"Wache auf, der du schläfst und stehe auf aus den Toten,

 und CHRISTUS wird dir leuchten!" (Eph. 5:15)

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Januar – Juni 1999

Meine 4. Peru-Reise

Ende Januar fuhren wir als Familie wieder für einen Monat nach Peru, da es im Winter ohnehin nicht genug Arbeit gibt für Malerbetriebe. Diesmal aber nahmen wir meinen Vater mit, damit auch er mal dieses Land kennenlernen konnte, wovon wir ihm so oft schon berichtet hatten. Nach all der Hilfe, die er uns schon gegeben hatte, waren wir es ihm schuldig, dass wir uns mal bei ihm revangieren konnten. Da auch mein Vater in seiner Jugend bei den Pfadfindern war und so wie ich ein Abenteurer war, dem Armut und Entbehrungen nichts ausgemacht hatten, war ich mir sicher, dass er trotz seiner 57 Jahre keine Probleme haben würde mit den Widrigkeiten einer solchen Reise. Doch da hatte ich mich geirrt. Besonders als wir die alten Schwestern in Collique (im Norden Limas) besuchten, war mein Vater entsetzt über die Armut dort und sagte: „Simon, wie konntest Du mich nur in dieses fürchterliche Land bringen!? Das hält doch kein Mensch auf Dauer aus! Schrecklich, wie diese Leute hier Leben müssen! Da kriege ich wirklich die Krise!“ Aber schon zwei Tage später, als wir zu meinem Schwager Israel nach Ica-Parcona reisten, war mein Vater plötzlich ganz anderer Meinung und sagte: „Das ist ja wirklich phantastisch hier, Simon! Wir sollten hierher auswandern. Ich sollte hier ein Haus kaufen, wo wir alle drin wohnen könnten. Besser geht’s nicht!“ Und so ging das in den Tagen danach immer wieder auf und ab. Mein Vater war hin- und hergerissen in seinen Gefühlen, und mir wurde klar, dass sein Nervenkostüm nicht mehr so belastbar war wie früher.

Am Sonntagnachmittag fuhren wir mit der ganzen Gemeinde in Parcona zur Lagune von Huacachina, einer Oase mitten in der Wüste, wo wir gemeinsam aßen und Fußball spielten. Einige Wochen zuvor hatte sich eine achtköpfige Familie bekehrt und taufen lassen. Seit diese Familie Peña regelmäßig zum Gottesdienst ging, war die kleine Gemeinde fast auf das Doppelte angewachsen. Der Vater hatte jahrelang Bodybuilding praktiziert und konnte beim Posieren mit seinen übertrieben dicken Muskeln seine Brust durch Anspannung in Bewegung versetzen. Doch hatte er möglicherweise durch Anabolika dermaßen seine Leber ruiniert, dass er schon bald darauf starb mit gerade einmal nur 49 Jahren. Da die Familie nun keinen Ernährer mehr hatte, schenkte Israel ihr später sein Haus in Parcona, nachdem sein neues Haus in Ica im Jahr 2000 bezugsfertig wurde. Anschließend fuhren wir gemeinsam zur Baustelle und waren überrascht, wie viel Quadratmeter schon allein die Grundfläche betragen sollte (nämlich über 200 m²), inmitten eines 1.200 m² großen Gartens, der umzäunt war von Bäumen und dichtem Unterholz, sowie teilweise auch von einer drei Meter hohen Mauer.

Nach unserem Besuch in Ica reisten wir weiter nach Cuzco, der alten Inca-Hauptstadt im Gebirge, von wo aus wir ein weiteres Mal nach Machu Picchu fahren wollten, damit auch mein Vater mal diese Ruinenstadt sehen konnte, von der man bis heute nicht zuverlässig sagen kann, wann und wie sie erbaut wurde. Denn neuere Forschungen ziehen die bisher geltende Theorie in Zweifel, dass die Stadt erst im 15.Jh durch die Inkas erbaut wurde, da diese noch gar nicht in der Lage waren, die z.T. tonnenschweren Felsen so präzise zu schneiden und passgenau auf einander zu legen, so dass noch nicht einmal ein Blatt Papier dazwischen passt. Sogar nichtreligiöse Forscher vermuten heute, dass die Ruinen in Peru – genauso wie die Pyramiden in Ägypten – von übernatürlichen, hochintelligenten Wese der menschlichen Frühgeschichte errichtet wurden, nämlich den „Nephilim“ (d.h. „Gefallene“ vergl. 1.Mo.6:1-4). Leider war die Bahnstrecke nach Machu Picchu jedoch wegen anhaltender Regenfälle durch Schlamm und herabfallendes Geröll unpassierbar geworden, so dass wir diesmal auf einen Besuch verzichten mussten. Stattdessen unternahmen wir Wanderungen zu den Ruinen von Písac, Urubamba und Ollantaytambo, wo wir eine Berglandschaft ähnlich wie in der Schweiz sahen mit gigantischen Schluchten und Tälern unter strahlend blauem Himmel.

Das letztes Ziel unserer Reise war Huaraz, eine Stadt in der „weißen Bergkette“ („Cordillera Blanca) etwa 450 km nördlich von Lima, wo Berge von über 6.000 m Höhe liegen. Besonders der Gletschersee von Llanganuco hatte auf uns alle einen so starken Eindruck hinterlassen, dass wir ernsthaft überlegten, uns bei unserer nächsten Reise in Huaraz ein Haus zu kaufen, zumal der Ort damals touristisch noch kaum „entdeckt“ war.

Als wir wieder zurück nach Lima kamen, fand ich dort Briefe von Eduard und Hans-Jochen Bohm, aber auch von Tobias Schaum. Eduard hatte mir schon im Dezember geschrieben und auf meinen „Demas-Brief“ reagiert, den auch er bekommen hatte, indem er mir vorwarf, „der Schlange auf den Leim gegangen“ zu sein, die mir das Angebot machte, so zu „sein wie Gott“. Dass er es nur gut mit mir meinte und sich um mein Seelenheil sorgte, erkannte ich damals nicht, sondern unterstellte ihm Selbstgerechtigkeit und Eigenliebe. Ich hatte ihm schon vor meiner Abreise noch geantwortet, indem ich ihm in spöttischer Weise Überheblichkeit und Arroganz vorwarf. Hier mal ein Ausschnitt aus meinem Brief vom 28.12.98:

Ausgerechnet Du nennst mich einen „Pharisäer“! Wer ist es denn von uns beiden, der sich für gerechter hält (vergl. Luk.18:11)? Und wer von uns beiden verachtet den anderen, indem er ihm zu verstehen gibt: ‚Du bist doch ganz in Sünden geboren, und Du willst uns belehren?!‘ (Joh.9:34). Würdest Du die Füße Jesu mit Tränen benetzen und mit Deinen Haaren abtrocknen? …

Du lebst doch in einer paranoiden Scheinwelt, in der es einen Gott gibt, der so ist wie Du, der Dir das Gefühl gibt: ‚Eduard, fürchte dich nicht, daß alle anderen Christen abgefallen sind und nur du und deine Familie übriggeblieben ist. Mir kommt es ja nicht auf die Menge an, sondern auf Qualität – und wenn ich auch unter den 5.000.000.000 Menschen nur euch 5 habe als meine Getreuen, so hat sich der Aufwand doch für mich gelohnt. Mach nur schön weiter so mein braves Kind – ich fang in der Zwischenzeit schon mal an, das Höllenfeuer anzuzünden, um die übrigen 4.999.999.995 Menschen zu rösten! Fällt Dir eigentlich gar nicht auf, wie dumm und primitiv ein solches Weltbild ist? Hältst Du solch ein Gottesbild nicht auch für eine Beleidigung Gottes?

Doch mach Dir nichts draus, denn ich habe ja selber auch jahrelang in diesem Märchenschloß gelebt und weiß, wie schwer es ist, von diesen Hirngespinsten frei zu werden… Während der Glaube für mich eher notwendige Seelenmassage war, half er Dir vor allem, Deine Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, um von Deinem „Gott“ das Lob und die Anerkennung zu empfangen, die Dir als Kind versagt blieben… Deine selbstgewählte Isolierung führt zu einem besorgniserregenden Realitäts-verlust. Du verdrängst Deine Not, indem Du die Probleme immer bei den anderen suchst. Deine Schuldgefühle projizierst Du auf andere, weil Du es ihnen nicht zugestehst, frei und unbekümmert zu sein. Dein ganzer Brief an mich ist im Grunde nur ein Selbstgespräch mit Deiner kranken Seele.

Spiel Dich also nicht länger als Seelsorger auf, lieber Eduard, solange Du selber Hilfe brauchst. Was Dir fehlt ist Wärme und Mitgefühl, damit Dein kaltes und starres Herz auftaut und Du keine Angst mehr hast, mit anderen über Deine Probleme zu reden, anstatt diese durch Gegenattacken zu verbergen …Wenn Du schonungslos Deine innere Not vor anderen bekennst, dann wirst Du frei davon. Das habe auch ich selbst erlebt. Als ich absolut unten war und es nichts mehr zu verbergen gab vor anderen, da erst gewann ich meine Selbstachtung wieder, und ich konnte allen feigen Brüdern zurufen: ‚Was wollt Ihr eigentlich von mir? Ich habe mich vor Euch ausgezogen bis auf’s letzte Hemd, - und jetzt seid ihr an der Reihe!“ Wer so radikal mit seiner Heuchelei gebrochen hat, der schämt sich auch nicht mehr, zu dem zu stehen, was er tut…“

Eduard schrieb mir nun deutlich demütiger und bemühte sich aufrichtig, auf meine unverschämten Unterstellungen einzugehen. Auch sein Bruder Hans Jochen Bohm versuchte, die von mir genannten Widersprüche, die ich in der Bibel sah und in meiner Demas-Schrift aufgezählt hatte, Punkt für Punkt aufzulösen. Allerdings unterstellte er mir, dass ich nie wirklich widergeboren sei, was er angeblich daran erkannt habe, dass ich in meinen Artikeln aus dem Monatsblatt „Die Bruderliebe“ Bibelstellen angeblich „stets aus dem Zusammenhang gerissen“ habe. Vielleicht war dies der Grund, dass ich sehr gereizt reagiert hatte, indem ich ihm Unaufrichtigkeit und Willkür vorwarf. Da Hans-Jochen ein hoch intelligenter und studierter Akademiker war, gab ich mir besonders Mühe, seine biblisch begründeten Argumente mit menschlicher Logik zu widerlegen:

Eine Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Glauben hängt nicht nur von der Glaubwürdigkeit des ‚Glaubens-Objektes‘ ab, sondern auch davon, ob ich die Entscheidung ohne Androhung von Repressalien treffen kann. Wenn in den diktatorischen Ländern wie China oder der DDR ‚Wahlen‘ stattfanden, dann waren diese meist eine Farce, denn obwohl sie dem Anschein nach ‚frei‘ waren, wurden doch alle, die nicht für das diktatorische Regime stimmten, politisch verfolgt, d.h. verhaftet, gefoltert und ermordet. Der in der Bibel erdichtete ’Gott‘ erpreßt die Menschen, indem Er ihnen mit der Höllenstrafe droht, wenn sie Seinen Propheten nicht glauben. Er läßt ihnen faktisch keine Wahl, weil es offensichtlich ist, daß niemand in die Hölle kommen möchte. Jesus schüchtert die Menschen also ein, anstatt durch glaubwürdige Argumente zu überzeugen; folglich ist es keine Frohbotschaft, sondern eine Drohbotschaft (‚Friß oder stirb!‘). Die Christen glauben also nicht aus Liebe zu Jesus, sondern aus Angst vor Jesus. Ihre ‚Liebe zu Jesus‘ ist die Liebe von Geiseln zu ihrem Geiselnehmer.“

Tobias Schaum nahm meinen Demas-Brief indes zum Anlass, in einem „offenen Brief“ nicht nur vor mir sondern auch vor dem Lesen des Demas-Briefes an sich zu warnen. Nach seinen Worten sollten Christen, die „noch nicht ausreichend genug gefestigt sind im Glauben“, besser gar nicht erst den Demas-Brief in die Hand nehmen, da sie durch diesen möglicherweise zutiefst erschüttert würden in ihrem Glauben. Erneut machte er mir schwere Vorwürfe und kündigte an, dass ich nun auf jeden Fall nicht mehr errettet werden könne, sondern für ewig verloren sei, da nach Hebräer 6:4-6 ein vom Glauben Abgefallener „nicht mehr zur Buße erneuert werden könne“. Seine Verdammungsurteile ließen mich jedoch unbeeindruckt, sondern gaben mir eher eine Bestätigung von dem „Wahnsinn“, von dem ich heilfroh war, dass ich ihm nun ein für alle Mal entflohen war.

Mein erster Geselle

Als wir nach knapp zwei Monaten Ende Februar 1999 wieder zurück waren in Deutschland, musste ich zunächst mal wieder ordentlich Werbeflyer verteilen, um neue Aufträge zu bekommen. Und es dauerte nicht lang, da riefen mich jede Menge Kunden an, so dass unsere Auftragslage für die nächsten zwei Monate erst mal gesichert war. Unter anderem meldete sich auch der Eigentümer eines Mehrfamilienhauses in Wunstorf, der mir den Auftrag erteilte, dieses Gebäude von vorne und hinten zu dämmen. Spätestens hier wurde mir klar, dass ich und Marco dies alles nicht mehr alleine bewerkstelligen konnten, sondern dass ich noch andere erfahrene Gesellen bräuchte. So machte ich ein Stellenangebot beim Arbeitsamt und erhielt sogleich mehrere Bewerbungen, u.a. von einem Altgesellen namens Wolfgang Kanz (47), den ich daraufhin zu mir einlud. Es war mein erstes Vorstellungsgespräch überhaupt, weshalb ich ziemlich nervös war und Marco bat, mit dabei zu sein.

Als es dann am Nachmittag zum vereinbarten Termin bei uns klingelte und ich die Tür öffnete, stand ein dicklicher Mann vor mir mit ungepflegten langen Haaren und einem Vollbart, dessen Kleidung stark nach Zigaretten roch. Als wir uns gesetzt hatten und ich Wolfgang nach seinem bisherigen Werdegang fragte, erzählte er mir, dass er schon viele Jahre arbeitslos sei, da er häufig krank war und immer wieder seine Arbeit verlor. Ich hakte nach, und er berichtete mir dann ausführlich von seinen ganzen Krankheiten und gesundheitlichen Beeinträchtigungen, so dass ich mich fragte, warum er sich denn überhaupt bei mir bewarb. Innerlich hatte ich ihn schon abgeschrieben, aber ich blieb höflich, bot ihm das „Du“ an und erzählte ihm von mir und meinem Bruder, was wir bisher erlebt hatten. Dabei haben wir einige Male gemeinsam gelacht, und ich konnte es mir nicht verkneifen, dem Wolfgang meinen Eindruck mitzuteilen: „Seien wir ehrlich, Wolfgang: Du hast eigentlich gar kein Interesse, bei mir zu arbeiten, weil Du schon seit Jahren durch Schwarzarbeit genug nebenbei verdienst und gar keine Zeit findest, um auch noch offiziell in einer Firma beschäftigt zu sein. Erzähl´ mir nichts, ich weiß doch, wie das läuft, denn welcher Arbeitssuchende erzählt beim Vorstellungsgespräch erst mal von seinen ganzen Krankheiten!“ Wolfgang grinste und sagte: „Na ja, wenn Du das sagst…“

Doch dann wurde er wieder ernst und erklärte mir, dass er uns beide ganz sympathisch und „cool“ fände und er eigentlich doch auch bereit wäre, bei uns zu arbeiten, zumal er auch endlich mal wieder etwas für seine Rente tun müsse. Ich war aber inzwischen skeptisch, ob das gut gehen würde, zumal Wolfgang ja auch schon 17 Jahre älter war als ich und damit auch nicht mehr so leistungsfähig war. Und wenn er dann auch noch ständig krank wäre und ich ihm noch nicht mal mehr kündigen kann. Aber wie konnte ich ihm das sagen, ohne dass er gekränkt wäre? Doch als ob er meine Gedanken lesen könnte, fügte Wolfgang hinzu: „Du bekommst übrigens vom Amt einen Zuschuss, wenn Du mich einstellen würdest, denn ich bin ein Langzeitarbeitsloser. Die würden Dir die Hälfte meines Lohnes erstatten, damit ich wieder in den Arbeitsmarkt integriert werde.“ – „Das hört sich ja nicht schlecht an!“ sagte ich. „Ja, genau. Und dadurch gehst Du auch kein finanzielles Risiko ein.“ Ich überlegte und sagte schließlich: „Wenn das wirklich so ist, dann würde ich Dich gerne nehmen!“ Wir gaben uns die Hand, und Wolfgang fing schon bald darauf bei mir an.

Zu meiner Überraschung stellte sich schon bald heraus, dass Wolfgang ziemlich flott und pfiffig war. Alles machte er mit großer Routine und Gelassenheit, so dass ich ihn schon bald ganz alleine arbeiten lassen konnte. Das war vielleicht ein Gefühl: Zum ersten Mal verdiente ich Geld ohne dass ich dafür selber etwas tun musste! Ich gab dem Wolfgang einfach morgens das das Material und das Angebot in die Hand und konnte dann einfach zu einer weiteren Baustelle fahren zum arbeiten. Damit er nicht neidisch werden würde, wenn er sieht, was ich für seine Arbeit vom Kunden an Geld bekommen würde, schummelte ich heimlich, indem ich die Preise zuvor um 10 – 20 % niedriger machte auf seinem Zettel. Als ich einmal zu Feierabend auf seine Baustelle fuhr, sah ich ihn, wie er gemütlich die Fassade strich und ganz beiläufig zu mir sagte: „Für die Fassade hast Du aber ganz schön wenig genommen! Ich musste mich richtig beeilen, damit Du keinen Verlust machst.“ Ich schmunzelte innerlich und sagte: „Ja, das weiß ich. Das liegt eben an der vielen Konkurrenz!“ In der Tat musste ich meine Angebote ohnehin schon sehr scharf kalkulieren, da ich ja erst mal bekannt werden musste. Um die Fassadenaufträge zu kriegen, bot ich den Kunden die Fassaden ohne Gerüstkosten an, indem wir sie einfach von der Schiebeleiter strichen. Marco und ich hatten hierfür schon bald eine Technik gefunden, dass wir schon bald sogar 10 m hohe Häuser problemlos von der Leiter streichen konnten, was eigentlich gar nicht erlaubt war. Auch Wolfgang machte dabei mit, so dass unsere Kunden in den Jahren danach viel Geld einsparen konnten.

Da ich noch keine Ahnung hatte, dass es bei Fassadenfarben die unterschiedlichsten Qualitäten gibt, kaufte ich in der Anfangszeit die Farbe einfach beim Baumarkt, wo sie deutlich billiger war als im Fachhandel. OBI hatte damals ein Produkt, wo der Liter bei nur knapp 4,- DM lag (statt normal 10,- DM). Daher kaufte ich diese Farbe regelmäßig in größeren Mengen und machte einfach immer das Etikett ab, damit der Kunde nicht erfährt, wie viel ich für den Eimer wirklich zahle. Einmal kam ich nachmittags auf die Baustelle und fragte Wolfgang, ob alles gut laufe. „Ja, alles gut, keine Sorge. Vorhin kam allerdings der Kunde zu mir und hat gefragt, warum an den Farbeimern überhaupt kein Etikett dran sei.“ Ich erschrak und fragte aufgeregt: „Und was hast Du ihm geantwortet??!“ Wolfgang reagierte gelassen und sagte: „Och, ich hab ihm einfach erklärt, dass Du die Eimer immer direkt beim Hersteller beziehen würdest, wenn die gerade abgefüllt werden, so dass da noch kein Etikett raufgekommen ist, und das hat er mir geglaubt.“ Ich lobte ihn und dachte: „Was für ein Teufelskerl!

Da mein Keller als Lagerraum inzwischen zu klein war, mietete ich eine alte Garage mit Holztor, wo wir unsere ganzen Materialien lagern konnten. Doch allmählich war der Müll an leeren Eimern und Abdeckmaterial stark angewachsen, und ich wusste nicht, wohin damit. Für den Hausmüll war es viel zu viel, und eine Deponie gab es nicht in der Nähe. Also lud ich nachts mein Auto voll, fuhr zum nächsten Supermarkt und warf meinen Müll einfach in die Container hinein. Ein schlechtes Gewissen plagte mich dabei nicht, aber ich hatte ein ungutes Gefühl im Bauch, dass dies doch keine Dauerlösung sein könne. Tatsächlich musste ich aber noch die nächsten zwei Jahre mein Müllproblem auf diese Weise lösen, bis mir endlich die Idee kam, alle vier Monate einen 20 m³-Container zu bestellen, den wir dann mit bis zu einer Tonne Restmüll befüllten. Das kostete mich zwar jedes Mal 400,- DM, aber dafür hatte ich nicht mehr diesen Stress und Herzklopfen.

Immer mehr Kunden riefen mich an und beauftragten mich, so dass ich Mitte April schon einen weiteren Gesellen einstellen musste. Auch Heiko war ein Langzeitarbeitsloser, für den ich die Hälfte seines Lohnes vom Arbeitsamt erstattet bekam. Mit seiner Hilfe konnten wir im Mai dann auch den Großauftrag mit der Wärmedämmung eines Mehrfamilienhauses erfolgreich erledigen. Mein Auftragsbuch war mittlerweile so voll, dass ich immer zwei Monate im Voraus ausgebucht war. Da ich so billig war, wurde aus 90 % aller Kostenvoranschläge auch ein Auftrag. Zum ersten Mal hatte ich keine Geldsorgen mehr, sondern kaufte einen Firmenwagen und mehrere Schiebeleitern. Ich überlegte auch, dass wir endlich auch mal etwas für unsere Altersvorsorge tun sollten und dachte zunächst an Aktienfonds. Doch dann sagte ich mir, dass ich bisher mit meinen wenigen Aktien eine viel höhere Rendite erzielt hatte als die meisten Aktienfonds und kam zu dem Schluss: Was die können, kann ich viel besser…


Mein Einstieg ins Aktiengeschäft

Im März 1999 war der damalige SPD-Chef und Finanzminister Oscar Lafontaine ganz überraschend von allen Ämtern zurückgetreten, da er die Bevormundung seines Parteikollegen Gerhard Schröder leid war. Der Bundeskanzler hatte von Beginn der Amtszeit den Schulterschluss mit den Konzernchefs gesucht, um die Konjunktur wieder zum Laufen zu bringen und war dabei immer weiter von den sozialdemokratischen Prinzipien abgerückt. Lafontaine wollte diesen Verrat nicht länger mitmachen und schrieb daher ein Buch mit dem Titel: „Das Herz schlägt links“. Nun hatte Schröder endlich freie Hand, um den z.T. neoliberalen Wünschen der Wirtschaft entgegenzukommen, was später dann zur Agenda 2010, der Riesterrente und den Hartz-IV-Gesetzen führte. Weltweit brach nun Jubel aus bei den Investoren, und die Aktienkurse schossen sprunghaft nach oben. Aufgrund der amerikanischen Niedrigzinspolitik hatte die Notenbank Federal Reserve den Markt jahrelang mit billigem Geld überschwemmt, so dass der Ankauf von Aktien die einzige Möglichkeit war, um noch eine Rendite zu erzielen. Der US-Leitindex Dow Jones war von 2500 Punkten im Jahr 1990 auf 5000 Punkte im Jahr 1995 geklettert und überschritt Ende März 1999 sogar die 10.000-Punkte-Marke. Grund dafür war die robuste US-Konjunktur, die vielen Firmenfusionen in den 90ern und die Globalisierung. Die Etablierung des Internets und des Handys hatten weltweit zu einer euphorischen Aufbruchstimmung im Bereich digitaler Technologie geführt. Daher kam es ab 1995 zu einer Vielzahl von Firmenneugründungen („Startups“) und durch das große Anlegerinteresse vermehrt zu Börsengängen. Während die einen eine sog. „Blase“ fürchteten wie 1929, sprachen die anderen von einem neuen Zeitalter der Aktienbewertung. Die Aktie der Suchmaschine Yahoo war z.B. von 20 US$ im Jahr 1995 auf 360 US$ im Jahr 1999 gestiegen. Oder der Internethändler Amazon war von anfangs 17,80 US$ im Jahr 1998 ein Jahr später auf über 80 US$ gestiegen. Nebenbei bemerkt: heute (20 Jahre später) liegt der Kurs von Amazon schon bei 1.575 US$). Der weltweite Aktienmarkt war allmählich zum Kasino geworden, in welchem Millionen von renditesüchtigen Zockern am schnellen Geld mitverdienen wollten. Die Gewinne der einen, sind aber immer auch die Verluste der anderen, und so hatte auch der Börsenboom viele Opfer zu beklagen. Ganze Volkswirtschaften in Asien und Südamerika sind durch die Spekulanten in die Zahlungsunfähigkeit getrieben worden.

Solche ethischen Bedenken hatte ich jedoch nicht, als ich mich im März 1999 entschied, 4000,- DM in Aktien anzulegen. Die Frage, warum ich eigentlich noch mehr Geld haben wollte, als Gott mir schon gegeben hatte, stellte ich mir auch nicht. Jetzt wo ich endlich mal mehr Geld hatte als nötig, wollte ich nicht länger zögern, es gewinnbringend anzulegen (Luk.12:17-21). Doch muss man bei Wertpapieren bekanntlich den richtigen Zeitpunkt ermitteln, damit man sie nicht überteuert kauft. Eine Börsenweisheit lautet: „Buy on bad news, sell on good news”. Man sollte also bei schlechten Nachrichten – wenn die Kurse fallen – kaufen, und erst dann verkaufen, wenn man bei guten Nachrichten und damit steigenden Kursen das Potenzial für ausgeschöpft hält. Diese Gelegenheit kam dann Ende 1999 mit dem Beginn des Kosovo-Krieges, als der Deutsche Aktienindex (DAX) innerhalb weniger Tage von 5000 auf 4700 Punkte fiel. Ob eine Aktie „billig“ ist, erkennt man am sog. „KGV“, d.h. Kurs-Gewinn-Verhältnis. Wenn der KGV einer AG unter 10 liegt, muss dies aber noch nicht bedeuten, dass sie auch großes Potential besitzt. Wer schnelle Gewinne erzielen will, muss auch die Entwicklung des Kurses, den sog. „Chartverlauf“ analysieren, um den richtigen Kaufzeitpunkt zu ermitteln. Zuletzt aber sollte man auch etwas über das Unternehmen wissen, was es eigentlich herstellt und in welch einer Verfassung es sich befindet. Ich hatte mir deshalb in den Tagen zuvor eine Einkaufsliste an Aktien zusammengestellt, die ich mir aus Empfehlungen von Fachzeitschriften ausgesucht hatte. Da der Onlinehandel Ende der 90er Jahre noch nicht so verbreitet war, kaufte auch ich meine ersten Aktien noch umständlich bei der Bank (vergl. Luk.19:23). Da diese für jeden Kauf und Verkauf eine Gebühr berechnete, musste ich mir gut überlegen, welche Aktien ich in meinem „Portfolio“ (Bestand) haben wollte, denn sie mussten ja mindestens die Kosten decken.

Tatsächlich hätte ich kaum einen besseren Zeitpunkt wählen können, denn schon nach wenigen Wochen hatte ich meinen Einsatz verdoppelt. Jeden Tag konnte ich auf einem kleinen „Skyper“ (auch „Pager“ genannt) beobachten, wie sich meine Aktien nach oben entwickelten. Dies erhöhte bei mir die Lust am Zocken. Um aber schneller reagieren zu können, brauchte ich endlich einen Internet-Anschluss, wie ihn schon mein Freund Joachim besaß. Das war gar nicht so einfach, wie es Tennisstar Boris Becker in seiner damaligen Werbung für AOL glauben machen sollte („Ich bin drin!“), denn das Einwählen über ein Modem dauerte jedes Mal sehr lange, und die Verbindung brach immer wieder ab. Schließlich aber funktionierte es endlich, und ich konnte jeden Tag nach der Arbeit online sehen, wie sich „meine Kinder“ entwickelt hatten. Häufig hatte ich an einem einzigen Tag mal eben 1.000,- DM an Gewinn erzielt, also mehr, als ich in der gleichen Zeit durch meine Firma verdienen konnte!


Juli - Dezember 1999

Sonnenfinsternis und finstere Mächte

Während ich mich über immer größere Gewinne freute, ging es meiner Ruth allmählich gesundheitlich immer schlechter. Sie hatte inzwischen ihr Studium abgebrochen, da sie keine Hoffnung mehr hatte, sich den Lehrstoff noch aneignen zu können. Sie wollte jetzt nur noch für unsere Tochter Rebekka da sein, die inzwischen vormittags schon in den Kindergarten ging. Doch musste sie inzwischen bis zu 4 Tabletten Tramal nehmen, um den Tag zu überstehen. Die Tabletten wirkten jedoch immer schlechter und brauchten manchmal bis zu einer Stunde, dass sie wirkten. Manchmal kam Rebekka morgens an Ruths Bett mit ihrem leeren Fläschchen und sagte „Teta!“ ( „Fläschchen!“). Ihre langen Haare waren vom Schlaf zerzaust und ihre Strumpfhose hing so lang an ihren Füßen, dass sie ständig drauf trat und stolperte. Ruth sagte dann: „Ja, mein Kindchen, ich mach Dir gleich dein Fläschchen. Aber Mama hat noch Aua, Mama kann noch nicht aufstehen!“ Rebekka bestand aber darauf: „Mama, Teta, Teta!!“ Dann sagte Ruth: „Rebekkita, Du musst mal für Mama beten, damit Gott der Mami das Aua wegmacht, ja, mein Kindchen?“ Rebekka kniete sich nun hin und betete: „Lieber Gott, bitte mach, dass Mama jetzt kein Aua mehr hat! Amen!“ und dann sprang sie auf und sagte: „Und jetzt Teta, Mama, Teta!“ Dann stand Ruth auf und machte ihr ein Fläschchen warm.

Doch die Schmerzen von Ruth wurden allmählich immer intensiver, so dass sie zeitweise nur noch im Bett liegen konnte. Ich erinnere mich, dass ich an manchen Tagen mittags fröhlich nach Hause kam, um Ruth über meine Erfolge zu berichten; und dann fand ich sie weinend im Schlafzimmer und sie sagte mir, dass sie schon seit zwei Stunden nur noch auf die Decke starre, weil sie sich nicht mehr ohne Schmerzen bewegen könne. Das brach mir das Herz und erstickte augenblicklich auch jede Freude in mir. Draußen waren 30 ˚C und Sonnenschein, und Ruth lag hier im Halbdunkel bei heruntergelassenem Rollo und konnte sich an nichts mehr freuen. Während ich siegreich immer höher über mich hinauswuchs, verwelkte und verkümmerte meine geliebte Frau an meiner Seite zu einem Häuflein Elend. Die Ärzte hatten sie ja längst aufgegeben, und ich konnte nur zusehen wie sie dahinvegetierte und nichts machen! Inzwischen konnte ich sie noch nicht einmal mehr massieren, weil ihr schon der geringste Druck weh tat. Ruth sagte damals immer wieder unter Tränen: „Gott erlaubt mir nicht, glücklich zu sein.“ Am liebsten hätte ich ihr gesagt, dass sie sich doch frei machen sollte von diesem Gottglauben, da dieser ihr doch nur noch mehr Unglück bereite; aber das traute ich mich damals noch nicht zu sagen (vergl. Hiob 2:9). Stattdessen fühlte ich mich wie die Freunde Hiobs, die eine Woche lang nur noch in Stille trauernd bei Hiob saßen und mit ihm sein Leid trugen (Hi.2:12-13).

In den Nachrichten wurde im Sommer 1999 eine sog. „Totale Sonnenfinsternis“ angekündigt. Das war schon etwas Besonderes, denn eine solche bekam man ja im Schnitt nur alle 375 Jahre zu sehen. Geistlich gesehen hatte sich aber auch auf meine Seele ein finsterer Schatten gelegt. Die „Sonne“ ist ja in der Bibel ein Bild auf Jesus (Ps.19:4-5, 84:11, Jes.60:19, Mal.4:2) und der Mond, der sich vor die Sonne stellt, steht für Satan, der die Nacht beherrscht (1.Mo.1:16). Wenn der „Gott dieser Welt“ einen Menschen verfinstert hat, kann er das Licht und die Herrlichkeit Christi nicht mehr sehen (2.Kor.4:4), so dass er vorübergehend glaubt, die „Sonne der Gerechtigkeit“ würde es gar nicht geben. Die Sonnenfinsternis von 1999 gab vielen Menschen in Europa die Gelegenheit, dass sie sich für einen Moment der Erhabenheit der Sonne einerseits und der Geringfügigkeit der Erde andererseits bewusst werden konnten. Der Dichter Adalbert Stifter, der 1842 selber mal eine Sonnenfinsternis miterlebte, schrieb darüber: „Es war der Moment, da Gott redete und die Menschen horchten“. Tatsächlich gab es an jenem 11.08.99 kaum jemanden in Deutschland, der während dieser 2 Minuten um die Mittagszeit nicht zum Himmel aufsah. So ähnlich wird man sich wohl auch bald das Kommen des HErrn Jesus Christus auf die Erde vorstellen können (Luk.21:28). „Siehe, Er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird Ihn sehen, auch die Ihn durchstochen haben, und wehklagen werden Seinetwegen alle Stämme des Landes. Ja, Amen“ (Offb.1:7).

Eines Nachts stand Ruth auf, weil sie vor Schmerzen nicht schlafen konnte. Verzweifelt ging sie in der Wohnung umher und sah, wie ich und Rebekka tief schliefen. Dann ging sie im Wohnzimmer auf die Knie und weinte über ihr Elend. Sie betete: „HErr, ich danke Dir für all das Gute, das ich von Dir geschenkt bekam. Aber ich verstehe nicht, warum Du mir auch diese Schmerzen gegeben hast, die ich einfach nicht mehr ertragen kann. Bitte, bitte, bitte, nimm mir doch diese furchtbaren Schmerzen weg! Denn wenn nicht, wozu soll ich dann noch weiter leben? Ich kann einfach nicht mehr.“ Dann legte sie sich weinend auf den Bauch und breitete ihre Arme aus in völliger Ergebenheit. So blieb sie eine lange Zeit liegen und weinte unentwegt. Doch dann kam ihr eine Erinnerung, die sie schon fast vergessen hatte. Sie erinnerte sich an ihre Freundin Naida aus Lima, die sich auch einmal wie sie so auf den Fußboden gelegen hatte und dann von einer furchtbaren Besessenheit befreit wurde:

Ruth hatte Naida durch einen Aushang im Foyer der Freikirche kennengelernt, als Ruth 19 Jahre alt war und eine Aushilfstätigkeit suchte. Naida war 15 Jahre älter, aber erst seit kurzem gläubig. Sie hatte eine Firma, die Puppenkleidung herstellte und suchte gläubige Aushilfskräfte. Die beiden Schwestern kamen miteinander ins Gespräch und freundeten sich an. Eines Nachmittags erzählte Naida der Ruth, dass sie sich von ihrem Mann habe scheiden lassen, weil dieser Freimaurer und sogar Satanist war. Sie hatte ein traumatisches Erlebnis gehabt, als sie eines Nachts aufwachte, sich nackt auf einem Tisch befand und von Männern in schwarzer Kutte umringt war. Erst dachte sie, es wäre ein Traum, doch dann wurde ihr klar, dass alles real war. Doch in den Tagen und Wochen nach der Scheidung erlebte sie ganz merkwürdige Dinge, - als würden ihr dämonische Wesen nach dem Leben trachten. Zudem litt sie unter ständiger Sexsucht. Sie konnte ihren Alltag kaum mehr bewerkstelligen, weil sie immer nur an Sex denken musste. Deshalb legte sie sich eines Abends auf den Fußboden und flehte Gott an, dass Er sie doch von diesen dämonischen Angriffen und der Sexsucht befreien möge. Sie hatte bis dahin gar keine Beziehung zu Gott gehabt, sondern war nur katholisch aufgewachsen. Doch auf einmal erlebte sie ganz deutlich die Nähe Gottes und tat unter Tränen Buße von all ihren Sünden. Von diesem Tag an war sie völlig geheilt und konnte wieder ein normales Leben führen.

Ruth fragte sich, ob nicht auch sie von dämonischen Mächten geplagt werde, die wegen irgendeiner nicht bekannten Sünde Zugriff auf ihr Leben hatten und sie vernichten wollten. Da erinnerte sich Ruth an verborgene Gräuelsünden aus ihrer Vergangenheit, die sie nie vor Gott bekannt hatte und bat dann ausdrücklich für diese um Vergebung. Auch beschlich sie der Verdacht, dass – ähnlich wie bei ihrer Freundin Naida – durch mich ein dämonischer Einfluss auf unsere Ehe gekommen sei, weil auch ich mit Freimaurern Kontakt hatte und finstere Musik hörte. Deshalb bat sie Gott, dass Seine Engel sie umschirmen mögen, damit sie den „feurigen Pfeilen des Bösen“ nicht länger schutzlos ausgeliefert sei (Eph.6:12-16).


Ruths vollständige Heilung

Am nächsten Morgen berichtete mir Ruth von ihrer verzweifelten Situation in der Nacht, und wir überlegten, was wir tun könnten. Ich machte Ruth den Vorschlag, doch noch einmal zu irgendeinem Arzt zu gehen, aber sie winkte sofort ab. „Ich war jetzt schon bei so vielen Ärzten, aber das hat mir überhaupt nichts gebracht, sondern es ist vielmehr immer schlimmer mit mir geworden! Ich will nur noch auf Gott vertrauen. Und wenn der HErr mich nicht heilen will, dann wird es ein Arzt erst recht nicht können!“ – „Aber Gott kann doch auch Ärzte gebrauchen…“ entgegnete ich. „Hat Er aber bisher nicht getan!“ Sie weinte wieder, und ich umarmte sie. „Lass uns doch noch einen allerletzten Versuch wagen“, sagte ich, „…ein allerletztes Mal; und wenn Dir auch diesmal nicht geholfen werden kann, dann brauchst Du auch nie mehr zum Arzt gehen!“ Ich suchte mir aus den gelben Seiten einen beliebigen Allgemeinmediziner, bei dem Ruth noch nicht war, und machte einen kurzfristigen Termin. Als wir dann ihm gegenüber saßen, berichtete Ruth ihm ausführlich von ihrem ganzen Martyrium und dass sie inzwischen völlig am Ende ihrer körperlichen und seelischen Kräfte sei. Dr. Hirsch erwies sich sofort als sehr einfühlsam und verständnisvoll, indem er ihr geduldig zuhörte und immer wieder mit Zwischenfragen nachhakte. Doch dann äußerte er einen überraschenden Verdacht: „Frau Poppe, möglicherweise ist die ursprüngliche, chronische Entzündung im Lumbosacral-Bereich gar nicht mehr die eigentliche Ursache für ihre Dauerschmerzen…“ Ruth reagierte sofort hysterisch: „Wollen Sie andeuten, dass meine Schmerzen nur psychisch bedingt sind?! Dass ich mir die Schmerzen etwa nur einbilde!?“ – „Nein, um Gottes willen!“ beruhigte sie der Mediziner „Ihre Schmerzen sind absolut real, aber sie haben ihre Ursache möglicherweise gar nicht mehr so sehr in dieser Verwachsung des Kreuzbeins mit dem Lendenwirbel, sondern durch ihrem unkontrollierten und viel zu lange andauernden Schmerzmittelkonsum.“ – „Sie wollen sagen, dass die Schmerzen durch das Schmerzmittel verursacht sind?!“ fragte ich ungläubig. „Richtig. Sie müssen wissen, dass Opiate wie Tramal süchtig machen und deshalb normalerweise nicht länger als eine Woche eingenommen werden dürfen. Der peruanische Orthopäde in Bremen, von dem Sie mir erzählt haben, hat es sicherlich gut mit ihnen gemeint, dass er ihnen dieses Medikament jetzt schon seit fünf Jahren regelmäßig verschreibt. Aber der Kollege hat ihnen damit einen Bärendienst erwiesen und im Grunde für Sie wie ein verantwortungsloser Drogendealer gehandelt. Es tut mir leid, dass ich das so deutlich sagen muss.“

Wir waren verstört und überrascht zugleich, denn so etwas hatten wir noch nie gehört. „Sie können die Wirkung solcher Opiate auch mit anderen Drogen vergleichen wie z.B. Alkohol: Wenn eine bestimmte Linie überschritten wird, kann das Medikament nicht mehr ohne weiteres abgesetzt werden, denn der Körper reagiert mit Entzugserscheinungen. Gleichzeitig fordert er aber, dass die Dosis immer weiter erhöht wird, weil die Wirkung mit der Zeit nachlässt. Das Schmerzmittel ist dann zum Selbstläufer geworden und produziert selber Schmerzen, als wolle es protestieren. Die einzige Chance, um aus diesem Teufelskreis herauszukommen, ist ein radikaler Entzug.“ Wir waren geschockt. „Sie meinen, dass ich überhaupt kein Tramal mehr nehmen soll?“ fragte Ruth Das halte ich aber keine sechs Stunden aus! Das überlebe ich nicht!“ – „Ganz verzichten sollen sie nicht auf Analgetika, aber ich werde Ihnen ein anderes verschreiben, nämlich Morphin. Trotzdem werden sie eine Woche lang erhebliche Entzugserscheinungen mit Übelkeit und Erbrechen haben, aber wenn sie diese Woche überstanden haben, dann werden sie frei sein, möglicherweise auch völlig frei von Schmerzen!“ Das hörte sich verlockend an, und wir willigten ein. Etwas anderes blieb uns ohnehin nicht übrig.

Und dann kam die Woche. Es war für Ruth ein Marsch durch die Hölle. Ich erinnere mich, wie sie schweißgebadet mitten in der Nacht in der Wohnung auf und ab ging und fast wahnsinnig war vor Schmerzen. Erst jetzt wurde uns klar, dass Tramal eine ähnliche Wirkung wie Heroin besaß. Ständig musste Ruth sich übergeben, aber die Aussicht auf Heilung ließ sie diese Tortur tapfer durchhalten. Dr. Hirsch hatte ihr versprochen, dass sie ihn in dieser Woche jederzeit anrufen könne, selbst mitten in der Nacht, wenn sie seine Hilfe benötige. Und tatsächlich ging er dann auch ans Telefon und kam vorbei, um Ruth eine Spritze zu geben, wenn sie es nicht mehr aushielt. Was für eine Menschenliebe! Dieser Arzt war wirklich wie ein Engel, den uns Gott gesandt hatte. Und als die Woche herum war, da spürte Ruth tatsächlich kaum noch Schmerzen. Sie konnte auf leichte Schmerzmittel umsteigen wie Diclophenac oder Ibuprophen und brauchte irgendwann gar keine Schmerzmittel mehr. Nach 5 Jahren Dauerschmerzen war Ruth nun endlich geheilt! Dem HErrn sei Dank! Ruth war überglücklich und lobte Gott für Seine Güte. Auch ich spürte tief in meinem Innern eine Dankbarkeit, verdrängt sie aber sofort wieder, da ich mir ein Handeln Gottes nicht rational erklären konnte.


Ein böser Streich

Inzwischen funktionierte auch endlich das Internet reibungslos, und ich begann, mich auf diesem neuen Terrain mal umzuschauen. Bei meinen ersten Surfexpeditionen entdeckte ich schon bald, dass auch mein früherer Freund und Glaubensbruder Tobias Schaum mit einer eigenen Internetseite präsent war. Durch eine Suchmaschine fand ich aber heraus, dass er auch in verschiedenen Diskussionsforen aktiv war, u.a. auf einer Seite, die sich „www.gegendenstrom.de“ nannte. Zu meiner Überraschung las ich dort, wie sich der liebe Tobias dort mit Atheisten nicht nur über christliche Themen, sondern auch über völlig weltliche Dinge austauschte, wie z.B. über Musikbands. Ich dachte: „Na sieh mal einer an! Er stellt sich hier also von seiner besten Seite dar, als Intellektueller, der überall mitreden kann. Aber wenn seine Gesprächspartner wüssten, dass er in Wirklichkeit ein religiöser Fanatiker ist, dann würden sie ihm sicherlich die Freundschaft kündigen und ihn mit Tomaten bewerfen.“ Aber auch auf seiner eigenen Internetseite plauderte er mit Atheisten und ließ sogar zu, dass Satanisten ihren Spott abließen ohne dass er sie blockierte. Auf einmal kam mir eine perfide Idee: Ich trug mich einfach mit seinem Namen ins Gästebuch ein (damals ging das noch) und schrieb einen Fake-Kommentar, den ich mit den Initialen von Tobias „T.J.S.“ unterschrieb. Der Text lautete: „Höret ihr Spötter! Ich habe langsam genug von Euren Lästerungen, mit denen Ihr meine Homepage beschmutzt… Ihr werdet Euch noch wundern, denn es wird nicht mehr lange dauern, dann kommt mein HERR wieder und wird mich und meine Familie in Seine Herrlichkeit entrücken… Die Sonne wird sich verfinstern und es wird Plagen geben auf der Erde, weil Ihr den Worten des HERRN nicht geglaubt habt. Deshalb warne ich Euch ein letztes Mal solange es noch Zeit ist: Tut Buße und bittet Gott um Vergebung wegen all Eurer Sünden, damit Ihr nicht für alle Zeiten in den Feuersee geworfen werdet! Gott sei Euch gnädig!“ Ich lachte mir eins ins Fäustchen bei der Vorstellung, wie jetzt alle über den Tobias schimpfen werden, ohne daß er je beweisen könnte, daß nicht er sondern ich es war, der diesen Kommentar geschrieben hatte. Ich kam mir vor, wie ein pubertierender Junge, der zum Spaß einen Chinaböller in den Briefkasten des bösen Nachbarn steckte.

Die Reaktion sollte nicht lange auf sich warten. Schon am Abend desselben Tages hatten mehrere Gästebuchteilnehmer überrascht reagiert auf die vermeintliche Einlassung von „TJS“. Mit Schadenfreude las ich ihren Spott und Empörung, wobei einige auch schon den Verdacht hegten, dass dieser Kommentar nicht von Tobias Schaum kommen könne, da der so gar nicht zu ihm passte. Und dann meldete sich Tobias selbst zu Wort und erklärte, dass jemand anderes dies unter seinem Namen geschrieben habe, er aber schon herausfinden würde, wer dies getan habe. Ich dachte: Wie wird er das herausfinden können? Aber es dauerte nur zwei Tage, da wusste Tobias, dass ich es gewesen war, und nannte mich gemäß Spr.26:18-19 einen „Wahnsinnigen“, weil ich mich ja damit zu entschuldigen suchte, dass ich doch nur einen Scherz gemacht habe. Sofort blockierte er mich und wollte auch keinerlei Diskussion mit mir führen, da ich in seinen Augen ohnehin „unwiederbringlich verloren“ sei, „ganz gleich, wie lange er noch auf dieser Erde zu ‚leben‘ hat“. Ein Dialog mit mir sei genauso sinnlos „wie ein hoffnungsloser Wiederbelebungsversuch“ an einem gefällten Baum. Stattdessen aber rechtfertigte er sein Verhalten den anderen gegenüber, indem er mich ausführlich über mehrere Seiten an den Pranger stellte. Dabei übertrieb er allerdings dermaßen, dass nun auch die Forumteilnehmer ihn zur Mäßigung aufriefen. Ich entschuldigte mich öffentlich bei Tobias. Aber einige waren so wütend über meinen boshaften Streich, dass sie mich als „Denunziantenschwein“ beschimpften und mir wünschten, dass man Fake-Kommentare mit meinen Namen auf einer Seite von radikalen Moslems verbreiten sollte, damit sie mir „den A… aufreißen“. Mir wurde auf einmal klar, dass solch ein Diskussionsforum nicht nur ein Spielplatz für Selbstdarsteller ist, sondern zugleich auch ein Gerichtstribunal und ein öffentlicher Hinrichtungsplatz, wo man verbal gesteinigt werden konnte. In der Anonymität hinter einem PC sind Menschen viel enthemmter, weil sie keine Rücksicht mehr nehmen brauchen, sondern hemmungslos alles herauslassen können, was in ihrem Herzen ist (Mt.15:19). Und jetzt war meine eigene Bosheit und Schlechtigkeit ungewollt ans Licht gekommen. Während ich mich drei Jahre zuvor noch über die Verdorbenheit von John Jairo erschrocken und ereifert hatte, weil er ohne Skrupel sich auf Kosten anderer lustig machte, wollte mir Gott nur zeigen, dass ich keinen Deut besser war (Röm.2:1-4).


Der große „Lottogewinn“

Inzwischen hatte ich mir bei der Commerzbank ein Online-Konto zugelegt, so dass ich Kauf- und Verkaufsorder für Aktien in Sekundenschnelle einfach vom Schreibtisch zuhause aus geben konnte. Mein Depot war mittlerweile auf etwa 10 – 12 Positionen durchschnittlich angewachsen, die jedoch von mir ständig ausgetauscht wurden und einen Gesamtwert von etwa 20.000,-DM hatten. Ich war inzwischen völlig der Spielsucht verfallen und versuchte ständig, mein Depot zu optimieren. Wenn ich von einem neuen aussichtsreichen Unternehmen las, dass von irgendwelchen Aktienprofis angepriesen wurde und auch schon gut gelaufen war, dann gab es für mich kein Halten mehr, sondern ich musste es unbedingt auch haben. Ab Mitte 1999 hatte sich innerhalb weniger Monate die Börsenbewertung zahlreicher Unternehmen vervielfacht. Man hielt die häufig prozentual zweistelligen Kurssteigerungen für übertrieben, wollte aber dennoch davon profitieren. Auch Investmentfonds verstärkten die Spekulationsblase, indem sie ihren Kunden immer höhere Gewinne in Aussicht stellten.

Wenn ein IT- und Biotech-Unternehmen neu an die Börse ging, dann schoss der Kurs meist schon am ersten Handelstag durch die Decke, so dass jeder, der sie gezeichnet (bestellt) hatte, schon gleich am ersten Tag einen Gewinn von 50 bis 100 % seines Einsatzes verbuchen konnte (manchmal sogar noch weit mehr!). Da solche „Neuemissionen“ daher immer 10- bis 30-fach überzeichnet waren, wurde die Zuteilung durch einen Zufallsgenerator vorgenommen, bei dem die Zuteilungschance jedoch deutlich höher war als ein gleichhoher Lottogewinn. Deshalb nahm auch ich damals an jeder beliebigen Neuemission teil, egal ob von der NASDAQ oder vom Neuen Markt oder irgend einer anderen europäischen Börse, denn man konnte ja im Prinzip nur gewinnen und nichts verlieren (außer seine Seele gemäß Luk.9:24-25). Voraussetzung war jedoch, dass man seine im Falle einer Zuteilung bei Neuemissionen seine Aktien gleich am nächsten Handelstag wieder verkauft, denn meist fielen sie gleich danach wieder.

An einem Tag rief ich spät am Nachmittag bei meiner Bank an und wollte eine Kauforder durchgeben, da erfuhr ich durch Zufall, dass ich bei der Neuemission eines italienischen Finanzdienstleisters zum Zuge kam, den ich bereits vor einer Woche geordert, aber schon ganz vergessen hatte. Ich erschrak und dachte erst: „O nein, der Kurs ist mit Sicherheit jetzt viel niedriger!“ Ich fragte die Dame: „Wie viel Aktien hatte ich denn noch mal bestellt?“ – „Sie hatten 300 Aktien zum Kurs von 9,93 DM gekauft.“ – „Und wo liegt der Kurs jetzt?“ – „Einen Moment, ich schaue mal eben nach… (10 Sekunden Pause) … Der aktuelle Kurs liegt derzeit in Mailand bei umgerechnet 97,62 DM“. Mein Herz klopfte. Ich rechnete schnell nach und stellte fest: Mein Einsatz hatte sich also verzehnfacht und demzufolge ein Gewinn von fast 27.000,-DM! „Dann will ich sofort verkaufen!“ – „Das geht nicht mehr, denn die Börse ist bereits geschlossen. Rufen Sie morgen noch mal an.“ Ich jubelte und berichtete es Ruth. Wir tanzten den Flur rauf und runter vor Freude. Die Zeit der Armut war nun endlich vorbei. Wenn das so weiterginge, würden wir uns bald ein eigenes Haus kaufen können.

Am nächsten Tag gab ich eine Verkaufsorder und hoffte, dass der Kurs nicht inzwischen wieder gefallen sei. Aber im Gegenteil war er sogar noch um weitere 50,-DM gestiegen, so dass ich am Ende sogar einen Erlös von 45.000,-DM hatte. Erst später erfuhr ich, dass der Kurs sogar noch viel weiter stieg. Ich hatte keine Ahnung, warum und weiß heute noch nicht einmal mehr den Namen des Unternehmens, weil es mich nicht interessierte. Auch dass diese Gewinne zwar legal aber nicht legitim waren, verdrängte ich, denn warum sollte ich nicht auch einmal der Nutznießer von einer verrückten Welt sein! Was ich damals nicht durchschaute, war, dass diese völlig übertriebene Kapitalisierung (d.h. spekulative Bepreisung) eigentlich nur dadurch möglich sein konnte, indem dieses Geld anderen – nämlich den Schwächsten in der Gesellschaft – zuvor entzogen wurde, d.h. den Menschen in der 3. Welt und der Natur. Denn Geld bekommt ja keine Kinder wie beispielsweise eine Kuh, sondern wandert immer nur von einer Tasche in die nächste, so daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Gott lässt diese Ungerechtigkeit nur deshalb zu, damit sie an einen Punkt erreicht, durch den sogar noch dem letzten die Augen aufgehen können, dass solch eine gewissenlose Haltung nicht ohne Konsequenzen bleiben kann und der Mensch zum Umdenken gelangt (Röm.2:4).

Von solchen Überlegungen war ich damals aber noch weit entfernt, sondern glaubte, dass ich nun einmal dazu auserkoren sei, auf der Sonnenseite des Lebens zu sein. Ich war in einem völligen Renditerausch und hatte mich inzwischen daran gewöhnt, dass meine Aktien innerhalb von nur einer Woche zuweilen um bis zu 30 % an Wert stiegen. Daher konnte ich auch Rückschläge ohne weiteres mit Gelassenheit entgegennehmen. Einmal investierte ich z.B. 4000,-DM in einen der sog. „Pennystocks“, also einer Aktie, die weniger als 1,-DM an Wert an. Aufgrund des geringen Handelsvolumens schlägt der Kurs schnell mal eben stark nach unten oder nach oben aus, so dass man entweder hohe Gewinne oder hohe Verluste riskiert. Einen Tag nach dem Kauf war die Firma schon nicht mehr an der Börse gelistet, weil sie inzwischen endgültig bankrott war und aus dem Handel genommen wurde; mit anderen Worten: ein Totalverlust für mich! Aber was soll’s! Was sind schon 4.000,- DM bei einem Depot von inzwischen über 50.000,- DM an „Spielgeld“! Man kann ja schließlich nicht immer nur Gewinn machen, sagte ich mir.

Das Jahr 1999 war auch jenes Jahr, in welchem der Seher Nostradamus den Weltuntergang vorhergesagt hatte. Tatsächlich machten sich viele IT-Experten auf der ganzen Welt Sorgen, dass durch den Jahrtausendsprung die Rechner auf der ganzen Welt in das Jahr 1900 zurückversetzt werden könnten. Man befürchtete ein Horrorszenario, dass um Punkt Mitternacht die Lichter ausgehen könnten. Flugzeuge würden vom Himmel stürzen, Kernkraftwerke durchschmelzen oder womöglich Interkontinentalraketen Amok fliegen und dadurch ein atomares Höllenfeuer entfachen. Computer-Experten aus Ost und West arbeiteten Monate im Voraus an einem Notfallplan, um auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Doch am Ende blieb das Chaos zum Jahrtausendwechsel aus, dem HErrn sei Dank! Wir waren als Familie extra in die Bremer Innenstadt gereist, um das Feuerwerksspektakel auf dem Bremer Marktplatz mit anzusehen. Unsere 4-jährige Rebekka schaute damals nur ängstlich auf uns hinauf und wollte auf den Arm genommen werden, weil ihr all der Krach nicht geheuer vorkam.


Januar - Juni 2000

"Demas" bekommt eine Antwort

Im Winter hatte ich endlich Zeit, das Internet mal richtig auszukundschaften. Eigentlich bestand es ja schon seit 10 Jahren, aber für mich war es eine ganz neue Welt. Facebook gab es damals noch nicht, aber es gab schon jede Menge Gesprächsforen, wo man Leute traf, die die gleichen Interessen mit einem teilten. Es war jetzt wesentlich einfacher, Freundschaften zu knüpfen und seine Meinung einer großen Bevölkerungsgruppe kundzutun. Auch die ersten Firmen hatten die ungeahnten Möglichkeiten entdeckt, ihre Firma auf einer eigenen Internetseite darzustellen und sogar ihre Waren über das Internet zu verkaufen. Viele verglichen das Internet bereits mit der Erfindung des Buchdrucks vor 500 Jahren, da durch die Verbreitung von Information die Welt auf einmal sehr viel kleiner geworden war.

Es dauerte nicht lange, da fand ich auch schon ein geeignetes Forum auf "Jesus.de", wo ich mich mit Christen über die Glaubwürdigkeit der Bibel austauschen konnte. Leider war ich in meinem vermeintlich aufklärerischen Eifer sehr unbesonnen und provozierte die Gläubigen allzu oft (z.B. mit einem Vergleich von Hitler mit dem Gott der Bibel), so dass ich erst eine gelbe und später eine rote Karte von den Administratoren bekam, was eine Sperre zur Folge hatte. Nachdem ich nach einer Auszeit mich neu einloggen konnte, versuchte ich, vorsichtiger zu agieren, indem ich die Jesus.de-Teilnehmer zu privaten Chats einlud, wo die Administratoren nicht mitlesen konnten. So erfuhr ich, dass es durchaus viele schwache Christen gab, die schon drauf und dran waren, den Glauben ganz aufzugeben, da sie keinen Sieg in ihrem Leben verspürten. Einer schrieb mir z.B. und sagte, dass er meine Auffassungen im Grunde alle teilen könne, aber dass er nicht den Mut habe, so wie ich den allerletzten Schritt zu gehen, um sich von Jesus ganz loszusagen, denn er sagte sich: "Was wäre, wenn ich mich nun irren würde und es doch eine Hölle gäbe? Dann gäbe es kein Zurück mehr, und ich wäre für ewig verloren. Dieses Risiko kann ich aber nicht eingehen, deshalb bleibe ich lieber vorsichtshalber noch Christ." Trotzdem lobte er mich für meinen "Mut".

Unter den Gesprächsteilnehmern war auch ein Pastor namens Helmut Schütz, der sich sehr für die Gründe meines Glaubensabfalls interessierte. Deshalb sandte ich ihm meinen Demas-Brief, in welchem ich ja ausführlich die Gründe benannte, warum ich kein Christ mehr sein konnte. Nachdem er diesen gelesen hatte, schrieb er mir, dass er den Brief sehr gut fand, weil dieser ihn zum Nachdenken über seinen eigenen Glauben angeregt habe. Pastor Schütz, mit dem ich mich fortan duzte, hatte nun die Idee, eine Replik zu schreiben, d.h. einen Antwortbrief an Demas, in welchem er zu all den genannten Argumenten Stellung beziehen wolle, und zwar aus der Perspektive eines bibelkritischen Theologen. Um den von mir erfundenen Stil eines fiktiven Briefes aus der Apostelzeit von Demas an Paulus zu wahren, hatte Helmut die Idee, den Evangelisten Markus einen Brief an Demas schreiben zu lassen, in welchem dieser dem Demas angeblich seinen Standpunkt aus Sicht eines historisch-kritischen Bibelverständnisses versuchte schmackhaft zu machen, um Demas (d.h. mich) für den christlichen Glauben zurückzugewinnen. Dieser Brief kam dann auch ein paar Wochen später, und Helmut war auf 17 Seiten Punkt für Punkt auf meine Zweifel eingegangen.

Zunächst äußerte Markus (alias Helmut Schütz) absolutes Verständnis für meine ablehnende Haltung gegenüber dem Bild von einem tyrannischen Gott, der die Menschen für alle Ewigkeit in der Hölle quälen will für seine Taten, die diese während eines relativ kurzen Erdenlebens aus mangelndem Glauben verübt haben. Allerdings betonte Markus zugleich, dass dieses Gottesbild auch nicht dem wahren Gott der Heiligen Schrift entsprechen würde, sondern eher dem Unverstand eines für ihn befremdlichen, fundamentalistischen Bibelverständnisses geschuldet sei. Er konnte gar nicht nachvollziehen, warum ich die Göttlichkeit und Inspiriertheit der Heiligen Schrift überhaupt davon abhängig gemacht hatte, dass sie auch fehlerlos und widerspruchslos sein müsse. Diese Bedingung beruhe auf einer tragischen Fehldeutung des eigentlichen Anliegens Gottes in der Bibel und behindere ein lebendiges Bibelverständnis trotz aller Unvollkommenheit. Sie habe letztlich zu einem toten Buchstabenglauben geführt, vor dem Paulus doch gewarnt habe. Man müsse vielmehr lernen, zwischen den Zeilen zu lesen, um die eigentliche Botschaft aus der scheinbaren Aussage herauszufiltern. Diese Herangehensweise überzeugte mich jedoch gar nicht, weil sie der Beliebigkeit und einem Wünsch-dir-was-Glauben Tür und Tor öffnete. Das war m.E. auch mitnichten die Absicht dieses Gottes bzw. der Bibelschreiber, dass jeder nach Belieben gerade das aus der Bibel herauslesen konnte, was nach seinem Gusto war. Jedoch teilte ich damals seine Auffassung in dem Sinne, dass die Bibel ein von Menschen mit guter Absicht geschriebener Erklärungsversuch war, um Gott und die Welt besser zu verstehen.

Helmut Schütz wollte nun meinen und seinen Brief hintereinander auf seiner Webseite www.bibelwelt.de veröffentlichen und bat mich um meine Erlaubnis. Ich bejahte dies zwar, wollte aber auch auf diesen Antwortbrief des Markus eine Entgegnung des Demas schreiben, wo ich begründen wollte, warum die historisch-kritische, entmystifizierende Theologie für mich keine annehmbare Alternative sei, sondern bestenfalls ein Rettungsversuch um die Daseinsberechtigung des Christentums noch zu rechtfertigen, angesichts ihrer De-facto-Irrationalität. Dennoch bewunderte ich den Helmut, dass er trotz seiner Unsicherheit und Zweifel sich inmitten des undurchdringlichen Dickichts an Möglichkeiten sich einen für ihn gangbaren Weg geschlagen hatte, an einen gütigen und barmherzigen Gott glauben zu können und aus diesem Glauben Glück und Zuversicht für sein Leben zu schöpfen. Auch gefiel mir sein Plädoyer, sich im Sinne der Botschaft Jesu für die Schwachen und Benachteiligten einzusetzen, um an ihnen die Barmherzigkeit zu üben, die auch wir von Gott für uns ersehnen. Nur entsprach es wohl eher dem heutigen, neomarxistischen Zeitgeist mit seiner sog. "Befreiungstheologie", dass Helmut seinen Markus aus dem "Wort vom Kreuz" eine Aufforderung zu politischem Handeln zugunsten einer gerechteren Welt ableiten ließ.

Zu einer Widerlegungsschrift ist es allerdings nicht mehr gekommen, denn unser Umzug stand kurz bevor. Wir hatten unsere Wohnung in Neustadt a.Rbge bereits zu Ende Februar gekündigt und eine Wohnung in Delmenhorst gefunden, in die wir zum 01.03.2000 einziehen konnten. Marco, Michal und ich erledigten noch schnell die letzten Aufträge in Neustadt - u.a. die Renovierung sämtlicher Klassenräume einer Schule in Poggenburg, und meine Frau Ruth versuchte noch schnell, die nötigen Fahrstunden zu absolvieren, um gerade noch rechtzeitig ihren Führerschein zu schaffen. Die praktische Prüfung sollte dann am 22.02. stattfinden, ausgerechnet an jenem Tag, an welchem eigentlich unser Umzug nach Delmenhorst geplant war. Der Lkw war schon gemietet und die Umzugshelfer bestellt, deshalb wäre es fatal, wenn Ruth die Prüfung nicht bestehen würde. Allerdings bezweifelte ich, dass Ruth die Fahrprüfung gleich auf Anhieb bestehen würde, da ich selbst es ja auch nicht gleich geschafft hatte und ich mich selbst insgeheim für klüger hielt als meine Frau. Ich traute es ihr einfach nicht zu. Umso überraschter und beschämter war ich dann, als Ruth dann plötzlich während des Möbelverladens freudestrahlend nach Hause kam mit dem Führerschein in der Hand. Da hatte ich meine liebe Frau tatsächlich völlig unterschätzt (und das nach inzwischen sieben Jahren Ehe!).

Als wir dann am frühen Abend mit dem Möbelwagen in die Einfahrt der Thüringerstr.24 in Delmenhorst hineinfuhren, erlebten wir eine große Überraschung und zugleich herbe Enttäuschung. Denn als der Vormieter die Wohnungstür öffnete und unseres Ansinnens gewahr wurde, sagte er: "Herr Poppe, Sie wollen jetzt schon einziehen?! Wir sind aber doch noch gar nicht ausgezogen! Waren wir zuletzt nicht so verblieben, Sie würden erst Ende März einziehen?" - "Nein! Ich hatte gesagt, dass wir Ende Februar einziehen, weil Sie Mitte Februar ausziehen wollten!" - "Ja, ursprünglich wollten wir Mitte Februar ausziehen, aber dann erfuhren wir ja, dass unser neues Haus noch nicht ganz bezugsfertig ist und haben deshalb den Auszug um einen Monat verschoben. Aber hatten wir Ihnen das nicht mitgeteilt? Ich dachte, das wüssten Sie..." - "Nein, das haben Sie mir nicht gesagt, denn sonst hätte ich Ihnen ja mitgeteilt, dass das nicht ginge, da wir unsere Wohnung ja bereits gekündigt hatten!" - "Und was machen wir nun?" fragte der Vormieter. Ich überlegte und sagte dann: "Wir können unsere Möbel ja erst mal hier in den hinteren Garten stellen und mit Planen abdecken. Denn ich muss den Lkw morgen früh wieder zurückgeben. Wir können die nächsten Tage auch erst mal im Haus meiner Eltern übernachten. Wann könnten Sie denn frühestens ausziehen?" Er besprach sich mit seiner Frau und sagte dann: "Spätestens nächste Woche Freitag, den 03.03. sind wir hier raus, und ihr könnt dann am Samstag einziehen." - "So machen wir´s!" sagte ich.


Die Blase platzt

Am 01.03.2000 war mein Aktienbestand auf insgesamt 64.000,- DM angewachsen. Darin enthalten waren 11.000,-DM, die ich selbst investiert hatte und der Rest von 53.000,- DM war reiner Gewinn. Ich hatte plötzlich die dunkle Ahnung, dass ich jetzt alles verkaufen und mich mit diesem beachtlichen Gewinn zufrieden geben sollte. Während ich also gerade am Hauptbahnhof stand, rief ich spontan bei meiner Bank an und bat darum, alles zu verkaufen, egal zu welchem Preis. Ich wollte plötzlich nicht mehr. Es war so eine Anwandlung, wie eine innere Stimme, dass ich jetzt aufhören müsse. Doch in den Tagen danach wurde ich von Zweifeln geplagt, weil die Kurse einfach immer weiter stiegen. Warum hatte ich nur alles verkauft? Vor allem konnte ich jetzt nicht mehr weiterfiebern wie bisher und litt regelrecht unter Entzugserscheinungen. Nein, ich wollte es wieder tun, wollte dieses Gefühl des Gewinnens weiter haben (Spr.23:35). Wie ein wahnsinniger Spieler verteilte ich wieder all meine Chips auf dem "Roulettetisch" der Börse und freute mich, dass mein Einsatz sich zunächst auch scheinbar lohnte. Doch am 10.03. kippte die Stimmung plötzlich. Die Kurse brachen ein, zum ersten Mal nach Monaten. Sollte dies das von vielen angekündigte Platzen der Spekulationsblase sein? Ich wollte es nicht glauben, und auch die meisten anderen Privatanleger nicht. Sicherlich war dies nur eine kleine Konsolidierung und danach würde es fröhlich weitergehen nach oben, dachte ich.

Was ich jedoch nicht ahnen konnte, war, dass der absolute Gipfel inzwischen erreicht war. Von nun an sollte es nur noch nach unten gehen. Das tückische an dieser Baisse war jedoch, dass der Absturz nicht auf einmal kam innerhalb weniger Tage wie beim großen Börsencrash von 1929, sondern diese Talfahrt sollte insgesamt drei Jahre anhalten. Da aber niemand wissen konnte, dass es so kommen würde, wurde immer weiter spekuliert in der Hoffnung, dass es schon bald wieder bergauf gehen werde. Da es immer wieder Aktien gab, die dem Trend trotzten und an manchen Tagen über 50 % stiegen (z.B. Infineon) wurde die Hoffnung gehegt, dass man nur die richtigen Aktien kaufen müsse, um Gewinn zu machen. Aber mein Spielerglück hatte mich verlassen, und meine gerade erworbenen Aktien befanden sich Ende März schon alle im zweistelligen Minus. Wenn ich jetzt wieder alles verkaufen würde, dann hätte ich einen Verlust von fast 10.000,- DM, und das konnte ich doch unmöglich zulassen, dachte ich. Vielleicht würden die Kurse schon bald wieder steil nach oben schießen, und dann würde ich mich am Ende ärgern, dass ich so früh schon aus lauter Verzagtheit verkauft hätte. Hatte nicht der große Börsenexperte Kostolany gesagt, man solle erst Aktien kaufen und dann Schlaftabletten, weil man sich sonst ganz verrückt machen würde? Langfristig konnte man mit Aktien doch ohnehin immer nur gewinnen, also musste ich einfach nur Geduld haben. Manche Werte hatten sich inzwischen so sehr verbilligt, dass nun sicher viele wieder einsteigen würden und es nach oben ginge, glaubte ich.

Inzwischen hatte auch mein Freund Jochen das Anlegerfieber gepackt und ich erklärte ihm, wie das praktisch funktioniert mit den Aktien. Innerhalb kürzester Zeit hatte Jochen sich aber schon so sehr mit dem Thema befasst, dass er sogar mich belehren konnte. Er sagte: "Simon, Du solltest keine Aktien kaufen, sondern lieber Optionsscheine. Denn diese sind unabhängig von einem bestimmten Börsentrend, weil Du auch auf fallende Kurse wetten kannst. Und dann gibt es auch noch Derivate und Futures. Du kannst mit Optionen an der Börse spekulieren, ohne sie erst bezahlen zu müssen, indem Du sie verkaufst und erst nachträglich mit dem Gewinn bezahlst." Jochen hatte mir dies viele Male erklärt, aber ich begriff es einfach nicht, weil mein mathematisches Denken dafür eher unterentwickelt war. Jochen hingegen war Elektroingenieur, jedoch arm wie eine Kirchenmaus, so dass er kein Geld hatte zum realen Spekulieren. Deshalb begnügte er sich damit, auszurechnen, wie viel er theoretisch gewonnen hätte.

Im Sommer 2000 war mein investiertes Kapital um 18.000,- DM herunter geschmolzen, so dass ich jede Lust am weiteren Spekulieren verlor. Aber Verkaufen wollte ich auch nicht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass es noch immer weiter nach unten gehen sollte. Ich steckte einfach den Kopf in den Sand und wollte nichts mehr wissen von Aktien. Irgendwie war ich auch innerlich wie gelähmt und unfähig, noch eine Entscheidung zu treffen. Ich ärgerte mich nur noch, dass ich nicht bei der Entscheidung Anfang März geblieben war, sondern aus lauter Dummheit und Habgier immer weiter gemacht hatte. Jetzt ging es mir nur noch darum, mir und allen anderen zu beweisen, dass mich Geld nicht mehr interessiert, obwohl ich mich damit selbst belog. Denn insgeheim hoffte ich noch immer, dass die Talfahrt endlich aufhören würde und sich meine Geduld auszahlen könnte. Erst anderthalb Jahre später konnte ich mich endlich dazu durchringen, mein Portfolio aufzulösen, das zu diesem Zeitpunkt nur noch einen Restwert von 15.000,- DM hatte, d.h. ich hatte mittlerweile 50.000,- DM wieder verloren. Ich nahm es mit Gelassenheit und sagte mir, dass ich abzüglich meiner ursprünglichen Investition immerhin noch einen Gewinn von 4.000,- DM übrig habe.


Der Streit mit dem Ex-Vermieter

Die neue Wohnung in der Thüringer str. 24 in Demenhorst lag im Obergeschoß eines Zwei-Familien-Hauses. Unten wohnte die alte Mutter des Vermieters. Es gab einen schönen Garten, wo unsere Tochter spielen konnte und auch einen Kindergarten ganz in der Nähe, wo ich Rebekka anmeldete. Ruth fand schon bald einen Praktikumspatz bei einer Tierärztin in Ganderkesee und ich verteilte meine Handzettel, um nun auch in Delmenhorst Kunden zu werben. Es dauerte nicht lange, dass die ersten Neukunden Interesse bekundeten, so dass ich auch mein Versprechen einlösen konnte, den Michal Wollny fortan für zwei Jahre als Umschüler zu nehmen. Alles lief eigentlich bestens - doch dann entwickelte sich unerwartet allmählich ein furchtbarer Streit mit unserem Ex-Vermieter in Neustadt a.Rbge:

Bevor wir umgezogen waren, hatte Marco auf unserem Balkon etwas lackiert; doch als er das Material wieder verladen wollte, fiel ihm die Dose Lack auf den Fußboden und lief aus. Ich schimpfte mit ihm, aber er sagte, dass wir doch sowieso ausziehen würden und den Teppich dann entsorgen müssten, womit er Recht hatte. Damit aber niemand in den frischen Lackfleck treten konnte, nahm Marco kurzerhand sein Cutter-Messer und schnitt ein kreisrundes Stück aus dem Teppich heraus, auf dem der Fleck war. Dabei hatte Marco jedoch nicht beachtet, dass sich unter dem Teppich ein PVC-Boden befand, der dem Vermieter gehörte und der nun Schnittspuren aufwies. Als dann ein paar Wochen später der Umzug anstand, nahmen wir den alten Teppich hoch und entsorgten ihn. Die Schnittspuren hatten wir dabei gar nicht bemerkt. Als wir uns jedoch eine Woche später mit unserem Vermieter Herrn Werner trafen, bemerkte dieser die Schnitte im PVC und verlangte Ersatz von mir. Ich wies ihn darauf hin, dass man diese auch verkleben könne, und dass doch die offenen Nähte der PVC-Bahnen weitaus auffälliger waren. Er aber ließ nicht mit sich reden, sondern verlangte einen neuen PVC-Belag. Zudem konnte ich ihm auch nur drei von insgesamt vier Schlüsseln von der Wohnungstür zurückgeben, weil ich ein Jahr zuvor einen Schlüssel verloren hatte. Aber auch hier genügte ihm nicht ein neuer Schlüssel, sondern er verlangte einen Austausch der gesamten Schließanlage, da dieser Schlüssel zugleich auch für die Haustür passte. Ich hielt es indes für sehr unwahrscheinlich, dass ein potentieller Dieb selbst nach einem Jahr noch versuchen würde, ins Haus einzubrechen, aber mein Vermieter war da ganz anderer Meinung, so dass wir im Streit auseinander gingen.

Zu allem Pech kam noch hinzu, dass ich infolge der Renovierarbeiten in der neuen Wohnung und all den übrigen Verpflichtungen ganz vergessen hatte, den Dauerauftrag zu löschen, so dass Herr Werner eine weitere Miete in Höhe von 1300,-DM für den Monat März im Voraus erhielt, obwohl wir ja gar nicht mehr dort wohnten. Zusätzlich zu dem Deponat von 3.000,- DM schuldete mir Herr Werner also insgesamt 4.300,-DM, die ich aufgrund mangelnder Liquidität gut hätte gebrauchen können. In den Wochen nach unserem Auszug rief ich den Vermieter deshalb immer wieder an, auch um einen Termin zu vereinbaren, um einen neuen PVC zu verlegen. Erst einen Monat später erreichte ich ihn schließlich und wir vereinbarten einen Termin zum Verlegen. Als ich jedoch damit beginnen wollte, den neuen PVC auf den alten zu legen, protestierte der Vermieter und verlangte, dass wir zuerst den alten PVC herausreißen sollten und den gesamten Fußboden erst neu verspachteln müssten, um dann erst den neuen PVC zu verlegen. Ich erklärte ihm, dass es die fachlich korrekte Verfahrensweise sei, dass man den neuen auf den alten PVC verlege, zumal dies auch für die Langlebigkeit des PVCs viel besser sei, da der Untergrund etwas weicher sei. Aber Herr Werner glaubte mir nicht und weigerte sich schließlich, dass wir es auf unsere Weise tun sollten. Ich empfand sein Verhalten als reine Schikane und entschied mich deshalb, die Frage durch einen Sachverständigen klären zu lassen.

Ich rief also bei zwei Fußbodenlegern an und bat um eine fachliche Stellungnahme. Beide bestätigten mir, dass es völlig unsinnig sei, den alten PVC herauszureißen, da man durch diesen einen viel glatteren Untergrund hätte. Einer gab mir noch den Tipp, dass man die Schnitte problemlos mit einer sog. Kaltschweißpaste wieder abdichten könne, so dass man hinterher nichts mehr sehe. Von all diesen Argumenten wollte sich der Vermieter jedoch nicht überzeugen lassen, sondern behauptete, dass auch er inzwischen bei der Handwerkskammer Hannover angerufen habe und sich angeblich von einem Gutachter habe bestätigen lassen, dass der alte PVC zuvor entfernt werden müsse, da dies sonst "Pfusch" sei. Ich konnte mir solch eine abweichende Ansicht kaum vorstellen und überprüfte seine Angaben, indem ich mir die zuständige Tel.-Nr. des vereidigten Gutachters der Handwerkskammer geben ließ. Und siehe da: Herr Weber hatte mich angelogen, denn der Gutachter Huisnik hatte nie mit ihm gesprochen. Auf meine Frage, ob es denn Pfusch sei, was ich Herrn Werner angeboten hatte, antwortete er: "Nein, das ist totaler Quatsch. Wir haben gerade erst letzte Woche im Technologiezentrum Vahrenwald viele Tausend Quadratmeter PVC aufeinander geklebt."

Spätestens jetzt wurde mir bewusst, dass ich gute Chancen hätte, einen gerichtlichen Streit zur Not zu gewinnen. Ich schrieb dem Vermieter, dass ich ihm hiermit eine letzte Frist setze bis zum 18.05.00, um mir mein Deponat und die überzahlte Miete für März zurückzuerstatten, da ich ihn andernfalls auf Zahlung verklagen würde. Zugleich bot ich ihm jedoch an, dass ich selbstverständlich bereit sei, jederzeit vorbei zu kommen, um meinen PVC auf seinen zu verkleben, wenn er mir nur einen Termin nennen würde. Leider hatte ich damals den weisen Rat Salomons vergessen, der doch gesagt hatte: "Einen Rechtsstreit anfangen ist, als ob man Wasser entfesselt; darum lass ab vom Zank, ehe er heftig wird" (Spr.17:14). Und auch der HErr Jesus hatte empfohlen: "Erweise dich rechtzeitig entgegenkommend gegenüber deinem Streitgegner, während du mit ihm noch auf dem Wege bist (zum Gericht)" (Mt.5:25). Ich erklärte mich zwar Ende Mai zwar noch bereit, ihm auch noch neue Zylinder einzubauen, aber da war es schon zu spät, denn sein Anwalt teilte mir mit, dass sein Mandant bereits einen Fußbodenleger beauftragt habe und auch die Zentralschließanlage mit 10 Schlössern durch eine Fachfirma auswechseln lassen wolle. Die Kosten von 2.727,40 DM für den Fußboden und 996,50 DM für die Schließanlage würde man mir von meiner Forderung von 4.300,- DM abziehen, zzgl. 45,-DM für die Reinigung der oberen Türfalzen, da man bei einer erneuten Begutachtung festgestellt hatte, dass dort Kotspuren unseres Papageien waren.

Ich kochte vor Wut, wollte aber nicht noch einmal der Versuchung erlegen sein, wie beim letzten Streit mir eine Strafanzeige wegen Beleidung androhen zu lassen, sondern übergab den Fall diesmal gleich an meinen Anwalt. Es folgte nun ein Rechtsstreit, der sich über ein Jahr hinzog und erst am 14.01.2001 durch einen Vergleich entschieden wurde. Demnach sollte ich aus meiner Forderung von 4.300,-DM noch 1.926,-DM erhalten, wobei auch noch anteilige Anwaltskosten von 512,14 DM davon abzuziehen sind. Doch obwohl ich eigentlich hätte froh sein können, dass ich wenigstens knapp die Hälfte meiner Forderung endlich erstattet bekam, war ich sehr erbittert und wurde geplagt von Rachegefühlen, denn ich fühlte mich bestohlen. Da ich das Handeln Gottes in meinem Leben nicht mehr (an)erkannte, konnte ich auch nicht wie Hiob feststellen: "Der HErr hat gegeben, der HErr hat genommen; der Name des HErrn sei gelobt!" (Hiob 1:21), sondern ich verhielt mich eher wie Jona, der den Schatten des Wunderbaums wie eine Selbstverständlichkeit annahm, sich aber dann beklagte, als dieser am nächsten Tag aufgefressen wurde, obwohl er nichts dazu beigetragen hatte, dass er diesen Wunderbaum doch wenigstens für eine Weile genießen konnte (Jona 4:10).


Juli – Dezember 2000

Mein "kleiner" Bruder Patrick

Obwohl mein vier Jahre jüngerer Bruder Patrick mit seinen 1,97 Metern noch 3 cm größer ist als ich, war er für uns immer der kleine "Pelle", wie wir ihn seit seiner Kindheit liebevoll nannten. Dies änderte sich auch nicht, als er am 22.07.2000 seine Freundin Manuela heiratete. Sie hatten sich zwei Jahre zuvor kennengelernt über das Internet. Damals schrieb Patrick aus Langeweile eine Kontaktanzeige über ein Chatprogramm namens ICQ, bei der er sich aus Quatsch genau entgegen gesetzt beschrieb als wie er wirklich war: "Pummeliger und nicht gut aussehender Junge (26) sucht eine Partnerin". Damals war Patrick arbeitslos und fühlte sich trotz seiner pompösen Statur tatsächlich wie ein Versager. Manuela hingegen war eine Einser-Abiturientin und studierte gerade auf Lehramt Physik und Mathematik, als sie dies las während einer Israelreise und antwortete ihm aus Neugier. Da sie sich mit "Schalom" von ihm verabschiedete, nahm Patrick an, dass sie auch gläubig sein müsse. Sie schrieben sich eine ganze Weile hin und her und verabredeten sich dann im September´98 auf einem Stadtfest. Patrick verliebte sich auf Anhieb in diese selbstbewusste junge Frau, die ein wenig aussah wie Angela M. in ihrer Jugendzeit. Durch sie schaffte es Patrick schließlich auch, seine Ängste und Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden, die ihn von früher Jugend an plagten.

Weil er der jüngste von uns vier Kindern war, muss er sich wohl oft benachteiligt und "abgehängt" vorgekommen sein, war aber deshalb umso mehr "Mamas Liebling". In der Schule war er genauso wie ich immer sehr verträumt und mochte den Unterricht nicht, weshalb er manchmal einfach früher nach Hause ging. Als mein Bruder Marco ihn 1988 auf eine Evangelisation von Wilhelm Pahls mitnahm, bekehrte er sich und wechselte schon bald darauf in die Freie Evangelische Bekenntnisschule (FeB), die gerade neu in Bremen gegründet war. Da er der einzige Christ unter den Schülern war, ließ der gläubige Lehrer ihn oftmals vor der Klasse das Gebet sprechen, womit bis heute jeder Unterricht dort morgens beginnt. Durch die Liebe und den Zuspruch der Lehrer dort verbesserten sich allmählich auch seine Noten, so dass er von der Hauptschule auf die Realschule wechseln konnte und später sogar sein Fachabitur machte. Nachdem er 1992 seinen Zivildienst im Krankenhaus beendet hatte, wollte Patrick am liebsten nur noch zuhause sein oder sich mit Freunden treffen, von denen er viele hatte durch die christliche Gemeinde. Doch nach einem Jahr sah Patrick die Notwendigkeit, eine Lehre zu machen und bewarb sich in einer Tischlerei, die ihn auch nahm.

Leider war Patrick als Tischler nie besonders gut, so dass er zum Ende seiner Lehre entlassen wurde. Er bemühte sich dann bei einer anderen Firma, aber ging jeden Tag mit Angst zur Arbeit, weil er glaubte, jeden Moment gekündigt zu werden. Als er eines Tages allein in der Werkstatt ein Möbelstück an einer CNC-Maschine bearbeitete, kam es aufgrund einer falschen Einstellung zu einem lauten Knall, so dass das Werkstück kaputt ging. Daraufhin ging Patrick schnell nach Hause, legte sich ins Bett und verkroch sich unter der Bettdecke. Da er in der Folge schon wieder seine Arbeit verlor, beschloss Patrick, sich von nun an nur noch seinen Hobbies zu widmen, nämlich dem Computer und der Fotographie. Er merkte, dass er dies viel besser konnte als jeder andere und verdiente sein erstes Geld durch kleine Aufträge. Weil Patrick ziemlich attraktiv aussah (ähnlich wie der Schauspieler Matt Damon) und auch gut reden konnte, hatte er schon bald viele junge Frauen aus der Gemeinde, die sich von ihm professionell fotografieren ließen, vorzugsweise in Schwarz-weiß-Bildern, die er selber entwickelte in seiner Dunkelkammer zuhause. Er lebte mit meinem Bruder Marco mietfrei im Elternhaus und sah daher nicht die Notwendigkeit, wieder Arbeit zu suchen.

Das änderte sich aber dann, als er Manuela kennenlernte, die bis dahin immer nur auf der Überholspur durchs Leben fuhr. Sie animierte ihn, sich wieder als Tischler zu bewerben und machte ihm Hoffnung, dass sie auch ihr Leben mit ihm teilen würde. Sie trafen sich nun jedes Wochenende und machten zusammen Sport wie z.B. Rollerskaten. Als sie dann ein Jahr später ihr Studium beendet hatte und einen Referendariatsplatz in Stade bekam, fragte sie Patrick, ob er sich vorstellen könne, mit ihr zusammenzuziehen. "Nur wenn Du mich vorher heiratest!" sagte Patrick laut lachend. Sie wollte, aber machte ihm später den Vorwurf, dass sein Heiratsantrag so "schrecklich unromantisch" gewesen sei. Einen Tag vor ihrer Hochzeit wurde Patrick schon wieder gefeuert; doch als er traurig nach Hause kam, umarmte ihn Manuela und tröstete ihn. Später sagte er: "Das war das Schönste, was ich je erlebt hatte!"


Der Katastrophenlehrling

Inzwischen hatte ich wieder eine gute Auftragslage und mir deshalb auch einen neuen Gebrauchtwagen als Firmenwagen gekauft, einen weißen Opel Kadett Kombi, der ähnlich wie der vorige etwa 10 Jahre alt war und auch nur 3.000,- DM kostete. Um Rebekka eine Freude zu bereiten, kaufte ich auch einen kleinen Hundewelpen, einen Mischlingsrüden, den wir Bobby nannten. Die alte Nachbarin unten war über diese Idee gar nicht so begeistert, zumal Bobby auch häufig lange bellte, wenn wir aus dem Hause gingen. Deshalb beschloss ich, unseren Hund einfach mitzunehmen auf die Baustellen. Dort wo es sich um leere Häuser handelte, die wir tapezieren sollten, war dies ja auch kein Problem, zumal Bobby die meiste Zeit ohnehin schlief am Tage. Eines Tages sprach mich eine Kundin an und sagte: "Herr Poppe, Sie sind doch so ein guter Mensch! Vielleicht könnten Sie meiner Tochter einen Gefallen tun. Sie hat nämlich seit kurzem ihren ersten Freund und möchte ihm gerne helfen. Er ist ein ganz lieber Kerl von 19 Jahren, aber er sucht dringend einen Ausbildungsplatz und findet einfach keinen. Hätten Sie nicht Interesse, ihn als Lehrling zu nehmen?" Ich hatte nichts dagegen, und so vereinbarten wir, dass er einfach mal vorbei kommen solle.

Kurz darauf meldete sich Patrick Mücher bei mir und kam am Nachmittag mit seiner Bewerbung vorbei. Vor mir saß ein gut gestylter junger Mann mit modischer Kleidung und selbstbewusstem Auftreten. Er hatte ein einnehmendes Lächeln wie Stefan Raab, so dass ich seinem Charme kaum wiederstehen konnte. Ich dachte mir: "Wenn der so gut arbeitet, wie er reden kann, dann wird das bestimmt ein toller Lehrling werden!" Patrick erwies sich in der Tat als "toll", allerdings in der ursprünglichen, biblischen Bedeutung des Wortes, nämlich als TOLLkühn und geradezu psychopathisch! ich hatte später nie mehr solch einen verrückten und katastrophalen Lehrling wie Patrick gehabt, der mir fast den Verstand rauben sollte! Denn was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte, war, dass Patrick vor keiner noch so verwegenen Straftat zurückschreckte, sondern sich in fast kleptomanischer Besessenheit alles nahm, was er wollte. Ich wusste nicht, dass er zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Jugendstrafen verbüßt hatte wegen Einbruch, Diebstahl, Körperverletzung und Fahren im angetrunkenen Zustand. Da ich ihn sehr sympathisch fand, nahm ich ihn als Lehrling. Er sollte die nächsten fünf Jahre zu meinem Alptraum werden...

Einen Monat später stellte ich einen weiteren Lehrling ein namens Volkmar Priefer. Da Patrick und er etwa gleich alt waren, verstanden sie sich auf Anhieb und wurden gute Freunde. Wir lachten viel auf der Arbeit, aber manchmal erschrak ich über den derben Humor, den die beiden hatten. Doch eines Tages stellte ich zu Feierabend fest, dass mir 100,- DM im Portemonnaie fehlten. Da ich an jenem Tag nur mit Patrick allein auf der Baustelle gearbeitet hatte, konnte nur er sie mir gestohlen haben. Am nächsten Morgen stellte ich ihn zur Rede, aber er stritt es natürlich ab. Daraufhin filzte ich ihn und fand einen 50,-DM-Schein in seiner Latzhose. "Komm, Patrick, sag die Wahrheit! Erzähl mir doch nicht, dass das Dein Geld hier ist, denn Du hast doch sonst NIE Geld dabei!" - "Das Geld ist von meiner Freundin. Sie hat es mir heute Morgen geliehen, damit ich mir was zu essen kaufen kann." - "Ok," sagte ich, "dann werde ich Deine Freundin nachher mal anrufen und sie fragen, ob das stimmt." - "Ja, kannst sie ruhig fragen, sie wird es Dir bestätigen!" Dann musste ich noch mal kurz ins Haus, um etwas zu holen. Aber in der Zwischenzeit rief Patrick heimlich seine Freundin an auf dem Handy und flüsterte ihr zu: "Mein Chef wird Dich gleich anrufen und Dich fragen, ob Du mir heute Morgen Geld geliehen hast. Bitte sage ihm, Ja! mein Schatz. Ich erklär Dir alles später." Und tatsächlich bestätigte sie mir dann brav die Lüge von Patrick. Was er jedoch nicht ahnte, war, dass Loyalität immer nur so lange währt, wie eine Freundschaft; aber wenn eine solche zu Ende geht, dann wird manchmal auch schmutzige Wäsche gewaschen und Lügen kommen ans Licht...

Schon während der Probezeit erlebte ich es leider immer wieder, dass Patrick oder Volkmar sich morgens krank meldeten. Mir war klar, dass sie meistens nur zu spät ins Bett gegangen waren oder abends zu viel getrunken hatten. Als Patrick eines Morgens mal wieder mit verkaterter Stimme auf den AB sprach, dass er "krank" sei, rief ich ihn sofort zurück, aber er ging nicht mehr ans Handy. Daraufhin fuhr ich zu ihm nach Hause und klingelte an seiner Tür. Er machte auf und sah mich erschrocken aus seinen schlafverquollenen Augen an, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass ich es bin. Da er noch in Unterhose war, sagte ich im Befehlston: "LOS! ZIEH DICH AN UND KOMM MIT!" Sofort parierte er und saß im Nu mit mir im Auto. So "krank" war er also offensichtlich doch nicht. Aber auch Patrick war wahrscheinlich verwundert über meine rüden Erziehungsmethoden. Da ich jedoch im Auto auch noch Rammstein hörte, fiel es ihm schwer, in mir eine Respektperson zu sehen, sondern ich war für ihn wohl eher so etwas wie ein großer Bruder.

Die Probezeit war noch nicht abgelaufen, und trotzdem tanzte mir Patrick ständig auf der Nase herum. Als er eines Tages mit Volkmar alleine auf der Baustelle war und ihn dazu überredete, einfach schon eine Stunde eher Feierabend zu machen, da ist mir der Kragen geplatzt, als ich es erfuhr, und erteilte Patrick eine fristlose Kündigung. Ich dachte, dass ich diese Nervensäge nun endlich los sei, aber die Geschichte war damit noch lange nicht zu Ende. Drei Wochen nach der Kündigung rief mich Patrick an. Mit einer Engelszunge und übertriebener Freundlichkeit erklärte er mir, dass er gerade ein Regal baue für seine Mutter und zu diesem Zwecke etwas flexen müsse. Er fragte, ob er sich von mir den Winkelschleifer ausleihen dürfe und in meiner Werkstatt etwas damit schneiden dürfe. Ich sagte: "Ja, kein Problem." Eine halbe Stunde später kam Patrick mit einem anderen Burschen zu mir und ich schloss ihnen die Werkstatt auf. Dann ging ich wieder über die Gartentreppe rauf in unsere Wohnung. Da wir schon November hatten, war es schon um 17.00 Uhr sehr dunkel draußen. Ich hörte den dumpfen Krach aus der Werkstatt. Nach einer Weile ging ich wieder runter, um zu sehen, was Patrick da eigentlich macht. Doch als mich sein Kumpel sah, der rauchend vor der Tür stand, rief dieser leise aber hörbar durch den Türspalt: "Achtung, er kommt!"

Das machte mich misstrauisch. Patrick hörte sofort auf zu schneiden und machte die Tür auf, so dass eine große Staubwolke aus der Werkstatt kam. Ich sagte: "Warum machst Du denn die Tür zu beim Schneiden? Du staubst ja alles voll hier!" Patrick stellte sich demonstrativ in die Tür, damit ich nicht sehen konnte, was er da gerade gemacht hatte und sagte: "Nee, das ist ja nur, damit die Nachbarn sich nicht beschweren wegen dem Krach, denn es ist ja schon Abend." Ich wusste, dass er etwas zu verbergen hatte, ließ mir aber nichts anmerken und sagte so gleichgültig wie möglich: "Sag mir bescheid, wenn Ihr fertig seid, damit ich wieder zuschließe." Ich ging wieder die Treppe nach oben, aber behielt die beiden im Blick. Doch schon 2 Minuten später sprang unten der Wagen an und sie waren wieder weggefahren ohne Bescheid zu geben. Ich ging runter in den Schuppen, machte Licht an und sah, dass alles vollgestaubt war. Und dann bemerkte ich, dass in der Ecke auf dem Boden eine Metallplatte lag. Ich hob sie auf und betrachtete sie. Um ein Regal zu schneiden hätte ein 1 - 2 mm dickes Blech genügt, aber dies hier war fast eine 1 cm dicke Stahlplatte. Ich nahm sie mit nach oben und dachte: "Das sieht er aus, als hätten sie einen Tresor aufgeschnitten."

Ich nahm den Hörer und rief die Polizei an. "Ja, hier Polizeinotruf." - "Entschuldigen Sie, aber ich habe mal eine Frage: Wurde in letzter Zeit mal ein Tresor gestohlen in Delmenhorst?" - "Es wird öfter mal ein Tresor gestohlen; wieso? Was wissen Sie denn?" - "Ach, ich wollte nur mal fragen, weil ich den Eindruck habe, dass gerade eben in meiner Werkstatt ein Tresor aufgeschnitten wurde, denn ich halte hier ein ziemlich dickes Stück Stahl in der Hand." - "Können Sie mir dazu mal genauere Angaben machen?" - "Nein, ich möchte eigentlich lieber nichts weiter sagen, denn sonst würde ich einen jungen Mann belasten, der möglicherweise unschuldig ist." - "Wenn Sie jemanden decken, dann machen Sie sich aber ebenso strafbar. Wenn der Betreffende aber unschuldig ist, dann hat er doch nichts zu befürchten. Und selbst wenn er etwas ausgefressen hat, dann helfen Sie ihm nicht, wenn Sie ihn decken, sondern unterstützen ihn sogar indirekt, weil er es immer weiter machen wird. Also, wollen Sie jetzt reden?" - Ich überlegte und sagte dann: "Sie haben recht. Es handelt sich um einen ehemaligen Lehrling von mir. Er heißt Patrick Mücher und wohnt hier in Delmenhorst." Dann erzählte ich die Einzelheiten und gab die genaue Adresse bekannt.

Sofort fuhr ein Streifenwagen zu seiner Wohnung, wo sie aber nur die Mutter antrafen. Sie gab den Beamten die Adresse von seiner Freundin, wo er übernachtete. Dort angekommen, durchsuchten sie die Wohnung und fanden unterm Kopfkissen jede Menge Bündel mit Geldscheinen, sowie Briefmarken im Wert von rund 1000,-DM. Sie verhafteten Patrick und nahmen ihn mit auf die Wache. Patrick war geständig und gab zu, dass er in der Orthopädischen Klinik in Ganderkesee absichtlich ein Fenster im Erdgeschoss offen gelassen hatte, durch das er dann in der Nacht eingestiegen sei, um einen Tresor herauszutragen. Er tat ihn auf den Gepäckträger seines Fahrrads, deckte ihn zu und schob das Fahrrad dann in eine Nebenstraße, wo er einen Cousin anrief, um ihn abzuholen. Da Patrick bereits einschlägig vorbestraft war, drohte ihm nun eine Haftstrafe nach dem Jugendstrafrecht. Doch da keine Fluchtgefahr bestand, konnte er bis zum Beginn seines Prozesses noch in Freiheit verbringen.

Nach etwa drei Wochen rief mich die Kundin Preusse an, deren Tochter mit Patrick befreundet war. Sie bat darum, ob ich Patrick nicht noch mal eine Chance geben könnte, denn wenn er in einer Ausbildung sei, könnte die Strafkammer möglicherweise von einer Haftstrafe absehen. Ich erklärte ihr, dass ich Patrick für gefährlich halte, zumal er ja früher auch schon mal in psychiatrischer Behandlung war. Frau Preusse zeigte Verständnis und erklärte dies ihrer Tochter. Was ich jedoch nicht ahnte, war, dass diese nichts von Patricks Psychiatrie-Aufenthalt wusste. Da die Beziehung wohl ohnehin schon am seidenen Faden war, machte Bettina im Streit nun ganz mit ihm Schluss, rief mich an und verriet mir, dass Patrick mir damals tatsächlich die 100,-DM gestohlen hatte, sie aber nicht länger mit einem kriminellen Psychopathen zusammen leben wollte.

Als ich am nächsten Tag morgens mit Bobby in mein Auto steigen wollte, war die Heckscheibe zerschlagen. Ich rief sofort Patrick an und sagte ihm, dass er mir diesen Schaden ersetzen werde. "Gar nichts werd' ich tun, sondern ich werde Dir eins aufs Maul hau´n! Warum hast Du Bettinas Mutter erzählt, dass ich mal in der Psychiatrie war?!" - "Ich wusste nicht, dass sie es nicht wusste. Tut mir leid dafür. Aber Du hättest mit mir reden können und nicht einfach feige die Heckscheibe zerdeppern sollen! Ich will, dass Du heute zu Feierabend herkommst, und dann reden wir über alles!" - "Einen Sch... werd ich tun! Warum sollte ich?" - "Du wirst kommen, sonst komme ich zu Dir! Wir müssen reden!" Ich legte auf.

Als ich mit Volkmar zu Feierabend die Einfahrt hochfuhr, stand Patrick da mit geballten Fäusten und zornigem Blick. Ich musste fast darüber lachen, aber verkniff es mir. Wir stiegen aus und ich ging auf Patrick zu. "Lass uns mal zusammen in den hinteren Garten gehen zum reden", sagte ich und verabschiedete mich von Volkmar. Als wir durch die Pforte gingen, war mein erster Satz: "Weißt Du, Patrick, eigentlich mag ich Dich..." In diesem Moment merkte ich, wie eine tonnenschwere Last von Patrick abfiel und sich seine aufgestaute Wut in Staub auflöste. Er war fast den Tränen nahe, denn mit diesem Satz hatte er gar nicht gerechnet, und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, warum ich das sagte. Auf jeden Fall war die Stimmung auf einmal gelöst, und wir konnten völlig entspannt mit einander reden. Es ging sogar so weit, dass Patrick mir am Ende versicherte, dass er die Scheibe gerne ersetzen würde; aber ich sagte ihm, dass er das nicht mehr bräuchte. Ja, wie stark kann doch eine Versöhnung sein. Im Wort Gottes heißt es: "Eine gelinde Zunge zerbricht Knochen" (Spr. 25:15). Natürlich bedeutet das nicht, dass Patrick von dem Moment an moralisch geläutert war. Ganz im Gegenteil: Einen Monat später brach er nachts in einen Kiosk ein, der dem Freund seiner Mutter gehörte, und kam dafür ein Jahr ins Gefängnis. Aber damit war das Kapitel "Patrick" noch lange nicht beendet, denn es sollte noch 5 Jahre weiter gehen...

Mitte Dezember brach der Winter ein und wir hatten starken Schneefall, so dass es zum ersten Mal nach Jahren sog. „weiße Weihnachten“ geben sollte. Als ich bei Aldi ein Weihnachtsmann-Kostüm fand, wurde ich an meine Kindheit erinnert, wie mein Vater früher immer für uns den Weihnachtsmann spielte, ohne dass wir es bemerkten. Prompt nahm ich es mit, weil ich auch Rebekka diesen Spaß bereiten wollte.

Meine Mutter hatte damals immer behauptet, dass mein Vater leider Nachtdienst hätte und deshalb nicht dabei sein könne, wenn der Weihnachtsmann kommt. Als es dann abends im Hof klingelte, sagte sie: „Schaut mal, Kinder, ich hab‘ da draußen ´was gehört…“ Wir liefen alle zum Fenster und sahen im Dunkel den Weihnachtsmann, wie er mit einer kleinen Glocke bimmelte und in der anderen Hand einen Sack trug voller Geschenke. Er rief uns, und wir machten ihm schnell die Tür auf. Einmal, als er gerade die Geschenke verteilt hatte und wieder gehen wollte, sagte er: „Ich fliege jetzt wieder mit meinen Schlitten in den Himmel und möchte gerne einen von euch mitnehmen! Simon, was hältst du davon, wenn du mit mir fliegst?“ Mir schlug das Herz bis zum Hals, denn ich hatte panische Angst, dass ich vom Schlitten runterfallen könne. Wir gingen hinunter in den Keller, und plötzlich nahm mein Vater seine Maske ab und grinste uns an. Meine Schwester sagte sofort: „Ich wusste, dass Du das bist!“ Ich hingegen war wirklich total überrascht, aber auch sehr erleichtert und hüpfte den Flur rauf und runter, denn der Weihnachtsmann hatte mir schon immer etwas Angst gemacht.

Nach alter Tradition kaufte ich auch einen Weihnachtsbaum, was ich früher immer abgelehnt hatte, weil dieser heidnischen Ursprungs war. Aber Rebekka sollte mit ihren 5 Jahren nun auch mal erleben, wie man richtig Weihnachten feiert, dachte ich mir. Das Kostüm passte perfekt und ich spielte meine Rolle so glaubhaft wie nur irgend möglich. Doch schon nach ein paar Minuten fragte Rebekka: „Papa, dat bist Du, näch?“ – „Wie kommst Du denn darauf?“ fragte ich. „Weil das Deine Stiefel sind! Die kenne ich doch.“ Wir lachten alle, und ich dachte: „Was für eine clevere Tochter haben wir, dass die das so schnell gemerkt hat!


Januar - Juni 2001

Der Steuer-Betrug

Wie in jedem Winter war auch der Jahreswechsel diesmal wieder von einer mageren Auftragslage gekennzeichnet, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als mit meinem verbliebenen Lehrling Volkmar Handzettel an die Briefkästen zu verteilen. Gelegentlich halfen uns dabei auch meine beiden Umschüler Michał Wolny und mein Zwillingsbruder Marco. Dabei nahmen wir an, was wir kriegen konnten an Aufträgen, u.a. auch eine leere Wohnung in Celle, wo wir bis zur Fertigstellung auch übernachten konnten. Mein Kontostand war indes tief ins Minus gerutscht, was auch daran lag, dass mehrere Kunden, die mir insgesamt noch etwa 4.700,- DM schuldeten, noch nicht gezahlt hatten. Unter diesen war auch ein Herr Petersen aus Rastede, der mir seit einem halben Jahr 1.200,- DM für das Streichen seiner Firmenfassade noch immer nicht gezahlt hatte. Nach mehrfachen Anrufen und Mahnungen ließ er mir schließlich im Januar 600,- DM zukommen. Den Rest würde er mir zahlen, wenn ich auch noch die große Längsseite seines Firmengebäudes für 3.944,-DM gestrichen hätte. Daraus entwickelte sich im Sommer 2001 ein zweijähriger Gerichtsstreit - doch dazu später mehr.

In dieser finanziell angespannten Lage rief mich im Januar meine Steuerberaterin aus Neustadt a. Rbge. an, da sie nun die Steuererklärung für 1999 fertig habe. "Herr Poppe, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie!" sagte Frau Krauter. "Die gute Nachricht ist, dass Sie im Jahr 1999 einen beachtlichen Jahresgewinn erzielt haben von etwa 80.000,-DM bei einem Umsatz von gerade einmal nur rund 155.000,-DM. Das ist schon eine enorme Leistung dafür, dass dies Ihr erstes volles Geschäftsjahr war als Selbständiger!" - "Und was ist dann die schlechte Nachricht?" wollte ich wissen. "Nun ja", sagte sie, "Sie hatten ja bisher noch nie Einkommenssteuer zahlen müssen, da Sie ja erst gerade angefangen hatten. Aber das Finanzamt wird Ihnen natürlich jetzt die gesamten Steuern des Jahres 1999 in Rechnung stellen, und das sind abzüglich Ihres Freibetrages in etwa 12.500,-DM. Ich hoffe, dass Sie sich in der Zwischenzeit etwas angespart haben..." Ich war geschockt und geriet auch leicht in Panik. "Kann ich denen das nicht in Raten zahlen?" fragte ich. "Sie können die Einkommenssteuer stunden lassen, aber es kommen ja dann auch noch die Steuern für das Jahr 2000 und die Steuerabschläge für 2001 hinzu, das wissen Sie ja, nicht wahr? Oder hatten Sie für 2000 schon Steuerabschläge bezahlt?" Ich war ganz durcheinander und stotterte nur: "Nein, bis jetzt hat sich das Finanzamt noch nicht bei mir gemeldet und Ich habe auch noch keinen neuen Steuerberater, seit ich in Delmenhorst wohne. Wie viel müsste ich denn für das Jahr 2000 noch zahlen?" – „Ich weiß ja nicht, wie Ihre Umsätze und Kosten waren, aber wenn sie ungefähr so wie im Vorjahr lagen, dann wären das ja noch einmal 12.500,- DM, also insgesamt 25.000,-DM." Mir wurde schwindelig, und ich wollte das Gespräch so schnell wie möglich beenden.

Nachdem ich mich verabschiedet hatte, setzte ich mich erst mal in den Sessel und begann, meine Gedanken zu ordnen. "Hätte man mich nicht vorher warnen müssen? Aber ich hätte es mir doch eigentlich auch denen können. Wie konnte mir das nur passieren, dass ich keine Rücklagen gebildet hatte! Und jetzt bin ich schon so gut wie pleite! Ich ruf mal meinen Vater an, ob der mir noch mal Geld leihen kann!" Ich griff zum Hörer und wählte seine Nummer. Doch mein Vater war ziemlich schlecht gelaunt, als er davon erfuhr und sagte nur: "Verkaufe erst einmal Deine Aktien! Du hast doch mal gesagt, dass Du über 25.000,-DM an Aktien hast. Damit kannst Du das doch bezahlen." - "Das war einmal, Papa!" anwortete ich. "Inzwischen sind sie nur noch gerade einmal 15- bis 17.000,-DM wert! Das wird also nicht reichen..." - "Du solltest Dich dringend mal beraten lassen, denn das ist doch nicht normal, dass das Finanzamt einem so viel Steuern abverlangt! Das kann doch gar nicht angehen!" - "Ich hab' keine Ahnung. Kennst Du jemanden, den ich fragen könnte?" Mein Vater überlegte. "Sonst frag doch mal den Jürgen Abromeit aus der Bibelgemeinde. Der ist gerade in den Ruhestand gegangen, aber hat all die Jahre selber eine Firma gehabt. Der kann Dir bestimmt weiterhelfen!"

Ich rief also den Jürgen an und verabredete mich mit ihm. Nachdem er sich dann meine Einnahme-Überschuss-Konten angesehen hatte, sagte er: "Mir scheint, dass Du einfach viel zu wenig Kosten gehabt hast. Ein gewöhnlicher Betrieb hat normalerweise einen Gewinn von 5 % im Jahr, aber nicht von über 50 %! Ich nehme mal an, dass da möglicherweise auch nicht alle Kosten berücksichtigt wurden." - "Ich war immer sehr sparsam und hatte deshalb in der Tat nur sehr wenig Kosten. Ich dachte, dass ich dann mehr verdienen würde, aber wenn ich das gewusst hätte, dass all die Einsparungen am Ende nur dem Finanzamt zu Gute kommen!" - "Ja, das ist so. Man muss als Unternehmer auch mal investieren in die eigene Firma. Du hast auch kaum Personalkosten gehabt, wie ich sehe..." - "Ja, weil das Arbeitsamt mir immer Zuschüsse bezahlt hat". Jürgen blätterte weiter und überflog die Zahlen. "Deine Materialkostenquote liegt gerade mal bei 15 %. Das ist ja ein Witz!" - "Ich werde in Zukunft aufhören, so geizig zu sein! Aber was kann ich jetzt noch machen?" Jürgen überlegte. "Weißt Du, Simon, ich hätte da eine Idee, aber dafür müssten wir erst mal ein offenes Wort mit einander sprechen. Lass uns aber mal nach oben gehen, denn ich will nicht, dass meine Frau das mitkriegt." Ich dachte: "Nanu, was wird er mir jetzt sagen wollen?"

Wir gingen nach oben in sein Arbeitszimmer, setzten uns und er fing an, mir zu erklären: "Simon, ich glaube nicht, dass Deine Steuerberaterin irgendwas übersehen hat; das hat schon alles so seine Richtigkeit. Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist die, dass Du noch nachträglich ein oder zwei höhere Rechnungen nachreichst, die Deinen Gewinn entsprechend reduzieren. Denn Du hast die Steuerabrechnung ja auch noch nicht eingereicht. Ich habe meinen Betrieb zwar letztes Jahr geschlossen, aber ich habe immer noch das Briefpapier meiner Firma und könnte Dir nachträglich ein paar Rechnungen schreiben, so als ob wir für Dich gearbeitet hätten. Ich schreibe Dir dann zugleich Quittungen aus, dass Du mir das Geld immer bar bezahlt hättest. Wenn ich Dir Rechnungen schreibe in Höhe von insgesamt 40.000,-DM, dann bräuchtest Du nur noch knapp 6.000,-DM an Steuern bezahlen!" - "Aber das ist doch Betrug, und Du bist ein Christ. Wie kannst Du das mit Deinem Gewissen vereinbaren?" Jürgen lehnte sich zurück, faltete seine Hände hinter dem Kopf und sagte: "Ach Simon, der Staat betrügt uns doch auch regelmäßig. Kennst Du nicht die Jahresberichte vom Bund der Steuerzahler oder vom Bundesrechnungshof? Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie viel Steuergelder jedes Jahr verschwendet werden in völlig sinnlose oder überhöhte Projekte, wo wir gar nicht gefragt wurden. Wir holen uns durch Steuertricks nur jenen Teil wieder, den man uns vorher zu Unrecht abgenommen hat!"

Ein interessanter Gedanke. "Aber ich weiß nicht, Jürgen... wenn das jeder machen würde..." - "Es macht ja jeder! Was denkst Du denn?! Man hat mal ausgerechnet, wie hoch das Steueraufkommen wäre, wenn alle ehrlich wären, und hat festgestellt, dass es etwa das Doppelte wäre. Geh mal davon aus, dass über 95 % aller Selbständigen bei ihrer Steuererklärung tricksen und schummeln. Man hätte ja geradezu einen Wettbewerbsnachteil, wenn man da nicht mitmachen würde. Das weiß das Finanzamt auch." - "Und was mach ich, wenn die mich dabei erwischen? Das ist doch total unglaubwürdig, wenn ich der Steuerberaterin jetzt noch nachträglich Rechnungen mit solch hohen Summen nachreiche!" - "Du, das ist der völlig egal, glaub mir!" sagte Jürgen. "Solange die Buchhaltung in sich sauber ist, interessiert sie sich gar nicht für das, was Du machst. Die hat ja auch noch andere Mandanten und weiß wie das läuft. Darüber wird nicht geredet." - "Und wenn ich plötzlich eine Steuerprüfung kriege?" Jürgen lächelte. "Die Häufigkeit, in der ein Unternehmen Deiner Größe eine Steuerprüfung kriegt, ist in etwa alle 50 Jahre einmal. Wenn Du Glück hast, dann wirst Du bis zu Deiner Rente nie geprüft werden. Die haben dafür auch gar nicht das Personal." Eine Frage hatte ich noch zum Schluss: "Wie kannst Du das aber mit Deinem Glauben vereinbaren?" Er wippte mit dem Stuhl und überlegte. "Mir ist schon klar, dass die meisten Christen dafür kein Verständnis hätten. Jeder gibt sich nach außen hin wie ein Unschuldsengel und will sich nicht die Finger schmutzig machen. Aber glaub mir: Das ist echte Nächstenliebe, wenn man so einen jungen Burschen wie Dir hilft und dabei auch noch selbst ein Risiko eingeht! Jemanden nicht-in-Stich-lassen - darum geht‘s!"

Unwillkürlich wurde ich bei diesen Worten an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erinnert. "Der Priester und der Levit gingen einfach an dem Verwundeten vorbei", dachte ich, "aber ausgerechnet der von den Juden verhasste Samariter erwies ihm Barmherzigkeit und zahlte sogar auch später noch für seine Pflege! Echte Liebe besteht in Selbstverleugnung, indem man sich nicht scheut, sich die Finger schmutzig zu machen. Da wo andere die Nase rümpfen und sich ekeln. Jürgen half mir ja völlig uneigennützig, einfach nur, weil er meine Not sah!

"Sie sind gar kein Maler!"

Allmählich hatte sich meine Auftragslage wieder deutlich verbessert, so dass ich einen weiteren Gesellen einstellen konnte und musste, Steffen Koch aus Thüringen. Er war schon ein erstaunlicher Kerl, denn er war zwar auf der einen Seite sehr still und verschlossen, aber auf der anderen Seite machte er hervorragende Arbeit. Besonders gefiel mir, dass er nie jammerte, selbst wenn er Baustellen bekam, die einem Höchstleistungen abverlangten, wie z.B. das Streichen von Fassaden ohne Gerüst. Selbst schwierigste Aufgaben, vor denen ich selbst zurückschreckte, erledigte er mit einer geradezu stoischen Lässigkeit. Manchmal kam ich auf eine Baustelle, um mich um ein bestimmtes Problem selber zu kümmern, und da sah ich, das Steffen es schon selber gelöst hatte; ich fragte ihn: "Steffen, wie hast Du das denn da oben hingekriegt über dem Glasdach? Da kommt man ja gar nicht hin!" Er drehte sich zu mir und sagte mir mit seinem thüringischen Dialekt: "O jo, des wa gar keyn Problem, da hab isch onfoch dn Pinsel an de Teleskopstange befestischt, donn ging das scho." Steffen war wie ein Christ: demütig, bescheiden, aber auch gelassen und immer völlig entspannt. Das einzige, was uns immer an ihm störte, war sein extremer Achselgeruch, weil er selbst im Sommer immer lange Hemden trug. Ich traute mich jedoch nicht, ihm deshalb eine Rüge zu erteilen, sondern sagte einfach nur scherzhaft: "Au ha, hier ist ja wieder der Duft der weiten Prärie!"

An einem Tag erzählte mir Volkmar, dass einer seiner Mitschüler in der Berufsschule drauf und dran sei, die Lehre zu schmeißen, da er in seinem Ausbildungsbetrieb immer gemobbt werde. Deshalb habe ihm Volkmar erzählt, dass er einen "richtig coolen Chef habe", der ganz anders sei und seine Leute immer gut behandle. Mario Lieberenz (17) rief mich deshalb an und wir verabredeten uns zum Vorstellungsgespräch. Zu meiner Überraschung kam er mit seiner Mutter. Wir setzten uns, und seine Mutter redete die ganze Zeit, während Mario auf den Boden schaute und kein Wort sagte. Man merkte, dass seine Mutter ihm peinlich war. Ich nahm ihn, weil ich irgendwie ein gutes Gefühl hatte trotz seiner Schüchternheit. Doch Mario erwies sich im Laufe der nächsten Monate ebenso als Glücksgriff. Wie Volkmar kam auch Mario aus Mecklenburg-Vorpommern, war aber hochbegabt und sehr sympathisch. Als er gerade 18 wurde, teilte seine Freundin ihm mit, dass sie von ihm schwanger geworden sei. Danach verfiel Mario in Schwermut, wohl auch deshalb, weil er sich mit seiner Freundin nicht mehr gut verstand und sich auch schon bald von ihr trennte. Als junger Vater hatte er aber nun neben seiner Ausbildung eine Doppelbelastung und wusste, dass er die nächsten 20 Jahre auch für den Unterhalt seines Kindes aufkommen müsse.

Eines Tages, als ich gerade in einem Treppenhaus am Arbeiten war, trat eine der Wohnungs-Eigentümerinnen zu mir und sagte: "Herr Poppe, entschuldigen Sie, aber ich muss Ihnen mal etwas sagen, was ich Ihnen schon die ganze Zeit mal sagen wollte." Ich wandte mich zu ihr und sagte: "Ja, gerne." Und dann sagte sie unvermittelt: "Sie sind gar kein Maler!" Ich war überrascht und amüsiert zugleich. "Na sowas, wie kommen Sie darauf?" - "Weil Sie kein Maler sind!" bekräftigte sie. "Doch. ich bin Maler. Warum zweifeln Sie das an?"- "Weil ich Handwerker kenne, aber so einen wie Sie habe ich noch nie erlebt!" Jetzt wurde ich allmählich unruhig und fragte: "Was wollen Sie denn damit sagen?" Sie lächelte freundlich und klärte mich auf: "Schauen Sie: Ich finde Sie ausgesprochen nett und sympathisch, und ich habe auch zugehört, wie Sie mit ihren Mitarbeitern reden und umgehen. Das ist aber völlig außergewöhnlich, denn Sie behandeln sie wie ein Vater, aber nicht wie ein Chef. Sie sind einfühlsam und zutraulich, ganz das Gegenteil von einem normalen Handwerksmeister. Zudem merke ich auch, dass Sie intellektuell sind, denn wir haben uns ja schon öfter unterhalten, wenn Sie hier im Haus tätig waren." Ich lächelte verlegen und wusste nicht so recht, was ich dazu sagen sollte. Sie fuhr fort: "Wissen Sie, ich bin Schulleiterin, und zu mir kommen immer wieder junge Lehrkräfte, die sich um eine Anstellung bewerben. So einen wie Sie würde ich sofort nehmen! Sie haben den völlig falschen Beruf erwählt! Sie hätten Lehrer werden sollen!" Jetzt verstand ich. "Aber ich bilde doch auch Lehrlinge aus, also bin ich doch in gewisser Weise auch ein Lehrer" sagte ich. "Ja, aber ich halte Sie für sehr gebildet und deshalb auch völlig unterfordert in Ihrem Beruf. Sie können mir doch nicht erzählen, dass dies Ihr Traumberuf ist!"

Jetzt merkte ich, dass diese Frau mich durchschaut und ich ihr nichts vormachen konnte. Ich unterbrach meine Arbeit und erklärte ihr, dass ich tatsächlich nicht ganz freiwillig Maler geworden war, sondern als Jugendlicher in eine christliche Sekte geriet, die mich dazu überredeten, das Gymnasium nach der 11. Klasse abzubrechen, um einen einfachen Handwerksberuf zu erlernen. "Das habe ich mir schon gedacht!" sagte Sie, "aber Sie sollten diese Umstände nicht einfach als Ihr Schicksal hinnehmen, denn Sie sind noch jung und können immer noch auf Lehramt studieren, denn es werden ja in den nächsten Jahren viele Lehrer in den Ruhestand gehen, so dass dringend neue gesucht werden." - "Ich habe aber kein Abitur." - "Das brauchen Sie auch nicht, wenn Sie einen Meistertitel haben, denn der wird als gleichwertige Hochschulreife anerkannt, zumindest in Niedersachsen." - "Aber wann sollte ich denn studieren? Ich habe eine Firma und auch eine Familie zu ernähren!" - "Sie können sich Ihre Qualifizierung auch durch ein Fernstudium aneignen. In Hagen gibt es eine Fern-Uni, - das machen ganz viele, gerade Quereinsteiger!" - "Ich weiß nicht so recht. Als Lehrer stehe ich auch ständig unter Beobachtung und kann nicht machen, was ich will. Als Chef habe ich mehr Freiheit und kann mich auch mal zurückziehen, wenn mir gerade danach ist." - "Als Lehrer hätten Sie noch viel mehr Freiheit! Bedenken Sie, dass Sie nur halbtags arbeiten brauchen und dann auch in den Schulferien immer frei hätten! Vor allem haben Sie die Möglichkeit, Einfluss auf junge Menschen zu üben, und das ist doch wirklich eine gute Sache!" - "Ja, das stimmt, und ich mag auch gerne Dinge erklären, aber ich will mir nicht immer vorschreiben lassen, was ich anderen beibringen soll. Ich fürchte auch, dass ich schnell Ärger bekommen würde, wenn ich mich nicht an die Regeln halte. Nein, Sie meinen es gut - und ich danke Ihnen dafür - aber der Lehrerberuf wäre doch nichts für mich."

Meine Midlife-Crisis

Wenn man noch jung ist, freut man sich auf die viele Zeit, die einem noch bleibt, um das Leben zu genießen. Meistens sind die Erlebnisse in der Jugendzeit so schön, dass man glaubt, es würde nun immer so weiter gehen. Doch irgendwann wird einem bewusst, dass man sterben muss und die Zeit immer schneller voranschreitet. Die vielen Verpflichtungen des Alltags bringen einen dazu, dass man sich zwar ablenken kann, aber insgeheim den Eindruck gewinnt, dass das Leben längst nicht mehr so glücklich ist, wie es mal war. Man hat das Gefühl, dass einem all die Mühe nicht mehr in rechter Weise gelohnt wird. Zu dieser Einsicht kam wohl auch der König Salomo, als er das Predigerbuch (Kohelet) schrieb. "Alles ist eitel (nichtig) und ein Haschen nach Wind" war immer wieder sein Schlussresümee. Hinzu kommt, dass einem jeder Tag wie der nächste erscheint und man sich vorkommt wie in einem Hamsterrad, aus dem es kein Entkommen gibt. In stillen Stunden fragt man sich, wofür man sich täglich abmüht und ob es überhaupt der Mühe wert sei. Lebt man eigentlich ein gutes Leben oder wartet da draußen nicht irgendwo ein viel besseres Leben, das aber unerreichbar scheint, weil man nicht mehr die Kraft hat, seiner Wirklichkeit zu entkommen?

Normalerweise kommen einem solche Zweifel und Fragen erst in der Lebensmitte, also mit 40 oder 45 Jahren in der sog. Midlife-Crisis (Krise in der Lebensmitte). Aber ich hatte bereits mit 33 Jahren die Befürchtung, dass da nichts mehr kommt, auf dass ich mich noch freuen könnte. Mir war, als wäre mein Leben schon vorbei, und alles was jetzt noch kommt, wäre nur noch bloß ein Warten auf den Tod. Jeden Nachmittag ging ich mit unserem Hund Bobby um den großen See herum, wo wir wohnten, und fragte mich, welches überhaupt der Sinn im Leben sei. Als ich noch Christ war, war Jesus mein Lebensmittelpunkt. Ich lebte nur für Ihn und Er gab meinem Leben Halt und Sinn. Doch jetzt, wo ich nicht mehr glaubte, war dieser Platz leer. Schon seit 5 Jahren lebte ich sozusagen "führerlos" und irrte ohne Orientierung durchs Leben. Der Philosoph Nietzsche hat diesen Zustand mal sehr schön beschrieben in einer Gleichnisgeschichte, was eigentlich passiert, wenn ein Mensch plötzlich seinen Glauben verliert:

"Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: ‚Ich suche Gott! Ich suche Gott!‘ Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. ‚Ist er denn verlorengegangen?‘ sagte der eine. ‚Hat er sich verlaufen wie ein Kind?‘ sagte der andere. ‚Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert?‘ - so schrien und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ‚Wohin ist Gott?‘ rief er, ‚ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? ...

Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat - und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!‘ Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. ‚Ich komme zu früh‘, sagte er dann, ‚ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne - und doch haben sie dieselbe getan!‘ - Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: ‚Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?‘ ---

Ja, auch ich hatte durch meinen Unglauben Gott für tot erklärt und spürte jetzt diese Leere und Kälte in mir, und eine unendliche Traurigkeit. Nietzsche war ja auch mal gläubig gewesen in seiner Jugend. Er soll auch mal geschrieben haben: "Des Nachts trauert der Gottlose heimlich am Grabe seines toten Gottes". Genauso ging es auch mir. Ich trauerte über den Verlust meines Glaubens. Früher hatte ich ein schönes Leben gehabt in der Geborgenheit meiner Familie und in der Gemeinschaft mit Jesus Christus und Seiner Gemeinde. Aber jetzt war ich auf einmal völlig allein auf der Welt und niemand konnte mir sagen, wie es weitergehen solle. Ich schrieb damals in mein Tagebuch: "Wenn es kein höchstes Wesen mehr für mich gab, dann konnte von nun an ja nur noch der Mensch das ‚höchste Wesen‘ sein. Aber der Mensch ist kein vollkommener Gott, sondern ein scheiternder und lernender. Vielleicht haben sich Menschen deshalb immer in den Glauben an einen externen Gott geflüchtet, weil ihnen die Vorstellung, dass sonst sie selbst das ‚höchste Wesen‘ seien mit all ihrer Unzulänglichkeit unerträglich vorkam. Die Gläubigen wollen die Nichtexistenz Gottes nicht wahrhaben, deshalb freuen sie sich über jedes noch so kleine Zeichen seiner möglichen Existenz. Der Dichter Truman Capote schrieb ja einmal: ‚Es werden mehr Tränen vergossen über erhörte Gebete, als über nicht erhörte‘."


Der Fall Petersen (Teil 1)

Mitte April bewarb sich ein ehemaliger Klassenkamerad meines Bruders Patrick, Jörg Osterkamp (28), um eine Anstellung als Malergeselle, und da er Christ war und ich aufgrund der zwei Umschüler und der zwei Lehrlinge dringend noch einen Gesellen brauchte, nahm ich ihn. Und dann bewarb sich noch ein junger Russe namens Sergej Eliseev (20), um bei mir ein Jahrespraktikum zu machen. Wir machten täglich 2 bis 3 Baustellen gleichzeitig, indem jeder der beiden Gesellen und ich jeweils ein bis zwei Lehrlinge oder Umschüler nahmen. Als dann am 23.05.01 die 248 m²-große Fassade in Rastede anlag, fuhren wir alle 7 dort hin, um wegen der langen Fahrzeit dort nicht viele Male hinzumüssen. Es war ein warmer, sonniger Tag, und während die anderen das Rollgerüst aufbauten, verhandelte ich mit Herrn Petersen um den Preis. Für das zweimalige Streichen inkl. Abkleben und Grundieren nahm ich damals 17,00 DM/m², d.h. insgesamt würde die Fassade 4216,-DM netto kosten. Ich bot Herrn Petersen die Wand für pauschal 4000,-DM an, aber er wollte maximal nur 3.000,-DM bezahlen. Wir einigten uns schließlich bei 3.400,-DM netto, und ich gab meinen Mitarbeitern grünes Licht, dass sie anfangen können.

Am frühen Nachmittag desselben Tages hatten wir die Vorarbeiten und den ersten Anstrich erledigt, so dass die Wahrscheinlichkeit groß war, bis zum Abend auch noch den 2. Anstrich zu schaffen. So vereinbarte ich mit Herrn Petersen, dass ich ihn abends anrufen würde, sobald wir fertig sind, um dann gemeinsam die Abnahme zu machen. Als wir dann gegen 18.00 Uhr endlich fertig waren, rief ich Herrn Petersen an, aber er ging nicht ans Handy. Auch auf seiner Privatnummer war er nicht zu erreichen. Wir luden also alles ein und fuhren zurück nach Bremen. Aber auch in den Tagen danach, war Herr Petersen nicht zu erreichen, so dass mir schon Böses schwante. Ich schrieb ihm also die Rechnung in Höhe von insgesamt 5292,50 brutto inkl. der noch 696,-DM brutto aus dem Vorjahr, und nach einem Monat eine Mahnung, auf die er nicht reagierte. Ich rief wieder mehrere Male an und sprach schließlich mit seiner Sekretärin, die mir mitteilte, dass Herr Petersen im Urlaub sei. Als ich auch in den Monaten danach nichts mehr von ihm hörte, nahm ich mir einen Anwalt und verklagte Herrn Petersen auf Zahlung, wobei ich meine Mitarbeiter als Zeugen benannte.

Kurz darauf erhielten wir einen Brief von Petersens Anwalt, der uns überraschenderweise mitteilte, dass es Herr Petersen nicht "passivlegitimiert" sei und ich die Arbeiten gar nicht für ihn sondern für seine Firma Harrison GmbH ausgeführt hätte, was aus einer von mir unterschriebenen Bestätigung hervorginge, die er auf dem Briefpapier der Fa. Harrison notiert hatte. Von daher sei die Klage ohnehin abzuweisen. Zudem hätten die Streitparteien angeblich für die dreimal so große Längsseite des Gebäudes auch nur angeblich 1.200,- DM vereinbart wie für die Vorderseite. Der Anwalt zählte dann noch ein paar weitere Lügen auf, so dass mir klar wurde, dass hier schweres Geschütz aufgefahren wird. Mein früherer Chef, Herr Tönjes, hatte mir damals abgeraten, mich selbstständig zu machen, da ich angeblich zu weich und zu gutmütig sei für die Realwirtschaft, in der zuweilen mit harten Bandagen gekämpft werde. Doch ich wollte mir und allen anderen beweisen, dass ich diesen Kampf bis zum äußersten führen würde.

Das Gericht hatte uns alle für den 23.04.2002 nach Westerstede geladen. Da Herr Petersen u.a. Mängel an unserer Arbeit behauptet hatte, setzte mir der Anwalt von Herrn Petersen plötzlich perfiderweise am 19.04.02 eine Frist von einer Woche, um noch vorhandene Mängel am Objekt zu beseitigen. Er war sich sicher, dass wir diese Frist nicht einhalten könnten wegen der langen Anfahrt und der kurzen Fristsetzung mitten in der Hochsaison. Dies hatte er sich wohl als "Falle" überlegt, um hinterher sagen zu können: "Wir hatten der Fa. Poppe eine Gelegenheit zur Nachbesserung gegeben, aber sie waren nicht erschienen." Er hatte es jedoch versäumt, auch seinem Mandanten über seinen Plan in Kenntnis zu setzen, so dass dieser ziemlich überrascht war, als wir am 23.04.02 morgens plötzlich alle bei ihm auf der Matte standen und fragten, was denn auszubessern sei. Denn der Gerichtstermin sollte ja erst um 12:15 Uhr an jenem Tag beginnen, so dass ich den weiten Anfahrtsweg nutzen wollte, um 4 Stunden vor dem Termin noch gemeinsam die Nacharbeiten auszuführen. Herr Petersen reagierte darüber erbost und verbot uns, sein Grundstück zu betreten. Als ich meinen Anwalt darüber informierte, sagte er: "Phantastisch, Herr Poppe, jetzt können wir vor Gericht sagen, dass Herr Petersen sein Recht auf Nachbesserung verwirkt hat, da er innerhalb der von ihm selbst gesetzten Frist nicht dazu bereit war!" Auch das Gericht schloss sich dieser Einschätzung an und verurteilte später Herrn Petersen auf Zahlung der Gesamtforderung. Herr Petersen ging jedoch in Berufung, so dass sich der Streit noch ein weiteres Jahr hinzog und mit einer großen Überraschung enden sollte. (Fortsetzung folgt...)


Juli - Dezember 2001

Chaotische Zustände

Herr Petersen sollte jedoch nicht der einzige Kunde bleiben, der die Zahlung verweigerte. Im Laufe der nächsten Jahre häuften sich die Reklamationen und auch die darauf folgenden Rechtsstreitigkeiten mit Kunden. Wenn man immer nur mit Lehrlingen oder Billigarbeitern die Aufträge ausführt, dann ist es kein Wunder, dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann. Ich selbst war aber damals blind für diesen Zusammenhang, sondern hielt mich für besonders clever und kostenbewusst. Ich vertraute der Rechtsprechung und scheute deshalb keine noch so banale Auseinandersetzung. Dabei fehlte mir jedes Maß- und Taktgefühl. Während die Kunden sich zu recht über unsere schlechte Arbeit beklagten, konterte ich mit Paragraphen aus der VOB (Verdingungsordnung für Bauleistungen), weil sie z.B. Fristen versäumt hätten, um eine Minderung noch geltend machen zu können. Dem Vorsitzenden der Steuerberaterkammer von Bremen erdreistete ich mich sogar am Ende eines Briefes zu schreiben: "Wenn man bedenkt, wie kleinlich Sie bei der Begutachtung unserer Arbeit waren, wundert es mich, daß Sie in Ihrem kurzen Brief 13 Rechtschreibfehler gemacht haben". Mit anderen Worten: Ich hatte keine Ahnung von Kundenfreundlichkeit, sondern sah jeden kritischen Kunden als meinen potentiellen Feind an.

Doch während ich meinen Kunden mit Misstrauen und Unterstellungen begegnete, legte ich bei meinen eigenen Interessen einen viel großzügigeren Maßstab an. Als mir mein Lehrling Volkmar an einem Tag z.B. sagte, dass er die Schraubdübel für die Wärmedämmplatten nicht tief genug in die Wand bekam, weil der Zement zu hart sei, sagte ich ihm: "Dann kürze die Dübel einfach mit dem Cuttermesser und stecke sie nur so in die Styroporplatten, dass es wenigstens den Eindruck hat, die Platten seien verdübelt! Der Putzkleber hält die Platten auch schon von ganz alleine an der Wand." Was aber konnte ein Lehrling vom Chef lernen, wenn der Chef selbst ihm die Anweisung zum Pfuschen gibt? Eine ähnliche Anweisung dieser Art war übrigens: "Schleif das mal gründlich mit dem Handfeger!" was übersetzt heißt: "Du brauchst das gar nicht anschleifen, sondern nur einmal mit dem Handfeger rübergehen!"

Zuweilen geschahen Fehler aber auch einfach nur aus Flüchtigkeit, weil wir zu Feierabend schnell nach Hause wollten. Einmal fuhr ich mit den Lehrlingen von Bremen nach Delmenhorst zurück, als mir plötzlich auffiel, dass ich mein Handy nicht dabei hatte. Ich sagte einem der Lehrlinge, dass er mich mal anrufen möge, um zu hören, ob es irgendwo im Auto klingelt. Tatsächlich hörten wir ein leises Klingeln, aber es war nicht im Auto, sondern außerhalb. Ich hielt also an und fand mein Handy auf dem Autodach. Als ich aber dann losfuhr und im dichten Stadtverkehr bei der Ampel eine Vollbremsung machen musste, rutschte die große Schiebeleiter, die ich außerdem vergessen hatte, auf dem Dachgepäckträger zu befestigen, vorne über auf die Motorhaube und wäre beinahe ins Heck des vor mir haltenden Wagens gerutscht. Die Schiebeleitern zu befestigen hatten wir schon öfter mal in der Eile vergessen. Einmal fuhr ich auf die Autobahn rauf und beschleunigte, als ich plötzlich im Rückspiegel sah, wie meine große 3-teilige-Schiebeleiter im hohen Bogen in der Luft flog und mit großem Krach mitten auf die Autobahn fiel. Mir stockte der Atem, aber zum Glück war gerade in diesem Moment kein Fahrzeughinter mir. Aber man stelle sich mal vor, wenn diese 40 kg schwere Leiter in ein anderes Fahrzeug gekracht wäre! Welch eine Güte Gottes, dass das nicht passiert war! Erst jetzt im Nachherein sehe ich, wie oft der HErr Seine schützende Hand über mich hielt.

An einem Tag fuhr ich mit den Lehrlingen zu einem Auftrag in den 35 km entfernten Ort Leuchtenburg. Wir hatten auch diesmal wieder unseren Hund Bobby dabei. Am Nachmittag sagte ich zu dem Praktikanten Sergej, er möge doch mal eine Runde Gassi gehen mit Bobby, zumal sich der angrenzende Wald gut dafür eignete. Nach einer Stunde kam Sergej wieder und berichtete, dass er Bobby aus den Augen verloren habe, da er ihn nicht an der Leine führte. Wir suchten die gesamte Gegend mit dem Wagen ab, aber fanden ihn nirgends. Zu meinem Schreck waren an den Bäumen auch noch überall Hinweisschilder angebracht, dass man Rattengift ausgelegt hatte. Da es inzwischen dunkel geworden war, brachen wir die Suche nach einer Stunde ab und fuhren zurück nach Delmenhorst. Am frühen Morgen rief mich dann die Kundin an und sagte, dass Bobby seit 3.00 Uhr in der Frühe vor ihrer Haustür am Jaulen sei und ich ihn doch abholen möge. Wir waren heilfroh, dass die Geschichte so doch noch ein gutes Ende nahm.

Unsere Nachbarin, die alte Frau Heineke (82), die unter uns wohnte im EG, war auf Bobby überhaupt nicht gut zu sprechen. Sie fühlte sich durch ihn bedroht, schon allein wenn sie ihn von Ferne sah. Sie hatte aber auch ständig an uns etwas auszusetzen. Als wir z.B. im Haus eine Mäuseplage hatten, warf sie uns vor, dass wir heimlich Mäuse in ihr Haus gebracht hätten, um sie auf diese Weise loszuwerden. Als ich ihr versicherte, dass diese von ganz alleine gekommen seien, behauptete sie, die Mäuse wären von unserer Wohnung in ihre übergelaufen, weil wir angeblich unseren Müll in der Wohnung lagern würden. Ich machte ihr deutlich, dass wir ja in der 1. Etage wohnen und die Mäuse ja nicht vom Himmel kämen, sondern von ihrer Wohnung nach oben in unsere gelaufen seien. Aber sie glaubte uns nicht und verbreitete das Gerücht auch bei den Nachbarn.

Eines Tages kam Frau Heineke die Treppen zu uns rauf, nachdem sie gerade von einer Urlaubsreise zurückgekehrt war und rief mit lauter und tränenunterdrückter Stimme: "HERR POPPE, WAS HABEN SIE DENN MIT MEINER WOHNUNG ANGESTELLT!!! WAS HABE ICH IHNEN DENN GETAN, DASS SIE MEINE GANZE WOHNUNG UNTER WASSER GESETZT HABEN!" Ich wusste gar nicht, wovon sie redete und ging mit ihr nach unten ins Wohnzimmer. Tatsächlich war der ganze Teppich nass und die Tapeten hingen von der tropfnassen Decke herunter. Mir war sofort klar, dass hier wohl ein Rohr geplatzt sein musste und ich beruhigte sie liebevoll, dass dies kein von uns beabsichtigter Schaden sei, sondern nur ein Wasserrohrbruch. Ich rief ihre Gebäudeversicherung an und auch einen Klempner, damit er den Schaden behebe. Es stellte sich heraus, dass eine Dichtung des Waschmaschinen-Ablaufs in der Wand undicht geworden war. Der Schaden wurde behoben und sogar ihre Möbel größtenteils durch neue ersetzt. Doch nach zwei Monaten kam sie wieder hoch und sagte, dass auch in ihrem Flur sich die Tapeten etwas gelöst hätten, diese aber im Zuge der Renovierarbeiten nicht berücksichtigt wurden. Um mit ihr Frieden zu schließen, bot ich ihr an, ihr den Flur kostenlos neu zu tapezieren, wenn sie nur die Tapeten besorgen würde, womit sie einverstanden war. Nachdem sie nun mehrmals darauf drängte, dass ich mein Versprechen einlösen möge, fuhr ich mit ihr zum Baumarkt, damit sie sich neue Tapeten aussuchen könne. Als wir nun an der Kasse standen und an die Reihe kamen, sagte ich zu ihr: "Frau Heineke, wir sind dran! Sie müssen jetzt bezahlen." Daraufhin schaute sie mich entgeistert an und sagte: "Wieso muss ich die Tapeten bezahlen?! SIE haben mir doch den Schaden verursacht! Das sehe ich ja gar nicht ein!" Alle schauten mich an, und ich sah, dass ich jetzt keine Diskussion mit ihr führen konnte, zumal die Schlange an der Kasse lang war. Also bezahlte ich schnell. Aber auch als wir zum Auto zurückgingen, wollte sich Frau Heineke nicht mehr an unsere Abmachung erinnern, so dass ich schließlich aufgab und zähneknirschend auch die Kosten für die Tapeten übernahm.


Der 11. September

Jeder von uns erinnert sich noch an den Moment, als er zum ersten Mal von den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11.09.2001 erfuhr, denn es handelt sich ja hierbei wirklich um ein historisches Ereignis. Ich vermute, dass die meisten wohl erst nach Feierabend gegen 17.00 Uhr im Radio davon erfuhren und dann später in der Tagesschau um 20.00 Uhr die Bilder sahen. Meine Frau und ich hatten das Vorrecht, dass wir die Ereignisse damals live am Bildschirm verfolgen konnten, denn wir wollten eigentlich die Sendung der "Richterin Barbara Salesch" sehen, als wir den Fernseher anschalteten und den ersten der beiden Türme in Rauschschwaden sahen. Sofort vermuteten die Reporter, dass es sich wohl um einen tragischen Unfall handeln musste, dass vielleicht ein unerfahrener Pilot seine kleine Maschine versehentlich zum Absturz brachte und dann dummer Weise ins WTC flog. Ich dachte: "Wie werden die diesen Brand jetzt wohl löschen können?" Während ich noch so mit meiner Frau auf den Fernsehbildschirm schaute, sah ich auf einmal ein kleines Flugzeug anfliegen, dachte mir aber nichts dabei, bis ich 2 Sekunden später den gewaltigen Feuerball sah. Die Reporter waren zunächst selbst irritiert, doch dann erfuhren sie, was ich zuvor selbst mit eigenen Augen gesehen hatte, dass nämlich eine weitere Maschine in den anderen Turm geflogen war. Von da an war allen klar, dass dies kein Zufall mehr sein konnte, sondern ein geplanter Terrorangriff. Auf einmal stieg auch in uns ein Angstgefühl hoch, besonders als wir einige Zeit später erfuhren, dass es sich um entführte Passagierflugzeuge gehandelt hatte. Die Panik stieg noch weiter, als wir von weiteren Flugzeugentführungen erfuhren und eine Maschine sogar ins Pentagon geschossen war. Unsere Herzen schlugen stark und wir dachten: "Jetzt beginnt der totale Krieg!"

Besonders bedrückend war die Unsicherheit der Moderatoren, die selber nicht wussten, was als nächste geschehen würde. Nun erfuhren sie, dass eine weitere Maschine gekapert wurde und sich vermutlich auf das Weiße Haus zubewege. Die Passagiere hatten ihre Angehörigen von der Flugzeugentführung wohl per Handy informiert, so dass die Medien davon erfuhren. Wir waren total aufgeregt und konnten kaum mehr ruhig sitzen bleiben. Während dessen lief eine Stunde lang das Live-Standbild von den brennenden Türmen. Ich dachte mir insgeheim: "Wenn das Feuer nicht gelöscht werden kann, dann könnten die Stahlträger irgendwann nachgeben und das Gebäude zum Einsturz bringen..." Doch während die Moderatoren miteinander diskutierten, sah man plötzlich eine riesige Staubwolke über der Skyline von Manhattan und sie wandten sich um zum Bildschirm, wobei sie genauso erschrocken und ratlos waren wie wir, denn der eine Turm hatte den anderen verdeckt, so dass man den Einsturz gar nicht richtig erkennen konnte. Der eine von beiden sagte: "Möglicherweise handelt es sich hier um eine gewaltige Explosion, vielleicht auch um einen Giftgasangriff! Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen!" Doch dann erschienen nach einer Weile andere Bilder von Life-Schaltungen, die zeigten, dass einer der Türme tatsächlich eingestürzt war.

Kurz darauf stürzte dann auch der zweite Turm in sich zusammen. Wie man später erfuhr, konnten zwar etwa 87 % der ca. 17.000 Personen im WTC noch rechtzeitig evakuiert werden, aber über 3000 Personen fanden an jenem Tag den Tod - darunter über 300 Feuerwehrleute - und wurden durch die Wucht des Zusammensturzes nahezu pulverisiert. Erst gegen 17.00 Uhr stürzte dann auch noch ein dritter Turm, das WTC 7, mit nur 47 Etagen ganz von alleine in sich zusammen, weil er durch den vom Einsturz der anderen beiden Türme ausgelösten Brand in den untersten Etagen an Stabilität verlor. Da Präsident G.W. Bush jun. diesen Terrorakt einen Monat später zum Anlass nahm, Afghanistan anzugreifen, haben viele Buchautoren Monate später vermutet, dass der Anschlag von "9/11" ein sog. "Inside-Job" gewesen sei. D.h. man traute Bush zu, dass er unter strenger Geheimhaltung heimlich Bomben in die beiden Türme deponiert hätte, um durch eine stufenweise Sprengung der beiden Türme seinen "Krieg gegen den Terror" zu rechtfertigen. Also derjenige, der es nicht mal fertig brachte, nach seiner späteren Invasion im Irak zur Vertuschung seiner vorgeschobenen Angriffs-Begründung heimlich von seinen Soldaten „Giftgas-Beweise“ im irakischen Wüstensand zu deponieren, die dann von denselben zum Schein "gefunden" wurden, dem soll es angeblich gelungen sein, genügend skrupellose und zugleich diskrete Helfershelfer aufzutreiben, die eine so geschickte Sprengung auslösen, dass die Etagen beider Türme kerzengerade eine nach der anderen detonieren, damit es den Anschein hätte, als würden die Türme unter dem tonnenschweren Gewicht der oberen Etagen im Dominoeffekt zusammengebrochen sein, was angeblich unmöglich sei.

Diese spannende und zugleich abstruse Verschwörungstheorie wird in den USA und inzwischen sogar weltweit von vielen geglaubt und mit allerlei pseudowissenschaftlichen Argumenten belegt. Da wird z.B. behauptet, dass ein Flugzeug doch nicht einfach in ein so stabiles Beton-Gebäude hineingleiten könne, weil es doch nur aus Metall gebaut sei. Tatsächlich hatte das WTC aber nur eine sehr dünne Außenhülle aus 35 cm Pfeilern und einen stabilen Kern, der die Etagendecken zusammenhielt. Mit einem Gewicht von gerade einmal nur im Schnitt 136 kg/m³ waren die Zwillingstürme größtenteils hohl, weil man bewusst auf Stützpfeiler wie beim Empire State Building verzichtet hatte. Die beiden mit 37.000 Liter Kerosin vollgetankten Passagierflugzeuge rasten mit einer Geschwindigkeit von ca. 750 km/h in die Türme, wodurch eine enorme kinetische Energie entstand, der die dünnen Außenpfeiler nichts entgegensetzen konnten. Trotz der Hitze von etwa 1100 ˚C hielten die Gebäude aber immerhin eine Stunde stand. Bei 600 ˚C verliert Stahl aber bereits die Hälfte seiner Tragkraft und bei 900 ˚C Grad hat er nur noch rund 10 % an Tragkraft. Das gebündelte Gewicht der oberen Stockwerke drückte nun auf das jeweils darunter liegende, so dass die herabstürzende Masse sich immer weiter vergrößerte und den Zusammensturz beschleunigte. Hätte man die Gebäude einfach nur sprengen wollen, hätte es genügt, nur die unterste Etage zu sprengen. Und das flüssige Metall, das von oben herunterfiel, war auch nicht Stahl, der in der Tat erst bei einer Hitze von mindestens 1500 ˚C Hitze schmilzt (und die wiederum nur durch das Brandmittel Thermit erzeugt werden kann), sondern es handelte sich um das Aluminium des Flugzeugs, das bereits bei 475 ˚C Grad schmilzt.

Auch der Anschlag auf das Pentagon durch ein 3. Flugzeug ist inzwischen ebenso bis ins kleinste Detail untersucht und dokumentiert. Es gibt mehr als ein Dutzend Fotos der Wrackteile. Und dass das Einschlagsloch mit 27 m schmaler ist als die Spannbreite des Flugzeugs von 38 m liegt daran, dass durch die hohe Geschwindigkeit von 855 km/h das Flugzeug 30 m tief regelrecht trichterförmig in das Gebäude hineingedrückt wurde, wobei die relativ leichten Tragflächen gleich im Anfang abbrachen. Und dass es aus Sicht einiger Piloten angeblich sehr unwahrscheinlich sei, dass ein ungeübter Terrorist mit wenig Flugstundenerfahrung die Maschine in solch einem niedrigen Sinkflug in das mit Radar hoch bewachte Pentagon-Gebäude lenken konnte, sollte letztlich auch kein ausreichender Grund sein, die Ereignisse in Frage zu stellen, denn hinter all diesem perfiden Plan stand ja nicht zuletzt der Teufel selbst mit seinen Dämonen, der den Al Qaida-Terroristen das Gelingen gab. Dass man ihnen einen solchen Husarenstreich nicht zutrauen möchte, sondern ihn lieber einem äußerst gerissenen Verschwörerzirkel in der US-Regierung zuschreiben will, die doch über ein viel größeres Know-How an Strategie und Logistik verfügt als jene dilettantischen Islamisten aus Saudi-Arabien, mag wohl zum einen an einem gewissen Rassismus und einer Voreingenommenheit liegen und zum anderen dem allzu menschlichen Wunsch entsprechen, den dummen Mainstream-Massen überlegen zu sein durch ein besonderes Geheim-Wissen über verschworene Mächte. Insgeheim möchte wohl jeder gerne wie der Inspektor Colombo sein, der sich nicht mit dem bloßen Anschein zufriedengibt, sondern hinter jedem noch so kleinen Indiz einen ausgeklügelten Geheimplan wittert.


Der Hauskauf

Unterdessen nahm auch der "Terror" und die Schikanen durch alte Frau Heineken bei uns zuhause kein Ende. Immer fiel ihr irgendein neuer Vorwurf gegen uns ein, z.B. dass wir das Unkraut zwischen den Steinen der Auffahrt nicht entfernt hätten oder die Treppe immer zu laut hinuntergingen usw. Am Ende hatten wir nur noch den Wunsch, auszuziehen. Doch diesmal wollten wir keine neue Wohnung mehr mieten, sondern uns endlich ein eigenes Haus kaufen, vorzugsweise in Bremen, in der Nähe von der Evangelischen Bekenntnisschule (FeBB), damit Rebekka später nach ihrer Einschulung keinen langen Schulweg haben würde. Es dauerte nicht lange, da fanden wir ein Haus Bj. 1980 in der Fontanestraße im Stadtteil Habenhausen, das nur etwa 300 m von der Schule entfernt war. Wir besichtigten das Haus, das einer Witwe gehörte, aber in einem sehr heruntergekommenen Zustand war. Überall roch es penetrant (wohl wegen ihres Hundes) und der Garten war sehr verwildert. Aber die Lage war fantastisch, direkt am Werdersee und überall schöne Spazierwege mit viel Natur. Wir wollten das Haus unbedingt haben und erkundigten uns nach dem Preis. Der Sohn wollte ursprünglich 400.000,- DM haben, bot es jedoch dann für 380.000,- DM an, nachdem monatelang keiner so viel bezahlen wollte. Ich erklärte dem Sohn, dass das Haus sehr gut sei, wir uns aber nicht so viel leisten könnten und verabschiedeten uns von ihm mit großer Enttäuschung. Wir suchten weiter, aber fanden nirgendwo etwas vergleichbar Ideales.

Nach zwei Monaten rief uns nochmal der Sohn der Besitzerin an und erklärte, dass wir die einzigen waren von all den Besichtigungs-Touristen, die ein aufrichtiges Interesse an dem Haus hatten, und ob wir es uns nicht doch noch mal überlegen würden, wenn er uns mit dem Preis noch etwas entgegen käme. Da Ruth die Kunst des Feilschens besser beherrscht als ich, gab ich ihr den Hörer, und es gelang ihr, den Preis noch auf 350.000,- DM runterzuhandeln, was bei dem damaligen Umtauschkurs von 1,95583 einen Preis von 178.952,- € ergab. Da wir jedoch so gut wie keine Ersparnisse hatten, waren wir auf eine Vollfinanzierung ohne Eigenkapital angewiesen. Jedoch keine Bank war damals bereit, mir als jungen Selbständigen eine Baufinanzierung anzubieten, zumal mein bisheriges Einkommen als Alleinverdiener gerade einmal nur 28.827,- DM im Jahr 2000 betrug, also 14.739,- €, was einem Monatslohn von gerade einmal nur 1.228,25 € entsprach. Allein die monatliche Belastung für Tilgung und Zinsen lag aber schon bei rund 860,- €. Es war also ähnlich wie die Quadratur des Kreises: eine schier unlösbare Aufgabe. Selbst die Sparkasse in Bremen, die normalerweise für die riskantesten Finanzierungszusagen bekannt war, machte bei meinen Zahlen nicht mehr mit, so dass es fast schien, als müssten wir unseren Traum vom Eigenheim erst mal wieder auf Eis legen, bis ich höhere Einkünfte nachweisen konnte.

Doch dann gab uns die Besitzerin den Tipp, doch mal ihren Finanzberater anzurufen, der als freier Vermittler für verschiedene Banken arbeite und sicherlich eine Lösung fände. Ich rief also Herrn Wandschneider an und traf mich mit ihm, um die Problematik zu erörtern. Da er auch viele andere selbständige Handwerker betreute, wusste er, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis sich meine Jahresergebnisse deutlich verbessern würden. Trotzdem kämen wir aber nicht um eine ausreichende Eigenkapitalquote herum, zumal auch noch Notarkosten und Grundstückssteuer anfielen. Schließlich vermittelte er uns eine Finanzierung von 143.000 €, die über den gesamten Zeitraum von 30 Jahren nicht getilgt werden würde, sondern nur die Zinsen von 5,5 % p.a. bezahlt werden müssten, die wiederum in eine Lebensversicherung und einen Bausparvertrag eingezahlt werden, deren Gewinne an die Bank abgetreten werde bis bei Ablauf der 30 Jahre das Haus auf einen Schlag getilgt werden würde. Da uns keine andere Möglichkeit blieb, willigten wir in diese verhältnismäßig ungünstige Baufinanzierung ein, und waren froh, dass uns am Ende noch mal mein Vater half, um die restlichen rund 36.000,- € an Eigenkapital zzgl. Grundsteuer und Notarkosten auszulegen. Nach Abschluss der Formalitäten würden wir am 01.02.2002 in unser Haus einziehen können.

 

Januar bis Juni 2002

Das Ende vom Ende der Geschichte

Kurz nach dem Ende des Kalten Krieges stellte der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama mit seinem Buch "Das Ende der Geschichte" (1992) die These auf, dass nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sich nun überall in der Welt die Demokratie und die Freie Marktwirtschaft durchsetzen würden und dadurch keine neuen Entwicklungen und Herausforderungen mehr zu erwarten seien, sondern die gesamte Menschheit endlich ein für alle Mal zur Ruhe gekommen sei. Alle bisherigen Ideologien wären gescheitert, und die Demokratie habe sich als einzig mögliche Gesellschaftsform für alle Zeiten bewährt. Doch schon 10 Jahre nach dem Erscheinen seines Buches erwies sich diese Hoffnung als trügerisch, denn die Terroranschläge vom 11.09.2001 hatten ja gezeigt, dass längst nicht alle Menschen mit der Freiheit und Demokratie einverstanden sind, sondern noch immer an den Sieg ihrer Ideologie oder Religion glaubten und bereit waren, dafür zu kämpfen. Die sog. "westlichen Werte" mit ihrer Unmoral und Verwahrlosung wurden ja durch Hollywood in der ganzen Welt anschaulich gemacht und deshalb nicht als begehrenswertes Ideal angesehen. Vielmehr besannen sich z.B. viele in den islamischen Ländern wieder auf die alten Werte von Religion, Kultur, Volk, Familie und Vaterland zurück und sahen in dem Oktroyieren (d.h. Aufzwingen) des Liberalismus selbst eine Bevormundung, gegen die sie sich zur Wehr setzen wollten. Da die islamische Welt jedoch unter einander zu zerstritten war, um sich im Kampf gegen die USA zu vereinen, die inzwischen als einzige Weltmacht übrig blieb und zudem als "Weltpolizei" für Ordnung sorgte, kam für die Islamisten nur der Terror als Zeichen ihres Hasses auf die westliche Kultur in Frage. Auf einen Bus in Lima las ich mal den Spruch: "Hass ist die Rache der Feiglinge". Und Terror ist in der Tat etwas Feiges und Heimtückisches, aber auch ein Zeichen von Schwäche und Ohnmacht. Er ist aber auch nicht mit kriegerischen Mitteln besiegbar, wie Präsident Bush damals noch glaubte bei seinem Einmarsch in Afghanistan und später in den Irak. Neuer Wein lässt sich eben nicht in alte Schläuche füllen.

Die Hoffnung, dass nach dem Kalten Krieg nun ein ewiges Reich des Friedens und der Vernunft anbrechen würde, war also auf einmal verschwunden, und der "Wind of Change" war verflogen. Schon wieder machte sich ein Klima der Angst breit, das durch weitere perfide Terroranschläge noch angefacht wurde, wie z.B. dem Versandt von Briefen mit Milzbrand-Bakterien, die als Biowaffen gelten. Auf einmal konnte es jeden treffen, der sich gerade in U-Bahnen oder auf Flughäfen aufhielt, aber auch in Konzerten oder Gottesdiensten. Der gläubige ZDF-Moderator Peter Hahne schrieb damals das Buch "Schluss mit lustig", das zum Bestseller wurde und auf das Ende der "Spaßgesellschaft" anspielte. Tatsächlich gab in den Jahren zuvor immer neue Unterhaltungsformate in den Medien wie z.B. "Wer wird Millionär" oder "Big Brother", eine Anspielung auf George Orwells "Großen Bruder", der die Wohnstuben der Menschen beobachtet, um Systemkritiker zu bespitzeln. Wie tief muss eine Gesellschaft erst gesunken sein, wenn sie sich am Voyeurismus amüsieren kann oder an ehemaligen Prominenten, die im Dschungel irgendwelche sinnlosen Mutproben bestehen müssen! Ich selbst hatte mich von Anfang an verweigert, mir solch einen Schwachsinn anzusehen, erlag jedoch der Versuchung, mir stattdessen die WM 2002 anzuschauen, bei welcher die deutsche Mannschaft es sogar ins Endspiel schaffte, aber schließlich gegen Brasilien unterlag.

Ähnlich unerträglich empfand ich auch den Humor von Mario Barth oder Stefan Raab, die ich mir nicht länger als eine Minute angucken konnte, ohne schnell wieder umzuschalten. Da kann man ja fast schon Verständnis aufbringen für die Verachtung und den Hass der Islamisten auf die westliche Dekadenz. Zynismus und Schadenfreude sind die letzten Symptome einer sterbenden Kultur. Auch das Alte Rom ging ja durch "Brot und Spiele" unter, weil sie durch ihren Sittenverfall zu sehr geschwächt waren, um den angreifenden Horden der Völkerwanderung noch etwas entgegenzusetzen (genauso ist es übrigens auch heute!). Im Nachhinein betrachtet lässt sich feststellen, dass der Terrorismus positiv bewirkt hat, dass sich viele Menschen von der Dauerberieselung und dem Konsumdenken abwandten und unser heutiges Gesellschaftssystem in Frage stellten. Mit dem 11. September entstand gerade bei jungen Leuten wieder ein Interesse an Politik, das in den 20 Jahren zuvor stark zurückgegangen war. Die Kinder der Linken wurden zu Globalisierungskritikern (attac, Occupy) und die Kinder der Rechten zur "Identitären Bewegung" (Pegida, AfD, Reichsbürger). All dies sind gesunde Vorstufen eines Menschen auf seiner Suche nach Gott, von daher hatte der Schrecken des islamischen Terrors auch eine erzieherische Wirkung von Gott.

Zu Beginn des Jahres 2002 wurde auch endlich der Euro als Bargeld eingeführt. Die Deutschen konnten ihre DM nun zur Landesbank bringen und sich dafür den Gegenwert in Euro geben lassen. Die Mehrzahl der Deutschen war ja eigentlich gegen den Euro, aber als er dann da war, gewöhnte man sich schnell daran. Doch schon nach wenigen Monaten merkten die Leute, dass viele Händler im Zuge der Währungsreform einfach heimlich ihre Preise erhöht hatten, weil sie darauf spekulierten, dass die Leute infolge der Umrechnung durcheinander kamen und sich auch nicht mehr daran erinnern konnten, wie viel das Produkt noch zu DM-Zeiten gekostet hatte. Schnell wurde aus dem Euro also der "Teuro", wie die BILD-Zeitung diese "gefühlte Preissteigerung" nannte. Es machte sich ein allgemeines Unbehagen breit, weil jeder irgendwie den Eindruck hatte, dass die EU-Politiker ohnehin machen, was sie wollen und die Demokratie nur noch eine Seiferoper mit vielen Darstellern sei, um die Menschen zu unterhalten. Horst Seehofer hat ja mal im Fernsehen gesagt: "Die etwas zu entscheiden haben, wurden nicht gewählt, und die gewählt wurden, haben nichts zu entscheiden." Bei der Bundestagswahl hatte ich noch eine Anti-Euro-Partei gewählt, die sich "Pro-DM" nannte, aber die hatte natürlich keine Chance gegen die Großparteien.

Anfang März konnten wir dann endlich in unser Reihenend-Haus nach Bremen-Habenhausen umziehen, nachdem ich es zuvor mit meinen Lehrlingen renoviert hatte. Ich wollte nach dem Einzug eigentlich einen "Tag der offenen Tür" machen, um auch die Nachbarn alle kennenzulernen und mit ihnen Freundschaft zu schließen, denn dies war ja eine einmalige Gelegenheit (jemand hat mal gesagt: "Für den ersten Eindruck hat man keine zweite Chance"). Doch Ruth wollte nicht so viele Leute in unserem Haus, zumal vieles noch nicht richtig fertig war, sondern nur provisorisch. Für eine neue Küche fehlte uns das Geld, und unser Garten sah noch aus wie ein verwilderter Truppenübungsplatz. Vorrangig war uns jedoch erst mal das Bad, das noch hässliche, grüne Fliesen aus den 70er Jahren hatte. Von unserem letzten Geld kaufte ich kleine, weiß-bläuliche Wandfliesen und große blaue Bodenfliesen. Da wir uns jedoch keinen Fliesenleger leisten konnten, versuchte ich mich selbst daran. Zunächst funktionierte es auch ganz gut, aber als ich einmal ganz rum war und mit der 4. Wand auf die 1. Wand stieß, waren die Fugen schon um 2 cm versetzt. Aber was soll's! Wir waren froh, dass wir es nun endlich geschafft hatten, zur sog. "Mittelschicht" zu gehören, sodass wir uns sogar in diesem relativ wohlhabenden Stadtteil ein eigenes Haus leisten konnten, das zugleich eine Kapitalanlage fürs Rentenalter bedeuten würde.

Sehnsucht nach Gott

Eines Tages als ich abends von der Arbeit nach Hause fuhr, war ich voller Schwermut in meinem Innern. Ich hatte zwar alles erreicht und war dennoch todunglücklich. Ich fuhr die Baum-Allee entlang und hörte dabei meine melancholische Musik von CD. Doch dann schaltete ich aus und wollte mich ganz auf meine Gedanken konzentrieren. Aller materielle Besitz konnte nicht die Leere in meinem Herzen ersetzen. Irgendwas musste sich ändern, damit ich wieder glücklich werden konnte. Mir fiel auf, dass in den letzten 20 Jahren eigentlich alle 6 Jahre eine einschneidende Veränderung in meinem Leben geschehen war: 1984 hatte ich mich bekehrt, 1990 war meine Trennung von Edgard und Hedi und 1996 hatte ich mich vom christlichen Glauben abgekehrt. Jetzt waren aber schon wieder 6 Jahre vergangen, also musste in diesem Jahr wieder irgendein "Richtungswechsel" passieren. Vielleicht sollte ich wieder Christ werden? Emotional würde mir das sehr helfen, aber dann müsste ich meinem Denken Gewalt antun. Aber was hatte mir mein Unglaube gebracht? Ich fühlte mich irgendwie "krank" von oben bis unten und sehnte mich nach "Heilung". Mir kamen die Tränen, und ich sagte mir: "Ich möchte wieder HEIL werden!" Diesen Satz sagte ich immer wieder vor mich hin, bis ich zuhause ankam.

Ruth saß im Wohnzimmer und telefonierte mit ihrer Freundin Raquel. Als sie jedoch merkte, dass meine Augen rot waren vom Weinen, beendete sie schnell das Gespräch und fragte mich besorgt, was passiert sei. Ich konnte kaum reden, antwortete jedoch nur mit stockender Stimme, dass alles in Ordnung ist, ich nur etwas deprimiert sei. Doch dann brach ich wieder in Tränen aus und sagte schluchzend, dass ich wieder zu Gott zurückwollte. Ruth umarmte mich, aber ich wollte ihr mein Herz weiter ausschütten. Ich bekannte Ruth tränenüberströmend, dass ich heimlich gottlose Musik höre, aber dass ich jetzt einen Neuanfang in meinem Glauben machen wolle. Mir schien, dass Ruth mich gar nicht richtig ernst nahm, denn sobald sie sah, dass kein Unfall passiert sei, rief sie wieder ihre Freundin an, um das Gespräch fortzusetzen. Ich machte mich am Abend noch mal auf dem Weg, um Müll wegzubringen. Auf dem Rückweg war ich tief in Gedanken als ich auf einmal sah, dass die Ampel vor mir von Grün auf Gelb schaltete. Ich wollte es noch schaffen und beschleunigte, doch da sprang sie bereits auf Rot und ich verlangsamte etwas zögerlich, während ich weiter die Kreuzung überfuhr. Doch nach einer Sekunde hatte mich auch schon ein Wagen von der linken Seite gerammt.

Ich fuhr an die Seite, stieg aus und ging auf den jungen Mann zu. Da ich noch etwas unter Schock stand, reagierte ich wohl etwas unsicher auf den Mann, so dass er sofort die Polizei rufen lassen wollte. Alles Zureden half nichts, sondern bestärkte ihn sogar noch mehr. Die Polizei kam, nahm den Unfall auf und ich erhielt kurze Zeit später eine Aufforderung, dass ich meinen Führerschein für einen Monat abzugeben hätte. Das war natürlich ein herber Schlag. Denn als Selbständiger ist man ja völlig auf seinen Führerschein angewiesen. Warum aber war mir dies ausgerechnet jetzt widerfahren, wo ich doch gerade gehofft hatte, einen Neuanfang mit Gott zu wagen? Das passte für mich ganz und gar nicht zusammen. War alles doch nur eine Illusion? Nur eine kurze Gefühlsaufwallung? Ich fuhr traurig nach Hause und war über mich selbst völlig verwirrt. Um mich zu zerstreuen, ging ich am Abend noch mal mit dem Hund am Deich spazieren. Der Himmel hatte sich sehr dunkel gefärbt, fast schon lila-violett und es war diesig und leicht nebelig. Ich betete und bat Gott darum, dass Er mir doch ein Zeichen geben möge, dass Er wirklich existiere. Ich dachte: "Wenn ich Gott wäre, würde ich diese Gelegenheit jetzt nutzen, um mich wieder zum Glauben zu führen!" Es fing leicht an zu nieseln. Ich bat Gott: "HErr, wenn es Dich gibt, dann zeige Dich doch mir, indem es jetzt sofort aufhört zu regnen. Biiiiiittte, HErr, Biiiiitte, zeige Dich mir doch dadurch. Gib mir ein Zeichen, damit ich wieder glauben kann!" Es fing auf einmal stark an zu regnen, und ich begann zu weinen. Meine Tränen vermischten sich mit dem Regen, der auf mein Gesicht fiel, und ich war mir jetzt sicher: "Gott existiert überhaupt nicht."

Nachdem ich meinen Führerschein abgegeben hatte, schaffte ich es tatsächlich irgendwie, die ersten zwei Wochen mit Bus und Fahrrad zu überbrücken. Doch dann musste ich eine dringende Erledigung machen und dachte: "Ich fahr jetzt einfach ganz vorsichtig und unauffällig - die werden mich schon nicht kontrollieren." Und tatsächlich ging alles gut, obwohl ich viel Herzklopfen hatte. Am nächsten Tag hatte ich wieder die gleiche Situation, und ich wog noch einmal Chancen und Risiken gegeneinander ab und entschied mich wieder zu fahren. Und so verging ein Tag nach dem anderen, bis ich zuletzt wieder völlig routiniert war und die Angst verflog. Mein Vater hatte immer gesagt: "Man darf alles, man darf sich nur nicht dabei erwischen lassen!" Als der Monat schon fast herum war und nur noch zwei Tage fehlten, fuhr ich in Bremen-Walle auf der Nordstr. zu Feierabend nach Hause, ohne zu merken, dass ich statt 50 km/h schon eher 70 km/h fuhr, zumal auch die Autos vor mir in dieser kurvenreichen Straße ohne Ampeln alle gleich schnell fuhren. Auf einmal sah ich eine große Verkehrskontrolle und alle Fahrzeuge vor mir wurden von einem Polizisten in einen Hof gewiesen, weil wir alle viel zu schnell unterwegs waren. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, und ich dachte: "Jetzt bin ich geliefert! Warum musste ausgerechnet heute eine Polizeikontrolle sein!?" Als der Wagen vor mir gerade rechts reingebogen war in den Hof, gab mir der Polizist ein Handzeichen, dass ich stoppen sollte. Der Hof war schon voll mit Autos und kein Platz mehr für ein weiteres. Dann winkte er mir zu, dass ich einfach weiterfahren könne. Ich konnte mein Glück kaum fassen, denn ich war der Demütigung noch einmal um Haaresbreite entkommen! Dass Gott auch hier Seine schützende Hand über mich hielt, erkenne ich leider erst heute; damals war ich blind für Sein Reden.

Im Frühjahr 2002 schrieb mir Patrick Mücher, mein Ex-Lehrling, der zwei Jahre zuvor einen Tresor gestohlen hatte und danach wegen eines weiteren Einbruchs eine einjährige Haftstrafe absaß. Er schrieb mir aus der Haftanstalt und bat mich noch einmal ausdrücklich um Entschuldigung für den Ärger, den ich mit ihm hatte. Er bat mich, ob ich ihm denn nicht noch mal eine Chance geben könne, da es für einen Ex-Sträfling ja sehr schwierig sei, einen Ausbildungsplatz zu finden. Er tat mir wirklich leid, und da ich selber ja auch kein Unschuldsengel war, wollte ich ihm nochmal eine Chance geben. Aber wodurch hatte ich die Sicherheit, dass er inzwischen geläutert sei und keine weiteren Einbrüche mehr unternimmt? Da kam mir eine ungewöhnliche Idee: Ich schrieb dem Patrick: "Hallo Patrick, ich bin nur unter einer einzigen Bedingung bereit, Dir nochmal eine Chance zu geben. Und zwar möchte ich, dass Du Dich zum christlichen Glauben bekehrst. Ich bin zwar selber auch kein Christ mehr, aber ich weiß, dass Menschen sich zu einem gewissen Grad bessern können, wenn sie an Gott glauben. Ich meine das ernst! Es gibt in der Justizvollzugsanstalt Bremen-Oslebshausen einen gläubigen Seelsorger namens Seibold. Ich möchte, dass Du dich an ihn wendest und ihn bittest, dass er Dir das Evangelium erklären soll. Wenn er mir dann bestätigt hat, dass Du wirklich gläubig geworden bist, kannst Du Deine Lehre bei mir fortsetzen!" Eine Woche später schrieb mir Patrick und antwortete nur lapidar: "Simon, wenn Du mir nochmal eine Chance gäbest, dann würde ich Dir sogar auf den Koran schwören!"

Der Fall Bender

Herr und Frau Bender waren etwa in meinem Alter und das, was man unter „Öko-Idealisten“ versteht. Sie hatten sich in Bremen-Findorff ein altbremer Reihenhaus gekauft und es nach dem neuesten Stand der ökologischen Nachhaltigkeit modernisieren lassen. Die Wände waren aus Lehmputz und der Holzdielen-Fußboden mit ökologischem Naturöl versiegelt. Wir hatten für sie bereits das ganze Haus von oben bis unten renoviert zu ihrer vollsten Zufriedenheit, als sie zum Schluss noch den Wunsch äußerten, wir sollten doch auch noch ihre neuen Kassettentüren im Landhausstil mit einer weißpigmentierter Öko-Lasur von der Firma Leinos streichen, sowie die alte Holztreppe über zwei Etagen abschleifen und in dunkelrot lackieren. Während wir dies durchführten, war Familie Bender für eine Woche verreist und sie hatten uns den Schlüssel gegeben. Als sie am Wochenende wieder zurück waren, rief mich Frau Bender an und sagte, dass sie mit der Treppe sehr zufrieden seien, nicht aber mit den 12 Türen, da man überall Ansätze sehe und sie trotz des zweimaligen Anstrichs einen zu rustikalen Eindruck machten. Auch wirkten die Türen im Keller wegen der schlechteren Beleuchtung irgendwie grauer und ich solle doch noch einmal vorbei kommen. Obwohl ich selbst die Türen für gut befand, bot ich den Kunden an, die Türen alle noch ein 3. Mal auf eigene Kosten zu lasieren, damit sie etwas gleichmäßiger aussähen.

Dies geschah dann auch Anfang Mai, während Benders noch ein weiteres Mal für zwei Tage wegfuhren. Doch auch diesmal entsprach das Erscheinungsbild nicht ihren Vorstellungen, da die Türen "nicht alle einen gleichmäßigen Gesamteindruck" ergaben. Ich war nun mit meinem Latein am Ende. Stellenweise hatten die Türen tatsächlich hässliche Flecken, was an den Holzinhaltsstoffen lag, dem sog. "Lignin", das durch die wässrige Lasur angelöst wurde und durchschlug. Wir überlegten deshalb, einen Sachverständigen zu Rate zu ziehen, der doch mal ehrlich sagen solle, wie er die Türen beurteilen würde. Doch auch der Gutachter Stoiber tat sich schwer damit, einen Vorschlag zu machen, um beiden Seiten gerecht zu werden. Wir setzten uns also an den Küchentisch und beratschlagten, was zu tun sei. Am Ende einigten wir uns darauf, dass ich nochmal eine "Mustertür" ein weiteres Mal lasieren sollte mit einer anderen Öko-Lasur, und wenn diese zu aller Zufriedenheit ausfallen würde, dann könne ich auch alle übrigen Türen noch ein 4. Mal auf diese Weise lasieren. Sollte aber auch die Mustertür wieder missfallen, erklärte ich mich bereit, auf 50 % von meinem restlichen Werklohn von 1.559,20 € zu verzichten, also auf 779,60 €.

Nachdem ich die Mustertür gestrichen hatte, waren die Eheleute zwar endlich zufrieden mit dem Ergebnis, beklagten jedoch den strengen Geruch nach Zitronensäure, der doch die Atemwege ihrer Kinder reizen würde. Ich versprach ihnen, die restlichen Türen mit einer anderen Bio-Lasur zu streichen, die nicht so riechen würde, womit sie einverstanden waren. So machte ich mich daran, auch die anderen 11 Türen noch ein 4. Mal zu lasieren mit einem Produkt der Firma Sadolin. Die neue Lasur war etwas weißer als die anderen, aber das schien Frau Bender nicht zu stören, mit der ich mich während der Arbeit öfter unterhielt. Ich war froh, dass wir uns gut verstanden und der Fall endlich erledigt wäre. Doch nach einer Woche erhielt ich einen Brief von den Eheleuten Bender, dass sie immer noch nicht zufrieden seien, da die Türen zwar jetzt alle gleichmäßig wären, aber dafür viel zu stark gedeckt hätten, so dass man die ursprüngliche Maserung und die Astlöcher kaum mehr sehen könne. Zudem seien die anderen Türen viel weißer als die von ihnen gutgeheißene Referenztür. Da sie keine weitere Nachbesserung mehr von mir wollten, würden sie sich nun einen anderen Malermeister suchen, der die gesamten Türen noch einmal abbeizen und von Grund auf neu lasieren solle. Die Kosten hierfür würden sie mir in Rechnung stellen, da ich ja nicht in der Lage gewesen sei, die Türen zu ihrer Zufriedenheit herzustellen. Ich war entsetzt und überlegte, mir einen Anwalt zu nehmen. Inzwischen hatten die Benders noch einmal ihren Gutachter Stoiber herbeigerufen, der sich ihrer Auffassung anschloss und eine Neubearbeitung von Grund auf ebenso befürwortete.

Ich rief die Benders an, ob man sich nicht einigen könnte auf einen außergerichtlichen Vergleich bei der Schlichtungsstelle der Handwerkskammer, um einen Streit vor Gericht zu vermeiden. Sie waren damit einverstanden. Wir trafen uns also bald darauf im Zimmer des Justiziars der HWK und erörterten den Sachverhalt. Meine Karten standen schlecht, da ja Herr Stoiber auf ihrer Seite war. Benders boten mir an, auf eine Komplettüberarbeitung der Türen im Wert von rund 5.000,- € zu verzichten, wenn ich auf meinen Werklohn von 1.559,-€ verzichte und Ihnen darüber hinaus noch eine Entschädigung von 1.160,-€ zahle. Außerdem sollte ich ihnen auch noch die Kosten für den Gutachter in Höhe von 500,-€ erstatten. Ich bat um Bedenkzeit, doch der Justiziar schlug vor, ich solle den Einigungsvertrag doch erst mal unterschreiben, da ja eine Widerrufsklausel von einer Woche bestünde. Ich unterschrieb, aber in mir sträubte sich alles dagegen. „Was für ein Unrecht!“ dachte ich. Nach all der Mühe, die ich mir gemacht hatte, - sollte das jetzt der Dank sein?! Ich konnte drei Nächte lang kaum schlafen, weil ich immer nur daran denken musste. Schließlich schrieb ich einen Brief an die Handwerkskammer, dass ich den Vergleich fristgerecht widerrufe.

Einige Wochen später kam das Klageschreiben des gegnerischen Anwalts gegen mich, wo auch ein Kostenvoranschlag des anderen Malermeisters beigefügt war i.H.v. 5.834,64 €, aufgrund dessen mich nun die Kunden verklagen wollten, Vorschuss zu leisten, da ich angeblich ihre Türen verhunzt hätte. Ich hatte das mulmige Gefühl, dass ich diesmal unterlegen sein würde und nahm mir deshalb einen Anwalt. Heiko Lindemann, hörte mir geduldig zu und schrieb dann eine Klageerwiderung, in welcher er mit Hilfe meiner fachlichen Erklärungen begründete, dass mit einer Weißlasur nach so vielen Anstichen kein anderes Ergebnis zu erwarten gewesen sei und dies doch auf Veranlassung der Kunden selbst erfolgt sei. Die Gegenseite blieb jedoch bei ihrer Forderung auf Schadenersatz, da ich angeblich nicht in der Lage gewesen sei, die neuen Türen fachlich korrekt zu lasieren. Da sie den Gutachter auf ihrer Seite hatten, sah die Sache wirklich nicht gut für mich aus. "Was mache ich, wenn die den Prozess gewinnen?" dachte ich. "Schrecklich! - Wenn solche Forderungen noch öfter passieren, dann werde ich irgendwann noch pleite gehen. Und was können die machen, wenn ich zahlungsunfähig bin?" Plötzlich schoss es mir in den Sinn: "Die sind in der Lage, mir das Haus wegzunehmen!" Mir wurde ganz übel bei dieser Vorstellung. Doch dann kam mir eine Idee: "Ich werde das Haus einfach auf meine Frau übertragen, dann können die mir nichts mehr anhaben, denn meine Frau hat ja mit der Firma nichts zu tun." Ich veranlasste also notariell eine Übertragung des Hauses, damit es allein meiner Frau gehöre und für zukünftige Regressforderungen von Kunden unantastbar wäre.

Einige Monate später war dann der Prozess vor dem Amtsgericht Bremen. Mir schlotterten die Knie, als wir aufgerufen wurden, um einzutreten. Nachdem der Richter sich die Anträge der Parteien noch einmal bestätigen ließ, gab er mit ruhiger Stimme seine rechtliche Wertung des Falles bekannt: "Sie beide hatten zuletzt einen Vergleich bei der HWK geschlossen, den der Beklagte Poppe jedoch widerrufen hatte. Damit aber bleibt die ursprüngliche Einigung der Parteien vom 09.07.2002 weiterhin wirksam. Danach bestehe kein Nachbesserungsanspruch des Klägers, sondern nur ein geminderter Werklohnanspruch des Beklagten. Die Klage ist demzufolge abzuweisen, und der Kläger trägt die Kosten des Rechtsstreits." Noch ehe ich überhaupt begriffen hatte, was der Richter gerade erklärt hatte, geriet der Anwalt von Bender beinahe in einen Tobsuchtsanfall, wie der vorsitzende Richter sich angesichts der Faktenlage überhaupt zu solch einem Urteil hinreißen lassen könne, etc. Schließlich bestünde doch seit der Verwendung einer anderen Lasur von mir "gar keine Geschäftsgrundlage mehr", da ich mich ja selber nicht an die Vereinbarung gehalten hätte. Der Richter wies jedoch darauf hin, dass diese Behauptung perfide sei, da ja die Benders selber eine andere Lasur gewünscht hätten wegen der Geruchsbelästigung.

Ich hatte den Prozess also tatsächlich gewonnen und brauchte keine Entschädigung mehr an den Kunden zu zahlen. Stattdessen sollte ich sogar von Benders noch die Hälfte meiner restlichen Werklohnforderung bekommen in Höhe von 779,60 €. Zudem mussten sie auch noch meinen und ihren Anwalt bezahlen, sowie die Gerichtskosten. Verständlicherweise ließen sie diese Demütigung nicht auf sich sitzen, sondern gingen in Berufung. Doch auch vor dem Bremer Landgericht scheiterten sie schließlich, so dass Benders am Ende auch noch die Kosten des Berufungsverfahrens zu tragen hatten. Daraufhin rief mich der Sachverständige Stoiber an und beklagte sich bei mir, dass er nun bei seinen Auftraggebern in Ungnade gefallen sei und man ihm die ganze Schuld anlasten würde wegen seines unausgereiften Einigungsvertrages vom 09.07.02. Er bat mich, doch wenigstens aus Anstandsgründen seine Kosten als Gutachter zu übernehmen, da er dies sich nun kaum mehr getraue, den Benders in Rechnung zu stellen. Ich erklärte ihm, dass ich ihn ja nicht beauftragt habe und er ihnen ja auch falsche Hoffnungen gemacht hatte, den Prozess zu gewinnen. Daraufhin beschimpfte er mich als "Pfuscher" und prophezeite mir: "Ich gebe ihrer Firma noch maximal ein Jahr, und dann sind sie ohnehin pleite!" Dann knallte er den Hörer auf, ohne sich zu verabschieden.

Juli - Dezember 2002

Veränderungen

Die Vorwürfe von Herrn Stoiber wollte ich nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie waren zwar im Falle Bender unberechtigt, aber in vielen anderen Fällen wurde mir immer mehr bewusst, dass meine Firma eigentlich doch ein ziemlich chaotischer Haufen war. Mit meinem Bruder Marco hatte ich ständig Streit, weil er meine Anordnungen nicht befolgte und sich von mir nichts sagen ließ. Aber auch über die anderen Mitarbeiter hörte ich immer wieder Klagen von den Kunden, z.B.: "Sagen Sie bitte ihrem Lehrling, dass ich nicht möchte, dass er hier in meinen Garten pinkelt!" Besonders häufig beschwerten sich Kunden über Jörg, weil er z.B. aufgrund seiner Einfalt die schlechte Angewohnheit hatte, die Kunden immer einfach zu duzen. Jörg hatte zwar immer ein sonniges Gemüt und musste über jede Kleinigkeit jedes Mal laut lachen, aber im Umgang mit Kunden fehlte ihm leider häufig die nötige Bildung, so dass er mich oftmals bis auf die Knochen blamierte. Einmal hatte Jörg z.B. in der Villa eines Ärzte-Ehepaars gearbeitet, als mich abends der Mann anrief und sagte: "Herr Poppe, meine Frau hatte ja heute die Abnahme mit ihrem Mitarbeiter gemacht und ihm dabei noch ein paar Stellen gezeigt, wo er nachtupfen sollte. Während sie mit ihm von Raum zu Raum ging, sagte er aber plötzlich lächelnd zu ihr: 'Das macht Dir wohl Spaß, nicht wahr?' - Ich muss doch sehr bitten, Herr Poppe, aber meine Frau ist 30 Jahre älter als ihr Mitarbeiter und braucht sich solche Anzüglichkeiten doch nun wirklich nicht bieten lassen!" Ich entschuldigte mich für Jörg.

Aufgrund dieser Vorkommnisse entschied ich mich im Sommer 2002 schweren Herzens, nicht nur Jörg zu kündigen, sondern auch meinen Zwillingsbruder Marco. Er hatte ja ohnehin inzwischen ein Reisegewerbe angemeldet, so dass er auch weiterhin für mich als Subunternehmer arbeiten konnte. Wie sich später herausstellen sollte, war dies eine kluge Entscheidung gewesen, denn Marco und ich konnten seither viel besser zusammenarbeiten ohne größeren Streit - bis auf den heutigen Tag. Die Stelle von Jörg übernahm dann ein gewisser Paul Rauner (25), der ähnlich wie Jörg ein sehr fröhlicher Bursche war und die Angewohnheit hatte, auf der Arbeit immer zu singen. Er liebte die Deutsche Schlagermusik und hörte sie deshalb gerne auf den Baustellen, während er dazu mitsang. Auch die Kunden mochten Paul, weil er immer gute Laune verbreitete. Kurz darauf meldete sich auch Patrick Mücher (21), der inzwischen seine Haftstrafe abgesessen hatte, und bat mich noch mal, ihm doch eine Chance zu geben. Da er sich aber entgegen meiner Bedingung nicht zum christlichen Glauben bekehrt hatte, ließ ich ihn erst einmal nur als Praktikant arbeiten, um ihn zu testen. Da er sich jedoch vorbildlich verhielt, stellte ich ihn bald darauf wieder als Lehrling ein. Mario Lieberenz hatte inzwischen seine Ausbildung erfolgreich bestanden, wollte aber nicht übernommen werden, sondern verpflichtete sich stattdessen als Berufssoldat, "da man dort viel mehr verdiene". Volkmar Priefer hingegen war gar nicht erst zur Prüfung angetreten, da er sich nicht fit genug fühlte, und bat mich deshalb, dass ich ihn noch ein weiteres Jahr beschäftigen solle.

All diese Personalveränderungen täuschten mich jedoch nicht darüber hinweg, dass sich so bald nichts verbessern würde in meiner Firma, wenn sich nicht der Hauptschuldige an all meinen Problemen ändern würde, und das war ich selber. Die Fehler mit den kostspieligsten Folgen lagen nicht bei irgendeinem Mitarbeiter, sondern wurden von mir selbst verursacht. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich dringend mal um eine Fortbildung bemühen musste, um in Zukunft Probleme mit Kunden zu vermeiden. Also meldete ich mich bei der Akademie des Handwerks an, um ein einjähriges Studium zum „Betriebswirt des Handwerks“ zu absolvieren, das dreimal wöchentlich in Abendkursen stattfand. Diese Entscheidung erwies sich als Volltreffer, und die Lehrgangsgebühr von 1.100,- € hatte sich absolut gelohnt. Denn nun wurde ich zum ersten Mal mit Dingen wie Reklamations-Management, Marketing oder Personalführung vertraut gemacht, was ich alles nicht gelernt hatte in der Meisterschule. Die meisten Teilnehmer waren nur angestellte Handwerksmeister, die sich für eine spätere Betriebsübernahme vorbereiten wollten. Da ich jedoch schon etwas Erfahrung gesammelt hatte in der Selbständigkeit, bat mich die Dozentin, doch mal zu berichten, wie ich meine Mitarbeiter zu guten Leistungen motivieren würde. Ich erzählte vor der Klasse, dass ich mittags öfter mal nach Aldi fahre, um für die Lehrlinge Brötchen und Aufstrich zu kaufen, um gemeinsam zu essen; aber dass ich sie zuweilen auch von zu Hause aus dem Bett hole, wenn sie behauptet hätten, sie wären krank, um sie dann zur Arbeit zu zwingen. Der gelernten Psychologen standen die Haare zu Berge, und sie bezeichnete meine Firma als "Biotop", in dem ich einen reaktionären, patriarchalischen Führungsstil ausüben würde, der eher in das Mittelalter gehöre, als es noch Leibeigenschaft und Frondienste gab.

Nach den Sommerferien wurde unser Tochter Rebekka (6) eingeschult in die Evangelische Bekenntnisschule Bremen, zusammen mit ihrer besten Freundin Marlene, deren Eltern Olga und Carlos aus Paraguay kamen und mit Ruth und mir bis heute eng befreundet sind. Wir waren froh, dass ihre Klassenlehrerin Sabine Linz war, die in die Gemeinde meiner Mutter ging und eine sehr engagierte Christin war. Rebekka hatte ein halbes Jahr vorher regelmäßig „Sprech-Stunden“ bei einer Logopädin nehmen müssen, da sie aufgrund ihrer zweisprachigen Erziehung viele Worte im Deutschen nicht richtig aussprechen konnte. Ungefähr zur gleichen Zeit kam auch unsere Schwägerin Rita, die Frau von Ruths Bruder Walter, aus Lima zu Besuch nach Bremen und wohnte drei Monate bei uns. Sie wollte hier in Deutschland etwas Geld verdienen und anschließend auch noch mal nach Mailand zu ihrer Freundin Rosa fliegen. Da die Ehe zwischen Walter und Rita schon seit langem kriselte, war uns nicht ganz wohl bei der Sache, dass sie so lange von ihrem Mann getrennt sein würde. Später stellte sich heraus, dass unsere Sorge überaus berechtigt war, denn Rita kam nie wieder zurück nach Peru, sondern blieb in Mailand, wo sie als Altenpflegerin Arbeit fand, einen anderen Mann kennenlernte und sich von Walter scheiden ließ. Später zog auch ihre Tochter Gina nach Italien und ließ ihren pubertären Sohn Aldahir einfach in Lima zurück bei ihrem Vater Walter. Aldahir schloss sich später einer Verbrecherbande an, erschoss einen Taxifahrer und ist heute im Gefängnis. Vielleicht wäre das alles nie passiert, wenn wir Rita nicht erlaubt hätten, uns in Deutschland zu besuchen...

Allerdings entschlossen wir uns damals wegen der Rita, wieder regelmäßig in die spanisch-sprechende Gemeinde zu gehen, die inzwischen einen neuen Pastor hatte, Burkhard Amissen. Viele Geschwister der Gemeinde wollten sich damals jedoch auch noch zusätzlich zu Bibelstunden treffen und baten mich, doch mal in der Gemeinde meiner Mutter zu fragen, ob wir uns dort sonntagnachmittags versammeln könnten. Und so absurd das klingen mag, kam es dann tatsächlich dazu, dass ich dann einige Male eine Predigt hielt vor den südamerikanischen Geschwistern im Gottesdienstraum der „Christusgemeinde“, die damals noch im Hafengebiet war, bis der Pastor Marco van der Velde uns bat, dass wir uns auch an der Miete beteiligen sollten, wenn wir schon den Raum mitbenutzten. Die südamerikanischen Geschwister hielten dies jedoch nicht für nötig, so dass wir uns in der Folgezeit in den Räumen der „Kreuzgemeinde“ trafen. Keiner der Geschwister sollte damals erfahren, dass ich eigentlich gar kein Christ mehr war, und ich gab mir solch große Mühe, dies zu vertuschen, dass sogar meine Frau glaubte, ich wäre wieder gläubig geworden.

An einem Abend besuchte ich meinen Freund Günther Dudda (68), der immer unsere Autos reparierte. Er war immer sehr depressiv, weil er allein in einem großen Haus wohnte. Er bekannte mir, dass er auf meinen Vater eifersüchtig sei, weil dieser mit seiner Mieterin Gunda eine Beziehung begonnen hatte, obwohl auch er in sie verliebt sei. Doch an jenem Abend fühlte sich Günther sehr unwohl und hatte Schmerzen. Ich empfahl ihm, zum Arzt zu gehen, aber er wollte nicht, da er schon seit Jahren nicht mehr beim Arzt war. Wir verabschiedeten uns gegen 21.00 Uhr. Doch dann erfuhr ich am nächsten Tag, dass er in der Nacht zusammengebrochen war und den Notarzt rufen musste. Ich besuchte ihn im Krankenhaus, und er freute sich sehr, mich zu sehen. Seine Zunge war allerdings total dick geschwollen, so dass ich kaum verstehen konnte, was er mir sagte. Auch war er irgendwie ziemlich aufgedreht und hyperaktiv. Während die Krankenschwester seine Infusionsflasche einstellte, fragte ich ihn: "Und was denkst Du Günther, wie lange Du hier noch bleiben musst?" - "Och nicht mehr lange" winkte Günther ab. "Vielleicht noch 2 oder 3 Tage, maximal 'ne Woche". Doch während ich ihn anschaute, sah ich hinter ihm die Krankenschwester, die mir wortlos ein Zeichen gab, indem sie heimlich mit dem Kopf schüttelte. Ich dachte: "Was will sie mir damit wohl sagen? Dass er noch viele Wochen bleiben müsse?" Nach zwei Tagen stellte sich jedoch heraus, dass Günther recht behalten sollte. Denn er war plötzlich tot.

Im Herbst 2002 fand dann die Bundestagswahl statt. Kanzler Gerhard Schröder hatte ja versprochen, dass er die hohe Arbeitslosigkeit zu Beginn seiner Amtszeit deutlich senken wollte (Zitat: "An diesem Wahlversprechen werde ich mich messen lassen"). Schließlich war ihm dies aber nicht gelungen, sondern sie stieg sogar weiter auf 4 Millionen. Die rot-grüne Koalition war also in der Wählergunst stark gesunken; aber auch die CDU hatte sich noch nicht ganz von der Spendenaffäre um Kanzler Kohl erholt. Als aber dann im Sommer 2002 überall im Osten durch eine große Flut sämtliche Dämme brachen, war Schröder sofort zur Stelle und ließ sich in Gummistiefeln medienwirksam von den Helfern die Lage vor Ort erklären, wodurch er wieder an Ansehen gewann. Am Ende siegte die SPD vor der CDU mit einer hauchdünnen Mehrheit von wenigen Hundert Wählerstimmen, denn beide Parteien lagen bei 38,5 %. Dieses für damalige Verhältnisse "schlechte Wahlergebnis" hat die SPD seitdem nie wieder erreicht (derzeit liegt die SPD bei gerade einmal nur 16-18 % !). Durch die Fortsetzung der rot-grünen Regierungskoalition konnte Schröder jedoch die Hartz IV-Gesetze und die Agenda 2010 beschließen, wodurch er die deutsche Wirtschaft nachhaltig zu dem Erfolg führte, den wir heute haben. Leider konnte die SPD 2006 nicht mehr die Früchte ihrer Weichenstellung genießen, sondern sie wurden später vom Heer der enttäuschten Stammwähler abgewählt, die zu den Nichtwählern, den Linken oder zur AfD wechselten.

Der Fall Bley

Im Herbst 2002 bekam ich von einem Kunden aus Habenhausen den Auftrag, die Fassade seines Reihen-Endhauses zu sanieren, sowie die Fenster zu streichen. Um möglichst preisgünstig zu sein, bot ich - wie immer - auch den Eheleuten Bley den Auftrag ohne Gerüst an, für gerade einmal nur 1.600,- €, inkl. vollflächigem Spachteln und Gewebearmierung. Doch als ich dem Kunden nach einer Woche eine Abschlagsrechnung in Höhe von 1.000,- € gab, wollte dieser sie nicht bezahlen, da keine Abschlagszahlung vereinbart war. Zudem bemängelte er, dass die Fassade noch nicht glatt genug sei, obwohl wir ohnehin schon dreimal so viel gespachtelt hatten, als im Angebot vorgesehen. Inzwischen war es Oktober geworden und es regnete ständig, so dass sich die Fertigstellung hinzog. Der Kunde fing nun immer wieder an, zu nörgeln und schickte mir bald alle drei Tage ein Fax mitten in der Nacht, in welchem er mich aufforderte, die Arbeiten endlich fertig zu stellen, jedoch auch immer wieder neue Mängel rügte. Ich schrieb ihm, dass wir doch so gut wie fertig seien, aber das Wetter zu unsicher sei, um die gewünschten Ausbesserungen durchzuführen. Der Ton wurde allmählich immer gehässiger: "Wir fordern Sie hiermit auf, nachdem Sie inzwischen seit mehr als 2 Wochen an dieser `Baustelle` werkeln, diesem Treiben nunmehr kurzfristig ein Ende zu setzen, spätestens jedoch bis zum 26.Oktober".

Irgendwie fand ich dieses aggressive Verhalten des Kunden sehr seltsam. Ständig stellte er Forderungen, war aber noch nicht mal bereit, mir einen Abschlag zu bezahlen, obwohl wir doch schon 98 % der beauftragten Arbeiten erledigt hatten. Ich rief ihn an und bestand auf eine Anzahlung, da wir sonst nicht weiterarbeiten würden. "Ohne Benzin läuft der Wagen nicht!" Kurz darauf überwies er mir 600,-€. Nachdem wir dann an einem Tag die allerletzten Nacharbeiten erledigt hatten, warf ich ihm zu Feierabend die Rechnung in den Briefkasten. Um 23.30 Uhr kam dann ein Fax von ihm: "Sehr geehrter Herr Poppe, meine Frau und ich haben herzhaft gelacht, als wir heute ihre Rechnung erhielten..." - "Herzhaft gelacht über die Rechnung"? Was sollte das heißen? Will er mir etwa gar nichts mehr bezahlen? Ich hatte eine schlaflose Nacht. Am nächsten Tag rief ich ihn an, aber er ging nicht ran. Doch um Mitternacht schickte er mir wieder ein Fax voll mit Gehässigkeiten und Beleidigungen. Postwendend antwortete ich ihm handschriftlich, dass ich von seinen "nächtlichen Faxen allmählich die Faxen dicke habe" und dass ich nicht mehr bereit sei, mir noch länger seine Schikanen gefallen zu lassen. Mein letzter Satz lautete: "Sie sind nicht das Maß aller Dinge!"

Wie zu erwarten, reagierte er überhaupt nicht mehr, so dass ich im Frühjahr durch meinen Anwalt Klage erheben ließ auf Zahlung der Schlussrechnung in Höhe von 1.309,36 €. Monate später erhielten wir Post von seinem Anwalt, der die Klage als unbegründet zurückwies. Das Gericht gab uns daraufhin einen Termin zur Güteverhandlung für den 04.02.2004. Doch in den Tagen darauf bekam ich eines Nachmittags Besuch von einem Vertreter der Fa. CREDITREFORM, der mir seine Leistungen vorstellte, bei denen es um Forderungsbeitreibung (Inkasso) ging, aber auch um Prüfung der Kreditwürdigkeit von potenziellen Kunden. Er erklärte mir, dass sie einen umfangreichen Datenbestand hätten von sämtlichen gewerblichen und privaten Personen in ganz Deutschland. Ich fragte ihn, ob er mir mal zum Test eine Auskunft über einen gewissen Hans-Georg Bley geben könne, für den ich gerade arbeite. Er schaute in sein Notebook und sagte plötzlich: "Volltreffer!" Dann drehte er den Bildschirm zu mir und zeigte auf eine rote Ampel, die bei dem Kunden stand. "Und was heißt das?" fragte ich. "Dass der Kunde zahlungsunfähig ist, weil er einen Offenbarungseid geleistet hat." - "Waaas???" Jetzt wurde mir alles klar! Herr Bley hatte am 23.05.2001 eine Eidesstattliche Versicherung abgegeben! Er war also schon zum Zeitpunkt der Beauftragung zahlungsunfähig gewesen! Damit hatte er sich jedoch strafbar gemacht wegen eines Meineides.

Am Tage der Gerichtsverhandlung erschien Herr Bley nicht, war aber durch seinen Anwalt entschuldigt. Der Richter erörterte die Rechtslage und machte den Vorschlag, dass man sich doch auf einen Vergleich einigen solle, d.h. auf einen Kompromiss. Dieser sah wie folgt aus:

"1. Der Beklagte zahlt an den Kläger € 654,68 bis zum 28.02.04. Sollte der Beklagte den Betrag bis zu diesem Zeitpunkt nicht gezahlt haben, zahlt der Beklagte an den Kläger insgesamt € 1.000,- zzgl. Zinsen i.H.v. 5 % über dem Basiszinssatz ab dem 01.03.04.

2. Damit sind sämtliche wechselseitigen Ansprüche aus dem streitgegenständlichen Vertragsverhältnis erledigt.

3. Die Kosten des Rechtsstreits werden gegeneinander aufgehoben.

4. Dem Beklagten bleibt nachgelassen, diesen Vergleich bei diesem Gericht bis zum 18.02.04 einzureichenden Schriftsatz zu widerrufen."

Diese Details sind deshalb wichtig, weil Herr Bley überhaupt nicht einverstanden war mit dem Vergleich und ihn deshalb widerrufen wollte. Sein Anwalt übergab deshalb seiner Mitarbeiterin am 17.02.04 den schriftlichen Widerruf, um ihn in die Post zu geben, doch ging dieser erst am 19.02. bei Gericht ein, d.h. einen Tag zu spät, so dass der Widerruf für ungültig und das Verfahren damit für beendet erklärt wurde. Der Anwalt protestierte gegen diese Entscheidung und forderte eine "Einsetzung in den vorherigen Stand", dem aber nicht stattgegeben wurde. Inzwischen war aber auch die 2. Frist am 01.03. verstrichen, so dass Herr Bley mir nun 1000,- € schuldete. Doch auch nach 3 Monaten erhielt ich kein Geld, sondern stattdessen einen Einschreibebrief des gegnerischen Anwalts mit der Aufforderung, noch angeblich vorhandene Farbflecken zu beseitigen, obwohl ich durch die Erledigungsklausel des Vergleichs gar nicht mehr dazu verpflichtet war. Kurz darauf teilte der Anwalt jedoch mit, dass er inzwischen das Mandatsverhältnis niedergelegt habe, wohl deshalb, weil Herr Bley auch ihm kein Geld mehr zahlen wollte/konnte. Ein paar Monate später verstarb Herr Bley plötzlich aus mir nicht bekannten Gründen.

 

Juli - September 1996

Der Besucher aus Kolumbien

Ende Juni war - wie angekündigt - John Jairo (20) aus Kolumbien gekommen, der Sohn meines Freundes Pepe Gomez (45) aus Bogota, um drei Monate bei mir zu wohnen und - gemäß dem Wunsche seines Vaters - von mir geistlich gefördert zu werden, da er im Glauben nachgelassen habe. Was für ein Drama! Denn inzwischen hatte ich ja selber meinen Glauben verloren, und was konnte ich ihm jetzt noch bieten? Ich war also gezwungen, zu heucheln, soweit es mir möglich war; aber würde ich dieses Possenspiel die ganzen drei Monate durchhalten? Ich selber war es ja, durch den sich John Jairo damals mit 16 Jahren bekehrt hatte, als wir am Rande des Urwalds zusammen niederknieten und er sein Leben dem HErrn Jesus übergab! Und er hatte mich ja bei jedem meiner drei Besuche immer als einen äußerst frommen Glaubensbruder erlebt, von dem sein Vater immer in den höchsten Tönen geschwärmt hatte. Was für eine Enttäuschung wäre das nun für seinen Vater, ja geradezu ein Verrat, wenn er jetzt erfahren müsste, dass ich nicht mehr der fromme Simon von damals war, sondern inzwischen ein Abgefallener, der seinen labilen Sohn nun noch weiter von einem heiligen Leben abbringen könnte! Das konnte ich Pepe unmöglich antun; er würde es mir nie verzeihen. Sagte doch der HErr Jesus: "Wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, einen Anstoß zum Abfall gibt, dem ist es besser, dass ein Mühlstein um seinen Hals gelegt und er ins Meer geworfen werde" (Mt.18:5).

Ich musste also erst mal weiter die Rolle des bibeltreuen Bruders spielen, und es gelang mir zunächst auch, viel besser als ich gedacht hätte. Wir beteten immer gemeinsam und gingen zusammen am Samstag in den Spanischbibelkreis, wo sich Jairo aufgrund seiner einnehmenden, sympathischen Art schnell mit sämtlichen Geschwistern anfreundete, besonders mit den weiblichen. Ich meldete ihn bei der Volkshochschule an, um Deutsch zu lernen und machte mit ihm und Jochen Ausflüge ans Meer. Für Jairo war Deutschland wie ein Wunderland; einmal sagte er zu mir: "Simon, gestern bin ich zum ersten Mal um 23.00 Uhr noch auf der Straße mit dem Fahrrad gefahren. In meinem Land wäre das viel zu gefährlich gewesen!" Ich freute mich, dass er das Leben hier so genießen konnte und wir freundeten uns allmählich an. Nach etwa einer Woche saßen wir abends noch am Küchentisch und erzählten uns ausgelassen gegenseitig Geschichten aus unserem Leben; da beschloss ich spontan, ihm mein Geheimnis zu verraten: "Jairo, es gibt da etwas, was ich Dir bekennen muss, aber mir eigentlich sehr unangenehm ist. Wenn ich es Dir aber dennoch verrate, dann bitte ich Dich, es für Dich zu behalten und es nicht Deinen Eltern zu berichten, denn das wäre für mich sehr bedauerlich." - "Kein Problem," sagte Jairo, "ich verspreche Dir, dass ich es für mich behalte!" - "Es ist nämlich so, Jairo, dass mir vor kurzem etwas passiert ist, dass ich selber noch gar nicht richtig fassen kann. Es wird Dich wahrscheinlich sehr wundern, aber ich bin gar nicht mehr derjenige, den Du bisher gekannt hast. Ich habe nämlich vor etwa einem Monat meinen Glauben verloren. D.h. ich glaube zwar noch an Gott, aber nicht mehr an die Bibel als das Wort Gottes. Mir ist es - ehrlich gesagt - sehr peinlich, Dir das zu bekennen, denn Dein Vater hatte Dich ja eigentlich gerade aus diesem Grund hier nach Deutschland gesandt, damit Du durch mich mehr von der Bibel lernen kannst. Aber es hat sich jetzt alles auf einmal geändert, denn ich bin gar kein Christ mehr..."

Ich schaute Jairo dabei an, um seine Reaktion abzuwarten. Er lächelte nur die ganze Zeit, und als ich aufhörte zu reden, sagte er: "Das ist ja wirklich interessant, Simon, denn auch ich hatte die ganze Zeit schon das Bedürfnis, Dir etwas zu berichten, aber habe mich nicht getraut. Jetzt aber, wo Du so ehrlich warst, möchte auch ich Dir ein Geheimnis anvertrauen; aber auch Du musst mir hoch und heilig versprechen, dass Du es unter keinen Umständen meinen Eltern erzählst. Versprochen?" - Ich sagte es ihm zu, und er fuhr fort: "Es ist nämlich so, dass auch ich nicht der bin, der ich zu sein scheine, denn ich habe in den letzten zwei Jahren ein Doppelleben geführt, von dem meine Eltern nichts wissen. In ihren Augen bin ich nach wie vor der liebe Junge, der sogar im Gottesdienst schon öfter predigen durfte, aber in Wirklichkeit lebe ich sehr unzüchtig, indem ich mich heimlich mit Mädchen treffe und mit ihnen schlafe. Bis jetzt haben meine Eltern noch nichts bemerkt davon, denn ich erzähle ihnen dann immer, dass ich bei einem Freund übernachtet habe. Aber wenn sie es wüssten, würden sie mich rausschmeißen." - "Wie konnte das passieren?" - "Alles begann damit, dass wir eines Tages Besuch bekamen von einem gläubigen Ehepaar, die ihre Tochter mitbrachten. Während sich die Erwachsenen unterhielten, nahm ich sie hinauf in mein Zimmer und wir unterhielten uns. Schon bald hatten wir beide das Verlangen, mit einander zu schlafen, und so passierte es, ohne dass ihre Eltern etwas mitbekamen. Danach trafen wir uns immer öfter, indem ich sie zum Kino einlud und wir dann in ein Stundenhotel gingen. Irgendwann betrog ich sie mit einer anderen, und sie machte mit mir Schluss. Ich merkte, wie leicht es mir fiel, Mädchen nach dem Kino abzuschleppen und konnte gar nicht genug davon kriegen; - bis eines Tages eines dieser Mädchen mir mitteilte, dass sie von mir schwanger geworden war. Ich geriet in Panik und gab ihr all meine Ersparnisse, damit sie den Embryo abtreiben möge, was sie dann auch tat. Das war vor etwa drei Monaten, und seither fühle ich mich wie ein Mörder. Ich wünschte, ich könnte das alles ungeschehen machen, aber es ist nun mal passiert."

Auch ich konnte mein Erschrecken nicht verhehlen. Wir hatten also beide ein dunkles Geheimnis, das wir mit uns trugen, wobei meine Geschichte ja noch vergleichsweise harmlos war im Vergleich zu seiner. Auch ich versprach ihm, dass ich dies seinen Eltern nicht verraten würde und empfahl ihm, sich fortan solcher Affären lieber zu enthalten, zumal er doch nun gesehen habe, welche Folgen solche mit sich bringen könnten: "Weißt Du, Jairo, ich hatte nie eine andere Frau gehabt als meine eigene. Meine Arbeitskollegen haben sich damals über mich lustig gemacht, weil ich mit 23 Jahren noch immer keinen Sex hatte mit einem Mädchen. Einige hatten sogar schon mit 14 ihre ersten Erfahrungen gemacht! Manchmal habe ich sie sogar insgeheim dafür beneidet." - "Simon, ich würde alles darum geben, wenn all dies nie geschehen wäre. Ich wünschte mir im Nachhinein, so wie Du jungfräulich in die Ehe gegangen zu sein, und ehrlich gesagt beneide ich Dich sogar dafür. Du hast heute eine liebe Frau und eine gesunde Tochter; - das wünschte ich mir jetzt auch von Herzen, aber ich kann die Zeit leider nicht mehr zurückdrehen. Obwohl ich erst 20 J. bin, fühle ich mich schon alt und verbraucht, weil ich meine Unschuld verloren habe." Das hat mich sehr bewegt, und ich war tatsächlich froh, dass ich eine intakte Ehe haben durfte.

Während ich nun tagsüber auf der Arbeit war, ging Jairo vormittags zum Deutschkurs. Jairo erzählte mir, dass er am liebsten in Deutschland bleiben würde, weil das Leben in jeder Hinsicht hier besser sei. Wenn er erst mal Deutsch gelernt habe, wolle er arbeiten und ein besseres Leben haben als in seiner Heimat, die in Armut und Kriminalität zu versinken drohte. Sogar sein Vater hatte ihm geraten, lieber eine Deutsche zu heiraten als eine Kolumbianerin, denn, so wörtlich: "Hay que mejorar la raza" ("Man muss die Rasse verbessern"). Seine Freunde beim Militär hatten ihm geraten, einfach seinen Pass wegzuwerfen, weil man ihn dann nicht mehr so leicht abschieben könne, wenn man nicht wisse, woher er komme. Doch haben die Kolumbianer einen sehr typischen Akzent, so dass man es bei ihm leicht herausfinden konnte. Jairo überlegte sich deshalb, einer Frau Geld zu geben, um in eine Scheinehe einzuwilligen. Früher hätte ich ihn zur Buße gerufen wegen all solcher frevelhaften Überlegungen, aber jetzt schwieg ich einfach und dachte, er wird schon wissen, was er tut. Tatsächlich war von seiner ersten Liebe zu Gott nicht mehr viel übrig geblieben. Er sagte immer, dass er sich mit 30 J. noch einmal richtig bekehren würde wie sein Vater, aber vorher noch ein wenig die Welt genießen wolle. "Du kannst doch nicht Deine Bekehrung planen! Wenn Du wirklich wieder Christ werden willst, dann würdest Du es schon heute werden!" Dennoch konnte ich ihn natürlich verstehen. Wenn Jairo mir abends die Geschichten von all den Filmen erzählte, die er schon gesehen hatte, dann hatte ich auch den Eindruck, dass ich viel verpasst hatte. Irgendwann kaufte ich mir dann eine sog. TV-Karte, d.h. eine Hardware, die man im PC installieren konnte, um mit dem PC fernsehen zugucken. Ich dachte: "Jetzt werde ich allmählich alles nachholen!" Das ist ja das Erbärmliche am Unglauben, dass man glaubt, dass die Welt einem mehr zu bieten habe, das man nicht verpassen dürfe.

Der Streit mit der Nachbarin

An einem Samstagvormittag kam Elena zu uns hoch und erklärte uns, dass sich der Vermieter über uns beschwert habe, weil wir den großen Garten hinterm Haus haben verwildern lassen und auch vorne überall Unkraut gewachsen sei. Ich entgegnete, dass der Garten doch schon von Anfang an verwildert war und wir doch gar keine Verpflichtung hätten, diesen wieder in Stand zu bringen, weil er ja schließlich noch nicht einmal Bestandteil des Mietvertrages sei. Man müsse ja inzwischen schon einen Gärtner bestellen, der in dieses verwilderte Grundstück erst mal einen Grund hineinbekommt, und der hätte bestimmt eine ganze Woche voll zu tun. Elena sah dies jedoch anders und forderte von uns, dass wir uns als Männer auch mal an der Gartenarbeit beteiligen sollten, schließlich habe sie auch schon öfter mal was im Garten gemacht trotz ihrer Bandscheibenvorfälle. Widerwillig gingen wir daraufhin mit ihr in den Garten, nahmen uns jeder einen Spaten und begannen damit, das 50 cm hohe Unkraut durch Umgraben zu beseitigen. Nach einer Stunde kam Elena zu uns und ich fragte sie, was sie eigentlich bisher im Garten gemacht habe, da man absolut nichts davon sehen könne. Da regte sie sich sehr auf und verwies auf die zwei kleinen Beete am Zaun, wo sie angeblich schon an vielen Tagen dran gearbeitet habe. Ich entgegnete, dass das Bisschen man doch in zwei Stunden hätte erledigen können. Darauf rannte sie plötzlich wie wild auf mich zu, weil sie mich würgen wollte, doch dabei stolperte sie über die Schubkarre, die ich gerade vor mir her trug. Sie schrie laut und fluchte mir mit Schimpfwörtern, so dass ich in Deckung ging. Als sie kurz darauf wegging, kam eine Nachbarin und fragte mich, warum sie so sehr geschrien habe. Ich erklärte ihr, dass Elena psychisch krank sei und deshalb sich manchmal nicht kontrollieren könne. Daraufhin rief Elena von Ferne: "Was hast Du da gerade über mich gesagt!??" Ich antwortete wahrheitsgemäß: "Ich habe ihr erklärt, dass Du leicht gestört bist und Dich deshalb manchmal nicht unter Kontrolle hast." Darauf schrie Elena wie eine Wahnsinnige: "ICH BRING DICH UM!!! ICH SCHWÖR DIR: ICH BRING DICH UM!!!" und rannte auf mich zu. Ich flüchtete mit Jairo schnell ins Haus, wir rannten nach oben und hielten die Tür unserer Wohnung zu. Aber Elena versuchte gar nicht erst, die Tür aufzudrücken, sondern zog sich zurück.

Jairo aber stand unter Schock und beschwor mich, dass wir abends nun immer die Tür abschließen sollten, weil er der Elena zutrauen würde, dass sie mich eines Abends wirklich umbringen könne, so verrückt wie sie sei. Ich versuchte, ihn zu beschwichtigen, dass Elena das nicht so gemeint habe und er sich keine Sorgen machen brauche. Trotzdem drängte er mich, ich solle mich doch bei Elena entschuldigen, damit wieder Friede sei. Ich versprach es, wollte aber erst mal abwarten, bis sich die Lage wieder beruhigt habe. Jairo nahm sich indes ein Wörterbuch und versuchte nun selber einen versöhnlichen Brief an Elena zu schreiben. Sein erster Satz lautete: "Liebe Elena, du bist eine Wucht..." - (das kommt dabei raus, wenn man mit dem Wörterbuch übersetzt, ohne die Sprache zu beherrschen). Aber Elena hatte mir schon am nächsten Tag vergeben, als ich sie darum bat.

Jairos Verdorbenheit

In den Tagen danach überlegten wir uns, was Jairo nachmittags machen könnte, wenn ich noch auf der Arbeit war. Ich gab eine kostenlose Stellenanzeige für ihn auf, aber es meldeten sich nur Perverse, die ich sofort am Telefon abwimmelte. Doch als ein Mann ein Model suchte, um Werbefotos zu machen, wollte Jairo selbst mit ihm sprechen auf Englisch. Sie verabredeten sich an einem Nachmittag zum Vorstellungsgespräch, und ich dachte mir eigentlich nichts dabei. Doch als der Abend kam, war Jairo immer noch nicht da, so dass ich begann, mir Sorgen um ihn zu machen. Auch um 22.00 Uhr war Jairo immer noch nicht zurück, so dass ich überlegte, ob ich die Polizei rufen sollte. Es war schon kurz nach 3.00 Uhr, als Jairo endlich nach Hause kam. Ich machte Licht an und fragte ihn, warum er erst so spät nach Hause gekommen sei: "Sag mir die Wahrheit, Jairo, war der Mann schwul?" - "Ja." - "Was hat er mit Dir gemacht." - "Nichts." - "Und woher weißt Du dann, dass er schwul war?" - "Er hat im Auto seine Hände auf meine Oberschenkel gelegt". - "Ja, und was hast Du gesagt?" - "Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht möchte, und er hat es sofort respektiert". - "Ach so, und warum bist Du nicht sofort ausgestiegen?" - "Er hat mich zu sich nach Haus eingeladen" - "Ach, und Du hast gedacht: warum nicht?" - "Er war sehr freundlich zu mir und hat mir Wein zu trinken angeboten." - "Ja, weil er Dich verführen wollte! Und, hat er es geschafft?!" - "Nein." - "Sagst Du mir auch die Wahrheit?" - "Ja, wir haben uns nur unterhalten." - "Es fällt mir schwer, das zu glauben. Er wollte Dich doch verführen!" - "Ja, er hat es ein paar Mal versucht und hat mir auch Geld angeboten, aber ich habe immer wieder Nein gesagt. Er machte mir immer wieder Komplimente, sogar über meine Zähne." - "O Jairo, in was hast Du Dich da bloß hineinbegeben! Ich bin so froh, dass Du wieder da bist. Ich trage schließlich Verantwortung für Dich. Mach das bitte nie wieder!" - "Keine Sorge, Simon, ich kann schon auf mich alleine aufpassen."

Je länger Jairo bei mir wohnte, desto mehr lernte ich auch seine dunklen Seiten kennen. Er machte sich einen Spaß daraus, mich durch perverse Witze in Verlegenheit zu bringen, und anstatt ihn zu einem christlicheren Leben zu bewegen, gelang es ihm, mich nach und nach mehr für die Welt zu begeistern. Einmal spielten wir samstagabends Schach und hatten vereinbart, dass jeder nach einem Zug einen Schluck aus einer Flasche Wodka nehmen solle. Als das Spiel sich zum Ende neigte, war die Flasche leer und wir beschlossen, noch ein paar Einkäufe zum Wochenende zu erledigen. Doch als wir im Supermarkt waren, setzte plötzlich massiv die Wirkung des Alkohols ein, so dass ich alles nur noch wie im Rausch wahrnahm und in einer Tour nur gelacht hatte. Ohne nachzudenken, kaufte ich auch einen Tapeziertisch, obwohl wir ja nur mit dem Fahrrad unterwegs waren. So geschah es, dass sich dieser beim Fahren öffnete und Jairo den ausgeklappten Tapeziertisch im Vollrausch einfach mit dem Fahrrad hinter sich her schleifte, sodass die eine Ecke am Ende völlig weggewetzt war. Als ich nach Hause kam, wollte ich mich eigentlich noch duschen, aber war im dunkeln Zimmer auf dem Bett unbekleidet eingeschlafen. Im Halbschlaf merkte ich, dass plötzlich ein Blitzlicht im Dunkeln aufleuchtete, war aber zu benommen, um darauf zu reagieren. Mit diesem Foto hatte Jairo dann Monate später versucht, mich zu erpressen.

Leider blieb dies nicht der einzige böse Scherz, den Jairo sich erlaubte. Eines Tages, als er allein in der Wohnung war und neugierig in meinen Sachen stöberte, entdeckte er ein Foto, das Ruth einmal Jahre zuvor aus Spaß von mir gemacht hatte, als ich gerade nackt aus der Dusche gekommen war. Er nahm es und tat es aus lauter Bosheit in einen der bereits zum Versand verschlossenen Briefe auf meinem Schreibtisch, den er danach wieder zumachte, so dass ich nichts merkte. Wie ich erst Monate später erfuhr, war dieser Brief an Bruder Hans-Udo Hoster adressiert. So etwas ist nicht mehr lustig, sondern bösartig und psychopathisch!

Mein Rauswurf

Allmählich wurde mir klar, dass ich bei den Bibelstunden im Hause von Schwester Brigitta nicht länger heucheln konnte. So geschah es, dass ich eines Abends nach der Stunde mich Brigitta gegenüber offenbarte. Ich bat sie um Entschuldigung, dass ich in den letzten zwei Monaten so getan hatte, als wäre ich immer noch Christ, indem ich am Wort diente, obwohl ich selbst gar nicht mehr daran glaubte. Brigitta reagierte erwartungsgemäß entsetzt und schaute mich voller Misstrauen an. Für sie war ich nun ein Verräter, da ich zu den Feinden übergewechselt war. Ihr war in diesem Moment sofort klar, dass ich nun geistlich gestorben sei und sie wollte auch nicht weiter mit mir reden, sondern verabschiedete sich von mir mit einem kühlen Unterton. Brigittas Reaktion war für mich eine Warnung, dass ich von nun an besser nicht mehr mit der Tür ins Haus fallen sollte, sondern meine Entscheidung viel behutsamer und nachvollziehbarer vermitteln sollte. Ich musste es vor allem so darstellen, als wäre ich nach wie vor Christ, nur dass sich eben meine Haltung zur Bibel geändert habe.

Als die Sommerferien begannen und Jairos Unterricht vorübergehend ausfiel, überlegten wir, was er tagsüber machen könnte. Da ich auf einer größeren Baustelle ganz alleine am Arbeiten war, schlug ich vor, dass Jairo mir doch tagsüber bei der Arbeit helfen könnte, zumal wir dann auch mehr Gemeinschaft haben könnten. So brachte ich ihm bei, wie man Heizkörper lackiert, und immer wenn mal der Meister (Claus) zu Besuch kam, hatte ich Jairo schnell weggeschickt, damit niemand merken sollte, dass er mir half. Doch Anfang August kam Claus auf eine andere Baustelle, wo ich gerade mit meinen Kollegen am Arbeiten war, und kündigte an, dass wir alle am Samstag arbeiten müssen, da es einen Terminauftrag gebe. Da ich jedoch ausgerechnet an diesem Samstag einen wichtigen Termin hatte, rief ich Claus zu, dass ich nicht könne. "Warum nicht?" fragte Claus. "Ich habe einen wichtigen privaten Termin, den ich schon einmal verschoben hatte." - "Wenn Du den schon mal verschieben konntest“, entgegnete Claus, "dann kannst Du ihn auch ein weiteres Mal verschieben!" Ich entrüstete mich und erwiderte mit Verbitterung: "Dann müssen aber auch alle Meister am Samstag mitarbeiten, sonst wäre das ungerecht!" Darauf rief Claus mich nach oben und schimpfte mit mir, dass ich nicht so frech vor allen Gesellen zu ihm reden dürfe, weil ich dadurch seine Autorität untergraben würde. Er kündigte mir an, dass er dies auch dem Chef melden müsse. Als ich am darauffolgenden Montag auf den Hof kam, wo alle Gesellen warteten auf ihre Zuteilung, kam der Chef mit seinem Mercedes vorgefahren, stieg aus und rief mich herzu. Er legte ein Papier auf die Motorhaube und bat mich, dieses zu unterschreiben. Zu meiner Überraschung las ich die Überschrift: "Kündigung"! Ich erschrak und mein Herz klopfte. "Warum?!?" fragte ich bestürzt. "Weil wir offensichtlich unterschiedliche Auffassungen haben, unter welchen Bedingungen z.B. auch mal am Wochenende gearbeitet werden sollte, aber auch andere Dinge, über die ich hier aber jetzt nicht reden will."

Eine Deutschlandreise mit vielen Emotionen

Meine Kündigung erwies sich im Nachherein als gar nicht so nachteilig, denn dadurch hatten John Jairo und ich unverhofft die Chance bekommen, im Sommer eine Besuchsreise bei Freunden in Deutschland zu machen (denn ich hatte noch keinen Urlaubsanspruch, da man diesen erst sechs Monaten nach Beschäftigungsbeginn erhalten kann). Mein Vorschlag war, in den Schwarzwald zu fahren mit Zug und Fahrrad, denn dort wohnten viele Gläubige, die ich noch von früheren Besuchen kannte, u.a. mein Freund Friedrich Botesz (37). So fuhren wir am Freitag im Nachtzug nach Karlsruhe und von dort aus am Samstagmorgen mit dem Fahrrad über Karlsbad nach Straubenhardt-Schwann, wo wir gegen 10.00 Uhr bei Friedrich ankamen. Da Jairo im Zug nicht gut geschlafen hatte, wollte er im Elternhaus von Friedrich sich noch mal für zwei Stunden hinlegen. Aber als wir ankamen, hatte Friedrich gerade einen ganz anderen Plan, denn er wollte mit uns zu einer Baustelle fahren, wo wir ihm beim Tapetenabkratzen behilflich sein sollten. Als ich dem Friedrich das Anliegen von Jairo mitteilte, zeigte dieser kein Verständnis dafür, sondern sagte: "Das ist ganz typisch für die Südländer: Wenn es ums Arbeiten geht, dann drücken sie sich lieber. Aber sie müssen lernen, dass wir hier in Deutschland am Tage arbeiten und uns nicht ausruhen. Schon im Wort Gottes heißt es: 'Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen'!" - Ich war mir nicht sicher, ob ich das dem Jairo übersetzen sollte. Als ich es aber dann doch tat, war Jairo tief verletzt und beleidigt, so dass er mir erwiderte: "Simon, sag dem Friedrich bitte, dass ich jetzt mitkommen werde, um bei der Baustelle zu helfen, aber dass ich jetzt nicht mehr in seinem Haus übernachten möchte, denn ich habe auch meinen Stolz und möchte diesem Rassisten zeigen, dass er sich irrt." So fuhren wir mit dem Fahrrad zur Baustelle, und ich versuchte auf Friedrich einzuwirken, dass er sich doch bei Jairo entschuldigen sollte für seine verletzenden Worte. Leider stieß ich bei Friedrich zunächst auf Granit, da er sich auch hier in seinen Vorurteilen bestätigt sah; denn auch das Beleidigtsein sah er als etwas besonders Typisches für die Südländer an, weil sie eben obendrein auch noch sehr stolze Menschen seien, die keine Kritik vertragen könnten.

So war am Vormittag erst mal eine ziemlich unterkühlte Stimmung. Gegen Mittag redete ich dann noch mal mit Friedrich, ob er nicht doch seine hartherzige Haltung gegenüber seinem Gast aufgeben wolle und verwendete alle möglichen Bibelstellen (selbst wenn ich sie für mich nicht mehr ganz so verbindlich ansah), um das schlechte Klima zu verbessern. Schließlich ließ sich Friedrich dann doch erweichen und bat Jairo um Vergebung. Jairo war erleichtert darüber, wollte aber dennoch lieber im Zelt übernachten, zumal er von der schönen Natur fasziniert war. Am Abend war ich also mit Friedrich allein auf seinem Zimmer und ich nutzte die Gelegenheit, ihm von meinem Glaubensabfall zu erzählen: "Friedrich, es gibt da etwas, dass ich Dir bekennen muss, von dem ich annehme, dass es Dich sehr erschrecken wird. Vielleicht wirst Du mir dann auch nicht mehr erlauben, bei Dir zu übernachten." - Friedrich: "Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass es etwas gäbe, dass ich Dich nicht mehr aufnehmen würde; da müsstest Du schon Satanist geworden sein!" Dann erzählte ich es ihm, aber so recht glauben konnte Friedrich es nicht. Ich hatte eher den Eindruck, dass er mich nicht so recht ernst nahm. Sein einziger Kommentar war, dass ich mich doch bitte in Zukunft immer hinsetzen möge auf der Toilette, da das Pinkeln im Stehen immer so spritze bei meiner Körpergröße.

Am nächsten Morgen wollten Jairo und ich quer durch den Schwarzwald zum 50 km entfernten Ort Altensteig-Spielberg radeln, denn dort wohnte die 13-köpfige Familie Burkhardt, die mit dem Bruder Hans-Udo verwandt war. Da wir sonniges Wetter hatten, gab es eine traumhaft schöne Aussicht. Als wir ankamen, setzten wir uns mit dem Hausvater Frieder an einen kleinen Tisch und unterhielten uns eine Weile über die heutige Christenheit. In diesem Moment kam ein bildhübsches Mädchen hinein und sprach kurz mit ihrem Vater. Jairo war völlig gefesselt von ihrer Schönheit und war wie erstarrt. Dann wurden wir zum Essen gerufen, so dass wir auch mal alle anderen, teilweise schon erwachsenen Töchter und Söhne der Familie sehen konnten. Noch immer war Jairo ganz gebannt von diesem etwa 17 Jahre alten Mädchen, und auch in dem anschließenden Gottesdienst drehte sich Jairo immer wieder zu ihr um, da wir ganz vorne saßen und sie ganz hinten. Als ich mich später mit ihrem Bruder Andreas Burkhardt darüber unterhielt, der in etwa mein Alter hatte und auf Lehramt studierte, erklärte er mir, dass seine Schwester wegen ihrer Schönheit eine ganze Menge Verehrer habe, sie aber bisher allen einen Korb gegeben hatte, da sie noch zu jung sei und zudem auch niemandes Beute oder Trophäe sein wollte. Genau das aber war es scheinbar, worum es dem Jairo ging, denn er flehte mich an, dass ich doch ein Foto von ihr machen möge. Ich tat ihm diesen Gefallen, aber just in dem Moment, als ich das Foto nahm, war gerade der Film zu Ende und die Filmrolle spielte wieder an den Anfang zurück. Aus dem Foto war also nichts geworden.

Anschließend besuchten wir einen kolumbianischen Bekannten von Jairo, der mit seiner deutschen Frau in einem Dorf nahe Stuttgart lebte. Aus diesem Anlass bereiteten sie am Abend ein üppiges Festessen und luden dazu noch weitere Kolumbianer ein, so dass es eine Party wurde, die weit in die Nacht andauerte. Während er sich stundenlang mit seinen (ungläubigen) Freunden amüsierte, merkte ich, dass Jairo durch und durch ein Weltmensch war, der sich in Gemeinschaft mit anderen Weltmenschen pudelwohl fühlte. Aber obwohl ich ja inzwischen auch nicht mehr gläubig war, hatte ich nichts mit ihnen gemein. Es war einfach nicht meine Welt, und ich fürchtete, dass dies auch nie meine Welt werden würde. Spät in der Nacht fragte ich Jairo, ob er mit mir mal einen Spaziergang machen würde, weil ich mit ihm sprechen wollte. Wir gingen in der sternenklaren Nacht dieses Spätsommers einen Feldweg hoch, und ich erklärte Jairo, dass ich von ihm doch ziemlich enttäuscht sei, weil er sich wirklich in nichts unterschied von den Weltmenschen der übelsten Sorte. Jairo versuchte verzweifelt, sich zu rechtfertigen, dass er sich doch anpassen müsse, um sie nicht vor den Kopf zu stoßen etc. Ich erinnerte ihn an Spr. 1 "Wenn Sünder dich locken, so willige nicht ein...", und wir sprachen darüber, in wie weit die moralische Weisheit der Bibel auch heute noch verbindlich sein sollte. Dann legten wir uns auf dem Boden, um den Sternenhimmel zu betrachten und philosophierten weiter über Fragen, wie z.B.: Muss Gott unbedingt ein guter Gott sein oder wäre es auch denkbar, dass er ein böser Gott sein könnte etc. Und da war Jairo wieder ganz der Freund, den ich mir gewünscht hatte.


Oktober - Dezember 1996

Mein Geständnis gegenüber Ruth

Inzwischen hatte Bruder Hans-Udo einen Kandidaten für die Nachfolge als Kinderheimleiter gefunden. Wir hatten uns deshalb für Anfang November in Ecuador verabredet, um über den Hausverkauf und all die Details vor Ort zu sprechen. Mein Flug ging aber schon am 09.10.96, so dass ich noch ein wenig bei Ruth und Rebekka in Lima sein konnte. Ein Problem war Jairo, der inzwischen fest entschlossen war, seinen Rückflug für Ende September einfach verfallen zu lassen, um für immer in Deutschland zu bleiben. Da ich ihn immer noch für meinen Freund hielt, überließ ich ihm einfach unsere Wohnung für die nächsten drei Monate und gab ihm die Schlüssel. Statt jedoch nach einer seriösen Arbeit zu suchen, traf er sich noch ein zweites Mal mit jenem Schwulen und kam wieder erst sehr spät in der Nacht nach Haus. Nach meiner Abreise erfuhr ich später von ihm, dass er einen Anruf von der Ausländerbehörde erhielt, weil sie irgendwie mitbekommen hatten, dass er seinen Rückflug nicht angetreten hatte. Sie gaben ihm zwei Wochen Zeit, sein Ticket umbuchen zu lassen und drohten ihm damit, ihn durch die Polizei zur Fahndung ausschreiben zu lassen, sollte er beabsichtigen, in Deutschland unterzutauchen. Da bekam Jairo weiche Knie, ließ sein Ticket umbuchen, packte seine Sachen und flog Ende Oktober zurück nach Kolumbien.

Als ich am 09. Oktober abends in Lima ankam, stand die gesamte Familie meiner Frau am Flughafen. Rebekka war inzwischen schon ein Jahr alt, und ich freute mich sehr, sie wieder zu sehen. Doch als ich sie auf den Arm nahm, fing sie sofort an, zu schreien, denn für sie war ich ja ein fremder Mann. Es würde einige Monate dauern, bis sie sich wieder an mich gewöhnte. Wir nahmen uns ein Sammeltaxi, wo ein Großteil von uns (10 Personen) mit Ach und Krach hineinpasste (manchmal sitzen die Peruaner sogar zu zweit auf dem Beifahrersitz. Nachdem wir meinen Koffer und Handgepäck in Ruths Elternhaus gelassen hatten, gingen wir erst einmal gegenüber der Avenia Mexico in unser Lieblingsrestaurant und bestellten Hähnchen mit Pommes, um meine Ankunft zu feiern. Am darauffolgenden Sonntag waren fast alle Geschwister aus Lima im Gottesdienst versammelt und freuten sich, dass die Familie Poppe-Condori jetzt wieder vollständig zusammen war. Ich hielt wie immer eine Predigt, und keiner ahnte, dass bald schon nichts mehr so sein würde, wie es war.

Spät am Abend lag ich mit Ruth im Bett, und wir unterhielten uns über all das, was in der Zwischenzeit geschehen war. Ruth berichtete, dass sie ihr Studium der Tiermedizin inzwischen erfolgreich beendet habe und demnächst auch ihre Urkunde erhalten würde. Als nächstes sei nun ihre Doktorarbeit dran, wobei sie sehr unter Zeitdruck stehe, denn sie müsse diese innerhalb der nächsten zwei Monate fertigstellen, da das von ihr vorgeschlagene Thema nur bis zum Ende dieses Semesters Gültigkeit habe und sie bei nicht rechtzeitiger Abgabe noch einmal ganz von vorne anfangen müsse. Zudem habe ihr Doktorvater Rojas ihr gegenüber Andeutungen gemacht, dass Ruth sich lieber gleich ein anderes Thema wählen sollte, da er als Direktor des Parasitologischen Instituts von Peru noch nie von einer Kokzidienart namens Caryospora gehört habe, dass es diese auch in Greifvögeln geben solle. Seines Wissens nach habe man diese bisher nur in Schlangen festgestellt und auch nur in Europa. Sollte Ruth also den Nachweis erbringen, dass es diese Parasitenart auch in Greifvögeln Perus gebe, dann wäre das eine kleine Sensation. Würde sie jedoch nur bestätigen, dass es diese Art tatsächlich nicht in Peru gebe, dann hätte ihre Doktorarbeit nur einen geringen Wert. Ruth bat mich darum, dass ich ihr aufgrund der Kürze der Zeit unbedingt bei der Doktorarbeit helfen möge, indem ich die Texte für den Literatur-Teil vom Englischen und Deutschen ins Spanische übersetze. Sie hingegen würde sich hauptsächlich um die Laborbefunde kümmern und ihre Ergebnisse dann mit eigenen Worten beschreiben.

Während ich ihren Erklärungen lauschte, überlegte ich mir die ganze Zeit, wie ich ihr nun verständlich machen könnte, dass ich meinen Glauben verloren habe. Auf keinen Fall wollte ich es weiterhin für mich behalten, denn es war mir wichtig, dass Ruth und ich keine Geheimnisse vor einander hätten. Ich begann also ihr zu erzählen, wie ich in den ersten Monaten gelitten hatte, weil ich den Eindruck hatte, dass Gott nicht mehr zu mir rede. Dann berichtete ich ihr der Reihenfolge nach, was ich alles erlebt hatte und welche Gedanken mir dabei kamen. Schließlich bekannte ich ihr dann ganz offen, dass ich die Bibel nicht mehr als Wort Gottes betrachte, jedoch weiterhin an Gott glaube. Ruth fing an zu weinen und sagte zunächst nichts. Doch dann zog sie ihr Fazit: "Jetzt hast Du Gott verlassen, und als nächstes wirst Du auch mich verlassen!" Ich beschwichtigte sie sofort und beteuerte ihr, dass sich nie etwas an meiner Liebe zu ihr ändern würde, denn das sei doch etwas ganz anderes. "Das mag ja sein“, entgegnete sie, „aber Du wirst unsere gemeinsame Tochter in den Unglauben ziehen, und das kann ich absolut nicht zulassen, sondern ich muss meine Tochter vor Dir schützen!" - "Nein, auf keinen Fall, Ruthi!" antwortete ich, "Im Gegenteil verspreche ich Dir, dass ich Rebekka nie etwas erzählen werde von meinem Unglauben bis sie 18 Jahre alt ist. Wir werden sie beide im Glauben an Gott erziehen und mit ihr regelmäßig vor dem Essen beten und in die Gemeinde gehen. Ich bin auch völlig damit einverstanden, dass wir sie zur Freien Evangelischen Bekenntnisschule in Bremen schicken, wenn sie eingeschult wird. Denn ich lehne das Christentum ja gar nicht ab, sondern wünsche mir selber, dass Rebekka einmal gläubig wird!" - Ruth schaute mich misstrauisch an: "Ach, und wenn Du den Glauben für so wichtig hältst, warum willst Du dann selber nicht mehr glauben? Da widersprichst Du Dir doch!"- "Nein, ich würde ja selber auch gerne wieder glauben, aber ich kann es einfach nicht mehr. Ich habe nun einmal hinter den Vorhang geschaut, und jetzt bin ich vom Glauben zum Schauen gekommen. Ich weiß nicht, wie ich es Dir erklären soll." - "Du brauchst es mir nicht erklären, denn dies kann kein normaler Mensch verstehen. Ich will nur eines, und das ist, dass meine Tochter eines Tages gläubig wird. Und sollte ich irgendwann merken, dass Du sie heimlich beeinflusst, dann werde ich mich von Dir trennen, denn ich trage für unsere Tochter eine Verantwortung vor Gott!"

Vielleicht war es diese klare Ansage von Ruth, die in den Jahren danach bewirkte, dass ich um alles in der Welt bemüht war, mein Versprechen gegenüber Ruth einzuhalten. Es war nicht nur, weil ich sie liebte, sondern ich wollte ihr auch beweisen, dass auch ein Ungläubiger treu sein kann, ja vielleicht noch viel treuer als ein Gläubiger. Sollte Ruth doch irgendwann sich von mir scheiden lassen, aber ich würde mich nie von ihr scheiden lassen, obwohl ich es nach meiner neu gewonnenen Moral theoretisch durfte. Stattdessen wollte ich Ruth die Überlegenheit des aufgeklärten Denkens vor Augen führen, indem ich ihr zeigen wollte, dass Christen die Treue nicht für sich allein gepachtet hätten. "Wollen wir doch mal sehen", dachte ich bei mir "wer von uns beiden als erstes schwach wird und das Handtuch wirft. Ich werde es auf jeden Fall nicht sein!"

Ruths Doktorarbeit

Schon am nächsten Tag machten wir uns gleich an die Arbeit. Ruth erklärte mir nochmal, worum es bei der Doktorarbeit ging, dass man nämlich zunächst einen Überblick gibt über den bisherigen Erkenntnisstand, indem man sämtliche Forschungsergebnisse zum Thema in Kurzform mit eigenen Worten schildert und die entsprechenden Quellen dafür benennt. Dann käme als nächstes ein Kapitel namens "Material und Methode", in welchem man schildert, mit welchem Verfahren und welchen Hilfsmitteln man den zu untersuchenden Gegenstand erforschen möchte, um das Ergebnis dann im weiteren Kapitel ausführlich darzustellen. Schließlich kommt noch ein Kapitel, wo die Befunde zur "Diskussion" gestellt werden, wo es einem erlaubt ist, auch einmal frei eine Vermutung zu äußern, die aber gut begründet sein müsse. Ruth hatte für den Literatur-Teil eine ganze Menge Kopien aus Deutschland mitgebracht, z.T. sogar ganze Doktorarbeiten von anderen kopiert, und ich begann mit dem Übersetzen. Doch obwohl ich bald 10 Stunden am Tag daran arbeitete, kam ich kaum voran, weil mir der Durchblick für das Wesentliche fehlte. Schließlich stieß ich auf die Doktorarbeit eines gewissen Kutzer aus Deutschland, die nahezu so perfekt war, dass ich Ruth den Vorschlag machte, diese doch einfach 1 : 1 ins Spanische zu übersetzen, weil wir dadurch viel Zeit sparen würden, die ja ohnehin knapp war. Denn warum sollte man sich damit abquälen, alles mit eigenen Worten zu formulieren, wenn es doch schon so vollkommen und ausführlich dargelegt wurde wie hier. Zudem beträfe dies ja nur den Literatur-Teil, während die eigentliche Forschungsarbeit ja von Ruth selbst erbracht werde.

Ruth war damit einverstanden, und so übersetzte ich seitenlang die taxonomischen Darstellungen von Kutzer und seine ausführlichen Erklärungen dazu, die am Ende rund 60 % von Ruths Doktorarbeit ausmachten (normal sollten es eigentlich nur 20 % sein). Ruth wiederum korrigierte immer wieder mal grammatikalische Fehler in meiner Übersetzung oder bat darum, zusätzliche Ergänzungen aus anderen Texten einzufügen, sowie von Hand geschriebene Kommentaren von ihr, die ich dann wiederum digital einpflegte. Uns blieb nur noch eine Woche Zeit bis zur Abgabe, weshalb wir am Ende beide bis zu 16 Stunden am Tag daran arbeiteten, ich am Computer und Ruth in der Sichtung des Materials. Ruths Mutter Lucila versorgte uns zwischendurch mit Mahlzeiten und kümmerte sich um Rebekka. Als dann Ruth auch noch tatsächlich die einzelligen Caryospora-Parasiten im Kot von verschiedenen Greifvögeln im Zoo von Lima nachweisen konnte, waren wir sehr froh und erleichtert, denn jetzt hatte Ruth den Doktortitel schon so gut wie in der Tasche. Doch nun musste die Dissertation noch von verschiedenen Fachleuten und ihrem Doktorvater korrekturgelesen werden. Doch konnte eine solche Korrekturlesung viele Wochen und Monate dauern, da sie ja auch noch viel andere Arbeit auf dem Schreibtisch hatten. Wenn aber nicht alles bis Mitte Dezember fertig war, dann war alles umsonst, deshalb gab es jetzt nur noch die Möglichkeit, mit ein wenig Schmiergeld nachzuhelfen. Ruth klopfte also an die Tür von Prof. Dr. Rojas und erklärte ihm: "Herr Dr. Rojas, mir ist bewusst, welch ein Opfer es für Sie darstellt, wenn Sie meiner Doktorarbeit in der Reihenfolge der Begutachtung einen Vorrang einräumen. Deshalb möchte ich Ihnen anbieten, Sie für diesen Mehraufwand zu entschädigen, sofern es für Sie nicht eine Kränkung darstellen sollte." - Prof. Dr. Rojas reagierte allerdings keineswegs gekränkt, sondern hatte sogar eine eigens für solche Zwecke angefertigte, inoffizielle "Sondergebühren"-Tabelle, die sich nach der Eile eines Falles bemaß. Scheinbar war Ruth also nicht die erste, die um eine Vorzugsbehandlung ersucht hatte.

Krisensitzung in Ecuador

In der Zwischenzeit musste ich dann jedoch nach Ecuador reisen, wo mich schon Bruder Hans-Udo Hoster erwartete zusammen mit einem neuen, ledigen Kandidaten für die Kinderheimarbeit, namens Roman (ca. 35). Sie waren schon zwei oder drei Tage vor mir angekommen und beim Bruder Jorge Calvache beherbergt. Als ich ins Zimmer kam, war gerade eine ziemliche Krisenstimmung und Hans-Udo klärte mich auf, dass sich mittlerweile ziemlich viele Probleme ergeben hätten. Worum es im Detail ging, weiß ich nicht mehr, aber im Prinzip war es vor allem die Uneinigkeit unter den Geschwistern und die Eigenmächtigkeit in Bezug auf die Verwendung der Spendengelder. So hatte Jorge, der ja ein Elektriker war mit eigener Firma, überall im Haus alle 2 m eine Steckdose anbringen lassen und sich diesen unsinnigen Aufwand von den Spendengeldern bezahlen lassen. Hans-Udo sagte damals: "Als hätte er die neuen Büroräume einer Computerfirma damit ausstatten wollen! Dabei geht es doch hier lediglich um ein Kinderheim."

Und dass Nelson sämtliche Wände der oberen Etage wegreißen ließ, um - wie er sagte - die Kinder besser im Blick haben zu können, war ja noch einigermaßen sachlich begründet; aber warum er den 3 qm großen Balkon aus Teakholz einfach entfernen ließ ohne mich zu fragen, hatte mich ziemlich geärgert. Er sagte nur: "Aber ich hatte Ihnen das doch geschrieben, dass ich das machen wolle, und Sie hatten keinerlei Einwände." - Ich antwortete: "Wenn ich mal nicht reagiere, muss das nicht bedeuten, dass ich damit einverstanden bin, sondern lag in diesem Fall nur daran, dass Sie sich immer so übertrieben akademisch ausdrücken, dass ich nicht immer alles verstehe, was Sie mir in Ihren vielen Briefen schreiben. Hätten Sie mich aber gefragt, dann hätte ich dem nicht zugestimmt, denn vorher sah es viel schöner aus." - Hinzu kam, dass Nelson behauptete, er würde von uns noch ziemlich viel Geld kriegen, da er angeblich immer wieder in Vorleistung gegangen sei. Eine prüfbare Übersicht über alle bisher getätigten Leistungen und Ausgaben konnte er uns jedoch nicht vorlegen, zumindest keine nachvollziehbare. Hans-Udos Fazit von der Sitzung: "Das Schiff droht zu sinken und es ist kein Land in Sicht."

Nach zwei Stunden Besprechung machten wir uns zu Fuß auf dem Weg zum Haus von Bruder Galo Granados, der uns zum Abendessen eingeladen hatte. Ich ging mit Hans-Udo getrennt von den anderen hinterher und wollte die Gelegenheit nutzen, um Hans-Udo zu bekennen, dass ich nicht mehr gläubig sei. Ich erklärte es so ausführlich und behutsam, wie ich konnte, und Hans-Udo hörte nur still zu und sagte nichts. Doch auf einmal blieb er stehen, holte seine Brieftasche hervor und nahm jenes Foto heraus, auf dem ich nackt war und fragte mich, warum ich ihm das geschickt habe. Als ich es sah, erschrak ich und beteuerte, dass ich ihm das wirklich nicht geschickt habe, denn warum sollte ich das tun, und dass es mir kaum erklärlich sei, wie er an dieses Foto gekommen sei. Doch dann fiel mir Jairo ein, und mit welch einer Skrupellosigkeit er sich auch schon andere Scherze erlaubt hatte. Nach vielen weiteren Unschuldsbeteuerungen glaubte mir Hans-Udo schließlich.

Der Umstand, dass ich nun auch noch meinen Glauben verloren hatte, war für Hans-Udo nun das endgültige Signal, dass er mir nicht mehr vertrauen durfte. Aber ich war ja ohnehin nicht mehr Teil dieses Projektes, deshalb ging es ihm nun darum, den neuen Kandidaten Roman als Nachfolger einzuweisen. Wir fuhren also nach Laurel aufs Land, um dem Bruder das Haus zu zeigen. Auf dem Weg, legte mir Hans-Udo einen "Abwicklungsvertrag" vor, den er tags zuvor mit der Hand geschrieben hatte und wollte diesen mit mir besprechen, damit ich ihn dann am Schluss unterschreibe. Darin ging es nicht nur um den Verkauf des Hauses und Grundstücks zum Selbstkostenpreis, sondern auch darum, dass ich mich im Falle des Scheiterns des Projektes dazu verpflichten solle, dem Verein die gespendeten Gelder wieder zurückzuzahlen. "Aber, Hans-Udo“, sagte ich, "warum willst Du mich denn alleine dafür verantwortlich machen, wenn das Projekt scheitern sollte? denn wir haben doch alle dabei die Verantwortung getragen!" - "Nein, das tue ich gar nicht, und es geht auch gar nicht darum, wer daran die Schuld tragen würde, sondern es geht einzig und allein darum, dass Du der Nutznießer wärest, denn Dein Haus ist ja dann auf Kosten der Spender zuende gebaut worden. Und da versteht es sich doch von selbst, dass Du die Spender dann auch entschädigen musst. Schließlich haben sie im Vertrauen auf einen Erfolg des Kinderheims ihr Geld gespendet." - "Ja, aber wer etwas investiert, der geht auch immer das Risiko ein, dass es am Ende eine Fehlinvestition war. Für ein Scheitern kann man mich aber dann nicht alleine haftbar machen, denn ich habe ja auch nie einen Erfolg versprechen können. Abgesehen davon ist für das Geld ja nicht nur mein Haus renoviert worden, sondern auch die Stiftungsgründung bezahlt worden samt all den Schmiergeldern. Ich selber hätte das Geld ja sonst nie für diesen Zweck ausgegeben." - "Simon, mich erschrickt, wie Du Dich hier gerade aus der Affäre ziehen willst! Du warst es doch, der uns um Unterstützung bat, und ich habe nur nach Möglichkeiten gesucht, Deine Idee auch erfolgreich mit Gottes Hilfe umzusetzen. Jetzt aber, wo alles auf der Kippe steht, willst Du Deine Hände in Unschuld waschen und die vielen Spender leer ausgehen lassen. Du weißt, dass ich Dich nie vor einem weltlichen Gericht verklagen würde, aber vor Gott wirst Du auf jeden Fall einmal Rechenschaft ablegen müssen, auch wenn Du das vielleicht inzwischen nicht mehr glaubst." - "Hans-Udo, ich finde es schlimm, dass wir jetzt schon so reden, als würde das Projekt ohnehin scheitern. Das wissen wir aber doch noch gar nicht. Und wenn das so käme, dann würde ich auf jeden Fall die Hälfte der Ausgaben in Raten zurückerstatten. Aber alle Kosten aus eigener Tasche zu bezahlen, sehe ich wirklich nicht ein, denn Du hast auch viele Entscheidungen getroffen, ohne mich zu fragen. Lass uns aber doch jetzt nicht um Geld streiten, sondern lieber zusammen dafür kämpfen, dass wir den Karren noch gemeinsam aus dem Dreck ziehen, damit es weiter gehen kann." - "Ja, das hoffen wir beide, und wir wollen uns ja auch nicht streiten. Aber Du musst auch verstehen, dass das Ganze ein gewisses Geschmäckle hat, wenn Du Dein Haus von Spendengeldern renovieren lässt und dann am Ende sagst: Tut mir leid, dass die Idee mit dem Kinderheim nicht funktioniert hat, aber trotzdem danke nochmal für das Geld!" Da hatte er recht, deshalb sagte ich nichts mehr.

Ein Ende mit Schrecken

Hans-Udo und sein Begleiter blieben noch etwa eine Woche in Ecuador und flogen dann wieder zurück nach Deutschland. Später erfuhr ich, dass der Bruder Roman, dieser neue Hoffnungsträger, die Mitarbeit am Ende ablehnte, jedoch nicht deshalb, weil er sich mit der Aufgabe überfordert sah, sondern weil er in einer bestimmten Lehrfrage mit Hans-Udo nicht einer Ansicht war, diese aber für ihn von so großer Bedeutung war, dass er es als unerträglich ansah, diese beim Hans-Udo einfach zu tolerieren. Ich nehme an, dass spätestens an dieser Stelle Hans-Udo endgültig erkannte, dass die Arbeit nicht mehr unter dem Segen Gottes stand und all unsere Mühe vergeblich war. Das Scheitern des Projektes habe ich später oft mit dem Tempelbau Salomons verglichen, denn auch dieser geschah ursprünglich aus reinen Motiven, so dass Gott sich im Anfang noch dazu bekennen wollte und konnte. Als aber immer mehr der Name des HErrn in Gefahr geriet, verlästert zu werden vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt, sah der HErr sich genötigt, zum Schutz Seines Namens sich vom Tempel des HErrn zurückzuziehen.

Ich hatte in jenen Tagen in Guayaquil bei Bruder Abraham Mora (24) gewohnt, der inzwischen verheiratet war und ein kleines Kind hatte. Er arbeitete tagsüber als Lehrer, verdiente aber dadurch so wenig, dass er nachts noch als Taxifahrer arbeiten musste, um sich und seine Familie über Wasser halten zu können. Da er mich in jener Zeit immer kostenlos von einem Ort zum anderen gefahren hatte, gab ich ihm am Ende eine größere Spende als Ausgleich. Er bot mir am letzten Tag an, mich zum Flughafen zu bringen, aber ich wollte mich zuvor noch von Bruder Nelson verabschieden. Er hielt also an in der Straße Rosendo Avilez y la 40. und ich ging zu Nelson hinein in seine bescheidene Behausung. Nelson wollte mich jedoch noch einmal daran erinnern, dass ich ihm noch Geld schulden würde aus der Immobilienvermittlung. Als er mir dann die Forderung nannte, fiel ich fast in Ohnmacht und widersprach ihr aufs Heftigste, weil ich davon ausging, dass er dieses Geld doch längst bekommen hatte. Wir diskutierten dann bald eine halbe Stunde, aber weil ich mit ihm in Frieden auseinandergehen wollte, einigten wir uns schließlich in der Mitte.

Ich wollte dann gerade aufstehen, um mich von ihm zu verabschieden, da machte Nelson das nächste Fass auf und erklärte mir, dass er auch noch eine weitere Provision von mir zu erhalten habe, und zwar für das Haus in Laurel und nannte mir eine Summe von etwa 2.500,- DM. Da konnte ich mich leider nicht mehr beherrschen und schimpfte mit ihm laut, wie er denn auf solch eine Idee käme, zumal er doch schon reichlich Geld für all seine angeblich unzähligen Wege von mir bekommen hätte, samt Verpflegung etc. Daraufhin Nelson: "Ja, Sie haben mir die Unkosten erstattet, aber vergessen Sie bitte nicht, dass wir eine Vereinbarung hatten, dass ich für jedes erfolgreiche Immobiliengeschäft auch noch eine Provision von 10 % des Verkaufspreises erhalten würde. Für Ihr Haus hatten Sie etwa 15.000,- zzgl. der 10.000,-DM an Nebenkosten bezahlt. Entsprechend steht mir für die Vermittlung des Hauses noch eine Provision von 2.500,- DM zu." - "Aber Bruder Nelson, die 10 %-Vereinbarung mussten ja nur unsere Kunden zahlen, und wir haben sie dann unter uns zur Hälfte aufgeteilt. Aber selbstverständlich kann dies doch nicht auch für mein Haus in Laurel gelten, denn dieses hatte ich ja schon gekauft, bevor wir überhaupt mit der Immobilienvermittlung begonnen hatten!" - "Ja, aber ich war es doch, der Ihnen dieses Haus damals vermittelt hatte, also steht mir hierfür auch nachträglich noch eine Vermittlungsgebühr zu" - "Nein! denn ich hatte Ihnen damals auch all Ihre Unkosten erstattet. Sie sagen ja selber, dass ich Ihnen insgesamt 8.000,- bis 10.000,- DM zusätzlich zum Kaufpreis geschickt habe. Das waren ja sicherlich nicht alles nur Notar- und Katasteramtskosten, sondern auch Ihr Lebensunterhalt für viele Monate!" - "Aber was ist mit meinem Arbeitsausfall?! Ich bin schließlich selbstständig und konnte in der Zeit, in welcher ich für Sie die ganzen Behördengänge gemacht habe, keine Aufträge annehmen. Man spricht hier von entgangenem Gewinn." - "Das hätten wir aber vorher vereinbaren müssen, und ich hätte mich nie darauf eingelassen, sondern mir jemand anderes gesucht, wie z.B. Dr. Galo Granados. Der hätte dies alles sicher ohnehin alles viel kostengünstiger gemacht als Sie!" Inzwischen hatten Nelson und ich uns schon so hitzig und laut gestritten, dass Abraham von draußen den Streit gehört hatte und ins Haus gekommen war, um zwischen uns zu schlichten. Nelson versuchte nun, Abraham für sich zu vereinnahmen, indem er - anstatt direkt mit mir zu reden - sagte: "Versuch Du doch mal dem Bruder Simon zu erklären, dass...", "Simon versteht nicht, dass..." Am Ende stand ich auf und rief: "Sie können sagen, was Sie wollen, aber ich werde Ihnen ohnehin keine Provision bezahlen, das können Sie sich abschminken!" Nelson ging mir wütend hinterher und beschimpfte mich fortlaufend, während ich zu Abraham ins Auto stieg. Keine Verabschiedung, kein Segenswunsch, kein gemeinsames Gebet zum Schluss, kein gegenseitiges Bedanken für die gemeinsamen Jahre der Freundschaft - schlimmer hätte es nicht kommen können. Erst acht Jahre später besuchte ich Nelson noch mal zusammen mit Ruth kurz vor seinem Tod, und es kam dann doch noch zur Versöhnung.

In den letzten Tagen unseres Aufenthalts in Peru verbrachte ich viel Zeit mit Rebekka, die inzwischen der absolute "Star" unter den Kindern von Matute geworden war. Besonders zwei Schwestern aus der Nachbarwohnung im Alter von 9 und 11 Jahren wollten unentwegt mit Rebekka spielen. An einem Nachmittag ging ich mit Rebekka im Kinderwagen in der Innenstadt von Lima spazieren. Während ich gerade meinen Gedanken nachhing, hatte sich ein Taschendieb von hinten an mich herangeschlichen und schob blitzschnell seine Hand in meine linke Hosentasche und zog sie wieder heraus. Ohne nachzudenken hatte ich wie aus einem Reflex nach hinten gegriffen und bekam den Dieb zufällig am Arm zu fassen. Und wiederum aus dem gleichen Reflex heraus schlug ich ihm immer wieder mit der Faust auf seinen Rücken, bis er mich anflehte, von ihm abzulassen, was ich auch tat. Erst da bemerkte ich, dass es sich um einen etwa 30 Jahre alten, leicht korpulenten Mann handelte, der auf einmal davonlief. Das Ganze hatte vielleicht nur 7 Sekunden gedauert und ich schob den Kinderwagen weiter, als ich plötzlich einen Schock erlitt. Die Passanten um mich herum hatten alles beobachtet und schauten mich nun an. Ich aber war ganz durcheinander und musste mich erst mal auf eine Bank setzen, um mich zu beruhigen. Was wäre, wenn der Dieb eine Waffe besessen hätte? War es nicht leichtfertig, ihn einfach zu verprügeln? Und wo ist jetzt eigentlich mein Portemonnaie? Zum Glück war es in meiner rechten Hosentasche!

Ruth hatte unterdessen erfahren, dass ihre Doktorarbeit anerkannt und sogar eine besondere Auszeichnung erhielt. Später wurde sie dann auch noch in ein Kompendium aufgenommen, d.h. ein wissenschaftliches Fachbuch zu verschiedenen Parasitenarten in Vögeln und Kriechtieren. Um nun auch offiziell ihren Doktortitel zu erhalten, musste Ruth noch viele Wege machen, u.a. auch ihre Dissertation als Buch drucken lassen, damit es auch den Universitätsbibliotheken zur Verfügung stand. In einer kleinen Feierstunde wurde Ruth dann ihre Urkunde überreicht, die ihr von nun an das Recht gab, als selbstständige Tierärztin in Peru arbeiten zu dürfen. Wenigstens hatte also Ruth bei all ihrem Bemühen am Ende Erfolg, so dass unsere Reise nicht ganz umsonst war, sondern es am Ende doch noch einen Grund zur Freude gab. Um uns von den ganzen Anstrengungen zu erholen, fuhren wir Mitte Dezember auch zum ersten Mal nach Machu Picchu, der sagenumwobenen Inkastadt die tief versteckt im peruanischen Urwald mitten auf einer Bergspitze erbaut wurde und erst 1911 durch Zufall von einem amerikanischen Abenteurer entdeckt wurde. In der nahe gelegenen Stadt Cuzco, der damaligen Hauptstadt der Inkas, sahen wir auch die Ruinen von Sacsayhuamán, einer Festung, erbaut aus tonnenschweren Felsen, die so exakt an einander angepasst wurden, dass nirgendwo mehr ein Blatt Papier dazwischen passt.

Als wir wieder in Lima ankamen, erfuhren wir aus den Nachrichten, dass eine Gruppe von Terroristen der MRTA (Movimiento Revolucionario Tupac Amaru) am 17.12.96 die japanische Botschaft in Lima anlässlich einer Feier überfallen hatten und dabei 483 Geiseln nahmen, darunter Abgeordnete, Minister, Botschafter etc.), um auf diese Weise 400 ihrer gefangenen Mitkämpfer freizupressen, wie es damals auch die RAF im Herbst 1977 tat. Erst vier Monate später am 22. April 1997 gelang es einem Spezialkommando, fast alle Geiseln lebend zu befreien, wobei alle 14 Terroristen umkamen. Ein Jahr später kam heraus, dass die verhafteten Terroristen auf Befehl von Präsident Fujimori standrechtlich erschossen wurden, was schließlich zur Amtsenthebung des Präsidenten führte. Überhaupt wurde nach und nach bekannt, dass Präsident Fujimori im Kampf gegen den Terrorismus keineswegs zimperlich vorging, sondern absolut skrupellos. Als Jahre später durchsickerte, dass er während seiner Amtszeit auch mindestens zwei Massaker an 25 verdächtigen Studenten angeordnet haben soll, sowie sämtliche Politiker bestochen und mit heimlichen Videos zum Schweigen erpresst hatte, wurde er 2007 verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. Um die Armut im Gebirge zu beseitigen, ließ er 1998 auch sämtliche Indiofrauen im Gebirge zwangs-sterilisieren. Für viele Peruaner (inkl. meiner Frau) ist er jedoch trotzdem einer der besten und erfolgreichsten Präsidenten, die Peru in den letzten Jahrzehnten hatte.

Kurz vor unserer Rückkehr nach Deutschland schenkte uns Carmen, die Schwester von Ruths Freundin Raquel, zum Abschied einen jungen Papagei, den sein Besitzer durch die Klospülung töten wollte, weil dieser zu schwach war. Carmen hatte ihn angefleht, ihn doch am Leben zu lassen. "Lolli" war nur 10 cm lang, aber wir fragten uns, wie wir ihn so kurz vor der Abreise problemlos nach Deutschland mitnehmen könnten. Auf legalem Wege war dies unmöglich. Aber wir wollten ihn unbedingt behalten und so gab Ruth ihm für die Flugreise ein Beruhigungsmittel, damit er nicht im Flugzeug anfange zu Zschiepen. Ich steckte ihn in den Hohlraum meiner Gürteltasche und zog meinen Pullover darüber. Zunächst lief auch alles glatt während des 15-stündigen Fluges. Doch als wir in Amsterdam ankamen, bemerkte ein Zollbeamter meine Gürteltasche und bat mich, auch diese aufs Fließband zu legen, damit deren Inhalt durch den Röntgenscanner kontrolliert werden könne. Das Herz schlug mir bis zum Hals, aber ich ließ mir nichts anmerken. Als ich durch den Körperscanner hindurch gegangen war, schaute ich auf der anderen Seite auf das Fließband, wo meine Sachen waren. Aber die Gürteltasche war nicht mehr da! Jemand hatte sie vom Band genommen. Jetzt waren wir geliefert, dachte ich. Aber zum Glück war es Ruth selbst, die sie schnell wieder runtergenommen hatte. Sie hatte nämlich den Monitor in der Zwischenzeit beobachtet und sah unseren "Lolli", wie er sich in der Tasche sogar ein wenig bewegt hatte, aber ausgerechnet in dieser Sekunde war der Kontrolleur kurz abgelenkt und hatte nicht hingeschaut. So konnten wir schließlich unseren Papagei unbemerkt nach Deutschland mitnehmen, wo er uns die nächsten 10 Jahre begleiten sollte. Wir feierten mit meiner Mutter traditionsgemäß Weihnachten und mit unseren Freunden Jochen und Raquel Silvester. Von letzteren erfuhren wir auch, dass jetzt Raquel ebenfalls schwanger geworden war. Und inzwischen hatte auch meine Schwester Anna (30) einen Freund gefunden, der mit seinem runden Kopf, seinen Strubbelhaaren und seinem kurzen Vollbart aussah wie ein Teddybär. Die beiden passten wirklich gut zueinander, weil beide eher introvertiert und menschenscheu sind. 18 Monate später heirateten sie.

 Januar - März 1997

Mein Vater

Nach unserer Rückkehr aus Peru waren wir finanziell erst einmal wieder völlig ausgebrannt, so dass unser Vater Gregor (54) uns erst einmal wieder unter die Arme greifen musste. Als "Gegenleistung" durfte er aber so oft er wollte bei uns ein- und ausgehen. Von diesem Angebot machte er denn auch regen Gebrauch, so dass wir ihn allmählich als Teil unserer kleinen Familie ansahen. Meistens lag er einfach still im Wohnzimmer und las Zeitung. Er war völlig anspruchslos, nahm aber gerne an unseren Mahlzeiten teil. Wir litten mit ihm an der Trennung von meiner Mutter, die inzwischen schon über ein Jahr zurücklag und ermutigten ihn, geduldig auf sie zu warten, bis sie wieder Liebe für ihn empfände. Auch auf meine Mutter wirkten wir immer wieder ein, dass sie sich doch wieder mit ihm versöhnen möge. Aber sie sagte nur, dass sie es schon oft genug versucht habe, aber inzwischen einfach keine Kraft mehr habe, da er sie mit seiner übertriebenen Sparsamkeit und seinem taktlosen Sarkasmus all die Jahre schon tyrannisiert habe.

In der Tat war mein Vater sehr sparsam. Einmal nahm er sich vor unseren Augen eine gefrorene Pizza aus dem Eisschrank, machte die Folie weg und biss hinein; während er auf der gefrorenen Pizza kaute, sagte er: "Ist alles 'ne Sache des Willens!" Und einen solch eisernen Willen hatte mein Vater schon immer gehabt. Schon sein Vater Bruno (geb. 1891), ein überzeugter Nazi und Träger des Eisernen Kreuzes wegen guter Verdienste im 1. Weltkrieg, hatte meinen 50 Jahre jüngeren Vater von klein auf mit dem Rohrstock erzogen und ihm ins Lebensbuch geschrieben: "Lerne, übe, leiste was! - dann bist du, dann hast du, dann kannst du was!" Nach seiner Schlosserlehre wollte mein Vater dann mit 17 Jahren 1958 mit dem Fahrrad nach Tokyo fahren, er kam aber nur bis Rosenheim nahe der österreichischen Grenze. Großvater Bruno wollte, dass er sein Technikum machte, aber dann verliebte er sich in meine Mutter Renate, die damals in der Ausbildung zur Krankenschwester war. Ihr zuliebe brach er sein Studium ab und machte ebenfalls eine Ausbildung zum Krankenpfleger, um ihr nahe zu sein. Mein Opa sagte damals zu ihm: "Wenn du diese hässliche Vogelscheuche heiratest, dann bist du nicht mehr mein Sohn!" Diese Androhung machte er dann wahr, als meine Eltern 1965 heirateten und hielt sie stur durch bis zu seinem Tod 1979. So nahmen an der Hochzeit meiner Eltern nur zwei Gäste teil: mein Opa Fritz, der Vater meiner Mutter, und mein Onkel Detlef, der Bruder meines Vaters. Meine Großmütter habe ich nie kennengelernt, weil sie schon früh verstarben.

Schon in ihrer Verlobungszeit zeigte mein Vater zu meiner 1,80 m großen Mutter oftmals wenig Taktgefühl. Als sie mal im Park spazieren gingen und er seinen Schulfreund Zweibrück traf, stellte er ihm meine Mutter vor, indem er sagte: "Als ich zum ersten Mal Renates kräftige Beine sah, bin ich um sie herumgegangen wie um einen Weihnachtsbaum und habe sie für gut befunden." Als Zweibrück ihr dann die Hand gab, fügte mein Vater hinzu: "Handschuhgröße 10". Da bekam er von meiner Mutter eine Ohrfeige. Auch später hatte er meine Mutter oftmals vor ihren Freundinnen blamiert, wenn er ihnen persönlichste Dinge über ihre Ehe erzählte, die nicht für fremde Ohren bestimmt waren. Wenn sie dann mit ihm schimpfte, dann lachte er nur laut und genoss es scheinbar, wie sie sich genierte.

In den ersten Jahren ihrer Ehe waren meine Eltern so arm, dass sie die ersten Jahre in einem feuchten Keller lebten in Bremen-Gröpelingen, wo auch wir Zwillinge geboren wurden. Als sie im Steintorviertel mal einen günstigen Wohnzimmertisch gekauft hatten, wollte mein Vater das Geld für eine Anlieferung sparen und sagte zu meiner Mutter: "Komm, Renate, fass an!" und dann trugen sie den Tisch quer durch Bremen zu ihrer 6 km entfernten Wohnung. Alles eine Sache des Willens. Die Armut verführte meinen Vater leider auch oftmals zum Diebstahl, den er jedoch häufig nur aus Risikofreude und Spieltrieb beging. Jedes Mal, wenn er es wieder geschafft hatte, unbemerkt Waren an der Ladenkasse vorbei zu schmuggeln, freute er sich wie ein Kind. Das Schmuggeln von Waren in die DDR wurde dann später zu einem regelmäßigen Hobby für ihn. Durch seine Briefmarkensammel-Leidenschaft hatte er Freunde in der DDR, denen er regelmäßig verbotene Produkte in seinem VW-Käfer lieferte. Einmal wurde er erwischt, musste sich nackend ausziehen und sein Wagen wurde völlig auseinander genommen. Die in der Belüftung versteckten Devisen hatten sie dennoch nicht gefunden, was meinen Vater sehr stolz machte.

Seine eigenwillige und unkonventionelle Art kam uns als Kindern oftmals zu Gute: Als ein Nachbarjunge eines Tages mein neues Fahrrad stahl und ich dies meinem Vater meldete, schnappte sich mein Vater den Jungen, hielt ihn an den Beinen über Kopf und brachte ihn zu uns in den Keller, während dieser heulte und schrie. Dann fesselte mein Vater den Jungen vor meinen Augen an einen Stuhl und brüllte ihn an, dass er jetzt so lange hier warten müsse, bis die Polizei käme und ihn dann in ein Kinderheim bringen würde, wo er seine Eltern nie mehr wiedersehen würde. Er plärrte aus Leibes Kräften, bis mein Vater ihn irgendwann wieder befreite. Er würde jetzt sicherlich kein Fahrrad mehr stehlen. Einmal wurde ich von einem großen Jungen verprügelt und klagte dies vor meinem Vater. Er ging dann mit mir zu dem Jungen, hielt ihn fest und sagte: "So, Simon, jetzt schlag ihm ihn mal ordentlich in die Fresse... nochmal, das war zu schwach... so, und jetzt noch einmal richtig fest auf die Nase!" Der Junge heulte so sehr, dass er mir fast schon leid tat. Eine Frau aus dem Hochhaus, die das beobachtet hatte, rief herunter: "Wenn das mein Sohn wäre, dann hätte ich jetzt die Polizei gerufen!" Die Brutalität meines Vaters bekamen wir natürlich auch selbst manches Mal zu spüren. Als ich mich einmal mit meinem Bruder Marco zankte, kam mein Vater die Treppe hoch, schlug uns beiden wortlos mit aller Wucht ins Gesicht und ging wieder die Treppe runter. Er wollte einfach nur seine Ruhe haben und interessierte sich gar nicht für den Grund unseres Streits. Wir waren so geschockt, dass wir erst zeitverzögert anfingen zu heulen und zu schluchzen, vor allem wegen seiner Kaltherzigkeit.

Doch obwohl es meinem Vater gelang, das 1977 gekaufte Haus durch seine eiserne Sparsamkeit innerhalb weniger Jahre abzubezahlen, hatte mein Vater doch immer wieder den Eindruck, dass wir sein sauer verdientes Geld mit vollen Händen wieder ausgaben. So klopfte er immer wieder gegen die Badtür, wenn wir uns als Jugendliche beim Duschen in seinen Augen zu viel Wasser verbrauchten. Wenn er dann selber duschte, dann ließ er immer nur durch einen feinen Rinnsal seine Haut benetzen, so dass man wirklich nicht sagen konnte, dass er geizig sei, sondern nur sparsam, denn er gönnte sich auch selber nichts. Mitte der 80er Jahre fing mein Vater dann an, die Heizungen immer wieder herab zu drehen, denn in seinen Augen waren 21 C völlig übertrieben, sondern 18 C seien ausreichend. Als wir dann immer wieder die Heizungen auf Stufe 5 hochdrehten, begann ein "Heizungskrieg" zuhause. Immer wieder kamen wir von der Schule nach Hause und das Haus war völlig unterkühlt. Aber auch die Heizungen gingen nicht mehr, weil mein Vater die Zentralregelung im Wohnzimmer ausgeschaltet und die Wohnzimmertür abgeschlossen hatte. Wir gingen dann alle in die Küche und machten unsere Hausaufgaben bei geöffneter Backofentür, was letztlich auf Dauer ein Vielfaches an Strom verbrauchte.

Meine Mutter hatte sich Anfang der 80er Jahre emanzipiert und sich von den meist geschiedenen Freundinnen aus einer "Selbsterfahrungsgruppe" beschwatzen lassen, sich von meinem Vater scheiden zu lassen. 1983 machte meine Mutter deshalb in einem Familienrat mit uns 4 Kindern eine Abstimmung, wer denn für eine Scheidung sei und wer dagegen. Alle außer mir waren damals gegen eine Scheidung. Ein Jahr später, als ich inzwischen schon gläubig geworden war, wiederholte meine Mutter die Abstimmung. Diesmal war es genau anders herum: alle waren für eine Scheidung, nur ich war dagegen. Meine Mutter hatte es also geschafft, uns alle so sehr zu beschwatzen, dass am Ende fast alle auf ihrer Seite waren. Das lag auch daran, dass mein Vater so gut wie nie zuhause war, da er vier Berufe gleichzeitig ausübte: Morgens klebte er Werbeplakate, zwischendurch befüllte er seine Zigaretten- und Süßwarenautomaten und abends ging er dann ins Krankenhaus, um dort Nachtdienst zu machen. Und dann gab es noch einen Hausverkauf von Bier und Limonaden, den meistens meine Mutter oder wir für ihn ausführten, da er ja meist nie zuhause war. Durch das ständige Abstellen der Heizung fühlte sich meine Mutter schließlich so sehr gedemütigt und entmündigt, dass es eines Tages vor der Wohnzimmertür zu einem Handgemenge zwischen den beiden kam, in dessen Folge mein Vater am 23.05.1986 per Gerichtsbeschluss das Haus verlassen musste. Er wohnte dann ein Jahr lang auf einer Parzelle bis meine Mutter - die inzwischen gläubig geworden war - ihn wieder zurück nach Hause holte. Doch die Ehe meiner Eltern hing weiter am seidenen Faden, so dass meine Mutter sich dann im Frühjahr 1995 endgültig von ihm trennte und auszog.

Mein Vater hatte diese Trennung als dermaßen demütigend empfunden, dass er jahrelang darunter litt und sie sein häufigstes Gesprächsthema war. Und jetzt sah er, wie glücklich Ruth und ich miteinander waren und empfand sowohl Neid als auch Wehmut. Nun wollte er dies wieder gut machen, indem er uns umso großzügiger mit Unterstützung bedachte. Es war so, als würde er sein Leben nun durch mich weiterleben wollen, und so spendierte er mir den 4. als auch den 3. von insgesamt vier Lehrgängen der Meisterschule (Pädagogik und Wirtschaft), die ich von Januar bis März 1997 besuchte und erfolgreich bestand. Zwischendurch unternahm ich Fahrstunden und schaffte dann am 09.04.1997 endlich meinen Führerschein, nachdem ich zuvor zweimal durchgefallen war. Mit dem Geld meines Vaters kaufte ich mir dann auch meinen ersten Gebrauchtwagen, einen 12 Jahre alten Ford Taunus, den ich später von beige nach dunkelblau umlackierte. Allerdings wusste ich nicht, dass mein Vater jede einzelne Spende auf einen Zettel notierte und später es einmal von mir wieder zurückforderte, weil es aus seiner Sicht nur geliehen aber nicht geschenkt war. Ich zahlte es dann auch später über Jahre in Raten zurück.

"Wer ist Jesus für dich"?

Als ich im November 96 mit Hans-Udo Hoster in Ecuador war und ihm bekannt hatte, dass ich nicht mehr gläubig sei, fragte er mich: "Wer ist denn jetzt der HErr Jesus für dich?" Diese Frage konnte ich damals nicht beantworten, und ich war auch vier Monate später nicht dazu in der Lage. Mir war aufgefallen, dass ich zwar wusste, woran ich nicht mehr glauben konnte, aber ich konnte eigentlich noch gar nicht sagen, an was ich jetzt glaube. Hatte der HErr Jesus all das wirklich gesagt und getan, was in den Evangelien von Ihm gesagt wurde? Wenn Nein, dann muss sich dies alles ein unglaublich genialer Phantast ausgedacht haben, was kaum wahrscheinlich ist (Man denke nur an solche äußerst weisen Aussagen wie: "Wenn jemand dich auf die rechte Wange schlagen will, dann halte ihm auch die Linke hin" oder "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist" oder "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein"). Wenn Jesus diese Sätze aber wirklich gesagt hat, dann muss Er entweder doch das sein, was Er von sich sagt, nämlich der Sohn Gottes, oder aber Er müsste ein größenwahnsinniger Geisteskranker sein, der sich für Gottes Sohn hielt. Aber dies dem HErrn zu unterstellen, traute ich mich damals nicht.

In den letzten Monaten war ich viel zu sehr abgelenkt und fand keine Zeit, mich mit meinem neuen Glauben selber erst einmal ernsthaft auseinanderzusetzen. Aber wenn schon eine solch simple Frage mich völlig aus der Bahn warf, wie sollte ich mich dann in Zukunft mit anderen Gläubigen auseinandersetzen? Wie konnte ich behaupten, dass ich nach wie vor an Gott glauben würde, wenn dieser Glaube doch inzwischen überhaupt keine Grundlage mehr in der Schrift hatte? Man würde mir zu recht den Vorwurf machen, dass ich mir ein Wunsch-Gottesbild konstruiert hätte, da ich meinen Glauben auf keinerlei Beleg gründen würde. Jetzt, wo ich noch arbeitslos war, hatte ich Zeit, mir mal eine neue Argumentationsbasis anzueignen; aber dazu musste ich Bücher lesen, um mal zu sehen, wie andere Gelehrte und Theologen über diese Fragen dachten. Ich musste mir aus den vielen Ansichten anderer mal eine eigene Meinung bilden. So ging ich also in die Stadtbibliothek und fand ein Buch von Bertrand Russel mit dem Titel: "Warum ich kein Christ bin". Ja, genau das wollte ich ja wissen. Russel schrieb über Jesus, dass durch Seine Lehre von der Hölle viel Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit über die Welt gekommen sei, und dass man, würden diese Sätze wirklich von Ihm stammen, Ihn auch dafür verantwortlich machen müsste. Aber stimmt das? Konnte man Jesus für die Kreuzzüge und die Inquisition verantwortlich machen? Nein, denn Er hatte ja gar nicht erlaubt, Menschen zu töten. Aber wären die Menschen auch dann noch so unbarmherzig gewesen, wenn der HErr nie von einer Hölle oder einem Endgericht gesprochen hätte? Konnten die Menschen sich denn nicht auch Gott zum Vorbild nehmen, indem sie sich sagten: "Wenn Gott quälen darf, dann dürfen auch wir quälen!"?

Bertrand Russel schrieb auch über das sinnlose Streben des Menschen, das vergängliche Glück durch die Hoffnung auf ein ewiges Leben festhalten zu wollen. Einen Satz von ihm habe ich mir gelb markiert, weil ich ihn damals ziemlich gut fand: "Die wahre Liebe ist es auch dann noch, wenn sie vergeht, und auch das Leben und das Glück verlieren nicht ihren Wert, nur weil sie nicht ewig sind." Mit anderen Worten: Was ist so schlimm daran, dass das Leben vergänglich ist? Reichen denn nicht 80 Jahre aus, um genügend Glück im Leben erfahren zu haben? Was will der Mensch mit einem unendlich währenden Leben anfangen? Wäre es nicht geradezu ein Alptraum, wenn man in alle Ewigkeit immerzu einen geltungsbedürftigen Gott loben müsste, ohne noch irgendetwas anderes machen zu können/dürfen? Und welchen Sinn soll das haben? - Früher hätte ich mich nie getraut, mir solche Fragen zu stellen oder überhaupt solch ein Buch zu lesen, denn das war absolut tabu. Jetzt aber fühlte ich mich in meinem Denken frei und wollte wie René Descartes erst einmal alles in Zweifel ziehen, bevor ich wieder irgendetwas als gegeben voraussetzen wollte. Ganz allmählich dämmerte mir, dass der biblische Gott zu viele allzu menschliche Eigenschaften hatte, die Ihn aus meiner Sicht als echten Gott disqualifizierten. Stattdessen drang sich mir umso mehr der Verdacht auf, dass die Bibel nur ein Erklärungsversuch für das Unverstandene sei, dabei aber ein Gott beschrieben wurde, dessen Charakter in sich widersprüchlich sei und damit das ganze Konzept der Bibel nicht ausreichend durchdacht war. Wozu sollte Gott z.B. Rache üben wollen, wenn Rachegefühle doch eigentlich ein Zeichen von charakterlicher Schwäche sind? Und welchen Sinn sollte der Glaube machen, wenn Gott doch auch eindeutige Offenbarungen für alle Menschen hätte schenken können?

Ich nahm mir vor, einen Abschiedsbrief schreiben zu wollen, in welchem ich all meinen Glaubensgeschwistern die Gründe für meinen Abfall nennen würde, damit ich sie nicht immer in jedem Einzelfall wiederholen müsse. Doch zuvor musste ich erst einmal selbst mich mit Argumenten wappnen, um mögliche Schwachpunkte in meiner Beweisführung zu vermeiden. Dazu wollte ich mir aus der Bibliothek mehr Bücher zum Thema ausleihen und die Argumente prüfen lassen, indem ich sie in Briefen an die Brüder Hans-Udo und Bernd verwenden würde. Nach und nach würde ich dadurch feststellen können, welche Beweise wirklich stichhaltig sind, um sie dann in meiner Streitschrift verwenden zu können. Sollte es jedoch passieren, dass mir dabei ein Argument von Seiten des christlichen Glaubens begegnet, dem ich nicht widerstehen könnte, dann würde ich dies noch einmal zum Anlass nehmen, die Gründe für meinen Zweifel noch einmal anzuzweifeln und neu zu überdenken.

Ich war jetzt auch bereit, meiner Mutter und meinen Geschwistern meinen neuen Standpunkt zu bekennen, aber nicht mehr im Sinne eines gescheiterten Glaubens, sondern als eine - wie ich es tatsächlich sah - Weiterentwicklung des Glaubens auf eine höhere Stufe der Einsicht in die eigentlichen Absichten Gottes. Meine Mutter sollte nicht denken, dass ich jetzt weniger Glauben habe, sondern MEHR Glauben, weil ich nicht nur die sichtbaren Zeilen der Bibel verstanden habe, sondern nun auch zwischen den Zeilen lesen könne, was Gott eigentlich wolle. Vielleicht würde es mir gelingen, meine Mutter sogar für meine Sichtweise zu gewinnen. Und wenn nicht, dann solle sie wenigstens nicht betrübt oder enttäuscht sein, dass ich mich verändert habe. Tatsächlich hatte meine Mutter mein Bekenntnis mit Fassung aufgenommen. Meine Gedanken verstand sie nicht, aber sie war sich sicher, dass auch ich eines Tages bei Jesus im Paradies sein und Er mir dann alles recht erklären würde.

Nach und nach bekannte ich dann meinen beiden geistlichen Vätern Bernd Fischer und Hans-Udo Hoster, dass ich die Bibel für mich nicht mehr als Glaubensgrundlage anerkennen könne, da ich zu viele grundsätzliche Zweifel und unbeantwortbare Fragen im christlichen Glauben gefunden habe. In vielen Briefen versuchten beide nun eifrig, auf meine Fragen einzugehen. Bruder Bernd war der Überzeugung, dass meine Herzensverstockung ihre Ursache in einer nicht von mir bekannten und damit auch nicht vergebenen Sünde lag, wodurch der Widersacher ein Anrecht bekam, mich zu täuschen und blind für die Wahrheit zu machen. Seiner Vermutung nach, bestand diese Sünde aber nicht etwa darin, dass ich schon öfter mal Pornofilme angesehen oder mich mit antichristlicher Literatur beschäftigt hatte, sondern darin, dass ich meine GEZ-Gebühren nicht entrichtet hatte, obwohl ich doch schon seit einiger Zeit wieder fernsehen guckte. Ich empfand diesen Vorwurf als eine lächerliche Bagatelle, aber für Bernd war dieses Unrecht vergleichbar mit der Sünde Achans, durch die er einen Bann und einen Fluch auf sich und das Volk Gottes gebracht hatte. Bernd schrieb mir am 16.02.97, dass ich über diese Sünde Buße tun möge, selbst sogar dann, wenn ich gar nicht davon überzeugt sei, und die GEZ-Gebühren nachträglich entrichten sollte, damit Gott mir den Schleier meiner Blindheit hinweg nehmen könne. Er bot mir sogar an, mir bei der finanziellen Erstattung behilflich zu sein. Ich fragte mich jedoch, welchen Wert denn eine Tat haben könnte, wenn sie nicht aus Glauben geschehe, sondern nur aus Menschengefälligkeit.

Hans-Udo hingegen hatte eher den Eindruck, dass ich hochmütig sei, da ich nicht bereit war, die Lehre von der Allversöhnung, an die er glaubte, wirklich noch einmal gründlich zu prüfen, denn gerade dieser Widerspruch, dass der in der Bibel beschriebene Gott der Liebe angeblich die Ungläubigen für alle Ewigkeit verdammen würde, war ja einer der Hauptgründe, warum ich nicht mehr an die göttliche Autorenschaft der Bibel glauben konnte und wollte. Für ihn war der Feuersee nicht nur ein Ort der Bestrafung, sondern auch der Zurechtbringung, weil durch diese Haftstrafe der Mensch Gelegenheit zum Nachdenken und Umdenken bekomme, um dann am Ende Gott um Vergebung und Begnadigung zu bitten. Ich entgegnete ihm, dass ihm, dass Jesus aber doch von einer „ewigen Qual“ spräche, also einer sinnlosen Folterung, die allein der Befriedigung angeblicher Rachegefühle diene, die eines echten Gottes doch unwürdig seien. Und selbst wenn dieses „fire boarding“ tatsächlich dem Zwecke dienen würde, den Menschen zu brechen, so sei es doch eine höchst unmoralische Erpressung und ein Geständnis, das erst durch Folterung erzwungen wurde und daher wertlos sei. „Könne man sich vorstellen“, so fragte ich Hans-Udo damals, „dass sich die vom Feuer gegrillten und verkohlten Wesen sich nach jahrhundertelanger Marter am Ende in die liebenden Arme eines Gottes werfen, der ihnen selbst diese Qualen bereitet hatte?

Meine neue Arbeit als Betriebsmaler

Beim regelmäßigen Lesen der Stellenanzeigen, fand ich eine, die meine Aufmerksamkeit erregte: Im Industriegebiet von Stuhr-Brinkum, also in unmittelbarer Nähe von Bremen-Kattenesch, wo wir wohnten, suchte eine Kran-Spedition einen Betreibsmaler. Etwas Besseres konnte es doch für mich gar nicht geben, denn dann könnte ich mein eigener Chef sein und niemand würde mich mehr kontrollieren! So rief ich bei der Fa. Mennen & Wittmann GmbH & Co KG an und vereinbarte ein Vorstellungsgespräch. Der Chef, Herr Wittmann, sprach selbst mit mir, und meinen Ehrgeiz, diesen und sonst keinen Job haben zu wollen, schien er wohl gespürt zu haben, so dass er mir am Ende die Zusage gab. Meine Mutter hatte mir mal erzählt, wie sie sich damals bei der Personalchefin des Evangelischen Diakonissenkrankenhauses bewarb. Sie sagte damals zu ihr: "Ich weiß, dass ich diesen Arbeitsplatz bekommen werde." - "Ach, tatsächlich? und was macht sie da so sicher?" fragte die Oberin. "Weil Gott selbst es mir gezeigt hat. Gott will nämlich, dass ich hier arbeiten soll, wissen Sie." - "Na wenn das so ist“, sagte die Oberin, "dann brauche ich ja jetzt auch keine Entscheidung mehr treffen, denn wie vermöchte ich gegen den Willen Gottes etwas zu unternehmen!"

Auch Ruth wollte nach der Anerkennung ihres Doktortitels in Peru nun endlich als Tierärztin in Deutschland arbeiten; doch so einfach war es dann doch nicht. Nachdem sie ihre übersetzten und beglaubigten Diplome bei der Tierärztekammer Bremen vorgelegt hatte, erklärte man ihr, dass sie eine sog. Homologation bedürfe, d.h. eine Feststellung der Gleichwertigkeit der Studiengänge zwischen der Universität San Marcos in Lima und der Tierärztlichen Hochschule in Hannover. Nachdem wir diese dann beantragt hatten, teilte man uns in Hannover mit, dass Ruth noch in mehreren Fächern nachgeschult werden müsse. Das Fach Radiologie wurde z.B. in Lima überhaupt nicht behandelt; aber auch mehrere andere Fächer entsprachen nicht dem deutschen Standard. Das bedeutete aber, dass Ruth etwa ein Jahr lang regelmäßig wieder zur Uni nach Hannover gehen müsse, um am Ende auch ihre Anerkennung in Hannover zu erlangen. Deshalb überlegten wir uns, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn wir zum Ende des Jahres nach Hannover ziehen, zumal ich dann auch dort die Teile 1 (Fachtheorie) und 2 (Fachpraxis) meiner Meisterschulausbildung in Vollzeit absolvieren könnte. In der Zwischenzeit könnte Ruth erst mal richtig gut Deutsch lernen, denn ihre damaligen Kenntnisse reichten gerade einmal nur dazu aus, um sich verständlich zu machen, aber nicht, um an einer Universität zu studieren. Die Volkshochschulen boten ja zum Glück auch Intensivkurse an, durch welche man jeden Tag vormittags innerhalb eines halben Jahres sehr schnelle Fortschritte mache im Deutschlernen. Deshalb meldete sich Ruth für einen solchen an für das Semester von Februar bis August. Allerdings brauchten wir dafür ein Kindermädchen, das während des Tages auf Rebekka aufpassen sollte. Uns kam dafür Rossana (22) in den Sinn, die Pflegetochter von Ruths Bruder Israel, die seit ihrem 14. Lebensjahr im Hause von Israel und Alexandra wohnt und sich schon damals um deren Kinder gekümmert hatte, als sie noch Babys waren. Am Ende hatten mein Schwager und seine Frau die Rossana einfach als Tochter angenommen, so dass Rossana den Israel immer "meinen Papa" nannte. Wir fragten Rossana also, ob sie bei uns für ein Jahr als Au-Pair-Mädchen arbeiten würde, und sie willigte ein. Dann beantragten wir für Rossana ein Jahresvisum und kauften für sie einen Hin- und Rückflug für die Zeit von Ende Mai 1997 bis Ende Mai 1998. Die Kosten hierfür konnte sie abarbeiten. Obwohl sie recht hübsch war, vertraute mir Ruth, dass ich schon nicht in Versuchung kommen könnte, die 6 Jahre jüngere Rossana zu verführen, denn sie kannte mich gut genug, dass ich so etwas nie machen würde.

Auf der neuen Arbeitsstelle sollte ich zunächst die große Werkhalle streichen, dann einzelne Fahrzeugteile spritzen und schließlich die Fassaden der Gebäude nacheinander streichen vom Gerüst aus. Ich konnte mir die Arbeitsaufgaben tatsächlich selber aussuchen und meine Zeit frei einteilen. Niemand machte mir Vorschriften oder kontrollierte mich. Auch die Materialien durfte ich im nahe gelegenen Großhandel selbstständig auf den Namen der Firma einkaufen. Zu Mittag ging ich dann in den gemeinsamen Aufenthaltsraum und unterhielt mich beim Essen mit meinen Kollegen. Zwei davon waren Kfz-Mechaniker, aber die anderen waren alle Fernfahrer und auch schon etwas älter als ich. Eines Tages fragte mich einer der Mechaniker, wie viel ich denn verdiene als Betriebsmaler, und ich antwortete ihm wahrheitsgemäß "21,35 DM/Std." - "Echt?!" - "Ja, wieso?" - "Ich kriege gerade einmal nur 18,95 DM/Std, und die Fahrer bekommen sogar nur 17,60 DM/Std. Dann verdienst Du ja scheinbar hier am meisten!" - "Naja" sagte ich "ich bekomme einfach nur meinen normalen Tariflohn. Aber ich habe auch darauf bestanden, denn wenn der Chef mir weniger bezahlen wollte, hätte ich diesen Job hier gar nicht angenommen". Als ich zwei oder drei Tage später in die Firma kam, rief mich einer der Vorgesetzten zu sich in sein Büro und sagte: "Herr Poppe, wir haben ein ernstes Problem. Sie haben einem Mitarbeiter auf die Nase gebunden, wie viel Sie verdienen, und das hätten Sie nicht machen dürfen! Gestern kam einer der Fahrer zu mir ins Büro und hat sich beschwert, weil er schon 15 Jahre in der Firma arbeitet und trotzdem deutlich weniger bei uns verdient als Sie, obwohl Sie erst seit einem Monat bei uns arbeiten. Das hätten Sie nicht tun dürfen, denn das gibt doch böses Blut!" - "Es tut mir leid," sagte ich, "dass ich dieses verraten hatte, aber ich wusste ja nicht, dass die anderen hier alle viel weniger verdienen. Ich bitte vielmals um Entschuldigung."

In den Tagen danach verschlechterte sich die Beziehung zwischen mir und den Arbeitern etwas, was aber wohl auch daran lag, dass ich mich schon immer eher zurückzog und ein Einzelgänger war. Vor allem litt ich aber unter ständiger Müdigkeit, da ich nachts immer aufstehen musste, wenn Rebekka ihr Fläschchen wollte. Manchmal suchte ich mir während der Arbeit einfach ein stilles Plätzchen, wo ich ein Nickerchen machen konnte. Einmal stand ich während der Mittagspause auf, weil ich mich schämte, am Tisch zu dösen, und ging auf Toilette, um in der abgeschlossenen Kabine heimlich zu schlafen. Dabei muss ich wohl etwas laut geschnarcht haben, denn die Kollegen hatten es gemerkt und unter sich gespottet: "Der Poppe ist doch glatt auf Toilette eingeschlafen!" Aus Spaß hatten sie dann leise einen Eimer voll mit Wasser gefüllt und ihn über der Kabinentür auf mich entleert, indem sie lachend wegliefen. Ich musste mich danach erst mal umziehen. Ein anderes Mal war ich gerade dabei, die Reling der Yacht meines Chefs mit Klarlack zu lackieren, als mich eine totale Müdigkeit überfiel. Weil ich ganz allein in dieser Yachthalle war, ging ich einfach in die Kajüte und legte mich dort für 10 Minuten hinein. Auf einmal hörte ich draußen Stimmen und mein Herz schlug mir bis zum Hals: Es war der Chef Herr Wittmann höchst persönlich zusammen mit einem der Vorgesetzten! Ich dachte: "Wenn die jetzt auf die Yacht steigen und mich in der Kajüte erwischen, wo sonst Herr Wittmann mit seiner Frau schläft, dann bin ich geliefert!" Aber glücklicherweise gingen sie nach einer Weile wieder hinaus und ich setzte meine Arbeit fort.

Samstags fuhr ich dann immer mit Ruth und Rebekka in die Innenstadt, wo Ruth mit ihr auf den Flohmarkt ging, während ich die Stadtbibliothek besuchte, um mir Bücher und CDs auszuleihen. Schon früher war Musik meine Leidenschaft gewesen, aber ich hatte mich ihr aus Glaubensgründen all die Jahre enthalten. Nun aber konnte ich mir nach Herzenslust wieder Musik anschaffen ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben, zumal Ruth ja selber auch gerne Musik hörte. Zunächst hörte ich einfach nur Popmusik, aber allmählich merkte ich immer mehr meinen Hang zur sog. Gothic-Musik. Hierbei handelt es sich um sehr romantische, aber zugleich auch schwermütige Lieder mit traurigen Texten über Gott und die Welt. Mitte der 90er Jahre war in Deutschland eine regelrechte Szene entstanden für diesen Musikstil, weil sich viele junge Erwachsene nicht mit der vorherrschenden Rave- und Dance-Musik identifizieren konnten, da diese völlig seelenlos war und nur dem Zweck diente, sich in einen rauschhaften Trance-Zustand zu versetzen. Die Gothic-Musik hingegen drückte jene Melancholie und Weltschmerz hervorragend aus, den scheinbar nicht nur ich, sondern auch viele aus meiner Generation empfanden. Die meist deutschen Texte behandelten vorwiegend die Tatsache des Todes, als würde man sich dagegen auflehnen wollen, dass diese von allen anderen Menschen immer nur verdrängt und geleugnet würde. Auch wenn man den Tod selbst auch nicht ungeschehen machen konnte, wollte man dieser Tatsache doch lieber während des Lebens immer ins Gesicht sehen, um sich besser damit abzufinden. Tatsächlich wirken durch diese Lieder dämonische Kräfte - wie mir heute bewusst ist, die den Menschen immer mehr verblenden und verhärten in seiner Enttäuschung gegenüber Gott und Ihn als Urheber für das menschliche Elend ansehen.


April - Juni 1997

Der Untergang des Hauses Israels

Mitte April erreichte uns eines Nachmittags ein Anruf aus Peru von meinem Schwager Israel. Den Tränen nahe teilte er uns mit, dass seine Frau Alexandra das Haus verlassen habe und im sagte, dass sie sich von ihm scheiden lassen wolle. Wir fragten erschrocken, ob denn irgendetwas passiert sei, aber Israel sagte nur, dass sie auf einmal völlig "verrückt" sei und er sie selber nicht verstehen könne. Für mich kam diese Entscheidung wirklich aus heiterem Himmel, denn ich habe Alexandra immer als ernste und eifrige Glaubensschwester gesehen und die Ehe der beiden als vorbildliche Musterehe in Erinnerung. Ruth hatte sogar mal gesagt, dass sie im Vergleich zu Raquel die Alexandra für die geistlichere von beiden hielte, denn ihre Briefe seien immer voller hochgeistlicher Gedanken gewesen. Aber Ruth hatte schon lange den Verdacht, dass Alexandra nur auf eine Gelegenheit gewartet habe, sich von ihrem Bruder zu trennen, denn dies war auch nicht das erste Mal. 1989 hatte Alexandra ihren Mann schon einmal verlassen nach der Geburt ihrer ersten beiden Söhne und war für ein Jahr nach Ecuador zurückgekehrt, wo sie selbst geboren und aufgewachsen war. Als sie 1990 zurückkam zu Israel, war sie schon kurz nach der Versöhnung wieder schwanger und bekam ein paar Monate später ihr drittes Kind, Angel Salomon. Schon damals munkelten einige aus der Familie hinter vorgehaltener Hand, dass dieses Kind nicht von Israel stamme, zumal es im Gegensatz zu seinen Brüdern viel hellhäutiger war; aber Israel bemerkte dies nicht und hatte auch nie einen Verdacht. 1993 nahm Gott den kleinen Angel Salomon durch eine Krankheit schon nach kurzer Zeit zu sich, wodurch Er indirekt zu Alexandra redete.

Und in der Tat war es auch diesmal so, wie sich später herausstellte, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt hatte. Israel war von Anbeginn der Ehe sehr arm und konnte seiner Frau nichts bieten. Das Leben in einem Haus aus Lehm mit einer Strohdecke in Parcona, dem ärmsten Stadtviertel von Ica, war für Alexandra nicht mehr die Erfüllung ihrer Träume, sondern allmählich zum Alptraum geworden. Israel hatte in den letzten 10 Jahren immer wieder versucht, die Familie mit kleinen selbständigen Tätigkeiten über Wasser zu halten, und Alexandra hatte Kleidung für Barbiepuppen gehäkelt, die aber in diesem armen Land auch keiner brauchte.         Aber Israel konnte Alexandra vielleicht auch in anderer Hinsicht nicht so viel bieten, zumal es einen deutlichen Altersunterschied zwischen ihnen gab. Wörtlich sagte seine 11 Jahre jüngere Frau später zu Israel: "Als ich Dich damals [1984] mit 19 Jahren geheiratet hatte, habe ich einen Vater gebraucht. Nun aber bin ich erwachsen geworden und brauche einen richtigen Mann!" Tatsächlich hatte der darin enthaltene Vorwurf eine Ursache in einer bis dahin nicht bekannten Erbkrankheit der Familie meiner Frau, nämlich der sog. Schilddrüsenunterfunktion (Hypotyroidismus), bei dem die Betroffenen unter ständiger Antriebslosigkeit und Schlaffheit leiden. Erst durch Zufall ist diese Krankheit bei Familie Condori entdeckt worden, so dass seither alle (inkl. meine Frau und meine Tochter) jeden Tag ein Medikament nehmen müssen namens Thyroxin, das das fehlende Schilddrüsenhormon ersetzt. Trotzdem konnte Israels Antriebslosigkeit natürlich in keinster Weise die Entscheidung Alexandras rechtfertigen, ihren Mann und ihre beiden Kinder im Alter von 9 und 10 zu verlassen, erst recht nicht, wenn sie bekennt gläubig zu sein.

Aber was für ein Verrat war dies nun an Gott und auch an Israel, dass sie ihren Mann nach 13 Ehejahren verlassen wollte, wo doch die Bibel dies klar verbietet! Wurde hier nicht einmal mehr deutlich - so fragte ich mich insgeheim damals - dass das ganze Christentum nichts weiter als ein großes moralisches Possenspiel sei, in welchem die Schauspieler bei der erstbesten Gelegenheit die Bühne wieder verlassen, wenn sie ihren Akt zuendegespielt haben? Ist nicht hier einmal mehr der Beweis geführt, fragte ich mich, dass es mit dem neuen Leben aus Gott und die Kraft der Auferstehung zu einem Leben in Heiligkeit doch nicht allzu weit her ist? Aber ich wollte angesichts der Tragik in der Familie meiner Frau keine Häme in mir aufkommen lassen, sondern empfand vielmehr tiefes Mitgefühl für meinen Schwager. Ruth und ich waren uns einig, dass wir Israel und seinen beiden Söhnen von nun an jede erdenkliche Hilfe zukommen lassen wollten. Wir wollten Geld sparen, um sie alle erst mal nach Deutschland zu holen, damit Israel getröstet und abgelenkt werde. Wir beantragten also je ein Visum für sie alle und sparten Geld, damit sie im August oder September zu uns nach Bremen kommen könnten.

Das Au-pair-Mädchen, das noch jemanden mitbrachte

Ende Mai holten wir dann Rossana Maldonado (22) vom Flughafen ab und freuten uns, dass wir nun eine Haushaltshilfe und ein Kindermädchen zugleich bei uns hatten aus unserem engsten Familienkreis. Rossana war still und demütig, und sie machte bereitwillig jede auch noch so geringfügige Arbeit im Haus. Zudem war sie auch sehr verantwortungsbewusst und kümmerte sich auch sehr gut um Rebekka, wenn wir nicht zuhause waren. Ich hatte sie jedoch auch nach drei Wochen noch immer nicht bei der Krankenkasse angemeldet, was ich mir an einem Montag Mitte Juni fest vornahm. Als ich jedoch nach Hause kam, sagte Ruth mir: "Simon, Du musst mit Rossana zum Arzt, denn sie fühlt sich schlecht und hat Schmerzen." - "Ich kann morgen mit ihr hingehen, aber heute Nachmittag wollte ich sie erst mal bei der Krankenkasse anmelden, denn ich habe sie ja immer noch nicht versichert." - "Nein, Simon, Du musst jetzt gleich gehen, denn Rossana hat starke Cholikschmerzen, und vielleicht ist es etwas Ernstes." - "Ja, gut, dann spreche ich mal mit unserem Hausarzt, ob er das Behandlungsdatum etwas zeitversetzt notieren kann." - "Nein, das geht nicht, Simon, denn Rossana muss zur Frauenärztin, denn sie hat Schmerzen im Unterleib." - "Aber ich habe doch schon gesagt, dass das nicht geht, weil ich sie erst noch versichern muss! Sonst müssten wir das aus unserer eigenen Tasche bezahlen." - "Dann nimm doch einfach meine Versicherungskarte und sage, dass Rossana Deine Frau sei und den Namen Ruth Condori habe. Das merkt schon keiner!" sagte Ruth [damals gab es noch kein Foto auf der VK].

So fuhr ich also mit Rossana zur Frauenärztin in Bremen-Neustadt, ging die Treppe hoch und erklärte der Arzthelferin: "Meine Frau klagt seit heute Nachmittag über starke Unterleib-Schmerzen." Rossana kam auch bald an die Reihe, und die Frauenärztin sagte: "Dann schau ich mir mal ihre Frau an. Wollen Sie sich dabei hier hinsetzen oder eben draußen warten?" - "Ach, ich warte ruhig eben draußen." sagte ich. Ich setzte mich im Flur hin, doch schon nach fünf Minuten ging die Tür wieder auf und die Frauenärztin rief mir zu: "Herr Poppe, kommen Sie bitte schnell herein!" - Ich hatte schon ein sehr mulmiges Gefühl, aber hoffte in diesem Moment erst mal nur, dass ich Rossanas Blöße nicht sehen würde, was zum Glück auch nicht der Fall war, da sie mir abgewandt lag. Die Ärztin erklärte mir aufgeregt: "Herr Poppe, ihre Frau ist doch HOCHSCHWANGER, und die Schmerzen sind Geburtswehen gewesen! Sie wird jeden Moment ein Kind bekommen, denn de Fruchtblase ist schon geplatzt. Sie muss jetzt sofort ins Krankenhaus gebracht werden, damit das Kind dort entbunden wird. Ich werde sofort einen Krankenwagen bestellen und einen Notarzt!" - In diesem Moment sah ich keinen anderen Ausweg, als die Wahrheit zu sagen: "Entschuldigen Sie, Frau Doktor, aber ich muss Ihnen bekennen, dass ich nicht ganz ehrlich war, denn diese junge Dame ist nicht meine Frau, aber ich wusste auch nicht dass sie schwanger ist. Das Problem war nämlich, dass sie nicht versichert ist und ich deshalb die Versicherungskarte meiner Frau verwendet hatte. Ich muss das jetzt alles aus eigener Tasche bezahlen, deshalb wollte ich mal fragen, ob ich Rossana selber ins Krankenhaus fahren kann?" Die Ärztin schaute mich überrascht an und erwiderte dann: "Nein, tut mir leid, aber das kann ich nicht verantworten! Sie muss auf jeden Fall jetzt mit dem Krankenwagen abgeholt werden, und ich habe das eben gerade auch schon veranlasst."

Der Krankenwagen kam. Rossana wurde auf eine Bahre gelegt und von mehreren Sanitätern die Treppe runtergetragen. Ich fuhr in meinem Auto hinterher und zitterte am ganzen Leib. Als ich in den Wartebereich des Kreißsaals ankam, ging die große Schiebetür auf und ein junger Arzt kam heraus mit Mundschutz und einem kleinen Baby im Arm. Der Junge wog bei seiner Geburt nur 1900 Gramm, was wohl der Grund war, dass man der Rossana gar nicht ansah, dass sie schwanger war. Der Junge wurde nach Aussagen der Ärzte im 9. Monat geboren, aber aufgrund seiner Unterentwicklung erst einmal in den Brutkasten gebracht, um ihn zu beobachten. Ich rief vom Krankenhaus aus Ruth an und erzählte ihr alles. Sie kam dann her und wir gingen gemeinsam in Rossanas Zimmer. "Rossana, warum hast Du uns nicht gesagt, dass Du schwanger bist?" - "Ich hatte doch selber keine Ahnung!" antwortete Rossana ängstlich, "Ich habe doch bis jetzt fast immer noch meine Regel gehabt. Außerdem habe ich auch noch nie mit einem Mann geschlafen, ich schwöre es!" Ruth und ich schauten uns an, und weil ich etwas zögerte, sagte Ruth: "Rossana, die einzige Frau, die bisher als Jungfrau ein Kind bekommen hatte, war Maria, die Mutter Jesu, und ich glaube nicht, dass auch Du jungfräulich empfangen hast." Ich ergänzte Ruths Worte: "Rossana, wenn Du mit jemandem eine Beziehung hattest, dann kannst Du uns das ruhig sagen, wir verstehen das schon. Aber bitte sage uns die Wahrheit." Rossana sagte dann aufgeregt: "Es gibt da eine Möglichkeit, wie das vielleicht passiert sein konnte: Das gibt da so einen jungen Mann, der mich immer vom Institut abgeholte, wo ich studiert hatte und mich auf dem Heimweg begleitete. Eines Tages lud er mich auf eine Cola ein. Ich glaube, dass er irgendetwas ins Getränk hineingetan haben muss, denn an jenem Tag wachte ich Stunden später auf und hatte den Eindruck, dass er mich entjungfert hat, war mir aber nicht sicher."

Konnte man diese Geschichte glauben? Ich glaubte sie. Denn ich hielt Rossana einfach für viel zu einfältig, als dass ich ihr zugetraut hätte, uns anzulügen. Später musste ich jedoch feststellen, dass ich Rossana völlig unterschätzt hatte, da ich noch viele Male mitbekam, wie sie gekonnt log (Not macht ja bekanntlich erfinderisch). Auf jeden Fall war Rossana jetzt Mutter geworden, und als solche trug sie von nun an Verantwortung vor Gott. "Willst Du das Kind behalten oder zur Adoption geben", fragte Ruth. "Ich weiß nicht so recht" sagte sie, "denn einerseits ist es ja mein Kind, das ich mir immer gewünscht habe; aber andererseits wird der Junge dann keinen Vater haben und deshalb ein schweres Leben. Was meint ihr?" Ruth sagte: "Ich denke, dass Du das Kind annehmen solltest, denn Gott hat dies so gewollt". - "Du hast recht, Tante Ruth, dann mach ich das so mit Gottes Hilfe." - "Weißt Du schon einen Namen für Dein Kind?" fragte ich sie. "Ach, tío Simon, mir wäre es ganz lieb, wenn Du einen Namen für den Jungen auswählst!" Ich überlegte und dachte in diesem Moment an das Findelkind Moses, das die Mutter nicht behalten konnte und deshalb in einen Korb in den Nil gab, damit es jemand anderes finden und auferziehen möge. "Was hältst Du von dem Namen Moisés?" - "Ja, das ist ein schöner Name, dann nennen wir ihn so" sagte sie.

Es war Montag, der 17.06.1997, als Moses (span. Moisés) am späten Nachmittag geboren wurde. Als ich am Abend nach Haus fuhr, machte ich mir Sorgen, wie viel das alles wohl kosten würde, denn ich musste es ja jetzt alles aus eigener Tasche bezahlen. Da erinnerte ich mich an meine Mutter, wie sie damals immer wieder viel Erfolg hatte, wenn sie über Radio Bremen einen Spendenaufruf gemacht hatte. Wenn der Radiosender dafür im Gegenzug eine rührselige Geschichte bekommt, dann würde er das bestimmt machen. Fragen kostet ja nichts. Ich rief also am nächsten Tag bei Radio Bremen an und erzählte dem Redakteur die Geschichte, und ob man da nicht einen Spendenaufruf machen könne. Dem Redakteur gefiel die Geschichte und er schickte prompt einen Reporter ins Krankenhaus, der mich und Rossana interviewte. Er machte dann auch noch ein kurzes Interview mit dem zuständigen Frauenarzt im Krankenhaus, ob dies überhaupt möglich sei, dass eine Frau nicht merkt, dass sie schwanger sei. "Ja, das kommt durchaus häufiger vor, als man denkt, denn manche Frauen verdrängen ihre Schwangerschaft so sehr, dass sie die deutlichen Zeichen einfach ignorieren und sie anders interpretieren. Das ist also vor allem ein psychologisches Phänomen." Als der Reporter dann wieder gehen wollte, fragte ich ihn, ob es denn am Ende des Beitrages auch einen Spendenaufruf geben würde. "Nein, das können wir nicht machen."- "Warum nicht?" - "Einfach deshalb, weil niemand etwas dafür spenden würde. Sagten Sie nicht selbst, dass sie Frau Maldonado nicht rechtzeitig versichert hatten? Glauben Sie, dass jemand wegen Ihrer Nachlässigkeit bereit wäre, eine Spende zu geben?"

Am nächsten Tag wurde Rossana entlassen, aber ihr Kind sollte weiter im Brutkasten versorgt werden. Erst nach einer Woche konnten wir Moses mitnehmen mit der Auflage, dass er weiter unter ärztlicher Kontrolle bleiben müsse. So brachten wir ihn zum Kinderarzt Dr. Wahlers, der schon mich und meine Geschwister als Kleinkinder verarztet hatte. Dieser untersuchte Moses gründlich und stellte zunächst bei ihm einen sog. Nystagmus fest, d.h. ein unkontrollierbares Wackeln der Augenpupille. Eine Untersuchung seines Kopfes ergab, dass der Mittelbalken seines Gehirns angeblich nicht zusammengewachsen und deshalb damit zu rechnen sei, dass "das Kind geistig behindert sei" (Wahlers). Zum Glück stellte sich Jahre später heraus, dass Dr. Wahlers sich in dieser Einschätzung geirrt hatte. Aber wir mussten Mose regelmäßig wöchentlich zur Physiotherapeutin bringen, da er aufgrund seiner Sehschwäche auch in der Wahrnehmung seiner Umgebung und damit seiner Orientierung eingeschränkt war. Die Kosten hierfür übernahm die Versicherung, aber die Kosten für den Krankenhausaufenthalt in Höhe von 9.400,-DM musste ich selber aufbringen. Ich durfte sie jedoch in Raten abbezahlen. Was ich in jenen Tagen und Wochen jedoch völlig übersehen hatte, war, dass ich Moisés beim Standesamt hätte registrieren müssen. Offiziell existierte er so also noch gar nicht, denn seine Daten waren noch nirgendwo gespeichert. Erst ein Jahr später war dies durch Zufall aufgefallen und wurde dann von mir nachgeholt.

Moisés war ein sehr hübscher Junge. Er wollte immer getragen werden, und sobald Rossana ihn absetzte, fing er immer an zu schreien. Deshalb band ihn Rossana mit einem Tuch auf ihren Rücken, damit sie die Hände frei hatte. Nun musste sie sich tagsüber um zwei Kinder kümmern, da ja inzwischen auch Ruth wieder angefangen hatte, vormittags zu arbeiten. Aber auch Elena, unsere Nachbarin die unter uns wohnte, half öfter mal aus, zumal sie früher mal als Kinderhelferin gearbeitet hatte. Verständlicherweise hatte sich inzwischen auch unser Verhältnis zu Elena deutlich verbessert. Wir gingen damals aber soweit ich weiß noch in keine Gemeinde, außer in den Spanischkreis. Alle 2 bis 3 Monate besuchten wir auch die Geschwister Edgard und Hedi Böhnke in Blumenthal, die sich jedes Mal sehr darüber freuten.


Juli - September 1997

Der Tod von Lady Diana

Ende August 1997 starb die englische Prinzessin Lady Diana bei einem Autounfall in Paris zusammen mit ihrem Geliebten Dodi Al-Fayed. Doch nicht ihr Tod als solcher war so bemerkenswert, sondern die völlig übertriebene Trauer um sie, die plötzlich ganz Europa wie einen Schleier der Schwermut ergriff. Diese echte Trauer - auch der Deutschen - hatte gar keinen rationellen Grund mehr, denn kaum einer hatte sich zuvor besonders für Lady Diana interessiert, außer vielleicht die Leser der Klatsch- und Tratschpresse. Nein, dieses Trauergefühl hatte sich völlig abgelöst von der eigentlichen Ursache und sich verselbstständigt. Der Tod von Lady Diana stand symbolisch für einen Opfertod des Guten durch das Böse, ähnlich vergleichbar wie der Tod von John-F. Kennedy 1963, als sogar mein Vater spontan anfing zu weinen, als er damals als 22-Jähriger im Radio davon erfuhr.

Was aber war der Hintergrund? Lady Diana Spencer hatte 1981 als 19-Jährige den um 11 Jahre älteren Prinz Charles geheiratet, ohne zu wissen, dass dieser damals schon eine heimliche Jugendfreundin hatte namens Camilla, von der zu trennen er es aber nicht übers Herz brachte. So führten sie also in den ersten 10 Jahren im Grunde eine "Ehe zu Dritt", unter der Diana zunehmend litt. Ganz ähnlich und parallel war aber auch die Ehe von meinem Schwager Israel verlaufen, als er 1984 als 30-Jähriger die 11 Jahre jüngere Alexandra heiratete, nur dass Israel keine heimliche Jugendfreundin besaß, dafür aber durch eine vererbte Schilddrüsenunterfunktion etwas in seiner Libido eingeschränkt war. Und so wie Lady Diana sich dann aus Frust in ihren Reitlehrer verliebte und später in den arabischen Millionärssohn Al-Fayed, so ging auch Alexandra während ihrer unglücklichen Ehe immer wieder heimlich fremd, bis sie sich dann endgültig in den - damals noch - Dozenten eines Computerkurses verliebte. Prinz Charles stand für den Zwang und Lady Diana für die Freiheit. Man hatte also unbewusst den Eindruck, dass die Freiheit von dem Zwang getötet wurde. Und tatsächlich wollten schon damals viele notorische Verschwörungstheoretiker nicht an einen plumpen Autounfall eines betrunkenen Fahrers glauben, sondern an einen heimtückischen Mord.

Der Tod von Lady Diana 1997 löste ähnlich wie der Tod von Che Guevarra 50 Jahre zuvor auch eine Welle der Wut und Empörung gegen das "alte System" und die "verknöcherten Strukturen" aus. Manche verlangten sogar, dass man die englische Monarchie ganz abschaffen sollte, zumal Königin Elisabeth kaum ehrliche Trauer zeigte über den Tod ihrer Ex-Schwiegertochter. Zunächst wurde ihr sogar von königlicher Seite ein Staatsbegräbnis verweigert, weil die Ehe ja bereits rechtmäßig geschieden war. Lady Diana, die sich zu Lebzeiten auch für die weltweiten Opfer von Tretminen eingesetzt hatte, wurde derweil posthum zu einer Heiligen hochstilisiert und ihr Tod als heldenhafte Tragödie betrauert, so als ob sie mit sämtlichen Menschen Europas persönlich verwandt war. Zur selben Zeit lief ironischerweise gerade der Film "Titanic" in den Kinos, wo ebenso der Held am Ende sein Leben ließ für seine verbotene Geliebte, in der Hoffnung, sie dermal einst im Totenreich wieder zu sehen. Der Taschentuchverbrauch bei diesem Herzschmerz-Blockbuster war so groß, dass viele Frauen den Film bis zu 50-mal hintereinander anschauen wollten.

Parallel zur Empörung gegen das englische Königshaus war auch der Groll gegen die neoliberale Politik sämtlicher Regierungen Europas in den letzten 15 Jahren. Man wollte auch in Deutschland endlich einen Politikwechsel, weil die Leute allmählich "die Birne" Helmut Kohl leid waren. Das CDU-Argument, dass dem Kohl doch die Deutsche Einheit zu verdanken sei, hatte allmählich an Strahlkraft verloren, zumal von den versprochenen "blühenden Landschaften" im Osten auch sieben Jahre nach der Vereinigung nichts zu sehen war, sondern im Gegenteil nur Stilllegungen von unrentablen Industrien und Massenarbeitslosigkeit. Die Kohl-Regierung hatte in den Augen vieler das Land abgewirtschaftet und gehörte deshalb endlich abgewählt. Man träumte schon ein Jahr vor der Bundestagswahl von einem glorreichen Neuanfang durch eine rot-grüne Koalition, durch die endlich mehr soziale Gerechtigkeit, aber zugleich wirtschaftlicher Aufschwung kommen solle. Bei den Aktienkonzernen sollte nicht länger nur der "Shareholder Value" im Vordergrund stehen, d.h. Gewinne durch sog. "Konsolidierung" ( = Massenentlassung), sondern eine Win-Win-Situation durch Förderung und Forderung der Verantwortlichen.

Auch ich selbst hatte damals diese Aufbruchsstimmung gespürt und dachte, es sei langsam an der Zeit, mit auch einmal Aktien zu kaufen. Durch den Börsengang der Deutschen Telekom waren viele Deutsche 1996 zu Kleinaktionären geworden, so dass der Gesamtmarkt allmählich angestiegen war. Die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank und auch der EZB trieb zudem immer mehr Anleger ins Aktiengeschäft, denn der Renten- und Anleihenmarkt brachten längst nicht so hohe Gewinne ein. Vor allem war es aber das Aufkommen der Internet- und Telekommunikationsunternehmen, die den Aktien auf einmal einen regelrechten Boom bescherten. Viele kleine Start-Ups, wie IT-, Biotech oder High-Tech-Unternehmen, die gerade erst an die Börse gegangen waren, hatten innerhalb von wenigen Monaten eine so hohe Kapitalisierung erreicht, dass sie bereits den Wert riesiger Altkonzerne überschritten. Für solche überbewerteten Hoffnungsträger schuf man ein ganz neues spekulatives Anleger-Segment, nämlich den sog. "Neuen Markt", wo sich die Jäger nach dem schnellen Geld austoben konnten. Ich selbst wollte aber erst mal nicht so viel riskieren und investierte nur 500,- DM in einen sog. "Blue-Chip" (sichere Anlage), indem ich 300 Aktien von Daimler kaufte. Mit großer Freude stellte ich dann fest, dass meine Aktien jeden Tag ein wenig stiegen.


War Jesus etwa „größenwahnsinnig“?

Zur selben Zeit beschäftigte ich mich aber auch weiterhin intensiv mit der Frage, wie ich denn von nun an das Reden und Wirken Jesu für mich einordnen konnte. Wenn es keine Rettung vor einer ewigen Verdammnis mehr gab, dann bedurfte es aber auch keines Retters mehr. Wenn aber Jesus nicht der von Gott gesandte Retter und Erlöser war, der für unsere Sünden am Kreuz starb, wer war Er dann? fragte ich mich. Und wozu starb Er dann am Kreuz? War alles nur ein tragisches Missverständnis? Eine Wahnidee? Aber wer denkt sich so etwas aus? Wie kommt jemand auf den Gedanken, dass er von sich selbst sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, als nur durch mich.“ (Joh.14:4). Lag es vielleicht daran, dass Jesus als Jude ein so frommes Leben führte, dass er irgendwann dachte, dass vielleicht er der verheißene Messias war? In der Psychiatrie findet man ja häufig solche größenwahnsinnigen Narzissten oder schizophrene Paranoiker, die die Ablehnung durch andere als Beweis für ihre Auserkorenheit und ihren speziellen Sendungsauftrag werten. Viele von diesen waren außerordentlich scharfsinnige Dichter oder Denker, denn man sagt ja auch, dass Genie und Wahnsinn nah beieinander liegen. Aber konnte ich so weit gehen und dem HErrn Jesus eine Geistesgestörtheit unterstellen? Nein, das wollte ich nicht.

Zu jener Zeit unterhielt ich mich mit einer Christin, die eifrig davon überzeugt war, dass Gott, der Vater, und Jesus, der Sohn, ein und dieselbe Person waren, die unterschiedliche Rollen spielte. Auf der einen Seite war man durch solch eine Meinung natürlich das Logik-Problem der Dreieinigkeit los, hatte sich aber dadurch noch viel größere Probleme aufgehalst. Zunächst fragte ich sie, ob sie glaube, dass der HErr Jesus bei Seinen Gebeten zum Vater Selbstgespräche geführt habe. Und speziell wallte ich auch wissen, wie Er dann sagen konnte: „Nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille“, wenn es doch ohnehin ein und derselbe Wille sei. „Nein, sondern Gott war ja in Ihm, so dass Er ein inneres Zwiegespräch führte.“ – „Also doch mit sich selbst!“ antwortete ich. „Ja, wenn man so will…“ Wie es aber möglich gewesen sein sollte, dass Gott aus dem Himmel zu Seinem Sohn sprach und dieser Ihm antwortete, konnte sie mir nicht erklären. „So etwas kann man nicht mit dem Kopf verstehen, sondern nur mit dem Herzen“. Besonders kompliziert wurde es dann, als ich sie an die Stelle erinnerte, dass der HErr Jesus jetzt „zur Rechten Gottes sitzen“ würde. „Kann denn jemand zur Rechten seiner selbst sitzen?“ fragte ich sie. „Nun ja, das bleiben Geheimnisse, die wir nie ergründen können“, bekam ich zur Antwort. In mir aber wuchs dabei immer mehr der Verdacht, dass der Mensch die Gabe besaß, sich alles Mögliche vorzustellen, wenn es seinen Wünschen und Bedürfnissen entsprach, selbst wenn es fern von jeder normalen Logik war. Zugleich aber konnte er alternative Möglichkeiten, die viel naheliegender waren, einfach völlig ausblenden, wenn sie sein Wunschbild auch nur im Geringsten ins Wanken bringen würden.

Im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ war es aber die Unbedarftheit und Unvoreingenommenheit eines Kindes, das die nüchterne Feststellung machte: „Der Kaiser ist ja nackt!“ Deshalb nahm ich mir vor, einmal alle geistlichen Behauptungen und Deutungsversuche einfach zu ignorieren, um dadurch endlich mal „nüchtern“ – wie ich meinte – und ohne Tabus auf die Person Jesu zu schauen. So schrieb ich damals – für mich heute erschreckend Lästerliches – dem Hans-Udo: „Jesus kam und nötigte arbeitende Familienväter, mit ihm durch die Lande zu wandern. Dabei ließ er ihnen nicht einmal die Zeit ihre Verwandten zu begraben. Objektiv gesehen brachte er den Menschen keine ‚frohe Botschaft‘, sondern verbreitete mit seinen Höllenandrohungen Angst und Schrecken. Seine Worte waren durchaus nicht immer ‚voller Gnade‘, sondern häufig von einer ungewöhnlichen Gereiztheit und Aggressivität. So verflucht er Chorazin und Kapernaum, weil sie nicht an ihn glauben konnten, er verflucht die Pharisäer und Schriftgelehrten, nur weil sie ihn ablehnten und er verflucht sogar einen Feigenbaum, nur weil er ihm zur Frühlingszeit keine Frucht bringen konnte. Ebenso wurden auch harmlose Schweine, die Haustiere der Gadarener, auf Jesu Geheiß in den Abgrund getrieben. Die Wechsler und Taubenverkäufer wurden von Jesus aus dem Tempel vertrieben, obwohl diese im Gegensatz zu ihm wenigstens bemüht waren, selber ihren Lebensunterhalt zu verdienen und nicht auf Kosten anderer zu leben. Ist es bei allem ein Wunder, wenn die Menschen damals sagten: Wir wollen nicht so einen verbiesterten und größenwahnsinnigen Störenfried!“ Dass dies eine völlig einseitige und entstellte Darstellung des Lebens und Wirkens des HErrn Jesus war, bei der ich sämtliche Begründungen, Erklärungen und Aussagen des HErrn und der Heiligen Schrift einfach außer Acht ließ, zeigt mir heute, wie sehr ich schon damals unter einen dämonischen Einfluss gekommen war.

Mein Freund Hans-Udo sagte mir später am Telefon, dass er schockiert war, mit welch einer Unverfrorenheit ich auf einmal über den HErrn Jesus schrieb. Ich räumte jedoch am Ende meines Briefes ein, dass ich keinesfalls stolz darauf sei auf meine neu gewonnen Erkenntnisse: „Durch meine neu erlangte Freiheit bin ich nicht etwa glücklicher geworden, eher fühle ich mich heute ziemlich allein. Weder unter meinen Familienangehörigen, noch unter meinen Arbeitskollegen finde ich wirkliche Gleichgesinnte. Mir fehlt die christliche Bruderschaft (Ps.42:4). Ein wenig habe ich davon bei den Freimaurern gespürt, aber ich bin bei manchem von ihnen nicht einverstanden. Sie haben eine erstaunliche Ähnlichkeit mit gewissen Allversöhnerkreisen, wie z.B. dem von F.-H. Baader: viel Theorie und wenig Praxis. Aber auch mit sozialistisch-humanitären Aktivitäten kann ich wenig anfangen, weil sie ähnlich mit Vorurteilen und naiven Denkklischees hantieren wie die Christen. Daher leide ich zur Zeit an einer inneren Leere. Ich vertreibe mir die Zeit mit Wirtschaftsliteratur, speziell über Aktien, von denen ich mir vor einigen Monaten ein paar gekauft habe. Es ist eher ein Spiel als ein ernsthaftes Interesse. Ich komme mir vor, als würde ich auf etwas warten, aber ich weiß nicht, was. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Zustand von Dauer sein wird. Ich habe auch Probleme mit meinen Arbeitskollegen. Es ist, als ob wir einfach verschiedene Sprachen sprechen; ich kann mich einfach nicht richtig anpassen, weil wir in ganz verschiedenen Welten leben. Sie interessieren sich für LKW und Kräne, weil dies ihr Job ist (es ist nämlich eine Kran- und Schwertransportfirma), ich hingegen interessiere mich für Geschichte, Politik, Philosophie und Psychologie. Heute bereue ich es, dass ich nicht studiert habe, und es gibt jetzt kein zurück mehr. Ich werde versuchen, mich so bald wie möglich selbständig zu machen…“ (Brief vom 27.08.1997).

 
Israels Besuch in Deutschland

Inzwischen hatte Alexandra (32) die Scheidung beantragt und zugleich sich verlobt mit ihrem heimlichen Geliebten, einem Richter namens Hipólito, von dem sie ein Kind erwartete. Auf das Sorgerecht für die Kinder hatte Alexandra nach mehreren zähen Verhandlungen am Ende verzichtet, zumal sie sah, wie sehr Israel seine Kinder brauchte. Auch willigte sie ein, dass ihre Söhne den Israel begleiten dürfen bei seiner Besuchsreise nach Deutschland, weil die Behörden eine solche Einwilligung von ihr forderten. Bei der Beantragung der Visa für Israel, Jonathan und Joel hatte man uns dann jedoch mitgeteilt bei der Deutschen Botschaft in Lima, dass die beiden Jungen nicht ausreisen dürfen, da sie noch schulpflichtig seien. Deshalb machte Israel den Vorschlag, dass in diesem Fall nur er käme und seine beiden Söhne in der Zwischenzeit von den Großeltern betreut und versorgt werden. Insgeheim hatten wir gehofft, dass Israel in Deutschland vielleicht eine andere Glaubensschwester in seinem Alter (43) kennenlernt und sie heiratet, damit er und seine Söhne dann dauerhaft bei uns in Deutschland bleiben könnten. Die einzige, die wir kannten, war Elena (ca. 42), weshalb wir sie immer wieder zu uns einluden, damit der Funke überspringe. Doch so sehr Israel sich auch bemühte, der Elena seine Aufwartung zu machen, verhielt sich Elena leider sehr zurückhaltend wie ein "kalter Fisch", zumal sie so viel Aufmerksamkeit nach Jahren der Ablehnung gar nicht gewohnt war.

Da wir inzwischen 6 Leute waren in unserer 60 qm-Wohnung und die Verbrauchskosten deutlich gestiegen waren, hatte ich schon einige Wochen zuvor begonnen, frühmorgens um 4.00 Uhr den Weser Kurier an die Briefkästen der Abonnenten eines Bezirks zu verteilen. Nachdem ich mit der Arbeit ausreichend vertraut war, nahm ich auch Israel mit, um ihn einzuarbeiten, bis er schließlich den Job unter meinen Namen voll und ganz übernahm, damit er sich dadurch etwas Geld verdienen konnte. Desweiteren versuchte ich, mir durch Malerarbeiten am Wochenende etwas nebenbei zu verdienen. Ich machte mir einen Flyer mit der Aufschrift "Malerarbeiten vom Fachmann zum Sparpreis" und gab darauf meine Adresse und Telefonnummer an. Diesen Werbezettel verteilte ich überall in unserem Stadtteil Kattenesch. Es dauerte nicht lange, da bekam ich nicht nur jede Menge Anrufe von interessierten "Kunden", sondern auch einen Anruf vom Zoll-Amt "zur Bekämpfung von Schwarzarbeit", das mich bat, dort vorstellig zu werden. Ich erklärte dem ermittelnden Beamten, dass ich demnächst meinen Meistertitel hätte, aber schon einmal vorab auf der Suche nach potentiellen Kunden sei. Er erklärte mir, dass schon allein die Werbung für Handwerksleistungen ohne gültigen Meistertitel eine strafbare Handlung darstelle. Er fragte mich, ob ich denn schon Aufträge erhalten habe, und ich verneinte dies (obwohl das nicht ganz der Wahrheit entsprach). Da ich bisher nicht aufgefallen war, beließ es der Beamte mit einer Verwarnung, wies mich aber darauf hin, dass ich im Wiederholungsfall mit einer empfindlichen Geldstrafe zu rechnen habe.

Israel hatte unterdessen ein Buch geschrieben über die Geschichte seiner Familie mit dem Titel "Auferstiegen aus der Asche" und versuchte es nun, als Geschenk unter das spanisch sprechende Volk zu bringen, u.a. auch in unserem spanischen Bibelkreis. Auch nahm er in jener Zeit an einer Konferenz sämtlicher spanisch sprechender Pastoren aus Deutschland teil, die sich in Hannover trafen. Damit er ein wenig von Deutschland sehen könne, machte ich mit ihm an einem Wochenende eine Reise nach Berlin, wo wir das Brandenburger Tor und den Reichstag besuchten sowie einige andre Sehenswürdigkeiten. Unversehens durften wir dabei auch zusehen, wie gerade eine Szene für einen Kinderfilm gedreht wurde. Auf der Rückreise bekannte ich dem Israel, dass ich meinen Glauben verloren hatte. Er weinte ein wenig, sagte aber kein Wort dazu. Auch plante ich mit ihm in den Herbstferien eine Reise nach Sachsenheim, damit er auch mal Daniel Werner und die anderen Geschwister kennenlernte. Während des Besuches in Sachsenheim verband sich die Seele von Schwester Elisabeth Warnusz (64) mit der von Israel, und sie liebte ihn von da an wie einen Sohn. Diese enge Freundschaft dauert noch bis heute an, so dass Jonathan und Joel fortan die Elisabeth als ihre Oma betrachteten. Jahrelang hat Elisabeth von ihrer kleinen Rente nach Lima überwiesen, und freute sich, dass sie nun eine neue Familie gefunden hatte. Sie lernte aus Liebe zu Israel sogar Spanisch und hat danach Hunderte von Briefen mit Israel und den Söhnen ausgetauscht und Dutzende an Paketen zu ihnen geschickt.

Das Haus in Parcona, wo Israel wohnte und sich auch die kleine Versammlung traf, war über die Jahre heruntergekommen und brauchte dringend eine Renovierung. Wasser gab es dort nur eine Stunde am Tag und wurde dann in den Behältern gesammelt. Auch der Strom fiel ständig aus, weil die Infrastruktur in dieser ländlichen Gegend noch nicht richtig ausgebaut war. Israel hatte deshalb den Wunsch, in ein anderes Haus umzuziehen, das näher bei Ica liegt und auch größer ist, um Gäste zu beherbergen. Sein Vater Luis half ihm und kaufte im Vorort San Joaquin ein kleines Grundstück von 30 x 40 m, auf dem er ein Haus bauen könne. Auch wir versprachen Israel Hilfe, indem Ruth von nun an das Kindergeld für Rebekka sowie auch alle Einnahmen durch ihre Tätigkeit bei ihrem Chef, Dr. Koch. So schickten wir alle zwei Monate etwa 1.500,-DM nach Peru, die Israel für den Bau des Hauses ansparte. Aber auch die Geschwister Elisabeth Warnusz und Karl-Heinz Schubert (57) aus Sachsenheim überwiesen in etwa ebenso viel, so dass Israel beim Baubeginn zwei Jahre später über eine Summe von etwa 36.000,- DM verfügte, was einer Kaufkraft von etwa 180.000,-DM für peruanische Verhältnisse entsprach. Am Ende entstand ein Bungalow von etwa 200 qm mit großem Versammlungsraum, großer Wohnküche, 4 Schlafzimmern und zwei Badezimmern.


Oktober - Dezember 1997

Mein neues "Glaubenskonzept"

Anfang Oktober bat mich mein Chef, Herr Wittmann, in sein Büro. Dieser Freitag war genau der letzte Tag meiner 6 Monate Probezeit in der Firma, und ich ahnte schon, dass er mich möglicherweise kündigen wolle, zumal ich inzwischen auch wirklich alles gemalt und lackiert hatte, was es überhaupt in der Firma zu streichen gab, und auch schon viele Male bei Herrn Wittmann die privaten Räume seines Hauses in Ganderkesee gemalert hatte. Und tatsächlich teilte mir Herr Wittmann mit, dass er mich über die Probezeit hinaus nicht weiter beschäftigen wolle. Ich fragte ihn, ob er mir vielleicht aus Kulanz noch wenigstens eine Verlängerung von zwei Monaten geben könne, da ich ja ohnehin aus Bremen wegziehen wolle, aber bis dahin noch etwas arbeiten könne. Er war so freundlich, dass er meine Bitte gewährte und einen neuen Zeitvertrag für zwei Monate mit mir ausmachte.

Inzwischen hatte ich auch einen "modus vivendi" gefunden, wie ich meinen Glaubensabfall für mein gläubiges Umfeld nachvollziehbar nach außen vertreten konnte, ohne dabei für sie als "Ungläubiger" zu gelten. In einem Brief an meinen Schwiegervater Luis vom 14.11.1997 schrieb ich: "Es trifft schon zu, dass ich mich ziemlich weit von meinem bisherigen Glauben entfernt habe, da sich in vielen Dingen meine bisherige Denkweise verändert hat. Deshalb glauben viele Geschwister inzwischen, dass ich kein Kind Gottes mehr sei, aber das stimmt nicht. Ich liebe meinen himmlischen Vater noch genauso wie bisher, aber ich habe inzwischen eine andere Vorstellung ["concepto"] von Ihm, d.h. ich glaube nicht mehr, dass Gott sich wirklich so sehr für die noch so kleinsten Problemchen unseres Alltags interessiert, sondern es geht Ihm um das große Ganze, d.h. Er überwaltet unsere Wege und gibt uns auch dann noch Gelingen, selbst wenn wir es gar nicht verdienen. Ich glaube auch nicht mehr, dass Er uns ständig bestraft für jeden kleine Fehler, den wir begehen, denn Er ist souverän und hat auch keinen Bedarf daran, dass wir Ihn ständig loben müssten, denn Er weiß ja, dass wir Ihm dankbar sind für alles und völlig von Ihm abhängig sind. Ich sehe die Ungläubigen auch nicht mehr als meine Feinde an, sondern als Leidensgenossen, da Gott ja jedem Seiner Geschöpfe Leiden auferlegt hat. Hierin gibt es also im Prinzip gar keinen Unterschied, aber es gibt leider nur wenige Gläubige, die diese Wahrheit annehmen wollen. Deshalb bitte ich Sie, dass Sie meine Überlegungen nicht mit anderen, schwachen Brüder teilen sollten wie z.B. mit Bruder Samuel Franco. Jene sind nicht würdig, von meinen persönlichen Problemen zu erfahren, da sie diese Informationen zu ihren eigenen Zwecken missbrauchen würden."

Im Wesentlichen hatte mein neues Glaubenskonzept also eher rationalistische und deistische Züge, die vom Humanismus der Aufklärung geprägt waren. Die unbewusste Absicht, die hinter dieser Wunschkonstruktion steckte, war die: Wenn es stimmt, dass Gott sich nicht allzu sehr für uns interessiere, dann brauchen wir uns im Umkehrschluss auch nicht mehr allzu sehr für ihn interessieren. Tatsächlich kam ich mir ja vor wie ein Kind, das eines Morgens aufsteht und feststellen muss, dass seine Eltern spurlos verschwunden sind, ohne irgend einen Zettel zu hinterlassen. Ich verglich die Welt und ihre Religionen damals mit einem Maurer-Lehrling, der neu auf eine Baustelle kommt und der feststellen muss, dass zwar alle Bauleute irgendetwas tun, aber niemand eigentlich wirklich einen Plan habe, wie das Gebäude weitergebaut werden müsse, weil weder der Architekt, noch der Bauleiter und noch nicht einmal der Firmenchef anwesend waren, aber auch nie wirklich auftauchten. Allmählich dämmerte dem Lehrling, dass es in Wirklichkeit nie einen Firmenchef gab, sondern die Arbeiter nur einer Illusion erlegen waren, dass man sie eingestellt habe, sich aber jeder geweigert habe, seine Rolle zu hinterfragen. Das würde dann nämlich auch erklären, warum so viele Regeln im Christentum eigentlich gar nicht zuendegedacht wurden, weil man sich fürchtete, auf ein unerfreuliches Denkergebnis zu stoßen. Wozu musste z.B. der Sohn Gottes sterben, wenn Gott doch einfach die Regel der Sühnenotwendigkeit hätte abschaffen können? zumal doch niemand im gesamten Universum auf die Einhaltung der Sühneregel hätte bestehen können, wenn Gott selbst sie für unnötig erachtet hätte. Oder warum müsse man Gott immer wieder danken, wenn Er doch unsere Gedanken lesen kann und weiß, dass wir Ihm dankbar sind? usw.

Unser Umzug nach Hannover

Nachdem Israel wieder zurückgereist war nach Ica, begannen Ruth und ich unseren Umzug nach Hannover zu planen für Mitte Dezember. Ich hatte mich in der Meisterschule in Garbsen angemeldet, um von Januar bis Juni 1998 dort in Vollzeit die Teile 1 (Fachtheorie) und 2 (Fachpraxis) zu belegen. Wenn ich bestehen würde, hätte ich Anfang Juli meinen Meistertitel. Ruth wiederum hatte sich für das Wintersemester in der Tiermedizinischen Hochschule Hannover einschreiben lassen, um in sämtlichen Fächern nachgeschult zu werden, damit sie am Ende ihre Anerkennung als Tierärztin in Deutschland hätte. Aus der Zeitung hatten wir uns auch schon einige Wohnungsanzeigen in Hannover herausgesucht und sie vor Ort besichtigt, aber meistens stimmte das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht. Denn da das Meister-BAföG trotz gewährter Vollförderungsbedürftigkeit niemals ausreichen würde, um alle Kosten zu decken, mussten wir eine Wohnung nehmen, deren Miete noch einigermaßen erträglich war. Dies war aber in Hannover sehr schwierig, weil die wenigen billigen Wohnungen meist zu schlecht waren, als dass man dort zu Fünft hätte wohnen können (Ruth, ich, Rebekka, Rossana und Moises). Schließlich fanden wir eine maklerfreie 100 qm-Wohnung in Neustadt am Rübenberge für 1000,-DM Warmmiete im Monat, die uns sehr gut gefiel und nur 15 Min. von der Meisterschule in Garbsen und etwa 30 Minuten von der Tierärztlichen Fakultät in Hannover entfernt war. Zugleich erhielten wir auch einen Bescheid vom BAföG-Amt, dass man mir ein zinsfreies Darlehen von monatlich 1000,-DM geben würde zzgl. einer Förderung von 313,-DM/mtl., die ich aber nicht zurückerstatten müsse. Wir freuten uns über die Hilfe, waren uns aber auch bewusst, dass wir von 300, -DM + 150,-DM Kindergeld allein nicht leben könnten.

Mitte Dezember liehen wir uns dann einen kleinen Lkw aus, luden alle unsere Möbel ein und fuhren dann in unser neues Zuhause nach Neustadt am Rübenberge in die Saarstr. 21, 1.OG rechts. Da die neue Wohnung viel größer war, als die bisherige, mussten wir uns später noch einige gebrauchte Möbel dazukaufen, damit sie nicht so leer aussah. Da die Meisterschul-Lehrgänge erst im Januar losgingen, hatte ich auch noch genügend Zeit, die Wohnung zu streichen. Über Weihnachten gab es allerdings dann eine Woche lang überfrierende Nässe, so dass die Straßen stellenweise unpassierbar waren. Bei der Ausfahrt Neustadt bin ich daher mit dem Wagen aus der Kurve geschleudert und ohne Kontrolle über den Wagen an mehreren Bäumen vorbei geflogen, wobei sich der Wagen mehrfach um seine Achse drehte. Gott sei Dank, dass mir damals nichts passiert war.


Januar - März 1998

Mein Schwiegervater

Luis Condori Palacios (1920-2006) wurde in einem Dorf namens Huaychuacho geboren im Bundesstaat Ayacucho und wuchs dort zusammen mit seinem Bruder Alejandro (1924- 1997) bei der alkoholsüchtigen Mutter auf (der Vater war schon früh gestorben). Als er 11 Jahre alt war, schickte die Mutter Luis mit seinem Bruder in die Küstenstadt Ica hinab, um dort zu arbeiten und spanisch zu lernen (im Gebirge sprach man damals nur die Inka-Sprache Quechua). Sie wohnten dort im Haus eines Großgrundbesitzers, eines tyrannischen Offiziers, der sie ständig misshandelte und z.T. auch sexuell missbrauchte. In den 40er Jahren wollte sich Luis in der neuen Fabrik des amerikanischen Reifenherstellers Goodyear bewerben und stellte sich in eine lange Schlange zur Musterung an. Als er dann an der Reihe war, wurde er einfach aussortiert, weil er durch seine stark indianischen Gesichtszüge und seinen Igelhaarschnitt auf die Amerikaner trottelig wirkte. Luis ließ sich jedoch nicht unterkriegen, sondern stellte sich einfach nochmal in die Schlange an. Als er dann wieder dran war, sagte man zu ihm: "Kapierst du es nicht, dass wir so einen Cholo wie dich nicht wollen? Du bist wirklich ein beharrliches Kerlchen. Vielleicht sollten wir dir einfach mal eine Chance geben." Luis wurde also eingestellt und arbeitete so hart er konnte, auch wenn der geringe Lohn nur für einen kärgliches Dasein reichte. Es gelang ihm, auch Alejandro in die Firma hineinzubringen. Luis sagte damals zu seinem jüngeren Bruder: "Lass dich nicht von den Kollegen für irgendwelche Drecksarbeit missbrauchen, sondern konzentriere dich allein auf die Reifenproduktion". Kurz darauf kam einer der Firmenchefs zu Alejandro und sagte: "Wie könnt ihr in diesem Dreck überhaupt arbeiten?! Hey, du da, feg hier doch mal den Fußboden, ja!" Darauf sagte Alejandro: "Nein, das werde ich nicht tun, denn ich bin hier nicht zuständig, um hier irgend eine Drecksarbeit zu machen, sondern nur um Reifen herzustellen." Der Chef sagte: "Ach SO ist das also!" und notierte sich Alejandros Namen. Kurz darauf war Alejandro wieder gefeuert.

1948 heiratete Luis eine Frau in Ica, die ihm einen Sohn namens Walter schenkte. Doch sie trank viel, so dass die Ehe nach kurzer Zeit zerbrach und Luis mit dem Kind allein blieb. Luis zog deshalb in sein Heimatdorf Hauycahuacho, um sich von dort eine neue Braut zu suchen. Man empfahl ihm ein damals 16 jähriges Mädchen aus der Familie Curo. Da diese jedoch aus lauter Angst und Schüchternheit bei den Verhandlungsgesprächen mit den Eltern kein Wort sagen konnte, wollte Luis sie zuerst nicht haben, weil er dachte, sie sei taubstumm. Da Lucila kein Spanisch sprach, begriff sie erst am Hochzeitstag, dass man sie an einen 30-Jährigen verheiraten wolle und lief schnell davon, da Luis in ihren Augen alt und hässlich war. Als man sie in ihrem Versteck gefunden hatte, überredeten die Eltern sie, mit dem Mann mitzugehen, zumal sie auch schon den Brautpreis erhalten hatten. So reiste Luis mit Lucila auf einem Esel reitend vom Gebirge in die Hauptstadt Lima. Dort mietete er sich in dem Slumviertel Magdalena del Mar ein kleines Haus ohne Fenster, das nur aus zwei Zimmern bestand. Die Gemeinschaftstoilette im Slum war ein Donnerbalken, der fürchterlich stank, da es noch keine Kanalisation gab. Die Armut war groß und das Leben trist.

Eines Tages unterhielt sich Luis mit einem Arbeitskollegen über den Glauben an Jesus Christus. Luis war damals noch ein frommer Katholik, der sich zuhause einen Altar gebaut hatte für die Jungfrau Maria. Doch der Kollege überzeugte Luis, dass nur Jesus der einzige Mittler sei zwischen Gott und uns Menschen. Luis bekehrte sich und ging darauf regelmäßig in die Pfingstgemeinde. Im Jahr 1954 bekam auch Lucila ihren ersten Sohn, und er bekam den Namen Israel. Immer häufiger nahm Luis dann an Evangelisationseinsätzen in Lima teil und entdeckte sein Talent des freien Sprechens. Während seines Urlaubs reiste er dann in sein Heimatdorf Huaycahuacho und predigte dort auf dem Marktplatz das Evangelium, das in diesen Bergdörfern damals noch völlig unbekannt war. Schon bald darauf bekam der Dorfpfarrer dies mit und fing an, das Dorf gegen Luis aufzuhetzen, dass er ein "Anhänger Luthers" sei und damit ein Abgesandter des Teufels. Die Leute wollten ihn daraufhin lynchen, aber der Dorfpolizist konnte dies gerade noch verhindern, indem er Luis in Schutzhaft nahm. Kurz zuvor hatte Luis jedoch dem Pfarrer in Gegenwart des ganzen Dorfes eine prophetische Ankündigung zugerufen: "Weil du mich daran gehindert hast, dass die Menschen die Wahrheit aus dem Wort Gottes erfahren, wird Gott dich bestrafen. Du wirst noch in diesem Jahr sterben. Und daran werden alle erkennen, dass ich vom HErrn gesandt bin und nicht aus mir selber rede!" Die Dorfbewohner standen indes draußen vor dem Pferdestall, in welchem der Polizist ihn gefangen hielt und forderten mit lauten Rufen, dass man Luis hängen sollte, da er ein Ketzer sei. In der Nacht ließ der Dorfpolizist Luis dann wieder frei, ermahnte ihn aber, vorerst nicht wieder in das Dorf zurückzukehren, da er nicht für seine Sicherheit garantieren könne. Im gleichen Jahr starb dann der Priester tatsächlich in der Weihnachtsmesse, als er gerade den Kelch der Eucharistie hielt, an einem Herzinfarkt. Die Dorfbewohner erinnerten sich dann an das prophetische Wort von Luis und viele bekehrten sich dann in der Folge zu Christus, so dass eine Gemeinde im Dorf entstand, die der Luis dann über Jahre besuchte und dort predigte.

Von diesem Erlebnis mit Gott angespornt, fuhr Luis Anfang der 60er Jahre nun regelmäßig ins Gebirge nach Ayacucho und predigte das Evangelium in die entlegensten Bergdörfer, die man nur noch mit dem Pferd erreichen kann. Dabei nahm er auch immer seinen ältesten Sohn Walter mit, den er auf diese Weise zum Evangelisten ausbilden wollte. Gott segnete ihn und seine Arbeit, indem nacheinander viele kleine Gemeinden entstanden. Einmal ist Luis mit einem Bruder sogar über Pucallpa weit in den Amazonas-Urwald gereist, um auch den einheimischen Urwald-Indios die Evangeliumsbotschaft zu bringen. Er erzählte mir, dass er den Frauen im Dorf am Nachmittag beim Essen machen zusah. Dabei verwunderte er sich, dass sie die im Regenwald wachsenden Maniok-Wurzeln roh kauten und dann den zerkauten Brei in einen Topf spuckten. Dies taten viele Frauen zugleich über zwei Stunden lang, bis schließlich der große Topf voll war mit Spucke und zerkautem Maniok. Er dachte: "Was soll das werden?" doch als der Abend kam, reichte man ihm eine große Schale, den man für ihn mit diesem Spuckebrei gefüllt hatte. Alle aßen dann diese Suppe und beobachteten Luis dabei, ob es ihm auch schmecken würde. Luis schaute verlegen in die Runde in die Gesichter der größtenteils zahnlosen Indios, die ihm freundlich zulächelten und sich fragten, ob er denn keinen Hunger habe. Der einheimische Bruder, der den Luis begleitet hatte und ihm als Übersetzer diente, bemerkte seine Verlegenheit und erklärte seinen Angehörigen, dass Bruder Luis von der Küste käme und daher diese – im Urwald übliche - Speise nicht gewohnt sei. Sofort zeigte der Indio-Stamm Verständnis, so dass man Luis etwas anderes zum Abendessen gab.

An einem Tag hatte die Pfingstgemeinde angekündigt, dass ein großer Evangelist aus den USA nach Lima kommen würde und dass möglichst viele zum Flughafen kommen mögen, um ihn zu empfangen. Luis stellte sich deshalb in eine Reihe mit seinen Geschwistern, damit der Evangelist jedem nacheinander die Hand geben könne. Als Luis aber an der Reihe war, fasste der Amerikaner die Hand von Luis nur mit seinen Fingerspitzen an, was dieser als einen Affront erlebte. Traurig wandte sich Luis ab und dachte bei sich: "Was kann ich dafür, dass ich nun einmal ein Indio bin?" Plötzlich sah er einen älteren schlanken Gringo, wie er auf dem Flughafen Traktate verteilte. Es war der kanadische Kardiologe Dr. Arthur Vincent (1897-1991). Er hatte die Zeit für einen Zwischenstopp in Lima nutzen wollen, musste aber auch schon wieder zum Flugzeug zurück. Luis stellte sich kurz als Bruder in Christus vor und fragte ihn, ob er ihn denn nicht mal besuchen könne. Während Arthur zu seinem Flugzeug rannte, rief er Luis zu: "Sagen Sie mir eben ihre Postadresse!" Luis lief ihm hinterher und rief: "Jirón Junín 37b, Magdalena del Mar". - "Alles klar, hab ich mir gemerkt!" sagte Arthur.

Eigentlich hatte Luis nicht damit gerechnet, dass er irgendwann noch mal etwas hören würde von diesem Gringo. Umso überraschter war er, als er plötzlich ein Telegramm erhielt, in welchem Arthur Vincent seinen Besuch in Peru ankündigte. Seither ist "Bruder Arturito", wie sie ihn liebevoll nennen, 30 Jahre lang fast jedes Jahr für ein paar Wochen nach Peru gereist, um den Indios im Gebirge die "gesunde Lehre" zu bringen. Stundenlange Fußmärsche machten ihm dabei trotz seines hohen Alters nichts aus. Er umarmte die nach Schweiß und Lama riechenden Brüder, als wenn er ihres gleichen wäre und schlief auf harten Strohballen in den Lehmhütten bei 10˚C Grad Kälte ohne zu jammern. Dadurch gewann er trotz seines stark amerikanischen Dialekts im Laufe der Jahre die Herzen aller indianischen Geschwister.

Es war im Jahr 1962, als Lucila ihm eine Tochter gebar, der sie den Namen Ruth gaben (meine Frau). Um die höheren Kosten zu decken, kaufte Luis sich einen Marktstand, wo Lucila vormittags Reis und Bohnen verkaufte. Ruth wurde als Kleinkind in dieser Zeit meist zuhause eingesperrt, was umso grausamer war, da sie unter schwerem Asthma litt. Ohnehin aber war die 2-Raum-Wohnung im Slum allmählich zu klein für 5 Personen, so dass Luis sich nach einer besseren Bleibe umsah. Da erfuhr er, dass die Militärregierung ein Investitionsprogramm beschlossen hatte, um u.a. eine Mehrfamilienhaussiedlung im Stadtteil La Victoria zu errichten mit 400 günstige Wohnungen für Arbeiterfamilien. Die Siedlung wurde nach dessen italienischem Architekten Matute benannt. Luis kaufte eine 45 qm-Wohnung im Block 59 mit einem 18 qm großen Vorgarten, den er mit vielen Blumen bepflanzte. Doch schon bald gab es Streit mit seinem gleichaltrigen Nachbarn Rigoberto, der einen Teil des Vorgartens für sich beanspruchen wollte. Eines Morgens war über einem Teilstück von Luis Garten mehrere Wäscheleinen gespannt, an denen die Wäsche des Nachbarn hing. Darauf nahm Luis kurzerhand eine Schere uns schnitt die Leinen ab, so dass die Wäsche auf den Boden fiel. Da kam der Nachbar hinausgelaufen und schubste Luis, was ihm denn einfiele. Die beiden erwachsenen Männer rauften sich auf dem Fußboden, und im Nu schauten sämtliche Nachbarn dabei zu und amüsierten sich. Diese Prügeleien zwischen den beiden wiederholten sich noch viele Male, weil Rigoberto immer wieder neue Wäscheleinen spannte, die Luis immer wieder abschnitt. Öfters kam auch Rigobertos Frau mit einem Besen hinausgelaufen, den sie dem Luis auf den Kopf schlug, um ihren Mann zu unterstützen. Dann kam auch Lucila ihrem Mann zu Hilfe und schlug ebenso mit dem Besen drein. Schnell wurden alle Nachbarn gerufen, um sich das Spektakel mit anzusehen.

Während so jahrelang Krieg herrschte zwischen den Nachbarn, hatte der 14-jährige Israel Condori sich in die gleichaltrige Nachbarstochter Isabel verliebt. Als Luis dies mitbekam, forderte er von seinen Kindern, dass sie alle spätestens um 18.00 Uhr zuhause sein sollten. Sobald sie sich auch nur um 5 Minuten verspäteten, schlug er sie mit seiner Rute. Walter hat sich dann meistens unter dem Bett verkrochen, wo Luis ihn nicht erreichte. Überhaupt schlug er die beiden Söhne regelmäßig frühmorgens nach dem Aufstehen, nachdem er ihnen die Verfehlungen des Vortages vorgehalten hatte; denn so verstand er das Gebot im Sprüchebuch: "Wer seinen Sohn liebt, der sucht ihn am Morgen heim mit Züchtigung." Um Kosten für den Friseur zu sparen, schnitt Luis seinen Söhnen auch immer selbst die Haare, indem er sie ganz kurz schnitt. Als Walter 16 Jahre wurde, wehrte er sich dagegen: "Ich will nie wieder, dass sie mir die Haare schneiden. Ab jetzt will ich sie mir lang wachsen lassen, wie meine Klassenkameraden!" Vater Luis ließ ihn gewähren, zumal er stolz war auf Walter, der inzwischen schon auf dem Weg war, ein Profifußballer bei der Alianza Lima zu werden. Einen Fernseher gab es indessen nicht im Hause der Condoris, weshalb die Kinder heimlich bei den Nachbarn ihre Lieblingsserien schauten. Nach 10 Jahren Streit unternahm Lucila schließlich einen Versöhnungsversuch mit den Nachbarn, der zu einem dauerhaften Frieden führte. Luis trat dem Rigoberto einen Teil des vorderen Grundstücks ab, während dieser dem Luis ein gleich großes Stück im hinteren Garten schenkte. Jahre später baute Luis auf diesem einen Kiosk, der bis heute noch da ist und seit 1996 seinem Sohn Walter gehört.

Anfang der 70er Jahre kamen dann Cubaner nach Matute und handelten mit Drogen. Es dauerte nicht lange, da gab es keinen Jugendlichen mehr in Matute, der nicht kiffte oder kokste. Auch Israel, der im Viertel von allen Mädchen umschwärmt wurde, hatte heimlich regelmäßig Marihuana geraucht, was wohl erklären dürfte, warum er die Schläge seines Vaters immer mit einer stoischen Gelassenheit über sich ergehen ließ. Tatsächlich waren die beiden Söhne von Luis verhältnismäßig wohlerzogen. Die einzig Rebellische in der Familie war Ruth, die schon sehr früh mit 13 J. ihrem Vater widersprach und sich vor die Mutter stellte, wenn der Vater auch sie schlagen wollte. Ruth hielt die Rute fest und sagte: "Ich verbiete, dass Sie meine Mutter schlagen!"

Doch nicht nur zuhause, sondern auch auf der Arbeit hatte Luis ein starkes Durchsetzungsvermögen. Da er sich in seiner Freizeit viel mit dem Zivil- und Arbeitsrecht beschäftigt hatte, kamen die Arbeitskollegen zu Luis, wenn sie sich rechtlich beraten lassen wollen. Luis wurde zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt und trat auch der Gewerkschaft bei. Als 1970 ein neuer Militärputsch den General Velasco Alverado an die Macht brachte, verwies dieser die ausländischen Firmenbesitzer des Landes und verstaatlichte die Betriebe, "um dem Volk wieder ihren Besitz zurückzugeben" wie es hieß. Das führte dazu, dass nun die Arbeiter, die keinerlei kaufmännische Erfahrung hatten, an die Spitze der Unternehmen gesetzt wurden, so dass schon bald das totale Chaos ausbrach. Während die Amerikaner den Arbeitern noch recht auskömmliche Gehälter gewährt hatten, wurden die Löhne nun drastisch gesenkt, um Kosten zu sparen. Die Folge war, dass überall im Land gestreikt wurde, und einer dieser Streikführer war Luis. Er hielt große Reden vor der Belegschaft, ließ das Werksgelände besetzen und rief die Fabrikarbeiter sogar zum gemeinsamen Hungerstreik auf, über den dann in den Medien berichtet wurde. Mutter Lucila brachte in jener Zeit dem Luis immer heimlich Butterbrote vorbei, so wie es auch die anderen Ehefrauen heimlich taten. Als der monatelange Streik dann endlich beendet war, wurden die Arbeiter begnadigt, aber die Streikanstifter verloren ihren Job. Somit wurde auch Luis arbeitslos. Von seiner Auslöse kaufte er sich einen zweiten Marktstand, in welchem er Papier verkaufte, dass man damals, als es noch keine Plastiktüten gab, zum Einwickeln gebrauchte. Aber er war kein guter Verkäufer, weil er zu knauserig war. Seine warmherzige Frau Lucila hingegen hatte sich inzwischen bei allen Kunden beliebt gemacht, so dass Luis nur noch sie verkaufen ließ. Viele Kunden kauften nur noch, wenn Lucila da war.

Walter Condori hatte 1977 eine Arbeit als Hotelpage gefunden und seine Freundin Rita geheiratet, nachdem diese von ihm ein Kind erwartete. Die 45 qm-Wohnung war nun mit 7 Personen endgültig zu klein, so dass Walter und Rita auszogen. Sein Bruder Israel, der beim Militär beschäftigt war und nebenbei ein Studium in Publik Relations absolvierte, heiratete auf Anraten der Brüder Arthur Vincent und Nelson Mogollón 1984 die 11 Jahre jüngere Ecuadorianerin Alexandra, und auch sie zogen aus und wohnten fortan in Ica-Parcona. Da die Arbeitslosigkeit Anfang der 80er Jahre überhandnahm, wollte Ruth nach dem Ende ihrer Schulzeit Medizin studieren, aber ihr Vater erlaubte es ihr nicht, weil kein Geld da sei. Deshalb arbeitete Ruth einige Zeit als Verkäuferin, um sich ein Studium zu leisten. Ihr Vater schaltete ihr indessen abends immer das Licht aus, indem er sagte: "Wenn du unbedingt abends noch Bücher studieren musst, dann kannst du es auch bei Kerzenschein machen!" Aus seiner Sicht gehörten Frauen in die Küche und nicht in die Uni. Er verlangte auch von Ruth, dass sie immer nur einen Rock tragen solle, was Ruth allerdings spätestens mit 18 J. peinlich wurde. Sie ging deshalb zur Uni immer morgens mit Rock aus dem Haus und zog sich dann unter einer Treppe draußen heimlich eine Hose an. Wenn sie dann wieder nach Hause kam, zog sie sich schnell wieder um, so dass ihr Vater nichts mitbekam. Eines Tages erfuhr Luis dann durch Zufall von einem ehemaligen Arbeitskollegen, dass er nach dem Ausscheiden aus der Firma einen Anspruch auf Rente habe. Sofort beantragte Luis diese, und auf einmal war die Zeit der Knappheit endlich vorbei. Luis sah nun auch ein, dass es gut sei, wenn seine Tochter Tiermedizin studiere, da man sonst kaum Chancen auf einen Job habe. Unterdessen gingen bei den Condoris viele Brüder ein und aus, sogar aus den USA und Kanada. Sie alle unterstützten Luis bei den Besuchen der neu gegründeten Gemeinden in Collique, Abancay und Ayacucho. Immer wenn ein ausländischer Bruder kam, waren bei den Versammlungen alle anwesend. Denn eines war allen klar: Diese Brüder brachten Geld mit, und zwar nicht wenig. Luis hatte dieses dann immer unter die Bedürftigen verteilt, so dass er über eine gewisse Macht verfügte. Dies führte Anfang der 90er Jahre dann zu Neid und Streit.

Als ich im Januar 1992 zum ersten Mal nach Peru kam, stand die Versammlung in Lima kurz vor der Spaltung. Mehrere Brüder meuterten gegen die Vorherschaft von Bruder Luis, darunter Maximo Carmen (61), Raul Bendezú (57), Mateo Asto (48) und Ricardo Pineda (35). Sie warfen Luis Veruntreuung und eine ungerechte Verteilung der Spendengelder vor. Als Luis dann auch noch anfing, frei erfundene Gerüchte über diese Brüder zu verbreiten, sprachen sie ihm gänzlich den Glauben ab und gründeten eine neue Versammlung. Ich geriet damals mit meinen 23 Jahren zwischen die Fronten und versuchte, es beiden Seiten recht zu machen, was mir aber nicht gelang. Luis führte die Versammlung noch zehn Jahre weiter, bis er schließlich im leicht dementem Zustand 2006 heimging.

Die Meisterschule

In der Berufsschule Garbsen gab es jedes Jahr nur eine Klasse für Meisteranwärter im Maler- und Lackiererhandwerk, die in etwa aus 25 Schülern bestand im Alter von 25 bis 40 Jahren. Wir hatten zwei Lehrer, die uns abwechselnd in den Fächern Fachtheorie und Fachpraxis unterrichteten. Herr Brandes (ca. 58) war als Kunstlehrer ein richtiger Ästhet, aber zugleich auch sehr pflichtbewusst wie ein preußischer Offizier, der sich immer äußerst viel Zeit nahm, um uns die genauen Arbeitsabläufe zu erklären, bevor wir dann endlich mit den Aufgaben beginnen konnten. Herr Stollberg (ca. 45) hingegen war genau das Gegenteil von Herrn Brandes, nämlich ein eher lockerer Malermeister, der selber 20 Jahre einen Betrieb geleitet hatte und daher kein Theoretiker war, sondern aus seiner Erfahrung sprechen konnte. Verständlicherweise war mir Herr Stollberg gleich sympathisch, während ich mit Herrn Brandes eher auf Kriegsfuß stand. Das bestand jedoch auf Gegenseitigkeit, denn auch Herr Brandes hatte mit meiner eher unkonventionellen Art so seine Probleme. Wenn er z.B. beim Erklären durch den Klassenraum ging und dabei sah, dass ich meine Schuhe ausgezogen hatte, dann ließ er es sich nicht nehmen, vor der Klasse zu sagen: "Ach, Herr Poppe, das ist ja wirklich freundlich von ihnen, dass Sie uns alle an dem Duft ihrer Sohlen teilnehmen lassen!" Aber auch ich hatte manchmal einen Schalk im Nacken, um mir mit Herrn Brandes einen Scherz zu erlauben: Als nach einer Pause der Unterricht wieder begann und Herr Brandes wie gewöhnlich fragte: "Hat jemand noch irgend eine Frage, bevor wir mit dem zuletzt besprochenen Thema weitermachen können?" da fragte ich ihn: "Herr Brandes, ich habe mal eine ganz allgemeine Frage: Was ist eigentlich der Sinn des Lebens?" Die Klasse lachte und Herr Brandes versuchte, die unerwartete Frage irgendwie scherzhaft zu beantworten, indem er sagte: "Der Sinn des Lebens ist wohl der, dass wir irgendwann einmal alle ins Gras beißen müssen." Ich wollte aber ernst bleiben und entgegnete: "Wenn der Sinn des Lebens in unserem Tod bestehen würde, dann wäre es aber kein Sinn, sondern ein Un-Sinn; mit anderen Worten hätte das Leben dann gar keinen Sinn." Herr Brandes überlegte: "Nun, ganz so unsinnig ist das Leben ja auch nicht. Ich z.B. sehe den Sinn meines Lebens darin, dass ich mein erlerntes Wissen an die nächste Generation weitergeben kann." Darauf erwiderte ich: "Wenn der einzige Sinn Ihres Lebens darin bestanden hatte, dass sie Wissen über den Malerberuf weitervermittelt haben, dann muss das aber ein sehr trostloses Leben gewesen sein mit einem ziemlich elendigen Sinn." Die Klasse lachte wieder, aber Herr Brandes wollte diese unbeabsichtigte Beleidigung nicht erwidern, sondern wollte es mir bei der nächst besten Gelegenheit heimzahlen, die auch schon bald folgen sollte.

Da wir von den rund 300,- DM im Monat nicht genug zum Leben hatten, suchte ich in den Stellenangeboten einen Nebenjob, den ich mit freier Zeiteinteilung auch zwischendurch ausüben konnte. Ich fand ein Angebot vom sog. Emnid-Institut, wo es darum ging, Menschen zu befragen nach ihren politischen Ansichten, um die Daten statistisch auswerten zu lassen. Für jede einzelne Befragung gab es etwa 15,-DM, wobei der Fragebogen so lang war, dass man fast eine Stunde dafür brauchte. Ich hatte nun die Idee, gleich mehrere Leute auf einmal zu befragen, dann bräuchte ich die Fragen nicht immer neu stellen, und könnte dadurch mehr schaffen. Da man die unterschiedlichen Zielgruppen, für die es jeweils eigene Fragebögen gab, frei wählen konnte, wählte ich speziell für Jugendliche, damit ich die Lehrlinge der Berufsschule befragen konnte. Zu Beginn der großen Pause ging ich aus der Meisterklasse raus und fragte ein paar Jungen aus der Lehrlingsklasse nebenan, ob sie Lust hätten, an einer Befragung teilzunehmen. Es meldeten sich etwa vier, und wir gingen den Flur runter in einen leeren Klassenraum, wo wir ungestört waren. Zum Glück hatten die Schüler viel Spaß an den Fragen, wo es z.B. u.a. um Rassismus oder gewisse Vorlieben ging. Als jedoch eine halbe Stunde rum war, sagte einer der Schüler, dass der Unterricht wieder begonnen habe und sie zurück müssten. Die anderen drei wollten aber lieber mit mir die Befragung zuendemachen. "Und was soll ich sagen, wenn der Lehrer fragt, wo ihr abgeblieben seid?" - "Sag ihm einfach die Wahrheit" sagte ich, "dass sie an einer wichtigen Emnid-Studie teilnehmen und deshalb etwas später kommen. Da brauchst ihm ja nicht auf die Nase binden, dass wir das hier im Klassenraum machen." Der Schüler ging also zurück in seinen Klassenraum. Ich ahnte aber nicht, dass ausgerechnet Herr Brandes da unterrichtete.

Erwartungsgemäß fragte Herr Brandes, ob jemand wisse, wo die fehlenden Schüler verblieben seien. Der eine Schüler meldete sich und sagte: "Ich habe mit ihnen an einer Emnid-Umfrage teilgenommen, die ein Meisterschüler mit ihnen durchgeführt hat und die noch nicht ganz beendet ist. Er hat mir aber gesagt, dass ich Ihnen nicht verraten solle, dass er diese Umfrage hier in der Schule macht." Herr Brandes wurde rot vor Wut und sagte: "Du wirst mir jetzt sofort zeigen, wo er diese Befragung durchführt!" Kurz darauf ging die Tür auf in unserem Klassenraum und Herr Brandes schrie mich wutschnaubend an: "WER HAT IHNEN ERLAUBT, HIER WÄHREND DES BERUFSUNTERRICHTS PRIVATWIRTSCHAFTLICHE INTERESSEN ZU VERFOLGEN?! UND WO IST DIE GENEHMIGUNG, DASS SIE HIER ÖFFENTLICHE RÄUME NUTZEN DÜRFEN?! ES IST EINFACH EINE UNVERSCHÄMTHEIT, HERR POPPE, DASS SIE MEINE SCHÜLER HIER FÜR IHRE EIGENEN FINANZIELLEN INTERESSEN MISSBRAUCHEN, UND DAS AUCH NOCH WÄHREND DER UNTERRICHTSZEIT! EINE UNVERSCHÄMTHEIT!!!" Ich bat Herrn Brandes viele Male um Entschuldigung und gab mich völlig ahnungslos, was aber nicht verhindern konnte, dass er mich von nun an "auf den Kieker hatte".


April - Juni 1998

Unser Alltag in Neustadt am Rübenberge

Da ich keine reale Chance sah, genügend Freiwillige zu finden für meine Emnid-Umfragen, ließ ich es bleiben und versuchte mich stattdessen weiter im Aktiengeschäft, wobei ich zunächst nur die Theorie erlernte und worauf es ankäme und erst später, wenn ich genug Geld hätte, auch selbst ins Geschäft einzusteigen. Nach der Schule ging ich meist mit Ruth und Rebekka auf einen der vielen Spielplätze und lernte nebenbei für die Prüfung. Ruth machte derweil vormittags ihre Studiengänge an der Tiermedizinischen Hochschule und lernte parallel dazu weiter Deutsch, da sie vielen Erläuterungen der Dozenten auch nicht recht folgen konnte, zumal sie z.T. sehr schnell redeten. Rossana passte vormittags auf Rebekka und Moises auf und machte den Haushalt. An den Wochenenden fuhren wir mit Rossana, Rebekka und Moises zu den nahegelegenen Einkaufszentren oder ans Steinhuder Meer, wo wir zusammen badeten. Ruths Rückenschmerzen in Sacro-Lumbar-Bereich hatten inzwischen deutlich zugenommen, so dass Ruth bald jede Woche irgendeinen Termin bei einem Orthopäden oder in der Schmerzambulanz hatte. Einer von ihnen sagte zu Ruth ganz offen: "Ich bin inzwischen mit meinem Latein am Ende und kann ihnen höchstens noch eine Versteifung ihres Rückens durch einen operativen Eingriff anbieten, obwohl ich Ihnen den keineswegs empfehlen würde. Aber was Sie alles so an Opiaten einnehmen, das haut normalerweise einen Ochsen um!" Ruth zeigte aber äußerste Willensstärke und wollte unbedingt ihre Tiermedizin-Anerkennung in Deutschland schaffen.

Rebekka hatte schon bald auch zwei Freundinnen auf dem Spielplatt kennengelernt, Pamela und Jaqueline, die beide in ihrem Alter waren und deren Mutter eine Philippinin war, mit der sich Ruth gut verstand. Leider war der viel ältere Ehemann ein Trinker, der seine kleinen Töchter oft schlug. Diese Aggression übertrug sich dann auch auf Pamela, die ihrerseits ständig Rebekka schlug. Rebekka weinte damals oft, weil sie Ungerechtigkeit nicht ertragen konnte. Mit Moises verstand sie sich indessen gut und sie spielten vergnügt mit einander selbst wenn ihre Windeln voll waren und stanken. Wir brachten Rebekka bei, aufs Töpfchen zu gehen, und sie kam jedes Mal dann freudestrahlend in die Küche gelaufen, wenn sie uns wieder mitteilen kann, dass sie ein kleines "Ei" gelegt habe. Sonntags gingen Ruth und ich öfter mal in die nahe gelegene Baptistengemeinde, wo wir von einem älteren Ehepaar angesprochen wurden, die uns in ihren Hauskreis einluden. Dieser gefiel uns gut, so dass wir dort regelmäßig hingegangen. Ruth freundete sich dort mit einer Schwester namens Dörte an, die uns auch sehr häufig besuchte. Irgendwann bat ich dem Pastor und auch dem Hauskreisehepaar an, dass ich gar nicht mehr an den Gott der Bibel glaube, worauf sie entsetzt reagierten. Der Hauskreisleiter (dessen Name mir entfallen ist) meinte zu mir, dass dies wohl an der Trennung meiner Eltern liege, denn aus seiner psychologischen Erfahrung würden Trennungen der Eltern immer schwerwiegende Auswirkungen auf deren Kinder haben, bis dahin, dass sie von ihrem Glauben abfallen.

Der erste Adoptionsversuch

Allmählich neigte sich Rossanas Zeit in Deutschland dem Ende zu. Sie machte sich Sorgen um ihren Sohn und ihre Zukunft, denn mit einem kleinen Kind würde es fortan sehr schwierig sein, Arbeit zu finden. Sie würde das Los vieler lediger Mütter in Südamerika teilen müssen, deren Söhne dann früher oder später unter die Räder kommen, indem sie z.B. Drogen nehmen und verkaufen, weil sie niemanden haben, der immer für sie da wäre. Rossana wünschte sich deshalb, dass ihr Sohn von einem deutschen Ehepaar adoptiert werde, damit er viel Zuwendung und eine gute Ausbildung bekomme. Wir machten ihr klar, dass sie ihren Sohn dann nie wieder sehen würde, denn soweit mir bekannt war, würden schon die Behörden das nicht zulassen. Rossana war es aber wichtiger, dass ihr Sohn gut versorgt sei, und ihr war bewusst, dass sie dies nicht leisten konnte. Also rief ich beim Jugendamt in Hannover an und machte einen ersten Termin bei einer Beraterin. Wir nahmen Moises mit und sie erklärte uns, dass südamerikanische Kinder heiß begehrt seinen bei Adoptiveltern, weshalb es keine Schwierigkeit geben dürfte, Moises zu vermitteln.

Ein paar Wochen später wurden wir zu einem zweiten Termin geladen, weil man mögliche Adoptiveltern für ihn gefunden habe. Dort im Büro war zeitgleich ein junges Paar geladen, dass Moises sah und sich sofort in ihn verliebte. Sie nahmen ihn auf den Arm und hätten ihn am liebsten gleich mit nach Hause genommen. Die Frau von der Adoptionsstelle erklärte uns jedoch, dass erst viele Formalitäten erledigt werden müssten, u.a. ein ärztliches Attest und eine Einwilligungsbescheinigung von Rossana usw. Wir reichten die gewünschten Unterlagen nach und erhielten eine Woche später einen Anruf von der Behörde. Die Sachbearbeiterin war sehr wütend und sagte mir, dass wir ihr verschwiegen hätten, dass Moises wahrscheinlich geistig behindert sei. Ich fragte sie, warum dies denn einen Unterschied mache und dass das außerdem doch noch gar nicht sicher erwiesen sei. Sie aber sagte: "Herr Poppe, man kann kein geistig behindertes Kind zur Adoption geben, weil NIEMAND ein solches Kind haben will. Merken Sie sich das!" Ich fand das irgendwie ganz schön diskriminierend, aber ich dachte, sie wird es wohl besser wissen als ich. Damit war also unser erster Versuch gescheitert. Da wir keine Chance auf eine Adoption sahen, überredeten wir Rossana, das Kind doch erst mal mitzunehmen nach Peru.

Ohne Papiere existiert man nicht

Als der Tag der Abreise kam, fuhren wir mit Rossana und ihrem Kind nach Bremen und brachten sie zum Flughafen. Am Check-In-Schalter nahm die Dame am Schalter der Fluggesellschaft den Ausweis und das Ticket von Rossana entgegen und tippte die Daten in den Computer. "Fliegt das Kind mit Ihnen?" - "Ja." - "Dann bräuchte ich auch mal das Ticket für das Kind bitte." - - - Ich wurde nervös. "Wieso? braucht das Kind denn auch ein eigenes Ticket?" fragte ich zaghaft. "Ja, natürlich, oder hatten sie gedacht, dass Mutter und Kind irgendwie eine unzertrennliche Einheit bilden? Das mag vielleicht in der Schwangerschaft gewesen sein, aber jetzt ist es ein eigenständiger Fluggast und braucht deshalb auch ein Reiseticket." - "Ach so, das wusste ich nicht. Und was machen wir jetzt?" - "Machen Sie sich keine Sorgen, sie können auch jetzt noch ein ermäßigtes Ticket für das Kind kaufen, denn es sitzt ja auf dem Schoß der Mutter. Geben Sie mir mal den Reisepass für das Kind." Schon wieder geriet ich in Verlegenheit: "Muss denn ein so kleines Kind schon einen eigenen Reisepass haben?" - "Ja, was denken Sie denn! Selbstverständlich brauchen auch Babys einen Kinderausweis. Das kann ja jeder behaupten, dass das Kind der Mutter gehört. Sie müssen zur Peruanischen Botschaft und sich einen Pass für das Kind machen lassen, sonst kann das Kind nicht mitfliegen." - Wir waren geschockt. "Können Sie nicht irgendwie eine Ausnahme machen?" - "Nein, das geht nicht. Sie können doch nicht einfach glauben, dass das Kind einfach so mitfliegt, das sagt Ihnen doch schon allein ihr gesunder Menschenverstand. Und jetzt gehen Sie bitte weiter und überlegen sich, was Sie machen wollen, denn die Schlange hinter ihnen will auch noch fliegen."

Wir waren am Boden, und Ruth machte mir Vorwürfe, warum ich daran nicht gedacht hatte. "Wenn Rossana heute nicht fliegt, dann verfällt ihr Ticket und wir müssen wieder Geld sparen, um ein neues Ticket zu kaufen, und das nur, weil Du Dich vorher nicht richtig informiert hattest!" Rossana versuchte zu beschwichtigen: "Onkel Simon, Tante Ruth, machen Sie sich keine Sorgen! Ich fliege sonst auch ohne Moises, und Sie können ihn ja erst mal hier in Deutschland behalten und ihn dann später mitbringen, wenn Sie das nächste Mal nach Peru kommen." - "Das sagst Du so einfach, Rossana“, sagte Ruth, "aber Du weißt, dass wir vormittags beide nicht da sind, weil wir studieren. Der Kindergarten für Rebekka beginnt erst nach den Sommerferien und Moises ist noch zu klein dafür. Und Du weißt auch, dass ich Schmerzen habe und mich nicht um zwei Kinder kümmern kann!" - "Und wenn wir noch mal versuchen, ihn zur Adoption zu geben?" fragte ich. "Ich kann doch mal beim Jugendamt in Bremen und ihnen die Situation schildern. Irgendwas wird denen doch schon einfallen." So verblieben wir dann, und Rossana stellte sich nochmal in die Schlange, um einzuchecken. Nachdem wir sie verabschiedet hatten, ging ich mit Moises im Arm zum Auto. "Ein so hübscher Junge" dachte ich, "schade, dass wir ihn nicht einfach behalten können."

Ich rief beim Jugendamt an und erklärte dem Mann die Situation. "Das Kind kann auch erst mal in einer Pflegefamilie untergebracht werden. Sie können ja morgen Vormittag mal in mein Büro kommen und alle Unterlagen von dem Kind mitbringen." - "Welche Unterlagen meinen Sie?" - "Ja, z.B. die Geburtsurkunde und eine Vollmacht der Mutter." - "Eine Geburtsurkunde habe ich nie bekommen für das Kind." - "Wann ist das Kind denn geboren?" - "Vor einem Jahr." - "Waaas??! Und Sie haben es immer noch nicht beim Standesamt angemeldet? Dann wird es aber allerhöchste Zeit, denn ohne Papiere existiert Moisés noch gar nicht!" - "Ich dachte, das geht alles irgendwie automatisch, wenn ein Kind geboren wird." - "Nein, Sie haben doch auch eine Tochter und hatten ihr auf dem Standesamt einen Namen gegeben. Haben Sie das völlig vergessen?" Ich schämte mich und versicherte, dass ich mich jetzt schnellstens darum kümmern würde. Als ich beim Standesamt anrief, sagte mir die Dame, dass sie vom Krankenhaus damals eine Mitteilung erhalten habe, aber dass Sie noch immer darauf wartete, bei ihr vorstellig zu werden. Wir riefen in Peru an, dass Rossana eine Einverständniserklärung schreiben solle, die notariell beglaubigt und von einem anerkannten Übersetzer auf Deutsch übersetzt werden müsse. Elena wiederum hatte Kontakt zu einer gläubigen Pflegefamilie in Habenhausen, wo Moisés erst einmal untergebracht wurde. Wochen später erfuhr ich durch den Kinderarzt Dr. Wahlers durch Zufall, dass Moisés inzwischen von einem Journalisten-Ehepaar in Schwachhausen adoptiert wurde, deren Nachname Monsees hieße. Ich traute mich aber Jahre lang nicht, zu diesen Kontakt aufzunehmen, bis eines Samstags im Jahr 2015 Moisés mit seiner Adoptivmutter vor unserer Haustür stand (aber dazu später mehr).

Die Meisterprüfung

In der Meisterschule war ich inzwischen einer der Klassenbesten, weshalb sogar Herr Brandes von meinen Arbeiten beeindruckt war, auch wenn er mich nicht mochte. Ich lernte auch die möglichen Prüfungsfragen der theoretischen Prüfung in und auswendig, so dass ich mich ziemlich sicher fühlte. Kurz vor der Prüfung war im Juni 1998 ein ICE-Zug in der Nähe von Hannover entgleist und hatte über 100 Menschen in den Tod gerissen. Das Zugunglück von Lengede galt als das schlimmste von allen in Deutschland, so dass auch der Lehrer für eine Weile den Unterricht unterbrach. Als dann Ende Juni die Woche der praktischen Prüfung kam, erhielten wir die Aufgabe, den Empfangsbereich eines Hotels zu gestalten, indem wir auf den eigens von uns dafür vorbereiteten 8 Platten (0,5 x 1,00 m) jeweils eine genau vorgeschriebene Technik ausführen sollten, deren Ausführung dann benotet wurde. Die Arbeitsabläufe waren so geplant, dass wir alle 5 Tage brauchen würden, um dies auch zeitlich zu schaffen. Ich hatte mir zuvor schon viele Gedanken gemacht und arbeitete so pingelig und perfektionistisch wie ich nur konnte, weil ich das beste Ergebnis von allen erzielen wollte. Die ersten drei Tage liefen auch völlig im Zeitplan, doch dann hatte ich größte Mühe mit einem Schriftzug, den wir mit Blattgold auf eine Glasplatte bringen sollten, weil sich das Blattgold immer wieder stellenweise löste und nicht so recht kleben wollte auf der sog. Miktion (Kleber). Donnerstagabend wurde mir klar, dass es jetzt ganz schön knapp war mit der Zeit und ich eine Platte noch gar nicht bearbeitet hatte, sondern hatte sie am Donnerstag erst mal nur vorgespritzt, um sie am nächsten Tag mit einer Lilie zu vergolden.

Als ich am Freitagmorgen kam, war diese Platte noch immer nicht trocken, sondern bakte noch. Ich ging zu Herrn Brandes und fragte ihn, was ich jetzt machen könne, da die Platte nicht trocken sei. "In den Ofen können Sie die nicht stellen, denn dann können Sie die heute nicht mehr vergolden, weil der Lack zu weich ist" - "Und was soll ich sonst machen?" - "Keine Ahnung. Sie hätten vielleicht mal früher daran denken sollen, die Platte vorzuspritzen!" Es hatte keinen Zweck, denn er wollte mir nicht helfen. Also ging ich zu Herrn Stollberg und fragte ihn, ob er eine Idee hätte. Er überlegte und sagte dann: "Holen sie mir mal einen Japanspachtel, eine Tube Acrylspachtelmasse und Abtönfarben, z.B. Schwarz und Lila" - "Was haben Sie denn vor?" fragte ich verwirrt. "Das werde ich Dir gleich zeigen, wart' nur ab!" Ich brachte ihm die gewünschten Dinge, und er tat sich auf den Japanspachtel eine Mischung aus Acrylspachtel, sowie Schwarz und Lila, vermischte es und trug es plötzlich auf meine Platte auf. "WAS MACHEN SIE DENN DA?" fragte ich entsetzt. "Ich versuche, Dir den Arsch zu retten! Vertrau mir, ich weiß schon, was ich tue!" Mein Herz raste und es war mir völlig schleierhaft, was er vorhatte. Er trug die Farbe in kleinen Flecken kreuz und quer auf die Platte auf und überlappte die Flecken bis die ganze Platte bedeckt war. Eigentlich war es streng verboten, dass ein Lehrer uns bei der Herstellung der Platten half, und so war auch Herr Brandes sichtlich geschockt, als er sah, wie sich sein Kollege gerade über die Regeln hinwegsetzte. Als er fertig war, sagte er: "Schau, die Platte ist jetzt schon trocken, aber Du musst sie noch verdichten. Weißt Du wie das geht?" - "Nein." - "Schau her!" Er nahm den Japanspachtel und rieb damit auf der Farbfläche hin und her, so dass diese anfing zu glänzen. Erst jetzt erkannte ich, dass es eigentlich ein recht schöner Anblick war und machte weiter. Er hatte es geschafft, den Untergrund auf die Schnelle so herzurichten, dass ich noch rechtzeitig meine Vergoldung aufbringen konnte. Und er riskierte dabei sogar, dass sein Kollege ihn verpetzen könnte für diese kleine Schummelei. Das werde ich ihm immer hoch anrechnen!

So wurde ich gerade noch rechtzeitig fertig an jenem Freitag und hatte außer der Glasplatte ein sehr überzeugendes Ergebnis erzielt.


Juli - September 1998

Das Ergebnis

Ich erfuhr, dass wir das Ergebnis am 07.Juli erhalten würden im Rahmen einer Feierstunde. Der 07.Juli war aber zugleich mein 30. Geburtstag, weshalb ich umso mehr bangte, ob ich auch ein positives Ergebnis als Geburtstagsgeschenk erhalten würde. Mein Vater war extra angereist aus Bremen, um mich nach Hannover zu bringen. Wir versammelten uns auf dem Flur der Maler-Innung, während drinnen im Handwerkssaal beraten wurde. Dann ging die Tür auf und einer der Schüler wurde hineingerufen, und zwar Torsten, der ehrgeizigste Streber der Klasse, der immer nur an seinen eigenen Vorteil dachte. Wir waren uns sicher, dass er bestanden hat. Als er jedoch nach einer Weile herauskam, sagte er: "Ich hab's vergeigt! Und auch nur deshalb, weil ich bei einer Platte eine falsche Technik aufgebracht hatte entgegen der Vorgabe. Ich meinte es nur gut, aber die Prüfer meinten, dass dieser Fehler unverzeihlich sei, weil ich ja auch nicht zu einem Kunden sagen könne, dass die Lackierung doch schön sei, wenn doch der Kunde ausdrücklich eine Lasur gewünscht habe."

Ich dachte: "Wenn der deswegen schon allein durchgefallen ist, dann bin auch ich durchgefallen!" Doch dann ging die Tür wieder auf und man hieß uns diesmal alle zusammen hereinzukommen. Was hatte das zu bedeuten? Der Obermeister erklärte uns dann, nachdem er es zuvor sehr spannend gemacht hatte, dass wir anderen alle bestanden hätten und nun jeder nacheinander seine Urkunde bekommen würde. Ich war überglücklich, und als ich an der Reihe war, sagte ich vor der Jury, dass dieser Tag für mich in doppelter Weise besonders sei, da ich auch gerade 30 geworden sei. Dem HErrn sei Dank, dass er mir eine Demütigung erspart hatte! Im Nachherein tat mir der Thorsten wirklich leid, dass er durchgefallen war, und ich fragte mich, warum man bei mir ein Auge zugedrückt hatte.

Anna und Albert

Mitte Juli heiratete meine Schwester Anna ihren Albert in Ratzeburg, wo die beiden immer ihren Urlaub verbrachten. Es war eine schöne Feier und viele waren gekommen. Anna (32) und Albert (33) passten aber auch wirklich gut zusammen, da sie beide sehr konservativ waren, und zwar so sehr, dass sie sich am liebsten für den Rest ihres Lebens in eine Konserve hätten einschließen wollen, in der die Zeit zum Stehen gebracht war und die feindlich empfundene Umwelt ihre Ruhe nicht zu stören vermochte. Tatsächlich war dies dann auch ihr größtes Problem in den folgenden Jahren, dass nämlich ihre Umwelt immer nie so wollte, wie sie es gerne hätten und von ihr erwartet hatten. Sei es nun, dass die Prediger oder Glieder einer Gemeinde nie ganz genau ihren Wunschvorstellungen entsprachen und ihnen deshalb keine andere Wahl blieb, als diese wieder zu verlassen, oder sei es, dass die Vermieter sich nicht an die ihnen zustehende Ruhe hielten oder andere Vorgaben einfach missachteten. Anna und Albert hatten beruflicherseits gelernt, wie man Beschwerdebriefe verfasst, die es aber in sich hatten. Als ich später mal versucht hatte, Albert als Bürogehilfen zu gewinnen, lies ich ihn zur Probe Briefe an Kunden schreiben. Zu meinem Erschrecken waren diese dermaßen eiskalt formuliert, dass ich Albert zur Mäßigung aufrief: "Mein lieber Albert, so kannst Du doch nicht meinen armen Kunden schreiben! Das ist doch absolut grausam und lieblos! Die würden mir nie wieder einen Auftrag erteilen!"

Anna und Albert waren Eigenbrötler, aber sie haben sich immer gut verstanden. Es war beinahe so, als hätten zwei Autisten geheiratet, die beide auf einander Rücksicht nehmen konnten, weil beide unter den gleichen Ängsten und der selben Paranoia litten. Die Welt der beiden war entsprechend klein, aber sie waren nie einsam, denn sie hatten immer einander und ihre Erinnerungen an die 70er und 80er Jahre, in denen sie aufgewachsen sind. Ich habe die beiden immer bewundert wegen ihrer Bescheidenheit und Genugsamkeit. In dieser Hinsicht waren sie genau das GEgenteil von mir, denn ich war schon immer lebenshungrig und risikofreudig. Ihre größte Angst war die vor der Veränderung, und meine größte Angst war die vor der Erstarrung. Während Albert in den ersten Jahren noch shr scheu und zurückhaltend gegenüber uns war, hatte er sich allmählich an uns gewöhnt und zeigte sich auf Geburtstagen als heiteren Witzbold. Selbstironisch bezeichnete er sich selbst immer als der "Schnuff" wie ihn Anna immer nannte und fühlte sich offensichtlich wohl in dieser Rolle als gemütlicher Teddy wahrgenommen zu werden. Sein teilweise derber Humor wurde von meiner Mutter anfangs eher als Spott empfunden, über den sie nicht lachen konnte. Es ging einmal so weit, dass ich Albert in einem Brief damit drohte, handgreiflich zu werden, wenn er weiterhin seine Scherze mit meiner Mutter trieb. Später aber versöhnten wir uns wieder.

Albert war vielleicht aufgrund seiner etwas korpulenteren Statur nicht gewöhnt, anstrengende Arbeiten zu verrichten, deshalb mied er diese so weit er konnte. Wenn Einkäufe ins Haus getragen werden mussten oder Möbel in den Möbelwagen, fühlte sich Albert in der Regel nicht für zuständig, sondern überließ das Anna. Schon bald hatte er deshalb bei der Familie den Ruf eines "Faulpelzes" weg. Anna versuchte, dies immer schön zu reden, dass ihr das gar nichts ausmache und Albert dafür eben andere Gaben habe. Es dauerte lange bis ich einsah, dass Albert einfach innerlich gehandicapt war, d.h. es war nicht so dass er nicht arbeiten wollte, sondern er konnte nicht. Kein Wunder dass er deshalb jede Beschäftigung schon nach kurzer Zeit wieder verlor. Selbstverständlich lag das immer an den anderen, aber nie an ihm. Ebenso waren natürlich immer die Vermieter allein daran schuld, wenn Albert und Anna mal wieder wegen Lärmbelästigungen oder ähnlicher Unerträglichkeiten eine neue Wohnung suchten. In den letzten 20 Jahren sind die beiden schätzungsweise schon 6 oder 7 mal umgezogen, und jedes Mal endete ihr Mietverhältnis im Streit.

Der Beginn meiner Selbständigkeit

Am 01.08.1998 meldete ich in Neustadt am Rübenberge mein Gewerbe als selbständiger Malermeister an. Es war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser, denn ich hatte zwar auf der Meisterschule alle möglichen, seltenen Maltechniken erlernt, die ich später so gut wie nie mehr anwenden konnte, aber die einfachsten Dinge hatte man mir nicht erklärt, z.B. woher ich eigentlich Material bekomme und wo ich meinen Müll entsorgen könnte. Meine größte Sorge war jedoch zunächst einmal, wie ich überhaupt Kunden gewinnen konnte, denn ich war ja noch vollkommen unbekannt in Neustadt am Rübenberge, so dass ich noch nicht von Mund-zu-Mund-Propaganda profitieren konnte. Erschwerend war noch, dass sich sehr viele Meisterschüler aus Garbsen im Raum Neustadt niedergelassen hatten, so dass es wohl die scheinbar größte Dichte an Malerbetrieben aus ganz Deutschland dort gab. Auch einer der größten Malereibetriebe Deutschlands hatte in Neustadt am Rübenberge ihren Stammsitz mit über 400 Mitarbeitern und eines Bestehens von über 150 Jahren. Wie also sollte eine neu gegründete Firma bei so viel Konkurrenz überhaupt Fuß fassen können?!

Ich versuchte es zunächst mit einer Annonce in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Es meldeten sich gerade einmal nur zwei Interessenten, von denen mir immerhin eine auch einen Auftrag erteilte. Dann kam mir die Idee, einen Werbeflyer zu verteilen, auf dem ich jedem Kunden einen Rabatt von 30 % anbot und einige meiner Leistungen schon konkret benannte mit ihren jeweiligen Einheitspreisen, z.B. "Fassade grundieren und zweimal streichen mit hochwertiger Reinacrylatfarbe: statt 20,-DM/m² nur noch 13,50 DM/m²" oder "Fenster schleifen und zweimal lackieren mit Lack oder Lasur: statt 18,-DM/m² nur noch 10,-DM/m²". Da die meisten Malerbetriebe bei ihren Angeboten Einheitspreise verwenden (d.h. Preis pro m² oder m), hatten die Hausbesitzer nun die Möglichkeit zu vergleichen, und so dauerte es nicht lange, dass ich sehr viele Anfragen bekam, aus denen dann auch Aufträge wurden. Ich war einfach unschlagbar billig, und ich merkte es selber nicht einmal. Mein "Glück" war, dass ich nicht kalkulieren konnte, da ich im Rechnen schon immer schlecht war, und so konnte ich - ohne mir dessen bewusst zu werden - viele Mitbewerber fernhalten, selbst wenn ich so gut wie nichts mehr am Auftrag verdient hatte. Für das Streichen einer Fassade über 1000,-DM zu bekommen, war für mich gefühlt eine Menge Geld, mit dem ich mich gern zufrieden gab, selbst wenn meine Konkurenten für das gleiche Haus über 2000,- DM angeboten hatten. In den ersten drei Monaten hatte ich einen Umsatz von insgesamt 14.265,- DM, was mich zuversichtlich stimmte, dass es nun endlich bergauf ginge. Davon kauften wir uns u.a. Flugtickets, um im Januar 1999 wieder nach Peru zu reisen, wenn es ohnehin kaum Arbeit geben würde. Diesmal wollte auch mein Vater Gregor mitkommen.

Doch schon nach ein paar Wochen litt ich unter der Einsamkeit und Langeweile, denn tagsüber gab es nun keinen Arbeitskollegen mehr, mit dem ich mich unterhalten konnte, so dass ein 8-Stunden-Tag mir unendlich lang vorkam. Da kam mir die Idee, mal meinen Bruder Marco zu fragen, ob er nicht Lust hatte, bei mir eine Umschulung zum Malergesellen zu machen, zumal seine selbständige Treppenhausreinigung auf Dauer auch nicht das Richtige für ihn sein konnte. Marcus fand die Idee gut, zumal auch er daran interessiert war, mit mir mehr Gemeinschaft haben zu können. Also machten Marco und ich einen Ausbildungsvertrag, und er wurde mein erster Mitarbeiter. Da er nach wie vor in Bremen wohnte, bedeutete dies für ihn, dass er nun zwei Jahre lang täglich zwischen Bremen und Neustadt pendeln musste mit dem Zug, eine Stunde hin und eine Stunde zurück. Normalerweise dauert eine Ausbildung im Handwerk immer drei Jahre, aber Marco war ehrgeizig und wollte seine Ausbildung auf anderthalb Jahre verkürzen, zumal er sich aufgrund seines Alters den jungen Lehrlingen in der Berufsschule ohnehin überlegen sah. Um sich ausreichend praktische Erfahrung anzueignen, machte Marcus sich noch zusätzlich selbständig als Maler- und Lackierer als sog. "Reisegewerbe" (eine Art "Lücke" in der an sonsten strengen Handwerksordnung).


Oktober - Dezember 1998

Aller Anfang ist schwer

Am 07.10.1998 kaufte ich schließlich für mich und Ruth je ein Handy für 249,-DM/Stk. Handys wie das Siemens S6 waren damals noch über 15 cm groß und konnten nichts weiter als nur telefonieren. Es war das erste Handy überhaupt, das ich besaß, und ich war auch einer der ersten Kunden des gerade neu gegründeten Konzerns VIAG Interkom, der sich später O2 nannte. Ich konnte mir damals sogar unter 10 attraktiven Nummern noch eine aussuchen, die ich auch bis heute noch habe. Da es damals noch keine Pauschaltarife (Flatrates) gab, waren Handygespräche dermaßen teuer, dass man es nur in Notfällen gebrauchte. Obwohl das Post- und Fernmeldewesen bereits privatisiert war, waren aber auch sog. "Ferngespräche" Ende der 90er Jahre noch sehr teuer. Ein Anruf von Neustadt nach Bremen kostete z.B. 0,50 DM/Minute, und nach Peru kostete eine Minute sogar 2,-DM. Wenn Ruth damals mit ihrer Familie in Peru telefonierte, dann stand ich daneben oft wie auf glühenden Kohlen, indem ich immer wieder mit dem Finger auf meine Armbanduhr schlug, um Ruth zum Auflegen zu bewegen. Unsere Telefonrechnungen beliefen sich jeden Monat auf bis zu 200,-DM im Monat, so dass wir trotz meiner Selbständigkeit einfach nicht aus den roten Zahlen herauskamen. So trug ich wieder jeden Morgen in der Frühe die Lokalzeitung aus und verteilte dabei zusätzlich meine Flyer, um neue Kunden zu gewinnen. Aufgrund meiner schlechten Rechenkünste, bot ich meinen Kunden die 50,-DM Stundenlohn nicht nur inkl. Lehrling an, sondern auch inkl. Materialkosten, so dass mein eigentlicher Stundenlohn als Meister sich gerade einmal nur bei etwa 35,-DM belief. Hinzu kam, dass ich mich bei der Addition meiner Preise in der Rechnung häufig zu meinen Ungunsten verrechnet haben muss, aber naturgemäß machten mich nur wenige Kunden ehrlicherweise darauf aufmerksam. Wenn das Arbeitsamt mir nicht die ersten 6 Monate immer ein sog. "Übergangsgeld" in Höhe von 3.200,- DM gezahlt hätte, dann wäre ich schon nach wenigen Wochen zahlungsunfähig gewesen, zumal meine Gesamtkosten nahezu fast genauso hoch war wie mein Umsatz. Die Einnahmen zerronnen wie Wasser in unseren Händen, denn inzwischen musste ich neben der 250,- DM-Monatsrate für das Krankenhaus auch jeden Monat 600,- DM an meinen Vater zahlen, wegen all der Schulden, die ich bei ihm hatte. Auch Hans-Udo meldete sich nun, und wir vereinbarten 500,-DM monatlich, die ich zwei Jahre lang an den Verein zurückerstatten sollte.

Schon bald musste ich leider auch zum ersten Mal die Erfahrung machen, dass nicht alle Kunden bereit sind, für eine erbrachte Leistung auch zu zahlen. So hatte mich eine Immobilienmaklerin gebeten, ihr ein Angebot zu machen, was es kosten würde, wenn ich die veralgte Fassade ihrer Garage reinigen, grundieren und streichen würde. Ich maß also die Fläche, errechnete den Preis und rief sie abends an, um ihr mein Angebot mündlich am Telefon zu sagen (472,60 DM brutto). Sie war damit einverstanden und erteilte mir den Aufrag. Doch nachdem ich alles erledigt und ihr die Rechnung zugeschickt hatte, erhielt ich kurz darauf ein Fax, in welchem sie behauptet hatte, dass sie mir noch gar keinen Auftrag erteilt habe und deshalb keine Veranlassung sehe, mir überhaupt die Rechnung zu bezahlen. Ich war aufgebracht vor Wut und setzte mich sofort an die Schreibmaschine, um ihr neben einer Mahnung mit Fristsetzung auch noch einen zwei-Seiten-langen Brief zu schreiben, in welchem ich ihr unmoralisches Verhalten in aller Schärfe rügte, wobei ich ihr "Charakterlosigkeit, Menschenverachtung und unersättliche Raffgier" vorwarf. Bevor ich den Brief abschickte, machte ich eine Kopie und brachte diese bei einem Rechtsanwalt in der Nachbarschaft vorbei mit der Bitte, dass er doch meinen "Fall" vertreten möge. Er las sich alles durch und fragte mich dann: "Haben Sie den Brief schon abgeschickt?" - "Ja! warum?" Er schüttelte den Kopf und sagte: "Warum haben Sie mich denn nicht gleich mit dem Fall betraut, bevor Sie solche Romane schreiben? Und wenn Sie Ihrer Kundin hier z.B. 'niederträchtiges Gebaren' oder 'Raffgier' vorwerfen, dann müssen Sie aufpassen, dass diese Sie nicht wegen Beleidigung verklagt! Ich hoffe ja, dass das noch gut geht. Aber in Zukunft sollten Sie das Schreiben lieber dem Anwalt überlassen."

Tatsächlich erfuhr ich dann 10 Tage später, dass der Anwalt der Kundin meinem Anwalt mitgeteilt hatte, dass seine Mandantin von einer Strafanzeige gegen mich wegen Beleidigung absehen würde, wenn ich im Gegenzug bereit sei, eine Zahlung von gerade einmal nur 150,-DM zu akzeptieren, was mir mein Anwalt dringend anriet, da ich sonst vorbestraft wäre. Ich ärgerte mich zwar, vor allem über meine eigene Dummheit, aber war natürlich damit einverstanden. Obwohl es sich um ein verhältnismäßig geringes "Lehrgeld" handelte, konnte ich jedoch den Gedanken kaum ertragen, dass diese Kundin auf diese Weise nun einfach Kosten eingespart hatte. Auf legalem Wege konnte ich jedoch jetzt nichts weiter erreichen, deshalb nahm ich mir vor, mich zu einem späteren Zeitpunkt an ihr zu rächen. Als Christ hätte ich mich im Gebet von all diesen negativen Gefühlen der Kränkung und Demütigung von Gott befreien lassen können, aber als Ungläubiger war ich nun auf mich alleine geworfen und musste die Sache mit mir selbst ausmachen. Heute weiß ich, dass diese Ungerechtigkeit mir nur deshalb widerfahren ist, weil ich auch selbst Unrecht übte, indem ich auch selber Behörden und Institutionen Gelder vorenthielt, das ihnen von mir zustand. Ich komme später noch darauf zurück.

Im November 1998 erhielt ich u.a. dann einen Großauftrag, nämlich ein leer stehendes Haus von oben bis unten zu renovieren. Da aber das Haus aber in Bückeburg war, also etwa 60 km entfernt von Neustadt, beschlossen Marcus und ich, uns für eine Woche dort einzuquartieren, womit die Kundin auch einverstanden war. Meine Frau bat mich nur, dass wir auch unseren Papagei mitnehmen sollten, damit er tagsüber nicht so alleine sei. Um den Auftrag überhaupt schaffen zu können, nahmen Marcus und ich uns vor, 14 bis 16 Stunden am Tag zu arbeiten, denn was könnten wir sonst auch tun, ohne uns zu langweilen. Damals erfand ich für den Flur eine Technik, die ich auch später noch oft anwendete, indem ich die Wände mit Latexfarbe spachtelte, so dass sie spiegelglatt wurden. Beim Tapezieren der Räume mit Raufasertapete ist uns dann jedoch ein grober Fehler passiert: Die Kundin hatte nämlich alle Heizungen ausgestellt, so dass es nur etwa 12 oC an Temperatur hatte. Dadurch konnte der Kleister aber gar nicht richtig trocknen. Als wir dann die Decken strichen, fielen uns reihenweise die Tapeten von den Decken, da sie durch die Farbe zuviel Gewicht hatten und der Kleber sie nicht mehr hielt. Wir mussten also im Akkord Bahn für Bahn wieder nachkleben, so dass wir viel Zeit verloren. Am Ende mussten wir bis spät in die Frühe durcharbeiten, um noch rechtzeitig fertig zu werden. Die Nerven lagen inzwischen blank, so dass Marcus und ich oft an einander gerieten. Einmal rastete ich so aus, dass ich Marco einen Tritt in den Hintern verpasste. Daraufhin setzte er sich in das Auto und wollte nicht mehr arbeiten. Es war 4.00 Uhr nachts und ich bettelte ihn an, doch wieder ins Haus zu kommen, denn alleine würde ich es nie schaffen. Am Ende war die Kundin nicht mit unserer Arbeit zufrieden und gab uns statt der vereinbarten 6.000,- DM gerade nur die Hälfte. ich war trotzdem einverstanden, da die Arbeit tatsächlich eines Malers unwürdig war.

Mein Abschiedsbrief

In jener Zeit hörte ich immer häufiger die Musik der Gruppe Rammstein. Die harten und aggressiven Rythmen drückten genau jene Wut und jenen Frust aus, den ich damals empfand. Und dann gab es da noch eine Gothic-Band namens Therion, die düsteren Symphonic Metal spielte, deren satanischer Hintergrund mir zwar bewusst war, aber die ich dennoch leidenschaftlich gerne hörte. Jeder Metal-Fan weiß im Grunde genommen, dass diese Musik ihm hilft, seine unterdrückten Aggressionen abzubauen, indem er diesen durch das Hören hemmungslos „freien Lauf lassen“ kann, als würde er selber diese Musik spielen oder diese Texte singen. Es ist dieses Rauschgefühl von unbändiger, zügelloser Stärke, das den Hörer beflügelt und ihm die Unlustgefühle vergessen hilft. Psychiater sprechen gerne von "körpereigenen Drogen" wie Endorphin, Serotonin oder Noradrenalin, die durch diese Hardrockmusik freigesetzt wird; aber durch diese "Botenstoffe" wirkt ein luziferisches Bewusstsein im Menschen, das ihn antreibt zum Aufruhr und Empörung gegen alles Heilige. Satan wollte ja Gott gleich sein, und genauso fühlt sich auch ein von ihm inspirierter Mensch den anderen Mitgeschöpfen gegenüber haushoch überlegen. In Wirklichkeit aber wird er selbst von Satan betrogen, weil diese Rauschzustände – wie bei allen Drogen – nur von begrenzter Dauer wirken und ihn danach wieder frustriert und innerlich leer zurücklassen. In der Folge verlangt der Süchtige noch immer mehr Grenzüberschreitung, vergleichbar einem pubertierenden Jugendlichen, der austesten muss, wie weit er noch gehen kann. Dieser Trieb, mir immer neue Freiheiten herauszunehmen, wurde auch in mir damals (wieder)erweckt, so dass ich „es allen zeigen wollte“.

Mein Freund Bernd Fischer hatte sich bereits ein Jahr zuvor endgültig von mir verabschiedet, indem er mir einen letzten Brief sandte mit einem schwarzen Rand auf dem Umschlag, durch den man damals Trauerbriefe um einen Verstorbenen kennzeichnete. Für ihn war ich jetzt tot. Das tat mir zwar leid wegen unserer jahrelangen Freundschaft, aber ich konnte es nicht ändern, da sich ja bei mir eine Metamorphose vollzogen hatte. Es gab nun kein Zurück mehr. Es war nun die Zeit gekommen, dass auch ich mich noch ein letztes Mal an meine Brüder von früher wenden wollte in einem Abschiedsbrief. Ich machte mir keine Illusion, dass ich dadurch irgendjemanden hätte überzeugen können; mir ging es vielmehr darum, dass keiner glauben sollte, dass ich nur aus Schwachheit und Lauheit in die Welt zurückgekehrt sei, sondern dass ich „gute Gründe“ für meine Entscheidung hatte. Ähnlich wie Saul, der den Samuel nach seiner Verwerfung darum bat, doch wenigstens vor den Ältesten seines Volkes und vor Israel geehrt zu werden, so wollte auch ich gerne wenigstens noch mit erhobenem Haupt davongehen, indem alle erfahren sollten, warum ich kein Christ mehr sein konnte.

Mir kam dabei die Person des „Demas“ in den Sinn, von dem Paulus am Ende des zweiten Briefes an Timotheus beiläufig schrieb: „…denn Demas hat mich verlassen, da er den jetzigen Zeitlauf liebgewonnen hat“ (2.Tim.4:10). Ich fragte mich, ob Demas diese Begründung wohl für sich hätte gelten lassen wollen. Da kam mir die Idee, einen fiktiven Antwortbrief an Paulus zu schreiben, indem ich mich als Demas ausgab, der seine Gründe für seinen Weggang ausführlich schildern wollte. Ich beschrieb darin all mein Leid, dass ich gerade in den letzten Jahren in meiner Beziehung zu Gott erlebt hatte, indem ich mir Gott als ein „Schreckgespenst in meinem Gewissen“ vorgestellt hatte. Dabei zitierte ich aus einem Buch von Tilmann Moser, der in seiner Jugend ähnliche Erfahrungen mit Gott machte: „Gott raubte mir so gründlich die Gewissheit, mich jemals in Ordnung fühlen zu dürfen, mich mit mir auszusöhnen, mich o.k. finden zu können. Mir graut es, wenn ich an die unzähligen Stunden im ‚Morgen-Grauen‘ denke, als ich nur noch flehen konnte: ‚Herr, verwirf mich nicht von deinem Angesicht.‘ Das Morgengrauen ist die Zeit der Hinrichtungen, des Selbsthasses und der Gottesheimsuchung… Ich saß wie in einer Falle: alle mir wichtigen Menschen zeigten keinerlei Zweifel, dass es Gott gebe und er ansprechbar, verständnisvoll, gütig, gerecht, ja sogar lieb und barmherzig sei, wenn auch mit dem Hintergrund düsterer Strafen, deren schlimmste natürlich der Liebesentzug sei, und es galt gleichzeitig als ausgemacht, dass bei dem, der Gott nicht erreichte, etwas Schlimmes vorliegen müsse. Das brachte mich in die Lage einer keuchenden und angstgejagten Ratte, die ihre Tretmühle in wachsender Panik immer schneller tritt… Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins an einen allgegenwärtigen Gott bewirkte eine lähmende Einschüchterung und Ohnmacht in mir und machte mich zu einem korrupten Schmeichler, der sich Gott immer wieder durch Lob und Dank anzubiedern suchte, um seine Gunst zu erlangen… Gott war für viele meiner Glaubensgeschwister für ganze Bereiche ihres seelischen Lebens der einzige Ansprechpartner. Seine erdrückende Wirklichkeit entstammt ihrer Isolierung, ihren Kontaktstörungen, ihrer Sprachlosigkeit anderen Menschen gegenüber. Sie beteten zu ihm und erzählten ihm abends ihren Tag, weil ihnen sonst niemand zugehört hätte. In ihrer Verzweiflung haben sie Gottes Antwortlosigkeit als unendliche Geduld und Wohlwollen gedeutet. Sie hätten ihr Elend auch ihrem Wellensittich zuflüstern können.“ (Tilmann Moser: Gottesvergiftung, Suhrkamp Taschenbuch, 1980).

 Diesen „Brief des Demas“ aus dem fiktiven Jahr 63 n.Chr. schrieb ich während des 2. Halbjahrs 1998 und vervielfältigte ihn dann als Büchlein mit 23 Seiten, das ich dann an etwa 50 Glaubensgeschwister in Deutschland versandte. Alle meine Gefährten von früher sollten nun wissen, dass ich nicht mehr zu ihnen gehörte. Allerdings scheute ich mich davor, diesen Abschiedsbrief auch an Edgard und Hedi Böhnke zu verschicken. Denn nach wie vor besuchten wir sie ja regelmäßig wie unsere Großeltern, und ich hatte es bis dahin nie übers Herz gebracht, ihnen von meinem Glaubensabfall zu erzählen, weil sie es nie verstanden hätten. Da sie schon über 70 J. waren, wollte ich ihnen nach all dem Guten, das sie mir angetan hatten, keinen Kummer mehr bereiten, sondern sie bis zu ihrem Tod in Ahnungslosigkeit belassen. Doch ich hatte törichterweise nicht damit gerechnet, dass sie es schon kurz darauf von anderen erfahren sollten. Eines Abends rief ich Hedi an, um sie zu fragen, ob wir sie am Wochenende mal wieder besuchen kommen dürften. Doch Hedi wies mich ab und sagte: „Wir haben gehört, dass Du nicht mehr an unseren HErrn Jesus Christus glaubst. Die Geschwister Domrös haben uns ein Heftchen von Dir geschickt, und Edgard hat es gelesen. Seither ist Edgard tief getroffen und kann Nachts nicht mehr schlafen. Simon, Du hast dem Edgard das Herz gebrochen. Wir haben Dich immer geliebt wie einen Sohn. Aber jetzt gehst Du für immer verloren, wenn Gott Dir nicht noch einmal gnädig sein wird. Wir wollen nie mehr, dass Du zu uns kommst. Das könnten wir nicht ertragen. Du musst umkehren zum HErrn Jesus, Simon, sonst gibt es keine Hoffnung mehr für Dich!

 

Einmal auf dem Schoß Gottes sitzen

Wie ich meinen Glauben verlor
und Gott ihn mir nach 18 Jahren wiedergab

 

 

"Und das Übrige der Geschichte Jorams und alles was er getan hat, ist das nicht geschrieben in dem Buche der Chronika der Könige von Juda? Und er ging hin, ohne vermisst zu werden..."

(2.Kön.8:23, 2.Chr.21:20)

Vorwort

Wenn wir uns Gedanken machen über unser bisheriges Leben, kommen wir alle früher oder später zu der Einsicht, dass unser Leben im Grunde nicht mehr als ein Hauch ist, der eine kurze Zeit lang sichtbar ist und dann verschwindet. Für den Lauf der Welt ist es im Grunde völlig bedeutungslos, ob wir einmal gelebt haben oder nicht. Denn wenn der Mensch erst einmal gestorben ist, dann schwindet schon bald die Erinnerung an ihn. Ein wenig anders verhält es sich, wenn wir im Leben wenigstens „Spuren“ hinterlassen durften, d.h. wenn Menschen, denen wir helfen konnten, uns wenigstens eine Zeit lang in Erinnerung behielten oder sogar durch unser Vorbild zum Guten beeinflusst wurden. Die meisten Menschen kümmert es jedoch weniger, was andere von ihnen denken mögen, geschweige denn, dass sie sich für das Leben anderer interessieren, sondern sie leben gleichgültig in den Tag hinein und verschwenden ihre wertvolle Lebenszeit z.B. vor dem Fernseher. Sie leben ihr Leben im Grunde also gar nicht selber, sondern begnügen sich damit, das wahre oder erfundene Leben anderer zu beobachten, dass ihnen das Gefühl gibt, als würden sie es selber erleben. Sie kämen vielleicht auch nie auf die Idee, ein Buch über ihr Leben zu schreiben, weil es da nicht allzu viel zu berichten gäbe und es ohnehin niemanden interessieren würde. Tatsächlich gibt es aber Einen, der sich für das Leben aller Menschen interessiert, sie deshalb ständig beobachtet und alles aufschreiben lässt, was sie jeden Tag tun. Und das ist Gott.

"Das übrige der Geschichte" ist eine Formulierung, die in der Bibel steht, und dort etwa 45 mal vorkommt, und zwar in Bezug auf die Könige von Israel oder Juda im Alten Testament, um dem Leser am Ende der Lebensbeschreibung eines solchen Herrschers bei Interesse auf weitere Einzelheiten aus dessen Leben hinzuweisen, die in der Chronik des jeweiligen Landes zu finden sind. Das Leben der meisten dieser Könige, die z.T. nur sehr kurze Zeit regierten, war häufig derart belanglos, das es den Schreibern nicht wert war, näher darauf einzugehen. Für Gott, der als inspirierender Autor hinter allen Büchern der Bibel steht, war es in der Regel allein entscheidend, uns mitzuteilen, ob ein König "tat, was recht war in den Augen Jahwes", des Gottes Israels, oder ob er "tat was böse war in den Augen Jahwes".

Häufig taten diese Könige nur, was schon ihre Väter taten, ob nun Gutes oder Böses. Dass aber jemand während seines Lebens auf einmal vollkommen seine Richtung ändert, ob nun vom bösen auf den guten Weg oder vom guten auf den bösen Weg, geschieht eher selten. Welcher Weg aber nun "gut" und welcher "böse" ist, entscheidet am Ende nicht der Mensch, sondern Gott allein, und Er hat uns Sein Beurteilungskriterium gegeben in Seinem Wort, der Bibel. Und es wird der Tag kommen, an welchem wir alle einmal Rechenschaft geben müssen vor Ihm, was wir mit unserer Lebenszeit angestellt haben, ob wir also nach Seinem Willen gelebt haben oder nicht. Über diese Tatsache sind sich ja auch alle großen Weltreligionen einig. Jedoch glauben Juden und Muslime (und auch viele Katholiken), dass man sich das ewige Leben bei Gott nach dem Tod durch gute Werke verdienen könne. Die Bibel lehrt jedoch, dass niemand durch eigene Frömmigkeit rein und heilig genug werden könnte, um sich Gott nahen zu können. Allein durch Jesus Christus, den Sohn Gottes, haben wir Zugang zu Gott, wenn wir Ihn und Seinen Erlösungsweg im Glauben annehmen. Und erst durch Ihn gewinnt unser Leben überhaupt erst an Bedeutung und Wert für Gott: Wenn wir uns auch selber vielleicht als eine Null sehen in Gottes Augen, so sind wir durch den Einen, der sich vor uns stellt und uns vor Gott rechtfertigt, keine "0" mehr, sondern eine "10".

Ich selber habe sogar schon zweimal in meinem Leben Jesus als meinen HErrn angenommen. Das erste Mal 1984, als ich 16 Jahre alt war, und das zweite Mal 2014. Dass ich mich noch ein zweites Mal bekehren musste, wurde dadurch erforderlich, dass ich 1996 meinen Glauben wieder verlor. Die meisten Bekehrungsgeschichten beginnen ja mit einer düsteren Vorgeschichte und enden dann mit der Bekehrung als Happy-End. Dass es aber auch mal - wie bei mir – nicht ganz so typisch verlaufen kann, passiert gar nicht so selten, aber es wird eher ungerne darüber gesprochen, zumindest nicht in christlichen Kreisen.

In diesem Buch möchte ich aber nicht über die erste Hälfte von meinem Leben berichten (das werde ich - wenn Gott will - später mal tun zu gegebener Zeit), sondern von der zweiten Hälfte, als ich 1996 mit 28 Jahren meinen Glauben verlor und wie Gott mir 18 Jahre lang hinterherging, um mich wieder zur Umkehr und Buße zu bewegen. Es ist zugleich auch die Geschichte meiner Malerfirma mit allen Höhen und Tiefen, über anfänglich chaotische Zustände bis hin zu unvorstellbaren Erlebnissen mit Kunden und Mitarbeitern. Mit Gottes Hilfe werde ich all diese Erlebnisse der letzten 23 Jahre in etwa 30 Episoden berichten.

Ich versichere dem Leser, dass sich alles genauso zugetragen hat und nichts erdichtet ist. Ich werde sogar auch unangenehme oder peinliche Dinge weder verschweigen noch durch Entstellungen beschönigen, sofern sie für ein ausgewogenes Bild erforderlich und von Interesse sind. Gerade die Abgründe meines damaligen Lebens sollen ja zeigen, dass ich keineswegs ein "Held" war, sondern dass es wirklich nur der Güte und Barmherzigkeit Gottes zu verdanken ist, dass Er mir all dieses vergeben konnte. Möge der Leser in der einen oder anderen Begebenheit auch seine eigenen Abgründe wiedererkennen und durch diese ebenfalls zum Umdenken und zur Gottessuche gelangen!

Bremen, den 13.10.2018                                                             Simon Poppe

Die Vorgeschichte

Auf meiner ersten Südamerikareise im Frühjahr 1992 hatte ich in Kolumbien ein Schlüsselerlebnis. Eines Abends fuhr ich mit meinem Freund und Glaubensbruder Pepe Gomez zu einer Kfz-Werkstatt wegen eines Reifenwechsels. Während ich auf dem Beifahrersitz wartete, kam plötzlich ein etwa siebenjähriger Junge an meine Seitenscheibe und bat um eine Spende. Er war vollkommen verdreckt und roch streng nach Urin. Gerade als ich ihm etwas geben wollte, verscheuchte ihn der Monteur. Als wir dann weiterfuhren, ging der Junge mir nicht mehr aus dem Kopf. Pepe erklärte mir, dass diese Straßenkinder (auch "gamines" genannt) überall in Bogotá zu finden seien. Sie schlafen in der Kanalisation und verbringen den Tag mit Betteln und Stehlen. Da es viele ledige Mütter gäbe, die selber nur vom Betteln und der Prostitution lebten, gäbe es immer wieder neue Kinder, die irgendwann im Alter von fünf oder sechs Jahren auf die Straße gesetzt würden, um für sich selbst zu sorgen.

Für mich war dieser Gedanke unerträglich. Wie konnte ich mich von nun an guten Gewissens in ein warmes Bett legen, während diese unschuldigen Kinder auf der Straße schlafen müssen! Ich fragte Pepe, ob es nicht möglich sei, mit Gottes Hilfe ein Kinderheim in Kolumbien zu gründen, schließlich sei es doch als Christen unser vorrangiger Gottesdienst, nach Waisen und Witwen Ausschau zu halten, um ihnen aus ihrer Not zu helfen (Jak.1:27). Pepe war einverstanden, und so suchten wir ein paar Monate später auf meiner zweiten Reise nach einem geeigneten Haus auf dem Land. Schließlich entschied ich mich für ein Landhaus in Ecuador, in der Nähe des kleinen Dorfes Laurel, etwa eine Stunde nördlich von Guayaquil und unterschrieb kurz vor unserer Hochzeit im Dezember 1992 ein Kaufversprechen, bei dem ich eine Anzahlung von 100 $ hinterlegte. Da meine gläubige Pflegemutter Hedi Böhnke mit den Einnahmen meiner Ausbildungsvergütung regelmäßig in einen Bausparvertrag eingezahlt hatte, war dieser mit inzwischen 7000,- DM zuteilungsreif geworden, sodass ich zusätzlich mit dem Darlehen über eine Summe von rund 20.000,- DM verfügen konnte, mit der ich das Haus kaufen wollte.

Als ich meiner Frau Ruth von diesem Plan erzählte, war sie nicht wirklich begeistert von der Idee, denn sie hatte eigentlich gehofft, als Tierärztin in Deutschland arbeiten zu können, zumal sie mit ihrem Studium fast zu Ende war. Aber ich hatte schon lange zuvor mit ihr vereinbart, dass ich sie nur heiraten würde, wenn sie bereit sei, mit mir zusammen dem HErrn zu dienen, egal wohin Er uns führe, und dass ich mir sicher war, dass der HErr mich in Südamerika gebrauchen wolle. Doch schon bald nach der Hochzeit erkrankte Ruth, zunächst an einer Bauchfellentzündung und später an einem sog. Sacro-Lumbar-Syndrom, durch welches das ständige Reiben eines verlängerten Lendenwirbels am Beckenknochen zu einer chronischen Entzündung im Rücken und damit zu dauerhaften Schmerzen führte. Zum Glück gab es in Bremen einen verständnisvollen Orthopäden aus Peru, der ihr regelmäßig ein starkes Opiat verschrieb, so dass sie nahezu beschwerdefrei leben konnte. Allerdings musste sie im Laufe der ersten zwei Jahre die Dosis immer weiter erhöhen, da die Wirkung allmählich nachließ. Wir machten uns Sorgen wegen dieser Tablettenabhängigkeit und beteten immer wieder, dass der HErr sie doch von diesem Joch befreien möge, aber es geschah nicht, sondern die Schmerzen wurden allmählich immer stärker (besonders jedes Mal nachdem Ruth und ich zusammen geschlafen hatten).

Nachdem ich 1993 den Kaufpreis und die erforderlichen Nebenkosten überwiesen hatte, beschlossen meine Frau und ich, Anfang November 1994 nach Südamerika auszuwandern. Sie selbst musste zuvor in Peru noch das letzte klinische Praktikum ihres Studiums der Tiermedizin absolvieren, während ich mich in der Zwischenzeit um die Fertigstellung des Landhauses kümmern wollte, denn ich hatte es m Rohbau-Zustand gekauft (der Vorbesitzer war während der Bauphase gestorben, so dass die Witwe mir das Haus in Laurel und das dazu gehörige 3,6 ha große Grundstück für umgerechnet 15.000,- DM verkauft hatte, zzgl. etwa 8.000,- DM an Notar-, Provisions- und Schmiergeldkosten). Bruder Hans-Udo Hoster (57), der Leiter eines christlichen Missionswerks aus Berlin, der bereits 30 Jahre mit Gottes Hilfe erfolgreich ein Kinderheim in Pakistan unterstützt hatte und seit 1991 auch ein Kinderheim in Rumänien, hatte mir in Aussicht gestellt, dass er unser Kinderheimprojekt finanziell unterstützen würde, wenn er sich zuvor selber ein Bild von der Arbeit vor Ort gemacht habe und von der Umsetzbarkeit persönlich überzeugt sei. Wir waren so verblieben, dass er im Januar oder Februar 1995 nach Ecuador kommen wollte.

Januar – März 1995

Dengue-Fieber und Schwangerschaft

Da mir bewusst war, dass wir auf Dauer nicht nur von Spenden leben können, hatte ich vor, nebenbei auch eine Immobilienvermittlung zu beginnen, indem wir auswanderungs- interessierten Deutschen ein Haus oder Grundstück in Ecuador vermitteln würden inkl. aller erforderlichen Behördengänge und Dolmetschertätigkeiten. Ein unserer ersten Kunden war ein Schweizer, der sich mit unserer Hilfe ein Grundstück im Urwald Ecuadors gekauft hatte, um eine Seifenfabrik bauen zu lassen. Ein weiterer Interessent war ein Glaubensbruder aus einer Baptistengemeinde, namens Wolfgang Kotsch (48)*, mit dem ich im November 1994 nach Ecuador gereist war, um sich für seine Familie ein schönes Haus am Meer zu kaufen (*Name geändert). Er kam in Begleitung von zwei jungen Brüdern aus Deutschland, Silvio (31) und Daniel (17), die einfach nur mal so einen abenteuerlichen Urlaub erleben wollten.

Meine Frau Ruth blieb damals bei ihren Eltern in Lima zurück, um ihr Studium der Tiermedizin zu beenden, während ich mit den deutschen Brüdern in Ecuador Immobilien besichtigte. Schließlich wurde Wolfgang auch fündig und kaufte sich ein kleines Haus am Strand von St. Elena. In den Tagen danach wollte ich ihnen etwas vom Land zeigen und fuhr mit ihnen auf den Vulkan Cotopaxi. Wir nahmen auch den einheimischen Bruder Abraham Mora (22) mit, der noch nie außerhalb von Guayaquil war. Als wir auf 4.800 m Höhe an eine kleine Berghütte gelangten, sah Abraham zum ersten Mal in seinem Leben Schnee, den er mit seinen eigenen Händen anfassen konnte. Auch besichtigten wir den Urwald und auch den Strand von Manta, bevor wir Anfang Dezember wieder nach Guayaquil zurückfuhren. Ende Dezember flogen die Deutschen wieder zurück in die Heimat, aber Wolfgang versprach, im März wiederzukommen, um uns auch bei der Kinderheimarbeit zu unterstützen. Leider stellte sich später heraus, dass Wolfgang sich nicht nur mit einer Immobilie begnügte, sondern er hatte auch eine heimliche Affäre mit einer ledigen Schwester aus der Versammlung, was ich jedoch bemerkte und ihn deshalb rügte.

Die Weihnachtstage verbrachte ich dann mit meiner Frau in Lima, als wir erfuhren, dass ein Krieg ausgebrochen war zwischen Peru und Ecuador. Wir machten uns ein wenig Sorgen, ob dieser Krieg Auswirkungen haben könnte auf unser Kinderheimprojekt, das ja im Februar beginnen sollte, aber wir befahlen dies in die Hand unseres HErrn. Unser viel größeres Gebetsanliegen war damals jedoch, dass Gott doch auch uns ein Kind schenken möge. Immerhin waren wir schon zwei Jahre verheiratet und Ruth wurde einfach nicht schwanger. Bei einer Untersuchung im Herbst 1994 teilte mir ein Urologe mit, dass ich als Maler durch meinen ständigen Hautkontakt mit Nitro-Verdünnung meine Spermien größtenteils geschädigt hatte und deshalb die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch ein Kind zeugen könne, bei etwa 1 % lag. Deshalb gingen wir am Neujahrstag 1995 mit meinem Schwager Israel und seiner Frau Alexandra in ein Café, um mit ihnen über die Idee zu sprechen, ob sie uns nicht einen ihrer drei Söhne Jonathan (9), Joel (8) oder Angel Salomon (2) schenken könnten, um diesen dann zu adoptieren. Sie sagten uns dieses zu, jedoch wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass unsere Tochter Rebekka (0) gerade eben entstanden war.

Anfang Januar 95 fuhr ich dann allein nach Ecuador, um Bruder Hans-Udo Hoster am Flughafen abzuholen. Ich vereinbarte mit Ruth, dass ich Ende Januar wieder zurück sein würde, doch dann kam alles anders: Weil Hans-Udo mir noch nicht mitgeteilt hatte, wann er genau kommen würde, rief ich ihn an. Er sagte: "Simon, ich warte schon seit Tagen auf eine Antwort von Dir und wollte schon gerade meinen - für Anfang Februar gebuchten - Flug wieder stornieren!" Ich erklärte ihm, dass ich seinen letzten Brief wohl nicht mehr rechtzeitig bekommen hatte, war aber froh, dass er doch noch käme. Doch kurz darauf wurde ich schwer krank und konnte mich kaum noch aus dem Bett bewegen. Da man in Südamerika jedes Medikament rezeptfrei kaufen konnte, ging ich - um die Arztkosten zu sparen - direkt zur Apotheke und ließ mich beraten. Man gab mir ein starkes Antibiotikum, aber es wurde einfach nicht besser. Ich magerte immer mehr ab und wog von anfänglich 92 kg am Ende nur noch 75 kg (bei einer Größe von 194 cm). Als ich Ende Januar endlich zum Arzt ging, stellte dieser das Dengue-Fieber bei mir fest (eine Art Malaria) und verschrieb mir 3 x täglich 3 Tage lang eine Voltaren-Spritze, um einen künstlichen Schüttelfrost auszulösen, der den Virus zum Ausschwitzen brächte. Auf dem Weg vom Arzt bis nach Hause musste ich mich von den Geschwistern Nelson Mogollón (57) und seiner Adoptivtochter Matilde (21) abstützen, da mir bei meinem niedrigen Blutdruck von 90 zu 50 schwindelig war.

So lag ich 3 Tage schlapp im Bett, während alle 8 Stunden starke Hitzewallungen von zähneklappernder Kälte abwechselten, bis es mir tatsächlich wieder besser ging, dem HErrn sei Dank! Den ganzen Tag lief während dessen Kriegspropaganda im Fernsehen, immer gefolgt von der Nationalhymne Ecuadors und Berichten über angebliche Landgewinne im Urwald der Cordillera del Condor. Die Brüder der Versammlung waren so fanatische Nationalisten, dass sie sich im Haus von Bruder Nelson Mogollón, wo ich untergebracht war, gemeinsam die Fernsehberichte anschauten, so als ob es ein Gottesdienst wäre. Aus lauter Übermut habe ich dann einmal gerufen: "Viva el Peru!" ("Es lebe Peru!"). Da kam Bruder Nelson erbost zu mir und sagte, dass ich mir solche Scherze besser nicht erlauben sollte, denn wenn ein Nachbar das gehört hätte, könnte ich von der Militärpolizei als Spion verhaftet werden. Ich stritt mich dann mit ihm, warum er als Himmelsbürger überhaupt solch ein Interesse an weltlichen Dingen habe, anstatt lieber für den Frieden zu beten.

Ende Januar telefonierte ich mit Ruth und sie teilte mir mit, dass sie schwanger sei. Ich konnte es nicht glauben (und mich deshalb auch noch nicht darüber freuen), weil wir zu oft schon enttäuscht wurden. Ruth wollte nun, dass ich sofort zurück kommen möge nach Peru, da sie es nicht mehr aushielte, allein zu sein. Ich erklärte ihr, dass sie sich noch einen Monat gedulden müsse, weil ich erst noch Bruder Hans-Udo aus Berlin empfangen und ihn zwei Wochen lang begleiten müsse. Sie war darüber sehr enttäuscht und hatte keinerlei Verständnis, zumal es ihr auch gesundheitlich sehr schlecht ging.

Die Gründung des Kinderheims

Hans-Udo kam wie angekündigt Anfang Februar 95 in Begleitung eines jungen Bruders namens Johannes Steudle (22). Da er nur zwei Wochen eingeplant hatte, verlor er keine Zeit mit Rundreisen, sondern bestellte sofort alle verantwortlichen Brüder zu Gesprächen und verschaffte sich schnell einen Eindruck von der Situation vor Ort. Er erklärte uns, dass es finanzielle Unterstützung durch den Berliner Verein nur geben könne, wenn die Geschwister in Guayaquil sich geistlich einig wären und gemeinsam eine Stiftung gründen würden, damit über alle erforderlichen Einnahmen und Ausgaben genau Buch geführt würde. Er versuchte, mir die Buchhaltung beizubringen, aber ich stellte mich leider sehr ungeschickt dabei an, so dass wir den Nelson Mogollón damit beauftragten. Alle Geschwister versprachen, bei dem Kinderheimprojekt assistierend mitzuhelfen, und glücklicherweise war Bruder Jorge Calvache (59) mit einem Pfingstgemeinde-Pastor befreundet, der zugleich auch Notar war.

Als wir dem Notar Hector Chavez dann unser Anliegen, eine Stiftung zu gründen, vortrugen, erklärte uns dieser: "Das ist alles kein Problem. Das Gesetz schreibt vor, dass Sie als Gründungsmitglieder sich an drei „konstitutionellen Sitzungen“ treffen müssen, um die Satzungen der Stiftung zu erörtern und darüber abzustimmen. Diese Sitzungen müssen dann von jemandem protokolliert werden und alle Unterlagen dann zusammen beim Innenministerium abgegeben werden. Das einzige Problem ist: Wir haben heute Dienstag und am Donnerstag fliege ich für drei Monate in die USA. Aber machen Sie sich keine Sorgen, kommen Sie morgen vormittags in mein Büro, und ich werde Ihnen dann alle Unterlagen übergeben." Wir waren etwas verdutzt über seine Worte, denn wie wollte er uns denn bei der Stiftungsgründung helfen, wenn gar nicht mehr genügend Zeit wäre für die drei obligatorischen Gründungstreffen?

Wir wollten uns überraschen lassen und kamen am nächsten Tag mit den Brüdern in seine Kanzlei. Zunächst teilte er uns mit, dass wir ihm neben seinem vereinbarten Honorar auch eine gewisse Summe an "propina" (Trinkgeld) mitgeben müssten, dass er in einer Büroklammer an die Antragsformulare anheftete, damit diese überhaupt von der Behörde zügig bearbeitet werden könnten. Dann überreichte er uns sämtliche Unterlagen und wir setzten uns, um diese durchzulesen. Tatsächlich gab es auch drei Sitzungsprotokolle, die ausführlich wie in einem Drehbuch den jeweiligen Verlauf der drei Sitzungen beschrieben, obwohl diese nie stattgefunden hatten. Ich lachte darüber, aber Bruder Hans-Udo vergrub den Kopf in seine Hände und war sichtlich erschüttert. Ich fragte ihn: "Und was machen wir jetzt?" Er sagte: "Frag mal die Brüder, was die dazu sagen." Ich ging hin und fragte sie. Daraufhin erklärten mir alle wie aus einem Mund: "Ach, Bruder Simon, das ist hier alles völlig normal! Machen Sie sich deshalb doch keine Sorgen!" Daraufhin unterschrieben wir die Unterlagen und gaben sie an den Notar zurück; - eine folgenschwere Entscheidung, wie sich erst Monate später herausstellen sollte.

Mit der großzügigen, fünfstelligen Spende, die uns Bruder Hans-Udo dann anvertraute, sollten wir das Haus in Laurel zu Ende bauen und die ersten Monate auch unsere privaten Unkosten bestreiten bis neue Spenden kämen. Da wir einen Teil des Geldes aber vorerst nicht benötigten, legten wir 6000,-DM als Festgeld in der Bank an zu einem Zinssatz von sage und schreibe 60 % p.a., so dass wir einen Monat später zusätzlich 300,-DM an Zinsen erhielten. Dass die Banken hier solch hohe Gewinne machen, lässt sich wohl nur durch die hohe Inflation und den Drogenhandel erklären. Nachdem Hans-Udo nach Deutschland abgereist war, fuhr auch ich Ende Februar endlich wieder zurück nach Peru.

Doch an der ecuadorianischen Grenze bekam ich Schwierigkeiten. Der Zoll hatte in meiner Aktentasche jede Menge PC-Disketten gefunden, die er beschlagnahmen wollte wegen des Krieges, weil ich ja auch ein Spion hätte sein können. Ich protestierte dagegen und bat die Beamten, ob ich mal mit ihrem Vorgesetzten sprechen dürfe. Ein Junge begleitete mich, um mir zu zeigen, wo das Militärgebäude sei. Als wir ankamen, war es aber bereits geschlossen, so dass wir zurück zum Zollhaus gingen. Ich musste mich beeilen, denn um 18.00 Uhr schloss die Grenze auch auf peruanischer Seite. Der Junge sagte mir: "Mister, sie müssen denen doch nur 50 Dollar geben und dann lassen diese sie einfach so passieren." Ich nahm an, dass die dem Jungen aufgetragen hatten, mir dies zu sagen, und so ging ich wütend in das Büro des Beamten und hielt ihm - aus welchem Grund auch immer - eine Moralpredigt: "Ich finde es eine Unverschämtheit, dass man in diesem Land für jede Kleinigkeit immer auch ein Bestechungsgeld zahlen muss! Kein Wunder, dass Ihr Land wirtschaftlich am Boden ist. Aber ich bin Christ und werde mich deshalb an diesem schmutzigen Geschäft nicht beteiligen!" Während ich dies aber wutentbrannt sagte, hatte ich mein Portemonnaie hervor geholt, nahm sämtliches Bargeld an Sucres heraus, das ich noch hatte (umgerechnet vielleicht 10,-DM) und knallte sie vor dem Beamten auf den Tisch. Dann schnappte ich mir mein Gepäck und ging wortlos an den Soldaten vorbei über die Grenzbrücke, ohne dass mich irgendjemand aufhielt. Die waren wohl alle so verdattert über mein dreistes und unsinniges Verhalten, dass sie nur wie gelähmt zuschauten.

Es war inzwischen schon 1 Minute vor 18.00 Uhr und ich rannte so schnell ich konnte, um noch rechtzeitig beim peruanischen Zollhaus anzukommen. Leider hatte es ebenso schon geschlossen, aber da ich nicht in dem Grenzort übernachten wollte, klopfte ich hart gegen die Glastür. Ein Beamter kam und zeigte mit dem Finger auf seine Armbanduhr, um mir zu signalisieren, dass es zu spät sei. Ich rief: "Was soll das?! Selbst in Deutschland sind die Behörden nicht so kleinlich!" Auch diesmal ließ man mich trotz meines frechen Kommentars noch einmal rein, so dass ich meinen Einreisestempel bekam. Dass ich durch all diese schlechten Manieren im Stile einem Kolonialherrn ein ganz unwürdiges Zeugnis abgab vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt, war mir nicht bewusst. Ich wollte nur so schnell wie möglich wieder bei Ruth sein. So fuhr ich also von der Grenze aus 22 Stunden mit dem Bus die Panamericana hinunter und kam am nächsten Tag ausgemergelt in Lima an.

Ich blieb mit Ruth noch bis zum 27.03. in Peru, aber dann mussten wir uns auch schon wieder gemeinsam nach Ecuador auf den Weg machen, denn ich hatte den Geschwistern ja versprochen, dass ich ihnen beim Umbau des Hauses helfen würde. Allerdings sagte man uns, dass Ecuador die Grenzen inzwischen geschlossen hatte für Peruaner, zumindest auf dem Landweg, und dass nur noch eine Einreise mit dem Flugzeug möglich sei. Wir hatten jedoch kein Geld mehr für einen Flug, deswegen entschieden wir uns, es drauf ankommen zu lassen. Wir beteten, dass Gott doch ein Wunder schenken möge und wir die Grenze irgendwie doch gemeinsam überqueren könnten. Ich dachte an all die vielen Male, wo der HErr mir in der Not geholfen hatte und war mir sicher, dass es auch diesmal klappen würde. Als wir in die Grenzstadt Tumbes ankamen, nahmen wir uns ein Taxi, das uns die letzten 2 km zur ecuadorianischen Grenze brachte. Aber der Taxifahrer sagte uns: "Machen Sie sich keine Illusionen: Die Ecuadorianer lassen keinen Peruaner mehr rein!" Wir antworteten, dass wir auf Gott vertrauen würden, der ein Wunder schenken könne. Als wir dann ausstiegen, nahmen wir unser Gepäck und gingen auf die Grenzbrücke, wo ein paar Soldaten standen. Einer verlangte unsere Pässe, schaute hinein und fragte, ob wir verheiratet seien. Und dann sagte er: "Mister, Sie können gerne passieren, aber ihre Frau muss leider hierbleiben. Es tut mir leid, aber wir haben unsere Befehle." Alles Betteln und Flehen nützte nichts, und wir fuhren erst mal wieder zurück nach Tumbes, um zu überlegen, was wir machen könnten. Wir übernachteten dort und entschieden uns am nächsten Tag, dass ich allein weiter reisen und Ruth wieder nach Lima zurückkehren sollte, um von dort mit dem Flugzeug nachzukommen.

Als Ruth nach weiteren 22 Stunden wieder in Lima ankam, ging es ihr gesundheitlich sehr schlecht. Sie fuhr mit ihrer Mutter zur Frauenärztin, und diese stellte erschrocken fest, dass sie eine Nierenentzündung habe und durch die Strapazen die Plazenta weit nach unter verrutscht sei, so dass eine Fehlgeburt drohe. Sie ordnete strenge Bettruhe an, damit sich die Gebärmutter wieder erhole. Ihr Vater Luis Condori buchte für Ruth einen Flug, der erst zwei Wochen später gehen sollte. In der Zwischenzeit bestellten wir eine Maurerfirma, die den Putz an die Wände des 320 qm-großen Hauses anbringen sollte. Ich selber wollte mich zusammen mit Abraham um die Reinigung und den Anstrich des Daches kümmern, das aus gewellten Eternit-Platten bestand. Beim stundenlangen Abschleifen der veralgten Platten mit der Drahtbürste bei glühender Hitze hatte ich allerdings nicht nur meine Sonnencreme vergessen, sondern auch nicht daran gedacht, dass die Platten aus Asbest bestanden, dessen Staub wir über Stunden und Tage eingeatmet hatten. Da der Weg in die Stadt zu weit war, übernachteten wir eine Woche lang im Rohbau auf dem harten Estrich, der nur durch eine Decke abgepolstert war. Jede Nacht schwirrten unzählige Mücken und Fledermäuse durch die Räume, und an einem Abend hatte sich sogar ein kleiner Skorpion unter meinem Laken versteckt. Aber trotz aller Widrigkeiten freute ich mich, dass die Arbeit voranging und dankte dem HErrn dafür, dass Er uns bis hierhin geholfen hatte.

April – Juni 1995

Unser Besuch in Kolumbien

Als Ruth zwei Wochen später in Guayaquil landete, hatte sie am ersten Tag wegen der hohen Luftfeuchtigkeit dort massive Atembeschwerden, zumal sie schon seit ihrer Kindheit unter Asthma litt. Wir brachten sie zum Arzt, der ihr eine Spritze Adrenalin gab, damit sich die Gefäße entkrampften. Trotzdem war sie die schwül-heiße Tropenluft nicht gewohnt und wollte schon nach ein paar Tagen wieder, dass ich mit ihr zusammen nach Kolumbien weiterreisen solle, um Bruder Pepe Gomez und die Geschwister der Hausgemeinde dort zu besuchen. Als wir nach zwei Tagen in Bogotá ankamen, hatten wir eigentlich gehofft, dass Pepe mit uns wieder eine Rundreise machen würde wie die früheren Male, um Geschwister zu besuchen in Neiva, Tame, Betoyes oder Barranca de Upia. Doch Pepe riet uns diesmal eindringlich von einer Besuchsreise ab, da sich das Land erneut im Bürgerkrieg mit der FARC befand und die Guerilla inzwischen weite Landstriche unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Die Situation sei Spitz auf Kopf, und man rechnete sogar damit, dass die Kommunisten das ganze Land erobern würden. Ich selbst wäre bei meiner vorigen Reise im November 92 ja um ein Haar entführt worden, als wir im Urwald von zwei FARC-Anhängern wortlos mit dem Motorrad umkreist wurden und die Geschwister mich dann schnell zur Busstation brachten.

Wir blieben also in Bogotá und hatten viele Gespräche mit den Geschwistern, die sich ja zwei Jahre zuvor von der Percy-Heward-Gruppierung abgespalten hatten und sich nun durch meine Vermittlung damals mit den sog. "geschlossenen Brüdern" versammelten. Eines Abends kam Pepe zu mir und sagte, dass er sich Sorgen machen würde um seinen Sohn John Jairo (19), dass dieser durch den Einfluss der Welt sich vom Glauben wegbewegen könnte. John Jairo hatte sich zwei Jahre zuvor durch mich bekehrt, indem wir am Rande des Urwalds niederknieten und er sein Leben dem HErrn Jesus übergab. Er predigte inzwischen auch in der Versammlung, aber interessierte sich auch für Philosophie und Kinofilme, sprich für die Welt. Pepe fragte mich, ob ich ihn nicht mal für ein paar Monate nach Deutschland nehmen könnte, damit er unter gute geistliche Betreuung käme und noch viel mehr aus der Bibel lernen könnte von mir und den anderen Brüdern aus Deutschland, von denen er eine sehr hohe Meinung hatte. Ich sagte ihm dies zu, sobald wir irgendwann demnächst mal wieder Urlaub in Deutschland machen würden bei meinen Eltern.

Straßenkinder und Eifersucht

Als Ruth und ich Anfang April wieder in Ecuador waren, ließ Bruder Nelson Ruth und mich in seinem bescheidenen Haus übernachten, das nur aus einem einzigen großen Raum bestand, in welchem er mit seiner Adoptivtochter Matilde (21) wohnte. Bruder Hans-Udo schrieb uns, wir sollten schon mal anfangen, Kontakt aufzunehmen mit den Straßenkindern, um ihre Umstände zu erfragen, wie und warum sie auf der Straße lebten, wo ihre Angehörigen wohnen etc. und auch Fotos von ihnen machen, damit Hans-Udo in seinem Rundbrief über sie berichten kann. So begannen wir, uns nachts auf den Weg in die Innenstadt zu machen und sprachen die z.T. schon schlafenden Kinder an, die wir auf der Straße fanden. Die meisten kamen aus den Slums von Guasmo im Süden Guayaquils. Straßennamen oder Hausnummern gibt es dort nicht. Einige hatten sich schon tagelang nicht gewaschen oder trugen Verletzungen am Körper. Andere waren durch das Inhalieren von Klebstoff derart verblödet, dass sie nur rumgackerten. Ein Kind erzählte uns, dass sie neuerdings nicht mehr auf Parkbänken am Malecón (Flussufer des Rio Guayas) übernachten würden, nachdem in letzter Zeit immer wieder Kinder von Männern belästigt und in Einzelfällen sogar vergewaltigt wurden. Manche Kinder verdienen sich sogar ihren Lebensunterhalt auf dem „Kinder-Strich“ in der 17. und 18. Straße. Daher war es gut, diese Kinder aus diesem gefährlichen Milieu herauszubringen aufs Land, wo sie weder von anderen noch durch sich selbst gefährdet sind. Einer unserer Brüder, Dr. Galo Granados (52), der eine Apotheke besaß, bot sich an, die Kindern und Jugendlichen medizinisch zu betreuen, zumal einige von ihnen auch schon Erfahrungen mit Drogen gemacht hatten. Auch unternahmen wir Besuche in anderen Kinderheimen, um uns mehr über die praktischen Erfahrungen im Umgang mit Straßenkindern zu informieren.

Auch die Bauarbeiten waren schon weit vorangeschritten. Um die Arbeiten zu betreuen, musste ich alle 2 bis 3 Tage zum Landhaus nach Laurel fahren zusammen mit Nelson, Abraham oder Fabian, die auch selber mithalfen. Nachdem schon mit dem Verputzen begonnen war, stellten die Maurer fest, dass das Haus gar keine richtigen Fundamente hatte und die Gefahr bestand, dass es durch das zusätzliche Gewicht des Putzes absinkt und sich Risse bildeten. Es war sozusagen "auf Sand gebaut", weshalb es erst einmal nachtäglich noch ausgeschachtet und mit Zement ein stabiles Fundament bekommen musste. Zu dem ursprünglich 270 qm großen Haus wurde noch ein großer Küchenraum von 50 qm angebaut, sowie Toilettenräume außerhalb des Hauses mit einer Sickergrube. Wir hatten auch die Idee, statt immer nur Reis anzubauen, auch viele andere Gemüsearten und Obstbäume zu pflanzen, denn das Grundstück war ja mit 3,6 ha (36.000 m², d.h. 300 m x 120 m) groß genug und hatte sogar einen eigenen Teich. Bruder Nelson hatte auch die Idee, aus der Garage eine Werkstatt für Metallbau zu machen, um die Jugendlichen auf dem Land auszubilden. Das war ja das größte Problem, dass der Staat diesen jungen Leuten nach der Schule keine Perspektive gab und sie deshalb nur rumlungerten, sich betranken und sich mit ihren Macheten verletzten.

Eines Abends kam Schwester Matilde zu Ruth und sagte ihr: "Du, liebe Ruth, ich muss Dir etwas anvertrauen, das mir einfach keine Ruhe mehr lässt: Du weißt doch, dass vor einem halben Jahr ein deutscher Bruder namens Wolfgang Kotsch hier bei uns war, der sich in die Betty verliebt hatte. Simon hatte ihn deshalb immer wieder kritisiert, weil er ja schließlich verheiratet sei und vier Kinder habe. Dies hat dem Wolfgang nicht gefallen und deshalb hat er mir ein Geheimnis verraten, dass ihm der Simon zuvor anvertraut habe, dass sich nämlich der Simon in mich verliebt habe!" - Ruth erschrak. "Was erzählst Du denn da!" - "Ja, das hat der Wolfgang mir so berichtet, und inzwischen wissen es auch alle hier, denn er hat es scheinbar auch den anderen erzählt. Er meinte, Simon hätte Dich nur aus Mitleid geheiratet, aber dass er dies inzwischen bereuen würde." Ruth war außer sich und konnte es nicht fassen. Als ich am Abend von der Baustelle kam und mich zu Ruth ins Bett legte, flüsterte sie mir wütend ins Ohr (damit die anderen im Raum es nicht hörten): "Ich verstehe Dich einfach nicht! Mir scheint, ich kenne Dich gar nicht!" Ich flüsterte zurück: "Was meinst Du?" - "Du weißt genau, was ich meine! Du und Matilde!" - "Häh?! Was soll sein? Wovon redest DU?" - "Tu nicht so unschuldig! Sie hat es mir erzählt!" - "Was erzählt?!!" Unser Geflüster war inzwischen so laut geworden, dass wir das Gespräch auf den Morgen vertagten. Als ich dann alles erfuhr, versicherte ich Ruth, dass dies eine böse Verleumdung sei und sie mir doch glauben müsse, dass ich nur sie lieben würde. Sie glaubte es mir schließlich. Monate später stellte ich Wolfgang zur Rede, was er sich dabei gedacht habe, solch ein falsches Gerücht über mich zu verbreiten. Er bat mich um Verzeihung und begründete dies mit der Kränkung, weil ich seinen Ehebruch öffentlich angeprangert hatte, so dass man Betty aus der Gemeinde geworfen hatte. Später erfuhr ich, dass er sich sogar von seiner Frau scheiden ließ, um Betty zu heiraten, obwohl er sogar Ältester der Baptistengemeinde war.

Jetzt ist Schluss!“

Da die anderen Handwerker inzwischen auch im Haus übernachteten, beschlossen Ruth und ich Anfang Mai, in eine kleine „Pension“ zu gehen im Dorf Laurel. Diese war wirklich die ärmlichste Absteige, in der ich je übernachtet hatte. Das Zimmer hatte zwar ein eigenes Klo, jedoch bestand dieses in Form eines Loches in einer Ecke des Raums, in das man seine Notdurft verrichtete und mit einem Eimer Wasser nachspülte. Das schmuddelige Bett hatte zwar ein Moskitonetz, aber da das Fenster keine Scheiben hatte, war das ganze Zimmer in der Nacht voll von großen Insekten und Fledermäusen, die durch die grelle Glühbirne im Zimmer angelockt wurden. Um das Licht etwas zu dämmen, band ich mein T-Shirt um die Birne, aber nach etwa einer halben Stunde roch es verbrannt im Zimmer und mein T-Shirt war angekokelt. Nur die Liebe zu mir konnte Ruth helfen, die schwüle Hitze der Nacht und das Flügelgeräusch der Insekten in der Nacht zu ertragen. Doch in der dritten Nacht hielt Ruth es nicht mehr aus und sie schüttete mir ihr Herz aus: "Simon, ich kann einfach nicht mehr. Ich will hier nur noch weg. Und ich sage das nicht nur wegen dem Zimmer, sondern ich will auch wieder nach Deutschland zurück. Ich war von Anfang an gegen die Idee, nach Ecuador auszuwandern, aber ich habe mich gefügt, weil ich gesehen hatte, wie sehr Dir diese Arbeit ein Herzensanliegen ist. Deshalb habe ich all dies bis hier her ertragen, aber jetzt ist Schluss!"

Ich war ziemlich entsetzt über diese Worte. Ruth hatte sich zwar schon öfter bei mir beschwert, aber nie das Kinderheimprojekt als solche in Frage gestellt. Ich versuchte, sie zu beruhigen: "Ruthi, Gott hat uns doch bisher wunderbar geholfen, und wir durften die Arbeit hier schon so weit voranbringen. Alles läuft doch Bestens und so viele Geschwister sind bereit zu helfen und haben auch schon so viel geopfert. Denk doch nur mal daran, dass Bruder Hans-Udo extra aus Deutschland angereist kam und hat uns eine so große Spende anvertraut. Wir haben jetzt eine Stiftung gegründet und das Haus ist fast fertig. Wir können jetzt nicht einfach wieder zurück!" - Ruth entgegnete: "Du musst auch mal Rücksicht auf mich nehmen, denn ich bin krank und der HErr hat mir nicht die Kraft gegeben, diese Kinderheimarbeit durchzustehen. Ich bin dafür einfach nicht geeignet. ich habe auch keine Geduld, mich um viele Kinder zu kümmern, mein Herz schlägt mehr für die Tiere." - - "Aha! und warum fällt Dir das erst jetzt ein, nachdem wir so viele Leute in Bewegung gesetzt haben!?" - - "Ich habe Dir das von Anfang an gesagt, aber Du hast mich einfach nicht ernst genommen. Außerdem habe ich es doch versucht, aber ich merke jetzt einfach, dass ich das nicht länger durchstehe. Überleg mal: Ich bin erst zwei Monate in Ecuador und jetzt schon am Ende meiner Kräfte. Wie sollte ich das dann noch die nächsten 20 oder 30 Jahre hier ertragen!! Es ist besser, wenn wir das alles hier jetzt beenden, denn noch haben wir kein Kind aufgenommen." Ich fing an zu weinen, aber auch das konnte Ruth nicht mehr umstimmen. Sie versuchte mich zu trösten: "Gott wird bestimmt einen Nachfolger senden, der diese Arbeit hier weiter macht. Sieh's doch mal so: Der HErr hat Dich gebraucht, diese Sache hier zu beginnen und ein anderer wird sie jetzt fortsetzen. Heißt es nicht auch schon in der Bibel, dass die einen säen und die anderen ernten?" Aber ich war total fertig und wollte nicht mehr reden. Das alles machte doch einfach keinen Sinn! Wie würde ich jetzt dastehen? wie ein Mann, der anfängt, einen Turm zu bauen ohne vorher die Kosten zu überschlagen!

Irgendwann war die Nacht vorbei. Am nächsten Morgen grübelte ich und überlegte, wie es jetzt weiter gehen könne. Vor allem: Wie sollte ich das dem Hans-Udo und all den anderen Geschwistern beibringen, die für dieses Projekt so viel gespendet hatten? Wir beschlossen, erst mal noch einen Monat zu bleiben, doch dazu mussten wir in Guayaquil erst mal wieder unsere Visa um 30 Tage verlängern. Als wir bei der Botschaft dann eine Verlängerung beantragen wollten, erfuhren wir zu unserer Überraschung, dass jeder Peruaner, der keinen ecuadorianischen Ausweis hat, aufgrund einer neuen Verordnung vom Militär "das Land binnen 72 Stunden" verlassen muss, da man als Peruaner eine Persona non grata sei, also eine nicht erwünschte Person. In gewisser Weise half uns dies, wenigstens vorübergehend einen Grund zu nennen, warum wir wieder zurück nach Peru und schließlich auch zurück nach Deutschland reisen mussten. Ich rief meinem Vater an, dass ich wieder nach Bremen zurückkommen würde und bat ihn, für mich und Ruth eine Wohnung zu suchen. Er teilte mir mit, dass meine Mutter sich nach zehnjährigem Ehestreit nun endgültig von ihm getrennt habe und sich eine eigene Wohnung genommen hatte in Bremen-Kattenesch. Es ist sehr traurig, aber es war auch schon seit langem abzusehen.

Nachdem wir in Lima angekommen waren, lag dort eine Menge Post aus Deutschland, England und Argentinien, größtenteils fast nur mit schlechten Nachrichten: Die Brüder Tobias Schaum (34) und Rolf Schiemann (48) hatten mir geschrieben (unglaubliche 53 Seiten!) und mir gedroht, mich nicht mehr als ihren Bruder anzuerkennen, solange ich weiter mit Hans-Udo Hoster zusammenarbeiten würde. Sie behaupteten, er sei ein Heuchler, der "Wasser predigen und Wein trinken" würde, indem er seinen Missionaren Armut auferlege, während er selber in einem schönen Haus in Berlin lebe (was jedoch absurd war, da Hans-Udo mit seiner 7-köpfigen Familie in einem verhältnismäßig bescheidenem Haus wohnte und aus Liebe zu Gott auf eine Karriere als selbständiger Unternehmer verzichtet hatte, um allein für die Mission zu leben). Schon zuvor hatte Tobias mich scharf kritisiert, weil ich als Immobilienmakler arbeiten wollte und er der Ansicht sei, dass dieser Beruf per se anrüchig sei, indem die Makler den Leuten für eine verhältnismäßig geringe Leistung viel Geld aus der Tasche ziehen. Aber auch seine Liste an Vorwürfen gegen Hans-Udo war insgesamt nur lächerlich und an den Haaren herbei gezogen. So war er z.B. der Meinung, dass ein Christ keinen weltlichen Verein gründen dürfe, da dies eine Form von "Hurerei mit der Welt" sei. Dabei hatte Paulus doch gesagt, dass wir die weltlichen Einrichtungen durchaus für unsere Zwecke nutzen dürfen, sofern wir uns nicht von der Welt abhängig machen (1.Kor.7:31). Zum Glück stand mir damals Bruder Bernd Fischer (57) bei, ein "Schriftgelehrter" aus Eisenach, der zwar auch mit Tobias befreundet war, diesem aber mit der Heiligen Schrift nachweisen konnte, dass seine unberechtigte Anklage gegen Bruder Hans-Udo ein Rufmord sei und entsprechend Mat.5:22 mit der Hölle bestraft werden würde, wenn er nicht Buße täte. Auch Bernd hatte mir geschrieben und mir tröstend beigestanden. Bernd hatte mich in jener Zeit trotz seiner kleinen Rente immer finanziell großzügig unterstützt.

Auch die Brüder Stanley Bown (84) aus London und Samuel Franco (67) aus Argentinien, die mich zwei Jahre zuvor aus ihrer Sekte exkommuniziert hatten, übten scharfe Kritik an mir, weil sie gehört hatten aus Deutschland, dass ich weiterhin in Peru predigen dürfe, obwohl sie doch ein Predigtverbot für mich verhängt hatten. Tatsächlich hatte mein Schwiegervater, Luis Condori (76), ihnen zur Beruhigung nämlich versichert, dass ich nicht predigen, sondern nur still zuhören würde, was natürlich nicht stimmte. Als sie nun erfuhren, dass ich in meinen Rundbriefen etwas ganz anderes berichtet hatte, warfen sie mir vor, ich würde lügen und verlangten von meinem Schwiegervater um so mehr, er möge mich doch um des HErrn willen am besten gar nicht mehr aufnehmen, da ich ja ein Ketzer sei. Dabei umschmeichelten sie den Luis mit den Worten: "Wir haben vollstes Vertrauen, dass Sie uns die Wahrheit sagen, denn wir wissen um den Hochmut von Simon. Schon in Guatemala war er einfach aufgestanden und hatte gepredigt ohne Erlaubnis der Ältesten der Versammlung. Wir hatten ihn damals in seine Schranken gewiesen, aber er machte einfach weiter mit seiner deutschen Arroganz ("prepotencia alemana")." In Wirklichkeit hatten die Geschwister mich ausdrücklich gebetn, am Wort zu dienen, und erst als Bruder Samuel angereist war, kippte die Stimmung, weil er in mir einen Rivalen sah und unter keinen Umständen wollte, dass ich noch weitere Geschwister abwerben und von der Sektiererei dieser Brüder überzeugen könnte. Obwohl sie keine biblischen Argumente vorweisen konnten, fürchteten viele guatemaltekische Geschwister dieser Gruppierung, dass man ihnen den Geldhahn zuzudrehen oder man sie sogar aus der Sekte ausschließen könnte (Joh.12:42).

Doch so sehr ich auch versuchte, mir einzureden, dass die Kritik von Samuel doch unberechtigt sei, fragte ich mich insgeheim, ob ich vielleicht doch arrogant war und dies bisher nur noch nicht wahrhaben wollte, dass ich so auf andere wirke. Ich nahm mir deshalb vor, am besten gar nicht mehr zu predigen, zumal es mein Gewissen belastete, dass ich meinen Schwiegervater ungewollt dazu verleitet hatte, aus Liebe zu mir die Unwahrheit zu sagen. Ich fühlte mich von allen abgelehnt und hatte den Eindruck, dass ich nach und nach alles verlieren würde. So viele alte Verbindungen waren inzwischen schon zerbrochen. Und egal was ich angefangen hatte, ist am Ende das meiste misslungen. Alles war umsonst gewesen, und so viele Menschen hatte ich schwer enttäuscht! Es war ja so, als hätte selbst Gott mich verlassen und kein Ja mehr zu meinen Aktivitäten. Anstatt auf all das Gute zu achten, dass ich mit Gott erleben durfte, sah ich nur noch alles grau in grau. Ich wollte nur noch zurück nach Deutschland und mich in eine Ecke verkriechen, wo sich niemand mehr an mir stören kann. So beschloss ich, mich von nun an nur noch auf Ruth und unser gemeinsames Baby zu konzentrieren. Ich musste mich einfach mit dem Gedanken abfinden, dass ich noch einmal ganz von vorne anfangen musste, d.h. wieder zurück in mein altes Leben als Maler. Für das Kinderheim würde sich sicherlich ein Nachfolger finden, der sich dann in ein "gemachtes Nest" setzen und all die Anerkennung ernten würde, für die ich mich angestrengt hatte und leer ausging. "Und ich hasste all meine Mühe, womit ich mich abgemüht hatte..., weil ich sie dem hinterlassen musste, der nach mir kommen würde. Und wer weiß, ob er weise oder töricht sein wird? Und doch wird er schalten über alle meine Mühe... Da wandte ich mich zu verzweifeln ob all meiner Mühe, womit ich mich abgemüht hatte..." (Pred.2:18-20).

Ich schrieb Bruder Hans-Udo, dass ich zurückkehren würde und wir buchten einen Flug für Ende Juni. Ich teilte ihm aber noch nicht mit, dass ich nicht mehr zur Verfügung stehen würde, denn ich fürchtete mich vor seiner Reaktion. Stattdessen gab ich an, dass es vor allem wegen der gesundheitlichen Risiken für Ruth notwendig sei, dass sie unser Kind in Deutschland gebären sollte, wo die medizinische Versorgung ja besser sei. Aber letztlich würde ich es ihm später ohnehin sagen müssen, und dann wäre das die zweite große Enttäuschung für ihn - nach der Schlappe, die er zuvor in Rumänien erlebt hatte 1994, als der rumäniendeutsche Bruder Christian ihm einfach das Kinderheim in Tălmaciu "gestohlen" hatten mitsamt Stiftung und 300.000 DM an Spendengeldern, indem sie sagten: "Von jetzt an brauchen wir Eure Hilfe nicht mehr, denn wir haben uns mit einem Missionswerk aus der Schweiz verbunden!" Ich dachte: Hans-Udo würde mir sicherlich wieder vorwerfen, warum ich überhaupt die Ruth geheiratet habe, zumal er schon immer der Meinung war, dass ein Deutscher sich lieber mit einer Deutschen verheiraten sollte, um die Rasse nicht zu vermischen. Aber kann man Ruth wirklich einen Vorwurf machen? Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die Arbeit fortsetzen sollten, dann hätte Er Ruth doch auch Gesundheit geschenkt! Gott selbst war es also, der mich nun auf ein Abstellgleis gestellt hatte.

Die Rückkehr nach Deutschland

Mitte Juni telefonierte ich noch einmal mit meinem Vater. Er hatte für uns eine 60-m²-Wohnung besorgt in einem 2-Familien-Haus in Bremen-Kattenesch. Der Vermieter Andreas F. sei sogar ein Christ aus der Baptistengemeinde und die Bewohnerin im Erdgeschoss sei Elena P., die ich noch aus der Bibelgemeinde kannte, wo meine Eltern früher hingingen. Mein Vater hatte sich um alles gekümmert, auch schon Gebrauchtmöbel für uns organisiert, die er mithilfe meines Zwillingsbruders Marco beschafft hatte. Wir waren sehr froh darüber und dankten Gott. Einen Tag vor unserer Rückreise hatten wir uns in der Fußgängerzone noch einen jungen knallgrünen Leguan gekauft für ein paar Soles, die es im Norden Perus massenweise gab, um ihn nach Deutschland mitzunehmen. Dass man dafür eigentlich eine Genehmigung bräuchte, nämlich die sog. Cites-Papiere für die Einfuhr von Tieren war uns zwar bewusst, aber wir ignorierten es einfach, zumal die Kontrollen sehr lax waren und wir ohnehin keine Zeit mehr hatten, uns diese zu besorgen. Ich steckte den kleinen Leguan einfach in meine Jackentasche mit ein paar Salatblättern, und tatsächlich kamen wir ungehindert durch den Zoll. Allerdings war unser Flug dermaßen verspätet in der Zwischenstation Santiago de Chile angekommen, dass wir sehr schnell laufen mussten, um noch unseren Anschlussflug zu bekommen. Wir waren so dermaßen im Stress, dass ich erst im Rennen bemerkte, dass der Leguan aus der Jackentasche gekrabbelt war und nun an meiner Hose festgekrallt war. Ich steckte ihn schnell wieder in meine Jackentasche und wir kamen schließlich wohlbehalten in Deutschland an. Die Freude über unseren Leguan währte aber nur kurz, denn wir hatten ihm oben auf dem Küchenschrank ein Lager bereitet, weil wir noch kein Terrariumkasten für ihn hatten; nach einer Woche ist er uns jedoch ausgebückst durch das Küchenfenster, das wir auf Kipp offen gelassen hatten.

Juli – September 1995

Mein neuer Job bei einem Betrüger

In den ersten Tagen nach unserer Rückkehr nach Deutschland war ich sehr beschäftigt mit dem Beantworten der zahlreichen Post und den vielen Behördengängen (Arbeitsamt, Bank, Meldestelle etc.). Mein Vater leihte uns Geld, damit wir in den ersten Wochen über die Runden kamen. Mitte Juni wurde ich von einem Malerbetrieb der sich "FineArt GmbH" nannte, eingeladen. Die Firma lag in einer kleinen Wohnung in einem Hochhaus, die spärlich eingerichtet war, was mir etwas merkwürdig vorkam. Der Geschäftsführer, Herr Tönjes, war freundlich und bot mir einen Platz an. Überall lagen Stapel mit Zetteln auf dem Fußboden, die seine Freundin hastig aufsammelte. Er erklärte mir, dass die Firma, die auf den Namen seiner Verlobten läuft, seit knapp einem Jahr existiere und etwa 50 Mitarbeiter beschäftigen würde, es aber immer ein Kommen und Gehen gebe, da viele den harten Anforderungen nicht gewachsen seien. Er würde hauptsächlich in den neuen Bundesländern Wärmedämm-Aufträge ausführen im Rahmen des Aufbaus Ost und suche daher einen qualifizierten Malergesellen, der auch Erfahrung mit WDVS (Wärmedämm-Verbundsysteme) habe und auch ungelernte Mitarbeiter schulen könne. Uwe Tönjes war ein schlanker Kettenraucher, hatte aber ein außergewöhnlich selbstsicheres Auftreten (wie Donald Trump). Nachdem wir eine Weile geplaudert hatten, gab er mir die Hand und sagte: "Ich nehme Sie, Herr Poppe. Sie machen auf mich einen guten Eindruck. Ich habe für Sie auch eine ganz besondere Aufgabe: Wir beziehen zum 01.08. ein neues Bürogebäude in der Bleicherstr., und das können Sie dann gleich von oben bis unten renovieren, und zwar in der absoluten Luxusklasse. Ich möchte, dass jeder Besucher sofort unseren gehobenen Anspruch erkennt und gleich beeindruckt wird. Ich hoffe, dass Sie der richtige Mann dafür sind!"

Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen konnte, war, dass Herr Tönjes nicht nur ein größenwahnsinniger Psychopath, sondern auch ein professioneller Hochstapler war, der wegen diverser Betrügereien erst kurz zuvor aus der Haftanstalt entlassen wurde. Durch seinen Charme und sein großspuriges Auftreten hatte er bei sämtlichen Banken und Leasingfirmen einen solchen Eindruck hinterlassen, dass er wie der Baulöwe Jürgen Schneider viele Kredite bekam, mit denen er auf mehreren Baustellen in Berlin und Brandenburg riesige Mehrfamilienhäuser mit Styroporplatten dämmen ließ. Seine Leute waren billige Arbeiter aus dem Osten, die er in Kolonnen organisiert hatte; so gab es eine Polen-Kolonne, eine Jugoslawen-Kolonne, eine Türken-Kolonne und eine DDR-Kolonne. Ich war einer der wenigen „Wessis“ in seiner Firma. So arbeitete ich zunächst zwei Monate ganz alleine in seiner neuen Büroetage und merkte schon bald, dass Herr Tönjes so unberechenbar war wie der KZ-Aufseher Amon Göth aus dem Film "Schindlers Liste": während er mich an manchen Tagen über den Klee lobte, gab es Tage, an denen er z.B. früh morgens auf die Baustelle kam und statt mich zu begrüßen, mich laut mit etwa 120 dB anschrie: "GEHEN SIE SOFORT VON MEINEN MARMORFLIESEN RUNTER MIT IHREN BESCHISSENEN ARBEITSSCHUHEN, SIE TROTTEL! SIND SIE DENN TOTAL BESCHEUERT, EINFACH MIT IHREN DRECKIGEN SCHUHEN MEINEN MARMOR ZU BETRETEN!" Und am selben Tag kam er um 17.00 Uhr zu mir und sagte mit sanfter Stimme: "Ach, Herr Poppe, Sie sind ja immer noch fleißig am Arbeiten. Sie müssen jetzt aber wirklich schnell nach Haus zu ihrer schwangeren Frau. Warten Sie, ich bestelle Ihnen mal eben ein Taxi! Hier, nehmen Sie das Geld; ich spendiere Ihnen das Taxi!" So ging es jeden Tag, so dass ich ständig seinen Launen ausgesetzt war. Ende August sprach ich mit Herrn Tönjes über meine wirtschaftliche Situation, dass ich ziemlich verschuldet sei und meine Frau ebenso eine Beschäftigung suche. Er bot mir an, dass meine Frau für ihn ab 01.09. für 300,-DM im Monat ein- bis zweimal in der Woche zum Putzen kommen könnte. Ich erzählte dies der Ruth, und sie war einverstanden. Und so geschah es, dass meine Frau und ich Anfang September auf einmal Seite an Seite für denselben Chef gearbeitet hatten, sie beim Putzen und ich beim Malern. Was wir jedoch noch nicht ahnten, war, dass wir beide von ihm über Monate keinen Lohn mehr bekommen sollten.


Spendenverwaltung nach Gutsherrenart

Bruder Hans-Udo beglückwünschte uns zu unserer neuen Wohnung und teilte uns mit, dass er Post aus Ecuador erhalten habe, sogar auf Deutsch übersetzt: Dr. Galo Granados hatte inzwischen ein starkes Misstrauen gegenüber unserem Anwalt, da dieser schlechte Arbeit gemacht habe, und wünschte sich einen neuen. Viele Punkte waren in der Satzung der Stiftung ungeklärt geblieben, z.B. die Finanzierung der Mitarbeiter etc., so dass die Satzung neu geschrieben werden müsse. Auch mit der großzügigen Ver(sch)wendung der Spendengelder durch Bruder Nelson war er nicht einverstanden. Als ich ihm in Ecuador mal verriet, wie viel Geld bereits in die Fertigstellung des Hauses geflossen sei, fasste er sich an den Kopf und sagte: "Für das Geld hätten wir zwei neue Häuser bauen können!" Er fragte Hans-Udo, ob dieser ihm ein Deutschkursbuch mit Kassetten empfehlen könne, weil er gerne Deutsch lernen wolle, um zukünftig direkt mit Hans-Udo zu korrespondieren. Über so viel Engagement zeigte sich Hans-Udo hoch erfreut und sandte mir einen Antwortbrief zum Übersetzen. Er schlug vor, dass der Bruder Felix Ramirez (24), der als Buchhalter in einer Bank arbeitete, doch ehrenamtlich als Wirtschaftsprüfer der Stiftung arbeiten könnte, um sich mal ein neutrales Bild von den Geldausgaben zu machen und seinen Eindruck zu schildern.

Das tat dieser dann auch bereitwillig, doch als Wochen später sein "Untersuchungsbericht" vorlag, war dieser nicht nur ernüchternd, sondern niederschmetternd: Felix fragte zu Recht, wie es möglich sein könne, dass Nelson sowohl Schatzmeister als auch Aufseher über die Geldausgaben in einer Person sei. „Es besteht überhaupt keine Kontrolle über die Ausgaben, die vermeintlich für die Stiftung verwendet wurden, so dass die Leichtigkeit und die Wahrscheinlichkeit bestehen, dass diese auch für persönliche Zwecke verwendet wurden… Herr Nelson Mogollón versteht noch nicht einmal die Grundprinzipien der Kontrolle, so dass weder die Transparenz noch die Vertrauenswürdigkeit gewährleistet sind…“. Zudem hätten die meisten Ausgaben gar nicht belegt werden können, da hierfür die Quittungen fehlten. Seine Kritik an Nelson war jedoch aus meinen Augen interessegeleitet, da seine Eltern ohnehin mit Nelson im Clinch lagen, so dass ich den Eindruck hatte, dass Felix´ Bericht respektlos sei, weil er dem ehrwürdigen Bruder Nelson indirekt Mauschelei unterstelle. Auch Nelson war äußerst pikiert über den Bericht und reagierte entsprechend beleidigt, indem er sich verwahrte, dass man seine untadelige Reputation doch nicht in Frage stellen dürfe, erst recht nicht von einem solchen Jungspund, den er noch als Baby kannte. Für die meisten Dienstleistungen bekomme man in Ecuador nun einmal keine Quittung, sondern nur einen Händedruck mit Dankeschön.

Da ich immer nur am Wochenende Zeit hatte, nahm das ständige Übersetzen der Briefe aus Ecuador an Hans-Udo und seine Antworten an die Geschwister viel Zeit in Anspruch. Deshalb war es eine große Erleichterung, als Hans-Udo mitteilte, dass er junge Brüder aus den USA kennengelernt habe, die bereit waren, beim Übersetzen zu helfen. Es meldeten sich auch immer mehr Jugendliche beim Hans-Udo, die gerne ihren Zivildienst in einem seiner Kinderheime machen wollten, vorzugsweise in Ecuador. Ich sah also immer mehr die Notwendigkeit, den Hans-Udo in Berlin zu besuchen, um ihm mitzuteilen, dass ich zukünftig nicht mehr für dieses Projekt zur Verfügung stehen würde, denn ich hatte ihm ja aus Scham noch immer nicht „reinen Wein eingeschenkt“. So fuhr ich Anfang September mit Ruth nach Berlin, wo wir dann schweren Herzens dem Hans-Udo und seiner Frau Elsbeth unsere Situation gebeichtet haben. Doch all das Zureden und Mutmachen half am Ende nichts, denn Ruth sah sich außer Stande. Sie gab aber ein wenig Hoffnung, dass sie ginge, wenn der HErr sie wieder vollkommen gesund machen würde. Ich wiederum versprach, dass ich Ende 1995 erst mal notfalls alleine nach Ecuador reisen würde. Doch ich ahnte nicht, dass das Jahr noch mit großen Turbulenzen enden würde…

Besuch aus Asmushausen und Geburt unserer Tochter

Irgendwann meldeten sich damals auch Rolf Schiemann und Tobias Schaum bei mir und fragten, ob sie mich besuchen kommen könnten, um über ihre Kritik an Hans-Udo zu sprechen. Ich hatte eigentlich dem Hans-Udo versprochen, dass ich den Kontakt zu diesen Brüdern abbrechen werde, da ihre Selbstgerechtigkeit und Kritiksucht eher schädlich als förderlich sei für das Volk Gottes. Aber meine Sehnsucht nach Harmonie und meine Hoffnung auf Entspannung waren dann doch so groß, dass ich dachte, ich könnte diese beiden Haudegen irgendwie zähmen und ihren glühenden Eifer vom Hans-Udo weglenken, und so lud ich sie ein nach Bremen. Inzwischen aber war Mitte August auch meine Schwiegermutter Lucila (62) aus Peru gekommen, um für drei Monate bei uns zu wohnen und um der Ruth bei der nahe bevorstehenden Geburt zur Hand zu gehen. Da der Platz also in unserer kleinen Wohnung zu eng war, fragte ich meinen Bruder Marco, ob Tobias und Rolf nicht bei ihm übernachten könnten. Da er sie nicht kannte, erklärte ich ihm, welchen Bezug ich zu ihnen hatte und hoffte, dass Marco psychisch stabil genug sei, um deren kompromisslose Art ertragen zu können. Immerhin war es gerade mal erst 2 ½ Jahre her, dass Marco wegen einer starken Psychose seinen Job als Erzieher von schwer erziehbaren Jugendlichen an den Nagel hängte und sich – durch Charismatiker beeinflusst - im religiösen Wahn beinahe das Leben nahm. Zu meiner Überraschung war das Treffen außerordentlich friedlich und auch Marco verstand sich bestens mit diesen beiden vollbärtigen Brüdern. Sie erzählten ihm, dass sie aus ihrem Haus in Bebra-Asmushausen eine Art Brüderhof machen wollten, um mit ihren Familien zusammen mit anderen Gleichgesinnten eine biblische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft haben könnten nach dem Vorbild der Mennoniten oder Hutterer. Marco war von der Idee begeistert, und da er nicht gebunden war, packte er spontan seine Koffer, um mit ihnen nach Asmushausen zu ziehen.

Am Freitag, den 22.09.95 hat der HErr uns dann eine gesunde Tochter geschenkt, das 1000. Baby, das in jenem Krankenhaus in diesem Jahr geboren wurde, weshalb Ruth einen großen Blumenstrauß und 100,- DM vom Oberarzt geschenkt bekam. Rebekka hatte schon bei ihrer Geburt den Kopf voller Haare, die später schnell wuchsen und kupferbraun wurden, genau die Mischung zwischen Ruth und mir. Leider gab mir mein Chef am darauffolgenden Montag keinen "Babyurlaub", weil ein Treppenhaus unbedingt fertig werden musste. Doch am Dienstag rutschte auf einmal meine Schiebeleiter weg und ich stürzte 6 m die Treppe herunter, wobei mein rechtes Auge gegen die Halterung des abgebauten Handlaufs stieß und innerhalb von wenigen Minuten dick anschwoll. Dank sei Gott, dass es nur das Oberlid war, das einen Riss bekam, so dass mein Auge wie durch ein Wunder unversehrt blieb. Dafür wurde ich aber für den Rest der Woche krankgeschrieben, so dass ich bei meiner Frau, meiner Schwiegermutter und unserer Tochter sein durfte.

 

 

Oktober – Dezember 1995

Auf Montage in Berlin

Am darauf folgenden Montag teilte mir Herr Tönjes mit, dass er mich von nun an „auf Montage“ in den neuen Bundesländern einsetzen wolle. Das hieße, dass ich immer zwei Wochen von zu Hause weg sei und mit den Arbeitskollegen in einem Wohncontainerdorf in Geltow (Brandenburg) übernachten würde, um dann tagsüber auf Großbaustellen in Berlin zu arbeiten. Dafür bekäme ich aber zusätzlich zu meinem Arbeitslohn noch einmal 25,-DM/Tag an "Auslöse" (Verpflegungsmehr-aufwand), also im Monat rund 600,-DM mehr. Da wir hoch verschuldet waren, nahm ich dieses Angebot an, und er bot mir an, mich am darauffolgenden Tag mitzunehmen. Er fuhr einen nagelneuen, knallgelben Mitsubishi Sportwagen, der aussah wie ein Ferrari, und während der ganzen Autofahrt erzählte er mir von seinem Luxus und Erfolgen, um mich einzuschüchtern. Doch mir war klar, dass er damit nur seine Minderwertigkeitsgefühle überspielen wollte.

Als wir bei einer Raststätte anhielten und er mich auf einen Kaffee einlud, sagte ich ihm: "Wissen Sie Herr Tönjes: all das, was sie mir aufgezählt haben, beeindruckt mich nicht, denn ich bin viel reicher als Sie. Ich besitze Dinge, die Sie nicht haben und die man nicht mit Geld kaufen kann. Nicht nur habe ich eine Frau, die mich liebt und ein gesundes Kind, sondern vor allem habe ich von Gott das ewige Leben geschenkt bekommen durch den Glauben an Seinen Sohn Jesus! Das ist doch viel mehr wert als aller Reichtum der Welt!" Daraufhin entgegnete er: "Ach wissen Sie, da sage ich mir: Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach! All das, was Sie mir immer erzählen von der Bibel, das ist doch alles Glaubenssache, aber sicher können Sie sich nicht sein, ob es stimmt." Darauf ich: "Ja, ich glaube es, aber das heißt nicht, dass es für mich nicht auch sicher wäre. Glaube ist wie der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist. Dem Noah hat auch niemand geglaubt, als er die Arche baute mitten in der Wüste, aber als der Regen kam, war er und seine Familie in Sicherheit, samt all den Tieren, während die ungläubigen Menschen umkamen. Ihr Reichtum ist zudem nicht von Bestand. Sie müssen ständig darauf achten, ihn nicht zu verlieren und können ihn deshalb auch nicht genießen. Ich hingegen bin zwar arm, aber ich bin frei. Ich war schon dreimal in Südamerika und könnte jederzeit wieder dorthin fliegen, wenn ich wollte, und dort für 3 oder 6 Monate bleiben. Das können Sie nicht, weil Sie zu viele Verpflichtungen hier haben. Wann haben Sie z.B. das letzte Mal einen längeren Urlaub gemacht?" Er hatte mir nachdenklich zugehört, trank seinen Kaffee aus und sagte: "Ach wissen Sie, Herr Poppe, ich denke, dass es nur noch etwa ein oder zwei Jahre dauern wird, dann habe ich so viel Geld verdient, dass ich mich zur Ruhe setzen kann. Dann kaufe ich mir eine große Yacht und werde nur noch über die Weltmeere reisen. Dann kann mir keiner mehr was, noch nicht einmal Caudia Schiffer!" Dann stand er auf und ließ mich verwirrt zurück. Was hatte jetzt das Model Claudia Schiffer damit zu tun??! Ich fragte ihn, und er merkte, dass er gerade dummes Zeug geredet hatte und sagte nur lapidar: "Na ja, oder eben irgend ein anderer Promi, der immer mit seinem Geld protzt!"

Wir fuhren schweigend weiter. Nach einer Weile sagte mir Herr Tönjes: "Ich will ehrlich sein zu Ihnen, Herr Poppe: Dieser ganze Glaubenssch... interessiert mich nicht, denn ich halte das alles für Humbug. Aber eine Sache, die beeindruckt mich wirklich, und das sind SIE! Sie sind der einzige Mensch, den ich bisher kennengelernt habe, der innerlich völlig ausgeglichen ist. Nichts und niemand kann sie offensichtlich erschüttern. Solch eine Ruhe hätte ich auch gerne." Aber bevor ich ihm darauf etwas sagen konnte, fügte er nach ein paar Sekunden hinzu: "Aber kommen Sie mir jetzt nicht gleich wieder mit ihrem Glauben, denn das hat damit gar nichts zu tun, sondern eher mit ihrem stabilen Charakter!" Ich sagte nichts weiter, denn ich spürte, dass er innerlich verstockt war und sein Leben auch nicht ändern wollte.

Ein „Pastor“, der sich prügelt?

Meine neuen Kollegen kamen größtenteils aus Brandenburg, aber es waren auch viele von weiter weg, die mit mir im Containerdorf lebten. Zusammen fuhren wir früh morgens um 6.00 Uhr ca. 45 Minuten zu den Baustellen nach Berlin-Pankow und später in der Nähe von Potsdam, ein kleiner Ort namens Caputh. Es war alles erstaunlich gut organisiert, denn wir hatten einen Vorarbeiter mit starker Persönlichkeit, der uns alle fest im Griff hatte, so dass sich Herr Tönjes um nichts kümmern brauchte (sein Name ist mir entfallen, deshalb nenne ich ihn im Folgenden einfach mal Jens). Jens hörte den ganzen Tag nur seine Haevy-Metal-Musik, während ich Kassetten mit christlicher Musik hörte oder auch der Kelly Family. Doch allmählich spürte ich den Neid und die Verachtung meiner Kollegen, vielleicht weil ich ein Wessi war und ihnen manchmal widersprach in technischen Fragen (?). Einmal kam ein junger Kollege zu mir und sagte: "Simon, weißt Du eigentlich, dass alle hinter Deinem Rücken über Dich herziehen?" - "Echt? Wieso, was sagen sie denn?" - "Sie nennen Dich immer den 'Pastor', weil Du immer so komisch redest." - "Häh? Wie rede ich denn?" - "Ich weiß nicht, Du redest irgendwie immer so geschwollen. Ich finde Dich eigentlich ganz nett, aber Du bist irgendwie total anders als die anderen. Irgendwie gehörst Du gar nicht hier her. Das meinen auch die anderen." Ich war etwas verwundert darüber, aber mir fiel ein, dass das schon ein Chef bei einem Vorstellungsgespräch sagte, um zu begründen, warum er mich nicht einstellen wolle, weil ich dadurch nur "unnötig Unruhe" in seinen Betrieb brächte.

Im November waren die Temperaturen auf ungewöhnliche -5 bis -10 ˚C in der Nacht gefallen. Es war eigentlich völlig absurd, dass wir bei solchen Minustemperaturen noch draußen arbeiten sollten. Bei dieser klirrenden Kälte fragten wir uns, was wir denn früh morgens um 7.00 Uhr im Dunkeln machen sollten, denn um den Putz anzurühren, war es viel zu kalt. Aber Jens hatte immer irgendeine Aufgabe für uns, ob Sockelschienen setzen oder dübeln, solange bis es allmählich milder wurde. Wenn wir dann abends zurück nach Geltow fuhren, waren wir alle kaputt und durchgefroren. Eines Abends rauchten mal wieder alle im Kleinbus und ich machte wie immer das Fenster auf, um atmen zu können. Doch dann eskalierte die Situation: "Ey, Poppe, mach das Fenster zu!" - "Nein, es stinkt zu sehr, ich brauche Luft." - "Ach was, mach wieder zu, es wird kalt!" - "Euch mag das ja egal sein, aber ich bin Nichtraucher und mich stört das nun mal!" - "Hör mal, Poppe, du musst dich der Mehrheit anpassen, sonst nehmen wir dich nicht mehr mit, dann kannst du in Zukunft zusehen, wie du nach Geltow kommst!" - "Ach ja, Ihr wisst genau, dass Herr Tönjes euch verboten hat, im Firmenwagen zu rauchen, weil der nur geleast ist. Soll ich ihm vielleicht mal erzählen, dass Ihr Euch alle darüber hinwegsetzt?" - "Du bist doch ein Arschloch, Poppe! Willst uns also verpfeifen, toller Kollege!" - In diesem Moment schob einer der Kollegen das Fenster neben mir wieder zu. Ich machte es sofort wieder auf. Er drohte mir und machte es wieder zu. Ich schob es wieder auf und stemmte meinen Arm ins Fenster, so dass man es nicht mehr zumachen konnte. Daraufhin knurrte mich dieser an: "Du wirst schon sehen, Poppe, wenn wir gleich ankommen, dann kriegst du eins auf´s Maul!"

Als wir kurz darauf ankamen, schob er die Seitentür auf, so dass meine Arbeitstasche aus dem Auto fiel. Ich war mir nicht sicher, ob er das mit Absicht gemacht hatte, aber ich sagte ihm ein Schimpfwort und bückte mich, um meine Sachen aufzuheben, die herausgefallen waren. In diesem Moment nahm er mich schon in den Schwitzkasten und wir rauften uns. Da ich größer war, hatte er kaum eine Chance, aber er hatte vielleicht auch nicht damit gerechnet, dass ich mich wehren würde. Da ging einer zwischen uns, der aber in Wirklichkeit ihm helfen wollte und mir ein Bein stellte, so dass ich nach hinten fiel. Dann stürzte sich der andere wieder auf mich, doch ehe er sich versah, hatte ich ihm mit der Faust auf die Nase geschlagen, so dass er von mir abließ und ich mich aufraffen konnte. Inzwischen hatten alle um uns einen Kreis gebildet, um uns beim Kampf zuzuschauen. Mein Herz raste, doch ich wollte nicht mehr kämpfen, sondern schrie dem Jens zu: "WER HAT JETZT ANGEFANGEN?! WER HAT JETZT ANGEFANGEN?! WARUM SAGST DU NICHTS!? ENTWEDER ER WIRD GEKÜNDIGT ODER ICH GEHE!!" Daraufhin rief Jens: "Das hast Du gar nicht zu entscheiden, Poppe!" Ich nahm meine Sachen und ging in meinen Wohncontainer. Eine halbe Stunde später nachdem ich mich geduscht und wieder angezogen hatte, kamen ein paar meiner Kollegen in den Wohncontainer, setzten sich an den Tisch und sagten: "Wow, Simon, dem hast Du's aber gezeigt! Da hast Du Dich aber gut verteidigt!" - Ich merkte, dass sie etwas von mir wollten, und tatsächlich: "Du Simon, falls der Chef Dich fragen sollte, was passiert ist, bitte sage nicht, dass wir im Wagen geraucht haben, ok?" Ich sagte, dass ich es nicht von mir aus erzählen würde, aber wenn er mich direkt fragen würde, dann würde ich auch nicht lügen, da ich als Christ immer die Wahrheit sagen muss. Dann gingen sie wieder und kurz darauf kam die Verlobte von Herrn Tönjes, Frau Chlebusch, in den Bauwagen: "Herr Poppe, was habe ich denn da von Ihnen gehört, dass Sie sich geprügelt hätten? Das konnte ich gar nicht glauben! Das hätte ich von Ihnen gar nicht gedacht. Wie konnte das passieren?" Ich erklärte ihr, dass es Streit gab, ich aber nicht angefangen hätte, sondern mich nur verteidigt habe. In dem Moment wurde mir bewusst, dass ich ein schlechtes Zeugnis als Christ gegeben hatte, denn der HErr Jesus hatte uns ja gelehrt, dass wir jedem, der uns auf die rechte Wange schlägt, auch die linke hinhalten sollten (Mt.5:40). Jetzt aber hatte ich meinem alten Wesen wieder Raum gegeben in mir und hatte noch nicht einmal den Mut, meinen Feind um Vergebung zu bitten.

Überhaupt hatte ich mein geistliches Leben in den letzten Wochen völlig vernachlässigt. Anstatt regelmäßig zu beten und in der Bibel zu lesen, schaute ich abends mit meinen Kollegen Filme im Bauwagen. Ich vermisste Ruth und auch meine kleine Rebekka. Gerade die ersten Wochen sind ja für ein Baby wichtig, dass es die Liebe und Wärme seiner Eltern spürt. Ich bereute schon, dass ich nicht lieber auf diesen Job und den höheren Verdienst verzichtet hatte, um Ruth und Rebekka nicht alleine zu lassen! Als ich an einem Donnerstag nach den zweiten zwei Wochen meine Sachen packte, um am nächsten Tag nach Bremen zu reisen, teilte mir mein Zimmergenosse mit, dass alle diesmal eine weitere Woche bleiben sollten, weil auch am Samstag gearbeitet werden solle. Daraufhin ging ich zu Jens, der mit mehreren anderen am Tisch saß und Bier trank. Ich erklärte ihm, dass ich wie vereinbart am morgigen Tag abreisen würde, aber er lehnte dies ab, weil der Chef ein Bleiben für alle angeordnet hatte. Ich erklärte ihm höflich: "Ich muss aber nach Hause!" - "Und warum musst Du das?" - "Weil meine Frau und mein Kind mich brauchen." - "Ach wie süß!" höhnte er, und alle lachten, "er will zu seiner Mami zurück, weil sie ihn braucht! Was bist du nur für ein Weichei! Dann geh doch morgen schnell wieder zu deiner Mutti, wenn sie dich doch braucht!"

Die Meuterei

Als ich Ruth anrief, sagte sie mir, dass mein Lohn für Oktober noch immer nicht überwiesen sei und auch sie noch von Herrn Tönjes keinen Lohn erhalten habe für ihren Minijob. Ich rief Herrn Tönjes an, und er versicherte, dass er sich umgehend darum kümmern würde. Aber auch Mitte November war noch nichts auf dem Konto, so dass wir uns wieder von meinem Vater Geld leihen mussten, um unsere Miete und Lebensmittel zu bezahlen. Ich schrieb einen Brief an Herrn Tönjes, in dem ich ihn aufforderte, mir binnen einer Woche meinen noch offenen Lohn von 1,5 Monaten zu zahlen, da ich ansonsten kündigen würde. Diesen Brief übergab ich ihm persönlich und er las ihn in meiner Gegenwart. Dann steckte er ihn in sein Revers und sagte: "Herr Poppe, diesen Brief werde ich als Beweisstück verwenden, denn ich behalte mir vor, Sie auf Nötigung zu verklagen! Ich hatte Ihnen allen bereits gesagt, dass ich selber noch auf eine höhere Summe warte von meinem Kunden und rechne jeden Tag damit, dass diese eingeht. Aber ich verbiete Ihnen, dass Sie mich mit solchen Briefen erpressen, denn ich kann auch noch ganz anders! Passen Sie bloß auf, dass Sie mich nicht zum Feind haben!" Dann schritt er davon, und ich dachte: "Was denkt der nur, wer er sei!" Aber ich hatte nicht den Mut, etwas zu entgegnen.

Zwei Tage später gab Herr Tönjes uns endlich den noch ausstehenden Lohn in Form von Schecks über zwei Monatsgehälter (fast 5000,- DM), die wir allerdings nicht sofort einlösen konnten, solange wir nicht zuhause waren, sondern erst eine Woche später, etwa Ende November. Doch Mitte Dezember war noch immer kein Geld auf dem Konto und wir erfuhren, dass die Schecks gar nicht gedeckt waren. Herr Tönjes hatte uns also nur hinhalten wollen, damit wir weiter arbeiten würden. Jetzt aber brach eine Meuterei auf der Baustelle aus, denn die Mitarbeiter merkten, dass die Firma vor dem Aus stand. Bevor sie alle nach Hause fuhren, nahmen sich viele noch alles Mögliche vom Firmeneigentum mit und bestahlen so Herrn Tönjes als Ausgleich für ihren geprellten Lohn. Jens hatte sich sogar schon ein paar Tage vorher aus dem Staub gemacht, angeblich weil seine Freundin ihm am Telefon gesagt hatte, dass sie mit ihm Schluss machen wolle und er sie zur Umkehr überreden wollte. So war die Firma auf einmal führerlos und jeder tat, was recht war in seinen Augen. Ich fuhr nach Bremen und rief Herrn Tönjes an, doch nur sein Anrufbeantworter ging an. Später erfuhr ich, dass Herr Tönjes kurz zuvor seine Verlobte geheiratet hatte und nun über die Weihnachtstage seine Flitterwochen auf den Seychellen verbringen würde. Wie wir indes über die Runden kommen sollten, war ihm offensichtlich vollkommen egal.

Der Eklat

So verbrachte ich die letzten zwei Wochen des Jahres bei meiner Familie. Aus Bebra-Asmushausen erhielten wir Post von Marco, der inzwischen schon rund zwei Monate in der christlichen WG zusammen mit den Brüdern Rolf Schiemann und Tobias Schaum und ihren Familien lebte. Sein Brief war äußerst fromm und demütig. Er bekannte darin, dass er die letzten 9 Jahre seit seiner Bekehrung geistlich geschlafen habe, nun aber zu neuem Leben erweckt sei durch den Einfluss der Brüder. Er erzählte mir, dass sie wie in der Urgemeinde alles miteinander teilen würden und niemand ein Geheimnis hätte, von dem die anderen nichts wüssten. Er lud uns ein, doch auch nach Asmushausen zu ziehen und bei dieser christlichen Wohngemeinschaft mitzumachen, zumal er mitbekommen hatte, dass ich geistlich gerade ziemlich in den Seilen hing. Doch hatte sich inzwischen ein Hoffnungsschimmer am Horizont gezeigt, was die Ecuadorarbeit anging: Ein paar Wochen zuvor hatte ich mich an einem Wochenende mit Rubin Rousseau (42) getroffen, einem deutsch-südafrikanischen Bruder aus der Bibelgemeinde, in die meine Eltern jahrelang gingen. Ich hatte ihm von unserem Kinderheimprojekt erzählt, und er erklärte sich bereit, mit seiner Frau Edith zusammen die Nachfolge als künftige Heimeltern zu übernehmen. Ich hatte also Hans-Udo angerufen und mich mit ihm für Mitte Dezember verabredet, dass er mit seiner Frau Elsbeth zu uns nach Bremen kommen möge übers Wochenende, damit er Rubin und Edith kennenlernen und mit ihm über die Details verhandeln könne. So war es eine große Freude, als schließlich dieses Treffen zustande kam in unserem Wohnzimmer. Hans-Udo berichtete Rubin über die Hintergründe, wie der HErr ihn 30 Jahre zuvor berufen habe, als Missionar in Pakistan zu arbeiten und erklärte ihm dann seine Aufgaben und die Bedingungen. Doch schon nach einer halben Stunde erklärte Rubin, dass er seine noch nicht volljährigen Kinder seiner 9-köpfigen Familie in ein Internat geben wolle in Deutschland, damit sie eine gute Ausbildung erhielten. Und noch bevor Hans-Udo dazu etwas sagen konnte, klingelte es plötzlich an der Tür...

Als ich aufmachte, stand auf einmal Tobias Schaum und Rolf Schiemann vor der Tür, zusammen mit meinem Bruder Marco, der sich inzwischen einen kleinen Vollbart hatte wachsen lassen. Sie fragten, ob sie reinkommen dürften, und ich erklärte ihnen, dass ich gerade Besuch habe. "Das wissen wir", sagte Tobias, "denn Marco hat es uns erzählt, und gerade deshalb sind wir ja auch jetzt ganz aus Bebra angereist." - "Ihr hättet aber wenigstens vorher mal anrufen können, denn eigentlich ist es jetzt gerade etwas ungünstig." Trotzdem ließ ich sie rein, und sie gingen die Treppe hinauf ins Wohnzimmer. Ich stellte sie meinen Gästen vor und besorgte noch schnell ein paar zusätzliche Stühle. Hans-Udo dachte, dass ich die Brüder absichtlich eingeladen hätte und war sehr verwundert, warum ich dies angeblich verheimlicht habe. Ich erklärte ihnen, dass dies jetzt nicht geplant sei, aber dass der HErr vielleicht Gnade schenken würde zu einer gemeinsamen Verständigung. Hans-Udo hielt dies nicht für eine passende Idee und bat mich, den Brüdern vorzuschlagen, dass sie doch ein andern mal wiederkommen könnten. Da ich jedoch gegenüber Rolf und Tobias den Eindruck vermeiden wollte, ich sei unmündig und würde immer nur das tun, was Hans-Udo sagt, schlug ich indes vor, doch gemeinsam miteinander über alle Probleme zu reden. Eine fatale Fehlentscheidung - wie sich dann leider herausstellte...

Tatsächlich hatten Tobias und Rolf dem Hans-Udo eine Falle stellen wollen, indem Tobias einen kleinen Kassettenrekorder versteckt hatte, um ohne unser Wissen und Erlaubnis, sozusagen in "Stasi-Manier", das Gespräch heimlich aufzunehmen. So wie die Pharisäer damals den HErrn Jesus in Seiner Rede fangen wollten, um einen Anklagegrund gegen Ihn in der Hand zu haben, so hoffte auch Tobias, dass er durch Fangfragen den Hans-Udo in Widersprüche verwickeln könnte, damit er einen Anklagegrund gegen ihn hätte. Um sich nichts anmerken zu lassen, verhielt sich Tobias zunächst höflich und stellte ein paar Fragen, die ihm Hans-Udo zwanglos beantwortete. Doch als es immer mehr Fragen wurden, fragte Hans-Udo: "Was soll das hier werden? Ein Verhör? Simon, Du solltest als Hausherr jetzt mal ein Machtwort sprechen und mal klarstellen, wer heute Deine eigentlichen Gäste sind!" Tobias erwiderte laut: "Nach dem Wort Gottes sind Sie verpflichtet, sich zu verantworten gegenüber jedem, der Rechenschaft von Ihnen fordert. Und ich möchte auch nicht, dass Sie immer wieder ausweichen, sondern meine Fragen einfach nur mit JA und NEIN beantworten!" Daraufhin stand Elsbeth auf, die die ganze Zeit kein einziges Wort gesagt hatte, und sprach mit einer zarten und brechlichen Stimme: "Hören Sie, junger Mann, was erlauben Sie sich, in diesem Ton zu meinem Mann zu reden! Haben Sie denn keinen Respekt?!" - Tobias unterbrach Sie: "Entschuldigen Sie, liebe Schwester, aber ich rede gerade mit Ihrem Mann, und ich denke, Sie sollten sich als Schwester ohnehin zurückhalten, wenn Brüder miteinander reden!" Darauf stand auch Hans-Udo auf und sagte: "Simon, ich merke, dass es Dir schwer fällt, hier mal ein klärendes Wort zu sprechen, deshalb mache ich einen Vorschlag: Bruder Rubin hatte ja schon angedeutet, dass wir die Nacht auch bei ihm verbringen können, deshalb wird er uns jetzt zu sich nach Hause fahren und Du kannst Dich hier noch weiter mit Deinen Brüdern unterhalten. Morgen früh reden wir dann weiter über unser Projekt! einverstanden?" Ich war wie gelähmt, denn mir war klar, dass ich als Hausherr gerade völlig versagt hatte. Daher entschuldigte ich mich immer wieder für meine enttäuschende Nachgiebigkeit und verabschiedete Hans-Udo und seine Frau.

Der Verrat

Als ich wieder oben war, nahmen mich Tobias und Rolf ins Kreuzverhör und redeten lange auf mich ein, dass ich mich doch von Hans-Udo trennen müsse, da dieser doch ein "falscher Fufziger" sei, der nur an Macht und Geld interessiert sei und dem dazu jedes Mittel recht sei. Ich verteidigte den Hans-Udo, so gut ich konnte, doch nach einer Stunde war ich dermaßen "weichgekocht", dass ich ihnen nichts mehr zu entgegnen wusste. Ich versuchte einen Befreiungsschlag, indem ich sagte: "Ihr beide kommt mir vor wie zwei Männer, die auf einer Müllhalde sind und sich darüber aufregen, dass eine einzige Dose umgekippt rumliegt und wollt sie unbedingt gerade aufrichten. Es gibt heute so viele Probleme unter uns Christen, aber Ihr tut so, als ob es genügen würde, dass man hier und da mal etwas mit dem Staubwedel rübergeht! Merkt Ihr nicht, dass Ihr völlig übertreibt und dass ihr versucht, an einem X-Beliebigen ein Exempel zu statuieren, indem Ihr bei ihm das Haar in der Suppe sucht? Ich kenne den Hans-Udo viel besser als Ihr und weiß auch um seine Fehler, aber er ist im Vergleich zu den meisten anderen Christen ein wirklich treuer Diener des HErrn, weil er nicht redet, sondern tut. Wo gearbeitet wird, da fallen aber auch mal Späne. Ich könnte Euch Sachen erzählen über den Hans-Udo, wo Eure Vorwürfe läppisch wären im Vergleich, aber obwohl ich das weiß, halte ich ihm die Treue, denn das ist wahre Bruderliebe!"

Sie schauten sich an, und Rolf sagte behutsam: "Was weißt Du denn noch über den Hans-Udo, was wir noch nicht wissen?" - "Das werde ich Euch natürlich nicht auf die Nase binden, denn Ihr würdet ihm daraus nur einen Strick drehen! Ihr wollt ihn ja nur zur Strecke bringen, aber die Liebe deckt die Fehler des anderen zu!" - Tobias entgegnete: "Jaaaa, wenn jemand seine Fehler BEREUT! Wenn jemand aber in Sünde lebt und man überführt ihn nicht, dann macht man sich nach Hesekiel 3 mitschuldig an seiner Sünde! Also wenn Du etwas weißt, solltest Du das jetzt offen bekennen." - "Nein, das werde ich nicht tun, denn ich kenne Euch, und Ihr wollt ihn nur ans Messer liefern!" - "Simon, hast Du etwa kein Interesse daran, dass Hans-Udo zur Buße kommt? Komm, - sag uns die Wahrheit! denn die Wahrheit allein macht frei!" - "Nein, das wäre eine weitere Treulosigkeit gegen diesen Bruder, und er hat schon genug gelitten, das kann ich nicht machen.“ – Tobias: „Simon, wir können nur Gemeinschaft miteinander haben, wenn wir im Licht wandeln. Wenn Du aber Sünde verbergen willst, dann wirst Du auch weiterhin kein Gelingen haben (Spr.28:14). Frag Dich doch mal, warum diese ganze Arbeit jetzt auf der Kippe steht. Liegt es nicht genau daran, dass Ihr irgendetwas vertuschen wolltet? Gott will aber, dass wir ein reines Gewissen haben sollen und dass wir uns keiner Sache schämen müssen. Deshalb: Stell Dich ins Licht!“ – Ich bereute, dass ich sie überhaupt auf diese Fährte gelockt hatte, denn jetzt kam ich nicht mehr so einfach aus dieser Nummer raus. Tobias würde keine Ruhe geben, bis er es herausgefunden hat, und ich könnte nicht „frei den Blick erheben“, solange ich noch ein dunkles Geheimnis mit mir tragen müsste. Unter der Bedingung, dass sie nichts unternehmen mögen, entschied ich mich schließlich, ihnen die Wahrheit zu sagen, indem ich ihnen von dem Schmu des Anwalts berichtete und dass wir letztlich mit unserer Unterschrift darin eingewilligt hatten.

Die Reaktion von Tobias war zu erwarten und erinnert mich im Nachhinein an die des Hohenpriesters bei der Verurteilung Jesu: „Was bedürfen wir noch weitere Zeugen. Jetzt habt ihr´s doch alle gehört!“ Ich erinnerte Tobias noch einmal an sein Versprechen, dass er den Hans-Udo in Ruhe lassen wolle und vereinbarte mit den Brüdern, dass ich selbst dem Hans-Udo schreiben würde, um ihn zur gemeinsamen Buße zu bewegen. Tobias war jedoch nicht so naiv wie ich und fügte hinzu: „Wir versprechen Dir, nichts zu unternehmen, bevor Du ihm geschrieben hast, sondern wollen erst einmal seine Reaktion abwarten.“ – „Ihr werdet sehen, dass Bruder Hans-Udo seinen Fehler einräumen wird, zumal es ja auch nur etwas Geringes ist, das jedem von uns mal passieren kann. Ich kenne diesen Bruder jetzt schon seit vier Jahren und weiß deshalb, dass es ihm immer nur um die Ehre Gottes ging. Den Eindruck, den Ihr von ihm habt, ist einfach völlig falsch und verzerrt. Ihr müsstet mal seine Briefe lesen, wenn er an mich schreibt, dass er immer nur den HErrn Jesus groß macht!“ Daraufhin Tobias: „Ach, Simon, wo Du das gerade ansprichst: Macht es Dir was aus, wenn Du mir mal die Briefkorrespondenz zwischen Euch zu lesen geben könntest?“ – Ich überlegte kurz und sagte: „Nur unter der Bedingung, dass Du mir versprichst, dort nicht nach weiteren Anklagegründen gegen Hans-Udo zu suchen! Außerdem darfst Du Dir auch keine Kopien daraus machen, denn unser Briefwechsel ist vertraulich!“ – Tobias antwortete: „Ich verspreche es Dir.“ Dann gab ich ihm die Mappe mit den Briefen und wir verabschiedeten uns. Nachdem sie gegangen waren, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Es kam mir vor, als wenn ich wie Judas gerade meinen besten Freund verraten hätte…

An dieser Stelle wird sich wohl jeder Leser an den Kopf fassen, wie ich nur so naiv sein konnte; und auch ich selbst muss mich das heute selbstkritisch fragen. Dass Tobias sich letztlich nicht an sein Versprechen gebunden fühlen würde, war letztlich abzusehen, wenn man seinen „Killerinstinkt“ einmal kennengelernt hatte. Aber letztlich war es dem Tobias gelungen, mich zu beschwatzen, indem er „Kreide gefressen“ hatte, um mich zu täuschen (wie in der Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein). Nach Heiligabend erfüllte ich mein Versprechen und schrieb dem Bruder Hans-Udo einen 6-seitigen Brief, in welchem ich ihm in aller Unterwürfigkeit bat, auf die Forderung der Brüder einzugehen, um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen, damit endlich Ruhe einkehre. Am liebsten wäre mir ja gewesen, dass sich alle Seiten wieder miteinander vertragen würden und wieder alles so harmonisch sei wie früher; aber Tobias war kein Mann des Friedens, sondern gehörte zu der Sorte streitsüchtiger Menschen, die die Bibel als „Söhne der Zeruja“ bzw. als „Donnersöhne“ bezeichnet. Selbstverständlich machte sich Tobias von den Briefen Kopien, weil er darin wieder Anhaltspunkte zum öffentlichen Verklagen des Bruders fand und fertigte eine umfangreiche „Ermittlungsakte“ an, die er dann u.a. an einen Bruder namens Michael Nagel zur Prüfung sandte. Dieser aber konnte die Vorwürfe nicht teilen und fand sie ebenso wie ich übertrieben. Und so erwies sich Tobias Schaum schließlich als Schaumschläger, und die ganze Sache verlief nach ein paar Monaten im Sand.

Januar – März 1996

Mein Schiffbruch im Glauben

Das neue Jahr begann mit viel Schnee und Minustemperaturen. Da Herr Tönjes auch nach den Feiertagen nicht erreichbar war und ich nicht wusste, wie es nun weiter gehen sollte, ging ich zur Arbeiterkammer, um mich rechtlich beraten zu lassen. Denn obwohl ich inzwischen schon 2,5 Monate lang kein Geld mehr erhalten hatte, bestand ja immer noch ein ungekündigtes Arbeitsverhältnis. Die dortige Juristin riet mir, ihm meine Arbeitskraft anzubieten, doch ihm auch eine kurze Frist zu setzen mit der Androhung, zu kündigen, falls er weiterhin nicht reagiere, da unser Lebensunterhalt gefährdet sei. Danach solle ich ihn beim Arbeitsgericht auf Zahlung der noch ausstehenden Löhne verklagen, was ich dann auch Ende Januar tat, zusammen mit allen anderen - um ihren Lohn geprellten - Mitarbeitern.

Mein Freund Bernd Fischer schrieb mir und warnte mich eindringlich, dass ich unbedingt den Kontakt zu Tobias und Rolf beenden müsse, da diese zu „Brudermördern“ geworden seien und ich durch ein Bündnis mit diesen mich mitschuldig machen würde an ihren Verleumdungen. Die Begründungen von Bernd waren sehr weise und biblisch gut fundiert, deshalb willigte ich ein und verwandte seine Argumente in einem Brief an Tobias, in welchem ich ihn eindringlich aufforderte, grundsätzlich sein – so wörtlich - „Schreiben gegen andere Brüder aufzugeben, da Du dafür nicht die nötige Begabung hast“. Wie nicht anders zu erwarten, verschärfte sich darauf allmählich der Ton zwischen uns, und Tobias begann nun, auch mir immer mehr Vorhaltungen zu machen, warum ich denn überhaupt auch noch Kontakt zu Bernd habe, der doch ein Irrlehrer sei mit seiner „Gott-belügt-die-Lügner“-These. Aber auch Hans-Udo reagierte nun mit einem langen Brief voller Vorwürfe gegen mich wegen meiner Treulosigkeit und wollte dieses ständige Hin und Her nicht länger mitmachen. In seinen Augen hatte ich nun endgültig bewiesen, dass auf mich kein Verlass sei, sondern dass ich ein unreifer und wankelmütiger Bruder sei, dem man nicht trauen könne.

Wankelmütig? Ja, das traf es in der Tat. Denn ich verlor allmählich immer mehr den Halt, weil ich zu viele falsche Entscheidungen getroffen hatte und keine Orientierung mehr besaß, was eigentlich Gottes Wille für mich war. In jener Zeit telefonierte ich viel mit Schwester Brigitta, die zu unserem Hauskreis gehörte und in den letzten zwei Jahren auch immer Marco‘ Seelsorgerin war. Brigitta sah sich immer als eine Art „Aufpasserin“ über unseren Glauben und erwartete stets, dass wir ihre Ratschläge auch befolgen sollten. So hatte ich ihr z.B. mitgeteilt, dass mein Vater mir 2.000,- DM geliehen habe, weil wir absolut blank waren und ich auch meine Miete nicht hätte bezahlen könne. Sie warf mir jedoch vor, dass ich mir kein Geld von meinem Vater hätte ausleihen dürfen, da mein Vater noch nicht wirklich gläubig sei und ein Christ sich nichts von Ungläubigen borgen sollte. Sie forderte mich auf, meinem Vater das Geld zurückzugeben und stattdessen zu beten, dass der HErr mir doch auf irgendeine andere Weise das Geld zukommen lassen möge. Ich hielt dies für gänzlich ausgeschlossen, befolgte jedoch ihren Wunsch, für dieses Wunder zu beten. Kurz darauf erhielt ich Post vom Finanzamt mit einem Steuerbescheid aus 1994, dass ich aufgrund eines zu geringen Einkommens meine gesamt bezahlten Steuern von etwas über 2000,- DM zurückerstattet bekommen würde. Ich war total sprachlos und rief sofort Brigitta an, um ihr von dieser Gebetserhörung zu berichten. Brigitta freute sich sehr, doch nachdem der erste Jubel verklungen war, sagte sie: „Simon, dann weißt Du ja hoffentlich, was Du jetzt zu tun hast.“ – Ich schluckte und sagte: „Du meinst, ich solle meinem Vater jetzt die 2000,-DM zurückgeben?“ – „Ja, selbstverständlich! Was denkst Du denn?!“ – „Aber Brigitta, ich hatte Dir doch schon gesagt, dass mein Vater das Geld gar nicht braucht, weil er genug davon hat. Ich hingegen kann es sehr gut gebrauchen, denn ich stecke ja noch immer in der Krise, und wenn ich es ihm jetzt auch geben würde, dann ist es nur eine Frage der Zeit, dass ich ihn schon bald wieder um Geld anbetteln müsste.“ – „Aber Simon! Jetzt bin ich aber wirklich sprachlos und schwer enttäuscht von Dir! Da hat Gott Dir einmal mehr Seine Macht gezeigt und ein solches Wunder geschenkt, und Du zweifelst immer noch daran, dass Er Euch auch weiterhin versorgen würde! Sag mal, hast Du denn überhaupt keinen Glauben!?“ – Eine gute Frage. Nach all den Prüfungen, die ich in der letzten Zeit schon durchgemacht hatte, waren alle meine Glaubensreserven aufgebraucht. Ich bat Brigitta um Verzeihung, dass ich derzeit zu schwach sei, um auf diese unverhoffte Finanzspritze verzichten zu können. Sie fragte mich, was sie denn überhaupt in den Bibelstunden noch von mir lernen könne, wenn ich in der Praxis so jämmerlich versagen würde. Das fragte ich mich auch.

Mein Glaubensleben war an einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Meine fromme Fassade war inzwischen so durchlöchert, dass jeder geistliche Mensch sofort sehen konnte, dass da kaum mehr geistliche Substanz vorhanden war, von der ich hätte zehren können. Deswegen erlitt ich all diese schweren Züchtigungen, weil Gott von mir schwer enttäuscht war und mir nun mit aller Eindringlichkeit zeigen wollte, dass ich Buße tun müsse. Ich erinnerte mich an die Worte Jesu: „Gedenke nun, wovon du gefallen bist, und tue Buße (d.h. ändere dein Denken) und tue die ersten Werke; wenn aber nicht, so komme ich dir und werde deinen Leuchter aus seiner Stelle wegrücken, wenn du nicht Buße tust“ (Offb.2:5). Womit hatten all die Probleme angefangen? Was war der Ursache, dass ich vom Wege abgekommen bin? Fing es nicht schon 1994 an, als ich für Ruth einen Fernseher gekauft hatte und später sogar einen Videorekorder? Dabei hatte ich doch jahrelang immer gepredigt, dass Fernsehen Sünde sei! Und ich hatte meine Haltung auch nie öffentlich widerrufen, sondern stattdessen seither jedes Mal den Fernseher versteckt, wenn ich Besuch von Brüdern bekam. Tobias hatte schon ganz richtig bemerkt, dass ich ein Heuchler sei. Aber es war noch nicht zu spät. Das Licht Gottes war noch nicht ganz in mir erloschen (1.Sam.3:3) einen „glimmenden Docht“ wie ich würde der HErr nicht auslöschen (Mt.12:20). Ich musste also nur den Götzen aus unserem Haus entfernen, und dann würde schon alles gut werden.

So schlich ich mich heimlich ins Haus, um den Fernseher samt Antenne in einen Karton zu packen, um ihn zu zerdeppern. Von Bruder Norbert Homuth hatte ich gelernt, dass man einen Fernseher nicht einfach auf den Sperrmüll tun dürfe, da er sonst von jemand anderes mitgenommen werden könnte, sondern dass man ihn in jedem Fall vorher zerstören müsse, z.B. durch Steinigung. Das wollte ich tun, aber dazu musste ich ihn erst einmal wegschaffen. Als ich den Karton auf meinen Gepäckträger tat, sah mich meine Schwiegermutter und fragte mich beiläufig, was ich denn vorhätte. Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Tengo que llevar basura“ („Ich muss nur mal eben Müll wegbringen“). Ohne einen Plan zu haben, fuhr ich mit dem Fahrrad auf die B6 Richtung Brinkum. Als ich auf die Ochtumbrücke kam, hielt ich mein Fahrrad an, lud den Karton ab und wollte ihn unbemerkt in den Fluss werfen. Doch mir kam der Gedanke, dass dies Umweltverschmutzung sei, und so warf ich ihn nicht in den Fluss, sondern auf die daneben befindliche Uferböschung. Doch zu meiner Überraschung war der Fernseher so weich gelandet, dass er nicht kaputt gegangen war. Also ging ich nochmal runter, brachte ihn wieder nach oben auf die Brücke und warf ihn ein zweites Mal, und erst dann zerbrach er in viel Stücke. Dann ging ich noch einmal nach unten und befestigte am Fernseher einen Zettel, den ich zuvor als eine Art „Grabrede“ geschrieben hatte, und zwar mit einem Gedicht, das Heinrich Heine kurz vor seinem Tod gedichtet haben soll: „Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt! Die Leier, die zur bösen Feier bewegt ward von dem bösen Geist, die Leier die zum Aufruhr klang, die Zweifel, Spott und Abfall sang. O HErr, o HErr, ich kniee nieder, vergib, vergib mir meine Lieder!“.

Als ich zurückkam, verkündigte ich voller Freude und Stolz, dass ich gerade eben unseren Fernseher zerschmettert hätte. Lucila reagierte etwas erschrocken und sagte nur: „Si pues, era la caja del diablo“ („Na ja, das war ja auch eine Teufelskiste“). Ruth hingegen war nicht gerade begeistert über diese eigenmächtige Entscheidung von mir, weil ich mich nicht zuvor mit ihr abgesprochen hatte. Sie warf mir vor dass sie und ihre Mutter nun überhaupt keine Zerstreuung mehr hätten und sie wegen des Schnees und der Kälte draußen noch nicht einmal längere Zeit Spazieren gehen könnten. Aber als ich ihr die Gründe erklärte, dass das Fernsehen für mich ein Anstoß zur Sünde sei und ich diesen deshalb mit Stumpf und Stiel ausrotten musste, verstand sie es und war damit einverstanden. Ich versprach ihr, dass wir uns von nun an mehr Zeit nehmen würden zur regelmäßigen Bibellese und Gebet. Durch die neu gewonnene Zeit konnte ich - während Lucila strickte und wir uns unterhielten - auch endlich mal mein 2000-Teile-Puzzle fertigstellen, das schon die ganze Zeit auf dem Boden lag. Doch sollte diese Idylle vom trauten Heim nur von kurzer Dauer sein…

Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln…

Am Freitag, den 25.01.96 stand auf einmal Marco vor der Tür. Inzwischen hatte er einen richtigen Vollbart, wie es ihm die Brüder aus Asmushausen „beigebracht“ hatten (nach ihrer Auffassung habe Gott den Mann ja schließlich mit Bartwuchs geschaffen, deshalb sei es Sünde, wenn man sich rasieren würde, weil man dadurch ja dem Willen Gottes widerstehen würde). Er begrüßte uns herzlich und wir sprachen miteinander über die letzten Tage und Wochen und es gelang mir, ihn davon zu überzeugen, dass der Tobias sich durch seine harte und unfruchtbare Agitation gegen Hans-Udo und andere Brüder versündigt habe. Marco räumte ein, dass der eigentliche Grund für seinen Besuch der war, um mich und meine Familie „zur Buße zu rufen“, aber dass er nun einsah, dass er sich nicht in solche Anklagen wie die gegen Hans-Udo einzumischen habe, zumal er diesen überhaupt nicht kenne. Doch am nächsten Tag war er schon früh aus dem Haus gegangen und hatte mir nur einen Zettel hinterlassen mit meinem Taufspruch aus Luk.22:31-32: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, auf dass dein Glaube nicht aufhöre. Und du, bist du einst zurückgekehrt, so stärke deine Brüder!“ Marco sah mich scheinbar total in Sünden zu versinken und wollte mit diesem Apell mir vorerst den Rücken kehren. Doch erfuhr ich später, dass er in unser Elternhaus gefahren war, um nun meinen Vater und meinen Bruder Patrick zur Buße zu rufen, was bei diesen jedoch nur auf Befremden stieß. In der Nacht von Samstag auf Sonntag überfiel Marco dann der Wunsch, das ganze Haus meiner Eltern von oben bis unten zu reinigen, sozusagen als letzten Dienst für die Familie, bevor er für immer gehen wollte. In der Morgendämmerung stieg er dann in den ersten Bummelzug, um nach Asmushausen zurückzufahren. Als er schon in Göttingen war, besann er sich darauf, wieder nach Bremen zu fahren, weil dort sein Platz sei. Er besprach sich am Montag mit Schwester Brigitta über seine Situation, doch bekam er plötzlich eine sonderbare, geistesgestörte Anwandlung, weil er Brigittas Wohnung angeblich voller Dämonen sah. So verließ er sie fluchtartig, um – wie er sagte – „Sodom und Gomorra“ zu verlassen. Er schnappte sich seinen Rucksack und ein Fahrrad, und fuhr bis zur nächsten Autobahnauffahrt. Dort stellte er es unabgeschlossen mitten auf dem Gehweg, ging die Böschung der Autobahn hinauf und ging von 18.00 bis 21.00 Uhr ca. 30 km die Autobahn entlang, um auf den schnellsten Weg nach Asmushausen zu kommen. Seinen Rucksack mit seinen ganzen Habseligkeiten ließ er unterwegs an einer Leitplanke zurück, weil er ihm zu schwer war. Ein anhaltender Autofahrer bot ihm an, einzusteigen, aber er lehnte ab. Um ca. 22.00 Uhr rief er meinen Bruder Patrick zuhause an und bat mit stockender Stimme, ihn in Langwedel bei der Autobahnausfahrt Achim-Ost abzuholen. Er war völlig durchgefroren und verwirrt. Nachdem sie dann zwar sein Fahrrad aber nicht mehr seinen Rucksack aufgabeln konnten, fuhren sie wieder nach Hause. Als ich dann mit ihm telefonierte sagte er mit leiser Stimme: „Ich wollte ein besserer Christ sein, aber diese Superchristen in Asmushausen – das kann es irgendwie nicht sein. Ich bleibe jetzt hier.“ Am Dienstagmorgen rief er Tobias an, um ihn über seinen Schluß zu informieren. Tobias reagierte erbost und sagte ungefähr so viel wie: „Wenn du in Sodom bleiben willst, dann kann ich dir nicht mehr helfen!“ Nach dem Gespräch sagte er zu Patrick unter Tränen: „Wie können sie immer nur so hart zu mir sein…“.

Am späten Abend besuchte mich Marco. Er war inzwischen völlig klar und entschieden, sich endgültig von diesen Brüdern zu trennen, bis sie Buße getan hätten. Doch während wir uns unterhielten über die heutige Situation in der Christenheit und über meine Schwachheit im Fleische und auch über das Gute, das Marco in Asmushausen von HErrn geschenkt bekam, stand Marco plötzlich auf und wollte gehen. Er sagte, hier sei nicht sein Platz, er habe keinen Frieden hier. Ich hielt ihn zurück und erklärte ihm ausgiebig sein krankhaftes, debiles Verhalten und die Gefahren in Asmushausen. Als ich fertig war, stand er auf und sagte: „Dein eigener Mund verurteilt dich! Komm mit mir nach Asmushausen und lass dich dort durch die Brüder von deinen Sünden überführen!“ Er zog seine Jacke an, aber ich wollte ihn nicht gehen lassen, weil ich Angst um ihn hatte. Ich sagte: „Marco, das ist doch nicht der Heilige Geist, der dich treibt, sondern Dämonen! Lass uns doch erst einmal zusammen beten!“ Er schaute mich wie hypnotisiert an. Sein Blick war starr und apathisch. Er sagte: „Nein, lass mich gehen.“ Ich sagte: „Um deinetwillen würde ich sogar schon morgen nach Asmushausen fahren.“ Dann setzte er sich wieder, und sagte, er würde nur deshalb die Nacht hier verbringen, weil ich ihm dieses Versprechen gemacht habe. In dem Moment rief mich plötzlich Hans-Udo an und wir sprachen kurz über die Kritik der Asmushausener. Da stand Marco auf und wollte mit Hans-Udo sprechen; ich ließ es aber nicht zu, sondern verabschiedete mich schnell von dem Bruder. Als Marco dann laut etwas in den Hörer hineinrief, hatte Hans-Udo bereits aufgelegt, so dass Markus ihm „Feigheit“ vorwarf.

Dann hielt ich Marco anderthalb Stunden ohne Unterbrechung bis Mitternacht einen Vortrag über die ganze Situation, erzählte ihm, wie viel Böses Tobias schon durch seine üble Nachrede angerichtet hatte und fing sogar dabei an zu weinen, wie er schon Zwietracht ausgestreut hatte unter Brüdern, so dass fast alle Brüder sich inzwischen von mir getrennt hätten. Als ich fertig war und froh war über seine scheinbar einsichtsvolle Geduld, stand er zu meiner Überraschung wieder wortlos auf, um zu gehen. Diesmal hinderte ich ihn aber nicht, sondern ging auf die Knie, um für Ihn zu beten und ging dann mit Ruth zu Bett. Nach einer halben Stunde kam Marco wieder und da er wusste, wo der Hausschlüssel versteckt war, kam er die Treppe hoch und sagte, dass der letzte Zug schon gefahren sei und er deshalb bis morgen noch bleiben würde. Ich holte ihm ein Federbett vom Dachboden, während er still in der Bibel las. Doch nach 10 Minuten hatte er schon wieder den Entschluss gefasst, zu gehen, weil er lieber auf dem Hauptbahnhof übernachten wollte. Ich versuchte ihn, zu überreden, zumal es angefangen hatte zu schneien, aber es half nichts. Eine Stunde später – ich war schon fast eingeschlafen – stand Marco wieder in der Wohnung. Er sagte nichts, sondern setzte sich aufs Sofa, um in der Bibel zu lesen. Ich lege mich wieder hin, doch nach 5 Minuten zog er sich wieder seine Jacke an und wollte gehen. Ich sagte nur: „Marco, komm endlich zur Ruhe!“ Er verharrte eine Weile und ging dann aber doch. Draußen schneite es heftig.

Es vergingen 2 Stunden, da kam er wieder und sagte: „Simon, mein Verhalten war eigenwilliger Gottesdienst. Ich hatte Petrus-Allüren. Ich bitte dich um Vergebung!“ Doch es waren kaum 5 Minuten vergangen, da meinte er wieder, er müsse nach Matth. 10 das „Haus verlassen und den Staub von seinen Füßen schütteln“, da ich seine Bußbotschaft nicht annahm. Ich schimpfte mit ihm und sagte, er sei wie ein „Junkie vollgekifft“ und sollte sich von Tobias lieber die Füße anstatt das Hirn waschen. Auch sagte ich ihm das er die schlechte Frucht von Tobias bösem Verhalten sei und dass ich deshalb nie mehr nach Asmushausen gehen würde, bis sie alle Buße getan hätten. Ich merkte bei Markus einen völlig verzweifelten Gesichtsausdruck und er beschworen mich, nie mehr das Haus zu betreten. Ich sagte: „Geh doch endlich, hau ab und stör uns nicht ständig!“ Nach einer halben Stunde kam Marco wieder ins Haus und sagte mit verklärter Stimme: „Simon, ich bin wieder da und bleibe jetzt hier. Es ist alles gut, alles wieder in Ordnung, mach dir keine Sorgen…“ Diesmal war es von Dauer, aber mein Schlaf war dahin. Es war schon 3:30 Uhr in der Frühe. Ich dusche mich und legte mich noch für 4 Stunden nieder. Ruth hatte übrigens schon vorher sämtliche Messer in der Küche versteckt, damit Marco sich nicht wieder wie vor zwei Jahren die Pulsadern aufschneiden könnte. Doch endlich war der Spuk vorbei, zumindest hofften wir es.

Doch auch am nächsten Tag ging der Hornor weiter: Nachdem wir gefrühstückt hatten, schlug ich vor, mit Marco zusammen nach Arbergen ins Elternhaus zu fahren, denn mein Vater würde sich sicherlich schon Sorgen machen, ob Marco nicht schon wieder eine Psychose habe wie vor zwei Jahren, als er im Wahn mehrfach versucht hatte, sich das Leben zu nehmen und schließlich mit Erfrierungen 3. Grades in die Geschlossene Psychiatrie eingewiesen wurde. Als wir im Bus saßen, schüttete Marco mir sein ganzes Herz aus und erklärte, dass er in Rolf Schiemann einen Ersatzvater gesucht habe, den er über die Maßen bewunderte und so sein wollte wie er. Wörtlich: „Weißt Du, Simon, wenn ich an meine Beziehung zu Gott denke, dann habe ich immer die Vorstellung, als wäre ich wie ein ganz kleiner Junge, der seinem übergroßen Vater am Hosenbein zieht, während dieser am Tisch sitzt, und ihm sagt, dass er auch mal auf seinem Schoß sitzen möchte. Ja, ich wollte mein ganzes Leben lang einfach nur auf dem Schoß Gottes sitzen, aber egal was ich auch tue, habe ich immer das Gefühl, dass Gott mich nicht auf seinen Schoß lassen will, so oft ich auch an Seinem Hosenbein ziehe.“ Ich bekam eine Gänsehaut. Wow, was für einen tiefen Einblick in seine Seele, den mir mein Bruder gewährte! War es aber mit mir nicht genau das Gleiche? Auch ich wollte einfach nur wieder jenes schöne Gefühl haben, von Gott geliebt zu sein. Aber nach all dem, was ich angestellt hatte, konnte Gott mich doch kaum mehr lieben, sondern war einfach nur noch bitter enttäuscht von mir!

Der Wahnsinn

Als wir im Elternhaus ankamen, öffnete ich die Küchentür, wo mein Vater am Fenster saß und fröhlich mit seiner für ihn typisch sarkastischen Ausgelassenheit sagte: „Ach da seid ihr ja! Ich hatte mir schon Sorgen um dich gemacht, Marco, dass du dich schon wieder an irgendeinen Baum gehängt haben könntest! Hahahahahahahahaha!“ Mein Vater lachte laut, und ich machte schnell wieder die Tür zu in der Hoffnung, dass mein labiler Bruder diesen dummen Spruch nicht gehört habe. Ich ging mit ihm ins Wohnzimmer und wir sprachen dort weiter miteinander über die ganze Situation. Nach etwa einer halben Stunde, während Marco mir gerade etwas erklärte, stockte er plötzlich und grübelte einen Moment. Dann schaute er mich wieder mit diesem starren Blick an, zeigte mit seinem Finger auf mich und sagte mir mit beschwörenden Worten: „Simon, Du musst Buße tun! Das ganze hier ist doch eine Falle! Ich werde jetzt nicht weiter mit Dir reden, sondern nach Asmushausen zurückgehen!“ Ich stand auf und sagte: „Ach geht das jetzt schon wieder los! Hör doch endlich auf, Marco, und komm endlich zur Ruhe! Das ist doch der Teufel, der Dich ängstigen will. Bleib doch hier!“ Marco war aber aufgestanden und ging aus dem Wohnzimmer hinaus. Ich hielt ihn fest und versperrte ihm mit aller Kraft den Weg, indem ich mich am Treppengeländer und Türrahmen festhielt. Daraufhin rannte Marco stracks nach oben, als gäbe es dort noch einen anderen Ausgang. Ich lief ihm hinterher, und er drohte mir, dass er über den Balkon nach unten springen würde, wenn ich ihn nicht gehen lassen würde. Ich bat ihn, mir doch wenigstens kurz zuzuhören; aber er riss die Balkontür auf und wollte gerade springen, als ich nachgab und ihn gehen ließ. Er rannte los und ich rannte ihm hinterher, indem ich ihn fragte: „Was willst Du denn? Wo willst Du hin?“ Er sagte: „Ich muss die Stadt verlassen!“ – „Aber warum?“ Mit keuchender Stimme rief er: „Weil es schon 16.00 Uhr ist und die Sonne innerhalb der nächsten Stunde untergeht!“ – „Häh?!? Was hat das denn mit dem Sonnenuntergang zu tun??!“ fragte ich. „Erinnerst Du Dich nicht, was die Engel zu Lot sagten? Dass er vor Sonnenuntergang die Stadt verlassen müsse? Ich war gekommen, um Dich mitzunehmen, aber wenn Du nicht kommen willst, dann musst Du halt mit all den anderen Gottlosen untergehen!“ – „Das ist doch völliger Wahnsinn, was Du erzählst! Zum einen ist Bremen doch nicht Sodom und zum anderen bist Du kein Engel!“ – „Doch! Denn Engel bedeutet einfach nur Bote!“ – „Dann kannst Du Dir aber trotzdem noch Zeit lassen, denn die Engel mussten erst bei der Morgenröte die Stadt verlassen haben. Marco, bitte halt doch mal kurz an, BITTE!“ – „Nein, Du kannst ja weiter reden, aber dann musst Du schon mit mir laufen!“ – Ich war schon völlig außer Atem, aber versuchte, ihn in seinem Wahn zu verstehen: „Lot sollte aber auf die Berge fliehen, aber hier sind weit und breit keine Berge!“ – „Doch. Da hinten in Mahndorf ist die Autobahn, und wenn man dort die Anhöhung hinaufgeht, dann ist das auch wie Berge!“

Hätte jemand dieses merkwürdige Gespräch mitgehört, dann hätte er uns wohl beide für verrückt gehalten. Ich rief mit letzter Puste: „Marco, Du willst doch nicht die Autobahn entlang nach Asmushausen laufen! Das sind über 300 km, da brauchst Du zu Fuß über eine Woche! Außerdem ist das verboten auf der Autobahn zu gehen!“ – Ich hielt ihn am Arm, weil ich nicht mehr weiterlaufen konnte, aber er riss sich sofort wieder los. Ich rief ihm zu: „Wenn Du jetzt nicht stehenbleibst, dann rufe ich die Polizei!“ Er lief weiter und ich blieb stehen, um zu verschnaufen. Dann ging ich in eine Telefonzelle und rief die Polizei.

Etwa 5 Minuten später fuhr zufällig mein Bruder Patrick von der Arbeit nach Hause und sah meinen Bruder Marco ihm entgegengehen. Er hielt an und sagte: „Hallo Marco, was für ein Zufall! Soll ich Dich mitnehmen? Komm steig ein!“ Marco zögerte einen Moment, dachte aber, dass es besser sei, wenn Patrick keinen Verdacht schöpft. Er stieg ein und sagte: „Du musst hier einmal drehen und kannst mich da hinten beim Ortausgang rauslassen, wo die Autobahnauffahrt ist“. Patrick fuhr jedoch weiter stadteinwärts und fragte: „Wieso, was willst Du denn dort? Ich fahr jetzt nach zu uns nach Hause und dachte, dass ich Dich dorthin mitnehmen soll.“ – „Dann halt sofort an, denn ich muss in die andere Richtung!“ – „Wieso, was willst Du denn dort?“ – „Kann ich Dir jetzt nicht erklären. Halt sofort an oder ich spring aus dem Auto!“ – „Hä? Was soll das, was willst Du denn?“ – Doch in dem Moment hatte Marco sich abgeschnallt und die Beifahrertür aufgemacht, um zu springen, da hielt Patrick schnell den Wagen an. Marco rannte raus ohne sich zu verabschieden, und Patrick rief ihm hinterher: „Bist Du jetzt völlig bescheuert? Was soll das??!“ Unterdessen war die Polizei zu mir gekommen und ich erklärte ihnen, dass mein Bruder verrückt sei und auf die Autobahn gelaufen wäre. Ich stieg hinten ins Polizeiauto ein, und wir fuhren bei Uphusen auf die Autobahn Richtung Bremer-Kreuz, doch nirgendwo war Marco zu sehen. Dann fuhren wir am Bremer Kreuz in Richtung Hannover bis zur ersten Ausfahrt Achim, aber auch dort war Marco nicht zu sehen. Weiter aber hätte er nicht kommen können, also fuhren wir wieder zurück. Ich konnte mir das nicht erklären und entschuldigte mich bei den Beamten für diesen falschen Alarm. Sie brachten mich wieder zurück nach Arbergen und ich fuhr nach Hause.

Gegen 17.30 Uhr ging dann bei der Polizei ein Notruf ein. Ein Autofahrer hatte meinen Bruder auf der Autobahn die Standspur entlanggehen sehen Richtung Hannover. Die Polizei hiel Marco daraufhin an und baten ihn, ins Polizeiauto zu steigen, um seine Personalien aufzunehmen. Als sie schon wieder losgefahren waren, um mit ihm nach Bremen zurückzufahren, sprang Marco während der Fahrt aus dem Polizeiauto und rannte davon. Die Polizei hielt sofort an, lief ihm hinterher und legte ihm Handschellen an. Nachdem sie auf der Wache den Vorfall protokolliert hatten, wurde mein Bruder durch Beschluss eines Amtsrichters entmündigt und in die Psychiatrie eingewiesen (im ZKH- Bremen-Ost), wo er auch 2 Jahre zuvor schon einmal war. Um 23.00 Uhr erhielt ich dann von der Polizei einen Anruf, wo mir über Marco berichtet wurde. Am darauf folgenden Donnerstag, den 31.01.96 besuchten Ruth und ich meinen Bruder und unterhielten uns mit ihm auf seinem Zimmer. Nachdem wir zusammen gebetet hatten, sagte Marco plötzlich: „Ich bitte Euch, dass ihr jetzt gehen solltet, denn ich spüre in diesem Moment wieder so ein starkes Angstgefühl in mir aufsteigen.“ In diesem Moment kamen zwei Krankenschwestern rein mit einem Bett und sagten, dass sie mal eben die Betten tauschen müssten. Wir gingen hinaus zum Fahrstuhl, aber sahen, wie Marco im Schlafanzug auf den Flur ging und völlig in Gedanken versunken war. Doch noch bevor unser Fahrstehl kam, fiel Marco plötzlich auf die Knie hob seine Hände empor und brüllte mit lauter Stimme: „OH GOTT; HILF MIR! HILF MIR, BITTE!“.

Ruth und ich waren völlig erstarrt vor Entsetzen. Mein armer Bruder! Was haben sie bloß mit ihm gemacht! Ich war jetzt völlig entschieden, Marco vor jeden weiteren Kontakt mit Tobias zu schützen, damit Marco sich nicht schon wieder das Leben nehmen würde. Ich schrieb Tobias, dass es möglich sei, dass aus ihm nicht der Geist Gottes, sondern der Geist des „Verklägers der Brüder“ spräche (Offb.12:10), indem er sich anmaße durch seine ständige Gesinnungskritik ein „Beurteiler der Gedanken und Gesinnungen des Herzens zu sein“, ein Attribut, das aber nur Gott zukäme (Hebr.4:12). Desweiteren hatte ich von Patrick erfahren, dass Tobias ihm in einem Telefonat mitgeteilt hatte, Marco nicht länger bei sich aufnehmen zu wollen, da dies für ihn und seine Familie eine zu große Belastung sei. Daher fragte ich Tobias, wo Marco denn seiner Meinung nach nun hingehen solle. In einem 10-seitigen Brief holte Tobias dann zum Gegenschlag aus und wies jede Verantwortung für Marco zurück. Seine Wirrnis sei nur dadurch zu erklären, dass er entgegen dem Rat der Brüder nach Bremen gereist sei, denn sie hielten meine ganze Familie für einen reinen Sündenpfuhl. Als Beispiele zählte er sämtliche Vergehen meiner Eltern auf, von denen Marco ihm berichtet hatte. Bei ihnen hingegen habe sich Marco die ganze Zeit über geborgen und geliebt gefühlt, was er mit Zitaten aus dem Tagebuch von Marco zu beweisen suchte. Er beschimpfte mich als „giftige, heuchlerische Schlange“ und drohte mir, als nächstes auch alle meine peinlichsten Sünden vor allen Brüdern zu veröffentlichen, damit jeder wisse, wer ich sei.

Der Untergang

Dieser Brief folgte dann ein paar Tage später. Er war so schlimm, dass ich total geschockt war und nur noch bitterlich weinen konnte. Er hatte doch tatsächlich einen „offenen Brief“ geschrieben, indem er ausführlich und der Reihe nach nicht nur die bisherigen Vorwürfe gegen mich auflistete, sondern darüber hinaus auch noch die peinlichsten Dinge über mich breit vor allen anderen aufführte,, von denen ich nicht ahnte, dass Marco sie ihm erzählt haben könnte, damit alle auch die noch so intimsten Dinge über mich erfahren sollten. Ich war völlig erstarrt und wollte mich nur noch in die letzte Ecke verkriechen. Dieser Brief war so schlimm, dass ich ihn vernichten musste, damit niemand ihn je mehr lesen sollte. Und auch jedem, der ihn möglicherweise gelesen haben könnte, wollte ich von nun an nie mehr unter die Augen treten. Mir war völlig klar, dass ich mich jetzt vollkommen zurückziehen und verstecken musste. Tobias hatte mich getötet. Er hat mir den letzten Stich verpasst; von dieser Wunde würde ich nicht mehr genesen. Es war aus und vorbei. Der Simon Poppe war nun Geschichte. Gott selbst hatte mich durch den Tobias vernichtend geschlagen; Er hat mich gewogen und für zu leicht befunden. Ich weinte den ganzen Abend, so dass Ruth sich um mich sorgte, denn ich wollte mich nicht mehr trösten lassen. Dann verbrachte ich lange Zeit im Gebet und bat den HErrn, dass Er sich doch meiner erbarme. Ich war am absoluten Tiefpunkt angelangt und hatte keine Ahnung, wie es nun weiter gehen könne. Hatte Gott mich wirklich inzwischen endgültig verworfen? Aber wo bleibt dann Sein Erbarmen mit einem Sünder wie mir? Ich dachte an die Worte Hiobs: „Ich schreie zu Dir, und Du antwortest mir nicht; ich stehe da, und Du starrst mich an. In einen Grausamen verwandelst Du Dich mir, mit der Stärke Deiner Hand befeindest Du mich… Doch streckt man beim Sturze nicht die Hand aus, oder erhebt man bei seinem Untergang nicht darob ein Hilfsgeschrei? … Trauernd gehe ich einher ohne Sonne; ich stehe auf in der Versammlung und schreie“ (Hi.30:20-28).

Mitte Februar kamen die Brüder aus Asmushausen nach Bremen, um Marco zu besuchen. Dieser war nach zwei Wochen wieder aus der Psychiatrie entlassen worden, hatte sich aber zuvor geweigert, ein Formular zu unterschreiben, dass ihn aufgrund seiner Wahn-bedingten, verminderten Schuldfähigkeit von all den Kosten (5.000,-DM) befreit hätte, die durch die Einweisung und den Aufenthalt in der Psychiatrie entstanden waren. Denn da Marco aus Gewissensgründen kein Mitglied der Krankenkasse war (er wollte Abtreibungen nicht unterstützen), wollte er jetzt auch nicht, dass der Staat für die Kosten aufkommen solle, die er verursacht hatte, sondern bot an, diese selber in Raten abzustottern. Tobias und Rolf, teilten Marco jedoch mit, dass es für sie unmöglich sei, ihn weiterhin in Asmushausen aufzunehmen, zumal die Dorfbewohner ohnehin schon mit Argusaugen auf die kleine Sekte blickten und sie sich deshalb kein weiteres Aufsehen mehr erlauben könnten. Marco war darüber sehr traurig, sah es aber auch ein. Er wollte aber auf keinen Fall mehr zurück in sein altes Leben als Erzieher von schwer erziehbaren Jugendlichen, weil er sich für diese Aufgabe derzeit seelisch nicht stark genug fühlte. Deshalb versuchte er sich als selbständiger Hausmeister, der sich um die Reinigung von Treppenhäusern und um die Gärten von Wohnanlagen kümmerte.

Inzwischen erhielt ich Post vom Arbeitsgericht. Der Termin zur Verhandlung war kurzfristig einberaumt worden, da akute Fluchtgefahr bestand. Doch Tönjes erschien zum Gütetermin und verteidigte sich mit einem überraschenden Kampfgeist. Er warf uns vor, wir hätten ihn alle betrogen, indem wir die Stundenzettel wahrheitswidrig und willkürlich ausgefüllt hätten, so dass er kein Vertrauen mehr hatte und bis zur endgültigen Klärung die Löhne zurückgehalten habe. Selbstverständlich wolle er unsere Löhne alle zahlen, aber nicht in der von uns geforderten Höhe. Die meisten von uns hatten Forderungen von im Schnitt 6.000,-DM. Tönjes bot uns indes an, die Hälfte zu zahlen, womit wir natürlich absolut nicht einverstanden waren. Der Arbeitsrichter machte nun den Vorschlag, ob man sich denn nicht auf pauschal 5.000,- DM einig werden könne. Für Tönjes war dies indes viel zu viel, und er schlug 4.000,- DM für jeden vor. Nun war eigentlich eine Einigung bei 4.500,-DM das Naheliegenste, und wir waren auch damit einverstanden. Aber Tönjes wollte weiter feilschen, und so einigten wir uns schließlich auf 4.250,- DM. Ich war nur froh, dass auch dieser Alptraum endlich zu Ende war und wir nun endlich Geld bekämen. Als wir die Treppen vom Gericht runter gingen, sprach meine Frau Herrn Tönjes darauf an, dass auch sie noch 300,-DM für ihren Putzdienst zu bekommen habe. „Ach, Sie haben bisher kein Geld erhalten? Das tut mir wirklich leid. Ich werde das prüfen und mich darum kümmern. Wie geht es übrigens ihrem Baby? Ist das Kind wohl auf?“ – „Ja,“ antwortete meine Frau, „aber das Kind braucht etwas zu essen.

Nachdem in den Wochen danach immer noch kein Geld kam, ließ ich mir einen sog. „vollstreckbaren Titel“ ausfertigen und beantragte die Vollstreckung. Als der Gerichtsvollzieher Wochen später an der Tür von Herrn Tönjes klingelte, war dieser auf Nimmerwiedersehen nach Portugal ausgewandert. Der ganze Streit vor Gericht war also nur eine Hinhaltetaktik gewesen, um den Eindruck zu erwecken, dass er noch zahlen würde. Er hatte uns also alle an der Nase herumgeführt. Die Schulden bei meinem Vater waren inzwischen auf 3000,- DM angewachsen, und ich bat meinen Vater um weiteren Aufschub, bis ich Geld vom Sozialamt bekommen würde.

Ein Lichtblick am Horizont

An einem Morgen saßen wir zusammen am Frühstückstisch mit meinem Vater und überlegten, wie es weitergehen könnte. Ruth wollte gerne im April mit unserer Tochter nach Peru reisen, um ihr Studium zu beenden und ihren Doktortitel zu machen, denn sonst wäre alles umsonst gewesen. Mein Vater fragte mich damals: „Simon, was hältst Du davon, wenn Du Dich selbstständig machst? Da würdest Du doch deutlich mehr verdienen!“ – „Ich hatte das schon versucht, aber ohne Meistertitel bekommt man schnell Ärger wegen Schwarzarbeit. Das bin ich inzwischen leid.“ – "Warum machst Du dann nicht einfach Deinen Meistertitel? Du bist doch intelligent genug und könntest das schaffen.“ – „Ja, Papa, aber das kostet locker bis zu 17.000,- DM mit Kurs- und Prüfungsgebühren und, und woher sollte ich das Geld nehmen?“ – „Aber gibt es nicht auch die Möglichkeit, Meister-BaFöG zu beantragen?“ – „Ja, aber das würde längst nicht alle Kosten abdecken. Wovon sollten wir denn leben, wenn ich ein Jahr lang nur zur Schule gehen würde?“ – „Also, Simon, wenn Du das machen würdest, dann würde ich Dir das Geld zur Verfügung stellen. Das würde ich auf jeden Fall machen, denn es wäre mir eine große Ehre, wenn Du später mal Deinen eigenen Handwerksbetrieb hättest!“ – „Aber es gibt noch ein Problem, Papa: Ich habe noch immer keinen Führerschein. Wie sollte ich mich denn selbstständig machen ohne Fahrerlaubnis? Aber auch dafür habe ich kein Geld.“ – „Mach Dir keine Sorgen, Simon! Auch den Führerschein bezahle ich Dir!“ Ich war total gerührt von so viel Liebe von meinem Vater. Nach all den schlechten Nachrichten war dies mal endlich wieder ein Lichtblick am Horizont.

Unterdessen hatte ich mich bei einigen Malerbetrieben in Bremen beworben, und die Firma Horn war bereit, mich zu nehmen. Als ich Herrn Horn von Herrn Tönjes berichtete, erklärte er mir, dass dieser bis vor einem Jahr als Freigänger in seiner Firma gearbeitet hatte. Er hatte nämlich wegen diverser Betrügereien als Veranstalter von sog Kaffeefahrten eine Haftstrafe absitzen müssen. Schon während dieser Zeit als Freigänger habe Tönjes bei der Arbeit immer wieder Telefonate mit zukünftigen Kunden geführt, weil er seine Selbstständigkeit plante. Für die Zeit bis zu meinem ersten Gehalt hatte mir das Sozialamt etwa 1000,-DM zur Überbrückung gegeben. Eine Schwester aus unserem Hauskreis gab uns ebenso eine Spende für Oma Lucila, damit sie wieder zurück nach Peru fliegen konnte in Begleitung von Ruth und Rebekka. Mit dem Geld meines Vaters konnte Ruth auch ein Flugticket für den 01.04.96 kaufen. Wir vereinbarten, dass ich ihr von meinem Gehalt regelmäßig Geld schicke und dann Anfang Oktober selber auch nach Peru und Ecuador reisen würde, um bei der Einarbeitung eines potenziellen Nachfolgers für die Kinderheimleitung behilflich zu sein und um Ruth bei ihrer Doktorarbeit zu unterstützen. Wie sich zeigte, sollte ich die lange Zeit der Trennung auch nicht ganz alleine verbringen, denn mein kolumbianischer Freund Pepe Gomez (44) hatte sich gemeldet und uns mitgeteilt, dass sein Sohn John-Jairo (20) Ende Juni nach Bremen kommen würde, um dann 3 Monate bei uns zu wohnen. Doch um dem John-Jairo geistlich stärken zu können, musste ich erst einmal selber wieder einen stabilen Boden unter den Füßen haben, was den Glauben anging.

Bernd hatte mir empfohlen, mir mal in Bremen eine biblische Gemeinde zu suchen, zumal ich nach Ruths Abreise dringend mehr Gemeinschaft mit anderen Christen benötigte. Es gab zwar noch immer die Bibelstunden bei Schwester Brigitta, aber da ich dort der einzige Lehrende war, hatte ich dort niemanden, der mich belehrte. Der Hauskreis in Blumenthal bei Edgard und Hedi, in dem ich aufgewachsen war, hatte sich vor einiger Zeit aufgelöst, und die Geschwister gingen jetzt alle in die Exklusive Brüdergemeinde im Lehrer-Lämpel-Weg. Ich war dort auch schon einige Male hingegangen, aber mir gefiel die Athosphäre dort nicht. Zwischen jedem Gebet, Gesang oder geistlicher Ansprache machten die Brüder dort immer eine 3 bis 5 Minuten lange Kunstpause, in welcher der Heilige Geist den einen oder anderen Bruder dann spontan zu einem Gebet, einen Gesangsvorschlag oder einer Predigt berufen sollte. Denn sich vorzubereiten auf eine Predigt oder sich untereinander abzustimmen, war bei den Brüdern nicht erlaubt, weil man dadurch "den Geist dämpfen" würde. So war es zumindest in der Theorie, aber praktisch hatte man eher den Eindruck, dass sie sich sehr wohl etwas vorbereitet hatten und es unter vorgehaltener Hand auch Absprachen gegeben haben muss. Was mich auch störte, war der "Mief" im Gottesdienst, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Da der Gottesdienst in einer umgebauten Turnhalle stattfand, waren nur ganz oben ein paar schmale Belüftungsfenster. Aber selbst wenn diese alle auf Kipp standen, war die Luft bei so vielen Personen schnell verbraucht, was aber scheinbar niemanden außer mir störte. Ich überlegte daher, lieber zur sog. "Missionsgemeinde Bremen" zurückzukehren, wo ich mich 1984 bekehrt hatte. Diese hatte mich zwar drei Jahre zuvor noch buchstäblich hinausgeworfen vor Beginn eines Gottesdienstes, weil ich zuvor ihre Exorzismuspraxis öffentlich kritisiert hatte, aber ich konnte sie ja um Vergebung bitten, und dann müssten sie mich wieder aufnehmen. Allerdings musste ich dann mal mit Brigitta sprechen, ob wir unsere sonntäglichen Bibelstunden dann nicht lieber auf den Abend verschieben können, um zu dieser Gemeinde zu gehen. Ich schrieb also am 11.03.96 einen Brief an den Gemeindeleiter Udo Slopianka und bat ihn um Vergebung und um Aufnahme in seine Gemeinde. Er rief mich daraufhin an und lud mich herzlich ein, wiederzukommen.

Erste Zweifel

Für ihre Doktorarbeit über Kokzidien (Parasiten) in Greifvögeln benötigte Ruth noch jede Menge Kopien aus Fachliteratur, und da das Internet 1996 noch in den Kinderschuhen steckte, mussten wir öfters zur Universitätsbibliothek Bremen, wo Ruth sich aus den entsprechenden Fachbüchern die nötigen Informationen zusammenkopieren konnte. Ich begleitete sie mit Rebekka, und um die Zeit ihrer Recherche zu überbrücken, ging ich zum Bereich der „Religion“, um mal zu stöbern, was es so an Literatur gab. Dabei stieß ich auf ein kleines Taschenbuch mit dem Titel: „Naive Frömmigkeit der Gegenwart. Eine kritische Untersuchung d. Schriften Werner Heukelbachs“. Ich dachte: „Na sowas, den Werner Heukelbach kenn ich doch durch seinen Traktatversand! Das würde mich ja mal interessieren, was die an ihm zu kritisieren haben!“ Ich lieh mir das Buch aus und begann, es zu lesen. Es war eine Dissertation (Doktorarbeit). Auf den ersten Seiten gab der Autor einen Überblick über die wesentlichen Thesen Heukelbachs, die im Prinzip dem Evangelium entsprachen, um dann zu untersuchen, inwiefern sie eigentlich haltbar sind in Bezug auf die empirische Beobachtung. Am Beispiel der in der von Heukelbach beschriebenen Auswirkungen der Wiedergeburt aus Wasser und Geist, verglich er die Phänomene von Erneuerung und Begeisterung mit den Empfindungen, die ein Mensch hat, der sich z.B. vom Buddhismus zum Kommunismus bekehrt oder anders herum. Immer ginge solchen Bekehrungen eine tiefe Sinnkrise voraus, eine schwere Depression oder eine ausweglose Lebenslage. Die Verheißung, einen Neuanfang erleben zu dürfen, lösen dann ganz zwangsläufig bei einem Menschen Glückshormone aus, so dass sich diese tiefgreifende Erneuerung auch auf ganz natürliche Weise erklären lasse. Ähnlich verhalte es sich außerdem bei ersehnten Ereignissen, die man gerne als „Wunder“ bezeichnet, obgleich sie sich noch völlig im Rahmen der Wahrscheinlichkeit zugetragen haben. In jedem Fall sei immer wieder der Wunsch der Vater des Gedankens.

An dieser Stelle hatte ich keine Lust mehr, weiterzulesen, denn die Argumente ärgerten mich. Wie konnte dieser Schwätzer sich anmaßen, mein Bekehrungserlebnis mit irgendwelchen säkularen oder heidnischen „Bekehrungen“ zu vergleichen, wenn er das meinige doch gar nicht kennt und auch nicht kennen kann? Aber war es nicht andersherum genauso? Woher konnte ich denn sicher sein, dass mein Umdenken ein unvergleichbar höheres Niveau hat als sein Umdenken? Sind denn Empfindungen nicht immer subjektiver Art? Wenn man aber persönliche Gotteserfahrungen des anderen gar nicht kennen kann, dann kann man auch nicht beurteilen, ob sie richtig oder falsch sind, sondern man muss darüber schweigen. Allerdings sagt die Bibel, dass die Ungläubigen Menschen „verfinstert sind am Verstande, entfremdet dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verstockung ihres Herzens“ (Eph.4:18). Von daher darf man ein Kind Gottes nie vergleichen mit einem Ungläubigen. Mögen vielleicht manche Erfahrungen der Ungläubigen ähnlich sein wie bei Gläubigen, so war doch etwas Entscheidendes anders, nämlich der Glaube. Und das es anders war, musste ich glauben. Ich sollte auch weiterhin „aus Glauben glauben“ (Röm.1:17). Aber der Zweifel begann in mir zu nagen, denn Theorie und Wirklichkeit stimmten immer weniger miteinander überein.

Ich schrieb in mein Tagebuch: „Ich habe diese Nacht geträumt, dass ich im Bus sitze, aber keinen Fahrschein besaß. Doch nahm ich an, unbemerkt zu bleiben. Als ich mich  jedoch umdrehte, sah ich den Kontrolleur... – Ich wollte aussteigen, aber die Tür schloss sich vor mir, und der Kontrolleur wollte meinen Fahrausweis sehen.“ Als ich erwachte, erinnerte mich diese Begebenheit an das Hochzeitsmahl im Himmel, wo es ebenso einen Gast gab, der kein Hochzeitskleid anhatte und deshalb hinausgeworfen wurde in die äußerste Finsternis (Mt. 22:11-13). Konnte das nicht auch auf mich zutreffen? War ich nicht inzwischen selber ein „Schwarzfahrer“ im Christentum geworden, der gar keine Berechtigung mehr hatte, um weiterhin unter den Heiligen mitzumischen, da ich ohne Geistesleitung mich nicht mehr als Kind Gottes betrachten konnte (Röm.8:14)? In einem anderen Traum hatte ich mir vorgestellt, dass ich gestorben sei. Irgendwie war mir dieses Gefühl wohlig und angenehm. Ich stellte mir vor, wie alle um mich herum trauern würden. Ich fragte mich im Halbschlaf: Muss man erst tot sein, um Mitleid zu empfangen? Ich hatte mich aber ganz bewusst nur als tot verstellt, weil ich selbst den Zeitpunkt wählen wollte, wann ich mich den anderen als lebend zu erkennen geben wollte. Ihre Verwunderung und Verständnislosigkeit machte mir nichts aus. Ich wollte wissen, warum sie jetzt erst um mich getrauert hätten und nicht schon vorher als ich vermeintlich noch am Leben war. Aber ging es den anderen nicht vielleicht genauso wie mir? Hatten wir nicht alle eine Sehnsucht nach der Liebe Gottes und der geschwisterlichen Zuwendung? Mir schien, dass das ganze Leben der Menschen an und für sich nichts weiter als ein Warten war auf ein besseres Leben. Nur dass die meisten dies nicht zugeben wollten, weil man ihre Sehnsucht als Schwäche deuten würde.

April – Juni 1996

Meine Angst, zu versagen

Am 01.04. war es dann schließlich soweit, dass ich mich von meiner Frau Ruth, von meiner Schwiegermutter Lucila und von meiner 6 Monate alten Tochter Rebekka verabschieden musste, da Ruth wegen ihres Tiermedizinstudiums und ihrer Doktorarbeit für ein halbes Jahr wieder nach Peru musste. Wir waren so verblieben, dass ich dann Anfang Oktober ebenso kommen würde, um sie für zwei Monate dort zu unterstützen. Als ich an jenem Montag früh um 5.30 Uhr den Bremer Flughafen verließ, um zur Arbeit zu fahren, hatte ich noch keine Ahnung, was alles noch in jenem Sommer passieren würde und sich mein Leben von nun an vollkommen verändern würde…

In der neuen Firma wurde ich einem jungen Meister namens Claus zugeordnet, der eine kleine Truppe unter sich hatte. Mich wunderte, wie akribisch genau der Materialbedarf für jeden einzelnen Auftrag ermittelt wurde und ich fragte einen Kollegen nach dem Grund. Er sagte mir, dass der Chef ein echter Kontrollfreak sei, der seinen Mitarbeitern grundsätzlich immer misstraue, angefangen von der Einhaltung der Arbeitsleistung bis hin zum Materialverbrauch. Das störe alle so sehr, dass sie auch ihrerseits sich bewusst Freiheiten herausnehmen, indem sie z.B. regelmäßig Dinge mitgehen lassen würden. Nicht dass sie es nötig hätten, aber es bereite ihnen einfach eine gewisse Genugtuung und ein Erfolgserlebnis, zu sehen, dass der Chef mit seinem notorischen Misstrauen nichts erreichen würde. Es dauerte nicht lange, da bekam ich diesen Kontrollzwang auch selber zu spüren. Als ich an einem Morgen um 8.00 Uhr dabei war, Farbe anzumischen, kam der Chef auf die Baustelle, begrüßte mich, und fragte: „Herr Poppe, Sie sind seit 7.00 Uhr auf der Baustelle, aber rühren jetzt erst den Farbton an. Was haben Sie denn seit 7.00 Uhr gemacht?“ – „Ich habe abgeklebt und überall mit Acryl ausgefugt.“ – „Wo genau?“ – „z.B. überall in den Fensterleibungen“. – Er ging still durch die Räume und rief mich dann von weitem: „Zeigen Sie mir doch mal bitte, wo!“ Ich ging herzklopfend mit ihm in einen der Räume des leeren Bürotraktes und zeigte auf eines der Fenster. Er fasste mit seinem Finger in die Ecke und vergewisserte sich, dass das Acryl noch frisch war, um mich zu testen. Als er dann wieder wegfuhr, nahm ich mir vor, meinen zukünftigen Mitarbeitern nicht solche Schikanen zuzumuten.

Doch obwohl ich mir alle Mühe gab, so korrekt und fleißig wie´s nur irgend möglich war, zu sein, hatte ich doch immer ein Problem mit der Pünktlichkeit. Denn um pünktlich um 7.00 Uhr in der Firma zu sein, musste ich schon um kurz nach 6.00 Uhr aus dem Haus, weil die Firma weit weg war und ich zweimal umsteigen musste. Doch hatte ich jetzt wo Ruth weg war niemanden mehr an meiner Seite, der mich zur Not weckte, wenn ich nach dem Ausschalten des Weckers wieder eingenickt war. Dadurch passierte es, dass ich mich manchmal ganz schnell beeilen musste, um noch meinen Bus zu kriegen. Hatte ich diesen aber dann verpasst und musste den nächsten nehmen, kam ich manchmal erst um 7.30 Uhr an, was für meine Kolonne sehr ärgerlich war, denn alle mussten dann extra 5-10 Min auf mich warten. Nachdem ich innerhalb von 2 Wochen schon das 3. Mal verspätet kam, drohte mir Claus: „Wenn du in den nächsten 3 Monaten nur noch einmal zu spät kommst, bist du gefeuert!“ Ich versprach, dass es nie wieder vorkommen werde; doch schon kurze Zeit später, wachte ich morgens erst um 6.45 Uhr auf! Ich hatte keine Chance mehr, pünktlich zu kommen. Aber zu behaupten, ich sei krank, traute ich mich nicht, denn ich war immer schon ein schlechter Lügner, und der Arzt würde das merken. Was konnte ich also tun? Ich lief aufgeregt in der Wohnung umher und überlegte. Doch dann hatte ich eine Idee. Wenn ich nicht lügen durfte, dann musste ich die Ursache für meine Arbeitsunfähigkeit eben selber herbeiführen, um dann de Wahrheit sagen zu können! So fuhr ich mit meinem Fahrrad an die nahe gelegene Uferpromenade, wo ein Schotterweg war. Ich stieg mit meiner kurzen Hose auf eine Sitzbank und ließ mich von dort mit dem Knie auf den Boden fallen, so dass mein Knie blutete. Dann rief ich in der Firma an und sagte, dass ich gestürzt sei und mich am Knie verletzt habe, weshalb ich nicht zur Arbeit kommen könne. Dann verband ich mein Knie und ging damit zum Arzt. Während dieser meinen Verband abwickelte, um sich die Wunde anzusehen, fragte er mich: „Wie ist das denn passiert?“ – „Ich bin gestern Abend mit dem Fahrrad gestürzt…“ Als er dann die Wunde sah, sagte er: „Na sowas, die blutet ja noch ganz frisch! Und das soll schon gestern Abend passiert sein?“ Da wurde ich rot.

Mein Grübeln

Die Tage vergingen, und während ich mich tagsüber noch gut zerstreuen konnte durch die Arbeit, fiel mir die Einsamkeit nach Feierabend doch zunehmend schwer. Wie ungewohnt war es, abends ins Bett zu gehen, ohne dass ich jemandem "Gute Nacht" sagen konnte! Um die Stille in der Wohnung zu überwinden, hörte ich viel Radio und auch immer mehr Musik, die ich mir aus der Stadtbibliothek besorgt hatte. Einige Zeit zuvor, wurde gerade der CD-Player erfunden, und auch ich hatte mir solch einen zugelegt, weil die Musik künftig nur noch auf CDs verkauft und verliehen wurde (die gute alte Langspielplatte hatte ausgedient, und die Kassetten wollte auch keiner mehr hören, wegen dem häufigen Bandsalat, den man dann mühselig mit dem Bleistift wieder beheben musste). Mein geistlicher Eifer, den ich früher noch hatte, war inzwischen völlig erloschen. Ich las auch immer weniger in der Bibel und betete nur noch, wenn es mir schlecht ging. Ich hatte auch keine Lust mehr, Briefe zu schreiben oder biblische Abhandlungen, und auch mein missionarischer Eifer war längst vorbei. Auf der Arbeit unterhielt ich mich einmal mit einem Kollegen über Gott und die Bibel. Er sagte: "Ich habe mich ehrlich gesagt bisher nicht mit diesem Thema befasst. Meine Eltern haben mir auch nie etwas von Gott erzählt und von der Bibel weiß ich eigentlich kaum etwas." - Früher wäre dies für mich eine Steilvorlage gewesen, um ihm mal ausführlich das Evangelium zu erklären, aber auf einmal fühlte ich mich innerlich so schlapp, dass ich keine Kraft hatte, ihm nun eine hilfreiche Antwort zu geben, warum er Gott suchen sollte. Einerseits sagte ich mir: Wenn Gott will, dass Er errettet wird, dann braucht mich Gott nicht unbedingt. Und wenn er nicht errettet werden soll, dann nützen auch all meine Überredungsversuche nichts. Andererseits fragte ich mich: Warum wollte Gott ihn einfach verloren gehen lassen, wo es doch gar nicht seine Schuld war, dass seine Eltern ihn nie vom Glauben an Gott erzählt haben? War er etwa ein schlechterer Mensch als ich? Es war doch schließlich auch nicht mein Verdienst, dass ich errettet wurde, sondern allein Gottes Gnade. Aber warum ist Gott denn nicht auch ihm gnädig? Ich war ja wirklich keinen Deut besser, außer dass ich eben den Glauben hatte, der mir aber doch auch von Gott geschenkt wurde. Warum aber verlangte Gott überhaupt den Glauben zur Errettung, wenn Er diesen nicht auch allen Menschen gab? Oder gab es vielleicht noch eine weitere Bedingung, die ich erfüllt hatte und er nicht? War es vielleicht doch nicht der Glaube allein, der den Unterschied machte?

So grübelte ich tagelang auf der Arbeit vor mich hin, um eine Auflösung für all diese Widersprüche zu finden. Warum eine ewig währende Höllenstrafe für Sünden, die die Menschen während einer begrenzten Zeit getan hatten? Warum will der HErr Seinen Feinden irgendwann nicht mehr vergeben, wenn Er doch auch von uns Feindesliebe erwartet und wir sogar 70 x 7 mal vergeben sollen? Wieso hat der HErr uns nicht vollkommen geschaffen, dass wir gar nicht mehr in der Lage sind, zu sündigen? Warum hat Gott in Seiner Allwissenheit den Sündenfall nicht einfach verhindert? Immer wenn ich dachte, dass ich jetzt endlich eine plausible Erklärung hätte, fiel mir später irgendeine Bibelstelle ein, die mein ganzes gedankliches Kartenhaus wieder zum Einstürzen brachte. Einfach wäre es gewesen, wenn man bestimmte Bibelstellen hätte relativieren oder umdeuten können, damit das Puzzle endlich passt und ein Ganzes ergibt. Wenn ich aber irgendeine Aussage der Bibel in Frage stellen würde, müsste ich die ganze Bibel in Frage stellen, und das durfte/wollte ich nicht. Denn was hatte ich dann noch? Während ich beim Streichen so überlegte, hörte ich die ganze Zeit meine südamerikanische Folkloremusik über meinen Walkman. Besonders gerne hörte ich die peruanischen Criollalieder, die ecuatorianischen Pasillo-Balladen oder die cubanische "musica trova", denn diese romantische Musik drückte genau meine schwermütigen Gefühle aus. Die Musik half mir, einen klaren Kopf zu behalten und besänftigte meinen inneren Schmerz.

Was mich auch fast zur Verzweiflung brachte, war der Umstand, dass sich die Verheißung aus 2.Kor.5:17 einer vollkommenen Lebensveränderung nur in der ersten Zeit meines Glaubens bewahrheitet hatte, aber ich schon seit langer Zeit wieder rückfällig geworden war und im Grunde so lebte wie jeder andere Mensch. Dabei stellte Johannes doch fest, dass "jeder der aus Gott geboren ist, nicht mehr sündigt", und dass "jeder, der sündigt, aus dem Teufel ist" (1.Joh.3:8-9). Gibt es aber überhaupt irgendeinen Christen, der von sich ehrlich sagen kann, dass er nicht mehr sündigt? Wenn ja, dann war ich bisher nie wirklich wiedergeboren; und wenn Nein, dann stimmte diese Verheißung einfach nicht oder sie war maßlos übertrieben. Mir ging es aber eher so wie Paulus, der schrieb: "Nicht was ich will, das tue ich, sondern was ich nicht will, das tue ich... Ich elender Mensch, wer wird mich retten aus diesem Leibe des Todes?" (Röm.7:15+24). Leben ohne Sünde war für mich nur noch graue Theorie. Es fing ja schon an mit den sexuellen Sünden. Ich schaffte es kaum, länger als eine Woche ohne Selbstbefriedigung auszukommen. Früher hatte ich es bis zu vier oder fünf Wochen ausgehalten, aber jetzt wo Ruth weg war, war die Onanie die einzige Möglichkeit, um die Sehnsucht und den hormonellen Druck loszuwerden. Die Unreinigkeit gehörte aber zu den "Werken des Fleisches", von denen das Wort Gottes sagt: "...die solches tun, werden das Reich Gottes nicht ererben" (Gal.5:19+21). Entweder war ich also verloren oder aber die Bibel irrte sich. Beides war für mich gleichermaßen eine schreckliche Vorstellung. Es musste doch irgendeinen Ausweg geben aus diesem Dilemma! Irgendwas musste jetzt passieren, dass mir aus dieser unerträglichen Belastung heraushalf und mir eine neue Perspektive gab!

Während ich so mir den Kopf zerbrach und der Verzweiflung nahe war, kam ein Lied von der argentinischen Sängerin Mercedes Sosa (1935-2009) mit dem Titel "Todo cambia" ("Alles verändert sich"). Das Lied berührte mich aufs Tiefste, sodass ich es immer wieder hintereinander hörte, sowohl die Melodie als auch der Text. Ihre liebevolle und mütterliche Stimme und auch ihre tröstenden Worte kamen mir so vor, als ob meine eigene Mutter mich in den Arm nehmen und mir Trost zusprechen würde, indem sie meinen Blick weitete und mir den Mut gab, mein Herz zu öffnen. Ich gebe hier mal im Folgenden eine Übersetzung des Textes:

"Es ändert sich das Oberflächliche

genauso wie das Tiefgründige, auch das Denken ändert sich,

so wie sich auch alles in der Welt verändert. Es wandelt sich das Klima mit den Jahren,

und der Hirte wechselt seine Herde. Und so wie alles sich ändert,

ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich ändere.

Refrain: Es verändert sich, alles verändert sich.

Es verändert sich, alles verändert sich

Es verändert selbst der feinste Edelstein seinen Glanz,

von Hand zu Hand. Es wechselt das Vöglein sein Nest,

so wie ein Geliebter seine Gefühle ändert. Der Wanderer ändert seinen Kurs,

auch wenn es ihm am Ende schadet, Und so wie alles sich ändert,

ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich ändere.

Es ändert sich, alles verändert sich...

Die Sonne verändert ihren Stand,

während die Nacht fortbesteht. Die Pflanze wechselt ihr Kleid,

trägt frisches Grün im Frühling. Wie das Wildtier sein Fell wechselt,

verändert sich das Haar des Greises, Und so wie alles sich ändert,

ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich ändere.

Es ändert sich, alles verändert sich...

Was sich nicht ändert ist meine Liebe,

wie fern ich auch immer mich befinde, Und auch nicht die Erinnerung

und der Schmerz meines Volkes und meiner Leute. Was sich gestern erst verändert hat,

wird sich auch morgen wieder ändern müssen, So wie ich mich verändere in diesem fernen Land.

Es ändert sich, alles verändert sich..."

Durfte ich auch meinen Glauben ändern? Was würde dann passieren? Würde ich dann nicht jeden Halt verlieren? Aber was, wenn ich dann aufgefangen werde? Aber was, wenn nicht? Konnte ich dieses Risiko eingehen? Vielleicht hätte ich bald keine andere Wahl mehr. Aber solange es noch ging, wollte ich erst mal weiter am Bisherigen festhalten. Vielleicht würde der HErr demnächst endlich den ersehnten Ausweg bereit halten. Ich wollte weiter auf Seine Hilfe warten. Ich dachte: Vielleicht sollte ich mich mal vertrauensvoll an den Prediger der Missionsgemeinde wenden, um ein seelsorgerliches Gespräch zu erbitten? Bisher hatten mir die Predigten kaum geholfen in meiner notvollen Lage, und ich überlegte schon, ob ich überhaupt noch dort hingehen sollte. Also schrieb ich am 12.05.96 einen Brief an Udo Slopianka, und bekannte ihm mein Dilemma. Ich bekannte ihm auch, dass ich mit vielen seiner Lehren zwar nicht einverstanden war, aber dass es mir derzeit vielmehr um mein eigenes Seelenheil ging. Das konnte ihm als Hirten doch nicht egal sein!

Mein letztes Aufbegehren

Am darauffolgenden Sonntag ging Udo nach dem Gottesdienst auf mich zu und lud mich zu einer kurzen Unterredung ein. Wir gingen in einen Abstellraum, aber statt zu beten, fing er sofort an, mir eine Mitteilung zu machen, die ihm auf dem Herzen lag: "Hör mal, Simon, ich verstehe Dich sehr gut, viel besser als Du Dir vorstellen kannst. Und ich kann Dir versichern, dass Du nicht verloren gehen wirst. Was Du gerade durchmachst, das hat schon jeder von uns erlebt; das sind ganz normale Anfechtungen vom Feind. Aber hättest Du mir jetzt nicht geschrieben, wäre ich ohnehin auf Dich zugegangen, denn es gibt da etwas, was ich ohnehin mal mit Dir besprechen wollte..." - Ich sagte: "Tatsächlich? Dann erzähl mal!" - "Weißt Du, Simon, Du bist ein hochbegabter junger Bruder, und eigentlich freue ich mich, Dich hier in unserer Gemeinde zu haben. Du wärest an sich auch gut geeignet für den Verkündigungsdienst, aber es gibt da ein riesiges Problem..." - "Du meinst die Lehrunterschiede?" - "Nein, die vielleicht auch, aber das ist nicht das entscheidendste Problem!" - "Ok. Und was ist es dann?" - "Weißt Du, Simon, wenn ich mit meiner Frau zusammen für Dich bete, dann bete ich nicht nur FÜR Dich, sondern ich bete auch GEGEN Dich!" Noch bevor ich ihn fragen konnte, setzte er gleich fort: "Ja, Simon, denn DU bist VOLL VON DÄMONEN, Du bist geradezu WAHNSINNIG BESESSEN ohne dass es Dir vielleicht bewusst ist!" Ich grinste verlegen. Er sagte: "Ja, grins nur! denn sogar an Deinem Grinsen sehe ich das Grinsen der alten Schlange! und auch wie Du beim Reden Deine Zunge bewegst! Mir machst Du da nichts vor. Du hast Dir irgendwo ein paar Dämonen eingefangen und brauchst dringend Befreiung. Du weißt ja, dass wir auch einen Befreiungsdienst praktizieren, weil der HErr das so geboten hat. Wenn Du also frei werden willst, dann lade ich Dich herzlich dazu ein! Diese Dämonen haben Dich auch zu all diesen Irrlehren verführt, von wegen, ein Kind Gottes könne noch verloren gehen!" Ich erklärte ihm, dass ich nicht an die Möglichkeit von Besessenheit bei Gläubigen glaube. Er aber wollte von mir keine Begründung hören, sondern riet mir, dass ich erst mal weiter in die Gemeinde gehen solle, dann würde Gott mir schon Buße und die Erkenntnis Seines Wortes und Willens schenken.

Am folgenden Samstag besuchte mich mein Freund Jochen Pahlke (29), der inzwischen schon ein Jahr verheiratet war. Er lud mich ein, mit ihm zusammen zum Spanischbibelkreis zu gehen, wo ich schon eine ganze Weile nicht mehr war. Die Predigt fand ich sehr schlimm, denn der Prediger lehrte aus meiner Sicht unbiblisch, so dass er der Gesetzlosigkeit Tür und Tor öffnete. Doch dann gab eine junge Schwester ein Zeugnis, was sie mit dem HErrn erlebt hatte, seit sie gläubig wurde, ein wunderbares Zeugnis! Danach erschien es, als würde der Prediger dieses Zeugnis gleich wieder zunichtemachen, indem er sie vor den "Gesetzeslehrern“ warnte, die sie einschüchtern könnten, indem sie ihr ein schlechtes Gewissen machten. Darauf erhob ich spontan meine Stimme und beklagte die heutige Treulosigkeit des Volkes Gottes, wobei ich mich selbst mit einschloss. Meine Stimme bebte und ich zitterte, doch die Worte sprudelten nur so aus mir heraus. Sie waren scharf und schneidend, es war eine Rede gegen mich selbst gerichtet. Danach waren alle sehr betroffen, es war eine bedrückende Stimmung im Raum, die jedoch bald wieder verflog. Doch in mir gehrte es weiter. Ich versuchte, die Tränen zu unterdrücken, musste aber dann doch rausgehen, um meinem Kummer Luft zu machen. Mir wurde die ganze Machte des Feindes in meinem Leben bewusst und meine ganze Schuldigkeit und Verlorenheit. Ich begann, mich zu verabscheuen und den HErrn wieder ganz neu und inbrünstig zu lieben. Ich beschloss, den Kampf gegen die Sünde in aller Härte wieder ganz neu aufzunehmen und mich gegen die Vorherrschaft des Teufels in meinem Leben aufzulehnen. Ich wollte endlich frei werden und mich nicht mehr vom Widersacher einschüchtern lassen. Als ich abends nach Haus kam, räumte ich erst mal in meiner Wohnung auf. Alle meine Musikkassetten und Bücher wollte ich wegschmeißen und meine Wohnung wieder als Gebetsstätte heiligen. Doch noch am selben Abend erlag ich einer Versuchung, indem meine gläubige Nachbarin Elena, die unter mir im Haus wohnte, zu mir hoch kam und mich einlud, zusammen einen Film im Fernsehen zu sehen. Elena war aufgrund traumatischer Kindheitserlebnisse und damit verbundener psychischer Probleme in Frührente und lebte alleine. Da sie mir leid tat, willigte ich ein, ihr Gesellschaft zu leisten. Als ich spät am Abend wieder nach oben ging, war mir sehr elend und ich weinte bitterlich, weil ich dem Feind wieder auf den Leim gegangen war. Doch wollte ich mich nicht wieder einschüchtern lassen und bat Gott um Vergebung, wobei ich auch wirklich glaubte, dass Er mir vergab und mir nichts nachtrug.

So verging eine Woche in der ich in Treue und Hingegebenheit zu Gott lebte und freute mich über den Sieg in meinem Leben. Auch berichtete ich Ruth in einem Brief, dass ich wieder zur ersten Liebe zurückgekehrt sei. Doch dann fiel ich wieder in Sünde (Selbstbefriedigung) und meine alten Zweifel kamen mir wieder, weil ich vieles erlebte, bei dem ich den Eindruck hatte, dass Gott mein Gebet nicht mehr erhört, ja, sogar mir entgegen war. Ich fragte mich: Liebt mich Gott überhaupt noch oder hatte Er mich inzwischen schon verworfen wie Saul? Warum verlangt Gott so viel von mir? und warum lässt Er mich verloren gehen, wenn Er mich doch liebt? Warum darf ich nicht einfach ein normales Leben führen wie jeder andere Mensch? Lag es vielleicht daran, dass mir mein vieles Wissen um den Willen Gottes zum Verhängnis geworden ist (Amos 3:2, Luk.12:47, 19:26)? Dann könnte ich es fast bereuen, dass ich Christ geworden war. Ich wünschte mir, dass Gott anders wäre als der Gott, von dem es heißt: "Ein eifernder und rächender Gott ist Jahwe und voll von Grimm; Jahwe übt Rache an Seinen Widersachern und trägt Seinen Feinden nach" (Nahum 1:2). Aber ich konnte es mir nicht aussuchen, sondern musste es so glauben (oder nicht glauben), wie's geschrieben steht.

Zeitweise überlegte ich schon, ob ich den Glauben nicht ganz aufgeben sollte, denn ich hatte kaum noch Hoffnung, dass sich mein Leben noch einmal entscheidend ändern würde. Und dann erlaubte Gott etwas, dass mir im Nachherein sehr peinlich war: und zwar hatte ich an einem Sonntagabend die Idee, meinen neu erworbenen Anrufbeantworter mit einer bekannten Melodie zu untermalen. Mir kam dabei die lustige Idee, die Titelmelodie von James Bond 007 zu nehmen und entsprechend auf dem Band zu sagen: "Mein Name ist Poppe, Simon Poppe, bitte hinterlassen Sie mir eine Nachricht!" Doch schon am nächsten Tag fiel mir ein, dass auch ein Bruder mich anrufen könnte und dann mich für völlig verweltlicht halten könnte. Also beschloss ich, die Ansage wieder zu ändern. Als ich nach Hause kam, hatten zwei Personen angerufen, einmal meine Mutter, die auch eine Nachricht hinterlassen hatte, und eine andere Person, die nur aufgelegt hatte und von der ich auch keine Nummer im Display sehen konnte. Als ich eine Woche später erfuhr, WER diese Person war, die meine alberne Ansage gehört hatte, war es mir absolut peinlich... (kommt noch).

Marco Rückfall in den Wahnsinn

Mitte Mai fand in Dresden ein sog. Christival statt, zu welchem junge Christen aus ganz Deutschland für eine Woche hin pilgern, um an den Veranstaltungen teilzunehmen, also eine Art evangelikaler Kirchentag für Jugendliche. Als Marco erfuhr, dass Tobias und Rolf dort hinreisen wollten, um dort zu missionieren, wollte er unbedingt auch dorthin, um sie zu unterstützen. Doch kurz zuvor schrieb Rolf dem Marco, dass sie nicht mit ihm zusammen zum Christival fahren würden, weil er sich noch nicht von mir distanziert habe. Sie warfen ihm vor, dass er "noch auf beiden Seiten hinken würde" (1.Kön.18:21). Doch Marco fuhr trotzdem nach Dresden und hatte sich dort scheinbar mit den Brüdern angelegt. An einem Abend zog dann ein Sturm auf, der sämtliche Zelte hinwegriss, wo Tobias, Rolf und die anderen Teilnehmer campierten. Danach weiß niemand mehr, was genau passiert war, aber nach zwei Tagen fand die Polizei Marco an einer Autobahnraststätte in der Nähe von München im völlig verwirrten Zustand. Er hatte schon wieder eine Psychose erlitten, insgesamt schon die Dritte. Sein ganzes Gepäck hatte er unterwegs mal wieder irgendwo an die Straße gestellt und war ohne Gepäck weitergegangen. Es heißt, dass er noch nicht einmal mehr Schuhe anhatte. Er wurde mit dem Krankenwagen nach Wasserburg gebracht, 50 km von München entfernt, wo eine Klinik für psychisch Kranke ist. Marco weigerte sich jedoch aufgenommen zu werden. Als zwei Pfleger ihn dann mit Gewalt auf seine Station bringen wollten, schlug er sie mit der Faust, so dass sie Verstärkung holen mussten. Er schlug um sich mit Händen und Füßen, so dass man ihm einen Wirkstoffcocktail injizierte, der ihn vollkommen lahmlegte, eine sog. "chemische Zwangsjacke". Nachdem die Polizei sein Gepäck und sein Zelt gefunden hatten, fanden sie auch seine Brieftasche mit seinen Personalien. Sie riefen dann bei meiner Mutter an, die entsetzt war, und da sie mit der Situation nicht klarkam, bat sie mich nach München zu fahren, um Marco zu besuchen.

So fuhr ich am 18.05.96 durch eine Mitfahrgelegenheit nach München und von dort weiter mit dem Bus nach Wasserburg. Als ich im Klinikum Inn-Salzach ankam, ging ich durch mehrere Glastüren auf einen 20 m langen Flur und sah von Ferne ganz am Ende des Ganges eine Person, die dort stand wie ein "Zombie", ein lebender Toter, der mich mit einem gebuckelten Rücken und herunterhängenden Armen unentwegt anstarrte mit offenem Mund. Als ich näher kam, erkannte ich, dass es mein Zwillingsbruder war. Man hatte ihm Haldol gegeben, so dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ich begrüßte ihn herzlich, aber Marco war nicht in der Lage, irgendwelche Affekte zu äußern. Wir gingen in eine Art Empfangs- oder Besucherraum, wo sich hinter einer Glasscheibe auch das Stationszimmer befand. Mitten in diesem Aufenthaltsraum stand das Bett von Marco. Ich erfuhr, dass man das Bett absichtlich hier hineingeschoben hatte, weil er aufgrund seiner Suizid- und Gemeingefährlichkeit unter ständiger Beobachtung stehen müsse. Ich setzte mich mit Marco aufs Bett und tröstete ihn, wobei ich ihm behutsam ein paar Fragen stellte. Doch Marco hatte keine Lust, mir zu antworten, weil er zu müde war. Er legte sich hin und wollte sofort einschlafen. Ich schüttelte ihn und bat ihn, doch mit mir zu reden, schließlich war ich doch von weither gekommen. Er aber knurrte, weil er lieber schlafen wollte, und kurz darauf war er auch schon fest eingeschlafen. Ich sprach daraufhin mit dem Pfleger, und der erklärte mir, was passiert war und gab mir die Adresse der Polizeidirektion, damit ich dort seine Sachen abholen konnte. Das tat ich und fuhr an selben Abend noch mit dem Zug zurück nach Bremen.

Marco wurde entmündigt und sollte für mehrere Monate in Wasserburg bleiben. Doch nach einer Woche fühlte sich Marco schon wieder gut und wollte zurück nach Bremen. Aber man erlaubte es ihm nicht, und er durfte noch nicht einmal aus dem Gebäude der geschlossenen Psychiatrie hinaus. Während er am Freitagnachmittag mit einem Patienten Schach spielte, sah er durch die Scheiben der Fenster, wie die anderen Patienten draußen Volleyball spielten. Marco beschwerte sich, weil es draußen schon über 30˚ Celsius war und er hinaus wollte zu den anderen. Er wies daraufhin, dass das Grundstück doch ohnehin durch eine hohe Mauer gesichert sei, so dass niemand entkommen könne. Auf sein Drängen hin, ließ man ihn nach draußen. Zunächst ließ er sich nichts anmerken und vergnügte sich mit den anderen; doch in einem Moment, als niemand achtgab, kletterte Marco über eine große Hecke hinaus und rannte durch den Wald. Schon bald wurde sein Verschwinden bemerkt und man rief die Polizei. Diese fahndete nach ihm mit einem Großaufgebot und durchkämmte mit Hunden den Wald. Marco war unterdessen auf eine Straße gekommen, wo er als Anhalter mitgenommen wurde. Der Fahrer war etwas erstaunt, denn Marco war nur mit einer Bermuda-Shorts bekleidet ohne jegliches Gepäck. Er nahm ihn mit nach Rosenheim, wo Marco sich im Haus eines Bekannten duschen konnte, der ihm auch Kleidung, Schuhe und Kleingeld borgte. Damit fuhr Marco dann per Anhalter quer durch Deutschland und kam in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages in Bremen-Arbergen an. Um etwa 9.00 Uhr klingelte es an jenem Sonntagmorgen, und zwei Polizisten standen vor der Tür. Marco stellte sich freiwillig, und nachdem sie sich eine halbe Stunde mit ihm unterhalten hatten, erklärten sie ihn für zurechnungsfähig, ganz pragmatisch und ohne psychologisches Gutachten. Ich musste allerdings mit ihm am Montag noch mal zum Vormundschaftsrichter, damit auch dieser seine Entmündigung wieder aufhob.

Ein paar Tage später hatte ich den Wunsch, mal wieder meinen Freund Bernd Fischer anzurufen, um ihn zu fragen, ob ich ihn besuchen dürfte. Wir vereinbarten einen Termin für Anfang Juni. Und dann sagte Bernd zu mir: „Übrigens Simon, mache ich mir Sorgen um Dich, weil wir ja schon eine ganze Weile nicht mehr miteinander gesprochen haben, und ich habe mich gefragt, ob Du überhaupt noch an Gott glaubst.“ – „Aber Bernd, warum sagst Du das? Selbstverständlich glaube ich doch an Gott!“ – „Ich war mir aber nicht so sicher, denn vor etwa zwei Wochen habe ich Dich angerufen, und da war eine so merkwürdige Ansage von Dir auf dem Anrufbeantworter, dass ich dachte, Du seiest inzwischen in die Welt zurück gegangen.“ – Mir schlug das Herz bis zum Hals. Dann war es also der Bernd, der mich anrief, aber keine Nachricht hinterlassen hatte! Ich fing an zu stottern und erklärte Bernd, dass das so eine Dummheit von mir war, weil ich meinen Bruder Patrick da nachahmen wollte, aber mir schon gleich am nächsten Tag das Gewissen schlug und ich es wieder gelöscht habe. Als das Telefonat dann nach einigen quälenden Minuten endlich zu Ende war, fiel ich heulend auf meine Knie und bat Gott um Vergebung. Mir war es so peinlich, dass ich mir ausgerechnet vor diesem heiligen Bruder solch eine Blöße gegeben hatte. Wie konnte das nur passieren?! Mir fiel auf, dass ich wirklich in zwei ganz unterschiedlichen Welten lebte: auf der einen Seite war ich der fromme – wenn auch noch unreife und z.T. wankelmütige – Glaubensbruder, und auf der anderen Seite war ich der lustige und kreative Simon von früher (d.h. von vor meiner Bekehrung). Mein altes Wesen sollte doch aber längst begraben sein durch Christus in der Taufe. Warum aber kam es immer wieder noch zum Vorschein? So konnte es aber nicht immer weitergehen, dass ich wie ein Schauspieler auf zwei Hochzeiten tanzen würde. Ich musste mich einfach mal entscheiden, wer ich eigentlich wirklich sein wollte. Und da ich dem hohen Anspruch eines heiligen und Gott wohlgefälligen Lebens offensichtlich noch nicht (oder nicht mehr!) gewachsen war, sollte ich doch lieber so ehrlich sein, dazu zu stehen, anstatt weiter zu heucheln. Während ich noch auf den Knien war, sagte ich zu Gott: „Ich schaffe das nicht, HErr. Bitte verzeih mir, aber ich schaffe es einfach nicht! Mach mich zu einem Deiner Tagelöhner! Stufe mich zurück und fordere nicht mehr so viel von mir, HErr.“ Dann stand ich auf und sagte zu mir selbst: „Ab jetzt will ich nicht mehr heucheln, sondern zu dem stehen, was ich bin! Lieber, dass ich im Ansehen der anderen sinke, aber ich möchte mich ab heute nie mehr verstellen.“ Da ging es mir schon viel besser.

Mein Abfall vom Glauben

Ende Mai hatte ich dann an einem Tag ein entscheidendes Schlüsselerlebnis, das mein Leben für die nächsten 18 Jahre ändern sollte: Ich hatte den ganzen Tag alleine an der Fassade eines Mehrfamilienhauses gestrichen und dachte dabei über die Erlebnisse der letzten Monate nach. Warum hatte Gott all diese Probleme zugelassen, sei es mit dem Kinderheim oder Herrn Tönjes oder mit Tobias und Marco? Und warum hatte ich schon seit Monaten keine Gebetserhörung mehr, z.B. bezüglich der Dauerschmerzen von Ruth. Das machte für mich alles keinen Sinn mehr. Und warum ließ Gott den Tobias mit all seiner Bosheit einfach ungeschoren davon kommen? Ich hätte ihn am liebsten genauso öffentlich an den Pranger gestellt, wie er dies mit mir und anderen gemacht hatte, um ihn zu demütigen. Aber Gott schwieg zu alledem, wie mir schien, und ließ mich seit Monaten schon in einem geistlichen Niemandsland umherirren, ohne Rast und Frieden. Und dann waren da all die ungelösten Fragen und Zweifel, die ich in der Bibel sah, aber die mir keine Ruhe ließen, weil ich für diese keine Erklärung fand. So grübelte ich auf dem Gerüst den ganzen Tag, während ich über Kopfhörer meine Musik hörte. Und dann kam ein Lied, dessen schwermütiger Gesang genau in meine Situation passte, nämlich "Losing my religion" von R.E.M., frei übersetzt: "(Ich fürchte, dass) ich meinen Glauben verliere". In dem Lied ging es um eine gescheiterte Liebesbeziehung, wo der Sänger auch den Eindruck hatte, dass er "alles vermasselt" habe und es nun zu spät sei. Genauso ging es mir ja auch in Bezug auf Gott.

Als Feierabend war, fuhr ich mit meinem Rad den langen Weg nach Hause, während ich unentwegt grübelte. Was wäre, fragte ich mich, wenn das mit der "ewigen Qual" in der Hölle einfach nur ein Missverständnis war, nämlich eine Fehlübersetzung des Wortes "aion", wie die Allversöhner behaupten, und es sich in Wirklichkeit nur um eine vorübergehende Dauer handelte? Aber "von Ewigkeit zu Ewigkeit" klang mir doch zu sehr nach "endlos", da wollte ich mir nichts vormachen. Aber wie konnte eine unendliche Qual mit der Liebe und Gerechtigkeit Gottes harmonisieren? Gar nicht. Wie man es auch dreht und wendet, es passte einfach nicht zusammen. Was aber, wenn Gott uns nur einen Schrecken einjagen wollte, aber es letztlich nicht so gemeint hat? Nein, das passt auch nicht, denn Gott kann nicht lügen und Sein Wort ist wahr. Oder wie wäre es, wenn die Bibel nicht Gottes Wort ist, sondern nur Gottes Wort enthält, wie einige Theologen sagen? Ein Großteil der Bibel ist ja ohnehin nur erzählte Geschichte und nur ein relativ kleiner Teil direkte Rede Gottes. Wie wäre z.B., wenn Gott die Bibel nicht als Sein Wort buchstäblich INSPIRIERT sondern nur nachträglich AUTORISIERT habe, also zugelassen habe? Dann dürfte es auch Fehler enthalten, die Gott aber überwaltet. Der Mensch hätte in diesem Fall nur seine Gedanken und Vorstellungen über Gott aufgeschrieben und Gott habe sie für gut und sinnvoll anerkannt und genehmigt, selbst wenn sie nicht immer zutreffend wären. War es nicht auch so mit dem mosaischen Gesetz, das ja letztlich auch nicht den endgültigen Willen Gottes widerspiegelte, sondern nur eine Zwischenstation darstellte, die auf den HErrn Jesus und das Evangelium vorbereiten sollte, aber noch nicht der Weisheit letzter Schluss war. Was wäre, wenn auch das Evangelium nur eine solche Zwischenstation wäre, aber Gott uns über Seinen endgültigen Willen bewusst im Unklaren gelassen habe, weil die Zeit noch nicht reif war für eine höhere Stufe? Schließlich gab es doch auch im Alten Testament kaum Hinweise auf das Evangelium, so dass es doch auch denkbar wäre, dass ebenso auch im Neuen Testament noch keine klaren Hinweise erkennbar seien für eine "3. Stufe" des Heilsplans Gottes? Aber dann verwarf ich all diese Überlegungen, weil sie ketzerisch waren und noch nicht einmal das Denken darüber erlaubt sei (1.Kor.4:6). Diese Gedanken standen im Widerspruch zu Gottes Wort und waren deshalb absolut tabu.

Ich fuhr weiter, aber war frustriert, denn ich brauchte endlich eine Lösung, die den "gordischen Knoten" in meinem Kopf zerschlug, damit ich nicht wahnsinnig werden würde wie mein Bruder. Was wäre, so überlegte ich, wenn die Bibel tatsächlich nicht das Wort Gottes wäre? Sollte es nicht mal einen Versuch wert sein, sich wenigstens für einen Moment diesem Gedanken zu öffnen? Ich stellte mir eine Türschwelle vor, die ich in Gedanken für einen kleinen Moment überschreiten musste, um danach wieder zurückzukehren in mein bisheriges Denken. Ich wollte nur mal ganz kurz spüren, wie sich dieser Gedanke anfühlt. Und wenn ich gleich sofort wieder zurückgehe in mein altes Denken, dann kann es doch nicht geschadet haben... Ich hatte mich selbst überzeugt und wollte das Wagnis eingehen. Dabei war es - wie ich im Nachhinein feststellte - als habe ich die Frucht vom Baum der Erkenntnis gegriffen und war nun im Begriff dabei, von dieser Frucht abzubeißen. Ich tat es. Es musste sein, damit ich endlich aus dem Dilemma herauskäme. Ich war vom Fahrrad abgestiegen, hatte meine Augen geschlossen und setzte mich für zwei Minuten hemmungslos diesem Gedanken aus. Es war überwältigend. Ein totales Glücksgefühl stieg in mir auf. Ich war endlich völlig frei! Als wenn sich auf einmal alle Ketten lösten, die mich gefangen hielten. Es war meine "zweite Bekehrung", wie ich es später nannte, nur dass in diesem Moment nicht der Heilige Geist in mir Wohnung nahm, sondern fremde Geister in mich einkehrten, weil ich sie durch meine Entscheidung herbei gerufen hatte. Aber mir war in diesem Moment klar, dass ich nie mehr zurück wollte, sondern nun ein neues Leben begonnen hatte. Ich konnte nun kein Christ mehr sein, jedenfalls nicht mehr im biblischen Sinne, sondern war jetzt ein Apostat, ein Abgefallener. Aber war nicht auch Paulus ein "Abgefallener" vom Gesetz in dem Moment, als er sich zu Christus bekehrte? Vielleicht hatte Gott auch mich jetzt tatsächlich auf eine höhere Stufe der Erkenntnis gestellt, so glaubte ich. Ich fuhr weiter und sah plötzlich die Passanten, die an mir vorbei gingen, als meine Brüder und Schwestern an. War es das, was auch der Freimaurer Friedrich Schiller erlebt hatte, bevor er in der "Ode an die Freude" dichtete: "Seid umschlungen, Millionen! diesen Gruß der ganzen Welt. Brüder, über‘m Sternenzelt, muss ein güt´ger Vater wohnen... Deine Zauber binden wieder, was der Mode Schwert geteilt, alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt."

Kurz darauf erhielt ich einen Brief von Bruder Bernd, in welchem er mich tröstete und mir erklärte, warum wir als Christen nicht immer sofort den Sieg hätten über die Sünde, weil nämlich wir sonst hochmütig werden könnten und die Abhängigkeit vom HErrn verlieren. Er mahnte mich, nicht aufzugeben, sondern einfach jedes Mal wieder neu Buße zu tun, wenn ich durch Sünde gefallen war, weil mir der HErr den Sieg verheißen habe, solange ich den Kampfplatz nicht verlassen würde. „Wichtig ist, dass Du die Front nicht dort einreißen lässt, wo Du schon Sieg hattest, … damit der Feind keine Gebietsgewinne macht. Lass Dich von der Selbstbefriedigung nicht zum Ehebruch treiben…“ Nein, das hatte ich gewiss nicht vor. Aber sein Appell zum Durchhalten kam jetzt zu spät, denn ich hatte ja bereits die Seite gewechselt und war sozusagen zum Gegner übergelaufen. Aber wie sollte ich das jetzt allen erklären? Sie würden verächtlich auf mich herabschauen und sagen, dass ich schon immer zu fleischlich war und nun der Fleischeslust nachgegeben hätte. Aber das stimmte so ja nicht, sondern es waren ja vor allem die Widersprüche an sich, die mich zur Aufgabe zwangen. Der HErr hatte mich doch als ganz normalen Mann geschaffen mit ganz normalen sexuellen Bedürfnissen. Warum sollte Er mir dann Vorwürfe machen, dass ich mich genau so verhalte, wie Er mich geschaffen hat? Hätte Er mich denn sonst nicht auch anders schaffen können?

Meine Rache an Tobias

Zum Glück wusste ja noch überhaupt niemand, dass ich jetzt „ungläubig“ geworden war, also konnte ich mir in Ruhe eine Strategie überlegen, wie ich meinen Sinneswandel nun allen so behutsam und nachvollziehbar vermitteln konnte wie möglich. Für eine Weile musste ich also noch ein Doppelleben führen bis die Zeit reif genug war, dass ich allen Geschwistern nach und nach die Wahrheit sagen konnte. Am schwierigsten würde das wohl für Ruth sein, aber ich hatte ja auch noch ein paar Monate Zeit, um mich darauf vorzubereiten. Als erstes wollte ich mich mal um Tobias Schaum „kümmern“, denn mit seinem boshaften Verhalten sollte er nun nicht mehr ungeschoren davonkommen. Jetzt wo ich ja kein Christ mehr war, hatte ich keinerlei Einschränkung mehr in meinen Mitteln. Um Tobias aber vor allen bloßzustellen, musste ich ihm erst einmal selber irgendwie seine dunklen Geheimnisse entlocken. Aber wie sollte ich diese herausfinden? Von selbst würde er sie mir ja nicht verraten. Da kam mir ein perfider Plan: Ich wollte ihm einen Bußbrief schreiben, in welchem ich ihm offen bekennen würde, was für ein Sünder ich doch sei und ihn fragen, ob ich ihn besuchen könnte, damit ich bei ihm „reinen Tisch machen“ könne. Würde er mir erst mal glauben, könnte ich ihn in ein Gespräch verwickeln, in welchem er auch seine eigenen Sünden konkret bekennt. Später bräuchte ich dann meine Abbitte nur zu widerrufen, hätte aber dann die Informationen, die ich bräuchte, um ihm das zu vergelten, was er mir angetan hatte. Ich schrieb ihm also einen Brief, in welchem ich so glaubwürdig wie möglich Buße tat; und siehe da: Tobias hatte den Köder geschluckt und lud mich ein, am 09.06.96 nach Asmushausen zu kommen. Der erste Schritt meines Planes hatte also funktioniert. Schon gleich nach meiner Ankunft am Samstagmittag schüttete ich mein Herz aus und bekannte ihnen schonungslos meine fleischliche Schwachheit, d.h. meine Abhängigkeit von der Selbstbefriedigung und von romantischer Musik. Was hatte ich auch zu verlieren, denn sie konnten ja nicht ahnen, dass es mir inzwischen ziemlich egal war, was sie von mir dachten. Als wir dann später als Brüder an den Kaffe-und-Kuchen-Tisch setzten, fragte ich Tobias wie beiläufig: „Wie ist das eigentlich bei Dir so? Bist Du eigentlich frei von der Selbstbefriedigung?“ – Daraufhin antwortete Tobias mir zunächst nur, dass er auf diesem Gebiet auch „noch viel Kampf“ habe und fügte dann in einer für mich völlig überraschenden und absoluten Ehrlichkeit einen Satz hinzu, den ich hier nicht nennen kann, um die Fantasie und das Schamgefühl des Lesers, vor allem aber auch das Ansehen von Tobias nicht weiter herabzuwürdigen. Jedenfalls hatte er mit seinen Bekenntnissen meine Erwartungen weit übertroffen.

Als ich wieder in Bremen war, erbat Tobias von mir, dass ich nun auch „der Buße würdige Frucht bringen müsse“, indem ich öffentlich meine zuvor genannten Vorwürfe gegen Tobias widerrufen solle. Ich wiederum bat den Tobias darum, dass er nun, wo ich doch alles bekannt hatte, was mich betrifft, doch davon abstehen möge, weiter gegen den Bruder Hans-Udo vorzugehen, zumal dies gar nicht seine Aufgabe sein könne als Fernstehender. Diese Provokation war für Tobias dann genug, dass er meine ganze Buße als halbherzig und damit als wertlos betrachtete, mich erneut als „Belialsmensch“ bezeichnete und ein weiteres Mal über mehrere Seiten alles wiederholte, was er über mich in Erfahrung gebracht hatte, sei es von anderen oder aus meinem eigenen Mund. Was er jedoch nicht ahnte, war, dass genau dies meine Absicht war, denn jetzt gab er mir einen Grund, ihn auch selbst öffentlich an den Pranger zu stellen in einem „offenen Brief“, den ich auch an all die anderen Brüder sandte, die ihn und mich kannten, aber diesmal mit ebenso heiklen Details aus seinem Privatleben, um ihm das heimzuzahlen, was er zuvor mit mir tat. Mein Brief blieb dann tatsächlich nicht ohne Folgen, indem ich später erfuhr, dass einige Getreue von Tobias nun auch zu ihm auf Distanz gingen. Und von Tobias kam zu meiner Überraschung keine Reaktion mehr. Die Schlammschlacht war zu Ende, und einen Sieger gab es nicht.

Im Nachhinein betrachtet war mein Verhalten gegenüber Tobias absolut hinterhältig und verwerflich. Es zeigt einfach nur, dass ich inzwischen von demselben mörderischen Drang erfüllt war, der auch dem Tobias umtrieb und ich mich um das Verbot der Rache mittlerweile einen Dreck scherte (Röm.12:19). Seit ich wieder gläubig bin (seit 2014) habe ich über mein damaliges Verhalten Buße getan und Gott um Vergebung gebeten. Ob Tobias inzwischen auch irgendetwas bereut hat über sein Verhalten mir gegenüber, kann ich nicht sagen, denn er will nach wie vor nichts mit mir zu tun haben und erkennt meine erneute Umkehr zu Gott nicht als echt an. Möge der HErr Gnade schenken, dass es zwischen uns eines Tages zur Versöhnung komme!

Nachdem ich meine Rache geübt hatte, überlegte ich mir, mit wem ich in Zukunft Kontakt und Freundschaft pflegen sollte, nachdem ich mich ja nun vom fundamentalistischen Christentum innerlich losgesagt hatte. Da fielen mir die Freimaurer ein, die ja gerade von bibeltreuen Christen als die ärgsten Feinde und sogar als Diener Satans angesehen wurden. Ich fragte mich, ob denn nicht die Feinde meiner Feinde zu meinen Freunden werden könnten. Also suchte ich mir aus dem Telefonbuch die Telefonnummer einer Freimaurerloge heraus und rief dort an. Nachdem ich dem Mann am anderen Ende kurz mein Anliegen beschrieben hatte, wies er mich darauf hin, dass seine Loge eine konfessionslose sei, es aber auch eine christliche Freimaurerloge in Bremen gäbe, nämlich die „Zum Ölzweig“. Er empfahl mir, mich an diese zu wenden, da diese „Brüder“ besser vertraut waren mit meiner Vergangenheit und gab mir von dieser die Nummer. Als ich dann dort anrief, lud mich der „Meister vom Stuhl“, Klaus Betzold, zu einem Gästeabend ein, wo mich die Logenbrüder persönlich kennenlernen könnten und meine Fragen beantworten würden.

Kurz darauf besuchte ich diese und nahm in der Folgezeit an insgesamt drei solcher Gästeabende teil, wobei ich jeweils der einzige Gast war inmitten von etwa 5 bis 6 Logenbrüdern. Zunächst fiel mir auf, dass diese Männer im Alter von 40 bis 75 Jahren alle sehr freundlich waren. Besonders der Großmeister Klaus Betzold war außerordentlich höflich und respektvoll zu mir wie ein Gentleman. Sie waren amüsiert, als ich ihnen schilderte, wie man von Seiten der bibelgläubigen Christen über die Freimaurer dachte, dass sie nämlich heimlich mit dem Teufel im Bunde seien etc. Sie erklärten mir, dass sie selbst eine explizit christliche Loge seien, die nur Männer aufnehmen würde, die an Christus und die Bibel als Wort Gottes glauben würden. Wie jedoch der Glaube jedes einzelnen praktiziert werde, sei jedem selbst überlassen. So freundete ich mich im Verlauf der nächsten Wochen mit einem gewissen Carl-Ernst an, der ein überzeugter Katholik war und mit seinen etwa 40 Jahren der Jüngste von allen sei. Der Klaus Betzold wiederum hatte über mich „Recherchen“ angestellt, genau gesagt über meinen Stammbaum, und übergab mir nach ein paar Tagen einen Stammbaum der Familie Poppe, der bis ins 15. Jh. zurückreichte. Dies tat er deshalb, weil er durch vorherige Untersuchungen in seinem eigenen Stammbaum feststellte, dass seine Vorfahren mit den meinigen verwandt seien. Auch brachte er mir einen Aufsatz mit, den er mal über das Bremer Rathaus geschrieben hatte. Er hatte diesen mal als Vortrag in der Loge gehalten und wies darin auf die geometrisch interessante Bauweise hin, durch die der Architekt angeblich auf freimaurerische Symbole anspielen wollte (für mich war der Text totlangweilig). Und als ob er mich für die Loge gewinnen wollte, zeigte er mir an meinen Vorfahren, dass ungewöhnlich viele von diesen sog. „Baumeister“ (Architekten) waren und Mitglied der Loge „Zum Ölzweig“. Auch erzählte er mir, dass die Loge massiv unter Mitgliederschwund leide, da die Alten ausstürben und keine neuen Brüder hinzukämen. Schuld daran sei seines Erachtens, dass die Gesellschaft zunehmend individualisiert sei und jeder nur seine eigenen Interessen verfolgen würde.

 

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Argumente gegen die Evolutionstheorie

DSC00151Ich heiße Simon Poppe, bin 1968 geboren und wurde 1984 von neuem geboren durch den Geist Gottes und durch den Glauben an Jesus Christus. Ich bin seit 1992 mit meiner peruanischen Frau Ruth verheiratet und wir haben eine Tochter namens Rebekka (1995). Ich bin selbständiger Malermeister (seit 1998) und habe eine Firma in Bremen mit zehn Mitarbeitern.

Ich bin zwar nicht in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, aber von Kind an habe ich an Gott geglaubt und ging auch zeitweise zu den christlichen Pfadfindern, wo ich zum ersten Mal von Jesus Christus hörte.  Als Jugendlicher war ich oft in Schlägereien verwickelt, die nicht selten vor Gericht endeten. Als ich 1983 wegen einer Schlägerei die Schule wechseln musste, lernte ich einen neuen Klassenkameraden kennen, der einer christlichen Freikirche angehörte und bis heute einer meiner besten Freunde ist. Durch ihn lernte ich zum ersten Mal die Bibel kennen und fing an, regelmäßig darin zu lesen. Am 01.09.1984 wurde ich von einer anderen evangelischen Freikirche (Missionsgemeinde Bremen) zu einer Evangelisation eingeladen. Am Abend des selben Tages bekehrte ich mich und übergab mein Leben Jesus Christus als meinen HErrn und Retter.

Im Frühjahr 1985 lernte ich dann Christen in Bremen-Blumenthal kennen, die sich keinen Namen gaben und sich im Haus eines Bruders namens Edgard Böhnke versammelten. Sie gehörten zu einem Kreis von sehr streng bibeltreuen Christen, der vor 80 Jahren mal von einem gewissen Percy W. Heward in London gegründet wurde und in mehreren Ansichten den Plymouth-Brüdern (Darbysten) ähnelt. Die Hausgemeinde wurde von einem gewissen Daniel Werner aus Sachsenheim betreut, der einmal im Monat zu Besuch kam. Mir fiel auf, dass diese Christen die Heilige Schrift viel besser kannten wie kaum jemand anderes, den ich bis dahin kannte, und ich beschloss, von da an nur noch dorthin zu gehen. Mit 17 ließ ich mich taufen (aufgrund meines Glaubens durch Untertauchen in einem See, wie es in Gottes Wort gelehrt wird)  und verbrachte dann mehrere Monate als Austauschschüler in den USA. Als ich 18 wurde, bat mich meine Mutter, das Haus zu verlassen, da sie mein radikal verändertes Leben nicht mehr ertragen konnte. So nahm mich das gläubige Ehepaar aus Blumenthal in ihr Haus auf und wurden sozusagen meine "geistlichen Eltern".

In den darauf folgenden vier Jahren lebte ich bei diesen Glaubensgeschwistern in völliger Absonderung von der Welt, d.h. ohne Radio und Fernsehen, ohne Bücher und Musik, stattdessen nur dreimal am Tag Bibel lesen, sowie beten und arbeiten. Und obwohl man sich das kaum vorstellen kann, war es für mich eine sehr glückliche Zeit in meinem Leben. Ich brach den Besuch des Gymnasiums nach der 11. Klasse ab ("Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen" - Röm.12:16) und machte eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Im Anschluss daran machte ich meinen Zivildienst im OP eines Krankenhauses.

Eines Tages im Jahr 1988 besuchte uns ein junger Glaubensbruder aus Lima, der zur selben Gruppierung gehörte wie wir. Durch ihn erfuhren wir viel von unseren Brüdern in Peru, und in mir erwuchs die Sehnsucht, diese eines Tages zu besuchen, weshalb ich anfing, mir Spanisch beizubringen. Im Sommer 1991 machte ich dann eine Radtour durch Deutschland, um Christen aus anderen Gemeinden zu besuchen. Dann verbrachte ich vier Monate in Rumänien, um beim Aufbau eines Kinderheims zu helfen. Im Januar 1992 fuhr ich dann zum ersten Mal nach Peru für drei Monate und machte von dort eine Rundreise durch Ecuador, Kolumbien, Costa Rica und El Salvador, wobei ich in vielen Gemeinden dort predigen durfte. In der letzten Woche meines Aufenthalts in Südamerika verliebte ich mich noch in Ruth, der gläubigen Tochter des leitenden Bruders in Lima, und wir beschlossen, bei meiner nächsten Peru-Reise zu heiraten.

Dies geschah dann auch im Dezember 1992 durch Gottes Güte, nachdem ich zuvor eine weitere Rundreise durch Lateinamerika gemacht hatte. In Guatemala wurde ich dann aber von dem argentinischen Geschäftsmann Samuel Franco, dem obersten Boss dieser Percy-Heward-Gruppierung, exkommuniziert, so dass ich in der Folge in einigen Ländern Südamerikas Predigtverbot bekam. Indes hatte mir Gott gezeigt, dass ich ein Heim für arme Straßenkinder gründen sollte. So kaufte ich ein Landhaus in Ecuador und beschloss 1994, mit meiner Frau Ruth nach Ecuador auszuwandern. Wir bauten das Haus um und gründeten eine Stiftung mit Hilfe eines Missionars aus Berlin namens Hans-Udo Hoster. Als jedoch 1995 meine Frau schwer krank wurde und auch noch ein Krieg ausbrach zwischen Ecuador und Peru, mussten wir das Land verlassen und fuhren wieder zurück nach Deutschland. Kurz darauf schenkte Gott uns eine Tochter namens Rebekka.

Da wir aufgrund der Krankheit meiner Frau die Kinderheimarbeit in Ecuador nicht fortsetzen konnten, suchten wir einen Nachfolger für das Projekt. Als dann 1996 zwei Kandidaten nacheinander absprangen, mussten wir die Kinderheim-Idee ganz aufgeben. Unterdessen war ich 1996 auch in eine schwere Glaubenskrise geraten, die durch Heuchelei und Inkonsequenz in den Monaten zuvor ihren Anfang nahm. Ich begann, bibelkritische Literatur zu lesen und fragte mich, ob ich mir das mit Gott und Jesus vielleicht alles nur eingebildet hätte. Nach und nach verlor ich dann völlig meinen Glauben - zum Entsetzen meiner lieben Frau Ruth, die gerade ihren Doktortitel als Tierärztin erworben hatte. Wir vereinbarten, dass unsere Tochter dennoch im christlichen Glauben auferzogen werden sollte und ich ihr bis zur Volljährigkeit nichts von meinem Unglauben verraten solle. Meine Frau betete ständig für mich und hoffte darauf, dass ich allmählich wieder zum Glauben an Gott zurückfinden würde. Ich wiederum schürte in ihr diese Hoffnung, indem wir jahrelang regelmäßig in eine freikirchliche Gemeinde gingen und zu Hause gemeinsam beteten. Tatsächlich bewegte ich mich aber immer weiter weg von Gott, indem ich heimlich düstere, antichristliche Gothic-Musik hörte und Pornofilme ansah. Auch besuchte ich eine Zeit lang die Freimaurer und Atheisten und kaufte mir jede Menge Bücher gegen den christlichen Glauben. In mir spürte ich eine tiefe Enttäuschung wie nach einer zerbrochenen Liebesbeziehung. Aber ich machte auch die Erfahrung, dass ich nun überhaupt keine Freunde oder Vertraute mehr hatte, denn allmählich hatten sich alle von mir distanziert, und neue Gleichgesinnte zu finden erwies sich als unerreichbar. Die immer stärker werdenden Rückenschmerzen meiner Frau, schweißten uns jedoch immer enger zusammen, bis meine Frau 1999 wie durch ein Wunder spontan geheilt wurde. Dass dies Gottes Barmherzigkeit war, erkannte ich damals nicht.

Nachdem ich die Meisterschule beendet hatte, machte ich mich 1998 selbständig und hatte schon nach relativ kurzer Zeit einen beachtlichen Erfolg. Da ich mich besonders um schwer vermittelbare Jugendliche kümmerte, wurde ich mehrfach ausgezeichnet, 2004 sogar zum "besten Ausbildungsbetrieb Deutschlands". Wir kauften uns ein Haus in Bremen und meine Firma wuchs auf bis zu 17 Mitarbeitern. Doch trotz aller äußeren Erfolge empfand ich mein Leben als sinnlos und leer. Mein Leben war irgendwie zu einem für mich unerträglichen Stillstand gekommen, und ich hoffte immer, dass irgendwann mal etwas passieren würde, was mein Leben auf einen Schlag völlig ändern würde. An Gott habe ich überhaupt nicht mehr gedacht, sondern war stattdessen froh und stolz, dass ich das Christentum überwunden hätte. Kaum einer wie ich kannte so viele Argumente gegen den Glauben, aber leider interessierte sich auch niemand für meine Argumente. So beschloss ich, im Internet als selbsternannter „Aufklärer“ gegen den Glauben zu Felde zu ziehen, denn wenn ich schon keine Befürworter fand, so wollte ich mir wenigstens viele Gegner schaffen, nach dem Motto: „Viel Feind', viel Ehr'“. In Foren wie „www.jesus.de“ versuchte ich, zweifelnde Christen ganz für den Unglauben abzubringen, bis ich nach mehreren „Gelben“ und „Roten Karten“ endgültig Hausverbot erteilt bekam.

2010 kehrten allmählich die Schmerzen meiner Frau zurück und wurden mit der Zeit immer schlimmer, so dass sie zuletzt fast am Leben verzweifelte und nur noch bei Gott sein wollte. Auch unsere Tochter war inzwischen in die Pubertät gekommen, so dass es immer mehr Streit und Zickenterror bei uns zuhause gab. 2013 hat man dann auf CT-Bildern eine tennisballgroße "Raumforderung" in meinem Gehirn entdeckt. Ich war mir sofort sicher, dass ich nun nicht mehr lange zu leben hatte und reagierte entsprechend mit einer stillen Wut und Trauer. Doch schon bald darauf stellte sich heraus, dass es doch kein Hirntumor war, sondern nur eine relativ harmlose „Arachnoidalzyste“.

Zwei Monate später fand man jedoch bei mir tatsächlich einen Tumor, und zwar in der rechten Nebenniere (Conn-Syndrom). Der Arzt verordnete mir bis zur OP starke Medikamente, die mich völlig lahm legten. Ich konnte meine Selbständigkeit zeitweise kaum mehr richtig ausführen und bekam Depressionen. In meiner Not betete ich zu Gott und bekannte Ihm unter Tränen meine Schuld. Eigentlich glaubte ich ja gar nicht mehr an Ihn, aber meine Verzweiflung war einfach zu groß, dass ich alles versuchen wollte. Doch plötzlich vernahm ich deutlich eine Stimme in mir, die zu mir redete, und ich war mir sicher, dass dies Gott selbst war. Minutenlang redete Er zu mir und ich lauschte wie gebannt, was Gott mir sagen wollte. Erst als ich aus diesem Gebet "erwachte", wurde mir allmählich bewusst, dass ich gerade etwas völlig Irrationales erlebt hatte, da ich Gott doch bis dahin für tot hielt. Aber nun konnte ich Ihn nicht mehr leugnen, denn die Stimme war für mich absolut real. Es war der 07.05.2014, als mir plötzlich bewusst wurde, dass ich von nun an kein Agnostiker oder Atheist mehr sein konnte, denn ich konnte Gottes Existenz nicht mehr leugnen.

In den darauf folgenden Tagen betete ich ständig, weil ich diese Erfahrung immer wieder machen wollte. Allerdings glaubte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht an die Bibel oder die Auferstehung etc. Mir reichte schon einfach der Glaube an Gott. Aber Gott selbst reichte das offenbar nicht, und so geschah es, dass ich im Sommer 2014 nach und nach auch meinen Glauben an das Wort Gottes und an Jesus Christus zurückerlangte. 18 Jahre waren inzwischen vergangen, in denen ich nicht mehr geglaubt hatte, und ich erinnerte mich wieder an meinen Taufspruch als damals 17jähriger, der sich auf einmal wie eine Prophezeiung erfüllt hatte: "Simon, Simon, siehe der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, damit dein Glaube nicht (endgültig) aufhöre; und du, wenn du einst zurückgekehrt bist, dann Stärke deine Brüder" (Luk.22:31-32).

Doch trotz meines erneuerten Denkens hatte sich mein Leben zunächst noch nicht allzu viel verändert, denn ich verfiel immer wieder in die alten Verhaltensmuster. Mein HErr Jesus zeigte mir dann an einem Abend, was der Grund sei für meine ständigen Rückschläge: Mein Zimmer war noch immer bis an die Decke angefüllt mit Hunderten von „Ablenkungs-Götzen“, d.h. von DVDs, Büchern, Musik-CDs und Hörbüchern. Ich wollte mich jedoch noch nicht von diesen trennen, weil ich so viel Zeit und Geld in diese investiert hatte, und so beschloss ich kurz vor meiner OP im Dezember 2014, wenigstens die ganzen atheistischen Bücher und CDs zu vernichten (s. Bücherverbrennung Dez. 2014). Kurz vor der Entlassung aus dem Krankenhaus habe ich dann aber fast eine ganze Nacht im Gebet verbracht und mir danach vorgenommen, alles weg zu tun aus meinem Haus, was mich an mein altes Leben erinnerte. So erleichterte ich mich nach Weihnachten von mehr als 20 Kisten an Unterhaltungsmedien und warf sie auf den Müll bzw. verschenkte sie, so dass am Ende mein Zimmer fast völlig leer war. Für mich war es, als hätte ich die Festplatte meines Lebens komplett formatiert und könnte jetzt endlich wieder frei sein ohne den ganzen "Datenmüll" meines Lebens, der sich bis dahin so sehr angehäuft hatte.

Durch diesen Befreiungsschlag fand ich endlich die innere Ruhe, um von dort an wieder regelmäßig mit meiner Frau zu beten und in der Bibel zu lesen. Unsere Ehe wurde durch diese Maßnahme auf einen Schlag in die oberste Glücks-Liga katapultiert, und ich kann sagen, dass dies bis heute anhält. Auch in der Beziehung zu meiner Tochter wurden dann allmählich Fehlentwicklungen geheilt, so dass ich heute wieder eine sehr vertrauliche Beziehung zu mir hatte. Selbst meine Mitarbeiter staunten nicht schlecht über meine radikale Veränderung. Zwei von ihnen fingen dann ebenso an, in der Bibel zu lesen und wurden Christen. Im Sommer 2015 traf ich mich dann jeden Samstag mit einem Bruder in der Bremer Innenstadt und predigte das Evangelium in der Fußgängerzone. Auch zahlte ich über 30.000 € an das Finanzamt zurück wegen vergangener Steuersünden. Und wenn Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlen wollten, ging ich nicht mehr sofort zum Anwalt, um sie zu verklagen, sondern einigte mich außergerichtlich mit ihnen, gemäß dem Worte Jesu in der Bergpredigt: „Willfahre deiner Gegenpartei schnell, während du mit ihr auf dem Wege (zum Gericht) bist…Widerstehet nicht dem Bösen, sondern wer irgend dich auf deinen rechten Backen schlagen wird, dem biete auch den anderen dar…“(Matth.5:25, 6:39).

Zu Gottes Ehre kann ich nur bekennen: Gott hat wirklich alles neu gemacht in meinem Leben und mir all das hundertfach erstattet, was ich zuvor um Seinetwillen aufgegeben hatte. Ich war so dumm gewesen, dass ich glaubte, ohne Gott ein besseres Leben führen zu können, aber jetzt wo Gott mir die Augen geöffnet hat, kann ich nur beschämt mich vor Ihm beugen und bekennen wie Hiob: „So habe ich denn beurteilt was ich nicht verstand. Dinge zu wunderbar für mich, die ich nicht kannte. Höre doch, und ich will reden; ich will Dich fragen, und Du belehre mich! Mit dem Gehör des Ohres hatte ich von Dir gehört, aber nun hat mein Auge Dich gesehen. Darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche“ (Hiob 42:3-6).

vereinsamt nietzsche 

Nietzsche hatte zumindest in diesem Punkte recht, wenn er in seinem Gedicht schrieb, dass man ein "Narr" ist, wenn man die Wärme und Geborgenheit bei Gott verläßt und sich aufmacht, um in die "stumme und kalte Welt" außerhalb hinauszugehen, wo man innerlich nur erfrieren kann. Ja, wahrlich: "Weh dem, der keine Heimat hat!" Dieses Bild habe ich 2011 gemalt, als mir im tiefsten Grunde bewußt wurde, was ich alles durch meinen Abfall vom Glauben verloren hatte. Heute, nachdem ich als "verlorener Sohn" zu meinem Vater zurückgekehrt bin, kann ich nur mit Paulus sagen:

"Was irgend mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust geachtet; ja, wahrlich, ich achte auch alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, Meines HErrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe und es für Dreck achte, auf dass ich Christum gewinne und in Ihm erfunden werde...um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden... Nicht dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet sei, ich jage Ihm aber nach... Brüden, ich halte mich selbst nicht dafür, es ergriffen zu haben; EINES aber tue ich: Vergessend was dahinten, und mich ausstreckend nach dem, was vorn ist, jage ich, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes in Christo Jesu." (Phil.3:7-14)

Amen!

Bremen, den 22.02.2016                Simon Poppe

 

Ein Gespräch über Fundamentalismus und Bibelkritik


A: „Simon, die Kirchen heute haben längst erkannt, dass man die Bibel historisch-kritisch verstehen muss, das heißt bei der Auslegung auch das geschichtliche Umfeld der Autoren und ihre menschliche Situation berücksichtigen muss, um dadurch herauszufiltern, was die Bibel uns heute noch sagen kann. Wir leben heute nicht mehr im Altertum und brauchen neue Antworten auf die Fragen unserer Zeit, denn sonst bleiben wir als Ewig-Gestrige in der Vergangenheit gefangen.“

S: „Das klingt für mich in etwa so, als würde man die Tauglichkeit des Grundgesetzes daran messen, in welcher sozialen und psychischen Verfassung dessen Väter waren. Aber was kümmert es die Eiche, wenn die Wildsau sich an ihr reibt? Die Bibel ist das lebendige und ewige Wort Gottes, durch welches Gott heute noch genauso aktuell zu den Glaubenden redet wie zu allen Zeiten. Sie bleibt aber den Unglaubenden und Treulosen verschlossen. Deshalb tüfteln sie verzweifelt an Möglichkeiten, wie man auch ohne Glauben noch einen Nutzen ziehen könnte aus der Heiligen Schrift, damit sie nicht ihren gutbezahlten Kirchenjob verlieren. Anstatt aber der Treue und Zuverlässigkeit des göttlich inspirierten Wortes zu vertrauen, verlassen sich die modernen Theologen lieber auf die Erkenntnisse atheistischer Archäologen und Religionswissenschaftler, die vom Satan benutzt werden, um den Menschen das Wort Gottes zu entreißen.“

A: „Damit unterstellst du aber allen Christen, die eine andere als deine fundamentalistische Art der Auslegung der Bibel bevorzugen, dass sie gar keine Christen seien. Tatsache ist aber, dass Ihr Fundamentalisten heute in der Minderheit seid, zumindest in Deutschland, und dass sich die moderne historisch-kritische Auslegung sich schon seit etwa hundert Jahren durchgesetzt hat.“

S: „In der Tat haben die Kirchen in Deutschland den riesigen "Fehler" gemacht, dass sie versucht haben, die Heilige Schrift zu entmystifizieren, indem sie die Wunder der Bibel in Frage stellten und alle wissenschaftlich nicht überprüfbaren Geschichten der Bibel ins Reich der Mythen verbannt haben. Damit aber haben sie geistlich Selbstmord begangen, indem sie den Menschen die Erfahrung des Glaubens geraubt haben. Sie selbst haben keinen Zugang zum Glauben gefunden und hindern jetzt diejenigen, die einen Zugang suchen, indem sie erst mal alles Pikante in der Bibel relativieren und in Frage stellen. Das ist ungefähr so, wie wenn ich einem schönen Glas Bier zunächst den Alkohol und dann die Kohlensäure entziehe und es zum Schluss noch erhitze. Zurück bleibt eine ungenießbare Plörre, die keiner mehr trinken will. Der HErr Jesus sagt: ‚Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz seine Kraft verliert, womit soll man sie ihm wiedergeben? Es taugt zu nichts mehr, als weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden‘ (Matth. 5:13). Deshalb gehen der evangelischen und katholischen Kirche seit Jahren die Mitglieder verloren, während die Freikirchen und Sekten regen Zulauf haben.“

A: „Ich bin ehrlich gesagt heilfroh, dass die Glaubensfanatiker heute nicht mehr über die Welt herrschen wie zur Zeit des Mittelalters. Seit der Aufklärungsepoche im 18. Jh. genießen wir heute eine noch nie zuvor dagewesene Freiheit und Frieden. Dieser Friede wird heute jedoch bedroht durch die neuen Fundamentalisten, seien es die aus dem Islam oder dem Christentum. Fundamentalisten wie du wollen sich nicht aufklären lassen, sondern verführen die Menschen, Andersdenkende zu bekämpfen und sogar ihr Leben zu opfern für ihren Glauben. Deshalb sind Fundamentalisten wie ein Krebsgeschwür in jeder Gesellschaft, das es auszurotten gilt. Fundamentalisten sind die größte Gefahr für den Weltfrieden!“

S: „Na, das hast Du aber schön auswendig gelernt. Oder ist es nur nachgeplappert, nachdem Du ähnliche Hetzparolen schon viele Male zuvor in den Medien gehört hast? Der Mensch braucht ja immer ein Feindbild, und am besten eignet sich dafür das, was man am wenigsten kennt. Denn auf ein solches lassen sich auch gut und gerne alle einseitigen und falschen Vorstellungen projizieren, die man von dem Fremden hat. Es erinnert mich ein wenig an das berühmte Buch von George Orwell "1984", in welchem er ein Bild der Zukunft entworfen hat von einer gleichgeschalteten Menschheit, die von einer "Gedankenpolizei" überwacht wird, damit niemand aus der Reihe tritt. Einmal am Tag gibt es auf den Bildschirmen aller Fabriken den sog. "Zwei-Minuten-Hass". Da wird also der von allen gehasste Abtrünnige Emmanuel Goldstein gezeigt, der Urverräter, der die Reinheit der Partei besudelt hat und dem alle Verbrechen und Sabotageakte angelastet werden. Obwohl man nichts von ihm wusste - nur dass er sich irgendwo versteckt im Untergrund aufhält, wurde er von der Allmachtspartei als größte Bedrohung dargestellt. Und wie auf Knopfdruck gerät das ganze Volk bei seinem Anblick in ein unkontrolliertes Wutgeschrei, einer Mischung aus Angst und Zorn. Die Gedankenpolizei kontrolliert dabei, ob auch wirklich alle bei dem Einklang mitmachen. Doch die Gruppenhysterie bewirkte, dass man unwillkürlich mitmachte und niemand sich dem Taumel aus Angst und Rachsucht entziehen konnte.“

A: „Dein Vergleich hinkt aber gewaltig! Unsere Demokratie ist so offen und liberal wie kaum eine andere Gesellschaft der Geschichte, und ausgerecht diese vergleichst Du mit einem Überwachungsstaat! Das ist doch alles verschwörungstheoretisches Geschwätz! In Wirklichkeit ist es doch genau anders herum, denn einen solchen Überwachungsstaat hätten wir ja erst gerade dann, wenn solche unfehlbaren Ideologen oder fundamentalistischen Religionsführer an der Macht wären wie z.B. im Iran. Dann nämlich gibt es wirklich nur noch EINE Wahrheit, die von niemandem angezweifelt werden darf. Kein Wunder, dass gerade arme und ungebildete Menschen empfänglich sind für alle diese Heilsversprechen.“

S: „Etwa solche wie Mohammed Atta und die anderen 09/11-Terroristen, die in Hamburg studierten?“

A: „Es gibt unter religiösen Menschen sicherlich auch welche, die studiert haben.“

S: „Ach, was Du nicht sagst! Es gibt sogar in Harvard Professoren, die an den biblischen Gott glauben, was doch eigentlich theoretisch gar nicht sein dürfte. Sicherlich - und da stimme ich Dir zu - gibt es in amerikanischen Universitäten mehr atheistische Professoren als im vergleichbarem Durchschnitt der Bevölkerung. Aber das sagt nichts über den Wert von Religion aus, sondern gibt nur bestenfalls Auskunft über die Glaubensfähigkeit gebildeter Menschen.“

A: „Trotzdem fällt auf, dass die meisten Terroristen der Welt religiös motiviert sind und dass Religionen besonders in armen und ungebildeten Ländern ihre Anhänger rekrutieren. Schlichte Gemüter suchen einfache Antworten für komplexe Fragen. Ein aufgeklärter Mensch hingegen geht solchen Rattenfängern nicht auf den Leim, weil er fähig ist, Heilversprechen immer wieder neu kritisch zu hinterfragen.“

S: „Auch die moderne, aufgeklärte Welt bietet durch ihr ‚Wikipedia‘-Wissen den Menschen ein trügerisches ‚Heilsversprechen‘, indem den Leuten suggeriert wird, dass sie allein durch ihr Daten-Wissen schon genug Erkenntnis erlangen würden, um ihr Leben zu meistern. Der einzige Unterschied zwischen Glauben und Wissen besteht für mich in dem Dünkel.“

A: „Du verzerrst die Tatsachen: Die Wissenschaft ist per se immer auch selbstkritisch und damit offen für Korrektur. Aber sie verspricht den Menschen kein besseres Leben, wie es die Religionen tun, sondern bietet ihnen nur die Möglichkeit, ihre Entscheidungen auf Grundlage von Faktenwissen zu treffen, anstatt auf fragwürdigen Hoffnungen auf ein besseres Leben nach dem Tod. Zudem schüchtert sie Menschen auch nicht ein durch die Androhung von ewigen Höllenstrafen, sondern beliefert sie mit prüfbaren Daten, um sich ein objektiveres Bild von der Wirklichkeit zu machen. Wenn du also hier von einem ‚Feindbild‘ sprichst, dann solltest du dich mal fragen, inwiefern du nicht selber gerade einen Popanz konstruierst, indem du der Wissenschaft eine Allmacht unterstellst, die sie nie für sich beansprucht hat.“

S: „Ich habe nicht behauptet, dass die Wissenschaft ihre Erkenntnisse nicht hinterfragen tut, sondern dass wir Menschen unsere Überzeugungen allgemein nicht hinterfragen wollen, egal ob religiös oder wissenschaftlich begründet, weil wir uns aufgrund unserer Eitelkeit ungerne in Frage stellen lassen wollen. Darin, und nur darin sehe ich keinen Unterschied zwischen Glauben und Wissen.
Es ist auch so eine typisch klischeehafte Unterstellung, dass religiöse Menschen ihren Glauben nicht hinterfragen würden. Selbst bei Fundamentalisten gibt es immer wieder mal Momente im Leben, in welchem sie Anfechtungen und Zweifel haben, auch wenn sie das nicht unbedingt immer zugeben würden.“

A: „Und das nenne ich Scheinheiligkeit! wenn man versucht, nach außen hin als etwas besseres erscheinen will als andere. Warum steht man nicht einfach zu seinen Schwächen?! Aber durch diese ständige Heuchelei werden junge Männer irgendwann zu Selbstmordattentätern, weil sie sich sagen: ‚Wenn ich es schon nicht durch mein Leben schaffe, Gott zu gefallen, dann doch wenigstens durch meinen Tod als Märtyrer!‘ Deshalb sehe ich religiösen Fanatismus als größte Gefahr für die Welt.“

S: „Du musst aber zugeben, dass es fundamentalistische Denkweisen in allen bestehenden Gruppen der Gesellschaft gibt, sogar bei den Atheisten, und dass das Bedürfnis nach Schutz und Bewahrung der eigenen Erkenntnis immer dazu führen kann, dass man den jeweils anders Denkenden als Gefahr sieht und ihn ausgrenzt. Der Andersdenkende wird dann durchweg der boshaftesten Absichten und der gemeinsten Irreführung beschuldigt. Hier sind eben die Guten und dort sind die Bösen, so einfach ist das.“

A: „Nein, so einfach ist es eben nicht! Der Unterschied besteht nämlich darin, ob ich eine objektive - d.h. wissenschaftlich haltbare - Weltsicht habe oder ob ich eine subjektive - d.h. von Mythen und Märchen geprägte - Weltsicht habe.“

S: „Und selbstverständlich identifizierst Du Dich mit Deinem Standpunkt in dieser Auseinandersetzung mit der objektiven Wirklichkeit. Das ist jedoch ein naiver Trugschluss! Denn auch Du nimmst wie jeder Mensch gutgläubig an, dass Deine Erkenntnis auch dem wirklichen Sachverhalt entspricht und hast keine Veranlassung daran zu zweifeln. Du glaubst, dass die Dinge an und für sich auch so sind, wie sie von Dir wahrgenommen werden. In Wirklichkeit hältst Du nur die von den Medien vertretenen Wertbilder für Dein eigenes seelisches Empfinden. Diese vorgegebenen Normen wurden in Dir zur ‚eigenen Überzeugung‘ in Deinem Bewusstsein und zum ‚Gewissen‘ gemacht, das absoluten und unbedingten Gehorsam fordert und keine kritische Hinterfragung und Relativierung duldet, genauso wie bei religiösen Fundamentalisten."

A: „Ach Simon, - was du alles über mich zu wissen glaubst! Hör doch auf, dich hier als abgeklärten Welterklärer aufzuspielen! Mir ist schon klar, dass es gar keine absolute Objektivität gibt. Alle unsere Aussagen über die Welt sind immer irgendwie subjektiv.“

S: „Das ist doch mal eine gute Gesprächsgrundlage. Denn sich dies einzugestehen, ist sicherlich auch eine ‚Zumutung‘ und in gewissem Sinne ein ‚Opfer‘. Wenn man sich zurücknimmt auf seine eigene Subjektivität, schafft man einen ungeahnten Freiraum für den Gesprächspartner, dem es dann im Gegenzug auch eher möglich wird, seine Subjektivität ins Spiel zu bringen und damit einen ähnlichen Freiraum anzubieten.“

A: „Es gibt zwar keine absolute Objektivität, wohl aber eine relative. Diese gründet sich auf wissenschaftlich überprüfbare Fakten und nicht auf unbewiesene Glaubenssätze. Jeder kann natürlich immer noch glauben, was er will; aber man darf dabei auch nicht die Augen verschließen vor der Wirklichkeit. Wenn die Bibel also z.B. von Wundern oder von Totenauferstehung spricht, dann sind das Glaubensaussagen, aber keine Tatsachen.“

S: „Woher willst Du das wissen, dass diese Dinge keine Tatsachen sind? Warst Du etwa dabei?“

A: „Nein, natürlich nicht. Aber es gibt auch heute noch keine echten Wunder und Totenauferstehung. Alles geht mit rechten Dingen zu. Also warum sollte es damals anders gewesen sein?!“

S: „Ob es damals aber anders war als heute, kannst Du nicht wissen, sondern nur glauben. Also ist der Satz: ‚Es gab diese Wunder nicht‘, auch nur eine Glaubensaussage.“

A: „Das ist doch absurd! Dann könnte jemand genauso gut behaupten, dass es die sieben Zwerge und die böse Hexe einmal gab. Oder dass es eine fliegende Kaffeekanne gibt, die um die Erde kreist, oder das fliegende Spaghettimonster! Solange man die Existenz einer Sache nicht beweisen kann, muss man auch nicht notwendigerweise von dessen Existenz ausgehen.“

S: „Du kannst mit wissenschaftlichen Methoden nichts beweisen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Du kannst aber geschichtliche Berichte glauben, solange Du keinen begründeten Anlass hast, sie anzweifeln zu müssen.“

A: „Diesen begründeten Anlass habe ich doch aber! Denn wenn so viele übernatürliche Ereignisse, wie sie in der Bibel beschrieben werden, in der Gegenwart noch nie passiert sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Geschichten erfunden sind, doch sehr, sehr hoch. Und zudem kommt noch, dass die damalige Zeit dafür bekannt war, dass man solche Wundergeschichten erfunden hat, ohne dass dies die religiöse Aussage irgendwie beschädigen würde, da es für das religiöse Leben unbedeutend ist, ob diese Geschichten tatsächlich passiert sind.“

S: „Auf solche geistigen Fehlkonstruktionen können auch nur die von Gott längst abgefallenen, unaufrichtigen und heuchlerischen Theologen von heute kommen! Für meinen Glauben ist es aber durchaus von Bedeutung, dass die Dinge auch tatsächlich passiert sind, denn sonst müsste ich ja auch an der Allmacht Gottes zweifeln. Angesichts der Schönheit und Weisheit der Schöpfung habe ich aber keinerlei Grund dazu.“

A: „Dein naiver Glaube sei dir ja belassen. Aber wenn sich heute ernsthafte Wissenschaftler mit der Bibel auseinandergesetzt haben, dann solltest du deren Erkenntnisse ernst nehmen und es als eine Herausforderung für deinen Glauben ansehen. Denn das sind echte Experten, während du nur ein Laie bist mit einer eher dilettantischen Herangehensweise an die Bibel.“

S: „Die Bibel selbst bezeugt, dass sie gar nicht für die Klugen der Welt geschrieben wurde, sondern gerade für einfache Leute, denen Gott aber einen großen Glauben geschenkt hat: ‚Das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, damit Er die Weisen zuschanden mache‘(1.Kor.1:27), denn Gott will nicht, dass sich irgendwer vor Ihm rühmen könne. Deshalb betete Jesus damals zu Seinem Vater: ‚Ich danke Dir, Gott, HErr des Himmels und der Erde, dass Du dies vor klugen und intelligenten Menschen verborgen hast und hast es stattdessen einfältigen Kindern geoffenbart! Ja, Vater, denn genauso war es wohlgefällig für Dich!‘ (Matth. 11:25-26). Die Bibel ist so geschrieben, dass sogar ein kleines Kind sie verstehen kann, weil es aufrichtig und ehrlich ist. ‚Gott hat den Menschen aufrichtig geschaffen, sie aber suchen immer wieder viele Konstruktionen‘ (Pred. 7:29).“

A: „Das ist wirklich der Gipfel an Unverschämtheit und Volksverdummung! Da wird den Einfältigen und Ahnungslosen auch noch weisgemacht, dass ihre Einfalt und Ahnungslosigkeit Gott wohlgefällig ist! Dann braucht man sich ja wirklich nicht mehr wundern, dass sie nichts mehr dazu lernen.“

S: „Wenn dies wirklich eine perfide List von machthungrigen Religionsführern wäre, dann hättest Du sicher recht. Aber gesetzt den Fall, dass Gott in Seiner Weisheit tatsächlich beschlossen hat, die dünkelhafte, jedoch begrenzte Erkenntnis des Menschen beschämen zu wollen, wäre es dann nicht allzu folgerichtig, dass Er sich gerade solche Menschen erwählt, die eher unbelesen und unverbildet sind, die also noch ein ganz natürliches Empfinden haben, um das Wort Gottes so anzunehmen im kindlichen Glauben wie es geschrieben steht?“

A: „Unverbildet!?! – wenn ich das schon höre! Als ob Bildung schädlich sein könnte! Dabei ist es doch gerade das Lesen von möglichst vielen Büchern, dass einem Menschen hilft, seinen engen Horizont zu erweitern. Wie soll denn ein Mensch, der in einer Sekte gefangen ist, je herausfinden, dass er im Irrtum ist, wenn er nie die Literatur liest, die sich kritisch mit dieser Sekte auseinandersetzt, sondern stattdessen – wenn überhaupt – nur die eigenen Schriften der Sekte liest, die ihn immer weiter einlullen?!“

S: „Liest denn etwa ein Atheist in der Bibel, um sich kritisch mit den Aussagen der Bibel auseinanderzusetzen? In Wirklichkeit lesen Atheisten doch auch am liebsten nur die Bücher ihrer
atheistischen Buchverlage. Denn es geht auch ihnen immer nur um Selbstbestätigung, aber nie um Selbstkritik. Die Verlage wollen einem die angestammte Sichtweise selbstverständlich nicht ausreden oder anzweifeln, sonst würden die Bücher ja nicht gekauft werden. Es geht immer nur darum, seinen Köcher mit neuen Argumenten zu füllen, um sie gegen die Gegner einzusetzen.“

A: „Ein Atheist ist aber frei; er kann lesen was er will. Ein Christ hingegen darf keine bibelkritische Literatur lesen, sondern ist gezwungen, nur die Bibel oder biblische Literatur zu lesen.“

S: „Falsch. Ein Christ wird genauso wenig zum Bibellesen gezwungen, wie ein Sportler dazu gezwungen wird, zu trainieren. Aber in beiden Disziplinen (=Jüngerschaften) gibt es einfach ein starkes Bedürfnis, durch regelmäßiges Trainieren zu wachsen.“

A: „Wenn ich aber in der Erkenntnis wachsen will, dann genügt es nicht, wenn ich nur ein einziges Buch wieder und wieder lese. Im Gegenteil: dies führt nur zu Verblödung und innerer Verbohrtheit. Bildung entsteht aber gerade im Diskurs, in der Kontroverse. Erst im Prüfen und Abwägen unterschiedlichster Argumente kann ein Mensch sich überhaupt erst eine eigene Meinung bilden. Erst durch den Widerspruch ist überhaupt erst Wissenschaft und Forschung entstanden. Ebenso in der Politik wurden Fehlentwicklungen erst durch das Zulassen und Hören von Kritik durch die Opposition aufgedeckt und beseitigt. Ohne Kritik gibt es keine Veränderung und damit auch kein Wachstum.“

S: „Grundsätzlich stimme ich Dir zu, sofern es zwischenmenschliche Beziehungen betrifft. Auch ich als Mensch kann mich nicht geistig entwickeln, wenn ich nicht mit meiner Umwelt interagiere und deren Kritik an mir ernst nehme. Die höchste Form der Kritik ist die Selbstkritik. Sie ist ein Zeugnis von innerer Reife und sollte daher auch immer eine Vorrangstellung haben vor der Kritik an anderen. Ironischerweise wird niemand freiwillig zugeben, dass er nicht selbstkritisch sei, obwohl er gerade dadurch beweist, dass er es NICHT ist.“

A: „Wenn du kritisches Hinterfragen befürwortest, warum klammerst du es dann in Bezug auf die Bibel aus?“

S: „Um diese Frage beantworten zu können, muss ich etwas ausholen und würde gerne mal ein Bild aus der Natur verwenden: Ursprünglich hat der Begriff ‚Kritik‘ seinen Ursprung im griechischen Wort für ‚Schneiden‘. Kritik ist sozusagen wie eine Schere, mit der man einen Baum beschneiden kann, damit er schöner aussieht und besser wächst. Kritik kann aber auch sehr zerstörerisch wirken, gleichsam einer empfindlichen Pflanze, die sich nach einem allzu drastischem Beschnitt nicht mehr erholt, sondern eingeht.

Kritik kann aber auch sinnlos sein, so wie wenn ich versuchen würde, mit einer Heckenschere einen viel zu dicken Ast abzuschneiden. Solche ‚Äste‘ sind wie Ansichten, die über Jahre gewachsen sind und sich durch stürmische Zeiten hinweg bewährt haben, und von denen sich niemand so ohne weiteres trennen möchte. Dazu bedarf es vielmehr des geduldigen und beharrlichen Einwirkens einer Säge, die durch das fortlaufende Hin und Her der scharfen Argumente sich immer tiefer gräbt in die Thematik bis zu dem Punkt, wo der Ast seine Stabilität verliert, d.h. ein für stabil geglaubter Standpunkt seine Haltbarkeit verliert.

Nun kann ja jeder in seinem Garten machen, was er will, ohne dass andere ein Recht hätten, sich einzumischen. Selbst wenn also jemand seinen Garten verwildern lässt, so dass er keinen schönen Anblick mehr bietet, ist das Privatsache. Wenn ich jedoch nur ein angestellter Gärtner bin und die Aufgabe habe, den Garten meines Chefs instandzuhalten, dann kann ich mit dem Garten nicht mehr machen, was ich will, denn sonst wird der Chef mich eines Tages ‚abschneiden‘, sprich: kündigen.
Die Bibel sagt, dass die Welt wie ein Garten ist, den Gott z.T. bepflanzt hat und über den Er Verwalter gesetzt hat. Eines Tages wird Gott Rechenschaft fordern von den Verwaltern. Und dort, wo sie Unkraut wachsen ließen, wird es ausgerissen, und wilde Bäume werden gefällt und verbrannt werden.

Und genauso sehe ich auch die Welt mit ihren unterschiedlichsten ‚Auswüchsen‘: Die Menschen können heute machen, was sie wollen – selbst die Bibel können sie kritisieren. Aber egal ob sie die Bibel verbrennen oder durch falsche Auslegungen unwirksam machen wollen – Das Wort Gottes bleibt dennoch in Ewigkeit bestehen und wird jene Menschen, die sich daran vergriffen haben, arg bestrafen. Ich selbst war auch mal so vermessen, die Heilige Schrift in Frage zu stellen, aber durch Gottes Gnade hat der Heilige Geist mir die Augen geöffnet, dass ich Gottes Wahrheit darin erkennen durfte.“

A: „Simon, ich glaube, dass du in einem System gefangen bist, dass in sich seine eigene Logik hat und deshalb von außen auch kaum angreifbar ist. Egal mit welchem Argument man dir kommen wird – du findest immer auch eine passende Stelle, wo du dieses zuordnen und dadurch entschärfen kannst, weil all diese Argumente in deinem System berücksichtigt werden.

Ich werde dir jetzt auch mal einen Vergleich anbieten, und zwar eine chinesische Fabel, die ich vor langer Zeit mal aufgeschnappt habe:

Es war einmal ein Künstler, der ein Bild gemalt hatte und lud danach all seine Freunde und Verwandten ein, um sich dieses Bild anzuschauen. Sie kamen alle und betrachten das Bild, während der Hausherr im Hintergrund blieb. Auf dem Bild war ein Tal mit Bergen herum zu sehen, und mitten im Bild befanden sich ein kleines Haus und ein Weg, der zum Haus führt. Die Besucher bewunderten das schöne Bild und fingen an, Fragen zu stellen. Als keine Antwort kam, drehten sie sich um und stellten fest, dass der Künstler verschwunden ist. Sie suchten ihn überall und schließlich fanden sie ihn: Sie fanden ihn in dem Bild ! Er stand auf dem Weg und ging auf das Haus zu. Dann wandte er sich ihnen zu, winkte ihnen noch einmal und ging dann in das Haus hinein. Seither wurde er nie wieder gesehen...

Der Mensch schafft sich also seine eigene Welt. Aber er ist sich unsicher, ob diese auch vor den kritischen Blicken seiner Umwelt bestehen kann. Wenn die anderen aber zufrieden sind, dann versenkt sich der Mensch in diese Welt, in der er leben will, und kommt nie wieder aus ihr heraus. Er schließt quasi seinen Frieden mit sich und seiner Umwelt, und er braucht seine alten Freunde dann nicht mehr.“

S: „Die Geschichte ist recht interessant, aber wenn Du sie auf mich beziehen willst, dann hinkt der Vergleich mindestens an drei wesentlichen Punkten: 1.) ich habe mir meinen Glauben nicht selbst entworfen, sondern ihn vorgefunden und angenommen. Und 2.) mache ich die Annahme dieses Glaubens nicht von der Zustimmung oder Ablehnung anderer Menschen abhängig. Und 3.) ziehe ich mich eben gerade nicht danach in mein Schneckenhäuschen zurück und kapsle mich von anderen ab, sondern im Gegenteil versuche ich, sie ebenfalls für meinen Glauben zu gewinnen.“

A: „Wenn du mich für deinen Glauben gewinnen willst, dann musst du dir schon die Mühe machen, auf bibelkritische Argumente einzugehen und sie nicht einfach mit dem Hinweis abzuwehren, dass Gott die Gebildeten der Welt ohnehin nicht erwählt hat und man deshalb auch gar nicht auf ihre Vorwürfe eingehen muss.“

S: „Das habe ich gar nicht behauptet. Dann nenne mir doch mal eines Deiner bibelkritischen Argumente.“

A: „Zum Beispiel das Problem mit der Überlieferung. Die Bibel berichtet ja von Ereignissen, die angeblich schon vor zwei- oder dreitausend passiert sein sollen. Damals gab es aber noch gar keine Bücher, denn das Schreiben wurde ja erst ca. 1000 v.u.Z. erfunden. Wie aber erklärst du dir dann, dass angeblich so komplexe Geschichten wie die aus dem 1.Buch Mose allein durch Erinnerung überliefert worden sein sollen? Man nimmt heute an, dass die Bücher des Pentateuchs erst im 8 Jh.v.u.Z. durch den jüdischen König Josia geschrieben wurden, der sie lt. Bibel angeblich erst beim Aufräumen im Tempel gefunden haben will.“

S: „Das ist Unfug. Das Lesen und Schreiben wurde schon 3000 Jahre v.Chr. in Mesopotamien erfunden, nämlich die Keilschrift, auch wenn sie nur wenige beherrschten. Moses wurde in Ägypten unterrichtet in aller damals vorherrschenden ‚Weisheit‘, also auch in der ägyptischen Sprache, den Hieroglyphen. Aber auch unter den Israeliten muss es viele andere gegeben haben, die lesen und schreiben konnten, weil sie sogar im Gesetz aufgefordert werden, Verträge und Dokumente schriftlich festzuhalten. Und die ganzen Psalmen, die David schrieb, soll sich angeblich irgendein unbekannter Schreiber erst im 8. Jh. alle ausgedacht haben? Das ist atheistisches Wunschdenken.“

A: „Nein! Es gibt noch andere Ungereimtheiten, die das 1.Buch Mose Lügen strafen: Angeblich ritten Abraham und seine Leute auf Kamelen. Diese wurden aber erst nach 1000 v.u.Z. domestiziert. Und dann heißt es, dass die Juden in 1.Mo.42 ihr Getreide mit Geld bezahlten. Die ersten Münzen wurden aber erst im 7.Jh. in Kleinasien erfunden.“

S.: „Deine Zahlen stimmen schon wieder nicht. Schon im 4. oder 3. Jahrtausend v.Chr. entstand das Hauskamel in Mittelasien und wurde danach als begehrtes Trag- und Reittier über weite Teile Asiens verbreitet. Und von Münzen steht auch nichts in der Bibel, sondern es heißt wörtlich ‚Silber‘, das als Tauschmittel zu festen Gewichtseinheiten in Ägypten Verwendung fand. Deine Zahlen hast Du aus jenem SPIEGEL-Artikel von 2002 über die Archäologen Finkelstein und Silbermann übernommen, hast sie aber nicht überprüft.“

A: „Weil ich auch keinen Anlass zum Zweifel hatte, denn die beiden sind seriöse Wissenschaftler, die einfach nur ihren Job gemacht haben. Aber ich werde deine Angaben jetzt noch einmal mit Google überprüfen.“

S: „Kein Mensch ist frei von eigenen Interessen und Voreingenommenheit, auch nicht sog. ‚seriöse Wissenschaftler‘, - was nicht selten zu fehlerhaften Forschungsergebnissen führt. Ein Beispiel: Wenn jemand unvoreingenommen diese Berichte in 1.Mose liest, würde er gar nicht auf die Idee kommen, dass diese Angaben falsch sein müssen. Solche Angaben fallen nicht einfach so ins Auge, sondern man entdeckt sie erst dann, wenn man zuvor gezielt nach ihnen gesucht hat. Diese Suche wiederum wird gewöhnlich erst durch eine vorgegebene Hypothese oder Theorie geleitet, z.B.: ‚Die Geschichten aus 1.Mose dürfen nicht stimmen, deshalb muss es irgendwo Hinweise geben, dass diese Geschichten erst über 1000 Jahre später aufgeschrieben wurden und daher mit größerer Wahrscheinlichkeit der Phantasie entspringen. Bestimmte Angaben werden der eigenen Hypothese entsprechend beachtet, während andere gar nicht erst ins Blickfeld gelangen. Dadurch steht der Wissenschaftler in Gefahr, der eigenen Theorie hinderliche Angaben auszuschließen oder zu übersehen.“

A: „Das mag ja sein, aber das gilt doch in erster Linie für bibelgläubige Wissenschaftler, die ihre Forschung nur zum Zwecke der Bestätigung biblischer Angaben betreiben und daher alles andere als objektiv und neutral sind. In ihrem Buch ‚Keine Posaunen vor Jericho‘ haben Finkelstein und Silbermann eindeutig nachgewiesen, dass es niemals einen Auszug Israels aus Ägypten gegeben haben kann, denn zur fraglichen Zeit um 1250 v.u.Z. regierte Pharao Ramses II als einer der bedeutendsten Herrscher des Alten Ägypten, der niemals zugelassen hätte, dass ihn ein kleines Nomadenvolk wie Israel einfach den Rücken kehrt. Das ist auch historisch in keiner einzigen Chronik erwähnt, und damit unbewiesen.“

S: „Ob es nun Ramses II war oder ein anderer Pharao, ist irrelevant; aber nach der biblischen Chronologie fand der Exodus möglicherweise um 1.450 v.Chr. statt, also schon 200 Jahre vorher. Andere Bibelkenner wie Roger Liebi datieren ihn sogar noch früher, nämlich im Jahr 1.606 v.Chr. also während des Mittleren Reiches in Ägypten. Zur damaligen Zeit, also ab Ende der 12. Dynastie, entstanden im Ostdelta und im gesamten Gebiet ‚Goschen‘, Siedlungen westsemitischer Halbnomaden, deren Stammesoberhäupter nicht nur sehr wohlhabend waren, sondern auch mehrfach zu höheren Positionen am ägyptischen Hof gelangten. Diese „asiatische“ Bevölkerung dehnte sich während der 13. Dynastie weiter aus, wurde aber - wie aus verschiedenen Quellen dieser Zeit hervorgeht - z. T. unterjocht. So berichtet ein Papyrus aus der Regierungszeit Königs Sobekhotep III. (1740 v. Chr.) von einer nicht geringen Anzahl von Sklaven in einem thebanischen Haushalt, mit sehr hebräisch klingenden Namen wie Menahem, Issachar, Asser und Schipra. Es wird vermutet, dass diese Gruppe von Westsemiten um 1650 v. Chr., am Ende der 13. Dynastie – als das Land von Epidemien und Anarchie heimgesucht wurde – Ägypten verlassen hat.“

A: „Schon klar! Und dann sind sie zu Fuß durch das Rote Meer marschiert und haben dann in glorreichen Schlachten die Festungen der Völker Kanaans erobert. Merkwürdigerweise haben die Archäologen bei ihren Ausgrabungen bis heute kaum Spuren von einem israelischen Königreich im Heiligen Land gefunden, so wie es in der Bibel über David und Salomo heißt. Die Historiker gehen heute von einer nachträglichen Beschönigung aus.“

S: „Es ist immer die Frage, wen man fragt. Vor kurzem hat ein Team um den Archäologen Jossef Garfinkel eine riesige Befestigungsanlage vor den Toren Jerusalems ausgegraben, in Khirbet Qeiyafa, und die darin gefundenen Tonscherben in althebräischer Schrift für die Zeit um 1000 v.Chr. datiert. Die Archäologen sind sich sicher, dass es sich um den Königspalast Davids handeln muss. Die Theorien von Finkelstein oder de Wette, dass es sich beim Alten Testament um eine Dokumenten-fälschung der Zions-Priester handelt, sind längst veraltet und mit den neuesten Funden nicht mehr haltbar.“

A: „Das höre ich zum ersten Mal. Die gängige Theorie geht davon aus, dass die Königreiche von David und Salomo frei erfunden sind, weil man weder in der zeitgenössischen Literatur jener Zeit noch bei Ausgrabungen Hinweise gefunden habe für ein israelisches Großreich, dem angeblich die arabischen Länder Tribut zollten. Man hat weder all das Gold gefunden, dass Salomo angehäuft haben soll, noch die ganzen Behausungen für seine angeblich 1000 Frauen. Bei dem, was man bis heute gefunden hat, muss man eher ein bedeutungsloses Duodezfürstentum annehmen.“

S: „Die Bibel berichtet, dass das Königreich Juda durch die Babylonische Eroberung dem Erdboden gleichgemacht wurde und alle Schätze geplündert wurden und als Beute nach Babylon gingen. Dennoch hat man bei Ausgrabungen in Megiddo und Hazor prunkvolle Bauten aus der Spätbronzezeit entdeckt mit Schätzen aus Elfenbein und Edelsteinen. In mesopotamischen Archiven wurden 10 Könige Israels direkt und chronologisch korrekt erwähnt. Und in anderen Quellen fand man 10 weitere Namen. Die altbekannten Thesen von Finkelstein, die alle paar Jahre wieder als sog. ‚Sensationsmeldung‘ aufgewärmt werden, wurden inzwischen alle längst widerlegt, z.B. durch den kanadischen Professor für Judaistik William G. Dever in seinem Buch ‚Was Archäologie uns über die Realität des antiken Israels sagen kann‘, das man im Internet kostenlos runterladen kann.“

A: „Über die Bewertung archäologischer Hinweise mögen sich die Gelehrten streiten. Aber es ist heute unbestritten, dass die Bibel erst Jahrhunderte später geschrieben wurde, und wie sollten sich die Schreiber noch an so viele Einzelheiten erinnern können!?“

S: „Die Israeliten wurden im Gesetz Mose von Gott dazu aufgefordert, jedes Ereignis ihren Kindern und Kindeskindern mitzuteilen, damit sie es nie vergessen würden. Ich wüsste nicht, warum ich also an dieser Methode der Überlieferung zweifeln sollte.“

A: „Und der sog. ‚Schöpfungsbericht‘- bzw. DIE Schöpfungsberichte, denn eigentlich sind es ja zwei – wer, bitte schön, sollte da als Zeuge daneben gestanden haben, um alles zu beobachten?“

S: „Der Schöpfungsbericht ist eine rückwärtsgerichtete Prophezeiung. Gott ließ den Schreiber in einer Vision erkennen, wie Er die Welt geschaffen hat, um es entsprechend aufzuschreiben.“

A: „Das heißt Adam und Eva soll es wirklich gegeben haben?“

S: „Warum nicht?“

A: „Weil es doch eindeutig eine Metapher ist! Die verbotene Frucht ist doch ein Symbol für die Sexualität. Adam und Eva hatten Sex miteinander, deswegen schämten sie sich danach.“

S: „Die Geschichte ist sicherlich AUCH eine Metapher, aber bestimmt nicht für Sexualität, denn diese hatte Gott ja selbst geschaffen und ihnen sogar geboten, als Er sprach: ‚Seid fruchtbar und mehret euch‘.“

A: „Aber es ist doch gar nicht erforderlich, an eine 6-Tage-Schöpfung zu glauben, zumal die Wissenschaft doch schon längst bewiesen hat, dass die Welt durch eine Evolution entstanden ist! Warum willst Du unbedingt krampfhaft an der wortwörtlichen Bedeutung der Bibel festhalten, wenn es für den Glauben doch völlig ausreichend ist, anzunehmen, dass die Bibel von Menschen geschrieben wurde, die sich einfach nur Gedanken über Gott gemacht haben?“

S: „Was in der Vergangenheit geschah, kann man grundsätzlich nicht wissen, sondern nur glauben. Wenn die Evolutionstheorie heute als ‚bewiesen‘ betrachtet wird, ist sie im Grunde auch schon zu einem Religionsersatz verkommen, denn ein seriöser Wissenschaftler würde das nie behaupten. Der österreichische Philosoph Karl Popper sagte mal: ‚Sollte auch einer einst die vollendete Wahrheit finden, so wüsste er es doch nicht. Es ist alles durchsetzt von Vermutung.‘ Früher habe ich auch immer geglaubt, dass Gott die Welt durch Evolution geschaffen hätte, aber solche Zugeständnisse an die moderne Wissenschaft halte ich heute für überflüssig, nachdem ich mir all der Erkenntnislücken in der Evolutionslehre bewusst geworden bin.“

A: „Die Lücken schließen sich aber nach und nach mit jedem neuen Fossil, das gefunden wird. Und wenn man nicht wie du krampfhaft an einer wörtlichen Bedeutung des biblischen Schöpfungsberichts festhalten will, kann man ihn durchaus als eine – für die damalige Zeit - geniale Beschreibung zur Erdentstehung betrachten. Man muss berücksichtigen, dass der Schreiber seine Vorstellung über den Ursprung der Welt mit den damals begrenzten, primitiven Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, beschrieben hat. Andere Völker haben weitaus absurdere Theorien über die Erdentstehung erfunden. Verglichen mit diesen, ist die Bibel noch am nächsten an der bis heute erkannten Wahrheit.“

S: „Ich halte nicht ‚krampfhaft‘ an einer wortwörtlichen Bedeutung fest, sondern ich sage lediglich, dass ich Gott auch eine Erschaffung an buchstäblich sechs Tagen zutrauen würde und dies nicht im Widerspruch zur Naturwissenschaft sehe, da wir das Vergangene grundsätzlich nicht beweisen können.“

A: „Hältst du es also für möglich, dass Gott die versteinerten Dinosaurierknochen absichtlich in den jeweiligen Erdschichten platziert hat, um später die ungläubigen Wissenschaftler hinters Licht zu führen?“

S: „Werde nicht albern.“

A: „Ach nein, albern ist doch vielmehr dieser lächerliche Glaube an eine 6-Tage-Schöpfung, die erst vor 6000 Jahren stattgefunden haben soll! Wann sollen denn deiner Meinung nach die Dinosaurier gelebt haben?! Und wie erklärst du dir, dass die Knochen schon längst versteinert und schon viele Millionen Jahre alt sind?“

S: „Ich bin kein Wissenschaftler, aber ich habe mal gehört, dass Versteinerungen schon innerhalb von wenigen Jahren geschehen können. Damit ein Lebewesen zum Fossil werden kann, muss es innerhalb kürzester Zeit unter Luftabschluss kommen, da es andernfalls verfault. Nach Vulkanausbrüchen werden häufig ganze Wälder mit zahlreichen Tieren in einem Augenblick durch einen pyroklastischen Strom luftdicht begraben. Durch den Kontakt mit dem mineralischen Sediment nimmt der Kadaver im Laufe der Jahre kristalline Struktur an wie das Umgebungsmaterial und wird zum Fossil.“

A: „Ja, aber das geschieht nicht innerhalb von Jahren, sondern von Jahrmillionen! Man kann an Hand der vielen Erdschichten wunderbar erkennen, wie sich durch Erosionen und Ablagerungen über zig Millionen Jahre die Erdschichten gebildet haben. Und durch Hebungen und Senkungen in der Erdkruste sind allmählich die Gebirge entstanden. Das kannst du in jedem Schulbuch nachlesen.“

S: „Das hat man von dem Grand Canyon auch immer behauptet. Aber nach dem Ausbruch des St. Helens im Jahre 1980 sind genau die gleichen Formationen innerhalb von drei Tagen 20 Meter hoch entstanden, inkl. Versteinerten Wäldern etc.“

A: „Willst Du jetzt behaupten, dass die Gebirge alle durch Vulkanausbrüche entstanden sind?“

S: „Nein. Aber ich glaube, dass es vor viertausend Jahren eine gewaltige Katastrophe auf der Erde gegeben hat, die gewaltige Umwälzungen auf der Erde verursachte. Die Bibel sagt, dass Gott bei der Sintflut ‚alle Quellen der großen Tiefe‘ aufbrechen ließ (1.Mo.7:11). Um die ganze Erde mit Wasser zu bedecken, könnten gewaltige, tektonische Risse und Erdrutsche einen Megatsunami ausgelöst haben. Das würde z.B. erklären, warum man in den Anden auf 4000 Meter Höhe Korallenriffe entdeckt hat oder versteinerte Wal-Kadaver in der Atacama-Wüste. Der Grand Canyon ist wahrscheinlich durch eine Superflut entstanden, als mehrere Seen auf einmal durch eine tektonische Hebung verlandeten und ihr Wasser durch den Canyon ableiteten.“

A: „Das ist reine Spekulation, die allen geowissenschaftlichen Studien widerspricht und nur dem Zwecke dient, den Mythos einer globalen Sintflut mit den erdgeschichtlichen Befunden in Einklang zu bringen! Außerdem: Wenn Noah von allen Tieren in seine Arche nehmen sollte, dann hätte er doch auch die Dinosaurier mitnehmen müssen, z.B. auch den Tyrannosaurus rex oder den Argentinosaurus, der über 30 Meter lang war und über 60 Tonnen wog.“

S: „Die Bibel berichtet davon, dass Gott auch ‚Ungeheuer‘ geschaffen hat (1.Mo.1:21), die sich wegen ihrer kolossalen Größe wahrscheinlich eher im Meer oder in Sümpfen aufgehalten haben, denn sonst wäre ihr Kreislauf unter der enormen Belastung wohl kollabiert. Die meisten von ihnen sind vielleicht schon vor der Sintflut ausgestorben oder konnten als Meerestiere überleben. Scheinbar haben aber auch nach der Sintflut noch Saurier auf der Erde gelebt, denn die Bibel beschreibt im Buche Hiob zwei gigantische Tiere, die es heute nicht mehr gibt, nämlich den Behemoth (wahrscheinlich ein Iguanodon) und den Leviathan (vielleicht ein Parasaurolophus).”

A: „Das ist doch völliger Schwachsinn! Die Dinosaurier sind vor 65 Millionen Jahren ausgestorben!“

S: „Dann erkläre mir mal, wie es sein kann, dass man in einem Flussbett in Texas und auch an vielen anderen Orten Fußspuren von Menschen neben Spuren von Sauropoden gefunden hat, was doch eigentlich gar nicht sein dürfte. Und dann fand man vor kurzem bei einem Tyrannosaurus Rex elastisches Gewebe mit zellulären Strukturen, die doch eigentlich längst versteinert sein müssten. Und überhaupt stellt sich die Frage, woher die Menschen der Bibel ein Wesen kannten, dass man als ‚Drachen‘ bezeichnet hat und dass auf sämtlichen Abbildungen genauso aussieht wie ein Dinosaurier!“

A: „Wahrscheinlich weil sie schon damals versteinerte Skelette gefunden haben, - oder was weiß ich! Außerdem: Wenn die Bibel von Drachen spricht, dann ist das nur ein Plagiat, denn schon die Sumerer schrieben vom Sternbild des Drachen. Auch die Sintflut oder die Hölle sind Ideen, die von den Babyloniern aus dem Gilgamesch-Epos abgeschrieben wurden.“

S: „Wer hier von wem abgeschrieben hat, lässt sich heute nicht mehr überprüfen. Und selbst wenn es Ähnlichkeiten gab aus alten Erzählungen anderer Völker, so ist das für mich kein Beweis einer Fälschung oder eines Plagiats, sondern im Gegenteil ein Beweis für die Zuverlässigkeit der biblischen Überlieferung, dass nämlich auch andere Völker das Gleiche bestätigt haben.
Ich kann mir sogar vorstellen, dass es auch durchaus eine Offenbarung Gottes in anderen Völkern und Kulturen gab, sonst hätten ja auch die drei Magier nichts von dem Messias wissen können.“

A: „Wobei wir jetzt wieder beim Ausgangsthema zurückgekehrt wären, nämlich der Überlieferung. Da würde mich jetzt aber mal EINES wirklich interessieren: Wenn man mal absieht von all diesen phantastischen Berichten über ein Meer, das sich in der Mitte teilte, einer brotähnlichen Speise, die wie Tau auf die Erde fiel oder einer Sonne, die sich einen Tag lang angeblich nicht vom Fleck rührte – warum glaubst Du eigentlich, dass die Bibel überhaupt Gottes Wort sei, zumal sie doch voll ist von Widersprüchen und Absurditäten?“

S: „Widersprüche lösen sich für denjenigen, der an das Wort Gottes glaubt, schnell in Luft auf, indem man eine plausible und nachvollziehbare Erklärung findet. Andersherum wird demjenigen, der partout nicht an die Bibel glauben will, selbst das plausibelste Argument nicht einleuchten, weil es ihn dazu zwingen würde, seinen liebgewonnenen Standpunkt aufzugeben.“

A: „Hier bin ich ausnahmsweise mal mit dir einer Meinung, wenn auch unter umgekehrtem Vorzeichen. Mir ist schon lange bewusst, dass ich dir deinen Glauben nicht nehmen kann, egal was ich sage. Wenn du mir hingegen auch nur einen einzigen wirklichen Beweis liefern würdest, warum ich an die Bibel glauben müsste, wäre ich durchaus offen.“

S: „Das wollen wir doch mal sehen! Wie wäre es z. B. mit Jesaja 53.“

A: „Wieso? Was steht denn da?“

S: „Dort beschreibt der Prophet, dass der kommende Messias ein Mensch sein würde, der von seinem Volk verachtet und geschlagen werden würde und am Ende von ihnen hingerichtet werden wird. All das hat sich bis ins Detail genauso erfüllt in JESUS CHRISTUS, obwohl dieser erst über 500 Jahre später gekommen ist. Wie erklärst Du Dir das? Und das ist auch nur eine von insgesamt etwa 360 Prophezeiungen der Bibel, die sich auf das erste Kommen des Sohnes Gottes auf Erden erfüllt haben!“

A: „Es könnte sich hierbei um eine sog. ‚sich selbst erfüllende Prophezeiung‘ handeln. Jesus glaubte daran, dass er der verheißene Messias sein würde und daher tat er automatisch alles, was über den Messias vorhergesagt wurde, damit er diese Rolle auch glaubwürdig erfüllen kann.“

S: „Du behauptest, Er hätte es absichtlich darauf angelegt, das man Ihn hinrichten solle, damit sich die Schrift erfüllen kann? Wer würde sich schon freiwillig als Unschuldiger quälen und anpfahlen lassen!? Der HErr Jesus bat den Vater sogar noch, dass - wenn es irgend möglich wäre - der Kelch doch an Ihm vorübergehen möge. Außerdem wird in Jesaja 53:12 sogar vorhergesagt, dass der reicher Jude Josef von Arimathia sich nach Seinem Tod dazu entschließen würde, den Leichnam in sein eigenes Grab zu legen: ‚Bei einem Reichen ist er gewesen in Seinem Tode‘. Wie hätte Jesus auf all dies Einfluss nehmen können?“

A: „Ob es alles wirklich so gewesen ist, daran wird sich doch nach 40 Jahren niemand mehr wirklich erinnern können, denn so lange hat es gedauert, bis das Markusevangelium als erstes darüber berichtete. Johannes hat sein Evangelium sogar erst 70 Jahre nach der Kreuzigung geschrieben. Wie erklärst du dir das, dass die Zeitzeugen Jesu es nicht für nötig hielten, ihre Berichte zeitnah zu verfassen? - falls diese überhaupt von ihnen selber stammen und nicht Fälschungen sind.“

S: „Die ersten Jünger rechneten noch zu ihren Lebzeiten mit der Wiederkunft des HErrn Jesus und sagten sich deshalb, dass es sich nicht mehr lohnen würde, überhaupt noch irgendetwas aufzuschreiben. Für wen denn auch, wo doch das Ende der Welt unmittelbar bevorstand?! Selbst der HErr Jesus wusste nicht, wann der Vater Ihn wieder zur Erde zurücksenden würde. Erst als nicht mehr mit einem unmittelbar bevorstehenden Wiederkommen zu rechnen war, schrieben die Jünger die Evangelien auf.“

A: „Das klingt plausibel. Aber genauso gut kann ich mir vorstellen, dass seine Jünger sich nicht mit dem frühen Tod ihres Meisters abfinden wollten und deshalb sich entschieden, eine Story zu erfinden, um ihre Anhänger bei Laune zu halten. Vielleicht ist sogar diese ganze Geschichte von Jesus auch nur ausgedacht und in Wirklichkeit hat es ihn vielleicht nie gegeben.“

S: „Das hätten die Atheisten wohl gerne. Denn dadurch bräuchten sie sich nicht mehr den Kopf zerbrechen, wie es möglich sein konnte, dass sich in JESUS CHRISTUS alle Verheißungen des Alten Testaments erfüllt haben. Deshalb wünschen sich einige dass es Ihn am besten nie gegeben hat, damit man ihnen nicht den Vorwurf machen kann, nicht an Ihn geglaubt zu haben.“

A: „Blödsinn. Im Gegensatz zu dir lasse ich mich jedenfalls nicht von Wunschdenken leiten, sondern prüfe Behauptungen, um sie als wahr oder falsch zu entlarven. Aber ist es nicht sehr merkwürdig, dass Jesus selbst nie etwas Schriftliches zurückgelassen hat? Alle Berühmtheiten der Geschichte haben etwas aufgeschrieben, an dem sie sich von der Nachwelt beurteilen lassen konnten. Und ausgerechnet der ‚Sohn Gottes‘ hat überhaupt keine Aufzeichnungen hinterlassen. Kommt dir das nicht verdächtig vor?“

S: „Jetzt machst Du es Dir aber wirklich zu leicht. Du weißt, dass auch Buddha oder Sokrates nie ein Buch geschrieben haben. Auch Karl der Große oder Dschingis Khan haben keine einzige persönliche Zeile hinterlassen. Wenn Du aber behauptest, Du würdest die Dinge prüfen, dann nimm Dir doch mal vor, die ganzen Prophezeiungen der Bibel zu überprüfen, ob sie sich schon erfüllt haben, und Du wirst merken, dass das kein Zufall mehr sein kann. Der Informatikprofessor Werner Gitt hat sich mal die Mühe gemacht, alle Prophezeiungen des Alten Testaments zu zählen, die sich schon erfüllt haben und kam dabei auf eine Zahl von 3268. Und es werden immer mehr, denn die Bibel berichtet auch über ganz aktuelle Ereignisse, die sich jetzt gerade erfüllen, z.B. über den IS-Staat als wiedererstandenes Assyrer-Reich."

A: „Immer lässt sich alles irgendwie mit irgendwas aus der Vergangenheit in Verbindung bringen, und alle zehn Jahre werden die Ereignisse neu gedeutet."

S: „Eine der beeindruckendsten Erfüllungen ist die Gründung des Staates Israel, mit der über Jahrhunderte niemand mehr gerechnet hat, die aber im Alten Testament immer wieder angekündigt wurde, z.B. in Hosea 3:4. Dort heißt es, dass die Nachkommen Israels eine sehr lange Zeit ohne Königtum und Schlachtopfer bleiben werden, bis sie am Ende der Tage wieder zu Gott umkehren."

A: "Diese sog. ‚Prophezeiung‘ bezieht sich doch auf die babylonische Gefangenschaft."

S: "Nein, Israel ging ja nicht nach Babylon, sondern nach Assyrien in Gefangenschaft. Allerdings wurde auch die Eroberung und Gefangenschaft des jüdischen Königreichs durch Babylon immer wieder angekündigt durch die Propheten Jesaja und Jeremia, was wiederum ein Beweis für die Zuverlässigkeit der Bibel ist."

A: "Die moderne Theologie geht heute davon aus, dass diese Prophezeiungen erst nach dem Exil aufgeschrieben und den älteren Propheten erst nachträglich angedichtet wurden, um sich eine historische Identität und Rechtfertigung zuzulegen. Es gibt hierfür auch einen theologischen Begriff, nämlich ein 'Vaticinium ex eventu'."

S: "Das kann man natürlich immer behaupten, wenn man der Bibel nicht glauben möchte. Aber es gibt Prophezeiungen, die nachweislich schon Jahrhunderte vor ihrer Erfüllung aufgeschrieben wurden."

A: "Nenne mir eine!"

S: "Z.B. in Daniel 9:26. Dort heißt es, dass der Messias 69 Jahrwochen (= 483 Jahre) nach Ankündigung des Tempelwiederaufbaus hingerichtet werden wird. Außerdem würde der ‚Fürst des kommenden Weltreichs‘ die Stadt Jerusalem anschließend zerstören. Kein ernstzunehmender Theologe hat je behauptet, dass das Buch Daniel erst Jahrzehnte n. Chr. geschrieben wurde. Dennoch berichtet dieser Vers von zwei Ereignissen, die sich erst in der Zeit nach Christi Geburt erfüllt haben."

A: "Ich gebe zu, dass diese Feststellung sehr erstaunlich ist. Ich werde noch mal einen Fakten-Check machen, um diese Behauptung zu überprüfen.
Möglicherweise hat Daniel hier nur eine Prognose abgegeben über eine relativ wahrscheinliche Geschichtsentwicklung.
Und hast du sonst noch eine erfüllte Prophetie auf Lager?"

S: "Ja klar! Jesus Christus sagt, dass das Evangelium eines Tages auf der ganzen Erde verkündigt werden wird. Wenn dies nur eine Prognose gewesen wäre, wie  wahrscheinlich wäre es wohl, dass sich die Botschaft eines damals kaum bekannten Wunderheilers irgendwann tatsächlich auf der ganzen Welt verbreiten würde?!"

A: "Auch hier kann es sich um eine Ironie des Schicksals handeln oder um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Soweit ich informiert bin, gibt es allerdings auch Prophezeiungen, die sich nicht erfüllt haben, z.B. die vorhergesagte, angeblich endgültige Zerstörung der Stadt Tyrus, die ja bis auf den heutigen Tag existiert."

 S: "Die Weltgeschichte ist aber auch noch nicht zu Ende. Ich gehe davon aus, dass sich diese Vorhersage des Propheten Hesekiel noch erfüllen wird."

A: "Cleverer Schachzug! Aber die Bibel kündigt eine Zerstörung von Tyrus durch Nebukadnezar an. Dieser ist aber schon vor 2500 Jahren gestorben."

S: "Nebukadnezar hat die Stadt ja auch tatsächlich belagert und einen Wall gegen sie aufgeschüttet, so wie es in Hes.26:7-8 steht. Richtig erobert hat sie schließlich allerdings erst Alexander der Große, dem es gelang, auch auf die Insel zu gelangen. Aber die endgültige Vernichtung von Tyrus steht offensichtlich noch aus. Übrigens fällt mir auf, dass Du in deiner Argumentationsweise gerade die Richtung gewechselt hast und Dir dadurch selber widersprichst: entweder Du gehst von einer nachträglichen Fälschung der Prophetie aus oder Du argumentierst mit einer Nichterfüllung der Prophetie. Beides jedoch geht nicht, denn sonst bist Du willkürlich und unaufrichtig."

A: "Mal halblang! Ich sehe da überhaupt keinen Widerspruch: Es könnte doch sein, dass die Schreiber sogar beim Fälschen noch gepfuscht haben, indem sie die geschichtlichen Details zwar theoretisch hätten wissen können, weil sie schon geschehen waren, aber dennoch oberflächlich waren, indem sie nicht richtig recherchiert haben, sondern sich auf schlechtes Hörensagen verließen.“

 S: „Also, bei so viel Skepsis und Argwohn frage ich mich, ob Du manchmal eigentlich auch mal an Deinen eigenen Zweifeln zweifelst. Wenn Du so misstrauisch bist in Bezug auf die Schreiber der Bibel, dann wundert es mich eigentlich, dass Du so bereitwillig und gutgläubig die bibelkritischen Theorien der modernen Theologie annimmst. Wie wäre es, wenn Du auch mal Deine eigenen Motive auf den Prüfstand stellst und Dich mal fragst, warum Du so voreingenommen bist gegen das Wort Gottes.“

A: „Ganz einfach: weil ich überall in der Bibel von Ereignissen lese, die aus meiner Sicht völlig unglaubwürdig sind. Deshalb ist sie für mich auch nicht das ‚Wort Gottes‘, sondern Menschenwort.“

S: „Ich glaube Dir nicht, wenn Du behauptest, in der Bibel zu lesen. In Wirklichkeit hast Du immer nur ÜBER die Bibel gelesen und sie dann als Nachschlagewerk benutzt, um Dich von DEM zu überzeugen, von dem Du ohnehin schon überzeugt bist bzw. überzeugt sein wolltest. Als ich das erste Mal in der Bibel gelesen habe, tat ich dies mit einem offenen Herzen und ich suchte nicht nach irgendwelchen Beweisen, die mich in meiner vorgefassten Meinung unterstützen sollten. Gott sah meine Aufrichtigkeit und schenkte mir den Glauben an Sein Wort.“

A: „Wozu musste er dir noch Glauben schenken, wenn du doch ohnehin schon bereit warst zu glauben?! Gilt diese Voreingenommenheit, von der du sprichst, nicht auch und gerade bei dir und anderen Christen?“

S: „Offen sein ist nicht dasselbe wie bereit sein. Stell Dir vor, Du findest eine große Muschel am Strand und hältst sie an Dein Ohr, weil Du schon mal gehört hast, dass andere behaupteten, sie würden das Rauschen des Meeres darin hören. Du könntest eine Doktorarbeit schreiben über Muscheln; aber Du würdest dennoch nie das Rauschen des Meeres hören, wenn Du sie nicht an Dein Ohr hältst. Und genauso ist es auch mit der Bibel: erst durch das Lesen mit offenem Herzen kann man erkennen, dass sie Gottes Wort ist.“

A: „Viele Menschen haben schon in der Bibel gelesen und sind dabei zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen.“

S: „Sicher. Der HErr Jesus beschreibt den Empfang der göttlichen Botschaft mit vier verschiedenen Herzensböden, von welcher nur einer wirklich offen und empfänglich war, so dass gute Frucht aus ihm entstehen konnte. Eigentlich braucht jeder Mensch die Worte Gottes, denn sie geben ihm eine unverzichtbare Orientierung in seinem Leben. Aber der Mensch lässt sich vom Teufel immer wieder bereitwillig ablenken und verführen, um nicht das Licht der Wahrheit zu erkennen. Stattdessen unterstellt man der Bibel, sie sei bloß eine plumpe Fälschung von ein paar machthungrigen Klerikern. Mir selbst fehlt hierfür einfach schlicht die Phantasie, mir vorstellen zu können, dass hier ein oder mehrere Romanschreiber sich einen so genialen Epos ausgedacht haben, der so klug durchdachte Erklärungen liefert auf so unterschiedliche Fragen der Menschheit. Denn so viel Fantasie und Genie traue ich ehrlich gesagt keinem Menschen zu. Und ich bin in dieser Einschätzung auch nicht der einzige.“

A: „Der Erfolg der Bibel ist in der Tat bemerkenswert und nicht zu leugnen.“

S: „Ja, - selbst wenn jemand (noch) nicht an Gott glaubt, muss er einräumen, dass die Worte der Bibel die Menschen über Jahrhunderte erbaut und getröstet haben. Man hat den gläubigen Gefangenen im sowjetischen Gulag die Bibeln weggenommen, aber sie haben sich über Jahrzehnte in der Dunkelheit gegenseitig auswendig gelernte Bibelpassagen zugesprochen und konnten dadurch die grausamen Haftbedingungen ertragen ohne irre zu werden. Welch ein anderes Buch hätte sowas vermocht! Hättest Du etwa die Weisheit besessen, ein ähnlich gutes Buch zu schreiben?“

A: „Ohne Frage: Religionen haben auch für mich ihre Berechtigung. Religionen sind Ausdrucksformen des menschlichen Bedürfnisses nach Transzendenz, d.h. des Wunsches, über sich hinaus zu wachsen, mehr zu sein als man ist. Aber in unserem innersten Wesen sind wir Menschen alle gleich. Weise ist man, wenn man sich selbst im anderen erkennt.

Die Juden z.B. wurden schon immer unterdrückt und gedemütigt. Deshalb haben auch sie dann, als es ihnen möglich wurde, andere Völker unterdrückt und gedemütigt. Aber nicht mehr als alle anderen Menschen auch. Gefühle von Rache und Ohnmacht können dann - wenn ihnen kein Ventil zur Entlastung bleibt - umgewandelt werden in religiöse Phantasien: dann wird es plötzlich ein göttliches Wesen sein, dass am Ende alle Ungerechtigkeit sühnt, indem es stellvertretend Rache an den Feinden übt. Dies gibt der eigenen Seele Auftrieb und Zuversicht, um weiter leben zu können. So einfach ist das. Deshalb ist die Bibel durchaus ein raffiniertes Buch so wie der Koran oder die Bhagavad Gita, und über alle Jahrhunderte hinweg bewährt. Sie ist ein Erbe der Menschheit - keine Frage!“

S: „Sie ist weit mehr als das. Nehmen wir mal z.B. irgendeinen Vers aus der Bibel, z.B. Römer 15:1, dort heißt es: ‚Wir nun, die Starken, sind schuldig, die Schwachheiten der Schwachen zu tragen, und nicht uns selbst zu gefallen.‘ Solche Sätze findest Du in keinem Buch der Welt! Die Bibel gibt dem Menschen nicht nur Halt, sondern auch klare Handlungsanweisungen, damit sie sich so zueinander verhalten sollen, wie sich Gott uns gegenüber verhält. Und keine andere Religion gibt den Schwachen einen Vorzug; bei dem Gott der Bibel hingegen ist dies Programm: Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten werden die Letzten sein. Das ist göttliche Weisheit.“

A: „Es gibt viele andere gute Bücher, die noch viel mehr ins Detail gehen. Gerade im Bereich der Ethik denken die Experten heute viel differenzierter als es im Altertum noch üblich war.“

S: „Des vielen Büchermachens ist kein Ende, aber kaum ein Buch hat die Welt so sehr verändert wie die Bibel, und auch das persönliche Leben. Ich war z.B. früher völlig anders als heute, aber Gott hat mich durch die Begegnung mit Seinem Wort gezügelt und gezähmt. So war ich z.B. in meiner Jugend an unzähligen Prügeleien beteiligt, die meistens dann vor Gericht endeten. Mit 16 wurde ich angeklagt wegen Diebstahl und Hehlerei. Ein Jahr zuvor hatte ich fünf Hunde erschlagen und auf meine Schwester geschossen. Und ich weiß nicht, was noch aus mir geworden wäre, wenn ich nicht Jesus Christus kennengelernt hätte.“

A: „Das ist doch ein altes Klischee: Nur durch die Gottesfurcht hält sich der Mensch angeblich vom Bösen fern. Und jetzt, wo sich die Menschen von Gott verabschiedet haben, fehlt ihnen das, was sie früher abhielt, ihren anarchischen Neigungen zu folgen. Der Dichter Fjodor Dostojewski hatte einstmals behauptet, ohne den Glauben an Gott gibt es keine Moral, denn der Mensch braucht einen Grund, sich rechtschaffen zu verhalten, und sei es auch nur den, dass er Gottes Bestrafung fürchtet. Wenn er
aber versucht, sich nur von Vernunftgründen leiten zu lassen, dann könne es passieren, dass er es für sinnvoll erachtet, ein in seinen Augen unwertes Leben zu vernichten, so wie es der Student Raskolnikow an der alten Pfandleiherin tat im Roman "Schuld und Sühne"(1866). Pure Vernuft darf niemals siegen – aber deshalb an einen Gott glauben zu müssen, wäre doch etwas erbärmlich.“

S: „Auch ungläubige Menschen sind selbstverständlich zu moralischem Handeln fähig. Aber bei einem Ungläubigen dreht sich dennoch alles mehr oder weniger nur um sich selbst. Selbst wenn er Gutes tut, hofft er insgeheim darauf, von Menschen Dank und Ehre zu erlangen. Ein Christ hingegen lernt, dass das eigentlich wertvolle Lob nicht von Mensch, sondern von Gott kommen soll und wird. Durch das Fehlen eines göttlichen Gegenübers erfährt ein Ungläubiger weder Orientierung noch Geborgenheit, sondern er lebt in einer elendigen SELBSTBEZOGENHEIT und EINSAMKEIT.
Ein Christ ist nie einsam und allein, weil er Gott immer an seiner Seite weiß und im Bewusstsein hat.“

A: „Wenn die Gläubigen sich wirklich immer so geborgen fühlen würden, dann frage ich mich, warum so viele von ihnen weinen im Gebet. Eigentlich müssten sie doch glaubensstark triumphieren und alle inneren Zweifel mit einem Schlag wegpusten, wo sie sich doch angeblich immer Gottes Beistand gewiss sein können. Die Praxis sieht aber immer wieder erschreckend anders aus. Der amerikanische Dichter Truman Capote hat es mal so formuliert: ‚Die meisten Tränen werden nicht über nicht-erhörte Gebete geweint, sondern über erhörte‘.“

S: „Gottes Kinder sind oftmals nicht immer ein solches Vorbild, wie sie es eigentlich sein sollten. Aber Du musst auch mal eins sehen: In der Gotteserfahrung geht es nicht unbedingt nur um emotionale Hilfe, sondern es geht um den Sinn des Leidens. Ein ungläubiger Mensch kann nur solange glücklich sein, solange er nicht leidet, denn für ihn ist das Leid sinnlos. Der gläubiger Mensch hingegen kann auch im Leid Glück empfinden, weil er darin einen Sinn sieht, nämlich ein Überwinder zu werden.“

A: „Das erinnert mich an ein Zitat aus einem anderen Buch von Aldous Huxley, aus „Schöne Neue Welt: ‚Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde!‘" Ich kann das gut nachvollziehen, dass es viel spannender ist, wenn man ein Gegenüber im Leben hat, denn es macht ja auch kein Spaß, alleine ins Kino zu gehen. Aber Gott ist doch wie ein Tamagotschi, eine Imagination, - ja, eine Illusion. Für einen intellektuell geprägten Menschen wäre es eine Zumutung, wenn er sich auf die Phantasiewelt von Kleinkindern herab begeben müsste, um wie im Kasperletheater ständig den Teufel zu verdreschen. Auch diese ganze Gefühlsduselei, die mit dem fragwürdigen Begriff über den angeblichen ‚Sinn des Lebens‘ oder dem ‚Sinn des Leidens‘ auch noch philosophisch verbrämt wird! Ich brauche diesen ganzen Seelenfurz nicht!“

S: „Jetzt kommst Du aber gerade selber mit einem sehr typischen Klischee und Schwarz-Weiß-Denken: der Gläubige ist in der Regel nicht intellektuell geprägt, sondern suhlt sich larmoyant im eigenen Leid, während der Atheist immer einen kühlen Kopf behält und souverän seine Gefühle unter Kontrolle behält. Emotionalität kann natürlich nur auf den religiösen Menschen zutreffen, da der ‚intellektuell geprägte Mensch‘ zufällig auch über eine außerordentliche Nüchternheit verfügt die ihm zu keinem Zeitpunkt je verlässt. Ich nehme an, dass Du Dich natürlich auch zu solchen fehlerlosen Menschen zählst, oder diesen Eindruck zumindest suggerieren möchtest. Ich muss jedoch zugeben, dass Christen im Schnitt wahrscheinlich tatsächlich eher zur Weichlichkeit neigen als vergleichsweise Atheisten. Dafür haben sie aber möglicherweise auch mehr Mitgefühl und Sensibilität.“

A: „Du hast aber vorhin doch selbst gesagt, dass nur die Einfältigen und die Kinder das Reich Gottes betreten werden, also warum verteidigst du dich so sehr? Ich habe auch nicht behauptet, dass ein rationeller Mensch immer auch seine Gefühle unter Kontrolle hat. Und du wirst staunen: ich sehe auch durchaus positive Wirkungen des Glaubens auf die menschliche Seele, allerdings ähnlich wie es Psychopharmaka oder Drogen auf das Bewusstsein ausüben. Vielleicht gibt es ja sogar wirklich einen Gott, aber ich glaube nicht, dass wir dann wirklich etwas über ihn wissen können. Und darin sehe ich ja gerade die Vermessenheit der Bibel, dass sie ein Bild von Gott entwirft, von sehr menschlichen Charakterzügen. Wenn es einen Gott gibt, dann bleibt uns sein Wille ein Geheimnis. So wie der alte Goethe schon damals den Faust antworten lässt auf die ‚Gretchenfrage‘, ob er an Gott glaube: ‚Wer darf sagen: ich glaub an Gott? ... Wer darf ihn nennen und wer bekennen: Ich glaub' ihm?‘.“

S: „Keine falsche Bescheidenheit. Gott selbst will ja, dass wir an Ihn und Sein Wort glauben sollen. Und wenn die Bibel Gott teilweise mit menschlichen Charakterzügen darstellt, dann nicht deshalb, weil die Autoren sich einen solchen Gott gewünscht haben, sondern weil Gott uns nach Seinem Wesen geschaffen hat, damit wir durch die menschlichen Tugenden eine Vorstellung vom Wesen Gottes haben können. Ein Agnostiker gibt sich zwar immer ganz bescheiden durch sein Bekenntnis zur Unwissenheit, aber in Wirklichkeit ist die Überzeugung, dass man von Gott nichts wissen kann, ja selber auch eine Art ‚Wissen‘, das einem Glaubensbekenntnis verblüffend ähnelt. Der einzige Unterschied zwischen uns besteht nicht darin, dass Du nicht glauben kannst, sondern darin, dass Du nicht glauben willst, aus was für einen Grund auch immer! “

A: „Dass wir Gott nicht beweisen können, sollte eigentlich seit Immanuel Kant unstrittig sein. Und es hat auch wirklich nichts mit Bescheidenheit zu tun, wenn ich die Feststellung treffe, dass uns Gott und sein Wille ein Geheimnis bleiben muss und dass wir ihn nur durch den Glauben erfahren können oder auch nicht. Ich selbst habe kein Problem damit, dass ich die Frage nach Gottes Existenz nicht beantworten kann, denn gerade der Umstand, dass diese Frage für mich offen bleiben muss, gibt meinem Leben eine gewisse Spannung. Ich möchte nicht in einer gänzlich entzauberten Welt leben, in welcher es keine Geheimnisse mehr gibt. Mich erinnert das an ein Zitat aus dem Satirebuch ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘ von Douglas Adams, wo der Sprecher der Philosophengewerkschaft sagt: ‚Wir fordern keine feststehenden Tatsachen, was wir fordern, ist das totale Fehlen feststehender Tatsachen... Ich meine, was haben wir davon, dass wir uns halbe Nächte mit der Frage um die Ohren schlagen, ob's nun einen Gott gibt oder nicht, wenn diese Maschine euch am nächsten Morgen einfach seine verdammte Telefonnummer ausspuckt?‘.“

S: „Ich kann darüber nicht lachen. Die Bibel sagt, dass die Menschen am Ende ohne Ausrede vor Gott stehen werden, weil sie Ihn hätten erkennen können, durch die Natur und durch Sein Wort. Wem viel gegeben ist, von dem wird Gott eines Tages auch viel zurückverlangen. Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, weshalb der Mensch auch nicht für seinen Unglauben bestraft werden wird, sondern für seine sündigen Taten und auch für seine Tatenlosigkeiten, also seine Unterlassungssünden.“

 

Ein Gespräch über die Evolutionstheorie und die Bibel

A: „Simon, die Naturwissenschaften haben in den letzten 200 Jahren so viele Entdeckungen gemacht, dass die Menschheit noch nie so gebildet und aufgeklärt war wie heute, was zu einem enormen technischen und kulturellen Fortschritt geführt hat. Es stellt sich heute für viele Menschen deshalb zu recht die Frage, warum sie eigentlich noch an einen Gott glauben müssen.“

S: „Die Wissenschaft entdeckt und beschreibt die vielfältigen Erscheinungen der Natur, aber sie kann nicht die viel wichtigere Frage beantworten, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Die Bibel erklärt, dass all die wunderbaren und zweckmäßigen Phänomene in der Natur jedem Menschen plausibel machen können, dass diese nicht aus Zufall da sein können.“

A: „Warum denn nicht?! Ich finde das überhaupt nicht einleuchtend, dass ich deshalb an die Existenz eines Schöpfers glauben muss. Mir fällt es viel schwerer, an irgend ein höheres Wesen zu glauben, dass alles aus dem Nichts hervorgezaubert hat, als die Vorstellung, dass sich die Dinge allmählich von alleine so entwickelt haben. Warum denkst Du, dass das unmöglich ist?“

S: „Weil tote Materie keine neue Information, geschweige denn Leben hervorbringen kann.
Ein Auto entsteht ja auch nicht von alleine, sondern wurde von Menschen zusammengebaut. Dabei ist ein Lebewesen doch wesentlich komplexer als ein Auto! Für 90 % aller Menschen, die je auf Erden gelebt haben, war der Zusammenhang zwischen Schöpfung und Schöpfer absolut zwingend und plausibel. Der moderne Glaube, dass alles auch von ganz alleine entstanden sein könnte, ist aus meiner Sicht unlogisch und unvernünftig. Menschen, die den Zufall für plausibler halten als die Erschaffung haben für mich einen viel größeren GLAUBEN, als die sog. ‚Gläubigen‘.“

A: „Was heißt denn hier ‚Glaube‘! Wir brauchen heute doch gar nicht mehr glauben, sondern die Wissenschaft hat doch längst herausgefunden, wie die Welt entstanden ist. Und was die Leute früher glaubten, ist doch längst durch neuere Kenntnisse widerlegt. 90% der Menschheit glaubten früher ja auch, die Erde sei eine Scheibe und die Sonne drehe sich um die Erde. Die Dummheit der Menschen würde ich daher nicht als Argument bringen. Eher ist es doch ein Zeichen von Dummheit und Ignoranz, wenn man aus religiöser Voreingenommenheit die modernen Fakten nicht wahrhaben will. Von der Evolutionstheorie ist doch im Übrigen längst bewiesen, dass es sie gibt!“

S: „Dass es die Evolutionstheorie gibt, habe ich nie bestritten, aber ob die Welt durch Evolution entstanden ist, ist eine andere Frage. Es gibt viele Theorien über den Ursprung der Welt, die miteinander in Konkurrenz stehen, aber bewiesen ist keine von diesen, denn sonst würden wir ja auch nicht von einer THEORIE sprechen, sondern von einer überprüfbaren Tatsache.“

A: „Das heißt nur ‚Theorie‘, aber in Wirklichkeit zweifelt kein seriöser Wissenschaftler heute mehr daran, dass die Welt durch Evolution entstanden ist bzw. sich durch Evolution nach wie vor weiterentwickelt. Die Wissenschaft arbeitet mit Modellen und Theorien, wie z.B. die Niederschlags-Theorie, die funktionieren und sich bewährt haben, auch wenn man sie nicht ins Kleinste beweisen kann.“

S: „Dein Vergleich mit dem Niederschlag passt nicht. Du kannst heute durch ein Experiment ohne Probleme den Kreislauf des Wassers nachweisen. Was aber bisher noch niemandem gelungen ist, ist ein Experiment um die angebliche Höherentwicklung einer Art zu beweisen. Man hat schon Abertausende von Fruchtfliegen radioaktiv bestrahlt und noch nie hat sich dadurch auch nur eine einzige zu einer höheren, neuen Lebensformen entwickelt. Stattdessen sind sie alle verkrüppelt oder gestorben. Diese Experimente haben also eher bewiesen, dass Makro-Evolution gar nicht möglich ist.“

A: „Aber dass Tiere und Pflanzen sich verändern durch positive Mutation ist doch längst belegt durch zahlreiche Versuche. Außerdem gibt es abertausende Fossilien, von längst ausgestorbenen Arten, an denen man die Veränderungen vom Primitiven hin zum Komplexen genau beobachten kann. Kein ernst zu nehmender Naturwissenschaftler würde deshalb heute noch die Evolution in Frage stellen.“

S: „Es zeugt nicht gerade von Fairness, wenn Du den zahlreichen Biologen, Genetikern, Anthropologen und Paläontologen, die NICHT an die Evolutionstheorie glauben,
unterstellst, dass man sie als Wissenschaftler nicht ernst nehmen könne, nur weil sie die Mainstream-Doktrin nicht teilen wollen.“

A: „Aber es ist doch nun mal eine Tatsache, dass die Evolutionstheorie heutzutage nicht mehr angezweifelt wird, sondern sie ist fester Bestandteil in der Naturwissenschaft und im Schulunterricht.“

S: „Allerdings. Die Synthetische Evolutionstheorie ist aus meiner Sicht ein nahezu religiöses Dogma, das man nicht mehr in Frage stellen darf. Tatsache ist aber, dass sich z.B. die Entstehung von neuen Arten nicht beweisen lässt. Schon Darwin hat das Fehlen von Zwischenstufen (Missing Links) bedauert und die Hoffnung gehegt, dass sich diese eines Tages noch finden lassen. Aber selbst beim berühmten Archaeopteryx hat man bisher vergeblich nach fossilen Vorstufen gesucht, obwohl er tatsächlich sowohl einigen Dinosauriern wie auch Vögeln ähnelt.“

A: „Man hat aber gerade in den letzten Jahren sehr viele neue gefiederte Reptilien entdeckt, vor allem in China, so dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, dass man die passenden Übergangsstufen entdeckt.“

S: „Dennoch bleibt besonders die Entstehung von flugfähigen Federn bis heute ein großes Rätsel und ebenso, welcher Evolutionsdruck diese begünstigt haben könnte. Wahrscheinlich handelt es sich beim Archaeopteryx um eine ausgestorbene Vogelart, die als Warmblüter mit einer speziellen Vogellunge ausgestattet war.“

A: „Könnte es nicht sein, dass die Schuppen der Vogelvorfahren von Generation zu Generation länger geworden waren? Später wären die Kanten vielleicht ‚ausgefranst‘, bis sie sich schließlich gespalten und in die ersten echten Federn verwandelt hätten. Dadurch wurde das Gleiten von Baum zu Baum immer einfacher, bis die Reptilien plötzlich fliegen konnten.“

S: „Für das Gleiten allein bedurfte es keiner Federn. Es hat auch Flugsaurier gegeben, die überhaupt keine Federn hatten. Zudem bieten gefiederte Flügel, ein Vogelherz und eine Vogellunge dem Lebewesen nur dann einen Überlebensvorteil, wenn sie allesamt und gleichzeitig komplett ausgebildet und voll funktionstüchtig sind.“

A: „Vielleicht haben sich die Federn ja auch aus ganz anderen Gründen entwickelt, z.B. um das Tier zu wärmen oder um das Weibchen durch Farbenpracht zu beeindrucken. Dass es damit aber auch besser fliegen kann, hat das Tier dann wohl erst später durch Zufall entdeckt.“

S: „Dann stellt sich aber erst recht die Frage, woher diese scheinbar ja zielgerichtete Information herkommen sollte, um diese doch offensichtlich sehr nützlichen Eigenschaften entstehen zu lassen, denn Zweck und Bestimmung kennt die Evolution ja gar nicht, sondern nur zufällige Veränderungen durch positive Mutationen, die extrem selten sind. Eine Studie hat gezeigt, dass nur 0,041 % aller Mutationen positiv sind, während 99,959 % negativ sind, d.h. dass sie genauso wie die Selektion in den meisten Fällen einen Funktionsausfall bestimmter Eigenschaften zur Folge haben.“

A: „Was letztlich aber wirklich ‚negativ‘ oder ‚positiv‘ mutiert hat, ist nicht immer so leicht zu bestimmen. Welcher Funktionsausfall war z.B. bei der Mutation der blauen Augen? Oder den Mutationen der roten Haare oder der weißen Haut? Oder welchen Funktionsausfall gab es, bei der Mutation der Laktosetoleranz?“

S: „Da ich selber rothaarig, hellhäutig und blauäugig bin, kann ich – denke ich – glaubhaft bezeugen, dass mir z.B. das mangelnde Melanin in meiner Haut schon oft Nachteile gebracht hat, wenn ich auf Reisen in sonnige Länder war. Und die Laktosetoleranz ist wohl eher als positive Mutation zu werten. Viel wichtiger ist aber die Frage, welche positiven Mutationen überhaupt je einen ganz neuen Tiertypus hervorgebracht haben. Als der englische Evolutionsanhänger Richard Dawkins mal gefragt wurde, ob er von irgend einer positiven Mutation weiß, die neue Information oder gar einen ganz neuen Tiertypus hervorgebracht hätte, geriet er in Verlegenheit und musste sie nach einer langen Nachdenkzeit verneinen.“

A: „Fast alle Polartiere mit weißem Fell sind auf eine positive Mutation zurückzuführen. Das nur als kleines Beispiel. Was glaubst du denn woher diese sonst herkommen?“

S: „Dass es Veränderungen innerhalb einer bestimmten Tiergattung gibt, ist unbestreitbar. Aber es geht um die Frage, ob auch eine Entwicklung zu höheren Lebensformen bzw. die Entstehung einer neuen Tiergattung aus einer anderen überhaupt möglich ist. Letzteres wird auch "Makroevolution" genannt, im Gegensatz zur "Mikroevolution", sprich der Entwicklung innerhalb der gleichen Gattung. Es gibt z.B. neben den zahlreichen Pferderassen auch noch Esel oder Zebras, die alle zur selben Gattung zählen. Aber aus einem Pferd wird z.B. nie eine Giraffe entstehen können.“

A: „Das hat ja auch nie einer behauptet. Dennoch aber ist offensichtlich, dass die Pferde und die Giraffen gemeinsame Vorfahren hatten. Wahrscheinlich sind die Giraffen einmal aus den Hirschen hervorgegangen.“

S: „Aber wie sollte das gehen? Giraffen sind über 5 m hoch und haben neben einem langen Hals auch sehr lange Beine, die sich theoretisch synchron hätten entwickeln müssen, da ein Tier mit zu langen Beinen nicht mehr Wasser trinken kann, aber mit einem viel zu langen Hals das Gleichgewicht verlieren würde. Zudem verfügt die Giraffe über muskulöse Schlagadern mit speziellen Ventilklappen in den Venen, damit beim sekundenschnellen Heben ihres kranartigen Halsauslegers in 5 m Höhe keine Blutleere im Gehirn entsteht. Wie aber sollte dieses komplexe Zusammenspiel sich zufällig gleichzeitig entwickelt haben?! Zudem gibt es von der Giraffe weder fossile noch lebende Zwischenstufen, obwohl man bei der Vielzahl an erforderlichen Mutationen eigentlich damit rechnen müsste.“

A: „Die Giraffen konnten sich durch ihre langen Hälse von Bäumen ernähren und hatten dadurch einen Überlebensvorteil gegenüber allen anderen Arten, deren Hälse nicht lang genug waren. Diese sind ausgestorben, weil sie sich nicht an veränderte Klimabedingungen anpassen konnten. Dieses Prinzip der Selektion hat schon Charles Darwin beschrieben als ein ‚survival of the fitest‘. Veränderungen durch Selektion können wir heute überall beobachten, z.B. bei den zahlreichen Hunderassen, die alle einmal vom Wolf ausgingen.“

S: „Die Hunderassen sind ja vor allem durch Zucht entstanden, also der gezielten Selektion eines bestimmten und gewünschten Merkmals. Die bekannte Folge der Hundezucht ist aber eine ENTARTUNG und eine Verkümmerung des Genpools, die in der Folge zu erheblichen Gesundheitsschäden führt. Von einer Bildung neuer Tiertypen kann also gar nicht die Rede sein bei der Selektion, sondern eher von einer allmählichen Zerstörung der Art. Auch die berühmten Darwinfinken haben nur eine Vielfalt innerhalb ihrer Gattung gebildet, aber aus ihnen ist nicht irgendwann eine ganz neue Vogelordnung entstanden. Tiere können aussterben wie z.B. die Dinosaurier. Aber die heute bekannten Tiergattungen gab es schon in der Steinzeit. Das beweist, dass die von Gott geschaffenen Tierordnungen sich nicht aus gemeinsamen Vorfahren entwickelt haben.“

A: „Und wie erklärst Du Dir die erstaunlich ähnlichen Baupläne der unterschiedlichen Lebewesen, die je nach Alter einen deutlich erkennbaren Stammbaum erkennen lassen?“

S: „Das Gegenteil ist der Fall: Seit dem Beginn der modernen DNA-Analyse müssen die bisherigen Stammbäume immer wieder umgeschrieben werden. Zudem sind viele Merkmale der Lebewesen ganz unsystematisch verteilt, so dass sich eine monophyletische Linie kaum mehr skizzieren lässt.“

A: „Trotzdem: der Homo sapiens hat zu 98% den gleichen Genpool wie die Menschenaffenarten (Schimpansen, Bonobos, Orang Utans und Gorillas). Nach deiner Überzeugung hat dein Gott die Menschen und alle anderen Lebewesen erschaffen. Wieso hat er dann die Menschen und die Affen mit nahezu identischem Genmaterial ausgestattet?“

S: „2 % sind in der Genetik extrem viel. Der Unterschied zwischen Mensch und Maus beträgt nur 3 % (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensc...h-a-198689.html) und von der Banane trennen uns gerade einmal nur 50 % (http://www.morgenpost.de/kultur/berlin-k...ine-Banane.html).
Der Evolutionsgenetiker J.B.S. Haldane hat einmal berechnet, dass der Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse derart groß ist, dass es mathematisch gesehen eine Zeit von etwa 2,5 Milliarden Jahre brauchen würde, bis diese Kluft überwunden wäre. Der aufrechte Gang des Menschen z.B. bedingt ein GLEICHZEITIGESAuftreten unterschiedlichster Merkmale, wie z.B.
gestrecktes Knie- und Hüftgelenk, Halswirbelsäule unten mit dem Kopf verbunden (statt hinten wie beim Affen), flaches Gesicht, besseres Gleichgewichtsorgan, gerader Rücken, hohler Fuß, starke große Zehe und entsprechende Hirnfunktionen für den aufrechten Gang. Für jedes dieser Merkmale müssten gleichzeitig mehrere tausend ‚richtige‘ und perfekt abgestimmte Mutationen im Genom auftreten. Ein solches Szenario ist kaum denkbar.“

A: „Wenn aufgrund veränderter Umwelteinflüsse ein entsprechender Anpassungsdruck entsteht, dann können Mutationen viel schneller vor sich gehen. Die eintretende Eiszeit zwang die Bären und Füchse, sich an die Kälte allmählich anzupassen. Dafür braucht es keine Milliarden Jahre.“

S: „Hier widerspricht sich die Evolutionstheorie: Wenn sich die Polartiere allmählich angepasst haben, setzt dies ja voraus, dass sie in ihren Genen eine Art Kältesensor gehabt haben, der daraufhin gezielte Mutationen hervorruft, um sich vor der Kälte besser zu schützen. Aber eine bewusste Anpassung würde ja wieder Steuerung voraussetzen, was ja der Idee des Zufalls widersprechen würde. Wenn aber nur vorteilhaftere Eigenschaften ein Überleben bewirkten, mussten die Tiere diese Vorteile ja schon vor den Änderungen der Umwelteinflüsse gehabt haben, denn so schnell konnten sie ja gar nicht auf die Änderung reagieren. Dann aber kann von einer bewussten ‚Anpassung‘ gar nicht die Rede sein.“

A: „Der Begriff ‚Anpassung‘ verleitet sicher zu der Idee von Zielgerichtetheit. Tatsächlich aber ist es der reine Zufall, dass es z.B. in Westafrika einige Menschen gab, die gegen das Ebola-Virus resistent waren. Eine bewusste Anpassung gab es also nie, sondern eine schon immer vorhandene Eigenschaft, die den Überlebensvorteil brachte.“

S: „Also beim Wechsel zur Eiszeit hatten alle Tiere schon die Anpassung an die Eiszeit hinter sich, lange bevor sie kam? Wollnashörner hatten demnach in Wüstenregionen Winterfell?“

A: „Hast Du eine bessere Erklärung für die klimatische Anpassung?“

S: „Ja, ich denke schon.“

A: „Und die wäre?“

S: „Ich glaube, dass Gott die Tiere mit dem ausgestattet hat, was sie für ihr Überleben brauchen. Nötigenfalls auch nachträglich.“

A: „Also so eine Art Update? Dann wäre die Schöpfung aber nicht vollkommen gewesen.“

S: „Doch, indem Gott die Tiere mit einer solchen begrenzten Anpassungsfähigkeit ausgestattet hat. Das Wort Gottes unterscheidet nämlich zwischen einem ‚Erschaffen‘(hebr. ‚BaRa‘) und einem ‚(Zurecht)machen‘(hebr. ‚ASsaH‘).“

A: „Und warum ‚begrenzt‘? Weil es dann nicht mehr mit deiner Bibelauslegung im Einklang wäre?! Ich gebe ja gerne zu, dass die Evolutionstheorie durchaus noch Erkenntnislücken aufweist, aber die Idee einer stammbaumartigen Entwicklung aller Lebensformen aus einer Urzelle halte ich um ein Vielfaches für plausibler als die Vorstellung, dass ein Gott sich irgendwelche Tierarten ausdenkt und sie dann zusammenknetet, so dass sie ganz plötzlich da sind.“

S: „Das würde aber am besten die sog. ‚Kambrische Explosion‘ erklären, nach welcher im Kambrium vor etwa 500 Millionen Jahren explosionsartig sämtliche höher entwickelten Lebewesen in einer erstaunlichen Artenvielfalt vollständig fertig auftreten sind ohne Vorläufer! Und wenn es wirklich angeblich einen solchen Stammbaum gäbe, warum gibt es dann eigentlich nicht auch zwei davon? oder warum nicht drei oder vier oder fünf oder z.B. 18.903 Stammbäume? Was ist das bloß für eine bevorrechtigte, ‚auserwählte‘ erste Zelle gewesen, dass aus ihr die ganze Welt entstanden sein soll!
Ist das nicht seltsam? Warum sind seither angeblich nie wieder zufällig neue Stammbäume an anderen Orten entstanden? Es gab doch Zeit genug. Warum entstehen heute nicht mehr zufällige Zellen? Seltsam? Nicht wahr?“

A: „Nein, nicht seltsam. Und es gab möglicherweise auch keine ‚erste Zelle‘, sondern viele ‚erste Zellen‘, von denen jedoch am Ende nur eine Linie überlebt hat. Das erklärt, warum alle Lebewesen die gleiche DNS und den gleichen genetischen Code haben.

S: „Ach ja? Wenn die Wahrscheinlichkeit der zufälligen Entstehung EINER Zelle schon gegen Null tendiert, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer zweiten zufälligen Zellentstehung noch geringer.
Und dass diese beiden Zellen sich dann auch noch zufällig miteinander verbinden, noch bevor sie sofort wieder sterben, ist noch unwahrscheinlicher.“

A: „Du musst bedenken, dass der Prozess der Abiogenese am Ende nicht ‚eine Zelle‘ erzeugt hat, sondern viele - und das gleichzeitig. Bei den Ursuppenexperimenten wurde der Nachweis erbracht, dass aus anorganischer Chemie, organische werden kann.“

S: „Eine Abiogenese, d.h. eine Entstehung des Lebens aus toter Materie, hat es nie gegeben. Es wird immer suggeriert, dass Stanley Miller die Entstehung des Lebens bewiesen hätte. Mitnichten! Bei den Aminosäuren hörte es schon auf. Und selbst diese entstanden nur aufgrund falscher Annahmen über die Uratmosphäre und konnten später unter realistischeren Bedingungen nicht mehr entstehen. Seither blubbern immer neue Ursuppen auf der ganzen Welt - ohne dass je eine Zelle daraus entstanden wäre. Diese Versuche erinnern an die unzähligen alchemistischen Versuche im Mittelalter, Gold herzustellen. Der Mensch möchte immer wieder Gott spielen und stößt dabei an seine Grenzen.“

A: „Wovon redest du?!! Fast alle biologisch wichtigen Aminosäuren, Lipide, Nucleinbasen und Zucker konnten bis heute in den Ursuppen-Experimenten der Folgegenerationen nachgewiesen werden. Zudem unterschätzt du die kausalen Kräfte der Emergenz! In der Natur entstehen immer wieder neue Phänomene durch das Zusammentreffen von bekannten und zwar ganz von alleine. Aus diesen synergetischen Wechselwirkungen verschiedener Teilchen können ganz neue Eigenschaften auftauchen. Wenn z.B. Wasser in Gips eindringt, dann entsteht durch einen chemischen Prozess u.a. Wärme.“

S: „Aber solche Prozesse lassen sich nicht von selbst umkehren, sondern verlaufen immer nur in die eine Richtung der Entropie, d.h. dem Ausgleich von Energie, was den praktischen Verlust derselben zur Folge hat. Nach dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik kann ein geordneter Zustand nur durch die Aufwendung von Energie aufrecht erhalten werden. D.h. ein lebendiger Organismus kann nur durch die dauerhafte Zufuhr von Energie aufrecht erhalten werden. Die Aufnahme von Stoffen und Energie muss aber gezielt sein – in der Umgebung eines Lebewesens können sich ja auch Stoffe oder Energie finden, die ihm schaden könnten. Zudem können chemische Reaktionen des Stoffwechsels nur stattfinden, wenn die Reaktionspartner nicht zu sehr verdünnt werden, weshalb alle Lebensvorgänge in von der Außenwelt abgetrennte Grundeinheiten stattfinden müssen, nämlich den Zellen.

Die Entstehung von Zellen ist aber bis heute völlig ungeklärt und ebenso die Fortpflanzung derselben. In den extremen Anfangsbedingungen auf der Erde, wo die Sonne noch kaum Licht von sich gab und die Urozeane durch Erdbeben und vulkanische Aktivität aufgewühlt waren, hätten sich kaum irgendwo solche Konzentrationen an organischen Stoffen ansammeln können, um bedeutungsvolle chemische Reaktionen in Gang zu setzen.“

A: „Doch, - und zwar in der Tiefsee. Dort hat man in den 70er Jahren Quellen entdeckt, aus denen Metall-Schwefelverbindungen entweichen. Doch obwohl es in dieser Tiefe weder Licht noch Sauerstoff gibt, wimmelt es dort von Bakterien, die von Schwefelwasserstoff leben. Neben diesen ‚Schwarzen Rauchern‘ fand man noch andere Hydrothermalquellen, aus deren Schloten stark mineralisches Wasser entweicht. Die Mikrostruktur dieser Schlote ähnelt den Zellen von Lebewesen, weshalb vermutet wird, dass in der Frühzeit der Erde die Wände dieser Eisensulfid-Bläschen Nickel enthielten, dass wie ein Katalysator gewirkt hat und ein Molekül erzeugt hat namens Acethylphosphat, das eine gewisse Ähnlichkeit zu der in jeder Zelle enthaltenen Adenosintriphosphat hat und daher als Vorstufe einer lebendigen Zelle in Betracht kommt.“

S: „Trotzdem lässt sich nach wie vor nicht die Frage beantworten, wie aus diesen Tiefseeschloten Proteine oder sogar lebendige Zellen entstehen konnten. Zudem entstehen bei den Ursuppenexperimenten nicht alle am Aufbau von Proteinen beteiligte Aminosäuren, dafür jedoch auch andere, die in Lebewesen gar nicht vorkommen, und sogar noch jede Menge schädliche monofunktionelle Verbindungen, die eine erforderliche Kettenbildung immer wieder verhindern. Selbst die Anwesenheit von Wasser verhindert die Kettenbildung, so dass in Ursuppen-Simulationen noch nicht einmal Vorstufen von Proteinen entstehen.“

A: „Zugegeben, - es gibt in diesem Forschungsbereich noch zahlreiche Erkenntnislücken. Diese aber werden immer wieder durch neue Entdeckungen nacheinander geschlossen. So hatte man z.B. jahrelang eine Frage bei der Entstehung des Informationssystems, also der DNS, die inzwischen geklärt ist: Die DNS ist sehr stabil, ihre Teilung bei der Vermehrung ist nur mit Hilfe eines Enzyms möglich. Dieses Enzym ist ein Protein, das aber erst mit Hilfe von DNS hergestellt wird. Also bestand die Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei, und wie ist es in die Welt gekommen? Doch dann entdeckte man, dass die RNS sowohl als Informationsträger als auch als Enzym wirksam ist. Danach entstand die Vorstellung, dass der heutigen DNS-Welt eine ‚RNS-Welt‘ vorausgegangen sein könnte und dass später die RNS von der chemisch eng verwandten DNS als Informationsträger abgelöst wurde. 2009 konnte im Labor nachgewiesen werden, dass mindestens zwei der vier Nukleoide der RNS unter den geochemischen Bedingungen der Erdfrühzeit entstehen konnten.“

S: „Wenn das RNS-System damals funktioniert hätte, warum sollte es sich dann später ändern? Und wie hätte ein solcher Übergang erfolgen können?“

A: „Dafür stellte der Biologe Manfred Eigen in den 70er Jahren die These eines Replikationssystems auf, dem sog. ‚Hyperzyklus“: Ein Molekül A reproduziert ein Molekül B, welches wiederum A repliziert. Die Moleküle A und B vermehren sich also abhängig voneinander und bilden dadurch das Vorstadium der ersten DNA.“

S: „Das klingt ja fast wie das Perpetuum mobile! Oder wie Pipi Langstrumpf immer sagt: ‚Ich mach mir die Welt widewidewitt wie’s mir gefällt!‘ Du solltest hier aber mal fairerweise zugeben, dass es ihm damals nicht gelungen ist, die Entstehung eines solchen Hyperzyklus nachzuweisen. Die von Dir genannten Moleküle waren nicht stabil, sondern vermischten sich sofort wieder, sodass sich keine Kettenmoleküle bildeten. Im Gegenteil dockten sich an diesen Strängen ständig auch andere, unpassende Moleküle an, die das ganze Verfahren wieder zum Stillstand brachten. Auch Manfred Eigen musste am Ende einräumen, dass die zufällige Zusammenführung der richtigen Basenpaare und der anderen Bausteine von ganz alleine eigentlich ‚so unwahrscheinlich ist‘, dass sie ‚einem Wunder gleichkäme‘. Sein französischer Kollege Jacques Monod hielt die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Entstehung entsprechend ‚nahe bei Null‘. (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42854146.html).

A: „Trotzdem ist eine solche Möglichkeit denkbar, wenn auch vielleicht unwahrscheinlich.Eine Strategie der Begründung oder Rechtfertigung mit dem obersten Ziel, eine Letztbegründung zu geben, kann niemals zum Erfolg führen. Daher verbleibt nur, Überzeugungen, Meinungen oder Hypothesen immer wieder auf Irrtümer hin zu überprüfen und nach Möglichkeit durch bessere zu ersetzen. Im Falle der Erstentstehung von Leben sprechen wir von einer wissenschaftlichen Hypothese. Das bedeutet, dass es die aus wissenschaftlicher Sicht gesehene, gegenwärtig beste Erklärung auf Basis der gegenwärtigen Beobachtungs- und Auswertungsmöglichkeiten. Aber möglicherweise ist das Leben ja auch durch einen Kometeneinschlag auf die Erde gekommen, also die sog. Panspermie. Auch das ist eine Hypothese, die schon von vielen namhaften Wissenschaftlern vertreten wurde und heute immer noch vereinzelt in Kolloquien diskutiert wird.“

S: „Ach, jetzt auf einmal. Nach dem Motto: ‚Wenn Du nicht mehr weiter weißt, dann gründe einen Arbeitskreis!‘ Aber damit wird das eigentliche Problem doch gar nicht gelöst, sondern nur von der Erde ins Weltall verlagert, indem sich die Frage stellt, wie das Leben denn im Weltall entstanden ist. Zudem stellt sich auch die Frage, wie die Organismen im Interstellaren Raum überleben und unversehrt in die Biosphäre gelangen konnten. Dadurch entstehen also nur immer wieder neue Fragen, für die es kaum eine Antwort geben kann. Anstatt einfach dem Worte Gottes zu glauben, dass Gott das Leben geschaffen hat, sucht der Mensch immer wieder nach Ausflüchten.“

A: „Die Tatsache, dass die Wissenschaften keine übernatürlichen Faktoren berücksichtigen, ist weder Ausdruck einer voreiligen Verneinung der Existenz derartiger Instanzen, noch das Symptom einer dogmatischen Verkrustung der Wissenschaft, sondern schlichtweg Ausdruck methodologischer Notwendigkeit. Bringe empirische Beweise für Gott und die Wissenschaft beschäftigt sich damit.
Da es aber für Gott keine empirischen Beweise geben kann, ist Gott kein Bestandteil naturwissenschaftlicher Betrachtung. Würde aber dennoch einer entdeckt, würde die Suche nach weiteren einen neuen Wissenschaftszweig begründen, der sich dann aber erst auf Basis des Fundes mit dem Phänomen Gott naturwissenschaftlich beschäftigen kann.“

S: „Wenn nichtmaterielle Einflussgrößen wie ein Schöpfergott in der modernen naturwissenschaftli-chen Methodik von vornherein ausgeschlossen werden, da sie einem willkürlich festgelegten, ideologischen Grundsatz widersprechen, dann braucht sich die Naturwissenschaft nicht wundern, dass die Mechanismen für Makroevolution bis heute ebenso unbekannt sind wie die Vorgänge, die angeblich zur Entstehung des Lebens geführt haben sollen. Und wenn es für unzählige ‚Signale‘ in der Natur, die alle in die gleiche Richtung weisen, keine plausiblere Erklärung gibt als das Wirken eines Schöpfers, dann wird es höchste Zeit, von den angestammten aber willkürlichen Selbstbeschränkungen abzurücken, um seinen Blick zu weiten auf die Möglichkeit eines Schöpfers.“

A: „Offene Fragen können aber keine zwingende Begründung für eine andere Ursprungsvorstellung wie die Schöpfungslehre sein, sonst wäre Gott nur ein Lückenbüßer für alles Unerklärliche.“

S: „Das schon. Aber für die Erklärung von Naturgegenständen kommen neben Naturgesetzen und Zufällen auch Planung bzw. willentliche Steuerung in Frage. Letzteres lässt sich plausibel machen, indem man Merkmale aufzeigt, die nach bestem Wissen auf Planung hinweisen und eine Alternative der Entstehung dieser Merkmale als unplausibel erweist.“

A: „Worauf willst du hinaus?“

S: „Es geht mir um die ‚irreduzible Komplexität‘, die sich überall in der Natur findet, sogar in den kleinsten Lebewesen, den Bakterien. Zu einem nicht reduzierbaren System gehört z.B. ein Auto, denn dieses kann nur dann fahren, wenn es mindestens über einen Motor verfügt, sowie über eine Kupplung, vier Räder und eine Steuerung. Verglichen mit den Mindestbestandteilen eines Bakteriums ist dieses um ein vielfaches komplexer als ein Auto. Dennoch mussten alle diese Bestandteile zur gleichen Zeit alle vollständig vorhanden und an der richtigen Stelle platziert sein, sonst wäre das Lebewesen nicht lebensfähig gewesen. Die einzelnen Bestandteile konnten sich also nicht nacheinander entwickeln, erst recht nicht durch ungerichtete Prozesse.“

A: „Damit unterstellst du aber, dass es keine funktionale Überschneidungen zwischen den verschiedenen Strukturen innerhalb ihrer Entwicklung geben kann. Warum sollte es nicht möglich gewesen sein, dass sich die Komponenten zufällig parallel entwickelt und erst später zusammengefügt haben, wie es z.B. beim Bau eines Airbus der Fall ist?“

S: „Weil den einzelnen Komponenten einfach nicht genug Zeit bleibt, um sich irgendwann durch Zufall an die ‚richtige‘ Stelle anzudocken. Man hat z.B. die Mindestbestandteile eines Bakterienmotors (Flagelle) analysiert. Ein E. Coli Bakterium z.B. verfügt über Geißeln, die von einem Nano-Motor angetrieben werden, der den Schub erzeugt. All diese Komponenten können nur durch ein ausgeklügeltes Zusammenspiel aufeinander funktionieren, was offenkundig veranschaulicht, dass sie zweck- und zielgerichtet aufeinander abgestimmt und organisiert sind. Da ein Selektionsvorteil nur im fertigausgebildeten Zustand gegeben ist, jedoch evolutionäre Zwischenstufenbiologisch wertlos sind und durch stabilisierende Selektion ausgemerzt werden, kann ein solches System nicht schrittweise entstehen. Zumindest wäre es sehr unwahrscheinlich.“

A: „Bei einmaligen Ereignissen sagen Wahrscheinlichkeitsberechnungen im Grunde nichts aus über die Plausibilität. Denn jedesEreignis lässt sich im Nachhinein beliebig unwahrscheinlich rechnen! Man stelle sich vor, ein paar Freunde sitzen am Tisch und spielen Karten. Einer notiert, in welcher Reihenfolge die Karten ausgegeben werden. Anschließend berechnet er die Wahrscheinlichkeit, mit der die stattgehabte Kartenabfolge auftritt. Bei 32 Spielkarten ist sie derart gering, dass man seit der Entstehung des Universums hätte Karten spielen können, ohne das Blatt je auf die Hand zu bekommen. Trotzdem sind die Karten beim ersten Mal genauso ausgeteilt worden!“

S: „Das mag sein. Dennoch arbeitet die Naturwissenschaft mit Wahrscheinlichkeitsberechnungen, um die Plausibilität einer Hypothese zu untermauern oder anzuzweifeln. So werden z.B. die in Lebewesen vorkommenden Proteine aus 20 verschiedenen Aminosäuren zusammengesetzt. Für jedes Kettenglied gibt es also 20 verschiedene Möglichkeiten. Nehmen wir an, ein Protein bestehe aus 100 Aminosäuren. Die Wahrscheinlichkeit für eine ganz bestimmte vorgegebene Folge von 100 Aminosäuren beträgt dann 1:20100, das ist umgerechnet eine Wahrscheinlichkeit von 10-130. Eine solche minimale Wahrscheinlichkeit ist unvorstellbar klein.“

A: „Das täuscht. Denn von den insgesamt 10130 Möglichkeiten der Bausteinabfolgen ist nicht nur eine einzige funktionsfähig, sondern es sind sehr viele. Die Unwahrscheinlichkeit jeder einzelnen Konfiguration wird durch eine immens große Zahl an alternativen (potentiellen) Konfigurations-möglichkeiten aufgewogen.“

S: „Trotzdem nützen diese nicht, um ein erforderliches Ziel zu erreichen. Wenn mich als Malermeister eine Kundin beauftragt, ihr Treppenhaus zu tapezieren, und ich habe bei Arbeitsantritt meinen Auftragszettel vergessen, dann nützt es nichts, wenn ich der Kundin später erkläre, dass doch eigentlich auch der Anstrich ihrer Fassade mal nötig war oder die Lackierung ihrer Fenster. Auch in der Evolution kann ein Entwicklungsschritt nur dann sinnvoll sein, wenn er zeitnah ein Problem löst und nicht erst irgendwann einmal durch Zufall, weil es dann nämlich schon zu spät sein kann.“

A: „Zu spät für was? Um Lebewesen vor dem Aussterben zu bewahren? Das wäre der Evolution egal, denn sie kann immer wieder neues Leben hervor bringen. Religionen haben die Menschen immer gelehrt, dass die Natur für sie da sei, aber die Natur ist nicht anthropozentrisch. Der Zufall in den Evolutionsprozessen wird aber eingeschränkt durch die Notwendigkeit, denn auftretende Probleme erzwingen oftmals ganz bestimmte Lösungen. Die Evolution ist daher nicht völlig beliebig verlaufen, aber sie ist auch nicht notwendigerweise Ergebnis eines göttlichen Plans.“

S: „Die Verwendung des Begriffs ‚Zufall‘ als Evolutionsfaktor macht jede Aussage über die Evolution sinn- und gehaltlos, da es dem Bekenntnis einer Unkenntnis gleichkommt. Denn wer eine Theorie aufstellt, deren zentrale Erklärung es ist, eine außernatürliche Kraft oder jede Kausalität abzulehnen und ansonsten nicht zu wissen, was abläuft, stellt im Grunde gar keine Theorie auf.“

A: „Nur weil die Evolutionsforschung eine außernatürliche Kraft wie Gott nicht berücksichtigt, heißt das nicht zwangsläufig, dass sie die Möglichkeit seiner Existenz von vornherein ausschließt. Die Evolutionstheorie beschäftigt sich mit den Gesetzmäßigkeiten, die überall in der Natur zu finden sind, dass z.B. kein Säugetier mehr als zwei Arme oder mehr als vier Beine hat etc. Gott ist aber nicht ein Gegenstand naturwissenschaftlicher Betrachtung, sondern eine Sache des Glaubens.

Eigentlich könnte ich mich sogar mit dem Gedanken anfreunden, dass die Evolution sich nicht durch Zufall entwickelt hat, sondern durch irgendeine höhere Intelligenz ‚überwacht‘ wurde, ob man sie nun ‚Gott‘ nennen will oder durch wen oder was auch immer. Aber warum sträubst du dich so vehement gegen die Vorstellung, dass ein Gott die Welt DURCH Evolution geschaffen hat?“

S: „Selbst wenn ich nicht an Gott glauben würde, würde ich nach meinem heutigen Kenntnisstand den Glauben an eine Evolution als ein völlig unbewiesenes Wunschdenken ansehen. Es ist der größte Irrweg der Menschheit seit der Vorstellung, dass die Erde eine Scheibe sei.“

A: „Ach ja? Und der Glaube an eine Schöpfung ist etwa kein Wunschdenken?! Welche Alternative hat denn ein Mensch, wenn er nicht an Gott glauben kann? Es geht zudem um eine Erklärbarkeit, nicht um eine Erklärtheit. Wissenschaft kann sich der Wahrheit immer nur annähern.“

S: „Aus meiner Sicht hätten sich die Menschen all diese Mühe ersparen können, wenn sie einfach dem Zeugnis Gottes in der Bibel geglaubt hätten, denn dort steht alles drin, was der Mensch für sein Leben wissen muss. Ich halte es für durchaus plausibel, dass Gott den Menschen ein ‚Handbuch‘ mitgegeben hat, eine Gebrauchsanweisung für ihr Leben, ihre Zweckbestimmung und Antwort auf die Frage nach dem Woher und Wohin. Wenn der Mensch einfach Gott vertrauen würde, dann müsste er nicht mehr im Dunkeln tappen.“

A: „Die Bibel ist ein Erklärungsversuch für das Leben, der von einem semitischen Nomadenvolk verfasst wurde vor 3000 Jahren, als es noch keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse über die Welt gab, sondern nur eine blasse Ahnung. Zugegeben: Verglichen mit anderen Religionen hat der biblische Schöpfungsmythos schon eine erstaunliche Nähe zu den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen, was z.B. die Reihenfolge der Schöpfungsakte betrifft. Aber schon die Vorstellung, dass die geologischen Gesteinsformationen samt den darin befindlichen Fossilien gerade einmal nur 6000 Jahre alt sind und innerhalb von 6 Tagen erschaffen wurden, ist einfach absurd.“

S: „Das habe ich aber auch nicht behauptet. Die Heilige Schrift spricht von 6 Schöpfungstagen. Allerdings muss es sich hierbei nicht zwangsläufig um buchstäbliche 24-Stunden-Tage handeln, denn die Bibel sagt z.B. auch, dass ‘ein Tag bei dem HErrn ist wie 1000 Jahre’ (Psalm 90:4), wobei sich dieser Hinweis eigentlich auf den ‘Tag des HErrn’ bezieht, welcher exakt 1000 Jahre andauern wird. Es gibt aber auch andere Erwähnungen von symbolischen ‘Tagen’ oder ‚Abenden‘ in der Bibel, die sich real sogar auf noch längere Zeiträume beziehen, weshalb ich vermute, dass es sich um unspezifische Zeitperioden handelt.“

A: „Das überrascht mich aber, denn das klingt wie ein Zugeständnis an die Wissenschaft, dass du doch bisher immer abgelehnt hast.“

S: „Wie kommst Du darauf? Solange die Wissenschaft sich nicht ideologisch von gottlosen Ideologien vereinnahmen und missbrauchen lässt, dient sie der Wahrheitsfindung und damit dem Willen Gottes. Anders herum haben auch bibeltreue Christen oft die Wissenschaft für eine ganz bestimmte Bibelauslegung für sich vereinnahmt und missbraucht, indem sie ihrer Auslegung missliebige Forschungsergebnisse ignorierten und sich stattdessen einseitig auf jene Funde beriefen, die ihrem Bibelverständnis gelegen kamen.“

A: „Du beziehst dich wohl auf die Junge-Erde-Kreationisten, die an die Erschaffung der Welt vor 6000 Jahren glauben. Wenn ich dich recht verstehe, hältst du also sogar eine Schöpfung innerhalb der von der Wissenschaft berechneten 4,6 Milliarden Jahre Erdgeschichte für möglich?“

S: „Ich gebe zu, dass ich bis vor einem halben Jahr auch noch von buchstäblich 24-Stunden-Tagen ausging, und selbst heute würde ich eine solche Möglichkeit nicht gänzlich ausschließen. Aber wenn man sich diese gewaltigen Erdschichten anschaut mit ihren versteinerten Fossilien, dann kommen einem schon arge Zweifel, ob diese alle erst durch die biblische Sintflut entstanden sein sollen, die sich vor gerade einmal nur 4.500 Jahren ereignete. Wir sind als Christen der Wahrheit verpflichtet.“

A: „Na, wer hätte das gedacht! Ich hatte mich schon gewundert, warum du bisher nicht die radiometrischen Berechnungen zum Alter der Erde angesprochen hast, die von Kreationisten doch immer gerne angezweifelt werden wegen ihrer Ungenauigkeit. Aber das ist doch wirklich mal ein Zugeständnis und Entgegenkommen in dieser Auseinandersetzung!“

S: „Du solltest dies jedoch nicht als Kniefall vor der Evolutionstheorie deuten, die in ihrer Kernaussage nach wie vor irrt, dass nämlich die Lebewesen allmählich aus gemeinsamen Vorstufen entstanden sind, denn dies widerspräche nicht nur dem biblischen Zeugnis, sondern auch den Gesetzen der Naturwissenschaft. Wenn das Wort Gottes unserem Fuße eine Leuchte sein kann, dann treten wir auch nicht daneben.“

A: „Apropos Leuchte: Wie erklärst du dir denn den scheinbaren Widerspruch, dass Gott angeblich erst am vierten Tag die Sonne und den Mond erschuf, obwohl doch bereits am ersten Schöpfungstag das Licht erschaffen wurde?“

S: „Ich hatte bereits erwähnt, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem ‚Erschaffen‘ (hebr. ‚BaRa‘) und einem ‚(Zurecht)machen‘(hebr. ‚ASsaH‘). Gott hatte der Sonne erst am 4. Schöpfungstag eine Rolle im Sonnensystem zugewiesen, obwohl diese schon zuvor als ‚Protostern‘ existierte, jedoch nur mit einem schwachen Licht. Dies entspricht genau dem, was wir heute über die Sternentstehung wissen.“

A: „Klingt plausibel. Und wie erklärst du dir den Tod der Dinosaurier, wo doch die Bibel behauptet, dass erst durch Adams Sünde der Tod in die Welt kam?“

S: „In der Stelle in Röm. 5:12, die Du erwähnst, heißt es, dass durch die Sünde Adams ‚der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist‘. Die Tiere sind jedoch auch schon vor Erschaffung des Menschen gestorben. In Offb.16:18 ist z.B. von einem Erdbeben die Rede, ‚desgleichen nicht geschehen ist, seitdem die Menschen auf der Erde waren, solch ein Erdbeben, so groß‘. Die Menschen sind aber erst in der zweiten Hälfte des 6. Schöpfungstages erschaffen worden. Folglich ist es möglich gewesen, dass die Landtiere, die in der ersten Hälfte des 6. Schöpfungstages erschaffen wurden auch während desselben schon wieder gestorben sind, u.a. durch gewaltige Erdbeben, die auch für die Kontinentaldrift verantwortlich waren.“

A: „Demnach würde nach deiner Vorstellung jeder Schöpfungstag in etwa 0,5 bis 1 Milliarde Jahre umfassen – ist das richtig?“

S: „Ja, könnte sein. Vielleicht aber waren es auch nur einige Millionen Jahre, das weiß keiner mit Bestimmtheit. Denn die radioaktiven Zerfallszeiten waren möglicherweise nicht immer konstant. Aber dass das Auseinandertreiben der Kontinente nicht innerhalb weniger Monate oder Jahre geschah, sondern einige Millionen Jahre benötigt hat, sollte jedem klar sein, wenn man bedenkt, dass schon wenige Zentimeter sofort ein Erdbeben zur Folge haben. Einige christliche Wissenschaftler wie Reinhard Junker bemühen nämlich Bibelstellen wie 1.Mose 10:25, um die Kontinentaldrift in die Zeit nach der Sintflut anzusiedeln.“

A: „Da hätten sich die Menschen in der Tat ja regelrecht festhalten müssen bei solch einer rasanten Kontinentalplattenverschiebung!“

S: „In der Sintflut hat es mit Sicherheit auch noch erhebliche Verwerfungen innerhalb der Erdhülle gegeben, denn sonst wäre es kaum möglich, dass die ganze Erde mit Wasser bedeckt war.“

A: „Dass die ganze Erde mit Wasser bedeckt gewesen sein soll, ist doch kaum vorstellbar. Wo sollte denn all das Wasser herkommen, zumal es so viel Wasser doch gar nicht auf der Erde gibt!“

S: „Doch. Die Bibel spricht von den ‚Quellen der großen Tiefe‘, die sich auftaten, und auch die ‚Fenster des Himmels“(1.Mose 7:11). Dadurch ist die ganze Erde von unten mit Tsunamis und von oben mit monsunartigen Dauerregen überschwemmt worden. Man hat mal ausgerechnet, dass – wenn die Erdoberfläche keine Höhen und Tiefen hätte - die Menge des Wassers, das auf der Erde ist, ausreichen würde, um die ganze Erde ca. 3 km mit Wasser zu überdecken.“

A: „Aber die Erde hat nun einmal Höhen und Tiefen. Und außerdem: Wie soll das ganze Wasser nach der Sintflut wieder verschwunden sein? Bei der Verdunstung würde doch das ganze Wasser sofort wieder auf die Erde abregnen und die Sintflut würde sich unendlich fortsetzen.“

S: „Die Bibel gibt hierauf eine Antwort in Psalm 104: ‚Mit den Meeresfluten hattest Du die Erde bedeckt wie mit einem Gewande; die Wasser standen über den Bergen. Vor Deinem Schelten flohen sie, vor der Stimme Deines Donners eilten sie hinweg – Die Berge erhoben sich, es senkten sich die Täler – an den Ort, den Du ihnen bestimmt hast. Du hast ihnen eine Grenze gesetzt, die sie nicht überschreiten werden; sie werden nicht zurückkehren, die Erde zu bedecken.‘(V.6-9).

Dies erklärt z.B., warum man in den Anden und Alpen Muscheln und Korallen gefunden hat. Der amerikanische Meteorologe Michael Oardgeht davon aus, dass es bei diesen Gebirgsauffaltungen auch eine enorme vulkanischer Aktivität gab, was zu einer starker Erwärmung der Meere und zu einer deutlichen Abkühlung der Erdatmosphäre führte wegen der Staubpartikel. Durch die Verdunstung entstanden riesige Hurrikane, deren Wasser in der Folge als gewaltige Schneemassen auf die Erde herabfielen und ganz Europa bedeckten, so dass sogar Hiob von diesen berichten konnte. Das war wohl eine der letzten großen Eiszeiten, für deren Entstehungsursache die Forscher bis heute keine plausible Erklärung haben.“

A: „Du meinst wohl die sog. ‚Weichsel-Kaltzeit‘. Diese endete jedoch bereits vor rund 12.000 Jahren, und nicht erst vor 4.000 Jahren.“

S: „Die Häufigkeitsverschiebung der Sauerstoffisotope 16O und 18O (Isotopenfraktionierung), die bei der Datierung von Warm- und Kaltzeiten zugrunde gelegt wird, ist wie alle stratigraphischen Datierungsmethoden relativ zu willkürlich festgelegten Referenzpunkten und daher ungenau. Der von M. Oard beschriebene Hergang scheint mir sehr plausibel und ist mit der Bibel völlig im Einklang.“

A: „Da verlasse ich mich doch lieber auf die Angaben der modernen Wissenschaft, obwohl ich Deine Ausführungen durchaus beeindruckend finde, und das meine ich nicht ironisch. Aber wenn es vor 4.500 Jahren wirklich eine Flut gegeben hätte , in welcher nur 8 Menschen überlebt hätten, wie erklärst du dir dann die Tatsache, dass wir heute schon wieder 7.000.000.000 Menschen auf der Erde haben!“

S: „Wir müssten eigentlich sogar noch viel mehr Menschen heute auf der Erde haben, denn bei einer derzeitigen Wachstumsrate von 1,9 % pro Jahr würden statistisch gesehen schon 2.000 Jahre reichen, um auf die heutige Weltbevölkerung zu kommen. Allein im letzten Jahrhundert hatten wir zwei Weltkriege mit fast 100 Millionen Toten, dazu atheistische Diktaturen, wie z.B. den Kommunismus, dem wiederum über 100 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Und dann hatten wir die Spanische Grippe mit 50 Millionen Toten, sowie das HIV mit 36 Millionen Toten. Wenn diese Menschen heute alle noch leben würden, wäre die Weltbevölkerung heute noch weit höher!“

A: „Und was willst du damit andeuten?“

S: „Dass die Menschheit nicht 40.000 Jahre alt sein kann. Denn wenn man allein die heutige Bevölkerungswachstumsrate von 1,9 % zugrunde legt, dann müssten heute schon 430 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Und ich rede hier vom Homo Sapiens, also noch nicht mal vom Homo erectus etc., denn dann wären es noch viel mehr!“

A: „Du glaubst also tatsächlich an den Beginn der Menschheit vor gerade einmal 6.000 Jahren?“

S: „Wenn man die Altersangaben der in der Bibel erwähnten Menschen mit den historischen Daten kombiniert, errechnet sich ein Alter der Menschheit von etwa 6000 Jahren. Dies steht übrigens auch ganz im Einklang mit einer Studie von 1997, die besagt, dass die Mutationsrate der mtDNA um ein 20faches höher liegt als ursprünglich angenommen, weshalb die mitochondriale Eva nur 6.000 Jahre sein dürfte (http://www.nature.com/ng/journal/v15/n4/abs/ng0497-363.html.

A: „Es gibt aber auch Hunderte von Studien, die ein weitaus höheres Alter der Menschheit belegen. Man geht heute sogar eher von einem Alter von 200.000 Jahren aus. Die ersten Frühmenschen aus Afrika hat es sogar schon vor 1,5 - 2 Millionen Jahren gegeben.“

S: „Wenn das so wäre, dann stellt sich aber doch um so mehr die Frage, warum wir uns nach so einer langen Zeit noch nicht gegenseitig auf die Füße treten, denn dann müssten heute eigentlich schon 17.500.000.000.000 Menschen auf der Erde leben. Und dann stellt sich die Frage, wo eigentlich deren Gräber abgeblieben sind. Selbst wenn man von einer minimalen Bevölkerungsdichte von nur drei Einwohnern pro km² ausgeht, ergibt das für einen Zeitraum von 2 Millionen Jahren 0,15 Gräber pro m² (also theoretisch alle 2,5 m ein Grab mit entsprechenden Grabbeigaben etc.).“

A: „Die Leichenknochen sind doch längst verwest und die Grabbeigaben verrottet. Was erwartest du nach so einer langen Zeit!“

S: „Aber man findet ja vereinzelt bis heute noch Menschenknochen, die angeblich so alt sein sollen. Und es ist ja eine Tatsache, dass sich Knochen tatsächlich unter bestimmten Voraussetzungen über Jahrhunderte oder Jahrtausende erhalten können, wenn sie durch bestimmte Umstände auf natürliche Weise konserviert bleiben, z. B. die Mumien oder die Moorleichen. Wenn aber behauptet wird, dass die gefundenen Knochen schon eine Million Jahre alt sind, dann müsste man allein schon von der geschätzten Anzahl an Menschen, die in diesen langen Zeiträumen angeblich schon gelebt haben sollen, wesentlich mehr fossile Knochen gefunden haben als dies tatsächlich der Fall ist.“

A: „Es gibt aber nun einmal nur sehr wenige Knochen, die sich über diesen Zeitraum erhalten haben, und vielleicht findet man in den nächsten Jahren auch noch mehr.“

S: „Und wo sind sie ganzen Steinwerkzeuge der Steinzeitmenschen aus den letzten 2 Millionen Jahren? (zumal diese die Zeit doch eigentlich gut überdauern müssten). Selbst wenn man annimmt, dass beispielsweise in Deutschland über einen Zeitraum von 800.000 Jahren lediglich 1000 Personen gelebt haben, müssten bereits viele Milliarden Steinwerkzeuge zu finden sein. Realistischerweise müsste man davon ausgehen, dass es zumindest phasenweise einige Millionen Menschen in Europa gegeben hat. Im Vergleich zu den Billionen Steinwerkzeugen, die sie uns hinterlassen haben müssten, konnte nur ein viel zu winziger Teil bisher gefunden werden.“

A: „Der aber schon jetzt ganze Museen füllt. Außerdem hat man ja auch erst in den letzten hundert Jahren mit der Suche begonnen. Die Menschen der Steinzeit waren primitiv, aber sie fanden immer irgendwie Mittel und Wege, die Tiere zu jagen und zu schlachten.“

S: „So primitiv waren sie nicht. Denk doch nur mal an die genialen Höhlenmalereien! Oder an die englische Kultstätte Stonehenge und andere Magalithbauten und Hünengräber, die aus tonnenschweren Steinen errichtet wurden. So primitiv können diese Menschen nicht gewesen sein!“

A: „Aber nicht zu vergleichen mit den Bauten der Hochkulturen seit der Bronzezeit.“

S: „Weil die Steinzeitmenschen ja auch in nördlichen Regionen lebten, wo es noch überall Schnee und Eisgletscher gab. Die Hochkulturen der Sumerer, Assyrer, Ägypter und Babylonier hingegen lagen im Nahen Osten, wo die Temperaturen angenehm waren und das Leben dadurch einfacher war.
Auch hier fällt auf, dass die Menschheit Hunderttausende von Jahren angeblich zu primitiv war, um etwas auf die Beine zu stellen, aber dann plötzlich innerhalb kürzester Zeit Festungen und Tempelanlagen bauen konnte, die man selbst heute mit der modernsten Ingenieurtechnik und den neuesten Baumaschinen kaum nachbauen kann. In Wirklichkeit war die Menschheit schon immer ziemlich genial, weil sie nach dem Ebenbild Gottes erschaffen wurde, nur dass es eben vor dem Jahre 4.000 v.Chr. noch gar keine Menschen gegeben hat.“

Ich glaube an Jesus Christus.

Was dieser Glaube für mich bedeutet, möchte ich mal an einem Beispiel veranschaulichen:

Auf meiner ersten Reise nach Südamerika (im Frühjahr 1992) hielt ich mich auch für ein paar Tage in Guayaquil auf, einer Großstadt im Süden von Ecuador. In jenen Tagen besuchte ich mit einem Freund eine schwerkranke Frau in den Slums der Stadt. Es war eine etwa 40 Jahre alte Mutter von etwa 10 kleinen Kindern, die in der Hängematte ihrer Hütte lag. Sie hatte Krebs im Endstadium und nur noch wenige Tage zu leben. Ihre Kinder standen um sie herum, und die Frau bat mich, ihr etwas vorzulesen. Ich war 23 und fühlte mich in dieser Situation völlig überfordert. Doch nach kurzem Zögern schlug ich meine Bibel auf und las ihr einen Text aus dem letzten Buch der Bibel vor, aus dem vorletzten Kapitel: 

"Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde ... Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel sagen: Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden Sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott. Und Er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu." (Offb. 21:1-5).

Die Frau ergriff meine Hand und lächelte mich einen Moment an, trotz ihrer Schmerzen, und ich spürte, dass ihr diese Worte Trost gegeben haben, weil sie ebenso wie ich an Jesus Christus glaubte und an eine Auferstehung aus den Toten. Dieser Glaube kann Menschen selbst im schlimmsten Leid Zuversicht und Kraft schenken! Welchen Trost hätte wohl ein Agnostiker oder ein humanistischer Naturalist dieser Frau geben können?

Ich möchte Euch auf dieser Seite einladen, meinen Glauben kennenzulernen und sich gerne auch kritisch mit diesem auseinanderzusetzen. Ich möchte Euch zeigen, dass Eure Vorbehalte unbegründet sind und sich die Argumente der heutigen Vorzeige-Atheisten wie Richard Dawkins oder Michael Schmidt-Salomon problemlos widerlegen lassen. Zu diesem Zweck habe ich mal angefangen, die typischen Vorwürfe der Religionskritiker aufzugreifen und in Form eines kritischen Dialoges an Hand von überprüfbaren Fakten zu entkräften. Obwohl dieser Dialog fiktiv ist, habe ich mich bemüht, möglichst authentisch sämtliche Argumente gegen den Glauben einzubringen und ihm eine Entgegnung aus christlicher Überzeugung gegenüber zu stellen, damit sich jeder Leser ein eigenes Bild machen kann, welches Argument für ihn das plausiblere ist.

Mein Anliegen ist es, angesichts eines sich abzeichnenden Weltendes innerhalb der nächsten 15 bis 20 Jahre jeden Menschen vor den Folgen seiner Gleichgültigkeit gegenüber den Geboten seines Schöpfers zu warnen, da die Bibel diesbezüglich klar und unmissverständlich von einem Endgericht spricht, bei dem sich jeder Mensch für sein Tun und Lassen während seines irdischen Lebens vor Gott verantworten muss. Da schon jetzt klar ist, dass kein einziger aus eigener Gerechtigkeit und Frömmigkeit vor Gott bestehen kann, ist der Glaube an Jesus Christus und die persönliche Annahme seiner Heilsbotschaft (Evangelium) das einzige, was ihn eines Tages vor dem Zorn Gottes zu retten vermag.

 

 

 

Ein Gespräch über Idealismus, Sünde, Moral und Auserwählung


A: „Simon, ich habe mal eine ganz grundsätzliche Frage an Dich: Warum versuchst Du eigentlich ständig, andere zu Deiner christlichen Überzeugung zu bekehren? Wenn ein Mensch mit dem, was er hat, glücklich ist, warum kannst Du ihn dann nicht einfach in Ruhe sein Leben leben lassen?“

S: „Weil ich davon überzeugt bin, dass ein Mensch, der nicht nach Gottes Willen fragt, den Sinn seines Lebens verfehlt und dadurch seine Lebenszeit vergeudet. Eines Tages wird jeder Mensch vor Gott Rechenschaft abgeben müssen, was er mit dem Leben angestellt hat, dass Gott ihm anvertraute.

A: „Ich respektiere Deine Motivation, und auch wenn ich selbst nicht an Gott glaube, schätze ich Menschen, die für eine Überzeugung eintreten. Was mich jedoch stört ist dieser radikale und intolerante Anspruch, den das Christentum stellt, und damit Menschen behelligen will, die für sich ein ganz anderes Lebenskonzept gefunden haben. Das findet sich ja auch schon in der Bibel, dass der Gott Jahweh angeblich die heidnischen Völker nicht tolerieren wollte und deshalb den Befehl gab, sie auszurotten bzw. zu vertreiben, als ob sie durch ihre selbstbestimmte Lebensgestaltung ihr Recht auf Leben verwirkt hätten. Warum hatten die Israeliten nicht die Freiheit, sich mit den Kanaanitern auf eine friedliche Koexistenz zu einigen?  Sind es nicht immer wieder in allen Religionen die machthungrigen Führer, die das einfache Volk im Namen Gottes aufrufen zu Radikalität und Intoleranz?

S: „Zunächst einmal würde ich diese beiden Begriffe mal klären, um nach ihrer ursprünglichen Bedeutung zu fragen: ‚radikal‘ kommt vom lat. ‚Radix‘, also ‚Wurzel‘, ‚Ursprung‘ und meint eigentlich nur, dass man Probleme ‚an der Wurzel‘ angreifen und sie von dort aus möglichst umfassend, vollständig und nachhaltig lösen sollte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass - egal was für eine Überzeugung man auch immer vertritt - man sie konsequent und damit auch ‚radikal‘ praktizieren sollte.
Denn wenn eine Sache wahr ist, dann ist sie auch für alle Menschen wahr in allen Lebensumständen, zu jeder Zeit und an jedem Ort.“

A: „Schon bei dieser Prämisse muss ich Dir widersprechen! Wahrheit ist immer subjektiv. Es gibt überhaupt keine objektive Wahrheit, die für alle gilt!“

S: „Das magst Du ja glauben, aber tatsächlich verhält es sich so, dass jede These, die es gibt, entweder wahr oder falsch ist. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Auch Deine These, dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit hat, kann entweder wahr oder falsch sein. Aus meiner Sicht ist sie falsch.
Nun könnte man sagen: Ist doch sowieso egal, soll doch jeder denken was er will. Aber auch das ist falsch und sogar gefährlich – wobei wir beim Begriff der Toleranz wären. Eigentlich klingt es ja zunächst mal sehr tugendhaft, wenn man von „Toleranz“ spricht, also der Fähigkeit zur „Duldung“. Aber wenn man genauer hinsieht, stellt man fest, dass Toleranz immer nur unter Gleichberechtigten funktionieren kann. Wenn die Söhne Deines Nachbarn ohne Dich vorher zu fragen in Deinem Wohnzimmer eine Party feiern und dabei alles kaputt machen, dann wirst Du mit Deiner Toleranz schnell an Deine eigenen Grenzen der Belastbarkeit stoßen. Und genauso ist es auch bei Gott: die Erde und die Menschen gehören ja IHM. Deshalb haben die Menschen nicht das Recht, zu tun und zu lassen, was sie wollen.“

A: „Das wäre so, wenn es denn überhaupt einen Gott gäbe. Aber diesen haben sich die Menschen nur deshalb hinzugedichtet, damit sie die Sinnlosigkeit und Einsamkeit ihres Daseins vergessen können.“

S: „Das ist nicht nur falsch, sondern auch zynisch.“

A: „Zynismus ist Realismus, also die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Aber mein Zynismus ist tolerant, weil es mir im Grunde völlig schnurzpiepegal ist, was irgendeiner glaubt, solange er mich und andere damit in Ruhe lässt. Dein Idealismus hingegen ist eine Illusion, d.h. eine Selbsttäuschung, indem Du die Welt nur so sehen kannst, wie Du sie sehen willst. Solange es Dich glücklich macht, mach was Du willst, aber geh damit niemanden auf den Keks.“

S: „Alles was Du sagst WÄRE richtig, WENN es keinen Gott geben würde, der sich durch Sein Wort offenbart hätte. WENN es aber einen Gott gibt, der uns Seinen Willen offenbart hat, dann sind all Deine Überlegungen null und nichtig. Und obendrein nützt Deine Gleichgültigkeit und Dein Zynismus am Ende niemandem und macht Dich auch selbst nicht glücklich.“

A: „Und macht Dich etwa Dein lust- und lebensfeindlicher Idealismus wirklich glücklich?“

S: „Ja. Allerdings nenne ich es nicht Idealismus sondern GLAUBE. Idealismus bedeutet, dass ein Mensch für ein oder mehrere Ideale lebt, d.h. dass sein ganzes Handeln geleitet wird von der Überzeugung der Richtigkeit und Realisierbarkeit dieser Ideale. Dies setzt natürlich voraus, dass der Mensch überhaupt an etwas absolut Gutes und Vollkommenes glaubt, also auch eine grundsätzlich bejahende Einstellung zum Leben hat. Zynismus hingegen ist die Negation eines Strebens nach Werten und Idealen. Einem Zyniker ist nichts heilig. Er verachtet Anstand und Moral und zieht alles in den Dreck, indem er das Bemühen der von ihm verspotteten ‚Gutmenschen‘ für pure Eitelkeit und Heuchelei hält. Häufig haben Zyniker selber früher einmal an das Gute geglaubt, sind aber durch Enttäuschungen im Leben davon abgekommen und misstrauen jedem und allem. Sie halten sich nicht nur für ‚aufgeklärt‘ sondern auch für ‚abgeklärt‘, nach dem Motto: ‚Ja, ja, - das kenn ich alles schon! Hat bei mir nicht funktioniert und wird deshalb auch bei Dir nicht funktionieren. Wirst' schon seh'n!‘ Viele Literaten und Kulturschaffende halten den Zynismus für die letzte Phase vor dem Untergang der menschlichen Entwicklung.“

A: „Du unterstellst uns Nichtreligiösen, dass wir keine Ideale oder Werte mehr hätten, nur weil wir nicht an Gott glauben. Das ist mal wieder richtig typisch! Religionen haben aber kein Monopol auf Moral, sie haben die Moral nicht für sich gepachtet.“

S: „Wenn Menschen an nichts mehr glauben können und keine ewigen Normen mehr anerkennen wollen, für die es sich zu kämpfen lohnt, die also innerlich resigniert haben und das Leben nur noch geschehen lassen ohne sich daran beteiligen zu wollen, von denen wirst Du doch wohl kaum behaupten können, dass diese noch nach einem ‚Ideal‘ streben.

A: „Doch.  Zum Beispiel der Familie.“

S: „Die Familie würde ich eher als einen ‚Wert‘ betrachten, also etwas, was Menschen wert schätzen und genießen können. Im Gegensatz zum ‚Ideal‘ gibt es bei einem Wert die Möglichkeit, dass dieser einem zufallen kann - also ganz ohne Anstrengung, während ein ‚Ideal‘ etwas so Vollkommenes und Unerreichbares ist, dass Du es niemals als Gegebenes vorfindest, sondern es immer anstreben musst mit aller Kraft und ein Leben lang. Beim Ideal ist aber auch der Weg das Ziel. Es macht Spaß, für etwas einzustehen, dass größer ist als man selbst und dass Dich selbst in dunklen Stunden aufmuntern und motivieren kann. Ein Beispiel: Würdest Du für das Glück Deiner Familie auf die Straße gehen und dafür demonstrieren? Nein, sondern Du würdest dieses Glück einfach nur still genießen. Aber wenn Du an eine Utopie wie den Weltkommunismus glaubst, dann würdest Du bei Wind und Wetter auf die Straße gehen und stundenlang in der Kälte mit marschieren.“

A: „Normalerweise hätte ich aber auch keine Veranlassung, für meine Familie auf die Straße zu gehen. Dennoch aber wäre mir die Familie viel wichtiger als jede Ideologie. Denn im Grunde ist es die LIEBE, die das eigentliche Ideal ist und durch welche die Familie zusammengehalten wird. Und die Liebe ist viel größer als alles andere.“

S: „Aber die menschliche Liebe ist häufig nicht von Bestand. Du weist selbst, wie viele Ehen heute scheitern oder wie oft es auch tiefe Feindschaften zwischen Eltern und Kindern geben kann. Darauf würde ich mich also nicht so verlassen.“

A: „Für die Echtheit der Liebe ist es unerheblich, ob sie ein Leben lang währt. Bertrand Russel hat einmal gesagt: ‚Die wahre Liebe ist es auch dann noch, wenn sie vergeht; und auch das Leben und das Glück verlieren nicht ihren wert, nur weil sie nicht ewig sind‘.“

S: „Für die Echtheit vielleicht nicht, aber für die Qualität und den Wert der Liebe spielt ihre Beständigkeit eine sehr große Rolle, denn von schönen Erinnerungen allein wird ein um sein Liebesglück betrogener Mensch auf Dauer nicht zehren können.“

A: „Dennoch ist die Liebe für jeden Menschen das Höchste der Gefühle, deshalb wird sie ja auch immer wieder in Liedern besungen. Und das Schöne ist, dass jeder Mensch im Prinzip zur Liebe fähig ist. Selbst der grausamste Diktator braucht Liebe und kann auch Liebe geben. Von Hitler z.B. ist bekannt, dass er seine Schäferhündin ‚Blondi‘ über alles liebte. Er war also durchaus zur Liebe begabt.“

S: „Ich würde gar nicht so weit gehen und lieber von ‚Empathie‘(Mitgefühl) sprechen. Auch im Hitler-Deutschland gab es viele SS-Leute, die bei manchen Aktionen Skrupel bekamen und desertierten. Es macht qualitativ jedoch einen Unterschied, ob ich mich nur davor scheue, ein niederträchtiges Unrecht zu begehen oder ob ich aktiv dagegen vorgehe, weil ich an etwas Höheres glaube als mich selbst. Einige hatten sogar den Mut, trotz größter Gefahr Juden bei sich zu verstecken. Andere wiederum trauten sich sogar, Flugblätter zu verteilen, obwohl sie dabei ein hohes Risiko eingingen, erwischt zu werden. Das nenne ich echten Idealismus.“

A: „Es gibt durchaus eine qualitative Abstufung in der Motivation. Ein chinesisches Sprichwort sagt: ‚Wenn Gott verloren geht, kommt die Tugend.
Wenn die Tugend verloren geht, kommt die Wohltätigkeit.
Wenn die Wohltätigkeit verloren geht, kommt die Gerechtigkeit.
Wenn die Gerechtigkeit verloren geht, kommen die Moralregeln.‘ (Laotse)“

S: „Ja, genau. Das hat man schon damals richtig erkannt. Der Glaube an Gott ist die höchste Motivation für einen ehrbaren Lebenswandel, denn ein Mensch, der Ehrfurcht vor Gott hat, würde alles tun, um Gott nicht zu enttäuschen.

Dennoch stoßen wir Menschen trotz unserer guten Vorsätze an unsere Grenzen; der Wille ist zwar da, aber in den konkreten Situationen versagen wir doch immer wieder. Deshalb musste sich Jesus, der Sohn Gottes, für uns opfern, denn Er war der einzige, der ein sündloses Leben geführt hat, und obwohl Er es nicht nötig hatte, gab Er Sein gerechtes Leben stellvertretend für die Gläubigen dahin, damit wir vor Gott überhaupt bestehen können. Niemand hat größere Liebe als der, der Sein Leben für andere opfert! Und wir waren vorher noch nicht einmal Seine Freunde sondern Feinde! Und diese Liebe Gottes erfüllt uns heute und gibt uns den nötigen Ansporn, dass wir bereit sind, aus Dankbarkeit ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen.

Es gibt – ohne Frage – auch viele Menschen, die sehr vorbildlich sind und sich für ihre Mitmenschen einsetzen. Aber so wie Du es eben beschrieben hast, reicht jede natürliche Tugend nicht an die Kraft Gottes durch den Glauben heran, sondern ist doch auf Dauer zum Scheitern verurteilt. Und auch das Streben nach Gerechtigkeit oder Solidarität ist durchaus lobenswert, aber es steht in dieser Rangfolge sogar noch unter der Mildtätigkeit. Die meisten Menschen begnügen sich aber damit, wenn sie sich politisch für eine gerechtere Gesellschaftsordnung engagieren, anstatt von ihrem eigenen Besitz für die Armen zu geben. Ich habe mich mal vor einem Jahr mit einer Aktivistin der Linkspartei unterhalten. Sie war Anwältin bevor sie aus gesundheitlichen Gründen alles verlor. Ich erzählte Ihr von meinem Glauben, und dass ich deshalb mich jedem Menschen zur Verfügung stellen möchte, weil ich der Überzeugung sei,  dass alle Menschen vor allem die Liebe Gottes brauchen. Sie blaffte mich daraufhin wütend an und sagte:
‚ICH WILL KEINE LIEBE, sondern ich will mein Harz-IV und die Rechte, die mir zustehen! Alles andere ist mir SCHEISSEGAL!‘ Das war für mich eine sehr irritierende Erfahrung.

A: „Ich kann die Frau schon verstehen. Du kannst ja gerne an all diese schönen Geschichten glauben, aber Du musst auch respektieren, wenn andere dies nicht tun und deshalb von Dir in Ruhe gelassen werden möchten.“

S: „Ich respektiere das, wenn ein Mensch partout die Botschaft Gottes nicht hören möchte. Aber den meisten Menschen ist nun einmal nicht die Gefahr bewusst, in welcher sie schweben. Denn die Bibel sagt, dass jeder Mensch sich einmal für sein Tun auf Erden vor Gott verantworten muss, und die allermeisten werden dann wegen ihrer Sünden von Gott verurteilt und in der Hölle bestraft. Und davor muss ich sie doch warnen!“

A: „Wer’s glaubt, wird selig.“

S: „Ja genau! Und vielen ist gar nicht bewusst, dass diese Redensart aus der Bibel kommt. Das Wort ‚selig‘ bedeutet ‚errettet‘, nämlich vor dem Zorn Gottes. Denn wenn jemand sich heute nicht durch Buße und Glaube von Gott retten lässt, dann ist er verloren! Und wenn Du siehst, dass jemand ahnungslos auf einen Abhang zufährt, dann wirst Du doch auch alle Hebel in Gang setzen, um ihn vor der Gefahr zu warnen. Also musst Du auch verstehen, wenn ich aus Liebe zu den Menschen sie warnen möchte vor dem Gericht Gottes.“

A: „Ich muss gar nichts verstehen. All dies sind doch nur unbewiesene Glaubenskonstruktionen von religiösen Fanatikern, die aus lauter Machtinteresse einfältige Menschen durch geschickte Manipulation und Angstmacherei für ihre Sache gewinnen wollen. Wenn ich sage ‚Wer’s glaubt, wird selig‘, dann meine ich damit, dass diese Botschaft zwar verlockend klingt, aber durch und durch unglaubwürdig ist. Das Schlimme aber daran ist, dass sie leider von naiven Menschen wie Dir unreflektiert angenommen wird und Leute wie Du dann immer weiter auch andere Einfältige verführen. Deswegen konnte das Christentum bis heute bestehen. Wie viel Schaden ist schon durch diese ganzen Missionare angerichtet worden in den armen Ländern!“

S: „Von was für einen ‚Schaden‘ sprichst Du?“

A: „Davon dass die Menschen noch mehr eingelullt werden, anstatt sich um ihre ureigensten Interessen zu kümmern. Die Kolonialherren hätten z.B. längst nicht so einen Erfolg gehabt, wenn die Missionare nicht die ‚Vorarbeit‘ geleistet hätten, indem sie den Eingeborenen predigten, sie sollten sich gegen das Unrecht, das ihnen geschieht, nicht zur Wehr setzen.“

S: „Nun mach mal halblang! Das sind billige Klischees, die den Tatsachen nicht gerecht werden: In Wirklichkeit haben die Missionare den Einheimischen vor allem die Früchte der Zivilisationen zu Gute kommen lassen, nämlich neben gesundheitlicher Fürsorge vor allem BILDUNG. Erst dadurch wurden die Menschen überhaupt erst befähigt, soziale Zusammenhänge zu begreifen und sich gegen begangenes Unrecht zur Wehr zu setzen.

Und dann frage ich Dich mal: Was bedeutet für Dich ‚Missionieren‘? Für mich bedeutet Missionieren, Menschen zum Nachdenken zu bringen, weil ich ihre falschen Überzeugungen nicht teile, sondern sie von meiner eigenen Sichtweise überzeugen möchte. Also genau das gleiche, was auch Du tust, indem Du mich von DEINEM Standpunkt überzeugen willst.“

A: „Ich will niemanden von irgendetwas überzeugen, sondern meine, dass jeder Mensch so leben soll, wie er möchte. Wenn jedoch Leute wie Du meinen, sie müssten den Menschen ihre Ansichten aufdrängen, dann wehre ich mich dagegen, indem ich die Leute aufkläre, damit sie sich nicht verführen lassen.“

S: „Das ist aber auch eine Form von ‚Missionieren‘.“

A: „Nein, das ist kein Missionieren, sondern ein Wachrütteln. Ich würde es AUFKLÄRUNG nennen.“

S: „Wenn Du mein Warnen vor der Gefahr der Höllenstrafe missbilligend ein ‚Missionieren‘ nennst und Dein eigenes Warnen hingegen euphemistisch als ein ‚Wachrütteln‘ bezeichnest, ist das reine Rhetorik, d.h. ein geschickter Gebrauch von vorbelasteten Begriffen, um den Zuhörer zu manipulieren.
Du unterstellst hier ja, dass die richtige Art zu Glauben nur darin bestehen würde, wenn man so glaubt wie Du. Selbst wenn Du vielleicht keinen Wert darauf legen magst, dass andere Menschen Deinen Lebensentwurf annehmen sollten, so betreibst Du doch indirekt ‚Mission‘, indem Du die Botschaft verbreitest: ‚Ihr dürft zwar glauben, was Ihr wollt, außer aber daran, dass ein ungläubiger Mensch sich zu Gott bekehren muss, denn weil ich selbst nicht daran glaube, will ich auch nicht, das andere daran glauben sollen!‘ Deine Kritik an den Religionen ist mithin im Grunde ein ‚unlauterer Wettbewerb‘, indem Du selber genau die gleiche Werbung betreibst, die Du bei Deiner ‚Konkurrenz‘ zu verhindern suchst, jedoch mit unlauteren Mitteln der Verleumdung und Vortäuschung falscher Tatsachen.A: „Klingt plausibel. - Eins zu null für Dich...“

S: „Und außerdem: Diese Missionare verzichten freiwillig auf eine Karriere trotz akademischer Abschlüsse und leben mit den Einheimischen zusammen, betreiben Schulen und Krankenhäuser und setzen sich teilweise auch juristisch für die Interessen der Einheimischen ein, die größtenteils Analphabeten sind. Und selbstverständlich bekennen sie sich auch zu ihrer christlichen Überzeugung, welche die Ursache und der Antrieb ist für ihre humanitäre Hilfe. Aber niemand wird gezwungen, den Glauben anzunehmen, denn dies würde fundamental der christlichen Botschaft widersprechen, die auf der freiwilligen Entscheidung jedes Menschen basiert.

Umgangssprachlich bedeutet ‚Mission‘ nicht nur religiöse Werbung, sondern auch jede andere Art von Sendungsbewusstsein. Wenn ein Mensch tief ergriffen ist von einer Überzeugung, die ihm selber sehr geholfen hat (z.B. eine bestimmte Gesundheitslehre oder eine politische Überzeugung), dann nutzt er auch jede sich bietende Gelegenheit, um sein Wissen mit anderen zu teilen.
Begrifflich mag sich Mission vielleicht nur auf die christliche Mission beziehen, aber faktisch ist jeder Überzeugungstäter ein ‚Missionar‘, denn wenn er andere Menschen zu überzeugen versucht, dann gibt es da keinen Unterschied. Im Grunde ist also an der Werbung für die eigene Sache gar nichts auszusetzen. Im Gegenteil: wenn mich ein gewisser Lebensentwurf glücklich gemacht hat, dann ist es ein Zeichen von Liebe und Fairness, dass ich das Geheimnis meines Glückes nicht nur für mich behalte, sondern anderen die Möglichkeit gebe, dieses auch zu erfahren.“

A: „Ich sehe hierin aber die Ursache für alle Religionskriege. Die Geschichte hat gezeigt, dass gerade die sog. Buchreligionen mit ihrem Sendungsbewusstsein auf der ganzen Welt nur Unruhe und Konflikte ausgelöst haben, weil man die Andersdenkenden immer wieder ‚zwangsbeglücken‘ wollte – nach dem Motto: Willst Du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich Dir den Schädel ein!“

S: „Du musst aber fairerweise zugeben, dass dies zwar auf die katholische Kirche im Mittelalter zutrifft und heute höchstens noch auf die islamischen IS-Kämpfer, nicht aber auf die christlichen Missionare.“

A: „Doch! Im weiteren Sinne sah sich ja auch George W. Bush als ‚Missionar‘, der mit Unterstützung der bibelgläubigen Christen in den USA seinen Kampf führte gegen die ‚Achse des Bösen‘. In Vietnam waren es noch Drogen, aber heutzutage bekommen die Marines ihre Gehirnwäsche mit christlichen Kampfeshymnen eingetrichtert mit Verweis auf die letzte Schlacht bei Armageddon, wo das Heer der Guten gegen die Heere des Bösen ankämpfen.“

S: „Ohne Frage: Religionen werden immer wieder missbraucht, um politische Interessen durchzusetzen.“

A: „Aber es ist doch auffällig, dass dies immer nur bei den sog. Buchreligionen passiert, also im Christentum, Judentum und im Islam, während es z.B. im Buddhismus oder im Taoismus nie größere Konflikte gegeben hat, weil letztgenannte keinen allein-seligmachenden Anspruch haben und auch prinzipiell Gewalt ablehnen.“

S: „Das wirkliche Christentum ist auch gewaltfrei, denn Gottes Reich ist nicht von dieser Welt. Jesus sagt: ‚Wer zum Schwert greift, der wird auch durch‘s Schwert umkommen‘.“ 

A: „Trotzdem sind die teilweise drastischen Thesen des Christentums dazu geeignet, Gewalt und Extremismus hervorzurufen. Auch das Christentum hat in der Geschichte häufig genug zum Schwert gegriffen und Andersgläubige brutal vernichtet. Besonders die Lehre von der ewigen Höllenstrafe hat viel Unbarmherzigkeit in die Welt gebracht. Hierin gleichen sich der Islam und das Christentum. Dass das Christentum heute größtenteils friedlich ist, liegt nur an der Aufklärung. Diese steht dem Islam größtenteils noch bevor. Wir können froh sein, dass die meisten Muslime der Welt den Koran nicht so wörtlich nehmen sondern nach dem Motto Leben: es wird alles nicht so heiß gegessen, wie‘s gekocht wird. Zum Glück ist das Christentum heute aufgeklärt und moderat, sonst hätten wir heute immer noch Religionskriege wie zur Zeit des 30-jährigen Krieges. Fundamentalismus und Extremismus haben die Welt immer wieder an den Rand des Abgrundes gebracht.“  

S: „Hier muss ich dir widersprechen. Für den Koran mag es sicher zutreffen, dass er Gewalt predigt, aber einem Christen ist es verboten, Gewalt auszuüben. Jesus Christus sagt in der Bergpredigt: 'Wenn dir jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin'. Wenn sich Menschen in der Vergangenheit Christen genannt haben, sich aber über dieses Gebot Christi hinweg gesetzt haben, dann waren es keine Christen. Mohammed hingegen lehrt, dass die Muslime sich gegen die Andersgläubigen mit Gewalt wehren sollen. Er schreibt: 'Tötet sie, wo immer ihr sie findet'. Fundamentalismus bedeutet, dass man sich an seinem religiösen Fundament orientiert und nicht an dem Zeitgeist. Ein Moslem, der Andersgläubige nicht tötet, ist dem Koran gegenüber ungehorsam und daher möglicherweise kein echter Muslim. Und ein Christ, der sich gegen ein Unrecht, dass ihm widerfährt, zur Wehr setzt, ist der Bibel gegenüber ungehorsam und daher ein fragwürdiger Christ, da er an dem biblischen Fundament nicht festhält. Er ist jedoch ein 'Extremist' im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Wort 'extrem' bedeutet eigentlich 'am äußeren Rand' (vergl. 'Extremitäten'), nämlich außerhalb des Fundaments. Man ist also entweder Fundamentalist oder Extremist, wenn man's wörtlich nimmt."        

A: "Also ich bin weder Fundamentalist noch Extremist, sondern weltoffen und liberal, und ich wünschte mir, dass alle Menschen so wären wie ich, denn nur dann wäre die Welt friedlich."    

S: "Auch ein IS-Kämpfer sagt: 'Wenn alle Menschen dem Islamischen Staat angehören würden, dann wäre die Welt friedlich."    

A: "Fragt sich nur, was für ein Friede das wäre! Auch die Toten haben ihren Frieden, nämlich auf dem Friedhof."    

S: "Auch Atheisten haben schon Kriege geführt im Namen der Freiheit und Gleichheit, z.B. die Kommunisten unter Stalin. Wirklichen Frieden gibt es nur dann, wenn die Menschen sich an das Gebot der Feindesliebe halten würden, so wie es Jesus Christus gelehrt hat.    Jesus sagt: 'Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber nachher nichts weiter zu tun vermögen. Fürchtet vielmehr dem, der die Macht hat, nach dem Tod in die Hölle zu werfen'. Ein Atheist hat nur dieses eine Leben, das er bis zuletzt verteidigen muss, weil er keine andere Hoffnung hat. Ein Christ hingegen weiß, dass dieses Leben nicht alles ist, sondern das eigentliche Leben erst noch kommen wird und dass jeder Mensch eines Tages vor Gott Rechenschaft geben muss.

Die letzten Worte oder Gedanken eines Atheisten - kurz bevor er von muslimischen Fanatikern hingerichtet wird, sind vermutlich wirklich nur: ‚Pech gehabt. ‘ oder einfach nur ‚So ein Mist!‘
Vielleicht wird er noch bis zuletzt versuchen, sich bei seinem Peiniger einzuschmeicheln, indem er alles sagt, was dieser gerne hört, nur damit er sein Leben schont. Denn außer diesem einen Leben hat er ja nichts. Das aber bestätigt dem Terroristen ja nur in seinem Tun und lässt ihn glauben, dass er alles richtig macht, wenn er Menschen tötet, die keinerlei Selbstachtung mehr haben.

Ein gläubiger Christ hingegen, der an ein Leben nach dem Tod glaubt, kann getrost Zeugnis ablegen und seinem Schlächter furchtlos und tapfer ins Gewissen reden: ‚Ich fürchte mich nicht vor Dir, denn du kannst nur meinen Körper töten, aber mehr nicht. Du solltest aber den fürchten, der die Macht hat, meinen Tod zu rächen. Er wird einmal von dir Rechenschaft fordern und dich dafür bestrafen, dass du einen Seiner Diener das Leben genommen hast, obwohl du kein Recht dazu hattest‘."                  

A: "Das wird ihn auch bestimmt einschüchtern!"

S: "Vielleicht werden solche Worte allein noch nicht ausreichen, um den Mörder umzustimmen. Aber diese Worte werden ihm wohl für lange Zeit verfolgen und ihm vielleicht keine Ruhe mehr lassen. Er wird sich fragen, was wohl seine letzten Worte eines Tages sein werden, und ob er auch noch so viel Mut und Standhaftigkeit am Ende beweisen wird. Hierin erweist sich der Glaube an Gott und die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod als großer Vorteil und als ein Zeichen von Überlegenheit gegenüber dem Atheismus."    

A: "Ich glaube, dass ein IS-Kämpfer sich überhaupt keine Gedanken mehr macht, denn sein Gewissen ist so abgestumpft, dass er nur noch blind jedem Befehl gehorcht. Man hat ihm ja auch jahrelang eingetrichtert, dass nur der Glaube an Allah die einzig wahre Religion ist, und dass jeder Feind des IS zugleich auch ein Feind Allahs ist, und der deshalb vernichtet werden muss. Der IS ist ein wildes Tier ohne Mitgefühl."

S: "Die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, ist bei Fanatikern wie dem IS nicht unbedingt abgestumpft, sondern fehlgeleitet. Gemäß seiner Ideologie, die derjenigen von Hitlers SS-Schergen gleicht, tut er etwas überaus Gutes, wenn er die 'Bösen' vernichtet. Er sieht es als einen Befehl Gottes an. Irgendwann aber wird ihm die Einsicht beschleichen, dass die Vorstellung, die er von Gott hat, eigentlich sich in keinster Weise unterscheidet von der Vorstellung, die er von dem Teufel hat. 

Ich kann die IS-Kämpfer oder die Taliban sogar ein wenig verstehen, weil ich ja auch mal so ähnlich getickt habe. Die Ungläubigen erschienen auch mir damals wie fremde Wesen, die ihre eigentliche Bestimmung verloren haben. Aus meiner Sicht war ihr ganzes Dasein eine einzige Beleidigung für Gott, weil sie nicht nach Ihm fragten, obwohl Er doch ihr Schöpfer war. Ich hatte das Gefühl, dass ich in Feindesland bin. Das Fernsehen strahlte immer nur Sendungen aus, die so taten, als ob Gott gar nicht existieren würde. Obwohl Gott doch das Wichtigste überhaupt ist, tun die Medien auch heute noch so, als ob es nicht relevant sei, über Gott zu berichten. Das habe ich damals immer wieder auch als eine persönliche Kränkung empfunden. Man durfte mich persönlich so oft beleidigen, wie man wollte, aber bloß nicht meinen Gott!    

A: "Und wie siehst du das heute?"

S: "Ein wenig denke ich auch heute noch so. Nur wundert es mich nicht mehr wirklich, denn mir ist immer mehr bewusst, dass die Welt von Satan reagiert wird, der hinter den Kulissen die Fäden in der Hand hält. Im Grunde können die Menschen einem nur leidtun, denn sie sind nur ein Spielball Satans ohne sich dessen bewusst zu sein. Dennoch sind sie nicht unschuldig, denn es müsste ihnen eigentlich klar sein, dass sie mit einer Absicht geschaffen wurden, nämlich um Gott nützlich zu sein und Ihm zu dienen. Tatsächlich aber verhalten Sie sich wie Angestellte in einer Firma, die nicht bereit sind, einen Finger krumm zu machen für ihren Chef, obwohl dieser ihnen regelmäßig ihr Gehalt zahlt. Sie müssen sich sich also nicht wundern, wenn sie eines Tages vor die Tür gesetzt werden."

A: "Wenn diese Angestellten - um bei diesem Bild zu bleiben - wenigstens eine unmissverständliche und auch erfüllbare Aufgabenstellung von ihrem Chef bekommen hätten! Und wenn Sie diesen wenigstens auch einmal zu Gesicht bekommen hätten! - dann könnte ich es noch verstehen, wenn sie wegen ihrer Arbeitsverweigerung eines Tages bestraft werden würden. Tatsache ist aber, dass die moralischen Ansprüche, die dieser Gott stellt, für einen Normalsterblichen kaum erfüllbar sind, weil sie ihn völlig überfordern. Es ist aus meiner Sicht einfach unnatürlich, wenn von einem Menschen erwartet wird, dass er sich ein Unrecht, dass ihm angetan wurde, einfach gefallen lassen soll. Dadurch werden die Schurken doch nur bestärkt, dass sie immer nur weiter machen können, ohne dass ihnen Einhalt geboten wird."

S: "Im Gegenteil. Der HErr Jesus durchbricht mit Seinem Gebot von der rechten und der linken Backe die unheilvolle Logik der Vergeltung und stellt ihr das göttliche Prinzip der Vergebung entgegen. Dass man dadurch manchmal viel mehr erreichen kann, hat ja z.B. auch Mahatma Gandhi bewiesen, der sich von der Idee des gewaltlosen Wiederstandes inspirieren ließ und dadurch Indien aus der englischen Kolonialherrschaft befreit hat.

Ich hatte zuletzt zwei Gerichtsstreitigkeiten, bei welchen mir Kunden meinen Werklohn nicht zahlen wollten. Ich hatte sie daraufhin verklagt und am Ende in beiden Fällen einen Pyrrhus-Sieg erzielt, indem ich zwar im Rahmen eines Vergleichs einen größeren Teil meines Geldes zugesprochen bekam, dieser jedoch fast gänzlich durch Anwalts- und Gutachterkosten verschlungen wurde, so dass am Ende kaum etwas übrig blieb. Stattdessen haben mich beide Prozesse unglaublich viel Zeit und Nerven gekostet, so dass ich im Nachherein feststelle, dass es besser gewesen wäre, wenn ich von Anfang an auf diesen Teil verzichtet hätte.“

A: „Aber darauf legen es solche Kunden doch nur an, dass man irgendwann zermürbt wird und dann aufgibt. Und wenn sie dann sehen, dass sie auf keinerlei Widerstand stoßen, dann fühlen sie sich auch noch bestärkt in ihrer Auffassung, dass man immer kriegt, was man will, wenn man es nur immer wieder laut und frech einfordert. Sie brauchen noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben, denn sie können sich bei den Christen ja immer darauf verlassen, dass diese still und doof wie Lämmer auch ihre linke Backe hinhalten. Deshalb hat das Christentum die Ausbeutung und das Unrecht in der Welt eher noch befördert, anstatt es einzudämmen.“

S: „Von ‚still sein‘ steht nichts im Text. Jesus wurde selber mal vor dem Hohen Rat geschlagen, aber Er hat in diesem Moment nicht geschwiegen, sondern wollte von dem Gerichtsdiener wissen, warum dieser Ihn geschlagen hat. Es ging Ihm darum, dass sich die Menschen über ihr Tun selber Rechenschaft ablegen, ob es recht ist oder nicht, bevor Gott es ihnen eines Tages bekanntgeben wird. Trotzdem sollen wir selber uns nicht rächen, sondern es Gott überlassen, dass Er eines Tages Vergeltung üben wird für alles geschehene Unrecht. Hier ist eben einfach der Glaube der Gläubigen gefordert.“

A: „Aber steht denn nicht auch in der Bibel: ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘?“

S: „Ja, im Alten Testament. Das gehörte zum Gesetz, das Gott dem Volk Israel durch Mose gegeben hat.
Denn bevor Mose die Anweisung gab, dass die Israeliten entstandenes Unrecht zu gleichem Teil vergelten sollten, war es in der damaligen Zeit üblich, dass man sich um ein Vielfaches gerächt hatte.
So sprach z.B. Lamech, der Sohn Kains, in 1.Mo. 4:23 ‚Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Strieme!‘ Das Volk Israel sollte lernen, Maß zu halten und sich nicht mehr zu rächen, als an Schaden wirklich entstanden war. Das war eine vergleichsweise große Rechtsreform, und für die damalige Zeit absolut modern und revolutionär.“

A: „So habe ich es noch nicht gesehen. Man kann wirklich sagen, dass es in dieser Frage eine echte Entwicklung zum Guten gegeben hat, wenn man die Steinzeit mit der heutigen Zivilisation vergleicht. Dazu haben sicherlich auch die Religionen einen Teil dazu beigetragen. Es wäre überhaupt sehr wünschenswert, wenn sich noch mehr Menschen von der Bergpredigt inspirieren und orientieren lassen würden. Dann bräuchte man das menschliche Zusammenleben nicht mehr ständig durch neue Vorschriften regeln, sondern könnte die Menschheit dazu bringen, sich von einer einzigen großen Idee leiten und treiben zu lassen, nämlich der Idee, dass wir alle eigentlich Brüder und Schwestern sind.“

S: „Und genau das sehe ich im echten, bibeltreuen Christentum längst verwirklicht: Wenn ich mich mit Gläubigen aus anderen Städten oder Ländern treffe, dann weiß ich, dass ich ihnen 100 % vertrauen kann, weil wir alle an die Bibel glauben. Es geht um Verbindlichkeit. Wer an die Bibel glaubt und gottesfürchtig ist, dem kann ich ohne mit der Wimper zu zucken 10.000 € ausleihen und ich weiß, dass er sie mir pünktlich wieder zurückgibt. Hier in Bremen bin ich als Malermeister innerhalb der christlichen Szene ziemlich bekannt, und so bekomme ich viele Aufträge von Gläubigen erteilt, denn sie wissen, dass das Christsein eine Art Qualifizierung für Ehrlichkeit ist.“

A: „Das Phänomen der Verbrüderung gibt es aber auch in vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen und Kulturkreisen. Darauf hat das Christentum kein Patent.“

S: „Es wurde schon von vielen nachgeahmt, bleibt aber dennoch unerreicht. Von der Urgemeinde heißt es, dass sie ein Herz und eine Seele waren und alles miteinander teilten. Der Kommunismus hat versucht, dieses Ideal durch Zwang zu imitieren, ist aber kläglich gescheitert, weil man Liebe nicht erzwingen kann, - sie kann einem nur von Gott geschenkt werden.“

A: „Aber von welchem Gott? Warum ausgerechnet der Gott der Christen?! Und wenn Gott sich angeblich allein durch die Bibel kundgetan hat, - warum erschwert er den Menschen dann so sehr den Zugang zu seinem Heil, indem er von ihnen verlangt, an eine kaum glaubwürdige Botschaft zu glauben?! Denn die Bibel ist doch voller Widersprüche und absurder Geschichten, die nur von Schwachköpfen geglaubt werden können. “

S: „In Wirklichkeit enthält die Bibel keinen einzigen Widerspruch, der nicht aufzulösen wäre, sondern sie wird halt nur nicht von jenen Menschen verstanden, die sie auch nicht verstehen wollen.“

A: „So ein Quark! Wie soll denn ein geistig gesunder Mensch glauben können, dass ein Gott wegen der Verhaltensweisen seiner Geschöpfe, mit denen er selbst sie ausgestattet hat, so wütend ist, dass er sie zu ewiger Qual in der Hölle verdammt und nur dann zur Vergebung bereit ist, wenn sein eigener Sohn von ihnen umgebracht wird?! Und dann sollen sie auch noch sein Fleisch essen, das sich in der Eucharestiefeier angeblich in eine Oblate verwandelt. Das ist ja fast so etwas wie ein ritueller Kannibalismus!“

S: „Was die katholische Kirche aus dem schlichten Gedächtnismahl des HErrn gemacht hat, dafür kann die Bibel doch nichts! Aber wenn Gott uns Seinen Heilsplan in der Bibel mitteilt, dann ist es doch wohl ein Zeichen Seiner Liebe zu uns, dass Er einen Weg bereitet hat, auf welchem wir wieder mit Ihm versöhnt werden können. ER hätte uns genauso gut alle vernichten können, und das wäre Sein gutes Recht gewesen. ER muss uns keine Rechenschaft abgeben - wir Ihm aber schon. Gott hat uns geschaffen, um sich an uns zu erfreuen. Jeder Mensch kann Gott durch das Erschaffene erkennen, so dass Er keine Ausrede hat; denn das, was existiert, ist nicht einfach durch Zufall entstanden.“

A: „Die Schöpfung ist ja auch so ein Märchen, an das heute kein Mensch mehr ernsthaft glauben kann. Da soll Gott angeblich die Welt erst vor 6000 Jahren innerhalb von 6 Tagen erschaffen haben, nach dem Motto: ‚Backe, backe Kuchen‘. Dabei ist doch längst bewiesen, dass die Welt in Wirklichkeit schon 4,6 Milliarden Jahre alt ist und erst in einem langen Evolutionsprozess entstand, für den das Einwirken eines Gottes gar nicht erforderlich war. Dennoch gibt es unter den Christen immer noch ein paar Verbohrte, die behaupten, dass Evolution angeblich unwissenschaftlich sei. Und warum behaupten sie das? Weil sie fürchten, dass ihre Schäflein sonst ihren Glauben an die Bibel verlieren und wieder in die Welt zurückkehren würden! Denn wenn Gott das Universum vor 13,7 Milliarden Jahren durch einen Urknall geschaffen hätte, dann wäre es ja auch kaum glaubwürdig, dass es Gott bei der Erschaffung der Welt um uns Menschen gehen könnte, da wir offensichtlich nur ein unbedeutendes Randereignis wären, inmitten eines unvorstellbar großen Weltalls, innerhalb einer winzig kleinen Zeitspanne. Denn wenn es wirklich um uns ginge, dann wäre sowohl die unvorstellbar lange Zeit bis zu unserer Entstehung, noch die ungeheuer riesige Anzahl an Sternen notwendig gewesen, um uns hervorzubringen. Gott hätte andere Mittel und Wege gefunden, wenn es ihm doch nur um unser Heil und Wohl gegangen wäre.“

S: „Es hat nie einen ‚Urknall‘ gegeben, schon allein deshalb nicht, weil sich Schall nur durch Trägerteilchen ausbreiten kann, die im vakuumähnlichen Universum jedoch zu wenig vorhanden sind.“

A: „Der Big Bang ist ja auch nur ein Name für den Beginn von Raum und Zeit, den man wissenschaftlich auch als ‚Singularität‘ bezeichnet. Durch die Rotverschiebung hat man jedoch schon vor Jahrzehnten bewiesen, dass sich unser Universum ausdehnt, so dass sich aufgrund der Geschwindigkeit der Beginn der Ausdehnung zurückdatieren lässt auf einen Zeitpunkt vor etwa 13,7 Milliarden.“

S: „Die Urknalltheorie beruht auf einer ganzen Reihe hypothetischer Annahmen, die wissenschaftlich unbewiesen und sogar widersprüchlich sind. So weiß man z.B. bis heute nicht, welcher Mechanismus aus dieser angeblichen Singularität herausgeführt hat. Zudem bleibt offen, ob die heute bekannten Naturgesetze vor, während oder nach der auf die Singularität folgenden Inflation entstanden sein sollen. Auch die Entstehung von Galaxien und Sternen ist bis heute rätselhaft und völlig ungelöst, sondern basiert nur auf Hypothesen, die in vielen Details den Naturgesetzen widersprechen. Die irreführende Bezeichnung 'Urknall' steht stellvertretend für die ganze oberflächliche Herangehensweise und voreilige Festlegung der heutigen Astrophysiker auf ein Standadmodell, das noch immer viel zu viele Fragen aufwirft, um berechtigterweise als 'geklärt' zu gelten. Ebenso die ganzen Berechnungen über das angeblich milliardenjährige Alter des Universums und der Erde gehen von Grundannahmen aus, die keineswegs gesichert, sondern äußerst umstritten sind. Daher sehe ich keinerlei Grund, warum ich diesen ganzen unbewiesenen Entstehungstheorien Glauben schenken soll, sondern darf mich beruhigt auf das zuverlässige Zeugnis der Bibel stützen, die für das Alter der Menschheit außerordentlich präzise Angaben macht, deren Summe auf etwa 5988 schließen läßt, also rund 6000 Jahre."

A: „Dann glaubst Du also auch an Adam und Eva? Das ist doch alles völliger Blödsinn und nur ein Mythos! Vor 6.000 Jahren lebten schon 7.000.000 Menschen auf der Erde. In Wirklichkeit ist die Menschheit auch deutlich älter als 6000 Jahre. Die ältesten Knochenfunde des Homo sapiens aus dem Süden Äthiopiens datieren schon 200.000 Jahre zurück.“

S: „Ach ja? Wenn das so wäre, dann hätten bei einem gleichmäßigen Anstieg ja schon fast 700 Milliarden Menschen vor Adam gelebt haben müssen! – Wo sind denn deren Knochen alle? Und wo ist deren ganzes Steinwerkzeug? Unsere Böden müssten doch eigentlich alle voll sein mit all diesen Frühmenschen und ihren Hinterlassenschaften, oder nicht?! Zudem gibt es eine Studie über die mitochondriale DNA, nach welcher die Menschheit theoretisch nur 6.000 Jahre alt sein kann („A high observed substitution rate in the human mitochondrial DNA control region” Nature Genetics 15, 363 - 368 (1997) by Thomas J. Parsons et al.)“

A: „Das kann ich mir kaum vorstellen – und selbst wenn, dann gäbe es sicherlich auch dafür eine plausible Erklärung. Das sind alles solche Fragen, die Du den Forschern überlassen musst, um sie zu beantworten; und mit zunehmendem Wissen klären sich auch immer mehr solcher Fragen.“

S: „Ein Wissenschaftler hat mal gesagt: Wenn wir nach langem Suchen die Antwort auf eine Frage gefunden haben, dann haben sich in der Zwischenzeit schon wieder 10 neue Fragen gebildet, die unsere vermeintliche ‚Antwort‘ sofort wieder in Frage stellen.“

A: „Das ist sicherlich so. Aber ein Wissenschaftler würde ja auch nie behaupten, dass er eine endgültige Antwort auf eine Fragestellung gefunden habe, sondern bekennt sich stets dazu, dass sein Wissen nur eine höchst mögliche Wahrscheinlichkeit an Wahrheit hat, die aber immer wieder durch neue Funde korrigiert werden kann. Wissenschaft ist also nicht dogmatisch – so wie Religion, sondern versucht, durch Theoriebildung und durch das Prüfen und Bewähren von Theorien sich eine brauchbare Arbeitsgrundlage zu schaffen, die immer offen bleibt für neue Funde und Erkenntnisse.“

S: „Es gibt jedoch Wahrheiten, die man grundsätzlich nicht in Frage stellen sollte, da sie auch nicht das Ergebnis menschlicher Forschung sind, sondern göttlicher Offenbarung entspringen.“

A: „Jetzt bin ich aber gespannt…“

S: „Zum Beispiel die Frage nach dem Woher und Wohin des Menschen, sowie die Frage nach dem Warum und Wieso, also dem Sinn des Lebens. Oder auch die Frage, WIE wir leben sollen, kann nicht zur Disposition stehen, d.h. die Frage, was gut und böse ist. Das sind alles Fragen, die Gott den Menschen in der Bibel beantwortet hat, weil sie für sein Leben von essentieller Bedeutung sind.“

A: „Das ist doch völliger Blödsinn! Die Menschen wussten schon lange vor den 10 Geboten, dass es besser für sie ist, wenn sie sich nicht bei jeder Kleinigkeit gegenseitig die Keule auf die Rübe schlagen!“

S: „Tatsächlich? Diese Einsicht haben sie doch bis heute nicht, denn noch nie gab es so viel Kriege und Blutvergießen weltweit wie heute.“

A: „Erkenntnis und Umsetzen von Erkanntem sind Zweierlei. Es kann aber nicht geleugnet werden, dass die Menschheit in einem fortschreitendem Prozess der Zivilisierung steckt durch die allgemeine Anerkennung der Menschenrechte.“

S: „Zu dieser Entwicklung hat das Christentum einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet. Deshalb haben sich die christlichen Gründerväter Amerikas in ihrer Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte auf Gott berufen können, denn ohne diesen Bezug auf Gott wäre eine Menschenrechtserklärung gar nicht begründbar.“

A: „So ein Schmarrn! Und was für eine Anmaßung! Denn Du behauptest dadurch ja indirekt, dass es vor der Entstehung des Juden- und Christentums noch gar keine Menschlichkeit auf Erden gab, und dass auch andere Kulturen und Religionen gar nicht fähig sind, moralische Grundsätze und Werte zu entwickeln!“

S: „Nein, das habe ich nicht behauptet. Die Bibel selbst lehrt ja, dass Heidenvölker, die den Willen Gottes nicht kennen, schon durch ihr Gewissen, das sich durch ihre Erziehung im Rahmen ihrer Religion, Sitte und Moral herausgebildet hat, eine grundsätzliche Vorstellung von Recht und Unrecht haben. Durch die Verbreitung und Annahme des Christentums erhielten die Menschen aber noch zusätzlich eine starke Motivation, sich moralisch korrekt zu verhalten, denn ihnen wurde bewusst, das Gott alles sieht und sie eines Tages für alles zur Rechenschaft ziehen wird.“

A: „Das ist frommes Wunschdenken. In Wirklichkeit wurden die Menschen durch das Christentum nicht besser sondern eher schlechter, weil sie sich für ihr verbrecherisches Handeln auch noch teilweise auf die Bibel berufen konnten. Herrscher durften ihre Untertanen weiter unterdrücken ohne dass diese sich wehren durften, denn es steht ja geschrieben, dass alle Obrigkeit von Gott eingesetzt wurde. Die Zerstörung der berühmten Bibliothek von Alexandrien wurde wahrscheinlich von einem aufgehetzten christlichen Mob verursacht, der sich darauf berufen konnte, dass das Wissen der Welt ja Torheit bei Gott sei. Plantagenbesitzer durften weiter ihre Sklaven misshandeln, da die Bibel ja die Sklaverei befürwortet. Und Frauen durften kein eigenständiges Leben führen, da die Bibel ja den Frauen gebietet, ihren Männern unterwürfig zu sein. Und wenn es dann immer mal wieder mutige Humanisten gab, welche die Freiheit und Gleichheit der Menschen gefordert haben, dann wurden sie von der Kirche verfolgt und mundtot gemacht. Das sogenannte ‚christliche Abendland‘ ist eine Legende und hat es nie gegeben. In Wirklichkeit haben die Kirchen dem Volk nicht die Menschenrechte gebracht, sondern die Menschenrechte mussten erst gegen den erbitterten WIDERSTAND der Kirchen ERKÄMPFT werden!“

S: „All dies habe ich früher auch geglaubt. Tatsächlich aber hat der Humanismus den Menschen keine wirkliche Freiheit gebracht, sondern nur Liberalismus. Die Menschen wollen frei sein von den Vorschriften Gottes und sich das Recht nehmen, zu sündigen. Aber die Sünde ist in Wirklichkeit gar keine Freiheit, sondern führt den Menschen in eine Abhängigkeit von seinen Lüsten und Trieben. Jesus sagt: ‚Wer in Sünde lebt, ist ein Sklave der Sünde‘. Und tatsächlich: wohin hat z.B. die Habgier den Menschen gebracht? Zu mehr Glück? Nur scheinbar. Denn es ist ein ‚Glück‘ auf Kosten der anderen. So wie sich Geld nicht wirklich vermehrt, sondern nur den Besitzer wechselt, so ist es auch mit dem Recht: Wenn ich einer Frau das Recht zuspreche, ihr ungeborenes Kind zu töten, dann spreche ich zugleich dem Kind das Recht auf Leben ab. Und wenn der Staat sich das Recht nimmt, die Kinder zum Schulbesuch zu zwingen, damit sie z.B. auch in den ‚Genuss‘ von Pornografie kommen können im Rahmen der Genderismus-Umerziehungs-Indoktrination, dann nimmt der Staat den Eltern zugleich das Recht weg, ihren Kindern die Werte der Bibel zu vermitteln. Ich würde so etwas nicht Fortschritt nennen, sondern Rückschritt in einen totalitären, antichristlichen Staat.“

A: „Du übertreibst. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, in welcher jeder so leben kann, wie er mag, sogar wenn er religiös verbohrt ist. Aufgabe des Staates ist es lediglich, jedem Menschen ein möglichst gleiches Maß an Rechten einzuräumen. Im Unterschied zu den Buchreligionen geht unser demokratisches Rechtssystem nicht von göttlich vorgegebenen, ewiggültigen Werten aus, sondern es beruht auf einem Gesellschaftsvertrag, dessen Werte immer wieder von Zeit zu Zeit neu verhandelt werden müssen.“

S: „Das heißt also, dass – wenn die Gesellschaft irgendwann die ‚Abtreibung‘ bzw. Ermordung von behinderten Frühgeborenen mehrheitlich als unproblematisch beurteilt – man auch diese töten darf, so wie es der australische Philosoph Peter Singer erst letztens wieder in einem Interview festgestellt hat (http://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/philosoph-peter-singer-ein-embryo-hat-kein-recht-auf-leben-1.18547574)?“

A: „Das ist zwar äußerst unwahrscheinlich, aber rein hypothetisch betrachtet, ist das denkbar.“

S: „Ist das nicht traurig?! Es erinnert mich ein wenig an Nietzsche, der in der Geschichte vom tollen Mann fragt: ‚Wohin bewegen wir uns… Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?‘ Ist das etwa nicht die Konsequenz, wenn eine Gesellschaft sich von Gott lossagt und sich selber Wertmaßstäbe schaffen will, die es dann immer wieder der Mehrheitsmeinung anpassen muss? Ist dann etwa nicht wieder ein weiterer Holocaust möglich, wenn der Hass gegen die Juden mal wieder salonfähig wird? Und mit welchem Recht verurteilt der Westen dann den IS oder andere Islamische Staaten, wenn doch die Mehrheit derselben sich für die Einhaltung der Scharia entschieden hat?“

A: „Im Prinzip hast Du recht. Demokratie ist immer auch ein Risiko, weil Menschen beeinflussbar sind. Aber sie ist das Beste was wir haben. Solange die Mehrzahl der Menschen noch immer frei für sich selbst entscheiden kann, wer sie regieren soll, ist die Gefahr, dass die Falschen an der Macht sind, gering. Auf jeden Fall – davon bin ich überzeugt – kann der Mensch selber wissen, was gut für ihn ist, und braucht dazu nicht extra ein außerirdisches Wesen, das es ihm erklärt.“

S: „Der Mensch kann ja noch nicht einmal sich selbst beherrschen, - wie will er dann auch noch Verantwortung für andere übernehmen!? Der Atheismus gibt dem Menschen keine Orientierung im Leben. Wenn Recht und Unrecht immer wieder neu verhandelt werden müssen, dann werden immer mehr schädliche Kompromisse gemacht, die der Gesellschaft schaden. Ein Sprichwort sagt: ‚An runden Tischen verliert man schnell seine Kanten‘. Als man sich z.B. in den 70er Jahren dafür entschied, das Prinzip der Schuldfrage bei Ehescheidungen aufzugeben, gingen in der Folge die Scheidungsraten in die Höhe. Die Folge waren oftmals verstörte und orientierungslose Kinder, die ihr Leben lang Schwierigkeiten hatten, eine eigene, dauerhafte Beziehung einzugehen. Hätten die Eheleute sich jedoch gottesfürchtig unter das Gebot Jesu gebeugt, ‚Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden‘, dann wären all die Probleme erst gar nicht entstanden. Sünde bedeutet eigentlich ‚Verfehlung‘, d.h. dass der Mensch den Plan und das Ziel Gottes verfehlt, weil er eigenmächtig Entscheidungen trifft, ohne Gott zu fragen. Wenn z.B. in einer Schule die Heizungsanlage ausfällt, dann nützt es nichts, wenn die Lehrer und die Schüler demokratisch darüber abstimmen, wer die Anlage reparieren darf, wenn in Wirklichkeit doch niemand Ahnung hat, wie man eine solche repariert. Sondern man ruft den Monteur an, der die Heizungsanlage installiert hat, weil der sich am besten damit auskennt. Und genauso ist es mit den Problemen der Welt: auch diese kann niemand wirklich lösen als nur der Schöpfer allein.“

A: „Vorausgesetzt, dass es überhaupt einen Schöpfer gibt, der uns eine Gebrauchsanweisung für das Leben mitgegeben hat, wie es die Christen behaupten. Aber beantworte mir mal eine Frage: Wenn wirklich die Gefahr bestünde, dass die Menschen für ihr Tun von Gott mit der Hölle bestraft werden, warum stellt Gott dann angeblich den Glauben als Bedingung zur Erlangung des Heils? Wenn er den Menschen vergeben will, warum vergibt er ihnen nicht einfach, anstatt überhaupt Bedingungen zu stellen? Schließlich muss ein souveräner Gott doch niemandes Vorschriften beachten, sondern kann tun und lassen, was er will.“

S: „In Deinem letzten Satz hast Du Dir selbst die Frage gerade beantwortet. Die Menschen haben eine bestimmte Vorstellung von Gott, wie Er sein muss, damit sie bereit sind, an ihn zu glauben. Aber Gott kann man keine Bedingungen stellen, sondern Er allein ist es, der die Bedingungen stellt. Gott will auch gar nicht mit unserem begrenzten Verstand fassbar sein, und will auch nicht alle Menschen auf einmal erretten, weil seine Rettungstat dann an Wert verlieren würde. Die Bibel zeigt uns, dass Jesus Christus in erster Linie die Einfältigen und Unmündigen der Welt erretten möchte, damit sich vor Gott niemand seiner Intelligenz rühmen kann. Nur durch den Geist Gottes ist man überhaupt in der Lage, die biblische Botschaft als wahr anzunehmen, und wem Gott sich nicht durch Seinen Geist zu erkennen gegeben hat, der soll es auch gar nicht verstehen.“

A: „Das ist doch nur eine ganz billige Ausrede, wenn einem nichts Gescheites mehr einfällt, mit dem man argumentieren könnte.“S: „Das habe ich früher auch gedacht. Heute aber erkenne ich dahinter einen sehr weisen Plan: Gott offenbart sich in unterschiedlichen Zeiten jeweils auf eine geeignete und passende Weise. Das Wort Gottes ist so geschrieben, dass es die Bildungselite gar nicht verstehen soll, sondern nur die Einfältigen. Deshalb ist in der Bibel vieles erwähnt, das den menschlichen Intellekt bis aufs äußerste strapaziert und ihm Einsichten zumutet, die er nur im Glauben annehmen kann. Das aber tut Gott erklärtermaßen aus Prinzip, weil er den Schwachen und Einfältigen den Vortritt geben möchte ins Reich Gottes.“

A: „Wenn Du statt ‚Gott‘ besser ‚die religiösen Führer‘ einsetzen würdest, dann wäre ich ganz Deiner Meinung, denn SIE sind es doch, die die Einfältigen als leichte Beute für ihre abstrusen Pläne anlocken und verführen! Das ist doch genau das, was jeder Diktator als erstes tut, wenn er an die Macht kommt, nämlich die Elite auszuschalten, da diese ihm gefährlich werden kann. Hitler ließ die Bücher verbrennen, weil er nicht wollte, dass die Deutschen seine Politik durchschauen. Auch die katholische Kirche hat Jahrhunderte lang verhindert, dass die Menschen die Bibel verstehen sollen, deshalb wurden die Gottesdienste auf Lateinisch gehalten. Und dass Gott angeblich nur die Unmündigen und geistig Armen erwählt hat, ist doch eine leicht durchschaubare Ausrede. In Wirklichkeit verhält es sich doch so, dass religiöse Menschen nur deshalb religiös sind, weil sie zu dumm sind, um die Dummheit der Religion zu erkennen!“

S: „Du setzt hier Einfalt mit Dummheit gleich. Es gibt da aber einen Unterschied. Es gibt viele Menschen die dumm und ungebildet sind, aber deshalb nicht unbedingt religiös. Und es gibt auch unter den religiösen Menschen nicht wenige Akademiker, Ingenieure und Professoren. Die geistig Armen, von denen der HErr Jesus in der Bergpredigt spricht, sind nicht unbedingt ungebildet, sondern sie unterstellen sich bewusst der geistigen Führung Gottes und entscheiden sich für ein Leben in Abhängigkeit von Gott. Dadurch werden sie von außen betrachtet als „arm“ wahrgenommen, denn sie wollen nicht – wie die meisten Menschen – mit ihrer großen Klugheit prahlen, sondern sich mit dem begnügen, was Gott ihnen zu erkennen gibt. Dadurch aber zeigen sie echte Weisheit und Klugheit, weil der Geist Gottes in ihnen wohnt.“

A: „Du bist aber jetzt gar nicht auf meine Frage eingegangen, warum Gott die Menschen nicht alle auf einen Schlag errettet, wenn er sie doch angeblich so sehr liebt. Und ist Gott etwa nicht ein grausamer Despot, wenn er nur eine kleine Auserwähltenschar errettet, die übrigen seiner Geschöpfe einfach in die Hölle schickt?!“

S: „Für uns Menschen ist das Thema Auserwählung schwer begreiflich. Aber da wir nicht alle Geheimnisse Gottes wissen, sollten wir uns mit voreiligen Schlüssen zurückhalten. Zudem sind auch nicht alle Menschen ursprünglich von Gott gewollt. Die Bibel sagt: ‚Der Gesetzlose ist wie ein nicht gepflanzter grüner Baum‘, d.h. er ist einfach nur durch Zufall da. Zudem spricht die Bibel von Menschen, die ‚aus dem Willen des Mannes‘ entstanden sind, bzw. ‚aus dem Willen der Fleischeslust‘, aber nicht aus Gott geboren sind. Wenn Gott sie aber auch nicht auserwählt hat, heißt das nicht, dass sie Ihm egal sind, denn Er will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.
Dass Gott ein ‚Despot‘ sei, wird noch nicht einmal in der Bibel bestritten, nur dass es dort mit ‚Hausherr (über Sklaven)‘ übersetzt wird. In der DaBhaR-Übersetzung von F.H. Baader wird es mit ‚Trinkmächtiger‘ übersetzt, also derjenige, der sich auch fürsorglich um seine Sklaven kümmert, indem er ihnen z.B. immer genug zu trinken gibt.

Gott als guter Sklavenhalter? Für die heutige Menschheit ist das unvorstellbar. Aber in der Antike war das überhaupt kein Problem. Gott hat alle Macht, weil Er souverän ist bzw. sein muss. Aber das bedeutet nicht, dass Er die Macht zum Schaden für uns missbraucht. Dass Menschen von ihm nicht auserwählt wurden zum Heil, bedeutet für mich nicht, dass Er grausam ist, sondern dass Er einen Plan hat, den Er uns jedoch nur zum Teil enthüllt hat, nämlich nur so weit, dass wir Ihm vertrauen können. Wenn Du Deine hochmütige Haltung Gott gegenüber nicht änderst, dann wird Gott Dich eines Tages demütigen und beschämen, und Du wirst auf tausend Fragen nicht eine beantworten können. Gottes Wort sagt, dass eines Tages sich jedes Knie vor Gott beugen und jede Zunge bekennen wird, dass Jesus Christus der HERR ist, und was ER sagt, das gilt, ob Du es glauben willst oder nicht!“

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