"Wache auf, der du schläfst und stehe auf aus den Toten,

 und CHRISTUS wird dir leuchten!" (Eph. 5:15)

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Januar bis Juni 2013

Die Einbruchsserie

In den Jahren 2012/13 wurde meine Firma von drei Einbrüchen heimgesucht. Alles begann durch einen kleinen Auftrag für die Christusgemeinde, meinem Vermieter. Es sollte an einer Toilettenwand ein Schaden behoben und die Glasgewebetapete erneuert werden. Diesen Auftrag ließ ich meinen Lehrling Rossano Seay ausführen und gab ihm hierfür den Schlüssel der Gemeinde. Nach 2 Tagen war der Auftrag erledigt und Rossano gab mir den Schlüssel zurück. Doch am darauffolgenden Wochenende wurde in der Gemeinde eingebrochen: die ganze Musikanlage, samt Mischpult, Scheinwerfer, Beamer und Lautsprecher – alles wurde gestohlen. Der Verlust betrug rund 7.000 €. Doch die Versicherung war nicht bereit, den Schaden zu erstatten, da die Polizei keine Einbruchsspuren fand. Der Dieb war mit einem Schlüssel in die Gemeinde eingedrungen. Sofort fiel der Verdacht deshalb auf uns, da wir ja einen Schlüssel bekommen hatten. Ich verwies die Polizei auf meinen Lehrling Rossano, doch eine Wohnungsdurchsuchung bei ihm ergab keine Hinweise. Trotzdem war ich mir sicher, dass er es gewesen sein musste, denn auf einmal besaß er ein IPhone 5 (damals das neueste Modell), das er sich von seinem Lehrlingslohn doch kaum leisten konnte.

Ich sprach mit dem Prediger und erklärte mein Bedauern, zumal mir klar war, dass der Verlust für die Gemeinde sehr schmerzhaft gewesen sein musste, da sie sich ja nur von Spenden finanzierten. Da es mir finanziell selber sehr schlecht ging (ich hatte im Januar ein Minus von 13.000 € auf dem Konto), bot ich dem Prediger an, kostenlos im Winter Malerarbeiten für die Gemeinde auszuführen, womit er einverstanden war.

Verständlicherweise verschlechterte sich in der Folgezeit das Verhältnis zwischen Rossano und mir. Als ich z.B. an einem Tag keine Verwendung für ihn hatte, brachte ich ihn morgens zur Werkstatt und gab ihm verschiedene Aufgaben. Als ich später vorbeikam, war er nicht mehr da und hatte überhaupt nichts gemacht. Dafür bekam er von mir eine Abmahnung und forderte von ihm, die vertrödelte Arbeitszeit am Wochenende nachzuholen. Am nächsten Tag ereiferte er sich über diese Strafe so sehr, dass er vor mir und den Mitarbeitern die Baustelle verlies mit den Worten: „Okay, dann hau´ ich jetzt ab, geh zum Arzt und lass mich krankschreiben!“ Er bekam eine zweite Abmahnung, und ich kürzte ihm den Lehrlingslohn. Ein paar Wochen später war ich mit ihm auf einer Baustelle am Arbeiten, musste dann aber weg zu einem Kundentermin. Ich sagte ihm, was er bis Feierabend noch machen solle und ging. Doch nach zehn Minuten kam ich zurück, weil ich meine Mappe auf der Baustelle vergessen hatte. Doch da war Rossano schon nicht mehr da. Ich rief ihn sofort an. Er sagte: „Ich wollte mir nur kurz etwas zu Essen kaufen“. – „Und warum hast Du Deine Arbeitstasche mitgenommen, das Radio und das Licht überall ausgemacht?“ fragte ich. „Du kommst jetzt augenblicklich auf die Baustelle zurück, und wenn nicht, dann brauchst Du auch nie mehr zu kommen!“ Fünf Minuten später war Rossano wieder da. Ich sagte: „Du wirst heute eine halbe Stunde länger arbeiten.“ – „Nein, das werde ich garantiert nicht!“ erwiderte er frech. „Dann bekommst Du eine Kündigung.“ Plötzlich schrie er rum und drohte mir in Gegenwart aller auf dem Bau anwesenden Handwerker, dass er mich bei der Handwerkskammer wegen Schwarzarbeit anzeigen wolle. Während er wie ein Wilder rumschrie, nahm er sein 800,-€ teures IPhone und knallte es mit aller Wucht auf den Fliesenboden, so dass es in mehrere Teile zerbarst. Ich hielt ihn am Arm fest und beförderte ihn von der Baustelle mit den Worten, dass er gerade eben seine Kündigung unterschrieb.

Als ich am darauffolgenden Montag zur Werkstatt kam, hatte jemand das Fenster, das möglicherweise auf Kipp stand, aufgedrückt und durch einen Spalt von etwa 50 cm sämtliche Wertgegenstände aus meiner Werkstatt mitgenommen, darunter zwei Schleifmaschinen, einen alten Computer und noch ein paar mehr Sachen, die ich jedoch nicht vermisst hatte, da sie schon alt waren. Die Polizei machte eine Spurensicherung am Fenster; doch obwohl man deutlich einen Schuhabdruck auf der Fensterbank erkennen konnte, gelang es ihr nicht, den Rossano als Täter zu überführen. Zwei Monate später wurde schon wieder in meiner Werkstatt eingebrochen, doch diesmal wurde scheinbar nichts gestohlen. Nur die Eingangstür war stark verbogen und ließ sich nicht mehr schließen, so dass ich einen befreundeten Metallbauer mit der Reparatur beauftragte.

Doch nicht nur Rossano, sondern auch andere Mitarbeiter hörten nicht auf, mich zu bestehlen, nicht nur direkt, indem sie Werkzeug entwendeten, sondern auch, indem sie bei Materialeinkäufen wie selbstverständlich auch für sich Dinge kauften, wie z.B. Malerjacken, Malerhosen, teure Pinsel etc., weil sie dachten, ich würde das gar nicht merken. Daraufhin befahl ich den Großhändlern, keine Werkzeuge oder Kleidung mehr an die Gesellen zu verkaufen, was sie mir versprachen. Aber es änderte sich nichts, weil die Verkäufer nicht darauf achteten. Deshalb wies ich sie nun darauf hin, dass ich ab jetzt nicht mehr bereit sei, diese Werkzeuge und Jacken zu bezahlen, so dass ich im Wiederholungsfall die abgebuchten Beträge wieder zurückfordern würde. Erst jetzt reagierten die Lieferanten und wiesen ihre Verkäufer an, meine Bitte zu respektieren, obgleich sie sich wohl wunderten, dass meine Leute so eigenmächtig waren.

In der Tat hatte sich das Betriebsklima deutlich verschlechtert. Auch untereinander brach ständig Streit aus zwischen den Mitarbeitern oder wurde hinterm Rücken über einander schlecht geredet. Besonders Andre Bindermann (48), mein bester Mann, verachtete mich und meine Mitarbeiter und redete schlecht über uns zu den Kunden, weil wir in seinen Augen nur Chaoten waren. Andersherum mochten auch sie den Andre nicht und wollten ungerne mit ihm arbeiten. Einer der Gesellen fragte mich: „Warum schmeißt Du den Kerl nicht einfach raus?“ Doch dazu kam es nicht mehr, da Andre Bindermann kurz darauf selber kündigte, weil einer meiner Stammkunden ihn als Betriebsmaler eingestellt hatte. An seine Stelle trat Matthias Lubitz (46), ein erfahrener Geselle, der durch seine fröhliche Art auch bei den Kunden einen guten Eindruck hinterließ. Auch nahm ich zwei Brüder als Lehrlinge in meine Firma auf, die aus einer christlichen, russlanddeutschen Familie kamen, und zwar Simeon (16) und Tim Berndt (19). Simeon Berndt arbeitet bis heute in meiner Firma und ist seit 2016 ein wiedergeborener Christ. Von Burhan Akkus (22), dem ich trotz seiner Frechheiten nach seiner Ausbildung noch einmal als Gesellen eingestellt hatte, musste ich mich später endgültig trennen, da er sich zu viele Freiheiten herausnahm. Da er jedoch noch den Werkstattschlüssel besaß, geschah es in den Wochen danach, dass er in Verdacht geriet, derjenige zu sein, der regelmäßig alle zwei Wochen auf den Teppich unseres Windfangs pinkelte, weshalb es irgendwann bestialisch roch, wenn man die Werkstatt betrat. Erst als ich den Teppich entfernte und ich das Schloss austauschte, hörte es auf, nach Urin zu riechen. Von dem neuen Schloss bekam aber keiner der Mitarbeiter mehr einen Schlüssel. Ich nahm mir vor, die Baustellen in Zukunft selber immer zu beliefern, da ich inzwischen endgültig die Nase voll hatte von ihrer ständigen Selbstbedienung.


Verstand oder Glaube

Inzwischen waren schon fünf Jahre vergangen, seit ich nicht mehr mit Ruth und Rebekka in den Gottesdienst ging. Neuerdings gab es aber bei uns zuhause einen Hauskreis, der sich einmal in der Woche bei uns traf. Ich begrüßte zwar die Geschwister, nahm aber nicht daran teil, sondern zog mich auf mein Zimmer zurück. Dabei sehnte auch ich mich nach Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, aber niemand interessierte sich an meiner Kritik am christlichen Glauben, und auch meine atheistische Internetseite www.zeitaufzustehen.de dümpelte ungelesen vor sich hin mit gerade einmal 10 Besuchern pro Woche, die sich dorthin verirrt hatten. Ich machte mich also selbst auf die Suche und entdeckte auf einmal eine Seite namens www.religionskritik.net, wo sich mehrere hochgebildete Atheisten über christliche Themen und Kirchen austauschten und ihre Kritik übten. Ich stellte mich als ehemaligen Christen vor und schrieb einiges aus meiner Vergangenheit. Den Atheisten sträubten sich die Haare, und sie hießen mich herzlich willkommen in ihren Reihen. Schon bald fiel mir jedoch auf, dass es gewisse Parallelen zwischen den christlichen und den atheistischen Fundamentalisten gibt, denn beiden gemein ist die Unfähigkeit, sich in die Sichtweise ihres Gegners hineinzuversetzen.

Ich nahm auch wieder Kontakt zum Prediger Marco auf, da auch ihm der intelligente Austausch gefiel und er sich die Zeit nahm, meinen kritischen Argumenten mit klugen Überlegungen zu widersprechen. Zunächst ging es dabei um die Frage, ob die Aufklärung in Europa eher Segen oder eher Fluch war. Ich schrieb: „Wenn du ernsthaft glaubst, dass die Aufklärung der Menschheit nichts gebracht habe, dann müsstest du doch eigentlich das Gemeindehaus noch viel mehr absichern, z.B. gegen sibirische Reiterhorden, die plötzlich über euch herfallen und jeden Mann abschlachten und alle Frauen vergewaltigen können. Ferner müsste deine Frau zum Beispiel aufpassen, dass sie nicht von irgendjemanden als Hexe denunziert und infolgedessen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Wie erklärst du dir überhaupt, dass ihr euch heute so friedlich versammeln könnt, anstatt von der heiligen Inquisition als Ketzer verurteilt zu werden? Dich müsste man doch eigentlich als Hauptschuldigen auf dem Bremer Marktplatz vierteilen, nicht wahr?“ Marco entgegnete: „Nimm den Westeuropäern ihren Wohlstand und dann werden wir sehen, was sich für ein Unterschied zur Geschichte ergibt. was übrigens verdächtig ist, ist, dass der aufgeklärte Westen weite Teile der Welt so sehr in der Armut und Versklavung belässt. Schöner aufgeklärter Westen!“ Da musste ich ihm recht geben.

Doch erinnerte ich ihn daran, dass wir alle heute von den Früchten der Aufklärung profitieren, nicht nur von der Gedanken- und Redefreiheit, sondern auch von der Wissenschaft und Technik: „Sämtliche Grundrechte des Menschen wurden Jahrhunderte lang mit Füßen getreten, auch und gerade von Seiten der monotheistischen Religionen. Erst die Bildung und später die Technik hat dann dazu geführt, dass die Menschheit heute ein noch nie da gewesenes Leben in Glück und Wohlstand führen kann. Die Armut in den Entwicklungsländern hat sich nicht qualitativ gesteigert, sondern nur quantitativ, d.h. es gibt leider eben immer mehr Menschen dort, die sich die knappen Ressourcen teilen müssen. Tatsächlich aber profitieren auch die Ärmsten immer mehr von den Segnungen des Fortschritts, so dass es wahrscheinlich scheint, dass Armut und Krankheit in der Zukunft eines Tages besiegt sein werden… Der Kapitalismus hat es geschafft, dass alle Ideologien und Weltanschauung integriert werden konnten, indem er durch das Internet jeweilige Marktplätze geschaffen hat. Religion hingegen bedeutet immer Rückschritt und nicht Fortschritt, denn sie ist ja eine Rückbesinnung auf eine vermeintlich verloren gegangene Einheit mit Gott oder dem Übernatürlichen, also eine Regression des verlorenen Sohnes zu seinen imaginären Vater, ein Zurückbleiben auf dem Weg, weil man Angst hat vor der Zukunft.“

Grundsätzlich hatte ich eigentlich nichts gegen einen Glauben, aber er sollte sich an den Bedürfnissen der heutigen Menschen orientieren und nicht mit 2000 Jahre alten Ängsten vor einer imaginären Hölle belastet sein. Warum sollte es nicht möglich sein, aus der christlichen Religion jene Teile herauszunehmen, die sich nicht bewährt hätten? Wenn man sich heute einen Computer kaufe, dann würde man doch auch erstmal sämtliche unnütze Vorinstallationen abändern und überflüssige Zusatzprogramme deinstallieren, die nur Speicherplatz verbrauchen. Warum aber nimmt man diese sinnvolle Anpassung nicht auch bei der Bibel vor, wo doch selbst diese empfiehlt: „Prüfet alles, das Gute behaltet!

Marco schrieb: „Für dich ist der Verstand die höchste Instanz, für mich aber nicht. Das wir deshalb zu anderen Ergebnissen kommen, ist klar. Den Verstand als höchste Instanz anzunehmen, ist genauso eine Glaubensthese, die man genauso wenig hinterfragen kann wie meine, dass Gott die höchste Instanz sei. Der Verstand wird im christlichen Glauben zwar nicht ausgeschlossen, aber er ist zweitrangig…“ Diese Schutzbehauptung wollte ich nicht gelten lassen und erwiderte: „Damit sagst Du indirekt, dass der – in der Bibel beschriebene – Gott den Überlegungen des Verstandes widerspricht, demnach also dem Verstande nicht zugänglich ist, als ob dieser Gott gar nicht verstanden werden will. Ist es aber nicht vielmehr so, dass dieser Gott nur deshalb den Überlegungen des Verstandes widerspricht, weil er ein Produkt von Menschen war, die ihren Verstand nicht ausreichend genutzt haben? Widersprüche lösen sich nicht einfach dadurch in Luft auf, indem man sie mit dem Etikett des ‚Glaubens‘ versieht… Den Verstand zu nutzen, um z.B. Widersprüche aufzudecken, hat nichts mit ‚Glauben‘ zu tun. Ich kann vielleicht glauben, dass ich meinen Verstand richtig genutzt habe; wenn ich mich irre, ist aber nicht der Verstand schuld daran, sondern meine begrenzte Fähigkeit, den Verstand richtig zu nutzen. Wenn ich jedoch Dinge für wahr halten will, die dem Verstand von vornherein widersprechen, dann setze ich mich absichtlich dem Irrtum aus.“

Marco hielt dies für einen „Zirkelschluss“, weil ich durch diese Behauptung ja nur das bestätigen würde, was ich zuvor ja als Ausgangspunkt bzw. Paradigma behauptet hatte („der Verstand ist die höchste Instanz, weil ich die Dinge nur durch den Verstand beurteilen kann“). Da sowohl sein als auch mein System in sich geschlossen sei, gelte es, eine Entscheidung zu treffen, entweder für den Glauben oder für den Verstand. Marco habe kein Vertrauen zu seinem Verstand, sondern nur „Vertrauen in Gott“. Hier erwiderte ich, dass er einem „Gott“ doch gar nicht vertrauen könne, dessen Offenbarungen sich als widersprüchlich erweisen würden. Ich stimmte ihm zu, dass wir eine Entscheidung treffen müssen, „aber die Fähigkeit zu denken, ermöglicht es uns Menschen, dass wir uns aus all den zur Verfügung stehenden Erkenntnissen und Erfahrungen eine eigene Meinung bilden können. Wir können uns darin irren, aber ein solcher Irrtum macht den Menschen nicht schuldig, sondern ehrt ihn im Gegensatz dazu, weil er trotz des Risikos, sich zu irren, den Mut hatte, eine Entscheidung für sich zu treffen. Der Satz ‚Ich habe Vertrauen in Gott‘ macht eigentlich überhaupt keinen Sinn, weil er voll ist von Voraussetzungen, die willkürlich festgelegt wurden. Der Philosoph Wittgenstein hat einmal gefordert, dass nur solche Sätze einen Sinn haben, deren Begriffe und Themen sich verifizieren lassen, d.h. ob es sie gibt oder nicht, bzw. ob sie wahr sind oder nicht. Worte wie ‚Gott‘ machen von vornherein keinen Sinn, weil es sich um Begriffe handelt, deren Bedeutung unklar und willkürlich ist (d.h. jeder legt eine eigene Bedeutung hinein).“

Der Dialog ging dann noch eine ganze Woche weiter so. Marco blieb dabei, dass ich aus meinem „Denksystem“ ihn nie verstehen könne, weil man dazu glauben müsse. Gerade weil der Mensch nicht alles verstehen könne, sei es doch vernünftiger, sich nicht auf seinen begrenzten Verstand zu verlassen, sondern auf Gottes Offenbarung. Ich entgegnete: „Der Begriff ‚Gott‘ ist nichts Eindeutiges, sondern etwas Schwammiges. Jeder Gläubige hat seinen eigenen Gott, auch wenn viele bei sich Übereinstimmungen feststellen. Eine Behauptung wie die: ‚Gott hat sich den Menschen geoffenbart‘ liefert statt Antworten nur viele neue Fragen: 1. Welcher Gott? Wer war Zeuge? 3. Wo ist der Beweis? 4. Warum glaubst Du das? 5. Was bedeutet das? Usw. Wenn es noch nicht einmal einen Beweis für die Existenz Gottes gibt, dann gibt es erst recht keinen Beweis für das Handeln Gottes? Alles bleibt nur Bestandteil der Vorstellung und Fantasie. Der Begriff ‚Vertrauen‘ verrät indes, wo der Hase im Pfeffer liegt: Der Glaube ist eine Psychopathologie, d.h. eine Störung des Gefühlslebens. Gott ist ein Teddy für Erwachsene.“ Zugleich sei sein Gottesbild aus meiner Sicht unreflektiert und geradezu verlogen. Denn während er die Religionsfreiheit in Deutschland für selbstverständlich hält, habe er kein Problem damit, an einen Diktator-Gott zu glauben, der seine Kritiker mit dem Höllenfeuer bestrafe, da er Kritik nicht dulde. Und wenn er behaupte, dass der Mensch Gott gar nicht erkennen könne mit seinem Verstand, sondern nur im Glauben, dann könnte ein solcher Gott die Ungläubigen auch nicht mehr zur Rechenschaft ziehen für ihren Unglauben, wenn er ihnen absichtlich den Glauben vorenthalte. Das könne man nicht mehr mit unterschiedlichen Denksystemen entschuldigen, sondern sei schlichtweg ein Selbstbetrug. „Mit Deinem Modell von den zwei Denksystemen versuchst Du nur, Deine Argumentationsschwäche zu verschleiern und sie als nicht weiter zu begründendem Sachzwang darzustellen.“

Die Theodizee-Frage, d.h. die Frage nach Gottes Rechtfertigung für erlittenes oder angedrohtes Leid, war für einen Atheisten wie mir die entscheidende Bedingung, um mich für den Glauben öffnen zu können. Die Unaufrichtigkeit und mangelnde Bereitschaft meiner Umgebung, mir eine plausible Antwort zu geben, hatte mich all die Jahre daran gehindert, Gott zu suchen. Auch mein Bruder Marcus versuchte immer wieder, auf mich einzuwirken, dem Glauben doch noch mal eine Chance zu geben. Ich sagte: „Wenn ich nur einen einzigen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, dass Gott existiert. Aber selbst, wenn es ihn gäbe, nützt mir dieses Wissen nichts, weil er schweigt und scheinbar kein Interesse hat, sich den Menschen unmissverständlich zu zeigen.“ Marcus entgegnete, dass sich Gott doch allen Menschen längst geoffenbart habe durch die Natur und sie deshalb ohne Entschuldigung seien. „Jeder Mensch weiß im Grunde, dass es einen Gott gibt“ – „Nein, das ist totaler Quatsch, was Du sagst, denn ich weiß z.B. nicht, dass es einen Gott gibt, obwohl ich es nur allzu gerne wüsste. Nur eines ist sicher, dass es den Gott der Bibel nicht geben kann, da die Bibel ihn völlig unglaubwürdig darstellt. Er verlangt von den Seinen Feindesliebe, kann aber selber seinen Feinden angeblich nicht mehr vergeben. Das macht alles doch gar keinen Sinn!


Manische Projektionen

Seit mein kleiner (1,98 m großer) Bruder Patrick ein paar Jahren nach Vechta zog, etwa 1 Std von Bremen entfernt, sahen wir uns deutlich seltener, worunter er sehr litt. Meist war er es, der mich anrief, aber dann häufig nur von seinen Erfolgen als Küchenverkäufer sprach, was mich eher langweilte. Doch seitdem seine Frau Manuela vor drei Jahren an Magersucht erkrankt war, erzählte er mir immer häufiger von seiner Sorge, dass sie demnächst sterben könnte, da sie nur noch Haut und Knochen sei. Doch seit Beginn dieser Essstörung hatte sich Manuela auch in ihrem Sozialverhalten auffällig verändert. Patrick klagte, dass sie phasenweise völlig ausrastete und dann Patrick aufs übelste Beschimpfte mit Sätzen wie: „Du bist eine Strafe für mich! Du bist einfach eine Zumutung! Was haben die bloß mit dir gemacht!“ Diese plötzlichen Wutausbrüche geschahen häufig in dem Moment, wenn Patrick ein von ihr angebotenes Essen oder eine Süßigkeit ablehnte mit den Worten: „Nein Danke, ich habe gerade keinen Hunger, Liebste.“ Wenn sie dann in Rage geriet, nahm sie auch keine Rücksicht auf die beiden Kinder, Eva (9) und David (6), die völlig verstört waren. Manchmal schlug sie ihn auch, ohne dass Patrick sich wehrte oder auch nur ein einziges Wort sagte. Ganz offensichtlich litt Manuela an einer gestörten Wahrnehmung, denn das was sie dem Patrick an Beleidigungen vorwarf, das traf eigentlich viel eher auf Manuela zu und gab einen erschreckenden Einblick in die Traumata ihrer Kindheit.

Doch nicht nur ihre verbale Raserei war ungewöhnlich, sondern auch ihr völlig übertriebener Drang nach sportlicher Betätigung. So gab es kaum einen Sport, den sie nicht praktizierte und strapazierte ihren durch die Magersucht bereits geschundenen Körper bis an die äußerste Grenze der Belastbarkeit. Patrick machte sich schon keine Hoffnungen mehr, dass sie das noch überleben würde und zog sich resigniert in die Gartenarbeit zurück. Ich konnte nicht verstehen, warum er nicht mal endlich Tacheles redete und sie mit der Realität konfrontierte. Aus meiner Sicht gehörte Manuela in die Psychiatrie, aber sie nahm ihre Störung überhaupt nicht wahr. Mich wunderte auch, dass ihre Lehrerkollegen nicht merkten, dass Manuela nicht alle Tassen im Schrank hat. Wenn sie mal mit Patrick zu Besuch kam, dann redete sie ununterbrochen, ließ aber keinen Widerspruch zu. Doch in letzter Zeit mied sie sogar jeden Kontakt mit uns, weil sie vielleicht ahnte, dass wir sie ansprechen könnten auf ihre extreme Magerkeit und ihre Wahnvorstellungen.

Vor kurzem fand ich den Ausdruck eines Skype-Chats, den ich im Sommer 2013 mit Manuela führte und der deutlich macht, wie schwierig es ist, eine psychisch Erkrankte auf die Notwendigkeit einer Therapie hinzuweisen, wenn die Leugnung der Krankheit ein folgerichtiger Bestandteil des Realitätsverlustes ist. Anlass des Austausches war ein geplanter Besuch von Patrick (gekürzt):

Manuela: „Wir könnten so um 12:00 Uhr da sein, ich würde mit den Kindern aber etwas anderes unternehmen und Patrick dann später wieder abholen.

Simon: „Ja, Freitag wäre gut, weil dann nichts mehr anliegt. Es wäre schön, wenn du auch dabei wärst und die Kinder. Findest du es nicht auch komisch, wenn du jeder Begegnung mit uns immer aus dem Wege gehst? Ich meine, wir tun doch nichts, und die Kinder haben sich auch immer wohl gefühlt bei uns.“

Manuela: „Simon, bei solch einer frechen Unterstellung, ich würde euch meiden, möchten wir alle vier gar nicht kommen, auch Patrick sagt hiermit ab. Es steht dir nicht zu, zu behaupten, ich würde euch meiden, das ist absolut nicht meine Absicht… wir möchten zu solchen Beurteilern keinen Kontakt, danke.“

Simon: „Wenn du das nur einmal oder zweimal gemacht hättest, dann würde mir das jetzt leichter fallen, das zu glauben, aber seit Monaten versuchst du, jedes Gespräch zu vermeiden, und das weißt du auch. Bitte mach dir doch nichts vor, Manuela, wir alle wissen, dass du krank bist und eigentlich Hilfe brauchst, und genau deshalb flüchtest du ja auch vor uns, weil du Angst hast, dass wir dich darauf ansprechen würden. Dir kann aber nur geholfen werden, wenn du endlich ehrlich wärst und dir nicht länger selber etwas vormachst. Es ist auch nicht gut, wenn du für Patrick sprichst, weil du ihn dadurch entmündigst. Lass ihn doch selber entscheiden, ob er kommen möchte oder nicht. Du sprichst immer von ‚wir‘ und meinst in Wirklichkeit nur ‚ich‘.

Manuela, du solltest auch nicht denken, dass ich etwas gegen dich habe. Es ist genau das Gegenteil: wir machen uns alle große Sorgen um dich, weil du so abgemagert bist. Und jetzt fürchten wir, dass auch eure Kinder unter dieser Situation leiden. Wenn ich mir David und Eva so anschaue, dann habe ich den Eindruck, dass sie auch schon einen ‚Knacks‘ bekommen haben, denn ihnen ist alle Lebensfreude abhandengekommen, seit Du ständig rumschreist. Ich kann mir das Elend kaum länger mit anschauen und habe sogar schon überlegt, ob ich das Jugendamt einschalten sollte. Denn wenn Patrick nichts unternehmen will, weil er resigniert hat, dann will ich mich wenigstens nicht mit schuldig machen, wenn die Sache jetzt noch weiter eskaliert.

Manuela: „Simon, tut mir leid, aber du leidest echt unter Minderwertigkeitskomplexen. Das habt ihr alle von eurem Vater. Ich möchte mich so wirklich nicht treffen und Patrick auch nicht. Wir distanzieren uns hiermit von euch, brechen den Kontakt ab und möchten keine weiteren Lästereien in deiner poppeschen Familie. Du scheinst vieles im menschlichen Umgang noch nicht gelernt zu haben und solltest erst mal vor dir selbst deine Rolle in den Griff bekommen, bevor du andere runtermachst. Lass uns in Ruhe und suche dir Hobbys, die dich erfüllen, damit du solch ein Abarbeiten in deiner Umwelt nicht mehr nötig hast. Du musst ständig der Vorreiter der Familie sein und das ist ein Zeichen deiner Erstgeburt und ganz normal. Ich kenne das von mir auch. Man darf nur nicht überheblich und arrogant werden … Was haben sie dir nur angetan, dass du solche Urteile fällst? Lass uns in Ruhe, du kannst doch nicht auch noch die Kinder verurteilen! Du bist krankhaft neidisch! Wir lassen das nun und brechen den Kontakt ab. Gute Nacht.“

Simon: „Manuela, ich kann dir all den Schwachsinn verzeihen, den du mir geschrieben hast, denn deine Worte sind ja ein Teil deiner kranken Wahrnehmung. Du glaubst, wenn du den Spieß jedes Mal umdrehst und diejenigen angreifst, die dir helfen wollen, dass du dich dadurch schützen könntest. Aber deine Krankheit ist ja längst allen offenbar und dein Leugnen bringt dir nichts. Wenn du dich umbringen willst (oder der Dämon in dir) dann mach es. Aber wenn du durch dein extrem gestörtes Verhalten deine Kinder gefährdest, dann ist mir das nicht egal. Ich werde morgen mal beim Jugendamt anrufen und die Sache melden. Wenn das Jugendamt nichts unternimmt, dann machen Sie sich mitschuldig.

Manuela: „Simon, du bist krank! Was fällt dir eigentlich ein, uns zu beurteilen! Wie spielst du dich eigentlich auf – hast du keinen Respekt?!

Am nächsten Tag wurde mir dann jedoch klar, dass ich alles nur noch schlimmer machen würde, wenn ich beim Jugendamt anriefe, zumal ich Patrick dadurch hintergehen und sehr verletzen würde. Er hatte ohnehin die Hoffnung aufgegeben und meinte, dass Manuela sowieso bald sterben würde. Deshalb hätte sie es verdient, dass wir wenigstens die letzten Tage mit ihr liebevoll umgehen und sie nicht bedrängen. Aber würde Patrick auch mit dem Vorwurf weiterleben können, nicht alles versucht zu haben? Wenn ich verhindern wollte, dass Manuela sich zu Tode hungert, dann musste ich ihr Herz gewinnen. Aber das konnte ich unmöglich mit Drohungen. War ihr überhaupt bewusst, dass sie schon bald unter der Erde liegen würde? Manuela musste meine ernste Sorge und Verzweiflung spüren, damit sie mir glaubt, dachte ich. Ich schrieb ihr also eine weitere Nachricht:

Liebe Manuela, ich bitte dich hiermit um Vergebung für all die Heuchelei, mit der ich Dir in den letzten Monaten begegnet bin, indem ich aus falscher Rücksichtnahme auf Patrick und eure Kinder immer gute Miene zum bösen Spiel gemacht und so getan habe, als ob nichts wäre, weil ich Angst hatte, dass Du in Deinem kranken Wahn völlig ausrasten würdest, wenn ich Dir ehrlich gesagt hätte, dass wir uns alle Sorgen um Dich machen. Vielleicht hätten wir Dich noch retten können, wenn wir nur den Mut gehabt hätten, Dich rechtzeitig zu warnen, als wir bei Dir die ersten Anzeichen sahen. Wir haben uns alle schuldig gemacht an Dir, weil uns der oberflächliche Friede wichtiger war als Deine Gesundheit. Wir wollten unsere Hände in Unschuld waschen, als wir sagten: nur Gott kann Manuela jetzt noch helfen! Jetzt ist es zu spät.

Ich bitte Dich auch um Vergebung wegen all meiner Rechthaberei und Eitelkeit, die Du zurecht an mir kritisiert hast und die meinem Anliegen einen Bärendienst erwiesen hat, weil Du Dich durch diese noch mehr verhärtet und abgekapselt hast. Schau nicht auf mich denn an mir ist wirklich nichts Edles und Wertvolles. Ich bin ein Scheißkerl und ein Arschloch. – Aber trotzdem liebe ich Dich, nicht nur weil Du die Frau meines Bruders bist, sondern weil Du auch wirklich liebenswert bist. Bitte schau auch nicht auf all die anderen, die Dich in ihrer Oberflächlichkeit und falschen Betroffenheit ansehen und hinter Deinem Rücken über Dich herziehen. Nein, ich bitte Dich nur: Schau auf Deine Kinder, die noch zu klein sind, um all das ertragen zu können, was sich zu Hause bei Euch abspielt. Nimm Rücksicht auf ihre zarten Seelen, denn sie können nirgendwo hin flüchten, wenn Du Patrick anschreist und werden ihr Leben lang an den Verletzungen ihrer Seele leiden, die Du ihnen zufügst.

Ich glaube nicht, dass Du noch lange leben wirst, deshalb wünsche ich Dir und Deiner Familie für den Rest Deiner Lebenszeit von Herzen Ruhe und Frieden. Ich werde auch nicht das Jugendamt anrufen oder Deine Eltern, weil ich Angst habe, dass es Dir und Deinen Kindern nur noch mehr schaden würde. Friede Dir!

Simon

Wider Erwarten hat Gott die Manuela auf einmal von ihrer Magersucht geheilt. Sie nahm wieder Essen zu sich und sieht heute völlig normal aus. Wir sind deshalb voller Zuversicht, dass der HErr sie auch noch von ihren manischen Wutanfällen heilen wird. Patrick wurde durch diese Erfahrung nach jahrelanger Lethargie in seinem Glauben erweckt und ist seitdem ein entschiedener Christ. Er ließ sich Ende 2013 auch noch einmal biblisch taufen. Manuela geht seit längerem mit ihm in eine evangelikale Gemeinde in Vechta.


Juli bis Dezember 2013

Ehrlichkeit

Im Sommer 2013 waren wir mal wieder in der Evangelischen Bekenntnisschule am Arbeiten, die uns fast jedes Jahr in den Ferien Klassenräume streichen ließ. Auf einmal kam ein junger Zigeuner in die Schule und fragte mich auf Englisch, ob dies eine Freikirche sei, denn er habe draußen ein Kreuz gesehen. Ich kam mit ihm ins Gespräch, und er erzählte mir, dass er erst seit kurzem in Deutschland sei und bei seinem Onkel in einer Asylunterkunft lebe. Traian Banghios (28) war ein gläubiger Christ aus Rumänien und auf der Suche nach Arbeit. Als Zigeuner sei es für ihn trotzt seiner akademischen Ausbildung schier unmöglich, in Rumänien Arbeit zu finden, wie er mir sagte, da die Rumänen mit Zigeunern nichts zu tun haben wollten. Traian hatte irgendwie einen sehr traurigen Gesichtsausdruck - wie ein geschundener Köter, den man immer wieder getreten hatte, weshalb er mir sehr leidtat. Ich lud ihn zu mir nach Haus ein und wir freundeten uns an. Da ich 1991 mal für vier Monate in Rumänien gelebt hatte, lag mir sein Schicksal am Herzen. Deshalb versprach ich ihm, ihm zu helfen, soweit ich es konnte. Er wollte sich auch nur für ein paar Monate etwas Geld verdienen und dann am Ende des Jahres nach Rumänien zurückkehren. Er lud mich sogar ein, ihn mal in Rumänien besuchen zu kommen, wenn ich Zeit hätte.

Da Traian kein gelernter Maler war und auch noch kein Deutsch konnte ließ ich ihn Werbezettel verteilen für 12,- €/Stunde und bot ihm an, kostenlos in meiner Werkstatt zu wohnen. Ich hatte auf dem Sperrmüll ein Sofa gefunden, das ich in das Büro der Werkstatt tat, samt einen Schrank und einen Tisch. Dann ließ ich 3000 Werbeflyer drucken und erklärte Traian, was er beim Verteilen beachten müsse. So verteilte er jeden Tag etwa 2-3 Stunden und schrieb mir die Namen der Straßen auf, wo er verteilt hatte. Da er Christ war, vertraute ich ihm blind. Doch als ich ihm nach zwei Wochen seinen Lohn zahlen wollte, machte ich einen Test, um seine Ehrlichkeit zu überprüfen: Ich gab ihm acht 50,-€-Scheine und sagte: „Hier, Traian, sind Deine 350,-€.“ Er nahm das Geld, zählte nach und steckte es ein, ohne mich darauf hinzuweisen, dass ich mich verzählt hätte. Ich sagte nichts.

Zwei Wochen später war wieder Zahltag, und ich gab ihm schon wieder 400,- € statt 350,- €, wobei ich wieder den gleichen Satz sagte. Und schon wieder zählte Traian das Geld und steckte das Geld ein, ohne mit der Wimper zu zucken. Doch dann sagte ich: „Traian, das ist jetzt schon das zweite Mal, dass ich Dir absichtlich 50,-€ mehr gegeben habe, als Dir zusteht, weil ich Dich testen wollte, ob Du ehrlich bist, aber Du hast den Test leider nicht bestanden. Jetzt weiß ich, dass ich Dir nicht vertrauen kann.“ Sofort reichte mir Traian einen der 50,-€-Scheine und schaute mich beschämt an. Ich sagte: „Es ist zu spät, Traian. Wenn das Vertrauen erstmal zerstört ist, wie kann es wieder hergestellt werden?“ Traian schaute mich verängstigt aus seinen scheuen Augen an, ohne auch nur ein Wort zu erwidern. Er tat mir leid, und ich brachte es nicht übers Herz, ihn zu kündigen. Stattdessen schimpfte ich mit ihm, dass er sich als Christ schämen sollte, so unehrlich zu sein. Er versprach mir, dass es nie mehr passieren würde, und ich wollte es glauben. Tatsächlich betrog mich Traian später noch viele Male, so dass wir ein Jahr später im heftigen Streit auseinandergingen, doch dazu später mehr.

Dass ich dem Traian verzeihen konnte, lag wohl auch daran, weil ich selber auch nicht viel ehrlicher war, sondern ständig ein Doppelleben führte, sei es in meiner Ehe oder auch den Kunden gegenüber: ich gab mich stets so, wie es meine Umwelt von mir erwartete, aber niemand durfte wissen, welche Abgründe sich auftäten, wenn sie wüssten, wer ich wirklich war. Dies war aber auf Dauer sehr anstrengend, und so nutzte ich die Gelegenheit, als mich die Psychologin meiner Tochter zu sich zitierte, um mit mir über Rebekka zu sprechen, um ihr meine Lage offen zu schildern. „Wissen Sie, ich bin im Grunde wie ein Schauspieler…“ Sie lächelte und sagte: „Ja, genau wie ihre Tochter“. Ich schaute sie überrascht an und fragte: „Wie meinen Sie das?“ – „Ihre Tochter hat doch das gleiche Problem wie Sie: Sie muss ein Doppelleben führen, weil ihre Mutter sehr streng ist und ihr nur wenig Freiheit einräumt.“– „Echt? Was tut sie denn Heimliches?“ wollte ich wissen. „Das darf ich Ihnen natürlich nicht sagen. Aber ich möchte Ihnen dringend raten, sich mehr mit Ihrer Tochter zu unterhalten, denn sie würde sich Ihnen gegenüber gerne öffnen, wenn Sie nicht immer so beschäftigt wären.“ – „Den Eindruck habe ich aber gar nicht, sondern ganz im Gegenteil: jedes Mal, wenn ich Rebekka etwas frage, weicht sie aus und verschwindet sogleich, weil sie wieder irgendein Treffen mit einer ihrer Freundinnen hat.“ – „Dann ergreifen Sie die Initiative! Unternehmen Sie etwas mit ihrer Tochter! Sie hält viel größere Stücke von Ihnen, als Ihnen vielleicht bewusst ist. Vielleicht wird sie sich Ihnen dann selbst öffnen.“

Etwas mit Rebekka unternehmen? Eine gemeinsame Reise etwa? Sie ist doch schon fast 18 und wird doch kaum mehr etwas mit ihrem Vater unternehmen wollen. Aber vielleicht irrte ich mich. Ich sprach mit Ruth darüber und fragte, ob sie eine Idee hätte. „Ihr könnt doch mal zusammen nach Mallorca reisen. Frag sie doch mal.“ Zu meiner Überraschung war Rebekka sofort bereit und sogar hoch erfreut über diesen Vorschlag. Also buchten wir einen Flug und fuhren in der letzten Ferienwoche nach Mallorca, - nur Rebekka und ich. Wir mieteten uns jeder ein Fahrrad und später auch einen Mietwagen, um die Insel auszukundschaften. Dabei war unsere Neugier so groß, dass wir keine Attraktion ausließen. Sogar an einer Höhlenwanderung nahmen wir teil und hatten gemeinsam viel Spaß. Auf dem Rückflug sagte ich zu Rebekka: „Nächstes Jahr können wir uns ja mal ein Wohnmobil leihen und damit quer durch Europa nach Rumänien fahren, denn dort wohnt ein Bekannter von mir, den wir besuchen könnten.“ Rebekka sagte: „Au ja! Gerne!


Gute Werke

Eines Abends schaute ich mit Ruth zusammen eine Doku über eine amerikanische Aussteigerfamilie, die mich sehr berührte. Es waren strenggläubige Christen, die sich in der Abgeschiedenheit der Rocky Mountains ein Stück Land und eine Farm gekauft hatten, um dort ihre zehn Kinder vor dem Einfluss der Welt zu bewahren. Anlass für diesen Ausstieg war, dass die Ehe der Eltern vor Jahren in einer Krise war. Der Vater (50) hatte zehn Jahre zuvor in der Computerbranche gearbeitet und vertrieb seine Freizeit nur noch mit Computerspielen. Doch dann erlebte er eine Erweckung seines Glaubens und entschied sich, zusammen mit seiner Frau einen Neuanfang mit dem HErrn zu wagen. Dadurch wurde nicht nur ihre Ehe geheilt, sondern Gott schenkte ihnen auch noch viele weitere Kinder, die sie zuhause unterrichteten und mit denen sie jeden Abend zusammen in der Bibel lasen. Ich kann mich noch gut an eine Szene erinnern, als die 17-jährige Tochter mit dem Traktor von der Feldarbeit kam und am Steuer gefragt wurde, ob sie schon einen Freund habe. Sie lächelte und drehte verlegen mit der Hand in ihrem Zopf, als sie antwortete: „Nein, dafür bin ich auch noch zu jung. Aber wenn die Zeit gekommen ist, dann wird mein Vater für mich einen Mann erwählen, und darauf freue ich mich schon!“ Sie strahlte über das ganze Gesicht und ich dachte: Das darf doch nicht wahr sein!

Mir war, als wenn tief in mir sich etwas geregt hatte. Eine Sehnsucht nach der heilen Welt. Aber für mich war dieses Leben unerreichbar fern. Doch schon kurz darauf erfuhr ich durch die Nachrichten, dass man in Bayern eine urchristliche Gemeinschaft, die „Zwölf Stämme“ heimlich ausspioniert habe und nach Feststellung von Kindesmisshandlungen 40 Kinder mit Polizeieinsatz vom Hof mitgenommen und den Eltern das Sorgerecht entzogen hatte. Dieses Verhalten machte mich sehr traurig, denn es erinnerte mich an die Worte meines christlichen Lehrmeisters Daniel Werner, der 20 Jahre zuvor schon in einer Predigt davor gewarnt hatte, dass die körperliche Züchtigung von Kindern – wie sie die Bibel vorsieht – eines Tages noch zum Anlass genommen werde, dass man den gläubigen Eltern die Kinder wegnehmen würde. Ich diskutierte dieses behördliche Verhalten mit der Comunity auf religionskritik.net, wobei ich die Christen in Schutz nahm. Darauf wurde ich von allen massiv kritisiert und als reaktionär beschimpft. Man warf mir vor, dass ich insgeheim immer noch an meinen christlich-fundamentalistischen Wurzeln festhalten würde, was ich jedoch vehement von mir wies. Irgendwie erschien es mir, als wenn die Atheisten genauso fundamentalistisch und gleichgeschaltet sind wie die Christen. Es gab auch bei ihnen nur eine Meinung, die man haben durfte.

Tatsächlich fühlte ich mich unter den Atheisten allmählich immer unglücklicher, denn sie waren nur eitle und arrogante Besserwisser, aber keine Vorbilder für mich. Da waren mir solche radikalen Überzeugungstäter wie jene Christen schon lieber, auch wenn ich nichts mit ihren christlichen Überzeugungen anfangen konnte. Sie waren bereit, gegen den Strom zu schwimmen und wollten nichts weiter, als nach ihrem Glauben leben. Warum mischte sich der Staat überhaupt ein? Wenn man die Ideen der Aufklärung von einer Glaubens- und Meinungsfreiheit wirklich ernst meine, dann müsse man auch solche exotischen Ansichten tolerieren und dürfe Menschen nicht vorschreiben, was sie unter Glück und Freiheit zu verstehen hätten. Und wenn man den Juden und Muslimen im Land die Beschneidung gewähre, warum dann nicht den strengen Christen die körperliche Züchtigung, die doch weit aus weniger schädlich für sie ist als die Beschneidung, bei der man die Kinder ja schließlich auch nicht fragte, ob sie damit einverstanden sind. Soll der Staat ein Recht auf die Kinder haben? Aus welchem Naturrecht leitet sich diese Ansicht ab? Ist denn der Staat etwas anderes als ein theoretisches und damit willkürliches Konstrukt? Warum sollte die Mehrheit recht haben? Die Mehrheit hat aber keine festen Werte, sondern alles ist wechselhaft und manipulierbar.

Im Hebst 2013 wurde kurz vor der Bundestagswahl die sog. NSA-Affäre bekannt. Der Whistleblower Edward Snowden (30), der zuvor für den amerikanischen Spionagedienst NSA arbeitete, hatte sich nach Russland abgesetzt und zuvor sämtliche verdeckte Abhörmaßnahmen der USA preisgegeben. Er war zwar streng genommen ein „Verräter“ wie zuvor Julian Assange (WikiLeaks), aber er handelte nach seinem Gewissen und deckte letztlich nur das Unrecht auf, an dem er zuvor selbst beteiligt war, unter Inkaufnahme dadurch nicht nur seine Arbeit, sondern auch seine Freiheit lebenslang zu verlieren. Solche Überzeugungstäter waren für mich echte Vorbilder. Sie redeten nicht nur, sondern handelten nach ihrem Gewissen. Wie viele Gelegenheiten aber ließen wir im Alltag ungenutzt! Oftmals begnügt man sich nur mit der Empörung über das Unrecht in der Welt, anstatt selber mal auf die Idee zu kommen, etwas dagegen zu tun.

Ich erinnerte mich wieder an Franz von Assisi und an jene Filmszene, als er eines Abends am Ufer eines Sees bei Perugia plötzlich ein Bekehrungserlebnis hatte und einem Leprakranken seinen kostbaren Mantel schenkte, damit er nicht fror in der Nacht. Dieses Bild von der tränenreichen Umarmung des Leprakranken hatte sich tief in mein Herz geprägt. Wieviel Lebenszeit vergeuden wir sinnlos mit dem Verfolgen politischer Talkrunden, die uns ungefragt im Fernsehen angeboten werden und uns die Illusion vermitteln, Akteure des politischen Geschehens zu sein, obwohl wir doch nur passive Beobachter sind ohne Einfluss! Wahlen geben uns zwar die Illusion, etwas verändern zu können, aber ihre Bedeutung steht in keinem Verhältnis zu dem Maß an Interesse, dass wir ihnen beimessen. Nach der Wahl bleibt vor der Wahl, und am Ende diente alles nur der bloßen Unterhaltung, weil sich im Grunde kaum etwas verändert. Als der Philosoph Ludwig Wittgenstein im 19. Jh. An jenen Punkt gelangt war, dass es keinen Sinn machte, ständig nur über Begriffe und Bedeutungen nachzudenken, da kündigte er seine gut bezahlte Professur in Cambridge und zog sich in ein kleines Bergdorf in Österreich zurück, um dort für ein kleines Salär als Grundschullehrer zu arbeiten, da er dies als wesentlich sinnvoller hielt.

Auch ich entschied mich deshalb, wieder ehrenamtlich tätig zu werden und schloss mich dem Verein „Fluchtraum“ an, der in Bremen-Lesum ein Flüchtlingsheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unterhielt, um diese an „Paten“ zu vermitteln. Ich bot dem Verein an, zukünftig Praktika und Ausbildungsplätze bereit zu stellen, um den Flüchtlingen einen Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Dieses Engagement sprach sich dann schnell bei den Behörden Bremens herum, so dass ich in den Folgejahren regelmäßig jedes Jahr mehrere Jugendliche als Praktikanten bekam, von denen einige im Anschluss auch eine Ausbildung machten. Das Hauptproblem war jedoch oftmals nicht nur die sprachliche Verständigung, sondern auch die kulturelle. Ein Jugendlicher aus Gambia hörte z.B. den ganzen Tag seine muslimischen Predigten bei der Arbeit. Ein Senegalese, dem ich den Auftrag gab, unseren Kellerraum aufzuräumen, kam schon nach 5 Minuten wieder zurück. Ich fragte ihn: „So schnell bist Du schon fertig?!“ Er sagte: „Nein, sondern da war eine afrikanische Putzfrau im Treppenhaus, und ich habe ihr gesagt, dass sie den Keller aufräumen soll.“

Durch das Lesen der Bücher des Kapitalismuskritikers Jean Ziegler stellte ich fest, dass ich im Grunde wie die Linken dachte. Daher ging ich eines Tages zu einer Veranstaltung der Linkspartei in Bremen, um zu prüfen, ob ich mich vielleicht den Linken anschließen sollte. Der Redner, Peter Erlanson, ein Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft, hielt einen Vortrag, warum der Marxismus der einzige Weg sei, um eine gerechte Welt zu schaffen. In der anschließenden Diskussionsrunde fiel mir auf, dass ich der einzige Neue unter den dunkelroten Erzkommunisten war. Ich meldete mich und erklärte, dass das Hauptproblem der Menschheit nicht die mangelnde Gerechtigkeit sei, sondern die fehlende Liebe. Wenn die Menschenliebe wieder den Platz bekäme, der ihr zustünde, dann würden sich alle Probleme von ganz allein lösen. Eine furiose Frau fiel mir ins Wort und schrie laut: „ICH WILL KEINE LIEBE, SONDERN ICH WILL MEINE RECHTE ALS HARTZ-IV-EMPFÄNGERIN!!! Das ist doch alles leeres Gerede von Wegen LIEBE! Damit wollen die Herrschenden doch nur die Entrechteten einlullen!

Traurig ging ich nach Haus und merkte, dass die Linken letztlich auch keine Liebe hatten, sondern voller Neid und Bitterkeit auf die Reichen schauten. Ich setzte mich an den PC und schrieb auf meine Internetseite ein emotionales Plädoyer für die Liebe mit folgendem Inhalt:

An die Bewohner der Erde

Ich fordere die Rückkehr der Liebe. Sie ist schon seit Jahren in Verbannung, im "Exil“. Wir haben das Kind in uns verbannt. Es musste weichen, weil wir uns den gesellschaftlichen Konventionen unterworfen haben, welche uns jeden Ausdruck an Spontanität und Emotionalität verbieten. Warum gibt es zum Beispiel im Bundestag niemanden mehr, der weint? Oder warum darf auf einer Aktionärsversammlung niemand laut pupsen oder rülpsen (wo dies doch eigentlich ganz natürliche Ausdrucksformen der menschlichen Physiologie sind)? Vor allem aber: warum wird sich nicht an allen Orten und zu jeder Zeit spontan geküsst und gestreichelt, um dadurch seine Gefühle auszudrücken?

Warum ist uns das Kindliche nur so peinlich? Wovor haben wir Angst? Dass man uns nicht mehr ernst nimmt? Dass wir von anderen geringgeschätzt werden? Das mag ja alles sein. Aber zeigt solch eine Reaktion nicht ein viel gravierenderes Problem auf? : Wir werden von anderen nicht wirklich geliebt.

Über die zwischenmenschliche Liebe zu sprechen ist heute eher ein Tabu. Liebe ist zur Privatsache verkommen. Aber das ist auch die eigentliche Ursache, warum unsere Gesellschaft so sehr krankt. Die Bedeutung der Liebe wurde reduziert auf Partnerschaft, häufig sogar nur noch auf die Sexualität. Aber ist das richtig so? Geht es uns dadurch wirklich besser, wenn wir zu unseren Mitmenschen eine permanente Distanz aufrecht halten? Warum beginnen wir nicht einfach, dieses Joch der Konventionen zu durchbrechen, um der Liebe wieder den Platz einzuräumen, der ihr gebührt? Warum wollen wir uns nicht als EINE große Familie begreifen, in welcher sich zwar gestritten, aber vor allem GELIEBT wird?

Die Liebe ist eigentlich so wichtig, dass man sie zum Maßstab nehmen sollte in allen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen. Wer die Liebe zu seinem Leitmotiv macht, der wird wahrscheinlich keinen Krieg mehr als ‚gerecht‘ hinnehmen und auch keine Unterdrückung und Ausbeutung tolerieren, sondern seine Güter mit anderen teilen wollen, weil er sie als Geschwister ansieht. Viele Fragen sind natürlich sehr komplex und brauchen einer gründlichen Analyse und Abwägung. Aber die Liebe kann als Maßstab und Kompass dienen, der die Richtung angezeigt.

Liebe kann nicht von oben verordnet werden, aber sie kann als Idee in uns wachsen und Frucht bringen. Jeder von uns ist zur Liebe fähig und kann das Lieben lernen, denn wir waren alle einmal Kinder. Für viele Menschen ist das Leben auf der Erde ein einziger Albtraum, aber wir können ihnen helfen, dass sie aus diesem Albtraum erwachen und sich am Leben wieder freuen können.

Deshalb: fange heute an zu lieben! Nimm es dir für jeden Tag vor! Übe dich auch darin, die unangenehmen Menschen zu lieben. Du wirst sehen, dass sich dann auch deine Umwelt verändern wird. Andere werden dich als sympathisch empfinden, weil du ihnen zuhörst und dir Zeit nimmst. Hinterlass Spuren auf deinem Weg durchs Leben, dann werden dir andere folgen!

Der befürchtete Hirntumor

Ende 2013 erzählte mir meine Mutter bei einem Besuch, dass ihr Krebs zurückgekehrt sei. Sie bekam ja schon vor zwei Jahren mal die Diagnose Brustkrebs und ließ sich deshalb operieren. Dabei wurden ihr vorsichtshalber auch die Lymphknoten entfernt, aber scheinbar nicht vollständig. Denn nun hatte man bei einer Nachkontrolle entdeckt, dass sie neue Metastasen hat, und zwar in der Wirbelsäule. Meine Mutter war darüber etwas traurig, aber sie hatte Vertrauen im HErrn, dass Er über ihre Gesundheit wachen würde und nichts ohne Seine wohl bedachte Zustimmung geschieht (Röm.8:32). Sie lehnte deshalb auch eine Chemotherapie oder Bestrahlung ab, weil sie lieber auf Gottes Willen vertrauen wollte. Dennoch war sie sich der Möglichkeit zu sterben bewusst, aber wollte auch dies willig aus Gottes Hand annehmen. Sie hatte uns schon als Kinder ermahnt, dass wir bei ihrem Tod nicht weinen dürften, sondern wollte statt einer Trauerfeier unbedingt ein Freudenfest bekommen, denn der Tod war ja für sie eigentlich ein Grund der Freude, da sie endlich im himmlischen Paradies bei Jesus sei dürfe.

Ich war froh, dass meine Mutter so tapfer war, wollte aber mir auch gar nicht vorstellen, dass sie wirklich sterben könnte, denn sie war ja immer voller Lebensfreude. Unterdessen waren die Schmerzen meiner Frau Ruth eine tägliche Realität, die auch mir zu schaffen machte, da sie sehr darunter litt. Inzwischen war sie noch ein weiteres Mal für eine Woche im Krankenhaus gewesen, um sich durchchecken zu lassen, aber alle Untersuchungen brachten kein Ergebnis, so dass man ihr eine psychisch bedingte Überempfindlichkeit attestierte. Erst ein eigenes Studium durch das Internet brachte Ruth auf eine Krankheitsdiagnose namens Fibromyalgie, eine schmerzhafte Erkrankung der Muskelfasern, die unheilbar sei und fortschreitend immer mehr Schmerzen verursache. Da diese Krankheit noch nicht so sehr erforscht war, gab es auch noch keine wirkliche Therapie, sondern nur die Empfehlung, sich möglichst viel zu bewegen, was aber angesichts der Schmerzen eine echte Herausforderung darstellte. Allein der Glaube an Gott ließ auch Ruth nicht verzweifeln, so dass sie es als Prüfung von Gott annahm.

Auch ich selber hatte in letzter Zeit häufiger Schmerzen, und zwar Kopfschmerzen, besonders morgens oder am Wochenende. Meistens nahm ich dann Thomapyrin und japanisches Minzöl. Mir war klar, dass diese Kopfschmerzen etwas mit meinem hohen Blutdruck zu tun hatten, der trotz der blutdrucksenkenden Medikamente noch immer nicht die Normalwerte erreichte. Da ich aber sonst keine Beschwerden hatte, störte es mich nicht. Aber Ruth machte sich Sorgen und bestand darauf, dass man mich mal am Kopf untersuchen solle. Daher schrieb mir unser Hausarzt Dr. Ferdowsy eine Überweisung für eine MRT, da er sonst auch keine andere Lösung wusste. Ich ließ mich also in die Kernspinröhre legen, und anschließend gab man mir einen Umschlag mit den Bildern, um sie mit einem Begleitbrief dem Hausarzt vorzulegen.

Auf dem Weg zum Auto wurde ich neugierig und öffnete den großen Umschlag, um mir die Bilder anzusehen. Da bekam ich einen Schock, denn auf den Schnittbildern von meinem Kopf war überdeutlich zu erkennen, dass sich da eine tennisballgroße, weiße Masse in meinem Kopf gebildet hatte hinter meinem rechten Ohr, dass schon richtig das Gehirn weggedrückt hatte. Kein Wunder, dass ich immer solche Kopfschmerzen hatte! Aber was war das? Etwa ein Hirntumor? Das wäre ja furchtbar, denn der ließ sich doch kaum mehr entfernen, weil der viel zu groß war. Da müsste man mir ja einen Großteil von meinem Kopfinhalt entfernen. Mir überkam eine tiefe Traurigkeit, denn plötzlich war mir klar, dass ich nicht mehr lange zu leben hatte. Vielleicht noch ein halbes Jahr. Oh nein! Es geht schon vor der Zeit mit mir zu Ende! Schade, dass es das jetzt schon war, dachte ich. Aber das Leben wäre so oder so irgendwann vorbei gewesen. Jetzt habe ich nun einmal Pech gehabt, dass es mich jetzt schon erwischt hat. Aber ich muss jetzt tapfer sein.

Ich fuhr nach Haus und dachte an Ruth und Rebekka. Wie würden sie damit umgehen, wenn sie das erfahren? Ich spürte Traurigkeit und Angst zugleich. Schon bald bin ich nicht mehr da, und sie müssen ohne mich klarkommen. Plötzlich überfiel mich ein Gedanke: Jetzt werden sie mich bedrängen, noch schnell zuvor an Jesus zu glauben; und ich müsste dann so tun, als hätte ich mich noch gerade rechtzeitig bekehrt. Es muss also die letzten Tage meines Lebens heucheln, weil ich es ihnen nicht antun kann, mit der Vorstellung weiterzuleben, dass ich jetzt in der Hölle wäre. So ein Stress! Und was mache ich, wenn sie merken, dass ihr nur zum Schein wieder Christ geworden bin? Noch nicht einmal sterben darf ich in Frieden. Aber was tut man nicht alles aus Liebe zu den Seinen!

Ich kam nach Hause und zeigte Ruth die CT-Bilder. Sie verglich diese mit Hirntumorbildern im Internet und stellte eine gewisse Ähnlichkeit fest. Ruth war allerdings ziemlich gefasst und wirkte fast schon apathisch. Dann kam Rebekka von der Schule nach Hause und ich fragte sie, ob sie Lust hätte, mit mir nach Aldi zu fahren. Im Auto erzählte ich dann der Rebekka, dass ich nicht mehr lange zu leben hätte. Sie fing sofort an zu weinen, und wir umarmten uns. Dann gingen in den Aldi-Markt, und tief in Gedanken ging ich - wie mechanisch - zum Brotregal, um aus alter Gewohnheit ein Vollkornbrot herauszunehmen zum Broteschmieren für die Arbeit. Doch dann dachte ich: Wozu soll ich mich jetzt noch gesund ernähren? Ich kann doch jetzt essen, was ich will! Wie wäre es mit einem kalorienreichen Berliner oder einem besonders fettreichen Blätterteig – ist doch sowieso egal! Schon merkwürdig, welche Gedanken man angesichts des nahen Todes hat. Schade, dachte ich, dass ich jetzt doch nicht mehr meine Biographie geschrieben habe…

Am nächsten Tag gingen wir zu unserem iranischen Hausarzt Dr. Ferdowsy, um über die Diagnose zu sprechen. Er kam rein, las den Bericht seines Kollegen und sagte: „Sie haben eine Raumforderung im Kopf, und zwar eine sog. Arachnoidalzyste. Das ist aber nicht weiter schlimm, solange diese sich nicht vergrößert. Damit können Sie alt werden.“ – „Was ist eine Zyste?“ fragte ich. – „Das ist so etwas wie ein Wasserbeutel, völlig harmlos.“ – „Und wiese konnte die entstehen?“ – „Ach, die haben Sie wahrscheinlich schon von Geburt an. Das ist so eine Laune der Natur und nur deshalb niemandem bisher aufgefallen, weil man nie ein Bild von ihrem Kopf gemacht hat.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich sollte also doch noch weiterleben! Falscher Alarm! Doch nur zwei Monate später im Februar 2014 stellte man bei mir tatsächlich einen Tumor fest, doch dazu später mehr.

Ich schrieb Ende 2013 in mein Tagebuch: „Ich träume jetzt schon nicht mehr von der großen Veränderung. Ich bin ängstlicher geworden, will nichts mehr dazu gewinnen, weder Geld noch Wissen, sondern nur noch meinen Besitz bewahren… Vielleicht ist in mir eine Legion von Dämonen, die mich daran hindert, wieder glauben zu können. Deshalb mag ich vielleicht die Atmosphäre von düsteren Orten und Grabstätten. Die Dämonen ließen den Gadarener häufig schreien…

Vielleicht ist es ja sogar der Teufel, der im Heilsplan Gottes das noch größere Opfer gegeben hat, indem er freiwillig die Rolle des Bösen übernommen hat, die kein anderer der Engel spielen wollte. Einer aber musste es ja machen. Er wusste doch, dass er keinerlei Chance hätte, wenn er gegen Gott rebellieren würde. Aber er akzeptiere es, seinem Bruder Jesus den Vortritt zu lassen, damit dieser einmal von allen verehrt werde, während er (der Teufel) von allen verabscheut und gemieden werden würde. Er ist wie der verbannte Kain oder der verfluchte Esau, die sich ebenfalls aus Liebe zu ihrem Bruder zurückgenommen haben, indem sie bereit waren, die Rolle des Bösewichts zu übernehmen. Es könnte auch theoretisch sein, dass der Teufel diese Rolle nicht freiwillig übernahm, sondern erst von Gott dazu überredet werden musste. Vielleicht sprach Gott zu ihm: ‚Du bist der ältere von euch beiden, deshalb sei tapfer und übernimm für ein paar tausend Jahre diese Rolle. Gönne es deinem Bruder Jesus, dass er verehrt wird, während du von mir verworfen wirst.‘“

Ja wirklich, die Herzen der Menschenkinder sind voller Bosheit, und Tollheit ist in ihrem Herzen ihr Leben lang, und danach geht’s zu den Toten.“ (Pred.9:3)

 

Januar bis März 2014

Von der Winterwanderschaft ermüdet

Im Winter 2014 stieß ich auf ein Gedicht von Friedrich Nietzsche (1844-1900), der - wie ich - in seiner Jugend mal gläubig war, aber dann seinen Glauben an Gott verlor:

"Die Krähen schrei'n und ziehen schwirren Flug's zur Stadt, bald wird es schnei'n, wohl dem, der jetzt noch Heimat hat.

Nun stehst du starr, schaust rückwärts, ach, wie lange schon! was bist du, Narr, vor Winters in die Welt entfloh'n?

Die Welt - ein Tor zu 1000 Wüsten, stumm und kalt.

Wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich, zur Winterwanderschaft verflucht, dem Rauche gleich, der stets nach kälter'n Himmeln sucht.

Flieg, Vogel! schnarr dein Lied im Wüstenvogelton!

Versteck, du Narr, dein blutend‘ Herz in Eis und Hohn.

Die Krähen schrei'n und ziehen schwirren Flug's zur Stadt, bald wird es schnei'n - Weh' dem, der keine Heimat hat!"

Dieses Gedicht beschrieb sehr gut meine Situation: Auch ich war ein Narr gewesen, dass ich damals die warme Stadt des Christentums verlassen hatte und mich lieber von der winterkalten Klarheit des Verstandes leiten lassen wollte. Ich hatte Gott, die Quelle lebendigen Wassers, verlassen und mich auf eine endlos lange Wanderschaft begeben in eine seelenlose und gottverlassene Winterwelt. Die „weite Pforte“ erwies sich als ein „Tor zu 1000 Wüsten, stumm und kalt“. Aber da ich keinen Glauben mehr hatte, gab es für mich kein Zurück mehr. Ich fühlte mich orientierungslos und gottverlassen, so wie Nietzsche es in einem anderen Gedicht, „Der tolle Mensch“, an einer Stelle beschrieb:

Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend?

Rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?  Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?

Meine Freunde aus dem Religionskritik-Forum hatten kein Verständnis für meine Wehmut. Sie waren froh, dass sie nie von diesem „Virus eines irrationalen Glaubens infiziert“ wurden und fühlten sich den „Religioten“ haushoch überlegen. Sie waren sich absolut sicher, dass es außer den physikalisch nachweisbaren Phänomenen nichts weiter gab und hielten sogar die Liebe bloß für einen evolutionären Überlebenstrieb. Auch wenn noch nicht alles naturwissenschaftlich erforscht sei, so hielten sie doch alles prinzipiell für materialistisch erklärbar. Und solange Gott für sie nicht nachweisbar war, konnte es ihn auch nicht geben.

Aufgrund meiner Vergangenheit hatte ich bei mir eine gewisse "Fundamentalismus-Allergie" festgestellt, so dass ich auf vermeintliche Sicherheiten immer ein wenig rebellisch reagierte. Isaak Newton hat ja mal gesagt: "Was wir wissen, ist ein Tropfen, und was wir nicht wissen, ist ein Ozean". Ich sah Fundamentalismen nicht nur in den Religionen, sondern genauso auch bei jenen, die sich zwar bescheiden als "Agnostiker" bezeichneten, aber in Wirklichkeit viel mehr zu erkennen glaubten, als sie bereit waren, zu bekennen. In seinem Höhlengleichnis hatte Platon aus meiner Sicht zu Recht angenommen, dass die von uns erfahrbare Welt nur ein Bruchteil dessen sein kann, was es in Wirklichkeit gibt, so wie er es mit Menschen verglich, die angekettet in einer Höhle leben und nur eine blasse Ahnung haben, dass es außerhalb dieser Höhle noch eine andere Welt geben muss.

Ich schrieb den Teilnehmern im Religionskritik-Forum: „Wissen ist Illusion und Wahn. Es gibt schließlich andere Welten, die in unseren Köpfen entstehen, aber die genauso wirklich sind wie die äußere Wirklichkeit, aber viel, viel schöner und lebendiger als diese. Wenn es also einen Gott gibt, dann erwartet Er von mir, dass ich mich auf diese Fantasiewelten in meinem Kopf einlasse, damit Er mich von Seiner Weisheit belehren kann. In diesen Welten gibt es keine Grenzen, weil es auch keine Ängste mehr gibt. Dort ist nur Licht und Wärme, denn Gott durchflutet alles. Ich habe gelernt, dass die Liebe Gottes und das Wissen, von Ihm getragen zu sein, selbst in den schwierigsten Momenten Halt und Kraft gibt. Ihr schaut verächtlich auf die Christen und haltet den Glauben für einen Wahn. Ich hingegen empfinde Mitleid mit Euch, weil ihr keine Ahnung habt, wie sich das anfühlt, - die Liebe Gottes…“.

Eines Abends sah ich dann eine Sendung zum Thema „Wissen und Glauben“ mit Eugen Drewermann. Ich hatte von ihm schon mal gehört und wusste, dass er ein ehemaliger katholischer Priester war, der 1991 exkommuniziert wurde, weil er die katholischen Dogmen ablehnte. In dieser Runde wurde Drewermann gefragt, wie er seinen Glauben an Gott heute beschreiben würde. Und dann gab er eine Antwort, die so perfekt formuliert war, als hätte er sie von einem Blatt abgelesen oder sie zuvor auswendig gelernt, und die mich so sehr beeindruckte, dass ich sie mir aufschrieb:

Ich glaube, dass Gott gegenwärtig ist in den Tränen, die eine Frau zum ersten Mal weint nach einer zerbrochenen Ehe.

Ich glaube, dass Gott gegenwärtig ist in dem Mut, den ein Kind besitzt, sich zu wehren gegen die Tyrannei seiner Eltern.

Ich glaube, dass Gott gegenwärtig ist in der Schönheit einer Koralle oder einer Muschel am Strand oder in der Bemusterung einer Antilope in der Serengeti.

Ich glaube, dass Gott gegenwärtig ist in der Größe der Spiralnebel und der Winzigkeit der Atome.

Ich glaube vor allem, dass er gegenwärtig ist in jeder Regung der Liebe, die wagt, sich zu leben, mitunter sogar gegen den Einspruch heiliger Gesetze.

Ich glaube, dass Gott da ist, wo Menschen den Mut gewinnen, lieber eine Ordnung zu zerbrechen als das Herz von Menschen. Ich glaube, dass Gott allmächtig ist in dem Sinne, dass Gott ständig neu schafft, dass Er Altes aufgibt, dass sich überlebt und dass Er sich ergießt wie Wein in alte Schläuche.

Ich glaube, dass Gott hörbar wird im Schweigen, gegenwärtig wird im Mitleid und stark sein kann im Widerstand. Und ich denke, dass wer sagt, er glaubt an Gott, gleichzeitig sagt, es gibt eine andere Welt der Logik, die sagt, dass 2 x 2 gleich 4 ist. Es gibt eine andere Realität als die, die wir sehen können. Es ist besser, als Traumwandler des Nachts auf Dächern zu gehen und nach einem fernen Stern zugreifen, lieber, als mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen und ewig sicher zu sein. Es ist möglich, nach den Illusionen und Träumen, die im unseren Herzen verborgen liegen, nach der Weise der Künstler der Realität zu zusprechen, als der dauernden Dreinrede: die Wirklichkeit aber ist blutig, grausam und roh. Es gibt etwas zu hoffen jenseits der Menschen. Es gibt etwas zu glauben jenseits der menschlichen Geschichte. Es gibt Wahrheiten, die lebendig machen und in Dienst nehmen und Verantwortung schenken, außerhalb dessen, was pragmatisch vernünftig ist. Es ist möglich, Menschen so zu lieben, dass sich ihre eigene Person darunter formt; und sie werden entdecken, dass das, was sie trägt, selber eine Person sein wird jenseits aller menschlichen Vermittlung. Daran glaube ich, denen zu Liebe, die ich liebe.“

Dieses Glaubensbekenntnis berührte mich sehr und auch die Art, wie er es vortrug mit seiner ruhigen und sanften, aber auch etwas traurigen Stimme. Ich wollte mehr von Drewermanns Ansichten wissen und kaufte mir innerhalb von drei Wochen an die sechs Bücher von ihm. Meist ging es in diesen darum, dass er biblische Geschichten, aber auch Grimms Märchen, „tiefenpsychologisch auslegte“, wie er sagte. Auf der Rezension eines seiner Bücher hieß es: „Drewermann hat wie kaum ein anderer es verstanden, dieses tragische Missverständnis aufzudecken, dass zwischen Theisten und Atheisten besteht, nämlich die Missdeutung der Mythen und Märchen als bloße Irrtümer, anstatt ihre innere Wahrheit zu begreifen“. Schon bald wurde mir klar, dass Drewermann nicht an die „Historizität“ der biblischen Geschichten glaubte. Aber das schien ihn nicht zu stören, da er die Weisheit Gottes schon allein durch die Dichtung dieser Geschichten am Wirken sah. Ich war wie gefesselt von dieser neuen Perspektive und dachte, dass ich nun endlich einen Ausweg gefunden hätte, um der Tristesse meines Unglaubens zu entfliehen. Ich ahnte jedoch nicht, dass Gott schon kurz davorstand, sich mir zu offenbaren.


Meine Mutter

Anfang 2014 hatte meine Mutter Renate Poppe (70) von ihrem behandelnden Arzt erfahren, dass sich ihr Krebs inzwischen ausgebreitet und nun die Knochen befallen habe. Dabei merkte sie davon gar nichts, außer dass sie immer so einen salzigen Geschmack im Mund spürte und ständig so einen trockenen Husten hatte. Ein Behandlungserfolg sei wohl relativ gering, aber meine Mutter lehnte ohnehin eine Chemotherapie ab, da sie ihr Vertrauen ganz auf den HErrn setzen wollte. Nicht erst seit ihrer Bekehrung im Oktober 1986, sondern auch schon von ihrer Kindheit an habe sie Gott immer nur als treu sorgenden Vater erlebt, der sie auch jetzt in der Zeit des Abschiednehmens nicht verlassen würde, sagte sie mir. Immer wenn ich mit meiner Mutter telefonierte, war ich - mehr als ein Sohn – wie ein Freund und Vertrauter, dessen Ratschläge sie sehr schätzte. Als Ruth einmal meiner Mutter am Telefon ihr Leid klagte, dass ich nicht mehr an Gott glauben würde, sagte sie zu ihr: „Mach Dir keine Sorgen, Ruth. Ich bete jeden Tag für Simon, und ich vertraue Gott, dass Er ihn eines Tages wieder zum HErrn führt.“ Aber würde das noch zu ihren Lebzeiten sein? Wir konnten uns aber als Kinder auch gar nicht vorstellen, dass unsere Mutter irgendwann in den nächsten Jahren sterben würde, zumal sie immer noch gut zuwege war. Wir ahnten nicht, dass sie nur noch ein Jahr zu Leben hatte.

Meine Mutter wurde 1943 geboren als einzige Tochter des Klempners Fritz Ahldag und seiner Frau Irmgard in Bremen-Gröpelingen. Ihre Eltern waren während des Krieges arm und wohnten deshalb im Hause der Großeltern. Sie erzählte, dass die Familie im zerbombten Bremen sich meist den ganzen Tag in der warmen Küche im Keller aufhielt, wo alle rauchten und die Wände schwarz vor Ruß waren. Ihre Mutter war sehr streng und bestrafte meine Mutter oft mit Liebesentzug, indem sie zu ihr sagte: „Du bringst mich eines Tages noch mal ins Grab!“ Dabei liebte meine Mutter sie über alles, sogar so sehr, dass sie im Kunstunterricht einmal genau in dem Moment in Ohnmacht fiel, als ihre Mutter gerade zuhause in ein Koma fiel (was sie erst nachträglich erfuhr). Darauf wurde ihre gläubige Oma ihr zum Mutterersatz, die ihr immer wieder von Gott und dem HErrn Jesus erzählte. Sie schrieb ihr damals ins Poesie-Album: „Wenn du denkst: Es geht nicht mehr! Kommt von irgendwo ein Lichtlein her, das leise zu dir spricht: Vergiß mein nicht!

Für meine Mutter war dies immer Gott gewesen, den sie nicht vergessen sollte. Sie hatte immer die Vorstellung, dass sie in einem finsteren Wald sei, aber ganz weit weg ein kleines Licht erblickte, wo Gott in einer Hütte auf sie warten würde. Ihre Mutter war an Tuberkulose erkrankt und verbrachte viele Monate im Krankenhaus. Die Zuversicht, dass Gott am Ende alles gut machen würde, half ihr dann auch die vielen Male zu ertragen, als sie in der Folgezeit dann von ihrem Vater missbraucht wurde. Er sagte zu ihr: „Renate, jetzt wo deine Mutter nicht da ist, musst du das tun, was sonst deine Mutter getan hätte“. Meine Mutter war in ihrer geistigen Entwicklung stark zurückgeblieben und spielte mit 17 Jahren noch mit Puppen. In der Schule wurde sie wegen ihrer Größe von 1,80 m immer von den Mitschülern gehänselt und sogar von ihrem Lehrer als „lange Ahldag“ bezeichnet. Mit 18 erkrankte dann auch meine Mutter an TBC und war fast ein halbes Jahr im Krankenhaus. Die Liebe der Krankenschwestern muss es gewesen sein, dass meine Mutter sich entschied, auch selbst Krankenschwester zu werden. Als sie sich 1961 um eine Ausbildung zur Krankenschwester bewarb, sagte sie zur Oberin vom Diakonissenkrankenhaus: „Ich weiß, dass Sie mich nehmen werden, denn Gott hat mir das gesagt!“ Darauf sagte diese ihr: „Na, wenn das so ist, dann habe ich ja auch gar keine andere Wahl, wenn Gott das so entschieden hat, sonst würde ich mich ja Gottes Plan widersetzen.

Nachdem ihre Mutter mit 39 Jahren an TBC verstarb, verliebte sie sich in meinen Vater Georg und heiratete ihn im Sommer 1965. Aus Liebe zu ihr hatte er seinen Beruf als Maschinenschlosser aufgegeben und nochmal eine neue Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen, um meiner Mutter nahe zu sein. Mein Vater war ein sehr schöner Mann, und meine Mutter war regelrecht vernarrt in ihn. Als sie ihre erste kleine Dachkammerwohnung hatten, kaufte meine Mutter eine Dose mit rotem Lack und bemalte das ganze Treppenhaus mit Herzen und Kussmündern. Dazu schrieb sie mit großen Buchstaben: „1000 Küsse“. Sie wollte meinem Vater damit eine Freude bereiten, aber als er am Nachmittag nach Hause kam, war er entsetzt und schimpfte mit meiner Mutter: „RENATE, WAS HAST DU GEMACHT! Das müssen wir alles wieder weiß übermalen, denn sonst bekommen wir Ärger vom Vermieter!“ Meine Mutter weinte bitterlich, weil mein Vater sich gar nicht über diesen Liebesausdruck gefreut hatte.

Doch meine Mutter hatte das Trauma aus ihrer Jugendzeit nicht verwunden und wandte sich deshalb an einen Psychologen. Günther Rudolph empfahl ihr die Teilnahme an einer so genannten „Selbsterfahrungsgruppe“, wo auch andere traumatisierte Erwachsene einmal wöchentlich bei psychedelischer Musik und Tanz das Berühren fremder Menschen erlernen konnten. Zu dieser Selbsthilfegruppe ging meine Mutter in den 70er Jahren und freundete sich mit den Teilnehmern auch privat an. Doch irgendwann spürte sie, dass diese Gruppe ihr nicht half auf der Suche nach Gott, sondern sie vielmehr weiter von Ihm entfernte. Sie fing daher an, regelmäßig mit uns in die Kirche zu gehen und sich für ein Kinderheim in Italien zu engagieren. Anfang der 80er Jahre entdeckte sie ihr Talent, Menschen durch ihre herzliche Begeisterungsfähigkeit zu gewinnen. So ging sie z.B. zum Spendensammeln einfach so in eine Bank und wollte mit dem Direktor persönlich sprechen. Dem erzählte sie dann herzergreifend von der Situation der armen Kinder in Casa Materna, einem methodistischen Waisenhaus in Neapel, und bekam dann mal eben eine Spende von 1.000, - DM. Oder sie ging nach Karstadt, um mit dem Geschäftsführer zu sprechen und erhielt kurz danach einen Warengutschein über 5.000, - DM. Um die Spende nach Neapel zu bringen, erbat sie kurzerhand die Hilfe der Brauerei Beck’s, die ihr einen Lkw samt Fahrer zur Verfügung stellte, um die Waren dorthin zu bringen. Oder sie organisierte ein Musik- und Theaterfestival, dessen Erlös für das Kinderheim war. Auch machte sie einen Spendenaufruf über Radio Bremen, so dass die Leute wochenlang Kartons mit gebrauchter Kinderkleidung brachten. Sie hatte auch keinerlei Berührungsängste, auf den Manager von Werder Willi Lemke zuzugehen, mit dem sie schnell per Du war, um von ihm einen zu versteigernden Fußball mit den Unterschriften aller Werderspieler zu bekommen. Ja, meine Mutter hatte so viel Liebe und Heiterkeit, dass sie problemlos die Herzen von Menschen gewinnen konnte.

Als die Ev. Kirche in Bremen-Hemelingen 1982 eine neue Pastorin bekam, Eva Behrens, wurde sie eine der besten Freundinnen meiner Mutter. Doch irgendwann merkte sie, dass die neue Pastorin gar nicht so gläubig war, wie meine Mutter dachte: So verweigerte sie z.B. mal ein Abschlussgebet am Ende einer Frauenrunde, um das meine Mutter sie bat und schimpfte sogar später mit ihr: „Renate, wie konntest Du mich nur so bloß stellen vor allen Frauen!“ – „Aber Eva, ich bat Dich doch lediglich um ein Gebet; immerhin betest Du doch sonst auch immer im Gottesdienst…“ – „Ja, aber da lese ich das Gebet von einem Zettel ab. Aber am Frauenabend war ich völlig unvorbereitet.“ Doch richtig irritiert war meine Mutter dann, als sie eines Tages von Eva Behrens und dem Pastor Triebel ausgelacht wurde, weil sie die Jungfrauengeburt und die Wundertaten des HErrn Jesus für echt hielt. Sie sagte: „Aber Eva, wenn Du nie an die Jungfrauengeburt geglaubt hast, warum sagst Du dann jeden Sonntag im Glaubensbekenntnis: …geboren von der Jungfrau Maria?“ An jenem Tage endete ihre Freundschaft.

Verletzt und orientierungslos versuchte meine Mutter nun ihr Glück in der Katholischen Kirche. Sie besuchte damals regelmäßig ein Kloster in Süddeutschland, wo eine Ordensschwester war, die meiner Mutter etwas Orientierung gab. Damals im September 1984 kam ich zum Glauben an den HErrn Jesus und ging regelmäßig in eine Missionsgemeinde, von der meine Mutter erfuhr, dass sie eine Sekte sei. Sie machte sich Sorgen um mich, dass ich vielleicht verführt worden wäre, weil sie diesen Glauben nicht verstand. An einem Wochenende fuhr meine Mutter dann mit einer Freundin zu einem Seminar in einer katholischen Einrichtung in Damme, wo ein jüdischer Religionspädagoge einen Kurs anbot der sich „Hinwendung zu Zen“ nannte. Die Teilnehmer sollten sich auf den Boden legen und den Anweisungen dieses Seelen(ver)führers lauschen: „Ich atme in die Erde ein… ich atme in die Erde aus…“ Meine Mutter protestierte dagegen und rief laut: „Was hat das noch mit der christlichen Botschaft zu tun?!“ – Die anderen versuchten, auf sie einzuwirken: „Renate, Du musst Dich einfach mal mehr öffnen und Dich auf das Neue einlassen.“ Aber meine Mutter weigerte sich und brach das Seminar vorzeitig ab.

Im März 1985 lernte ich Daniel Werner kennen beim Besuch einer Hausgemeinde in Bremen-Blumenthal, wo ich fortan regelmäßig hinging. Auch meine Mutter wollte diese seltsamen Christen kennenlernen und brachte bei ihrem ersten Besuch einen Blumenstrauß mit. Schwester Hedi lächelte meine Mutter an und sagte: „Ach, liebe Renate, das kann ich aber gar nicht annehmen.“ Meine Mutter strahlte übers ganze Gesicht: „Das ist schon in Ordnung, liebe Hedi, denn ich möchte dadurch meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen!“ Doch Hedi erwiderte ihr noch immer lächelnd: „Nein, Renate, das KANN ich nicht von dir annehmen, weil Du noch nicht dem HErrn Jesus gehörst.“ Meine Mutter war entsetzt. Was für ein Affront! Erwartete Hedi etwa allen Ernstes, dass meine Mutter ihren Blumenstrauß wieder nach Hause mitnehmen sollte? Für sie war in diesem Moment klar: Hier gehe ich nie wieder hin! Die sind ja hier alle verrückt geworden!

An einem Wochenende, als ich mal wieder in Blumenthal übernachtete, klingelte um 23:30 Uhr das Telefon zuhause bei meinen Eltern. Es meldete sich ein Polizist, der meiner Mutter mitteilte: „Entschuldigen Sie die späte Störung, Frau Poppe, aber wir haben heute Abend Ihren Sohn Simon verhaftet, da er zusammen mit einer Gruppe religiöser Fanatiker auf dem Bremer Marktplatz ein Tier geopfert und verbrannt hat. Ihm droht jetzt eine Strafanzeige wegen Tierquälerei und Landfriedensbruch. Er ist hier bei uns auf der Wache am Doventorsteinweg, und sie können ihn hier abholen. Wir haben allerdings den Eindruck, dass er etwas unter Drogeneinfluss steht, weil er undeutliches und wirres Zeug daherredet.“ Meine Mutter war ganz aufgeregt und ließ sich die Adresse geben. Doch als das Telefonat beendet war, kam meine Schwester Diana die Treppe runter und beruhigte sie: „Mama, da hat sich doch jemand einen Scherz erlaubt! Glaubst Du allen Ernstes, dass Simon auf dem Marktplatz ein Tier opfern würde?! Und auch das mit dem Drogeneinfluss ist doch völliger Quatsch, denn Simon würde nie Drogen nehmen. Da wollte sich irgendeiner über Dich lustig machen, der uns kennt. Weiter nichts.“ Meine Mutter ließ sich überzeugen, rief aber am nächsten Morgen vorsichtshalber bei Böhnkes an, um mich zu fragen, wo ich die letzte Nacht verbracht hätte. Erst danach hatte sie volle Gewissheit, dass das ein Telefonstreich war.

Als 1986 auch noch mein Vater regelmäßig mit mir nach Blumenthal fuhr und mit mir zuhause auf den Knien betete, bevor wir die Predigtkassetten von Daniel Werner zusammen hörten, da hatte meine Mutter endgültig zu viel und warf uns beide vor die Tür. Mein Vater wohnte fortan in einer Parzelle auf dem Land, und ich zog kurz nach meinem 18 Geburtstag bei Edgard und Hedi ein, die mich wie ihren Sohn aufnahmen (Mark.9:37). Nach einem Monat rief mich meine Mutter an und warf mir vor, dass ich sie bisher nicht ein einziges Mal angerufen habe. Ich erklärte ihr, dass ich keine Gemeinschaft mehr mit ihr haben dürfe, da sie nicht wirklich gläubig sei. Darauf brach sie in Tränen aus und sagte schluchzend zu mir: „Wie kannst Du mir nur so etwas sagen?! Schließlich bin ich Deine Mutter!“ Ich sagte: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder und meine Schwester? Die den Willen Gottes tun! Aber Du suchst Gott nicht wirklich, sondern nur religiöse Befriedigung. Deshalb müssen sich jetzt unsere Wege trennen.“ Heute wundere ich mich selber, wie ich damals so rigide und herzlos sein konnte. Aber überraschenderweise kam meine Mutter schon kurz darauf zum echten Glauben an den HErrn Jesus und rief mich freudestrahlend an, um mir dies mitzuteilen. Ich war sehr skeptisch und glaubte ihr nicht, ließ mir jedoch nichts anmerken. Doch meine Mutter war tatsächlich gläubig geworden und ging von nun an regelmäßig in den Hauskreis einer evangelikalen Gemeinde, wo sie schnell viele Freunde fand und sich auch sozial dort engagierte. So arbeitete sie von 1986-1989 im christlichen Behindertenheim Bethesda als ehrenamtliche Hauswirtschafterin und danach noch ein Jahr als Krankenschwester im Pflegeheim Elim.

1987 schlug ihr das Gewissen, und sie entschied sich, die einjährige Verbannung meines Vaters aufzuheben und ließ ihn wieder nach Hause kommen. In den ersten zwei Jahren erlebten die beiden dann auch eine Wiederbelebung ihrer Liebe zueinander, und alles schien sich wieder zum Guten zu wenden. Aber dann ging es erneut los, dass meine Mutter sich immer wieder über meinen Vater beklagen musste, weil er aus ihrer Sicht keine Rücksicht auf sie nahm und ihre Kritik einfach ignorierte. 1990 lernte meine Mutter aber dann eine Freikirche kennen namens Bibelgemeinde, eine Art offene Brüdergemeinde. Mit deren Prediger Michael Penning führte sie dann viele Eheberatungsgespräche. Da sich mein Vater jedoch wiederholt nicht an gemeinsam getroffene Vereinbarungen hielt und meine Mutter schon am Rande des Nervenzusammenbruchs war, riet der Prediger ihr zur Trennung von meinem Vater, was sie dann 1995 auch tat. Da die Ältestenschaft jedoch dagegen war, verließ meine Mutter damals zusammen mit ihrer besten Freundin Iris die Gemeinde, und bald darauf ging auch der Prediger.

Im Jahr 1998 schlossen meine Mutter und Iris sich dann einer Freien evangelischen Gemeinde in Bremen an, die damals gegründet wurde. Meine Mutter arbeitete nun wieder in der ambulanten, d.h. häuslichen Altenpflege und sah ihre Aufgabe in der neuen Gemeinde vor allem darin, jungen Brüdern bei sich eine Art Zuflucht zu bieten, wo sie jederzeit mit ihren Problemen (aber auch ihren leerem Mägen) hinfahren konnten, um bei ihr sowohl Geborgenheit als auch ein warmes Mittagessen oder Abendbrot zu erhalten. Da meine Mutter immer sehr herzlich und unkompliziert war, ihr Herz also „auf der Zunge trug“, geschah es von Zeit zu Zeit immer häufiger, dass die jungen Christen zu meiner Mutter sagten: „Renate, ich hab‘ mal eine Frage: Darf ich Dein Sohn sein? Würdest Du mich adoptieren?“ Und so geschah es, dass im Laufe der nächsten 15 Jahre meine Mutter immer mehr Söhne und Enkel in ihr Herz schloss, unter anderem auch den Prediger ihrer Gemeinde. Als dann eines Tages die gegenüberliegende Wohnung bei meiner Mutter frei wurde, zog ihre Freundin Iris dort ein, so dass sie von nun an jeden Tag gemeinsam aßen und gemeinsam Dinge unternahmen. Das war sicherlich ein großes Geschenk von Gott für meine Mutter, aber auch für Iris (Ps.68:5 ELB).


April – Juni 2014

Die Reise nach Rumänien

Inzwischen war Rebekka 18 Jahre alt, und sie hatte immer noch keinen Freund, obwohl sie bildhübsch war. Woran lag das nur? fragten wir uns. Ist sie zu wählerisch? Oder hatte sie vielleicht nur Pech? Doch Anfang März bekam Rebekka auf einmal eine Messanger-Nachricht von einem Jungen namens Dennis Gasiorek (17), der Rebekka auf einer Theaterveranstaltung ihrer neuen Schule gesehen und sich nach ihrem Namen erkundigt hatte. Zufälligerweise wohnte Dennis in unserer Nachbarschaft, und so verabredeten sich die beiden heimlich eine ganze Woche jeden Tag, um miteinander spazieren zu gehen und Albernheiten auszutauschen. Ganz so unbemerkt blieben ihre Verabredungen indes doch nicht, denn Ruth hatte die beiden von weitem beobachtet und mich schnell zu sich ans Fenster gerufen. Wir sahen diesen schlanken, muskulösen jungen Mann mit Lockenkopf und waren richtig aufgeregt, als er auf einmal unserer Tochter zur Verabschiedung ein Küsschen auf die Wange gab. Wir ahnten zu diesem frühen Zeitpunkt jedoch nicht, dass dieser erste Freund unserer Tochter später auch ihre große Liebe und ihr Ehemann werden würde.

In den Osterferien beschlossen Rebekka und ich, dass wir gemeinsam eine Osteuropareise machen wollten, d.h. mit einem gemieteten Campingbus quer durch Tschechien, Österreich und Ungarn bis nach Rumänien, wo mein Freund Traian wohnte und wo es auch jenes christliche Kinderheim gab, für dessen Verein ich 23 Jahre zuvor einmal tätig war. Rebekka wollte nach der Schule ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland verbringen, und so bot sich die Gelegenheit, dass sie dieses Kinderheim einmal kennenlernen konnte, um zu prüfen, ob das etwas für sie sei. So mieteten wir uns ein Wohnmobil für 10 Tage á 60,-€ zzgl. einer Kaution von 1.000,-€ und fuhren Anfang April von Bremen aus los auf gerader Strecke ins 1.765 km entfernte Făgăraş, am Fuße der rumänischen Karpaten. Die Reise sollte drei Tage dauern, wobei wir auch Übernachtungen und Stadtbesuche unterwegs mit eingeplant hatten. Unsere erste Übernachtung war in der Nähe von Bad Schandau in der sächsischen Schweiz, ganz in der Nähe der tschechischen Grenze. Dann fuhren wir vormittags weiter nach Prag, wo wir in der Innenstadt spazieren gingen und Fotos machten. Am Abend erreichten wir Ungarn, wo wir auf einem Campingplatz übernachteten. Ungewohnt war für uns, dass wir ständig Mautgebühren bezahlen mussten, weshalb wir nach Möglichkeit das Fahren auf den Autobahnen vermieden.

Rebekka hörte die meiste Zeit über Kopfhörer Musik und las dabei in dem Buch „Kleiner Mann, was nun?“ von Hans Fallada, über das sie eine Hausarbeit schreiben musste. Es war daher nicht leicht für mich, mit ihr ins Gespräch zu kommen, zumal wir ja auch ganz unterschiedliche Interessen hatten. Also unterhielten wir uns über ihr Buch, und sie berichtete mir von der Handlung. Ich erzählte ihr dann alles, was ich über die 20er Jahre und der Weimarer Republik wusste, und so vertrieben wir uns die Zeit. Rebekka hatte genauso wie ich eine ausgeprägte Gabe zum assoziativen Denken, d.h. zum Erkennen und Verknüpfen von Ähnlichkeiten und Zusammenhängen, so dass es ihr leicht fiel, Texte zu verstehen und deren Botschaft mit eigenen Worten auf den Punkt zu bringen. Ihr Deutschlehrer schrieb einmal unter eine ihrer Klausuren, dass es ihm „Spaß mache“, ihre Aufsätze zu lesen – was für ein Kompliment! Schon mit 11 Jahren schrieb Rebekka z.T. hochphilosophische Lyrik, dass Ruth und mir die Kinnlade runterfiel. So ließ sie z.B. auf einem ihrer Bilder die Erde zum Mond sagen: „Was weinst du, mein Mond, und träumst von einer Welt, die nie mehr wiederkehren wird?“ Oder sie schrieb damals: „Nur im Himmel sind die Toten endlich frei“. Ich dachte damals: Welches 11-jährige Mädchen befasst sich denn mit dem Tod?! Habe ich sie etwa damals irgendwie beeinflusst?

Am späten Nachmittag des 3. Tages kamen wir endlich in Rumänien an. Zwei Polizisten hatten mich zuvor angehalten wegen zu schnellen Fahrens und von mir gleich ein Bußgeld kassiert. Wir fuhren an Sibiu (Hermannstadt), der Hauptstadt Transsylvaniens (Siebenbürgen), vorbei und kamen gegen 17:00 Uhr an in Făgăraş (ausgesprochen Fögörasch). Traian wohnte in einem kleinen, idyllischen Dorf namens Recea, direkt mit seiner Familie in ärmlichsten Verhältnissen in einem uralten, heruntergekommenen Haus am Dorfesrand am Fuße des Hochgebirges. Das winzige Haus das man ihnen als Zigeunern scheinbar zugewiesen hatte, bestand nur aus zwei Zimmern: rechts hausten seine Eltern und zwei erwachsene Geschwister auf 20 qm in einem karg möblierten Raum mit einem Kamin, zwei Betten, einem Schrank und einem Tisch. Links daneben war das etwa 10 qm-große Zimmer von Traian, das nur mit einem Ehebett, dem Kamin und einem Kleiderschrank ausgestattet war. Sie hatten noch nicht einmal einen Fernseher, um sich in den langen Wintern wenigstens die Zeit zu vertreiben. Sie luden uns zum Essen ein, das aus einer Knödelsuppe mit Brot bestand, aßen aber selbst nicht mit. Dann gab die Mutter der Rebekka ein Zigeunerkleid, dass sie sofort anprobieren sollte. Rebekka lächelte die ganze Zeit, aber versuchte dadurch - wie ich - nur ihre Bestürzung und Verlegenheit zu verbergen. Ich fand es aber pädagogisch sehr wertvoll, dass Rebekka auch einmal richtige Armut sehen sollte.

Da es zum Schlafen viel zu eng war, übernachteten wir im Wohnwagen. Am nächsten Tag wollte Traian mit uns seinen besten Freund besuchen, ein anderer Zigeuner, der durch den Verkauf von Autos und Drogen zu Wohlstand gelangt war. Er hatte einen Garten, der voll war mit Gartenzwergen und anderen Tonfiguren. Sein Wohnzimmer ähnelte eher der Lounge eines Nachtclubs mit riesigen Sofas und einer üppig ausgestatteten Bar. Auch sein Bad protzte nur so von Luxus, aber die goldfarbigen Armaturen der 4-qm großen Badewanne waren eher geschmacklos als geschmackvoll. Sein materialistisch gesinnter Freund hielt es scheinbar für wichtiger, mit seinem Reichtum anzugeben, als seinem Freund Traian mal finanziell unter die Arme zu greifen. Traian erzählte mir, dass die Zigeuner von den Rumänen verachtet werden und ihnen deshalb keine Arbeit gäben. Deshalb bliebe ihnen oftmals gar nichts anderes übrig, als illegal ihr Geld zu verdienen, um nicht zu verhungern. Sein Studium zum Verwaltungsfachangestellten habe ihm im Grunde nichts genützt, da er schon seit 10 Jahren keine Arbeit fände. Jetzt sei aber auch noch sein Vater schwer krank, und er müsse ihn pflegen, habe aber kein Geld für Medikamente. Traian tat mir sehr leid, weshalb ich ihm eine Spende gab und ihm eine Anstellung bei mir versprach

Am Nachmittag sind wir dann mit dem Wohnmobil in die Karpaten hochgefahren bis zu einem Punkt, wo man nur noch zu Fuß weiterkonnte. Es fing stark an, zu schneien. Wir kletterten zwei Stunden lang den Wald hoch, aber es ging immer weiter hinauf und nahm kein Ende. Da wir gar nicht passend gekleidet und unsere Schuhe inzwischen vom Schnee durchnässt waren, beschlossen wir, umzukehren, zumal es auch allmählich dunkel wurde. Als wir auf der Rückfahrt eine Anhöhe hochfahren mussten, drehten die Reifen auf der matschigen Piste durch, so dass wir weder nach vorne noch zurück konnten. Ich ließ die beiden aussteigen, um Gewicht zu verlieren, aber es ging noch immer nicht. Dann legte ich Steine unter die Reifen und bat Traian, der nicht so viel wog, einmal mit Schmackes durchzustarten. Er ließ den Motor aufheulen und schaffte es dann tatsächlich, das Wohnmobil aus dem Matsch zu befreien; allerdings war es nun voll und ganz mit Schlamm befleckt.

Am nächsten Tag wollten wir einkaufen und waren überrascht, dass es in Sibiu überall Aldi, Lidl und Kaufland gab, so als ob wir in Deutschland wären. Was für ein Unterschied zu 1991, als ich das erste Mal in Rumänien war, um dort vier Monate lang beim Aufbau eines Kinderheims in Tălmaciu zu helfen. Damals waren die Läden fast leer; es gab nur ein paar wenige Konserven aus Ostblockpruduktion, und einmal in der Woche hielt ein Lkw im Dorf an, der voll beladen war mit bereits trockenem Brot, das an die arme Bevölkerung für umgerechnet 30 Pfennig verkauft wurde. Vier Monate lang ernährte ich mich nur von Trockenbrot, Knoblauch und Dosenfleisch, das wir Kartonweise aus Deutschland mitgebracht hatten. Nun aber gab es alles in Hülle und Fülle, und die Rumänen verdienten auch endlich wieder ein ausreichendes Einkommen. Dennoch war natürlich alles sehr billig, und wir deckten uns ordentlich ein mit Proviant für die Weiterreise. Wir verabschiedeten uns von Traian und verblieben so, dass er im Sommer bei mir offiziell angestellt werden könne, sobald genug Arbeit war.

Als nächstes fuhren wir nach Tălmaciu, einem kleinen Dorf südlich von Cisnădie, wo einst das Kinderheim war. Inzwischen war aus dem Waisenhaus jedoch ein Altenheim geworden. Ich erkundigte mich nach den damaligen Besitzern Christian und Bela, und man teilte mir mit, dass nur noch Bela hier wohne, aber gerade zu Besuch in Deutschland sei. Das alte Ehepaar, mit dem ich auf Deutsch sprach, war aber sehr freundlich, und sie luden uns zum Mittagessen ein. Es waren strenggläubige Christen, und so gab ich mich aus alter Gewohnheit als einer der Ihrigen aus, um zu vermeiden, dass sie mit mir Bekehrungsgespräche führten. Wir unterhielten uns über die gute alte Zeit, bis Rebekka mir Handzeichen gab, dass sie gerne weiterwollte, da sie sich langweilte. Wir fuhren also weiter nach Petresti, einem kleinen Dorf in der Nähe von Alba Iulia, wo mein damaliger Freund und Glaubensbruder Hans-Udo aus Berlin 1994 ein neues Kinderheim gegründet hatte, nachdem das Projekt in Talmăciu gescheitert war. Inzwischen hatte der Verein im Lauf der Jahre sämtliche Gebäude an der Hauptstraße erworben, so dass man die Kinder getrennt nach Alter und Geschlecht dort bedarfsgerecht betreuen konnte.

Wir klingelten an der Tür und fragten nach dem Heimleiter Matthias Müller, von dem ich gehört hatte, dass er und seine Familie sich völlig für dieses Projekt aufgeopfert hatten, oftmals unter schwierigsten Bedingungen. Ich erklärte kurz, wer ich sei (wir kannten uns bisher nicht), und als ich den Namen Hans-Udo erwähnte, fasste Matthias sogleich Vertrauen. Ich erklärte ihm den Wunsch meiner Tochter, dort für ein paar Monate ehrenamtlich arbeiten zu wollen, aber er hob sofort hervor, dass ein Praktikum grundsätzlich mindestens ein Jahr dauern würde, da die Kinder zu den Betreuern ja auch eine Beziehung aufbauen würden. Da auch in Rumänien gerade die Osterferien waren, bekamen wir die Kinder nicht zu Gesicht, da sie gerade zuhause bei ihren Eltern oder Verwandten waren. Er zeigte uns nach einander die Zimmer und auch die Unterrichtsräume, und wir waren schwer beeindruckt, was für eine Ordnung und Disziplin vorherrschte. Man lud uns zum Abendessen ein mit dem derzeitigen Personal, das aus 5 oder 6 jungen Frauen bestand, die teilweise aber auch Töchter von Matthias waren. Am Abend spielten wir mit ihnen dann noch einige Runden Tischtennis, bevor wir zu Bett gingen.

Die Aussicht, ein ganzes Jahr dort bleiben zu müssen, war für Rebekka dann doch nicht mehr so verlockend, zumal das Dorf relativ weit entfernt von großen Einkaufszentren lag (sie war ja in der Stadt geboren und liebte den Einkaufsbummel). Bevor wir weiterfuhren, schrammte ich beim Rückwärtsfahren mit dem Wohnmobil noch die Dachrinne, die ich im Rückspiegel gar nicht gesehen hatte, mir aber am Ende die Kaution von 1000,-€ kosten sollte. Unser nächstes Ziel war nun Wien, wo ich einen Bekannten besuchen wollte. Wir fuhren quer durch Ungarn, machten einen Zwischenstopp in Budapest, wo ich einen Strafzettel fürs Falschparken erhielt, und übernachteten schließlich mitten im Wald, da wir keinen Campingplatz fanden. Am nächsten Vormittag erreichten wir Wien, wo wir zunächst das prächtige Schlossgelände in der Innenstadt besuchten, wo einst Königin Maria Theresia residierte und Wolfgang Amadeus Mozart seine großen Werke vorführte. Als wir dann schweißgebadet etwa 2 km zurück zu unserem Wagen liefen – ich wollte pünktlich bei meiner Verabredung sein – entzündete sich aus einem völlig nichtigen Anlass ein heftiger Streit zwischen Rebekka und mir, der uns den ganzen restlichen Tag vermasselte (Rebekka hatte ein starkes Deo benutzt, obwohl ich sie bat, dies wegen der Geruchsbelästigung nicht zu verwenden). Am Abend campten wir dann am Neusiedler See, wo wir auch endlich Wasser und Benzin tankten, sowie das Brauchwasser entsorgten.

Am darauffolgenden Sonntag fuhren wir vormittags nach Tschechien. In der Nacht war jedoch meine Brille zerbrochen, so dass ich bei meinen 4 Dioptrien größte Mühe hatte, ohne meine Brille zu fahren. Zu allem Übel hatte ich mich dann im Süden Tschechiens total verfahren, da wir kein GPS und Internet hatten. Die endlos vielen kleinen Ortschaften waren für mich im wahrsten Sinne des Wortes nur „Böhmische Dörfer“, und die Einheimischen konnten wir auch nicht nach dem Weg fragen. Meine Nerven lagen also blank, zumal noch zwei Tage Autofahrt vor uns lagen und ich den Mietwagen pünktlich am Dienstag zurückgeben musste. Rebekka spürte meine Anspannung und nahm auffällig Rücksicht auf mich. Als wir nachmittags in Prag ankamen, gab es dort so viele Baustellen, dass ich mehrfach im Kreis fuhr und nicht wusste, wie ich aus der Stadt hinauskäme. Ich klebte meine gesprungene und in der Mitte gebrochene Brille mit Tesafilm um meinen Kopf herum, um die Straßenschilder besser zu erkennen. Endlich erreichten wir abends einen Campingplatz im Norden der Tschechei, der von einem Deutschen betrieben wurde und an einem idyllischen See lag. Als ich am nächsten Tag in der Früh aufwachte, machte ich ein Foto vom Sonnenaufgang, das heute auf meiner Hahnenschrei-Seite zu sehen ist. Und dann fuhren wir geradewegs nach Bremen zurück, wo wir am Abend ankamen. Mittlerweile lagen schon über 4000 km Fahrt hinter uns. Aber trotz der eingebüßten Kaution hatte sich die Reise für uns gelohnt.


Meine Rückkehr zum Glauben

Bereits Anfang Februar hatte ich einen Termin im Krankenhaus, wo man mich eine Woche lang mal gründlich durchchecken wollte, um herauszufinden, warum ich trotz all der vielen Medikamente noch immer einen viel zu hohen Blutdruck hatte. Nachdem ich einige Belastungstests absolviert hatte, kam der Arzt an mein Bett und erklärte mir, dass er fündig geworden sei: In meiner rechten Nebenniere befände sich ein erbsengroßer, gutartiger Tumor, der die Produktion des Hormons Aldosteron steigern würde, sodass ich ständig zu viel Kochsalz im Blut hätte und in dessen Folge eine erhöhte Wasseransammlung im Gewebe und ein zu hoher Blutdruck. Diese Krankheit nenne sich das Conn-Syndrom und sei durch die Entfernung des Tumors u.U. heilbar. Bis zum OP-Termin sollte ich jedoch noch ein paar starke Medikamente nehmen und sollte vorsichtshalber nicht mehr auf hohen Leitern oder Gerüsten arbeiten.

Nach den Osterferien waren mittlerweile auch alle meine Mitarbeiter wieder da, denn wir hatten voll zu tun. Nachdem mein Stellvertreter Andreas im Jahr zuvor gegangen war, kehrte auch wieder Frieden in die Firma ein, und es lief wieder rund. Fadi und Bartosz hatten zusammen mit den Lehrlingen Tarek, Marco, Tim und Simeon in der Firma überwintert; und jetzt im Frühjahr waren auch Matthias, Luciano, Andrej und Peter wieder zurück, also 6 Gesellen und 4 Lehrlinge. Bartosz, der ja ursprünglich ein Katholik aus Polen war, interessierte sich auf einmal für die Bibel und ließ sich von meinem Zwillingsbruder Marco vieles erklären. Wenn ich mich dann aber mit ihm unterhielt und ihm die Widersprüche darlegte, widersprach er mir nicht, sondern hörte mir stets aufmerksam zu. Tim erzählte mir, dass er und sein Bruder in einem christlichen Elternhaus aufwuchsen und deshalb nie Fernsehen schauten. Allerdings sei die Ehe ihrer russlanddeutschen Eltern vor ein paar Jahren zerbrochen, weil der Vater dem Alkohol verfiel. Dadurch habe die ganze Familie ihren Halt verloren und mit dem Rauchen und Kiffen angefangen. Auch laufe gegen die beiden Brüder ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung, da sie sich mit einer verfeindeten Ausländerbande geprügelt hatten. Simeon hatte große Schwierigkeiten in der Schule, war aber wie sein Bruder ein fleißiger Arbeiter.

An einem Samstag Anfang Mai erhielt ich auf einmal Besuch. Es war ein Christ aus Hanau, der übers Internet von mir gehört hatte und mich einmal kennenlernen wollte. Frithjof (40) hatte wie ich seine Jugend in einer christlichen Sekte verbracht, wo er auch seine Frau kennengelernt hatte. Von Beginn der Ehe an übte jedoch sein Schwiegervater, der einer der Ältesten dieser Pfingstgemeinde war, einen sehr autoritären Einfluss auf das junge Paar aus und mischte sich ständig in die Ehe ein. Doch vor ein paar Monaten kam es dann plötzlich zum großen Krach: seine Frau beschuldigte Frithjof, sich an den eigenen Kindern vergangen zu haben und flüchtete mit diesen nach Österreich. Auf Druck des Vaters ließ sie sich dann scheiden und erstattete Anzeige gegen ihren Mann. Frithjof beteuerte jedoch immer wieder seine Unschuld, aber keiner glaubte ihm. Gegen ihn wurde nun wegen Kindesmissbrauch ermittelt. Er wurde auch aus der Versammlung geworfen, verlor seine Arbeit und schließlich auch allen Halt im Leben. Für ihn war das alles ein einziger Alptraum. Wir unterhielten uns den ganzen Tag auf Spaziergängen über den christlichen Glauben. Ich gab ihm Ratschläge und tröstete ihn, soweit ich es konnte. Als ich ihn spät am Abend zum Zug brachte, sagte Frithjof zu mir: „Es ist seltsam, Simon, dass Du Dich selbst als Agnostiker bezeichnest, denn obwohl ich Dich bisher nicht kannte, spüre ich mit Dir so eine brüderliche Verbundenheit, wie ich sie all die Jahre unter Christen nie hatte. Ich kann eigentlich gar nicht glauben, dass Du kein Christ bist. Du hast auf jeden Fall nach all den Jahren noch immer diesen typisch christlichen Nestgeruch.“

Was meinte Frithjof damit? fragte ich mich. Wie konnte er in mir einen christlichen Bruder sehen wollen, wo ich doch eigentlich ein absoluter Antichrist war? Auch ihm hatte ich ja ausführlich an Hand von Beispielen gezeigt, dass der Glaube absolut irrsinnig sei und auf einem nur allzu leicht durchschaubaren, kindlichen Wunschdenken beruhte. Und hatten nicht auch die Erfahrungen von Frithjof mal wieder bewiesen, dass die Christen doch alle nur eine verlogene Scheinfrömmigkeit an den Tag legten, aber in Wirklichkeit genauso verdorben waren wie alle anderen Menschen? Aber warum wollte Frithjof noch immer an diesem illusorischen Glauben festhalten? Hatte Gott ihn etwa bewahrt, damit er seine Frau und Kinder nicht verlieren würde? Was hat ihm sein Glaube genützt? War es vielleicht diese familiäre Geborgenheit, die er all die Jahre hatte? Ja, das hatte wirklich etwas Anziehendes. Aber durch diese Geborgenheit werden die Menschen irgendwie auch verzärtelt. Dieses strenge Christentum macht Männer wie Frithjof doch auf Dauer zu weinerlichen „Weicheiern“. Aber dass er sich an seinen Kindern vergangen hätte, war wirklich eine bösartige Verleumdung. Das glaubte ich nie und nimmer. Aber warum wehrte er sich nicht mit aller Kraft dagegen? Ich hätte diese ganze Gruppe verklagt und öffentlich an den Pranger gestellt, wenn ich er wäre. Aber Frithjof war so weich und sanft, dass man jede Schandtat gegen ihn verüben konnte, ohne dass er sich wehren konnte.

Und dann kam jener Dienstag, der 07.05.2014, von dem ich nie geahnt hätte, dass Gott mein Leben so vollkommen verändern würde. Eigentlich hätte ich es erwarten können, denn bisher war ja alle 6 Jahre ein einschneidendes Erlebnis in meinem Leben gewesen: 1978 kam ich zu den christlichen Pfadfindern und hörte zum ersten Mal das Evangelium, 1984 nahm ich den HErrn Jesus in mein Leben auf und wurde ein radikaler Christ, 1990 nabelte ich mich von jenen Christen ab, die mich jahrelang bevormundet hatten und nahm mir eine erste eigene Wohnung, 1996 verlor ich meinen Glauben an das Wort Gottes, 2002 verlor ich meinen Glauben an Gottes Existenz, 2008 wurde ich allmählich zum Antichristen und wollte das Christentum bekämpfen, und jetzt - im Jahr 2014 - griff völlig unvermittelt Gott selbst in mein Leben ein:

Ich war am Vormittag mit Ruth beim Endokrinologen Dr. Ventzke gewesen, der mir ein sehr starkes Medikament verschrieben hatte. Am Nachmittag wollte ich dann Büroarbeit erledigen, aber ich war wie gelähmt. Mein Kreislauf war zusammengebrochen, und ich fühlte mich ziemlich mies und elend. So lag ich da auf meinem Sofa im Büro und dachte nur: „Das kann nicht so weitergehen! Ich habe so viel zu tun, aber kann mich kaum bewegen!“ Aber auch seelisch ging es mir schlecht. Es war so eine Mischung aus Angst und Schuldgefühlen. Ohne dass ich überhaupt nachdenken konnte, rollte ich mich vom Sofa auf die Knie und begann auf einmal zu beten. Ich hatte schon Jahre lang nicht mehr gebetet, aber die Worte kamen auf einmal von ganz allein aus mir heraus. Ich hatte irgendwie die Kontrolle über mich verloren, war in Tränen ausgebrochen und bat Gott flehentlich um Vergebung für all meine Sünden und meine Untreue all die Jahre. Mein verfinsterter Verstand war dabei völlig ausgeschaltet, so dass ich nicht in der Lage war, mich zu fragen: Was machst Du da eigentlich gerade? Stattdessen bettelte ich Gott um Gnade und Kraft an, dass Er mir doch all meine Schuld vergeben möge und sich noch einmal meiner erbarme. Ich weinte unaufhörlich und lag da wie benommen.

Auf einmal hörte ich eine Stimme. Es war keine akustische, sondern eine innere Stimme, die zu mir redete. Ich erschrak und war wie gelähmt. Es war wie ein Wach-Traum. Mein Körper war völlig regungslos, nur mein Geist lauschte wie gespannt auf die Stimme. Es waren liebevolle Worte, aber ich wusste schon bald darauf nicht mehr, was die Stimme zu mir sagte – wie, wenn einer morgens aufwacht und einen Traum hatte, aber sich nicht mehr daran erinnern kann. Ich weiß nur noch, dass ich mich innerlich fragte, ob das gerade meine eigene Stimme war oder ob es Gott sei, der zu mir redete. Doch je mehr ich über diese Frage grübelte, desto sicherer wurde ich mir, dass es Gott gewesen sein musste. Denn die Stimme sagte mir ja Dinge, die mir nie selbst eingefallen wären. Das musste Gott sein! sagte ich mir. Noch immer kniete ich regungslos wie angewurzelt und zitterte innerlich, obwohl es auch ein wohliges Gefühl war. Gott redete immer noch zu mir. Nicht zu fassen! GOTT REDET ZU MIR! Sogar mein Herzschlag schien mir fast zum Erliegen gekommen. Ich gab keinen Mucks von mir, sondern lauschte nur ganz still. Ich konnte mich vor Ihm ja ohnehin nirgends verstecken. Aber Er hatte nun einen Zugang zu mir gefunden, als wenn ich in einer Höhle verschüttet war, in tiefster Finsternis und ganz leise die Stimme vom Bergungsteam vernommen habe. Ich wollte am Liebsten sagen: „Hier bin ich!“, aber Er hatte mich ja ohnehin schon geortet. Und jetzt brauchte ich nur noch auf meinen Retter warten. Gott war in meine geistliche Finsternis eingedrungen, um mich dort herauszuholen.

Dann sprang ich auf und gewann meinen Verstand wieder. Was war da gerade eben passiert? Wenn das Gott war, der eben gerade zu mir geredet hat, dann konnte ich ja jetzt nicht mehr Gott leugnen. Aber was war mit meinem Unglauben? Ich versuchte, mich an all die Argumente zu erinnern, die doch gegen den Glauben sprechen… aber da war nichts mehr. Dieser Bereich in meinem Kopf war auf einmal völlig leer, so als wenn einer die Festplatte in meinem Kopf gelöscht hatte. Ich konnte nicht mehr ungläubig sein! Gott hatte ja zu mir geredet! In diesem Moment ging die Tür auf und Ruth kam herein. Sie hatte bemerkt, dass ich geweint hatte, denn meine Augen waren noch tränenverquollen. Ich sagte schluchzend: „Ruthi, ich glaube, Gott hat gerade zu mir geredet.“ Sie umarmte mich, während ich noch immer wie benommen war. Plötzlich klingelte das Telefon. Zum Glück war’s nur meine Mutter. Ich legte mich mit dem Hörer aufs Sofa und plauderte wie gewohnt mit ihr, ohne mir anmerken zu lassen, was gerade geschehen war. Doch während sie mir etwas erzählte, schaute ich aus dem Fenster und dachte: Kann ich jetzt noch behaupten, dass es Gott gar nicht gibt, wenn Er sich mir doch jetzt gerade eben gezeigt hat? Und wenn ich mir das alles nur eingeredet habe? Ich muss es wieder tun, um mir ganz sicher zu sein. Ohne mir etwas anmerken zu lassen, beendete ich das Telefonat und betete wieder. Und schon wieder war da diese Stimme, und sprach mir sanft und liebevoll zu.

Von nun an betete ich jeden Tag, und es machte mir regelrecht Freude, dass ich jedes Mal mit Gott im Dialog sein durfte. Sobald ich still wurde im Gebet, begann die Stimme zu mir zu sagen: „Ich bin da“. Das war der Name Gottes (JaHWeH). Es machte mich sehr glücklich, dass Gott mich gefunden hatte. Nach so vielen Jahren, die ich weit entfernt von Ihm war, durfte ich Ihm nun nicht nur nah sein, sondern Er sprach sogar zu mir. Oder war es der HErr Jesus? Oder war es der Geist Gottes? Spielte das überhaupt eine Rolle? Ich versuchte, mir im Klaren zu werden, was das jetzt bedeutete. Mein Leben als Atheist war nun schlagartig und unerwartet beendet; aber wie würde es jetzt weitergehen? Dass ich jetzt wieder an Gott glauben würde, bedeutet doch noch lange nicht, dass ich wieder Christ geworden sei. Oder doch? Wie könnte ich auf einmal an die Bibel glauben mit all ihren Widersprüchen? In diesem Taumel von Gedanken gab es nur eine Sache, die mir Halt gab, und das war das Gebet. Jedes Mal, wenn ich wieder auf die Knie ging, war es so, als würde ich im Geist auf den Stufen zum Haus Gottes im Himmel stehen. Das Haus war wie ein riesiger Tempel, der von innen hell erleuchtet und der von Engelwächtern umgeben war. Ich sah den Tempel, aber war unfähig, die Stufen hinaufzugehen, weil ich zu unwürdig war. Jedes Mal weinte ich dann und bat Gott, dass Er mich doch hinauflassen möge. Ich würde mich auch nur mit der Schwelle begnügen (Ps.84:10), oder vielleicht einer winzigen Kammer.


Erste Gehversuche

So richtig fassen konnte Ruth ihr Glück noch nicht, dass ich wieder zu Gott umgekehrt war. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass dies auch für Ruth und unsere Ehe eine ganz wunderbare Wende bedeuten würde, dass ich jetzt aus den Toten erwacht war. Endlich hatten Ruth und ich wieder etwas Gemeinsames, und nicht nur irgendwas, sondern das Wichtigste überhaupt. Das Trennende zwischen uns war auf einmal verschwunden, und wir konnten uns endlich wieder völlig ungehindert und uneingeschränkt lieben. Ab jetzt konnte es nur noch besser werden. Aber ich fühlte mich geistlich noch ganz wackelig auf den Beinen, denn außer Beten konnte ich noch gar nichts anderes in diesem neuen geistlichen Leben. Und selbst das Gebet fiel mir noch schwer, und ich zitterte innerlich jedes Mal, wenn ich mir der Gegenwart Gottes bewusst wurde. Hatte der HErr mir wirklich schon alles vergeben? Wie konnte Er mich lieben? Wie konnte mich überhaupt noch irgendjemand lieben. Am liebsten hätte ich mich tief unter der Erde vergraben, wo es keinen Spiegel gab für mein Gesicht.

Aber Gott war es ja, der mich aus der Finsternis herausgezogen hatte; ich habe mir das ja gar nicht ausgesucht. Also hatte Er auch jetzt etwas mit mir vor, vielleicht sogar irgendeinen Plan. Wenn Er mich nicht lieben würde, warum hat Er sich mir dann geoffenbart? Er muss es gut mit mir meinen. Seine Liebe ist noch größer als meine Schuld. Aber noch immer drückte meine Gewissenslast schwer auf mir, und ich musste jedes Mal Schnotten und Tränen heulen, wenn ich betete. Ich dachte: Selbst wenn Er mir noch nicht vergeben hat, so will ich von nun an Ihn immer wieder darum bitten. Ich sehnte mich danach, Sein Erbarmen zu finden. Doch das Gefühl, Vergebung erlangt zu haben, stellte sich noch lange nicht ein. Wie konnte ich nach so vielen Jahren auch erwarten, dass alles wieder so sein würde wie früher! Nach all dem Spott, der Häme und den Lästerungen, die ich über Ihn und die Christen verbreitet hatte! Jetzt wollte ich auf ewig nur noch ganz still sein und alles befolgen, was Er von mir will. Mir kam jenes Lieblingslied meiner Mutter in den Sinn: „So nimm denn meine Hände und führe mich, bis an mein selig‘ Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt; wo Du wirst steht und gehen, da nimm mich mit…“ Ja, Gott sollte mich nun an die Hand nehmen und mich führen, wo auch immer Er wollte!

Unter den zahlreichen Büchern in meinem Zimmer hatte ich noch immer meine alte Elberfelder Bibel, die mir meine Mutter 1984 zu meinem 16.Geburtstag geschenkt hatte (ich hatte sie mir damals gewünscht). Sie war inzwischen schon so zerlesen, dass ich mir 1986 eine neue kaufen musste. Doch Edgard hatte mir immer gesagt, dass man Bibeln nie wegwerfen dürfe, selbst wenn sie noch so zerfleddert sind, denn sie sind ja das Wort Gottes. Nun war ich froh, dass ich sie noch hatte und begann, darin zu lesen. Obwohl ich sie schon so viele Jahre nicht gelesen hatte, kamen mir die Sätze noch alle bekannt vor. Trotzdem konnte ich (noch) nichts damit anfangen. Es lag noch immer eine Decke auf meinem Herzen, und ich erinnerte mich wieder an jene Frage, die mir der Hans-Udo damals stellte. „Wer ist Jesus für Dich?“ Keine Ahnung. Musste ich denn überhaupt an das Evangelium glauben? Mir genügte eigentlich doch schon der wiedergewonnene Glaube an Gott. Mir ging es in dieser Zeit wohl noch wie jenem Blinden, der vom HErrn schon berührt wurde, aber der noch immer keinen klaren Durchblick hatte: „Ich sehe Menschen, wie sie umhergehen, aber sie sehen aus wie Bäume“ (Mark.8:24).

Ich erzählte nun meiner Mutter und meinen Brüdern, dass ich jetzt wieder an Gott glaube. Patrick kam mich spontan besuchen übers Wochenende und freute sich sehr, dass ich mich bekehrt hatte. Als wir dann spazieren gingen, hielt ein Lehrer aus der Bekenntnisschule neben mir an, um mich zu begrüßen. Ich hatte mich schon oft mit Thorsten Busse über den Glauben unterhalten, aber nun war es Zeit, dass er die Wahrheit erfahren sollte: „Thorsten, ich habe Dich immer glauben lassen, dass auch ich Christ sei, aber das war nur geheuchelt. In Wirklichkeit war ich die ganzen Jahre Agnostiker. Aber vor vier Tagen ist mir Gott begegnet und seither glaube ich auch an Gott!“ Thorsten sagte: „Ehrlich gesagt, weiß ich jetzt gar nicht, ob ich mich eher darüber ärgern sollte, dass Du mich angelogen hast, oder ob ich mich über Deinen neuen Glauben freuen sollte. Ich freu mich natürlich, aber wie konntest Du mich nur so täuschen, wo wir doch schon so viele Male miteinander geredet haben!“ – „Ja, das stimmt“ räumte ich verlegen ein. „Glaubst Du denn auch jetzt an das Evangelium, an die Auferstehung und das ewige Leben?“ fragte er mich. Jetzt hatte er genau den wunden Punkt getroffen. Ich wollte ihn nicht wieder täuschen, deshalb gab ich ehrlich zu: „Weißt Du, Thorsten, für mich ist das jetzt schon das größte Geschenk, dass es Gott gibt. Das habe ich mir all die Jahre gewünscht, und jetzt habe ich Gott endlich gefunden. Aber das reicht mir im Grunde schon. Mehr brauche ich nicht. Ich bin so glücklich! Was soll ich denn jetzt noch mit der Auferstehung und dem ewigen Leben? Das wäre schon zu viel des Guten. Mir reicht es schon, dass ich den Rest meines Lebens jetzt an Gottes Hand gehen darf. Auferstehen muss ich jetzt nicht mehr unbedingt noch zusätzlich.“ – Thorsten schaute mich misstrauisch an und sagte: „Na, Du bist mir aber jetzt ein merkwürdiger Christ. Du glaubst ja noch nicht mal an die Auferstehung. Das ist für mich eine falsche Bescheidenheit. Entweder glaubt man ganz oder gar nicht!“ Seine Worte verunsicherten mich. Aber ich konnte nun einmal nicht mehr vorweisen, als ich besaß.

Am Sonntag lud mich Patrick in seine Gemeinde ein. Die Paulusgemeinde war gerade einmal nur 5 Minuten von unserem Haus entfernt, etwa 2 km, in unserem Stadtteil Habenhausen. Der Prediger Klaus Pache predigte an jenem Morgen ausgerechnet über das Gleichnis vom Verlorenen Sohn. Das konnte doch kein Zufall sein! Mir liefen die Tränen herunter, aber ich ließ es mir nicht anmerken. Als er aber dann am Ende dazu aufforderte, dass doch jeder aufstehen möge, der sein Leben dem HErrn Jesus übergeben wolle, hielt mich nichts mehr zurück und ich stand auf. Er sah mich und wunderte sich vielleicht, denn ich hatte ihm vor Jahren mal in einem seelsorgerlichen Gespräch anvertraut, dass ich kein Christ mehr sein könne. Aber mir war egal, was er jetzt dachte. Mit tränennassen Augen betete ich die Worte nach, die er vorbetete. Schließlich war ich ja der verlorene Sohn an diesem Tag, der zum Vater zurückwollte, und das sollte jeder nun wissen.

Als nächstes wollte ich es allen meinen Geschwistern von früher mitteilen, dass ich wieder zurückgekehrt sei. Ich suchte im Internet nach Bruder Bernd Fischer, aber er war von Eisenach unbekannt weggezogen. Dann schrieb ich dem Hans-Udo Hoster und auch dem Tobias Schaum, dass ich wieder zurück sei. Ich hatte eigentlich erwartet, dass sie sich freuen würden, aber sie reagierten äußerst skeptisch und zurückhaltend. Tobias hielt es für möglich, dass ich mich wieder nur bei ihm anbiedern wollte, um ihn für ein neues Buchprojekt auszuspionieren. Seiner Ansicht nach sei es gemäß Hebr.6 „unmöglich“, dass jemand wie ich, der schon einmal „geschmeckt hatte“ vom christlichen Glauben „wieder zur Buße erneuert werden“ könnte. Die Tür sei nun für immer zu, egal wie oft ich auch jetzt noch um Einlass betteln würde. Etwas anderes wäre es, wenn ich jetzt bekennen würde, dass ich früher noch nie wirklich gläubig war, sondern alles nur eine Heuchelei. Um dies zu prüfen, stellte er mir drei Fragen, durch deren Beantwortung er dann prüfen könne, ob ich wirklich von Gott erneuert sei.

Mir gefiel dieser inquisitorische Stil von Tobias gar nicht und ich merkte, dass er sich im Grunde in all den Jahren nicht verändert hatte. Er wollte wieder über meinen Glauben herrschen und würde dieses kleine Pflänzchen gleich wieder zertreten. Er stellte mir ja schon jetzt in Aussicht, dass es nach seinem Bibelverständnis „unmöglich“ sei, dass ich wieder Christ werden konnte, nachdem ich ja schon einmal gläubig war. Und was war ich dann? Sollte ich also nach seiner Auffassung wieder in die Welt zurückkehren? Tobias vermittelte mir – wie damals – wieder so einen grausamen und unerbittlichen Gott, der sich mit einem kleinen Klüngel an Getreuen zufriedengebe und dann die Tür für immer abschließe. Aber so war nicht der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Und was heißt für Gott schon „unmöglich“. Was bei Menschen unmöglich ist, ist für Gott noch lange nicht unmöglich. Aber ich wollte mich nicht schon wieder bei Tobias unter ein Joch sektiererischer Knechtschaft begeben. Er war von sich selbst so eingenommen, dass er mein Freundschaftsangebot als Anbiedern interpretierte und mich sogar als „Stalker“ bezeichnete! Was für eine Naivität von mir, dass ich glaubte, noch einmal sein Freund und Bruder werden zu können!

Ruth lud mich nun zu ihrem Hauskreis ein, der sich ja schon seit über einem Jahr einmal in der Woche bei uns im Wohnzimmer traf. Ich erklärte allen, dass ich jetzt auch wieder an Gott glauben würde. Sie freuten sich und nahmen mich sofort als ihresgleichen auf. In den 80ern in meiner ersten Zeit als Christ hatte ich immer auf solche Freikirchen-Christen von oben herabgeschaut, da sie für mich insgeheim Christen 2. Klasse waren, die kaum Ahnung hatten von der Bibel. Aber nun war aller Hochmut verflogen und ich war froh, dass ich überhaupt angenommen wurde und dabei sein durfte. Mir war klar, dass ich mich jetzt wieder ganz hinten in die Reihe anstellen musste, um ganz kleine Brötchen zu backen. Nie wieder wollte ich mich über andere überheben. Gott hatte mir noch mal eine letzte Chance gegeben.

An einem Abend las ich zusammen mit Ruth in der Bibel. Ich las ihr aus dem Buch Sacharja vor. Auf einmal stockte ich bei den Worten und konnte nur mit größter Mühe weiterlesen, denn die Worte stachen mir ins Herz. Unter Tränen und Schluchzen las ich die Worte: »Ist dieser nicht wie ein Brandscheit, das im letzten Moment aus dem Feuer herausgerissen wurde?« Joschua war aber mit verdreckten Gewändern bekleidet, während er vor dem Engel stand. Dieser sprach nun zu den vor ihm stehenden Dienern: »Ziehet ihm die schmutzigen Kleider aus!« Zu ihm aber sagte er: »Siehe, ich habe deine Verschuldung von dir weggenommen und lasse dir Prachtgewänder anlegen!« Hierauf befahl er: »Man setze ihm auch einen reinen Kopfbund aufs Haupt!« … Und der Engel des HERRN bezeugte dem Joschua: »So spricht der HERR der Heerscharen: ›Wenn du auf Meinen Wegen wandelst und Meinen Dienst gewissenhaft versiehst, sollst du sowohl Mein Haus verwalten als auch über Meine Vorhöfe die Aufsicht führen, und Ich will dir freien Zutritt zu Mir gewähren unter diesen, die hier (als Diener vor mir) stehen…«“ (Sach.3:3-8).

 

Juli bis September 2014

Gilt Gottes heilbringende Gnade für alle Menschen (Tit.2:11)?

Durch meine Umkehr zu Gott war mein ganzes bisheriges Denken wieder auf Werkseinstellung zurückgesetzt worden. Der Verlust aller bisherigen, törichten Überlegungen gab mir nun die Chance, mir von Gott noch einmal ganz neu alles erklären zu lassen ohne alle Voreingenommenheit von Menschen. So bat ich Gott um Orientierung und Weisung, damit ich nicht erneut in die Irre gehen möge. Was wollte Gott mir z.B. verdeutlichen durch meine Krankheiten? Der zunächst befürchtete Hirntumor sollte mir vielleicht zeigen, dass mein bisheriges Denken (Hirn) wie durch eine Wucherung in meinem Kopf eingeschränkt war. Und das Adenom in meiner Nebenniere wies im Bilde gesprochen noch auf verborgene Sünde in meinem Innern, die sozusagen noch herausoperiert werden musste, um weiteren Schaden zu verhindern. Die „Niere“ steht ja symbolisch für das Gemüt eines Menschen („es geht mir an die Nieren“), und speziell das Hormon Aldosteron soll den Salzgehalt im Körper regulieren. „Salz“ schützt das Fleisch vor dem Verderben, aber das Übermaß an Salz in meinem Blut gefährdete nun nicht nur mein natürliches Leben, sondern auch mein geistliches.

Wenn ein Essen versalzen ist, dann ist es ungenießbar. Und wenn ein Glaube von einem übermäßig strengen Gott ausgeht, dann verwundert es nicht, dass man sich irgendwann von einem solchen Gottesbild abwendet. Mir war es aber damals nicht gelungen, mir Gott anders vorzustellen; für mich war allein die Bibel maßgeblich, und diese vermittelte mir damals ja die Vorstellung von einem Gott, dem ich es nie recht machen konnte, der immer nur enttäuscht von mir war und der jeden Menschen für ewig verdammen würde, der sich Seinem Befehl nicht bedingungslos und bedenkenlos fügt. Ich hatte ja damals in meinem Abschieds-„Brief des Demas“ aus Tilmann Mosers „Gottesvergiftung“ Folgendes zitiert: „Das beruhigende Gesicht meiner Mutter, wenn sie früher vor dem Einschlafen mit uns betete, wurde ersetzt durch die Fratze eines unerbittlichen Schuldeneintreibers, der mich mit meiner Angst vor der Verlorenheit immer wieder neu erpresste zur Annahme einer sklavischen Angewiesenheit auf seine Gnade, die von ihm immer wieder neu erbettelt werden muss und die er wie ein Wucherer nur provisorisch vergibt mit dauerndem Widerrufsrecht… Gott ist der Konkursverwalter der Liebe… Er gedeiht in den Hohlräumen menschlicher Ohnmacht und Unwissenheit. Er blüht aus der Lebensangst der Menschen, aus allem Unverstandenem, das sie erlebten; vor allem aber aus ihrer Ungeborgenheit und ihren seelischen Entbehrungen… Seine erdrückende Wirklichkeit entstammt ihrer Isolierung, ihren Kontaktstörungen, ihrer Sprachlosigkeit anderen Menschen gegenüber. Sie beteten zu ihm, … weil ihnen sonst niemand zugehört hätte. In ihrer Verzweiflung haben sie Gottes Antwortlosigkeit als unendliche Geduld und Wohlwollen gedeutet. Sie hätten ihr Elend auch ihrem Wellensittich zuflüstern können.“ (Tilmann Moser, „Gottesvergiftung“, 1976)

Nun aber waren all diese lästerlichen Überlegungen hinfällig, denn Gott HATTE ja zu mir geredet. Ich bildete mir das nicht ein. Aber war Er wirklich so ein „Schuldeneintreiber“ und „Konkursverwalter“, für den ich Ihn damals hielt? Oder war dieses destruktive Gottesbild nicht vielmehr dem Charakter von Daniel Werner geschuldet, der mir mit seiner rigiden, humorlosen und strengen Art ein solch falsches Gottesbild vermittelt hatte? In der Gegenwart dieses alten Bruders war ich ständig in Anspannung und Alarmbereitschaft; denn sobald ich etwas Falsches sagte, wurde ich ja sofort von ihm gerügt. Er gab mir nie das Gefühl, richtig zu sein, und so dachte ich damals ja auch über Gott. So wie Esau, dem Rothaarigen, hatte Gott für mich damals keinen Segen mehr übrig, so dass ich nun 18 Jahre lang „fern von der Fettigkeit der Erde meinen Wohnsitz“ hatte und „ohne den Tau des Himmels von oben her“ (1.Mo.27:39).

Aber stimmte es denn nicht, dass „der biblische Gott die Menschen mit der Annahme einer völlig unglaubwürdigen Drohbotschaft erpresst, indem Er von ihnen den Glauben an ein überflüssiges Menschenopfer fordert“? Warum musste Jesus sterben, wenn doch niemand Gott irgendwelche Bedingungen stellen konnte, um den Menschen zu vergeben? Die alten Zweifel von damals waren wieder da. Aber diesmal wollte ich nicht wieder der Verzweiflung und dem Unglauben Raum geben, sondern nach einer Antwort suchen, wie sich diese Widersprüche auflösen könnten. Ich betete und fragte Gott um eine Antwort aus diesem gedanklichen Dilemma. Und dann nahm ich meine alte Bibel zur Hand, um nach einer Lösung zu suchen. Dabei kam mir ein Gedanke, dem ich weiter nachspüren wollte, ob er mit dem Wort Gottes im Einklang stand: Was wäre, wenn alle Maßnahmen Gottes das eine Ziel verfolgen, dass die Menschen schrittweise von Ihm zum Gehorsam erzogen werden – so etwa, wie ein Vater seine Kinder schrittweise erzieht? So fing Er mit den Kindern Israel an und gab ihnen Sein Gesetz, damit sie durch das Bemühen, Seine Gebote zu halten, die Erfahrung machen sollten, dass sie dazu gar nicht in der Lage sind aus eigener Kraft. Und dann gab Er den Gläubigen durch das Opfer Seines Sohnes Jesus am Kreuz von Golgatha einen Erlösungsweg, damit sie durch die Vergebung und die Kraft der Wiedergeburt durch den Heiligen Geist befähigt werden, nach Gottes Willen zu leben.

So wie die Söhne Jakobs durch ihren Bruder Joseph in Ägypten das Heil erfahren sollten, sollen im Neuen Bund nicht nur die Juden, sondern alle Menschen vor dem geistlichen Hungertod gerettet werden. Erst gaben sie ihr Hab und Gut und später dann auch ihre Seelen, um gerettet zu werden. Genauso wird es ja auch im Neuen Testament beschrieben, dass die Gnade Gottes in Jesus Christus allen Menschen zum Heil erschienen sei, damit wir durch sie wie Kinder auferzogen werden sollen. Und die Drohung mit der Hölle dient dabei als nützliche Erziehungsmethode, um sich nicht aufzulehnen gegen die Erziehung Gottes. Ja, das macht Sinn! sagte ich mir. Gott ist also kein Erpresser, sondern ein Erzieher! Er meint es nur gut mit den Menschen, so wie ein Vater es gut meint mit seinen Kindern. Aber ein Vater droht auch, damit seine Kinder ihn ernst nehmen. Er verrät ihnen nicht gleich seine Absichten, weil sie noch nicht so weit sind, um sie richtig verstehen zu können. Hätte Gott statt Mose gleich den HErrn Jesus als Erretter präsentiert, dann wären sie nie zur Sündenerkenntnis und zu einer echten Buße gekommen. Es bedurfte eines allmählichen Denkprozesses, der den Menschen dahin bringt, seine völlige Verlorenheit und Abhängigkeit von Gottes Gnade zu erkennen.

Aber warum hat der Glaube an den HErrn Jesus nur bei so wenig Menschen zum Umdenken geführt? Wie viele Leute glauben entweder gar nicht oder sind in irgendwelchen falschen Religionen gefangen? Dabei sind viele Menschen durchaus aufrichtig auf der Suche nach Gott und wollen nur Ihm gefallen und geben deshalb ihr Bestes. Warum hat Gott diesen Menschen Seinen Willen nicht deutlicher zu erkennen gegeben? Und warum gilt die Chance zur Bekehrung eigentlich nur für dieses Leben, wenn Er doch will, dass alle Menschen gerettet werden sollen? Wo steht eigentlich in der Bibel, dass sich der Mensch nur in diesem Leben bekehren kann? Sofort fiel mir Hebr.9:27 ein: „Und ebenso wie es den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht…“ Warum gibt Gott Seinen Heilswillen so schnell wieder auf? Was hindert Ihn denn daran, auch nach dem Tod die Menschen weiter von Seinem Heilsangebot zu überzeugen, damit sie es annehmen? Ist mit dem Tod des Menschen Seine Geduld zu Ende? Oder begnügt Er sich mit einer „kleinen Herde“ von Schafen (Luk.12:32) und lässt dann die übrigen für ewig im Feuersee brennen? Warum sollen sie für immer gequält werden? Er hätte ihnen doch auch einen ewigen Gnadentod schenken können. Welchen Sinn hat eine Strafe, wenn sie nie ein Ende haben soll?

All diese Fragen gingen mir durch den Kopf während ich mit unseren Hunden Charly und Daisy spazieren ging. Ich hatte Angst, dass dieses kleine Pflänzchen meines Glaubens schon bald wieder ersticken könnte an all den zweifelnden Fragen, für die ich dringend eine Antwort brauchte. Die meisten Christen würden wahrscheinlich gar nicht so viel grübeln, sondern einfach glauben und gut. Aber ich wusste, dass diese Fragen eine Antwort erfordern, da sie andernfalls wie ein „Kolbenfresser“ schon bald wieder am Motor meines Glaubens nagen würden. Ich brauchte eine Antwort von Gott, damit mein Glaube ein stabiles Fundament in der Schrift erhält. Also betete ich und bat den HErrn: „Was ich nicht sehe, zeige du mir. Öffne meine Augen, damit ich sehend werde, HErr, denn ich tappe noch immer im Dunkeln. Bitte hilf mir, dass ich nicht wieder in die Irre gehe. Warum willst Du nicht auch den anderen Menschen gnädig sein?

Auf einmal kam mir die Allversöhnungslehre in den Sinn, die ich ja vor Jahren mal in einer 42-Seiten langen Schrift widerlegt hatte, als ich noch nicht vom Glauben abgefallen war. Wäre diese vielleicht die Lösung? Nein, auf keinen Fall! Das ist doch reines Wunschdenken, sagte ich mir. Nirgends in der Bibel steht, dass Gott den Unerretteten nach dem Tod noch eine Chance gibt. - Oder doch? Ich erinnerte mich, wie der alte Bruder Bernd Fischer mir damals versuchte, die Allversöhnung zu beweisen an Hand von Jes.45:22-24. Er sagte: „Wie kann ein Mensch sagen: ‚Nur in Jahwe habe ich Gerechtigkeit und Stärke‘ ohne dass er gläubig ist?“ – Ich sagte: „Das stimmt. Aber das gilt nur für die Menschen, die im 1000-jährigen Reich gläubig werden.“ – „Das steht da aber nicht, sondern es heißt ‚jede Zunge‘.“ – „Ja, aber das kann doch nur für die Menschen gelten, die sich noch zu Lebzeiten bekehrt haben!“ – „Aber in der Parallelstelle in Phil.2:10-11, wo diese Stelle zitiert wird, heißt es ergänzend ‚der Himmlischen, der Irdischen und Unterirdischen‘, also auch der Gestorbenen“. – „Stimmt, aber sie sagen das ja nicht alle freiwillig, sondern einige werden auch dazu gezwungen.“ – „Kann jemand gezwungen werden, den HErrn Jesus als HErrn zu bekennen? Doch wohl kaum, denn das würde Gott niemals ehren. Außerdem werden sie ja auch alle bekennen, dass sie nur in dem HErrn Gerechtigkeit und Stärke haben. Sie bekennen also ihr Heil.“ – Ich überlegte damals und sagte schließlich: „Ja, Du hast mich Schachmatt gesetzt. Aber ich werde trotzdem nicht die Allversöhnung annehmen, denn nur weil ich selbst keine Erklärung für diese Stelle finde, heißt das nicht, dass es keine Erklärung gibt.“ – Wir sprachen fortan nicht mehr über dieses Thema. Aber meine Weigerung, eine Lösung für diese Bibelstelle zu finden, bewirkte in der Folgezeit, dass ich kein weiteres Licht mehr bekam, sondern mich innerlich verhärtete.

Ich begann, andere Stellen in der Bibel aufzuschlagen, die mir von damals noch in Erinnerung waren, wie z.B. 1.Petr. 3:18-20 oder 4:6. Hatte der HErr Jesus den Verstorbenen tatsächlich das Evangelium gepredigt, als Er ins Totenreich hinabfuhr? Aber was war mit dem reichen Mann im Hades, der nicht mehr hinauskommen sollte? Vielleicht sollte er aber nur so lange leiden, bis er den „letzten Heller“ seiner Schuld abgebüßt hat (Mt.5:26)? Und dann könnte er den HErrn Jesus annehmen… Aber warum hat Abraham ihm das nicht gesagt? Aber er hat ja auch nicht gefragt… Ja, das ist wirklich seltsam, dass er überhaupt nicht fragt, was eigentlich los ist. Stattdessen ging es ihm nur um Erleichterung der Haftbedingungen… Vielleicht ahnte er schon, weshalb er Pein leiden soll, aber war noch zu stolz, um seine Schuld einzugestehen… Aber möglicherweise hat er später wie der Räuber am Kreuz seine Schuld bekannt und um Gnade gefleht, so dass er wieder befreit werden konnte. Das würde erklären, warum sich Abraham und Lazarus in Sicht- und Hörweite befanden, um ihn seelsorgerlich zu begleiten; denn immerhin hätten sie ja genauso gut schon am Tische sitzen können im Reich Gottes… Aber da steht ja nichts, dass er später befreit wurde. Aber es steht auch nicht, dass er nicht befreit wurde… Aber der HErr Jesus hatte doch später im Hades das Evangelium verkündigt. Warum sollte Er das getan haben, wenn nicht mit der Absicht, dass die Menschen sich bekehren? Wo steht denn in der Bibel, dass eine Bekehrung nach dem Tod nicht mehr möglich sei?

Was auch interessant ist: Der reiche Mann spricht Abraham mit „Vater“ an, so als ob er ihn kannte. Und Abraham nennt ihn „Sohn“. Abraham macht ihm auch keinen Vorwurf, dass er sich nicht rechtzeitig bekehrt habe, sondern nur, dass er sein Gutes schon empfangen habe während seines Lebens. Auch von Lazarus heißt es nicht, dass er wiedergeboren war oder nicht. Scheinbar geht es gar nicht um die Frage, ob man bekehrt sei oder nicht, sondern nur um eine Entschädigung von erlittenem und Vergeltung von verursachtem Unrecht. Na sowas, dachte ich. Das steht aber ja in krassem Widerspruch zur gängigen Auffassung, dass nur Bekehrte errettet werden! Plötzlich kamen mir die Worte des HErrn Jesus in der Bergpredigt in den Sinn. Er beglückwünschte Menschen, die gar nicht notwendigerweise gläubig sein mussten! Gab es etwa nicht auch bei den Muslimen Trauernde? Oder bei den Buddhisten Friedensstifter? Und wie viele Agnostiker haben ihr ganzes Leben lang nach der Gerechtigkeit gehungert und gedürstet! Meint der HErr auch solche? Wenn nicht, warum drückt Er sich dann nicht präziser aus? Weil Er eben nicht unterscheidet zwischen Christen und Nichtchristen, sondern zwischen Gerechten und Ungerechten bzw. Opfern und Tätern…ja genau! Das macht Sinn. Denn sonst würde z.B. eine jüdische Familie, die im KZ gefoltert und ermordet wurde, anschließend für immer in der Hölle weitergequält, während ein KZ-Folterer, der sich nach dem Krieg bekehrt hat, für ewig im Paradies wäre. Nein, die Sache war mir jetzt klar. Schon allein wegen der Gerechtigkeit Gottes muss es am Ende eine Begnadigung für alle geben!


Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Im Sommer kam Traian aus Rumänien, und zu meiner Überraschung hatte er auch seine Frau Elisabeth mitgebracht. Da sie kein Geld hatten, bot ich ihnen an, in meiner Werkstatt zu wohnen, denn ich hatte ja ein kleines Büro mit Sofa und Waschbecken, das zwar zum dauerhaften Aufenthalt eine Zumutung war, aber auch keine schlimmere als dort in Recea, wo sie herkamen. Ich ließ 10.000 Werbeflyer drucken und vereinbarte mit Traian einen Stundenlohn von 10,- €, wobei er täglich 2-3 Stunden morgens verteilen sollte. Da man etwa 100 Zettel pro Stunde schafft, hatte er die nächsten zwei Monate erstmal gut zu tun, bis ich neue Zettel drucken lassen müsste. Um über die Runden zu kommen, gab ich den beiden zunächst einen Vorschuss von 300,- € und erklärte Traian, dass ich ihm vertrauen wolle und er mich nicht enttäuschen dürfe, zumal ich ja jetzt auch ein Christ geworden sei. Traian freute sich sehr, dass ich den HErrn Jesus angenommen hatte und bat mich darum, für ihn zu beten, da seine Frau Elisabeth unfruchtbar sei und sie sich so sehr ein Kind wünschten. Auch sei sein Vater inzwischen gestorben, weshalb er seine Mutter nach Deutschland bringen wolle und sie eine Wohnung suchten.

Zur selben Zeit lernte ich durch meinen Bruder Marco auch eine Gemeinde in Rothenburg kennen, die von einem Bruder Andreas Schmidt geleitet wurde. Andreas war Krankenpfleger und hatte mit seiner Frau Iris 13 Kinder. Eines Tages fragte mich Andreas, ob ich einen seiner Söhne als Praktikant nehmen könne: „Simon, ich will dir nicht verhehlen, dass mein 15-jähriger Sohn Aaron ein sehr schwieriger Junge ist. Erschrick bitte nicht, wenn Du feststellen wirst, dass Aaron gelegentlich sehr frech ist. Eigentlich ist er aber ein sehr guter Junge und sehr talentiert, besonders in handwerklichen Dingen. Leider ist er aber gerade in der Pubertät und versucht ständig allen zu beweisen, dass er ein cooler Typ ist. Deshalb ist er jetzt auch schon aus drei Schulen geworfen worden. Das Schulamt teilte uns jetzt mit, dass er aus ihrer Sicht ‚unbeschulbar‘ sei, da er den Unterricht dazu missbrauche, ständig durch freche Sprüche die Aufmerksamkeit der Klasse auf sich zu lenken. Deine Firma ist jetzt die letzte Chance für uns, dass aus Aaron noch mal etwas Vernünftiges wird.“ Ich sagte: „Mach Dir keine Sorgen, Andreas, ich habe keine Zweifel, dass ich Aaron mit Gottes Hilfe schon wieder auf den richtigen Weg bringen werde.“

Da ich nun ziemlich viele Mitarbeiter hatte, die ich gerade bei Regentagen nicht immer beschäftigen konnte, kam mir eine Idee. Ich rief unseren Prediger Marco an und sagte ihm, dass ich erfahren habe, dass nun auch mit dem Ausbau des Obergeschosses in der Gemeinde begonnen wurde und dazu jede Menge Freiwillige gesucht würden. Ich bot ihm also die Hilfe unserer Firma an, um sämtliche Wände dort zu spachteln und mit Glasgewebe zu tapezieren. Er müsse dafür nichts bezahlen außer die Materialien. Marco war darüber sehr froh und zeigte mir die Räume und was er genau vorhatte. So vergingen etwa zwei bis drei Wochen, und schon bald hatten wir die gesamte obere Etage der Gemeinde von etwa 1000 qm Grundfläche fertig. Der Praktikant Aaron hatte sich inzwischen mit meinem Lehrling Tim angefreundet, der ja ebenso aus gläubigem Elternhaus kam. Sie hatten sich für das Wochenende verabredet, um gemeinsam nach Köln zu fahren. Erst später erfuhr ich, dass sie dort an einer Nazi-Demonstration gegen die Salafisten teilnahmen, bei der es zu schweren Ausschreitungen kam und sogar Polizeiautos angezündet wurden.

Am Sonntagmorgen rief mich auf einmal der Prediger an und berichtete mir, dass an mehreren Stellen Sabotage verübt wurde: Der Siphon vom Waschbecken sei absichtlich gelöst worden, der Toilettenspülkasten sei von innen manipuliert und unbrauchbar gemacht worden und schließlich habe jemand Zahnpasta unter die Türgriffe geschmiert. Der Verdacht fiel sofort auf Aaron. Ich entschuldigte mich bei Marco und erklärte ihm, wie peinlich mir das sei, nachdem ein Jahr zuvor ja auch mal eingebrochen war. Dann rief ich Andreas an und fragte ihn, ob er dies seinem Sohn zutrauen würde, was dieser aber verneinte. Aber mir war klar, dass sowas nur ein Pubertärer machen würde.

Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass Aaron auch weitere Streiche spielte: Als ich ihn einmal mit Jörg arbeiten ließ, war mir schon bang, ob das gut gehen würde, zumal Jörg mit seinem einfältigen Gemüt kaum eine Chance hätte, dem Schabernack von Aaron etwas entgegen zu setzen. Zu Feierabend rief ich Jörg besorgt an: „Na, wie war denn der Tag heute so mit Aaron?“ – „Och, ganz gut“ sagte Jörg, „nur dass es heute ziemlich heiß war an der Fassade.“ – „Ja, das kannste wohl sagen! Ich schätze bestimmt 30 °C heute.“ – „Bestimmt. Stell Dir mal vor: es war so heiß, dass sich sogar der Pinsel von Aaron von ganz allein entzündete!“ – „Hä? Das geht doch gar nicht!“ – „Doch! Hat Aaron mir erzählt. Allerdings hat er dann einen dummen Fehler gemacht, denn er wollte das Feuer nur löschen und hat den Pinsel deshalb in ein Glas gesteckt, wo aber kein Wasser, sondern Nitroverdünnung drin war, so dass es richtig heftig gebrannt hat bei der Kundin. Ich konnte gerade noch rechtzeitig löschen.“ – „Aber Jörg, da hat Dir Aaron doch ein Märchen erzählt! Glaubst Du wirklich, dass sich ein Pinsel von ganz allein entzünden kann?!“ – „Vielleicht durch gebündelte Sonnenstrahlen? Ich war nicht dabei und muss ihm doch glauben.

Aaron war also inzwischen gemeingefährlich geworden, weshalb ich noch mal mit seinem Vater sprach. Dieser wollte mir – wie er sagte – „dies nicht länger antun“ und bot mir an, das Praktikum abzubrechen. Er habe sowieso vor, demnächst ein altes Schullandheim zu erwerben, wo Aaron dann als Hausmeister arbeiten könnte. Und so beendeten wir das Praktikum einvernehmlich, zumal wir nicht unsere Freundschaft gefährden wollten. Da aber auch inzwischen Tarek ausgelernt hatte und ich ihn nicht übernehmen wollte, nahm ich Jakob Kaib (31), einen Russlanddeutschen, als Umschüler, obgleich mir bewusst war, dass er als Waisenkind psychische Probleme hatte; aber ich dachte, dass allein der Glaube mit der Zeit helfen würde, die alten Wunden zu heilen. Was ich jedoch nicht ahnte, war, das psychisch labile Menschen sehr auf ihre eigenen Befindlichkeiten fixiert sind und daher Schwierigkeiten haben, sich in ein Team zu integrieren. Ich dachte, dass die russlanddeutschen Brüder Tim und Simeon sich mit Jakob schon allein aufgrund ihrer gemeinsamen Herkunft gut verstehen würden, aber da hatte ich weit gefehlt. So dauerte es nicht lange, dass der 1,90 m-Hüne Tim mit dem Jakob aneinandergeriet:

An einem Tag fehlte mir nämlich ein Geselle, weshalb ich zu Tim sagte: „Hör mal, Tim, Du bist ja schon im 3. Lehrjahr, deshalb würde ich Dir für diesen Auftrag hier die Bauleitung übertragen. Ich gebe Dir Simeon und Jakob mit, die Du einweisen kannst, was sie tun sollen. Hier ist der Auftragszettel. Was meinst Du: Traust Du Dir das zu?“ – „Na klar, kein Problem!“ sagte Tim. Und dann fuhren die drei los.

Auf der Baustelle angekommen, sagte Tim zu Jakob: „Ich und Simeon werden schon mal das Treppenhaus abdecken und Du kümmerst Dich um das Bad.“ Nach etwa 20 Minuten sah Tim den Jakob, wie er ebenso im Treppenhaus abdeckte und abklebte. Tim sagte: „Ich hab‘ Dir doch gesagt, dass Du im Bad arbeiten sollst, das Treppenhaus machen WIR!“ Darauf sagte Jakob: „Der Kunde war gerade auf Toilette und es riecht sehr streng dort, deshalb mach ich das später.“ – „Nein, Du machst das jetzt! Du brauchst doch nur das Fenster aufmachen, wo ist das Problem?!“ – „Dann mach Du es doch!“ trotzte ihm Jakob. „ICH habe hier die Bauleitung, deshalb musst Du meinen Anweisungen gehorchen!“ erwiderte Tim. „Von Dir lasse ich mir gar nichts sagen, denn Du bist ja auch nur ein Lehrling und zudem auch noch zehn Jahre jünger als ich!“ – „Aber der Chef hat MIR die Bauleitung übertragen, deshalb tust Du jetzt sofort, was ich sage!“ Tim hatte Jakob am Arm gepackt und ihn ins Bad reingeschubst. Das ließ sich Jakob nicht gefallen und sagte: „Fass mich noch mal an, dann hau ich Dir auf die Fresse!“ Darauf schrie Tim ihn an: „DANN HAU AB, DU SPASTI! DAS IST MEINE BAUSTELLE, UND ICH WILL SO EINEN SPINNER WIE DICH HIER NICHT HABEN. Ich rufe jetzt den Chef an!

Tim war rausgegangen auf die Straße, damit der Kunde den Streit nicht mitbekam. Dann rief er mich aufgeregt an auf dem Handy und sagte: „Simon, ich musste den Jakob jetzt von der Baustelle verweisen, denn er gehorcht meinen Anweisungen nicht. Dieser Psychofreak ist völlig verrückt, ich komm‘ mit dem nicht klar…“ In dem Moment rannte Jakob mit einer Taschenlampe bewaffnet auf den Tim zu, um ihm diese auf den Kopf zu schlagen. Tim wehrte den Schlag ab, schubste Jakob auf den Boden und schlug mehrfach auf ihn ein, so dass Jakobs Brille zu Bruch ging. Jakob rappelte sich auf und rief sofort die Polizei an. Erst Stunden später erfuhr ich davon durch Jakob, der inzwischen eine Anzeige gemacht hatte (was aufgrund der Vorstrafen von Tim wegen Körperverletzung recht heikel war). Ich redete auf Jakob ein, dass er dem Tim doch vergeben möge aus Glaubensgründen und die Anzeige zurücknehmen möge. Jakob ließ sich schließlich überreden, verlangte jedoch eine Entschuldigung von Tim und eine Erstattung für die kaputte Brille von 150,- €. Daraufhin überredete ich Tim, sich bei ihm zu entschuldigen und übernahm die Kosten für die Brille. Dennoch wollte Jakob dem Tim nicht mehr begegnen und setzte seine Ausbildung dann in einer anderen Firma fort.

Inzwischen war Traians Mutter aus Rumänien angereist, und ich hatte dem Ehepaar und der Mutter eine Wohnung besorgt. Doch da die Mutter unter Kreislaufproblemen und hohem Blutdruck litt und kein Geld für eine Behandlung hatte, bot ich ihm an, die Familie nach Delmenhorst zu einer rumänischen Ärztin zu fahren, die wir noch von früher kannten. Ich dachte, dass diese humanistisch gesonnene Ärztin die Mutter von Traian kostenlos behandeln würde. Doch als Traian nach zwei Stunden aus der Praxis kam, sagte er mit niedergeschlagener Stimme, dass die Ärztin der Mutter nicht umsonst helfen wolle. Auf dem Weg nach Bremen zeigte die Mutter mir die Medikamente, die sie derzeit nehme, und ich sagte zu Traian: „Woher habt ihr die her? Hat Euch die Ärztin die gegeben?“ Etwas verlegen sagte Traian: „Nein, die hat uns der Arzt vom Gesundheitsamt mitgegeben.“ – „Wie? Versteh‘ ich nicht. Ihr wart beim Gesundheitsamt?“ – „Ja. Dort bekommt man auch eine kostenlose Behandlung.“ – „Und warum hast Du mir das nicht gleich gesagt?! Ich dachte, dass Deine Mutter dringend eine Behandlung braucht, und Du erzählst mir erst jetzt, dass sie schon längst in Behandlung ist?! Wozu sind wir dann überhaupt ganz nach Delmenhorst gefahren?“ fragte ich wütend. Kleinlaut antwortete Traian: „DU wolltest doch, dass wir zu dieser rumänischen Ärztin fahren…“ – „Ja, aber das hätte ich doch nie gemacht, wenn ich das gewusst hätte! Du musst mir immer die GANZE Wahrheit sagen!

Mit der Wahrheit nahm es Traian in der Tat noch immer nicht so genau. Denn mittlerweile waren schon fast vier Monate vergangen und Traian hatte mich bisher noch nicht nach neuen Handzetteln gefragt, sondern hatte immer noch jede Menge, die nicht verteilt waren. Stattdessen behauptete er, dass er weit mehr als die vereinbarten 2 - 3 Stunden täglich gearbeitet habe und ich ihm deshalb zu wenig Geld pro Monat gegeben hätte. Ich bat ihm, mir eine Aufstellung zu machen, und wir setzten uns in die Werkstatt, um in Ruhe über seine Nachforderung zu reden. Als er mir dann den Zettel übergab, fiel ich fast in Ohnmacht. Ich hatte damit gerechnet, dass er noch 200,- oder 300,- € mehr haben wollte, aber Traian kam auf 3.200, - €, die ich ihm angeblich noch schulden würde. Ich wurde laut und sagte ihm mit energischer Stimme: „DAS GLAUBE ICH DIR NIE UND NIMMER, DASS DU SCHON ÜBER 600 STUNDEN FÜR MICH GEARBEITET HAST! Dann hättest Du ja theoretisch nur 16 Zettel in einer Stunde verteilt! Das ist doch völlig unglaubwürdig. Tut mir leid, Traian, das nehm‘ ich Dir nicht ab!“ Jetzt wurde auf einmal auch Traian laut und drohte mir mit Kündigung und Gericht, wenn ich ihm nicht den vollständigen Betrag bezahlen würde. Mir wurde auf einmal klar, dass ich einen riesigen Fehler gemacht hatte, dem Traian - nur weil er bekannte, Christ zu sein - einfach blind zu vertrauen. Wir einigten uns schließlich nach langer Verhandlung, dass ich ihm noch 800,- € geben würde, aber dass das Arbeitsverhältnis damit beendet sei. Während wir zum Geldautomaten fuhren, bemerkte ich durch Traians gute Laune, dass er mich über den Tisch gezogen hatte.


Oktober bis Dezember 2014

Meine eigentliche Bekehrung

Während in der Ostukraine ein Bürgerkrieg ausgebrochen war, Putin die Krim-Halbinsel besetzte und der Islamische Staat im Irak und Syrien (ISIS) gegründet wurde, herrschte in meinem Innern ein Krieg ganz anderer Art. Denn seit meiner Buße vor fünf Monaten hatte sich noch gar nicht viel verändert, außer dass ich jetzt betete und wieder an das Wort Gottes glaubte. Aber von einer richtigen „Wiedergeburt und Erneuerung durch den Heiligen Geist“, wie die Schrift sagt (Tit.3:5), konnte noch gar keine Rede sein, denn ich lebte noch immer in Sünde und hatte keine Kraft, dagegen anzukämpfen. Noch immer hörte ich weltliche Musik und schaute Hollywoodfilme, manchmal sogar auch noch Pornos. Die anfängliche Aufbruchstimmung war schon wieder verflogen, und mir wurde irgendwie bewusst, dass mir noch etwas Entscheidendes fehlte.

An einem Abend betete ich zusammen mit Ruth und wollte danach mit ihr in der Bibel lesen. Aber auf einmal brach ich in Tränen aus und konnte kaum antworten, als sie mich fragte, was los sei. Nur mit Mühe brachte ich schließlich leise die Worte hervor: „Ruthi,     der HErr     fühlt sich   nicht wohl   in   meinem   Zimmer,   und   auch   nicht   in   meinem   Leben.   Es   gibt   zu   viel Sünde.   Ich   muss   mein   Leben   ändern,     denn   so   geht   es   nicht   weiter.“ Sie streichelte mich und sagte: „Dann trenn Dich doch einfach mal von diesen ganzen weltlichen Dingen! Was willst Du noch damit?“ Ich sagte: „Ich weiß, dass ich mich davon trennen muss, aber es fällt mir sehr schwer, weil ich so viel Zeit und Geld darin investiert habe. Ich habe im Moment einfach noch keine Kraft, das alles aufzugeben, aber ich hoffe, dass der HErr mir diese Kraft noch schenkt.“ In der Tat war mein Zimmer voller Dämonen. Allein schon die ganze gottlose Musik und die atheistischen Bücher, die ich hatte, musste ich unbedingt wegschaffen. Zudem hatte ich etwa 1.300 Musik-CDs und an die 1.800 DVDs, die ich in den letzten zehn Jahren größtenteils durch das illegale Kopieren aus dem Internet und dem Brennen auf Datenträgern gesammelt hatte. Hinzu kamen noch rund 300 Bücher und 460 Hörbücher, die ich in meinem ganzen Leben nicht mehr alle hören konnte (jedes Hörbuch dauerte allein schon rund 6 Stunden, also beinahe 2.800 Stunden Lebenszeit!). Ich war im Grunde ein Medienjunkie gewesen, und die einzige Chance, die ich hatte, um frei zu werden, bestand darin, alles aufzugeben, was ich hatte (Luk.14:33).

In dem Wort „Bekehrung“ steckt das Wort „Kehren“, also nicht nur ein Umkehren, sondern auch ein Auskehren im Sinne einer Grundreinigung. So gesehen war ich noch gar nicht bekehrt, sondern nur zum Glauben gekommen. Es war schon neues Leben gezeugt worden, aber noch nicht geboren. Das erklärte auch, warum ich jedes Mal ängstlich zitterte im Gebet und meine Worte fast nur stammelnd und z.T. wirr herauskamen. Einmal sprach mich Viola, die Freundin von Marco, darauf an und sagte: „Simon, mir fällt auf, dass Du noch gar keinen vertrauten Umgang mit Gott hast, denn Du betest sehr merkwürdig, so als wenn Du noch gar kein Kind Gottes bist“. Ich sagte, dass ich mich auch noch nicht wirklich für errettet hielte und auch noch keine Heilsgewissheit hätte, da ich noch nicht wirklich glauben könne, dass Gott mich liebe. Stattdessen würde ich unentwegt zum HErrn um Gnade flehen, dass Er mich doch befreien möge von meiner Gebundenheit an die Sünde. Ich wusste, dass ich aus meiner eigenen Kraft es nie schaffen würde. Aber der Geist Gottes würde mich völlig neu machen und mir die Kraft zum Überwinden schenken.

Während ich noch auf die „Kraft aus der Höhe“ wartete, erinnerte ich mich an die Worte Jesu in der Bergpredigt: „Wenn aber dein rechtes Auge dich ärgert, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist dir nütze, dass eines deiner Glieder umkomme und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde“ (Mt.5:29). Mir war schon klar, dass diese Aufforderung des HErrn nicht wortwörtlich gemeint sein konnte, denn sonst würden ja kein Christ mehr ein rechtes Auge haben, aber immer noch mit dem linken Auge weiter sündigen können. Es ging vielmehr darum, dass wir alles aus unserem Leben entfernen sollen, was uns zur Sünde verleiten könnte. In meinem Fall war es das Internet, durch das ich ständig versucht wurde, und zwar speziell eine ganz bestimmte Seite. Als mich dann einmal mein Bruder Patrick besuchte, der ein Experte war, was das Internet betrifft, bat ich ihn, dass er mir den Zugang zu dieser Seite ein für allemal versperren möge, damit ich selbst in Momenten der Schwäche nicht mehr verleitet werden könnte, diese Seite zu öffnen. Und dann geschah ein Wunder: Seit jenem Tage wurde ich völlig frei von meinem Verlangen nach Pornos.

Wenn ein jüdischer König zum Glaubensgehorsam erweckt wurde, z.B. Hiskia oder Josias, dann reinigte er immer als erste das Heiligtum von allem Götzendienst. Aber dann machte er weiter und begann, auch überall im ganzen Land die Götzen zu zerstören, was im Bilde gesprochen bedeutet, allen äußeren Schmutz aus dem Leben zu verbannen. Einen kleinen Anfang hatte ich nun getan, und der HErr hatte mir durch den Sieg Zuversicht geschenkt, dass ich nun weitermachen könne mit der Götzenvernichtung. Jetzt wo meine OP kurz bevorstand, die ja auch nicht ungefährlich war, wollte ich schnell noch wenigstens alles Gotteslästerliche verbrennen und vernichten, um mein Zimmer zu reinigen. Dazu lud ich meinen Bruder Marco ein, um zusammen mit Ruth und meiner Schwiegermutter auf die Parzelle meines Vaters zu fahren, um dort alle meine atheistischen Bücher und gottlose Musik-CDs zu verbrennen. Zum Zeugnis habe ich dies gefilmt (https://youtu.be/qR2SxpI0qEw).

Zwei Tage später war dann meine OP, bei der mir minimalinvasiv wenige Zentimeter neben meiner Bauchschlagader die rechte Nebenniere entfernt wurde. Am dritten Tag konnte ich schon aufstehen und machte mit Ruth einen Spaziergang auf dem Krankenhausgelände. Doch auf einmal überkam mich eine schwere Depression und mir war, als wäre mein ganzer Körper voller Tränen, die alle hinausgeweint werden wollten. Ich erklärte dies der Ruth und bat sie, wieder zurück aufs Zimmer zu gehen. Doch sobald wir ankamen, platzte es nur so aus mir heraus, und ich weinte ununterbrochen, so dass Ruth sich Sorgen machte. Unter tränenüberquollenen Augen schaute ich Ruth an und sagte: „Ruthi,   ich muss dir eine Sünde bekennen,       und zwar eine Sünde,     die ich dir in 22 Jahren unserer Ehe nie bekannt habe… Ich habe mich immer geschämt,     Dir dies zu sagen,     aber jetzt       ist der Moment gekommen     dass ich es Dir sagen muss. Bitte     erschrick   nicht…“ Und dann bekannte ich eine Sünde, die mir sehr peinlich war, und die ich deshalb an dieser Stelle nicht nennen möchte. Ruth erschrak tatsächlich, aber versuchte, sich zu beherrschen, zumal sie sah, dass ich „in Galle der Bitterkeit“ (Apg.8:23) und völlig zerschlagen am Boden lag. Mit angespannter Stimme sagte Ruth: „Auch ich…   möchte Dir etwas sagen   und etwas bekennen, …was ich Dir in all den Jahren aus Scham … immer verschwiegen habe… Und zwar…“ Und dann erzählte sie mir etwas aus ihrer Vergangenheit, das auch mich ziemlich schockierte und dass ich verständlicherweise hier nicht verraten will. Nun waren wir beide am Boden und starrten wie benommen in den Raum, unfähig dem anderen irgendeinen Vorwurf zu machen. Jetzt war alles raus. Das Unsagbare war ausgesprochen. Ab jetzt hatten wir kein Geheimnis mehr vor dem anderen.

Nach einiger Zeit stand Ruth auf und sagte, dass sie sehr traurig sei und jetzt ein wenig Zeit brauche, um das zu verdauen, was ich ihr bekannt hatte. Sie wollte nach Haus gehen, und wir umarmten uns zum Abschied. Dann war ich wieder allein auf dem Zimmer und ging auf die Knie. Ich brach wieder in Tränen aus und flehte Gott um Gnade an und um Vergebung für all meine Schuld. Ich hörte gar nicht mehr auf und betete stundenlang. Da es schon nach 21:00 Uhr war, kam niemand mehr auf mein Zimmer, und so konnte ich ungestört immer weiter beten und dem HErrn meine Sünden bekennen. Zeit und Raum verschwanden um mich her. Zwischendurch schlief ich ein, aber erwachte schon bald wieder, um weiter zu beten. Und so ging es die ganze Nacht hindurch. Früh am Morgen wachte ich schließlich auf, als es noch dunkel war. Mein Kopf war auf einmal völlig klar und ich spürte keine Traurigkeit mehr. Ich wusste auf einmal, was ich noch zu tun hatte: alle Bücher, alle CDs, alle Filme und alle Dateien, alles musste weg! In mir stieg ein feuriger Eifer auf. Jetzt war die Kraft endlich da, dass ich meine ganze Vergangenheit auslöschen konnte. In dieser Nacht wurde ich neu geboren und hatte nur noch den einen Wunsch, dem HErrn zu gefallen - koste es, was es wolle!

Einen Tag später wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen und besorgte mir etwa 20 Kartons, um all meine Bücher und CDs dort hineinzutun. Die meisten Bücher hatte ich noch gar nicht gelesen, außer die ersten Seiten, und hatten mich im Buchladen so sehr gefesselt, dass ich sie unbedingt gelesen haben wollte; aber nun interessierte mich gar nichts mehr. Ich wollte von nun an nur noch in der Bibel lesen bis zum Ende meines Lebens. Und ich wollte auch nie wieder irgendeine Musik hören oder einen Film sehen. Alles sollte nur noch weg! Meinen neuen Fernseher stellte ich einfach an die Straße. Und meine 6 oder 7 Kartons mit CDs und DVDs brachte ich zur Deponie und warf sie dort in den Container für die Gelben Säcke. Plötzlich kam der Wärter zu mir und schrie mich an: „WAS HAST DU DA GEMACHT?! DIE HOLST DU SOFORT ALLE WIEDER DORT RAUS! Hier gehört nur PLASTIK hinein und nichts anderes!“ Ich erwiderte eingeschüchtert: „Aber das sind alles nur DVDs und CDs, und die bestehen doch nur aus Plastik.“ – „Da irrst Du Dich. Ich ruf jetzt meinen Chef an, und der soll das entscheiden.“ Dann telefonierte er auf seinem Handy, während ich neben ihm wartete. Als er fertig war, entschuldigte er sich und sagte, dass das schon in Ordnung sei und ich gehen könne.

Meine ganzen Bücher schenkte ich meinem Freund Richard und meine Hörbücher meiner Schwester Diana. Als ich wieder zurückkam, war mein Zimmer nicht wiederzuerkennen. Meine Wandregale waren alle leergeräumt und ich erinnerte mich an die Worte, die Gott durch Jeremia sagen ließ: „Ich denke noch an die Zuneigung deiner Jugendzeit, an deine bräutliche Liebe, als du mir nachgezogen bist in der Wüste, in einem Land ohne Aussaat. Israel war damals heilig dem HErrn…“ Auch ich war nun wieder in einer „Wüste“, in der es nichts gibt als nur den HErrn. So wie damals, als ich mit 18 Jahren bei Edgard und Hedi einzog. In meinem Zimmer gab es nichts weiter als ein Bett, einen Schrank, einen Tisch und einen Stuhl. Und auf dem Tisch lag meine unrevidierte Elberfelder Bibel und eine Konkordanz. Und an der Wand hatte ich einen Bibelvers gehängt: „Es sind die Gütigkeiten des HErrn, dass wir nicht aufgerieben sind; denn Seine Erbarmungen sind nicht zu Ende. Sie sind alle Morgen neu, Deine Treue ist groß. Der HErr ist mein Teil, sagt meine Seele; darum will ich auf Ihn hoffen…Es ist gut, dass man still warte auf die Rettung des HErrn. Es ist dem Manne gut, dass er das Joch in seiner Jugend trage. Er sitze einsam und schweige, weil Er es ihm auferlegt hat; er lege seinen Mund in den Staub; vielleicht gibt es Hoffnung. Dem, der ihn schlägt, reiche er den Backen dar, werde mit Schmach gesättigt. Denn der HErr verstößt nicht ewiglich; sondern wenn Er betrübt hat, erbarmt Er sich nach der Menge Seiner Gütigkeiten…“ (Klag.3:26-32).

Ich spürte nun die Heiligkeit Gottes in meinem Zimmer. Es war nun dem HErrn geweiht, so wie auch mein Herz. Ich durfte wie in meiner Jugendzeit noch einmal ganz neu beginnen. Der ganze Dreck aus meinem alten Leben war jetzt weg! Doch dann erinnerte ich mich, dass es noch einen Ordner gab auf meiner Festplatte mit über 500 Filmen, die etwa 300 Gigabyte groß war. Ich machte den Computer an, markierte den Ordner und drückte auf „Löschen“. Da erschien ein Fenster mit den Worten: „Der Ordner ist zu groß, um ihn in den Papierkorb zu verschieben. Wollen Sie die Dateien unwiederbringlich löschen?“ Mein Finger ruhte für ein paar Sekunden auf der Maustaste. „Wenn ich jetzt drücken würde, dann wäre in einer Sekunde der Aufwand von unzähligen Stunden Download-Zeit unwiederbringlich vernichtet“ dachte ich. „So viel schöne Kinofilme, die ich größtenteils noch gar nicht gesehen habe!“ Aber dann erinnerte ich mich an die Worte des Propheten: „Der HErr hat, um dir mehr als das zu geben“ (2.Chr.25:9). Ich schloss die Augen und drückte die Maustaste. Es gibt keinen Weg zurück!


Renate Poppe lebt!

Nachdem meine Mutter Renate (71) und ihre Freundin Iris (73) im September von einer Kur in Bad Zwischenahn zurückgekehrt waren, ging es meiner Mutter deutlich schlechter. Da es nicht weit von ihrer Wohnung das Klinikum Links der Weser gab mit einer separaten Tagesklinik für Onkologie, entschied sich meine Mutter Anfang Dezember 2014, sich dort noch einmal untersuchen zu lassen. Der Krebs hatte mittlerweile Metastasen gestreut, und meiner Mutter wurde bewusst, dass sie nun wirklich nicht mehr lange zu leben hatte. Wir besuchten sie, so oft wir konnten, wobei auch mein Krankenhausaufenthalt in dieselbe Zeit fiel. Als ich Mitte Dezember entlassen wurde, erzählte ich meiner Mutter, wie Gott mein Leben inzwischen völlig erneuert hatte und dass ich jetzt nur noch Ihm treu dienen wolle. Meine Mutter war sehr glücklich und dankbar darüber, dass sie meine Umkehr zum HErrn noch erleben durfte und war sichtbar gut gelaunt. Sie erzählte mir, dass sie einen besonderen Wunsch habe, nämlich dass ich ihr ein bestimmtes Bild malen solle, dass sie gegenüber ihres Bettes hinhängen wolle, um stets darauf zu schauen. Und zwar hatte sie aus einem christlichen Kinderbuch namens „Nicht wie bei Räubers“ von Ursula Marc so ein Bild gesehen, wo am Ende der Räuberjunge auf dem Schoß des Königs sitzen darf. Meine Mutter verband dieses Bild mit ihrer eigenen Situation, dass sie schon bald am Ziel ihres Lebens ankommen würde und sich nichts sehnlicher wünschte, als einmal auf Gottes Schoß zu sitzen. Selbstverständlich erfüllte ich meiner Mutter diesen Wunsch, zumal es ja auch in Offb.3:21 solch eine ähnlich formulierte Verheißung gab.

Kurz vor Weihnachten legten die Ärzte meiner Mutter nah, dass sie wohl nicht mehr weiter behandelt werden könne und man sie deshalb auf die Palliativstation versetzen würde, wo es nur noch um eine möglichst angenehme Sterbebegleitung ginge. Meine Mutter hatte sich längst damit abgefunden, dass sie das Krankenhaus nicht mehr lebend verlassen würde, hatte aber noch einen letzten großen Wunsch: und zwar wollte sie ihren Tod bewusst mitfeiern und zu diesem Zweck noch ein letztes Mal an einem Abschiedsgottesdienst in ihrer Gemeinde teilnehmen, wo man ihr zuliebe ein fröhliches Fest zur Ehre Gottes feiern möge. Denn der Tod eines Kindes Gottes sei doch schließlich nichts Schlimmes, sondern ein Grund zum Feiern, weil man endlich heimgehen dürfe. Und so organisierte unser Pastor auf die Schnelle einen Abendgottesdienst, wo jeder, der von uns wollte, etwas vortragen konnte, um meine Mutter in guter Erinnerung zu behalten. Kurz nach Weihnachten fand dann diese Feier statt mit meiner Mutter als Ehrengast. Ich nutzte die Gelegenheit, um der Gemeinde ein Zeugnis zu geben, was der HErr auch in meinem Leben getan hatte und dass meine Mutter bis zuletzt immer für mich gebetet hatte, dass ich doch wieder zu Gott zurückkehren möge. Auch mein Bruder Patrick erzählte einige lustige Anekdoten aus unserer Familie und alle lachten. Auch sangen wir die Lieblingslieder meiner Mutter wie „Geh unter der Gnade“, und zum Schluss verabschiedete sich jeder aus der Gemeinde unter Tränen persönlich von meiner Mutter, die auch jeden noch mal umarmte. Was für eine Verabschiedung!

Meine Mutter hatte anlässlich ihres Todes schon alles vorbereitet. Sogar die Traueranzeige, die wir in die Zeitung setzen sollten, war mit einer evangelistischen Botschaft und ihrem Namen sollte noch ergänzend das Wort „lebt!“ hinzugefügt werden, also „Renate Poppe lebt!“ Denn der HErr Jesus hatte ja verheißen: „Wer an Mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist“ (Joh.11:25). Auch hatte meine Mutter eine Patientenverfügung geschrieben, in welcher sie meinem Bruder Marco die Vollmacht erteilt hatte, alle sie betreffenden Entscheidungen zu treffen, da sie ihre Freundin Iris damit nicht zusätzlich belasten wollte. Doch eine ganz wichtige Sache war nun noch zu erledigen: meine Mutter musste sich noch mit all jenen Personen wieder versöhnen, mit denen sie ein zerrüttetes Verhältnis hatte, allen voran mit meinem Vater Georg, aber auch mit ihrer Schwiegertochter Manuela, der Frau von Patrick. Am 31.12. kam es dann tatsächlich zu einem versöhnlichen Gespräch mit meinen Eltern, das mein Bruder Patrick fotografierte.


Januar 2015

Die letzten Tage

Anfang Januar war meine Mutter noch immer gut gelaunt, wenn wir sie besuchten und flachste mit uns rum. Doch durch die starken Schmerzmittel war sie schon leicht benebelt (oder wie wir Bremer sagen: bedrabbelt). Marco ordnete deshalb an, dass man ihr nicht so viel Schmerzmittel geben möge, damit sie noch klar bei Verstande sein könne. Doch schon am nächsten Tag nahm er diese Anweisung wieder zurück, als sich herausstellte, dass es meiner Mutter deutlich schlechter ging und sie Schmerzen hatte. Kurz darauf bemerkte meine Schwester Anna, dass man meiner Mutter viel zu wenig zu trinken gab und forderte auch hier eine Änderung, doch die Stationsärztin erklärte ihr, dass die Darreichung von Wasser eine lebensverlängernde Maßnahme sei, die meine Mutter ausdrücklich abgelehnt hatte. Meine Mutter befände sich bereits im Sterbeprozess, weshalb man jetzt alle Versorgungsmaßnahmen herunterfahre. Tatsächlich waren die Beine meiner Mutter inzwischen stark angeschwollen, weil die Flüssigkeit nicht mehr richtig vom Gewebe aufgenommen wurde, und ihre Füße waren blau angelaufen aufgrund mangelnder Durchblutung. Auch brauchte meine Mutter schon etwas Hilfe, um auf Toilette zu gehen.

Am Samstag, den 10.Januar rief Iris morgens früh an, dass es jetzt schon bald soweit sei, da meine Mutter nicht mehr ansprechbar sei. Als ich das Zimmer betrat, sagte Iris: „Deine Mutter ist bereits zwischen Himmel und Erde“. Und in der Tat lag sie aufrecht im Bett, aber bewusstlos und mit offenem Mund wie eine Tote und gab keinen Mucks von sich. Ich wollte sie streicheln, doch in dem Moment, als ich sie berührte, erwachte sie und drehte mir ihren Kopf zu. Aber irgendwie war sie auf einmal völlig anders, denn sie lächelte nicht mehr. Es war richtig unheimlich, sie so zu sehen, denn meine Mutter lächelte sonst immer. Patrick kam und versuchte, sie aufzumuntern: „Nun mach mal nicht so ein ernstes Gesicht, Muddi, schließlich geht es gleich auf große Reise!“ – „Wieso – wo geht’s denn hin?“ fragte meine Mutter. „Der Bus kommt doch gleich und nimmt dich mit in den Himmel!“ – Meine Mutter reagierte irritiert: „Ich will das jetzt alles nicht mehr. Die sollen das wieder rückgängig machen; ich will jetzt doch wieder leben und nicht mehr sterben. Wenn ist das hier endlich zu Ende?“ Patrick ging mit mir vor die Tür und sagte: „Ich fahre jetzt zurück nach Vechta. Ich kann das nicht mit ansehen, wie sie sich jetzt verändert und möchte Muddi lieber so im Gedächtnis behalten wie sie bis jetzt war.“ In den drei folgenden Tagen baute meine Mutter immer schneller ab. Sie war so sehr abgemagert, dass man bei ihrem Anblick erschrak.

Am Mittwoch den 14.01. waren wir mittags alle beisammen im Aufenthaltsraum als uns Ruth rief: „Es ist so weit! Mutter stirbt jeden Moment!“ Wir liefen alle ins Zimmer und hörten, wie meine Mutter bei jedem Atemzug Wasser in der Lunge gurgelte. Ruth befeuchtete mit einem Wattestäbchen ihre Lippen und redete ihr sanft zu: „Muddi, gleich bist Du beim HErrn.“ Wir saßen um ihr Bett herum und schauten etwa 10 Minuten lang zu, wie meine Mutter langsam ein- und ausatmete. Dann wurde die Atmung immer schwächer und hörte schließlich ganz auf. Da sprach Marco ein Gebet und dankte Gott, dass nun alles vorbei war und unsere Mutter nun im Paradies sei. Dann stimmte ich ein Lied an, bei dem spontan alle mitsangen: „Wenn nach der Erden, Leid, Arbeit und Pein, ich in die gol’dnen Gassen zieh‘ ein, dann wird das Schau‘n meines Heilands allein Grund meiner Freude und Anbetung sein. Das wird allein Herrlichkeit sein, das wird allein Herrlichkeit sein, wenn frei von Weh ich Sein Angesicht seh‘, wenn frei von Weh ich Sein Angesicht seh‘.“ Keiner von uns weinte.

Als alle hinausgegangen waren, blieb ich mit dem Körper meiner Mutter allein zurück. Ich fasste ihre Hände an. Sie waren noch immer warm. Aber das Blut konnte nun nicht mehr fließen. Der Körper war jetzt nur noch eine seelenlose Hülle. Unser Leib kehrt zum Staub zurück, aber unsere Seele geht zu Gott. Jetzt würde es noch lange dauern, aber irgendwann würde ich sie wiedersehen, so wie auch David hoffte, seinen Sohn im Totenreich wiederzusehen (2.Sam. 12:23). Jetzt hatte meine Mutter es geschafft und durfte den HErrn Jesus sehen in Seiner Herrlichkeit. Vielleicht darf sie nun auch mal auf dem Schoß des HErrn sitzen, wie sie es sich gewünscht hatte. Ich würde sie vermissen, aber sie hat es jetzt definitiv besser. Wir feierten noch einen schönen Trauergottesdienst in der Gemeinde und trafen uns im Anschluss auf dem Friedhof in Huckelriede. Es war ein sonniger, aber eiskalter Tag. Überall lag eine dünne Schneeschicht und vier Männer mit Hüten trugen den Sarg. Dann ließen sie ihn ins Grab hinab und Pastor Marco hielt eine evangelistische Ansprache mit Gebet. Anschließend fuhren wir froh und voller Zuversicht nach Haus.