"Wache auf, der du schläfst und stehe auf aus den Toten,

 und CHRISTUS wird dir leuchten!" (Eph. 5:15)

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Juli - September 1996

Der Besucher aus Kolumbien

Ende Juni war - wie angekündigt - John Jairo (20) aus Kolumbien gekommen, der Sohn meines Freundes Pepe Gomez (45) aus Bogota, um drei Monate bei mir zu wohnen und - gemäß dem Wunsche seines Vaters - von mir geistlich gefördert zu werden, da er im Glauben nachgelassen habe. Was für ein Drama! Denn inzwischen hatte ich ja selber meinen Glauben verloren, und was konnte ich ihm jetzt noch bieten? Ich war also gezwungen, zu heucheln, soweit es mir möglich war; aber würde ich dieses Possenspiel die ganzen drei Monate durchhalten? Ich selber war es ja, durch den sich John Jairo damals mit 16 Jahren bekehrt hatte, als wir am Rande des Urwalds zusammen niederknieten und er sein Leben dem HErrn Jesus übergab! Und er hatte mich ja bei jedem meiner drei Besuche immer als einen äußerst frommen Glaubensbruder erlebt, von dem sein Vater immer in den höchsten Tönen geschwärmt hatte. Was für eine Enttäuschung wäre das nun für seinen Vater, ja geradezu ein Verrat, wenn er jetzt erfahren müsste, dass ich nicht mehr der fromme Simon von damals war, sondern inzwischen ein Abgefallener, der seinen labilen Sohn nun noch weiter von einem heiligen Leben abbringen könnte! Das konnte ich Pepe unmöglich antun; er würde es mir nie verzeihen. Sagte doch der HErr Jesus: "Wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, einen Anstoß zum Abfall gibt, dem ist es besser, dass ein Mühlstein um seinen Hals gelegt und er ins Meer geworfen werde" (Mt.18:5).

Ich musste also erst mal weiter die Rolle des bibeltreuen Bruders spielen, und es gelang mir zunächst auch, viel besser als ich gedacht hätte. Wir beteten immer gemeinsam und gingen zusammen am Samstag in den Spanischbibelkreis, wo sich Jairo aufgrund seiner einnehmenden, sympathischen Art schnell mit sämtlichen Geschwistern anfreundete, besonders mit den weiblichen. Ich meldete ihn bei der Volkshochschule an, um Deutsch zu lernen und machte mit ihm und Jochen Ausflüge ans Meer. Für Jairo war Deutschland wie ein Wunderland; einmal sagte er zu mir: "Simon, gestern bin ich zum ersten Mal um 23.00 Uhr noch auf der Straße mit dem Fahrrad gefahren. In meinem Land wäre das viel zu gefährlich gewesen!" Ich freute mich, dass er das Leben hier so genießen konnte und wir freundeten uns allmählich an. Nach etwa einer Woche saßen wir abends noch am Küchentisch und erzählten uns ausgelassen gegenseitig Geschichten aus unserem Leben; da beschloss ich spontan, ihm mein Geheimnis zu verraten: "Jairo, es gibt da etwas, was ich Dir bekennen muss, aber mir eigentlich sehr unangenehm ist. Wenn ich es Dir aber dennoch verrate, dann bitte ich Dich, es für Dich zu behalten und es nicht Deinen Eltern zu berichten, denn das wäre für mich sehr bedauerlich." - "Kein Problem," sagte Jairo, "ich verspreche Dir, dass ich es für mich behalte!" - "Es ist nämlich so, Jairo, dass mir vor kurzem etwas passiert ist, dass ich selber noch gar nicht richtig fassen kann. Es wird Dich wahrscheinlich sehr wundern, aber ich bin gar nicht mehr derjenige, den Du bisher gekannt hast. Ich habe nämlich vor etwa einem Monat meinen Glauben verloren. D.h. ich glaube zwar noch an Gott, aber nicht mehr an die Bibel als das Wort Gottes. Mir ist es - ehrlich gesagt - sehr peinlich, Dir das zu bekennen, denn Dein Vater hatte Dich ja eigentlich gerade aus diesem Grund hier nach Deutschland gesandt, damit Du durch mich mehr von der Bibel lernen kannst. Aber es hat sich jetzt alles auf einmal geändert, denn ich bin gar kein Christ mehr..."

Ich schaute Jairo dabei an, um seine Reaktion abzuwarten. Er lächelte nur die ganze Zeit, und als ich aufhörte zu reden, sagte er: "Das ist ja wirklich interessant, Simon, denn auch ich hatte die ganze Zeit schon das Bedürfnis, Dir etwas zu berichten, aber habe mich nicht getraut. Jetzt aber, wo Du so ehrlich warst, möchte auch ich Dir ein Geheimnis anvertrauen; aber auch Du musst mir hoch und heilig versprechen, dass Du es unter keinen Umständen meinen Eltern erzählst. Versprochen?" - Ich sagte es ihm zu, und er fuhr fort: "Es ist nämlich so, dass auch ich nicht der bin, der ich zu sein scheine, denn ich habe in den letzten zwei Jahren ein Doppelleben geführt, von dem meine Eltern nichts wissen. In ihren Augen bin ich nach wie vor der liebe Junge, der sogar im Gottesdienst schon öfter predigen durfte, aber in Wirklichkeit lebe ich sehr unzüchtig, indem ich mich heimlich mit Mädchen treffe und mit ihnen schlafe. Bis jetzt haben meine Eltern noch nichts bemerkt davon, denn ich erzähle ihnen dann immer, dass ich bei einem Freund übernachtet habe. Aber wenn sie es wüssten, würden sie mich rausschmeißen." - "Wie konnte das passieren?" - "Alles begann damit, dass wir eines Tages Besuch bekamen von einem gläubigen Ehepaar, die ihre Tochter mitbrachten. Während sich die Erwachsenen unterhielten, nahm ich sie hinauf in mein Zimmer und wir unterhielten uns. Schon bald hatten wir beide das Verlangen, mit einander zu schlafen, und so passierte es, ohne dass ihre Eltern etwas mitbekamen. Danach trafen wir uns immer öfter, indem ich sie zum Kino einlud und wir dann in ein Stundenhotel gingen. Irgendwann betrog ich sie mit einer anderen, und sie machte mit mir Schluss. Ich merkte, wie leicht es mir fiel, Mädchen nach dem Kino abzuschleppen und konnte gar nicht genug davon kriegen; - bis eines Tages eines dieser Mädchen mir mitteilte, dass sie von mir schwanger geworden war. Ich geriet in Panik und gab ihr all meine Ersparnisse, damit sie den Embryo abtreiben möge, was sie dann auch tat. Das war vor etwa drei Monaten, und seither fühle ich mich wie ein Mörder. Ich wünschte, ich könnte das alles ungeschehen machen, aber es ist nun mal passiert."

Auch ich konnte mein Erschrecken nicht verhehlen. Wir hatten also beide ein dunkles Geheimnis, das wir mit uns trugen, wobei meine Geschichte ja noch vergleichsweise harmlos war im Vergleich zu seiner. Auch ich versprach ihm, dass ich dies seinen Eltern nicht verraten würde und empfahl ihm, sich fortan solcher Affären lieber zu enthalten, zumal er doch nun gesehen habe, welche Folgen solche mit sich bringen könnten: "Weißt Du, Jairo, ich hatte nie eine andere Frau gehabt als meine eigene. Meine Arbeitskollegen haben sich damals über mich lustig gemacht, weil ich mit 23 Jahren noch immer keinen Sex hatte mit einem Mädchen. Einige hatten sogar schon mit 14 ihre ersten Erfahrungen gemacht! Manchmal habe ich sie sogar insgeheim dafür beneidet." - "Simon, ich würde alles darum geben, wenn all dies nie geschehen wäre. Ich wünschte mir im Nachhinein, so wie Du jungfräulich in die Ehe gegangen zu sein, und ehrlich gesagt beneide ich Dich sogar dafür. Du hast heute eine liebe Frau und eine gesunde Tochter; - das wünschte ich mir jetzt auch von Herzen, aber ich kann die Zeit leider nicht mehr zurückdrehen. Obwohl ich erst 20 J. bin, fühle ich mich schon alt und verbraucht, weil ich meine Unschuld verloren habe." Das hat mich sehr bewegt, und ich war tatsächlich froh, dass ich eine intakte Ehe haben durfte.

Während ich nun tagsüber auf der Arbeit war, ging Jairo vormittags zum Deutschkurs. Jairo erzählte mir, dass er am liebsten in Deutschland bleiben würde, weil das Leben in jeder Hinsicht hier besser sei. Wenn er erst mal Deutsch gelernt habe, wolle er arbeiten und ein besseres Leben haben als in seiner Heimat, die in Armut und Kriminalität zu versinken drohte. Sogar sein Vater hatte ihm geraten, lieber eine Deutsche zu heiraten als eine Kolumbianerin, denn, so wörtlich: "Hay que mejorar la raza" ("Man muss die Rasse verbessern"). Seine Freunde beim Militär hatten ihm geraten, einfach seinen Pass wegzuwerfen, weil man ihn dann nicht mehr so leicht abschieben könne, wenn man nicht wisse, woher er komme. Doch haben die Kolumbianer einen sehr typischen Akzent, so dass man es bei ihm leicht herausfinden konnte. Jairo überlegte sich deshalb, einer Frau Geld zu geben, um in eine Scheinehe einzuwilligen. Früher hätte ich ihn zur Buße gerufen wegen all solcher frevelhaften Überlegungen, aber jetzt schwieg ich einfach und dachte, er wird schon wissen, was er tut. Tatsächlich war von seiner ersten Liebe zu Gott nicht mehr viel übrig geblieben. Er sagte immer, dass er sich mit 30 J. noch einmal richtig bekehren würde wie sein Vater, aber vorher noch ein wenig die Welt genießen wolle. "Du kannst doch nicht Deine Bekehrung planen! Wenn Du wirklich wieder Christ werden willst, dann würdest Du es schon heute werden!" Dennoch konnte ich ihn natürlich verstehen. Wenn Jairo mir abends die Geschichten von all den Filmen erzählte, die er schon gesehen hatte, dann hatte ich auch den Eindruck, dass ich viel verpasst hatte. Irgendwann kaufte ich mir dann eine sog. TV-Karte, d.h. eine Hardware, die man im PC installieren konnte, um mit dem PC fernsehen zugucken. Ich dachte: "Jetzt werde ich allmählich alles nachholen!" Das ist ja das Erbärmliche am Unglauben, dass man glaubt, dass die Welt einem mehr zu bieten habe, das man nicht verpassen dürfe.

Der Streit mit der Nachbarin

An einem Samstagvormittag kam Elena zu uns hoch und erklärte uns, dass sich der Vermieter über uns beschwert habe, weil wir den großen Garten hinterm Haus haben verwildern lassen und auch vorne überall Unkraut gewachsen sei. Ich entgegnete, dass der Garten doch schon von Anfang an verwildert war und wir doch gar keine Verpflichtung hätten, diesen wieder in Stand zu bringen, weil er ja schließlich noch nicht einmal Bestandteil des Mietvertrages sei. Man müsse ja inzwischen schon einen Gärtner bestellen, der in dieses verwilderte Grundstück erst mal einen Grund hineinbekommt, und der hätte bestimmt eine ganze Woche voll zu tun. Elena sah dies jedoch anders und forderte von uns, dass wir uns als Männer auch mal an der Gartenarbeit beteiligen sollten, schließlich habe sie auch schon öfter mal was im Garten gemacht trotz ihrer Bandscheibenvorfälle. Widerwillig gingen wir daraufhin mit ihr in den Garten, nahmen uns jeder einen Spaten und begannen damit, das 50 cm hohe Unkraut durch Umgraben zu beseitigen. Nach einer Stunde kam Elena zu uns und ich fragte sie, was sie eigentlich bisher im Garten gemacht habe, da man absolut nichts davon sehen könne. Da regte sie sich sehr auf und verwies auf die zwei kleinen Beete am Zaun, wo sie angeblich schon an vielen Tagen dran gearbeitet habe. Ich entgegnete, dass das Bisschen man doch in zwei Stunden hätte erledigen können. Darauf rannte sie plötzlich wie wild auf mich zu, weil sie mich würgen wollte, doch dabei stolperte sie über die Schubkarre, die ich gerade vor mir her trug. Sie schrie laut und fluchte mir mit Schimpfwörtern, so dass ich in Deckung ging. Als sie kurz darauf wegging, kam eine Nachbarin und fragte mich, warum sie so sehr geschrien habe. Ich erklärte ihr, dass Elena psychisch krank sei und deshalb sich manchmal nicht kontrollieren könne. Daraufhin rief Elena von Ferne: "Was hast Du da gerade über mich gesagt!??" Ich antwortete wahrheitsgemäß: "Ich habe ihr erklärt, dass Du leicht gestört bist und Dich deshalb manchmal nicht unter Kontrolle hast." Darauf schrie Elena wie eine Wahnsinnige: "ICH BRING DICH UM!!! ICH SCHWÖR DIR: ICH BRING DICH UM!!!" und rannte auf mich zu. Ich flüchtete mit Jairo schnell ins Haus, wir rannten nach oben und hielten die Tür unserer Wohnung zu. Aber Elena versuchte gar nicht erst, die Tür aufzudrücken, sondern zog sich zurück.

Jairo aber stand unter Schock und beschwor mich, dass wir abends nun immer die Tür abschließen sollten, weil er der Elena zutrauen würde, dass sie mich eines Abends wirklich umbringen könne, so verrückt wie sie sei. Ich versuchte, ihn zu beschwichtigen, dass Elena das nicht so gemeint habe und er sich keine Sorgen machen brauche. Trotzdem drängte er mich, ich solle mich doch bei Elena entschuldigen, damit wieder Friede sei. Ich versprach es, wollte aber erst mal abwarten, bis sich die Lage wieder beruhigt habe. Jairo nahm sich indes ein Wörterbuch und versuchte nun selber einen versöhnlichen Brief an Elena zu schreiben. Sein erster Satz lautete: "Liebe Elena, du bist eine Wucht..." - (das kommt dabei raus, wenn man mit dem Wörterbuch übersetzt, ohne die Sprache zu beherrschen). Aber Elena hatte mir schon am nächsten Tag vergeben, als ich sie darum bat.

Jairos Verdorbenheit

In den Tagen danach überlegten wir uns, was Jairo nachmittags machen könnte, wenn ich noch auf der Arbeit war. Ich gab eine kostenlose Stellenanzeige für ihn auf, aber es meldeten sich nur Perverse, die ich sofort am Telefon abwimmelte. Doch als ein Mann ein Model suchte, um Werbefotos zu machen, wollte Jairo selbst mit ihm sprechen auf Englisch. Sie verabredeten sich an einem Nachmittag zum Vorstellungsgespräch, und ich dachte mir eigentlich nichts dabei. Doch als der Abend kam, war Jairo immer noch nicht da, so dass ich begann, mir Sorgen um ihn zu machen. Auch um 22.00 Uhr war Jairo immer noch nicht zurück, so dass ich überlegte, ob ich die Polizei rufen sollte. Es war schon kurz nach 3.00 Uhr, als Jairo endlich nach Hause kam. Ich machte Licht an und fragte ihn, warum er erst so spät nach Hause gekommen sei: "Sag mir die Wahrheit, Jairo, war der Mann schwul?" - "Ja." - "Was hat er mit Dir gemacht." - "Nichts." - "Und woher weißt Du dann, dass er schwul war?" - "Er hat im Auto seine Hände auf meine Oberschenkel gelegt". - "Ja, und was hast Du gesagt?" - "Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht möchte, und er hat es sofort respektiert". - "Ach so, und warum bist Du nicht sofort ausgestiegen?" - "Er hat mich zu sich nach Haus eingeladen" - "Ach, und Du hast gedacht: warum nicht?" - "Er war sehr freundlich zu mir und hat mir Wein zu trinken angeboten." - "Ja, weil er Dich verführen wollte! Und, hat er es geschafft?!" - "Nein." - "Sagst Du mir auch die Wahrheit?" - "Ja, wir haben uns nur unterhalten." - "Es fällt mir schwer, das zu glauben. Er wollte Dich doch verführen!" - "Ja, er hat es ein paar Mal versucht und hat mir auch Geld angeboten, aber ich habe immer wieder Nein gesagt. Er machte mir immer wieder Komplimente, sogar über meine Zähne." - "O Jairo, in was hast Du Dich da bloß hineinbegeben! Ich bin so froh, dass Du wieder da bist. Ich trage schließlich Verantwortung für Dich. Mach das bitte nie wieder!" - "Keine Sorge, Simon, ich kann schon auf mich alleine aufpassen."

Je länger Jairo bei mir wohnte, desto mehr lernte ich auch seine dunklen Seiten kennen. Er machte sich einen Spaß daraus, mich durch perverse Witze in Verlegenheit zu bringen, und anstatt ihn zu einem christlicheren Leben zu bewegen, gelang es ihm, mich nach und nach mehr für die Welt zu begeistern. Einmal spielten wir samstagabends Schach und hatten vereinbart, dass jeder nach einem Zug einen Schluck aus einer Flasche Wodka nehmen solle. Als das Spiel sich zum Ende neigte, war die Flasche leer und wir beschlossen, noch ein paar Einkäufe zum Wochenende zu erledigen. Doch als wir im Supermarkt waren, setzte plötzlich massiv die Wirkung des Alkohols ein, so dass ich alles nur noch wie im Rausch wahrnahm und in einer Tour nur gelacht hatte. Ohne nachzudenken, kaufte ich auch einen Tapeziertisch, obwohl wir ja nur mit dem Fahrrad unterwegs waren. So geschah es, dass sich dieser beim Fahren öffnete und Jairo den ausgeklappten Tapeziertisch im Vollrausch einfach mit dem Fahrrad hinter sich her schleifte, sodass die eine Ecke am Ende völlig weggewetzt war. Als ich nach Hause kam, wollte ich mich eigentlich noch duschen, aber war im dunkeln Zimmer auf dem Bett unbekleidet eingeschlafen. Im Halbschlaf merkte ich, dass plötzlich ein Blitzlicht im Dunkeln aufleuchtete, war aber zu benommen, um darauf zu reagieren. Mit diesem Foto hatte Jairo dann Monate später versucht, mich zu erpressen.

Leider blieb dies nicht der einzige böse Scherz, den Jairo sich erlaubte. Eines Tages, als er allein in der Wohnung war und neugierig in meinen Sachen stöberte, entdeckte er ein Foto, das Ruth einmal Jahre zuvor aus Spaß von mir gemacht hatte, als ich gerade nackt aus der Dusche gekommen war. Er nahm es und tat es aus lauter Bosheit in einen der bereits zum Versand verschlossenen Briefe auf meinem Schreibtisch, den er danach wieder zumachte, so dass ich nichts merkte. Wie ich erst Monate später erfuhr, war dieser Brief an Bruder Hans-Udo Hoster adressiert. So etwas ist nicht mehr lustig, sondern bösartig und psychopathisch!

Mein Rauswurf

Allmählich wurde mir klar, dass ich bei den Bibelstunden im Hause von Schwester Brigitta nicht länger heucheln konnte. So geschah es, dass ich eines Abends nach der Stunde mich Brigitta gegenüber offenbarte. Ich bat sie um Entschuldigung, dass ich in den letzten zwei Monaten so getan hatte, als wäre ich immer noch Christ, indem ich am Wort diente, obwohl ich selbst gar nicht mehr daran glaubte. Brigitta reagierte erwartungsgemäß entsetzt und schaute mich voller Misstrauen an. Für sie war ich nun ein Verräter, da ich zu den Feinden übergewechselt war. Ihr war in diesem Moment sofort klar, dass ich nun geistlich gestorben sei und sie wollte auch nicht weiter mit mir reden, sondern verabschiedete sich von mir mit einem kühlen Unterton. Brigittas Reaktion war für mich eine Warnung, dass ich von nun an besser nicht mehr mit der Tür ins Haus fallen sollte, sondern meine Entscheidung viel behutsamer und nachvollziehbarer vermitteln sollte. Ich musste es vor allem so darstellen, als wäre ich nach wie vor Christ, nur dass sich eben meine Haltung zur Bibel geändert habe.

Als die Sommerferien begannen und Jairos Unterricht vorübergehend ausfiel, überlegten wir, was er tagsüber machen könnte. Da ich auf einer größeren Baustelle ganz alleine am Arbeiten war, schlug ich vor, dass Jairo mir doch tagsüber bei der Arbeit helfen könnte, zumal wir dann auch mehr Gemeinschaft haben könnten. So brachte ich ihm bei, wie man Heizkörper lackiert, und immer wenn mal der Meister (Claus) zu Besuch kam, hatte ich Jairo schnell weggeschickt, damit niemand merken sollte, dass er mir half. Doch Anfang August kam Claus auf eine andere Baustelle, wo ich gerade mit meinen Kollegen am Arbeiten war, und kündigte an, dass wir alle am Samstag arbeiten müssen, da es einen Terminauftrag gebe. Da ich jedoch ausgerechnet an diesem Samstag einen wichtigen Termin hatte, rief ich Claus zu, dass ich nicht könne. "Warum nicht?" fragte Claus. "Ich habe einen wichtigen privaten Termin, den ich schon einmal verschoben hatte." - "Wenn Du den schon mal verschieben konntest“, entgegnete Claus, "dann kannst Du ihn auch ein weiteres Mal verschieben!" Ich entrüstete mich und erwiderte mit Verbitterung: "Dann müssen aber auch alle Meister am Samstag mitarbeiten, sonst wäre das ungerecht!" Darauf rief Claus mich nach oben und schimpfte mit mir, dass ich nicht so frech vor allen Gesellen zu ihm reden dürfe, weil ich dadurch seine Autorität untergraben würde. Er kündigte mir an, dass er dies auch dem Chef melden müsse. Als ich am darauffolgenden Montag auf den Hof kam, wo alle Gesellen warteten auf ihre Zuteilung, kam der Chef mit seinem Mercedes vorgefahren, stieg aus und rief mich herzu. Er legte ein Papier auf die Motorhaube und bat mich, dieses zu unterschreiben. Zu meiner Überraschung las ich die Überschrift: "Kündigung"! Ich erschrak und mein Herz klopfte. "Warum?!?" fragte ich bestürzt. "Weil wir offensichtlich unterschiedliche Auffassungen haben, unter welchen Bedingungen z.B. auch mal am Wochenende gearbeitet werden sollte, aber auch andere Dinge, über die ich hier aber jetzt nicht reden will."

 Eine Deutschlandreise mit vielen Emotionen

Meine Kündigung erwies sich im Nachherein als gar nicht so nachteilig, denn dadurch hatten John Jairo und ich unverhofft die Chance bekommen, im Sommer eine Besuchsreise bei Freunden in Deutschland zu machen (denn ich hatte noch keinen Urlaubsanspruch, da man diesen erst sechs Monaten nach Beschäftigungsbeginn erhalten kann). Mein Vorschlag war, in den Schwarzwald zu fahren mit Zug und Fahrrad, denn dort wohnten viele Gläubige, die ich noch von früheren Besuchen kannte, u.a. mein Freund Friedrich Botesz (37). So fuhren wir am Freitag im Nachtzug nach Karlsruhe und von dort aus am Samstagmorgen mit dem Fahrrad über Karlsbad nach Straubenhardt-Schwann, wo wir gegen 10.00 Uhr bei Friedrich ankamen. Da Jairo im Zug nicht gut geschlafen hatte, wollte er im Elternhaus von Friedrich sich noch mal für zwei Stunden hinlegen. Aber als wir ankamen, hatte Friedrich gerade einen ganz anderen Plan, denn er wollte mit uns zu einer Baustelle fahren, wo wir ihm beim Tapetenabkratzen behilflich sein sollten. Als ich dem Friedrich das Anliegen von Jairo mitteilte, zeigte dieser kein Verständnis dafür, sondern sagte: "Das ist ganz typisch für die Südländer: Wenn es ums Arbeiten geht, dann drücken sie sich lieber. Aber sie müssen lernen, dass wir hier in Deutschland am Tage arbeiten und uns nicht ausruhen. Schon im Wort Gottes heißt es: 'Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen'!" - Ich war mir nicht sicher, ob ich das dem Jairo übersetzen sollte. Als ich es aber dann doch tat, war Jairo tief verletzt und beleidigt, so dass er mir erwiderte: "Simon, sag dem Friedrich bitte, dass ich jetzt mitkommen werde, um bei der Baustelle zu helfen, aber dass ich jetzt nicht mehr in seinem Haus übernachten möchte, denn ich habe auch meinen Stolz und möchte diesem Rassisten zeigen, dass er sich irrt." So fuhren wir mit dem Fahrrad zur Baustelle, und ich versuchte auf Friedrich einzuwirken, dass er sich doch bei Jairo entschuldigen sollte für seine verletzenden Worte. Leider stieß ich bei Friedrich zunächst auf Granit, da er sich auch hier in seinen Vorurteilen bestätigt sah; denn auch das Beleidigtsein sah er als etwas besonders Typisches für die Südländer an, weil sie eben obendrein auch noch sehr stolze Menschen seien, die keine Kritik vertragen könnten.

So war am Vormittag erst mal eine ziemlich unterkühlte Stimmung. Gegen Mittag redete ich dann noch mal mit Friedrich, ob er nicht doch seine hartherzige Haltung gegenüber seinem Gast aufgeben wolle und verwendete alle möglichen Bibelstellen (selbst wenn ich sie für mich nicht mehr ganz so verbindlich ansah), um das schlechte Klima zu verbessern. Schließlich ließ sich Friedrich dann doch erweichen und bat Jairo um Vergebung. Jairo war erleichtert darüber, wollte aber dennoch lieber im Zelt übernachten, zumal er von der schönen Natur fasziniert war. Am Abend war ich also mit Friedrich allein auf seinem Zimmer und ich nutzte die Gelegenheit, ihm von meinem Glaubensabfall zu erzählen: "Friedrich, es gibt da etwas, dass ich Dir bekennen muss, von dem ich annehme, dass es Dich sehr erschrecken wird. Vielleicht wirst Du mir dann auch nicht mehr erlauben, bei Dir zu übernachten." - Friedrich: "Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass es etwas gäbe, dass ich Dich nicht mehr aufnehmen würde; da müsstest Du schon Satanist geworden sein!" Dann erzählte ich es ihm, aber so recht glauben konnte Friedrich es nicht. Ich hatte eher den Eindruck, dass er mich nicht so recht ernst nahm. Sein einziger Kommentar war, dass ich mich doch bitte in Zukunft immer hinsetzen möge auf der Toilette, da das Pinkeln im Stehen immer so spritze bei meiner Körpergröße.

Am nächsten Morgen wollten Jairo und ich quer durch den Schwarzwald zum 50 km entfernten Ort Altensteig-Spielberg radeln, denn dort wohnte die 13-köpfige Familie Burkhardt, die mit dem Bruder Hans-Udo verwandt war. Da wir sonniges Wetter hatten, gab es eine traumhaft schöne Aussicht. Als wir ankamen, setzten wir uns mit dem Hausvater Frieder an einen kleinen Tisch und unterhielten uns eine Weile über die heutige Christenheit. In diesem Moment kam ein bildhübsches Mädchen hinein und sprach kurz mit ihrem Vater. Jairo war völlig gefesselt von ihrer Schönheit und war wie erstarrt. Dann wurden wir zum Essen gerufen, so dass wir auch mal alle anderen, teilweise schon erwachsenen Töchter und Söhne der Familie sehen konnten. Noch immer war Jairo ganz gebannt von diesem etwa 17 Jahre alten Mädchen, und auch in dem anschließenden Gottesdienst drehte sich Jairo immer wieder zu ihr um, da wir ganz vorne saßen und sie ganz hinten. Als ich mich später mit ihrem Bruder Andreas Burkhardt darüber unterhielt, der in etwa mein Alter hatte und auf Lehramt studierte, erklärte er mir, dass seine Schwester wegen ihrer Schönheit eine ganze Menge Verehrer habe, sie aber bisher allen einen Korb gegeben hatte, da sie noch zu jung sei und zudem auch niemandes Beute oder Trophäe sein wollte. Genau das aber war es scheinbar, worum es dem Jairo ging, denn er flehte mich an, dass ich doch ein Foto von ihr machen möge. Ich tat ihm diesen Gefallen, aber just in dem Moment, als ich das Foto nahm, war gerade der Film zu Ende und die Filmrolle spielte wieder an den Anfang zurück. Aus dem Foto war also nichts geworden.

Anschließend besuchten wir einen kolumbianischen Bekannten von Jairo, der mit seiner deutschen Frau in einem Dorf nahe Stuttgart lebte. Aus diesem Anlass bereiteten sie am Abend ein üppiges Festessen und luden dazu noch weitere Kolumbianer ein, so dass es eine Party wurde, die weit in die Nacht andauerte. Während er sich stundenlang mit seinen (ungläubigen) Freunden amüsierte, merkte ich, dass Jairo durch und durch ein Weltmensch war, der sich in Gemeinschaft mit anderen Weltmenschen pudelwohl fühlte. Aber obwohl ich ja inzwischen auch nicht mehr gläubig war, hatte ich nichts mit ihnen gemein. Es war einfach nicht meine Welt, und ich fürchtete, dass dies auch nie meine Welt werden würde. Spät in der Nacht fragte ich Jairo, ob er mit mir mal einen Spaziergang machen würde, weil ich mit ihm sprechen wollte. Wir gingen in der sternenklaren Nacht dieses Spätsommers einen Feldweg hoch, und ich erklärte Jairo, dass ich von ihm doch ziemlich enttäuscht sei, weil er sich wirklich in nichts unterschied von den Weltmenschen der übelsten Sorte. Jairo versuchte verzweifelt, sich zu rechtfertigen, dass er sich doch anpassen müsse, um sie nicht vor den Kopf zu stoßen etc. Ich erinnerte ihn an Spr. 1 "Wenn Sünder dich locken, so willige nicht ein...", und wir sprachen darüber, in wie weit die moralische Weisheit der Bibel auch heute noch verbindlich sein sollte. Dann legten wir uns auf dem Boden, um den Sternenhimmel zu betrachten und philosophierten weiter über Fragen, wie z.B.: Muss Gott unbedingt ein guter Gott sein oder wäre es auch denkbar, dass er ein böser Gott sein könnte etc. Und da war Jairo wieder ganz der Freund, den ich mir gewünscht hatte.


Oktober - Dezember 1996

Mein Geständnis gegenüber Ruth

Inzwischen hatte Bruder Hans-Udo einen Kandidaten für die Nachfolge als Kinderheimleiter gefunden. Wir hatten uns deshalb für Anfang November in Ecuador verabredet, um über den Hausverkauf und all die Details vor Ort zu sprechen. Mein Flug ging aber schon am 09.10.96, so dass ich noch ein wenig bei Ruth und Rebekka in Lima sein konnte. Ein Problem war Jairo, der inzwischen fest entschlossen war, seinen Rückflug für Ende September einfach verfallen zu lassen, um für immer in Deutschland zu bleiben. Da ich ihn immer noch für meinen Freund hielt, überließ ich ihm einfach unsere Wohnung für die nächsten drei Monate und gab ihm die Schlüssel. Statt jedoch nach einer seriösen Arbeit zu suchen, traf er sich noch ein zweites Mal mit jenem Schwulen und kam wieder erst sehr spät in der Nacht nach Haus. Nach meiner Abreise erfuhr ich später von ihm, dass er einen Anruf von der Ausländerbehörde erhielt, weil sie irgendwie mitbekommen hatten, dass er seinen Rückflug nicht angetreten hatte. Sie gaben ihm zwei Wochen Zeit, sein Ticket umbuchen zu lassen und drohten ihm damit, ihn durch die Polizei zur Fahndung ausschreiben zu lassen, sollte er beabsichtigen, in Deutschland unterzutauchen. Da bekam Jairo weiche Knie, ließ sein Ticket umbuchen, packte seine Sachen und flog Ende Oktober zurück nach Kolumbien.

Als ich am 09. Oktober abends in Lima ankam, stand die gesamte Familie meiner Frau am Flughafen. Rebekka war inzwischen schon ein Jahr alt, und ich freute mich sehr, sie wieder zu sehen. Doch als ich sie auf den Arm nahm, fing sie sofort an, zu schreien, denn für sie war ich ja ein fremder Mann. Es würde einige Monate dauern, bis sie sich wieder an mich gewöhnte. Wir nahmen uns ein Sammeltaxi, wo ein Großteil von uns (10 Personen) mit Ach und Krach hineinpasste (manchmal sitzen die Peruaner sogar zu zweit auf dem Beifahrersitz. Nachdem wir meinen Koffer und Handgepäck in Ruths Elternhaus gelassen hatten, gingen wir erst einmal gegenüber der Avenia Mexico in unser Lieblingsrestaurant und bestellten Hähnchen mit Pommes, um meine Ankunft zu feiern. Am darauffolgenden Sonntag waren fast alle Geschwister aus Lima im Gottesdienst versammelt und freuten sich, dass die Familie Poppe-Condori jetzt wieder vollständig zusammen war. Ich hielt wie immer eine Predigt, und keiner ahnte, dass bald schon nichts mehr so sein würde, wie es war.

Spät am Abend lag ich mit Ruth im Bett, und wir unterhielten uns über all das, was in der Zwischenzeit geschehen war. Ruth berichtete, dass sie ihr Studium der Tiermedizin inzwischen erfolgreich beendet habe und demnächst auch ihre Urkunde erhalten würde. Als nächstes sei nun ihre Doktorarbeit dran, wobei sie sehr unter Zeitdruck stehe, denn sie müsse diese innerhalb der nächsten zwei Monate fertigstellen, da das von ihr vorgeschlagene Thema nur bis zum Ende dieses Semesters Gültigkeit habe und sie bei nicht rechtzeitiger Abgabe noch einmal ganz von vorne anfangen müsse. Zudem habe ihr Doktorvater Rojas ihr gegenüber Andeutungen gemacht, dass Ruth sich lieber gleich ein anderes Thema wählen sollte, da er als Direktor des Parasitologischen Instituts von Peru noch nie von einer Kokzidienart namens Caryospora gehört habe, dass es diese auch in Greifvögeln geben solle. Seines Wissens nach habe man diese bisher nur in Schlangen festgestellt und auch nur in Europa. Sollte Ruth also den Nachweis erbringen, dass es diese Parasitenart auch in Greifvögeln Perus gebe, dann wäre das eine kleine Sensation. Würde sie jedoch nur bestätigen, dass es diese Art tatsächlich nicht in Peru gebe, dann hätte ihre Doktorarbeit nur einen geringen Wert. Ruth bat mich darum, dass ich ihr aufgrund der Kürze der Zeit unbedingt bei der Doktorarbeit helfen möge, indem ich die Texte für den Literatur-Teil vom Englischen und Deutschen ins Spanische übersetze. Sie hingegen würde sich hauptsächlich um die Laborbefunde kümmern und ihre Ergebnisse dann mit eigenen Worten beschreiben.

Während ich ihren Erklärungen lauschte, überlegte ich mir die ganze Zeit, wie ich ihr nun verständlich machen könnte, dass ich meinen Glauben verloren habe. Auf keinen Fall wollte ich es weiterhin für mich behalten, denn es war mir wichtig, dass Ruth und ich keine Geheimnisse vor einander hätten. Ich begann also ihr zu erzählen, wie ich in den ersten Monaten gelitten hatte, weil ich den Eindruck hatte, dass Gott nicht mehr zu mir rede. Dann berichtete ich ihr der Reihenfolge nach, was ich alles erlebt hatte und welche Gedanken mir dabei kamen. Schließlich bekannte ich ihr dann ganz offen, dass ich die Bibel nicht mehr als Wort Gottes betrachte, jedoch weiterhin an Gott glaube. Ruth fing an zu weinen und sagte zunächst nichts. Doch dann zog sie ihr Fazit: "Jetzt hast Du Gott verlassen, und als nächstes wirst Du auch mich verlassen!" Ich beschwichtigte sie sofort und beteuerte ihr, dass sich nie etwas an meiner Liebe zu ihr ändern würde, denn das sei doch etwas ganz anderes. "Das mag ja sein“, entgegnete sie, „aber Du wirst unsere gemeinsame Tochter in den Unglauben ziehen, und das kann ich absolut nicht zulassen, sondern ich muss meine Tochter vor Dir schützen!" - "Nein, auf keinen Fall, Ruthi!" antwortete ich, "Im Gegenteil verspreche ich Dir, dass ich Rebekka nie etwas erzählen werde von meinem Unglauben bis sie 18 Jahre alt ist. Wir werden sie beide im Glauben an Gott erziehen und mit ihr regelmäßig vor dem Essen beten und in die Gemeinde gehen. Ich bin auch völlig damit einverstanden, dass wir sie zur Freien Evangelischen Bekenntnisschule in Bremen schicken, wenn sie eingeschult wird. Denn ich lehne das Christentum ja gar nicht ab, sondern wünsche mir selber, dass Rebekka einmal gläubig wird!" - Ruth schaute mich misstrauisch an: "Ach, und wenn Du den Glauben für so wichtig hältst, warum willst Du dann selber nicht mehr glauben? Da widersprichst Du Dir doch!"- "Nein, ich würde ja selber auch gerne wieder glauben, aber ich kann es einfach nicht mehr. Ich habe nun einmal hinter den Vorhang geschaut, und jetzt bin ich vom Glauben zum Schauen gekommen. Ich weiß nicht, wie ich es Dir erklären soll." - "Du brauchst es mir nicht erklären, denn dies kann kein normaler Mensch verstehen. Ich will nur eines, und das ist, dass meine Tochter eines Tages gläubig wird. Und sollte ich irgendwann merken, dass Du sie heimlich beeinflusst, dann werde ich mich von Dir trennen, denn ich trage für unsere Tochter eine Verantwortung vor Gott!"

Vielleicht war es diese klare Ansage von Ruth, die in den Jahren danach bewirkte, dass ich um alles in der Welt bemüht war, mein Versprechen gegenüber Ruth einzuhalten. Es war nicht nur, weil ich sie liebte, sondern ich wollte ihr auch beweisen, dass auch ein Ungläubiger treu sein kann, ja vielleicht noch viel treuer als ein Gläubiger. Sollte Ruth doch irgendwann sich von mir scheiden lassen, aber ich würde mich nie von ihr scheiden lassen, obwohl ich es nach meiner neu gewonnenen Moral theoretisch durfte. Stattdessen wollte ich Ruth die Überlegenheit des aufgeklärten Denkens vor Augen führen, indem ich ihr zeigen wollte, dass Christen die Treue nicht für sich allein gepachtet hätten. "Wollen wir doch mal sehen", dachte ich bei mir "wer von uns beiden als erstes schwach wird und das Handtuch wirft. Ich werde es auf jeden Fall nicht sein!"

Ruths Doktorarbeit

Schon am nächsten Tag machten wir uns gleich an die Arbeit. Ruth erklärte mir nochmal, worum es bei der Doktorarbeit ging, dass man nämlich zunächst einen Überblick gibt über den bisherigen Erkenntnisstand, indem man sämtliche Forschungsergebnisse zum Thema in Kurzform mit eigenen Worten schildert und die entsprechenden Quellen dafür benennt. Dann käme als nächstes ein Kapitel namens "Material und Methode", in welchem man schildert, mit welchem Verfahren und welchen Hilfsmitteln man den zu untersuchenden Gegenstand erforschen möchte, um das Ergebnis dann im weiteren Kapitel ausführlich darzustellen. Schließlich kommt noch ein Kapitel, wo die Befunde zur "Diskussion" gestellt werden, wo es einem erlaubt ist, auch einmal frei eine Vermutung zu äußern, die aber gut begründet sein müsse. Ruth hatte für den Literatur-Teil eine ganze Menge Kopien aus Deutschland mitgebracht, z.T. sogar ganze Doktorarbeiten von anderen kopiert, und ich begann mit dem Übersetzen. Doch obwohl ich bald 10 Stunden am Tag daran arbeitete, kam ich kaum voran, weil mir der Durchblick für das Wesentliche fehlte. Schließlich stieß ich auf die Doktorarbeit eines gewissen Kutzer aus Deutschland, die nahezu so perfekt war, dass ich Ruth den Vorschlag machte, diese doch einfach 1 : 1 ins Spanische zu übersetzen, weil wir dadurch viel Zeit sparen würden, die ja ohnehin knapp war. Denn warum sollte man sich damit abquälen, alles mit eigenen Worten zu formulieren, wenn es doch schon so vollkommen und ausführlich dargelegt wurde wie hier. Zudem beträfe dies ja nur den Literatur-Teil, während die eigentliche Forschungsarbeit ja von Ruth selbst erbracht werde.

Ruth war damit einverstanden, und so übersetzte ich seitenlang die taxonomischen Darstellungen von Kutzer und seine ausführlichen Erklärungen dazu, die am Ende rund 60 % von Ruths Doktorarbeit ausmachten (normal sollten es eigentlich nur 20 % sein). Ruth wiederum korrigierte immer wieder mal grammatikalische Fehler in meiner Übersetzung oder bat darum, zusätzliche Ergänzungen aus anderen Texten einzufügen, sowie von Hand geschriebene Kommentaren von ihr, die ich dann wiederum digital einpflegte. Uns blieb nur noch eine Woche Zeit bis zur Abgabe, weshalb wir am Ende beide bis zu 16 Stunden am Tag daran arbeiteten, ich am Computer und Ruth in der Sichtung des Materials. Ruths Mutter Lucila versorgte uns zwischendurch mit Mahlzeiten und kümmerte sich um Rebekka. Als dann Ruth auch noch tatsächlich die einzelligen Caryospora-Parasiten im Kot von verschiedenen Greifvögeln im Zoo von Lima nachweisen konnte, waren wir sehr froh und erleichtert, denn jetzt hatte Ruth den Doktortitel schon so gut wie in der Tasche. Doch nun musste die Dissertation noch von verschiedenen Fachleuten und ihrem Doktorvater korrekturgelesen werden. Doch konnte eine solche Korrekturlesung viele Wochen und Monate dauern, da sie ja auch noch viel andere Arbeit auf dem Schreibtisch hatten. Wenn aber nicht alles bis Mitte Dezember fertig war, dann war alles umsonst, deshalb gab es jetzt nur noch die Möglichkeit, mit ein wenig Schmiergeld nachzuhelfen. Ruth klopfte also an die Tür von Prof. Dr. Rojas und erklärte ihm: "Herr Dr. Rojas, mir ist bewusst, welch ein Opfer es für Sie darstellt, wenn Sie meiner Doktorarbeit in der Reihenfolge der Begutachtung einen Vorrang einräumen. Deshalb möchte ich Ihnen anbieten, Sie für diesen Mehraufwand zu entschädigen, sofern es für Sie nicht eine Kränkung darstellen sollte." - Prof. Dr. Rojas reagierte allerdings keineswegs gekränkt, sondern hatte sogar eine eigens für solche Zwecke angefertigte, inoffizielle "Sondergebühren"-Tabelle, die sich nach der Eile eines Falles bemaß. Scheinbar war Ruth also nicht die erste, die um eine Vorzugsbehandlung ersucht hatte.

Krisensitzung in Ecuador

In der Zwischenzeit musste ich dann jedoch nach Ecuador reisen, wo mich schon Bruder Hans-Udo Hoster erwartete zusammen mit einem neuen, ledigen Kandidaten für die Kinderheimarbeit, namens Roman (ca. 35). Sie waren schon zwei oder drei Tage vor mir angekommen und beim Bruder Jorge Calvache beherbergt. Als ich ins Zimmer kam, war gerade eine ziemliche Krisenstimmung und Hans-Udo klärte mich auf, dass sich mittlerweile ziemlich viele Probleme ergeben hätten. Worum es im Detail ging, weiß ich nicht mehr, aber im Prinzip war es vor allem die Uneinigkeit unter den Geschwistern und die Eigenmächtigkeit in Bezug auf die Verwendung der Spendengelder. So hatte Jorge, der ja ein Elektriker war mit eigener Firma, überall im Haus alle 2 m eine Steckdose anbringen lassen und sich diesen unsinnigen Aufwand von den Spendengeldern bezahlen lassen. Hans-Udo sagte damals: "Als hätte er die neuen Büroräume einer Computerfirma damit ausstatten wollen! Dabei geht es doch hier lediglich um ein Kinderheim."

Und dass Nelson sämtliche Wände der oberen Etage wegreißen ließ, um - wie er sagte - die Kinder besser im Blick haben zu können, war ja noch einigermaßen sachlich begründet; aber warum er den 3 qm großen Balkon aus Teakholz einfach entfernen ließ ohne mich zu fragen, hatte mich ziemlich geärgert. Er sagte nur: "Aber ich hatte Ihnen das doch geschrieben, dass ich das machen wolle, und Sie hatten keinerlei Einwände." - Ich antwortete: "Wenn ich mal nicht reagiere, muss das nicht bedeuten, dass ich damit einverstanden bin, sondern lag in diesem Fall nur daran, dass Sie sich immer so übertrieben akademisch ausdrücken, dass ich nicht immer alles verstehe, was Sie mir in Ihren vielen Briefen schreiben. Hätten Sie mich aber gefragt, dann hätte ich dem nicht zugestimmt, denn vorher sah es viel schöner aus." - Hinzu kam, dass Nelson behauptete, er würde von uns noch ziemlich viel Geld kriegen, da er angeblich immer wieder in Vorleistung gegangen sei. Eine prüfbare Übersicht über alle bisher getätigten Leistungen und Ausgaben konnte er uns jedoch nicht vorlegen, zumindest keine nachvollziehbare. Hans-Udos Fazit von der Sitzung: "Das Schiff droht zu sinken und es ist kein Land in Sicht."

Nach zwei Stunden Besprechung machten wir uns zu Fuß auf dem Weg zum Haus von Bruder Galo Granados, der uns zum Abendessen eingeladen hatte. Ich ging mit Hans-Udo getrennt von den anderen hinterher und wollte die Gelegenheit nutzen, um Hans-Udo zu bekennen, dass ich nicht mehr gläubig sei. Ich erklärte es so ausführlich und behutsam, wie ich konnte, und Hans-Udo hörte nur still zu und sagte nichts. Doch auf einmal blieb er stehen, holte seine Brieftasche hervor und nahm jenes Foto heraus, auf dem ich nackt war und fragte mich, warum ich ihm das geschickt habe. Als ich es sah, erschrak ich und beteuerte, dass ich ihm das wirklich nicht geschickt habe, denn warum sollte ich das tun, und dass es mir kaum erklärlich sei, wie er an dieses Foto gekommen sei. Doch dann fiel mir Jairo ein, und mit welch einer Skrupellosigkeit er sich auch schon andere Scherze erlaubt hatte. Nach vielen weiteren Unschuldsbeteuerungen glaubte mir Hans-Udo schließlich.

Der Umstand, dass ich nun auch noch meinen Glauben verloren hatte, war für Hans-Udo nun das endgültige Signal, dass er mir nicht mehr vertrauen durfte. Aber ich war ja ohnehin nicht mehr Teil dieses Projektes, deshalb ging es ihm nun darum, den neuen Kandidaten Roman als Nachfolger einzuweisen. Wir fuhren also nach Laurel aufs Land, um dem Bruder das Haus zu zeigen. Auf dem Weg, legte mir Hans-Udo einen "Abwicklungsvertrag" vor, den er tags zuvor mit der Hand geschrieben hatte und wollte diesen mit mir besprechen, damit ich ihn dann am Schluss unterschreibe. Darin ging es nicht nur um den Verkauf des Hauses und Grundstücks zum Selbstkostenpreis, sondern auch darum, dass ich mich im Falle des Scheiterns des Projektes dazu verpflichten solle, dem Verein die gespendeten Gelder wieder zurückzuzahlen. "Aber, Hans-Udo“, sagte ich, "warum willst Du mich denn alleine dafür verantwortlich machen, wenn das Projekt scheitern sollte? denn wir haben doch alle dabei die Verantwortung getragen!" - "Nein, das tue ich gar nicht, und es geht auch gar nicht darum, wer daran die Schuld tragen würde, sondern es geht einzig und allein darum, dass Du der Nutznießer wärest, denn Dein Haus ist ja dann auf Kosten der Spender zuende gebaut worden. Und da versteht es sich doch von selbst, dass Du die Spender dann auch entschädigen musst. Schließlich haben sie im Vertrauen auf einen Erfolg des Kinderheims ihr Geld gespendet." - "Ja, aber wer etwas investiert, der geht auch immer das Risiko ein, dass es am Ende eine Fehlinvestition war. Für ein Scheitern kann man mich aber dann nicht alleine haftbar machen, denn ich habe ja auch nie einen Erfolg versprechen können. Abgesehen davon ist für das Geld ja nicht nur mein Haus renoviert worden, sondern auch die Stiftungsgründung bezahlt worden samt all den Schmiergeldern. Ich selber hätte das Geld ja sonst nie für diesen Zweck ausgegeben." - "Simon, mich erschrickt, wie Du Dich hier gerade aus der Affäre ziehen willst! Du warst es doch, der uns um Unterstützung bat, und ich habe nur nach Möglichkeiten gesucht, Deine Idee auch erfolgreich mit Gottes Hilfe umzusetzen. Jetzt aber, wo alles auf der Kippe steht, willst Du Deine Hände in Unschuld waschen und die vielen Spender leer ausgehen lassen. Du weißt, dass ich Dich nie vor einem weltlichen Gericht verklagen würde, aber vor Gott wirst Du auf jeden Fall einmal Rechenschaft ablegen müssen, auch wenn Du das vielleicht inzwischen nicht mehr glaubst." - "Hans-Udo, ich finde es schlimm, dass wir jetzt schon so reden, als würde das Projekt ohnehin scheitern. Das wissen wir aber doch noch gar nicht. Und wenn das so käme, dann würde ich auf jeden Fall die Hälfte der Ausgaben in Raten zurückerstatten. Aber alle Kosten aus eigener Tasche zu bezahlen, sehe ich wirklich nicht ein, denn Du hast auch viele Entscheidungen getroffen, ohne mich zu fragen. Lass uns aber doch jetzt nicht um Geld streiten, sondern lieber zusammen dafür kämpfen, dass wir den Karren noch gemeinsam aus dem Dreck ziehen, damit es weiter gehen kann." - "Ja, das hoffen wir beide, und wir wollen uns ja auch nicht streiten. Aber Du musst auch verstehen, dass das Ganze ein gewisses Geschmäckle hat, wenn Du Dein Haus von Spendengeldern renovieren lässt und dann am Ende sagst: Tut mir leid, dass die Idee mit dem Kinderheim nicht funktioniert hat, aber trotzdem danke nochmal für das Geld!" Da hatte er recht, deshalb sagte ich nichts mehr.

Ein Ende mit Schrecken

Hans-Udo und sein Begleiter blieben noch etwa eine Woche in Ecuador und flogen dann wieder zurück nach Deutschland. Später erfuhr ich, dass der Bruder Roman, dieser neue Hoffnungsträger, die Mitarbeit am Ende ablehnte, jedoch nicht deshalb, weil er sich mit der Aufgabe überfordert sah, sondern weil er in einer bestimmten Lehrfrage (Allversöhnungslehre) mit Hans-Udo nicht einer Ansicht war, diese aber für ihn von so großer Bedeutung war, dass er es als unerträglich ansah, diese beim Hans-Udo einfach zu tolerieren. Ich nehme an, dass spätestens an dieser Stelle Hans-Udo endgültig erkannte, dass die Arbeit nicht mehr unter dem Segen Gottes stand und all unsere Mühe vergeblich war. Das Scheitern des Projektes habe ich später oft mit dem Tempelbau Salomons verglichen, denn auch dieser geschah ursprünglich aus reinen Motiven, so dass Gott sich im Anfang noch dazu bekennen wollte und konnte. Als aber immer mehr der Name des HErrn in Gefahr geriet, verlästert zu werden vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt, sah der HErr sich genötigt, zum Schutz Seines Namens sich vom Tempel des HErrn zurückzuziehen.

Ich hatte in jenen Tagen in Guayaquil bei Bruder Abraham Mora (24) gewohnt, der inzwischen verheiratet war und ein kleines Kind hatte. Er arbeitete tagsüber als Lehrer, verdiente aber dadurch so wenig, dass er nachts noch als Taxifahrer arbeiten musste, um sich und seine Familie über Wasser halten zu können. Da er mich in jener Zeit immer kostenlos von einem Ort zum anderen gefahren hatte, gab ich ihm am Ende eine größere Spende als Ausgleich. Er bot mir am letzten Tag an, mich zum Flughafen zu bringen, aber ich wollte mich zuvor noch von Bruder Nelson verabschieden. Er hielt also an in der Straße Rosendo Avilez y la 40. und ich ging zu Nelson hinein in seine bescheidene Behausung. Nelson wollte mich jedoch noch einmal daran erinnern, dass ich ihm noch Geld schulden würde aus der Immobilienvermittlung. Als er mir dann die Forderung nannte, fiel ich fast in Ohnmacht und widersprach ihr aufs Heftigste, weil ich davon ausging, dass er dieses Geld doch längst bekommen hatte. Wir diskutierten dann bald eine halbe Stunde, aber weil ich mit ihm in Frieden auseinandergehen wollte, einigten wir uns schließlich in der Mitte.

Ich wollte dann gerade aufstehen, um mich von ihm zu verabschieden, da machte Nelson das nächste Fass auf und erklärte mir, dass er auch noch eine weitere Provision von mir zu erhalten habe, und zwar für das Haus in Laurel und nannte mir eine Summe von etwa 2.500,- DM. Da konnte ich mich leider nicht mehr beherrschen und schimpfte mit ihm laut, wie er denn auf solch eine Idee käme, zumal er doch schon reichlich Geld für all seine angeblich unzähligen Wege von mir bekommen hätte, samt Verpflegung etc. Daraufhin Nelson: "Ja, Sie haben mir die Unkosten erstattet, aber vergessen Sie bitte nicht, dass wir eine Vereinbarung hatten, dass ich für jedes erfolgreiche Immobiliengeschäft auch noch eine Provision von 10 % des Verkaufspreises erhalten würde. Für Ihr Haus hatten Sie etwa 15.000,- zzgl. der 10.000,-DM an Nebenkosten bezahlt. Entsprechend steht mir für die Vermittlung des Hauses noch eine Provision von 2.500,- DM zu." - "Aber Bruder Nelson, die 10 %-Vereinbarung mussten ja nur unsere Kunden zahlen, und wir haben sie dann unter uns zur Hälfte aufgeteilt. Aber selbstverständlich kann dies doch nicht auch für mein Haus in Laurel gelten, denn dieses hatte ich ja schon gekauft, bevor wir überhaupt mit der Immobilienvermittlung begonnen hatten!" - "Ja, aber ich war es doch, der Ihnen dieses Haus damals vermittelt hatte, also steht mir hierfür auch nachträglich noch eine Vermittlungsgebühr zu" - "Nein! denn ich hatte Ihnen damals auch all Ihre Unkosten erstattet. Sie sagen ja selber, dass ich Ihnen insgesamt 8.000,- bis 10.000,- DM zusätzlich zum Kaufpreis geschickt habe. Das waren ja sicherlich nicht alles nur Notar- und Katasteramtskosten, sondern auch Ihr Lebensunterhalt für viele Monate!" - "Aber was ist mit meinem Arbeitsausfall?! Ich bin schließlich selbstständig und konnte in der Zeit, in welcher ich für Sie die ganzen Behördengänge gemacht habe, keine Aufträge annehmen. Man spricht hier von entgangenem Gewinn." - "Das hätten wir aber vorher vereinbaren müssen, und ich hätte mich nie darauf eingelassen, sondern mir jemand anderes gesucht, wie z.B. Dr. Galo Granados. Der hätte dies alles sicher ohnehin alles viel kostengünstiger gemacht als Sie!" Inzwischen hatten Nelson und ich uns schon so hitzig und laut gestritten, dass Abraham von draußen den Streit gehört hatte und ins Haus gekommen war, um zwischen uns zu schlichten. Nelson versuchte nun, Abraham für sich zu vereinnahmen, indem er - anstatt direkt mit mir zu reden - sagte: "Versuch Du doch mal dem Bruder Simon zu erklären, dass...", "Simon versteht nicht, dass..." Am Ende stand ich auf und rief: "Sie können sagen, was Sie wollen, aber ich werde Ihnen ohnehin keine Provision bezahlen, das können Sie sich abschminken!" Nelson ging mir wütend hinterher und beschimpfte mich fortlaufend, während ich zu Abraham ins Auto stieg. Keine Verabschiedung, kein Segenswunsch, kein gemeinsames Gebet zum Schluss, kein gegenseitiges Bedanken für die gemeinsamen Jahre der Freundschaft - schlimmer hätte es nicht kommen können. Erst acht Jahre später besuchte ich Nelson noch mal zusammen mit Ruth kurz vor seinem Tod, und es kam dann doch noch zur Versöhnung.

In den letzten Tagen unseres Aufenthalts in Peru verbrachte ich viel Zeit mit Rebekka, die inzwischen der absolute "Star" unter den Kindern von Matute geworden war. Besonders zwei Schwestern aus der Nachbarwohnung im Alter von 9 und 11 Jahren wollten unentwegt mit Rebekka spielen. An einem Nachmittag ging ich mit Rebekka im Kinderwagen in der Innenstadt von Lima spazieren. Während ich gerade meinen Gedanken nachhing, hatte sich ein Taschendieb von hinten an mich herangeschlichen und schob blitzschnell seine Hand in meine linke Hosentasche und zog sie wieder heraus. Ohne nachzudenken hatte ich wie aus einem Reflex nach hinten gegriffen und bekam den Dieb zufällig am Arm zu fassen. Und wiederum aus dem gleichen Reflex heraus schlug ich ihm immer wieder mit der Faust auf seinen Rücken, bis er mich anflehte, von ihm abzulassen, was ich auch tat. Erst da bemerkte ich, dass es sich um einen etwa 30 Jahre alten, leicht korpulenten Mann handelte, der auf einmal davonlief. Das Ganze hatte vielleicht nur 7 Sekunden gedauert und ich schob den Kinderwagen weiter, als ich plötzlich einen Schock erlitt. Die Passanten um mich herum hatten alles beobachtet und schauten mich nun an. Ich aber war ganz durcheinander und musste mich erst mal auf eine Bank setzen, um mich zu beruhigen. Was wäre, wenn der Dieb eine Waffe besessen hätte? War es nicht leichtfertig, ihn einfach zu verprügeln? Und wo ist jetzt eigentlich mein Portemonnaie? Zum Glück war es in meiner rechten Hosentasche!

Ruth hatte unterdessen erfahren, dass ihre Doktorarbeit anerkannt und sogar eine besondere Auszeichnung erhielt. Später wurde sie dann auch noch in ein Kompendium aufgenommen, d.h. ein wissenschaftliches Fachbuch zu verschiedenen Parasitenarten in Vögeln und Kriechtieren. Um nun auch offiziell ihren Doktortitel zu erhalten, musste Ruth noch viele Wege machen, u.a. auch ihre Dissertation als Buch drucken lassen, damit es auch den Universitätsbibliotheken zur Verfügung stand. In einer kleinen Feierstunde wurde Ruth dann ihre Urkunde überreicht, die ihr von nun an das Recht gab, als selbstständige Tierärztin in Peru arbeiten zu dürfen. Wenigstens hatte also Ruth bei all ihrem Bemühen am Ende Erfolg, so dass unsere Reise nicht ganz umsonst war, sondern es am Ende doch noch einen Grund zur Freude gab. Um uns von den ganzen Anstrengungen zu erholen, fuhren wir Mitte Dezember auch zum ersten Mal nach Machu Picchu, der sagenumwobenen Inkastadt die tief versteckt im peruanischen Urwald mitten auf einer Bergspitze erbaut wurde und erst 1911 durch Zufall von einem amerikanischen Abenteurer entdeckt wurde. In der nahe gelegenen Stadt Cuzco, der damaligen Hauptstadt der Inkas, sahen wir auch die Ruinen von Sacsayhuamán, einer Festung, erbaut aus tonnenschweren Felsen, die so exakt an einander angepasst wurden, dass nirgendwo mehr ein Blatt Papier dazwischen passt.

Als wir wieder in Lima ankamen, schenkte uns Carmen, die Schwester von Ruths Freundin Raquel, zum Abschied einen jungen Papagei, den sein Besitzer durch die Klospülung töten wollte, weil dieser zu schwach war. Carmen hatte ihn angefleht, ihn doch am Leben zu lassen. "Lolli" war nur 10 cm lang, aber wir fragten uns, wie wir ihn so kurz vor der Abreise problemlos nach Deutschland mitnehmen könnten. Auf legalem Wege war dies unmöglich. Aber wir wollten ihn unbedingt behalten und so gab Ruth ihm für die Flugreise ein Beruhigungsmittel, damit er nicht im Flugzeug anfange zu Zschiepen. Ich steckte ihn in den Hohlraum meiner Gürteltasche und zog meinen Pullover darüber. Zunächst lief auch alles glatt während des 15-stündigen Fluges. Doch als wir in Amsterdam ankamen, bemerkte ein Zollbeamter meine Gürteltasche und bat mich, auch diese aufs Fließband zu legen, damit deren Inhalt durch den Röntgenscanner kontrolliert werden könne. Das Herz schlug mir bis zum Hals, aber ich ließ mir nichts anmerken. Als ich durch den Körperscanner hindurch gegangen war, schaute ich auf der anderen Seite auf das Fließband, wo meine Sachen waren. Aber die Gürteltasche war nicht mehr da! Jemand hatte sie vom Band genommen. Jetzt waren wir geliefert, dachte ich. Aber zum Glück war es Ruth selbst, die sie schnell wieder runtergenommen hatte. Sie hatte nämlich den Monitor in der Zwischenzeit beobachtet und sah unseren "Lolli", wie er sich in der Tasche sogar ein wenig bewegt hatte, aber ausgerechnet in dieser Sekunde war der Kontrolleur kurz abgelenkt und hatte nicht hingeschaut. So konnten wir schließlich unseren Papagei unbemerkt nach Deutschland mitnehmen, wo er uns die nächsten 10 Jahre begleiten sollte. Wir feierten mit meiner Mutter traditionsgemäß Weihnachten und mit unseren Freunden Jochen und Raquel Silvester. Von letzteren erfuhren wir auch, dass jetzt Raquel ebenfalls schwanger geworden war. Und inzwischen hatte auch meine Schwester Anna (30) einen Freund gefunden, der mit seinem runden Kopf, seinen Strubbelhaaren und seinem kurzen Vollbart aussah wie ein Teddybär. Die beiden passten wirklich gut zueinander, weil beide eher introvertiert und menschenscheu sind. 18 Monate später heirateten sie.

 Januar - März 1997

Mein Vater

Nach unserer Rückkehr aus Peru waren wir finanziell erst einmal wieder völlig ausgebrannt, so dass unser Vater Gregor (54) uns erst einmal wieder unter die Arme greifen musste. Als "Gegenleistung" durfte er aber so oft er wollte bei uns ein- und ausgehen. Von diesem Angebot machte er denn auch regen Gebrauch, so dass wir ihn allmählich als Teil unserer kleinen Familie ansahen. Meistens lag er einfach still im Wohnzimmer und las Zeitung. Er war völlig anspruchslos, nahm aber gerne an unseren Mahlzeiten teil. Wir litten mit ihm an der Trennung von meiner Mutter, die inzwischen schon über ein Jahr zurücklag und ermutigten ihn, geduldig auf sie zu warten, bis sie wieder Liebe für ihn empfände. Auch auf meine Mutter wirkten wir immer wieder ein, dass sie sich doch wieder mit ihm versöhnen möge. Aber sie sagte nur, dass sie es schon oft genug versucht habe, aber inzwischen einfach keine Kraft mehr habe, da er sie mit seiner übertriebenen Sparsamkeit und seinem taktlosen Sarkasmus all die Jahre schon tyrannisiert habe.

In der Tat war mein Vater sehr sparsam. Einmal nahm er sich vor unseren Augen eine gefrorene Pizza aus dem Eisschrank, machte die Folie weg und biss hinein; während er auf der gefrorenen Pizza kaute, sagte er: "Ist alles 'ne Sache des Willens!" Und einen solch eisernen Willen hatte mein Vater schon immer gehabt. Schon sein Vater Bruno (geb. 1891), ein überzeugter Nazi und Träger des Eisernen Kreuzes wegen guter Verdienste im 1. Weltkrieg, hatte meinen 50 Jahre jüngeren Vater von klein auf mit dem Rohrstock erzogen und ihm ins Lebensbuch geschrieben: "Lerne, übe, leiste was! - dann bist du, dann hast du, dann kannst du was!" Nach seiner Schlosserlehre wollte mein Vater dann mit 17 Jahren 1958 mit dem Fahrrad nach Tokyo fahren, er kam aber nur bis Rosenheim nahe der österreichischen Grenze. Großvater Bruno wollte, dass er sein Technikum machte, aber dann verliebte er sich in meine Mutter Renate, die damals in der Ausbildung zur Krankenschwester war. Ihr zuliebe brach er sein Studium ab und machte ebenfalls eine Ausbildung zum Krankenpfleger, um ihr nahe zu sein. Mein Opa sagte damals zu ihm: "Wenn du diese hässliche Vogelscheuche heiratest, dann bist du nicht mehr mein Sohn!" Diese Androhung machte er dann wahr, als meine Eltern 1965 heirateten und hielt sie stur durch bis zu seinem Tod 1979. So nahmen an der Hochzeit meiner Eltern nur zwei Gäste teil: mein Opa Fritz, der Vater meiner Mutter, und mein Onkel Detlef, der Bruder meines Vaters. Meine Großmütter habe ich nie kennengelernt, weil sie schon früh verstarben.

Schon in ihrer Verlobungszeit zeigte mein Vater zu meiner 1,80 m großen Mutter oftmals wenig Taktgefühl. Als sie mal im Park spazieren gingen und er seinen Schulfreund Zweibrück traf, stellte er ihm meine Mutter vor, indem er sagte: "Als ich zum ersten Mal Renates kräftige Beine sah, bin ich um sie herumgegangen wie um einen Weihnachtsbaum und habe sie für gut befunden." Als Zweibrück ihr dann die Hand gab, fügte mein Vater hinzu: "Handschuhgröße 10". Da bekam er von meiner Mutter eine Ohrfeige. Auch später hatte er meine Mutter oftmals vor ihren Freundinnen blamiert, wenn er ihnen persönlichste Dinge über ihre Ehe erzählte, die nicht für fremde Ohren bestimmt waren. Wenn sie dann mit ihm schimpfte, dann lachte er nur laut und genoss es scheinbar, wie sie sich genierte.

In den ersten Jahren ihrer Ehe waren meine Eltern so arm, dass sie die ersten Jahre in einem feuchten Keller lebten in Bremen-Gröpelingen, wo auch wir Zwillinge geboren wurden. Als sie im Steintorviertel mal einen günstigen Wohnzimmertisch gekauft hatten, wollte mein Vater das Geld für eine Anlieferung sparen und sagte zu meiner Mutter: "Komm, Renate, fass an!" und dann trugen sie den Tisch quer durch Bremen zu ihrer 6 km entfernten Wohnung. Alles eine Sache des Willens. Die Armut verführte meinen Vater leider auch oftmals zum Diebstahl, den er jedoch häufig nur aus Risikofreude und Spieltrieb beging. Jedes Mal, wenn er es wieder geschafft hatte, unbemerkt Waren an der Ladenkasse vorbei zu schmuggeln, freute er sich wie ein Kind. Das Schmuggeln von Waren in die DDR wurde dann später zu einem regelmäßigen Hobby für ihn. Durch seine Briefmarkensammel-Leidenschaft hatte er Freunde in der DDR, denen er regelmäßig verbotene Produkte in seinem VW-Käfer lieferte. Einmal wurde er erwischt, musste sich nackend ausziehen und sein Wagen wurde völlig auseinander genommen. Die in der Belüftung versteckten Devisen hatten sie dennoch nicht gefunden, was meinen Vater sehr stolz machte.

Seine eigenwillige und unkonventionelle Art kam uns als Kindern oftmals zu Gute: Als ein Nachbarjunge eines Tages mein neues Fahrrad stahl und ich dies meinem Vater meldete, schnappte sich mein Vater den Jungen, hielt ihn an den Beinen über Kopf und brachte ihn zu uns in den Keller, während dieser heulte und schrie. Dann fesselte mein Vater den Jungen vor meinen Augen an einen Stuhl und brüllte ihn an, dass er jetzt so lange hier warten müsse, bis die Polizei käme und ihn dann in ein Kinderheim bringen würde, wo er seine Eltern nie mehr wiedersehen würde. Er plärrte aus Leibes Kräften, bis mein Vater ihn irgendwann wieder befreite. Er würde jetzt sicherlich kein Fahrrad mehr stehlen. Einmal wurde ich von einem großen Jungen verprügelt und klagte dies vor meinem Vater. Er ging dann mit mir zu dem Jungen, hielt ihn fest und sagte: "So, Simon, jetzt schlag ihm ihn mal ordentlich in die Fresse... nochmal, das war zu schwach... so, und jetzt noch einmal richtig fest auf die Nase!" Der Junge heulte so sehr, dass er mir fast schon leid tat. Eine Frau aus dem Hochhaus, die das beobachtet hatte, rief herunter: "Wenn das mein Sohn wäre, dann hätte ich jetzt die Polizei gerufen!" Die Brutalität meines Vaters bekamen wir natürlich auch selbst manches Mal zu spüren. Als ich mich einmal mit meinem Bruder Marco zankte, kam mein Vater die Treppe hoch, schlug uns beiden wortlos mit aller Wucht ins Gesicht und ging wieder die Treppe runter. Er wollte einfach nur seine Ruhe haben und interessierte sich gar nicht für den Grund unseres Streits. Wir waren so geschockt, dass wir erst zeitverzögert anfingen zu heulen und zu schluchzen, vor allem wegen seiner Kaltherzigkeit.

Doch obwohl es meinem Vater gelang, das 1977 gekaufte Haus durch seine eiserne Sparsamkeit innerhalb weniger Jahre abzubezahlen, hatte mein Vater doch immer wieder den Eindruck, dass wir sein sauer verdientes Geld mit vollen Händen wieder ausgaben. So klopfte er immer wieder gegen die Badtür, wenn wir uns als Jugendliche beim Duschen in seinen Augen zu viel Wasser verbrauchten. Wenn er dann selber duschte, dann ließ er immer nur durch einen feinen Rinnsal seine Haut benetzen, so dass man wirklich nicht sagen konnte, dass er geizig sei, sondern nur sparsam, denn er gönnte sich auch selber nichts. Mitte der 80er Jahre fing mein Vater dann an, die Heizungen immer wieder herab zu drehen, denn in seinen Augen waren 21 C völlig übertrieben, sondern 18 C seien ausreichend. Als wir dann immer wieder die Heizungen auf Stufe 5 hochdrehten, begann ein "Heizungskrieg" zuhause. Immer wieder kamen wir von der Schule nach Hause und das Haus war völlig unterkühlt. Aber auch die Heizungen gingen nicht mehr, weil mein Vater die Zentralregelung im Wohnzimmer ausgeschaltet und die Wohnzimmertür abgeschlossen hatte. Wir gingen dann alle in die Küche und machten unsere Hausaufgaben bei geöffneter Backofentür, was letztlich auf Dauer ein Vielfaches an Strom verbrauchte.

Meine Mutter hatte sich Anfang der 80er Jahre emanzipiert und sich von den meist geschiedenen Freundinnen aus einer "Selbsterfahrungsgruppe" beschwatzen lassen, sich von meinem Vater scheiden zu lassen. 1983 machte meine Mutter deshalb in einem Familienrat mit uns 4 Kindern eine Abstimmung, wer denn für eine Scheidung sei und wer dagegen. Alle außer mir waren damals gegen eine Scheidung. Ein Jahr später, als ich inzwischen schon gläubig geworden war, wiederholte meine Mutter die Abstimmung. Diesmal war es genau anders herum: alle waren für eine Scheidung, nur ich war dagegen. Meine Mutter hatte es also geschafft, uns alle so sehr zu beschwatzen, dass am Ende fast alle auf ihrer Seite waren. Das lag auch daran, dass mein Vater so gut wie nie zuhause war, da er vier Berufe gleichzeitig ausübte: Morgens klebte er Werbeplakate, zwischendurch befüllte er seine Zigaretten- und Süßwarenautomaten und abends ging er dann ins Krankenhaus, um dort Nachtdienst zu machen. Und dann gab es noch einen Hausverkauf von Bier und Limonaden, den meistens meine Mutter oder wir für ihn ausführten, da er ja meist nie zuhause war. Durch das ständige Abstellen der Heizung fühlte sich meine Mutter schließlich so sehr gedemütigt und entmündigt, dass es eines Tages vor der Wohnzimmertür zu einem Handgemenge zwischen den beiden kam, in dessen Folge mein Vater am 23.05.1986 per Gerichtsbeschluss das Haus verlassen musste. Er wohnte dann ein Jahr lang auf einer Parzelle bis meine Mutter - die inzwischen gläubig geworden war - ihn wieder zurück nach Hause holte. Doch die Ehe meiner Eltern hing weiter am seidenen Faden, so dass meine Mutter sich dann im Frühjahr 1995 endgültig von ihm trennte und auszog.

Mein Vater hatte diese Trennung als dermaßen demütigend empfunden, dass er jahrelang darunter litt und sie sein häufigstes Gesprächsthema war. Und jetzt sah er, wie glücklich Ruth und ich miteinander waren und empfand sowohl Neid als auch Wehmut. Nun wollte er dies wieder gut machen, indem er uns umso großzügiger mit Unterstützung bedachte. Es war so, als würde er sein Leben nun durch mich weiterleben wollen, und so spendierte er mir den 4. als auch den 3. von insgesamt vier Lehrgängen der Meisterschule (Pädagogik und Wirtschaft), die ich von Januar bis März 1997 besuchte und erfolgreich bestand. Zwischendurch unternahm ich Fahrstunden und schaffte dann am 09.04.1997 endlich meinen Führerschein, nachdem ich zuvor zweimal durchgefallen war. Mit dem Geld meines Vaters kaufte ich mir dann auch meinen ersten Gebrauchtwagen, einen 12 Jahre alten Ford Taunus, den ich später von beige nach dunkelblau umlackierte. Allerdings wusste ich nicht, dass mein Vater jede einzelne Spende auf einen Zettel notierte und später es einmal von mir wieder zurückforderte, weil es aus seiner Sicht nur geliehen aber nicht geschenkt war. Ich zahlte es dann auch später über Jahre in Raten zurück.

"Wer ist Jesus für dich"?

Als ich im November 96 mit Hans-Udo Hoster in Ecuador war und ihm bekannt hatte, dass ich nicht mehr gläubig sei, fragte er mich: "Wer ist denn jetzt der HErr Jesus für dich?" Diese Frage konnte ich damals nicht beantworten, und ich war auch vier Monate später nicht dazu in der Lage. Mir war aufgefallen, dass ich zwar wusste, woran ich nicht mehr glauben konnte, aber ich konnte eigentlich noch gar nicht sagen, an was ich jetzt glaube. Hatte der HErr Jesus all das wirklich gesagt und getan, was in den Evangelien von Ihm gesagt wurde? Wenn Nein, dann muss sich dies alles ein unglaublich genialer Phantast ausgedacht haben, was kaum wahrscheinlich ist (Man denke nur an solche äußerst weisen Aussagen wie: "Wenn jemand dich auf die rechte Wange schlagen will, dann halte ihm auch die Linke hin" oder "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist" oder "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein"). Wenn Jesus diese Sätze aber wirklich gesagt hat, dann muss Er entweder doch das sein, was Er von sich sagt, nämlich der Sohn Gottes, oder aber Er müsste ein größenwahnsinniger Geisteskranker sein, der sich für Gottes Sohn hielt. Aber dies dem HErrn zu unterstellen, traute ich mich damals nicht.

In den letzten Monaten war ich viel zu sehr abgelenkt und fand keine Zeit, mich mit meinem neuen Glauben selber erst einmal ernsthaft auseinanderzusetzen. Aber wenn schon eine solch simple Frage mich völlig aus der Bahn warf, wie sollte ich mich dann in Zukunft mit anderen Gläubigen auseinandersetzen? Wie konnte ich behaupten, dass ich nach wie vor an Gott glauben würde, wenn dieser Glaube doch inzwischen überhaupt keine Grundlage mehr in der Schrift hatte? Man würde mir zu recht den Vorwurf machen, dass ich mir ein Wunsch-Gottesbild konstruiert hätte, da ich meinen Glauben auf keinerlei Beleg gründen würde. Jetzt, wo ich noch arbeitslos war, hatte ich Zeit, mir mal eine neue Argumentationsbasis anzueignen; aber dazu musste ich Bücher lesen, um mal zu sehen, wie andere Gelehrte und Theologen über diese Fragen dachten. Ich musste mir aus den vielen Ansichten anderer mal eine eigene Meinung bilden. So ging ich also in die Stadtbibliothek und fand ein Buch von Bertrand Russel mit dem Titel: "Warum ich kein Christ bin". Ja, genau das wollte ich ja wissen. Russel schrieb über Jesus, dass durch Seine Lehre von der Hölle viel Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit über die Welt gekommen sei, und dass man, würden diese Sätze wirklich von Ihm stammen, Ihn auch dafür verantwortlich machen müsste. Aber stimmt das? Konnte man Jesus für die Kreuzzüge und die Inquisition verantwortlich machen? Nein, denn Er hatte ja gar nicht erlaubt, Menschen zu töten. Aber wären die Menschen auch dann noch so unbarmherzig gewesen, wenn der HErr nie von einer Hölle oder einem Endgericht gesprochen hätte? Konnten die Menschen sich denn nicht auch Gott zum Vorbild nehmen, indem sie sich sagten: "Wenn Gott quälen darf, dann dürfen auch wir quälen!"?

Bertrand Russel schrieb auch über das sinnlose Streben des Menschen, das vergängliche Glück durch die Hoffnung auf ein ewiges Leben festhalten zu wollen. Einen Satz von ihm habe ich mir gelb markiert, weil ich ihn damals ziemlich gut fand: "Die wahre Liebe ist es auch dann noch, wenn sie vergeht, und auch das Leben und das Glück verlieren nicht ihren Wert, nur weil sie nicht ewig sind." Mit anderen Worten: Was ist so schlimm daran, dass das Leben vergänglich ist? Reichen denn nicht 80 Jahre aus, um genügend Glück im Leben erfahren zu haben? Was will der Mensch mit einem unendlich währenden Leben anfangen? Wäre es nicht geradezu ein Alptraum, wenn man in alle Ewigkeit immerzu einen geltungsbedürftigen Gott loben müsste, ohne noch irgendetwas anderes machen zu können/dürfen? Und welchen Sinn soll das haben? - Früher hätte ich mich nie getraut, mir solche Fragen zu stellen oder überhaupt solch ein Buch zu lesen, denn das war absolut tabu. Jetzt aber fühlte ich mich in meinem Denken frei und wollte wie René Descartes erst einmal alles in Zweifel ziehen, bevor ich wieder irgendetwas als gegeben voraussetzen wollte. Ganz allmählich dämmerte mir, dass der biblische Gott zu viele allzu menschliche Eigenschaften hatte, die Ihn aus meiner Sicht als echten Gott disqualifizierten. Stattdessen drang sich mir umso mehr der Verdacht auf, dass die Bibel nur ein Erklärungsversuch für das Unverstandene sei, dabei aber ein Gott beschrieben wurde, dessen Charakter in sich widersprüchlich sei und damit das ganze Konzept der Bibel nicht ausreichend durchdacht war. Wozu sollte Gott z.B. Rache üben wollen, wenn Rachegefühle doch eigentlich ein Zeichen von charakterlicher Schwäche sind? Und welchen Sinn sollte der Glaube machen, wenn Gott doch auch eindeutige Offenbarungen für alle Menschen hätte schenken können?

Ich nahm mir vor, einen Abschiedsbrief schreiben zu wollen, in welchem ich all meinen Glaubensgeschwistern die Gründe für meinen Abfall nennen würde, damit ich sie nicht immer in jedem Einzelfall wiederholen müsse. Doch zuvor musste ich erst einmal selbst mich mit Argumenten wappnen, um mögliche Schwachpunkte in meiner Beweisführung zu vermeiden. Dazu wollte ich mir aus der Bibliothek mehr Bücher zum Thema ausleihen und die Argumente prüfen lassen, indem ich sie in Briefen an die Brüder Hans-Udo und Bernd verwenden würde. Nach und nach würde ich dadurch feststellen können, welche Beweise wirklich stichhaltig sind, um sie dann in meiner Streitschrift verwenden zu können. Sollte es jedoch passieren, dass mir dabei ein Argument von Seiten des christlichen Glaubens begegnet, dem ich nicht widerstehen könnte, dann würde ich dies noch einmal zum Anlass nehmen, die Gründe für meinen Zweifel noch einmal anzuzweifeln und neu zu überdenken.

Ich war jetzt auch bereit, meiner Mutter und meinen Geschwistern meinen neuen Standpunkt zu bekennen, aber nicht mehr im Sinne eines gescheiterten Glaubens, sondern als eine - wie ich es tatsächlich sah - Weiterentwicklung des Glaubens auf eine höhere Stufe der Einsicht in die eigentlichen Absichten Gottes. Meine Mutter sollte nicht denken, dass ich jetzt weniger Glauben habe, sondern MEHR Glauben, weil ich nicht nur die sichtbaren Zeilen der Bibel verstanden habe, sondern nun auch zwischen den Zeilen lesen könne, was Gott eigentlich wolle. Vielleicht würde es mir gelingen, meine Mutter sogar für meine Sichtweise zu gewinnen. Und wenn nicht, dann solle sie wenigstens nicht betrübt oder enttäuscht sein, dass ich mich verändert habe. Tatsächlich hatte meine Mutter mein Bekenntnis mit Fassung aufgenommen. Meine Gedanken verstand sie nicht, aber sie war sich sicher, dass auch ich eines Tages bei Jesus im Paradies sein und Er mir dann alles recht erklären würde.

Nach und nach bekannte ich dann meinen beiden geistlichen Vätern Bernd Fischer und Hans-Udo Hoster, dass ich die Bibel für mich nicht mehr als Glaubensgrundlage anerkennen könne, da ich zu viele grundsätzliche Zweifel und unbeantwortbare Fragen im christlichen Glauben gefunden habe. In vielen Briefen versuchten beide nun eifrig, auf meine Fragen einzugehen. Bruder Bernd war der Überzeugung, dass meine Herzensverstockung ihre Ursache in einer nicht von mir bekannten und damit auch nicht vergebenen Sünde lag, wodurch der Widersacher ein Anrecht bekam, mich zu täuschen und blind für die Wahrheit zu machen. Seiner Vermutung nach, bestand diese Sünde aber nicht etwa darin, dass ich schon öfter mal Pornofilme angesehen oder mich mit antichristlicher Literatur beschäftigt hatte, sondern darin, dass ich meine GEZ-Gebühren nicht entrichtet hatte, obwohl ich doch schon seit einiger Zeit wieder fernsehen guckte. Ich empfand diesen Vorwurf als eine lächerliche Bagatelle, aber für Bernd war dieses Unrecht vergleichbar mit der Sünde Achans, durch die er einen Bann und einen Fluch auf sich und das Volk Gottes gebracht hatte. Bernd schrieb mir am 16.02.97, dass ich über diese Sünde Buße tun möge, selbst sogar dann, wenn ich gar nicht davon überzeugt sei, und die GEZ-Gebühren nachträglich entrichten sollte, damit Gott mir den Schleier meiner Blindheit hinweg nehmen könne. Er bot mir sogar an, mir bei der finanziellen Erstattung behilflich zu sein. Ich fragte mich jedoch, welchen Wert denn eine Tat haben könnte, wenn sie nicht aus Glauben geschehe, sondern nur aus Menschengefälligkeit.

Hans-Udo hingegen hatte eher den Eindruck, dass ich hochmütig sei, da ich nicht bereit war, die Lehre von der Allversöhnung, an die er glaubte, wirklich noch einmal gründlich zu prüfen, denn gerade dieser Widerspruch, dass der in der Bibel beschriebene Gott der Liebe angeblich die Ungläubigen für alle Ewigkeit verdammen würde, war ja einer der Hauptgründe, warum ich nicht mehr an die göttliche Autorenschaft der Bibel glauben konnte und wollte. Für ihn war der Feuersee nicht nur ein Ort der Bestrafung, sondern auch der Zurechtbringung, weil durch diese Haftstrafe der Mensch Gelegenheit zum Nachdenken und Umdenken bekomme, um dann am Ende Gott um Vergebung und Begnadigung zu bitten. Ich entgegnete ihm, dass ihm, dass Jesus aber doch von einer „ewigen Qual“ spräche, also einer sinnlosen Folterung, die allein der Befriedigung angeblicher Rachegefühle diene, die eines echten Gottes doch unwürdig seien. Und selbst wenn dieses „fire boarding“ tatsächlich dem Zwecke dienen würde, den Menschen zu brechen, so sei es doch eine höchst unmoralische Erpressung und ein Geständnis, das erst durch Folterung erzwungen wurde und daher wertlos sei. „Könne man sich vorstellen“, so fragte ich Hans-Udo damals, „dass sich die vom Feuer gegrillten und verkohlten Wesen sich nach jahrhundertelanger Marter am Ende in die liebenden Arme eines Gottes werfen, der ihnen selbst diese Qualen bereitet hatte?

Meine neue Arbeit als Betriebsmaler

Beim regelmäßigen Lesen der Stellenanzeigen, fand ich eine, die meine Aufmerksamkeit erregte: Im Industriegebiet von Stuhr-Brinkum, also in unmittelbarer Nähe von Bremen-Kattenesch, wo wir wohnten, suchte eine Kran-Spedition einen Betreibsmaler. Etwas Besseres konnte es doch für mich gar nicht geben, denn dann könnte ich mein eigener Chef sein und niemand würde mich mehr kontrollieren! So rief ich bei der Fa. Mennen & Wittmann GmbH & Co KG an und vereinbarte ein Vorstellungsgespräch. Der Chef, Herr Wittmann, sprach selbst mit mir, und meinen Ehrgeiz, diesen und sonst keinen Job haben zu wollen, schien er wohl gespürt zu haben, so dass er mir am Ende die Zusage gab. Meine Mutter hatte mir mal erzählt, wie sie sich damals bei der Personalchefin des Evangelischen Diakonissenkrankenhauses bewarb. Sie sagte damals zu ihr: "Ich weiß, dass ich diesen Arbeitsplatz bekommen werde." - "Ach, tatsächlich? und was macht sie da so sicher?" fragte die Oberin. "Weil Gott selbst es mir gezeigt hat. Gott will nämlich, dass ich hier arbeiten soll, wissen Sie." - "Na wenn das so ist“, sagte die Oberin, "dann brauche ich ja jetzt auch keine Entscheidung mehr treffen, denn wie vermöchte ich gegen den Willen Gottes etwas zu unternehmen!"

Auch Ruth wollte nach der Anerkennung ihres Doktortitels in Peru nun endlich als Tierärztin in Deutschland arbeiten; doch so einfach war es dann doch nicht. Nachdem sie ihre übersetzten und beglaubigten Diplome bei der Tierärztekammer Bremen vorgelegt hatte, erklärte man ihr, dass sie eine sog. Homologation bedürfe, d.h. eine Feststellung der Gleichwertigkeit der Studiengänge zwischen der Universität San Marcos in Lima und der Tierärztlichen Hochschule in Hannover. Nachdem wir diese dann beantragt hatten, teilte man uns in Hannover mit, dass Ruth noch in mehreren Fächern nachgeschult werden müsse. Das Fach Radiologie wurde z.B. in Lima überhaupt nicht behandelt; aber auch mehrere andere Fächer entsprachen nicht dem deutschen Standard. Das bedeutete aber, dass Ruth etwa ein Jahr lang regelmäßig wieder zur Uni nach Hannover gehen müsse, um am Ende auch ihre Anerkennung in Hannover zu erlangen. Deshalb überlegten wir uns, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn wir zum Ende des Jahres nach Hannover ziehen, zumal ich dann auch dort die Teile 1 (Fachtheorie) und 2 (Fachpraxis) meiner Meisterschulausbildung in Vollzeit absolvieren könnte. In der Zwischenzeit könnte Ruth erst mal richtig gut Deutsch lernen, denn ihre damaligen Kenntnisse reichten gerade einmal nur dazu aus, um sich verständlich zu machen, aber nicht, um an einer Universität zu studieren. Die Volkshochschulen boten ja zum Glück auch Intensivkurse an, durch welche man jeden Tag vormittags innerhalb eines halben Jahres sehr schnelle Fortschritte mache im Deutschlernen. Deshalb meldete sich Ruth für einen solchen an für das Semester von Februar bis August. Allerdings brauchten wir dafür ein Kindermädchen, das während des Tages auf Rebekka aufpassen sollte. Uns kam dafür Rossana (22) in den Sinn, die Pflegetochter von Ruths Bruder Israel, die seit ihrem 14. Lebensjahr im Hause von Israel und Alexandra wohnt und sich schon damals um deren Kinder gekümmert hatte, als sie noch Babys waren. Am Ende hatten mein Schwager und seine Frau die Rossana einfach als Tochter angenommen, so dass Rossana den Israel immer "meinen Papa" nannte. Wir fragten Rossana also, ob sie bei uns für ein Jahr als Au-Pair-Mädchen arbeiten würde, und sie willigte ein. Dann beantragten wir für Rossana ein Jahresvisum und kauften für sie einen Hin- und Rückflug für die Zeit von Ende Mai 1997 bis Ende Mai 1998. Die Kosten hierfür konnte sie abarbeiten. Obwohl sie recht hübsch war, vertraute mir Ruth, dass ich schon nicht in Versuchung kommen könnte, die 6 Jahre jüngere Rossana zu verführen, denn sie kannte mich gut genug, dass ich so etwas nie machen würde.

Auf der neuen Arbeitsstelle sollte ich zunächst die große Werkhalle streichen, dann einzelne Fahrzeugteile spritzen und schließlich die Fassaden der Gebäude nacheinander streichen vom Gerüst aus. Ich konnte mir die Arbeitsaufgaben tatsächlich selber aussuchen und meine Zeit frei einteilen. Niemand machte mir Vorschriften oder kontrollierte mich. Auch die Materialien durfte ich im nahe gelegenen Großhandel selbstständig auf den Namen der Firma einkaufen. Zu Mittag ging ich dann in den gemeinsamen Aufenthaltsraum und unterhielt mich beim Essen mit meinen Kollegen. Zwei davon waren Kfz-Mechaniker, aber die anderen waren alle Fernfahrer und auch schon etwas älter als ich. Eines Tages fragte mich einer der Mechaniker, wie viel ich denn verdiene als Betriebsmaler, und ich antwortete ihm wahrheitsgemäß "21,35 DM/Std." - "Echt?!" - "Ja, wieso?" - "Ich kriege gerade einmal nur 18,95 DM/Std, und die Fahrer bekommen sogar nur 17,60 DM/Std. Dann verdienst Du ja scheinbar hier am meisten!" - "Naja" sagte ich "ich bekomme einfach nur meinen normalen Tariflohn. Aber ich habe auch darauf bestanden, denn wenn der Chef mir weniger bezahlen wollte, hätte ich diesen Job hier gar nicht angenommen". Als ich zwei oder drei Tage später in die Firma kam, rief mich einer der Vorgesetzten zu sich in sein Büro und sagte: "Herr Poppe, wir haben ein ernstes Problem. Sie haben einem Mitarbeiter auf die Nase gebunden, wie viel Sie verdienen, und das hätten Sie nicht machen dürfen! Gestern kam einer der Fahrer zu mir ins Büro und hat sich beschwert, weil er schon 15 Jahre in der Firma arbeitet und trotzdem deutlich weniger bei uns verdient als Sie, obwohl Sie erst seit einem Monat bei uns arbeiten. Das hätten Sie nicht tun dürfen, denn das gibt doch böses Blut!" - "Es tut mir leid," sagte ich, "dass ich dieses verraten hatte, aber ich wusste ja nicht, dass die anderen hier alle viel weniger verdienen. Ich bitte vielmals um Entschuldigung."

In den Tagen danach verschlechterte sich die Beziehung zwischen mir und den Arbeitern etwas, was aber wohl auch daran lag, dass ich mich schon immer eher zurückzog und ein Einzelgänger war. Vor allem litt ich aber unter ständiger Müdigkeit, da ich nachts immer aufstehen musste, wenn Rebekka ihr Fläschchen wollte. Manchmal suchte ich mir während der Arbeit einfach ein stilles Plätzchen, wo ich ein Nickerchen machen konnte. Einmal stand ich während der Mittagspause auf, weil ich mich schämte, am Tisch zu dösen, und ging auf Toilette, um in der abgeschlossenen Kabine heimlich zu schlafen. Dabei muss ich wohl etwas laut geschnarcht haben, denn die Kollegen hatten es gemerkt und unter sich gespottet: "Der Poppe ist doch glatt auf Toilette eingeschlafen!" Aus Spaß hatten sie dann leise einen Eimer voll mit Wasser gefüllt und ihn über der Kabinentür auf mich entleert, indem sie lachend wegliefen. Ich musste mich danach erst mal umziehen. Ein anderes Mal war ich gerade dabei, die Reling der Yacht meines Chefs mit Klarlack zu lackieren, als mich eine totale Müdigkeit überfiel. Weil ich ganz allein in dieser Yachthalle war, ging ich einfach in die Kajüte und legte mich dort für 10 Minuten hinein. Auf einmal hörte ich draußen Stimmen und mein Herz schlug mir bis zum Hals: Es war der Chef Herr Wittmann höchst persönlich zusammen mit einem der Vorgesetzten! Ich dachte: "Wenn die jetzt auf die Yacht steigen und mich in der Kajüte erwischen, wo sonst Herr Wittmann mit seiner Frau schläft, dann bin ich geliefert!" Aber glücklicherweise gingen sie nach einer Weile wieder hinaus und ich setzte meine Arbeit fort.

Samstags fuhr ich dann immer mit Ruth und Rebekka in die Innenstadt, wo Ruth mit ihr auf den Flohmarkt ging, während ich die Stadtbibliothek besuchte, um mir Bücher und CDs auszuleihen. Schon früher war Musik meine Leidenschaft gewesen, aber ich hatte mich ihr aus Glaubensgründen all die Jahre enthalten. Nun aber konnte ich mir nach Herzenslust wieder Musik anschaffen ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben, zumal Ruth ja selber auch gerne Musik hörte. Zunächst hörte ich einfach nur Popmusik, aber allmählich merkte ich immer mehr meinen Hang zur sog. Gothic-Musik. Hierbei handelt es sich um sehr romantische, aber zugleich auch schwermütige Lieder mit traurigen Texten über Gott und die Welt. Mitte der 90er Jahre war in Deutschland eine regelrechte Szene entstanden für diesen Musikstil, weil sich viele junge Erwachsene nicht mit der vorherrschenden Rave- und Dance-Musik identifizieren konnten, da diese völlig seelenlos war und nur dem Zweck diente, sich in einen rauschhaften Trance-Zustand zu versetzen. Die Gothic-Musik hingegen drückte jene Melancholie und Weltschmerz hervorragend aus, den scheinbar nicht nur ich, sondern auch viele aus meiner Generation empfanden. Die meist deutschen Texte behandelten vorwiegend die Tatsache des Todes, als würde man sich dagegen auflehnen wollen, dass diese von allen anderen Menschen immer nur verdrängt und geleugnet würde. Auch wenn man den Tod selbst auch nicht ungeschehen machen konnte, wollte man dieser Tatsache doch lieber während des Lebens immer ins Gesicht sehen, um sich besser damit abzufinden. Tatsächlich wirken durch diese Lieder dämonische Kräfte - wie mir heute bewusst ist, die den Menschen immer mehr verblenden und verhärten in seiner Enttäuschung gegenüber Gott und Ihn als Urheber für das menschliche Elend ansehen.


April - Juni 1997

Der Untergang des Hauses Israels

Mitte April erreichte uns eines Nachmittags ein Anruf aus Peru von meinem Schwager Israel. Den Tränen nahe teilte er uns mit, dass seine Frau Alexandra das Haus verlassen habe und im sagte, dass sie sich von ihm scheiden lassen wolle. Wir fragten erschrocken, ob denn irgendetwas passiert sei, aber Israel sagte nur, dass sie auf einmal völlig "verrückt" sei und er sie selber nicht verstehen könne. Für mich kam diese Entscheidung wirklich aus heiterem Himmel, denn ich habe Alexandra immer als ernste und eifrige Glaubensschwester gesehen und die Ehe der beiden als vorbildliche Musterehe in Erinnerung. Ruth hatte sogar mal gesagt, dass sie im Vergleich zu Raquel die Alexandra für die geistlichere von beiden hielte, denn ihre Briefe seien immer voller hochgeistlicher Gedanken gewesen. Aber Ruth hatte schon lange den Verdacht, dass Alexandra nur auf eine Gelegenheit gewartet habe, sich von ihrem Bruder zu trennen, denn dies war auch nicht das erste Mal. 1989 hatte Alexandra ihren Mann schon einmal verlassen nach der Geburt ihrer ersten beiden Söhne und war für ein Jahr nach Ecuador zurückgekehrt, wo sie selbst geboren und aufgewachsen war. Als sie 1990 zurückkam zu Israel, war sie schon kurz nach der Versöhnung wieder schwanger und bekam ein paar Monate später ihr drittes Kind, Angel Salomon. Schon damals munkelten einige aus der Familie hinter vorgehaltener Hand, dass dieses Kind nicht von Israel stamme, zumal es im Gegensatz zu seinen Brüdern viel hellhäutiger war; aber Israel bemerkte dies nicht und hatte auch nie einen Verdacht. 1993 nahm Gott den kleinen Angel Salomon durch eine Krankheit schon nach kurzer Zeit zu sich, wodurch Er indirekt zu Alexandra redete.

Und in der Tat war es auch diesmal so, wie sich später herausstellte, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt hatte. Israel war von Anbeginn der Ehe sehr arm und konnte seiner Frau nichts bieten. Das Leben in einem Haus aus Lehm mit einer Strohdecke in Parcona, dem ärmsten Stadtviertel von Ica, war für Alexandra nicht mehr die Erfüllung ihrer Träume, sondern allmählich zum Alptraum geworden. Israel hatte in den letzten 10 Jahren immer wieder versucht, die Familie mit kleinen selbständigen Tätigkeiten über Wasser zu halten, und Alexandra hatte Kleidung für Barbiepuppen gehäkelt, die aber in diesem armen Land auch keiner brauchte.         Aber Israel konnte Alexandra vielleicht auch in anderer Hinsicht nicht so viel bieten, zumal es einen deutlichen Altersunterschied zwischen ihnen gab. Wörtlich sagte seine 11 Jahre jüngere Frau später zu Israel: "Als ich Dich damals [1984] mit 19 Jahren geheiratet hatte, habe ich einen Vater gebraucht. Nun aber bin ich erwachsen geworden und brauche einen richtigen Mann!" Tatsächlich hatte der darin enthaltene Vorwurf eine Ursache in einer bis dahin nicht bekannten Erbkrankheit der Familie meiner Frau, nämlich der sog. Schilddrüsenunterfunktion (Hypotyroidismus), bei dem die Betroffenen unter ständiger Antriebslosigkeit und Schlaffheit leiden. Erst durch Zufall ist diese Krankheit bei Familie Condori entdeckt worden, so dass seither alle (inkl. meine Frau und meine Tochter) jeden Tag ein Medikament nehmen müssen namens Thyroxin, das das fehlende Schilddrüsenhormon ersetzt. Trotzdem konnte Israels Antriebslosigkeit natürlich in keinster Weise die Entscheidung Alexandras rechtfertigen, ihren Mann und ihre beiden Kinder im Alter von 9 und 10 zu verlassen, erst recht nicht, wenn sie bekennt gläubig zu sein.

Aber was für ein Verrat war dies nun an Gott und auch an Israel, dass sie ihren Mann nach 13 Ehejahren verlassen wollte, wo doch die Bibel dies klar verbietet! Wurde hier nicht einmal mehr deutlich - so fragte ich mich insgeheim damals - dass das ganze Christentum nichts weiter als ein großes moralisches Possenspiel sei, in welchem die Schauspieler bei der erstbesten Gelegenheit die Bühne wieder verlassen, wenn sie ihren Akt zuendegespielt haben? Ist nicht hier einmal mehr der Beweis geführt, fragte ich mich, dass es mit dem neuen Leben aus Gott und die Kraft der Auferstehung zu einem Leben in Heiligkeit doch nicht allzu weit her ist? Aber ich wollte angesichts der Tragik in der Familie meiner Frau keine Häme in mir aufkommen lassen, sondern empfand vielmehr tiefes Mitgefühl für meinen Schwager. Ruth und ich waren uns einig, dass wir Israel und seinen beiden Söhnen von nun an jede erdenkliche Hilfe zukommen lassen wollten. Wir wollten Geld sparen, um sie alle erst mal nach Deutschland zu holen, damit Israel getröstet und abgelenkt werde. Wir beantragten also je ein Visum für sie alle und sparten Geld, damit sie im August oder September zu uns nach Bremen kommen könnten.

Das Au-pair-Mädchen, das noch jemanden mitbrachte

Ende Mai holten wir dann Rossana Maldonado (22) vom Flughafen ab und freuten uns, dass wir nun eine Haushaltshilfe und ein Kindermädchen zugleich bei uns hatten aus unserem engsten Familienkreis. Rossana war still und demütig, und sie machte bereitwillig jede auch noch so geringfügige Arbeit im Haus. Zudem war sie auch sehr verantwortungsbewusst und kümmerte sich auch sehr gut um Rebekka, wenn wir nicht zuhause waren. Ich hatte sie jedoch auch nach drei Wochen noch immer nicht bei der Krankenkasse angemeldet, was ich mir an einem Montag Mitte Juni fest vornahm. Als ich jedoch nach Hause kam, sagte Ruth mir: "Simon, Du musst mit Rossana zum Arzt, denn sie fühlt sich schlecht und hat Schmerzen." - "Ich kann morgen mit ihr hingehen, aber heute Nachmittag wollte ich sie erst mal bei der Krankenkasse anmelden, denn ich habe sie ja immer noch nicht versichert." - "Nein, Simon, Du musst jetzt gleich gehen, denn Rossana hat starke Cholikschmerzen, und vielleicht ist es etwas Ernstes." - "Ja, gut, dann spreche ich mal mit unserem Hausarzt, ob er das Behandlungsdatum etwas zeitversetzt notieren kann." - "Nein, das geht nicht, Simon, denn Rossana muss zur Frauenärztin, denn sie hat Schmerzen im Unterleib." - "Aber ich habe doch schon gesagt, dass das nicht geht, weil ich sie erst noch versichern muss! Sonst müssten wir das aus unserer eigenen Tasche bezahlen." - "Dann nimm doch einfach meine Versicherungskarte und sage, dass Rossana Deine Frau sei und den Namen Ruth Condori habe. Das merkt schon keiner!" sagte Ruth [damals gab es noch kein Foto auf der VK].

So fuhr ich also mit Rossana zur Frauenärztin in Bremen-Neustadt, ging die Treppe hoch und erklärte der Arzthelferin: "Meine Frau klagt seit heute Nachmittag über starke Unterleib-Schmerzen." Rossana kam auch bald an die Reihe, und die Frauenärztin sagte: "Dann schau ich mir mal ihre Frau an. Wollen Sie sich dabei hier hinsetzen oder eben draußen warten?" - "Ach, ich warte ruhig eben draußen." sagte ich. Ich setzte mich im Flur hin, doch schon nach fünf Minuten ging die Tür wieder auf und die Frauenärztin rief mir zu: "Herr Poppe, kommen Sie bitte schnell herein!" - Ich hatte schon ein sehr mulmiges Gefühl, aber hoffte in diesem Moment erst mal nur, dass ich Rossanas Blöße nicht sehen würde, was zum Glück auch nicht der Fall war, da sie mir abgewandt lag. Die Ärztin erklärte mir aufgeregt: "Herr Poppe, ihre Frau ist doch HOCHSCHWANGER, und die Schmerzen sind Geburtswehen gewesen! Sie wird jeden Moment ein Kind bekommen, denn de Fruchtblase ist schon geplatzt. Sie muss jetzt sofort ins Krankenhaus gebracht werden, damit das Kind dort entbunden wird. Ich werde sofort einen Krankenwagen bestellen und einen Notarzt!" - In diesem Moment sah ich keinen anderen Ausweg, als die Wahrheit zu sagen: "Entschuldigen Sie, Frau Doktor, aber ich muss Ihnen bekennen, dass ich nicht ganz ehrlich war, denn diese junge Dame ist nicht meine Frau, aber ich wusste auch nicht dass sie schwanger ist. Das Problem war nämlich, dass sie nicht versichert ist und ich deshalb die Versicherungskarte meiner Frau verwendet hatte. Ich muss das jetzt alles aus eigener Tasche bezahlen, deshalb wollte ich mal fragen, ob ich Rossana selber ins Krankenhaus fahren kann?" Die Ärztin schaute mich überrascht an und erwiderte dann: "Nein, tut mir leid, aber das kann ich nicht verantworten! Sie muss auf jeden Fall jetzt mit dem Krankenwagen abgeholt werden, und ich habe das eben gerade auch schon veranlasst."

Der Krankenwagen kam. Rossana wurde auf eine Bahre gelegt und von mehreren Sanitätern die Treppe runtergetragen. Ich fuhr in meinem Auto hinterher und zitterte am ganzen Leib. Als ich in den Wartebereich des Kreißsaals ankam, ging die große Schiebetür auf und ein junger Arzt kam heraus mit Mundschutz und einem kleinen Baby im Arm. Der Junge wog bei seiner Geburt nur 1900 Gramm, was wohl der Grund war, dass man der Rossana gar nicht ansah, dass sie schwanger war. Der Junge wurde nach Aussagen der Ärzte im 9. Monat geboren, aber aufgrund seiner Unterentwicklung erst einmal in den Brutkasten gebracht, um ihn zu beobachten. Ich rief vom Krankenhaus aus Ruth an und erzählte ihr alles. Sie kam dann her und wir gingen gemeinsam in Rossanas Zimmer. "Rossana, warum hast Du uns nicht gesagt, dass Du schwanger bist?" - "Ich hatte doch selber keine Ahnung!" antwortete Rossana ängstlich, "Ich habe doch bis jetzt fast immer noch meine Regel gehabt. Außerdem habe ich auch noch nie mit einem Mann geschlafen, ich schwöre es!" Ruth und ich schauten uns an, und weil ich etwas zögerte, sagte Ruth: "Rossana, die einzige Frau, die bisher als Jungfrau ein Kind bekommen hatte, war Maria, die Mutter Jesu, und ich glaube nicht, dass auch Du jungfräulich empfangen hast." Ich ergänzte Ruths Worte: "Rossana, wenn Du mit jemandem eine Beziehung hattest, dann kannst Du uns das ruhig sagen, wir verstehen das schon. Aber bitte sage uns die Wahrheit." Rossana sagte dann aufgeregt: "Es gibt da eine Möglichkeit, wie das vielleicht passiert sein konnte: Das gibt da so einen jungen Mann, der mich immer vom Institut abgeholte, wo ich studiert hatte und mich auf dem Heimweg begleitete. Eines Tages lud er mich auf eine Cola ein. Ich glaube, dass er irgendetwas ins Getränk hineingetan haben muss, denn an jenem Tag wachte ich Stunden später auf und hatte den Eindruck, dass er mich entjungfert hat, war mir aber nicht sicher."

Konnte man diese Geschichte glauben? Ich glaubte sie. Denn ich hielt Rossana einfach für viel zu einfältig, als dass ich ihr zugetraut hätte, uns anzulügen. Später musste ich jedoch feststellen, dass ich Rossana völlig unterschätzt hatte, da ich noch viele Male mitbekam, wie sie gekonnt log (Not macht ja bekanntlich erfinderisch). Auf jeden Fall war Rossana jetzt Mutter geworden, und als solche trug sie von nun an Verantwortung vor Gott. "Willst Du das Kind behalten oder zur Adoption geben", fragte Ruth. "Ich weiß nicht so recht" sagte sie, "denn einerseits ist es ja mein Kind, das ich mir immer gewünscht habe; aber andererseits wird der Junge dann keinen Vater haben und deshalb ein schweres Leben. Was meint ihr?" Ruth sagte: "Ich denke, dass Du das Kind annehmen solltest, denn Gott hat dies so gewollt". - "Du hast recht, Tante Ruth, dann mach ich das so mit Gottes Hilfe." - "Weißt Du schon einen Namen für Dein Kind?" fragte ich sie. "Ach, tío Simon, mir wäre es ganz lieb, wenn Du einen Namen für den Jungen auswählst!" Ich überlegte und dachte in diesem Moment an das Findelkind Moses, das die Mutter nicht behalten konnte und deshalb in einen Korb in den Nil gab, damit es jemand anderes finden und auferziehen möge. "Was hältst Du von dem Namen Moisés?" - "Ja, das ist ein schöner Name, dann nennen wir ihn so" sagte sie.

Es war Montag, der 17.06.1997, als Moses (span. Moisés) am späten Nachmittag geboren wurde. Als ich am Abend nach Haus fuhr, machte ich mir Sorgen, wie viel das alles wohl kosten würde, denn ich musste es ja jetzt alles aus eigener Tasche bezahlen. Da erinnerte ich mich an meine Mutter, wie sie damals immer wieder viel Erfolg hatte, wenn sie über Radio Bremen einen Spendenaufruf gemacht hatte. Wenn der Radiosender dafür im Gegenzug eine rührselige Geschichte bekommt, dann würde er das bestimmt machen. Fragen kostet ja nichts. Ich rief also am nächsten Tag bei Radio Bremen an und erzählte dem Redakteur die Geschichte, und ob man da nicht einen Spendenaufruf machen könne. Dem Redakteur gefiel die Geschichte und er schickte prompt einen Reporter ins Krankenhaus, der mich und Rossana interviewte. Er machte dann auch noch ein kurzes Interview mit dem zuständigen Frauenarzt im Krankenhaus, ob dies überhaupt möglich sei, dass eine Frau nicht merkt, dass sie schwanger sei. "Ja, das kommt durchaus häufiger vor, als man denkt, denn manche Frauen verdrängen ihre Schwangerschaft so sehr, dass sie die deutlichen Zeichen einfach ignorieren und sie anders interpretieren. Das ist also vor allem ein psychologisches Phänomen." Als der Reporter dann wieder gehen wollte, fragte ich ihn, ob es denn am Ende des Beitrages auch einen Spendenaufruf geben würde. "Nein, das können wir nicht machen."- "Warum nicht?" - "Einfach deshalb, weil niemand etwas dafür spenden würde. Sagten Sie nicht selbst, dass sie Frau Maldonado nicht rechtzeitig versichert hatten? Glauben Sie, dass jemand wegen Ihrer Nachlässigkeit bereit wäre, eine Spende zu geben?"

Am nächsten Tag wurde Rossana entlassen, aber ihr Kind sollte weiter im Brutkasten versorgt werden. Erst nach einer Woche konnten wir Moses mitnehmen mit der Auflage, dass er weiter unter ärztlicher Kontrolle bleiben müsse. So brachten wir ihn zum Kinderarzt Dr. Wahlers, der schon mich und meine Geschwister als Kleinkinder verarztet hatte. Dieser untersuchte Moses gründlich und stellte zunächst bei ihm einen sog. Nystagmus fest, d.h. ein unkontrollierbares Wackeln der Augenpupille. Eine Untersuchung seines Kopfes ergab, dass der Mittelbalken seines Gehirns angeblich nicht zusammengewachsen und deshalb damit zu rechnen sei, dass "das Kind geistig behindert sei" (Wahlers). Zum Glück stellte sich Jahre später heraus, dass Dr. Wahlers sich in dieser Einschätzung geirrt hatte. Aber wir mussten Mose regelmäßig wöchentlich zur Physiotherapeutin bringen, da er aufgrund seiner Sehschwäche auch in der Wahrnehmung seiner Umgebung und damit seiner Orientierung eingeschränkt war. Die Kosten hierfür übernahm die Versicherung, aber die Kosten für den Krankenhausaufenthalt in Höhe von 9.400,-DM musste ich selber aufbringen. Ich durfte sie jedoch in Raten abbezahlen. Was ich in jenen Tagen und Wochen jedoch völlig übersehen hatte, war, dass ich Moisés beim Standesamt hätte registrieren müssen. Offiziell existierte er so also noch gar nicht, denn seine Daten waren noch nirgendwo gespeichert. Erst ein Jahr später war dies durch Zufall aufgefallen und wurde dann von mir nachgeholt.

Moisés war ein sehr hübscher Junge. Er wollte immer getragen werden, und sobald Rossana ihn absetzte, fing er immer an zu schreien. Deshalb band ihn Rossana mit einem Tuch auf ihren Rücken, damit sie die Hände frei hatte. Nun musste sie sich tagsüber um zwei Kinder kümmern, da ja inzwischen auch Ruth wieder angefangen hatte, vormittags zu arbeiten. Aber auch Elena, unsere Nachbarin die unter uns wohnte, half öfter mal aus, zumal sie früher mal als Kinderhelferin gearbeitet hatte. Verständlicherweise hatte sich inzwischen auch unser Verhältnis zu Elena deutlich verbessert. Wir gingen damals aber soweit ich weiß noch in keine Gemeinde, außer in den Spanischkreis. Alle 2 bis 3 Monate besuchten wir auch die Geschwister Edgard und Hedi Böhnke in Blumenthal, die sich jedes Mal sehr darüber freuten.


Juli - September 1997

Der Tod von Lady Diana

Ende August 1997 starb die englische Prinzessin Lady Diana bei einem Autounfall in Paris zusammen mit ihrem Geliebten Dodi Al-Fayed. Doch nicht ihr Tod als solcher war so bemerkenswert, sondern die völlig übertriebene Trauer um sie, die plötzlich ganz Europa wie einen Schleier der Schwermut ergriff. Diese echte Trauer - auch der Deutschen - hatte gar keinen rationellen Grund mehr, denn kaum einer hatte sich zuvor besonders für Lady Diana interessiert, außer vielleicht die Leser der Klatsch- und Tratschpresse. Nein, dieses Trauergefühl hatte sich völlig abgelöst von der eigentlichen Ursache und sich verselbstständigt. Der Tod von Lady Diana stand symbolisch für einen Opfertod des Guten durch das Böse, ähnlich vergleichbar wie der Tod von John-F. Kennedy 1963, als sogar mein Vater spontan anfing zu weinen, als er damals als 22-Jähriger im Radio davon erfuhr.

Was aber war der Hintergrund? Lady Diana Spencer hatte 1981 als 19-Jährige den um 11 Jahre älteren Prinz Charles geheiratet, ohne zu wissen, dass dieser damals schon eine heimliche Jugendfreundin hatte namens Camilla, von der zu trennen er es aber nicht übers Herz brachte. So führten sie also in den ersten 10 Jahren im Grunde eine "Ehe zu Dritt", unter der Diana zunehmend litt. Ganz ähnlich und parallel war aber auch die Ehe von meinem Schwager Israel verlaufen, als er 1984 als 30-Jähriger die 11 Jahre jüngere Alexandra heiratete, nur dass Israel keine heimliche Jugendfreundin besaß, dafür aber durch eine vererbte Schilddrüsenunterfunktion etwas in seiner Libido eingeschränkt war. Und so wie Lady Diana sich dann aus Frust in ihren Reitlehrer verliebte und später in den arabischen Millionärssohn Al-Fayed, so ging auch Alexandra während ihrer unglücklichen Ehe immer wieder heimlich fremd, bis sie sich dann endgültig in den - damals noch - Dozenten eines Computerkurses verliebte. Prinz Charles stand für den Zwang und Lady Diana für die Freiheit. Man hatte also unbewusst den Eindruck, dass die Freiheit von dem Zwang getötet wurde. Und tatsächlich wollten schon damals viele notorische Verschwörungstheoretiker nicht an einen plumpen Autounfall eines betrunkenen Fahrers glauben, sondern an einen heimtückischen Mord.

Der Tod von Lady Diana 1997 löste ähnlich wie der Tod von Che Guevarra 50 Jahre zuvor auch eine Welle der Wut und Empörung gegen das "alte System" und die "verknöcherten Strukturen" aus. Manche verlangten sogar, dass man die englische Monarchie ganz abschaffen sollte, zumal Königin Elisabeth kaum ehrliche Trauer zeigte über den Tod ihrer Ex-Schwiegertochter. Zunächst wurde ihr sogar von königlicher Seite ein Staatsbegräbnis verweigert, weil die Ehe ja bereits rechtmäßig geschieden war. Lady Diana, die sich zu Lebzeiten auch für die weltweiten Opfer von Tretminen eingesetzt hatte, wurde derweil posthum zu einer Heiligen hochstilisiert und ihr Tod als heldenhafte Tragödie betrauert, so als ob sie mit sämtlichen Menschen Europas persönlich verwandt war. Zur selben Zeit lief ironischerweise gerade der Film "Titanic" in den Kinos, wo ebenso der Held am Ende sein Leben ließ für seine verbotene Geliebte, in der Hoffnung, sie dermal einst im Totenreich wieder zu sehen. Der Taschentuchverbrauch bei diesem Herzschmerz-Blockbuster war so groß, dass viele Frauen den Film bis zu 50-mal hintereinander anschauen wollten.

Parallel zur Empörung gegen das englische Königshaus war auch der Groll gegen die neoliberale Politik sämtlicher Regierungen Europas in den letzten 15 Jahren. Man wollte auch in Deutschland endlich einen Politikwechsel, weil die Leute allmählich "die Birne" Helmut Kohl leid waren. Das CDU-Argument, dass dem Kohl doch die Deutsche Einheit zu verdanken sei, hatte allmählich an Strahlkraft verloren, zumal von den versprochenen "blühenden Landschaften" im Osten auch sieben Jahre nach der Vereinigung nichts zu sehen war, sondern im Gegenteil nur Stilllegungen von unrentablen Industrien und Massenarbeitslosigkeit. Die Kohl-Regierung hatte in den Augen vieler das Land abgewirtschaftet und gehörte deshalb endlich abgewählt. Man träumte schon ein Jahr vor der Bundestagswahl von einem glorreichen Neuanfang durch eine rot-grüne Koalition, durch die endlich mehr soziale Gerechtigkeit, aber zugleich wirtschaftlicher Aufschwung kommen solle. Bei den Aktienkonzernen sollte nicht länger nur der "Shareholder Value" im Vordergrund stehen, d.h. Gewinne durch sog. "Konsolidierung" ( = Massenentlassung), sondern eine Win-Win-Situation durch Förderung und Forderung der Verantwortlichen.

Auch ich selbst hatte damals diese Aufbruchsstimmung gespürt und dachte, es sei langsam an der Zeit, mit auch einmal Aktien zu kaufen. Durch den Börsengang der Deutschen Telekom waren viele Deutsche 1996 zu Kleinaktionären geworden, so dass der Gesamtmarkt allmählich angestiegen war. Die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank und auch der EZB trieb zudem immer mehr Anleger ins Aktiengeschäft, denn der Renten- und Anleihenmarkt brachten längst nicht so hohe Gewinne ein. Vor allem war es aber das Aufkommen der Internet- und Telekommunikationsunternehmen, die den Aktien auf einmal einen regelrechten Boom bescherten. Viele kleine Start-Ups, wie IT-, Biotech oder High-Tech-Unternehmen, die gerade erst an die Börse gegangen waren, hatten innerhalb von wenigen Monaten eine so hohe Kapitalisierung erreicht, dass sie bereits den Wert riesiger Altkonzerne überschritten. Für solche überbewerteten Hoffnungsträger schuf man ein ganz neues spekulatives Anleger-Segment, nämlich den sog. "Neuen Markt", wo sich die Jäger nach dem schnellen Geld austoben konnten. Ich selbst wollte aber erst mal nicht so viel riskieren und investierte nur 500,- DM in einen sog. "Blue-Chip" (sichere Anlage), indem ich 300 Aktien von Daimler kaufte. Mit großer Freude stellte ich dann fest, dass meine Aktien jeden Tag ein wenig stiegen.


War Jesus etwa „größenwahnsinnig“?

Zur selben Zeit beschäftigte ich mich aber auch weiterhin intensiv mit der Frage, wie ich denn von nun an das Reden und Wirken Jesu für mich einordnen konnte. Wenn es keine Rettung vor einer ewigen Verdammnis mehr gab, dann bedurfte es aber auch keines Retters mehr. Wenn aber Jesus nicht der von Gott gesandte Retter und Erlöser war, der für unsere Sünden am Kreuz starb, wer war Er dann? fragte ich mich. Und wozu starb Er dann am Kreuz? War alles nur ein tragisches Missverständnis? Eine Wahnidee? Aber wer denkt sich so etwas aus? Wie kommt jemand auf den Gedanken, dass er von sich selbst sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, als nur durch mich.“ (Joh.14:4). Lag es vielleicht daran, dass Jesus als Jude ein so frommes Leben führte, dass er irgendwann dachte, dass vielleicht er der verheißene Messias war? In der Psychiatrie findet man ja häufig solche größenwahnsinnigen Narzissten oder schizophrene Paranoiker, die die Ablehnung durch andere als Beweis für ihre Auserkorenheit und ihren speziellen Sendungsauftrag werten. Viele von diesen waren außerordentlich scharfsinnige Dichter oder Denker, denn man sagt ja auch, dass Genie und Wahnsinn nah beieinander liegen. Aber konnte ich so weit gehen und dem HErrn Jesus eine Geistesgestörtheit unterstellen? Nein, das wollte ich nicht.

Zu jener Zeit unterhielt ich mich mit einer Christin, die eifrig davon überzeugt war, dass Gott, der Vater, und Jesus, der Sohn, ein und dieselbe Person waren, die unterschiedliche Rollen spielte. Auf der einen Seite war man durch solch eine Meinung natürlich das Logik-Problem der Dreieinigkeit los, hatte sich aber dadurch noch viel größere Probleme aufgehalst. Zunächst fragte ich sie, ob sie glaube, dass der HErr Jesus bei Seinen Gebeten zum Vater Selbstgespräche geführt habe. Und speziell wallte ich auch wissen, wie Er dann sagen konnte: „Nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille“, wenn es doch ohnehin ein und derselbe Wille sei. „Nein, sondern Gott war ja in Ihm, so dass Er ein inneres Zwiegespräch führte.“ – „Also doch mit sich selbst!“ antwortete ich. „Ja, wenn man so will…“ Wie es aber möglich gewesen sein sollte, dass Gott aus dem Himmel zu Seinem Sohn sprach und dieser Ihm antwortete, konnte sie mir nicht erklären. „So etwas kann man nicht mit dem Kopf verstehen, sondern nur mit dem Herzen“. Besonders kompliziert wurde es dann, als ich sie an die Stelle erinnerte, dass der HErr Jesus jetzt „zur Rechten Gottes sitzen“ würde. „Kann denn jemand zur Rechten seiner selbst sitzen?“ fragte ich sie. „Nun ja, das bleiben Geheimnisse, die wir nie ergründen können“, bekam ich zur Antwort. In mir aber wuchs dabei immer mehr der Verdacht, dass der Mensch die Gabe besaß, sich alles Mögliche vorzustellen, wenn es seinen Wünschen und Bedürfnissen entsprach, selbst wenn es fern von jeder normalen Logik war. Zugleich aber konnte er alternative Möglichkeiten, die viel naheliegender waren, einfach völlig ausblenden, wenn sie sein Wunschbild auch nur im Geringsten ins Wanken bringen würden.

Im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ war es aber die Unbedarftheit und Unvoreingenommenheit eines Kindes, das die nüchterne Feststellung machte: „Der Kaiser ist ja nackt!“ Deshalb nahm ich mir vor, einmal alle geistlichen Behauptungen und Deutungsversuche einfach zu ignorieren, um dadurch endlich mal „nüchtern“ – wie ich meinte – und ohne Tabus auf die Person Jesu zu schauen. So schrieb ich damals – für mich heute erschreckend Lästerliches – dem Hans-Udo: „Jesus kam und nötigte arbeitende Familienväter, mit ihm durch die Lande zu wandern. Dabei ließ er ihnen nicht einmal die Zeit ihre Verwandten zu begraben. Objektiv gesehen brachte er den Menschen keine ‚frohe Botschaft‘, sondern verbreitete mit seinen Höllenandrohungen Angst und Schrecken. Seine Worte waren durchaus nicht immer ‚voller Gnade‘, sondern häufig von einer ungewöhnlichen Gereiztheit und Aggressivität. So verflucht er Chorazin und Kapernaum, weil sie nicht an ihn glauben konnten, er verflucht die Pharisäer und Schriftgelehrten, nur weil sie ihn ablehnten und er verflucht sogar einen Feigenbaum, nur weil er ihm zur Frühlingszeit keine Frucht bringen konnte. Ebenso wurden auch harmlose Schweine, die Haustiere der Gadarener, auf Jesu Geheiß in den Abgrund getrieben. Die Wechsler und Taubenverkäufer wurden von Jesus aus dem Tempel vertrieben, obwohl diese im Gegensatz zu ihm wenigstens bemüht waren, selber ihren Lebensunterhalt zu verdienen und nicht auf Kosten anderer zu leben. Ist es bei allem ein Wunder, wenn die Menschen damals sagten: Wir wollen nicht so einen verbiesterten und größenwahnsinnigen Störenfried!“ Dass dies eine völlig einseitige und entstellte Darstellung des Lebens und Wirkens des HErrn Jesus war, bei der ich sämtliche Begründungen, Erklärungen und Aussagen des HErrn und der Heiligen Schrift einfach außer Acht ließ, zeigt mir heute, wie sehr ich schon damals unter einen dämonischen Einfluss gekommen war.

Mein Freund Hans-Udo sagte mir später am Telefon, dass er schockiert war, mit welch einer Unverfrorenheit ich auf einmal über den HErrn Jesus schrieb. Ich räumte jedoch am Ende meines Briefes ein, dass ich keinesfalls stolz darauf sei auf meine neu gewonnen Erkenntnisse: „Durch meine neu erlangte Freiheit bin ich nicht etwa glücklicher geworden, eher fühle ich mich heute ziemlich allein. Weder unter meinen Familienangehörigen, noch unter meinen Arbeitskollegen finde ich wirkliche Gleichgesinnte. Mir fehlt die christliche Bruderschaft (Ps.42:4). Ein wenig habe ich davon bei den Freimaurern gespürt, aber ich bin bei manchem von ihnen nicht einverstanden. Sie haben eine erstaunliche Ähnlichkeit mit gewissen Allversöhnerkreisen, wie z.B. dem von F.-H. Baader: viel Theorie und wenig Praxis. Aber auch mit sozialistisch-humanitären Aktivitäten kann ich wenig anfangen, weil sie ähnlich mit Vorurteilen und naiven Denkklischees hantieren wie die Christen. Daher leide ich zur Zeit an einer inneren Leere. Ich vertreibe mir die Zeit mit Wirtschaftsliteratur, speziell über Aktien, von denen ich mir vor einigen Monaten ein paar gekauft habe. Es ist eher ein Spiel als ein ernsthaftes Interesse. Ich komme mir vor, als würde ich auf etwas warten, aber ich weiß nicht, was. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Zustand von Dauer sein wird. Ich habe auch Probleme mit meinen Arbeitskollegen. Es ist, als ob wir einfach verschiedene Sprachen sprechen; ich kann mich einfach nicht richtig anpassen, weil wir in ganz verschiedenen Welten leben. Sie interessieren sich für LKW und Kräne, weil dies ihr Job ist (es ist nämlich eine Kran- und Schwertransportfirma), ich hingegen interessiere mich für Geschichte, Politik, Philosophie und Psychologie. Heute bereue ich es, dass ich nicht studiert habe, und es gibt jetzt kein zurück mehr. Ich werde versuchen, mich so bald wie möglich selbständig zu machen…“ (Brief vom 27.08.1997).

 
Israels Besuch in Deutschland

Inzwischen hatte Alexandra (32) die Scheidung beantragt und zugleich sich verlobt mit ihrem heimlichen Geliebten, einem Richter namens Hipólito, von dem sie ein Kind erwartete. Auf das Sorgerecht für die Kinder hatte Alexandra nach mehreren zähen Verhandlungen am Ende verzichtet, zumal sie sah, wie sehr Israel seine Kinder brauchte. Auch willigte sie ein, dass ihre Söhne den Israel begleiten dürfen bei seiner Besuchsreise nach Deutschland, weil die Behörden eine solche Einwilligung von ihr forderten. Bei der Beantragung der Visa für Israel, Jonathan und Joel hatte man uns dann jedoch mitgeteilt bei der Deutschen Botschaft in Lima, dass die beiden Jungen nicht ausreisen dürfen, da sie noch schulpflichtig seien. Deshalb machte Israel den Vorschlag, dass in diesem Fall nur er käme und seine beiden Söhne in der Zwischenzeit von den Großeltern betreut und versorgt werden. Insgeheim hatten wir gehofft, dass Israel in Deutschland vielleicht eine andere Glaubensschwester in seinem Alter (43) kennenlernt und sie heiratet, damit er und seine Söhne dann dauerhaft bei uns in Deutschland bleiben könnten. Die einzige, die wir kannten, war Elena (ca. 42), weshalb wir sie immer wieder zu uns einluden, damit der Funke überspringe. Doch so sehr Israel sich auch bemühte, der Elena seine Aufwartung zu machen, verhielt sich Elena leider sehr zurückhaltend wie ein "kalter Fisch", zumal sie so viel Aufmerksamkeit nach Jahren der Ablehnung gar nicht gewohnt war.

Da wir inzwischen 6 Leute waren in unserer 60 qm-Wohnung und die Verbrauchskosten deutlich gestiegen waren, hatte ich schon einige Wochen zuvor begonnen, frühmorgens um 4.00 Uhr den Weser Kurier an die Briefkästen der Abonnenten eines Bezirks zu verteilen. Nachdem ich mit der Arbeit ausreichend vertraut war, nahm ich auch Israel mit, um ihn einzuarbeiten, bis er schließlich den Job unter meinen Namen voll und ganz übernahm, damit er sich dadurch etwas Geld verdienen konnte. Desweiteren versuchte ich, mir durch Malerarbeiten am Wochenende etwas nebenbei zu verdienen. Ich machte mir einen Flyer mit der Aufschrift "Malerarbeiten vom Fachmann zum Sparpreis" und gab darauf meine Adresse und Telefonnummer an. Diesen Werbezettel verteilte ich überall in unserem Stadtteil Kattenesch. Es dauerte nicht lange, da bekam ich nicht nur jede Menge Anrufe von interessierten "Kunden", sondern auch einen Anruf vom Zoll-Amt "zur Bekämpfung von Schwarzarbeit", das mich bat, dort vorstellig zu werden. Ich erklärte dem ermittelnden Beamten, dass ich demnächst meinen Meistertitel hätte, aber schon einmal vorab auf der Suche nach potentiellen Kunden sei. Er erklärte mir, dass schon allein die Werbung für Handwerksleistungen ohne gültigen Meistertitel eine strafbare Handlung darstelle. Er fragte mich, ob ich denn schon Aufträge erhalten habe, und ich verneinte dies (obwohl das nicht ganz der Wahrheit entsprach). Da ich bisher nicht aufgefallen war, beließ es der Beamte mit einer Verwarnung, wies mich aber darauf hin, dass ich im Wiederholungsfall mit einer empfindlichen Geldstrafe zu rechnen habe.

Israel hatte unterdessen ein Buch geschrieben über die Geschichte seiner Familie mit dem Titel "Auferstiegen aus der Asche" und versuchte es nun, als Geschenk unter das spanisch sprechende Volk zu bringen, u.a. auch in unserem spanischen Bibelkreis. Auch nahm er in jener Zeit an einer Konferenz sämtlicher spanisch sprechender Pastoren aus Deutschland teil, die sich in Hannover trafen. Damit er ein wenig von Deutschland sehen könne, machte ich mit ihm an einem Wochenende eine Reise nach Berlin, wo wir das Brandenburger Tor und den Reichstag besuchten sowie einige andre Sehenswürdigkeiten. Unversehens durften wir dabei auch zusehen, wie gerade eine Szene für einen Kinderfilm gedreht wurde. Auf der Rückreise bekannte ich dem Israel, dass ich meinen Glauben verloren hatte. Er weinte ein wenig, sagte aber kein Wort dazu. Auch plante ich mit ihm in den Herbstferien eine Reise nach Sachsenheim, damit er auch mal Daniel Werner und die anderen Geschwister kennenlernte. Während des Besuches in Sachsenheim verband sich die Seele von Schwester Elisabeth Warnusz (64) mit der von Israel, und sie liebte ihn von da an wie einen Sohn. Diese enge Freundschaft dauert noch bis heute an, so dass Jonathan und Joel fortan die Elisabeth als ihre Oma betrachteten. Jahrelang hat Elisabeth von ihrer kleinen Rente nach Lima überwiesen, und freute sich, dass sie nun eine neue Familie gefunden hatte. Sie lernte aus Liebe zu Israel sogar Spanisch und hat danach Hunderte von Briefen mit Israel und den Söhnen ausgetauscht und Dutzende an Paketen zu ihnen geschickt.

Das Haus in Parcona, wo Israel wohnte und sich auch die kleine Versammlung traf, war über die Jahre heruntergekommen und brauchte dringend eine Renovierung. Wasser gab es dort nur eine Stunde am Tag und wurde dann in den Behältern gesammelt. Auch der Strom fiel ständig aus, weil die Infrastruktur in dieser ländlichen Gegend noch nicht richtig ausgebaut war. Israel hatte deshalb den Wunsch, in ein anderes Haus umzuziehen, das näher bei Ica liegt und auch größer ist, um Gäste zu beherbergen. Sein Vater Luis half ihm und kaufte im Vorort San Joaquin ein kleines Grundstück von 30 x 40 m, auf dem er ein Haus bauen könne. Auch wir versprachen Israel Hilfe, indem Ruth von nun an das Kindergeld für Rebekka sowie auch alle Einnahmen durch ihre Tätigkeit bei ihrem Chef, Dr. Koch. So schickten wir alle zwei Monate etwa 1.500,-DM nach Peru, die Israel für den Bau des Hauses ansparte. Aber auch die Geschwister Elisabeth Warnusz und Karl-Heinz Schubert (57) aus Sachsenheim überwiesen in etwa ebenso viel, so dass Israel beim Baubeginn zwei Jahre später über eine Summe von etwa 36.000,- DM verfügte, was einer Kaufkraft von etwa 180.000,-DM für peruanische Verhältnisse entsprach. Am Ende entstand ein Bungalow von etwa 200 qm mit großem Versammlungsraum, großer Wohnküche, 4 Schlafzimmern und zwei Badezimmern.


Oktober - Dezember 1997

Mein neues "Glaubenskonzept"

Anfang Oktober bat mich mein Chef, Herr Wittmann, in sein Büro. Dieser Freitag war genau der letzte Tag meiner 6 Monate Probezeit in der Firma, und ich ahnte schon, dass er mich möglicherweise kündigen wolle, zumal ich inzwischen auch wirklich alles gemalt und lackiert hatte, was es überhaupt in der Firma zu streichen gab, und auch schon viele Male bei Herrn Wittmann die privaten Räume seines Hauses in Ganderkesee gemalert hatte. Und tatsächlich teilte mir Herr Wittmann mit, dass er mich über die Probezeit hinaus nicht weiter beschäftigen wolle. Ich fragte ihn, ob er mir vielleicht aus Kulanz noch wenigstens eine Verlängerung von zwei Monaten geben könne, da ich ja ohnehin aus Bremen wegziehen wolle, aber bis dahin noch etwas arbeiten könne. Er war so freundlich, dass er meine Bitte gewährte und einen neuen Zeitvertrag für zwei Monate mit mir ausmachte.

Inzwischen hatte ich auch einen "modus vivendi" gefunden, wie ich meinen Glaubensabfall für mein gläubiges Umfeld nachvollziehbar nach außen vertreten konnte, ohne dabei für sie als "Ungläubiger" zu gelten. In einem Brief an meinen Schwiegervater Luis vom 14.11.1997 schrieb ich: "Es trifft schon zu, dass ich mich ziemlich weit von meinem bisherigen Glauben entfernt habe, da sich in vielen Dingen meine bisherige Denkweise verändert hat. Deshalb glauben viele Geschwister inzwischen, dass ich kein Kind Gottes mehr sei, aber das stimmt nicht. Ich liebe meinen himmlischen Vater noch genauso wie bisher, aber ich habe inzwischen eine andere Vorstellung ["concepto"] von Ihm, d.h. ich glaube nicht mehr, dass Gott sich wirklich so sehr für die noch so kleinsten Problemchen unseres Alltags interessiert, sondern es geht Ihm um das große Ganze, d.h. Er überwaltet unsere Wege und gibt uns auch dann noch Gelingen, selbst wenn wir es gar nicht verdienen. Ich glaube auch nicht mehr, dass Er uns ständig bestraft für jeden kleine Fehler, den wir begehen, denn Er ist souverän und hat auch keinen Bedarf daran, dass wir Ihn ständig loben müssten, denn Er weiß ja, dass wir Ihm dankbar sind für alles und völlig von Ihm abhängig sind. Ich sehe die Ungläubigen auch nicht mehr als meine Feinde an, sondern als Leidensgenossen, da Gott ja jedem Seiner Geschöpfe Leiden auferlegt hat. Hierin gibt es also im Prinzip gar keinen Unterschied, aber es gibt leider nur wenige Gläubige, die diese Wahrheit annehmen wollen. Deshalb bitte ich Sie, dass Sie meine Überlegungen nicht mit anderen, schwachen Brüder teilen sollten wie z.B. mit Bruder Samuel Franco. Jene sind nicht würdig, von meinen persönlichen Problemen zu erfahren, da sie diese Informationen zu ihren eigenen Zwecken missbrauchen würden."

Im Wesentlichen hatte mein neues Glaubenskonzept also eher rationalistische und deistische Züge, die vom Humanismus der Aufklärung geprägt waren. Die unbewusste Absicht, die hinter dieser Wunschkonstruktion steckte, war die: Wenn es stimmt, dass Gott sich nicht allzu sehr für uns interessiere, dann brauchen wir uns im Umkehrschluss auch nicht mehr allzu sehr für ihn interessieren. Tatsächlich kam ich mir ja vor wie ein Kind, das eines Morgens aufsteht und feststellen muss, dass seine Eltern spurlos verschwunden sind, ohne irgend einen Zettel zu hinterlassen. Ich verglich die Welt und ihre Religionen damals mit einem Maurer-Lehrling, der neu auf eine Baustelle kommt und der feststellen muss, dass zwar alle Bauleute irgendetwas tun, aber niemand eigentlich wirklich einen Plan habe, wie das Gebäude weitergebaut werden müsse, weil weder der Architekt, noch der Bauleiter und noch nicht einmal der Firmenchef anwesend waren, aber auch nie wirklich auftauchten. Allmählich dämmerte dem Lehrling, dass es in Wirklichkeit nie einen Firmenchef gab, sondern die Arbeiter nur einer Illusion erlegen waren, dass man sie eingestellt habe, sich aber jeder geweigert habe, seine Rolle zu hinterfragen. Das würde dann nämlich auch erklären, warum so viele Regeln im Christentum eigentlich gar nicht zuendegedacht wurden, weil man sich fürchtete, auf ein unerfreuliches Denkergebnis zu stoßen. Wozu musste z.B. der Sohn Gottes sterben, wenn Gott doch einfach die Regel der Sühnenotwendigkeit hätte abschaffen können? zumal doch niemand im gesamten Universum auf die Einhaltung der Sühneregel hätte bestehen können, wenn Gott selbst sie für unnötig erachtet hätte. Oder warum müsse man Gott immer wieder danken, wenn Er doch unsere Gedanken lesen kann und weiß, dass wir Ihm dankbar sind? usw.

Unser Umzug nach Hannover

Nachdem Israel wieder zurückgereist war nach Ica, begannen Ruth und ich unseren Umzug nach Hannover zu planen für Mitte Dezember. Ich hatte mich in der Meisterschule in Garbsen angemeldet, um von Januar bis Juni 1998 dort in Vollzeit die Teile 1 (Fachtheorie) und 2 (Fachpraxis) zu belegen. Wenn ich bestehen würde, hätte ich Anfang Juli meinen Meistertitel. Ruth wiederum hatte sich für das Wintersemester in der Tiermedizinischen Hochschule Hannover einschreiben lassen, um in sämtlichen Fächern nachgeschult zu werden, damit sie am Ende ihre Anerkennung als Tierärztin in Deutschland hätte. Aus der Zeitung hatten wir uns auch schon einige Wohnungsanzeigen in Hannover herausgesucht und sie vor Ort besichtigt, aber meistens stimmte das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht. Denn da das Meister-BAföG trotz gewährter Vollförderungsbedürftigkeit niemals ausreichen würde, um alle Kosten zu decken, mussten wir eine Wohnung nehmen, deren Miete noch einigermaßen erträglich war. Dies war aber in Hannover sehr schwierig, weil die wenigen billigen Wohnungen meist zu schlecht waren, als dass man dort zu Fünft hätte wohnen können (Ruth, ich, Rebekka, Rossana und Moises). Schließlich fanden wir eine maklerfreie 100 qm-Wohnung in Neustadt am Rübenberge für 1000,-DM Warmmiete im Monat, die uns sehr gut gefiel und nur 15 Min. von der Meisterschule in Garbsen und etwa 30 Minuten von der Tierärztlichen Fakultät in Hannover entfernt war. Zugleich erhielten wir auch einen Bescheid vom BAföG-Amt, dass man mir ein zinsfreies Darlehen von monatlich 1000,-DM geben würde zzgl. einer Förderung von 313,-DM/mtl., die ich aber nicht zurückerstatten müsse. Wir freuten uns über die Hilfe, waren uns aber auch bewusst, dass wir von 300, -DM + 150,-DM Kindergeld allein nicht leben könnten.

Mitte Dezember liehen wir uns dann einen kleinen Lkw aus, luden alle unsere Möbel ein und fuhren dann in unser neues Zuhause nach Neustadt am Rübenberge in die Saarstr. 21, 1.OG rechts. Da die neue Wohnung viel größer war, als die bisherige, mussten wir uns später noch einige gebrauchte Möbel dazukaufen, damit sie nicht so leer aussah. Da die Meisterschul-Lehrgänge erst im Januar losgingen, hatte ich auch noch genügend Zeit, die Wohnung zu streichen. Über Weihnachten gab es allerdings dann eine Woche lang überfrierende Nässe, so dass die Straßen stellenweise unpassierbar waren. Bei der Ausfahrt Neustadt bin ich daher mit dem Wagen aus der Kurve geschleudert und ohne Kontrolle über den Wagen an mehreren Bäumen vorbei geflogen, wobei sich der Wagen mehrfach um seine Achse drehte. Gott sei Dank, dass mir damals nichts passiert war.


Januar - März 1998

Mein Schwiegervater

Luis Condori Palacios (1920-2006) wurde in einem Dorf namens Huaychuacho geboren im Bundesstaat Ayacucho und wuchs dort zusammen mit seinem Bruder Alejandro (1924- 1997) bei der alkoholsüchtigen Mutter auf (der Vater war schon früh gestorben). Als er 11 Jahre alt war, schickte die Mutter Luis mit seinem Bruder in die Küstenstadt Ica hinab, um dort zu arbeiten und spanisch zu lernen (im Gebirge sprach man damals nur die Inka-Sprache Quechua). Sie wohnten dort im Haus eines Großgrundbesitzers, eines tyrannischen Offiziers, der sie ständig misshandelte und z.T. auch sexuell missbrauchte. In den 40er Jahren wollte sich Luis in der neuen Fabrik des amerikanischen Reifenherstellers Goodyear bewerben und stellte sich in eine lange Schlange zur Musterung an. Als er dann an der Reihe war, wurde er einfach aussortiert, weil er durch seine stark indianischen Gesichtszüge und seinen Igelhaarschnitt auf die Amerikaner trottelig wirkte. Luis ließ sich jedoch nicht unterkriegen, sondern stellte sich einfach nochmal in die Schlange an. Als er dann wieder dran war, sagte man zu ihm: "Kapierst du es nicht, dass wir so einen Cholo wie dich nicht wollen? Du bist wirklich ein beharrliches Kerlchen. Vielleicht sollten wir dir einfach mal eine Chance geben." Luis wurde also eingestellt und arbeitete so hart er konnte, auch wenn der geringe Lohn nur für einen kärgliches Dasein reichte. Es gelang ihm, auch Alejandro in die Firma hineinzubringen. Luis sagte damals zu seinem jüngeren Bruder: "Lass dich nicht von den Kollegen für irgendwelche Drecksarbeit missbrauchen, sondern konzentriere dich allein auf die Reifenproduktion". Kurz darauf kam einer der Firmenchefs zu Alejandro und sagte: "Wie könnt ihr in diesem Dreck überhaupt arbeiten?! Hey, du da, feg hier doch mal den Fußboden, ja!" Darauf sagte Alejandro: "Nein, das werde ich nicht tun, denn ich bin hier nicht zuständig, um hier irgend eine Drecksarbeit zu machen, sondern nur um Reifen herzustellen." Der Chef sagte: "Ach SO ist das also!" und notierte sich Alejandros Namen. Kurz darauf war Alejandro wieder gefeuert.

1948 heiratete Luis eine Frau in Ica, die ihm einen Sohn namens Walter schenkte. Doch sie trank viel, so dass die Ehe nach kurzer Zeit zerbrach und Luis mit dem Kind allein blieb. Luis zog deshalb in sein Heimatdorf Hauycahuacho, um sich von dort eine neue Braut zu suchen. Man empfahl ihm ein damals 16 jähriges Mädchen aus der Familie Curo. Da diese jedoch aus lauter Angst und Schüchternheit bei den Verhandlungsgesprächen mit den Eltern kein Wort sagen konnte, wollte Luis sie zuerst nicht haben, weil er dachte, sie sei taubstumm. Da Lucila kein Spanisch sprach, begriff sie erst am Hochzeitstag, dass man sie an einen 30-Jährigen verheiraten wolle und lief schnell davon, da Luis in ihren Augen alt und hässlich war. Als man sie in ihrem Versteck gefunden hatte, überredeten die Eltern sie, mit dem Mann mitzugehen, zumal sie auch schon den Brautpreis erhalten hatten. So reiste Luis mit Lucila auf einem Esel reitend vom Gebirge in die Hauptstadt Lima. Dort mietete er sich in dem Slumviertel Magdalena del Mar ein kleines Haus ohne Fenster, das nur aus zwei Zimmern bestand. Die Gemeinschaftstoilette im Slum war ein Donnerbalken, der fürchterlich stank, da es noch keine Kanalisation gab. Die Armut war groß und das Leben trist.

Eines Tages unterhielt sich Luis mit einem Arbeitskollegen über den Glauben an Jesus Christus. Luis war damals noch ein frommer Katholik, der sich zuhause einen Altar gebaut hatte für die Jungfrau Maria. Doch der Kollege überzeugte Luis, dass nur Jesus der einzige Mittler sei zwischen Gott und uns Menschen. Luis bekehrte sich und ging darauf regelmäßig in die Pfingstgemeinde. Im Jahr 1954 bekam auch Lucila ihren ersten Sohn, und er bekam den Namen Israel. Immer häufiger nahm Luis dann an Evangelisationseinsätzen in Lima teil und entdeckte sein Talent des freien Sprechens. Während seines Urlaubs reiste er dann in sein Heimatdorf Huaycahuacho und predigte dort auf dem Marktplatz das Evangelium, das in diesen Bergdörfern damals noch völlig unbekannt war. Schon bald darauf bekam der Dorfpfarrer dies mit und fing an, das Dorf gegen Luis aufzuhetzen, dass er ein "Anhänger Luthers" sei und damit ein Abgesandter des Teufels. Die Leute wollten ihn daraufhin lynchen, aber der Dorfpolizist konnte dies gerade noch verhindern, indem er Luis in Schutzhaft nahm. Kurz zuvor hatte Luis jedoch dem Pfarrer in Gegenwart des ganzen Dorfes eine prophetische Ankündigung zugerufen: "Weil du mich daran gehindert hast, dass die Menschen die Wahrheit aus dem Wort Gottes erfahren, wird Gott dich bestrafen. Du wirst noch in diesem Jahr sterben. Und daran werden alle erkennen, dass ich vom HErrn gesandt bin und nicht aus mir selber rede!" Die Dorfbewohner standen indes draußen vor dem Pferdestall, in welchem der Polizist ihn gefangen hielt und forderten mit lauten Rufen, dass man Luis hängen sollte, da er ein Ketzer sei. In der Nacht ließ der Dorfpolizist Luis dann wieder frei, ermahnte ihn aber, vorerst nicht wieder in das Dorf zurückzukehren, da er nicht für seine Sicherheit garantieren könne. Im gleichen Jahr starb dann der Priester tatsächlich in der Weihnachtsmesse, als er gerade den Kelch der Eucharistie hielt, an einem Herzinfarkt. Die Dorfbewohner erinnerten sich dann an das prophetische Wort von Luis und viele bekehrten sich dann in der Folge zu Christus, so dass eine Gemeinde im Dorf entstand, die der Luis dann über Jahre besuchte und dort predigte.

Von diesem Erlebnis mit Gott angespornt, fuhr Luis Anfang der 60er Jahre nun regelmäßig ins Gebirge nach Ayacucho und predigte das Evangelium in die entlegensten Bergdörfer, die man nur noch mit dem Pferd erreichen kann. Dabei nahm er auch immer seinen ältesten Sohn Walter mit, den er auf diese Weise zum Evangelisten ausbilden wollte. Gott segnete ihn und seine Arbeit, indem nacheinander viele kleine Gemeinden entstanden. Einmal ist Luis mit einem Bruder sogar über Pucallpa weit in den Amazonas-Urwald gereist, um auch den einheimischen Urwald-Indios die Evangeliumsbotschaft zu bringen. Er erzählte mir, dass er den Frauen im Dorf am Nachmittag beim Essen machen zusah. Dabei verwunderte er sich, dass sie die im Regenwald wachsenden Maniok-Wurzeln roh kauten und dann den zerkauten Brei in einen Topf spuckten. Dies taten viele Frauen zugleich über zwei Stunden lang, bis schließlich der große Topf voll war mit Spucke und zerkautem Maniok. Er dachte: "Was soll das werden?" doch als der Abend kam, reichte man ihm eine große Schale, den man für ihn mit diesem Spuckebrei gefüllt hatte. Alle aßen dann diese Suppe und beobachteten Luis dabei, ob es ihm auch schmecken würde. Luis schaute verlegen in die Runde in die Gesichter der größtenteils zahnlosen Indios, die ihm freundlich zulächelten und sich fragten, ob er denn keinen Hunger habe. Der einheimische Bruder, der den Luis begleitet hatte und ihm als Übersetzer diente, bemerkte seine Verlegenheit und erklärte seinen Angehörigen, dass Bruder Luis von der Küste käme und daher diese – im Urwald übliche - Speise nicht gewohnt sei. Sofort zeigte der Indio-Stamm Verständnis, so dass man Luis etwas anderes zum Abendessen gab.

An einem Tag hatte die Pfingstgemeinde angekündigt, dass ein großer Evangelist aus den USA nach Lima kommen würde und dass möglichst viele zum Flughafen kommen mögen, um ihn zu empfangen. Luis stellte sich deshalb in eine Reihe mit seinen Geschwistern, damit der Evangelist jedem nacheinander die Hand geben könne. Als Luis aber an der Reihe war, fasste der Amerikaner die Hand von Luis nur mit seinen Fingerspitzen an, was dieser als einen Affront erlebte. Traurig wandte sich Luis ab und dachte bei sich: "Was kann ich dafür, dass ich nun einmal ein Indio bin?" Plötzlich sah er einen älteren schlanken Gringo, wie er auf dem Flughafen Traktate verteilte. Es war der kanadische Kardiologe Dr. Arthur Vincent (1897-1991). Er hatte die Zeit für einen Zwischenstopp in Lima nutzen wollen, musste aber auch schon wieder zum Flugzeug zurück. Luis stellte sich kurz als Bruder in Christus vor und fragte ihn, ob er ihn denn nicht mal besuchen könne. Während Arthur zu seinem Flugzeug rannte, rief er Luis zu: "Sagen Sie mir eben ihre Postadresse!" Luis lief ihm hinterher und rief: "Jirón Junín 37b, Magdalena del Mar". - "Alles klar, hab ich mir gemerkt!" sagte Arthur.

Eigentlich hatte Luis nicht damit gerechnet, dass er irgendwann noch mal etwas hören würde von diesem Gringo. Umso überraschter war er, als er plötzlich ein Telegramm erhielt, in welchem Arthur Vincent seinen Besuch in Peru ankündigte. Seither ist "Bruder Arturito", wie sie ihn liebevoll nennen, 30 Jahre lang fast jedes Jahr für ein paar Wochen nach Peru gereist, um den Indios im Gebirge die "gesunde Lehre" zu bringen. Stundenlange Fußmärsche machten ihm dabei trotz seines hohen Alters nichts aus. Er umarmte die nach Schweiß und Lama riechenden Brüder, als wenn er ihres gleichen wäre und schlief auf harten Strohballen in den Lehmhütten bei 10˚C Grad Kälte ohne zu jammern. Dadurch gewann er trotz seines stark amerikanischen Dialekts im Laufe der Jahre die Herzen aller indianischen Geschwister.

Es war im Jahr 1962, als Lucila ihm eine Tochter gebar, der sie den Namen Ruth gaben (meine Frau). Um die höheren Kosten zu decken, kaufte Luis sich einen Marktstand, wo Lucila vormittags Reis und Bohnen verkaufte. Ruth wurde als Kleinkind in dieser Zeit meist zuhause eingesperrt, was umso grausamer war, da sie unter schwerem Asthma litt. Ohnehin aber war die 2-Raum-Wohnung im Slum allmählich zu klein für 5 Personen, so dass Luis sich nach einer besseren Bleibe umsah. Da erfuhr er, dass die Militärregierung ein Investitionsprogramm beschlossen hatte, um u.a. eine Mehrfamilienhaussiedlung im Stadtteil La Victoria zu errichten mit 400 günstige Wohnungen für Arbeiterfamilien. Die Siedlung wurde nach dessen italienischem Architekten Matute benannt. Luis kaufte eine 45 qm-Wohnung im Block 59 mit einem 18 qm großen Vorgarten, den er mit vielen Blumen bepflanzte. Doch schon bald gab es Streit mit seinem gleichaltrigen Nachbarn Rigoberto, der einen Teil des Vorgartens für sich beanspruchen wollte. Eines Morgens war über einem Teilstück von Luis Garten mehrere Wäscheleinen gespannt, an denen die Wäsche des Nachbarn hing. Darauf nahm Luis kurzerhand eine Schere uns schnitt die Leinen ab, so dass die Wäsche auf den Boden fiel. Da kam der Nachbar hinausgelaufen und schubste Luis, was ihm denn einfiele. Die beiden erwachsenen Männer rauften sich auf dem Fußboden, und im Nu schauten sämtliche Nachbarn dabei zu und amüsierten sich. Diese Prügeleien zwischen den beiden wiederholten sich noch viele Male, weil Rigoberto immer wieder neue Wäscheleinen spannte, die Luis immer wieder abschnitt. Öfters kam auch Rigobertos Frau mit einem Besen hinausgelaufen, den sie dem Luis auf den Kopf schlug, um ihren Mann zu unterstützen. Dann kam auch Lucila ihrem Mann zu Hilfe und schlug ebenso mit dem Besen drein. Schnell wurden alle Nachbarn gerufen, um sich das Spektakel mit anzusehen.

Während so jahrelang Krieg herrschte zwischen den Nachbarn, hatte der 14-jährige Israel Condori sich in die gleichaltrige Nachbarstochter Isabel verliebt. Als Luis dies mitbekam, forderte er von seinen Kindern, dass sie alle spätestens um 18.00 Uhr zuhause sein sollten. Sobald sie sich auch nur um 5 Minuten verspäteten, schlug er sie mit seiner Rute. Walter hat sich dann meistens unter dem Bett verkrochen, wo Luis ihn nicht erreichte. Überhaupt schlug er die beiden Söhne regelmäßig frühmorgens nach dem Aufstehen, nachdem er ihnen die Verfehlungen des Vortages vorgehalten hatte; denn so verstand er das Gebot im Sprüchebuch: "Wer seinen Sohn liebt, der sucht ihn am Morgen heim mit Züchtigung." Um Kosten für den Friseur zu sparen, schnitt Luis seinen Söhnen auch immer selbst die Haare, indem er sie ganz kurz schnitt. Als Walter 16 Jahre wurde, wehrte er sich dagegen: "Ich will nie wieder, dass sie mir die Haare schneiden. Ab jetzt will ich sie mir lang wachsen lassen, wie meine Klassenkameraden!" Vater Luis ließ ihn gewähren, zumal er stolz war auf Walter, der inzwischen schon auf dem Weg war, ein Profifußballer bei der Alianza Lima zu werden. Einen Fernseher gab es indessen nicht im Hause der Condoris, weshalb die Kinder heimlich bei den Nachbarn ihre Lieblingsserien schauten. Nach 10 Jahren Streit unternahm Lucila schließlich einen Versöhnungsversuch mit den Nachbarn, der zu einem dauerhaften Frieden führte. Luis trat dem Rigoberto einen Teil des vorderen Grundstücks ab, während dieser dem Luis ein gleich großes Stück im hinteren Garten schenkte. Jahre später baute Luis auf diesem einen Kiosk, der bis heute noch da ist und seit 1996 seinem Sohn Walter gehört.

Anfang der 70er Jahre kamen dann Cubaner nach Matute und handelten mit Drogen. Es dauerte nicht lange, da gab es keinen Jugendlichen mehr in Matute, der nicht kiffte oder kokste. Auch Israel, der im Viertel von allen Mädchen umschwärmt wurde, hatte heimlich regelmäßig Marihuana geraucht, was wohl erklären dürfte, warum er die Schläge seines Vaters immer mit einer stoischen Gelassenheit über sich ergehen ließ. Tatsächlich waren die beiden Söhne von Luis verhältnismäßig wohlerzogen. Die einzig Rebellische in der Familie war Ruth, die schon sehr früh mit 13 J. ihrem Vater widersprach und sich vor die Mutter stellte, wenn der Vater auch sie schlagen wollte. Ruth hielt die Rute fest und sagte: "Ich verbiete, dass Sie meine Mutter schlagen!"

Doch nicht nur zuhause, sondern auch auf der Arbeit hatte Luis ein starkes Durchsetzungsvermögen. Da er sich in seiner Freizeit viel mit dem Zivil- und Arbeitsrecht beschäftigt hatte, kamen die Arbeitskollegen zu Luis, wenn sie sich rechtlich beraten lassen wollen. Luis wurde zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt und trat auch der Gewerkschaft bei. Als 1970 ein neuer Militärputsch den General Velasco Alverado an die Macht brachte, verwies dieser die ausländischen Firmenbesitzer des Landes und verstaatlichte die Betriebe, "um dem Volk wieder ihren Besitz zurückzugeben" wie es hieß. Das führte dazu, dass nun die Arbeiter, die keinerlei kaufmännische Erfahrung hatten, an die Spitze der Unternehmen gesetzt wurden, so dass schon bald das totale Chaos ausbrach. Während die Amerikaner den Arbeitern noch recht auskömmliche Gehälter gewährt hatten, wurden die Löhne nun drastisch gesenkt, um Kosten zu sparen. Die Folge war, dass überall im Land gestreikt wurde, und einer dieser Streikführer war Luis. Er hielt große Reden vor der Belegschaft, ließ das Werksgelände besetzen und rief die Fabrikarbeiter sogar zum gemeinsamen Hungerstreik auf, über den dann in den Medien berichtet wurde. Mutter Lucila brachte in jener Zeit dem Luis immer heimlich Butterbrote vorbei, so wie es auch die anderen Ehefrauen heimlich taten. Als der monatelange Streik dann endlich beendet war, wurden die Arbeiter begnadigt, aber die Streikanstifter verloren ihren Job. Somit wurde auch Luis arbeitslos. Von seiner Auslöse kaufte er sich einen zweiten Marktstand, in welchem er Papier verkaufte, dass man damals, als es noch keine Plastiktüten gab, zum Einwickeln gebrauchte. Aber er war kein guter Verkäufer, weil er zu knauserig war. Seine warmherzige Frau Lucila hingegen hatte sich inzwischen bei allen Kunden beliebt gemacht, so dass Luis nur noch sie verkaufen ließ. Viele Kunden kauften nur noch, wenn Lucila da war.

Walter Condori hatte 1977 eine Arbeit als Hotelpage gefunden und seine Freundin Rita geheiratet, nachdem diese von ihm ein Kind erwartete. Die 45 qm-Wohnung war nun mit 7 Personen endgültig zu klein, so dass Walter und Rita auszogen. Sein Bruder Israel, der beim Militär beschäftigt war und nebenbei ein Studium in Publik Relations absolvierte, heiratete auf Anraten der Brüder Arthur Vincent und Nelson Mogollón 1984 die 11 Jahre jüngere Ecuadorianerin Alexandra, und auch sie zogen aus und wohnten fortan in Ica-Parcona. Da die Arbeitslosigkeit Anfang der 80er Jahre überhandnahm, wollte Ruth nach dem Ende ihrer Schulzeit Medizin studieren, aber ihr Vater erlaubte es ihr nicht, weil kein Geld da sei. Deshalb arbeitete Ruth einige Zeit als Verkäuferin, um sich ein Studium zu leisten. Ihr Vater schaltete ihr indessen abends immer das Licht aus, indem er sagte: "Wenn du unbedingt abends noch Bücher studieren musst, dann kannst du es auch bei Kerzenschein machen!" Aus seiner Sicht gehörten Frauen in die Küche und nicht in die Uni. Er verlangte auch von Ruth, dass sie immer nur einen Rock tragen solle, was Ruth allerdings spätestens mit 18 J. peinlich wurde. Sie ging deshalb zur Uni immer morgens mit Rock aus dem Haus und zog sich dann unter einer Treppe draußen heimlich eine Hose an. Wenn sie dann wieder nach Hause kam, zog sie sich schnell wieder um, so dass ihr Vater nichts mitbekam. Eines Tages erfuhr Luis dann durch Zufall von einem ehemaligen Arbeitskollegen, dass er nach dem Ausscheiden aus der Firma einen Anspruch auf Rente habe. Sofort beantragte Luis diese, und auf einmal war die Zeit der Knappheit endlich vorbei. Luis sah nun auch ein, dass es gut sei, wenn seine Tochter Tiermedizin studiere, da man sonst kaum Chancen auf einen Job habe. Unterdessen gingen bei den Condoris viele Brüder ein und aus, sogar aus den USA und Kanada. Sie alle unterstützten Luis bei den Besuchen der neu gegründeten Gemeinden in Collique, Abancay und Ayacucho. Immer wenn ein ausländischer Bruder kam, waren bei den Versammlungen alle anwesend. Denn eines war allen klar: Diese Brüder brachten Geld mit, und zwar nicht wenig. Luis hatte dieses dann immer unter die Bedürftigen verteilt, so dass er über eine gewisse Macht verfügte. Dies führte Anfang der 90er Jahre dann zu Neid und Streit.

Als ich im Januar 1992 zum ersten Mal nach Peru kam, stand die Versammlung in Lima kurz vor der Spaltung. Mehrere Brüder meuterten gegen die Vorherschaft von Bruder Luis, darunter Maximo Carmen (61), Raul Bendezú (57), Mateo Asto (48) und Ricardo Pineda (35). Sie warfen Luis Veruntreuung und eine ungerechte Verteilung der Spendengelder vor. Als Luis dann auch noch anfing, frei erfundene Gerüchte über diese Brüder zu verbreiten, sprachen sie ihm gänzlich den Glauben ab und gründeten eine neue Versammlung. Ich geriet damals mit meinen 23 Jahren zwischen die Fronten und versuchte, es beiden Seiten recht zu machen, was mir aber nicht gelang. Luis führte die Versammlung noch zehn Jahre weiter, bis er schließlich im leicht dementem Zustand 2006 heimging.

Die Meisterschule

In der Berufsschule Garbsen gab es jedes Jahr nur eine Klasse für Meisteranwärter im Maler- und Lackiererhandwerk, die in etwa aus 25 Schülern bestand im Alter von 25 bis 40 Jahren. Wir hatten zwei Lehrer, die uns abwechselnd in den Fächern Fachtheorie und Fachpraxis unterrichteten. Herr Brandes (ca. 58) war als Kunstlehrer ein richtiger Ästhet, aber zugleich auch sehr pflichtbewusst wie ein preußischer Offizier, der sich immer äußerst viel Zeit nahm, um uns die genauen Arbeitsabläufe zu erklären, bevor wir dann endlich mit den Aufgaben beginnen konnten. Herr Stollberg (ca. 45) hingegen war genau das Gegenteil von Herrn Brandes, nämlich ein eher lockerer Malermeister, der selber 20 Jahre einen Betrieb geleitet hatte und daher kein Theoretiker war, sondern aus seiner Erfahrung sprechen konnte. Verständlicherweise war mir Herr Stollberg gleich sympathisch, während ich mit Herrn Brandes eher auf Kriegsfuß stand. Das bestand jedoch auf Gegenseitigkeit, denn auch Herr Brandes hatte mit meiner eher unkonventionellen Art so seine Probleme. Wenn er z.B. beim Erklären durch den Klassenraum ging und dabei sah, dass ich meine Schuhe ausgezogen hatte, dann ließ er es sich nicht nehmen, vor der Klasse zu sagen: "Ach, Herr Poppe, das ist ja wirklich freundlich von ihnen, dass Sie uns alle an dem Duft ihrer Sohlen teilnehmen lassen!" Aber auch ich hatte manchmal einen Schalk im Nacken, um mir mit Herrn Brandes einen Scherz zu erlauben: Als nach einer Pause der Unterricht wieder begann und Herr Brandes wie gewöhnlich fragte: "Hat jemand noch irgend eine Frage, bevor wir mit dem zuletzt besprochenen Thema weitermachen können?" da fragte ich ihn: "Herr Brandes, ich habe mal eine ganz allgemeine Frage: Was ist eigentlich der Sinn des Lebens?" Die Klasse lachte und Herr Brandes versuchte, die unerwartete Frage irgendwie scherzhaft zu beantworten, indem er sagte: "Der Sinn des Lebens ist wohl der, dass wir irgendwann einmal alle ins Gras beißen müssen." Ich wollte aber ernst bleiben und entgegnete: "Wenn der Sinn des Lebens in unserem Tod bestehen würde, dann wäre es aber kein Sinn, sondern ein Un-Sinn; mit anderen Worten hätte das Leben dann gar keinen Sinn." Herr Brandes überlegte: "Nun, ganz so unsinnig ist das Leben ja auch nicht. Ich z.B. sehe den Sinn meines Lebens darin, dass ich mein erlerntes Wissen an die nächste Generation weitergeben kann." Darauf erwiderte ich: "Wenn der einzige Sinn Ihres Lebens darin bestanden hatte, dass sie Wissen über den Malerberuf weitervermittelt haben, dann muss das aber ein sehr trostloses Leben gewesen sein mit einem ziemlich elendigen Sinn." Die Klasse lachte wieder, aber Herr Brandes wollte diese unbeabsichtigte Beleidigung nicht erwidern, sondern wollte es mir bei der nächst besten Gelegenheit heimzahlen, die auch schon bald folgen sollte.

Da wir von den rund 300,- DM im Monat nicht genug zum Leben hatten, suchte ich in den Stellenangeboten einen Nebenjob, den ich mit freier Zeiteinteilung auch zwischendurch ausüben konnte. Ich fand ein Angebot vom sog. Emnid-Institut, wo es darum ging, Menschen zu befragen nach ihren politischen Ansichten, um die Daten statistisch auswerten zu lassen. Für jede einzelne Befragung gab es etwa 15,-DM, wobei der Fragebogen so lang war, dass man fast eine Stunde dafür brauchte. Ich hatte nun die Idee, gleich mehrere Leute auf einmal zu befragen, dann bräuchte ich die Fragen nicht immer neu stellen, und könnte dadurch mehr schaffen. Da man die unterschiedlichen Zielgruppen, für die es jeweils eigene Fragebögen gab, frei wählen konnte, wählte ich speziell für Jugendliche, damit ich die Lehrlinge der Berufsschule befragen konnte. Zu Beginn der großen Pause ging ich aus der Meisterklasse raus und fragte ein paar Jungen aus der Lehrlingsklasse nebenan, ob sie Lust hätten, an einer Befragung teilzunehmen. Es meldeten sich etwa vier, und wir gingen den Flur runter in einen leeren Klassenraum, wo wir ungestört waren. Zum Glück hatten die Schüler viel Spaß an den Fragen, wo es z.B. u.a. um Rassismus oder gewisse Vorlieben ging. Als jedoch eine halbe Stunde rum war, sagte einer der Schüler, dass der Unterricht wieder begonnen habe und sie zurück müssten. Die anderen drei wollten aber lieber mit mir die Befragung zuendemachen. "Und was soll ich sagen, wenn der Lehrer fragt, wo ihr abgeblieben seid?" - "Sag ihm einfach die Wahrheit" sagte ich, "dass sie an einer wichtigen Emnid-Studie teilnehmen und deshalb etwas später kommen. Da brauchst ihm ja nicht auf die Nase binden, dass wir das hier im Klassenraum machen." Der Schüler ging also zurück in seinen Klassenraum. Ich ahnte aber nicht, dass ausgerechnet Herr Brandes da unterrichtete.

Erwartungsgemäß fragte Herr Brandes, ob jemand wisse, wo die fehlenden Schüler verblieben seien. Der eine Schüler meldete sich und sagte: "Ich habe mit ihnen an einer Emnid-Umfrage teilgenommen, die ein Meisterschüler mit ihnen durchgeführt hat und die noch nicht ganz beendet ist. Er hat mir aber gesagt, dass ich Ihnen nicht verraten solle, dass er diese Umfrage hier in der Schule macht." Herr Brandes wurde rot vor Wut und sagte: "Du wirst mir jetzt sofort zeigen, wo er diese Befragung durchführt!" Kurz darauf ging die Tür auf in unserem Klassenraum und Herr Brandes schrie mich wutschnaubend an: "WER HAT IHNEN ERLAUBT, HIER WÄHREND DES BERUFSUNTERRICHTS PRIVATWIRTSCHAFTLICHE INTERESSEN ZU VERFOLGEN?! UND WO IST DIE GENEHMIGUNG, DASS SIE IHR ÖFFENTLICHE RÄUME NUTZEN DÜRFEN?! ES IST EINFACH EINE UNVERSCHÄMTHEIT, HERR POPPE, DASS SIE MEINE SCHÜLER HIER FÜR IHRE EIGENEN FINANZIELLEN INTERESSEN MISSBRAUCHEN, UND DAS AUCH NOCH WÄHREND DER UNTERRICHTSZEIT! EINE UNVERSCHÄMTHEIT!!!" Ich bat Herrn Brandes viele Male um Entschuldigung und gab mich völlig ahnungslos, was aber nicht verhindern konnte, dass er mich von nun an "auf den Kieker hatte".


April - Juni 1998

Unser Alltag in Neustadt am Rübenberge

Da ich keine reale Chance sah, genügend Freiwillige zu finden für meine Emnid-Umfragen, ließ ich es bleiben und versuchte mich stattdessen weiter im Aktiengeschäft, wobei ich zunächst nur die Theorie erlernte und worauf es ankäme und erst später, wenn ich genug Geld hätte, auch selbst ins Geschäft einzusteigen. Nach der Schule ging ich meist mit Ruth und Rebekka auf einen der vielen Spielplätze und lernte nebenbei für die Prüfung. Ruth machte derweil vormittags ihre Studiengänge an der Tiermedizinischen Hochschule und lernte parallel dazu weiter Deutsch, da sie vielen Erläuterungen der Dozenten auch nicht recht folgen konnte, zumal sie z.T. sehr schnell redeten. Rossana passte vormittags auf Rebekka und Moises auf und machte den Haushalt. An den Wochenenden fuhren wir mit Rossana, Rebekka und Moises zu den nahegelegenen Einkaufszentren oder ans Steinhuder Meer, wo wir zusammen badeten. Ruths Rückenschmerzen in Sacro-Lumbar-Bereich hatten inzwischen deutlich zugenommen, so dass Ruth bald jede Woche irgendeinen Termin bei einem Orthopäden oder in der Schmerzambulanz hatte. Einer von ihnen sagte zu Ruth ganz offen: "Ich bin inzwischen mit meinem Latein am Ende und kann ihnen höchstens noch eine Versteifung ihres Rückens durch einen operativen Eingriff anbieten, obwohl ich Ihnen den keineswegs empfehlen würde. Aber was Sie alles so an Opiaten einnehmen, das haut normalerweise einen Ochsen um!" Ruth zeigte aber äußerste Willensstärke und wollte unbedingt ihre Tiermedizin-Anerkennung in Deutschland schaffen.

Rebekka hatte schon bald auch zwei Freundinnen auf dem Spielplatt kennengelernt, Pamela und Jaqueline, die beide in ihrem Alter waren und deren Mutter eine Philippinin war, mit der sich Ruth gut verstand. Leider war der viel ältere Ehemann ein Trinker, der seine kleinen Töchter oft schlug. Diese Aggression übertrug sich dann auch auf Pamela, die ihrerseits ständig Rebekka schlug. Rebekka weinte damals oft, weil sie Ungerechtigkeit nicht ertragen konnte. Mit Moises verstand sie sich indessen gut und sie spielten vergnügt mit einander selbst wenn ihre Windeln voll waren und stanken. Wir brachten Rebekka bei, aufs Töpfchen zu gehen, und sie kam jedes Mal dann freudestrahlend in die Küche gelaufen, wenn sie uns wieder mitteilen kann, dass sie ein kleines "Ei" gelegt habe. Sonntags gingen Ruth und ich öfter mal in die nahe gelegene Baptistengemeinde, wo wir von einem älteren Ehepaar angesprochen wurden, die uns in ihren Hauskreis einluden. Dieser gefiel uns gut, so dass wir dort regelmäßig hingegangen. Ruth freundete sich dort mit einer Schwester namens Dörte an, die uns auch sehr häufig besuchte. Irgendwann bat ich dem Pastor und auch dem Hauskreisehepaar an, dass ich gar nicht mehr an den Gott der Bibel glaube, worauf sie entsetzt reagierten. Der Hauskreisleiter (dessen Name mir entfallen ist) meinte zu mir, dass dies wohl an der Trennung meiner Eltern liege, denn aus seiner psychologischen Erfahrung würden Trennungen der Eltern immer schwerwiegende Auswirkungen auf deren Kinder haben, bis dahin, dass sie von ihrem Glauben abfallen.

Der erste Adoptionsversuch

Allmählich neigte sich Rossanas Zeit in Deutschland dem Ende zu. Sie machte sich Sorgen um ihren Sohn und ihre Zukunft, denn mit einem kleinen Kind würde es fortan sehr schwierig sein, Arbeit zu finden. Sie würde das Los vieler lediger Mütter in Südamerika teilen müssen, deren Söhne dann früher oder später unter die Räder kommen, indem sie z.B. Drogen nehmen und verkaufen, weil sie niemanden haben, der immer für sie da wäre. Rossana wünschte sich deshalb, dass ihr Sohn von einem deutschen Ehepaar adoptiert werde, damit er viel Zuwendung und eine gute Ausbildung bekomme. Wir machten ihr klar, dass sie ihren Sohn dann nie wieder sehen würde, denn soweit mir bekannt war, würden schon die Behörden das nicht zulassen. Rossana war es aber wichtiger, dass ihr Sohn gut versorgt sei, und ihr war bewusst, dass sie dies nicht leisten konnte. Also rief ich beim Jugendamt in Hannover an und machte einen ersten Termin bei einer Beraterin. Wir nahmen Moises mit und sie erklärte uns, dass südamerikanische Kinder heiß begehrt seinen bei Adoptiveltern, weshalb es keine Schwierigkeit geben dürfte, Moises zu vermitteln.

Ein paar Wochen später wurden wir zu einem zweiten Termin geladen, weil man mögliche Adoptiveltern für ihn gefunden habe. Dort im Büro war zeitgleich ein junges Paar geladen, dass Moises sah und sich sofort in ihn verliebte. Sie nahmen ihn auf den Arm und hätten ihn am liebsten gleich mit nach Hause genommen. Die Frau von der Adoptionsstelle erklärte uns jedoch, dass erst viele Formalitäten erledigt werden müssten, u.a. ein ärztliches Attest und eine Einwilligungsbescheinigung von Rossana usw. Wir reichten die gewünschten Unterlagen nach und erhielten eine Woche später einen Anruf von der Behörde. Die Sachbearbeiterin war sehr wütend und sagte mir, dass wir ihr verschwiegen hätten, dass Moises wahrscheinlich geistig behindert sei. Ich fragte sie, warum dies denn einen Unterschied mache und dass das außerdem doch noch gar nicht sicher erwiesen sei. Sie aber sagte: "Herr Poppe, man kann kein geistig behindertes Kind zur Adoption geben, weil NIEMAND ein solches Kind haben will. Merken Sie sich das!" Ich fand das irgendwie ganz schön diskriminierend, aber ich dachte, sie wird es wohl besser wissen als ich. Damit war also unser erster Versuch gescheitert. Da wir keine Chance auf eine Adoption sahen, überredeten wir Rossana, das Kind doch erst mal mitzunehmen nach Peru.

Ohne Papiere existiert man nicht

Als der Tag der Abreise kam, fuhren wir mit Rossana und ihrem Kind nach Bremen und brachten sie zum Flughafen. Am Check-In-Schalter nahm die Dame am Schalter der Fluggesellschaft den Ausweis und das Ticket von Rossana entgegen und tippte die Daten in den Computer. "Fliegt das Kind mit Ihnen?" - "Ja." - "Dann bräuchte ich auch mal das Ticket für das Kind bitte." - - - Ich wurde nervös. "Wieso? braucht das Kind denn auch ein eigenes Ticket?" fragte ich zaghaft. "Ja, natürlich, oder hatten sie gedacht, dass Mutter und Kind irgendwie eine unzertrennliche Einheit bilden? Das mag vielleicht in der Schwangerschaft gewesen sein, aber jetzt ist es ein eigenständiger Fluggast und braucht deshalb auch ein Reiseticket." - "Ach so, das wusste ich nicht. Und was machen wir jetzt?" - "Machen Sie sich keine Sorgen, sie können auch jetzt noch ein ermäßigtes Ticket für das Kind kaufen, denn es sitzt ja auf dem Schoß der Mutter. Geben Sie mir mal den Reisepass für das Kind." Schon wieder geriet ich in Verlegenheit: "Muss denn ein so kleines Kind schon einen eigenen Reisepass haben?" - "Ja, was denken Sie denn! Selbstverständlich brauchen auch Babys einen Kinderausweis. Das kann ja jeder behaupten, dass das Kind der Mutter gehört. Sie müssen zur Peruanischen Botschaft und sich einen Pass für das Kind machen lassen, sonst kann das Kind nicht mitfliegen." - Wir waren geschockt. "Können Sie nicht irgendwie eine Ausnahme machen?" - "Nein, das geht nicht. Sie können doch nicht einfach glauben, dass das Kind einfach so mitfliegt, das sagt Ihnen doch schon allein ihr gesunder Menschenverstand. Und jetzt gehen Sie bitte weiter und überlegen sich, was Sie machen wollen, denn die Schlange hinter ihnen will auch noch fliegen."

Wir waren am Boden, und Ruth machte mir Vorwürfe, warum ich daran nicht gedacht hatte. "Wenn Rossana heute nicht fliegt, dann verfällt ihr Ticket und wir müssen wieder Geld sparen, um ein neues Ticket zu kaufen, und das nur, weil Du Dich vorher nicht richtig informiert hattest!" Rossana versuchte zu beschwichtigen: "Onkel Simon, Tante Ruth, machen Sie sich keine Sorgen! Ich fliege sonst auch ohne Moises, und Sie können ihn ja erst mal hier in Deutschland behalten und ihn dann später mitbringen, wenn Sie das nächste Mal nach Peru kommen." - "Das sagst Du so einfach, Rossana“, sagte Ruth, "aber Du weißt, dass wir vormittags beide nicht da sind, weil wir studieren. Der Kindergarten für Rebekka beginnt erst nach den Sommerferien und Moises ist noch zu klein dafür. Und Du weißt auch, dass ich Schmerzen habe und mich nicht um zwei Kinder kümmern kann!" - "Und wenn wir noch mal versuchen, ihn zur Adoption zu geben?" fragte ich. "Ich kann doch mal beim Jugendamt in Bremen und ihnen die Situation schildern. Irgendwas wird denen doch schon einfallen." So verblieben wir dann, und Rossana stellte sich nochmal in die Schlange, um einzuchecken. Nachdem wir sie verabschiedet hatten, ging ich mit Moises im Arm zum Auto. "Ein so hübscher Junge" dachte ich, "schade, dass wir ihn nicht einfach behalten können."

Ich rief beim Jugendamt an und erklärte dem Mann die Situation. "Das Kind kann auch erst mal in einer Pflegefamilie untergebracht werden. Sie können ja morgen Vormittag mal in mein Büro kommen und alle Unterlagen von dem Kind mitbringen." - "Welche Unterlagen meinen Sie?" - "Ja, z.B. die Geburtsurkunde und eine Vollmacht der Mutter." - "Eine Geburtsurkunde habe ich nie bekommen für das Kind." - "Wann ist das Kind denn geboren?" - "Vor einem Jahr." - "Waaas??! Und Sie haben es immer noch nicht beim Standesamt angemeldet? Dann wird es aber allerhöchste Zeit, denn ohne Papiere existiert Moisés noch gar nicht!" - "Ich dachte, das geht alles irgendwie automatisch, wenn ein Kind geboren wird." - "Nein, Sie haben doch auch eine Tochter und hatten ihr auf dem Standesamt einen Namen gegeben. Haben Sie das völlig vergessen?" Ich schämte mich und versicherte, dass ich mich jetzt schnellstens darum kümmern würde. Als ich beim Standesamt anrief, sagte mir die Dame, dass sie vom Krankenhaus damals eine Mitteilung erhalten habe, aber dass Sie noch immer darauf wartete, bei ihr vorstellig zu werden. Wir riefen in Peru an, dass Rossana eine Einverständniserklärung schreiben solle, die notariell beglaubigt und von einem anerkannten Übersetzer auf Deutsch übersetzt werden müsse. Elena wiederum hatte Kontakt zu einer gläubigen Pflegefamilie in Habenhausen, wo Moisés erst einmal untergebracht wurde. Wochen später erfuhr ich durch den Kinderarzt Dr. Wahlers durch Zufall, dass Moisés inzwischen von einem Journalisten-Ehepaar in Schwachhausen adoptiert wurde, deren Nachname Monsees hieße. Ich traute mich aber Jahre lang nicht, zu diesen Kontakt aufzunehmen, bis eines Samstags im Jahr 2015 Moisés mit seiner Adoptivmutter vor unserer Haustür stand (aber dazu später mehr).

Die Meisterprüfung

In der Meisterschule war ich inzwischen einer der Klassenbesten, weshalb sogar Herr Brandes von meinen Arbeiten beeindruckt war, auch wenn er mich nicht mochte. Ich lernte auch die möglichen Prüfungsfragen der theoretischen Prüfung in und auswendig, so dass ich mich ziemlich sicher fühlte. Kurz vor der Prüfung war im Juni 1998 ein ICE-Zug in der Nähe von Hannover entgleist und hatte über 100 Menschen in den Tod gerissen. Das Zugunglück von Lengede galt als das schlimmste von allen in Deutschland, so dass auch der Lehrer für eine Weile den Unterricht unterbrach. Als dann Ende Juni die Woche der praktischen Prüfung kam, erhielten wir die Aufgabe, den Empfangsbereich eines Hotels zu gestalten, indem wir auf den eigens von uns dafür vorbereiteten 8 Platten (0,5 x 1,00 m) jeweils eine genau vorgeschriebene Technik ausführen sollten, deren Ausführung dann benotet wurde. Die Arbeitsabläufe waren so geplant, dass wir alle 5 Tage brauchen würden, um dies auch zeitlich zu schaffen. Ich hatte mir zuvor schon viele Gedanken gemacht und arbeitete so pingelig und perfektionistisch wie ich nur konnte, weil ich das beste Ergebnis von allen erzielen wollte. Die ersten drei Tage liefen auch völlig im Zeitplan, doch dann hatte ich größte Mühe mit einem Schriftzug, den wir mit Blattgold auf eine Glasplatte bringen sollten, weil sich das Blattgold immer wieder stellenweise löste und nicht so recht kleben wollte auf der sog. Miktion (Kleber). Donnerstagabend wurde mir klar, dass es jetzt ganz schön knapp war mit der Zeit und ich eine Platte noch gar nicht bearbeitet hatte, sondern hatte sie am Donnerstag erst mal nur vorgespritzt, um sie am nächsten Tag mit einer Lilie zu vergolden.

Als ich am Freitagmorgen kam, war diese Platte noch immer nicht trocken, sondern bakte noch. Ich ging zu Herrn Brandes und fragte ihn, was ich jetzt machen könne, da die Platte nicht trocken sei. "In den Ofen können Sie die nicht stellen, denn dann können Sie die heute nicht mehr vergolden, weil der Lack zu weich ist" - "Und was soll ich sonst machen?" - "Keine Ahnung. Sie hätten vielleicht mal früher daran denken sollen, die Platte vorzuspritzen!" Es hatte keinen Zweck, denn er wollte mir nicht helfen. Also ging ich zu Herrn Stollberg und fragte ihn, ob er eine Idee hätte. Er überlegte und sagte dann: "Holen sie mir mal einen Japanspachtel, eine Tube Acrylspachtelmasse und Abtönfarben, z.B. Schwarz und Lila" - "Was haben Sie denn vor?" fragte ich verwirrt. "Das werde ich Dir gleich zeigen, wart' nur ab!" Ich brachte ihm die gewünschten Dinge, und er tat sich auf den Japanspachtel eine Mischung aus Acrylspachtel, sowie Schwarz und Lila, vermischte es und trug es plötzlich auf meine Platte auf. "WAS MACHEN SIE DENN DA?" fragte ich entsetzt. "Ich versuche, Dir den Arsch zu retten! Vertrau mir, ich weiß schon, was ich tue!" Mein Herz raste und es war mir völlig schleierhaft, was er vorhatte. Er trug die Farbe in kleinen Flecken kreuz und quer auf die Platte auf und überlappte die Flecken bis die ganze Platte bedeckt war. Eigentlich war es streng verboten, dass ein Lehrer uns bei der Herstellung der Platten half, und so war auch Herr Brandes sichtlich geschockt, als er sah, wie sich sein Kollege gerade über die Regeln hinwegsetzte. Als er fertig war, sagte er: "Schau, die Platte ist jetzt schon trocken, aber Du musst sie noch verdichten. Weißt Du wie das geht?" - "Nein." - "Schau her!" Er nahm den Japanspachtel und rieb damit auf der Farbfläche hin und her, so dass diese anfing zu glänzen. Erst jetzt erkannte ich, dass es eigentlich ein recht schöner Anblick war und machte weiter. Er hatte es geschafft, den Untergrund auf die Schnelle so herzurichten, dass ich noch rechtzeitig meine Vergoldung aufbringen konnte. Und er riskierte dabei sogar, dass sein Kollege ihn verpetzen könnte für diese kleine Schummelei. Das werde ich ihm immer hoch anrechnen!

So wurde ich gerade noch rechtzeitig fertig an jenem Freitag und hatte außer der Glasplatte ein sehr überzeugendes Ergebnis erzielt.


Juli - September 1998

Das Ergebnis

Ich erfuhr, dass wir das Ergebnis am 07.Juli erhalten würden im Rahmen einer Feierstunde. Der 07.Juli war aber zugleich mein 30. Geburtstag, weshalb ich umso mehr bangte, ob ich auch ein positives Ergebnis als Geburtstagsgeschenk erhalten würde. Mein Vater war extra angereist aus Bremen, um mich nach Hannover zu bringen. Wir versammelten uns auf dem Flur der Maler-Innung, während drinnen im Handwerkssaal beraten wurde. Dann ging die Tür auf und einer der Schüler wurde hineingerufen, und zwar Torsten, der ehrgeizigste Streber der Klasse, der immer nur an seinen eigenen Vorteil dachte. Wir waren uns sicher, dass er bestanden hat. Als er jedoch nach einer Weile herauskam, sagte er: "Ich hab's vergeigt! Und auch nur deshalb, weil ich bei einer Platte eine falsche Technik aufgebracht hatte entgegen der Vorgabe. Ich meinte es nur gut, aber die Prüfer meinten, dass dieser Fehler unverzeihlich sei, weil ich ja auch nicht zu einem Kunden sagen könne, dass die Lackierung doch schön sei, wenn doch der Kunde ausdrücklich eine Lasur gewünscht habe."

Ich dachte: "Wenn der deswegen schon allein durchgefallen ist, dann bin auch ich durchgefallen!" Doch dann ging die Tür wieder auf und man hieß uns diesmal alle zusammen hereinzukommen. Was hatte das zu bedeuten? Der Obermeister erklärte uns dann, nachdem er es zuvor sehr spannend gemacht hatte, dass wir anderen alle bestanden hätten und nun jeder nacheinander seine Urkunde bekommen würde. Ich war überglücklich, und als ich an der Reihe war, sagte ich vor der Jury, dass dieser Tag für mich in doppelter Weise besonders sei, da ich auch gerade 30 geworden sei. Dem HErrn sei Dank, dass er mir eine Demütigung erspart hatte! Im Nachherein tat mir der Thorsten wirklich leid, dass er durchgefallen war, und ich fragte mich, warum man bei mir ein Auge zugedrückt hatte.

Anna und Albert

Mitte Juli heiratete meine Schwester Anna ihren Albert in Ratzeburg, wo die beiden immer ihren Urlaub verbrachten. Es war eine schöne Feier und viele waren gekommen. Anna (32) und Albert (33) passten aber auch wirklich gut zusammen, da sie beide sehr konservativ waren, und zwar so sehr, dass sie sich am liebsten für den Rest ihres Lebens in eine Konserve hätten einschließen wollen, in der die Zeit zum Stehen gebracht war und die feindlich empfundene Umwelt ihre Ruhe nicht zu stören vermochte. Tatsächlich war dies dann auch ihr größtes Problem in den folgenden Jahren, dass nämlich ihre Umwelt immer nie so wollte, wie sie es gerne hätten und von ihr erwartet hatten. Sei es nun, dass die Prediger oder Glieder einer Gemeinde nie ganz genau ihren Wunschvorstellungen entsprachen und ihnen deshalb keine andere Wahl blieb, als diese wieder zu verlassen, oder sei es, dass die Vermieter sich nicht an die ihnen zustehende Ruhe hielten oder andere Vorgaben einfach missachteten. Anna und Albert hatten beruflicherseits gelernt, wie man Beschwerdebriefe verfasst, die es aber in sich hatten. Als ich später mal versucht hatte, Albert als Bürogehilfen zu gewinnen, lies ich ihn zur Probe Briefe an Kunden schreiben. Zu meinem Erschrecken waren diese dermaßen eiskalt formuliert, dass ich Albert zur Mäßigung aufrief: "Mein lieber Albert, so kannst Du doch nicht meinen armen Kunden schreiben! Das ist doch absolut grausam und lieblos! Die würden mir nie wieder einen Auftrag erteilen!"

Anna und Albert waren Eigenbrötler, aber sie haben sich immer gut verstanden. Es war beinahe so, als hätten zwei Autisten geheiratet, die beide auf einander Rücksicht nehmen konnten, weil beide unter den gleichen Ängsten und der selben Paranoia litten. Die Welt der beiden war entsprechend klein, aber sie waren nie einsam, denn sie hatten immer einander und ihre Erinnerungen an die 70er und 80er Jahre, in denen sie aufgewachsen sind. Ich habe die beiden immer bewundert wegen ihrer Bescheidenheit und Genugsamkeit. In dieser Hinsicht waren sie genau das GEgenteil von mir, denn ich war schon immer lebenshungrig und risikofreudig. Ihre größte Angst war die vor der Veränderung, und meine größte Angst war die vor der Erstarrung. Während Albert in den ersten Jahren noch shr scheu und zurückhaltend gegenüber uns war, hatte er sich allmählich an uns gewöhnt und zeigte sich auf Geburtstagen als heiteren Witzbold. Selbstironisch bezeichnete er sich selbst immer als der "Schnuff" wie ihn Anna immer nannte und fühlte sich offensichtlich wohl in dieser Rolle als gemütlicher Teddy wahrgenommen zu werden. Sein teilweise derber Humor wurde von meiner Mutter anfangs eher als Spott empfunden, über den sie nicht lachen konnte. Es ging einmal so weit, dass ich Albert in einem Brief damit drohte, handgreiflich zu werden, wenn er weiterhin seine Scherze mit meiner Mutter trieb. Später aber versöhnten wir uns wieder.

Albert war vielleicht aufgrund seiner etwas korpulenteren Statur nicht gewöhnt, anstrengende Arbeiten zu verrichten, deshalb mied er diese so weit er konnte. Wenn Einkäufe ins Haus getragen werden mussten oder Möbel in den Möbelwagen, fühlte sich Albert in der Regel nicht für zuständig, sondern überließ das Anna. Schon bald hatte er deshalb bei der Familie den Ruf eines "Faulpelzes" weg. Anna versuchte, dies immer schön zu reden, dass ihr das gar nichts ausmache und Albert dafür eben andere Gaben habe. Es dauerte lange bis ich einsah, dass Albert einfach innerlich gehandicapt war, d.h. es war nicht so dass er nicht arbeiten wollte, sondern er konnte nicht. Kein Wunder dass er deshalb jede Beschäftigung schon nach kurzer Zeit wieder verlor. Selbstverständlich lag das immer an den anderen, aber nie an ihm. Ebenso waren natürlich immer die Vermieter allein daran schuld, wenn Albert und Anna mal wieder wegen Lärmbelästigungen oder ähnlicher Unerträglichkeiten eine neue Wohnung suchten. In den letzten 20 Jahren sind die beiden schätzungsweise schon 6 oder 7 mal umgezogen, und jedes Mal endete ihr Mietverhältnis im Streit.

Der Beginn meiner Selbständigkeit

Am 01.08.1998 meldete ich in Neustadt am Rübenberge mein Gewerbe als selbständiger Malermeister an. Es war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser, denn ich hatte zwar auf der Meisterschule alle möglichen, seltenen Maltechniken erlernt, die ich später so gut wie nie mehr anwenden konnte, aber die einfachsten Dinge hatte man mir nicht erklärt, z.B. woher ich eigentlich Material bekomme und wo ich meinen Müll entsorgen könnte. Meine größte Sorge war jedoch zunächst einmal, wie ich überhaupt Kunden gewinnen konnte, denn ich war ja noch vollkommen unbekannt in Neustadt am Rübenberge, so dass ich noch nicht von Mund-zu-Mund-Propaganda profitieren konnte. Erschwerend war noch, dass sich sehr viele Meisterschüler aus Garbsen im Raum Neustadt niedergelassen hatten, so dass es wohl die scheinbar größte Dichte an Malerbetrieben aus ganz Deutschland dort gab. Auch einer der größten Malereibetriebe Deutschlands hatte in Neustadt am Rübenberge ihren Stammsitz mit über 400 Mitarbeitern und eines Bestehens von über 150 Jahren. Wie also sollte eine neu gegründete Firma bei so viel Konkurrenz überhaupt Fuß fassen können?!

Ich versuchte es zunächst mit einer Annonce in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Es meldeten sich gerade einmal nur zwei Interessenten, von denen mir immerhin eine auch einen Auftrag erteilte. Dann kam mir die Idee, einen Werbeflyer zu verteilen, auf dem ich jedem Kunden einen Rabatt von 30 % anbot und einige meiner Leistungen schon konkret benannte mit ihren jeweiligen Einheitspreisen, z.B. "Fassade grundieren und zweimal streichen mit hochwertiger Reinacrylatfarbe: statt 20,-DM/m² nur noch 13,50 DM/m²" oder "Fenster schleifen und zweimal lackieren mit Lack oder Lasur: statt 18,-DM/m² nur noch 10,-DM/m²". Da die meisten Malerbetriebe bei ihren Angeboten Einheitspreise verwenden (d.h. Preis pro m² oder m), hatten die Hausbesitzer nun die Möglichkeit zu vergleichen, und so dauerte es nicht lange, dass ich sehr viele Anfragen bekam, aus denen dann auch Aufträge wurden. Ich war einfach unschlagbar billig, und ich merkte es selber nicht einmal. Mein "Glück" war, dass ich nicht kalkulieren konnte, da ich im Rechnen schon immer schlecht war, und so konnte ich - ohne mir dessen bewusst zu werden - viele Mitbewerber fernhalten, selbst wenn ich so gut wie nichts mehr am Auftrag verdient hatte. Für das Streichen einer Fassade über 1000,-DM zu bekommen, war für mich gefühlt eine Menge Geld, mit dem ich mich gern zufrieden gab, selbst wenn meine Konkurenten für das gleiche Haus über 2000,- DM angeboten hatten. In den ersten drei Monaten hatte ich einen Umsatz von insgesamt 14.265,- DM, was mich zuversichtlich stimmte, dass es nun endlich bergauf ginge. Davon kauften wir uns u.a. Flugtickets, um im Januar 1999 wieder nach Peru zu reisen, wenn es ohnehin kaum Arbeit geben würde. Diesmal wollte auch mein Vater Gregor mitkommen.

Doch schon nach ein paar Wochen litt ich unter der Einsamkeit und Langeweile, denn tagsüber gab es nun keinen Arbeitskollegen mehr, mit dem ich mich unterhalten konnte, so dass ein 8-Stunden-Tag mir unendlich lang vorkam. Da kam mir die Idee, mal meinen Bruder Marco zu fragen, ob er nicht Lust hatte, bei mir eine Umschulung zum Malergesellen zu machen, zumal seine selbständige Treppenhausreinigung auf Dauer auch nicht das Richtige für ihn sein konnte. Marcus fand die Idee gut, zumal auch er daran interessiert war, mit mir mehr Gemeinschaft haben zu können. Also machten Marco und ich einen Ausbildungsvertrag, und er wurde mein erster Mitarbeiter. Da er nach wie vor in Bremen wohnte, bedeutete dies für ihn, dass er nun zwei Jahre lang täglich zwischen Bremen und Neustadt pendeln musste mit dem Zug, eine Stunde hin und eine Stunde zurück. Normalerweise dauert eine Ausbildung im Handwerk immer drei Jahre, aber Marco war ehrgeizig und wollte seine Ausbildung auf anderthalb Jahre verkürzen, zumal er sich aufgrund seines Alters den jungen Lehrlingen in der Berufsschule ohnehin überlegen sah. Um sich ausreichend praktische Erfahrung anzueignen, machte Marcus sich noch zusätzlich selbständig als Maler- und Lackierer als sog. "Reisegewerbe" (eine Art "Lücke" in der an sonsten strengen Handwerksordnung).


Oktober - Dezember 1998

Aller Anfang ist schwer

Am 07.10.1998 kaufte ich schließlich für mich und Ruth je ein Handy für 249,-DM/Stk. Handys wie das Siemens S6 waren damals noch über 15 cm groß und konnten nichts weiter als nur telefonieren. Es war das erste Handy überhaupt, das ich besaß, und ich war auch einer der ersten Kunden des gerade neu gegründeten Konzerns VIAG Interkom, der sich später O2 nannte. Ich konnte mir damals sogar unter 10 attraktiven Nummern noch eine aussuchen, die ich auch bis heute noch habe. Da es damals noch keine Pauschaltarife (Flatrates) gab, waren Handygespräche dermaßen teuer, dass man es nur in Notfällen gebrauchte. Obwohl das Post- und Fernmeldewesen bereits privatisiert war, waren aber auch sog. "Ferngespräche" Ende der 90er Jahre noch sehr teuer. Ein Anruf von Neustadt nach Bremen kostete z.B. 0,50 DM/Minute, und nach Peru kostete eine Minute sogar 2,-DM. Wenn Ruth damals mit ihrer Familie in Peru telefonierte, dann stand ich daneben oft wie auf glühenden Kohlen, indem ich immer wieder mit dem Finger auf meine Armbanduhr schlug, um Ruth zum Auflegen zu bewegen. Unsere Telefonrechnungen beliefen sich jeden Monat auf bis zu 200,-DM im Monat, so dass wir trotz meiner Selbständigkeit einfach nicht aus den roten Zahlen herauskamen. So trug ich wieder jeden Morgen in der Frühe die Lokalzeitung aus und verteilte dabei zusätzlich meine Flyer, um neue Kunden zu gewinnen. Aufgrund meiner schlechten Rechenkünste, bot ich meinen Kunden die 50,-DM Stundenlohn nicht nur inkl. Lehrling an, sondern auch inkl. Materialkosten, so dass mein eigentlicher Stundenlohn als Meister sich gerade einmal nur bei etwa 35,-DM belief. Hinzu kam, dass ich mich bei der Addition meiner Preise in der Rechnung häufig zu meinen Ungunsten verrechnet haben muss, aber naturgemäß machten mich nur wenige Kunden ehrlicherweise darauf aufmerksam. Wenn das Arbeitsamt mir nicht die ersten 6 Monate immer ein sog. "Übergangsgeld" in Höhe von 3.200,- DM gezahlt hätte, dann wäre ich schon nach wenigen Wochen zahlungsunfähig gewesen, zumal meine Gesamtkosten nahezu fast genauso hoch war wie mein Umsatz. Die Einnahmen zerronnen wie Wasser in unseren Händen, denn inzwischen musste ich neben der 250,- DM-Monatsrate für das Krankenhaus auch jeden Monat 600,- DM an meinen Vater zahlen, wegen all der Schulden, die ich bei ihm hatte. Auch Hans-Udo meldete sich nun, und wir vereinbarten 500,-DM monatlich, die ich zwei Jahre lang an den Verein zurückerstatten sollte.

Schon bald musste ich leider auch zum ersten Mal die Erfahrung machen, dass nicht alle Kunden bereit sind, für eine erbrachte Leistung auch zu zahlen. So hatte mich eine Immobilienmaklerin gebeten, ihr ein Angebot zu machen, was es kosten würde, wenn ich die veralgte Fassade ihrer Garage reinigen, grundieren und streichen würde. Ich maß also die Fläche, errechnete den Preis und rief sie abends an, um ihr mein Angebot mündlich am Telefon zu sagen (472,60 DM brutto). Sie war damit einverstanden und erteilte mir den Aufrag. Doch nachdem ich alles erledigt und ihr die Rechnung zugeschickt hatte, erhielt ich kurz darauf ein Fax, in welchem sie behauptet hatte, dass sie mir noch gar keinen Auftrag erteilt habe und deshalb keine Veranlassung sehe, mir überhaupt die Rechnung zu bezahlen. Ich war aufgebracht vor Wut und setzte mich sofort an die Schreibmaschine, um ihr neben einer Mahnung mit Fristsetzung auch noch einen zwei-Seiten-langen Brief zu schreiben, in welchem ich ihr unmoralisches Verhalten in aller Schärfe rügte, wobei ich ihr "Charakterlosigkeit, Menschenverachtung und unersättliche Raffgier" vorwarf. Bevor ich den Brief abschickte, machte ich eine Kopie und brachte diese bei einem Rechtsanwalt in der Nachbarschaft vorbei mit der Bitte, dass er doch meinen "Fall" vertreten möge. Er las sich alles durch und fragte mich dann: "Haben Sie den Brief schon abgeschickt?" - "Ja! warum?" Er schüttelte den Kopf und sagte: "Warum haben Sie mich denn nicht gleich mit dem Fall betraut, bevor Sie solche Romane schreiben? Und wenn Sie Ihrer Kundin hier z.B. 'niederträchtiges Gebaren' oder 'Raffgier' vorwerfen, dann müssen Sie aufpassen, dass diese Sie nicht wegen Beleidigung verklagt! Ich hoffe ja, dass das noch gut geht. Aber in Zukunft sollten Sie das Schreiben lieber dem Anwalt überlassen."

Tatsächlich erfuhr ich dann 10 Tage später, dass der Anwalt der Kundin meinem Anwalt mitgeteilt hatte, dass seine Mandantin von einer Strafanzeige gegen mich wegen Beleidigung absehen würde, wenn ich im Gegenzug bereit sei, eine Zahlung von gerade einmal nur 150,-DM zu akzeptieren, was mir mein Anwalt dringend anriet, da ich sonst vorbestraft wäre. Ich ärgerte mich zwar, vor allem über meine eigene Dummheit, aber war natürlich damit einverstanden. Obwohl es sich um ein verhältnismäßig geringes "Lehrgeld" handelte, konnte ich jedoch den Gedanken kaum ertragen, dass diese Kundin auf diese Weise nun einfach Kosten eingespart hatte. Auf legalem Wege konnte ich jedoch jetzt nichts weiter erreichen, deshalb nahm ich mir vor, mich zu einem späteren Zeitpunkt an ihr zu rächen. Als Christ hätte ich mich im Gebet von all diesen negativen Gefühlen der Kränkung und Demütigung von Gott befreien lassen können, aber als Ungläubiger war ich nun auf mich alleine geworfen und musste die Sache mit mir selbst ausmachen. Heute weiß ich, dass diese Ungerechtigkeit mir nur deshalb widerfahren ist, weil ich auch selbst Unrecht übte, indem ich auch selber Behörden und Institutionen Gelder vorenthielt, das ihnen von mir zustand. Ich komme später noch darauf zurück.

Im November 1998 erhielt ich u.a. dann einen Großauftrag, nämlich ein leer stehendes Haus von oben bis unten zu renovieren. Da aber das Haus aber in Bückeburg war, also etwa 60 km entfernt von Neustadt, beschlossen Marcus und ich, uns für eine Woche dort einzuquartieren, womit die Kundin auch einverstanden war. Meine Frau bat mich nur, dass wir auch unseren Papagei mitnehmen sollten, damit er tagsüber nicht so alleine sei. Um den Auftrag überhaupt schaffen zu können, nahmen Marcus und ich uns vor, 14 bis 16 Stunden am Tag zu arbeiten, denn was könnten wir sonst auch tun, ohne uns zu langweilen. Damals erfand ich für den Flur eine Technik, die ich auch später noch oft anwendete, indem ich die Wände mit Latexfarbe spachtelte, so dass sie spiegelglatt wurden. Beim Tapezieren der Räume mit Raufasertapete ist uns dann jedoch ein grober Fehler passiert: Die Kundin hatte nämlich alle Heizungen ausgestellt, so dass es nur etwa 12 oC an Temperatur hatte. Dadurch konnte der Kleister aber gar nicht richtig trocknen. Als wir dann die Decken strichen, fielen uns reihenweise die Tapeten von den Decken, da sie durch die Farbe zuviel Gewicht hatten und der Kleber sie nicht mehr hielt. Wir mussten also im Akkord Bahn für Bahn wieder nachkleben, so dass wir viel Zeit verloren. Am Ende mussten wir bis spät in die Frühe durcharbeiten, um noch rechtzeitig fertig zu werden. Die Nerven lagen inzwischen blank, so dass Marcus und ich oft an einander gerieten. Einmal rastete ich so aus, dass ich Marco einen Tritt in den Hintern verpasste. Daraufhin setzte er sich in das Auto und wollte nicht mehr arbeiten. Es war 4.00 Uhr nachts und ich bettelte ihn an, doch wieder ins Haus zu kommen, denn alleine würde ich es nie schaffen. Am Ende war die Kundin nicht mit unserer Arbeit zufrieden und gab uns statt der vereinbarten 6.000,- DM gerade nur die Hälfte. ich war trotzdem einverstanden, da die Arbeit tatsächlich eines Malers unwürdig war.

Mein Abschiedsbrief

In jener Zeit hörte ich immer häufiger die Musik der Gruppe Rammstein. Die harten und aggressiven Rythmen drückten genau jene Wut und jenen Frust aus, den ich damals empfand. Und dann gab es da noch eine Gothic-Band namens Therion, die düsteren Symphonic Metal spielte, deren satanischer Hintergrund mir zwar bewusst war, aber die ich dennoch leidenschaftlich gerne hörte. Jeder Metal-Fan weiß im Grunde genommen, dass diese Musik ihm hilft, seine unterdrückten Aggressionen abzubauen, indem er diesen durch das Hören hemmungslos „freien Lauf lassen“ kann, als würde er selber diese Musik spielen oder diese Texte singen. Es ist dieses Rauschgefühl von unbändiger, zügelloser Stärke, das den Hörer beflügelt und ihm die Unlustgefühle vergessen hilft. Psychiater sprechen gerne von "körpereigenen Drogen" wie Endorphin, Serotonin oder Noradrenalin, die durch diese Hardrockmusik freigesetzt wird; aber durch diese "Botenstoffe" wirkt ein luziferisches Bewusstsein im Menschen, das ihn antreibt zum Aufruhr und Empörung gegen alles Heilige. Satan wollte ja Gott gleich sein, und genauso fühlt sich auch ein von ihm inspirierter Mensch den anderen Mitgeschöpfen gegenüber haushoch überlegen. In Wirklichkeit aber wird er selbst von Satan betrogen, weil diese Rauschzustände – wie bei allen Drogen – nur von begrenzter Dauer wirken und ihn danach wieder frustriert und innerlich leer zurücklassen. In der Folge verlangt der Süchtige noch immer mehr Grenzüberschreitung, vergleichbar einem pubertierenden Jugendlichen, der austesten muss, wie weit er noch gehen kann. Dieser Trieb, mir immer neue Freiheiten herauszunehmen, wurde auch in mir damals (wieder)erweckt, so dass ich „es allen zeigen wollte“.

Mein Freund Bernd Fischer hatte sich bereits ein Jahr zuvor endgültig von mir verabschiedet, indem er mir einen letzten Brief sandte mit einem schwarzen Rand auf dem Umschlag, durch den man damals Trauerbriefe um einen Verstorbenen kennzeichnete. Für ihn war ich jetzt tot. Das tat mir zwar leid wegen unserer jahrelangen Freundschaft, aber ich konnte es nicht ändern, da sich ja bei mir eine Metamorphose vollzogen hatte. Es gab nun kein Zurück mehr. Es war nun die Zeit gekommen, dass auch ich mich noch ein letztes Mal an meine Brüder von früher wenden wollte in einem Abschiedsbrief. Ich machte mir keine Illusion, dass ich dadurch irgendjemanden hätte überzeugen können; mir ging es vielmehr darum, dass keiner glauben sollte, dass ich nur aus Schwachheit und Lauheit in die Welt zurückgekehrt sei, sondern dass ich „gute Gründe“ für meine Entscheidung hatte. Ähnlich wie Saul, der den Samuel nach seiner Verwerfung darum bat, doch wenigstens vor den Ältesten seines Volkes und vor Israel geehrt zu werden, so wollte auch ich gerne wenigstens noch mit erhobenem Haupt davongehen, indem alle erfahren sollten, warum ich kein Christ mehr sein konnte.

Mir kam dabei die Person des „Demas“ in den Sinn, von dem Paulus am Ende des zweiten Briefes an Timotheus beiläufig schrieb: „…denn Demas hat mich verlassen, da er den jetzigen Zeitlauf liebgewonnen hat“ (2.Tim.4:10). Ich fragte mich, ob Demas diese Begründung wohl für sich hätte gelten lassen wollen. Da kam mir die Idee, einen fiktiven Antwortbrief an Paulus zu schreiben, indem ich mich als Demas ausgab, der seine Gründe für seinen Weggang ausführlich schildern wollte. Ich beschrieb darin all mein Leid, dass ich gerade in den letzten Jahren in meiner Beziehung zu Gott erlebt hatte, indem ich mir Gott als ein „Schreckgespenst in meinem Gewissen“ vorgestellt hatte. Dabei zitierte ich aus einem Buch von Tilmann Moser, der in seiner Jugend ähnliche Erfahrungen mit Gott machte: „Gott raubte mir so gründlich die Gewissheit, mich jemals in Ordnung fühlen zu dürfen, mich mit mir auszusöhnen, mich o.k. finden zu können. Mir graut es, wenn ich an die unzähligen Stunden im ‚Morgen-Grauen‘ denke, als ich nur noch flehen konnte: ‚Herr, verwirf mich nicht von deinem Angesicht.‘ Das Morgengrauen ist die Zeit der Hinrichtungen, des Selbsthasses und der Gottesheimsuchung… Ich saß wie in einer Falle: alle mir wichtigen Menschen zeigten keinerlei Zweifel, dass es Gott gebe und er ansprechbar, verständnisvoll, gütig, gerecht, ja sogar lieb und barmherzig sei, wenn auch mit dem Hintergrund düsterer Strafen, deren schlimmste natürlich der Liebesentzug sei, und es galt gleichzeitig als ausgemacht, dass bei dem, der Gott nicht erreichte, etwas Schlimmes vorliegen müsse. Das brachte mich in die Lage einer keuchenden und angstgejagten Ratte, die ihre Tretmühle in wachsender Panik immer schneller tritt… Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins an einen allgegenwärtigen Gott bewirkte eine lähmende Einschüchterung und Ohnmacht in mir und machte mich zu einem korrupten Schmeichler, der sich Gott immer wieder durch Lob und Dank anzubiedern suchte, um seine Gunst zu erlangen… Gott war für viele meiner Glaubensgeschwister für ganze Bereiche ihres seelischen Lebens der einzige Ansprechpartner. Seine erdrückende Wirklichkeit entstammt ihrer Isolierung, ihren Kontaktstörungen, ihrer Sprachlosigkeit anderen Menschen gegenüber. Sie beteten zu ihm und erzählten ihm abends ihren Tag, weil ihnen sonst niemand zugehört hätte. In ihrer Verzweiflung haben sie Gottes Antwortlosigkeit als unendliche Geduld und Wohlwollen gedeutet. Sie hätten ihr Elend auch ihrem Wellensittich zuflüstern können.“ (Tilmann Moser: Gottesvergiftung, Suhrkamp Taschenbuch, 1980).

Diesen „Brief des Demas“ aus dem fiktiven Jahr 63 n.Chr. schrieb ich während des 2. Halbjahrs 1998 und vervielfältigte ihn dann als Büchlein mit 23 Seiten, das ich dann an etwa 50 Glaubensgeschwister in Deutschland versandte. Alle meine Gefährten von früher sollten nun wissen, dass ich nicht mehr zu ihnen gehörte. Allerdings scheute ich mich davor, diesen Abschiedsbrief auch an Edgard und Hedi Böhnke zu verschicken. Denn nach wie vor besuchten wir sie ja regelmäßig wie unsere Großeltern, und ich hatte es bis dahin nie übers Herz gebracht, ihnen von meinem Glaubensabfall zu erzählen, weil sie es nie verstanden hätten. Da sie schon über 70 J. waren, wollte ich ihnen nach all dem Guten, das sie mir angetan hatten, keinen Kummer mehr bereiten, sondern sie bis zu ihrem Tod in Ahnungslosigkeit belassen. Doch ich hatte törichterweise nicht damit gerechnet, dass sie es schon kurz darauf von anderen erfahren sollten. Eines Abends rief ich Hedi an, um sie zu fragen, ob wir sie am Wochenende mal wieder besuchen kommen dürften. Doch Hedi wies mich ab und sagte: „Wir haben gehört, dass Du nicht mehr an unseren HErrn Jesus Christus glaubst. Die Geschwister Domrös haben uns ein Heftchen von Dir geschickt, und Edgard hat es gelesen. Seither ist Edgard tief getroffen und kann Nachts nicht mehr schlafen. Simon, Du hast dem Edgard das Herz gebrochen. Wir haben Dich immer geliebt wie einen Sohn. Aber jetzt gehst Du für immer verloren, wenn Gott Dir nicht noch einmal gnädig sein wird. Wir wollen nie mehr, dass Du zu uns kommst. Das könnten wir nicht ertragen. Du musst umkehren zum HErrn Jesus, Simon, sonst gibt es keine Hoffnung mehr für Dich!