"Wache auf, der du schläfst und stehe auf aus den Toten,

 und CHRISTUS wird dir leuchten!" (Eph. 5:15)

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Januar bis Juni 2010

Magersucht

Bereits im Sommer 2009 hatten meine Tochter Rebekka (14) und ich uns vorgenommen, wegen der Massentierhaltung und der damit verbundenen Tierquälerei lieber ganz auf Fleisch zu verzichten. Damals kam ein Buch raus vom amerikanischen Schriftsteller Jonathan Safran Foer (*1977) mit dem Titel „Tiere essen“ (2009), in welchem er seine Erfahrungen beschrieb, und das sowohl mich als auch Rebekka sehr ansprach. Wir lasen auch jede Menge Artikel zum Thema Fleisch und waren am Ende absolut überzeugt, dass es mindestens 100 gute Gründe gibt, Vegetarier zu werden. Die Tierschutzorganisation Peta verbreitete immer mehr schockierende Videos und Fotos aus den Fabriken der Massentierhaltung, die sie heimlich bei Nacht aufgenommen hatten. Damals entstand richtig ein Hype in den Medien, und auch viele Intellektuelle und Schriftsteller entschieden sich, Vegetarier oder Veganer zu werden (z.B. Karen Duve „Anständig essen“ 2010). Ich hatte die Idee, schockierende Fotos aus der Massentierhaltung einfach heimlich in die Wurst- und Fleischtruhen der Supermärkte zu legen, damit den Leuten der Appetit vergehe. Doch letztlich war ich immer wieder inkonsequent, indem ich aus alter Gewohnheit mir mal eben schnell einen Döner zum Mittagessen kaufte, wenn ich vergessen hatte, mir für die Arbeit Butterbrote mitzunehmen. Rebekka hingegen war konsequent und aß überhaupt nichts mehr außer Gemüse und Tofu, wodurch sie auch einiges an Gewicht verlor.

Eines Tages rief mich mein jüngerer Bruder Patrick (37) an und bekannte mir, dass er sich Sorgen mache um seine Frau Manuela (36), da sie seit dem Tod ihrer Tante auf einmal immer weniger Essen würde. Ihre Tante war sehr dick gewesen, und es schien, als wolle Manuela sich nun durch übertriebenen Sport und einer eisernen Diät fit und schlank halten. Doch bestand sie allmählich nur noch aus Haut und Knochen, so dass Patrick sich Sorgen um ihre Gesundheit machte. Er hatte sich erkundigt, dass es sich um eine ernst zu nehmende psycho-somatische Erkrankung handele namens Anorexie nervosa (Magersucht), bei der die betroffenen Personen sich weigern, etwas zu essen, aus Angst, zuzunehmen. Dabei fühlen sich die Kranken insgeheim den Gesunden überlegen, weil es ihnen gelingt, fast völlig auf Nahrung zu verzichten, ohne dabei zu hungern. Ohne dass es ihnen bewusstwird, sehen sie bald aus wie ein Skelett und sterben schließlich infolge multiplen Organversagen den Hungertod. Patrick hatte bereits mit seinen Schwiegereltern gesprochen, aber sie nahmen das Problem gar nicht wahr, sondern wollten es einfach verdrängen. Patrick vermutete, dass genau in dem Verhalten der Eltern von Manuela auch der eigentliche Grund für ihre Magersucht lag: Es war im Grunde ein Hungerstreik, um sich an ihren biederen Eltern zu rächen, die ihr während der gesamten Kindheit und Jugend nie die nötige Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt hatten, die Manuela so dringend gesucht hatte. Stattdessen wurde bei ihr zuhause immer alles unter den Teppich gekehrt. Wenn Manuela mal mit ihrer Mutter über ihre inneren Nöte sprechen wollte, sagte sie z.B.: „Möchtest Du vielleicht noch ein Stück Kuchen, Manuela? Ich kann Dir auch noch eine Tasse heißen Tee einschenken?“ – so als ob man Probleme durch Kuchen und Tee lösen ließen! Manuela brachte in der Schule und Uni immer Höchstleistungen, aber es war immer ein Schrei nach Liebe und Beachtung, die ihr von den spießigen Eltern nicht gewährt wurde. Gab Manuela vielleicht sogar ihren Eltern Schuld am Tod ihrer geliebten Tante? Patrick bat mich, doch mal mit seinem Schwiegervater zu telefonieren, damit ihm der Ernst der Lage bewusstwerde, - was ich dann auch tat. Auch mir gegenüber gab dieser sich zunächst ahnungslos. Doch als ich ihm sagte: „Wilfried, Deine Tochter wird vielleicht noch in diesem Jahr sterben!“ Du wachte er endlich auf und rief besorgt seine Tochter an.

Doch alles zureden half nichts. Innerhalb weniger Monate verwandelte sich Manuela von einer jungen, sportlichen Frau in ein gruselig wirkendes Schreckgerippe mit dunklen, tiefliegenden Augen. Patrick sagte: „Ihre Arme sind inzwischen schon so dünn, dass ich sie mit meiner Hand komplett umfassen kann!“ Ich konnte das nicht verstehen und fragte ihn, warum er sie nicht drängen würde, mehr zu essen. Er sagte: „Ihr ist das ja inzwischen auch schon bewusst, aber sie kann nichts dagegen machen, weil sie keine Kontrolle mehr darüber hat. Das ist ungefähr so, als wenn sich jemand mit dem Kajak in einen Fluss begeben hat, um mit der Strömung hinab zu paddeln. Zunächst macht es noch Spaß, aber irgendwann wird der Strom so reißend, dass man es nicht mehr schafft, ans Ufer zu kommen.“

Doch während wir uns Sorgen machten, dass Manuela sterben würde, hatten Ruth und ich gar nicht bemerkt, dass unsere eigene Tochter Rebekka (14) auch immer schlanker geworden war. Sie wog mit ihren 1,63 m gerade einmal nur 42 kg! Das entsprach einem BMI (Body-Mass-Index) von 15,8 (normal wäre zwischen 20 -21! Als Ruth mit ihr im Januar 2010 zur Kinderärztin ging, schlug diese Alarm und führte mit Ruth und Rebekka ein ernstes Gespräch. Rebekka hatte zeitweise schon gar keine Regelblutung mehr, weil sie durch ihren radikalen Fleischverzicht zu wenig Fett und Eiweiß konsumiert hatte. Als Ruth nach Hause kam und mir dies erzählte, war ich geschockt. Ich schimpfte mit Ruth, weil auch sie daran eine Mitschuld trug; denn die beiden schauten sich damals immer regelmäßig eine sog. Casting-Show im Fernsehen an namens „Germanys Next Topmodel“. Deren Moderatorin Heidi Klum war ja selber jahrelang eines der bestbezahlten Models der Welt, und viele weibliche Teenager träumten damals davon, eine Model-Karriere wie sie zu machen. Auch Rebekka war ja inzwischen außerordentlich hübsch geraten, so dass sie gute Chancen gehabt hätte für eine Model- oder Schauspieler-Karriere. Aber jetzt war sie in Lebensgefahr, wenn sie nicht sofort aufhöre mit dem Schlankheitswahn. Ruth achtete von nun an genau darauf, dass Rebekka regelmäßig an den gemeinsamen Mahlzeiten teilnahm und ihre Teller aufaß. Wir waren aber damals naiv und ahnten nicht, dass Rebekka später heimlich auf Toilette ging, um ihr Essen wieder auszuwürgen…


Burhan - der nächste Katastrophenlehrling…

Im August 2009 hatte ich einen neuen Lehrling namens Burhan Akkuş (19). Doch schon gleich zu Anfang sorgte er für Irritation bei den Mitarbeitern, da er sich ihnen mit dem Namen Serkan vorgestellt hatte. Ich fragte ihn deshalb: „Wie heißt Du eigentlich richtig?“ Er sagte: „Nennen Sie mich einfach Matthias“. Ich sagte: „Ja, was denn nun: Zu den Mitarbeitern hast Du gesagt, Dein Name wäre Serkan, aber in Deiner Bewerbung steht Burhan, und jetzt willst Du, dass ich Dich Matthias nenne? Wie heißt Du denn nun richtig?“ – „Eigentlich heiße ich Burhan, aber ich mag meinen Vornamen nicht“ erwiderte er. „Ach, das ist doch albern!“ sagte ich, „Du solltest dazu stehen, denn Du bist nun einmal Türke, und dann wäre es eher lächerlich, wenn Du Dir einen deutschen Namen gibst. Sei einfach stolz auf Deinen Namen!“ Burhans Befürchtung, dass man ihn hänseln könnte wegen seines Namens, war tatsächlich unbegründet, und er war auch wirklich nicht der Typ, der sich unterbuttern ließe, sondern genau das Gegenteil. Er hatte eine starke Persönlichkeit, und nachdem ich ihm das Du anbot, hatte er auch keinerlei Hemmungen, mit mir wie zu einem guten Kumpel zu reden: „Ey, Simon, was hast Du denn da für ein bescheuertes Nokia-Handy. Das ist ja mega-out, Alda! Hier guck Dir mal mein iPhone an: Da brauchst Du nicht mehr auf Tasten tippen, sondern nur noch leicht auf das gläserne Display tippen und kannst so 10-mal schneller eine SMS schreiben!

Burhan war von Anfang an sehr ehrgeizig und machte seine Arbeit zügig, wenn auch nicht immer mit der nötigen Achtsamkeit, wenn es z.B. um das Abdecken von Fußböden ging. Er war schon bald genauso fleißig und schnell wie der polnische Lehrling Bartosz, hatte jedoch ein Mundwerk, als wäre er schon seit 10 Jahren in der Firma. Wenn er sich gelegentlich mit dem Gesellen Andrey stritt, dann lernte ich im Nu jede Menge neue Schimpfwörter. Aber statt einzuschreiten, fand ich es eher interessant und belustigend. Als Burhan sah, dass ich ihn wegen seiner Kraftausdrücke praktisch nie zurechtwies, sondern stattdessen lachte, sagte er einmal zu mir: „Du bist echt der coolste Chef, den ich mir vorstellen kann!“ Er bewunderte mich, wegen meines vielen Wissens und wollte eines Tages so sein wie ich. Umso ernster und betroffener war er, wenn ich ihn wegen irgendwelcher Unachtsamkeiten laut kritisieren musste und entschuldigte sich immer wieder. Mir war ja immer nur wichtig, dass die Baustellen gut liefen, da nahm ich den rüden Umgangston schon gerne in Kauf. Es dauerte nicht lange, da fühlte sich Burhan sauwohl in meiner Firma und protzte damit, dass er angeblich „der beste Lehrling von Bremen“ sei. Tatsächlich war er um ein Vielfaches besser als der Lehrling Bariş Akcay (24), dem man beim Gehen die Schuhe besohlen konnte. Aber Burhan, war auch um ein Vielfaches frecher als alle Lehrlinge, die ich bisher hatte. Mein Bruder Marco hielt es kaum eine halbe Stunde mit ihm aus, weil Burhan auf perfide Weise ihn zu demütigen wusste (z.B.: „Sag mal, Marco, hattest Du eigentlich schon mal Sex mit einem Mädchen?“).

Eines Tages rief mich der Klassenlehrer von Burhan an und sagte: „Herr Poppe, ich muss dringend mal mit ihnen sprechen. Wissen Sie eigentlich, dass Ihr Lehrling Burhan vor zwei Wochen aus der Klasse geworfen wurde? Und das ist jetzt schon das zweite Mal, denn auch im letzten Jahr hatte der Kollege ihn rauswerfen müssen, weil er es jedes Mal schafft, durch seine Großspurigkeit die ganze Klasse gegen den Lehrer aufzuhetzen! Dieser Lehrling ist wirklich ein Teufel, der keinen Respekt hat vor Erwachsenen. Ich bin nach zwei Wochen auch schon drauf und dran, ihn rauszuwerfen, aber wir wissen schon nicht mehr, wie wir ihn unterrichten können. Unter uns Kollegen im Lehrerzimmer rätseln wir schon, wie warum Sie ihn eigentlich immer noch beschäftigen können, denn der ist doch zu Ihnen und den anderen Mitarbeitern genauso frech, oder etwa nicht? Wie schaffen Sie das bloß, diesen Kerl zu ertragen?“ – Ich sagte, dass mir das auch schon aufgefallen sei, aber dass er zumindest zu mir recht höflich sei und ich über die gelegentlichen verbalen Entgleisungen geduldig hinwegsehen könne. Da der Klassenlehrer ansonsten gar nicht von mir wollte, wurde mir allmählich bewusst, dass dies ein Hilfeschrei war, und er mir scheinbar unausgesprochen nahelegen wollte, den Burhan zu kündigen, damit auch sie ihn endlich loswerden konnten. Aber vielleicht war dadurch erst recht mein Ehrgeiz geweckt, ihn erst recht nicht zu entlassen, zumal er mir auch irgendwie sympathisch war.

Ich redete mit Burhan über das Telefonat und rief ihn zur Mäßigung auf. „Weißt Du, Burhan, ich sehe das so, dass in Dir ganz viel Potenzial steckt, weil Du so ehrgeizig bist. Wenn Du Dich weiter so anstrengst, dann wirst Du die Gesellenprüfung locker schaffen, zumal Du ja auch sehr gute Noten hast, besonders in Mathe. Du hast auch Führungsqualitäten und könntest auch problemlos Meister werden. Aber Du musst wirklich noch an Deiner Ausdrucksweise arbeiten. Du kannst z.B. nicht zu einem Gesellen einfach ‚Arschgesicht‘ sagen.“ – „Ja, ich weiß, Simon,“ sagte Burhan reuevoll, „ich habe wirklich ein Problem mit Erwachsenen, das haben mir schon viele gesagt.“ Und dann erzählte er mir von seiner Kindheit im „Türkenghetto“ und von seiner Mutter, die „so `ne richtige Türkenmutti, so ´ne mit Kopftuch und langem Rock“, und die er wie eine Heilige verehren würde. Aber einmal, als er noch jünger war, habe er seinen noch relativ jungen Vater, dabei erwischt, wie er heimlich im Internet mit einer anderen Frau flirtete. Da habe er ihn zur Rede gestellt: „Papa, wie kannst Du der Mama das antun! Sie ist so eine Liebe und immer gut zu Dir gewesen! Ich bin echt voll enttäuscht von Dir!“ Aber dann bekannte mir Burhan, dass er selber auch seine deutsche Freundin mit einer anderen betrügen würde und sogar schon einmal in einem Bordell war mit seinen Kumpels. „Alle Frauen, die ich bisher hatte, waren alles Deutsche und alle 10 Jahre älter als ich. Die stehen auf mich, aber ich würde die nie heiraten, weil das alles Schlampen sind.“ – „Wie meinst Du das?“ fragte ich. „Ach, das ist schwer zu erklären. Weißt Du, - deutsche Frauen sind unrein. Sie sind ja keine Muslima, deshalb darf ich so eine gar nicht heiraten.“ – „Wieso nicht? Das kann Dir doch niemand verbieten.“ – „Du verstehst das nicht. Wenn man als Türke aufwächst, dann kann man sich nicht irgendeine Frau nehmen, sondern das muss immer eine Muslimin sein, weil sonst die ganze Verwandtschaft mich ausstoßen würde.“ – „Aber Du hurst doch auch mit deutschen Frauen…“ – „Ja, das schon; das wird im Islam noch toleriert. Aber man darf so eine Schlampe nicht heiraten, da sie ja keine Jungfrau mehr ist.“ – „Ach so, ihr Jungs dürft so viel rumvögeln wie ihr wollt, aber die Frauen dürfen das nicht!? Was ist das denn bitte für eine Doppelmoral?!“ – „Das ist nun einmal unsere Kultur. Die deutschen Frauen dürfen wir f…, weil das sowieso Schlampen sind. Aber dummerweise denken die Frauen immer gleich an eine feste Beziehung. Meine jetzige will mich unbedingt heiraten, deswegen versuche ich sie schon seit Wochen, wieder loszuwerden. Ich beschimpfe sie immer auf die übelste Weise, aber die hängt an mir wie ´ne Klette. Ich fühl mich selber schon scheiße, wie ich sie behandle, aber was soll ich machen? In zwei Jahren fahr ich mit meinen Eltern in die Türkei, wo sie eine Ehe für mich arrangieren, und spätestens bis dahin muss ich sie losgeworden sein. Wenn die wüsste, dass ich sie ohnehin nie heiraten werde… Aber ich bring das nicht übers Herz, ihr zu sagen.“ Ich dachte nur: Oh Mann, was für eine archaische Kultur!

Obwohl Burhan alles andere als ein frommer Muslim war, pflegte er doch ein paar abergläubische Regeln. Als ich ihm einmal mein Auto für private Zwecke auslieh, verlangte ich einen Wertgegenstand als Pfand. Ich dachte an sein Handy, aber er gab mir stattdessen seine Halskette, an der ein Koran hing in Miniformat. Er sagte: „Simon, das ist das Wertvollste, was ich besitze. Aber ich muss Dir dazu was erklären, und zwar musst Du den Koran immer oberhalb Deiner Taille hinlegen, weil der heilig ist.“ Ich nahm die Kette und sagte: „Ja, ist gut.“ Dann wollte ich ihm auf dem Handy etwas zeigen und legte die Kette kurz auf einem Stuhl ab. Da schimpfte Burhan sofort: „O nein, ich hab´ Dir doch gerade gesagt, dass der Koran nicht unterhalb der Taille abgelegt werden darf! Das ist nun mal so; ich kann Dir auch nicht erklären, warum.“ Wenn es jedoch um andere Regeln ging, z.B. um die Straßenverkehrsordnung, so setzte er sich oft problemlos darüber hinweg. Einmal fuhren wir zusammen in getrennten Wagen zum Kunden. Da ich voraus gefahren war, versuchte er, mit hoher Geschwindigkeit aufzuholen und raste grinsend an mir vorbei. Das weckte in mir den Spieltrieb, und ich versuchte, ihn einzuholen. Als mir das an einer Ampel dann gelang, lachte er und zeigte mir den Stinkefinger. Jeder andere Chef hätte sich wohl darüber echauffiert, aber ich musste darüber lachen. Zuweilen brachte Burhan aber auch mich an die Grenzen meiner Toleranz: Einmal malte ich für eine Ärztin ein Gemälde an ihre Fassade, als Burhan mich anrief, dass er mit seiner Baustelle fertig sei. Ich sagte ihm, er könne zu mir kommen und mir bis Feierabend noch helfen. Als er kam und das schöne Landschaftsbild sah, sagte er spontan: „Simon, Du bist zwar voll hässlich, aber malen kannst Du echt gut!“ Da fragte ich mich: Wer ist jetzt eigentlich der „kreativere“ von uns beiden? Wie kommt er jetzt darauf, dass ich hässlich sei?!

Eines Tages kam Burhan zu mir und erzählte, dass ein Mädchen ihn angezeigt habe, weil er sie angeblich vergewaltigt habe, aber dass er unschuldig sei, und ob ich ein gutes Wort für ihn einlegen könne. Tatsächlich wurde Burhan am nächsten Tag von der Kripo auf der Baustelle verhaftet. Wie die Sache am Ende ausging, bekam ich gar nicht mehr richtig mit, aber er wurde wohl freigesprochen.


Langfinger und Einfallspinsel

Doch dann riefen mich eines Abends Kunden an, die mir aufgeregt mitteilten, dass sie bestohlen wurden und meine Mitarbeiter verdächtigen würden. An jenem Tag hatte Burhan dort gearbeitet und ein neuer Lehrling namens Kevin Putins (18), den ich gerade erst eingestellt hatte. Kevin hatte einen Sprachfehler, war geistig etwas zurückgeblieben und konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Deshalb war mir klar, dass es nur Burhan gewesen sein konnte. Ich brüllte ihn an vor Wut, aber er schwor mir bei allem was ihm heilig war (viel war es ja nicht gerade), dass er es nicht war. Er sagte: „Simon, ich bin schon so lange in deiner Firma und war schon in Dutzenden Wohnungen deiner Kunden. Wenn ich wirklich ein Dieb wäre, dann wäre das doch schon längst bemerkt worden! Du kannst mir echt vertrauen!“ Doch kurz darauf meldete schon wieder ein Kunde einen Diebstahl und drohte mir mit einer Anzeige. Diesmal hatte aber nur der kleine Kevin dort gearbeitet. Konnte er es gewesen sein? Da er in einer Art Heim wohnte, rief ich seine Betreuer an, und wir machten einen Termin. Wir setzten uns an einen Tisch und sie brachten Kevin rein. Ich sagte: „Kevin, Du musst keine Angst haben: ich werde dich nicht kündigen, aber ich möchte, dass Du jetzt ganz ehrlich bist und zugibst, dass Du die Kunden bestohlen hattest. Es ist wirklich nicht schlimm, wenn Du es jetzt bereust und das Gestohlene wieder zurückgibst.“ Da fing Kevin an zu weinen. Sein Betreuer tröstete ihn: „Wenn Du das aber nicht warst, dann glauben wir Dir das, aber sag uns bitte die Wahrheit.“ Da fing er richtig an zu schluchzen und vergrub sein Gesicht in seine Arme, die auf dem Tisch gestützt waren. Mit tränenerstickter Stimme sagte er schließlich: „Ich war es nicht. Wirklich nicht…“

Für seine Betreuer war der Fall damit klar, - aber für mich nicht. Ich musste Gewissheit haben, dass Kevin nicht so eine diebische Elster ist in meiner Firma. Vielleicht „litt“ er unter Kleptomanie? Ich beschloss, ihm eine Falle zu stellen, indem ich bei einer Kundin heimlich Schmuck von meiner Frau in offenen Schatullen deponierte, um zu sehen, ob er diesen stehlen würde. Dabei verhielt ich mich jedoch viel naiver als Kevin, denn der wollte wohl kein weiteres Risiko mehr eingehen und ließ den Schmuck links liegen. Ich deutete dies dummerweise als Zeichen seiner Unschuld und ließ ihn noch drei weitere Jahre in meiner Firma, in denen er zwar nicht die Kunden, dafür aber mich beklaute, dass sich die Balken bogen. Da er - außer die Werkstatt aufzuräumen – nicht allzu talentiert war, ernannte ich ihn zum Werkstattwart, der alle drei Wochen die Werkstatt pikobello auf Vordermann brachte. Dadurch hatte ich jedoch „den Bock zum Gärtner“ gemacht, was ich erst irgendwann im 3. Lehrjahr bemerkte, als ich in seiner Arbeitstasche jede Menge neue Werkzeuge und Geräte entdeckt hatte. Ich hatte mich schon immer gewundert, wo all meine neuen Festo-Schleifmaschinen oder teuren Lackierpinsel abgeblieben waren! Doch ich beließ es bei einer Verwarnung, und Kevin machte fleißig weiter mit dem Stehlen. Sogar noch am letzten Tag, als ich mich nach bestandener Gesellenprüfung von ihm verabschiedete und er gehen wollte, sagte ich: „Stopp! Warte mal eben! Ich will noch mal einen Blick in deine Sporttasche werfen“. Ich machte den Reißverschluss auf, und sie war voll mit neuen Pinseln, Klebebändern, venezianischen Glättekellen, Abtönkonzentraten etc. Ich fragte Kevin: „Was soll das?! Willst Du mich auch noch am letzten Tag bestehlen? Was wolltest du mit all dem Zeug?“ Er sagte nur kleinlaut: „Für meine Schwarzaufträge“ – so als ob dies eine Entschuldigung sei.

Kevin war jedoch bestimmt nicht der einzige, der sich regelmäßig in meiner Werkstatt bediente. Wenn ich – rein theoretisch – einmal die Chance bekäme, all die Geräte, Farbeimer und Werkzeuge auf einen Haufen zu sehen, die mir in all den Jahren meiner Selbständigkeit durch Diebstahl oder Nachlässigkeit abhandenkamen, könnte man damit ein 30 qm-großes Wohnzimmer bis unter die Decke füllen. Besonders hochwertige Geräte oder Spezialwerkzeuge waren schon kurz nach der Anschaffung wieder verschwunden, so dass ich schon bald nur noch Billiggeräte durch Ebay kaufte, damit ich die Verluste verschmerzen konnte. In gewisser Weise konnte ich die gelegentliche Selbstbedienung ja auch noch tolerieren, indem ich mir sagte, dass sie der Preis für ein offenes und tolerantes Betriebsklima waren. Die Mitarbeiter sollten nicht den Eindruck haben, dass ich sie ständig kontrolliere, sondern ich hoffte, dass ich die durch mein blindes Vertrauen zur Ehrlichkeit animieren könnte. Deshalb hatte jeder seinen eigenen Werkstattschlüssel, so dass er eigenständig sein Material ein- und ausladen konnte. Und wenn sie sich hin- und wieder etwas nahmen, was sie brauchten – was soll´s! Dadurch hatten sie ein gutes Gefühl, sich einen Vorteil erschlichen zu haben, ohne dass ihnen bewusst war, dass ich sie ja selbst auch regelmäßig ausbeutete, indem sie einen deutlich niedrigeren Lohn empfingen als ich, besonders die Lehrlinge. Außerdem waren die häufigen Krankheitstage der Azubis im Prinzip für mich viel verlustreicher als der gelegentliche Werkzeugklau. Ärgerlich war eigentlich nur, dass ich fehlende Dinge ständig wieder rechtzeitig nachkaufen musste oder aber, dass es genau in dem Moment fehlte, wo man es gerade mal brauchte.

Irgendwann platzte mir der Kragen und ich ließ ein neues Schloss in die Werkstatt einbauen. Von den Schlüsseln bekamen jetzt nur noch Andre Bindemann und Peter Schönholz einen, weil ich ihnen vertraute. Außerdem stellte ich die Tische in der Werkstatt vorne zusammen wie eine Barriere, damit niemand mehr sich selbst bedienen konnte. Stattdessen wollte ich die Werkzeuge schon einen Tag vorher für jede Baustelle selbst zusammenstellen und mir den Empfang von jedem Gesellen per Unterschrift bestätigen lassen, um später zu kontrollieren, ob sie es mir vollständig zurückgegeben hatten. Auch kaufte ich mir eine Stempeluhr und gab jedem Mitarbeiter eine Stempelkarte, um zu kontrollieren, dass sie nicht vorzeitig Feierabend machen würden, aber voll aufschreiben würden. Die Mitarbeiter murrten und waren genervt von diesen Innovationen. Besonders das Abstempeln war ihnen lästig, da sie nicht mehr wie früher direkt von der Arbeit nach Hause fahren konnten. Ich versuchte, es ihnen schmackhaft zu machen mit dem Argument, dass sie jetzt keine Stundenzettel mehr ausfüllen müssten. Leider fanden sie schon bald Tricks, wie sie die Feierabendkontrolle umgehen konnten, indem Luciano, der in der Nähe der Werkstatt wohnte, mit den Karten aller anderen Gesellen (die schon längst Feierabend gemacht hatten), noch mal eben zur Werkstatt fuhr, um für alle anderen noch mal eben auszustempeln, was ich erst zwei Jahre später bemerkte. Auch der Werkzeug- und Materialschwund hörte nicht auf, denn ich vergaß immer wieder, die Rückgabe zu kontrollieren.

Doch nicht nur die Mitarbeiter bestahlen mich, sondern auch einige Kunden bereicherten sich öfter mal, wenn ein Mitarbeiter vergessen hatte, eine Baustelle abzuräumen. So kam es vor, dass ich manchmal ein Jahr nach einem Auftrag erneut zu diesem Kunden fuhr, weil er einen neuen Auftrag hatte und dieser mir am Ende ganz beiläufig sagte, dass ja noch immer die ganzen Materialien vom letzten Mal bei ihm im Keller stünden, und ob ich die nicht mal mitnehmen wolle. Die meisten Verluste erlitt ich jedoch durch unvollständige Angebote: Wenn ich z.B. versehentlich nur das Gerüst für die Vorderseite angeboten hatte, anstatt auch für den Giebel und die Rückseite, dies aber im Angebot nicht erkenntlich war, dann nutzten die Kunden solche Fehler, schamlos aus, indem ich auf den Kosten für die anderen Hausseiten sitzenblieb. Oftmals war auch nur ein oder mehrere Zeilen der Excel-Tabelle bei der Addition des Angebotspreises versehentlich nicht berücksichtigt worden, so dass die Kunden sich darauf berufen konnten, dass sie beim Angebot von einem Festpreis ausgingen. Richtig ins Schwitzen brachte mich eine ältere Dame eines Tages, als wir gerade die umfangreichen Arbeiten in ihrer Wohnung beendet hatten, denn ich wusste nicht, dass sie unter Alzheimer litt. Als ich mich verabschiedete, sagte ich nur beiläufig, dass ich ihr nächste Woche dann die Rechnung zuschicken würde. „Was denn für eine Rechnung?“ fragte sie. „Na, die Rechnung für unsere Malerarbeiten.“ – „Wieso? Was denn für Malerarbeiten?“ – „Aber Frau Schröder, wir haben doch jetzt die ganze Woche ihre zu vermietende Wohnung fertig gemacht, das wissen sie doch!“ – „N E I N,“ sagte sie, „was erzählen Sie denn da für einen Unfug! Sie haben doch bei mir noch gar nicht gearbeitet!“ Jetzt wurde ich auf einmal wirklich nervös und beteuerte: „Doch! Frau Schröder, wir haben doch alle Wände hier abgekratzt, gespachtelt, tapeziert und gestrichen! Schauen Sie hier!“ Ich zeigte auf die Wände, und sie ging mit prüfendem Blick überall herum und sagte: „Sagen Sie mir auch wirklich die Wahrheit? – Nein, Sie wollen mich betrügen! Schämen Sie sich! Die Wände sind doch noch völlig in Ordnung!“ – „Ja, weil wir sie gerade erst frisch renoviert haben!“ Allmählich glaubte sie mir und mir fiel ein Stein vom Herzen.

Viel schusseliger als diese alte Dame waren aber häufig meine Lehrlinge: Ich hatte Anfang November 2009 noch einen weiteren Lehrling eingestellt namens Luciano Fiorito (25), ein Italiener aus Sizilien. Er war ein ganz lieber Kerl, hatte aber absolut keine Persönlichkeit und war auch nicht unbedingt eine Intelligenzbestie. Um seine Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden, war er so häufig ins Fitness-Studio gegangen, dass er enorm dicke Biceps hatte. Seine unterwürfige und schüchterne Art passte aber irgendwie gar nicht dazu. Eines Morgens schickte ich ihn mit Kevin mit dem Firmenwagen nach Oberneuland, wo unsere Baustelle war. Als er nach zwei Stunden aber immer noch nicht dort angekommen war, rief ich ihn auf dem Handy an. „Luciano, warum bist Du denn immer noch nicht beim Kunden?“ – „Ich habe mich verfahren.“ – „Und warum rufst Du nicht mal an?! Wo bist Du denn gerade?“ – „Weiß ich auch nicht genau. Ich fahr hier gerade auf der Autobahn“. – „Häh? Du musst doch wissen, wo Du bist! Was steht denn auf der Beschilderung?“ – „Warte, ich guck mal eben… Da steht nächste Ausfahrt Loxstedt…“ – „Waas? Bist Du Richtung Bremerhaven gefahren? Du solltest doch nach Oberneuland fahren, das ist genau in der entgegengesetzten Richtung!“ – „Ja, aber ich weiß ja nicht, wo das ist.“ – „Und warum fragst Du mich dann nicht?“ – „Weil ich ja kein Guthaben mehr auf dem Handy hatte und Kevin auch nicht.“ – „Ach so, wenn ich also nicht angerufen hätte, dann wäret ihr die Autobahn jetzt immer weiter gefahren bis nach Flensburg – in der Hoffnung, dass irgendwann der Name Oberneuland auftaucht?

Arbeiten konnte Luciano aber ganz gut, besonders das Spachteln. Kurz darauf bewarb sich auch noch ein weiterer Italiener bei mir, Donato Vetta (44), ein Malergeselle aus Kalabrien. Er sprach nur sehr schlecht Deutsch, weshalb ich ihn immer mit Luciano arbeiten ließ. Normalerweise sind Italiener ja sehr fröhliche Menschen, aber Donato war das genaue Gegenteil. Er kam jeden Morgen immer mit einer so ernsten und depressiven Mine in die Werkstatt rein, so als wolle er uns signalisieren, dass er von niemanden angesprochen und mit uns nichts zu tun haben wolle. Meine Auftragslage war aber wieder sehr gut, und ich hatte inzwischen wieder 4 Gesellen und 4 Lehrlinge. Ich kaufte zwei weitere Firmenwagen, damit jeder meiner Gesellen sein eigenes Auto fährt. Da Fadi und Andrey häufig ihre Essensabfälle und Zigarettenstummel im Auto zurückließen, drohte ich ihnen, dass in Zukunft Burhan und Bartosz die Wagen fahren dürften, wenn sie nicht ihr Verhalten ändern würden. Denn auch wenn Burhan wie ein Chaot fuhr, so pflegte er die Firmenwagen gelegentlich, so als wenn sie ihm gehören würden. Dafür hatte Burhan immer die schlechte Angewohnheit, Farbwalzen eintrocknen zu lassen, so dass man sie danach wegwerfen konnte. Bartosz und Fadi vergaßen ständig, benutzte Glättekellen wieder sauberzumachen, so dass man den hart gewordenen Putzkleber am nächsten Tag nur noch mit der Schruppscheibe abbekam. Wenn ich aber fragte, wer das war, dann war es natürlich nie einer gewesen. Und obwohl inzwischen jeder Geselle seine eigene Grundausstattung an Werkzeug besaß, fehlte auf den Baustellen immer wieder das eine oder andere, so dass ich es mitten am Tag erst besorgen musste. Dann hieß es immer: „Ich hatte meine Acryl-Pistole letztens dem Andrey geliehen, aber er hat sie mir nicht wiedergegeben!“ – „Stimmt ja gar nicht! Ich hab‘ immer meine eigene!“ usw.

Diese sich ständig wiederholenden Probleme raubten mir den letzten Nerv. Hinzu kam auch noch die unvollständigen oder fehlerhaften Stundenzettel, die willkürliche und überzogene Pausenmacherei, Arzttermine oder angeblich notwendige Behördengänge der Lehrlinge während der Arbeitszeit, Reklamationen aufgrund von nachlässiger oder unterbliebener Schlusskontrolle und vor allem die ständige, unglaubwürdige Krankmacherei der jungen Lehrlinge, während die Altgesellen quasi nie krank waren. Einmal kam Andre Bindemann (44) zu mir und beschwerte sich darüber, dass er viel mehr leisten würde als die anderen Gesellen, aber trotzdem als Vorarbeiter nur einen Euro mehr pro Stunde bekäme. „Aber Andre, vergiss bitte nicht, dass Du der einzige bist, der noch zusätzlich eine betriebliche Rentenversicherung hat, in die ich jeden Monat einzahle!“ – „Ja, aber das würde ich auch in anderen Firmen bekommen. Du weißt genau, dass Du ohne mich schon viele Kunden verloren hättest, denn Du schickst mich ja immer wieder zu den reichsten und pingeligsten Kunden, weil Du genau weißt, dass die anderen solche Aufträge versauen würden. Eigentlich müsste ich schon fast ein Meistergehalt bekommen!“ – „Dann mache ich Dir einen Vorschlag, Andre: Mach Dich doch einfach selbstständig und arbeite für mich als Subunternehmer! Dann würdest Du deutlich mehr verdienen.“ Andre winkte ab: „Weißt Du, Simon, solange ich kleine Kinder habe und das Haus noch nicht abbezahlt ist, wäre mir das zu riskant; ich sehe ja, wie oft Du schon nahe an der Pleite warst.“ – „Aber wenn ich jetzt pleiteginge, dann wärest Du doch ebenso Deinen Job los. Als Selbstständiger hast Du aber die Möglichkeit, Dir noch zusätzliche Kunden zu suchen und wärest nicht so abhängig von mir.“ – „Nein, Simon, lass mal gut sein. Sei froh, dass ich mich nicht selbstständig mache, denn dann würden fast all Deine Kunden nur noch mir die Aufträge geben, denn schon jetzt wollen die Dich ja nur wegen mir!

Eigentlich ging es Andre gar nicht so sehr um mehr Geld, sondern vor allem um Anerkennung. Er war frustriert, weil er keine Aufstiegs-Chancen sah, sondern stattdessen das tägliche Einerlei, das ihm keine Möglichkeit gab, seinen Ehrgeiz zu entfalten. Mir wurde allmählich klar, dass ich die Motivation der Mitarbeiter nur durch finanzielle Anreize steigern konnte, also durch Extraprämien, damit der Schlendrian und die Ressourcenvergeudung endlich aufhören. Die Mitarbeiter sollten nicht länger nur auf die größtmögliche Bequemlichkeit fixiert sein, sondern merken, dass sich Leistung und Engagement für die Firma lohnen. So begann ich, alle paar Monate einen „Mitarbeiterbrief“ zu schreiben und an alle zu verteilen, in welchem ich neue Regeln aufstellte und ihnen ein Prämienangebot machte, bei dem ich ihnen genau vorrechnete, wie sie in Zukunft mehr Geld verdienen könnten, sei es durch Verzicht auf Krankheitstage oder durch vorzeitige Fertigstellung der Baustelle etc. Dies würde natürlich nur funktionieren, wenn es künftig eine viel präzisere Dokumentation gäbe, z.B. von allen Extraarbeiten, die sie für die Kunden erledigt hatten, aber oftmals gar nicht extra aufschrieben. Bisher interessierten sich die Mitarbeiter ja nur dafür, dass der Tag möglichst stressfrei vorübergehe und sie, wenn möglich, frühzeitig Feierabend machen konnten. Aber wenn die „Peitsche“ nicht wirkte, dann tat es vielleicht das „Zuckerbrot“, um sie zu mehr Eigenverantwortung zu bewegen.


Juli bis Dezember

Satanismus

Wenn ich nach einem anstrengenden Arbeitstag abends im Badezimmer in den Spiegel schaute, dann sagte ich mir: „Simon, Du bist sehr tapfer! Du hast es bis hierhin geschafft, sogar die Beinahe-Pleite von 2007 zu verhindern, und das ganz ohne Gottes Hilfe!“ (wie ich glaubte). Früher als Christ war ich ein Schwächling, aber jetzt hatte ich gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen ohne Angst zu spüren. Endlich suchte ich nicht mehr außerhalb von mir irgendeinen Sinn für mein Leben, sondern ich selbst war der Schöpfer meines Lebens geworden. Damals gab es ein Lied im Radio, „Geboren, um zu leben“, in welchem der Sänger (zu Gott?) sagt: „Ich sehe einen Sinn, seitdem Du nicht mehr bist, denn Du hast mir gezeigt, wie wertvoll mein Leben ist“. Ich machte mir darüber Gedanken: „Früher hatte ich nur für Gott und andere gelebt, aber heute lebe ich für mich selbst und muss mich dessen nicht mehr schämen. Niemand sollte mir mehr einreden können, dass es noch irgendeinen übergeordneten Sinn gäbe, als jenem Sinn, den ich selbst dem Leben gebe. Und niemand konnte mir mehr weismachen, es gäbe noch irgendeine andere Wahrheit außer jener, die ich selbst für wahr hielt! Es ist ja ohnehin alles vergänglich und damit auch sinnlos, aber sich dieses immer wieder einzugestehen, motiviert mich nicht, sondern lähmt mich eher im Vorankommen.“

Als ich an einem Samstag mittags in die Küche kam, hörte Ruth beim Kochen eine Predigtkassette, wo ein Prediger berichtete: „Damals, 1969, als die Rolling Stones ein Konzert gaben beim Woodstock Festival, sangen sie ein Lied mit dem bezeichnenden Titel „Sympathy for the devil“. Dabei gerieten die Menschenmassen so sehr in Aufruhr, dass sie vor der Bühne einen Schwarzen abschlachteten. So sehr hat das Lied ihren Geist in den Bann gezogen, dass sie einem Taumel von Mordlust verfielen.“ Diese Darstellung hatte mich ziemlich überrascht und neugierig gemacht. Ich ging in mein Zimmer und recherchierte im Internet über dieses Ereignis. Neben diversen Berichten fand sich sogar bei Youtube eine Videoaufzeichnung über den Vorfall. Dabei stellte sich jedoch heraus, dass dieser sich völlig anders zugetragen hatte: Erstens fand das Konzert nicht in Woodstock (New York) statt, sondern im kalifornischen Altamont. Zweitens geschah der Zwischenfall nicht während des Liedes „Sympathy for the devil“, sondern während eines anderen Liedes („Under my Thumb“), und Drittens handelte es sich nicht um den Lynchmord einer aufgebrachten Menge, sondern um die Notwehr eines Ordners, der beim Anblick der Pistole in der Hand des Schwarzen ein Attentat vermutete und dieses durch sein Eingreifen mit dem Messer zu verhindern suchte. Dass der Schwarze am Ende seinen Verletzungen erlag, wurde allgemein als tragischer Unfall gewertet und führte schließlich sogar zu einem Ende der friedliebenden Hippiebewegung. Aber was hat die echte Tatsachenfeststellung noch mit der völlig entstellten Darstellung dieses Predigers zu tun? Hier drängt sich die Frage auf, ob es nur bloße Unkenntnis der tatsächlichen Details war oder ganz bewusste Geschichtsverfälschung. Der Prediger hatte eine Idee im Kopf, und als er merkte, dass seine Idee nicht übereinstimmte mit den tatsächlichen Ereignissen, änderte er nicht etwa seine Idee, sondern stattdessen die Darstellung der Ereignisse!

Was nicht passt, wird einfach passend gemacht. So ist z.B. das „Woodstock Festival“ allgemein ein Begriff für den Gipfel der verwahrlosten, drogenkonsumierenden Jugend der Hippie-Ära. Den Altamont Speedway hingegen kennt niemand, also wird aus Altamont plötzlich Woodstock, denn es passt besser ins Bild. Und da die Stones auch das berüchtigte Lied „Sympathy for the devil“ gesungen haben, in welchem es weniger um „Sympathy“ als vielmehr um „Mitleid“ bzw. „Verständnis“ für den Teufel geht, musste der „Mord“ natürlich am besten bei diesem Lied geschehen. Und schließlich wurde aus einem – vom Publikum kaum wahrgenommenem – Handgemenge zwischen einem Ordner (der übrigens Mitglied im Motorradclub „Hells Angels“ war) ein angeblich vom gesamten Publikum inszeniertes „Abschlachten“ eines ach so unschuldigen Schwarzen, sozusagen als Opfergabe für den Teufel! Ich wurde den Verdacht nicht los, dass diese Art von „Stille-Post-Geschichtsverfälschung“ im Grunde genau die gleiche Art ist, wie auch die Bibel geschrieben wurde: Von Anfang an gab es da die großartige Idee von einem Schöpfungsmythos und einem Sündenfall, der erklären soll, warum die Dinge nicht so sind, wie sie eigentlich sein sollten. Dann folgt die Geschichte Israels mit einem glorreichen Beginn und einem tragischen Ende, den aber jeder nachvollziehen konnte. Und schließlich ist da eine Person, die von Gott als einziger Retter gesandt wurde, und der Glaube an diesen einen Retter solle die ganze Welt einen, bevor das Endgericht käme. Bis dahin sollten aber alle schön brav und gehorsam sein, denn sonst kommen sie für immer in eine brennende Hölle!

Die Christen taten mir im Grunde aufrichtig leid, weil sie ihre wertvolle Lebenszeit verschwendeten durch Pflichtbesuche und unterdrückte Lustbefriedigungen, ohne dass sie je etwas dafür bekommen würden. Im Grunde waren sie aber genauso egoistisch wie auch alle anderen Menschen, weil sie alles, was sie taten, ja nur für einen Lohn taten, den sie am Ende trotzdem nicht bekommen würden, da es ja reiner Wahn war. Wenn ein Atheist hingegen etwas Uneigennütziges für andere tut, dann hat es wirklich wert, weil es aus reiner Nächstenliebe geschieht. So hatte ich z.B. damals von einem Mann gehört, der aus Enttäuschung über bestimmte Beamtenentscheide eine Gesetzeslücke ausgenutzt hat, um sich durch die wahllose Adoption von Kindern aus 3.Welt-Ländern zu rächen. So hatte er schon bald 300 Kinder adoptiert, besonders aus Paraguay, die er dadurch zu deutschen Staatsbürgern machte und sie somit aus der Armut befreite. Auch wenn seine Motive fragwürdig waren und er selbst dadurch kein Opfer brachte (denn mehr als die Adoption konnte er aufgrund seiner kleinen Rente nicht für die Kinder tun), hatte er doch etwas Gutes getan, ähnlich dem Oscar Schindler. Ein richtiges Opfer hingegen brachte ein anderer Mann, der damals in eine Talkshow eingeladen wurde, weil er nur von einer DM pro Tag lebte, und das schon seit Jahren. Als die Moderatorin ihn fragte, warum er so geizig sei, wo er doch als Chirurg über 6000,- DM im Monat verdiene, erklärte er, dass er sich mit einem Freundeskreis von Gleichgesinnten zusammengeschlossen habe und sie all ihren überschüssigen Reichtum in Lebensmittel und Kleidung für die Bedürftigen im Irak spenden würde. Die Waren würden sie selber regelmäßig dorthin bringen und vor Ort verteilen. Dass sie selbst dafür so asketisch leben, sei deshalb, weil sie nicht besser leben wollen als jene Menschen in der 3. Welt, um sich mit ihnen zu solidarisieren in der Armut. Als er das sagte, war das Publikum sprachlos und keiner kritisierte ihn mehr. Und dabei war er noch nicht einmal religiös, sondern tat es aus reiner Menschenliebe!

Nun sind die wenigsten Menschen zu solchen heroischen Leistungen imstande, da sie schon genug damit zu tun haben, für sich und ihre Familie zu sorgen. Viele Menschen sind aber durch Krankheiten oder andere Schicksalsschläge dermaßen gebeutelt, dass sie sich noch nicht einmal allein um sich selbst kümmern können, sondern auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Dennoch aber kümmern sich auch die meisten Christen oder andere religiöse Menschen lieber nur um ihre eigenen Leute und sehen das Leid in der Welt als gottgewollt. Kein Wunder, denn nach ihrer Auffassung – so dachte ich damals – kümmert sich ja auch Gott nicht um sie, sondern lässt zu, dass sie ein glückloses, elendiges Dasein fristen und frühzeitig sterben, ja danach sogar noch in die Hölle kommen, weil ihnen niemand sagte, dass sie an Jesus glauben sollen! Wie kann man aber dann noch von einem „Gott der Liebe“ sprechen?! Für mich war diese Vorstellung nichts anderes als Faschismus, wenn nicht sogar Satanismus. War es nicht auch bei den Satanisten so, dass das Schwache verachtet wurde? Hatte nicht Aleister Crowley (1875-1947), der Gründer des modernen Satanismus, der sich selbst als „das Tier“ bezeichnete, mal sein Credo so formuliert: „Tu was du willst, sei das ganze Gesetz!“ Nach dieser Maxime handelten ja de facto mehr als 95 % aller Menschen, egal ob nun materialistisch oder religiös; nur dass die Religiösen ihren Egoismus fromm zu tarnen wussten. Für mich war Religion nichts als Heuchelei.

Da ich zu jener Zeit viele Hörbücher aus dem Netz hochlud und auf CD brannte, kam mir auf einmal die Idee, mal nach der berüchtigten „Bibel Satans“ von Antony LaVey zu suchen, um sie mir anzuhören. Vom Rocksänger Marilyn Manson hatte ich mal gehört, dass LaVey, der Gründer der kalifornischen Church of Satan, selbst gar nicht an die Existenz Satans glaubte, sondern den Satanismus nur als eine Art Philosophie sah, in der es darum ging, dass der Stärkere auch das Recht habe, seinen Nächsten zu beherrschen. Tatsächlich begründete LaVey diese Überzeugung denn auch mit den Gesetzen der Evolution, nach der nur der Stärkere überlebe. Für ihn waren die Schwachen nur „psychische Vampire“, die den Starken die Kraft raubten, die sie für ihren eigenen Erhalt brauchten. Verständlicherweise sei deshalb das Christentum mit seinem Gebot der Nächstenliebe und dem „Hinhalten der anderen Wange“ genau das Gegenteil und deshalb der Erzfeind aller Satanisten. Das Christentum sei verlogen und voller Scheinheiligkeit – das konnte ich ja bestätigen – und an dessen Stelle solle die vollkommene Lusterfüllung treten, die zwar egoistisch, aber dafür ehrlich sei. Die okkulten Rituale dienten nur dazu, dass der Satanist sich seines tierischen Wesens bewusstwerde und es willig bejahe, indem er durch den Genuss von Blut u.a. ekeligen Dingen seinen Willen stärke und rituell Kraft schöpfe. Satan sei letztlich nur ein Symbol, nämlich der Inbegriff des Rebellen, der sich gegen die moralische Bevormundung auflehnte und sich selbst zum Gott ernannte.

Der Sinn des Lebens solle also darin bestehen, dass der Mensch sich zurückbesinne auf seine tierische Herkunft? Wozu dann die Aufklärung und die zivilisatorischen Errungenschaften? Der Satanismus wäre im Grunde ja dann kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt in steinzeitlichen Kannibalismus oder in die Bronzezeit, als man noch den Dämonen Menschenopfer brachte! Nein, das war ganz und gar nichts für mir. Da ist ja sogar das Christentum mit seiner Sühneopfer- Lehre noch klüger und fortschrittlicher! Wenn es überhaupt eine bessere Alternative zur Religion gab, dann müsse diese in der Humanität und im aufgeklärten Denken liegen. Der Mensch muss befreit werden von seinem Aberglauben und seinen urkindlichen Ängsten vor einem strafenden Gott, der die Menschen in die ewige Verdammnis schickt. Aufgrund meines Wissens über das Christentum, sah ich meine Berufung darin, die Christen von der Absurdität ihres Glaubens zu überzeugen, und dann würde auch eine bessere Welt ohne Religion entstehen, in welcher alle Menschen eins werden, wie es John Lennon sang in seinem Lied „Imagine“.

So fing ich wieder an, mir durchs Internet Gesprächspartner aus der christlichen Szene zu suchen, die ich vermeintlich „aufklären“ wollte. Einer von diesen war ein gewisser Martin Borst vom mabo-verlag in Pforzheim. Ich erzählte ihm zunächst meine Geschichte und begründete dann meinen Abfall vom Glauben. Er schrieb: „Man darf die Fehler, die man bei Christen sieht, … nicht Gott oder der Bibel anlasten.“ Ich schrieb: „Da stimme ich natürlich mit Dir überein. Aber in meiner Kritik am Christentum ging es mir nie um das persönliche Versagen einzelner, sondern allein um die Glaubwürdigkeit der Bibel als solcher.“ Dann schrieb er mir von der Schöpfung: „Es gibt allerdings (und das müsstest du auch wissen) auch hochwissenschaftliche Bücher (Werner Gitt, Wilder-Smith, Wort und Wissen etc.), deren Inhalt keinen anderen Schluss zulassen als: Die Bibel hat recht!“ Darauf erwiderte ich: „Na, wenn das wahr wäre, dann würden sich ja auch alle anderen Wissenschaftler den Ausführungen der Schöpfungsgläubigen anschließen müssen. Tatsache ist jedoch, dass mehr als 95% aller Wissenschaftler nicht überzeugt sind von den Beweisen der Kreationisten. Das sollte einem doch zu denken geben. Ich bin zwar kein Biologe oder Evolutionsforscher, aber Ich habe keinerlei Grund, diesen Wissenschaftlern ihre Fachkompetenz abzusprechen, genauso wenig, wie ich dies bei meiner Friseuse oder meinem Kfz-Mechaniker tun würde. Dass es aber überhaupt so etwas wie Schöpfungsforschung gibt, ist für mich eine ziemlich offensichtliche und leicht durchschaubare Mogelpackung: Da wird doch nur krampfhaft versucht, den biblischen Schöpfungsbericht mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft in Einklang zu bringen, weil man partout an der Irrtumslosigkeit der Bibel festhalten will. Würde aber die Bibel die Evolutionslehre vertreten, dann würden selbst Werner Gitt und seine Leute keinerlei Zweifel aufkommen, weil sie gar keinen Anlass hätten, an der Evolution zu zweifeln. Und wenn im Gegensatz die ganze ungläubige Welt an eine Schöpfung in 7 Tagen glauben würde, dann hätten dieselben Forscher, die jetzt an der Evolution zweifeln, auf einmal ganz viele Beweise für die Evolution, nur weil sie in der Bibel gelehrt wird. Mit anderen Worten: die Schöpfungsforscher sind voreingenommen und deshalb schon allein unobjektiv und parteiisch.“

Martin hatte mich zunächst nur für einen abgeirrten Christen gehalten, der „mit Gott wieder ins Reine kommen“ müsse. Er hatte mein Bekenntnis zum Agnostizismus offensichtlich gar nicht richtig ernst genommen. Deshalb war er dann auch „etwas enttäuscht“ von meinen Ausführungen, weil ich trotz meiner früheren Ablehnung der Evolutionstheorie diese auf einmal blind für wahr hielt und keine Bereitschaft hatte, mich mit den begründeten Gegenargumenten zu befassen. „Chaos oder Zufall kann keine Intelligenz oder Ordnung entstehen lassen“. Das hatte ich aber auch gar nicht behauptet: „Der Zufall spielt bei der Evolution auch keine Rolle, sondern es gibt eine ganz zwangsläufige Entwicklung, die auf den Naturgesetzen beruht… Mit den Widersprüchen in der Bibel verhält es sich m.W. so wie mit der Evolutionsskepsis: Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Wer keine Widersprüche sehen will, der wird sie auch nicht sehen. Irgendwie findet sich doch immer irgendeine Erklärung für die Widersprüche, und wenn man sich nur ausreichend einnebeln lässt, dann verschwinden auf einmal die Konturen der Gegensätze, und alles wird hell und weiß vor Augen.“ Martin antwortete: „Deine Worte machen mich traurig. Ich nehme Dir das auch alles nicht ab. Entweder Du möchtest mich provozieren oder einfach mal testen oder aber Du wurdest von Christen zu sehr enttäuscht… Du weißt doch ganz genau, dass wir Gott keine Bedingungen stellen können, zumal jeder der Milliarden Menschen andere Vorstellungen und Wünsche hat. Aber bei Gott gibt es kein Wunschkonzert!!! Er ist es, der den Weg vorgibt, aber Er ist auch ein Gott, der uns liebt.“ – „Nein,“ entgegnete ich. „Gott selbst ist ein Wunschkonzert, bzw. eine Projektionsfläche für all unsere Wünsche und Vorstellungen von ihm. Aber ob es Gott überhaupt wirklich gibt, weiß nach wie vor keiner, geschweige denn wie er ist und was er von uns will. Das ist reine Spekulation. Und das sage ich nicht, um Dich zu verletzen oder aus Verbitterung. Ich bin von niemanden enttäuscht worden, sondern habe mich selbst ent-täuscht, indem ich mir jahrelang eingebildet habe, die Wahrheit zu besitzen, obwohl es nur Wunschdenken war.“


Ägypten

Ende 2010 wollten Ruth, Rebekka und ich eine Reise in den warmen Süden machen. Deshalb hatten wir eine Nilfahrt durch Oberägypten gebucht, also dem Süden von Ägypten, um die ganzen Tempel und Gräber der Pharaonen zu besichtigen. Bevor die eigentliche Nilfahrt losging, sollten wir die ersten zwei Tage in Luxor verbringen, dem alten Theben, die damals die Hauptstadt Ägyptens war. Vormittags besuchten wir den 260 m großen Tempel des Gottes Amun, den Thutmosis III. um 1.400 v.Chr. bauen ließ. Überall waren Säulengänge und riesige Statuen zu sehen und ein langer Gang mit widderköpfigen Spinxen, die furchterregend von oben herab auf die Besucher blickten. Weiter hinten war die beeindruckende Tempelanlage von Karnak, dem mit 30 ha größten Monumentalkomplex der Welt mit vielen Obelisken und einem Säulensaal von über 20 m hohen Säulen, die etwa 2 m dick waren und mit vielen Reliefs verziert waren. Vor den Toren des Tempels gab es zwei riesige Statuen von zwei sitzenden Männern, etwa 20 m hoch und viele Tonnen schwer, die sog. Memnonkolosse, die aber schon stark abgewittert waren. Was für ein unvorstellbarer Aufwand, den die Ägypter damals betrieben. Aber immerhin haben diese Bauwerke über 3000 Jahre überstanden.

Am Nachmittag hatten wir frei und fuhren mit einer Kutsche in die Innenstadt von Luxor. Da es sehr viele Straßenhändler und nur sehr wenige Touristen gab, buhlte man mit allen Mitteln um unsere Gunst. Ein ruhiger Straßenbummel war also kaum möglich, weil man sofort von den Händlern umzingelt wurde, die einem alles Mögliche anbieten wollten und uns kaum weitergehen ließen. Ruth reagierte meistens ziemlich harsch und unfreundlich, was mir nicht gefiel: „Du solltest nicht so hart sein mit den Ägyptern, denn sie sind sehr arm und leben ja vom Tourismus, deshalb sollten wir wenigstens höflich bleiben, wenn wir schon nichts kaufen.“ Doch am Abend geriet auch ich selbst bei Ruth in Ungnade wegen irgendeines nichtigen Anlasses, und ich versuchte mit vielen Worten ihre schlechte Laune abzumildern. Während wir am Straßenrand lang gingen und ich auf Ruth einredete, fragte ein Kutscher uns, ob er uns nicht mitnehmen dürfe. Ich hatte ihm jedes Mal höflich abgewiesen, aber er folgte uns auf Schritt und Tritt, indem er immer wieder beharrlich seine Dienste anbot. Da Ruth nicht auf mich hören wollte, wurde ich immer ungehaltener, so dass mich die Bettelei des Kutschers allmählich auf die Palme brachte. Als er dann irgendwann zum 25. Mal fragte, ob er uns nicht doch mitnehmen dürfe, wandte ich mich zu ihm und schrie aus Leibeskräften: „N E I N ! LASSEN SIE UNS ENDLICH IN RUHE !!!“. Da mussten Ruth und Rebekka plötzlich laut lachen, und auf einen Schlag war ihre schlechte Laune vorbei. Auch der Kutscher grinste, aber mir tat richtig die Kehle weh vom Schreien.

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Bus zur Abu-Haggag-Moschee, die auf den Ruinen des Götzen-Tempels von Amenophis III erbaut wurde. Wir mussten unsere Schuhe ausziehen und betraten die große Halle, die mit einem riesigen Gebetsteppich ausgelegt war, wo viele Muslime gerade ihr Gebet verrichteten. Der muslimische Touristenführer erklärte uns mit flüsternder Stimme auf Englisch die Besonderheiten der Moschee und auch die islamischen Traditionen. Anschließend konnten wir Fragen stellen. Ich meldete mich und fragte, warum die Nichtmuslime von Mohammed als „Götzendiener“ bezeichnet werden, wo doch Mohammed selber auch ein Götzendiener war. Daraufhin regte sich der Touristenführer sehr auf und behauptete, dass der Prophet nur Allah allein verehrt habe. Dem widersprach ich, weil ich gerade ein Buch über den Islam las, in welchem es hieß, dass Mohammed, trotz seines Glaubens den heidnischen Kult auf den Hügeln As-Safā und Al-Marwa praktizierte, wo den Götzen Isaf und Naila geopfert wurde, und dass Mohammed diesen Götzendienst sogar ausdrücklich noch den Muslimen erlaubte in Sure 2:158 und dieser Götzendienst auch Teil der Hadsch sei. Leider fiel mir in diesem Moment nicht die genaue Stelle im Qur´an ein, was insofern bedauerlich war, da mir der Touristenführer und auch andere Muslime lauthals widersprachen. „Aber ist denn nicht schon allein das Küssen der Ka´aba ein Götzendienst, denn wo ist denn da der Unterschied zu jedem anderen Götzendienst?“ fragte ich. „Weil der Gesandte Allahs (sallAllahu alayhi wa sallam) uns befohlen hat, ihn zu küssen, denn der Schwarze Stein kam direkt aus dem Paradies. Ursprünglich war er weiß, aber er ist durch die Sünden der Menschen schwarz geworden“. „Aber das ist doch Humbug („nonsens“),“ erwiderte ich. „Es ist doch viel naheliegender, dass Mohammed es sich nicht verscherzen wollte mit den Götzendienern und ihnen deshalb entgegenkam“.

Nun redeten mehrere Muslime gleichzeitig auf mich ein, so dass sich Ruth beunruhigte. Sie verstand zwar kein Englisch, aber sie sah, wie alle wütend gestikulierten, weshalb sie mich am Arm zog, um den Streit zu beenden. Ich wollte noch fragen, was es mit den sog. „Satanischen Versen“ auf sich habe (in welchen Mohammed in Sure 53:20-21 ursprünglich empfahl auch die heidnischen Göttinnen al-Lāt, al-Uzzā und Manāt um Fürsprache anzurufen, bis er dies später widerrief, indem er einräumte, dass Satan ihm diese Sätze diktiert habe), aber der Touristenführer brach die Debatte ab, da sie in einer Moschee nicht erlaubt sei und wir den Dialog gerne später im Bus weiterführen könnten. Ruth fragte mich, worüber ich mit ihm gesprochen hätte, und als ich es ihr bekannte sagte sie wutschnaubend: „¡Qué te ocurre! („Was fällt dir ein“, i.S.v. „Bist du noch zu retten!“, „Bist du von allen guten Geistern verlassen?“ oder „Hast Du noch alle Tassen im Schrank!“). Du kannst doch nicht in einer Moschee gegen den Islam debattieren! Die hätten Dich verhaften können, weil Du ihren Propheten beleidigt hast! Und was wäre dann aus UNS geworden?!“ – „Tut mir leid, daran habe ich nicht gedacht.“ – „Mir scheint, Du denkst überhaupt nicht, wenn Du erstmal angefangen hast mit Deinem Lieblingshobby, nämlich des Debattierens! Irgendwann wird es Dich noch mal richtig in Schwierigkeiten bringen!

Im Anschluss war nun eine Fahrt ins berühmte „Tal der Könige“ geplant. Dieses befand sich in den Bergen hinter Theben und sollte von Thutmosis I. eigentlich als Versteck vor Grabräubern in den damals kaum zugänglichen Schluchten angelegt werden. In den 1.700 Jahren zuvor war es ja bei den Pharaonen Tradition, sich während ihres Lebens eine Pyramide als Grabstätte bauen zu lassen. Doch trotz all der ausgeklügelten Gänge und Verstecke in den Pyramiden gelang es den Grabräubern immer wieder, die Schätze zu finden und zu plündern. Als Howard Carter 1922 im Tal der Könige grub, waren schon alle Gräber längst ausgeraubt, und es waren nur die z.T. tonnenschweren Sarkophage übriggeblieben. Doch obwohl er jahrelang nichts als Tonscherben fand, verlor er bis zuletzt nicht die Hoffnung. Im November 1922 stießen seine Arbeiter schließlich auf eine zugeschüttete Treppe, die in einen Schacht unter das Grab von Ramses IV. führte, und stießen auf eine Kammer voll mit Schätzen aus Gold, sowie Möbelstücken, Gegenstände und Spielsachen aus Holz, die trotz der 3.000 Jahre noch völlig unversehrt geblieben waren. Kurz darauf entdeckte man dann hinter einer Wand die eigentliche Grabesgruft mit vier Sarkophagen. Carter ließ sie öffnen und entdeckte hinter der Totenmaske aus reinem Gold die Gebeine von Tutenchamun, einem Pharao, der nur 19 Jahre alt wurde - Eine absolute Sensation. Über dem Grab stand in Hieroglyphen geschrieben, dass jeder verflucht sei, der es wagen würde, die Totenruhe des Pharaos zu stören, und tatsächlich starben in der Folgezeit sämtliche Beteiligte an der Expedition, wie z.B. Lord Carnarvon, der Geldgeber, und mehrere Arbeiter, die sich wahrscheinlich durch die Mikroben in der Lunge infiziert hatten. Auch Carter selbst wurde todkrank.

Was uns faszinierte, war die Frage, wie die Ägypter überhaupt all die Reliefs und Verzierungen an den Wänden tief unter der Erde herstellen konnten, denn es war ja stockdunkel, und der Rauch eines Feuers hätte sie am Atmen behindert. Ebenso faszinierend war auch der Grabestempel von Dêr-el-Bahàri, den die Königin Hatschepsut errichten ließ und aus einer riesigen Felswand gehauen wurde. An den Wänden sah man trotz der über 3000 Jahre immer noch die farbigen Abbildungen der Pharaonen mit ihren Dienern und Göttern. Es waren überall so zahlreiche Verzierungen, dass die Ägypten tausende an Stunden daran gearbeitet haben mussten. In späteren Jahrhunderten hatten dann fanatische Muslime viele der Gesichter der Reliefs zerkratzt, weil man sich nach ihrer Überzeugung ja auch kein Bild machen sollte, so wie es auch in der Bibel steht. Viele Bilder waren auch wirklich furchterregend, denn die dämonischen Wesen hatten verschiedene Tierköpfe wie der Gott Sobek (Krokodilkopf), Horus (Falkenkopf), Seth (Erdferkel?), Anubis (Schakalkopf), Thot (Ibiskopf) und Knuhm (Widderkopf). Und alle diese Gottheiten hatten das Ankh-Symbol in ihrer Hand, wie ein Schlüssel, von dem man bis heute nicht genau die Bedeutung weiß. Aber so beeindruckend all die Abbildungen auch waren – irgendwann wurde es uns auch langweilig, denn es wiederholte sich immer wieder. Auch die ganzen Namen und Legenden konnten wir uns nicht merken. Aus Überdruss machten Rebekka und ich uns lustig, z.B. über die Königin Hatschepsut, deren Name wie ein Niesen klang („Ha-a-a-tschepsut!“), oder der ständig wiederholte Name „Thutmosis“, bei dem Rebekka sich fragte: „Tut Mose es nun oder tut er‘s nicht?“

Aber die Reise sollte noch weiter gehen. Auf dem Programm stand noch der Horus-Tempel Edfu, der mit seinen 137 m Länge und seiner 80 m hohen Fassade zu einem der größten und best-erhaltensten zählt, und der Sobek-Tempel Kom-Ombo mit seinen tonnenschweren Säulen. Dann kamen wir zum berühmten Assuan-Staudamm, der in den 60er Jahren unter Präsident Nasser mit Hilfe der Russen gebaut wurde, um die starken Schwankungen des Nils zwischen Hochwasser und Niedrigwasser auszugleichen. Dazu mussten zahlreiche altägyptische Tempel verlegt werden, d.h. in Einzelteile zerlegt und dann an höherer Stelle wieder zusammengebaut werden, um sie vor der Überflutung zu schützen. Einer der größten unter diesen war Abu Simbel des Ramses II. mit seinen vier 30 m hohen sitzenden Pharaonen, die aus einer Felswand gemeißelt wurden. Für die Wiedererrichtung musste also auch der ganze Berg abgebaut werden – eine unvorstellbare Leistung. In Assuan sahen wir in einem Granitsteinbruch auch einen unvollendeten Obelisken, der waagerecht aus dem massiven Granit herausgemeißelt wurde, aber dann plötzlich Risse bekam, so dass sich die Fortsetzung der Arbeiten nicht mehr lohnte. Dieser Obelisk wäre mit seiner Höhe von 41,75 m und seiner Basis von 4,2 x 4,2 m, sowie seinem Gewicht von 1.168 Tonnen der größte Obelisk des Altertums geworden. Entlang des Obelisken hatten die ägyptischen Arbeiter auf beiden Seiten einen 60 cm breiten Graben in den Granit geschlagen. Da Granit aber viel härter ist als Beton oder Aluminium, hätte man damals selbst mit dem härtesten Stein, den es damals gab, Dolerit, Jahre gebraucht, um diesen Graben herauszufräsen. Selbst heutige Ingenieure würden mit modernen Diamantbohrern mit 1500 Umdrehungen/Minute gerade einmal nur wenige Millimeter vorankommen. Hier stellt sich einmal mehr die Frage, ob die Ägypter vor 3000 bis 4000 Jahren überhaupt dazu imstande waren. Beim Bau der Pyramiden wurden allein schon 2,3 Millionen Steine von 1 m³ Größe und einem Gewicht von 2,5 Tonnen/Stein verarbeitet. Selbst wenn man für die Errichtung der Cheops-Pyramide 100 Jahre verwendet hätte, müsste man jeden Stein innerhalb von 8,5 Minuten herstellen und an seine jeweilige Stelle hochtragen, nämlich fast 600.000 Tonnen bis zu einer Höhe von 146 Metern. Bis heute haben Bauingenieure keine Ahnung, wie sie das hinbekommen haben. Waren da vielleicht wieder die Nephelim aus 1.Mose 6:1-4 im Spiel?

Als wir nach 8 Tagen wieder zurück nach Deutschland flogen, war unterdessen ein Schnee-Chaos ausgebrochen. Es muss wohl die ganze Zeit über nur geschneit haben, denn weder Busse noch Straßenbahnen fuhren mehr, so dass wir am Flughafen Hannover festsaßen. Es war 23.00 Uhr, und selbst die Taxis waren rar, da sie sich um Hunderte von Passagieren kümmern mussten, um sie vom Flughafen nach Langenhagen bis zum Hbf. Hannover bringen mussten. Erst gegen Mitternacht kamen wir am Hauptbahnhof an, aber es fuhr kein Zug mehr, da Schneeverwehungen die Bahnstrecke nach Bremen unpassierbar gemacht hatten. Erst nach zwei Stunden hatten Räumfahrzeuge die Strecke so weit frei geschaufelt, dass uns ein Regionalzug schließlich nach Bremen fahren konnte, wo wir in den frühen Morgenstunden todmüde ankamen. Was für eine Reise!

 

Januar bis Juni 2011

Protest

Wir alle kennen den sprichwörtlichen Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt bzw. den Funken, der eine Explosion auslöst und in der Folge einen Flächenbrand entzünden kann. Das Jahr 2011 war in dieser Hinsicht eines der ereignisreichsten Jahre zu Beginn des 21. Jh., weil es gleich zwei politische Flächenbrände ausgelöst hat, nämlich zum einen den sog. Arabischen Frühling, in dessen Folge nicht nur sämtliche Diktaturen in den arabischen Ländern verschwanden (und dann größtenteils durch andere Diktatoren ersetzt wurden) und den ISIS-Staat ermöglichten; und zum anderen das Atom-Unglück in Fukushima (Japan), das europaweit die Energiewende entscheidend voranbrachte und damit auch den Klimaschutz, der heute in aller Munde ist. In einem bekannten Lied von Manfred Siebald heißt es ja: „Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich still und leise, und ist er doch so klein, er zieht doch weite Kreise… Ein Funke, kaum zu seh´n, entfacht doch helle Flammen…“. Der Tsunami am 11.03.2011 an der Küste vor Japan war zwar als solcher schon verheerend, aber die daraus resultierende Kernschmelze im Reaktor von Fukushima hatte noch weit größere Auswirkungen: nicht nur wurde die gesamte Region so sehr radioaktiv verstrahlt, dass sie für eine unabsehbar lange Zeit unbewohnbar sein wird, sondern er führte in Deutschland und vielen anderen Ländern zu einem schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie, die man bis dahin für sauber und unentbehrlich hielt.

Manchmal muss eine unerträgliche Lage sich erst noch weiter verschlimmern, damit sie wieder besser werden kann. Auch die Aufstände in der gesamten arabischen Welt wurden ja durch einen kleinen Funken ausgelöst, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: Als am 17.12.2010 der mobile Verkaufsstand eines tunesischen Gemüsehändlers namens Mohammed Bouazizi (26) von der Polizei konfisziert wurden, weil er keine Genehmigung hatte, übergoss er sich aus Protest mit Benzin und drohte mit einem Feuerzeug, sich selbst zu verbrennen, wenn man ihm den Gemüsestand nicht zurückgäbe. Versehentlich löste sich beim Klicken des Feuerzeugs ein Funke, der den jungen Tunesier sofort lichterloh in Brand setzte. Man konnte ihn zwar schon bald wieder löschen, doch am 04.01.2011 starb Mohammed aufgrund seiner schweren Verbrennungen. Dies löste landesweit Protest aus gegen die Regierung, so dass der korrupte Diktator Ben Ali schließlich gestürzt wurde und außer Landes floh. Im Februar 2011 regten sich dann auch in Ägypten und Libyen Proteste, so dass der ägyptische Präsident Mubarak nach 30-jähriger Herrschaft zurücktrat und verhaftet wurde und der libysche Revolutionsführer Gadaffi nach über 40-jähriger Herrschaft abgesetzt und umgebracht wurde. Im März 2011 griffen die Proteste dann auch auf Syrien über und lösten den syrischen Bürgerkrieg aus mit über 500.000 Toten, der 2014 auch noch zur Entstehung des Islamischen Staates in Syrien und Irak (ISIS) führte. In dessen Folge zogen dann fanatische Islamisten aus ganz Europa in den Dschihad und verbreiteten durch ihre martialischen Terrorakte gegen Christen und andere Zivilisten. Dies wiederum war dann die Ursache der großen Flüchtlingskrise seit 2015, die Europa spaltete und zum Erstarken der rechtspopulistischen Parteien und Bündnisse führte (AfD, Pegida, Identitäre- und Brexit-Bewegung).

Unruhen und Proteste gab es aber nicht nur in weiteren arabischen Ländern wie Jemen oder Bahrein, sondern überall auf der Welt protestierten die Menschen im Jahr 2011 gegen Arbeitslosigkeit, den Sozialabbau, die Banken, autoritäre Regime oder übertriebene Sparmaßnahmen: Portugal (12.03. mit 200.000 Menschen), Großbritannien (26. März mit 250.000 Menschen), Spanien (Mitte Mai mit 130.000 Menschen), Chile (09.08. mit 100.000 Studenten), Israel (03.09. mit 450.000 Menschen), USA (17.09. Occupy-Bewegung), Japan (19.09. mit 50.000 Menschen), Griechenland (19.10. mit 500.000 Menschen), China (15.12. mit 20.000 Menschen) und Russland (24.12. mit 60.000 Menschen). Diese Unzufriedenheit allerorten hält – wie wir wissen – bis heute an und erinnert mich an eine Comic-Szene aus meiner Jugendzeit in den 80er Jahren, als ein Junge mit einer Zeitmaschine in die Welt der Zukunft gereist war und überall auf den Straßen Demonstrationen sah; als er die Leute dann fragte, gegen was sie denn protestieren würden, sagte einer: „Gegen was wissen wir eigentlich auch nicht, sondern nur, dass es so nicht weiter gehen kann und sich alles zum Besseren ändern muss!“ Auch während ich diese Zeilen schreibe (November 2019) ist überall auf der Welt wieder von Protesten zu hören, ob in Chile, Bolivien, Ecuador, Spanien, Hongkong oder Frankreich. Man begnügt sich schon längst nicht mehr mit höheren Bildungsausgaben oder niedrigeren Benzinpreisen – man will immer sofort eine neue Regierung oder am besten gleich eine neue Verfassung. Und da die Probleme überall die gleichen sind, kann auch die Lösung für alle am Ende nur darin bestehen, dass es eine einheitliche Weltregierung geben wird, die alle Forderungen erfüllt, wenn auch zu einem hohen Preis: der Freiheit.

Als Thilo Sarrazin 2010 sein Buch vorstellte „Deutschland schafft sich ab“, wurde er von den Politikern und Medien allzu schnell als Provokateur und Hetzer gebrandmarkt, obwohl ein Großteil der Bevölkerung insgeheim dachte: „Eigentlich hat der Mann doch Recht mit seinen Analysen und Vorschlägen“. Man hatte das Gefühl, dass man von den links-geprägten Medien sofort totgeschrien wird, wenn man mal eine andere Meinung vertritt. Besonders das im Zuge der Euro- und Bankenrettung 2010 von Kanzlerin Merkel oft gebrauchte Wort „alternativlos“ förderte die ohnehin schon bestehende Politikverdrossenheit, da es sachlich unangemessen suggeriert, dass es bei einem notwendigen Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion oder Argumentation gebe. Aus der Empörung über diese politische Bevormundung entstand denn auch die von Prof. Bernd Lucke gegründete Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD), die infolge der Flüchtlingskrise 2015 immer weiter zu einer rechts-konservativen Partei wurde. Zeitgleich entstanden aber auch in vielen anderen Ländern rechtspopulistische Bewegungen und Parteien wie in die englische UKIP von Nigel Farage, die holländische Freiheispartei von Geert Wilders, der französische Front National von Marie Le Pen, die italienische Lega Nord, die polnische PiS von Jarosław Kaczyński oder die ungarische Fidesz-Partei unter Victor Orbán.

Wenn dem Protest auf Dauer kein Gehör geschenkt wird, kann er am Ende in Gewalt und Terror umschlagen. So war die zunehmende Einwanderung von islamisch geprägten Flüchtlingen nach Europa auch der Anlass, dass am 04.11.2011 eine der Polizei bis dahin unbekannte Terrororganisation namens NSU aufflog die in den Jahren 1999- 2011 insgesamt 10 Menschen ermordete, 43 Mordversuche, 3 Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle verübte. Und am 22.07.2011 richtete der norwegische Rechtsextremist Anders Breivik (32) auf der Insel Utøya ein Blutbad unter den größtenteils jugendlichen Teilnehmern eines sozialdemokratischen Sommercamps an, nachdem er zuvor im Osloer Regierungsviertel einen Sprengstoffanschlag verübte. Insgesamt kamen an jenem Tag 77 Menschen ums Leben, gut die Hälfte war unter 18 Jahre. Breivik hatte sich mit diesem Anschlag an der Einwanderungspolitik der Ministerpräsidentin Brundtland rächen wollen, die er eigentlich vor laufender Kamera köpfen wollte. Um möglichst hemmungslos aus nächster Nähe auf die wehrlosen Opfer schießen zu können, hatte er zuvor über einen längeren Zeitraum anabole Steroide und Ephedrin eingenommen. Eigentlich wollte er alle 520 Teilnehmer töten und das gesamte Regierungsviertel samt Politiker in die Luft jagen, um seine durch ein 1500 Seiten langes Manifest begründete Unabhängigkeitserklärung auszurufen. In seinem Wahn glaubte er, dass sich sofort alle nationalistischen Kräfte Europas zusammentun würden, um wie die alten Kreuzritter gegen die muslimischen Besatzer zu kämpfen und sie zu vertreiben.


Der Fall Schäfer

Während die ganze Welt 2011 in Aufruhr und Protest gegen die zunehmende Ungerechtigkeit der Reichen und Mächtigen versank, hatte ich in Bremen einen „Protest“ von weitaus geringerem Umfang (wenngleich für mich mit leidvollen Folgen) zu führen gegen einen reichen Kunden, der mir – wie so oft - meinen restlichen Werklohn nicht zahlen wollte. Bereits im Sommer 2010 erhielt ich eine Ausschreibung von einem Bauingenieur, der sich in Oberneuland ein Privathaus bauen ließ und nun auch die Malerarbeiten vergeben wollte. Das riesige, moderne Gebäude sollte von oben bis unten glatt gespachtelt und anschließend gestrichen werden. Ebenso sollte ich später auch noch die Fassade und die Tiefgarage machen. Da Donato gut spachteln konnte, überließ ich zunächst ihm für drei Wochen die Aufgabe, alle Decken und Wände Raum für Raum zweimal zu glätten. Doch er nicht so schnell vorankam wie ich hoffte, übernahmen dann Marco und ich die Baustelle, zusammen mit dem ein oder anderen Lehrling bzw. Praktikant. Der Bauherr und Hausbesitzer Herr Schäfer hatte einen Aufseher über die Arbeiten ernannt, einen Herrn Liebknecht, von dem ich regelmäßig Anweisungen erhielt.

Als die Arbeiten im Oktober fast fertig waren, machte ich schon mal mit Herrn Schäfer eine Abnahme. Er war zwar mit dem Ergebnis zufrieden, monierte jedoch, dass die Decken und Wände teilweise scheckig waren. Ich erklärte ihm, dass der schräge Lichteinfall auf dem bis zu 100 m² großen Decken dazu führe, dass man trotz der glatten Fläche jede noch so kleine Ungleichmäßigkeit sehen könnte. „Normalerweise hätten die Decken zuvor mit einem Glattvlies geklebt werden müssen, um eine gleichmäßige Saugfähigkeit des Untergrundes zu gewährleisten“ erklärte ich ihm, „aber das war in der Ausschreibung nun einmal nicht vorgesehen, sonst hätte ich es Ihnen ja angeboten.“ – „Was würde das denn kosten, wenn Sie das jetzt noch nachträglich machen würden?“ fragte er. Ich versprach, ihm „einen guten Preis“ zu machen, worauf er mir noch drei weitere Extrawünsche nannte. Das Problem war nun, dass all dies innerhalb der nächsten zwei Wochen fertig werden solle, da Anfang November schon die Möbel aufgebaut werden sollten. So machte ich schnell ein Nachtragsangebot und schickte es Herrn Schäfer. Dieser aber reagierte nicht, so dass ich drei Tage später in seinem Büro anrief. Seine Sekretärin teilte mir mit, dass er in Amsterdam sei und erst zum Wochenende zurückkäme. Aber auch Herr Liebesknecht war nicht erreichbar, um mir den neuen Auftrag zu unterschreiben, weshalb ich mich angesichts der Dringlichkeit der rechtzeigen Fertigstellung entschied, die Arbeiten auch ohne schriftliche Auftragserteilung mit vereinten Kräften auszuführen. Bis Ende Oktober erschien weder Herr Schäfer noch Herr Liebesknecht auf der Baustelle, bis ich auf einmal am Samstag ein Fax erhielt, dass man mir mit sofortiger Wirkung den Auftrag kündige und mich aufforderte, meine Sachen mitzunehmen. Ich war außer mir und rief sofort bei Herrn Liebesknecht an, was das solle, zumal wir doch ohnehin schon fast alles fertig hätten. Er sagte nur, dass wir angeblich zu viel gepfuscht hätten und Herr Schäfer nun den Malerbetrieb Hettenweiler beauftragt habe für die Restarbeiten.

Um zu beweisen, dass bereits fast alles erledigt sei, machte ich mit einem befreundeten Architekten eine Begehung im Haus und filmte auch alles. Als plötzlich Herr Liebesknecht auftauchte, verwies er uns des Grundstücks. Eine Schlussabnahme wollte er nicht mehr mit mir machen, obwohl wir uns eigentlich zu diesem Zweck verabredet hatten. Ich dachte: „Was soll das! Irgendwas stimmt hier nicht.“ Ich ahnte schon Böses, zumal Herr Schäfer mir noch rund 6.000, - € schuldete. Bevor ich wegfuhr, hatte ich eine Idee: Ich notierte mir die Namen und Telefonnummern der anderen Firmen, die am Bauzaun ihre Schilder angebracht hatten, um sie zu fragen, ob denn auch sie vom Bauherrn ihr ganzes Geld bekommen hätten. Tatsächlich berichteten mir mehrere Firmen, dass auch sie noch immer auf restliche Zahlungen warten würden und die auch z.T. angemahnt hätten. Der Elektriker war sogar schon drauf und dran, den Kunden zu verklagen, und tat es schließlich auch. Nun wusste ich, dass diese Auftragskündigung kurz vor Schluss von Anfang an geplant war, um sich die Restvergütung zu sparen.

Ich beauftragte meinen Anwalt, und er erhob sofort Klage beim Landgericht, da die ganze Sache nach Betrug roch. Darauf erhielten wir eine Abschrift der Klageerwiderung, in welcher der Anspruch komplett abgestritten wurde. Natürlich war die Begründung voll von Lügen und Verdrehungen. So hatte Herr Schäfer behauptet, dass es überhaupt keine Folgeaufträge gegeben hätte und dass wir Arbeiten ausgeführt hätten, die er angeblich gar nicht beauftragt hätte. Zudem hätte ich Arbeiten berechnet, die gar nicht von uns ausgeführt wurden, sondern von der Malereibetrieb Hettenweiler. Die Arbeiten seien zudem auch nicht „abnahmereif“ gewesen, da sie angeblich mängelbehaftet waren, dass aber diese Mängel inzwischen nicht mehr sichtbar seien, da sie von der Fa. Hettenweiler bereits nachgebessert wurde. Diese aber habe für die Nachbesserungen angeblich 6.118,06 € berechnet, die er mit meiner Forderung von 6.053,77 € verrechnet habe, nachdem er mich angeblich mehrere Male zur Nachbesserung aufgefordert und ich mich geweigert hätte (in Wirklichkeit hatte er bis dahin unsere Arbeit immer wieder gelobt und auch die Abschlagszahlungen immer pünktlich bezahlt, was man ja nicht tun würde, wenn man angeblich so unzufrieden wäre). Kurz gesagt: Herr Schäfer hatte von oben bis unten gelogen. Manche Lügen waren dermaßen absurd, z.B. dass wir teilweise ohne Auftrag bestimmte Dinge ausgeführt hätten, obwohl ich sogar Unterschriften von Herrn Liebesknecht bekam mit dem Hinweis „Auftrag erteilt!“, dass auch der gegnerische Anwalt im Verlauf der nächsten Monate immer wieder neu seine Argumente korrigieren musste.

Aber Lügen haben ja bekanntlich kurze Beine. So verhedderte sich Herr Schäfer in immer mehr Widersprüche: So habe er mich wegen angeblicher Mängel zweimal mündlich zur Nachbesserung aufgefordert, und zwar am 04.08. und am 20.10., obwohl wir nachweislich erst am 12. August 2010 überhaupt erst den Auftrag ERHALTEN und mit den Arbeiten begonnen hatten! Es soll also angeblich Mängel gegeben haben, bevor wir überhaupt je die Baustelle betraten! Und auch die angeblich zweite Aufforderung zur Mängelbeseitigung am 20.10. mit Fristsetzung bis zum 25.10. erwies sich schnell als Lüge, da Fa. Hettenweiler nachweislich bereits am 20.10. mit der angeblichen „Ersatzvornahme“ begonnen hatte. Zu diesen angeblichen Nacharbeiten soll auch eine von uns angeblich „stümperhaft aufgebrachte Holzimprägnierung an den Eingangspfeilern zählen, obwohl wir am gesamten Objekt nicht einen einzigen Tropfen Imprägnierung verwendet hatten, sondern die angeblich nicht beauftragten, gemauerten Eingangspfeiler auftragsgemäß verputzt und armiert hatten. Ferner soll unsere Deckentapezierung angeblich ein eigenwilliger „Nachbesserungsversuch“ gewesen, dann aber doch „beauftragt“ worden sein; später aber soll angeblich die Fa. Hettenweiler unsere Vliestapete an der Wohnzimmerdecke wieder entfernt und den Untergrund neu verspachtelt und gestrichen haben (wofür sie angeblich 3.058,61 € berechnet hätten, und schließlich behauptete Herr Schäfer, dass überhaupt keine Mängel von Firma Hettenweiler nachgebessert wurden, sondern alle Mängel noch sichtbar als Beweis vorhanden sein. Ja, was denn nun? Ich rief also diesen Malerbetrieb an und bat um Aufklärung. Vom Chef erfuhr ich dann, dass diese 6.118,06 € gar nicht für Arbeiten am Wohnhaus von Herrn Schäfer verwendet wurden, sondern für ein ganz anderes Haus, dass er sich zusätzlich im hinteren Teil des Grundstücks bauen ließ, und dass Fa. Hettenweiler auch noch einen vierstelligen Rechnungsbetrag von Herrn Schäfer nicht bekommen habe und ihm deshalb mit einer Klage drohe.

Jetzt wurde es mir zu bunt, und ich erstattete Strafanzeige gegen Herrn Schäfer wegen Prozessbetrug und gegen Herrn Liebesknecht wegen falscher eidesstattlicher Zeugenaussage. Doch die Staatsanwaltschaft Bremen wollte zunächst einmal den Ausgang des Prozesses vor dem Landgericht abwarten. Da jedoch schon vor Prozessbeginn der ganze Schwindel aufgeflogen war und der gegnerische Anwalt nun sah, dass die Argumentationsbasis allmählich immer dünner wurde, versuchte er, die anstehende Verhandlung schließlich noch durch einen Befreiungsschlag platzen zu lassen, und zwar durch die Behauptung einer angeblich „fehlenden Passivlegitimierung“. Denn da der Auftrag ursprünglich ja nicht an meine gerade erst gegründete „Unternehmergesellschaft“ ergangen war, sondern an das davor bestehende Einzelunternehmen Simon Poppe, habe die UG – so der Anwalt - gar kein Recht gehabt, seinen Mandanten zu verklagen. Diesem tatsächlichen Rechtsmangel konnte ich dann jedoch durch eine Abtretungserklärung an die UG beheben. Schließlich beschränkte sich der Anwalt von Herrn Schäfer nur noch auf das Argument einer angeblich fehlenden Abnahmereife, da der Auftrag angeblich zu viele Mängel aufweise. Ich ärgerte mich, dass die Richterin am Landgericht all die Lügen und Täuschungsversuche von Herrn Schäfer mit keiner Silbe rügte, geschweige denn, dass sie ihn schon allein wegen dieses einschlägig belegten Fehlverhaltens sofort zur Zahlung des gesamten Betrages aufforderte, sondern dass sie nun einen Beweisbeschluss fasste, nach welchem alle von Herrn Schäfer behaupteten Mängel nun durch einen Sachverständigen überprüft werden sollten.

Und wer wurde mal wieder für dieses Gerichtsgutachten bestellt? Natürlich wieder Herr Harmsen, mit dem ich ja in den letzten sieben Jahren schon mehrere Male zu tun hatte. Während er mir in den ersten Jahren ja noch wohlgesonnen war, hatte er mich besonders in den letzten drei Jahren nur noch in die Pfanne gehauen, so dass mein Vertrauen in ihn auf einen Nullpunkt gelangt war. Zu allem Ärger kam noch hinzu, dass ich als Kläger 2/3 der Kosten für das Beweissicherungsverfahren in Höhe von insgesamt 3.000, - € - also 2.000, -€ - im Voraus bezahlen sollte. Für eine zu erwartende unfaire und damit schlechte Begutachtung sollte ich also auch noch so viel Geld bezahlen müssen. Was für ein Albtraum! Und wie ich es befürchtet hatte, so kam es dann auch, dass jeder noch so winzige Riefe in der ansonsten super glatten Oberfläche der rund 3.000 m² umfassenden Wandflächen sorgsam protokolliert und fotografiert wurde. Die Frau von Herrn Schäfer hatte zuvor überall im Haus sog. Post-Its angeklebt, damit der Gutachter die bemängelten Stellen schneller finden könne. Eigentlich hätte Herr Harmsen darauf bestehen müssen, dass diese erst einmal alle wieder entfernt werden müssten, bevor er mit seiner Begutachtung beginnen könne, da sie ihn in unangemessener Weise beeinflussen würden in seinem Urteil; aber dies erfuhr ich erst später, so dass ich darauf nicht bestehen konnte. So sahen wir jede Menge Stellen markiert, die offensichtlich erst nach der Auftragskündigung von einem anderen Maler nachgestrichen wurden mit einer falschen Farbe, die wesentlich glänzender war, was im Streiflicht sehr auffiel. Und dann waren in vielen Räumen sog. Lagerfugenrisse, für die wir ebenfalls nichts konnten, da sie erst nach Fertigstellung unserer Arbeiten entstanden waren (später erfuhr ich, dass Herr Schäfer das ganze Grundstück aufwendig trockenpumpen musste, und dass die Risse erst dadurch entstanden waren). Diese und viele andere Tatsachen wurden uns aber im Gutachten angelastet, so dass Herr Harmsen am Ende auf einen Nacharbeitsaufwand von 7.563 € kam.

Dieses unerträglich oberflächliche „Gutachten“ (das eigentlich besser „Schlechtachten“ heißen sollte) wurde denn auch von mir und meinem Anwalt scharf kritisiert. Wir forderten eine Korrektur und eine präzisere Darlegung der Mängel sowie ihrer Kostenbewertung. Mein Anwalt schrieb dem Gericht: „Bei der Ortsbesichtigung mit dem Sachverständigen ließ sich das meiste aus dem Klageerwiderung nicht feststellen; stattdessen brachte der Beklagte eine Reihe von Beanstandungen gegen den Gebäudezustand vor, die nicht Gegenstand seines schriftsätzlichen Vorbringens sind. Verfahrensfehlerhaft ließ sich der Sachverständige nicht vom Inhalt des Beweisbeschlusses leiten, wodurch er zu einer verfälschten Beurteilung gekommen ist…“ Dann erklärte er, dass die unzähligen Risse im Haus nicht uns anzulasten waren, sondern erst später infolge der Grundwasserabsenkung entstanden waren, da das Haus dadurch abgesackt sei. Ebenso wenig könne man uns für das Nachstreichen von Stellen durch die Firma Hettenweiler mit falscher Farbe verantwortlich machen. Das einzige, was an Mängeln wirklich in unserer Verantwortungsbereich fiel, waren hier und da kleine Macken, die bei der hastigen Fertigstellung unter Termindruck übersehen wurden, nachzubessern. Hierbei rügte mein Anwalt die für eine Aufwandsermittlung willkürliche Verwendung von Einheitspreisen, so dass der Gutachter für die etwa max. 5 Minuten dauernde Nachspachtelung einer offenen Naht an der Wohnzimmerdecke aufgrund ihrer enormen Größe von 108,65 m² und dem Einheitspreis von 4,41 €/m² auf einen völlig realitätsfernen Zeitaufwand von 9,5 Stunden kam. Bei der Berechnung der geringfügigen Nachspachtelungen an den Wänden (ca. 1 Std maximal) kam er sogar auf die gänzlich realitätsferne Zeit von 55,8 Std. usw. Wir stellten einen neuen Fragenkatalog an den Gutachter, damit er endlich mal wirklich seinen Job mache. Und dann geschah…

…gar nichts. Es verging ein ganzes Jahr, in welchem absolut nichts mehr passierte. Ich legte Beschwerde ein beim Landgericht. Dieses forderte den Gutachter noch einmal auf, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen und die zusätzlichen Fragen zu beantworten. Herr Harmsen schrieb also ein neues Gutachten, wobei er dann auch einräumte, dass er „nicht beurteilen“ könne, „in welchem konkreten Umfang Fa. Hettenweiler Nacharbeiten ausgeführt“ habe. Statt jedoch den völlig übertriebenen Aufwand von 55,8 Stunden zu korrigieren, rechtfertigte er seine fehlerhafte Berechnung damit, dass darin auch das nachträgliche Grundieren der Flächen noch enthalten seien, obgleich ein Grundieren eigentlich gar nicht mehr erforderlich wäre, wenn man die Flächen anschließend nur noch mal überstreichen will. Während aber die von uns übersehenen Macken praktisch kaum auffallen, wäre das komplette Nachstreichen der Wände schon allein für die Rissüberbrückung und die durch das Nachstreichen mit falscher Farbe notwendige Überarbeitung erforderlich gewesen, so dass mir unfairer Weise etwas aufgebürdet wurde, was ich gar nicht verursacht hatte. Doch Herr Harmsen blieb dabei, dass zumindest die vielen Risse zwischen Decke und Wände auf unser Konto gingen, da wir die Trockenbaudecken vom Mauerwerk angeblich nicht ausreichend entkoppelt hätten vor dem Ausfugen, sondern einfach nur abgefugt hatten. Er reagierte regelrecht pikiert auf die massiven Vorwürfe meines Anwalts und versuchte, unsere Fehler schon allein aufgrund der „exquisiten Lage des Neubaus und der gehobenen Ausstattung“ künstlich aufzubauschen, indem hierfür entsprechend „spezifische Anforderungen an die Qualität“ erforderlich waren. Seine Unparteilichkeit gab er damit gänzlich auf, was aber schon bei der Ortsbesichtigung deutlich wurde, als er dem Millionär Schäfer ehrerbietig sagte: „Entschuldigen Sie, wenn ich mir mal einen Moment einen wohltuenden Blick erlaube auf Ihren beeindruckenden Fuhrpark in der Tiefgarage, denn eine solche Sammlung von gepflegten Oldtimern und Nobelautos sieht man ja wirklich nicht alle Tage!“ Wie kann ein staatlich vereidigter Gerichtsgutachter nur so unnüchtern und schwärmerisch auftreten bei einer so ernsten Angelegenheit!

Wie zu erwarten, ergriff der Gutachter Harmsen dann bei der Gerichtsverhandlung voll und ganz Partei für den Kunden und spielte die Bedeutung der nachträglichen Anstricharbeiten durch Fa. Hettenweiler herunter. Er räumte zwar ein, dass die Risse erst nach uns entstanden waren, stellte jedoch fest, dass dies keine Rolle spiele, da die Wände ohnehin alle nachgearbeitet werden müssten. Entsprechend folgte das Landgericht seiner Auffassung und urteilte schließlich, dass ich einen Großteil der Mängelbeseitigungskosten, nämlich 4.605,92 €, selbst zu tragen habe. Daraufhin gingen mein Anwalt und ich in Berufung vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht, da das Landgericht z.B. auch gar nicht den Umstand gewürdigt hatte, dass zum Zeitpunkt der Kündigung der Auftrag ja noch gar nicht abgeschlossen und mir dadurch die Möglichkeit einer letzten Revision unserer Arbeiten genommen wurde. Denn selbst wenn die Arbeiten in einzelnen Räumen in sich abgeschlossen sind, macht jeder Handwerker vor der endgültigen Abnahme ja noch mal in Ruhe eine eigene Bestandsaufnahme, ob auch wirklich nichts übersehen wurde. Innzwischen waren schon drei Jahre vergangen und Herr Schäfer hatte das Haus sogar schon wieder verkauft. Wir erhielten eine Ladung für den 10.09.2014, doch zu einer erneuten Verhandlung kam es nicht mehr, da ich den Antrag wieder zurückzog und das Urteil vom Landgericht akzeptieren wollte, um keine weiteren Risiken und Kosten zu erleiden.

Nach all der Ungerechtigkeit, die ich damals von Herrn Schäfer und anderen Kunden erfahren musste, kommt mir im Nachherein das Bibelwort in den Sinn: „Preiset, ihr Völker, unseren Gott, und lasset hören die Stimme Seines Lobes; der unsere Seele am Leben erhalten und nicht zugelassen hat, dass unsere Füße wankten! DU hast uns geprüft, o Gott, Du hast uns geläutert, wie man Silber läutert. Du hast uns ins Netz gebracht, hast eine drückende Last auf unsere Lenden gelegt. Du hast Menschen reiten lassen auf unserem Haupte; wir sind ins Feuer und ins Wasser gekommen, aber Du hast uns herausgeführt zu überströmender Erquickung“ (Ps.66:8-12).


Juli bis Dezember 2011

Islamische Agitation

Neben all dem Ärger, den ich hinter den Kulissen mit mir schleppen musste, war meine Auftragslage nach wie vor sehr gut, so dass ich neben den 5 Gesellen, 2 Teilzeitkräften und 2 Lehrlingen im Sommer 2011 noch einen weiteren Gesellen und einen Lehrling einstellte, und zwar Rossano Seay (25), ein Mestize, dessen Mutter Amerikanerin war, als Lehrling, und Pavel Hnidziuk (35), ein polnischer Elektriker, der schon ein paar Jahre zuvor bei mir gearbeitet hatte, als Gesellen. Außerdem bat mich meine Mutter, doch einen ihrer Schützlinge aus ihrer Gemeinde einzustellen, und zwar den Südkoreaner Kim Jung-Min (36), ein früherer Restaurantbesitzer, der aber dann aus Glaubensgründen eine Bibelschule besucht hatte und nun zweiter Prediger werden wollte in der Christusgemeinde. Kim bot sich aufgrund seiner betriebswirtschaftlichen Kenntnisse als Bürokraft an, der zukünftig zusammen mit meiner bisherigen Bürohilfe Ingrid Werner (51) beim Schreiben von Angeboten und Rechnungen helfen könnte. Den Büroraum in der Werkstatt, den wir bisher nie genutzt hatten, räumte sich Kim am ersten Arbeitstag zurecht, und ich erklärte ihm, wie die Abläufe im Malerberuf sind. Er war sehr verwundert, als er auf Anfrage von mir erfuhr, dass ich bisher kaum einen Preisvergleich bei den verschiedenen Lieferanten angestellt hätte und sagte: „Als ich noch meine beiden Restaurants hatte, da haben wir jedes Jahr bei allen Händlern regelmäßig die Preise verglichen und sie runtergehandelt“. Ich fragte Kim Jung-Min, ob er vielleicht mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-Un verwandt sei, da er ja einen sehr ähnlichen Namen wie dieser habe. Er sagte: „Das ist so, als würde ich Dich fragen, ob Du vielleicht mit Adolf Hitler verwandt seiest. Nein, solch ein Name ist in Nord- und Südkorea sehr häufig.“ Wir verstanden uns gut, aber nach drei Tagen sagte Kim zu mir: „Simon, ganz ehrlich, Du solltest mich lieber wieder kündigen, denn im Grunde kann ich Dir kaum effektiv helfen, sondern bin Dir nur eine Last. Es ist nett von Dir, dass Du mir helfen wolltest, aber eigentlich hast Du doch schon eine Bürokraft und brauchst mich gar nicht mehr.“ Er hatte recht, und ich tat es.

In den Sommerferien wollte unsere Tochter Rebekka mit Ruth nach Peru reisen, weil sie dort noch nie war – außer als Kleinkind. Ich war also drei Wochen allein zuhause und hatte die Idee, wieder mit dem Malen zu beginnen, was ich früher in meiner Jugend häufig tat. Damals hatte ich viele Malwettbewerbe gewonnen, weil ich Bilder malen konnte, die so echt waren wie Fotos. Ich hatte es aber jahrelang vernachlässigt, da der Arbeitsaufwand hoch und die Wahrscheinlichkeit gering war, ein Bild zu einem würdigen Preis von mindestens 300 Euro verkauft zu bekommen. Eines Morgens las ich im SPIEGEL vom dänischen Maler und Karikaturisten Kurt Westergaard (74), der bereits 2008 weltweit in die Schlagzeilen kam, weil er in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten eine Karikatur des Propheten Mohammed veröffentlichen liess, der in seinem Turban eine Bombe mit Zündschnur trug. Diese relativ harmlose Provokation nahmen dann weltweit Muslime zum Anlass, um gegen die westliche Welt im Allgemeinen und gegen Dänemark im Besonderen zu protestieren. Sie verhängten gegen den Zeichner eine Fatwa, so wie 1989 gegen den englischen Schriftsteller Salman Rushdie, d.h. eine Art „Kopfgeld“, indem jeder Muslim mit einer Garantie für das Paradies belohnt werde, der Rache übt an dem Urheber für diese Blasphemie. Tatsächlich ist dann 2010 ein junger Somalier in die Wohnung von Kurt Westergaard eingedrungen und hat versucht, ihn mit einer Axt zu töten. Der alte Mann konnte sich gerade noch rechtzeitig im Bad einschließen. Während der Täter dann versuchte, die Tür mit der Axt einzuschlagen, rief Westergaard die Polizei, die dann auch sofort kam, um den Somalier festzunehmen.

Bei den weltweiten Unruhen wurden dänische Konsulate in Brand gesteckt und viele liberale Muslime vom wilden Mob gelyncht. Insgesamt starben etwa 150 Personen. Man muss sich mal vorstellen, dass diese fanatischen Muslime sich beleidigt fühlten, weil man sie und ihren Propheten als Terroristen darstellte, und darauf mit Terrorismus reagierten, so als ob sie selbst den Beweis nachliefern wollten, dass der Vorwurf gegen sie tatsächlich gerechtfertigt war! Die ganze Welt sollte eingeschüchtert werden durch die irrationale Drohung: „Wer uns Muslime als Mörder beleidigt, wird von uns ermordet! Der Islam ist eine Religion des Friedens, und wer das nicht glaubt, dem erklären wir den Krieg!“ Der arabische Sender al-Dschasira strahlte eine Predigt des Hamas-Führers Khaled Mash´al in der großen Moschee von Damaskus aus, in der er die Europäer zu einer Entschuldigung aufforderte: „Unsere Nation wird nicht vergeben… Morgen schon werden wir auf dem Weltenthron sitzen… entschuldigt euch heute, bevor es zu spät ist …Bevor Israel stirbt, wird es erniedrigt werden…“ Die Besucher der Moschee antworteten: „Tod Israel, Tod Amerika!“ Was für ein hilfloser „Gott“, dachte ich, dass er es nötig hat, von solch einem Mob in seiner Ehre verteidigt zu werden! Oder ist es nicht eher so, dass sie ihre eigenen Zweifel in sich totschreien wollen, indem sie jede Ironie, Skepsis, Spott und Relativierung von außen zu unterbinden versuchen, durch solche Kränkungen fühlt man sich nicht nur persönlich herabgesetzt, sondern insgeheim auch versucht und angefochten.

Mir kam die Idee, dass ich den religiösen Fanatismus in Zukunft durch das Malen provokanter Bilder bekämpfen könnte. Denn geschrieben wurde schon genug, und das können andere viel besser, aber das Malen in der Öffentlichkeit, in der Fußgängerzone, das sollte von nun an meine Waffe gegen den religiösen Irrsinn sein! So kaufte ich mir Leinwände und Acrylfarben, dachte mir Motive aus und fing an, ein Bild nach dem anderen zu malen. Das Massaker auf der Insel Utøya am 22.07.2011 nahm ich dann zum Anlass, eine Kollage zu malen, auf welcher rechts im Bild Anders Breivik auf Jugendliche schießt und links im Bild die Zwillingstürme von New York explodierten. Im Vordergrund malte ich links einen blutgetränkten Halbmond und rechts ein bluttriefendes Kreuz (denn Breivik hatte sich ja als Tempelritter und Schützer des christlichen Abendlands verstanden). Darüber schrieb ich dann das bekannte Zitat von Immanuel Kant zur Frage, was die „Aufklärung“ sei: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Auf einem weiteren Bild malte ich Osama bin Laden zusammen mit Chalid Scheich Mohammed und dem Baphomet-Satan in der Hölle schmoren. Während ich dieses Bild in der Fußgängerzone malte, kamen zwei Muslime vorbei. Einer von ihnen beschimpfte und bedrohte mich. Als ich daraufhin seinen Propheten aufs übelste beleidigte, wollte er mich verprügeln, aber sein Begleiter hielt ihn fest und versuchte, auf ihn beruhigend einzureden. Auf einem weiteren Bild malte ich die Steinigung einer Frau durch eine aufgebrachte Menge und schließlich eine Gruppe muslimischer Kleinkinder in einem Laufstall die alle wutschnaubend auf den Betrachter schauten und hinter ihnen stehend Angela Merkel und Barak Obama, wie sie ratlos auf die Meute der wild gewordenen Kinder blicken und sich fragten, wie man diese wohl wieder beruhigen könne. Mir ging es bei allen Bildern letztlich nur um Provokation: auf einem Bild malte ich den G7 Gipfel 2011 in Paris, wo man auf einer Tribüne Merkel, Sarkozy, Obama, Erdogan und Berlusconi sah, sie alle splitternackt waren. Mein Anwalt sah das Bild und meinte, dass ich möglicherweise Ärger mit der amerikanischen Justiz bekommen könnte, sollte ein Foto dieses Bildes mal im Internet auftauchen. Schließlich malte ich auch noch den Papst Benedikt XVI. als unheimlichen Vampir, wie er aus einer finsteren Gruft den Menschen zuwinkt. All diese Bilder habe ich später verbrannt, als ich wieder gläubig wurde (https://www.youtube.com/watch?v=0wOhxqjiacM).

Ohne es zu merken, hatte ich mich auf einmal selber radikalisiert, indem ich einen unbändigen Hass entwickelt hatte auf all jene Islamversteher unter den Politikern, die nicht die Gefahr erkannten, die vom Islam ausgeht und alles relativierten und verharmlosten. Besonders die Grünenpolitikerin Claudia Roth („Nie wieder Deutschland“), aber auch Christian Wulff („Der Islam gehört zu Deutschland“) waren für mich Wegbereiter für eine schleichende Islamisierung, da sie die Gefahr nicht sahen von dieser totalitären und gewalttätigen Ideologie, die im Prinzip dem Faschismus ähnelt. Es ist ja auch kein Wunder, dass es in allen islamisch geprägten Ländern Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen gibt, vor allem keine freie Meinungsäußerung. Wenn wir aber erlauben, dass sich der Islam auch in Deutschland immer weiter ausbreiten kann, dann verhalten wir uns wie Biedermann und die Brandstifter, indem für dabei zuschauen, wie Islamisten nach und nach ihre Scharia bei uns durchsetzen. Ich machte also Aufkleber, auf denen ich schockierende Fotos mit Gewaltdarstellungen und eingefügten Koranzitaten einfügte und sie an mehreren Plätzen Bremens anklebte. Ich wollte mit diesen Zitaten beweisen, dass islamische Selbstmordattentäter eigentlich nur das tun, was ihnen im Koran ausdrücklich geboten wird: „Auf dem Weg Gottes sollen nur die kämpfen, die ihr Leben auf Erden für das Jenseits opfern. Wer auf dem Weg Gottes kämpft - ob er dabei fällt oder siegt - dem gönnen Wir im Jenseits einen überaus hohen Lohn.“ Sura 4,74

Ihr Gläubigen! Wenn ihr mit den vorrückenden Ungläubigen auf dem Schlachtfeld zusammentrefft, kehrt ihnen nicht den Rücken! Wer ihnen den Rücken kehrt … zieht sich Gottes Zorn zu und endet in der Hölle. Welch übles Ende!“ Sura 8,15-16

Für diejenigen, die Ihn verleugnen, werden im Jenseits Gewänder aus Feuer zugeschnitten, und über ihre Köpfe wird siedendes Wasser gegossen werden. Dadurch wird alles schmelzen, was sie im Leib haben und auch ihre Haut. Auch Stangen aus Eisen sind für sie da. Und immer, wenn sie vor Schmerz aus dem Feuer herauszukommen versuchen, werden sie wieder hineingebracht, und sie werden hören: "Kostet die qualvolle Brandstrafe aus!" Sura 22,19-22

Das Gleichnis des Paradieses, das den Gottesfürchtigen versprochen wurde, ist das eines Gartens mit Wasserläufen, deren Wasser frisch ist und nie verdirbt, mit Strömen von Milch, die sich niemals im Geschmack verändert, mit Strömen von Wein, köstlich für die Trinkenden, und mit Strömen von Honig, deren Honig fein gereinigt ist. Dort haben sie Früchte aller Art und Vergebung von ihrem Herrn. Sind die Bewohner des Paradiesgartens den Bewohnern der Hölle gleich, die dort ewig bleiben werden und wo sie siedendes Höllenwasser zu trinken bekommen, das ihre Eingeweide zerreißt?“ Sura 47,15

Aus meiner Sicht sollte der Koran verboten werden.


Weniger ist mehr

Bereits im Sommer 2010 bekannte der griechische Premierminister Papandreou, dass sein Land kurz vor dem Bankrott stünde, weil es über Jahrzehnte die Bilanzen gefälscht habe und sie inzwischen Schulden von 300 Milliarden Euro angehäuft hatten. Die Ratingagenturen stuften Griechenland daraufhin noch niedriger ein, als sie es ohnehin schon hatten, was die Zinsen für Staatsanleihen noch weiter erhöhte und die Zahlungsunfähigkeit noch weiter beschleunigte. Doch auch andere Länder wie Irland, Portugal, Spanien oder Italien hatten jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt und sich einen völlig übertriebenen Staatsapparat geleistet mit viel zu viel Beamten, Vergünstigungen und Frühpensionierung – eben die südländische Korruptionsmentalität. Am Schmu hatten aber auch die europäischen Banken alle gut mitverdient – ähnlich wie in der Finanzkrise von 2008. Jetzt aber drohte eine erneute Kettenreaktion, denn die Finanzwelt geriet in Panik, zumal viele Hedgefonds auf fallende Kurse setzten und dadurch die Krise noch beschleunigten. Ähnlich wie bei der Love-Parade 2010 in Duisburg hatte man nicht weitsichtig geplant, sondern gehofft, dass sich die Probleme von ganz allein lösen würden. Als dann die Massenpanik ausbrach, dachte jeder nur noch an sich, und die Schwächsten wurden einfach niedergetrampelt, in diesem Fall die sozial Schwachen in Griechenland, die für den Betrug der Mächtigen keine Verantwortung trugen. Der IWF legte den Griechen nun an die kurze Leine und zwang ihnen eine Konsolidierung des Staatshaushalts auf, der monatelang Massenproteste zur Folge hatte. Man hatte den Eindruck, als würden die Reichen und Mächtigen jahrelang an den getürkten Bilanzen Griechenlands mitverdient haben und sich jetzt ihres „nützlichen Idioten“ und Komplizen in diesem Betrugsgeschäft entledigt haben, indem sie ihn fallen ließen wie eine heiße Kartoffel. Um den Anschein von Unschuld zu erwecken, hoben die Banken nur die Verschwendung des aufgeblähten griechischen Staatshaushalts hervor, so als ob nur diese über ihre Verhältnisse gelebt hätten, und gaben sich selbst als einfältige und treuherzige Gläubiger aus.

Die allgegenwärtige Nervosität in der Wirtschaft ließ auch mich nicht gleichgültig. Die schlechten Erfahrungen mit zahlungsunwilligen Kunden hatten mich verunsichert, denn ich hatte keinerlei liquides Polster, um unvorhersehbare Belastungen abzufedern. Mir fehlte sogar das Geld, um eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung zu gründen (Gründungskapital 25.000, - €). Doch dann erfuhr ich von der Möglichkeit, dass man neuerdings auch ganz ohne Eigenkapital aus seinem Einzelunternehmen eine sog. Unternehmergesellschaft machen könne, also eine Art Mini-GmbH. Ich fand die Idee gut, meldete diese bei einem Notar an und änderte auch mein Briefpapier. Als jedoch mein Steuerberater davon erfuhr, geriet er außer sich: „Herr Poppe! Sie können doch nicht einfach eine Kapitalgesellschaft gründen, ohne sich zuvor mal mit mir abzusprechen! Ich bin schließlich ihr Steuerberater, und Sie bezahlen mich doch auch, damit ich Sie berate.“ – „Aber wieso – war das etwa keine gute Idee?“ – „Nein, überhaupt nicht! Ist Ihnen klar, dass Sie jetzt bilanzieren müssen? Warum haben Sie das bloß gemacht?!“ – „Ich wollte meine Firma schützen vor zukünftigen Regressforderungen.“ – „Dafür zahlen Sie jetzt aber einen hohen Preis. Denn als Kaptalgesellschaft müssen Sie neben der Gewerbesteuer jetzt auch Körperschaftssteuer zahlen, ganz zu schweigen von dem höheren Aufwand, den wir jetzt durch die Bilanzierung haben.“ – „Aber dafür brauch ich jetzt nicht mehr in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Dadurch spare ich ja letztlich auch Geld.“ – „Dafür bekommen Sie aber später nur eine Minirente“ – „Das ist mir egal, denn ich habe eine gute Lebensversicherung und Fondgebundene Rentenversicherung als Schutz vor Altersarmut.“

Aber was würden uns die Ersparnisse nützen, wenn es demnächst einen totalen Ausverkauf an den Aktienmärkten gäbe und eine noch viel gravierendere Weltwirtschaftskrise als bisher? Deutschland lebt vom Export, - wenn sich aber niemand mehr die deutschen Produkte leisten könne, dann gehen auch hier in Deutschland plötzlich die Lichter aus. Die Welt steuert ja gerade auf eine neue Industrie-Revolution zu, bei welcher das Internet und die Künstliche Intelligenz Millionen von Arbeitsplätzen überflüssig macht. Wenn zudem die Welt so weiter macht in diesem Konsumrausch, dann sind die Ressourcen der Welt schon in knapp 30 Jahren aufgebraucht und eine Hungersnot unvorstellbaren Ausmaßes würde Milliarden Menschen elendig krepieren lassen.

Damals las ich ein Buch von Bernd Senf „Die blinden Flecken der Ökonomie“ (2001), in welchem mit einfachen Worten erklärt wurde, dass in der Wirtschaft nichts einfach so „wachsen“ kann, sondern dass Wachstum immer nur auf Kosten von Ausbeutung generiert wird, entweder Ausbeutung von Menschen oder aber der Natur. Wenn aber irgendwann ein kritischer Punkt erreicht ist, an welchem es nichts mehr zum Ausbeuten gibt, dann wird man folglich zum Schrumpfen gezwungen werden. Würde man aber mit diesem Gesundschrumpfungsprozess schon heute beginnen, dann wäre die Zukunft kein Rasen auf einen Abgrund mehr, sondern eine behutsame Kurve. Die Wirtschaftspolitik hat jedoch die ökologischen Folgen des Wachstums bisher weitgehend ausgeklammert wie ein „blinder Fleck“, sondern hat stattdessen jahrzehntelang das Wachstumsdogma gepredigt: „Wohlstand für alle“ (Ludwig Erhard). Und obwohl die Industrieländer längst alles haben, heizt die Werbung nach wie vor die Leute an – besonders zu Weihnachten – um uns dazu zu bringen, von dem Geld (das wir eigentlich gar nicht haben), immer neue Dinge zu kaufen (die wir gar nicht wirklich brauchen), um bei Bekannten und Nachbarn (die uns eigentlich egal sind) Eindruck zu hinterlassen (der nicht von Dauer ist).

Diesen Wahnsinn konnte ich besonders bei Ruth und Rebekka beobachten, die ständig in die Stadt fuhren, um sich bei Billigdiscountern wie Primark, Zero oder Kik immer neue Klamotten zu kaufen, die sie immer nur für kurze Zeit trugen und dann wieder aussortierten für die Kleidersammlung, damit der Kleiderschrank nicht ständig aus allen Fugen quillt. Diese Wegwerfkleidung wird ja von ausgebeuteten Näherinnen in Indien oder Bangladesch hergestellt und ist daher so billig, dass sich eine Reparatur nicht lohnt. Würde man aber diese Sklavinnen besser bezahlen, dann würden die verwöhnten Konsumenten sie nicht mehr kaufen und die Ausgebeuteten würden ihre Arbeit verlieren. Deshalb kann die notwendige Umkehr vom Konsumwahnsinn erst mal nur in den Köpfen der Verbraucher beginnen. Anstatt weiter sein Leben mit Produkten vollzurümpeln und jedes Jahr zweimal in den Urlaub zu fliegen, müssen wir wieder zurückkehren zu den Lebensgewohnheiten unserer Großeltern: Dieses war geprägt durch Sesshaftigkeit, Verzicht auf industrielle Produktion und mehr Eigenleistung, gemeinschaftliche Nutzung von Gütern, sowie regionale Geldsysteme oder Tauschmärkte. Die Menschheit muss bereit werden für eine neue Genügsamkeit. Wieviel Potential könnten wir freisetzen, wenn die noch verbleibenden Ressourcen geschont würden durch ein Weniger an Material (Plastik), weniger an Energie und weniger an Dreck, und eine entsprechende Besteuerung der Ressourcen. Kleidung sollte so hochwertig hergestellt werden, dass man sie vererben kann und nicht so, dass man sie nach dreimaligem Tragen wegwerfen muss. Vor allem sollte Arbeit möglichst nicht mehr an billige Arbeitskräfte delegiert werden können, sondern am besten durch heimischen Tauschhandel ersetzt werden. Durch Tauschgeschäfte kann der Mensch frei werden von seiner Gier, immer mehr Geld ohne Sachgrund anzuhäufen. Dann würde auch die völlig sinnlose Buchhaltung aufhören, wo alles immer ganz genau auf Heller und Pfennig ausgerechnet wird. Der Mensch würde für seine Leistung nicht mehr ENT-lohnt sondern endlich mal wieder BE-lohnt.

Die gedankliche Beschäftigung mit diesen Utopien beflügelte mich, denn sie hatte ja beinahe schon etwas Christlich-Puritanisches. Es war immerhin ein Weg, um die Menschheit vor ihrem Untergang zu bewahren. Vor allem hatte dieser Verzichtsgedanke etwas unerhört Erfrischendes und irgendwie Rebellisches, weil er so ganz dem üblichen Streben nach mehr, größer, höher und weiter widersprach. Ja, er ähnelte tatsächlich ein wenig dem christlichen Fundamentalismus, wo es ja auch um Entsagung und Rechtschaffenheit geht. Schließlich stieß ich auf einmal bei meinem regelmäßigen Stöbern in Buchläden auf den Titel eines Taschenbuches, der genau das beschrieb, was mich interessierte: „Die Kunst des stilvollen Verarmens – Wie man ohne Geld reich wird“ von Alexander von Schönberg (2005). Der Autor kam ursprünglich aus einer alten Adelsfamilie, die aber in den letzten 500 Jahren immer weiter verarmte. Er hatte in den 90er Jahren zunächst in der Werbebranche gearbeitet, bis er infolge der platzenden Computerblase und dem Anschlag auf das WTC plötzlich seinen Job verlor und auch über einen längeren Zeitraum keinen neuen mehr fand. So versuchte er, seine Familie durchzubringen, indem er aus der Not eine Tugend machte: Er lernte nämlich, dass man das meiste, das man bisher für sein Leben für unverzichtbar hielt, eigentlich bei näherer Betrachtung doch überflüssig ist. Die Freiheit, etwas nicht haben zu müssen, setzt führte ihn in diesem unfreiwilligen Selbstversuch allmählich zu einer ganz neuen Wahrnehmung des Wesentlichen im Leben:

-         - Anstatt seine wertvollsten Jahre im Hamsterrad zu verbringen, lernte er den Wert eines stressfreien und unbeschwerten Lebens in der Genügsamkeit. Denn der Mensch lebt ja nicht von Brot allein, und viele schöne Dinge kann man sich ohnehin nicht mit Geld kaufen. Man denke an die Maus Frederick, der statt Vorräte zu sammeln wie die anderen lieber einen „Vorrat“ an Sonnenstrahlen, Farben und Wörter sammelte, die das Herz der anderen später erfüllen sollten.

-          - Anstatt sich die Wohnung mit vielen teuren Möbeln vollzustellen, hat die Schlichtheit und Übersichtlichkeit einer Wohnung eine ganz eigene Eleganz

-          - Statt immer wieder mit anderen in teuren Restaurants zu essen, ist es viel persönlicher und gemütlicher, mit Freunden gemeinsam zu kochen und zuhause zu essen.

-          - Statt sein Geld im Fitnessstudio zu vergeuden, könne man es genauso gut durch Fahrradfahren oder Jogging, wenn man irgendwo hin muss,

-          - Anstatt in ferne Länder zu reisen, sollten wir die schönen Orte unserer eigenen Heimat mal auskundschaften.

-          - Statt Markenkleidung sollte man stolz sein auf Kleidung, die schon der eigene Vater bzw. die eigene Mutter getragen hat.

-          - Anstatt die Kinder vor der Glotze zu horten, sollten sie durch einen völligen Verzicht auf den Medienrausch lieber durch Spielsachen in ihrer Kreativität gefördert werden.

-          - Beim Einkaufen sollte man sich darauf besinnen, nur das zu kaufen, was man wirklich nicht entbehren kann und den Blick auch nicht umherschweifen lassen auf der Suche nach irgendwelchen neuen Reizen.

Etwas nicht zu brauchen bzw. auf etwas Angenehmes freiwillig verzichten zu können, ist letztlich auch ein Zeichen von großer charakterlicher Stärke und damit auch ein stilles Glück. Denn was sollte schon besonders tugendhaft daran sein, dass man sich z.B. ein dickes Auto nur deshalb leistet, um anderen zu beweisen, dass man es sich leisten kann? Genau genommen offenbart ein solches Gehabe doch eigentlich nur, dass man seinen Selbstwert an materiellen Gütern bemisst, und dass man im Grunde auch keinerlei moralische Skrupel hat, sein Vermögen lieber in überflüssigen Tand zu vergeuden, anstatt ihn mit den Armen zu teilen.

 

 

Januar bis Juni 2012

Abitur ohne Schulbesuch

Wenn man in einer großen Familie aufwächst, fällt es der Mutter nicht leicht, jedem Kind immer die gleiche Aufmerksamkeit und Zuwendung zu schenken, wie ein Kind es nötig hätte. Unsere Mutter liebte uns über alles, war jedoch zugleich völlig überfordert und überlastet mit uns, so dass sie froh war, dass wir immer alle miteinander spielten und uns allein beschäftigen konnten. Als wir eingeschult wurden, bemerkte meine Klassenlehrerin, dass ich sehr verträumt war und kaum mit anderen Kindern spielte. Tatsächlich fühlte ich mich anfangs unwohl und unsicher in der Schule und wäre lieber zuhause geblieben. Die Kinder in dieser Schule (Grundschule a. d. Oderstr.) gehörten wie wir zur sozialen Unterschicht (Prekariat) und waren sehr wild. Prügeleien waren an der Tagesordnung. Während mein Zwillingsbruder Marco ein richtiger Draufgänger war, der gerne draußen rumtobte und immer allen zeigen wollte, was er konnte, blieb ich eher still und zurückgezogen zuhause, malte viel oder spielte mit meinem kleinen Bruder Playmobil. Meine Mutter lobte mich immer, weil ich so schöne Bilder malte und schon mit 6 Jahren die Buchstaben aus den Büchern abmalte. Während andere Kinder draußen spielten, malte ich mit 8 Jahren Weltkarten und die Flaggen der Länder ab, schrieb die lateinischen Namen sämtlicher Dinosaurier in eine Liste und machte etwa 10-mal ein kartographisches Bild von den Straßen unseres Stadtteils. Meine Eltern waren stolz auf mich und nannten mich „Goldköpfchen“ oder „Professor Siebenschneider“, und auch in der Schule schrieb ich immer nur gute Noten.

Wenn ein Kind jedoch immer nur für gute Leistungen beachtet und gelobt wird, kann es kein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln, sondern redet sich ein, dass es immerzu nur leisten und „liefern“ muss, um geliebt zu werden. Ich konnte nur dann glücklich sein, wenn ich jeden in meinem Umfeld übertraf, weshalb ich kaum einen Freund hatte (außer einen gewisser Ulf, der noch ehrgeiziger war als ich). Als ich etwa 11 Jahre alt war, machte ich auf einmal ständig ins Bett. Meine Mutter machte sich Sorgen und war alarmiert. Sie meldete mich bei einer psychologischen Kinder- und Jugendbetreuung an, wo ich ein Jahr lang jeden Nachmittag nach der Schule verbrachte. Der dortige Psychologe Albrecht Kröning (60) wurde für mich zum Ersatzvater. Er erklärte meinen Eltern, dass ich hochbegabt sei und eine besondere Förderung brauche, die nicht auf (Selbst-)Exklusion, sondern Inklusion basierte, also einer betreuten Integration unter Kindern meines Alters, was schließlich auch gelang. Ich kam aufs Gymnasium und hatte einen Notendurchschnitt von 1,5. Doch als ich 13 wurde, kam schon wieder dieser Leistungsdruck auf, diesmal aber von ganz anderer Seite: Denn dadurch, dass ich größer und damit stärker war als alle anderen Schüler der Schule, wollten sich alle an mir messen, und ich musste ständig an Prügel-Wettkämpfen teilnehmen, damit meine Mitschüler stolz auf mich sein konnten. Diese Schlägereien nahmen dann in der neuen Schule derart überhand, dass ich mich mit 15 Jahren weigerte, zur Schule zu gehen. Die Schulbehörde wies mir dann eine neue Schule zu, wo ich zwar dann meinen besten Freund kennenlernte, aber ansonsten trotz guter Noten ein Außenseiter blieb. Als ich mich dann mit 16 J. bekehrte und erfuhr, dass die „Weisheit der Welt Torheit bei Gott sei“ (1.Kor.3:19) und dass wir uns von den Ungläubigen absondern sollen (2.Kor.6:14-18), machte ich aus meiner Not eine Tugend und gab mir in der Schule keine Mühe mehr. Auf Anraten eines alten Bruders brach ich den Besuch des Gymnasiums nach der 11. Klasse ab („Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen“ Röm.12:16) und machte eine Ausbildung zum Maler. Später habe ich es viele Male bereut, dass ich nicht das Abitur gemacht habe, um zu studieren.

Eines Abends Anfang 2012 sollte ich eigentlich meine Büroarbeit machen, d.h. Angebote und Rechnungen schreiben. Aber um mir diese lästige Arbeit zu versüßen, schaltete ich wie immer den Fernseher an, der gleich rechts neben dem PC-Bildschirm stand, um mir während des Tippens politische Debatten anzuhören. Ich blieb eine Weile beim Sender Radio Bremen hängen und schaute mir die lokalen Nachrichten auf „buten un binnen“ an („draußen und drinnen“). Auf einmal erklärte der Sprecher, dass man ein Experiment vorhabe, und zwar suche man freiwillige Erwachsene, die in diesem Frühjahr einfach mal so eine Abiturprüfung schreiben wollen, um zu testen, ob sie das Abitur auch schon allein durch ihre Allgemeinbildung schaffen würden. Das ließ mich aufhorchen, und ich überlegte mir: Warum nicht? Schließlich hatte ich ja einen gemessenen IQ von 133 (100 ist der Durchschnitt). Ich schrieb also spontan eine Mail an den Sender und bot mich als Kandidaten an. Kurz darauf rief mich der zuständige Moderator János Kereszti an und lud mich zu einem ersten Treffen mit den anderen Teilnehmern in das Gymnasium der Gesamtschule Ost ein. Man plane, eine Doku-Sendung in mehreren Episoden zu drehen, in welcher auch ein wenig über das Privatleben jedes Kandidaten berichtet werde. Ich nahm an, dass wohl viele dem Aufruf gefolgt waren, als ich dann aber zu dem Termin erschien, waren gerade einmal nur zwei andere ältere Erwachsene erschienen. Man erklärte uns den Ablauf, indem jeder zunächst einmal sich fünf Fächer auswählen durfte, in welchen er/sie geprüft werden wolle. Ich wählte Kunst, Politik, Geschichte, Deutsch und Spanisch. Als nächste würde man dann für jedes Fach entsprechende Lehrkräfte suchen, die bereit waren, an dieser Aktion teilzunehmen, um die Klausuren zu prüfen und zu benoten.

Doch einen Monat später rief mich Herr Kereszti an und teilte mit, dass die anderen beiden Kandidaten inzwischen abgesprungen seien. Sie hatten scheinbar „kalte Füße“ gekriegt bei der Vorstellung, dass sie sich im Falle schlechter Noten ziemlich blamieren würden vor der Bremer Öffentlichkeit. Deshalb fragte man mich, ob ich auch allein weitermachen würde, und ich sagte zu. Da sich von meinen Fächern nur zwei Lehrer bereit erklärten, mich freiwillig zu prüfen, sollte ich nur noch in Politik und Spanisch geprüft werden. Nun kam das Fernsehteam zu mir nach Hause und interviewte mich und meine Tochter Rebekka, um Näheres von mir zu erfahren. Dann teilte man mir den Termin für die erste Klausur in Politik am 02.05.12 mit. Am Beispiel des Afghanistan-Krieges von 2001 sollte im Nachhinein der Sinn von Auslandseinsätzen der Bundeswehr analysiert werden. Dazu sollte ich drei Fragen über einen ZEIT-Artikel ausführlich beantworten, in welchem die westliche Intervention kritisch hinterfragt wurde. Dort hieß es, dass der Wiederaufbau der staatlichen Institutionen nach demokratischen Prinzipien weitestgehend eine „Fassade“ blieb, da er von der einheimischen Bevölkerung nicht wirklich anerkannt wurde. Aufgrund mangelnder Legitimität waren die Wahlen nur eine Pflichtübung und stellten keine Akzeptanz her. Während die Invasoren die naive Vorstellung von einer „neuen Zeit“ hätten, wollten die Einheimischen oftmals lieber an ihren bestehenden sozialen Strukturen festhalten. Die Eingreifenden versuchten, ihre eigenen, internationalen Normen ohne Einbeziehung der Bevölkerung an den Planungen zu verwirklichen, die sie als alternativlos ansahen. Durch die Beeinflussung bereits erprobter gesellschaftlicher Prozesse wurden schließlich selbsttragende Institutionen verhindert, so dass die Helfer sich selbst unentbehrlich machten. Der gewaltsame Einsatz von Machtmitteln, um schwelende Bürgerkriege gewaltsam zu beenden, widerspreche indes dem eigenen Demokratie-Anspruch und könne deshalb auch auf Dauer keine demokratischen Systeme schaffen.

Kurz darauf war dann der Termin für meine Spanischklausur, in welcher es um die Interpretation eines spanischen Textes über die Geschlechterrollen in der heutigen spanischen Gesellschaft ging. Dort berichtet eine 43-jährige, berufstätige Ehefrau von ihren enttäuschten Erwartungen an ihren Mann, von dem sie sich jedoch aus Angst vor der Einsamkeit nicht scheiden lassen möchte. Der Text war sehr sarkastisch geschrieben und beschrieb ihren Mann als egoistischen und unromantischen Langweiler, der sich kaum in die Bedürfnisse und Sehnsüchte seiner Frau einzufühlen vermochte. Er sei, so schreibt sie, „An und für sich ein guter Mann, d.h. er schlägt mich nicht, verspielt auch nicht unser Haushaltsgeld und wirft auch nicht mit Steinen auf Katzen“. Aber die anfängliche Leidenschaft sei lange verflogen, und er komme auch nicht auf die Idee, ihr einfach mal freiwillig ein wenig in der Küche zu helfen. Und wenn er es mal tut, dann nur widerwillig und brauche so lange zum Schälen von Gemüse, dass sie in der gleichen Zeit zehnmal mehr geschafft habe. Sie hätte sich so gerne einen allseits begabten und tüchtigen Mann gewünscht, auf den sie hätte stolz sein können und mit dem sie eine „Musterehe“ hätte führen können, auf die andere Paare neidisch gewesen wären. Stattdessen sei ihre Ehe nur mittelmäßig und trostlos. Ich versuchte, die vier Fragen zur Geschichte so gut ich konnte zu beantworten, indem ich zur Veranschaulichung z.T. auch meine persönlichen Erfahrungen aus meiner Ehe mit einfließen ließ.

Dabei muss ich wohl allzu sehr abgeschweift sein von der eigentlichen Fragestellung, denn als ich einen Monat später die Prüfungsergebnisse erhielt, hatte man in beiden Klausuren bemängelt, dass ich nicht genügend „die Bezüge zum Text“ hergestellt hätte, sondern viel zu frei auf vorgefasste Erkenntnisse zurückgegriffen hätte. In Politik erhielt ich deshalb nur eine 4- (4 Punkte), während ich in Spanisch wenigstens 2- (10 Punkte) schaffte. Ich war überrascht, wie detailliert die Prüfer auf jeden einzelnen Aspekt eingegangen waren, als würde es sich hier um eine wissenschaftliche Arbeit oder um die Rezension eines Romanes handeln. Viel Lob bekam ich für meine Spanischkenntnisse. Die Prüferin schrieb dazu: „Der Text ist problemlos lesbar und zeichnet sich durch eine sehr gute Idiomatik aus. Die Lexik ist somit reichhaltig, variabel und treffsicher eingesetzt… Der Satzbau ist korrekt und differenziert, Verbindungselemente sind vorhanden und sprachtypische Konstruktionen variabel genutzt. Das Repertoire an Satzverknüpfungen ist umfangreich. Es werden komplexe, vielfältige grammatische Strukturen verwendet…“ Ich dachte später: „Na, das ist aber nur reiner Zufall gewesen, denn ich habe absolut nicht darauf geachtet!“ In der sprachlichen Beurteilung bekam ich denn auch eine 1- (13 Punkte).

Insgesamt hatte ich also dieses verkürzte Abitur bestanden und der Schulleiter gab mir sogar ein Abiturzeugnis, wobei er darauf hinwies, dass dieses wirklich nur der Ehrung diene, aber damit nicht die allgemeine Hochschulreife belegt werden könne. Mein Bruder Patrick nahm dann die letzte Folge der Doku auf und veröffentlichte sie auf YouTube, wo sie bis heute über 340.000 Mal aufgerufen wurde*. In der Folge wurde ich dann immer wieder von meinen Kunden angesprochen, die regelmäßig „buten un binnen“ sehen, so dass sich die ganze Aktion als sehr werbewirksam erwies für meine Firma.

(https://www.youtube.com/watch?v=eSrYBIQc1mo).


Heiratsvermittlungen (Teil 2)

Nachdem Ruth und ich ja 2009 meinen gläubigen Mitarbeiter Jörg Osterkamp (40) erfolgreich mit Ruths peruanischer Verwandten Dr. Erika Condori (36) „verkuppelt“ hatten, gab es bei der Zusammenführung von Fanny Ccanto (33), der Tochter von Ruths Cousine Melania, mit dem autistischen Glaubensbruder Uwe Schröder (54) große Probleme, denn die Deutsche Botschaft weigerte sich, der Fanny ein Einreise-Visum auszustellen, da sie wegen des Altersunterschiedes von 21 Jahren eine Scheinehe vermuteten. Da der geistig eingeschränkte Uwe bei einer Befragung heimlich einen Spickzettel verwendete, wurde dies als Schummelversuch gedeutet und deswegen behördlicherseits eine Ehe aus Liebe abgestritten. Es folgte ein aufwändiger Indizienprozess, in welchem Uwes Anwalt vor dem Verwaltungsgericht die Echtheit ihrer Liebe beweisen musste. Schließlich gewann Uwe den Prozess, so dass Fanny im Januar 2012 zwei Jahre nach ihrer Hochzeit ihren Uwe endlich mit uns auf dem Bremer Flughafen begrüßen konnte. Da Fanny genauso einfältig und treuherzig war wie Uwe, passten die beiden ziemlich gut zusammen, trotz des Altersunterschieds.

Als Fanny neun Monate später eine gesunde Tochter zur Welt brachte, rief mich die Hebamme aus einem Bremer Krankenhaus an und bat mich, vorbeizukommen, um bei der Übersetzung von Unterweisungen zu helfen, was ich auch tat. Tags darauf aber rief mich der Stationsarzt an und erklärte mir seine Besorgnis, dass er aufgrund der verminderten Intelligenz des Paares es nicht verantworten könne, die Mutter aus dem Krankenhaus zu entlassen, da er sich um das Kindeswohl sorgen mache. Es war also nicht nur ein sprachliches Verständigungsproblem, sondern auch ein kognitives (z.B. hatte die Krankenschwester das Zimmer betreten und sah das Baby unbekleidet bei geöffnetem Fenster, ohne dass Uwe oder Fanny auf die Idee kamen, dass sich das Kind erkälten könnte). Ich fuhr also nochmal zum Krankenhaus und übersetzte der Fanny, um was mich der Arzt bat. Spätestens jetzt wurde mir deutlich, dass eine Heiratsvermittlung auch mit sehr viel Verantwortung verbunden war und es u.U. nicht einfach damit getan sei, zwei Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Denn wenn es Probleme gibt, dann ist auch der unschuldige Nachwuchs davon betroffen. Zum Glück kam auch noch Uwes Schwester Silvia vorbei und versprach, sich neben der Betreuung durch die Mütterpflegerin ebenso um das Wohl des Kindes zu kümmern.

Zur selben Zeit war Ruth in engem freundschaftlichem Kontakt mit Jennifer (35), der Schwester von Fanny, die auch gerne einen gläubigen Deutschen heiraten wollte. Wir hatten bereits durch eine christliche Partnerbörse versucht, die Jennifer mit einem gewissen Thomas zu verkuppeln, einem gläubigen Analphabeten aus Lörrach, der aber kurz vor seiner Flugreise nach Peru einen Rückzieher machte, so dass Jennifer wieder allein blieb. Ruth und ich überlegten nun, wer eventuell aus unserem Bekanntenkreis in Frage käme, um Jennifer zu heiraten. An einem Samstagvormittag, als ich mich gerade beim Abwaschen in der Küche mit Ruth unterhielt, fiel mir auf einmal der Fabian (42) ein, den ich noch aus meiner Schulzeit kannte. Ruth hatte allerdings Bedenken, denn Fabian war kein echter Christ. Er war zwar in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen und hatte als 15-Jähriger sogar viele Seiten aus der Bibel abgeschrieben, um sich den Text besser zu merken, aber hatte mir dann mit 16 mitgeteilt, dass er sich „vom Christentum verabschiedet habe“. Er studierte dann Philosophie und Volkswirtschaft und arbeitet heute beim Statistischen Landesamt in Hannover. Ich rief ihn also spontan an und fragte, ob er sich vorstellen könne, eine Peruanerin zu heiraten. Ich erzählte ihm dann von Jennifer, und er zeigte Interesse. Auch Jennifer wollte ihn kennenlernen, aber Ruth warnte sie, dass Fabian nicht mehr gläubig sei. Er bekannte zwar selbst, Christ zu sein, allerdings im Sinne des liberalen Theologen Paul Tillich. Sie schrieben sich dann einige Monate auf Englisch und verliebten sich in einander. Bald darauf reiste Fabian nach Lima und heiratete Jennifer. Seitdem leben sie in Hannover und haben mittlerweile zwei Töchter.


Die Seilwinde und die verweigerte Gehaltserhöhung

Anfang April 2012 waren wieder alle 5 Gesellen am Start, d.h. Andre Bindemann, Fadi Shoushari, Andrej Tschernyaschuk, Peter Schönholz, Pawel Hnidziuk und Luciano Fiorito. Kurz darauf stellte ich auch noch Bartosz Lukaszewski und Burhan Akkus als Aushilfen ein, musste mich aber schon bald von Burhan wieder trennen, da er zu frech war. Stattdessen nahm ich einen Griechen namens Loay Karaja (47), der aber so pingelig und langsam arbeitete, dass ich auch ihn schon bald wieder entließ, ihm jedoch anbot, für mich als Subunternehmer zum Festpreis zu arbeiten. Als Lehrlinge hatte ich Tarek Mohamad (23), Rossano Seay (26), Kevin Putins (19) und Samet Zafrak (20). Zudem freundete ich mich mit einem kurdischen Subunternehmer an namens Ismael Budan (43). Wir hatten nicht nur das gleiche Alter, sondern in allem die gleiche Meinung und die gleichen Interessen. Er hatte den Islam verlassen und war nun auf der Suche nach einer neuen Religion. Da seine Vorfahren Meder waren, interessierte er sich für die Überlieferungen von Zarathustra, einem persischen Philosophen, der etwa um 600 v.Chr. lebte. Ismael war auf der Suche nach Sinn, Identität und einer geistigen Heimat, denn er war früher bei der PKK und deshalb als Asylant nach Deutschland gekommen. Er war immer so freundlich und höflich wie ein englischer Gentleman, dass auch meine Kunden ganz angetan waren von seinen guten Manieren. Fortan gab ich ihm sämtliche Wärmedämmaufträge, die er völlig in Eigenregie abwickelte zur vollsten Zufriedenheit meiner Kunden. Heute hat Ismael übrigens eine Firma mit vielen Mitarbeitern, hat sich ein großes Haus gekauft und mich wirtschaftlich überholt. Wir sind bis heute immer noch Freunde.

Da ich immer viel unterwegs war und nur abends Zeit hatte, vernachlässigte ich immer mehr meine familiären Verpflichtungen. Besonders meine Mutter beklagte sich darüber, dass immer SIE es war, die uns anrief, aber dass wir sie nie von uns aus anriefen. Ich dachte immer, dass sie eigentlich ganz zufrieden sein müsste, wo doch jetzt ihre Freundin Iris in die Nachbarwohnung eingezogen sei und dadurch immer jemanden zum Quatschen hätte. Eine Weile war es so, dass meine Mutter immer auf den Anrufbeantworter sprach, indem sie jenes bekannte Lied von Max Raabe sang: „Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich, und ich frage mich, denkt gelegentlich jemand mal an mich.“ Natürlich hatte ich dann ein schlechtes Gewissen und rief sie sofort immer an. Rebekka ging ja bei ihrer Oma immer regelmäßig ein und aus, weshalb sie ein sehr vertrautes Verhältnis miteinander hatten. Aber auch viele junge Christen waren in meine Mutter „verliebt“, weil sie so ein weiches Herz hatte und jedem nur helfen wollte, wo sie nur konnte. Meine Mutter klagte auch darüber, dass es ihr schwerfiel, regelmäßig die Einkäufe in ihre Wohnung in den 3.Stock zu schleppen. Iris hatte zwar ein Auto, aber beide alten Damen litten unter Bandscheibenvorfällen und anderen altersbedingten Beschwerden. Sie überlegten deshalb schon, in eine betreute Wohneinrichtung für Senioren zu ziehen. Da kam mir eine Idee: „Wir haben auf der Baustelle so eine elektrische Seilwinde, wo wir Materialien immer von ganz unten nach ganz oben übers Gerüst hinaufziehen lassen. Ich habe mir jetzt sogar eine zweite gekauft, weil es die im Angebot gab. Wenn Du willst, kann ich Dir eine schenken und die an Deinem Balkon anbauen. Dann steht eine von Euch beiden unten und füllt den Korb, und die andere raucht nur den Knopf drücken, und der volle Einkaufskorb wird automatisch nach oben gezogen.“

Meine Mutter fand die Idee gut, und so brachte ich ihr die Seilwinde und baute sie an Iris Balkon an. Von nun an brauchten sie keine schweren Tüten mehr die Treppen hochschleppen und auch nicht mehr darüber nachdenken, noch einmal umzuziehen, denn das Problem war wirklich gelöst. Meine Mutter war sehr glücklich, und auch ich freute mich über die gute Tat. Doch einige Zeit später rief ein Reporter der Tageszeitung WESER REPORT bei meiner Mutter an und fragte, ob er einen Artikel schreiben dürfe über diese Seilwinde, weil er davon gehört habe und diese Idee als vorbildlich befand. Kurz darauf erschien ein großer Artikel: „Senioren-Seilwinde-Selbsthilfe – Zwei patente Damen aus Kattenesch sichern sich mit Malerzubehör die Selbständigkeit – Über einfache Tricks, die altengerechtes Wohnen zuhause ermöglichen sollen, wird aufgrund des demographischen Wandels viel gesprochen. Renate Poppe und Iris Hamelmann haben nicht nur zugehört… usw.“ Diesen Artikel muss dann wohl auch ein Reporter der BILD-Zeitung gelesen haben, denn auch er meldete sich bei meiner Mutter und machte eine Story draus. Bald darauf war auch der WESER KURIER zur Stelle, und ich dachte, was denn an dieser Seilwinden-Geschichte so besonderes sei. Aber es ging noch weiter: Der Fernsehsender RTL meldete sich bei meiner Mutter und fragte, ob sie eine Doku darüber drehen könnten. Ich dachte: Wie verrückt ist das denn?! Man lud auch mich zum Drehtermin ein, und sie machten einen kleinen Beitrag mit Vorführung und Interview. Danach fragte ich den Reporter: „Warum wird so viel Aufhebens von gemacht von dieser Sache?“ Er sagte: „Weil es irgendwie drollig ist.“ (https://www.youtube.com/watch?time_continue=5&v=EiTro9X5Hyk&feature=emb_logo). Später meldete sich auch noch der Sender Sat1 und machte auch noch mal eine kurze Sendung darüber. Am Ende bekam ich Emails aus ganz Deutschland von Leuten, die solch eine Seilwinde bei mir bestellen wollten, weil sie dachten, ich würde solche in Massen herstellen und verkaufen.

Mir war nun klar, dass man durch die Medien schon bei scheinbar unbedeutenden Erlebnissen eine große Aufmerksamkeit bekommt, denn die sind ja immer auf der Suche nach einer neuen Geschichte. Kurz darauf erlebte ich dann wieder etwas „Drolliges“: Es war an einem Freitagnachmittag gegen 14:00 Uhr als ich müde von der Arbeit nach Haus kam, Mittag aß und mich gerade hinlegen wollte, da schrieb mir mein Mitarbeiter Peter Schönholz (34) per SMS: „Simon, ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich die Baustelle heute fertig bekommen habe. Du kannst mich Montag also woanders einplanen.“ Ich freute mich und schrieb ihm zurück: „Super! Da warst Du aber wirklich fleißig!“ Dann legte ich mich hin und dachte, dass ich in Peter wirklich einen guten Gesellen habe, der immer schnell und sauber arbeitet, genauso wie mein Vorarbeiter Andre Bindermann. Aber warum sollte Peter dann nicht auch den gleichen Lohn bekommen wie Andre? Ich schrieb dem Peter: „Da sich Deine Leistung in nicht mehr unterscheidet von der Leistung Andres – und häufig sogar noch besser ist – bekommst Du von mir rückwirkend zum 1.April einen Stundenlohn von 16 Euro. Ich freue mich, dass ich Dich habe!

Damit war die Sache für mich erledigt und mein Gewissen beruhigt. Ich legte mich aufs Ohr und wollte gerade ausruhen, da schrieb Peter zurück: „Oh nein, das geht auf keinen Fall. Ich wollte letztes Jahr 14 Euro und Du hast mir 15 Euro gegeben. Jetzt willst du mir 16 Euro Stundenlohn geben. Das ist nicht okay und das möchte ich auch nicht annehmen. Meine Arbeit und mein Wissen sind nicht besser als das von Andre.“ Ich dachte: Na sowas! Das ist aber bescheiden! Und schrieb zurück: „Wenn ich Dir den Loh erhöhe, dann tue ich das auch für mich, damit ich kein schlechtes Gewissen haben muss. Also, Du bekommst 16 Euro, ob Du willst oder nicht. Du kannst die Differenz (ca. 180,-€ im Monat) ja auch spenden.“ Ich legte mich wieder hin, aber schon kurz darauf antwortete Peter: „Wieso hast Du ein schlechtes Gewissen? Ich finde 15 Euro, die du letztes Jahr erhöht hast, sind genug. Lass es so, wie es jetzt ist- Ich möchte nicht mehr Geld.“ Ich dachte: Wo gibt’s denn sowas! Was konnte ich jetzt tun? Dann schrieb ich ihm zurück: „Wenn Du wirklich keine Lohnerhöhung willst, dann will ich Dir jedenfalls jedes Mal eine Prämie geben, wenn Du in einer Woche überdurchschnittlich schnell warst.“ Dann kehrte auch Ruhe ein, aber ausruhen konnte ich mich nicht mehr. Was für ein vorbildlicher Mensch dieser Peter! dachte ich. Das kann man echt nicht glauben. Aber so war er schon immer: Während die anderen ihren Stundenzettel nur so „hinschmierten“, gab mir Peter Woche für Woche auf die Minute genaue Angaben mit dem PC geschrieben. Er hätte genauso gut Buchhalter werden können. Bei so einem Mitarbeiter braucht man als Chef nie fürchten, dass man betrogen wird (und wenn doch, dann war es verdient, aufgrund einer nahezu perfekten Täuschung). Auch seine Baustellen sahen immer aus, als würde man jeden Moment den Besuch eines Werbefotografen erwarten, der ein Musterfoto für ein Hochglanzmagazin machen wollte. Sogar die Farbeimer standen immer in Reih und Glied, als hätte jemand sie an einer Schnur entlang präzise aufgestellt. Kein Wunder, dass die Kunden auch immer voll des Lobes waren über diesen Gesellen. Dabei konnte ich mich keinesfalls rühmen, dass er bei mir gelernt hatte, denn all diese Sauberkeit und Pingeligkeit hatte er ja nicht von mir übernommen.

Während ich so da lag und nachdachte, kam mir der Gedanke, dass man Peter wirklich mal ehren sollte. Ein so vorbildlicher Geselle sollte kein Schattendasein führen, sondern auch mal so wie ich in der Zeitung stehen. Ich sprang auf, rief die Nummer der BILD-Zeitung an und erzählte der Dame kurz mein Anliegen. Sie zeigte Interesse und bat mich, Peter zu einem Interview zu überreden, und dass man ein Foto von ihm bräuchte. Doch trotz vielen Zuredens wollte Peter nicht in der Zeitung stehen, erst recht nicht mit Foto. Für die BILD-Zeitung war die Story aber noch nicht gestorben. Der Reporter fragte, ob man nicht stattdessen mit mir ein Interview und Foto machen könne. Peter hatte nichts dagegen, und so traf ich mich mit dem Reporter und übergab ihm zum Nachweis mein IPhone mit dem SMS-Austausch, den er sich abfotografierte. Zwei Tage später stand in der BILD-Zeitung ein ganzseitiger Artikel. Als ich an jenem Morgen zur Werkstatt fuhr, breitete einer der Mitarbeiter die Zeitung vor uns auf den Tisch aus, und wir lasen zusammen den Text:

DEUTSCHLANDS IRRSTE GEHALTSVERHANDLUNG – ANGESTELLTER KÄMPFT GEGEN GEHALTSERHÖHUNG“.   Im Text hieß es dann: »Bremen – Kommt der Chef zum Angestellten und sagt: „Ich möchte Dir mehr zahlen.“ Antwortet der Angestellte: „Nein, bloß nicht.“ Der Witz: Das ist kein Witz und in einem Bremer Malerbetrieb vor wenigen Tagen tatsächlich so passiert.

Malermeister Simon Poppe (43) hat 14 Angestellte, denen er mehr als den üblichen Tarif von 14 Euro zahlt. Mit seinem Gesellen Peter S. (34) war der Handwerker so außergewöhnlich zufrieden, dass er ihm unbedingt noch etwas drauflegen wollte. Meister Poppe: „Er arbeitet in einem unglaublichen Tempo und liefert hervorragende Arbeit ab. Das wollte ich belohnen.“ Also bot er seinem Mitarbeiter per SMS rund 180 Euro mehr im Monat an. Doch die Antwort verschlug dem Chef die Sprache. Peter S. schrieb zurück: „Oh nein, das geht auf keinen Fall. Das ist nicht okay, das möchte ich auch nicht annehmen.“ Ein Angestellter, der freiwillig auf Geld verzichtet - wo gibt‘s denn so etwas? Poppe: „Peter hat einen sehr edlen Charakter, will auf keinen Fall bevorzugt werden. Deshalb schätze ich ihn auch so. Weil er so schnell ist, kann ich mehr Aufträge annehmen und mehr Geld verdienen.“ Deshalb schaltete jetzt Meister Poppe seinerseits auf stur und fand einen anderen Weg: Peter S. bekommt keine feste Lohnerhöhung, sondern jedes Mal eine Prämie, wenn er gute Arbeit abgeliefert hat. Poppe: „Sein Edelmut ehrt ihn, aber die Lohnerhöhung muss einfach sein!“ Mal sehen, ob der bescheidene Mann die Prämie tatsächlich annimmt

(https://www.bild.de/regional/bremen/gehalt/unglaubliche-gehaltsverhandlung-23872728.bild.html)

Als ich kurz darauf zum Lieferanten fuhr, wussten es dort bereits alle Verkäufer, denn die BILD lesen ja viele. Einer frotzelte aus Spaß, ob er nicht auch bei mir arbeiten dürfe, da er als Verkäufer deutlich weniger verdiene. Und dann bekam ich auch noch Emails, und zwar aus ganz Deutschlands, in welchen Leute bettelten, ob ich nicht ihre Familie finanziell unterstützen könne, wo ich doch so ein gutes Herz habe. Dann las ich einige der etwa 150 Leserkommentare in der Onlineausgabe der BILD: Viele hielten die ganze Story für eine raffinierte Fake-News, da es ja nur zu offensichtlich sei, dass es mir nur um Werbung für meine Firma ginge. Andere vermuteten, dass Peter vielleicht in Scheidung lebe und nur deshalb nicht mehr als eine bestimmte Summe verdienen dürfe, da man den Rest sonst sofort pfänden würde. Ich amüsierte mich über diese Spekulationen und dachte: „Erstaunlich, wie man durch einen einzigen Anruf bei den Medien solch eine Aufmerksamkeit bekommen kann! Ich sollte vielleicht öfter mal so eine Aktion machen, wenn es wieder irgendetwas Ungewöhnliches zu berichten gibt…“


Juli - Dezember 2012

Häusliche Leiden

Während ich beruflich immer mehr Erfolg hatte, ging es Ruth gesundheitlich zunehmend schlechter. Im Sommer stellte man bei ihr im Rahmen einer Blutabnahme hohe Entzündungswerte fest, weshalb sie ins Krankenhaus musste. Die Ursache war eine Nierenentzündung, bedingt durch eine zu häufige Einnahme von Ibuprophen, einem bekannten Mittel gegen entzündlichen Muskelschmerz. Bei dieser Gelegenheit erhoffte Ruth, dass man vielleicht auch die Ursache finden würde, warum sie schon seit rund zwei Jahren immer stärker werdende Schmerzen in verschiedenen Körperteilen verspürte. Zu unserer Enttäuschung fand man leider nichts. Alles begann damit, als Ruth zwei Jahre zuvor einen großen Hund behandelte und beim Auf-die-Seite-drehen des betäubten Hundes einen stechenden Schmerz im Rücken verspürte. In der Folgezeit wiederholten sich diese Schmerzen immer öfter, so dass Ruth zum Orthopäden ging. Er stellte drei Bandscheibenvorfälle bei ihr fest und verschrieb ihr neben leichten Schmerzmitteln auch regelmäßiges Schwimmen. Da aber ohnehin viel zu wenig Kunden in die Tierarztpraxis kamen, die für ihr Haustier eine Physiotherapie benötigten, gab Ruth 2010 ihr Gewerbe auf, um sich nur noch um Rebekkas Schulnoten zu kümmern. Diese Mühe wurde dann auch reich belohnt, denn als Rebekka im Sommer 2012 die Realschule beendete, um aufs Gymnasium zu wechseln, war sie sogar die Beste ihres Jahrgangs und bekam von der Bekenntnisschule bei der Abschlussfeier eine Goldmedaille und eine McArthur-Studienbibel als Geschenk.

Im Jahr 2011 fiel Ruth sogar schon das Schwimmen schwer, denn sie hatte Schmerzen in der Schulter. Der Arzt stellte das sog. Impingiment-Syndrom bei ihr fest, d.h. eine chronische Reizung im Oberarmgelenk, die durch eine Degeneration von Sehnen und Schleimbeuteln in der Schulter verursacht ist. Doch dann klagte sie nach einem Fahrradsturz auch noch über ständige Knieschmerzen, die einfach nicht weggingen. Eine Tropenmedizinerin untersuchte sie auf Borreliose (Bakterien, die durch Zecken übertragen werden) und wurde fündig. Zudem hatte sie auch eine Bartonellose, ein besonders in Peru typisches Bakterium, dass durch Katzen übertragen wird, aber weit weniger gefährlich ist als die Borreliose, die häufig auch eine Gehirnentzündung (Enzephalitis) verursachen kann. Ruth wurde mit Antibiotika behandelt, und die Bakterien verschwanden. Aber die Schmerzen blieben und wurden sogar noch schlimmer. Ruth hatte den Eindruck, dass sie so wie Hiob mit einer Plage nach der anderen heimgesucht wurde. Sie fühlte sich oftmals von den Ärzten nicht ernst genommen und wollte deshalb, dass ich sie von nun an immer begleiten sollte, um Druck auszuüben. Als nach einer gründlichen Untersuchung im Diakonissen-Krankenhaus kein einziger Befund zu Tage trat, hielt der Rheumatologe die Schmerzen meiner Frau scheinbar für hypochondrisch (d.h. für eingebildet). Als ich ihm versicherte, dass meine Frau schon häufig an Suizid dachte, nahm er sie dann endlich ernst, verwies sie jedoch erst mal an einen Psychiater.

Auch die Ess-Störung unserer Tochter (Bulimie) wurde leider nicht besser. Rein äußerlich sah man Rebekka nichts an, denn sie war schlank und sehr hübsch; aber immer wieder - beim Öffnen der Toilettentür - „erwischten“ wir sie zufällig, wie sie gerade wieder etwas erbrochen hatte. Da sie es aber immer wieder leugnete, reagierten wir zunehmend hilflos und aktionistisch. Während Ruth ihr immer eine Standpauke hielt, versuchte ich es mit einer extrem provokanten Fotokollage, die ich an den Spülkasten klebte. Auf dieser war ein Mädchen zu sehen, die auf einem Toilettenbecken an Bulimie verstorben war und über der die Schlankheitswahn-Predigerin Heidi Klum mit Sprechblase den Befehl erteilte: „Ihr müsst alle noch viel, viel schlanker werden, damit wir Euch akzeptieren können!“ Schon am selben Abend kam Rebekka heulend zu mir und hielt die abgerissene Fotokollage in ihren Händen: „Papa, WAS SOLL DAS?!!! Warum verletzt Du mich?!“ Ich nutzte die Gelegenheit und sprach mit Rebekka noch einmal ausführlich über das Risiko, an Bulimie zu sterben. „Hast Du gesehen, was mit Deiner Tante Manuela passiert ist? Sie ist heute nur noch Haut und Knochen! Wir machen uns Sorgen um Dich, Rebekka, und wollen nicht, dass Du Schaden nimmst durch diesen Schlankheitswahn. Es bringt auch nichts, wenn Du es immer wieder leugnest, denn wir haben Dich schon oft genug dabei ertappt, wie Du Dein Essen wieder erbrochen hast. Das ist einfach nicht normal!“ Wir konnten Rebekka schließlich überreden, eine Kinder- und Jugendpsychologin aufzusuchen, bei der sie ein Jahr lang einmal die Woche hinging, um mit ihr über ihre seelische Not zu reden.

An einem Freitag nachts ging ich dann noch einmal mit unseren drei Chihuahua-Hunden am See spazieren. Es war gegen 23:30 Uhr, und kein Mensch war mehr auf der Straße. Da das Risiko, einem großen Hund zu begegnen, nur sehr gering war, hatte ich die drei Hunde wie üblich von der Leine gelassen, damit sie ungestört am Rande des Parks schnüffeln konnten. Als ich mich wieder auf den Rückweg gemacht hatte und mich der Habenhauser Landstraße näherte, wollte ich die drei Hunde wieder anleinen. Doch plötzlich hatte Charly irgendetwas in der Dunkelheit gesehen und rannte auf einmal laut bellend davon. Seine Hundetochter Chini rannte ihm aus Neugier bellend hinterher. Ich rannte ebenso los und rief Charly, er solle sofort herkommen. Beide Hunde näherten sich der Straße und ich schrie aus Leibeskräften: „CHARLY, CHINI, KOMMT SOFORT HER!!! A U S !!!!!!“ Auf einmal sah ich auf der verlassenen Landstraße die Scheinwerfer eines Autos. Ich schrie: „N E I N !!!“, doch in dem Moment sah ich, wie der Wagen Chini am Hinterteil erfasste und sie laut aufjaulte. Ich schrie weiter: „NEIN, NEIN, NEIN!“ und heulte verzweifelt. Als ich bei Chini angelangt war, lag sie winselnd auf dem Boden und konnte nicht mehr aufstehen. Der Wagen war weitergefahren, und ich hob Chini auf den Arm, um mit ihr schnell nach Hause zu laufen. Ich war völlig fertig mit den Nerven.

Noch in derselben Nacht fuhr ich dann mit Ruth zu einer Tierklinik, wo man Chini ein Schmerzmittel gab und sie röntgte. Dann kam die zuständige Tierärztin zu uns und erklärte, dass Chinis Darm und Organe teilweise gerissen seien und eine OP kaum Chancen auf Erfolg habe. Man empfahl uns, Chini einschläfern zu lassen. Wir baten um Bedenkzeit und ließen unsere Hündin erstmal über Nacht noch in der Tierklinik, wo sie unter Betäubung war. Am nächsten Tag beschlossen wir, dass ich allein zur Klinik fahren sollte, um mich noch einmal von Chini zu verabschieden, denn Ruth war nicht in der Lage. Ich sah unsere Hündin, wie sie sediert mit offenen Augen auf dem Tisch lag, die Zunge etwas herausgestreckt und gleichmäßig atmend. Sie schaute mich aus ihren schwarzen Augen an, und ich streichelte sie sanft. Dann kam die Tierärztin wieder ins Zimmer und spritzte ihr Phenobarbital, ein Barbiturat, das früher auch Menschen als Schlafmittel verwendet haben, das aber bei Kleintieren tödlich wirkt. Ich schaute zu, wie Chini kurz darauf die Augen schloss. In mir war absolut keine Gefühlsregung außer ein wenig Erleichterung, dass es jetzt vorbei war und sie nicht mehr leiden musste. Doch als ich nach Haus kam und auch Rebekka von Chinis Tod erfuhr, da war das Geschrei groß. Den ganzen Tag weinten Ruth und Rebekka und wollten sich nicht trösten lassen. Ich kam mir dabei sehr schäbig vor, denn schließlich war es ja meine Schuld, dass Chini sterben musste, und ausgerechnet jetzt konnte ich keine Träne hervorbringen. Das war mir sehr unangenehm, als wenn ich ein gefühlloser Psychopath wäre.


Provokation

Während ich mich innerlich mehr und mehr von meiner Familie entfernte, um mich von meinen Verpflichtungen und der häuslichen Enge zu befreien, verbrauchte ich immer mehr Zeit außerhalb des Hauses, sogar am Wochenende, auf der unbewussten und verzweifelten Suche nach Geltung und Anerkennung, indem ich z.B. – wie bereits im Vorjahr – in der Fußgängerzone Bilder malte. Dabei handelte es sich keineswegs um ruhige und gefällige Landschaftsbilder, sondern meist um plakative und äußerst provokante Bilder, wie z.B. die Steinigung einer Frau in Afrika oder ein Bild über Tierversuche an Affen neben einem KZ-Arzt, der an einer Gruppe jüdischer Kinder Experimente machte. Auf einem anderen Bild, war ein Kindersoldat mit Kalaschnikow zu sehen vor einem Berg an Totenschädeln und dem Aktienkurs einer Waffenfirma. Eines der Bilder, auf dem der syrische Präsident Bashir Al-Assad in einer Wanne voller Blut badete und auf welchem Putin einen Eimer mit Blut nachkippte, wurde mir in einem Parkhaus gestohlen. Aber ich hätte diese Bilder ohnehin nicht verkaufen können, denn wer hätte sich schon solche grauenvollen Bilder in sein Wohnzimmer gehängt? Für mich war der Weg das Ziel, denn ich suchte die Bewunderung der Leute, die ich auch allenthalben erhielt, da ich sehr gut malte (manche Bilder sahen aus wie vergrößerte Fotos). Zugleich liebte ich die Provokation. Ich fühlte mich wie ein kleiner Junge, der Bomben bastelte, um sie den Leuten vor die Füße zu werfen. Den Terrorismus, den ich anprangerte, wollte ich im Grunde selbst verüben. Bei manchen Bildern lachte ich mir still eins ins Fäustchen und freute mich schon auf die Reaktion meines Umfeldes.

Eines Tages erfuhr Gabi Schierenbeck, die Ausbildungsberaterin der Handwerkskammer, von meinem künstlerischen Hobby und fragte mich, ob ich vielleicht bei der Handwerksmesse in Bremen meine Bilder ausstellen könnte, was ich gerne zusagte. Während der dreitägigen Veranstaltung sollte ich neben anderen Kunstausstellern auch selbst malen. Währenddessen unterhielt ich mich mit einem Fotographen, der der sog. „Schwarzen Szene“ angehörte, also ein Grufti. Entsprechend sahen auch seine Fotos aus: alle düster und gespenstisch. Ich fragte ihn beiläufig, ob er eigentlich an die Existenz Gottes und des Teufels glaube. „Ja, selbstverständlich“, sagte er. „Alles, was in der Bibel steht, ist wahr. Aber ich wünschte mir, dass es alles frei erfunden wäre.“ Ich war verwirrt und fragte, wie er denn darauf komme, dass es einen Gott gäbe. „Jeder Mensch kann doch problemlos erkennen, dass es einen Gott geben muss, und ich bin ihm sogar selbst mal begegnet. Aber ich wünschte mir nichts lieber, dass es keinen Gott gäbe, denn Gott wird mich und alle anderen Menschen eines Tages verurteilen, und es gibt keine Chance, ihm zu entkommen! Ich habe schon oft versucht, nicht an Gott zu glauben und ihn einfach zu ignorieren, aber es gelang mir nie. Das macht mich völlig fertig, denn ich will nicht in die Hölle kommen!“ Ich dachte, dass dieser Typ irgendwie nicht ganz dicht sei und sagte zu ihm: „Bei mir ist es genau anders herum: Ich glaube nicht an die Existenz eines Gottes, aber wenn ich nur einen einzigen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, dass es Gott gäbe. Denn dann wäre alles wieder gut. Denn ein Gott muss gut sein, sonst könnte er auch kein Gott sein. Ein böser Gott hätte uns schon alle längst vernichtet.“ - „Aber würde ein guter Gott die Menschen in der Hölle quälen?“ fragte er. „Nein, natürlich nicht. Deshalb ist die Bibel ja auch ein Märchenbuch. Ich kann nicht verstehen, wie man daran glauben kann.“ – „Ich weiß, dass die Bibel wahr ist, aber gerade deshalb bin ich voll Furcht und Zittern! Ich wünschte, Gott hätte mich nie erschaffen!“ - Ich dachte nur: Armer Irrer!

Verständlicherweise durfte ich meine Bilder nicht zuhause aufhängen, deshalb lagerte ich sie in der Werkstatt. Als es aber immer mehr wurden, kam mir die Idee, mich mal bei verschiedenen Künstleragenturen vorzustellen, ob sie nicht Interesse hätten, eine Ausstellung meiner Bilder zu machen. Ich nahm also ein Foto von einem meiner Gemälde und zeigte es der Chefin einer Agentur. Sie schaute es an und sagte: „Unsere Agentur vermittelt nur Künstler, die sich schon einen Namen gemacht haben – und nicht solche, die noch in der Findungsphase sind. Tut mir leid, aber ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg.“ Ich ging weg und dachte: „‘…die noch in der Findungsphase sind‘? – Was soll das denn heißen?“ Aber sie hatte im Grunde recht, denn einen wirklichen Stil hatte ich ja noch gar nicht. Mein Kunstlehrer in der Oberstufe sagte damals zu mir, dass meine Bilder nichts mit Kunst zu tun hätten, da sie viel zu plakativ seien. „Da kann man ja gleich ein Foto machen“ sagte er. Eine andere Kunstexpertin sagte mal zu mir: „Ihre Technik ist gut, aber Ihnen fehlt das kunsttheoretische Wissen.“

Ich versuchte es weiter bei einer Künstlerin und Galeristin namens Daliah Nordhaus, die ihr Atelier ganz in der Nähe meiner Werkstatt hatte. Wir freundeten uns an, und sie half mir, eine Ausstellung bei sich in der Galerie zu organisieren. Sie meinte, dass meine Bilder einen Verkaufswert von etwa 800,- € pro Stk hätten, dass ich aber maximal nur 500,- € verlangen könnte, da ich noch nicht bekannt sei. Ich sagte, dass ich schon froh sei, wenn ich wenigstens 200 oder 300 € bekäme als Aufwandsentschädigung, aber Delia sagte: „Unter 500,- € darfst Du die Bilder nicht verkaufen, denn dadurch machst Du die Preise kaputt. Außerdem: überleg doch mal, wie viel Zeit Du in jedes Deiner Bilder investiert hast! Willst Du sie dann wirklich für einen Appel und ´n Ei verhökern?“

Wir überlegten, wie man meinen Kunststil bezeichnen könnte, um einen Titel für die Ausstellung zu haben. In Anlehnung an den eher provokanten Stil der „Neuen Sachlichkeit“ (1920-1933) nannte ich meinen Stil einfach die „Neue Unsachlichkeit“. Ich ließ Plakate und Flyer drucken, und Delia nahm Kontakt zum Weser-Kurier auf, der einen kleinen Artikel machte. Am 14.10.12 war dann die Vernissage (Eröffnungsfeier) mit Sektempfang. Es kamen jedoch nur etwa 10 Gäste, die wir mehr oder weniger persönlich eingeladen hatten. Aber keiner kaufte ein Bild. Kein Wunder, denn wer würde schon 500,- € für ein Bild ausgeben, auf dem z.B. die Präsidenten und Premierminister Europas beim G-20 Gipfel alle splitternackt nebeneinanderstehen? Später habe ich die meisten dieser Bilder verbrannt, nachdem ich wieder zum Glauben kam

(https://www.youtube.com/watch?v=0wOhxqjiacM).


Der Fall Krudorf

Wenn man im Jahr für rund 400 Kunden arbeitet, darunter etwa 300 Neukunden, dann kann es schon mal vorkommen, dass es darunter ein schwarzes Schaf gibt, dem man es praktisch nie recht machen kann. Im Nachhinein betrachtet, war Herr Krudorf der bislang schwierigste Kunde, den ich je hatte. Ich spürte dies schon bei meinem ersten Besuch, dass er und seine Frau sehr pingelig sein würden, deshalb beschloss ich sofort, ihm meinen besten Mann zu schicken, Andre Bindemann, zusammen mit dem Lehrling Tarek. Er wollte, dass sein gesamtes Reihenhaus von oben bis unten neu mit Glasgewebe tapeziert werden solle. Ich machte ihm ein Angebot zum Gesamtpreis von rund 6.000, - € brutto. Doch kurz vor Beginn der Arbeiten änderte Herr Krudorf seine Meinung und wollten lieber eine Vliestapete haben. Er suchte sich eine einfarbig cremeweiße aus, die sehr dünn war und kaum Struktur hatte. Ich erklärte Herrn Krudorf, dass bei einer solch dünnen Tapete ein viel höherer Spachtelaufwand erforderlich sei. Trotzdem bestand er aber auf dieser Tapete. Wir spachtelten den Untergrund also zweimal vollflächig inkl. Zwischenschliff, brauchten dafür aber auch fast die doppelte Zeit. Nach einer Woche schrieb ich eine Abschlagsrechnung über 3.000, - €, die mir der Kunde auch prompt bezahlte. Als wir die Arbeiten jedoch fertig hatten und ich die Schlussrechnung über 3.426,94 € geschickt hatte (inkl. Tapeten), rief mich Herr Krudorf an und beschwerte sich, da er mit dem Ergebnis nicht zufrieden sei.

Ich traf mich also noch mal mit den Eheleuten. Herr Krudorf hatte eine Liste angefertigt, die wir durchgingen. Entweder beanstandete er Geringfügigkeiten oder aber Dinge, die man gar nicht hätte besser machen können. So war ich z.B. selbst überrascht, wie sauber und exakt Andre die Tapeten auf Stoß geklebt hatte, so dass man quasi gar keine Naht sehen konnte, obwohl die Tapete so schlicht und gleichmäßig war. Wenn man jedoch ganz genau hinschaute, entdeckte man natürlich trotzdem die Naht, und gerade das störte aber Herrn Krudorf. Ich erklärte ihm, dass man bei einer so dünnen und einfarbigen Tapete immer ein wenig die Naht sehen könne, diese aber doch gar nicht auffallen würde. Als nächstes schob er mir einen Hocker hin, um mir zu zeigen, dass die Türfalzen von oben nicht vollständig lackiert wurden. Dann monierte er, dass die Tapete ein paar Millimeter über den Fliesensockel tapeziert wurde. „Ja, damit man die offene Fuge dahinter nicht sieht“ erklärte ich. Er führte mich ins Wohnzimmer und machte den Rollladen herunter; dann sagte er: „Normalerweise benutzen wir den Rollladen nie, aber wenn man ihn runtermacht und dann mal von hier guckt, wenn die Lampen aus sind, dann sieht man hier mitten in der Wand eine leichte Wölbung, sehen Sie hier…“ Ich erklärte: „Das liegt an dem extremen Streiflicht, das hinten vom Küchenfenster kommt. Wenn aber der Rollladen wieder oben ist, dann sieht man das schon gar nicht mehr.“ – „Das mag ja sein, aber fest steht doch, dass hier nicht ausreichend gespachtelt wurde!“ erwiderte der Kunde. „Man kann aber eine Leistung nur bei den gewöhnlichen Lichtverhältnissen beurteilen und nicht unter extremem Streiflicht. Sie sagen ja selber, dass sie den Rollladen nie herunterlassen. Was stört Sie dann also?“ Von seiner langen Liste blieben am Ende also nur noch Kleinigkeiten übrig, die man locker an zwei halben Tagen ausbessern konnte (unter Berücksichtigung der Trocknungszeit). Er unterschrieb das Abnahmeprotokoll und wir vereinbarten einen Termin für den ersten Teil der Ausbesserung am nächsten Tag. Wie zu erwarten, waren wir gegen Mittag fertig.

Als ich am nächsten Tag den Rest erledigen wollte, verschob der Kunde jedoch den Termin um eine Woche, weil er zuvor einen Gutachter gebeten hatte um eine Stellungnahme. Wie nicht anders zu erwarten, traf ich dann meinen Kollegen Harmsen, der schon oft genug bewiesen hatte, dass er alles andere als unparteiisch war, sondern in seinen Gutachten schrieb, was sein Auftraggeber lesen wollte. Doch zu meiner Freude stellte Herr Harmsen zunächst fest, dass es sich „um eine ausgesprochen gelungene Handwerksarbeit“ handeln würde. Auch Harmsen bestätigte bei mehreren der Punkte, dass diese „nur in Ihrer subjektiven Wahrnehmung existieren“ würden, bei anderen hingegen, dass sie „im Rahmen von hinzunehmenden Toleranzen liegen“. Wenn Herr Krudorf die kaum sichtbaren Nähte als störend empfände, „dann könnte man doch die Tapeten alle noch einmal mit Latexfarbe überstreichen“. Herr Krudorf war entsetzt über diesen Vorschlag. Nur wenige Punkte sah Harmsen als wirkliche Mängel an, so dass ich sehr erleichtert war. So hatten wir eine Stelle in der großen Decke nachgebessert, die man aber leider etwas sehen konnte. Als Herr Krudorf dann mal in den Keller ging, um etwas zu holen, schaute mich Herr Harmsen an und sagte: „Es wird immer schlimmer, Herr Poppe, nicht wahr!“ Ich sagte nur: „Wem sagen Sie das!“ Ich hatte also ein gutes Gefühl, als ich mich verabschiedete, dass es mit Herrn Krudorf doch noch eine einvernehmliche Einigung geben würde.

Doch als zwei Wochen später das Gutachten vorlag, erschrak ich, denn Herr Harmsen hatte die Kosten der Nachbesserung auf brutto 2.178,46 € angesetzt. Eine Unverschämtheit! Dachte ich. Allein für das erneute Abdecken der unteren Etage, um die Decken erneut zu streichen, veranschlagte Harmsen 480,-€, obwohl ich für alle 5 Räume im gesamten Haus zusammen nur 250,- € berechnet hatte. Noch viel unverfrorener war das Begleitschreiben von Herrn Krudorf, in welchem er nicht nur eine Verrechnung der veranschlagten 2.178,46 € mit meiner Werklohnforderung verlangte, sondern zusätzlich noch auch eine Erstattung der Gutachterkosten (537,88 €), sowie angeblich zusätzlicher Reinigungskosten seiner Frau (480,- €). Dann verlangte er eine Entschädigung dafür, dass er seine Zeit investieren musste, um sich mit mir und dem Gutachter zu treffen (10 Std. á 33,07€ = 330,70 €), sah aber hingegen nicht ein, dass er den ursprünglich im KV nicht vorhersehbaren, zusätzlich erforderlichen Spachtelaufwand von 300,- € bezahlen sollte, der nur durch die Änderung seines Tapetenwunsches erforderlich wurde.

Insgesamt wollte er also 3.828,54 € von mir haben, abzgl. meiner Forderung von brutto 3.426,94 €, also 401,60 €, die ich ihm „binnen 10-Tage-Frist“ auf sein Konto überweisen sollte. Offensichtlich hatte Herr Krudorf also weder Skrupel noch Rechtsempfinden. Ich schrieb ihm deshalb: „Ihr Schreiben kann ich beim besten Willen nicht ernst nehmen und ist möglicherweise auch von Ihnen nicht ernst gemeint… Ihre Forderungen sind z.T. aberwitzig, denn … das Gutachten von Herrn Harmsen ist ein von ihnen beauftragtes Privatgutachten ohne gerichtliche Relevanz. Die darin genannten Preise dienen lediglich als Grundlage für eine außergerichtliche Einigung, begründen aber keinen Rechtsanspruch…“ Des Weiteren erklärte ich ihm, dass wir unsere Nachbesserung noch gar nicht abgeschlossen hatten, wir aber einen gesetzlichen Anspruch auf Nachbesserung hätten, die uns der Kunde einräumen muss. Zudem habe Herr Krudorf dem Gutachter ganz viele neue „Mängel“ gezeigt, die gar nicht in seiner ursprünglichen Mängelliste und Abnahmeprotokoll erwähnt wurden und von denen wir deshalb auch noch gar nichts wissen konnten. Eigentlich hätte sich Herr Harmsen bei seiner Begutachtung nur auf das Abnahmeprotokoll beschränken dürfen.

Zum Schluss ließ ich mich dann noch zu folgender Bemerkung verleiten: „Dass aber auch Herr Harmsen der Ansicht ist, dass die von Ihnen beanstandeten Mängel berechtigt sind, wundert mich nicht, schließlich haben Sie ihn – um dies festzustellen – ja auch bezahlt. Oder glauben Sie allen Ernstes, dass er solch ein Gutachten auch geschrieben hätte, wenn ICH ihn beauftragt hätte? Dann wären Sie genauso naiv wie jener Mann, der nach Hause kommt und zu seiner Frau sagt: ‚Schatz, wir haben noch mal Glück gehabt: der Rechtsanwalt, bei dem ich eben war, sieht den Sachverhalt genauso wie ich!‘ Es gilt hier der Grundsatz: Wes´ Brot ich ess´ des Lied ich sing´. Herr Harmsen hat z.B. vor ein paar Jahren auch für mich mal ein solches ‚Gefälligkeitsgutachten‘ geschrieben, das mir jedoch vor Gericht nichts genützt hatte, da der vom Gericht bestellte Gutachter ganz andere Feststellungen traf, die schließlich galten… Herr Harmsen war nicht dazu verpflichtet, die Wahrheit zu sagen, weil er nicht unter Eid stand. Also hat er das geschrieben, was Sie von ihm hören wollten. Was hätten Sie wohl getan, wenn er geschrieben hätte, dass es sich bei Ihren Beanstandungen um Bagatellen handelt, die zwar eine geringfügige Minderung aber keine Nachbesserung rechtfertigen? Hätten Sie ihm dann wohl auch noch die 537,88 € für das Gutachten bezahlt? Nein! Warum sollten Sie?! - Mich haben Sie doch schließlich auch nicht korrekt bezahlt! Und deshalb blieb Herrn Harmsen gar nichts anderes übrig, wenn er nicht seine Bezahlung verlieren wollte…

Eine Woche später erhielt ich einen Brief vom Gutachter Harmsen. Zunächst stellte er fest, dass es gar nicht erst zu dieser Auseinandersetzung gekommen wäre, wenn ich dem Kunden von Anfang an richtig beraten und ihn von der Entscheidung für diese Tapete abgeraten hätte, da diese praktisch nicht tapezierbar sei, ohne dass man geringfügig auch noch Nähte sehen könnte. Alsdann wies er mit Nachdruck den Vorwurf von sich, es habe sich bei seinem Gutachten um ein „Gefälligkeitsgutachten“ gehandelt. „Sollten Sie diese Äußerung noch einmal wiederholen, werde ich durch Herrn RA Prof. Dr. Ganten Verleumdungsklage gegen Sie einreichen.“ Sein Schlusssatz lautete dann: „Bei dieser Gelegenheit muss ich Ihnen leider auch mitteilen, dass bei Ihnen in den vielen Jahren Ihrer Selbstständigkeit im Umgang mit Kunden noch ein Defizit besteht. Mit freundlichen Grüßen…“ Ich dachte: Ja, mein ‚Defizit‘ besteht wahrscheinlich darin, dass mir in all den Jahren noch kein dickes Fell gewachsen ist, dass ich mich gegen die Heuchelei von Kunden nur dadurch wehren könnte, indem ich selber zum Heuchler werde. Wie leicht lässt sich über die Schwächen anderer Kollegen ungefragt schwadronieren, wenn man selbst nicht ein solches Unrecht erlitten hat, sondern man hingegen auch noch Geld dafür bekommt, wenn man wahrheitswidrig die Dinge so hindreht, wie es der Auftraggeber wünscht!

Anstatt zu vermitteln, hatte Harmsen mal wieder für seinen Brotgeber Partei ergriffen, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als Herrn Krudorf auf Zahlung zu verklagen. Da Richter jedoch selbst keinen Sachverstand haben können, greifen sie bei einer so verfahrenen Lage gern auf den Sachverstand von Gutachtern zurück, die dann de facto für sie die Entscheidung treffen. Da man als Unternehmer erfahrungsgemäß bei strenger gutachterlicher Beurteilung nur verlieren kann, machte ich vor Gericht den Vorschlag, dass nicht ein Gutachter, sondern irgendein neutraler Malermeister unsere Arbeit beurteilen möge. Er solle dann entscheiden, bei welcher der Beanstandungen Krudorfs es sich um einen echten Mangel handele. Ich erklärte mich zudem bereit, diese Mängel dann eigenhändig zu beheben und meine Arbeit dann wiederum von diesem Malermeisterkollegen abnehmen zu lassen. Sollte er dann zufrieden sein, solle der Kunde mir meinen restlichen Werklohn auszahlen. Zum Glück war Herr Krudorf mit diesem Vorschlag einverstanden. Die Einigung wurde zu Protokoll gegeben und die Verhandlung war beendet.

Um jeden Verdacht der Kungelei auszuräumen, einigten wir uns, dass wir keinen Malermeister aus Bremen nehmen sollten, sondern einen unbekannten aus dem Bremer Umland. Die Wahl fiel auf den Malermeister Melchior aus Oyten. Er erklärte sich dazu bereit, die zwei Abnahmen für mich zu machen gegen eine Aufwandsentschädigung. Drei Monate später fand nun die erste Besichtigung statt, und glücklicherweise rügte der Kollege Melchior nur die Decke und die eine Wand im Wohnzimmer. Herr Krudorf bestand jedoch auch auf eine Nachlackierung der Türzargen. Er rückte wieder den Hocker hin und bat Herrn melchior, sich die bereits nachlackierte Oberkante der Zarge anzusehen. „Ich sehe nichts“ sagte Herr Melchior. „Dann schauen Sie bitte mal genau hin! Fällt Ihnen etwa nichts auf?!“ – „Ganz ehrlich, nein. Was meinen Sie denn?“ – „Sehen Sie etwa nicht, dass Firma Poppe beim Nachlackieren der Oberkante einen anderen Lack verwendet hat? Denn das Weiß ist etwas heller als die restliche Zarge.“ Herr Melchior stieg wieder runter vom Hocker und sagte: „Ehrlich gesagt habe ich in all den Jahren meiner Selbstständigkeit noch nie eine Tür von oben lackiert, denn das sieht doch keiner.“

Ich war guten Mutes, dass Herr Melchior der Richtige sei, um meine Arbeit diesmal nüchtern, fair und vor allem unparteiisch zu beurteilen. Denn echte Handwerker wissen eben, auf was es wirklich ankommt, um ein sauberes Ergebnis zu erzielen, ohne sich dabei von realitätsfernen Extrawünschen des Kunden irre zu machen. Man muss „die Kirche eben im Dorf lassen“, wie der Volksmund sagt. So machte ich mich einen Monat später ans Werk. Doch als ich bei Lieferanten die drei Rollen Tapete abholen wollte, erfuhr ich eine böse Überraschung: die Tapete sei nicht mehr lieferbar, da der Hersteller Insolvenz angemeldet hatte. Natürlich glaubte mir der Kunde dies nicht und fuhr persönlich zu meinem Lieferanten. Dort erfuhr er, dass es noch einen Restbestand in Viersen gäbe, dieser aber erst in 4 Tagen per Paketdienst lieferbar sei, also am nächsten Montag. Da die Frist zur Nachbesserung jedoch schon am Freitag enden sollte, schikanierte Herr Krudorf mich mit der Forderung, selbst nach Viersen zu fahren (3 Stunden hin und 3 Stunden zurück), um die Tapete abzuholen. Schließlich verlängerte er schließlich die Frist um eine Woche, wollte sich jedoch eine andere Tapete aussuchen. Als ich jedoch am nächsten Tag kam, machte mir keiner die Tür auf. Auf allen Telefonnummern war niemand erreichbar. Später erfuhr ich, dass er wegen eines Schwächeanfalls in die Notaufnahme gebracht wurde. Fünf Tage später schrieb mir Herr Krudorf, wann es denn endlich bei ihm weiter ginge. Er drohte mir, in ein Hotel zu ziehen und mir die Kosten aufzuerlegen, wenn ich nicht am nächsten Tag fertig werde, da sein Haus „derzeit unbewohnbar“ sei. Am nächsten Tag kam ich mit zwei Gesellen, aber Herr Krudorf war nicht da, sondern nur seine Frau. Ich konnte nichts machen, denn eine neue Tapete hatte er immer noch nicht besorgt. Das Wohnzimmer war schon wieder vollständig eingerichtet – von wegen „unbewohnbar“!

Ich schrieb ihm eine Email, dass ich mit zwei Zeugen feststellen konnte, dass alle Möbel wieder an seinem Platz seien. Daraufhin schreib er: „Die Nutzfähigkeit der Wohnung ist natürlich auch immer eine Frage des Niveaus. Was jedoch überhaupt nicht hinnehmbar ist, dass Sie Ihren Mitarbeitern unter falschen Voraussetzungen Zutritt zu meiner Wohnung verschafft haben. Damit haben Sie:
1. einen Vertrauensbruch begangen, 2. stellt das m.E. einen Straftatbestand dar. Ich lasse gerade prüfen, ob unter solchen Voraussetzungen eine weitere Arbeit mit Ihnen überhaupt noch möglich ist und werde ggf. Strafanzeige erstatten… Sie zeigen mir mit Ihren Mails, dass menschliche Intelligenz messbar ist…
“ Ich rief ihn an und überzeugte ihn schließlich, dass er sich jetzt wirklich mal zusammenreißen müsse, um die gemeinsam die Kuh vom Eis zu kriegen. Ich bestellte den Restbestand Tapete aus Viersen und tapezierte schließlich die Wand. Am Ende sah alles tip top aus, und ich war sehr erleichtert.

Doch als am nächsten Tag Herr Melchior kam, traute ich meinen Augen nicht: Mitten in der Wand war eine kleine Blase entstanden, da die Spachtelmasse an jener Stelle nachträglich abgeplatzt war infolge eines gequollenen Papierschnipsels, der versehentlich nicht abgekratzt war. Die Wand musste also nochmal tapeziert werden! Doch Herr Krudorf weigerte sich und verlangte stattdessen eine Entschädigung. Bei einer weiteren Gerichtsverhandlung fragte die Richterin Herrn Melchior, was er denn für die Nacharbeit bei Herrn Krudorf berechnen würde. Diese Frage kam für ihn völlig unerwartet, und er sagte zögernd: „Also ich hätte etwa 2.000,-€ genommen zzgl. Mwst, also etwa 2.500,- €.“ Ich schaute ihn wutschnaubend an, aber er vermied es, mich anzuschauen. Schließlich verkündigte die Richterin, dass mir Herr Krudorf meinen Werklohn abzüglich der von Melchiors veranschlagten 2.500,-€ zahlen solle, also nur 926,94 €. Ich war fassungslos.

Im Nachhinein betrachtet sehe ich die Erlebnisse mit solchen Kunden wie Herrn Krudorf als ein Gericht Gottes an. Gott hielt mir einen Spiegel vor, um mir zu zeigen, dass ich mich im Grunde genauso gesetzlos und gottlos verhielt wie Herr Krudorf. Doch trotz all meiner Sünden hat Gott mich in dieser schweren Zeit durchgetragen. „Du hast Menschen reiten lassen auf unserem Haupte; wir sind ins Feuer und ins Wasser gekommen, aber Du hast uns herausgeführt zu überströmender Erquickung“ (Psalm 66:12).

 

Januar bis Juni 2013

Die Einbruchsserie

In den Jahren 2012/13 wurde meine Firma von drei Einbrüchen heimgesucht. Alles begann durch einen kleinen Auftrag für die Christusgemeinde, meinem Vermieter. Es sollte an einer Toilettenwand ein Schaden behoben und die Glasgewebetapete erneuert werden. Diesen Auftrag ließ ich meinen Lehrling Rossano Seay ausführen und gab ihm hierfür den Schlüssel der Gemeinde. Nach 2 Tagen war der Auftrag erledigt und Rossano gab mir den Schlüssel zurück. Doch am darauffolgenden Wochenende wurde in der Gemeinde eingebrochen: die ganze Musikanlage, samt Mischpult, Scheinwerfer, Beamer und Lautsprecher – alles wurde gestohlen. Der Verlust betrug rund 7.000 €. Doch die Versicherung war nicht bereit, den Schaden zu erstatten, da die Polizei keine Einbruchsspuren fand. Der Dieb war mit einem Schlüssel in die Gemeinde eingedrungen. Sofort fiel der Verdacht deshalb auf uns, da wir ja einen Schlüssel bekommen hatten. Ich verwies die Polizei auf meinen Lehrling Rossano, doch eine Wohnungsdurchsuchung bei ihm ergab keine Hinweise. Trotzdem war ich mir sicher, dass er es gewesen sein musste, denn auf einmal besaß er ein IPhone 5 (damals das neueste Modell), das er sich von seinem Lehrlingslohn doch kaum leisten konnte.

Ich sprach mit dem Prediger und erklärte mein Bedauern, zumal mir klar war, dass der Verlust für die Gemeinde sehr schmerzhaft gewesen sein musste, da sie sich ja nur von Spenden finanzierten. Da es mir finanziell selber sehr schlecht ging (ich hatte im Januar ein Minus von 13.000 € auf dem Konto), bot ich dem Prediger an, kostenlos im Winter Malerarbeiten für die Gemeinde auszuführen, womit er einverstanden war.

Verständlicherweise verschlechterte sich in der Folgezeit das Verhältnis zwischen Rossano und mir. Als ich z.B. an einem Tag keine Verwendung für ihn hatte, brachte ich ihn morgens zur Werkstatt und gab ihm verschiedene Aufgaben. Als ich später vorbeikam, war er nicht mehr da und hatte überhaupt nichts gemacht. Dafür bekam er von mir eine Abmahnung und forderte von ihm, die vertrödelte Arbeitszeit am Wochenende nachzuholen. Am nächsten Tag ereiferte er sich über diese Strafe so sehr, dass er vor mir und den Mitarbeitern die Baustelle verlies mit den Worten: „Okay, dann hau´ ich jetzt ab, geh zum Arzt und lass mich krankschreiben!“ Er bekam eine zweite Abmahnung, und ich kürzte ihm den Lehrlingslohn. Ein paar Wochen später war ich mit ihm auf einer Baustelle am Arbeiten, musste dann aber weg zu einem Kundentermin. Ich sagte ihm, was er bis Feierabend noch machen solle und ging. Doch nach zehn Minuten kam ich zurück, weil ich meine Mappe auf der Baustelle vergessen hatte. Doch da war Rossano schon nicht mehr da. Ich rief ihn sofort an. Er sagte: „Ich wollte mir nur kurz etwas zu Essen kaufen“. – „Und warum hast Du Deine Arbeitstasche mitgenommen, das Radio und das Licht überall ausgemacht?“ fragte ich. „Du kommst jetzt augenblicklich auf die Baustelle zurück, und wenn nicht, dann brauchst Du auch nie mehr zu kommen!“ Fünf Minuten später war Rossano wieder da. Ich sagte: „Du wirst heute eine halbe Stunde länger arbeiten.“ – „Nein, das werde ich garantiert nicht!“ erwiderte er frech. „Dann bekommst Du eine Kündigung.“ Plötzlich schrie er rum und drohte mir in Gegenwart aller auf dem Bau anwesenden Handwerker, dass er mich bei der Handwerkskammer wegen Schwarzarbeit anzeigen wolle. Während er wie ein Wilder rumschrie, nahm er sein 800,-€ teures IPhone und knallte es mit aller Wucht auf den Fliesenboden, so dass es in mehrere Teile zerbarst. Ich hielt ihn am Arm fest und beförderte ihn von der Baustelle mit den Worten, dass er gerade eben seine Kündigung unterschrieb.

Als ich am darauffolgenden Montag zur Werkstatt kam, hatte jemand das Fenster, das möglicherweise auf Kipp stand, aufgedrückt und durch einen Spalt von etwa 50 cm sämtliche Wertgegenstände aus meiner Werkstatt mitgenommen, darunter zwei Schleifmaschinen, einen alten Computer und noch ein paar mehr Sachen, die ich jedoch nicht vermisst hatte, da sie schon alt waren. Die Polizei machte eine Spurensicherung am Fenster; doch obwohl man deutlich einen Schuhabdruck auf der Fensterbank erkennen konnte, gelang es ihr nicht, den Rossano als Täter zu überführen. Zwei Monate später wurde schon wieder in meiner Werkstatt eingebrochen, doch diesmal wurde scheinbar nichts gestohlen. Nur die Eingangstür war stark verbogen und ließ sich nicht mehr schließen, so dass ich einen befreundeten Metallbauer mit der Reparatur beauftragte.

Doch nicht nur Rossano, sondern auch andere Mitarbeiter hörten nicht auf, mich zu bestehlen, nicht nur direkt, indem sie Werkzeug entwendeten, sondern auch, indem sie bei Materialeinkäufen wie selbstverständlich auch für sich Dinge kauften, wie z.B. Malerjacken, Malerhosen, teure Pinsel etc., weil sie dachten, ich würde das gar nicht merken. Daraufhin befahl ich den Großhändlern, keine Werkzeuge oder Kleidung mehr an die Gesellen zu verkaufen, was sie mir versprachen. Aber es änderte sich nichts, weil die Verkäufer nicht darauf achteten. Deshalb wies ich sie nun darauf hin, dass ich ab jetzt nicht mehr bereit sei, diese Werkzeuge und Jacken zu bezahlen, so dass ich im Wiederholungsfall die abgebuchten Beträge wieder zurückfordern würde. Erst jetzt reagierten die Lieferanten und wiesen ihre Verkäufer an, meine Bitte zu respektieren, obgleich sie sich wohl wunderten, dass meine Leute so eigenmächtig waren.

In der Tat hatte sich das Betriebsklima deutlich verschlechtert. Auch untereinander brach ständig Streit aus zwischen den Mitarbeitern oder wurde hinterm Rücken über einander schlecht geredet. Besonders Andre Bindermann (48), mein bester Mann, verachtete mich und meine Mitarbeiter und redete schlecht über uns zu den Kunden, weil wir in seinen Augen nur Chaoten waren. Andersherum mochten auch sie den Andre nicht und wollten ungerne mit ihm arbeiten. Einer der Gesellen fragte mich: „Warum schmeißt Du den Kerl nicht einfach raus?“ Doch dazu kam es nicht mehr, da Andre Bindermann kurz darauf selber kündigte, weil einer meiner Stammkunden ihn als Betriebsmaler eingestellt hatte. An seine Stelle trat Matthias Lubitz (46), ein erfahrener Geselle, der durch seine fröhliche Art auch bei den Kunden einen guten Eindruck hinterließ. Auch nahm ich zwei Brüder als Lehrlinge in meine Firma auf, die aus einer christlichen, russlanddeutschen Familie kamen, und zwar Simeon (16) und Tim Berndt (19). Simeon Berndt arbeitet bis heute in meiner Firma und ist seit 2016 ein wiedergeborener Christ. Von Burhan Akkus (22), dem ich trotz seiner Frechheiten nach seiner Ausbildung noch einmal als Gesellen eingestellt hatte, musste ich mich später endgültig trennen, da er sich zu viele Freiheiten herausnahm. Da er jedoch noch den Werkstattschlüssel besaß, geschah es in den Wochen danach, dass er in Verdacht geriet, derjenige zu sein, der regelmäßig alle zwei Wochen auf den Teppich unseres Windfangs pinkelte, weshalb es irgendwann bestialisch roch, wenn man die Werkstatt betrat. Erst als ich den Teppich entfernte und ich das Schloss austauschte, hörte es auf, nach Urin zu riechen. Von dem neuen Schloss bekam aber keiner der Mitarbeiter mehr einen Schlüssel. Ich nahm mir vor, die Baustellen in Zukunft selber immer zu beliefern, da ich inzwischen endgültig die Nase voll hatte von ihrer ständigen Selbstbedienung.


Verstand oder Glaube

Inzwischen waren schon fünf Jahre vergangen, seit ich nicht mehr mit Ruth und Rebekka in den Gottesdienst ging. Neuerdings gab es aber bei uns zuhause einen Hauskreis, der sich einmal in der Woche bei uns traf. Ich begrüßte zwar die Geschwister, nahm aber nicht daran teil, sondern zog mich auf mein Zimmer zurück. Dabei sehnte auch ich mich nach Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, aber niemand interessierte sich an meiner Kritik am christlichen Glauben, und auch meine atheistische Internetseite www.zeitaufzustehen.de dümpelte ungelesen vor sich hin mit gerade einmal 10 Besuchern pro Woche, die sich dorthin verirrt hatten. Ich machte mich also selbst auf die Suche und entdeckte auf einmal eine Seite namens www.religionskritik.net, wo sich mehrere hochgebildete Atheisten über christliche Themen und Kirchen austauschten und ihre Kritik übten. Ich stellte mich als ehemaligen Christen vor und schrieb einiges aus meiner Vergangenheit. Den Atheisten sträubten sich die Haare, und sie hießen mich herzlich willkommen in ihren Reihen. Schon bald fiel mir jedoch auf, dass es gewisse Parallelen zwischen den christlichen und den atheistischen Fundamentalisten gibt, denn beiden gemein ist die Unfähigkeit, sich in die Sichtweise ihres Gegners hineinzuversetzen.

Ich nahm auch wieder Kontakt zum Prediger Marco auf, da auch ihm der intelligente Austausch gefiel und er sich die Zeit nahm, meinen kritischen Argumenten mit klugen Überlegungen zu widersprechen. Zunächst ging es dabei um die Frage, ob die Aufklärung in Europa eher Segen oder eher Fluch war. Ich schrieb: „Wenn du ernsthaft glaubst, dass die Aufklärung der Menschheit nichts gebracht habe, dann müsstest du doch eigentlich das Gemeindehaus noch viel mehr absichern, z.B. gegen sibirische Reiterhorden, die plötzlich über euch herfallen und jeden Mann abschlachten und alle Frauen vergewaltigen können. Ferner müsste deine Frau zum Beispiel aufpassen, dass sie nicht von irgendjemanden als Hexe denunziert und infolgedessen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Wie erklärst du dir überhaupt, dass ihr euch heute so friedlich versammeln könnt, anstatt von der heiligen Inquisition als Ketzer verurteilt zu werden? Dich müsste man doch eigentlich als Hauptschuldigen auf dem Bremer Marktplatz vierteilen, nicht wahr?“ Marco entgegnete: „Nimm den Westeuropäern ihren Wohlstand und dann werden wir sehen, was sich für ein Unterschied zur Geschichte ergibt. was übrigens verdächtig ist, ist, dass der aufgeklärte Westen weite Teile der Welt so sehr in der Armut und Versklavung belässt. Schöner aufgeklärter Westen!“ Da musste ich ihm recht geben.

Doch erinnerte ich ihn daran, dass wir alle heute von den Früchten der Aufklärung profitieren, nicht nur von der Gedanken- und Redefreiheit, sondern auch von der Wissenschaft und Technik: „Sämtliche Grundrechte des Menschen wurden Jahrhunderte lang mit Füßen getreten, auch und gerade von Seiten der monotheistischen Religionen. Erst die Bildung und später die Technik hat dann dazu geführt, dass die Menschheit heute ein noch nie da gewesenes Leben in Glück und Wohlstand führen kann. Die Armut in den Entwicklungsländern hat sich nicht qualitativ gesteigert, sondern nur quantitativ, d.h. es gibt leider eben immer mehr Menschen dort, die sich die knappen Ressourcen teilen müssen. Tatsächlich aber profitieren auch die Ärmsten immer mehr von den Segnungen des Fortschritts, so dass es wahrscheinlich scheint, dass Armut und Krankheit in der Zukunft eines Tages besiegt sein werden… Der Kapitalismus hat es geschafft, dass alle Ideologien und Weltanschauung integriert werden konnten, indem er durch das Internet jeweilige Marktplätze geschaffen hat. Religion hingegen bedeutet immer Rückschritt und nicht Fortschritt, denn sie ist ja eine Rückbesinnung auf eine vermeintlich verloren gegangene Einheit mit Gott oder dem Übernatürlichen, also eine Regression des verlorenen Sohnes zu seinen imaginären Vater, ein Zurückbleiben auf dem Weg, weil man Angst hat vor der Zukunft.“

Grundsätzlich hatte ich eigentlich nichts gegen einen Glauben, aber er sollte sich an den Bedürfnissen der heutigen Menschen orientieren und nicht mit 2000 Jahre alten Ängsten vor einer imaginären Hölle belastet sein. Warum sollte es nicht möglich sein, aus der christlichen Religion jene Teile herauszunehmen, die sich nicht bewährt hätten? Wenn man sich heute einen Computer kaufe, dann würde man doch auch erstmal sämtliche unnütze Vorinstallationen abändern und überflüssige Zusatzprogramme deinstallieren, die nur Speicherplatz verbrauchen. Warum aber nimmt man diese sinnvolle Anpassung nicht auch bei der Bibel vor, wo doch selbst diese empfiehlt: „Prüfet alles, das Gute behaltet!

Marco schrieb: „Für dich ist der Verstand die höchste Instanz, für mich aber nicht. Das wir deshalb zu anderen Ergebnissen kommen, ist klar. Den Verstand als höchste Instanz anzunehmen, ist genauso eine Glaubensthese, die man genauso wenig hinterfragen kann wie meine, dass Gott die höchste Instanz sei. Der Verstand wird im christlichen Glauben zwar nicht ausgeschlossen, aber er ist zweitrangig…“ Diese Schutzbehauptung wollte ich nicht gelten lassen und erwiderte: „Damit sagst Du indirekt, dass der – in der Bibel beschriebene – Gott den Überlegungen des Verstandes widerspricht, demnach also dem Verstande nicht zugänglich ist, als ob dieser Gott gar nicht verstanden werden will. Ist es aber nicht vielmehr so, dass dieser Gott nur deshalb den Überlegungen des Verstandes widerspricht, weil er ein Produkt von Menschen war, die ihren Verstand nicht ausreichend genutzt haben? Widersprüche lösen sich nicht einfach dadurch in Luft auf, indem man sie mit dem Etikett des ‚Glaubens‘ versieht… Den Verstand zu nutzen, um z.B. Widersprüche aufzudecken, hat nichts mit ‚Glauben‘ zu tun. Ich kann vielleicht glauben, dass ich meinen Verstand richtig genutzt habe; wenn ich mich irre, ist aber nicht der Verstand schuld daran, sondern meine begrenzte Fähigkeit, den Verstand richtig zu nutzen. Wenn ich jedoch Dinge für wahr halten will, die dem Verstand von vornherein widersprechen, dann setze ich mich absichtlich dem Irrtum aus.“

Marco hielt dies für einen „Zirkelschluss“, weil ich durch diese Behauptung ja nur das bestätigen würde, was ich zuvor ja als Ausgangspunkt bzw. Paradigma behauptet hatte („der Verstand ist die höchste Instanz, weil ich die Dinge nur durch den Verstand beurteilen kann“). Da sowohl sein als auch mein System in sich geschlossen sei, gelte es, eine Entscheidung zu treffen, entweder für den Glauben oder für den Verstand. Marco habe kein Vertrauen zu seinem Verstand, sondern nur „Vertrauen in Gott“. Hier erwiderte ich, dass er einem „Gott“ doch gar nicht vertrauen könne, dessen Offenbarungen sich als widersprüchlich erweisen würden. Ich stimmte ihm zu, dass wir eine Entscheidung treffen müssen, „aber die Fähigkeit zu denken, ermöglicht es uns Menschen, dass wir uns aus all den zur Verfügung stehenden Erkenntnissen und Erfahrungen eine eigene Meinung bilden können. Wir können uns darin irren, aber ein solcher Irrtum macht den Menschen nicht schuldig, sondern ehrt ihn im Gegensatz dazu, weil er trotz des Risikos, sich zu irren, den Mut hatte, eine Entscheidung für sich zu treffen. Der Satz ‚Ich habe Vertrauen in Gott‘ macht eigentlich überhaupt keinen Sinn, weil er voll ist von Voraussetzungen, die willkürlich festgelegt wurden. Der Philosoph Wittgenstein hat einmal gefordert, dass nur solche Sätze einen Sinn haben, deren Begriffe und Themen sich verifizieren lassen, d.h. ob es sie gibt oder nicht, bzw. ob sie wahr sind oder nicht. Worte wie ‚Gott‘ machen von vornherein keinen Sinn, weil es sich um Begriffe handelt, deren Bedeutung unklar und willkürlich ist (d.h. jeder legt eine eigene Bedeutung hinein).“

Der Dialog ging dann noch eine ganze Woche weiter so. Marco blieb dabei, dass ich aus meinem „Denksystem“ ihn nie verstehen könne, weil man dazu glauben müsse. Gerade weil der Mensch nicht alles verstehen könne, sei es doch vernünftiger, sich nicht auf seinen begrenzten Verstand zu verlassen, sondern auf Gottes Offenbarung. Ich entgegnete: „Der Begriff ‚Gott‘ ist nichts Eindeutiges, sondern etwas Schwammiges. Jeder Gläubige hat seinen eigenen Gott, auch wenn viele bei sich Übereinstimmungen feststellen. Eine Behauptung wie die: ‚Gott hat sich den Menschen geoffenbart‘ liefert statt Antworten nur viele neue Fragen: 1. Welcher Gott? Wer war Zeuge? 3. Wo ist der Beweis? 4. Warum glaubst Du das? 5. Was bedeutet das? Usw. Wenn es noch nicht einmal einen Beweis für die Existenz Gottes gibt, dann gibt es erst recht keinen Beweis für das Handeln Gottes? Alles bleibt nur Bestandteil der Vorstellung und Fantasie. Der Begriff ‚Vertrauen‘ verrät indes, wo der Hase im Pfeffer liegt: Der Glaube ist eine Psychopathologie, d.h. eine Störung des Gefühlslebens. Gott ist ein Teddy für Erwachsene.“ Zugleich sei sein Gottesbild aus meiner Sicht unreflektiert und geradezu verlogen. Denn während er die Religionsfreiheit in Deutschland für selbstverständlich hält, habe er kein Problem damit, an einen Diktator-Gott zu glauben, der seine Kritiker mit dem Höllenfeuer bestrafe, da er Kritik nicht dulde. Und wenn er behaupte, dass der Mensch Gott gar nicht erkennen könne mit seinem Verstand, sondern nur im Glauben, dann könnte ein solcher Gott die Ungläubigen auch nicht mehr zur Rechenschaft ziehen für ihren Unglauben, wenn er ihnen absichtlich den Glauben vorenthalte. Das könne man nicht mehr mit unterschiedlichen Denksystemen entschuldigen, sondern sei schlichtweg ein Selbstbetrug. „Mit Deinem Modell von den zwei Denksystemen versuchst Du nur, Deine Argumentationsschwäche zu verschleiern und sie als nicht weiter zu begründendem Sachzwang darzustellen.“

Die Theodizee-Frage, d.h. die Frage nach Gottes Rechtfertigung für erlittenes oder angedrohtes Leid, war für einen Atheisten wie mir die entscheidende Bedingung, um mich für den Glauben öffnen zu können. Die Unaufrichtigkeit und mangelnde Bereitschaft meiner Umgebung, mir eine plausible Antwort zu geben, hatte mich all die Jahre daran gehindert, Gott zu suchen. Auch mein Bruder Marcus versuchte immer wieder, auf mich einzuwirken, dem Glauben doch noch mal eine Chance zu geben. Ich sagte: „Wenn ich nur einen einzigen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, dass Gott existiert. Aber selbst, wenn es ihn gäbe, nützt mir dieses Wissen nichts, weil er schweigt und scheinbar kein Interesse hat, sich den Menschen unmissverständlich zu zeigen.“ Marcus entgegnete, dass sich Gott doch allen Menschen längst geoffenbart habe durch die Natur und sie deshalb ohne Entschuldigung seien. „Jeder Mensch weiß im Grunde, dass es einen Gott gibt“ – „Nein, das ist totaler Quatsch, was Du sagst, denn ich weiß z.B. nicht, dass es einen Gott gibt, obwohl ich es nur allzu gerne wüsste. Nur eines ist sicher, dass es den Gott der Bibel nicht geben kann, da die Bibel ihn völlig unglaubwürdig darstellt. Er verlangt von den Seinen Feindesliebe, kann aber selber seinen Feinden angeblich nicht mehr vergeben. Das macht alles doch gar keinen Sinn!


Manische Projektionen

Seit mein kleiner (1,98 m großer) Bruder Patrick ein paar Jahren nach Vechta zog, etwa 1 Std von Bremen entfernt, sahen wir uns deutlich seltener, worunter er sehr litt. Meist war er es, der mich anrief, aber dann häufig nur von seinen Erfolgen als Küchenverkäufer sprach, was mich eher langweilte. Doch seitdem seine Frau Manuela vor drei Jahren an Magersucht erkrankt war, erzählte er mir immer häufiger von seiner Sorge, dass sie demnächst sterben könnte, da sie nur noch Haut und Knochen sei. Doch seit Beginn dieser Essstörung hatte sich Manuela auch in ihrem Sozialverhalten auffällig verändert. Patrick klagte, dass sie phasenweise völlig ausrastete und dann Patrick aufs übelste Beschimpfte mit Sätzen wie: „Du bist eine Strafe für mich! Du bist einfach eine Zumutung! Was haben die bloß mit dir gemacht!“ Diese plötzlichen Wutausbrüche geschahen häufig in dem Moment, wenn Patrick ein von ihr angebotenes Essen oder eine Süßigkeit ablehnte mit den Worten: „Nein Danke, ich habe gerade keinen Hunger, Liebste.“ Wenn sie dann in Rage geriet, nahm sie auch keine Rücksicht auf die beiden Kinder, Eva (9) und David (6), die völlig verstört waren. Manchmal schlug sie ihn auch, ohne dass Patrick sich wehrte oder auch nur ein einziges Wort sagte. Ganz offensichtlich litt Manuela an einer gestörten Wahrnehmung, denn das was sie dem Patrick an Beleidigungen vorwarf, das traf eigentlich viel eher auf Manuela zu und gab einen erschreckenden Einblick in die Traumata ihrer Kindheit.

Doch nicht nur ihre verbale Raserei war ungewöhnlich, sondern auch ihr völlig übertriebener Drang nach sportlicher Betätigung. So gab es kaum einen Sport, den sie nicht praktizierte und strapazierte ihren durch die Magersucht bereits geschundenen Körper bis an die äußerste Grenze der Belastbarkeit. Patrick machte sich schon keine Hoffnungen mehr, dass sie das noch überleben würde und zog sich resigniert in die Gartenarbeit zurück. Ich konnte nicht verstehen, warum er nicht mal endlich Tacheles redete und sie mit der Realität konfrontierte. Aus meiner Sicht gehörte Manuela in die Psychiatrie, aber sie nahm ihre Störung überhaupt nicht wahr. Mich wunderte auch, dass ihre Lehrerkollegen nicht merkten, dass Manuela nicht alle Tassen im Schrank hat. Wenn sie mal mit Patrick zu Besuch kam, dann redete sie ununterbrochen, ließ aber keinen Widerspruch zu. Doch in letzter Zeit mied sie sogar jeden Kontakt mit uns, weil sie vielleicht ahnte, dass wir sie ansprechen könnten auf ihre extreme Magerkeit und ihre Wahnvorstellungen.

Vor kurzem fand ich den Ausdruck eines Skype-Chats, den ich im Sommer 2013 mit Manuela führte und der deutlich macht, wie schwierig es ist, eine psychisch Erkrankte auf die Notwendigkeit einer Therapie hinzuweisen, wenn die Leugnung der Krankheit ein folgerichtiger Bestandteil des Realitätsverlustes ist. Anlass des Austausches war ein geplanter Besuch von Patrick (gekürzt):

Manuela: „Wir könnten so um 12:00 Uhr da sein, ich würde mit den Kindern aber etwas anderes unternehmen und Patrick dann später wieder abholen.

Simon: „Ja, Freitag wäre gut, weil dann nichts mehr anliegt. Es wäre schön, wenn du auch dabei wärst und die Kinder. Findest du es nicht auch komisch, wenn du jeder Begegnung mit uns immer aus dem Wege gehst? Ich meine, wir tun doch nichts, und die Kinder haben sich auch immer wohl gefühlt bei uns.“

Manuela: „Simon, bei solch einer frechen Unterstellung, ich würde euch meiden, möchten wir alle vier gar nicht kommen, auch Patrick sagt hiermit ab. Es steht dir nicht zu, zu behaupten, ich würde euch meiden, das ist absolut nicht meine Absicht… wir möchten zu solchen Beurteilern keinen Kontakt, danke.“

Simon: „Wenn du das nur einmal oder zweimal gemacht hättest, dann würde mir das jetzt leichter fallen, das zu glauben, aber seit Monaten versuchst du, jedes Gespräch zu vermeiden, und das weißt du auch. Bitte mach dir doch nichts vor, Manuela, wir alle wissen, dass du krank bist und eigentlich Hilfe brauchst, und genau deshalb flüchtest du ja auch vor uns, weil du Angst hast, dass wir dich darauf ansprechen würden. Dir kann aber nur geholfen werden, wenn du endlich ehrlich wärst und dir nicht länger selber etwas vormachst. Es ist auch nicht gut, wenn du für Patrick sprichst, weil du ihn dadurch entmündigst. Lass ihn doch selber entscheiden, ob er kommen möchte oder nicht. Du sprichst immer von ‚wir‘ und meinst in Wirklichkeit nur ‚ich‘.

Manuela, du solltest auch nicht denken, dass ich etwas gegen dich habe. Es ist genau das Gegenteil: wir machen uns alle große Sorgen um dich, weil du so abgemagert bist. Und jetzt fürchten wir, dass auch eure Kinder unter dieser Situation leiden. Wenn ich mir David und Eva so anschaue, dann habe ich den Eindruck, dass sie auch schon einen ‚Knacks‘ bekommen haben, denn ihnen ist alle Lebensfreude abhandengekommen, seit Du ständig rumschreist. Ich kann mir das Elend kaum länger mit anschauen und habe sogar schon überlegt, ob ich das Jugendamt einschalten sollte. Denn wenn Patrick nichts unternehmen will, weil er resigniert hat, dann will ich mich wenigstens nicht mit schuldig machen, wenn die Sache jetzt noch weiter eskaliert.

Manuela: „Simon, tut mir leid, aber du leidest echt unter Minderwertigkeitskomplexen. Das habt ihr alle von eurem Vater. Ich möchte mich so wirklich nicht treffen und Patrick auch nicht. Wir distanzieren uns hiermit von euch, brechen den Kontakt ab und möchten keine weiteren Lästereien in deiner poppeschen Familie. Du scheinst vieles im menschlichen Umgang noch nicht gelernt zu haben und solltest erst mal vor dir selbst deine Rolle in den Griff bekommen, bevor du andere runtermachst. Lass uns in Ruhe und suche dir Hobbys, die dich erfüllen, damit du solch ein Abarbeiten in deiner Umwelt nicht mehr nötig hast. Du musst ständig der Vorreiter der Familie sein und das ist ein Zeichen deiner Erstgeburt und ganz normal. Ich kenne das von mir auch. Man darf nur nicht überheblich und arrogant werden … Was haben sie dir nur angetan, dass du solche Urteile fällst? Lass uns in Ruhe, du kannst doch nicht auch noch die Kinder verurteilen! Du bist krankhaft neidisch! Wir lassen das nun und brechen den Kontakt ab. Gute Nacht.“

Simon: „Manuela, ich kann dir all den Schwachsinn verzeihen, den du mir geschrieben hast, denn deine Worte sind ja ein Teil deiner kranken Wahrnehmung. Du glaubst, wenn du den Spieß jedes Mal umdrehst und diejenigen angreifst, die dir helfen wollen, dass du dich dadurch schützen könntest. Aber deine Krankheit ist ja längst allen offenbar und dein Leugnen bringt dir nichts. Wenn du dich umbringen willst (oder der Dämon in dir) dann mach es. Aber wenn du durch dein extrem gestörtes Verhalten deine Kinder gefährdest, dann ist mir das nicht egal. Ich werde morgen mal beim Jugendamt anrufen und die Sache melden. Wenn das Jugendamt nichts unternimmt, dann machen Sie sich mitschuldig.

Manuela: „Simon, du bist krank! Was fällt dir eigentlich ein, uns zu beurteilen! Wie spielst du dich eigentlich auf – hast du keinen Respekt?!

Am nächsten Tag wurde mir dann jedoch klar, dass ich alles nur noch schlimmer machen würde, wenn ich beim Jugendamt anriefe, zumal ich Patrick dadurch hintergehen und sehr verletzen würde. Er hatte ohnehin die Hoffnung aufgegeben und meinte, dass Manuela sowieso bald sterben würde. Deshalb hätte sie es verdient, dass wir wenigstens die letzten Tage mit ihr liebevoll umgehen und sie nicht bedrängen. Aber würde Patrick auch mit dem Vorwurf weiterleben können, nicht alles versucht zu haben? Wenn ich verhindern wollte, dass Manuela sich zu Tode hungert, dann musste ich ihr Herz gewinnen. Aber das konnte ich unmöglich mit Drohungen. War ihr überhaupt bewusst, dass sie schon bald unter der Erde liegen würde? Manuela musste meine ernste Sorge und Verzweiflung spüren, damit sie mir glaubt, dachte ich. Ich schrieb ihr also eine weitere Nachricht:

Liebe Manuela, ich bitte dich hiermit um Vergebung für all die Heuchelei, mit der ich Dir in den letzten Monaten begegnet bin, indem ich aus falscher Rücksichtnahme auf Patrick und eure Kinder immer gute Miene zum bösen Spiel gemacht und so getan habe, als ob nichts wäre, weil ich Angst hatte, dass Du in Deinem kranken Wahn völlig ausrasten würdest, wenn ich Dir ehrlich gesagt hätte, dass wir uns alle Sorgen um Dich machen. Vielleicht hätten wir Dich noch retten können, wenn wir nur den Mut gehabt hätten, Dich rechtzeitig zu warnen, als wir bei Dir die ersten Anzeichen sahen. Wir haben uns alle schuldig gemacht an Dir, weil uns der oberflächliche Friede wichtiger war als Deine Gesundheit. Wir wollten unsere Hände in Unschuld waschen, als wir sagten: nur Gott kann Manuela jetzt noch helfen! Jetzt ist es zu spät.

Ich bitte Dich auch um Vergebung wegen all meiner Rechthaberei und Eitelkeit, die Du zurecht an mir kritisiert hast und die meinem Anliegen einen Bärendienst erwiesen hat, weil Du Dich durch diese noch mehr verhärtet und abgekapselt hast. Schau nicht auf mich denn an mir ist wirklich nichts Edles und Wertvolles. Ich bin ein Scheißkerl und ein Arschloch. – Aber trotzdem liebe ich Dich, nicht nur weil Du die Frau meines Bruders bist, sondern weil Du auch wirklich liebenswert bist. Bitte schau auch nicht auf all die anderen, die Dich in ihrer Oberflächlichkeit und falschen Betroffenheit ansehen und hinter Deinem Rücken über Dich herziehen. Nein, ich bitte Dich nur: Schau auf Deine Kinder, die noch zu klein sind, um all das ertragen zu können, was sich zu Hause bei Euch abspielt. Nimm Rücksicht auf ihre zarten Seelen, denn sie können nirgendwo hin flüchten, wenn Du Patrick anschreist und werden ihr Leben lang an den Verletzungen ihrer Seele leiden, die Du ihnen zufügst.

Ich glaube nicht, dass Du noch lange leben wirst, deshalb wünsche ich Dir und Deiner Familie für den Rest Deiner Lebenszeit von Herzen Ruhe und Frieden. Ich werde auch nicht das Jugendamt anrufen oder Deine Eltern, weil ich Angst habe, dass es Dir und Deinen Kindern nur noch mehr schaden würde. Friede Dir!

Simon

Wider Erwarten hat Gott die Manuela auf einmal von ihrer Magersucht geheilt. Sie nahm wieder Essen zu sich und sieht heute völlig normal aus. Wir sind deshalb voller Zuversicht, dass der HErr sie auch noch von ihren manischen Wutanfällen heilen wird. Patrick wurde durch diese Erfahrung nach jahrelanger Lethargie in seinem Glauben erweckt und ist seitdem ein entschiedener Christ. Er ließ sich Ende 2013 auch noch einmal biblisch taufen. Manuela geht seit längerem mit ihm in eine evangelikale Gemeinde in Vechta.


Juli bis Dezember 2013

Ehrlichkeit

Im Sommer 2013 waren wir mal wieder in der Evangelischen Bekenntnisschule am Arbeiten, die uns fast jedes Jahr in den Ferien Klassenräume streichen ließ. Auf einmal kam ein junger Zigeuner in die Schule und fragte mich auf Englisch, ob dies eine Freikirche sei, denn er habe draußen ein Kreuz gesehen. Ich kam mit ihm ins Gespräch, und er erzählte mir, dass er erst seit kurzem in Deutschland sei und bei seinem Onkel in einer Asylunterkunft lebe. Traian Banghios (28) war ein gläubiger Christ aus Rumänien und auf der Suche nach Arbeit. Als Zigeuner sei es für ihn trotzt seiner akademischen Ausbildung schier unmöglich, in Rumänien Arbeit zu finden, wie er mir sagte, da die Rumänen mit Zigeunern nichts zu tun haben wollten. Traian hatte irgendwie einen sehr traurigen Gesichtsausdruck - wie ein geschundener Köter, den man immer wieder getreten hatte, weshalb er mir sehr leidtat. Ich lud ihn zu mir nach Haus ein und wir freundeten uns an. Da ich 1991 mal für vier Monate in Rumänien gelebt hatte, lag mir sein Schicksal am Herzen. Deshalb versprach ich ihm, ihm zu helfen, soweit ich es konnte. Er wollte sich auch nur für ein paar Monate etwas Geld verdienen und dann am Ende des Jahres nach Rumänien zurückkehren. Er lud mich sogar ein, ihn mal in Rumänien besuchen zu kommen, wenn ich Zeit hätte.

Da Traian kein gelernter Maler war und auch noch kein Deutsch konnte ließ ich ihn Werbezettel verteilen für 12,- €/Stunde und bot ihm an, kostenlos in meiner Werkstatt zu wohnen. Ich hatte auf dem Sperrmüll ein Sofa gefunden, das ich in das Büro der Werkstatt tat, samt einen Schrank und einen Tisch. Dann ließ ich 3000 Werbeflyer drucken und erklärte Traian, was er beim Verteilen beachten müsse. So verteilte er jeden Tag etwa 2-3 Stunden und schrieb mir die Namen der Straßen auf, wo er verteilt hatte. Da er Christ war, vertraute ich ihm blind. Doch als ich ihm nach zwei Wochen seinen Lohn zahlen wollte, machte ich einen Test, um seine Ehrlichkeit zu überprüfen: Ich gab ihm acht 50,-€-Scheine und sagte: „Hier, Traian, sind Deine 350,-€.“ Er nahm das Geld, zählte nach und steckte es ein, ohne mich darauf hinzuweisen, dass ich mich verzählt hätte. Ich sagte nichts.

Zwei Wochen später war wieder Zahltag, und ich gab ihm schon wieder 400,- € statt 350,- €, wobei ich wieder den gleichen Satz sagte. Und schon wieder zählte Traian das Geld und steckte das Geld ein, ohne mit der Wimper zu zucken. Doch dann sagte ich: „Traian, das ist jetzt schon das zweite Mal, dass ich Dir absichtlich 50,-€ mehr gegeben habe, als Dir zusteht, weil ich Dich testen wollte, ob Du ehrlich bist, aber Du hast den Test leider nicht bestanden. Jetzt weiß ich, dass ich Dir nicht vertrauen kann.“ Sofort reichte mir Traian einen der 50,-€-Scheine und schaute mich beschämt an. Ich sagte: „Es ist zu spät, Traian. Wenn das Vertrauen erstmal zerstört ist, wie kann es wieder hergestellt werden?“ Traian schaute mich verängstigt aus seinen scheuen Augen an, ohne auch nur ein Wort zu erwidern. Er tat mir leid, und ich brachte es nicht übers Herz, ihn zu kündigen. Stattdessen schimpfte ich mit ihm, dass er sich als Christ schämen sollte, so unehrlich zu sein. Er versprach mir, dass es nie mehr passieren würde, und ich wollte es glauben. Tatsächlich betrog mich Traian später noch viele Male, so dass wir ein Jahr später im heftigen Streit auseinandergingen, doch dazu später mehr.

Dass ich dem Traian verzeihen konnte, lag wohl auch daran, weil ich selber auch nicht viel ehrlicher war, sondern ständig ein Doppelleben führte, sei es in meiner Ehe oder auch den Kunden gegenüber: ich gab mich stets so, wie es meine Umwelt von mir erwartete, aber niemand durfte wissen, welche Abgründe sich auftäten, wenn sie wüssten, wer ich wirklich war. Dies war aber auf Dauer sehr anstrengend, und so nutzte ich die Gelegenheit, als mich die Psychologin meiner Tochter zu sich zitierte, um mit mir über Rebekka zu sprechen, um ihr meine Lage offen zu schildern. „Wissen Sie, ich bin im Grunde wie ein Schauspieler…“ Sie lächelte und sagte: „Ja, genau wie ihre Tochter“. Ich schaute sie überrascht an und fragte: „Wie meinen Sie das?“ – „Ihre Tochter hat doch das gleiche Problem wie Sie: Sie muss ein Doppelleben führen, weil ihre Mutter sehr streng ist und ihr nur wenig Freiheit einräumt.“– „Echt? Was tut sie denn Heimliches?“ wollte ich wissen. „Das darf ich Ihnen natürlich nicht sagen. Aber ich möchte Ihnen dringend raten, sich mehr mit Ihrer Tochter zu unterhalten, denn sie würde sich Ihnen gegenüber gerne öffnen, wenn Sie nicht immer so beschäftigt wären.“ – „Den Eindruck habe ich aber gar nicht, sondern ganz im Gegenteil: jedes Mal, wenn ich Rebekka etwas frage, weicht sie aus und verschwindet sogleich, weil sie wieder irgendein Treffen mit einer ihrer Freundinnen hat.“ – „Dann ergreifen Sie die Initiative! Unternehmen Sie etwas mit ihrer Tochter! Sie hält viel größere Stücke von Ihnen, als Ihnen vielleicht bewusst ist. Vielleicht wird sie sich Ihnen dann selbst öffnen.“

Etwas mit Rebekka unternehmen? Eine gemeinsame Reise etwa? Sie ist doch schon fast 18 und wird doch kaum mehr etwas mit ihrem Vater unternehmen wollen. Aber vielleicht irrte ich mich. Ich sprach mit Ruth darüber und fragte, ob sie eine Idee hätte. „Ihr könnt doch mal zusammen nach Mallorca reisen. Frag sie doch mal.“ Zu meiner Überraschung war Rebekka sofort bereit und sogar hoch erfreut über diesen Vorschlag. Also buchten wir einen Flug und fuhren in der letzten Ferienwoche nach Mallorca, - nur Rebekka und ich. Wir mieteten uns jeder ein Fahrrad und später auch einen Mietwagen, um die Insel auszukundschaften. Dabei war unsere Neugier so groß, dass wir keine Attraktion ausließen. Sogar an einer Höhlenwanderung nahmen wir teil und hatten gemeinsam viel Spaß. Auf dem Rückflug sagte ich zu Rebekka: „Nächstes Jahr können wir uns ja mal ein Wohnmobil leihen und damit quer durch Europa nach Rumänien fahren, denn dort wohnt ein Bekannter von mir, den wir besuchen könnten.“ Rebekka sagte: „Au ja! Gerne!


Gute Werke

Eines Abends schaute ich mit Ruth zusammen eine Doku über eine amerikanische Aussteigerfamilie, die mich sehr berührte. Es waren strenggläubige Christen, die sich in der Abgeschiedenheit der Rocky Mountains ein Stück Land und eine Farm gekauft hatten, um dort ihre zehn Kinder vor dem Einfluss der Welt zu bewahren. Anlass für diesen Ausstieg war, dass die Ehe der Eltern vor Jahren in einer Krise war. Der Vater (50) hatte zehn Jahre zuvor in der Computerbranche gearbeitet und vertrieb seine Freizeit nur noch mit Computerspielen. Doch dann erlebte er eine Erweckung seines Glaubens und entschied sich, zusammen mit seiner Frau einen Neuanfang mit dem HErrn zu wagen. Dadurch wurde nicht nur ihre Ehe geheilt, sondern Gott schenkte ihnen auch noch viele weitere Kinder, die sie zuhause unterrichteten und mit denen sie jeden Abend zusammen in der Bibel lasen. Ich kann mich noch gut an eine Szene erinnern, als die 17-jährige Tochter mit dem Traktor von der Feldarbeit kam und am Steuer gefragt wurde, ob sie schon einen Freund habe. Sie lächelte und drehte verlegen mit der Hand in ihrem Zopf, als sie antwortete: „Nein, dafür bin ich auch noch zu jung. Aber wenn die Zeit gekommen ist, dann wird mein Vater für mich einen Mann erwählen, und darauf freue ich mich schon!“ Sie strahlte über das ganze Gesicht und ich dachte: Das darf doch nicht wahr sein!

Mir war, als wenn tief in mir sich etwas geregt hatte. Eine Sehnsucht nach der heilen Welt. Aber für mich war dieses Leben unerreichbar fern. Doch schon kurz darauf erfuhr ich durch die Nachrichten, dass man in Bayern eine urchristliche Gemeinschaft, die „Zwölf Stämme“ heimlich ausspioniert habe und nach Feststellung von Kindesmisshandlungen 40 Kinder mit Polizeieinsatz vom Hof mitgenommen und den Eltern das Sorgerecht entzogen hatte. Dieses Verhalten machte mich sehr traurig, denn es erinnerte mich an die Worte meines christlichen Lehrmeisters Daniel Werner, der 20 Jahre zuvor schon in einer Predigt davor gewarnt hatte, dass die körperliche Züchtigung von Kindern – wie sie die Bibel vorsieht – eines Tages noch zum Anlass genommen werde, dass man den gläubigen Eltern die Kinder wegnehmen würde. Ich diskutierte dieses behördliche Verhalten mit der Comunity auf religionskritik.net, wobei ich die Christen in Schutz nahm. Darauf wurde ich von allen massiv kritisiert und als reaktionär beschimpft. Man warf mir vor, dass ich insgeheim immer noch an meinen christlich-fundamentalistischen Wurzeln festhalten würde, was ich jedoch vehement von mir wies. Irgendwie erschien es mir, als wenn die Atheisten genauso fundamentalistisch und gleichgeschaltet sind wie die Christen. Es gab auch bei ihnen nur eine Meinung, die man haben durfte.

Tatsächlich fühlte ich mich unter den Atheisten allmählich immer unglücklicher, denn sie waren nur eitle und arrogante Besserwisser, aber keine Vorbilder für mich. Da waren mir solche radikalen Überzeugungstäter wie jene Christen schon lieber, auch wenn ich nichts mit ihren christlichen Überzeugungen anfangen konnte. Sie waren bereit, gegen den Strom zu schwimmen und wollten nichts weiter, als nach ihrem Glauben leben. Warum mischte sich der Staat überhaupt ein? Wenn man die Ideen der Aufklärung von einer Glaubens- und Meinungsfreiheit wirklich ernst meine, dann müsse man auch solche exotischen Ansichten tolerieren und dürfe Menschen nicht vorschreiben, was sie unter Glück und Freiheit zu verstehen hätten. Und wenn man den Juden und Muslimen im Land die Beschneidung gewähre, warum dann nicht den strengen Christen die körperliche Züchtigung, die doch weit aus weniger schädlich für sie ist als die Beschneidung, bei der man die Kinder ja schließlich auch nicht fragte, ob sie damit einverstanden sind. Soll der Staat ein Recht auf die Kinder haben? Aus welchem Naturrecht leitet sich diese Ansicht ab? Ist denn der Staat etwas anderes als ein theoretisches und damit willkürliches Konstrukt? Warum sollte die Mehrheit recht haben? Die Mehrheit hat aber keine festen Werte, sondern alles ist wechselhaft und manipulierbar.

Im Hebst 2013 wurde kurz vor der Bundestagswahl die sog. NSA-Affäre bekannt. Der Whistleblower Edward Snowden (30), der zuvor für den amerikanischen Spionagedienst NSA arbeitete, hatte sich nach Russland abgesetzt und zuvor sämtliche verdeckte Abhörmaßnahmen der USA preisgegeben. Er war zwar streng genommen ein „Verräter“ wie zuvor Julian Assange (WikiLeaks), aber er handelte nach seinem Gewissen und deckte letztlich nur das Unrecht auf, an dem er zuvor selbst beteiligt war, unter Inkaufnahme dadurch nicht nur seine Arbeit, sondern auch seine Freiheit lebenslang zu verlieren. Solche Überzeugungstäter waren für mich echte Vorbilder. Sie redeten nicht nur, sondern handelten nach ihrem Gewissen. Wie viele Gelegenheiten aber ließen wir im Alltag ungenutzt! Oftmals begnügt man sich nur mit der Empörung über das Unrecht in der Welt, anstatt selber mal auf die Idee zu kommen, etwas dagegen zu tun.

Ich erinnerte mich wieder an Franz von Assisi und an jene Filmszene, als er eines Abends am Ufer eines Sees bei Perugia plötzlich ein Bekehrungserlebnis hatte und einem Leprakranken seinen kostbaren Mantel schenkte, damit er nicht fror in der Nacht. Dieses Bild von der tränenreichen Umarmung des Leprakranken hatte sich tief in mein Herz geprägt. Wieviel Lebenszeit vergeuden wir sinnlos mit dem Verfolgen politischer Talkrunden, die uns ungefragt im Fernsehen angeboten werden und uns die Illusion vermitteln, Akteure des politischen Geschehens zu sein, obwohl wir doch nur passive Beobachter sind ohne Einfluss! Wahlen geben uns zwar die Illusion, etwas verändern zu können, aber ihre Bedeutung steht in keinem Verhältnis zu dem Maß an Interesse, dass wir ihnen beimessen. Nach der Wahl bleibt vor der Wahl, und am Ende diente alles nur der bloßen Unterhaltung, weil sich im Grunde kaum etwas verändert. Als der Philosoph Ludwig Wittgenstein im 19. Jh. An jenen Punkt gelangt war, dass es keinen Sinn machte, ständig nur über Begriffe und Bedeutungen nachzudenken, da kündigte er seine gut bezahlte Professur in Cambridge und zog sich in ein kleines Bergdorf in Österreich zurück, um dort für ein kleines Salär als Grundschullehrer zu arbeiten, da er dies als wesentlich sinnvoller hielt.

Auch ich entschied mich deshalb, wieder ehrenamtlich tätig zu werden und schloss mich dem Verein „Fluchtraum“ an, der in Bremen-Lesum ein Flüchtlingsheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unterhielt, um diese an „Paten“ zu vermitteln. Ich bot dem Verein an, zukünftig Praktika und Ausbildungsplätze bereit zu stellen, um den Flüchtlingen einen Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Dieses Engagement sprach sich dann schnell bei den Behörden Bremens herum, so dass ich in den Folgejahren regelmäßig jedes Jahr mehrere Jugendliche als Praktikanten bekam, von denen einige im Anschluss auch eine Ausbildung machten. Das Hauptproblem war jedoch oftmals nicht nur die sprachliche Verständigung, sondern auch die kulturelle. Ein Jugendlicher aus Gambia hörte z.B. den ganzen Tag seine muslimischen Predigten bei der Arbeit. Ein Senegalese, dem ich den Auftrag gab, unseren Kellerraum aufzuräumen, kam schon nach 5 Minuten wieder zurück. Ich fragte ihn: „So schnell bist Du schon fertig?!“ Er sagte: „Nein, sondern da war eine afrikanische Putzfrau im Treppenhaus, und ich habe ihr gesagt, dass sie den Keller aufräumen soll.“

Durch das Lesen der Bücher des Kapitalismuskritikers Jean Ziegler stellte ich fest, dass ich im Grunde wie die Linken dachte. Daher ging ich eines Tages zu einer Veranstaltung der Linkspartei in Bremen, um zu prüfen, ob ich mich vielleicht den Linken anschließen sollte. Der Redner, Peter Erlanson, ein Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft, hielt einen Vortrag, warum der Marxismus der einzige Weg sei, um eine gerechte Welt zu schaffen. In der anschließenden Diskussionsrunde fiel mir auf, dass ich der einzige Neue unter den dunkelroten Erzkommunisten war. Ich meldete mich und erklärte, dass das Hauptproblem der Menschheit nicht die mangelnde Gerechtigkeit sei, sondern die fehlende Liebe. Wenn die Menschenliebe wieder den Platz bekäme, der ihr zustünde, dann würden sich alle Probleme von ganz allein lösen. Eine furiose Frau fiel mir ins Wort und schrie laut: „ICH WILL KEINE LIEBE, SONDERN ICH WILL MEINE RECHTE ALS HARTZ-IV-EMPFÄNGERIN!!! Das ist doch alles leeres Gerede von Wegen LIEBE! Damit wollen die Herrschenden doch nur die Entrechteten einlullen!

Traurig ging ich nach Haus und merkte, dass die Linken letztlich auch keine Liebe hatten, sondern voller Neid und Bitterkeit auf die Reichen schauten. Ich setzte mich an den PC und schrieb auf meine Internetseite ein emotionales Plädoyer für die Liebe mit folgendem Inhalt:

An die Bewohner der Erde

Ich fordere die Rückkehr der Liebe. Sie ist schon seit Jahren in Verbannung, im "Exil“. Wir haben das Kind in uns verbannt. Es musste weichen, weil wir uns den gesellschaftlichen Konventionen unterworfen haben, welche uns jeden Ausdruck an Spontanität und Emotionalität verbieten. Warum gibt es zum Beispiel im Bundestag niemanden mehr, der weint? Oder warum darf auf einer Aktionärsversammlung niemand laut pupsen oder rülpsen (wo dies doch eigentlich ganz natürliche Ausdrucksformen der menschlichen Physiologie sind)? Vor allem aber: warum wird sich nicht an allen Orten und zu jeder Zeit spontan geküsst und gestreichelt, um dadurch seine Gefühle auszudrücken?

Warum ist uns das Kindliche nur so peinlich? Wovor haben wir Angst? Dass man uns nicht mehr ernst nimmt? Dass wir von anderen geringgeschätzt werden? Das mag ja alles sein. Aber zeigt solch eine Reaktion nicht ein viel gravierenderes Problem auf? : Wir werden von anderen nicht wirklich geliebt.

Über die zwischenmenschliche Liebe zu sprechen ist heute eher ein Tabu. Liebe ist zur Privatsache verkommen. Aber das ist auch die eigentliche Ursache, warum unsere Gesellschaft so sehr krankt. Die Bedeutung der Liebe wurde reduziert auf Partnerschaft, häufig sogar nur noch auf die Sexualität. Aber ist das richtig so? Geht es uns dadurch wirklich besser, wenn wir zu unseren Mitmenschen eine permanente Distanz aufrecht halten? Warum beginnen wir nicht einfach, dieses Joch der Konventionen zu durchbrechen, um der Liebe wieder den Platz einzuräumen, der ihr gebührt? Warum wollen wir uns nicht als EINE große Familie begreifen, in welcher sich zwar gestritten, aber vor allem GELIEBT wird?

Die Liebe ist eigentlich so wichtig, dass man sie zum Maßstab nehmen sollte in allen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen. Wer die Liebe zu seinem Leitmotiv macht, der wird wahrscheinlich keinen Krieg mehr als ‚gerecht‘ hinnehmen und auch keine Unterdrückung und Ausbeutung tolerieren, sondern seine Güter mit anderen teilen wollen, weil er sie als Geschwister ansieht. Viele Fragen sind natürlich sehr komplex und brauchen einer gründlichen Analyse und Abwägung. Aber die Liebe kann als Maßstab und Kompass dienen, der die Richtung angezeigt.

Liebe kann nicht von oben verordnet werden, aber sie kann als Idee in uns wachsen und Frucht bringen. Jeder von uns ist zur Liebe fähig und kann das Lieben lernen, denn wir waren alle einmal Kinder. Für viele Menschen ist das Leben auf der Erde ein einziger Albtraum, aber wir können ihnen helfen, dass sie aus diesem Albtraum erwachen und sich am Leben wieder freuen können.

Deshalb: fange heute an zu lieben! Nimm es dir für jeden Tag vor! Übe dich auch darin, die unangenehmen Menschen zu lieben. Du wirst sehen, dass sich dann auch deine Umwelt verändern wird. Andere werden dich als sympathisch empfinden, weil du ihnen zuhörst und dir Zeit nimmst. Hinterlass Spuren auf deinem Weg durchs Leben, dann werden dir andere folgen!

Der befürchtete Hirntumor

Ende 2013 erzählte mir meine Mutter bei einem Besuch, dass ihr Krebs zurückgekehrt sei. Sie bekam ja schon vor zwei Jahren mal die Diagnose Brustkrebs und ließ sich deshalb operieren. Dabei wurden ihr vorsichtshalber auch die Lymphknoten entfernt, aber scheinbar nicht vollständig. Denn nun hatte man bei einer Nachkontrolle entdeckt, dass sie neue Metastasen hat, und zwar in der Wirbelsäule. Meine Mutter war darüber etwas traurig, aber sie hatte Vertrauen im HErrn, dass Er über ihre Gesundheit wachen würde und nichts ohne Seine wohl bedachte Zustimmung geschieht (Röm.8:32). Sie lehnte deshalb auch eine Chemotherapie oder Bestrahlung ab, weil sie lieber auf Gottes Willen vertrauen wollte. Dennoch war sie sich der Möglichkeit zu sterben bewusst, aber wollte auch dies willig aus Gottes Hand annehmen. Sie hatte uns schon als Kinder ermahnt, dass wir bei ihrem Tod nicht weinen dürften, sondern wollte statt einer Trauerfeier unbedingt ein Freudenfest bekommen, denn der Tod war ja für sie eigentlich ein Grund der Freude, da sie endlich im himmlischen Paradies bei Jesus sei dürfe.

Ich war froh, dass meine Mutter so tapfer war, wollte aber mir auch gar nicht vorstellen, dass sie wirklich sterben könnte, denn sie war ja immer voller Lebensfreude. Unterdessen waren die Schmerzen meiner Frau Ruth eine tägliche Realität, die auch mir zu schaffen machte, da sie sehr darunter litt. Inzwischen war sie noch ein weiteres Mal für eine Woche im Krankenhaus gewesen, um sich durchchecken zu lassen, aber alle Untersuchungen brachten kein Ergebnis, so dass man ihr eine psychisch bedingte Überempfindlichkeit attestierte. Erst ein eigenes Studium durch das Internet brachte Ruth auf eine Krankheitsdiagnose namens Fibromyalgie, eine schmerzhafte Erkrankung der Muskelfasern, die unheilbar sei und fortschreitend immer mehr Schmerzen verursache. Da diese Krankheit noch nicht so sehr erforscht war, gab es auch noch keine wirkliche Therapie, sondern nur die Empfehlung, sich möglichst viel zu bewegen, was aber angesichts der Schmerzen eine echte Herausforderung darstellte. Allein der Glaube an Gott ließ auch Ruth nicht verzweifeln, so dass sie es als Prüfung von Gott annahm.

Auch ich selber hatte in letzter Zeit häufiger Schmerzen, und zwar Kopfschmerzen, besonders morgens oder am Wochenende. Meistens nahm ich dann Thomapyrin und japanisches Minzöl. Mir war klar, dass diese Kopfschmerzen etwas mit meinem hohen Blutdruck zu tun hatten, der trotz der blutdrucksenkenden Medikamente noch immer nicht die Normalwerte erreichte. Da ich aber sonst keine Beschwerden hatte, störte es mich nicht. Aber Ruth machte sich Sorgen und bestand darauf, dass man mich mal am Kopf untersuchen solle. Daher schrieb mir unser Hausarzt Dr. Ferdowsy eine Überweisung für eine MRT, da er sonst auch keine andere Lösung wusste. Ich ließ mich also in die Kernspinröhre legen, und anschließend gab man mir einen Umschlag mit den Bildern, um sie mit einem Begleitbrief dem Hausarzt vorzulegen.

Auf dem Weg zum Auto wurde ich neugierig und öffnete den großen Umschlag, um mir die Bilder anzusehen. Da bekam ich einen Schock, denn auf den Schnittbildern von meinem Kopf war überdeutlich zu erkennen, dass sich da eine tennisballgroße, weiße Masse in meinem Kopf gebildet hatte hinter meinem rechten Ohr, dass schon richtig das Gehirn weggedrückt hatte. Kein Wunder, dass ich immer solche Kopfschmerzen hatte! Aber was war das? Etwa ein Hirntumor? Das wäre ja furchtbar, denn der ließ sich doch kaum mehr entfernen, weil der viel zu groß war. Da müsste man mir ja einen Großteil von meinem Kopfinhalt entfernen. Mir überkam eine tiefe Traurigkeit, denn plötzlich war mir klar, dass ich nicht mehr lange zu leben hatte. Vielleicht noch ein halbes Jahr. Oh nein! Es geht schon vor der Zeit mit mir zu Ende! Schade, dass es das jetzt schon war, dachte ich. Aber das Leben wäre so oder so irgendwann vorbei gewesen. Jetzt habe ich nun einmal Pech gehabt, dass es mich jetzt schon erwischt hat. Aber ich muss jetzt tapfer sein.

Ich fuhr nach Haus und dachte an Ruth und Rebekka. Wie würden sie damit umgehen, wenn sie das erfahren? Ich spürte Traurigkeit und Angst zugleich. Schon bald bin ich nicht mehr da, und sie müssen ohne mich klarkommen. Plötzlich überfiel mich ein Gedanke: Jetzt werden sie mich bedrängen, noch schnell zuvor an Jesus zu glauben; und ich müsste dann so tun, als hätte ich mich noch gerade rechtzeitig bekehrt. Es muss also die letzten Tage meines Lebens heucheln, weil ich es ihnen nicht antun kann, mit der Vorstellung weiterzuleben, dass ich jetzt in der Hölle wäre. So ein Stress! Und was mache ich, wenn sie merken, dass ihr nur zum Schein wieder Christ geworden bin? Noch nicht einmal sterben darf ich in Frieden. Aber was tut man nicht alles aus Liebe zu den Seinen!

Ich kam nach Hause und zeigte Ruth die CT-Bilder. Sie verglich diese mit Hirntumorbildern im Internet und stellte eine gewisse Ähnlichkeit fest. Ruth war allerdings ziemlich gefasst und wirkte fast schon apathisch. Dann kam Rebekka von der Schule nach Hause und ich fragte sie, ob sie Lust hätte, mit mir nach Aldi zu fahren. Im Auto erzählte ich dann der Rebekka, dass ich nicht mehr lange zu leben hätte. Sie fing sofort an zu weinen, und wir umarmten uns. Dann gingen in den Aldi-Markt, und tief in Gedanken ging ich - wie mechanisch - zum Brotregal, um aus alter Gewohnheit ein Vollkornbrot herauszunehmen zum Broteschmieren für die Arbeit. Doch dann dachte ich: Wozu soll ich mich jetzt noch gesund ernähren? Ich kann doch jetzt essen, was ich will! Wie wäre es mit einem kalorienreichen Berliner oder einem besonders fettreichen Blätterteig – ist doch sowieso egal! Schon merkwürdig, welche Gedanken man angesichts des nahen Todes hat. Schade, dachte ich, dass ich jetzt doch nicht mehr meine Biographie geschrieben habe…

Am nächsten Tag gingen wir zu unserem iranischen Hausarzt Dr. Ferdowsy, um über die Diagnose zu sprechen. Er kam rein, las den Bericht seines Kollegen und sagte: „Sie haben eine Raumforderung im Kopf, und zwar eine sog. Arachnoidalzyste. Das ist aber nicht weiter schlimm, solange diese sich nicht vergrößert. Damit können Sie alt werden.“ – „Was ist eine Zyste?“ fragte ich. – „Das ist so etwas wie ein Wasserbeutel, völlig harmlos.“ – „Und wiese konnte die entstehen?“ – „Ach, die haben Sie wahrscheinlich schon von Geburt an. Das ist so eine Laune der Natur und nur deshalb niemandem bisher aufgefallen, weil man nie ein Bild von ihrem Kopf gemacht hat.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich sollte also doch noch weiterleben! Falscher Alarm! Doch nur zwei Monate später im Februar 2014 stellte man bei mir tatsächlich einen Tumor fest, doch dazu später mehr.

Ich schrieb Ende 2013 in mein Tagebuch: „Ich träume jetzt schon nicht mehr von der großen Veränderung. Ich bin ängstlicher geworden, will nichts mehr dazu gewinnen, weder Geld noch Wissen, sondern nur noch meinen Besitz bewahren… Vielleicht ist in mir eine Legion von Dämonen, die mich daran hindert, wieder glauben zu können. Deshalb mag ich vielleicht die Atmosphäre von düsteren Orten und Grabstätten. Die Dämonen ließen den Gadarener häufig schreien…

Vielleicht ist es ja sogar der Teufel, der im Heilsplan Gottes das noch größere Opfer gegeben hat, indem er freiwillig die Rolle des Bösen übernommen hat, die kein anderer der Engel spielen wollte. Einer aber musste es ja machen. Er wusste doch, dass er keinerlei Chance hätte, wenn er gegen Gott rebellieren würde. Aber er akzeptiere es, seinem Bruder Jesus den Vortritt zu lassen, damit dieser einmal von allen verehrt werde, während er (der Teufel) von allen verabscheut und gemieden werden würde. Er ist wie der verbannte Kain oder der verfluchte Esau, die sich ebenfalls aus Liebe zu ihrem Bruder zurückgenommen haben, indem sie bereit waren, die Rolle des Bösewichts zu übernehmen. Es könnte auch theoretisch sein, dass der Teufel diese Rolle nicht freiwillig übernahm, sondern erst von Gott dazu überredet werden musste. Vielleicht sprach Gott zu ihm: ‚Du bist der ältere von euch beiden, deshalb sei tapfer und übernimm für ein paar tausend Jahre diese Rolle. Gönne es deinem Bruder Jesus, dass er verehrt wird, während du von mir verworfen wirst.‘“

Ja wirklich, die Herzen der Menschenkinder sind voller Bosheit, und Tollheit ist in ihrem Herzen ihr Leben lang, und danach geht’s zu den Toten.“ (Pred.9:3)