Sauerei! Ich hab‘ das mal ausgerechnet, das sind insgesamt 2.477,32 €, und ich sage Ihnen eins: Das werden Sie ihm unverzüglich wieder zurücküberweisen, denn sonst sorge ich dafür, dass Sie richtig Ärger kriegen! Ich bin es langsam leid, dass ich immer wieder von allen Seiten Vorwürfe hören muss von Ihrer Firma! Sie stehen nicht über dem Gesetz und können nicht einfach machen, was Sie wollen! Andauernd höre ich nur Klagen über Ihre eigenwillige Personalführung! Wenn das so weitergeht, dann werde ich Ihnen die Ausbildungsberechtigung entziehen lassen!“ – „Entschuldigen Sie,“ unterbrach ich ihn, „darf ich vielleicht auch mal ´was dazu sagen. Die Abzüge geschahen ja gemäß einer Vereinbarung zwischen Patrick und mir und sind deshalb völlig rechtens…“ – „Haben Sie das schriftlich? Nein? Dann können Sie das vergessen, denn Patrick weiß nichts von irgendwelchen Vereinbarungen. Sie schreiben ja hier, dass es sich bei diesen Abzügen um ‚Pfändungen‘ handele, aber ohne einen gerichtlichen Pfändungsbeschluss haben Sie überhaupt nicht das Recht, ihn zu pfänden!“ – „Lassen Sie mich doch auch mal was sagen…“ ich schnappte nach Luft und fuhr fort: „Patrick wird Ihnen doch sicherlich erzählt haben, dass er meinen Firmenwagen letztes Jahr im Oktober in Brand gesetzt hat, nachdem er ihn ohne Erlaubnis am Wochenende mit nach Hause fuhr, obwohl er noch nicht einmal einen Führerschein hat!“ – „Ja, das hat er,“ sagte Herr Bröker, „aber er hat mir auch erzählt, dass Sie ihn immer wieder gezwungen haben, die Firmenwagen zu fahren, obwohl Sie genau wussten, dass er keinen Führerschein hatte. Das ist eine Straftat, Herr Poppe, wissen Sie das! Das ist Nötigung von Schutzbefohlenen! Aber wir brauchen jetzt auch gar nicht weiter diskutieren, denn all dies wird ohnehin demnächst bei einer gerichtlichen Anhörung zur Sprache kommen, und bis dahin können Sie sich ja noch was einfallen lassen, wie Sie sich rechtfertigen wollen!

Im Hintergrund hörte ich Patrick kichern und dachte: Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich nahm noch einen Anlauf: „Hören Sie bitte, Herr Bröker, Sie haben mir jetzt so viele Vorwürfe gemacht, aber mir kaum die Möglichkeit gegeben, dazu Stellung zu nehmen. Ich würde gerne erstmal ein persönliches Gespräch mit Ihnen führen, ohne dass Patrick dabei ist.“ – Herr Bröker antwortete: „Ja, das können Sie gerne tun, aber ich fahre nächste Woche für vier Wochen in den Urlaub, so dass wir uns erst in fünf Wochen treffen können. Die Anhörung im Ausschuss zur Beilegung von Lehrlingsstreitigkeiten wird aber schon am 11. Juli stattfinden wegen der Dringlichkeit der Sache. Sie bekommen dafür noch eine schriftliche Ladung. Und jetzt muss ich das Gespräch beenden, denn ich habe gleich noch einen Termin. Auf Wiederhören, Herr Poppe!“ Er legte auf und ich stand da wie perplex. Wie konnte er mich nur in Gegenwart von Patrick so herunterputzen und schulmeistern! Ich kam mir vor wie ein kleiner Junge, der sich gerade eine Moralpredigt anhören musste. Patrick würde jetzt wohl triumphierend nach Hause gehen und sich eins ins Fäustchen lachen, wie er’s mir gezeigt habe. Aber wie konnte man als Lehrlingswart nur so leichtgläubig und dilettantisch umgehen und sich von solchen Rotznasen so blenden lassen. Schließlich vertritt Bröker doch eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und kann sich dann doch nicht so naiv und parteiisch verhalten, weil er dadurch dem Ansehen der HWK schadet.

Ich schrieb ihm also einen Brief und beschwerte mich über sein mangelndes Fingerspitzengefühl. Auch verlangte ich von ihm konkrete Beispiele, was er damit meinen würde, wenn er behaupte, dass er „immer wieder“ oder „andauernd“ Vorwürfe über meine Firma vernehmen würde. Kurz darauf rief er mich an und entschuldigte sich bei mir, dass er so emotional reagiert und übersehen habe, dass Patrick beim Telefonat anwesend war. „Das war sicherlich pädagogisch nicht sehr klug und weise von mir, das tut mir aufrichtig leid!“ Dennoch konnte er keinen Einfluss mehr nehmen auf den Antrag von Patrick, den Streit vor dem juristischen Ausschuss der Handwerkskammer klären zu lassen. Bald darauf erhielt ich dann auch eine Aufforderung vom Justiziar der HWK, zu den Vorwürfen vorab schriftlich Stellung zu nehmen. So schrieb ich einen Brief an den Vorsitzenden Flathmann, in welchem ich den Fall noch einmal ausführlich darlegte und darauf hinwies, dass schon allein die Höhe der Rückzahlungsforderung falsch sei, da in den 2.477,30 € auch 1.585,00 € an regulären Vorschüssen (d.h. Barzahlungen an Patrick) enthalten sei, und somit der eigentliche Einbehalt sich nur auf 892,30 € belaufe. Auch habe ich nur deshalb auf einen Pfändungsbeschluss verzichtet, um die Sache möglichst unbürokratisch durchzuführen, da ich nicht damit gerechnet hatte, dass sich Patrick am Ende so undankbar und treulos verhalten würde.

Als dann der Ausschuss am 11.07.06 tagte, kam Patrick etwas verspätet in den Raum, und der Vorsitzende fragte ihn nach seinen Personalien (wie bei einer echten Gerichtsverhandlung). Als dann aber die Frage kam nach seinem derzeitigen Arbeitsverhältnis zu mir, teilte Patrick mit, dass er am Vortag die Gesellenprüfung bestanden habe und daher auch das Ausbildungsverhältnis beendet sei. Daraufhin erklärte Flathmann, dass unter dieser Voraussetzung die Zuständigkeit des Ausschusses für Lehrlingsstreitigkeiten gar nicht mehr gegeben sei und erklärte die Sitzung damit schon für beendet. „Wenn Herr Mücher weiter gegen den teilweisen Einbehalt der Ausbildungsvergütung klagen wolle, dann muss er dies jetzt vor dem Arbeitsgericht tun“. Wir gingen also schweigend aus dem Gebäude heraus. Danach hörte ich eine ganze Weile nichts mehr von Patrick. Doch dann bekam ich tatsächlich Post vom Gericht, allerdings nicht vom Arbeitsgericht, sondern vom Landgericht Oldenburg. Ich erhielt eine Ladung in der Strafsache Mücher wegen erneuten Fahrens ohne Führerschein im angetrunkenen Zustand, wodurch er auf der Autobahn einen schweren Unfall verursachte. Ich sollte als Zeuge vernommen werden in dieser mir völlig unbekannten Sache. Irritiert rief ich Patrick an, dass er mir mal erklären solle, was ich damit zu tun hätte. Er sagte, dass es ihm leidtäte, dass er mir mit einer Rückzahlung gedroht habe, dass er aber nun meine Hilfe bräuchte, da ihm eine hohe Haftstrafe drohe und er deshalb mich als Zeugen benannt hatte, um als sog. „Leumund“ ein gutes Wort für ihn einzulegen. Mir war schleierhaft, woher er die Zuversicht nahm, dass ich alles schon vergessen hätte.

Ich seufzte, aber dachte mir: Was soll’s – jeder braucht im Leben immer wieder eine neue Chance. Ich fuhr also zum Gerichtstermin und überlegte mir, was ich denn überhaupt noch Gutes von Patrick sagen konnte. Ich erinnerte mich, wie eine Kundin mich einmal abends anrief und sagte: „Herr Poppe, als ich heute Nachmittag von der Arbeit nach Hause kam, sah ich ihren Mitarbeiter auf dem Liegestuhl meiner Terrasse ein Nickerchen machen, anstatt zu arbeiten!“ … Oder ich erinnerte mich, wie ich einmal mit einer Kundin vom Keller nach oben ins Erdgeschoss die Treppe hochging, beladen mit mehreren Werkzeugen und Materialien unterm Arm, und wie wir an Patrick vorbeimussten, der gerade dort am Arbeiten war. Plötzlich habe ich versehentlich mit meinem farbgefüllten Pinsel Patricks Malerjacke gestreift, so dass ich darauf einen farbigen Strich hinterließ. Als Patrick das merkte, blaffte er mich in Gegenwart der Kundin laut an: „EY, SAG MAL: KANNST DU NICHT AUFPASSEN! JETZT IST MEINE JACKE EINGESAUT!“ Diese rotzfreche Kritik traf mich so unvorbereitet, dass ich, statt selbst laut zu werden, besonnen reagierte und mich bei ihm entschuldigte. Erst Sekunden später fiel mir ein, dass ich doch der Chef war und mich von meinem Lehrling nicht so anmotzen dürfe, erst recht nicht vor den Augen der Kundin. Diese verstand tatsächlich die Welt nicht mehr, dass ich mir das gefallen ließ.        Als ich dann beim Gericht ankam und vor der Tür des Saals mit anderen Zeugen wartete, wurden wir auf einmal alle hineingebeten, und es wurde uns mitgeteilt, dass die Sitzung vorzeitig beendet sei, da Herr Mücher unerwartet alles gestanden habe und zu einer zweijährigen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt wurde. Wir bekamen unser Zeugengeld und durften unverrichteter Dinge wieder nach Haus fahren. Patrick ist übrigens inzwischen Vater und macht derzeit eine Fortbildung zum Malermeister.


Juli bis Dezember 2006

Christliche Vetternwirtschaft

Inzwischen wurde ich auch von Geschwistern in unserer Gemeinde angesprochen, ob ich Malerarbeiten für sie ausführen könnte, da sie mir als „Christen“ ja vertrauten. Außer dem Prediger Peter Groll wusste ja keiner, dass ich in Wirklichkeit gar kein Christ mehr war. Eines Tages sprach mich auch der Architekt und Baugutachter Walter Koch (67) an, der in der Gemeinde immer eine Reihe hinter uns saß. Obwohl er immer sehr zurückhaltend und bescheiden wirkte, hatte er in Bremen-Arsten eine ganze Siedlung bauen lassen von Mehrfamilienhäusern, in welchen im Laufe der Jahre durch gezielte Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Christen von Bremen an die 100 gläubige Familien, Ehepaare oder Single-Christen eingezogen sind. Und sobald dort mal wieder eine Wohnung von Ungläubigen frei wurde, ist sie durch gezielte Absprache oft sofort mit einer gläubigen Person ersetzt worden, so dass meine Mutter diesen Straßenzug an der Kurt-Georg-Kiesinger-Allee immer scherzhaft das „fromme Ghetto“ nannte. Bruder Walter Koch erzählte mir, dass im Sommer das Lehrerzimmer der Ev. Bekenntnisschule, sowie ein Gebäudetrakt komplett renoviert werden solle, und dass er mir als seinem „Glaubensbruder“ für die anstehenden Malerarbeiten gerne den Auftrag erteilen wolle. Voraussetzung sei jedoch, dass ich bei der Ausschreibung etwas günstiger sei, als die anderen Bewerber, aber dabei würde er mir schon „helfen“. Wir trafen uns also kurz darauf in der Schule und ich gab ihm dann eine Woche später meinen Kostenvoranschlag. Einige Tage später nahm mich Walter Koch zur Seite und erklärte mir, dass mein Angebot zu hoch sei und dass ich es nochmal überarbeiten müsse, um den Zuschlag zu kriegen. Er verriet mir, wie viel der günstigste Bewerber verlangt und bat mich, meinen Kostenvoranschlag nochmal zu korrigieren, was ich dann auch tat. Wir vereinbarten, dass die Arbeiten dann gleich am ersten Sommerferientag losgehen sollten.

Doch kurz vor Beginn erhielt ich dann eines Abends auf einmal einen Anruf auf dem Handy, als ich gerade mit meiner Familie das Auto bestiegen hatte, um heimzufahren:

W. Koch: „Hallo Simon, sag mal, was machst Du bloß für Sachen! Ich habe gerade eben erfahren, dass Du gar kein Christ mehr bist. Stimmt das?

Ich: „Walter, das kann ich Dir jetzt nicht einfach zwischen Tür und Angel erklären. Lass uns doch…“

Walter: „Du brauchst mir das auch gar nicht mehr erklären, denn ich habe es hier schwarz auf weiß. Ein Bruder hat einen Text von Dir im Internet gefunden und mir ausgedruckt, in welchem Du über den Gott Hiobs aufs Übelste schreibst, dass er sich gegen Hiob versündigt habe und aus lauter Scham für seine Verbrechen seinen Sohn gesandt habe, um von seiner eigenen Schuld abzulenken. Simon, das ist Gotteslästerung! Du gehst seit anderthalb Jahren in unsere Gemeinde und tust so, als ob Du Christ bist, aber in Wirklichkeit schreibst Du solche abscheulichen Dinge über den Gott, an den wir glauben!

Ich: „Lieber Walter, ich kann jetzt nicht so gut sprechen, denn ich bin hier gerade im Auto mit Ruth…“

Walter: „Das Thema ist für mich ohnehin erledigt. Es tut mir leid Simon, aber unsere Schule wirst Du nicht mehr streichen. Das hat der Vorstand inzwischen einstimmig entschieden.“

Ich (herzkopfend): „Ja, das kann ich verstehen…“

Walter: „Um so besser. Dann sind wir uns ja einig geworden. Lebe wohl und auf Wiederhören!

Nachdem er aufgelegt hatte, fragte Ruth, was Walter denn gewollt habe. Doch ich war völlig durcheinander und konzentrierte mich, so gut ich konnte, mir gar nichts anmerken zu lassen. Stotternd tat ich so, als ob es nur eine Belanglosigkeit wäre, die etwas mit dem anstehenden Großauftrag zu tun habe. Ich konnte Ruth ja nicht die Wahrheit sagen, weil Rebekka mit im Auto saß.

Am nächsten Tag erhielt ich ein Einschreiben vom Dipl.-Ing. Architekt und Baugutachter Walter Koch:

Sehr geehrter Herr Poppe,

wie bereits telefonisch besprochen, storniere ich im Auftrag der Freien Ev. Bekenntnisschule den am 26.05.06 erteilten Auftrag für Malerarbeiten im Lehrerzimmer.

Grundlage der Freien Ev. Bekenntnisschule ist der christliche Glaube mit dem biblischen Menschenbild. Durch Ihre Veröffentlichungen im Internet leugnen Sie die Bibel als Wort Gottes. Wir haben Ihnen den Auftrag erteilt – obwohl günstigere Angebote vorlagen – weil wir glaubten, dass Sie die Belange der Schule mittragen. Da Sie sich seit kurzem von der Bibel distanzieren und den christlichen Glauben als Wunschvorstellungen infrage stellen, können wir mit Ihnen nicht mehr zusammenarbeiten.

Im gestrigen Telefonat zeigten Sie Verständnis für unsere Haltung und akzeptierten die Kündigung, so dass gegenseitig keine Forderungen mehr geltend gemacht werden.

Mit freundlichem Gruß

Nach einer Woche schrieb ich jedoch einen Widerspruch gegen diese Entscheidung:

Lieber Walter,

bevor ich zu Deinem Brief vom 26.06.06 Stellung nehme, möchte ich um Verständnis bitten, dass ich Dich vorerst weiterhin duze, da wir uns bisher immer geduzt haben. Wenn Du dies fortan nicht mehr wünschst, werde ich Dich natürlich dann ebenfalls siezen.

Dein Anruf vor einer Woche kam für mich völlig überraschend und unvermittelt. Da meine Frau neben mir war, fiel meine Reaktion entsprechend besonnen aus, aber innerlich hat mich Deine Mitteilung völlig aufgewühlt und aus der Bahn geworfen. Wenn ich gesagt hatte, dass ich ‚Verständnis‘ habe, dann meine ich damit, dass ich Eure Position aus Eurer Sicht in gewissem Maße emotional verstehen kann, wie etwa wenn man den Wutausbruch eines Amokläufers ‚versteht‘, aber selbstverständlich kann ich Eure Entscheidung keineswegs nachvollziehen, geschweige denn akzeptieren. Sie ist für mich in mehrfacher Hinsicht unerträglich, eine schlichtweg skandalöse Überreaktion!

Ich kann ‚verstehen‘, dass auch Du schockiert warst, als Du durch das Internet erfuhrst, dass ich gar nicht mehr gläubig bin. Aber verstehe doch auch Du meine Situation: ich bin nach wie vor mit einer gläubigen Frau verheiratet und habe eine kleine Tochter, die einen berechtigten Anspruch darauf hat, im christlichen Glauben aufzuwachsen. Deshalb spiele ich seit nunmehr 10 Jahren die Rolle eines gläubigen Familienoberhauptes und gehe sogar regelmäßig in eine christliche Gemeinde. Ich bringe also ein Höchstmaß an Toleranz auf, alles aus Liebe zu meiner Familie, damit sie nicht zerbricht.

Aber kann denn ich etwas dafür, dass ich nicht mehr glauben kann? Glaubst Du nicht selbst, dass der Glaube eine ‚Gabe Gottes‘ ist? Der Glaube ist etwas sehr Persönliches. Man kann den Glauben nicht einfordern und auch niemanden dafür bestrafen, wenn er nicht glauben kann. Aber genau darin besteht ja die Botschaft des Evangeliums: Wer nicht glaubt, soll bestraft werden (Mark.16:16). Kannst Du es mir wirklich verdenken, wenn ich an dieser biblischen Idee Zweifel hege?

Ich habe Euch nicht täuschen wollen, als ich Euch ein Angebot für die Malerarbeiten in der FeBB gemacht habe. Ihr habt mir die ‚Gretchenfrage‘ ja nie gestellt: ‚Wie hältst Du es mit der Religion?‘ und ich konnte auch unmöglich davon ausgehen, dass Ihr den christlichen Glauben zur Bedingung macht, um für Euch tätig zu werden. Davon war nie die Rede gewesen im Bauvertrag. Und was haben Malerarbeiten mit der Bibel zu tun? Glaubst Du etwa, dass es mit mir Scherereien geben könnte, weil ich mich nicht mehr zwangsläufig auf biblische Gebote verpflichten lasse? Wenn ich in der Schule Unterricht erteilen wollte, könnte ich es ja noch verstehen, aber wir werden doch bloß für 3 Wochen Malerarbeiten durchführen und dann sind wir wieder weg! Ist die Schule etwa ein heiliger Ort, der durch meine Anwesenheit entweiht werden könnte? Hat nicht selbst der heidnische Hiram-Abif als Baumeister den Auftrag erhalten, den Tempel Salomos zu bauen?

Du schreibst: ‚Wir haben Ihnen den Auftrag erteilt – obwohl günstigere Angebote vorlagen – weil wir glaubten, dass Sie die Belange der Schule mittragen‘. Dazu muss ich sagen:

  1. Du hast mir die Preise der Mitbewerber verraten und mich gebeten, mein Angebot zu überarbeiten, damit meine Preise denen der angeblich günstigeren Mitbewerber entsprechen. Du hättest mir – wie Du selbst gesagt hast – anders den Auftrag nie erteilt, wenn ich mich auf diese Bedingung nicht eingelassen hätte. Als Gutachter weißt Du aber ganz genau, dass eine solche Preisabsprache nach der VOB Teil A unzulässig und unmoralisch ist. Was soll also diese Heuchelei, von wegen: ‚Wir haben uns nicht für das günstigere Angebot entschieden, weil wir lieber einen christlichen Malerbetrieb wollten.‘ Das ist schlichtweg eine Lüge, und das weißt Du genau. Du hast mich um mehrere Tausend Euro runtergehandelt.

  2. Wenn ich die ‚Belange der Schule‘ nicht mittragen würde, dann würde ich doch wohl kaum jeden Monat 130,00 € an die Schule zahlen, nur damit meine Tochter dort unterrichtet wird.

  3. Wie könnt Ihr überhaupt über meine geistliche Einstellung urteilen, wenn ihr mich vorher nie gefragt habt (Das Einschreiben hattest Du ja VOR Deinem Anruf an mich gestern verschickt).

  4. Habt Ihr auch all die anderen Handwerksbetriebe daraufhin überprüft, ob sie ‚die Belange der Schule mittragen‘? Das wäre doch konsequent. Wenn nicht, warum fordert Ihr dann von mir, dass ich mich zur Bibel bekenne? […].

Zum Schluss bat ich Walter, sich diese Entscheidung doch noch einmal zu überlegen, denn dadurch würde mir ja nicht nur der Schaden entstehen, dass ich für die nächsten 3 Wochen keine Arbeit hätte für meine Leute, da der Auftrag ja fest eingeplant war, sondern er wirft auch ein sehr schlechtes Zeugnis auf einen Schulvorstand, der vorgibt, gläubig zu sein, wenn er Ungläubigen solche Schikanen zumutet.

Und tatsächlich gab der Schulvorstand nach und widerrief seine Stornierung wieder, so dass wir wie vereinbart die Arbeiten ausführen durften. Gott schenkte uns schließlich so viel Gnade in den Augen des Vorstands und der Lehrer, dass alle voll des Lobes waren über unsere Arbeit und wir in der Folgezeit jeden Sommer neue Aufträge für die Bekenntnisschule machen durften. Auch das Verhältnis zwischen mir und dem Architekten Walter Koch entwickelte sich von Mal zu Mal vertrauter, so dass er mir auch später beinahe väterlich mit Rat und Tat half, wenn ich mal ein Problem hatte, so dass am Ende wieder alles gut wurde.

Auf den Hund gekommen

Nachdem meine Frau Ruth inzwischen schon vier Jahre als Tierarzt-Assistentin bei ihrem Chef gearbeitet hatte, lief ihre Duldung durch die Tierärztekammer Bremen aus, und Ruth musste sich entscheiden, ob sie nun doch noch mal einen Anlauf unternimmt, um ihre Homologation (Gleichwertigkeit eines Bildungsabschlusses) an der Tierärztlichen Hochschule Hannover zu erlangen oder aber in Zukunft nicht mehr als Tierärztin zu arbeiten. Ruth entschied sich schließlich für eine Weiterbildung zur Tier-Physiotherapeutin für Hunde und Pferde und meldete sich dazu bei einer Schule in Kirchlengern an, in der Nähe von Bielefeld, etwa 2 Stunden von Bremen entfernt. Um dort hinzufahren, kauften wir für Ruth einen kleinen blauen Opel Agila, den sie liebevoll Tobi nannte. Der Unterricht fand einmal wöchentlich samstags statt. Um die zusätzliche Belastung zu verkraften, luden wir Ruths Mutter Lucila (73) wieder zu uns ein, die inzwischen schon das 3. Mal nach Deutschland kam. Diesmal sollte sie aber nicht nur für 3 Monate, sondern für 2 Jahre bei uns bleiben. Denn im Sommer 2006 ging mein Schwiegervater Luis (86) heim, und da wollten wir Lucila nicht alleine in Lima lassen. Damit sie was zu tun hatte und sich nicht langweilt, habe ich Lucila immer mitgenommen, wenn ich in der kalten Jahreszeit Werbeflyer an die Briefkästen verteilte. Immer wenn wir in eine neue Straße gingen, dann machte Lucila die eine Seite und ich die andere. Sie war zwar immer etwas langsamer, aber trotz ihres hohen Alters hatte Lucila eine ungewöhnliche Kondition, so dass sie sogar nach 3 Stunden Fußmarsch immer noch fit war und zu mir sagte: „Wie? Jetzt schon abbrechen? Wir sind doch noch gar nicht ganz fertig mit dem Gebiet.“

Lucila kümmerte sich auch um unsere 4 Hunde, d.h. das Chihuahua-Pärchen Daisy und Charly, sowie deren Chihuahua-Tochter Chini, und unseren großen Mischlingshund Bobby. Letzterer wurde aber nun zunehmend zum Problem, denn obwohl wir ihm viel Liebe und Aufmerksamkeit gaben, verfiel er immer mehr in Schwermut, weil nun auch die Chihuahuas von uns liebkost wurden. Trotz seiner Eifersucht tat er seinen Hundegeschwistern aber nichts zuleide, dafür aber anderen kleinen Hunden, insbesondere der Nachbarhündin Maya, einer Lhasa-Apso-Hündin, die er buchstäblich „zum Fressen gern“ hatte. Wir kauften also einen Maulkorb und hielten Bobby stets an der Leine, weil er auch andere kleine Hunde ständig beißen wollte aus lauter Lebensüberdruss. Um Bobby bei Laune zu halten, machte ich mit ihm auf der großen Wiese am Deich immer sein Lieblingsspiel, nämlich den Tennisball wegwerfen, und er musste ihn dann holen. Leider war diese Wiese aber auch bei anderen Hundebesitzern sehr beliebt, und sobald Bobby einen anderen Hund sah - besonders wenn es ein Rüde war - flitzte er los, um sich mit dem Rivalen zu beißen. Dann hieß es immer sofort: „Sagen Sie mal! Können Sie ihren Hund nicht besser an der Leine führen, wie alle anderen auch!?

Um uns nicht immer wieder Ärger einzuholen, hielten wir Bobby von nun an nur noch an der Leine, was allerdings für die zierliche Lucila zum Problem wurde, denn Bobby war sehr kräftig und konnte sie locker mal eben über die Straße ziehen, ohne dass sie ihn zurückhalten konnte. Um seinen Bewegungsdrang zu stillen, fuhr ich nun immer wieder Fahrrad mit Bobby, was auch nicht ganz einfach war, denn wenn er eine interessante Stelle zum Schnuppern fand, blieb er abrupt stehen, so dass er mich jedes Mal zum Halten zwang. Einmal fuhr ich mit der Familie mit dem Fahrrad einen Hügel hinunter, als sich plötzlich die Leine von Bobby bei hoher Geschwindigkeit mit meinem Vorderrad verwickelte, mein Rad plötzlich mit dem Hinterteil nach vorne überschlug und ich im hohen Bogen über den Lenker flog, wobei ich mit dem Gesicht auf den rauen Asphalt aufschlug. Der Krankenwagen kam, denn ich war blutüberströmt und erlitt kurz darauf auch einen Kreislaufzusammenbruch. Im Krankenhaus sprach ich dann zum ersten Mal Tacheles mit Ruth und Rebekka: „Wir müssen Bobby abgeben.“ Rebekka (11) war entsetzt: „Papa, ich hör wohl nicht richtig! Du willst doch wohl nicht meinen Bobby ins Tierheim bringen! Dann kannst Du ja auch gleich mich in ein Kinderheim abgeben!!!“ Darauf ich: „Rebekka, dann musst Du Dich auch viel mehr um Bobby kümmern, denn Du bist immer nur mit Deinen Freundinnen zusammen oder machst Deine Hobbys wie Tennisspielen oder Klavier, aber mit den Hunden lässt Du immer nur mich rausgehen. Das haut nicht hin!“ Rebekka gelobte Besserung.

Doch dann kam der Tag, der das Fass zum Überlaufen brachte: An einem Samstagvormittag hatte an der Tür geklingelt, der Postbote, und als ich aufmachte, rannte mir Bobby durch den Türspalt nach draußen, ohne dass ich ihn noch aufhalten konnte, rannte auf die Hündin Maya zu und wollte gerade zubeißen als die Nachbarin ihre Pekinesin-artige Hündin an der Leine von Bobby wegriss in die Luft und sie schnell auffing, um sie sicher festzuhalten. Und dann ging das Geschrei los: „HERR POPPE, MIR REICHT ES JETZT MIT IHREM KÖTER!!! WENN SIE NICHT DAFÜR SORGEN KÖNNEN, DASS DER STÄNDIG MEINE MAYA ANGREIFT, DANN MÜSSEN SIE IHN EBEN EINSCHLÄFERN, SO LEID ES MIR TUT!!! ICH SCHAU MIR DAS NICHT MEHR LÄNGER MIT AN!!!“ Ich entschuldigte mich und versprach ihr, eine Lösung zu finden. Sie schimpfte mir noch hinterher, während ich mir Bobby am Halsband schnappte und ihn ins Haus zerrte. Drinnen auf dem Flur rief ich dann Rebekka und Ruth und sagte wutentbrannt: „Das war jetzt das letzte Mal, dass Bobby meine Nerven strapaziert! Ich will, dass wir ihn wegschaffen, egal ob ins Tierheim oder zu einer anderen Familie! Ich halt das nicht mehr aus, dass die ganzen Nachbarn über mich schimpfen wegen Bobby! Und von Euch habe ich kaum Unterstützung bekommen, erst recht nicht von Dir, Rebekka! Du willst immer nur alles haben, aber wenn Du es hast, kümmerst Du Dich nicht darum. ICH bin immer der, der mit Bobby rausging! Deswegen ist es jetzt auch meine Entscheidung, dass wir ihn einer anderen Familie schenken“ Während ich laut brüllte, schauten mich Ruth und Rebekka nur eingeschüchtert an; doch am Ende meiner Rede brach ich auf einmal in Tränen aus und verbarg mein Gesicht in den Händen. Rebekka sagte mir später, dass sie mich noch nie hatte weinen sehen, außer bei diesem einen Mal.

Wir inserierten also in der Zeitung, und es meldete sich ein Mann, der mit seiner Familie auf dem Land wohnte. Wir verabredeten uns am Hauptbahnhof, und ich übergab Bobby dem Mann und seinen Kindern, die ihn sofort streichelten, mitsamt allem Zubehör von Bobby. Wir verabschiedeten uns und hörten seitdem nie mehr etwas von Bobby.

Der Kriminal-Fall Kronschnabel  (Teil 1)

Obwohl ich schon 4 Gesellen, 3 Aushilfen und 2 Lehrlinge beschäftigt hatte, stellte ich im Herbst noch zwei weitere ein, nämlich Marko Krull (21) als Lehrling und Bartosz Lukaszewski (19) als EQJ-Praktikant. Wir hatten jede Woche 5 bis 6 Baustellen gleichzeitig, so dass ich selbst gar nicht mehr Zeit fand, mitzuarbeiten, weil ich alle Hände voll zu tun hatte, um die Baustellen logistisch zu betreuen. Anfang Dezember ging allerdings die Auftragslage stark zurück, und ich überlegte, wen ich diesmal für drei Monate entlassen könnte im Rahmen der tariflich geregelten „Schlechtwetterkündigung“. Da rief mich auf einmal ein Kunde namens Manuel Kronschnabel (35 J.) an, der mir einen Großauftrag anbot. Er sei Computerspezialist und arbeite als Subunternehmer für Siemens. Da er sich zum 01.01.2007 in Bremen niederlassen wolle, habe er im Parallelweg 30 (Walle) im 2.OG eine ganze Büroetage von 125 qm gemietet, wo er sich mit seiner Firma reetrex-Bremen GmbH i.G. niederlassen wolle. Doch diese Etage musste erst einmal von Grund auf renoviert werden, d.h. Tapetenentfernen, vollflächiges Spachteln der Wände, grundieren, Glasgewebetapete in allen Büroräumen tapezieren, Decken mit Schallschluckplatten versehen, Türzargen lackieren, Auslegeware in allen Räumen und Fliesen-Neuverlegung in den WCs. Herr Kronschnabel suchte für diese Arbeiten einen Generalunternehmer, der die Arbeiten nicht nur als Komplettpaket anbiete, sondern auch überwache. Bedingung für die Auftragsvergabe sei allerdings, dass die Arbeiten alle am Freitag, den 22.12.2006 abgeschlossen sein müssen, da er danach über Weihnachten die Büromöbel aufbauen lassen wolle.

Wir hatten also genau zwei Wochen Zeit, und da ich im Dezember noch kaum etwas geplant hatte, kam mir der Auftrag recht gelegen. Ich machte Herrn Kronschnabel ein attraktives Angebot über knapp 13.000, - €, und er handelte es schließlich noch auf 10.818,11 € herunter. Wir begannen fröhlich und kamen aufgrund der Vielzahl an Arbeitern schon in den ersten Tagen recht weit voran. Als die erste Woche herum war, gab ich Herrn Kronschnabel am Donnerstag eine Abschlagsrechnung über 5.941, - € mit der Bitte, mir diese am Montagmorgen bar zu bezahlen. Er lehnte dies jedoch zu meiner Überraschung ab und verwies darauf, dass alle Überweisungen übers Konto laufen müssten, damit alles offiziell seine Richtigkeit habe. „Aber wo ist das Problem, wenn Sie mir das Geld in bar geben, schließlich quittiere ich Ihnen doch den Betrag?“ fragte ich. „Nein,“ sagte Herr Kronschnabel, „das geht auf keinen Fall, aber ich kann Ihnen den Betrag sofort am Montag überweisen, dann haben Sie ihn spätestens Mittwoch auf dem Konto.“ – „Das ist mir zu unsicher“ sagte ich, „Sie müssen bedenken, dass wir uns gar nicht kennen, und dass es sich hier um eine recht hohe Summe handelt, da möchte ich kein Risiko eingehen.“ – „Ich mache Ihnen einen Vorschlag,“ sagte er. „Ich gebe Ihnen am Montag eigenhändig meinen Überweisungsschein und Sie bringen den selbst zur Bank. Was halten Sie davon?“ – „Ja, das wäre eine Möglichkeit; das können wir gerne so machen. Entschuldigen Sie bitte mein Misstrauen, aber das hat wirklich nichts mit Ihnen zu tun, sondern das gilt prinzipiell, dass man bei Neukunden immer ein bisschen vorsichtiger ist.“ – „Ja, kein Problem, das verstehe ich schon“ beschwichtigte er mich.

So warf ich den Überweisungsschein von ihm am Dienstag in den Briefkasten bei der Postbank ein, ohne zu bemerken, dass er von den 10 Ziffern der Kontonummer nur 7 ausgefüllt hatte. Doch am Mittwoch war noch immer nichts auf meinem Konto, was mich etwas beunruhigte. Als auch am Donnerstag immer noch kein Geld auf dem Konto war, bat ich Herrn Kronschnabel, mal zu überprüfen, was da los sei, was er mir dann auch zusagte. Am letzten Freitag wurden wir dann pünktlich fertig mit allen Arbeiten und fuhren anschließend als gesamte Firma in ein Restaurant, um zum Abschied gemeinsam eine kleine Weihnachtsfeier zu machen. Während wir beim Essen fröhlich scherzten, erzählte ich den Mitarbeitern, dass ich immer noch kein Geld von Herrn Kronschnabel erhalten hätte. „Stell Dir mal vor, Simon,“ sagte Andreas, „wenn das jetzt ein Betrüger wäre, der gar nicht vorhat, Dich zu bezahlen!“ – „Na, das wäre aber was! Aber das halte ich für ziemlich ausgeschlossen, denn schließlich will er sich dort ja mit seiner Firma niederlassen und wird nach all dem Aufwand jetzt wohl kaum einfach abhauen.“ – „Das sagst Du so. Aber rein theoretisch wäre das doch denkbar, denn er hat die Etage ja nur gemietet!“ – „Aber was hat er denn davon gehabt, dass er eine Büroetage renovieren lässt, die ihm gar nicht gehört?

Als aber selbst am Freitagabend noch immer nichts auf dem Konto war, schrieb ich eine sehr eindringliche Email an Kronschnabel und setzte ihm eine Frist bis Mittwoch, den 27.12.06.

Am 26.12.2006 um 23:25 Uhr erhielt ich dann eine Email von Herrn Kronschnabel:

Sehr geehrter Herr Poppe,

mit Rücksicht auf die Feiertage beantworte ich Ihr Schreiben erst heute. Wir haben Ihr Schreiben zur Kenntnis genommen und können Ihren Unmut verstehen. Allerdings kündigen wir hiermit Ihren Werkvertrag fristlos, und werden so weit als möglich die Zahlungsanweisungen am 27.12.2006 stornieren. Weiter weisen wir Sie höflichst auf unsere AGB’s für Geschäftsbeziehungen hin, und werden Ihnen in den nächsten Tagen eine Reklamationsliste über die von Ihnen ausgeführten Arbeiten schriftlich zukommen lassen, sowie die entstehenden Kosten zur Beseitigung der Mängelliste. Vorsorglich erteilen wir Ihnen und Ihren Mitarbeitern Hausverbot, um einen ordentlichen Rechtsweg zu gewährleisten.

Wir hoffen auf Ihr Verständnis, dass wir nun zur Durchsetzung unserer Interessen und Beitreibung der doch nicht geringen Schadenersatzforderungen an Sie einen Anwalt beauftragen. Hierzu weisen wir Sie noch einmal auf unsere AGB’s hin, im Besonderen auf den Absatz über Weitergabe von Informationen aus Geschäftsbeziehungen […]

Mit freundlichem Gruß

Die Geschäftsleitung

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Diese E-Mail enthält vertrauliche und/oder rechtlich geschützte Informationen, die nicht an Dritte weitergegeben dürfen. Gleichlautendes gilt für Informationen aus Geschäftsbeziehungen. Bei Zuwiderhandlung ist eine Konventionalstrafe in Höhe von mind. zwei Monatsumsätzen der reetrex-Bremen GmbH i.G (jedoch wenigstens 500.000 €) an die reetrex GmbH i.G zu entrichten.“

Mein Herz raste, und ich dachte: Das darf doch nicht wahr sein! Sofort griff ich zum Handy und rief ihn an, aber er hatte es ausgestellt. Dann schrieb ich ihm eine Email und verlangte sofort eine ausführliche Begründung. Trotzdem merkte ich, dass da irgendwie etwas oberfaul ist. Nicht nur dieser sachliche Fehler von der „Beseitigung der Mängelliste“ (richtig muss es heißen „Beseitigung der Mängel auf der Liste“), sondern auch seine Behauptung, er habe eine Zurückbuchung der bereits angewiesenen Überweisung veranlasst – so etwas geht doch gar nicht! Er lügt hier also wie gedruckt – aber WARUM? Er kann uns doch nicht den gesamten Rechnungsbetrag vorenthalten, selbst wenn dort noch Mängel wären. Und was soll das „Hausverbot“? Außerdem stand dort noch ein Teil unserer Materialien. Nein, die Sache stinkt zum Himmel! Aber es war Samstag und ich konnte meinen Anwalt nicht anrufen. Schrecklich! In meinem Frust rief ich meinen Zwillingsbruder Marco an, der die ganze Zeit dort ja auch mitgearbeitet hatte und sich dabei auch oft mit Herrn Kronschnabel unterhielt. Auch Marco war schockiert und erzählte mir dann von einem der Gespräche: „Ich erzählte ihm von meinen Einsätzen als Streetworker und dabei fiel der Name eines Glaubensbruders namens Jens Siewert, der auch als Gefängnisseelsorger in der JVA arbeitet. Er sagte: ‚Den kenne ich!‘ und dann erzählte er mir, dass er mal in der JVA Computer repariert habe, aber ‚selbstverständlich nicht als Insasse, sondern als selbständiger Dienstleister‘ sagte er. Aber stell Dir mal vor, wenn er in Wirklichkeit DOCH eingesessen hat! Ruf doch mal den Jens Siewert an und frag ihn, ob er einen Kronschnabel kennt. Denn das könnte doch sein…

Ich wählte also die Nummer von Siewert und erzählte ihm von meinem Verdacht. „Ja, den Manuel Kronschnabel kenn ich gut! Der hat hier in der JVA schon mehrere Male eingesessen, seit vielen Jahren. Der ist ein notorischer Betrüger!“ Mir wurde fast ohnmächtig, als ich dies hörte und ich bedankte mich für diese entscheidende Auskunft. Sofort fuhr ich zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Nachdem ich auf der Wache nach dem Namen Manuel Kronschnabel fragte, duckte mir der Polizeibeamte ein 6-Seiten-langes Strafregister aus, das er mir jedoch nicht aushändigen durfte. Er überflog es und sagte, dass Herr Kronschnabel eigentlich sein halbes Leben im Knast verbracht habe und selbst dort Straftaten verübt habe. Mit dieser Information rief ich als nächstes den Vermieter von Kronschnabel an, Herrn Heins, und empfahl ihm, seinen Mieter sofort zu kündigen. Dann rief ich das Möbelunternehmen König aus Süddeutschland an, die Herrn Kronschnabel am Freitag Möbel im Wert von 30.000,- € geliefert hatten, und teilte Ihnen mit, dass sie auf einen Betrüger reingefallen seien. Noch am selben Nachmittag machten sich daraufhin ein leerer LKW auf den Weg nach Bremen, um alle Möbel wieder abzuholen, da sie noch nicht bezahlt waren.

Und erst dann ging ich unter dem Vorwand, meine restlichen Materialien abholen zu wollen, zu Herrn Kronschnabel in die Büroetage. Er war gerade dabei, die gelieferten Möbel eigenhändig zusammenzubauen. Ich trat vor ihm und sagte: „Sie brauchen die Möbel nicht weiter aufbauen.“ – Verdutzt schaute er mich an und fragte: „Wieso?“ Ich schaute ihm in die Augen und sagte nur: „Game Over!“ – „Was soll das heißen?“ fragte er irritiert. „Das Spiel ist aus, Herr Kronschnabel! Ich weiß inzwischen, dass sie ein notorischer Betrüger sind und überhaupt nicht vorhatten, mir je auch nur einen Cent zu bezahlen für all die Arbeit, die wir hier reingesteckt haben. Denn ich war eben gerade bei der Polizei und habe Anzeige gegen Sie erstattet. Dort hat man mir mitgeteilt, dass Sie ihr halbes Leben im Knast verbracht haben und gerade auf Bewährung draußen sind. Wahrscheinlich wollten Sie hier eine Büroetage auf Pump herrichten lassen, um andere Konzerne mit Ihren Lügengeschichten zu bluffen und diese um viele Millionen zu prellen. Aber das können Sie jetzt vergessen, denn morgen kommt die Möbelfirma und wird alle Möbel hier wieder mitnehmen!“ Herr Kronschnabel war aufgesprungen und sagte wütend: „VERLASSEN SIE SOFORT MEIN BÜRO!“ Ich blieb stehen und erwiderte: „IHR Büro? Das ist nicht mehr Ihr Büro, denn ich habe zuvor auch Ihren Vermieter angerufen und ihm alles erzählt. Da Sie noch keine Miete gezahlt haben, wird er Sie hier sofort wieder rausschmeißen.“ Er schupste mich und brüllte mich an: „LOS, RAUS HIER!“ Am Liebsten hätte ich ihm eine runtergehauen, aber ich ließ es lieber sein, denn er war sowieso am Ende.

Ich fuhr nach Hause und war innerlich sehr aufgewühlt. Einerseits freute ich mich, einem solchen Betrüger das Handwerk gelegt zu haben, aber andererseits würde ich die 10.818,- € nun nie wieder sehen. Wie konnte mir das nur passieren!? Ich hätte doch stutzig werden müssen, dass er immer nur mit einer billigen, schwarzen Steppjacke rumlief, und dass er und seine zwei Kumpel immer nur einen billigen Ford Fiesta fuhren! Aber andererseits hatte er doch mit mir hartnäckig um den Preis gefeilscht! Wie ausgekocht muss man sein, wenn man einen Preis drücken will, obwohl man ohnehin gar nicht vorhat, den Preis zu bezahlen! Jetzt aber würde er erstmal wieder für viele Jahre hinter Gittern kommen, dachte ich. Doch ich sollte mich täuschen: Nachdem ich Post von der Staatsanwaltschaft erhielt, erfuhr ich am Telefon, dass man Herrn Kronschnabel noch nicht festgenommen habe, da „keine Fluchtgefahr bestünde und er seine Bewährungsauflagen erfülle, indem er sich regelmäßig auf der Wache meldete“. Ich war stocksauer über so viel Naivität der Bremer Staatsanwaltschaft. Einige Wochen später erfuhr ich von dieser per Post, dass er geflohen sei mit unbekanntem Ziel. Doch es sollte alles noch viel schlimmer kommen, denn am Ende wurde Manuel Kronschnabel noch zum zweifachen Mörder!

 

Januar bis Juni 2007

Der Kriminal-Fall Kronschnabel (Teil 2)

Als das neue Jahr begann, lag der Betrug durch Manuel Kronschnabel (36) erst eine Woche zurück, so dass die Wunden noch lange nicht verheilt waren, die dieser in meiner Seele hinterlassen hatte. Dieser Kerl hatte mich um fast 11.000,- € über den Tisch gezogen! Das konnte doch nicht wahr sein! Es war gar nicht unbedingt der Geldverlust allein, sondern die Kränkung, das Unrecht und die Frechheit, dass dieser Kerl sich irgendein beliebiges Opfer gewählt hatte, um sein böses Spiel mit ihm zu treiben. Und dieses Opfer war ausgerechnet ich! Warum ich!? Warum hat er nicht irgendjemand anderes genommen? Ich schrieb am 11.01.07 in mein Tagebuch: „Der Betrug durch Herrn Kronschnabel ist eine Zäsur in meinem Leben. Ich weiß jetzt, dass ich diesen Betrug rächen muss und werde, sonst kann ich nicht mehr glücklich sein. Rache ist voll in Ordnung. Ich muss nur den richtigen Zeitpunkt abwarten, damit ich mir nicht selbst einen Schaden zufüge oder meiner Familie.

Das Leben ist ohnehin nur ein Traum, eine Illusion. Es spielt keine Rolle, was ich tue. Moral kann nur ein Mittel zum Zweck sein, nie aber ein Selbstzweck.“

Wer war dieser Manuel Kronschnabel? Ich googelte seinen Namen, aber fand ihn nicht. Dann versuchte ich es unter seinem Firmennamen „reetrex“ und wurde fündig – und zwar auf einer Flirt- und Partnersuche-Seite! Dort war ein Foto von ihm, wo er sich selbst vorstellte. Sein Login war erst einen Monat alt: „Größe: 185 cm, Sternzeichen: Jungfrau, Gewicht: 115 kg, Vorlieben: Musik (klar ohne geht nicht) und alles weitere musst du selbst rausfinden! Abneigungen: Lügen, Fremdgehen, Geldgeilheit …“ – Hier stockte ich. Er hat also eine „Abneigung gegen Lügen“ – aber selbst belügt er andere! Und er mag keine „Geldgeilheit“ – aber das scheint für ihn selbst nicht zu gelten! Ich las weiter: „Hallo erstmal, Na was soll ich hier denn noch Großartiges über mich schreiben? Ich bin sehr zielstrebig und weiß was ich will, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, probiere ich dieses auch zu erreichen. Ansonsten bin ich ein sehr sympathischer, fröhlicher und liebevoller Mensch, der Spaß am Leben hat…“ Hier konnte ich nicht mehr weiterlesen, denn mir wurde übel. Ich fuhr zu seiner Privatadresse, ohne zu wissen, was ich nun tun könnte. Würde ich ihn verprügeln, dann würde ich alles nur verschlimmern. Ich kam an und sah seinen Wagen an der Straße. Es war gegen 18.00 Uhr und schon dunkel. Ich schlich mich zu seinem Wagen und stopfte seinen Auspuff mit Dämm-Material voll.

In den Tagen darauf rief ich bei der Staatsanwaltschaft an und fragte, warum er noch nicht verhaftet sei. Man teilte mir mit, dass aus ihrer Sicht „keine Fluchtgefahr“ bestünde bis zur Gerichtsverhandlung, da er regelmäßig seine „Bewährungsauflagen erfülle“, indem er sich bei der Polizei meldete. Doch dann erhielt ich einige Monate später eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft, dass Herr Kronschnabel mittlerweile aus Bremen weggezogen sei nach Teterow, Pampower Weg 3, irgendwo in Brandenburg. Da aber das „Ermittlungsverfahren noch nicht abgeschlossen“ sei, könne man ihn noch nicht verhaften. Ich fragte mich, was es denn da noch zu „ermitteln“ gäbe. „Was für Schlafmützen!“ dachte ich, „die lassen ihn doch glatt entkommen!“ Da konnte ich nicht tatenlos zusehen. Ich ermittelte die Telefonnummer von der Hausbesitzerin in Teterow und rief dort an. Die Vermieterin teilte mir mit, dass Herr Kronschnabel zusammen mit zwei Komplizen nur zwei Monate bei ihr gewohnt, aber nie Miete gezahlt hatte. Doch irgendwann habe eine Frau Lattke, eine Maklerin aus Leipzig, bei ihr angerufen und ihr mitgeteilt, dass auch sie durch Herrn K. und seinen Begleitern betrogen wurde. Diese wiederum hatte von einem Privatdetektiv namens Sachs aus Münchberg erfahren, dass M. K. auch seinen Auftraggeber, einen Holzhändler namens Gottsmann, um über 30.000, - € geprellt hatte. Sie gab mir dessen Telefonnummer und wir sprachen miteinander. Herr Gottsmann hatte zwar die bayerische Kripo nach diesem Gaunertrio suchen lassen, die wesentlich beharrlicher war als die Bremer Polizei, aber er wollte einen Erfolg um jeden Preis („ob tot oder lebendig“), denn er kochte vor Wut. Inzwischen hatte M.K. also eine „Schneide der Verwüstung“ zurückgelassen auf seiner Flucht durch die neuen Bundesländer und durch Bayern. Die Kripo in Hof hatte Herrn Gottsmann berichtet, dass die 3 Gangster mit einem gestohlenen Mietwagen Deutschland verlassen hatten und von einer Maut-Kamera in Österreich geblitzt wurde, wie sie gerade auf dem Weg nach Ungarn seien.

Monate später rief mich Herr Gottsmann erneut an, um mir den neuesten Stand mitzuteilen: Herr Kronschnabel und seine Komplizen hatten in Ungarn ein Deutsches Rentnerehepaar um ihren ganzen Besitz gebracht und sie anschließend ermordet! Doch man habe sie verhaftet und zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Im Hamburger Abendblatt vom 22.11.08 war ferner zu lesen: „Die ungarische Polizei hatte die Leichen der beiden Rentner, eines 71-jährigen Mannes und seiner 68—jährigen Frau, zu Wochenbeginn in der südungarischen Kleinstadt Mohacs gefunden. Die Täter hatten sie dort in mehreren Metern Tiefe mit Hilfe von Baumaschinen verscharrt. Die Rentner hatten seit mehreren Jahren in dem nahen Dorf Monyorod gelebt. Die mutmaßlichen Täter waren zu Jahresbeginn dorthin gezogen. Sie hatten sich schnell in das Vertrauen des arglosen Ehepaars eingeschlichen, schrieb die Boulevardzeitung Blikk. Das Rentnerehepaar hätte demnach mehrere in seinem Besitz befindliche Liegenschaften in Südungarn seinen späteren Mördern überschrieben. Es bestehe aber der Verdacht, dass die entsprechenden Verträge von den Tätern gefälscht oder von den Opfern unter Druck unterschrieben wurden (dpa/abendblatt.de).

Was für eine Sauerei! Hätte die Bremer Staatsanwaltschaft den Kronschnabel sofort verhaftet, dann wäre das Rentnerehepaar heute noch am Leben. Ich rief bei meinem befreundeten Nachbarn, Herrn Caron vom Weser-Kurier an, erzählte ihm die Geschichte und fragte ihn, ob er darüber nicht einen Artikel schreiben wolle. Aber Caron lehnte ab: „Wissen Sie, Herr Poppe, diese Sache ist für den Weser Kurier eine Nummer zu groß. Wir sind ein kleines Bundesland und können hier nicht einen Artikel gegen die Bremer Staatsanwaltschaft schreiben. Sie sollten sich hiermit lieber an die ARD oder das ZDF wenden, z.B. an die Sendereihe WISO, denn die berichten gerne über solche Fälle.“ Ich ließ es jedoch dabei bewenden, denn was würde das bringen? Kronschnabel hatte endlich seine gerechte Strafe erhalten und konnte nun im Gefängnis für viele Jahre in Ruhe nachdenken, ob es dies alles wert war. Vielleicht würde das unschuldig vergossene Blut der beiden Rentner nun aus dem Totenreich den Kronschnabel vor Gott anklagen, so dass er in Albträumen verfolgt wird von Dämonen, die ihn in seinem Gewissen peinigen (Mt.18:34).


Die Umdichtung der Bibel

Damals sah ich einen Film mit dem Titel „Donnie Darko“, der mich sehr bewegt hatte. Er handelt von einem Schüler, der versehentlich einen jungen Mann getötet hatte und nun immer wieder in Tagträumen von einem dämonischen Wesen angesprochen wurde, das ihm zu verstehen gab, dass nun auch bald sein Todestag kommen würde. Als der Schüler dann am Ende tatsächlich durch ein herabstürzendes Flugzeugteil starb, erklang ein sehr melancholisches Lied eines gewissen Gary Jules, das von der Sinnlosigkeit des Lebens handelte und mich innerlich sehr berührt hat. In dem todtraurigen Lied heißt es unter anderem „Hide my head, I want to drown my sorrow, no tomorrow, no tomorrow…“ („Ich will meinen Kopf verbergen und in meinen Tränen ertrinken, denn es wird kein Morgen geben, kein Morgen geben…“). Ja, auch für mich würde es ja keinen Morgen mehr geben, dachte ich, denn Gott war ja für mich gestorben und damit auch meine Hoffnung auf ein besseres Leben. Am 19.04.07 schrieb ich in mein Tagebuch: „Heute habe ich wieder den ganzen Tag an Deinem Grab verbracht. Ich sehne mich so sehr nach Dir. Warum bist Du so früh gestorben? Hilf mir. Ich brauche Dich so sehr. Jetzt mehr als sonst. Warum kannst Du nicht aus den Toten auferstehen?

Selbst wenn der Glaube für mich nur eine Einbildung war, konnte ich mir vielleicht schon aus rein pragmatischen Gründen die Kraft dieses Mythos wieder nutzbar machen, indem ich mich motivieren lasse und endlich aus meiner Lethargie befreit werde, dachte ich. Ich schrieb in mein Tagebuch: „Ist der Glaube wirklich nur eine Psychose? Eine Geisteskrankheit? Wenn diese Krankheit aber immer mit Leiden verbunden ist, warum schafft dann der Unglaube noch viel größeres Leid in mir? Der Glaube hingegen würde das Leid betäuben wie Haldol… Immerhin kann ich mir doch Gott vorstellen, und das sollte doch erstmal genügen… Und wenn ich sterbe, dann stirbt damit ja auch alles andere für mich, weil ich es nicht mehr mitkriege. Deshalb ist es völlig egal, ob es noch eine andere Realität gibt, die außerhalb von mir ist. Nur meine eigene Realität zählt für mich, und die kann ich mir denken, wie ich will… Gott ist ein Placebo, der nur so lange wirkt, wie wir an ihn glauben. Weil es aber eine Wirkung gibt durch die Einbildungskraft des Menschen, habe ich kein Recht, anderen diesen Placeboeffekt auszureden. Es ist schon schlimm genug, dass er bei mir keine Wirkung mehr hat.“

Aber eine Rückkehr zum Glauben war für mich nur vorstellbar, wenn die Glaubensinhalte auch annehmbar wären. Die Bibel aber umzudeuten, wäre für mich ein Krampf, den ich nicht ertragen würde. Nein, man sollte die Bibel nicht umdeuten, sondern UMDICHTEN, d.h. mit ganz neuen Inhalten versehen. So wie Goethe seinen Faust damals zu Werke schreiten ließ, die Bibel zu „korrigieren“, indem er aus dem „Im Anfang war das Wort“ ein „Im Anfang war die Tat“ machte, so könnte ich sämtliche Bibeltexte einfach nur ein wenig abändern, um dadurch eine neue, zeitgemäße Bibel zu schreiben. „Immerhin war dieses Buch jetzt auch schon über 2.000 Jahre alt und brauchte deshalb dringend eine inhaltliche Erneuerung!“ dachte ich. Und wenn kein anderer bisher auf diese Idee gekommen ist, dann könnte ich das doch machen! Ich musste nur mal anfangen, am besten bei den Gleichnissen:

Es war einmal ein Hirte, der hatte 100 Schafe. Doch schon bald schien es, dass er sich nicht in der Lage sah, sich um so viele Schafe gleichzeitig zu kümmern. Alle rannten sie umher ohne Orientierung und nichts konnte sie im Zaume halten. Da entschied sich der Hirte, sich nur noch um ein einziges Schaf zu kümmern und die anderen 99 Schafe allein in der Wüste zurückzulassen. Als die Schafe sahen, dass sie keinen Hirten mehr hatten, wurden sie zunächst sehr traurig; aber dann sahen sie ein, dass sie gar keinen Hirten mehr brauchten, wenn sie anfingen, für einander Sorge zu tragen und sich zu organisieren. Im Laufe der Zeit lernten sie das und vergaßen allmählich ihren unzulänglichen Hirten.“

„Ein Mann ging aus, um zu säen, doch schon nach kurzer Zeit stellte er fest, dass es keinen Sinn machen würde, fortzufahren, denn sein Feld war teilweise festgetreten und stellenweise auch voller Steine und Dornengestrüpp. So legte er sein wertvolles Saatgut beiseite und machte sich zunächst einmal die Mühe, sämtliche Steine zu entfernen, so wie die Dornen. Dann grub er die Erde um, düngte sie und bewässerte sie. Erst dann nahm er sich die Samen und verteilte sie überall. Es blieb sogar noch was übrig, das gab er den Vögeln zum Futter. Alles wuchs später wunderbar und er war sehr glücklich.“

„Ein Vater hatte zwei Söhne. Eines Tages sprach der Jüngere von beiden: Vater gib mir meinen Anteil am Erbe jetzt schon. Denn ich möchte die Welt kennenlernen. Und er gab es ihm. Da machte dieser sich auf und zog in eine ferne Stadt. Er lernte ein Mädchen kennen, das von ihm schwanger wurde. Er fand keine Arbeit und begann, Drogen zu nehmen. Irgendwann hatten sie kein Geld mehr, so dass sie Hunger litten. Da schrieb der Sohn seinem Vater, dass er in großer Not sei und fragte, ob er ihm helfen könne. Sein Vater schickte ihm daraufhin Geld, das ausreichte, um neben dem Unterhalt für seine Familie auch eine Drogentherapie und andere Schulden zu bezahlen. Er machte eine Ausbildung und fand schließlich einen Job. Der Sohn bedankte sich in einem Brief bei seinem Vater und versprach, ihn nächstes Jahr mal besuchen zu kommen mit seiner Familie.

Diesen Brief las der ältere Bruder und fragte seinen Vater erbost, warum er diesem Geld geschickt habe. Der Vater sprach: Mein Sohn, auch dir stand es all die Jahre frei, mich zu verlassen und eine Familie zu gründen. Solch eine kostet aber nun mal viel Geld“. Nun aber habe er sich einmal entschieden, bei seinem Vater zu bleiben und ihn im Alter zu versorgen, wofür er ihm dankbar sei. Dafür würde er eines Tages den ganzen Hof erben.“

Es reiste einst ein Mann von Jerusalem nach Jericho. Doch Räuber kamen und überfielen ihn und ließen ihn halbtot liegen. Da kamen ein Priester und ein Levit des Weges. Sie halfen ihm auf und kümmerten sich um ihn. Aus Dankbarkeit wurde auch der Mann fromm und sogar ein Priester. Eines Tages traf er am Wegesrand einen Samariter, der ebenso von Räubern überfallen wurde. Der Mann sprach zum Samariter: ‚Wenn du dich bekehrst und aufhörst, Samariter zu sein, indem du dich uns Juden anschließt, dann werde ich dir helfen. Wenn Du Dich aber nicht bekehren willst, dann kann ich Dir nicht helfen, denn dann ist Dein Unglück gottgewollt.‘ Er wartete eine Weile und ging dann weiter. Als er später mal wieder vorbeiging, war der Samariter gestorben. Da war der Mann froh, dass Gott ihm dadurch ein Zeichen gegeben hatte, dass es keinen Zweck hatte, ihm zu helfen, da er nicht zu den Auserwählten gezählt haben konnte. So konnte er guten Gewissens seines Weges ziehen.“

Spät in der Nacht, als ich aufgehört hatte, zu dichten, versteckte ich mein Tagebuch wieder und ging ins Bett. Ruth schlief schon lange, tief und fest. Sie hatte keine Ahnung von den Gedanken, die mich beschäftigten, und ich hielt meine Überlegungen und Aufzeichnungen vor ihr verborgen und gut unter Verschluss. Was würde sie für ein Theater machen, wenn sie meine lästerlichen Gedanken lesen würde! Da kam mir noch ein Gedanke. Ich holte mein Tagebuch erneut hervor und schrieb: „Ruth hat nur einen Teil von mir geheiratet. Der andere Teil muss sich ständig vor ihr verstecken. Er ist zwar frei, aber einsam. Sie schläft neben mir, wie die Jünger im Garten Gethsemane, während ihr Herr Blut und Tränen schwitzte. Ich erreiche sie nicht. So vieles habe ich ihr zu sagen, aber sie kann es jetzt nicht ertragen. Ich lass sie schlafen und warte, bis die Soldaten kommen, um mich mitzunehmen.“


Größen-Wahn

Mittlerweile war das Frühjahr gekommen und mein Auftragsbuch war so voll wie nie. Unter anderem hatte eine Baugesellschaft namens HANSEHAUS einen Großauftrag zu vergeben, nämlich eine Neubausiedlung von 10 Reihenhäusern von außen mit 14 cm Styroporplatten zu dämmen, zzgl. Armierung und Kratzputz mit Anstrich etc. Ich hatte mit spitzem Bleistift kalkuliert und bot die 1.000,00 m² für knapp 59.000, - € netto an. Meine Mitbewerber hingegen gaben Angebote von 85.000, - bis 100.000, - € an. So dass ich den Auftrag erhielt. An einem Tag lud mich der Seniorchef der Baufirma höchstpersönlich in sein Büro zusammen mit den Architekten und Bauleitern, um mich persönlich kennenzulernen. Er fragte mich: „Haben Sie auch ausreichend Erfahrung, um diesen Auftrag abzuwickeln? Haben Sie auch genug Leute, um die Arbeit rechtzeitig fertig zu stellen? Trauen Sie sich das wirklich zu?“ Ich bejahte diese Fragen und dachte innerlich: Ich brauche noch viel mehr Leute! Wenn mich jemand zu jener Zeit gefragt hatte, wie viele Leute ich eigentlich damals hatte, konnte ich das nie aus dem Stegreif sagen, sondern hätte immer wieder durchzählen müssen: André Bindemann (42), Andrey Tschernyashuk (35), David Czygan (34), Sama Dingha (34), Christian Duhm (21), Paul Rauner (28), Fadi Shoushari (25), Alexander Weber (23), und dann kamen noch die Lehrlinge dazu: Marco Krull (22), Bartosz Lukaszewski (20), Johann Torn (21) und Peter Schöhnholz (28), der im Sommer auslernen würde. Und dann waren ja auch noch meine 3 Bürohilfen: Helga Sander (52), Ingrid Werner (47) und meine Frau Ruth. Am 02.05. stellte ich noch einen weiteren Gesellen ein namens Jürgen Ishorst (38), so dass ich am Ende 16 Mitarbeiter hatte - so viel wie nie zuvor.

Da David Czygan nicht nur gelernter Maurer, sondern auch im Garten- und Landschaftsbau Erfahrung hatte, ließ ich ihn unsere Terrasse und Seitenwege neu bepflastern. Sama indes flieste unser Gäste-WC, und ich brachte vorne an unserem Haus eine Dämmung an. Zu jener Zeit sprach mich eine befreundete Firma namens Ventimola an, die eine der wenigen Firmen in Bremen war, die sog. Kerndämmungen anboten, d.h. den Zwischenraum von zweischaligen Mauerwerken von Bestandsgebäuden nachträglich mit Silikatschaumflocken ausblasen. Sie erzählten mir, dass die Bremer Uni ein EU-Projekt fördern würde, um Firmen zu unterstützen, die sich auf die energetische Modernisierung von Gebäuden spezialisiert hätten. Ziel dieses Projektes war die Gründung eines Handwerker-Netzwerkes namens „NeMo“ („Netzwerk für energetisches Modernisieren“), das zwar nicht finanziell, aber ideell gefördert wurde, indem wir regelmäßig einmal in der Woche kostenlose Schulungen in der Uni erhalten sollten, bei denen Marketing-Experten Vorträge hielten. Am Ende sollten wir als eine Art Genossenschaft gemeinsam am Markt auftreten, indem wir „alles aus einer Hand“ anbieten konnten. Selbst die Sparkasse Bremen saß bei diesem Projekt mit im Boot, indem sie uns auf Modernisierungs-Messen immer neue Kunden lieferte. Ich fand die Idee sehr gut und wurde Mitglied bei NeMo. Da ich der einzige Malereibetrieb in diesem Handwerker-Netzwerk war, hatte ich mir auf einmal einen riesigen Marktvorteil erschlichen, denn ich saß ja nun – was Dämmaufträge betrifft – an der Quelle. So nahm ich monatelang einmal wöchentlich an den Treffen von NeMo teil, die meist am Samstag stattfanden, und nach etwa drei Monaten waren wir reif genug, um nun auch die ersten Kundenaufträge abzuarbeiten.

Doch es dauerte nicht lange, da saß plötzlich ein weiterer Malermeister als „Gast“ bei den Treffen, so dass ich auf einmal Konkurrenz hatte. Zunächst lief alles noch so, dass jede Firma ihre eigenen Angebote schrieb. Doch dann kam auf einmal die Idee auf, dass zwei sog. „Baumeister“ in Vollzeit beschäftigt werden sollten, die die Kundenberatung und die Bauleitung von Anfang bis Ende begleiten sollten. Um diese zu bezahlen, wurde auf einer Mitgliederversammlung mehrheitlich entschieden, dass von nun an Provisionen für die Aufträge bezahlt werden sollten, wobei ich der einzige war, der dagegen gestimmt hatte, da ich der Meinung war, dass man auf diese Baumeister auch verzichten könne. Leider hatte ich seither keinen guten Stand mehr bei den Baumeistern und es begann ein übles Intrigenspiel. Ich spürte, dass man auch meine Firma ausbooten wollte, so wie zuvor auch schon andere, die freiwillig abgesprungen waren. Denn mittlerweile hatte auch mein Erzfeind, der Obermeister der Malerinnung, A. Plaggenmeyer, von diesem Netzwerk erfahren und versuchte, sich durch Kungelei mit den Hauptentscheidern an die Spitze zu bringen. Da sah ich keine Hoffnung mehr für mich und kündigte.

Durch die vielen Aufträge war mein Kontostand inzwischen sehr angewachsen, und ich überlegte, ob ich von dem überschüssigen Geld noch mehr in meine Firma investieren sollte. Mittlerweile hatte ich schon 4 Firmenwagen und auch zwei teure Schneidegeräte für WDVS gekauft. Ich entschied mich, wieder ins Aktiengeschäft einzusteigen, zumal mit Windkraft und Solarenergie inzwischen viel Geld zu verdienen war. Doch schon kurz nachdem ich mit etwa 8.000, - € eingestiegen war, brachen auf einmal an allen Wertpapierbörsen der Welt massiv die Kurse ein. Was war geschehen? In den USA war die sog. „Immobilienblase“ geplatzt. Die US-Banken hatten jahrelang mit billigem Geld (d.h. niedrig verzinsten Krediten) jedem noch so kreditunwürdigen Amerikaner eine Immobilienfinanzierung angedreht. Die Schuldscheine (sog. „Swaps“) wurden dann in unvorstellbaren Mengen einfach an ausländische Banken weiterverkauft, obwohl man wusste, dass es sich hier um sog. „faule Kredite“ handelte. Als auf einmal die ersten Investoren „Kasse machen“ wollten, entstand eine Kettenreaktion von gigantischem Ausmaß, so dass reihenweise Banken pleitegingen, z.B. die Investmentbank Lehman Brothers. Zum Glück hatte ich in sehr gute Firmen investiert, so dass ich mich noch etwa drei Monate halten konnte bis ich schließlich mit Plus-Minus-Null ausstieg und mit einem blauen Auge davonkam.

Juli bis Dezember 2007

Der Verleumdungs-Skandal mit der Malerinnung

Eines Tages im Sommer 2007, als ich gerade mit dem Firmenwagen unterwegs war, rief mich ein Hausverwalter an, dem ich zuvor einen Kostenvoranschlag gesandt hatte und erteilte mir den Auftrag. Ganz beiläufig erwähnte er, dass eine der Kunden auf der Eigentümerversammlung berichtet hatte, dass sie sich mal bei der Maler- und Lackiererinnung schlau gemacht hatte über den Malereibetrieb Poppe. Dort hätte man ihr erzählt, dass die Fa. Poppe eine „Pfuscherfirma“ sei und man diese deshalb nicht empfehlen könne. „Ich wollte Ihnen das ja nur mal vertraulich sagen, Herr Poppe, was man so hinter Ihrem Rücken über Ihre Firma so redet“. Ich war schockiert, denn immerhin gehörte ich doch der Malerinnung an und zahlte jeden Monat meinen Mitgliedsbeitrag von 50,- €, - doch wohl nicht deshalb, damit die mich hinter meinem Rücken verleumden und verunglimpfen! Was für eine Sauerei, dass ich dies jetzt durch Zufall erfahren hatte und mich gar nicht dagegen wehren konnte! Das konnte ich mir unmöglich gefallen lassen, denn das wäre Auf Dauer absolut geschäftsschädigend!

Ich fuhr weiter und überlegte mir, was ich dagegen unternehmen könnte. Ich brauchte Beweise. Dann hatte ich plötzlich eine Idee. Ich rief meine Schwester Anna (41) an und erzählte ihr die Geschichte. Dann bat ich sie, ob sie mal dort in der Maler- und Lackiererinnung anrufen könne und sich unter anderem Namen als zukünftige Kundin ausgeben könnte. Ich sagte: „Du erzählst denen einfach, dass Du von mir ein attraktives Angebot erhalten hättest und mir jetzt den Auftrag erteilen wollest, aber Dich zuvor nochmal erkundigen wolltest, ob die die Firma Poppe auch wirklich guten Gewissens weiterempfehlen können. Und dann wollen wir doch mal hören, was die sagen!“ Diana fand die Idee gut und wollte mitspielen. Ich gab ihr also die Nummer und wir vereinbarten, dass sie mich dann im Anschluss anrufen solle, um mir zu berichten.

Eine Viertelstunde später rief Anna mich zurück und sagte: „Simon, ich hab‘ da gerade angerufen, und siehe da: ein Volltreffer! Die Dame hat tatsächlich voll schlecht über Deine Firma gesprochen!“ Ich sagte: „Erzähl mal! Was hat sie denn genau gesagt?“ Diana holte aus: „Und zwar gab ich mich als eine Frau Müller aus und fragte sie, ob sie mir einen Malerbetrieb nennen würde, der mein Haus streichen könne, und dann sagte sie sofort, dass sie grundsätzlich nicht befugt sei, irgendwelche Malerfirmen zu empfehlen. Daraufhin habe ich sie gefragt, ob sie mir wenigstens inoffiziell ihre persönliche Meinung sagen könne, sozusagen ‚von Frau zu Frau‘, was sie von der Firma Poppe halten würde, und da hat sie zu mir gesagt: ‚Also ich würde den nicht nehmen, denn nach dem, was ich so gehört habe, macht der keine gute Arbeit‘. Daraufhin habe ich mich bei ihr herzlich bedankt für das Vertrauen und ihr gesagt: ‚Na dann nehme ich den lieber nicht, denn ich will ja keinen Ärger haben!‘ und dann habe ich mich von ihr verabschiedet.“ Diese Info hatte mich fast sprachlos gemacht und auch tief traurig. Ich bedankte mich bei Anna und erklärte ihr, dass ich nun etwas dagegen unternehmen würde. Anna versicherte mir, dass ich sie gerne als Zeugin benennen könne.

Daraufhin rief ich meinen Anwalt Lindemann an und erzählte ihm von diesem Vorfall. Daraufhin schrieb er einen Brief an die Malerinnung, in welchem er das verleumderische Vorgehen der Innung als „unlauteren Wettbewerb“ rügte und eine Unterlassungserklärung forderte. Daraufhin schrieb der Geschäftsführer der Maler- und Lackiererinnung, Holger Detjen, und bedauerte „, dass der Eindruck entstanden sei, die Mitarbeiterin habe Herrn Poppe in irgendeiner Weise abqualifiziert“. Da die Mitarbeiterin jedoch bestritt, dass sie meiner Schwester gegenüber von einer mangelhaften Arbeit der Fa. Poppe gesprochen habe, wolle man die Unterlassungserklärung zunächst noch nicht unterschreiben. Zitat: „Vielmehr habe die Mitarbeiterin gesagt, dass die Firma Poppe im Gegensatz zu anderen Malerbetrieben schon häufiger Gegenstand von Sachverständigenanfragen von Kunden gewesen sei“. Ich las meiner Schwester den Brief vor, und sie sagte: „Das stimmt überhaupt nicht! Die lügt einfach.“ Daraufhin bat ich meine Schwester, ob sie mir eine Eidesstattliche Erklärung schreiben könne, in welcher sie den Sachverhalt noch mal genau schildert.

Darauf schickte mir Anna diese schriftliche Erklärung an Eides Statt, in welcher sie u.a. schrieb: „Ich erklärte ihr dann, dass mir der Malereibetrieb Simon Poppe schon empfohlen worden wäre, woraufhin sie, so wörtlich, sagte: ‚Ja, die sind zwar sehr günstig, aber nehmen würd‘ ich den trotzdem nicht. Denn der macht keine gute Arbeit.‘ Ich bedankte mich für das Gespräch von Frau zu Frau… Eine weitere Erklärung, warum der Malerbetrieb Poppe ‚keine gute Arbeit‘ machen soll, gab sie jedoch nicht. Den Namen der Mitarbeiterin habe ich leider akustisch nicht verstanden.“ Diese Eidesstattliche Erklärung legte dann mein Anwalt der Innung vor und forderte letztmalig eine Unterlassungserklärung. Daraufhin schrieb Herr Detjen im Namen der Innung zurück, dass es unerlässlich sei, den genauen Namen der Mitarbeiterin zu benennen, da die Maler- und Lackierer-Innung ja im gleichen Hause wie die Kreishandwerkerschaft ansässig sei und auch eine ähnliche Nummer teile. Zitat: „Sie müssten uns schon mitteilen, wer die Auskunft am Telefon gegeben haben soll, denn wir können keinen Generalverdacht gegen alle Mitarbeiter aussprechen.“ An dieser Stelle platzte mir der Kragen, und ich schrieb Herrn Detjen, dass er doch zuvor selbst zugegeben hatte, mit der Mitarbeiterin gesprochen zu haben und diese sogar ein solches Gespräch nicht geleugnet hatte, sondern nur dessen Inhalt. Nun aber versuche er, sich herauszureden mit fadenscheinigen Ausflüchten, anstatt sich einfach nur zu entschuldigen im Namen der Innung, indem so getan wird, als wüsste man nicht, wer hier intrigiert habe. Dabei sei es mir auch völlig egal, wer genau mich verleumdet habe, da dadurch ja schließlich die Innung als solche offenbart habe, schlecht über mich zu denken. Unter solchen Voraussetzungen sei ich aber nicht länger bereit, weiterhin Mitglied der Malerinnung zu sein und drohte Ihnen eine Klage an, sollte ich noch einmal von irgendjemand erfahren, dass sie mich ein weiteres Mal verunglimpft hätten.

Ironischerweise war es nun genau jene Mitarbeiterin (deren Namen ich hier vorsichtshalber nicht nenne), die mir daraufhin antwortete, indem sie meine Kündigung kurz und knapp bestätigte und die Innungsmitgliedschaft damit für beendet erklärte. Doch damit war der Streit mit der Malerinnung noch nicht vom Tisch, denn dem Obermeister Arne Plaggenmeyer gefiel diese Demütigung ganz und gar nicht, sich den Vorwurf der Indiskretion gefallen lassen zu müssen, denn würde sich dieser Fall nun rumsprechen, würfe das ein sehr schlechtes Licht auf seinen Verein und damit auch auf ihn selbst. Umso erfreuter war er daher, als er von einem anderen Malermeister gesteckt bekam: „Weißt Du eigentlich, dass der Simon Poppe an einem seiner Firmenwagen immer noch einen Aufkleber der Malerinnung Bremen hat, obwohl er doch vor ein paar Wochen bei uns ausgetreten ist?“ Sofort beauftragte Plaggenmeyer einen Anwalt, der mir nun meinerseits den Vorwurf des unlauteren Wettbewerbs machte und von mir forderte, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben. Tatsächlich gab es einen solchen „3-Schilde-Aufkleber“ an einem meiner Firmenautos, nur warb dieser nicht speziell für die Malerinnung, sondern für das Maler- und Lackiererhandwerk als solche. Die Abmahnung war also vollkommen gegenstandslos, so dass sich die Innung ein weiteres Mal blamierte. Ich schrieb ihnen, dass ich zwar bisher auf eine Klage verzichtet hätte, aber eine solche unverzüglich veranlassen würde, sollte ich noch ein einziges Mal von der Innung mit solch einem billigen Einschüchterungsversuch belästigt werden. Daraufhin hörte ich nichts mehr von ihnen.


Hohe Tannen

Trotzdem fragte ich mich damals selbstkritisch, ob nicht doch etwas an dem Vorwurf dran sei, dass ich viel zu häufig die Konfrontation suchte, anstatt das Gespräch. Aus meiner Zeit als Christ hatte ich ja gelernt, dass man viel besser verfährt, wenn man nach Möglichkeit mit allen Menschen in Frieden lebt. Das geht aber nur, wenn man auch bereit ist, auf die Wünsche anderer einzugehen und sich nicht immer gleich quer zu stellen. Diese Einsicht wurde schon bald darauf auf eine harte Probe gestellt. Denn als ich eines Nachmittags von der Arbeit nach Haus kam, begegnete ich meinem Nachbarn, Herrn Jirgsow, mit dessen Frau ich schon öfters aneinandergeriet. Wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis mit allen Nachbarn, aber Frau Jirgsow gab mir immer zu verstehen, dass sie mich hasst wie die Pest. Auch ich konnte nie behaupten, dass ich viel Sympathie für sie empfand, weil sie mich ständig angiftete (dabei sah sie tatsächlich auch aus wie eine Hexe). Doch ich sehnte mich schon seit langer Zeit, das Kriegsbeil endlich zu begraben, aber wusste nicht, wie. Nun aber trat Herr Jirgsow an mich heran und forderte von mir, dass ich die 10 Meter hohen Tannen, die an meiner Giebelseite den Seiteneingang beschatteten, fällen sollte, da deren Nadeln und Tannenzapfen ständig auf deren Grundstück fielen. Sie hatten dies in den Jahren zuvor schon öfters gefordert, weshalb ich die unteren Tannenzweige, die auf ihr Grundstück ragten, schon alle abgesägt hatte. Aber die vier Tannen komplett wegzunehmen, wollte ich auf keinen Fall, denn sie wirkten ja wie ein schöner Tunnel, wenn man an der Seite langging.

Während ich mit Herrn Jirgsow redete, kam seine Frau plötzlich hergelaufen und keifte mich an, ich solle endlich die großen Tannen fällen, da sie ja immer größer würden und den Nachbarn die Sonne rauben würden, wenn sie auf der Terrasse lägen. Mit sanfter Stimme sagte ich zu Frau Jirgsow: „Wir streiten uns schon so lange. Mir liegt sehr daran, mit Ihnen Frieden zu schließen. Deshalb würde ich Sie beide gerne nächsten Samstag zum Grillen zu uns einladen, und dann können wir in aller Ruhe sicherlich gemeinsam einen Kompromiss finden, um den Streit ein für alle Male zu schlichten. Was halten Sie davon?“ Frau Jirgsow fauchte mich an: „ICH WILL NICHT MIT IHNEN GRILLEN, SONDERN ICH WILL, DASS SIE ENDLICH DIE BLÖDEN TANNEN FÄLLEN LASSEN, KAPIERT!?!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie wieder ins Haus. Ich wandte mich an ihren Mann, der viel vernünftiger war, denn mit seiner Frau konnte man einfach nicht reden. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich werde die größte dieser vier Tannen fällen, aber die anderen drei möchte ich gerne behalten“. „Das müssen Sie mit meiner Frau klären“, sagte er und ging auch ins Haus.

Am Wochenende nahm ich meine große, 3-teilige Schiebeleiter aus der Werkstatt mit, sägte zunächst die großen Zweige ab und legte die 9 m lange Leiter dann oben an den Stamm der Tanne an. Bis zur Spitze fehlten aber noch immer rund 3 bis 4 Meter. Ich sägte den oberen Tannenkopf ab. Doch dieser krachte leider unkontrolliert auf den Sichtzaun der Nachbarn, so dass dieser auf 5 Meter Breite eine Bresche geschlagen hatte. Ich dachte: „O nein, jetzt werden sie bestimmt wieder meckern und verlangen, dass ich ihnen den Schaden ersetze!“ Zu meiner Überraschung schimpften sie aber nicht, sondern Herr Jirgsow sagte, dass er ohnehin vorhatte, den alten Zaun gegen einen neuen zu ersetzen. Doch sie bestanden darauf, dass ich auch noch die anderen Tannen fällen sollte. Ich hatte keine Lust mehr, mich mit ihnen weiter zu streiten, deshalb tat ich ihnen schließlich den Gefallen, obwohl es mir sehr leid war, denn nun sah die Hausseite nackt und kahl aus. Doch zu meiner Verwunderung blieb die 5 Meter breite Lücke im Zaun und die Nachbarn machten keinerlei Anstalten, um sie endlich mal zu schließen. Es vergingen viele Monate, und allmählich war mir diese Lücke selber schon lästig, denn wir fühlten uns beobachtet. Mehrfach sprach ich Herrn Jigsow an, aber er sagte jedes Mal, er sei noch nicht dazu gekommen. Irgendwann besorgte ich mir dann selber drei Holzpfeiler und 3 Lamellenzaunstücke und machte die Lücke wieder zu.

Doch schon am nächsten Tag fand ich einen Brief im Kasten, dass ich den Zaun wieder entfernen solle, da ich den ohne ihre Erlaubnis angelblich auf deren Grundstück aufgerichtet hatte. Ich reagierte gar nicht und unternahm nichts. Doch als wir an einem Samstagabend von einem Ausflug zurückkehrten, lag der Holzzaun abgebaut an unsere Giebelwand gelehnt. Der Nachbarschaftsstreit hätte jetzt immer so weiter gehen können, aber ich war es leid und ließ mir die Demütigung gefallen. Sie bauten sich schließlich ihren eigenen Zaun in die Lücke und es kehrte Ruhe ein.


Der falsche Prophet

Wie schon erwähnt, hatte ich im Frühjahr einen Großauftrag angenommen, bei dem ich mich heillos verkalkuliert hatte, um sage und schreibe 30.000, - €. Denn die Arbeiten zogen sich monatelang hin und banden einen Großteil meines Personals. Doch zu allem Übel hatte der Bauträger HANSEHAUS für das Projekt einen Baubetreuer abgestellt, den man ohne Übertreibung als „harten Hund“ bezeichnen kann. Herr Heidemann war zwar immer nett und freundlich zu mir, aber wenn es um die Interessen seines Unternehmens ging, war er absolut pingelig und unerbittlich, wie sich allmählich herausstellte. Die ersten 6 Wochen lief noch alles rund. Wir hatten die Dämmplatten erfolgreich auf die 1000 m² angebracht, sowie verdübelt und mit Gewebe verputzt (armiert). Doch bevor wir nun den Edelputz auftragen sollten, wollte der Bauträger mit einem Sachverständigen eine Zwischenabnahme machen. Wir hatten uns für die Mittagszeit verabredet und gingen einmal um die ganze Siedlung herum. Der Sachverständige hielt überall ein Richtscheit ran, um die Ebenmäßigkeit der verputzten Flächen zu überprüfen. Hier und da gab es kleinere oder größere Unebenheiten, die durch die Überlappungen des Gewebes in den Fensterbereichen herrührten. Aber dann machte er an mehreren Stellen auch eine Schichtdickenmessung und stellte dabei zu meinem Erschrecken fest, dass die Putzschicht statt der vorgeschriebenen 4 mm gerade einmal nur 2 mm betrug. Das war der Super-GAU, denn das bedeutete, dass wir nun die gesamten Flächen der 10 Häuser noch ein weiteres Mal armieren mussten, inkl. Gittergewebe. Sofort rechnete ich den darauf resultierenden Schaden aus und kam auf mindestens 9.000,- € an Selbstkosten.

Mit einer gewissen Atemnot ging ich darauf zu den 6 Mitarbeitern, die gerade auf der Baustelle Mittag machten und berichtete ihnen die Horrornachricht. Am Ende sagte ich: „Allein die Materialkosten belaufen sich hierfür überschlägig auf ca. 3.000, - €. Und dann kommen eben die Lohnkosten der nächsten zwei Wochen, denn so lange wird es wohl dauern, bis alle 10 Häuser neu verputzt sind. Dieser Schaden ist so groß, dass der gesamte Auftrag schon jetzt keinen Gewinn mehr abwirft, sondern ich sogar noch draufzahlen muss, zumal ich den Auftrag ohnehin viel zu knapp kalkuliert hatte. Der Austausch der zu kurzen Fensterbänke hat mich allein schon 1.000, - € zusätzlich gekostet. Da der Kunde mir in den nächsten zwei Wochen auch keinen weiteren Abschlag mehr zahlen wird, werde ich auch massive Zahlungsprobleme kriegen, und im schlimmsten Fall könnte ich pleitegehen, so dass Ihr Euch dann einen neuen Arbeitsplatz suchen müsstet. Deshalb möchte ich Euch einen Vorschlag machen: Ich übernehme die Materialkosten und Ihr arbeitet freiwillig eine Woche ohne Bezahlung. Als Gegenleistung für Eure Solidarität verspreche ich Euch einen sicheren Arbeitsplatz. Wir haben uns alle immer gut verstanden und waren wie eine Familie. Deshalb würde ich mir wünschen, dass Ihr mir auch jetzt in dieser schweren Krise beisteht. Denn was ist Euch wichtiger: ein volles Portemonnaie und Arbeitslosigkeit oder aber vorübergehend ein bisschen weniger Geld aber dafür einen sicheren Arbeitsplatz. Wer ist mit meinem Vorschlag einverstanden?

Ich schaute in die Runde. Als erstes hob Paul den Arm, dann Sama und Fadi. Darauf dann auch Bartosz und Johann, so dass zuletzt nur noch David Czygan übrigblieb, der den Arm nicht erhob. Ich fragte deshalb: „Und Du, David? Willst Du nicht mitmachen?“ – „Nein, das sehe ich nicht ein. Du bist selbständig und trägst deshalb auch das Risiko.“ – „Ich habe ja auch nicht behauptet, dass ich auf diese Unterstützung einen Anspruch hätte, sondern dass es absolut freiwillig ist. Aber ausgerechnet Du bist doch hier der Vorarbeiter, David, und trägst auch die Hauptverantwortung dafür, dass der Putz hier überall zu dünn aufgetragen wurde; deshalb solltest doch gerade Du Dich jetzt kooperativ zeigen, zumal auch alle anderen freiwillig auf einen Teil ihres Lohns verzichten.“ – „Ich habe aber eine Familie zu ernähren. Sama hat noch keine Kinder und die anderen sind alle unverheiratet. Ich kann das nicht, tut mir leid.“ – „Aber gerade von Dir hätte ich das nicht gedacht, David, denn Du bist doch Christ und solltest deshalb eigentlich ein Vorbild sein. Was glaubst Du, wie sich die anderen jetzt fühlen, wenn sie freiwillig eine Woche auf ihren Lohn verzichten, während Du Dir als Christ eine Extrawurst genehmigst? Das ist nicht gerade ein gutes Zeugnis für Deinen Herrn!“ – „Komm mir bitte nicht so, Simon! Ich hatte ohnehin vor, mich demnächst selbstständig zu machen. Wenn Du willst, kannst Du mich gerne zum Monatsende kündigen, denn dann gibt das auch kein böses Blut mehr.“ David sagte dies mit seiner typisch ruhigen Art, was mich aber erst recht auf die Palme brachte. „Das ist doch wohl jetzt nicht Dein Ernst! Ich habe Dich extra für dieses Projekt ausgesucht, weil Du mehr von Wärmedämmung und Verputzen verstehst wie jeder andere. Willst Du uns jetzt allen Ernstes auch noch sitzen lassen, nachdem der Karren in den Graben gefahren ist? Ich finde, das ist wirklich eine Schande!“ – „Aber warum? Du hast doch auch Sama, Paul und Fadi, die gut verputzen können, und auch Jürgen kann das gut. Und ab jetzt machst Du hier die Bauleitung selbst – wo ist also das Problem?

David kündigte also. Doch vergaß ich leider, den Dauerauftrag für seinen Lohnabschlag rechtzeitig zu löschen, so dass David versehentlich noch ein weiteres Mal 1.000,- € von mir erhielt. Als ich es nach zwei Monaten bemerkte, rief ich ihn an. „Du weißt, David, dass Du von mir aus Versehen eine Überzahlung erhalten hast, nicht wahr?“ – „Ja.“ sagte David. – „Und warum hast Du mir das Geld dann nicht sofort zurückgezahlt?“ – Es folgte eine lange Stille in der Leitung. – „Ist auch egal,“ sagte ich, „überweise mir das Geld einfach zurück, und die Sache ist erledigt.“ – „Das geht nicht“, sagte David. – „Warum nicht?“ – „Weil ich das Geld nicht mehr habe.“ – „Und warum hast Du es ausgegeben, wenn Du doch wusstest, dass es nicht Deines ist?“ – „Das kann ich Dir nicht so einfach erklären.“ – „Was gibt es denn da zu erklären?“ – „Glaub mir, Simon, das war nicht böse gemeint, und ich verspreche Dir, dass Du zum Ende des Jahres Deine 1.000,- € wiederkriegen wirst.“ – „Und warum erst dann?“ fragte ich. David zögerte, und ich merkte, dass er ein Geheimnis vor mir verbarg. Doch dann sagte er: „Simon, Du kennst das doch, dass Gott in Seinem Wort verheißen hat, dass in den letzten Tagen Sein Geist ausgegossen wird über alles Fleisch, so dass viele auch prophetische Visionen haben. Mir hat Gott nämlich vor ein paar Wochen durch einen Propheten in der Gemeinde verheißen, dass am Ende dieses Jahres ich so viel Geld bekommen würde, dass ich auf einen Schlag meine ganzen Schulden von 31.000,- € zurückzahlen kann. Die Bedingung dafür aber war, dass ich zuvor 2.000,- € an eine bestimmte Gemeinde in Florida spenden soll. Gott will dadurch meinen Glauben prüfen.“ – „Kennst Du die Gemeinde?“ fragte ich. „Nein. Aber der Prophet hat mir die Bankverbindung von der Gemeinde gegeben.“ – „Und warum ausgerechnet 2.000,- € und nicht 1.500,- € oder 3.000,- €?“ – „Das weiß ich nicht,“ sagte David, „da musst Du Gott fragen.“ – „Nein, ich frage Dich! Denn die ganze Geschichte klingt doch total unglaubwürdig! Wie kannst Du nur auf so eine billige Betrugsmasche hereinfallen!“ – „Das ist mir schon klar, warum Du so redest, denn Du hast Deinen Glauben ja auch verloren. Aber ich vertraue Gott, und weiß, dass Er auch heute noch große Wunder tun kann.“ – „Und warum gibt Gott Dir nicht jetzt schon diesen hohen Geldbetrag, wenn Er ihn Dir doch ohnehin geben will?“ – „Weil Gott meinen Glauben prüfen will, so wie bei Abraham, der bereit war, Seinen Sohn zu opfern, weil Gott es ihm gebot.“

Das ist doch totaler Schwachsinn, David. Und ich kann Dir das auch beweisen,“ sagte ich. „Es steht doch auch in der Bibel, dass Gläubige keine Schulden machen dürfen (Röm.13:8). Deswegen wird Gott doch niemals von Dir verlangen, neue Schulden bei jemanden zu machen, bevor Du nicht erstmal Deine alten Schulden bezahlt hast. Das KANN also gar nicht Gott gewesen sein, der furch diesen Propheten geredet hat, denn sonst stünde das ja im Widerspruch zu Seinem Wort!“ – „Du willst mich jetzt in Versuchung bringen, aber mein Glaube ist unerschütterlich.“ – „Du kannst ja glauben, was Du willst, aber bitte nicht auf meine Kosten!“ – „Ich bereue, dass ich Dir diese Sache anvertraut habe.“ David wollte auflegen, aber ich hatte noch eine letzte Frage: „Wenn ich Dich Anfang nächsten Jahres anrufe und Du dann immer noch Deine 31.000,- € Schulden hast, wirst Du dann eingestehen, dass dies ein falscher Prophet war?“ – „Ja, das würde ich!“ antwortete David. „Aber wie sieht’s bei Dir aus, Simon? Würdest Du wieder zum christlichen Glauben zurückkehren, wenn sich diese Prophezeiung erfüllt?“ – „Das wird ohnehin nicht geschehen, deshalb brauche ich mir darüber keine Gedanken machen.“

Unterdessen wuchsen mir die Probleme immer mehr über den Kopf. Ich musste Paul Rauner und Johann Torn entlassen, da sie zu oft fehlten, indem sie sich „krank“ meldeten oder einfach unentschuldigt fehlten. Kurz darauf kündigte ich auch Jürgen Ishorst und Christian Duhm, weil sie nicht die nötige Leistung brachten. Stattdessen nahm ich Peter Schönholz als Gesellen, sowie Bartosz Lukaszewski als neuen Lehrling, nachdem er sein Jahrespraktikum bei mir beendet hatte. Darüber hinaus nahm ich einen Türken namens Baris Akcay (22) als Lehrling, der mit seinem Vater zum Vorstellungsgespräch kam und auch immer seinen Vater anrufen ließ, wenn irgendeine Unklarheit bestand. Und dann bewarb sich auch ein 36 Jahre alter ehemaliger Lehrer namens Nils Arend bei mir, um eine Umschulung zum Maler bei mir zu machen; denn er hatte die letzten Jahre schon selbständig als Maler gearbeitet, wollte nun aber endlich auch einen Gesellenbrief machen. Erst später bemerkte ich, dass Nils ein Alkoholiker war, der schon morgens immer eine starke Alkoholfahne hatte. Da er aber ansonsten einen nüchternen Eindruck machte und wir uns auch menschlich gut verstanden, blieb er die nächsten 24 Monate mein neuer Lehrling und bestand am Ende auch seine Prüfung.

Der Großauftrag in Huckelriede von der Firma HANSEHAUS zog sich inzwischen immer mühseliger dahin. Der Baubetreuer Heidemann beschwerte sich ständig über Sama, meinem Mitarbeiter aus Kamerun, der nun der neue Vorarbeiter war, da er häufig nicht an Absprachen hielt, die er vielleicht auch nicht richtig verstanden hatte, und verlangte von mir, dass ich mehr Präsenz zeigen möge. Es vergingen drei qualvolle Monate, in welchen Herr Heidemann immer wieder Nachbesserungen forderte und ich schließlich am Ende meiner nervlichen Belastungsgrenze war. Zum Schluss waren noch 10.000, - € offen, die Firma HANSEHAUS als Druckmittel verwendete, damit wir auch noch die allerletzten Sonderwünsche erfüllten. Ich erinnere mich noch, wie Herr Heidemann bei einer der Abnahmen mit dem Spiegel die Unterkanten des 140 m langen Sockels rund um die Häuserzeile untersuchte, die nur 10 cm über dem Boden entlang verlief und von mir verlangte, dass ich die Fuge zwischen Sockelschiene und Sockel abdichten solle. „Aber da komme ich doch gar nicht mehr mit der Druckpistole runter!“ erwiderte ich. „Das ist mir egal, dann machen sie es eben von Hand.“ Mir wurde am Ende klar, dass bei Neubauten ein weitaus höherer Maßstab an die Qualität eines Hauses angelegt wird als bei üblichen Bestandshäusern. Eigentlich waren wir längst fertig mit dem Auftrag, aber immer wieder fand Herr Heidemann etwas, das noch zu korrigieren sei. Die letzten 4 Wochen kam ich immer nur noch allein zum Nacharbeiten, da mir die Mitarbeiter zu schade waren. Das Budget war ohnehin längst überschritten und ich hatte die letzten zwei Monate für nichts dort gearbeitet. Ich wollte nur noch die letzten 10.000, - € meiner Rechnung haben, alles andere war mir egal. Doch als schließlich alles fertig war, teilte mir Herr Heidemann mit, dass ich kein Geld mehr bekommen würde. „Warum nicht!?“ fragte ich empört. – „Herr Poppe, was glauben Sie, wieviel Mehraufwand all diese Abnahmen mich gekostet haben! Sie haben viel zu lange gebraucht für dieses Projekt, denn das zieht sich jetzt ja schon vier Monate lang hin. Vielleicht haben Sie schon mal was von einer Konventionalstrafe gehört…“ – „Ach, was soll das! Wir haben doch überhaupt gar keine Fertigstellungsfrist vereinbart, geschweige denn irgendeine Vertragsstrafe! Ich habe die letzten sechs Wochen mich hier doch nicht täglich rumgequält, nur damit Sie mir jetzt sagen, dass Sie mir meinen restlichen Werklohn nicht mehr zahlen wollen!“ – „Doch, das ist aber so. Damit müssen Sie sich jetzt abfinden“ erklärte mir Herr Heidemann. „Nein, das werde ich mit Sicherheit nicht! Eher werde ich Ihre Firma auf Zahlung verklagen!

Und so geschah es am Ende des Jahres tatsächlich, dass ich gezwungen wurde, meinen Anwalt wieder einzuschalten, der die Fa. HANSEHAUS drohte, sie nötigenfalls auf Zahlung der restlichen 10.000, - € zu verklagen. Diese wiederum drohten mir, dass im Falle eines Gerichtsstreits hohe Gutachterkosten auf alle beteiligten zukämen und sich ein Prozess über Jahre hinzöge. Deshalb böte man mir an, doch noch einmal über die Höhe eines Einbehalts zu verhandeln, um einen außergerichtlichen Vergleich zu schließen. Ich wollte auf keinen Fall einen weiteren Prozess, denn inzwischen war auch Bewegung im Fall Haferkamp gekommen, der sich inzwischen auch schon seit 2004 hingezogen und viele Gutachter beschäftigt hatte. Deshalb rief ich Herrn Heidemann an, vereinbarte einen Termin und bot ihm an, dass ich auf 3.000, - € verzichten würde, wenn sie mir doch wenigstens sofort die Differenz von 7.000, - € überweisen würden. Herr Heidemann erklärte mir, dass es der HANSEHAUS nicht darum ginge, sich zu bereichern, sondern dass es ein gewisses Regress-Risiko gäbe, da noch nicht alle 10 Häuser verkauft seien und zu befürchten sei, dass noch Ansprüche geltend gemacht würden, die über die ursprünglichen 3.695,35 € an Sicherheits-Einbehalt hinausgehen würden. Zunächst sah es ganz so aus, als würden wir uns einig werden. Als sie aber immer wieder eine neue Schippe an Bedingungen aufluden, hatte ich den Eindruck, dass sie mich nur verschaukeln wollten und drohte erneut mit einer Klage. Nachdem dann viele Wochen vergingen, etliche Briefe hin und her geschrieben wurden, einigten wir uns vor dem Bremer Landgericht darauf, dass man mir die 7.000, - € in zwei Raten im Abstand von je 2 Jahren auszahlen solle, sofern nicht irgendwelche Mängelbeseitigungskosten in der Zwischenzeit die Auszahlung reduzieren würden. Da der Streitwert sehr hoch war, musste ich am Ende jedoch 2.660,72 € an meinen Anwalt bezahlen und 672,- € an Gerichtskosten. Mein Fazit aus diesem Schlamassel war, dass ich nie wieder für einen Bauträger arbeiten würde, da diese nur an Gewinnmaximierung interessiert waren. Drei Jahre später hatte ich meinen Vorsatz jedoch schon wieder vergessen und war erneut auf eine solche Baufirma hereingefallen.

 

Januar bis Juni 2008

Sexuelle Vielfalt

Im Winter 2007/2008 lag mein Kontostand mit rund 20.000, - € im Minus, bedingt durch die enorme Fehlkalkulation beim Bauvorhaben Hansehaus und die vielen Außenstände durch säumige oder zahlungsunwillige Kunden. Während ich mir ernsthaft Sorgen machte, ob meine Firma überhaupt noch weiter bestehen konnte, rief mich meine Mutter an und erzählte mir, dass ihre FeG-Gemeinde, die sich bereits seit Monaten im Dachgeschoss der Evangelischen Bekenntnisschule versammelte (aus Ermangelung eines eigenen Versammlungsraums), nun endlich ein passendes Gebäude gefunden habe im Stadtteil Utbremen, um dies zu kaufen. Die 2000 m² große ehemalige Schuhfabrik, die nur etwa 1,5 km vom Hauptbahnhof entfernt war, sollte ursprünglich 500.000,- € kosten (eigentlich ein Schnäppchen), doch da der alte Besitzer sie nicht los wurde, einigte man sich schließlich auf 350.000, - €. Um die Finanzierung abzusichern, sollten aber auch zwei Gewerbebetriebe im EG einen Teil des großen Gebäudes anmieten. Meine Mutter fragte mich, ob ich nicht einer dieser Mieter werden wolle, und ich sagte sofort zu. Denn seit dem Kauf der Firma Jastrembski im Jahr 2005 hatte ich ja immer noch zwei Werkstätten und zahlte entsprechend zwei Mieten, was gar nicht nötig tat. Also kündigte ich beide und schloss mit Marco van der Velde, dem Pastor der „Christusgemeinde“ einen Mietvertrag für 250 m² Lagerraum, inkl. einem kleinen Büro und einer Toilette für gerade einmal nur 600,- € Miete im Monat. Besser ging´s nicht. Heute kann ich Gott nur danken für dieses Geschenk!

Da wir nach den Feiertagen ohnehin kaum Aufträge hatten, hatte ich meine Lehrlinge Marco Krull, Baris Akcay und Bartosz Lukaszewski, sowie meinen Umschüler Nils Arend beauftragt, die Werkstatt zu renovieren und einzurichten. Die handwerklichen Fähigkeiten von Nils Arend waren mir dabei besonders nützlich, denn er hatte die Regale am Ende fast allein aufgebaut und ihre Aufteilung sehr bedacht konzipiert. Meine Sorge, dass die Werkstatt viel zu groß sei für unseren Bedarf erwies sich am Ende als unbegründet, denn durch die Zusammenlegung der beiden kleinen Werkstätten kam jede Menge an Material und Gerätschaft zusammen. Zum Schluss hatte ich noch die Idee, entlang des geputzten Streifens an der verklinkerten Fassade der Christusgemeinde die Regenbogenfarben in wiederholender Abfolge von einem Ende bis zum anderen aufzumalen, damit jeder Besucher sofort erkennen konnte, dass hier ein Malereibetrieb ansässig sei. Leider hatte ich mir für diese Idee nicht zuvor die Erlaubnis meines Vermieters, des Pastors Marco van der Velde, eingeholt. Als dieser dann am nächsten Tag mein „Kunstwerk“ sah, war er entsetzt und rief mich sofort an. „Simon, wie konntest Du das machen, ohne mich um Erlaubnis zu fragen?!“ – „Entschuldige, aber ich hab’s nicht bös‘ gemeint, sondern wollte Dir damit eine Freude bereiten. So sieht die langweilige Wand doch viel schöner aus, nicht wahr?“ – „Nein, Simon, ich möchte das nicht. Du musst den Streifen wieder weiß übermalen, wie er vorher war, denn sonst denken alle, dass wir ein Schwulenclub sind.“ – „Aber der Regenbogen wird doch auch in der Bibel erwähnt als Bundeszeichen zwischen Gott und den Menschen…“ – „Das mag ja sein, aber heute werden die Farben des Regenbogens nur im Sinne der sexuellen Vielfalt interpretiert.“ – „Ja, aber sollte die Gemeinde des HErrn nicht offen sein für alle Menschen, egal welcher Herkunft? Wenn sich homosexuelle Menschen durch die Regenbogenfarben eingeladen fühlen, in Eure Gemeinde zu kommen, dann ist dies doch eher ein Vorteil…“ – „Nein, Simon, das sehe ich anders. Aber ich bin Dir auch keinerlei Rechenschaft schuldig, denn Du bist nur unser Mieter, und Du hättest uns fragen sollen, bevor Du da Deine künstlerische Kreativität entfaltest!“ Marco gab mir eine Frist von einer Woche, und ich ließ den Streifen wieder weiß malen.

Da meine Mutter den Marco van der Velde wie ihren eigenen Sohn liebte, drängte sie Marco, doch mit mir das Gespräch zu suchen, damit ich wieder zum christlichen Glauben zurückfände. Da ich selbst auch eine große Sehnsucht hatte, mich über meinen Unglauben mit jemandem auszutauschen, nahm ich dieses Gesprächsangebot bereitwillig an. Doch obwohl sich Marco zeitweise bis zu 3 Stunden Zeit nahm, gelang es ihm noch nicht einmal annährend, mich vom Glauben zu überzeugen, sondern im Gegenteil versuchte ich ihn von der Berechtigung meiner Zweifel zu überzeugen. Marco gab es irgendwann auf und verwies mich stattdessen auf Richard Werner (52), den Gemeindeältesten, der Marcos „rechte Hand“ war und auch der Seelsorger meiner Mutter. Richard erwies sich in der Folgezeit als ein Glücksfall, denn mit schonungsloser Offenheit konnte ich mit ihm nicht nur über sehr intime Dinge sprechen, sondern auch er offenbarte mir in einer für mich schockierenden Ehrlichkeit seine eigenen charakterlichen Schwächen. Richard gab mir dadurch immer das Gefühl, dass er immer für mich da sei und ich ihm wirklich alles erzählen konnte, was mich bedrückt. Dass war für mich eine große Hilfe, denn die eigentliche totale Finsternis in meinem Leben und die damit verbundenen Turbulenzen waren noch lange nicht vorbei, sondern hatten gerade erst begonnen…

Beim Ausräumen der alten Werkstatt von Arno Jastrembski entdeckte ich einen alten Karton, der voll war mit Pornoheften. Ich rief Arno an, ob er die noch haben wolle, aber er sagte mir, ich könne die entsorgen. Beim Anblick dieser Hefte wurde ich an die Zeit meiner Jugend erinnert, als ich auf dem Dachboden unseres Hauses damals Pornohefte entdeckte und sie mir heimlich zunutze machte. Doch als ich Christ wurde, verabscheute ich diese dermaßen, dass ich einmal als Lehrling sogar in eine ziemlich unangenehme Situation geriet: Beim Abrücken der Möbel im Haus eines Kunden hatten meine beiden Kollegen hinterm Bett Pornohefte des Kunden entdeckt, die sie mit ausschweifendem Gelächter durchblätterten. Als sie bemerkten, dass ich keinerlei Interesse zeigte, hielt mir der Kollege Werner Holle ein Heft aufgeschlagen vors Gesicht und sagte: „Guck Dir mal diese Titten an, Simon! Das ist doch wirklich geil, nicht wahr!“ – Ich drehte meinen Kopf weg und sagte: „Nein, ich guck mir das nicht an.“ Darauf versuchte er, mir immer wieder das Heft vor die Augen zu halten, aber ich schaute immer wieder weg. Daraufhin sagte Werner: „Das kann ja wohl nicht angehen, dass Poppe sich das nicht anschauen will! Dafür habe ich nur eine einzige Erklärung: Poppe ist schwul!“ – „Nein, das bin ich nicht! Aber ich will das nicht sehen, weil Gott dies verboten hat in Seinem Wort!“ – Darauf sagte Werner: „Ach Poppe, das ist doch etwas ganz Natürliches! Sogar in der Tierwelt gibt es das. Wenn Gott das nicht gewollt hätte, warum hat er dann Menschen und Tiere mit der Lust nach Sex ausgestattet?

Auf diese Frage hatte ich damals keine Antwort. Aber jetzt als Ungläubiger war mir dies ohnehin nicht mehr wichtig. Ich fand es zu schade, die ganzen Hefte einfach wegzuschmeißen und nahm mir heimlich einige mit, die ich unter der Matratze meines Bettes versteckte. Dass ich damit die Sünde Achans aus Josua Kap. 7 wiederholte, war mir in diesem Moment nicht bewusst. Und so geschah es, dass ich jedes Mal, wenn ich onanieren wollte, sie von dort hervorholte. Dies funktionierte über mehrere Wochen – bis eines Tages Ruth die Matratze beim Bettenmachen anhob und die Hefte entdeckte. Dann war das Geschrei groß und Ruth drohte mir, dass sie sich von mir trennen würde, wenn sie solch einen Dreck noch ein einziges Mal finden würde. Ich entschuldigte mich und versprach ihr, dass ich es nie wieder tun würde. Ruth verbrannte die Hefte im Garten, aber die Bilder in meinem Kopf konnte sie nicht zerstören. Zu meinem eigenen Erschrecken stellte ich fest, dass ich nach diesen Bildern süchtig geworden war. Von da an begann ich, mir heimlich im Internet Pornos anzusehen. Der Zugang war überraschend einfach und zudem kostenlos. Einmal jedoch kam Ruth die Treppe hoch und in mein Zimmer. Ich schaltete schnell den Monitor aus, doch Ruth spürte sofort, dass ich etwas zu verbergen hätte, denn mein Herz schlug mir bis zum Hals. Sie fragte, was ich da eben angeschaut hätte, und aus lauter Panik machte ich schnell den Computer aus. Zum Glück beharrte Ruth nicht auf eine Antwort, sondern beließ es dabei.

Durch das beinahe tägliche Konsumieren von Pornographie geriet ich nicht nur in eine teuflische Abhängigkeit, sondern allmählich erlahmte auch unsere eheliche Sexualität. Ruth wunderte sich, dass ich nicht mehr so konnte wie früher, ahnte aber nicht, dass ich mein Pulver bereits verschossen hatte. Ich lebte auf einmal ein Doppelleben, das mir zwar nicht behagte, aber dass ich nicht mehr ändern konnte. Zudem wurde mir auch bewusst, dass mich nicht nur junge Frauen reizten, sondern auch schöne junge Männer. Seit ich als 14-Jähriger mal von einem anderen Jungen in einer Nacht mitten im Schlaf sexuell berührt wurde, war ich in meiner Fantasie dem eigenen Geschlecht nie mehr ganz abgeneigt. Als Christ hatte ich diese Neigung jedoch mit Gottes Hilfe überwinden können. Doch jetzt musste ich mir eingestehen, dass dieses bisexuelle Verlangen zurückgekehrt war, da ich mich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlte. Am liebsten hätte ich meiner Frau das bekannt, aber sie hatte jedes Mal schon so empört reagiert, wenn ich ihr die Homosexualität als etwas Natürliches erklärt hatte, so dass ich mir das nicht traute. Auch mit Richard wollte ich nicht darüber sprechen, weil ich Angst hatte, dass ich in seiner Gunst fallen könnte. Deshalb bat ich eines Tages den Prediger unserer Gemeinde, der „Gemeinde Gottes“, den Deutschbrasilianer Norberto Hort, um ein seelsorgerliches Gespräch. Ich bekannte Norberto unverhohlen, dass ich in Wirklichkeit kein Christ sei und dass ich heimlich bisexuell empfände. Norberto lächelte nur phlegmatisch und sagte, dass er damit kein Problem habe und dass ich auch weiterhin herzlich willkommen sei in seiner Gemeinde. Ich war etwas überrascht über seine gleichgültige Haltung, aber war froh, dass ich es jetzt wenigstens einem Menschen gegenüber bekannt hatte.


Der Fall Haferkamp (Teil 2)

Seit der katastrophalen Reklamation unserer Wärmedämmarbeiten an einem Mehrfamilienhaus im Jahr 2004, waren ja inzwischen schon viele Gerichtstermine und Begutachtungen geschehen durch die Gutachter der beiden Streitparteien. Nun aber hatte der Kunde Haferkamp bei Gericht ein selbstständiges Beweissicherungsverfahrens beantragt, und zu diesem Zweck hatte das Gericht den Bausachverständigen Thomas Toussaint bestellt. Mein eigener Gutachter, der Malermeister Harmsen, rief mich abends an und sagte: „Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Poppe; mit dem Thomas Toussaint bin ich gut bekannt – der wird Sie nicht hängen lassen. Solche Sachen muss man einfach ein wenig deichseln, wissen Sie…“ Nach dem Telefonat schaute ich erst mal im Wörterbuch nach, was das Wort „deichseln“ bedeutet: „hinbiegen, schaukeln, bewerkstelligen, durchboxen, in den Griff bekommen“. Was meint er damit? Will er andeuten, dass ich Herrn Toussaint bestechen soll? Oder redete ich mir das nur ein? Vielleicht hatten die sich ja abgesprochen und Harmsen sollte mir einen unverfänglichen Wink geben? Aber was wäre, wenn ich mich irre? Wie peinlich wäre das! Aber warum sagt er mir, dass „man so etwas deichseln müsse“? Was könnte er sonst damit angedeutet haben? Bin ich schwer von Kapee? Oder ging meine Fantasie gerade wieder mit mir durch? Besser ich gebe mich einfältig, auch wenn ich dadurch eine Chance verpasse, dachte ich, denn dann gehe ich wenigstens kein Risiko ein.

Herr Toussaint hatte zunächst eine genauestens festgelegte Überprüfung unserer Dämmarbeiten angeordnet, die bereits im Jahr 2007 vorgenommen wurde durch die MPA (Materialprüfungsanstalt), um die Haftzugfestigkeit des Putzklebers zu überprüfen. Nun aber wurde beschlossen, dass wir den fehlenden Brandschutz vorne und hinten nachträglich einbauen, sowie sämtlich Hausecken und Fensterleibungen begradigen sollten mit neuen Eckschutzschienen, bevor wir die gesamte Fläche neu verdübeln und neu armieren. Zum Schluss waren die 700 m² noch neu zu verputzen mit Silikonharzkratzputz und die Flächen zu streichen. Die Kosten hierfür lagen bei rund 10.000, - €, die ich gar nicht hatte. Ich sprach mit meinem Lieferanten Brillux, ob sie mir die Bezahlung der benötigten Materialien um ein paar Monate zurückstellen könnten bis ich wieder liquide sei. Sie willigten ein unter der Bedingung, dass ich von nun an ihr einziger Lieferant werden solle, was ich versprach. Sie boten sogar an, dass sie dieses Projekt durch zwei Dämmexperten ihrer Firma beratend begleiten würden, damit nichts mehr schiefgehen könne, was ich dankbar annahm.

So wurde das gesamte Gebäude hinten und vorne noch einmal eingerüstet, und wir begannen mit den Arbeiten. Doch schon nach einer Woche trafen sich der Gutachter mit dem Bauherrn und meinen beiden Brillux-Betreuern zu einer erneuten Begutachtung auf dem Gerüst, weil der Kunde wieder einiges zu bemängeln hatte. Die Brillux-Experten riefen mich zur Seite und flüsterten mir zu: „Herr Poppe, bei aller Liebe, aber wenn das so weitergeht, dann wird das hier eine Endlosnummer, und Sie kommen aus dieser Nummer nicht mehr heil raus. Wir raten Ihnen deshalb dringend: Lassen Sie die Nacharbeit nicht länger Ihre Leute machen, denn SIE KÖNNEN ES NICHT! Wir kennen eine kurdische Firma, die Ihnen das hier zu einem günstigen Preis fertig machen kann, denn das sind echte Profis. Die sind sozusagen schon mit der Glättekelle auf die Welt gekommen. Lassen Sie ihre Leute lieber woanders arbeiten und Ihr Geld verdienen, denn um den Karren aus dem Graben zu ziehen, müssen hier jetzt richtige Profis ran!“ Ich nahm diesen Vorschlag sofort dankbar an, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie ich diese hätte bezahlen können. Ich einigte mich mit der Firma auf 5000,-€ und dachte: „Der Kunde wird mir ja am Ende meine 13.7000, - € bezahlen, die noch offen sind, und damit kann ich dann auch die Kurden bezahlen.“

Doch noch bevor die Kurdenfirma loslegen konnte, verlangte der Kunde von mir einen Kostenvorschuss von etwa 11.000, - €, da ich ihm die ganzen Anwalts- und Gutachterkosten erstatten sollte, die er bis dahin auslegen musste. Ich war dazu nicht bereit, weshalb er mir am Telefon mit einer Klage drohte. Daraufhin sah ich mich genötigt, ihm reinen Wein einzuschenken: „Herr Haferkamp, es ist nicht unbedingt so, dass ich nicht will, sondern ICH KANN NICHT, da ich faktisch jetzt schon bankrott bin.“ – „Aber Sie haben doch ein Haus, auf dass Sie eine Hypothek nehmen können für einen Bankkredit.“ – „Das Haus gehört meiner Frau, und ich habe bereits 25.000, - € Schulden bei der Bank, so dass ich keinen weiteren Kredit mehr erhalte.“ – „Na ja, Herr Poppe, das werden wir noch sehen, ob Sie wirklich insolvent sind! Ich bekomme mein Geld am Ende so oder so, spätestens nach 30 Jahren!“ – „Da wäre ich mir nicht so sicher“, sagte ich. „Und warum nicht?“ fragte Herr Haferkamp. „Weil ich vorhabe, demnächst das Land zu verlassen, um nach Südamerika auszuwandern!“ bluffte ich. „Ich habe dort seit 15 Jahren ein Landhaus mit großem Grundstück, wo wir neu anfangen können. Wir werden das Haus meiner Frau verkaufen und können von dem Erlös dort ein gutes Leben führen. Ich werde Sie mit Ihren ganzen Forderungen zurücklassen, und dann werden Sie allein sehen müssen, wie Sie klarkommen!“ Herr Haferkamp schnappte nach Luft: „Das werde ich nicht zulassen, Herr Poppe. Sie wissen nämlich nicht, dass ich gute Kontakte zur russischen Mafia habe, und dann ist es für Sie nicht gerade ein Vorteil, dass Sie eine kleine Tochter haben!

Was sagt er da?! fragte ich mich. Hat er gerade allen Ernstes versucht, meine Familie zu bedrohen?! Er will meiner Tochter etwas antun, wenn ich nicht zahle? Er hat mich bedroht! Und ausgerecht er, der doch selbst Anwalt ist! Ich rief die Polizei an und erzählte dort kurz, was passiert war. Der Polizist fragte: „Fühlen Sie sich denn wirklich bedroht?“ – „An sich schon.“ erwiderte ich. – „Aber für eine Strafanzeige reicht das noch nicht, denn er würde das sofort abstreiten. Sie brauchen dafür einen Zeugen. Nehmen Sie doch einfach mal so ein Telefonat auf Band auf und bitten ihn, dass er nochmal sagen soll, was er vorhat, wenn Sie nicht zahlen.“ Ich tat es und versuchte – während das Aufnahmegerät lief – dem Herrn Haferkamp noch einmal diese Drohung zu entlocken. Aber dieser roch scheinbar die Lunte und erklärte mir, dass ich ihn da ganz missverstanden hätte („Ich hatte lediglich gesagt, dass ich eine russische Inkassofirma kenne, die in der Vergangenheit schon erfolgreich Forderungen eingetrieben hat. Selbstverständlich mit legalen Mitteln. Und für ihre Tochter sei das doch sicher auch nicht angenehm, wenn sie durch eine Auswanderung all ihre Freundinnen in Deutschland zurücklassen müsste, so habe ich das gemeint“). Herr Haferkamp hatte sich noch einmal herausgewunden aus der Affäre.

Mir war klar, dass ich faktisch pleite war und mir die ganzen Nachbesserung-, Anwalts- und Gutachterkosten gar nicht mehr leisten konnte. Ich musste jetzt die Insolvenz anmelden und wieder irgendwo als angestellter Maler arbeiten, bis ich nach sieben Jahren eine Restschuldbefreiung bekäme. Ich las abends in einem Buch über Insolvenzrecht und überlegte mir die nächsten Schritte. Das Gefühl, endlich aus diesem ganzen Schlamassel herauszukommen, beflügelte mich und ließ mich wieder atmen. Endlich würde ich frei sein von all diesem „Tanz uns Goldene Kalb“. Ich konnte ja nachts schon kaum mehr schlafen wegen all der Probleme. Aber was sollte aus meiner Familie und all den Mitarbeitern werden, die ich nun entlassen müsste? Und wie würden wir das Haus weiter abbezahlen können? Außerdem stimmte es ja wirklich, dass Rebekka (12) ja noch zur Schule ging und hier in Habenhausen ihren Freundeskreis hatte. Deshalb war an einen Verkauf des Hauses im Moment gar nicht zu denken. Aber Ruths Selbstständigkeit als Hundephysiotherapeutin warf bisher noch keinen Gewinn ab, weil sie ja erst gerade damit angefangen hatte. Und wer weiß, ob ich so schnell irgendeine gut bezahlte Anstellung finden würde? Und selbst wenn, würde mir ja ein Großteil meines Lohnes gleich wieder zur Schuldentilgung abgezogen werden. Und wie sollte ich dann das Haus weiter finanzieren können? – Nein, so leid es mir tat, aber ich musste Verantwortung übernehmen für meine Familie und durfte mich nicht feige aus der Affäre stehlen, in die ich mich selbst hineinmanövriert hatte. Ich musste einen letzten Versuch unternehmen, meine Firma zu retten, auch wenn es noch so hart wäre, denn die Alternative war noch viel schlimmer! Augen zu und durch!

Um einen weiteren teuren Gerichtsstreit zu vermeiden, versuchte ich, mich mit dem Kunden Herrn Haferkamp außergerichtlich zu einigen. Ich bot ihm an, dass ich sogar die strittigen und aus meiner Sicht völlig unberechtigten Kosten des dilettantischen Gutachtens von Herrn Stoiber in Höhe von 3.581,33 € nebst einigen anderen unberechtigten Geldforderungenübernehmen würde, wenn Haferkamp mir im Gegenzug einen Zahlungsaufschub bis zum 21.09.2008 gewährte und auch die Frist für die Nacharbeit noch bis zum 20.08.08 verlängern würde, denn bis dahin könnten wir es schaffen. Herr Haferkamp sah ein, dass er sich selbst keinen Gefallen tun würde, wenn er mir die Luft zum Atmen raube und willigte deshalb in diese Vereinbarung mit mir ein. Ich hatte jedoch am Ende eine Klausel eingebaut, die meine Zugeständnisse an die Bedingung eines endgültigen Verzichts auf eine gerichtliche Auseinandersetzung band, ohne dass Herr Haferkamp dies auf den ersten Blick bemerkte:

Sollte eine der beiden Parteien ihren Verpflichtungen nicht, nicht vollständig und/oder nicht termingerecht nachkommen, ist diese Vereinbarung hinfällig geworden. In diesem Fall wird auch der Anspruch auf Erstattung des Betrages von 6.589,01 € sofort zur Zahlung fällig“ (*)

(* d.h. das, was ich Herrn Haferkamp in jedem Falle an Gerichtskosten etc. schuldig war)

Diese Klausel war ja so formuliert, als wäre sie zu meinem Nachteil. In Wirklichkeit überlas man dabei schnell den Nebensatz „…ist diese Vereinbarung hinfällig geworden“. Im Klartext bedeutete dies aber, dass bei einer behaupteten Nichterfüllung der Nacharbeiten, ich auch nicht mehr an meine Zugeständnisse gebunden wäre, ihm neben den berechtigten 6.589,01 € auch noch die aus meiner Sicht unberechtigten 7.126,05 € zu zahlen, hatte aber dadurch insgeheim Zeit gewonnen. Es kam dann, wie ich es schon vermutet hatte, dass Herr Haferkamp nach Abschluss der Arbeiten Ende 2008 die Abnahme verweigerte und weitere 3.000, - € von mir forderte. Da er meine Vereinbarung ein Jahr zuvor jedoch unterschrieben hatte, erinnerte ich ihn in einem Schreiben daran, was für Folgen das haben würde, wenn er nicht endlich Ruhe gäbe: „Wenn Sie mir nun eine gerichtliche Auseinandersetzung androhen, gefährden Sie selbst diese Zugeständnisse, denn diese waren ja schließlich an die Bedingung geknüpft, dass beide Parteien ihren Verpflichtungen vollständig und termingerecht nachkommen. Eine Klage aber würde bedeuten, dass sie selbst diese Gültigkeitsvoraussetzung unserer Vereinbarung in Frage stellen, indem Sie mir ja vorwerfen, ich wäre meinen Verpflichtungen nicht nachgekommen, weil ich Ihnen z.B. die 3.000, - € nicht zugestehe. Dadurch aber würde die ganze Vereinbarung hinfällig und ich könnte von Ihnen noch die 7.126,05 € verlangen…“ Als Herr Haferkamp merkte, dass ich ihn ausgetrickst hatte, gab er endlich auf, mich weiter zu bedrängen. Ich konnte seine Kostenforderung von 13.715,06 € mit meiner restlichen Werklohnforderung von 13.773,11 € verrechnen, so dass ich ihm am Ende nichts mehr schuldig blieb. Auch die kurdische Firma konnte ich am Ende bezahlen, sowie alle Materialkosten, indem ich durch eine sog. „Ansparabschreibung“ mir eine Steuererstattung für zukünftige Investitionen vom Finanzamt auszahlen ließ, wie mir mein Steuerberater als legalen Trick verriet (die ich jedoch im Jahr 2010 zurückerstatten musste).


Elisabeth Fritzl

Wer kann sich noch an Elisabeth Fritzl (*1966) erinnern? Heute redet ja kaum einer mehr von ihr. Viele haben sogar noch nie ihren Namen gehört. Aber das, was ihr angetan wurde, ist schlimmer als Mord oder irgendein anderes grausameres Verbrechen, und gerade deshalb sollte es nicht einfach vergessen werden. Die Österreicherin wurde mit 18 Jahren entführt und dann 24 Jahre lang in einem winzigen Kellerverlies gefangen gehalten und immer wieder vergewaltigt, über 3000 Mal, und zwar von ihrem eigenen Vater! Er zeugte mit ihr 7 Kinder, die z.T. ihr ganzes Leben lang nur in diesem 18,64 m² großen Kellerraum ohne Fenster und frische Luft gelebt haben, bis sie am 19.04.2008 zum ersten Mal bei ihrer Befreiung das Tageslicht erblickten. Während die Befreiung von Natascha Kampusch (18) im Jahr 2006 nach 8 Jahre langer Entführung und regelmäßiger Vergewaltigung durch den Psychopathen Wolfgang Priklopil noch über Jahre im kollektiven Gedächtnis der Welt blieb und sogar durch ein Buch und einen Kinofilm einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, geriet der weitaus monströsere Fall des anderen Psychopathen aus Österreich, Josef Fritzl (73) aus Amstetten, inzwischen fast schon in Vergessenheit. Deshalb will ich für die, die den Fall kaum oder gar nicht kennen, kurz an ihr Schicksal erinnern:

Elisabeth wurde bereits im Alter von 11 Jahren das erste Mal von ihrem Vater vergewaltigt. Josef Fritzl selbst war während des zweiten Weltkriegs vaterlos aufgewachsen bei seiner autoritären Mutter. Da er der einzige „Mann im Haus“ war, musste er schon früh die Rolle des Vaters übernehmen, da seine Mutter dies so verlangte. Kein Wunder also, dass auch er später seine Tochter als frei verfügbaren Besitz ansah, mit der er machen konnte, was er wollte. Als Elisabeth mit 16 Jahren von zuhause floh, wurde sie in Wien von Polizisten aufgegriffen und wieder nach Haus gebracht. Von da an beschloss ihr Vater, ein Kellerverlies zu bauen, damit er seine Tochter immer für sich haben konnte als Sexsklavin. Als sie 18 Jahre wurde, lockte er sie unter dem Vorwand, ihm beim Tragen einer Tür zu helfen, hinunter in den Keller und betäubte sie. Dann band er sie an einen Metallpfosten. Der Strick war gerade nur so lang, dass sie das eigens für sie installierte Klo erreichen konnte. Er versorgte sie mit Lebensmitteln und Kleidung, aber vergewaltigte sie täglich, ohne dabei ein Kondom zu verwenden. Wenn sie ihm nicht gehorchte, stellte er ihr den Strom ab, so dass sie stundenlang völlig im Dunkeln war. Sie zeugte mit ihm sieben Kinder durch Inzest, die sie allein austragen musste. Als es im Keller zu eng wurde, legte Josef Fritzl eines der Mädchen vor die Wohnungstür ab mit einem Brief von Elisabeth, dass sie angeblich nun einer Sekte angehöre und die Eltern bitte, für das Kind zu sorgen. Ihre Mutter Rosemarie glaubt ihr die Geschichte. Später brachte er noch zwei weitere Kinder nach oben unter dem gleichen Vorwand.

1996 bekam Elisabeth Zwillinge, doch der eine Junge erkrankte schwer an Atemnot, so dass er starb. Seine Leiche verbrannte der Vater im Heizofen. Die drei anderen Kinder wuchsen weiter im Kellerverlies auf, in welchem es streng nach Schimmel roch, da es nur einen einzigen Entlüftungsschacht gab. Wie ihre Mutter wurden ihre Haut und Haare allmählich ganz weiß, da sie nie in Kontakt mit Sonnenlicht kamen. Fritzl besorgte ihnen einen Fernseher, so dass sie von einer Welt erfahren, die sie nie real sehen sollten. Jedes Jahr flog Fritzl für einen ganzen Monat nach Thailand, um sich dort zu amüsieren, während seine Kinder bzw. Enkelkinder ein unvorstellbares Martyrium durchmachten. Ob seine Frau Rosemarie eingeweiht war in den makabren Lebensstil ihres Mannes, darf bezweifelt werden. Auch von den Mietern der Ybbsstr. 40 ahnte niemand, was für ein perverses Doppelleben ihr Vermieter spielte. Elisabeth hatte sich längst mit ihrem Schicksal abgefunden, dass sie nie wieder herauskommen würde. Doch als ihre älteste Tochter Kerstin 19 J. wird, erkrankt sie so schwer, dass Elisabeth ihren Vater anflehte, sie ins Krankenhaus zu bringen. Er rief darauf am Samstag, den 19.04.08 früh morgens den Rettungsdienst. Kerstin hatte schwere Krämpfe, war völlig abgemagert und hatte das Bewusstsein verloren. Die Erstversorger wunderten sich, dass ihre Haut völlig fahl sei ohne Pigment. Leber und Niere funktionierten nicht mehr richtig, der Mund war voller Blut, und die Ärzte wussten sich keinen Rat.

Josef Fritzl (73) gab sich als ahnungsloser Großvater und wiederholte das Märchen von der Tochter, die ihre Kinder immer vor der Tür abliefert, da sie einer Sekte angehöre. Ein untersuchender Arzt wurde  misstrauisch. Man müsse dringend mit der Mutter des Mädchens sprechen, um ihr Leben retten zu können. Es wurde sofort ein Aufruf gemacht über den lokalen Funk und Fernsehen, dass sich die Mutter des Mädchens doch dringend melden möge, um die Umstände des Zustands ihrer Tochter aufzuklären. Das bekam Elisabeth mit und flehte ihren Vater unter Tränen an, sie zu ihrer Tochter ins Krankenhaus zu bringen. Der Vater willigte ein, aber beschwor sie, an der Version mit der Sekte festzuhalten. Nach 8.516 Tagen Gefangenschaft durfte Elisabeth zum ersten Mal ihr Kellerverlies verlassen. Zunächst trug Elisabeth im Krankenhaus auch die auswendig gelernte Sektenversion ihres Vaters vor, doch dann brach auf einmal das ganze Lügengebäude in sich zusammen. Josef Frizl wurde verhaftet und die anderen drei Kinder aus ihrem Verlies befreit. Bei seiner ersten Vernehmung durch die Polizei sagte Frizl: „Ich habe nur das Beste gewollt für meine Tochter, damit sie nicht von der Welt verdorben wird. Ich bin kein Monster, denn ich hätte ich sie ja auch alle töten können; dann wäre nichts gewesen, und ich säße jetzt nicht hier. Niemand wäre je draufgekommen, auch nicht die leichtgläubigen österreichischen Behörden. Ohne mich würde Kerstin gar nicht mehr leben, denn ich habe ja dafür gesorgt, dass sie ins Spital kommt.“ Doch zwei Jahre später vertraute er einem 19-jährigen Zelleninsassen im Gefängnis von St. Pölten an, dass er eigentlich vorhatte, seine Tochter und Enkelkinder zu töten, da er sich „zu alt für ein Doppelleben fühlte“. Er stand vor der Wahl, entweder seine Tochter und deren drei ihrer sieben Kinder freizulassen und sich der Justiz zu stellen oder sie alle zu töten. Frizl hatte sich schließlich für die Ermordung der vier entschieden. Die Leichen wollte er in Säure auflösen, um alle Spuren zu verwischen. Er habe die Tat bereits detailliert geplant, berichtete eine englische Tageszeitung später.

 

Juli bis Dezember 2008

Vom Zweifler zum Gottesleugner

An einem Sonntag im Sommer 2008 predigte unser Pastor über das Gleichnis vom Säemann in Matth. 13. Ich dachte bei mir: „Welcher Bauer würde wohl sein wertvolles Saatgut einfach achtlos auf einen Weg oder auf Steine oder gar auf ein Unkrautfeld werfen? Das macht doch keiner! Und wenn einer das trotzdem täte, dann wäre er doch selbst schuld daran, dass auf solchen Untergründen nichts wachsen kann. Die Christen sollten sich doch mal ernsthaft fragen: Könnte man Gott wirklich unterstellen, dass Er so etwas Unsinniges tun würde? Ein vernünftiger Bauer würde sein Feld doch erst mal von Steinen und Unkraut befreien, es umpflügen, bewässern und düngen. Und genauso müsste doch der Schöpfer des Universums erst einmal alle Hinderungsgründe zum Wachsen beseitigen und es nicht dem Zufall überlassen, ob seine Botschaft angenommen wird, wo sie doch angeblich so heilsnotwendig ist. Wenn er aber tatsächlich so verschwenderisch mit seinem Saatgut umgeht, dann wäre es doch erst recht absurd, wenn er dem Untergrund die Schuld dafür geben würde, dass die Saat nicht richtig aufgeht. Kann der Boden sich etwa selbst kultivieren? Aber genau das wird doch hier behauptet, dass nämlich die Menschen einmal dafür zur Rechenschaft gezogen werden sollen dafür, dass sie so geblieben sind, wie Gott sie geschaffen hat. Sie sollen für alle Ewigkeit dafür in der Hölle gequält werden, dass sie eine völlig unglaubwürdige Botschaft nicht geglaubt haben! So ein Schwachsinn!“ dachte ich.

Norberto hatte mal in einer anderen Predigt gesagt: „Ich würde selbst meinem schlimmsten Feind diese Strafe nicht wünschen“. Aber dem Gott der Liebe traut er also diese Bosheit zu? Warum sind die Christen nur bereit, solche unverdaulichen Kröten zu schlucken? Warum drücken sie beide Augen zu und weigern sich, ihr Glaubenskonstrukt auch nur mal einen Moment kritisch zu hinterfragen? Ich wollte es wissen und schrieb dem Norberto am Sonntagnachmittag einen Brief:

Lieber Norberto, Du wirst Dich sicherlich sehr wundern, dass ich Dir schreibe, anstatt dass ich es Dir mündlich sage. Nun, manche Gedanken kann ich ehrlich gesagt besser formulieren, wenn ich es schriftlich tue, weil mir dann zum Nachdenken mehr Zeit bleibt. […] Du hast heute u.a. über Joh.3:16 gesprochen, wo es bekanntlich heißt: „Also (wörtl. Auf diese Weise, derart, folgendermaßen) hat Gott die Welt geliebt…“ Mit anderen Worten: Er hat sie NICHT EINFACH SO bedingungslos geliebt, sondern Er stellt eine Bedingung, nämlich den Glauben daran, „dass Er Seinen eingeborenen Sohn gab…“ Tatsächlich? Aber wer konnte das von Gott verlangen? Wer konnte dies Gott zur Bedingung stellen? Wenn Gott doch selbst alle Macht hat, wer konnte dann solch ein Opfer von Ihm einfordern? Und wem dies nicht gelingt zu glauben, die kann Gott angeblich nicht mehr lieben? Gott schafft es nicht mehr, sie auch noch zu erretten? Welch ein Armutszeugnis, das Gott hier von den Autoren der Bibel ausgestellt wird! Und Gott findet sich scheinbar damit ab, dass die Mehrzahl Seiner Geschöpfe für immer verloren geht, obwohl Er sie doch angeblich alle erretten will, aber nicht in der Lage dazu ist.

Ob die Bibel wirklich Gottes Wort ist, muss sich an ihrer Glaubwürdigkeit beweisen. Machen wir uns nicht schuldig, wenn wir etwas glauben wollen, was doch eigentlich unglaubwürdig ist? Als man vor kurzem in Österreich eine Frau mit drei von ihren sieben Kindern aus einem geheimen Kellerverlies befreite, wo sie 24 Jahre lang von ihrem eigenen Vater gefangen gehalten und tausende Male von ihm vergewaltigt wurde, da fragte man ihn, wie er ihr das antun konnte. Seine Antwort lautete: „Ich habe meine Tochter geliebt und wollte sie vor dem Bösen bewahren. Wenn ich sie nicht geliebt hätte, dann hätte ich sie ja auch töten können und niemand hätte es bemerkt.“ Diese ungeheuerliche Logik finden wir aber auch in Joh.3:16. Obwohl es eigentlich selbstverständlich sein sollte, dass Gott Seine Geschöpfe liebt und vor Schaden bewahrt, ist Er angeblich erst dann dazu bereit, wenn sie auch Seine Bedingungen erfüllen; andernfalls aber räumt Er sich das Recht ein, sie quälen oder töten zu dürfen. Wenn man bedenkt, dass Gott ja selbst die ewige Verdammnis geschaffen hat, dann ist das Rettungsangebot Gottes doch mindestens genauso zynisch wie die von Joseph Fritzl beteuerte Liebe zu seiner Tochter Elisabeth. […] Vielleicht kannst Du deshalb auch verstehen, dass es mir immer schwerer fällt, an den Gottesdiensten teilzunehmen, da ich die Lehre der Bibel nicht für das Wort Gottes halte, sondern für eine von Menschen erdachte Irrlehre. Es hat also wirklich nichts mit Euch zu tun, denn ich habe Euch alle wirklich sehr liebgewonnen, aber ich kann mein Gewissen nicht ständig unterdrücken und mich zum Schweigen zwingen, wo ich doch eigentlich Farbe bekennen sollte…“

Ich hatte mich also entschieden, nicht mehr am Gottesdienst teilzunehmen. Die Zeit der Heuchelei und Schauspielerei sollte jetzt vorbei sein. Lange genug hatte ich auf andere Rücksicht genommen, jetzt sollten auch sie mal auf mich Rücksicht nehmen. Es ist doch eine Zumutung, von mir zu erwarten, dass ich mir Woche für Woche eine Predigt anhören sollte, bei der ich fast das Kotzen bekäme. Das wäre so, als würde man zu einer Veranstaltung von Neonazis hingehen, wo ständig nur Lobhudelei auf das Deutschtum gepredigt wird, während man alle anderen Völker zum Teufel jagt. Ich hatte zwar schon die letzten 6 Jahre nicht mehr an die Existenz des biblischen Gottes geglaubt, aber die Zeit war gekommen, dass ich diesen unerträglichen Glauben bekämpfen musste. Ich hatte mir in den letzten drei Jahren schon einiges an „Munition“ besorgt aus Büchern gegen den christlichen Glauben, z.B. Richard Dawkins „Der Gotteswahn“ oder Franz Buggles „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“. Jetzt wollte ich offen den Kampf gegen das Christentum antreten. Ich sah mich schon als großen Aufklärer, und freute mich bei der Vorstellung, dass ich mit all meinem Wissen nun eine nützliche Aufgabe erfüllen könnte. Es war nun nicht mehr alles umsonst, was ich erlitten hatte, sondern ich konnte von jetzt an andere warnen als Kronzeuge, damit sie nicht den gleichen unheilvollen Weg beschreiten würden. So wie ich früher für das Evangelium missioniert hatte, wollte ich jetzt vor dem Evangelium warnen.

Doch dazu brauchte ich Verbündete. Im Internet wurde ich auf eine Institution aufmerksam, die sich Giordano-Bruno-Stiftung nennt. Deren Hauptredner Michael Schmidt-Salomon, der etwa in meinem Alter ist, war damals ständiger Gast in TV-Talkshows, wo er sich mit Kirchenvertretern einen verbalen Schlagabtausch lieferte. Ich schaute mir diese Sendungen an wie einen spannenden Boxkampf und jubelte jedes Mal innerlich, wenn Schmidt-Salomon seinen Gegnern mal wieder einen ordentlichen Seitenhieb verpasst hatte, z.B. mit dem Satz: „Die Menschenrechte sind nicht durch die Kirche in die Welt gekommen, sondern sind im Gegenteil gegen den enormen Widerstand der Kirchen errungen worden infolge der Aufklärung“. Auch nahm ich Kontakt auf zum „Verband der Freidenker und Konfessionslosen“ in Bremen und besuchte deren Chefin Ursula Leitzow (60). Ich erzählte ihr von meinem Werdegang, und sie lud mich zu einem Treffen ihres Vereins ein, um auch mal die anderen kennenzulernen. Zu meiner Überraschung kamen bei diesem Treffen gerade einmal nur 6 Personen zusammen. Ursel sagte damals zu mir: „Das liegt in der Natur der Sache: niemand hat Lust, sich als Atheist durch etwas zu identifizieren, woran er NICHT glaubt, sondern lieber durch etwas, an WAS er glaubt. Außerdem sind Freidenker sehr individuell und lassen sich deshalb kaum für ein gesellschaftliches Anliegen begeistern, weil sich ihr Leben eher um ihre eigenen Bedürfnisse dreht.“

In der kleinen Runde im Nebenraum eines Hotels ging es zunächst um den Wunsch, in der Innenstadt in regelmäßigen Abständen durch einen eigenen Büchertisch präsent zu sein – ähnlich wie es die Christen tun – um dadurch für eine bessere Trennung von Kirche und Staat zu werben. Um nicht den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei den Konfessionslosen um eine finstere Macht handelt, die die Welt in einen gottlosen Staat umstürzen wollen, schlug einer der Teilnehmer vor, man könne ein großes Plakat aufstellen mit dem Spruch: „Bei uns geht es mit rechten Dingen zu“. Ich fand den Spruch jedoch ziemlich blöd und sagte: „Das könnte man so verstehen, als wenn wir Rechtsradikale wären. Was haltet Ihr von dem Spruch: ‚Glaubst du noch oder lachst du schon?‘“ Da reagierten aber alle empört drüber und sagten: „Nein, auf keinen Fall! Wir wollen die religiösen Menschen doch gewinnen und nicht abschrecken!“ Ich dachte: „Nanu, diese Argumentation kommt mir doch bekannt vor… Aber erstaunlich, dass ich denen hier sogar schon zu radikal bin!“ Doch noch überraschter war ich dann, als zwei von ihnen berichteten von einem Besuch bei Pastor Helmut Langel. Dieser hatte sich ihnen klar als überzeugter Atheist geoutet, weshalb das 4-stündige Gespräch in einer sehr entspannten Atmosphäre verlief. Doch am Ende fragten sie ihn: „Sag mal, Helmut: Du bist genauso gottlos wie wir und denkst in allen Dingen exakt genauso wie wir; aber umso weniger können wir verstehen, warum Du noch bei diesem Sauhaufen Kirche mitmachst, anstatt auszutreten und Dich uns anzuschließen.“ Daraufhin soll Pastor Langel gesagt haben: „Weil ich in der Kirche mehr bewirken kann, als außerhalb der Kirche…“

Auch dieser Satz kam mir gut bekannt vor, denn er wurde ja auch von gläubigen Pastoren verwendet, um zu begründen, warum sie nicht die „Hure Babylon“ (Staatskirche) verlassen wollten. So wie diese hofften, dass sich durch ihre Mitgliedschaft noch das Evangelium ausbreiten könnte innerhalb der Kirche, so hofften die gottlosen Pastoren wie Langel, dass sich durch sie der Atheismus noch weiter ausbreiten könne, wenn sie nur in der Kirche blieben. Überhaupt gab es doch viele Gemeinsamkeiten zwischen engagierten Christen und engagierten Atheisten, denn beide sind Überzeugungstäter und beide hatten die Kirche als Feindbild, wenn auch aus entgegengesetzten Gründen. Mir aber waren die Atheisten zu langweilig und bieder. Sie hatten auch gar nichts gegen die Christen, sondern nur gegen die Kirche, und zwar wegen der Benachteiligung, da sie neidisch waren auf die staatliche Förderung durch Kirchensteuern, während sie selbst nichts bekamen. Ich wiederum hatte überhaupt nichts gegen die Kirche, sondern nur etwas gegen das Christentum. Man musste das Übel an der Wurzel packen. Aber dazu waren mir die Konfessionslosen zu harmlos, weshalb ich mir radikalere Christentums-Gegner suchen musste. Da erinnerte ich mich wieder an die Freimaurer, zu denen ich ja schon mal vor Jahren Kontakt aufnahm, als ich mich gerade vom Glauben abgewandt hatte. Ich rief also meinen damaligen Freund Carl-Ernst an und wir trafen uns regelmäßig. Ich erzählte ihm, dass meine Frau Ruth inzwischen mitbekommen hatte, dass ich überhaupt nicht mehr an Gott glauben würde, denn sie hatte Telefonate mitgehört, in welchen ich mich aufs Lästerlichste über Gott und die Bibel ausgelassen hatte. Carl-Ernst warnte mich, dass ich eine „wandelnde Zeitbombe“ sei und dass ich sofort aufhören müsse mit meinem Hass auf das Christentum, da ich sonst den Erhalt meiner Familie gefährden würde. Tatsächlich hatte Ruth mir schon des Öfteren angedroht, dass sie sich von mir scheiden lassen würde.


Die Weltwirtschaftskrise und der falsche Messias

Doch nicht nur in meiner Ehe gab es allmählich erste Risse und ein drohendes Scheitern, sondern auch die Weltwirtschaft geriet 2008 in erhebliche Turbulenzen. Nachdem mehrere Banken und Versicherungsunternehmen der USA schon in Konkurs gegangen waren wegen der faulen Immobilienkredite, drohte nun die „Kernschmelze“ durch eine fatale Kettenreaktion auf dem gesamten Globus. An einem Wochenende Mitte September schlugen die Banken Deutschlands Alarm, weil die Hongkonger Börse am Freitag so tief ins Minus gerutscht war, dass die Wahrscheinlichkeit eines gigantischen Ausverkaufs an den Börsen eine Panik auslösen würde unter sämtlichen Bankkunden Deutschlands und der Welt, indem alle gleichzeitig ihre Ersparnisse von ihren Konten räumen könnten. Die Bankiers forderten von Finanzminister Peer Steinbrück eine Schuldenübernahme der Hypo-Real-Estate-Bank und eine sofortige Generalbürgschaft des Staates für alle Sparguthaben bei allen deutschen Banken, das spätestens Sonntagabend über die Medien veröffentlicht werden sollte, um die Märkte weltweit wieder zu beruhigen. Steinbrück war jedoch wegen einer Urlaubsreise zunächst unauffindbar, so dass die Welt für mehrere Stunden am Abgrund stand, ohne dass dies überhaupt den meisten bewusst war. Ähnlich wie bei der Kuba-Krise im November 1962, als die Welt wegen eines drohenden Atomkrieges den Atem anhielt und im letzten Moment ein Einlenken des sowjetischen Präsidenten Chruschtschow den 3. Weltkrieg verhinderte, so stellten sich im September 2008 Merkel und Steinbrück in einer Pressekonferenz an jenem Sonntagabend vor die Kameras und verkündigten im letzten Moment, dass der deutsche Staat für alle privaten Sparguthaben bürgen würde und es deshalb keinen Grund zur Panik gäbe. In den Wochen danach beruhigten sich die Märkte und das Unheil war abgewendet.

Doch das eigentliche Problem, dass sich nämlich die Investmentbanken über Jahre der Weltwirtschaft bedient haben, um mit „billigem Geld“ wie in einem Spielcasino horrende Renditen zu erzielen und jetzt in der Krise plötzlich die Steuerzahler um Hilfe baten, um durch ihren Untergang nicht auch noch die ganze Welt in ein finanzielles Chaos zu stürzen, dieses Problem war noch lange nicht beseitigt. Um einen solchen Super-GAU wie im Herbst 2008 zukünftig zu verhindern, bräuchte es nicht nur einen „Europäischen Rettungsschirm“ (ESM), sondern auch viele neue Regeln, um die Zockerei der Reichen und Mächtigen einzudämmen. Damals machte allmählich eine Organisation immer mehr von sich reden, die sich „attac“ nannte und hauptsächlich aus linken Studenten, Intellektuellen aber auch vielen Hartz-4-Empfängern bestand. Sie protestierten auf den G7-Gipfeln gegen den „Raubtier-Kapitalismus“ und die unkontrollierte Globalisierung der Wirtschaft, durch welche ganze Volkswirtschaften in den Ruin getrieben oder ans Gängelband des Internationalen Währungsfonds gelegt werden wie z.B. Griechenland. Attac forderte die Einführung einer Finanztransaktionssteuer (Tobin-Steuer), um den Missbrauch von internationalen Geldgeschäften unattraktiv zu machen. Zudem sollten Steuer-Oasen ausgetrocknet werden und eine solidarische Ökonomie weltweit gewährleistet werden durch Mindestlöhne, Grundeinkommen etc. Ich fand diese Ideen sehr gut und entschloss mich deshalb, bei attac Mitglied zu werden und regelmäßig zu spenden.

Am 04.11.2008 gewann Barak Hussein Obama (47) dann als erster schwarzer Präsident der USA die Wahlen. Weltweit wurde er als „Weltpräsident“ (Spiegel) gefeiert und besonders die Deutschen feierten ihn 200.000 Menschen am 24.07.08 wie einen Messias. Die Erwartungen an seine Präsidentschaft waren so hoch, dass man ihm ein Jahr später sogar schon mit dem Friedensnobelpreis ehrte, obwohl er bis dahin noch gar nichts erreicht hatte. Allein sein Wahlspruch „Yes we can“ hatte die Leute so sehr verzaubert, dass sie ihm die Lösung all der gewaltigen Probleme in der Welt zutrauten. Für manche Gläubige in den USA war er schon deshalb der Antichrist. Manche hielten ihn wegen seines 2.Vornamens Hussein für einen Muslim und z.T. noch nicht einmal für einen Amerikaner, da sein Vater aus Kenia kam. Letztlich waren die Probleme so zahlreich und die Erwartungen an ihn so hoch, dass er sie nie hätte lösen können. Hätte er sie jedoch gelöst – so wie es vielleicht dem zukünftigen Antichristen gelingen wird – dann hätte man schon Obama zum Weltherrscher ernannt. So aber war sein Auftritt nur eine Generalprobe, und viel bewirken konnte er schließlich auch nicht.

 

Januar bis Juni 2009

Kappadozien

Um der Kälte und der Dunkelheit des Winters zu entfliehen, hatten Ruth und ich uns im Januar eine Reise in den sonnigen Süden gebucht, und zwar wieder in die Türkei, wo wir auch drei Jahre zuvor schon mal waren. Eigentlich wollten wir nach Peru reisen, aber dafür hatten wir kein Geld, aufgrund der herben Verluste in den letzten zwei Jahre, die uns um Jahre zurückgeworfen hatten. Stattdessen reichte es gerade einmal nur für eine dieser „Kaffeefahrten“, wo man eine Woche lang außerhalb der Saison in einem Billighotel jeden Tag ein Ausflugsprogramm geboten bekommt, das die Besichtigung touristischer Orte an den Vormittagen verbindet mit der Teilnahme an Verkaufsveranstaltungen am Nachmittag. Ich vermute mal, dass solche Reisen durch das Tourismusministerium des jeweiligen Landes gefördert werden, um die heimische Wirtschaft anzukurbeln. Meist sind es ja Rentner, die an solchen Reisen teilnehmen und sich dann vor Ort beschwatzen lassen, einen überteuerten, handgeknüpften Teppich, teuren Schmuck oder Lederwaren einzukaufen. Man ist zwar formal nicht zur Teilnahme an diesen Verkaufsveranstaltungen verpflichtet, aber durch den zweistündigen Bus-Stopp wird einem letztlich doch keine andere Wahl gelassen, da es ansonsten weit und breit nichts anderes gibt, um die Wartezeit zu überbrücken. Für den Veranstalter hingegen sind die Einnahmen aus diesen Verkaufsgesprächen der eigentliche Zweck der Reise, denn ohne diese würden sich diese außergewöhnlich preisgünstigen Busfahrten durch das Landesinnere inkl. deutschsprachiger Fremdenführerin und Übernachtungen mit Halbpension gar nicht lohnen. Wenn man jedoch tapfer den Verlockungen der professionellen Verkäufer widerstehen kann, bekommt man für sein weniges Geld eine ausgesprochen anspruchsvolle Studienreise geboten mit vielen interessanten Infos über das Land.

Der Flug ging zunächst nach Antalya und von dort mit dem Bus nach Side in ein Riesenhotel, das direkt am Meer lag. Zum Baden war es aber auch um diese Jahreszeit bei einer Außentemperatur von etwa 15 C noch zu kalt. Von Side aus war nun für die nächsten Tage eine Busreise quer durch Anatolien geplant, um bis nach Kappadozien zu gelangen zur türkischen Stadt Kayseri mit Übernachtungen auf der Reise. Es war zugleich eine spannende Reise durch die Geschichte über das Mittelalter und das Altertum bis zurück in die Uranfänge der Menschheit. Auf der Reise machten wir zunächst Station in einer Karawanserei, also einer Art Herberge für Menschen und Kamele aus dem Osmanischen Reich. Das erste Reiseziel war dann die Stadt Konya, dem biblischen Ikonium, wo Paulus und Barnabas von den Bewohnern zunächst vergöttert und dann gesteinigt wurden (Apg.14:1-20). Dort gab es im 13.Jh. einen berühmten persischen Sufi-Mystiker namens Dschalal ad-Din Muhamad Rumi – kurz Rumi genannt – (1207-1273), der ein großer Gelehrter und Dichter war. Eines Tages lernte er einen anderen Mystiker namens Shams Tabrizi kennen, zu dem er eine so starke spirituelle Bindung entwickelte, dass er am Ende allem entsagte und nur noch für Gott und die Liebe leben wollte. Seine Anhänger verdächtigten ihn daraufhin, auch eine heimliche homosexuelle Beziehung zu Shams zu pflegen, weshalb sie Shams aus Eifersucht ermorden ließen, damit ihr „Mevlana“ (Meister) wieder nur noch ihnen gehörte. Über den Tod seines geliebten Freundes trauerte Rumi dann viele Monate bis er eines Tages aufstand in seinem langen Gewand und sich pausenlos im Kreis drehte. Auch seine Anhänger begannen daraufhin ebenso zu tanzen, so dass dadurch die Derwisch-Bewegung entstand, die im Tanz die geistliche Vereinigung mit Gott sucht. Diese Geschichte fand ich damals so rührselig, dass ich sie mir gemerkt habe. Nach der Lehre Mevlanas (Rumis) ist die Liebe die Hauptkraft des Universums, so dass alle Wesen miteinander und mit Gott in einer harmonischen Liebesbeziehung stehen. Die Liebe zu Gott soll den Menschen dazu befähigen, auch alles zu lieben, was Gott geschaffen hat.

Am nächsten Tag fuhren wir durch eine sehr bizarre Felsenlandschaft und sahen überall kleine Berge, die nur etwa 10 – 20 m hoch waren und steil emporragten, wobei auf dem Gipfel häufig ein riesiger Felsen lag, so dass diese spitzen Hügel aussahen wie Pudelmützen. Ich fragte mich, wie diese riesigen Felsen überhaupt dort hinaufgelangen konnten. Aber die Reiseleiterin klärte uns auf: Vor Jahrtausenden war die Erdoberfläche hier viel höher gelegen und die Felsen lagen als Findlinge auf dem Boden verstreut. Dann aber wurde die vulkanische Erde allmählich durch Bodenerosion und Überschwemmungen „weggespült“ (wie der Grand Canyon), so dass am Ende nur jeweils dort das Erdreich erhalten blieb, wo es durch die Felsen geschützt war, die dann wie Zipfel einer Pudelmütze auf der Spitze liegen blieben. Da das Vulkangestein sehr viel Gaseinschlüsse hatte, war es zwar stabil, aber sehr leicht und porös. Deshalb hatten die Bewohner der Gegend schon vor 2.000 Jahren diese Zipfelberge genutzt, um sie zu Wohnungen auszuhöhlen, inkl. Fenstern und Türen. Die ersten Christen hatten in dieser Gegend von Kappadokien sogar ganze Kapellenräume in das weiche Tuffgestein ausgeschabt. Wir sahen mehrere solcher ausgehöhlten Bergkapellen, die an den Wänden schöne Wandmalereinen mit biblischen Figuren hatten. Die Gesichter der Personen waren jedoch später von den Muslimen größtenteils zerkratzt worden, da im Islam ja ein strenges Bilderverbot herrscht.

Nach weiteren zwei Stunden hielt der Bus plötzlich mitten in der Steppenlandschaft an. Die Reiseleiterin erzählte uns, dass wir nun zur größten Attraktion auf dieser Reise gelangt seien, und zwar zur Stadt Derinkuyu. Wir stiegen aus dem Bus aus, aber da war weit und breit nichts als ebene Steppe zu sehen mit ein paar Bergen am Horizont. Was sollte jetzt in dieser Ödnis Besonderes sein? Doch dann ging die Reiseführerin zu einer großen Bodenluke, die geöffnet war, hinter der sich eine Treppe befand, die hinabführte unter die Erde. Sie erklärte uns, dass sich hier mitten in der Wildnis eine riesige Stadt unter der Erde befindet. Sie ist mit einer Größe von 2.500 m² zwar nicht die größte unterirdische Stadt der Welt, jedoch mit einer Tiefe von 55 Metern und bis zu 18 Stockwerken zweifellos die tiefste von allen. Diese Stadt wurde vor etwa 4.000 Jahren von den Hethitern erbaut, wohl um sich vor Feinden zu verstecken, aber auch wegen des rauen Klimas mit einer Temperatur im Sommer von über 40 C und eisigen Minustemperaturen im Winter. Über Jahrhunderte wusste niemand etwas von der Existenz dieser Stadt, bis sie 1963 durch Zufall entdeckt wurde, als ein Mann die Kellerwand seines Hauses abriss und sich im dahinter liegenden Erdreich plötzlich ein Hohlraum befand. Er leuchtete mit der Taschenlampe hinein und entdeckte einen Gang, hinter dem sich ein Gottesdienstraum mit geraden Wänden und einer gewölbten Decke befand. In der Stadt mit ihren unzähligen Räumen und Tunnelgängen konnten bis zu 20.000 Menschen wohnen. In der Zeit des osmanischen Reiches wurde dieses Versteck hauptsächlich von Christen genutzt, um der Verfolgung und Ausrottung zu entgehen. Durch große Rollfelsen konnte man die Räume vor eindringenden Feinden verschließen. Bisher hat man erst 5 Etagen für Touristenbesuche freigegeben, da in den tiefer gelegenen Stockwerken noch archäologisch geforscht wird.

Am Abend kamen wir nach Kayseri, wo wir eine Moschee besuchten und fuhren von dort am nächsten Tag wieder zurück in unser Hotel nach Side. Wir besuchten in den Tagen danach noch eine Schmuckfabrik und eine Teppichknüpferei, wo man uns echte Seidenkokons schenkte. Dann flogen wir wieder zurück nach Deutschland und waren froh, soviel sehen zu dürfen ohne viel Geld bezahlt zu haben.

Anfang März rief mich auf einmal Mario Lieberenz (25) an, der in den Jahren von 2001 bis 2003 bei mir eine Ausbildung zum Maler und Lackierer gemacht hatte. Er erzählte mir, dass er nach seiner Ausbildung sich bei der Bundeswehr verpflichtet hatte und dann nach Afghanistan geschickt wurde. Dort habe er die letzten 5 Jahre gedient bis er vor Kurzem wegen einer Schlägerei „unehrenhaft“ entlassen wurde. Nun wolle er wieder als Maler arbeiten, erstmal nur für ein Jahr, um etwas Geld zu verdienen, und dann eine Fortbildung zum Malermeister machen. So verabredeten wir uns zu einem Vorstellungsgespräch und ich war sehr überrascht, wie viel Muskeln Mario inzwischen hatte. Er erzählte mir, dass das Body Building seine einzige Beschäftigung in den letzten Jahren bei der Bundeswehr war, da man ansonsten nicht viel machen konnte in Afghanistan. Mario fing dann am 17.03. bei mir als Malergeselle an, zusammen mit Fadi Shoushari und Peter Schönholz, die ja beide auch mal bei mir gelernt hatten. Am 01.04. stellte ich dann auch noch Andrey Tschernyaschuk ein, da die Auftragslage gut war.


Der neue Klassenlehrer

Unsere Tochter Rebekka (13) war inzwischen in die Pubertät gekommen und hatte in der Schule zuletzt z.T. relativ schlechte Noten geschrieben, besonders in Mathe und Englisch, so dass sie die Empfehlung fürs Gymnasium leider knapp verfehlt hatte. Auf der Realschule der Evangelischen Bekenntnisschule war der Unterricht nun deutlich anspruchsvoller und schneller als in anderen Schulen, so dass Rebekka das Gefühl hatte, den Anschluss zu verlieren. Ihr erstes Halbjahreszeugnis der 7. Klasse war alarmierend schlecht, so dass Ruth und ich mit Rebekka vereinbarten, dass sie von nun an regelmäßig von uns Hausaufgabenhilfe bekommen sollte. Ruth gab ihr nun regelmäßig Nachhilfe in Mathe und Biologie und ich kümmerte mich um Englisch und Deutsch. Dabei stellte ich schockiert fest, dass Rebekka bei weitem noch nicht dem geforderten Niveau entsprach, sondern noch extrem viele Fehler machte, besonders in der Rechtschreibung. Da Ruth mit ihrer neuen Arbeit als Kleintierphysiotherapeutin noch kaum Kunden hatte, machten wir Werbezettel und ließen auch ihr Auto bekleben mit Hunde- und Katzenaufklebern, die ich selbst gestaltet hatte. Doch da Ruth nachmittags nichts zu tun hatte, widmete sie sich von nun an mit Herzblut der Hausaufgabenhilfe für Rebekka.

Im Frühjahr 2009 war Elternabend, und ein neuer Klassenlehrer stellte sich vor: Andreas Imrau (28). Er wirkte auf uns hoch motiviert und hatte das ehrgeizige Ziel, die Unterrichtsqualität nicht nur anders, sondern vor allem viel besser zu machen. Noch bevor er offiziell antrat, hatte er den Klassenraum umgestaltet und modernisiert nach seinen Vorstellungen. Wenn die anderen Lehrer längst Feierabend gemacht hatten, saß er noch abends im Klassenraum und bereitete den Stoff für den nächsten Tag vor (da er nicht verheiratet war, wartete niemand zu Hause auf ihn). Während des Unterrichts war er dann immer voll in seinem Element. Mit höchster Virtuosität gewann er schon nach kürzester Zeit die Aufmerksamkeit und das Vertrauen seiner Schüler, die er mit der größten Hingabe und Leidenschaft unterrichtete. Rebekka war genauso angetan von diesem neuen Stil wie auch alle anderen Schüler (besonders die Mädchen dürften ihn angehimmelt haben, was in diesem Alter ja auch nicht ungewöhnlich ist). Es sprach sich schnell rum, dass der Herr Imrau ein ganz besonderer Lehrer sei…

Doch nach ein paar Monaten kam auf einmal auch Kritik auf am distanzlosen Führungsstil von Imrau. Die Schüler sahen in ihm inzwischen wohl eher einen Kumpel als eine Respektperson. Rebekka erzählte uns, dass er Schüler manchmal sogar bloßstellte oder sich lustig machte über sie. Aber auch die Schüler machten Scherze über ihn und nahmen ihn zum Teil nicht mehr so ernst. Das erinnerte mich sehr an meinen eigenen kumpelhaften Umgang mit meinen Azubis, sodass ich aufhorchte. Eines Tages kam Rebekka jedoch nach Haus und erzählte, dass die Schule den Lehrer Imrau gekündigt habe mit sofortiger Wirkung. Ich dachte: „Nanu!? Was ist denn jetzt passiert?“ Aber keiner wusste genau, warum. Schon bald darauf lud uns die philippinische Elternsprecherin Turisumi zu einem kurzfristig anberaumten Elterntreffen ein in ihre Privatwohnung. Alle hofften, Näheres zu erfahren, aber außer wilden Spekulationen wusste keiner so recht eine Antwort. Die resolute Elternsprecherin erklärte schließlich den betroffenen Eltern: „Ihr Lieben! Wir wissen nicht die Gründe, aber eines steht doch fest: Andreas Imrau ist mit Abstand einer der besten Lehrer, den wir uns für unsere Kinder wünschen konnten, und es ist doch wirklich eine Sauerei, dass man jetzt ausgerechnet ihn kündigen will, der sich für unsere Kinder so sehr eingesetzt hat. Das dürfen wir als Eltern aber nicht zulassen! Ich habe deshalb dem Schulleiter Balke gebeten zu einer außerordentlichen Versammlung, wo er unsere Fragen beantworten soll und unsere Forderung nach Rücknahme der Kündigung anhören und beherzigen soll. Deshalb haben mein Mann und ich hier eine Resolution geschrieben, die Ihr doch alle bitte hier unterschreiben möget.“

Alle waren sich völlig einig und siegessicher, dass die Schule die Kündigung nun rückgängig machen würde. Doch als dann ein paar Tage später das Treffen der Eltern mit der Schulleitung begann (zu dem Herr Imrau selbst nicht geladen war, ging Herr Balke nach vorne und sagte: „Liebe Eltern der Klasse 7b, es tut mir leid, dass durch die Kündigung von Herrn Imrau solch ein Aufsehen erregt wurde. Wir haben uns mit den Gegenargumenten ausgiebig befasst und sind als Schulleitung schließlich dennoch einstimmig zu dem Ergebnis gekommen, dass Herr Imrau die Klasse unmöglich weiter unterrichten kann. Leider können wir Ihnen die Gründe nicht nennen, die zu dieser Entscheidung geführt haben, da sie die Persönlichkeitsrechte unseres Kollegen gefährden und wir über die Vorfälle Stillschweigen vereinbart haben. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir es uns mit dieser Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht haben. Wir möchten wirklich nur das Beste für unseren Kollegen Imrau, aber Sie haben sicher schon mitbekommen, dass er sich keinen Gefallen damit tut, wenn er sich weiter so sehr überlastet mit den Anforderungen eines Klassenlehrers. Er ist noch jung und in einer bestimmten Entwicklungsphase, wo es schnell mal passieren kann, dass ein Lehrer die Distanz zu seinen Schülern und der Arbeit verliert und am Ende noch einen Nervenzusammenbruch bekommt. Ich bitte also um Ihr Vertrauen und Ihr Verständnis, dass unser Kündigungsbeschluss steht und nicht mehr verändert werden wird.“ Es entstand ein betretenes Schweigen in der Klasse. Einer der Väter hob den Arm und stellte die Frage, ob Herr Imrau denn die Kündigung hingenommen habe. „Er war natürlich nicht einverstanden damit,“ sagte Herr Balke, „aber da er Christ ist, wolle er die Kündigung akzeptieren und sie aus Gottes Hand annehmen.“ Danach war wieder ein langes Schweigen im Raum, das mich sehr irritierte.

Dann meldete ich mich zu Wort und sagte: „Ich bin ehrlich gesagt gerade ein wenig verwundert, dass wir alle hier so still bleiben und diese Erklärung einfach so hinnehmen. Denn wir hatten uns gerade vor knapp einer Woche zusammengesetzt und waren uns alle einig, dass wir diese Kündigung nicht akzeptieren werden, da wir mit dem neuen Klassenlehrer alle sehr zufrieden sind. Die Leistungen unserer Kinder haben sich alle deutlich verbessert, seit Herr Imrau die Klasse unterrichtet. Deshalb ist es doch überhaupt nicht einzusehen, dass er jetzt wegen irgendwas einfach gekündigt wird und wir noch nicht einmal den Grund dafür erfahren dürfen! Wir waren uns alle einig, dass wir das nicht akzeptieren wollen, deshalb bitte ich Euch, dass Ihr doch jetzt nicht schweigen möget, sondern Euch für Herrn Imrau einsetzt. Ich fände es deshalb gut, wenn wir jetzt eine geheime Abstimmung machen würden.“ Die Eltern schaute bedrückt auf dem Boden, als wenn sie gar nicht anwesend wären oder es sie nicht beträfe. Nur die Elternsprecherin Turisumi unterstützte mich: „Ja, das ist richtig, was Simon sagt, dass wir uns alle einig waren, Dirk. Wenn wir doch wenigstens die näheren Umstände erfahren könnten…“ Doch Herr Balke wiegelte ab: „Ich kann darüber wirklich nicht sprechen.“ Daraufhin erwiderte ich: „Aber es sind doch UNSERE Kinder, deswegen kann es doch nicht angehen, dass eine so wichtige Entscheidung einfach über unsere Köpfe entschieden wird! Wir sind doch schließlich in der Mehrheit!“ – Herr Balke lächelte mich an und sagte: „Herr Poppe, Sie haben doch einen Malereibetrieb, nicht wahr? Wie würden Sie es finden, wenn plötzlich die Kunden über ihre Personalentscheidungen abstimmen würden? Würden Sie das berücksichtigen, wenn die Kunden von Ihnen verlangen, einen bestimmten Mitarbeiter wieder einzustellen, den Sie zuvor aus gutem Grund entlassen haben?“ – „Das können Sie gar nicht vergleichen,“ sagte ich, „denn wir zahlen ja schließlich auch Schulgeld, und die Bekenntnisschule ist damals aus einer Elterninitiative hervorgegangen. Im Grunde sind wir Eltern es also, die zumindest ein Mitspracherecht haben müssen, da die Schule uns gehört!

Ich war mittlerweile sehr aufgeregt und mein Herz klopfte stark vor Wut. Herr Balke blieb jedoch ruhig und ignorierte mich einfach. Nun begannen aber auch die anderen Eltern, ihre Meinung zu sagen und es kam auf einmal zu einem regen Austausch zwischen dem Schulleiter und den Eltern. Am Ende fand man dann überraschenderweise einen Kompromiss: Herr Imrau durfte bleiben, aber ihm sollte ein zweiter Klassenlehrer an die Seite gestellt werden, damit Herr Imrau sich als Workaholic nicht ständig überlasten möge. Ein paar Monate später war ein Schulfest, und als ich Herrn Balke sah, ging ich auf ihn zu und entschuldigte mich, dass ich so aufgebracht war und keine Rücksicht genommen hatte auf die Gründe, die die Schulleitung möglicherweise zurecht zu diesem Entschluss bewogen hatten.


Der Kirchentag und die Buskampagne

Zu Himmelfahrt sollte der Evangelische Kirchentag in Bremen stattfinden. Dies brachte mich auf die Idee, mit einem antichristlichen Büchertisch präsent zu sein. Doch zwei Wochen zuvor teilte mir das Büro von „attac“ in Frankfurt mir, dass man auf dem Kirchentag mit einem eigenen Stand vertreten sein wolle und dass ich als ehrenamtliches Mitglied des Vereins doch beim Aufbau und dem Verteilen von Flugblättern behilflich sein möge. Da mein Einsatz jedoch nur für zwei Tage geplant wurde, hatte ich am dritten Tag immer noch Zeit, um mein eigenes Projekt zu verfolgen. Ich ließ mir also eine große Spanplatte, die ich zuvor weiß lackiert hatte, mit einem Spruch beschriften: „Glaubst du noch, oder lachst du schon?“ (in Anlehnung an eine damalige IKEA-Werbung „Wohnst du noch oder lebst du schon?“). Ruth durfte natürlich von all dem nichts erfahren, deshalb tat ich so, als würde ich die ganze Zeit über auf dem Kirchentag aktiv sein für „attac“. So fuhr ich am Donnerstagmorgen ins Hafengebiet, wo ich mit einem anderen Attac-Mitarbeiter verabredet war, um den Stand aufzubauen. Ich unterhielt mich mit dem Studenten über den Leitspruch über dem Stand: „Wir zahlen nicht für eure Krise!“ und fragte ihn, warum attac sich eigentlich so sehr über die globale Zockerei aufrege, wo doch die meisten von ihnen Hartz-IV-Empfänger und Studenten seien, die doch ohnehin keine Steuern zahlen. Er aber sprach von Solidarität mit jenen, die für Mindestlöhne schuften und sich finanziell kaum über Wasser halten könnten. Ein anderer mischte sich in das Gespräch ein und versuchte, mich von dem bedingungslosen Grundeinkommen für alle zu überzeugen. Mir wurde allmählich klar, dass attac doch ziemlich links orientiert ist. Es ging nicht nur um die Banken, sondern um den Kapitalismus als solchen.

So verteilte ich zwei Tage lang eine attac-Zeitung an die Besucher des Kirchentages, die über die Finanzkrise aufklärte und eine strengere Regulierung der Banken forderte. Auch Ruth und Rebekka kamen mich besuchen, und wir schauten uns zusammen die Stände an und aßen etwas. Aber am Sonntagvormittag baute ich meinen eigenen Stand am Hauptbahnhof auf mit meinem provokanten Spruch, der an einem Tapeziertisch gelehnt war, auf dem lauter atheistische und antichristliche Bücher auslagen. Darüber hatte ich ein Bild platziert, das ich ein paar Jahre zuvor gemalt hatte. Darauf war der Feuersee zu sehen unter einem schwarz bewölkten Himmel voller Rauch in welchem man schemenhaft zwei Throne sehen konnte, auf denen Gott und Jesus saßen. Links im Bild war eine Art „Kaimauer“ und ein haltender Zug aus dem nackte Menschen herausgetrieben wurden im grellen Scheinwerferlicht, das von Aufsichtstürmen herabfiel – so wie in Auschwitz (auf das ich anspielen wollte). Die nackten Menschen wurden sogleich in den Feuersee hinabgeworfen, in welchem die Menschen aller Hautfarben schrien und kein Erbarmen mehr fanden. Als meine Schwiegermutter damals das erste Mal das Bild sah, sagte sie: „Ah ya, están bañandose!“ („Ah ja, die sind am Baden“). Ich sagte: „Nein, Mamá, die sind in der Hölle!“ Das war meine ganz persönliche Abrechnung mit meiner Vergangenheit. Ich führte hier einen einsamen Kampf gegen das Christentum, vor dem ich jeden Menschen warnen wollte. Einmal sagte ein junges Ehepaar zu mir: „Was soll dieser Spott hier, von wegen: `Glaubst du noch oder lachst du schon?` - so als wenn dies Widersprüche wären! Ich glaube und ich lache! Ich kann sogar sagen, ich lache WEIL ICH GLAUBE! Verstehen Sie?“ Ich sagte: „Seien Sie glücklich, wenn sie einen glücklichen Glauben haben. Ich war lange Zeit gläubig und hatte damals nichts zu lachen.

Ein paar Wochen später kündigte sich die nächste Gelegenheit zur Provokation an: Die Giordano-Bruno-Stiftung hatte einen Bus gechartert, der durch ganz Deutschland von Stadt zu Stadt fahren sollte mit der Aufschrift: „ES GIBT mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit KEINEN GOTT!“ Die Aktion war begleitet mit Informationsständen und einer Stadtrundfahrt für Interessierte. Die Stiftung hatte schon im Vorfeld alle Atheisten aus Deutschland dazu aufgerufen, möglichst zahlreich zu erscheinen, um dadurch eine Art Gegenöffentlichkeit zum Kirchentag auf die Beine zu stellen. Ursprünglich wollten die Veranstalter sämtliche Busse von deutschen Städten mit diesen Aufklebern versehen, aber die meisten Busunternehmen weigerten sich, diese Kampagne zu unterstützen. In Bremen setzte sich sogar der Bürgermeister Böhrnsen höchst persönlich dafür ein, dass diese Atheisten nicht den guten Ruf Bremens als tolerante und religionsfreiheitliche Stadt gefährden sollten. Als die evangelikale Christenheit von diesem Vorhaben erfuhr, setzte sich sofort ein „Krisenstab“ zusammen und beschloss, dass man ebenso einen Bus chartern wolle, der dem Atheisten-Bus sozusagen auf den Fersen hinterherfahren solle mit dem Spruch: „Und wenn es Ihn doch gibt…? Gottkennen.de“. Für mich war dies natürlich DIE Gelegenheit, um meinen Unglauben zu bekennen und öffentlich zu verbreiten.

Ich erkundigte mich also, wann genau der Bus nach Bremen kommen würde und nahm mir schon mal Verteilschriften der Giordano-Bruno-Stiftung mit. Als der Bus dann kam, war die Enttäuschung groß: An der verabredeten Stelle standen gerade einmal nur 5 oder 6 andere Atheisten, die dem Aufruf gefolgt waren. Wir stiegen in den fast leeren Doppeldeckerbus und spürten den stillen Hohn und Spott, dem wir jetzt ausgeliefert waren. Aber ich wollte mich in meinem Unglauben nicht erschüttern lassen, sondern tapfer ausharren bis ans Ende der Veranstaltung. Ich sah mich inzwischen schon zweifellos zur Speerspitze des militanten Atheismus in Deutschland gehörig und ich hatte hier eine Mission zu erfüllen. Der Reiseleiter des Buses begrüßte uns und bedauerte die geringe Teilnahme, machte uns aber auch Mut und erklärte uns auf der nun anschließenden Stadtrundfahrt jene Sehenswürdigkeiten der Stadt, die einen speziellen Bezug zum Humanismus und zur Aufklärung haben. Nach etwa einer Stunde waren wir wieder am Busbahnhof, wo inzwischen ein Stand aufgebaut war mit atheistischen Werbetraktaten, die von Mitarbeitern der Stiftung zur kostenlosen Mitnahme angeboten wurden. Auf einmal sah ich jene christlichen Vertreter, die in Sichtweite einen Gegen-Stand aufbauten. Ich ging zu ihnen rüber und stellte mich den Brüdern als ehemaliger Christ und Missionar vor, der aber vor nunmehr 13 Jahren zu den Feinden des Christentums übergetreten war. Sie versuchten, mich zur Buße zu erneuern, aber es war unmöglich (Hebr.6:5). Stattdessen schoss ich mit unzähligen Argumenten schlagfertig und siegessicher gegen den christlichen Glauben und redete sie in Grund und Boden.

Doch als ich am späten Nachmittag wieder nach Haus fuhr, fühlte ich mich innerlich leer und todtraurig. Ich hatte so viel zu sagen, aber letztlich wollte keiner es hören. Am Ende würde ich einsam und verbittert sterben, da ich im Grunde ja nichts erreicht hatte. Denn wenn man keine Freunde hat, dann ist letztlich alles Mühen vergeblich. Selbst den Atheisten komme ich mir mit meinem Bibelwissen suspekt vor, und so richtig will mir eigentlich auch von ihnen keiner glauben, dass ich jetzt kein Christ mehr sei. Dabei hatte ich so sehr gehofft, dass jetzt alles anders werden würde. Mir war ja schon seit langem aufgefallen, dass sich mein bisheriges Leben immer in 6-Jahres-Zyklen verändert hatte: 1984 kam ich zum Glauben, 1990 hatte ich mich innerlich (und ein Jahr später auch äußerlich von dieser Sekte getrennt, 1996 hatte ich meinen Glauben an die Bibel verloren, 2002 hatte ich meinen Glauben an die Existenz Gottes verloren und letztes Jahr 2008 wollte ich doch zum Kämpfer gegen das Christentum voranschreiten. Aber wie sollte das gehen? Ich bräuchte Verbündete. Aber wie konnte ich diese finden? Vor ein paar Monaten hatte mein Bruder Patrick mir eine Internetseite eingerichtet, wo ich meine atheistischen Texte veröffentlichen konnte. Ich hatte der Seite den Namen „zeitaufzustehen.de“ gegeben (heute nutze ich diese Anschrift für meine evangelistische Seite). Aber es gab kaum jemand, der Verständnis hatte für meine Situation. Wo gibt es schon ehemalige Christen, die plötzlich sich bewusst abkehren vom Glauben und Atheisten werden? Nur solche könnten mich verstehen.

Doch dann fiel mir Florian Köhler (39) ein. Er ist der jüngere Bruder meines Freundes Manfred und war früher bei den Adventisten, bis er schließlich seinen Glauben verlor und Philosophie studierte. Ich rief Florian an und wir sprachen über die alten Zeiten und was aus uns geworden sei. Florian erklärte mir, dass er sich seit kurzem wieder als „Christ“ betrachte, seit er ein Buch gelesen habe vom Theologen Paul Tillich (1886-1965). Dessen rationalistische Überlegungen hätten Florian dermaßen angesprochen, dass er sich sagte: „So wie der Christ ist, so kann ich selber auch Christ sein“. Florian erklärte mir die Theologie Tillichs, der die Begriffe der Bibel neu und umfassend deutete als philosophische Symbole für unsere existentiellen Fragen über uns selbst, unserem Nächsten und Gott. Die Entfremdung des Menschen entspräche demnach dem Begriff der Sünde, und die Teilhabe des Menschen am universalen Leben wäre demnach die Erlösung. Während er redete, merkte ich, dass hier im Grunde die biblische Botschaft nicht nur ausgelegt, sondern missbraucht wurde, um die eigene Philosophie mit biblischen Begriffen zu ersetzen, die aber völlig sinnentstellt wurden. Vor allem lag diese Theologie gar nicht im Sinn der Bibelschreiber. Genausogut hätte man vielleicht auch die Mao-Bibel umdeuten können als Einführung in die Regeln der Marktwirtschaft oder Hitlers „Mein Kampf“ als Utopie für eine aufgeklärte und humanistische Weltverbrüderung. Nein, das war nichts für mich.

Derweil verschärften sich zuhause immer mehr die Spannungen, nicht nur zwischen Ruth und mir, sondern auch zwischen Rebekka und Ruth. Denn Rebekka war ja plötzlich in die Pubertät gekommen und verbrachte immer mehr Zeit mit ihren zahlreichen Freundinnen, bei denen sie bis spät abends blieb oder sogar übernachtete. Ruth hatte Rebekka vorgeschrieben, spätestens um 21.00 Uhr zuhause zu sein, aber oftmals überschritt Rebekka diese Zeit, so dass es Schreierei gab. Ruth machte sich Sorgen, dass Rebekka eines Tages vergewaltigt und ermordet werden könnte, zumal sie ein hübsches Mädchen war und die Medien häufig über Triebtäter berichtet hatten. Und dann hatte Rebekka mitbekommen, dass ich mir Musik und Hörbücher aus dem Internet herunterlud und wollte, dass ich dies auch für sie täte. Ich begann, Rebekka Hörbücher von mir zu leihen, die sie begierig verschlang. Damals kam auch die Vampier-Saga „Twilight-Biss zum Morgengrauen“ in die Kinos, die Rebekka bereits als Hörbuch konsumiert hatte. Irgendwann kontrollierte Ruth die Hörbücher und fand mit Erschrecken heraus, dass es auch erotische Szenen gab oder grausame Serienmorde von Psychopathen. Darauf stellte Ruth mich zur Rede, wie ich denn so verantwortungslos sein könne, dass ich Rebekkas Unschuld mit solchen ungöttlichen Geschichten verderben würde. Ich gab mich unschuldig, da ich ja gar nicht all diese Hörbücher gehört hatte und nicht wusste, dass sie auch Sex und Gewalt enthielten. Ruth verbot mir, ihr weiter Hörbücher und Musik zu leihen. Da Rebekka mich jedoch immer wieder drängte, gab ich sie ihr heimlich, zumal ich mir nichts dabei dachte. Als Rebekka einmal zu Ruth sagte: „Mama, Papa hat mir erzählt, dass es die Hölle und den Teufel in Wirklichkeit gar nicht gibt!“ da hatte ich das Fass zum Überlaufen gebracht. Ruth spielte damals immer häufiger mit dem Gedanken, sich von mir zu trennen und Rebekka mitzunehmen, da sie nicht wollte, dass sie durch mich geschädigt werden dürfe.

Doch auch in meiner Firma gab es inzwischen immer mehr Spannungen und Reibungen. Meine Lehrlinge schwänzten viel zu häufig unter dem Vorwand, krank zu sein. Zunächst versuchte ich, diesem Missbrauch durch eine jährliche Prämie von 600,- € entgegenzuwirken für denjenigen, der es schafft, ein Jahr lang mal nicht krank zu sein. Aber offensichtlich reichte dies nicht als Anreiz, denn die Lehrlinge machten auch weiterhin blau. Deshalb versuchte ich es auf die harte Methode und machte Kontrollbesuche bei ihnen. Als ich Marco Krull aber zweimal hintereinander nicht antraf, erteilte ich ihm eine Abmahnung. Als er daraufhin einmal wieder fehlte, schrieb er mir intelligenterweise: „Diesmal bin ich aber wirklich krank…“ ohne zu merken, dass er sich dadurch selbst in die Pfanne gehauen hatte. Ich sprach mit ihm und sagte, dass es so einfach keinen Zweck habe, da er innerhalb eines Jahres schon 30 mal gefehlt habe. Er sagte, dass er eigentlich ohnehin keine Lust mehr hatte zu der Ausbildung, da er sich Hoffnung mache, als Rapper Karriere zu machen und brach die Ausbildung ab. Bei Andre Suppas hingegen lohnte sich eine Kündigung hingegen nicht mehr, da er im Sommer ohnehin zusammen mit Nils Ahrend die Gesellenprüfung machte. Als ich ihm nach bestandener Prüfung gratulierte und den Werkstattschlüssel zurück erbat, sagte mir Andre in seiner rotzfrechen Art: „Nein, Simon, den bekommst Du erst, wenn ich von Dir all meine Papiere bekommen habe, denn ich kenne Dich, dass Du immer sehr vergesslich bist.“ Ich dachte, dass könne ja wohl nicht wahr sein und antwortete: „Hör mal, Andre, mit mir redest Du nicht so respektlos! Und Du gibst mir jetzt augenblicklich den Werkstattschlüssel, sonst werde ich Dich wegen Unterschlagung anzeigen.“ – „Mach doch, Digga!“ wahr seine Antwort. Darauf wandte ich mich ab, holte mein Handy raus und rief die Polizei. Als es anfing, in der Leitung zu klingeln, lief er mir hinterher und gab mir wortlos und mit zornigem Blick den Schlüssel. Doch als ich am nächsten Montag morgens zur Werkstatt kam, lag ein riesiger Traktor-Reifen auf einem meiner Firmenwagen. Da dieser über 50 kg wog, konnte Andre den nur mit Hilfe eines anderen hinauf gewuppt haben. Die Reifen hatte er mir zum Glück nicht zerstochen.


Juli bis Dezember 2009

Heiratsvermittlungen (Teil 1)

Doch nur die wenigsten Mitarbeiter waren nach ihrem Ausscheiden so undankbar, sondern mit vielen hatte ich noch Freundschaft oder sie behielten mich in guter Erinnerung, selbst wenn ich sie gekündigt hatte. Bereits im Sommer 2008 hatte ich ein Gespräch mit meinem ehemaligen Mitarbeiter Jörg Osterkamp, den ich zufällig bei McDonald traf und der sich zu mich an den Tisch setzte. Er sagte mir: „Simon, ich wollte Dich mal was fragen. Und zwar bin ich schon 35 Jahre und habe noch immer keine Frau gefunden. Ich werde ständig von Geschwistern aus unserer Gemeinde zu deren Hochzeit eingeladen, aber für mich hat sich bisher keine Glaubensschwester interessiert. Dabei bin ich doch wirklich nicht hässlich oder dick, sondern relativ gutaussehend und zudem ein netter und fröhlicher Typ. Ich weiß auch nicht, was ich falsch mache, dass ich bei den Frauen nicht ankomme. Deshalb wollte ich Dich mal fragen, ob Du mir nicht helfen könntest, vielleicht eine Frau aus Peru zu finden. Du hattest mir doch mal erzählt, dass Du die peruanische Freundin Deiner Frau mit einem Freund von Dir verkuppelt hattest. Könntest Du das nicht auch mal für mich tun? Ich wäre Dir sehr dankbar.“ Mir tat der Jörg sehr leid und ich versprach ihm, alles zu tun, was ich konnte, damit auch er eine Frau fände. Zunächst fragten wir mal im Spanischkreis mit einer Schwester Amparo, die in etwa in Jörgs Alter war, allerdings deutlich kleiner (wenn sie auf einem Stuhl saß, reichten ihre Füße gerade mal eben auf den Boden). Beim ersten Treffen mussten wir natürlich noch immer übersetzen, da auch Amparo kaum Deutsch konnte. Aber während Jörg regelrecht draufgängerisch war, sagte Amparo kaum etwas, als habe sie kein richtiges Interesse. So blieb es am Ende bei diesem einen Treffen, und wir mussten weitersuchen.

Daraufhin schrieb Ruth einen Brief an meinen Schwager Israel, ob er nicht mal unter den Gläubigen in Peru fragen könne, welche Glaubensschwester sich gerne mit einem deutschen Bruder verheiraten würde. Prompt kamen drei „Bewerbungen“, jeweils mit Foto und Lebenslauf. Die eine war Lehrerin, die andere Ärztin und die Dritte war Agrarökonomin, also alles studierte Akademikerinnen. Jörg entschied sich für die Ärztin namens Erika Condori, die eine weitläufige Verwandte von Ruth war. Das Problem war nun, dass Jörg nicht nur kein Spanisch oder Englisch konnte, sondern obendrein noch Legastheniker war. Die Bedeutung der Worte aus seinen ersten Liebesbriefen konnte ich nur mit viel Fantasie erraten, so dass eine Übersetzung ins Spanische sehr mühsam war. Deshalb bat ich Jörg, mir einfach zu diktieren, was er ihr schreiben wolle. Zum Glück war Jörg sehr unkompliziert und genierte sich nicht dabei. Ein paar Monate später reiste Erika dann nach Deutschland und wohnte bei uns. Wir luden Jörg ein zum Kaffee-und-Kuchen-Essen, damit er sie kennenlernen konnte. Um das Treffen zu entspannen, machten wir erst einmal ein Kartenspiel am Küchentisch. Doch nach einer halben Stunde sagte Erika auf einmal: „Eigentlich bin ich ja nicht zum Kartenspiel gekommen, sondern weil ich mit Jörg sprechen will“. Wir beendeten also das Spiel und Erika fuhr fort: „Simon, könntest Du bitte Jörg mal fragen, ob er sich vorstellen könnte, mich zu heiraten…“ Ich war überrascht, wie schnell Erika zur Sache kam und übersetzte es. Jörg grinste und schaute Erika in die Augen. Auch sie lächelte und Jörg sagte: „Ja, ich würde gerne“. Erika sagte: „Ich auch!“ und da war die Freude groß.

Es vergingen dann noch ein paar Wochen bis Erika und Jörg alle notwendigen Papiere beisammen hatten inkl. aller übersetzten und beglaubigten Urkunden, um zu heiraten. Sie hatten mich als Trauzeugen und Übersetzer zugleich bestimmt, und so geschah es, dass sie im Sommer 2009 vor dem Standesamt in Bremen sich das Ja-Wort gaben. Ein Jahr später hatten sie dann auch eine gemeinsame Tochter Daniela, und Erika erlernte in Windeseile die deutsche Sprache und schaffte sogar die Anerkennung um in Deutschland als Internistin in einem Krankenhaus zu arbeiten. Ruth und ich freuten uns über das Glück der beiden und fassten den Entschluss, dass wir auch noch die anderen beiden Frauen an deutsche Ehemänner vermitteln wollten, zumal Jenny (32) und Fanny (30) nicht nur leibliche Schwestern, sondern ebenfalls weitläufig mit Ruth verwandt waren (sie sind die Töchter von Ruths Cousine Melania). Wir überlegten, wer noch in Frage käme. Da fiel Ruth ein, dass sich der Schwager von Ingrid, einer Glaubensschwester aus Honduras, namens Uwe (50) gerade bekehrt hatte und sehnlichst eine Frau suchte. Da Uwe jedoch aufgrund eines Kindheitstraumas leicht autistisch war und geistig zurückgeblieben, hatte er nie eine Beziehung und war wegen seiner Arbeitsunfähigkeit auch in Frührente. Uwe wollte gerne Fanny heiraten und ließ ihr ganz spontan 800,-€ zukommen, sozusagen als eine Art Brautgeld. Unter Vermittlung von Ruth wurden Uwe und Fanny sich dann tatsächlich „handelseinig“, so dass Uwe bald darauf nach Lima reiste und seine 23 Jahre jüngere Braut heiratete. Als er sie jedoch später nach Deutschland bringen wollte, zweifelte die Deutsche Botschaft an der Echtheit der Beziehung und vermutete eine Scheinehe. Deshalb sollten beide zur Prüfung ihrer Liebe einer getrennten mündlichen Prüfung unterzogen werden. Zu diesem Zweck hatte Fanny dem Uwe alle möglichen Details aus ihrem Leben schriftlich übermittelt, die Ruth ihm übersetzt hatte. Da sich Uwes Intelligenz jedoch nur auf bestimmte Spezialgebiete beschränkt, nahm er zur Befragung einen Spickzettel mit, der jedoch bemerkt und ihm aus der Hand genommen wurde. Man wertete dies tragischerweise als Betrugsversuch und verbot daraufhin der Fanny die Einreise nach Deutschland (Fortsetzung folgt).

Aber auch Jenny, die Schwester von Fanny, suchte noch einen deutschen Mann. Deshalb telefonierte ich mit ihr und machte den Vorschlag, über eine christliche Partnersuchbörse im Internet einen Mann zu finden. Um registriert zu werden, musste sie eine ganze Menge Fragen beantworten, damit sichergestellt wäre, dass sie auch wirklich eine echte, d.h. bibelgläubige Christin sei. Während Jenny die Fragen beantwortete staunte ich nicht schlecht und sagte später zu Ruth: „Entweder ist Jenny wirklich eine Heilige oder sie hat doch reichlich übertrieben!“ Kurz darauf meldete sich ein Thomas aus Lörrach bei mir; wir telefonierten und ich erzählte ihm von Jenny. Er war ein 29jähriger Hilfsarbeiter und wohnte noch bei seinen Eltern. Leider konnte Thomas kein Englisch, so dass ich immer alles übersetzen musste. Jenny verliebte sich sofort in Thomas und auch er war nicht abgeneigt. Ich schrieb Thomas öfters und richtete ihm die Fragen von Jenny aus, aber statt mir diese zu beantworten, rief er mich immer nur an und hatte meine Fragen noch nicht einmal gelesen. Deshalb hatte ich einen Verdacht und fragte ihn: „Sag mal Thomas – ganz ehrlich: Kannst Du eigentlich lesen?“ Er gab zu, dass er es nicht konnte. Ich dachte: „O nein, schon wieder ein Bruder ohne Bildung! Was werden die Peruanerinnen nur von uns Deutschen denken! Dass wir alle scheinbar etwas plemplem sind.“ Aber Jenny machte das nichts aus, als ich ihr dies mitteilte, denn sie fand Thomas ansonsten attraktiv. Da Ruth und ich vorhatten, im Winter nach Peru zu fliegen, bot ich dem Thomas an, mit uns zusammen zu reisen, damit er Jenny kennenlernen konnte. Ich kaufte für ihn ein Flugticket und erklärte ihm den Ablauf der Reise. Thomas freute sich und war ganz aufgeregt. Doch schon eine Woche später rief er mich an und sagte alles ab, da er auf einmal eine panische Angst bekommen hatte. Er entschuldigte sich bei Jenny, dass er ihr Hoffnung gemacht hatte und erstattetet mir den Kaufpreis fürs Ticket. Jenny war am Boden zerstört. Wir mussten also jemanden anderes für sie finden (Fortsetzung folgt).


Meine 6. Perureise

Nachdem mal wieder fünf Jahre vergangen waren, wollte ich auf meiner 6. Perureise die Gelegenheit nutzen, um in Ecuador endlich mein Landhaus zu veräußern. Allerdings hatte ich die Hoffnung aufgegeben, es noch verkaufen zu können, sondern wollte es einfach verschenken an den Neffen meiner Frau, Jonatan Condori (23). Es sollte für ihn sozusagen ein Sprungbrett sein, um aus der Armut heraus zu kommen und besser ins Leben zu starten. Als wir deshalb Mitte Dezember in Peru ankamen, fuhr ich sogleich weiter nach Ecuador in Begleitung von Jonatan und seinem Bruder Joel (22). Als wir am nächsten Tag in Guayaquil ankamen, ließen wir unser Gepäck bei Familie Ramirez und gingen ins Stadtzentrum, um uns einen Anwalt und Notar zu nehmen. Ich erklärte ihm unser Anliegen und übergab ihm meine Eigentumsdokumente mit der Bitte, das Haus auf Jonatan zu überschreiben. Er erklärte mir, dass wir zur Grundstücksüberschreibung nach Daule fahren müssten, da dort das Grundbuchamt für das Landhaus in Laurel sei, und wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Als wir im Anschluss noch ein paar Besorgungen in der Millionenstadt erledigen wollten, wurde mir auf einmal ziemlich schlecht. Ich hatte starke Kopfschmerzen und mir war schwindelig. Beim Überqueren der Straße musste ich mich plötzlich übergeben. Wir suchten eine nahegelegene Arztpraxis auf und ich ließ mich untersuchen. Der Arzt stellte bei mir einen Blutdruck von 185 zu 130 fest und sagte, dass das viel zu hoch sei. Er gab mir eine Tablette mit einem Blutsenkungsmittel und ein Rezept mit. Als ich bezahlen wollte, sagte er mir, dass er dies gratis machen wolle, da es ihm eine Ehre sei, auch mal einen Gringo behandelt zu haben.

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Anwalt zu meinem Landhaus nach Laurel. Als wir gegen 10.00 Uhr ankamen, war Apollo Sanchez nicht zuhause, sondern nur seine Frau. Ich erklärte ihr, dass nun der Zeitpunkt gekommen sei, dass sie sich ein neues Zuhause suchen müssten entsprechend der Entschädigungsvereinbarung, die wir fünf Jahre zuvor geschlossen hatten, und dass ich am Nachmittag noch einmal wiederkommen würde, um mit Apollo zu sprechen. Dann fuhren wir zur Gemeindeverwaltung nach Daule, wo auch das Grundbuchamt lag. Unser Anwalt sprach mit der zuständigen Sachbearbeiterin, während wir im Wartebereich Platz nahmen. Nach etwa einer Stunde kam er wieder zu uns und erklärte, dass es zwei Probleme gäbe: Zum einen seien die Unterlagen nicht vollständig und zum anderen bestünde ein gewisses Risiko, dass ich mein Haus verlieren könne, da ich seit 15 Jahren keine Grundsteuer mehr bezahlt hätte und sich die Gesetzeslage verändert habe. Denn seit zwei Jahren gäbe es eine neue linksnationalistische Diktatur in Ecuador, die den Reichen und insbesondere den Ausländern den Kampf angesagt habe. So habe man neue Gesetze erlassen, die es den bis dahin unrechtmäßigen Grundstücksbesetzern der armen, indigenen Bevölkerung („invadores“) ermögliche, sich die Häuser und Grundstücke der reichen Ausländer einfach anzueignen, wenn sie diese schon eine Weile bewohnt hätten. Dies könne aber nur auf Antrag geschehen, und da Apollo Sanchez Analphabet sei und auch kein Geld für einen Anwalt habe, bestünde noch eine gute Chance, das Haus vor der Fremdaneignung zu schützen und die Eigentumsrechte auf Jonatan zu übertragen. Als wir jedoch nachmittags noch mal zum Haus fuhren, bedrohte uns Apollo mit einer Schrotflinte und sagte, er würde mich abknallen, wenn ich noch einmal „sein“ Grundstück betreten würde. Der Anwalt sagte mir jedoch: „Machen Sie sich keine Sorgen, denn wenn die Übertragung erst einmal durchgeführt wäre, könne man Apollo und seine Frau nötigenfalls auch mit Polizeigewalt aus dem Haus werfen“.

Wir fuhren also zurück nach Guayaquil in das Büro des Anwalts und machten einen Vertrag, damit der Anwalt sich in meiner Abwesenheit eigenständig um die Übertragung kümmern solle. Ich gab ihm dafür einen Vorschuss von 450 US$ und verabredete mit Jonatan, dass er etwa im März 2010 nach Abschluss der Formalitäten wieder nach Ecuador reisen solle, um dann in sein neues Haus zu ziehen. Jonatan war jedoch in großer Sorge, dass sich die inzwischen erwachsenen Söhne von Apollo an ihm rächen könnten. Ich beschwichtigte ihn, dass er das nicht so gemeint habe und man ihn mit etwas zureden leicht überreden könne zu einer Zusammenarbeit: „Wenn Du ihm gut zuredest, dann könnte er Dein Partner und Hausmeister werden, der Dir zeigen kann, wie man Reis anbaut. Du wirst ihn brauchen, um Dich überhaupt die erste Zeit hier zurechtzufinden.“ Doch Jonatan hatte kalte Füße bekommen und hatte Angst, ganz allein in diesem fremden Land zu leben. Ich sagte: „Schau mal, Jonatan, als ich so alt war wie Du, bin ich zum ersten Mal nach Südamerika geflogen, und das war auch für mich zunächst alles ungewohnt und fremd. Aber man gewöhnt sich schnell an die neue Situation. Du könntest Dir doch jetzt auch eine Frau nehmen und mit ihr zusammen dann diesen Neuanfang wagen. So eine Chance wie diese, dass Du ein so großes Landhaus mit 3,6 ha Grundstück geschenkt bekommst, solltest Du Dir nicht entgehen lassen!“ Jonatan sagte nichts mehr, aber ich spürte, dass er Angst hatte. Später stellte sich dann heraus, dass er tatsächlich einen Rückzieher machte und auf das Haus lieber verzichtete.

Als ich wieder zurück in Peru war, wollten Ruth und ich die Zeit nutzen, um auch mal in den Urwald zu reisen nach Puerto Maldonado, einem alten Goldschürfer-Dorf, das mitten im Amazonas-Regenwald liegt. Wir buchten einen Flug mit Übernachtung in einer Lodge, die Flussabwärts in einem Naturreservat namens Tambopata liegt in der Provinz Madre de Dios. Als wir nach zweistündiger Fahrt auf dem Motorboot durch den Dschungel am Ziel ankamen, ahnte ich, warum man die Region „Madre de Dios“ nannte, zu Deutsch „Mutter Gottes! [steh‘ uns bei!]“, denn es war so heiß und so viele Moskitos, dass ich dachte: „Hier werden wir es keine einzige Nacht aushalten, geschweige denn eine ganze Woche!“ Dieser Ort war so lebensfeindlich, als würde die Natur sich rächen an jedem Eindringling, der die Torheit besaß, hier her zu kommen. Warum hatten wir uns bloß auf diesen Wahnsinn eingelassen! Hier im Regenwald von Peru hatte der Regisseur Werner Herzog in den 70er Jahren seine Kinofilme mit Klaus Kinski gedreht („Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“), und man konnte gut nachvollziehen, warum Kinski immer so aggressiv und gereizt war. Hier gab es keinen Strom oder fließendes Wasser. Wir waren völlig durchgeschwitzt, denn die Luftfeuchtigkeit lag jetzt in der Regenzeit bei nahezu 100 %. Die Wege waren schlammig, der Schweiß lief mir in die Augen, und ich wäre am liebsten in den lauwarmen Fluss gesprungen, aber das hatte man uns verboten wegen der starken Strömung.

Am Abend teilte der Reiseleiter uns mit, dass er uns um 3.00 Uhr wecken würde, um eine Nachtwanderung zu machen durch den Urwald, da die meisten Tiere nachtaktiv seien. Wir schliefen in einer Hängematte, die von einem Moskitonetz umhüllt war. Selbst in der Nacht waren es noch über 30 C, aber immerhin gab es Regentonnen mit einer Schale, die man sich zum Duschen über den Kopf kippen konnte. Als wir in der Nacht aufbrachen, bekam jeder ein Stirnband mit einer Halogenlampe drin, damit wir im Stockdunkeln etwas sehen konnten. Schon nach wenigen Metern sahen wir eine dünne, rotorange Schlange, die genau auf Brusthöhe an einem Zweig hing. Wir waren aufgeregt und machten Fotos, doch im Laufe der Woche sahen wir noch so viele Schlangen, dass wir uns allmählich daran gewöhnten.

Tagsüber sahen wir bei den Wanderungen Affen, die sich uns auf ein Meter Entfernung nahten, um Bananen zu bekommen. Auch sahen wir riesige blaue Schmetterlinge, die immer entlang der Urwaldweg flatterten. Hinten an einem großen See gab es Fischotter, die wir allerdings nur mit dem Fernglas sehen konnten. An einem Tag fuhren wir morgens flussaufwärts zu einem Berg, an dessen Abhang wir jede Menge Aras sahen, diese rot-gelben Papageien, die sich am sandigen Abhang krallten und die Mineralien aßen. Auch sahen wir Mammutbäume, Frösche und Vogelspinnen, so dass wir jede Menge schöne Fotos machen konnten. An einem Tag hielt der Reiseleiter mitten im dichten Urwald an und schnitt einen Zweig von einem bestimmten Baum. Dann sagte er, dass jeder einmal eines von den Blättern in den Mund nehmen möge, um darauf zu kauen. Wir taten es und auf einmal spürten wir unseren Mund und Zunge gar nicht mehr. Aber nach etwa 3 Minuten kam allmählich das Gefühl wieder zurück, wie wenn nach einer Zahnbehandlung die Narkose nachlässt. Am Ende der Reise feierten wir Heiligabend bei Kerzenschein und Weihnachtsliedern mit Gitarre, was sehr schön romantisch war. Im Großen und Ganzen war es dann doch eine sehr schöne Reise geworden, die wir nicht so schnell vergessen sollten.